Wir stellen die Gutzkow Gesamtausgabe zur Zeit auf neue technische Beine. Es kann an einzelnen Stellen noch zu kleinen Problemen kommen.

Die neuen Serapionsbrüder. Erster Band#

Metadaten#

Herausgeber
  1. Kurt Jauslin
Fassung
2.5: Transfer von Text und Kommentar nach TEI
Letzte Bearbeitung
03.2022

Text#

Die neuen Serapionsbrüder.#

Roman in drei Bänden.#

Erster Band.#

1 Erstes Kapitel.#

Wie –? Was –? rief man von allen Seiten. Die Trottoirkrankheit –?

Eine neue Nervenkrankheit –? Unglaublich!

Erzählen Sie –! Berichten Sie!

Dieser lebhafte, unparlamentarisch geordnete Ausdruck der Neugier fand statt auf irgend einem Punkte der deutschen Landkarte, an einem norddeutschen Platze, dessen Namensursprung in’s graue Alterthum zurückgeht, wo die Menschen noch wie die Biber auf Pfählen hausten. Jetzt aber giebt es auch dort Steuern und herrliche Paläste genug, und eben scheint die Sonne gar traulich in eine Weinstube des neunzehnten Jahrhunderts. Sogar noch über das Jahrhundert hinaus erleuchtete Köpfe, andere freilich nach der Tagesmode immer nur zurück mit dem Affenursprung beschäftigt, Gelehrte, Beamte, gebildete Industrielle, begrüßten sich hier freundschaftlich 2 ohne Freundschaftszwang. Und das an jedem Morgen der alten Göttin des Mondes. Die Wände scheinen eher grau als grün zu sein. Letzteres sollten sie eigentlich. Aber die Cigarre entwickelt einen changirenden Farbstoff. Das Beste waren die vielen blankmessingnen Kleiderhaken, wo man nur hinsah. Da konnten sich die „Neuen Serapionsbrüder“, wie sich ganz gemüthliche, unverschworene, auf den Umsturz nicht einmal eines Weinglases ausgehende Menschen, in Erinnerung an den alten berühmten Erzähler E. T. A. Hoffmann, nannten, versammeln und keinen andern Zweck verfolgen, als mit jener Eile, welche in dieser Stadt selbst die Schnecke und das Aï, das Faulthier, gehabt haben würden, wenn diese Bewohner der Gärten oder der Aquarien moralischer Impulse fähig sein könnten, flüchtig ein Frühstück zu verzehren, es mit einem halben oder ganzen Schoppen eines höchst zahmen „Mosel“ hinunterzuspülen und nach kurzer Plauderei wieder in den „Kampf um’s Dasein“ zurückzukehren, der bei allen Bewohnern dieser Stadt, sogar den Renten- und Kapitalbesitzern, immerdar ein harter und beinahe die ausschließliche Lebensaufgabe geworden schien.

Daß dann auch noch am Montag die verheiratheten Ehemänner die Sonne ihrer beglückten Häuslichkeit in den Wendekreis der Wäsche treten sahen, daß am 3 Montag keine Zeitungen erschienen, vermehrte, ohne den Ehefrauen oder den Zeitungen zu nahe treten zu wollen, den Reiz dieser Zusammenkünfte nicht wenig.

In der That, Sanitätsrath Eltester hat gestern einen Vortrag über eine neue Krankheit gehalten, die Trottoirkrankheit – wiederholte ein auch in diesen Kreisen unvermeidlicher Commerzienrath.

Dem nun folgenden Fragestellen, dem Versichern eines belesenen Assessors, daß auch ihm ein ärztlicher Freund von einem gestrigen Vortrage Eltesters, den dieser im „Aerztlichen Verein“ gehalten hätte, im Vorüberfluge gesprochen (Alles hat hier Flügel, selbst die Freundschaft, woraus man nicht schließen darf, daß sie immer zu helfen bereit ist), beugte das in diesem Augenblicke erfolgende Eintreten des „Wolfes in der Fabel“ vor. Der kleine scharfblickende Sanitätsrath mit der stets lächelnden, das Sterbenmüssen versüßenden Miene kam nur auf wenig Augenblicke. Sein mit der neuesten medicinischen Journalistik zum Lesezimmer eingerichtetes elegantes Coupé ließ er vorm Hause halten, den Kutscher sich einer Lectüre über die eingemauerte Nonne von Krakau ergeben und erfreute sich der ein für allemal schon getroffenen Abkürzung an den Sitzungen der „Neuen Serapionsbrüder“, daß die Bedienung schon wußte, wie mäßig seine Bedürfnisse waren und über 4 Kaviar und einige Scheiben Lachs nicht hinausgingen. Um vom „Kutscher“ zu reden, der Glaube an den „Mosel“ des Wirths schien ansteckend. Auch für ihn wirkte der milde Trarbacher seiner Meinung nach medicinisch wie Aepfelwein. Die Stadt, wo wir uns so gemüthlich postirt haben, gilt für destructiv und sie ist es auch. Aber zu gleicher Zeit steht sie im Nachbeten am Fuß des Sinai. Moses kann herunterbringen, was er will; es wird geglaubt und befolgt.

Die Trottoirkrankheit! Sanitätsrath! Was ist es damit? begann Baurath Omma, ein Friese, den die neuesten politischen Veränderungen hierher verpflanzt hatten. Seine im Bau begriffenen Ideen inspicirte er nur zur hohen Mittagsstunde, wenn die strikesüchtigen Arbeiter im tiefen Schlummer lagen und ihre rebellischen Geister mit ihnen.

Lassen Sie ihn nur erst sich stärken! sagte ein berühmter Antragssteller, Stadtrath Pfifferling. Es wird von unseren Granittrottoiren die Rede sein, von der Nachsicht unserer Baupolizei, die da erlaubt, daß so viele Hausbesitzer eine Ewigkeit brauchen, bis sie sich entschließen, auch an ihren Gärten, Zimmer-, Holz- und Steinplätzen entlang nicht blos zu pflastern, sondern auch Trottoirs von Granitplatten zu legen und Menschenleben –

5 St! St! hieß es allgemein. Aber der Sanitätsrath hatte seine Stärkungsmittel noch vor sich und sah nur auf das Ende des langen mit grünem Wachstuch überzogenen Tisches und sprach: Hm! Die Zeitungen erscheinen ja heute nicht! Morgen wird der Bericht über die Trottoirkrankheit überall zu lesen sein! Wir reden und studiren und leben ja nur für die Presse –

Für die Oeffentlichkeit! verbesserten von einigen Seiten die Optimisten.

Meine Herren! begann der Sanitätsrath in aller Ruhe und mit seinem berühmten todtversüßenden sardonischen Lächeln. Ich habe einen Vortrag über Nervenleiden gehalten und dabei als Nachtrag zu unserm seligen Romberg bemerkt, daß jetzt das Leben in großen Städten gewisse Formen der Nervosität mit sich bringt, die man früher nicht gekannt hat. Wie die Börse Einfluß auf Nerven hat – nun das wissen Sie ja Alle!

Wie mit unbewußter Reflexbewegung zogen einige der Anwesenden die Uhr. Noch war die Börsenstunde in nicht zu naher Sicht. Der einzige Sohn Israels, der in dem Kreise nicht fehlte, Bankier Ascher Ascherson, behauptete, die Börse nur als Psycholog zu besuchen.

Die Vapeurs der Damen, fuhr der vielbegehrte Arzt fort, sind abgekommen! Das weibliche Geschlecht hat jetzt angefangen, sich weit mehr zu tummeln als 6 sonst, mehr dem Hause zu leben, zu reiten, in die Bäder zu gehen, Wein und Bier zu trinken! Ich höre da einige stille Seufzer – unterbrach sich der Sprecher mit trockenem, aber zündendem Humor und trank.

Man lachte . . .

Dem Idole der Frau von heute, dem Luxus und der Toilette, fuhr der gründliche Kenner so vieler Familien fort, kann die Tochter Eva’s nicht leben, wenn sie wie im vorigen Jahrhundert ewig seufzend und klagend in einer Sophaecke liegen wollte.

Manche verbinden doch noch Beides! bemerkte kleinlaut eine Stimme in der Gesellschaft zu allgemeiner Heiterkeit. Es war das dünne Stimmchen eines sich freiwillig meldenden Ehemärtyrers.

Aber wir sprechen zunächst von den Männern! fuhr der Sanitätsrath fort. Die Veränderung z. B. der Weinsorten, die man trinkt, hat ja auf die Abnahme des Podagra eingewirkt, das nur noch auf der Bühne existirt! Auf der andern Seite hat das Uebermaß an Kohlensäure, das man jetzt zu sich zu nehmen pflegt – die Unterbrechung: Champagner! und die Correctur: Sodawasser! verstanden sich von selbst – ich sage, dies Uebermaß, dazu dann die Cigarre haben wieder andere Krankheiten erzeugt. Bei uns hier – zu Lande kann man ja sagen, da wir bald eine Provinz bilden werden – haben wir 7 jetzt eine Krankheit, die von der unseligen Einrichtung unsrer Trottoirs herrührt! Wer diese Mode, vor den Häusern einen einzigen schmalen Streifen von vier Fuß Breite zur Passage zu bestimmen, eingeführt hat, zuletzt sogar polizeilich befahl, daß diese Steine gelegt werden mußten, verdiente als einer der größten Uebelthäter – sagen wir der Kürze wegen, da er ja doch begnadigt wird – gehängt zu werden!

Sie scherzen! rief man allgemein und sah auf einen jungen Mann, einen Händler mit Holz und solchen Steinen, wie sie genannt wurden, einen Herrn Canzianus.

In die Zweifel, in die Spannung, die zu mannigfaltigem Ausdruck kamen, hinein rief plötzlich eine aus vollster Brust ertönende sonore Baßstimme die nicht im mindesten ironisch, sondern ernst klingenden Worte: Ich selbst hänge den Kerl! Leider ist er längst todt!

Alles blickte auf den Sprecher. Es war ein vielgenannter Bildhauer. Seine stattliche Gestalt war überall bekannt. Jetzt konnte man diese kaum erkennen, da er wie gewöhnlich im „Montag“ zusammengekauert saß, den Kopf auf sein Weinglas gerichtet. Lang fluthete vom Haupte sein Haar. Es war schon silbergrau, wie vom Marmorstaub seines Ateliers bedeckt. Sein braunes Auge funkelte unter noch schwarzen Brauen. Die große 8 gewaltige rechte Hand, die mit Schwielen bedeckt war, lag auf dem Wachstuch des Tisches lang ausgestreckt.

Aber Althing! Althing! hieß es allgemein oder, wenn man mit dem meist schweigsam, nur aufhorchenden Manne nicht auf dem Fuß erlaubter Vertraulichkeit stand, „Herr Professor Althing!“

Der Herr Sanitätsrath hat das Wort! entgegnete der Bildhauer und deutete an, daß er das, was er selbst über diesen Gegenstand zu sagen haben würde, vorläufig in sich verschließen wollte.

Meines Bleibens wird heute nicht lange sein können, nahm Eltester wieder das Wort, nach der Uhr sehend, ich will mich kurz fassen. Sie kennen die Geschichte von Kants gestörter Sammlung, als dem großen Denker am Rock eines seiner Zuhörer ein Knopf fehlte. Er hatte sich gewöhnt, auf diesen während seines Vortrags zu blicken. Nicht minder bekannt wird Ihnen die Macht des Blickes überhaupt sein. Ein nervenschwaches weibliches Wesen vermag die durchbohrende Gewalt eines so zu sagen concentrirten Blicks nicht lange auszuhalten. Sie alle, als Ihrer Kraft bewußte Männer, werden darüber lachen, wenn Jemand behaupten wollte, es könnte Sie irgend ein scharfes Fixiren Ihrer Person irgendwo im Salon in eine Erregung, Verlegenheit, sichtliche Unruhe versetzen. Und wenn es geschähe, würden Sie 9 aufstehen, würden sich, dessen ganz unbewußt, etwas zu schaffen machen, nur um die magische Störung abzulenken. Das Auge ist beim Menschen thätiger als das Ohr! sagten schon die Alten. An Mimer’s Quell trank man Weisheit, mußte aber, wie Odin, Ein Auge zurücklassen! Nun, meine Herren, denken Sie sich eine Bevölkerung von nahe einer Million auf schmalstem Gangboden aneinander vorüberschreitender Menschen, Einer berührt den Andern. Zuweilen muß man warten, bis sich die langsam Gehenden verzogen haben! Auf die gepflasterte Fläche nebenan zu treten, liegt schon nicht mehr in der Uebung des Fußes, ja es hat sich eine gewisse Kunstfertigkeit ausgebildet, in Schlangenwindungen aneinander vorüber zu schlüpfen.

Alles blickte zu dem Bildhauer hinüber, der die Rede immerfort mit einem grellen Lachen, womit Bestätigung ausgedrückt werden sollte, begleitete.

Nun, fuhr Doctor Eltester fort, nun nehmen Sie die unerträgliche Neugier unserer Bevölkerung hinzu –

Wißbegier! verbesserten die Optimisten.

Auf diesem schmalen Trottoir, fuhr der Sprecher fort, sind alle Stände gemischt! Der in’s Bureau mit krampfhaft hochgezogenen Schultern eilende Geheimrath, die auf den Markt zusteuernde Köchin, deren umfangreicher Handkorb durch die zunehmende Höflichkeit 10 unserer Generation nicht im Mindesten eine Bewegung macht, anderer Leute Rippen zu schonen; der Arbeiter mit seinen eisernen spitzen Werkzeugen; die Maurer im Schurzfell, oft ihrer vier, ja sechs Mann hoch, Abends in „seliger“ Armverschränkung, Alles behauptet diesen schmalen Steg und die cupiditas rerum novarum, wie ich’s mit Cäsar nennen will, glotzt und starrt und stiert sich im Gehen an, und wer nicht gradezu stumpfsinnig ist, hat von jeder Miene irgend einen Eindruck, ein wenn auch noch so flüchtiges Interesse, einen Embryo von einem Gedanken. Jede Miene läßt ein Bild in unsrer Seele zurück. Die tausendfachen Lebensziele, denen Alles nachrennt, beirren uns in der Verfolgung unsres eignen, ja es geschieht wohl, daß gedankenlose lässige Naturen diese unausgesetzt wechselnden Eindrücke so stark auf sich wirken lassen, daß ihre Nerven darunter leiden, ihr ganzes Wesen überspannt wird. Statt durch diesen Wechsel, dies Ansehen und tausendfache Angesehenwerden, sich zu zerstreuen, überreizen sie sich. Und trägt nun gar Jemand irgend eine Bürde in seiner Seele, ein Familienleid, einen Irrthum, den er begangen, die Reue mit sich über falsche Schritte, die er gethan, oder sonst eine innere Reizbarkeit, so kann, wie schon ohnehin das Leben in großen Städten und die dichtgedrängten Bevölkerungen die Körperkräfte in Anspruch nehmen, dieser 11 einzige schmale Trottoirsteg durch ein Labyrinth, diese enge Gasse durch ein Bildermuseum die Nerven entweder unendlich abspannen oder überreizen. Ich habe einer Anzahl Damen meiner Praxis rathen müssen, sich eines Wagens zu bedienen, wenn sie Ausgänge zu machen haben. Andern, besonders Gelehrten und Börsenmännern, habe ich befohlen, nur Straßen zu passiren, wo sie ständig in der Mitte der Straße bleiben können. Meine Herren, Rückenmarks- und Gehirnirritation ist heutigen Tages kein leeres Wort!

Sie vergessen Eines, Sanitätsrath! ergänzte der erregte Künstler den mit lautlosem Staunen aufgenommenen Vortrag. Wenn man dann der Menge noch erscheint sozusagen wie ein bunter Hund! Wenn sie uns vielleicht auslacht, weil wir nicht Thorwaldsen heißen! Wenn sie uns angrinzt, weil ein Schulpedant ihnen gesagt hat, wir seien keine Schiller! Weil ein Kritiker über unsre Arbeit eine Pfeffersauce gegossen! Dann diese Mienen, dann diese dreisten, hochmüthigen: Wie geht’s Ihnen? Die Blicke von Augen, die alle Zeitungen lesen, die Alles wissen, Zungen, die Alles verbreiten –

Halt! Halt! unterbrach der wohlmeinende Arzt. Da hör’ und seh’ ich schon vollständige Trottoirkrankheit! Bester Herr Althing – Professor wollen Sie ja nicht 12 genannt werden. Sie wohnen im großen Park draußen und laufen täglich eine halbe Meile in die neue Kirche, die Sie mit ihren wunderschönen Basreliefs schmücken helfen! Kein Mensch denkt wahrhaftig an Ihren, wie Sie vielleicht glauben, verkannten Genius, an Ihren durch einen Zeitungsartikel geschmälerten Ruhm, aber Sie bilden sich’s ein, weil Ihnen auf dieser Promenade Tausende von Menschen in’s Gesicht gaffen müssen und das mit ganzer Schärfe thun. Nun erscheinen Ihnen die unschuldigsten Gesichter Fratzen! Und das Peinlichste ist Ihnen weit eher die gräuliche Gleichgiltigkeit für Ihr Wirken und Schaffen, als die Vorstellung, man wüßte noch etwas von dem witzhaschenden Feuilleton, das vielleicht eine Ihrer Arbeiten schlechten Einfällen opferte!

Der Sanitätsrath empfahl sich immer mitten in seiner Rede. Bald hörte man seinen Wagen abrollen. Die übrigen Genossen der Tischrunde bemühten sich, dem Bildhauer das Schönste über seine Leistungen zu sagen. Aber der Künstler hörte aus Allem nur einen Ton des Mitleids heraus. Wußten doch auch Alle, daß der vortreffliche Meister seine Laufbahn mit einem großen Unglück begonnen hatte. Er hatte eine Gruppe: „Amor und Psyche“ zur Ausstellung schicken wollen. Sie war noch im Thon, kaum getrocknet. Die ungeschickten Arbeiter ließen die Masse von dem Brett, auf dem sie 13 die allbewunderte Arbeit eines jungen Künstlers trugen, im Eingang des Ausstellungsgebäudes niedergleiten! Der nachfolgende Schöpfer stand vor einem Haufen Lehm. Seit dieser Zeit war ein krankhafter Zug in den trefflichen Mann gekommen. Später verheirathet, Familienvater, kämpfte er vielleicht mit Sorgen. Althing wurde in dem Montagskreise, so selten er kam, niemals übersehen. Seine Einsilbigkeit schien immer nur die Vorbereitung zu den zündendsten Gedanken, die zuweilen über seine Lippen polterten.

Während sich die Gesellschaft allmälig zerstreute, hatte sich Althing seiner Wohnung zugewendet und befolgte dabei heute gleich das vom Sanitätsrath empfohlene System der Isolirung. Er hielt sich an die Mitte der Straßen, obschon Wagenhindernisse, Schmutz und Geschrei auch hier dem Hypochonder genug entgegentraten.

Plötzlich wurde ihm an einem ziemlich frei und still gelegenen Platze von einem jungen Mann unter den Arm gegriffen, der ihn mit frischgerötheter Wange und treuherzigem Lachen in’s Antlitz sehend anredete: Guten Morgen, Papa! Wie geht’s? Warst wohl heute in Deinem Montag?

Ottomar –? Nicht im Gericht? Nicht bei Luzius? erwiderte der im Anschauen seines stattlichen Sohnes glückliche Vater.

14 Geschäfte überall –! antwortete Ottomar Althing, der junge Rechtskundige, der noch bei einem Advocaten arbeitete, des Bildhauers einziger Sohn, eine schlanke, einnehmende Erscheinung. Helene hieß des Künstlers einzige Tochter. Der Sohn wohnte nicht mehr bei den Eltern.

Was treiben nur Deine Serapionsbrüder eigentlich? fragte Ottomar mit heller, fester Stimme. Jeder trägt wohl eine Anekdote vor? Nicht wahr? Hast Du auch etwas erzählt? Aus Italien? Das Ganze ist à la Tieck oder E. T. A. Hoffmann? Oder habt Ihr andere Zwecke?

Tieck oder Hoffmann! Das ist für unsere Zeit vorbei! brummte der Alte. Schon eine Wohlthat, daß man nur überhaupt einmal unter Männern sitzen kann, die nicht ewig vom Reichstag, von Wahlen, Parteien, vom Hof, den kaiserlichen Reisen, den Paraden und den Theaterprinzessinnen erzählen. Bei Tieck, fuhr er im Gehen fort, während sich der Sohn traulich anschloß, hießen die Leute, die sich Geschichten vorlasen und dann ästhetisch besprachen, Eduard, Heinrich, Wilhelm, und ebenso bei Hoffmann. Hoffmann dachte an einen Mönch Serapion, der ein wunderlicher Bruder gewesen sein soll. Man versammelte sich auch nur Abends. Ich sehe noch 15 ein Mitglied dieser „Närrischen Leute“, einen Criminal-Director – als Eduard figurirte er in jenem Kreise! Der Mann schlenderte, die Arme auf dem Rücken, durch unsere Straßen, stand an jedem Schaufenster, das ihm auffiel, still und wäre jetzt als Bummler verrufen und ein Spott der Straßenjungen geworden. Damals wuchs Gras in unseren Straßen.

Man hatte keine Trottoirs –! fiel Ottomar bedeutungsvoll, wie von einem hohen Fortschritt des Jahrhunderts sprechend, ein.

Der Vater lächelte still und schwieg. Wozu Alles widerlegen! hieß ein Satz seiner Philosophie.

Inzwischen hatte der Sohn den Alten über einige Trümmerhaufen niedergerissener Häuser geführt. Man sah in neuprojectirte Straßen, stand unter alten, nun aufgehobenen Existenzen, hier neben einem blosgelegten Apfelbaum, der seither nur in einem Hinterhofe geblüht hatte, dort sah man noch die blautapezierte Stube eines Kutschers bei einem Grafen, dessen Palais der Erde gleichgemacht war.

Warum bist du gestern nicht zu Tisch gekommen? unterbrach sich bei diesen Betrachtungen der Alte. Den Sonntag bleibt ein Sohn seinen Eltern schuldig! Kinder, die Sonntags ihre alten Eltern vergessen –

16 Nun, nun, nun, nun –! unterbrach des Sohnes ruhige Rede das Poltern des Alten. Man hatte hier das eigenthümlich moderne Verhältniß: Zwei Generationen, die ihre Plätze wechselten. Die jüngere ist die ruhigere, die ältere die aufgeregtere. Der Sohn, nicht etwa phlegmatisch, im Gegentheil, eine strebsame, fleißige, weitblickende Natur, hatte den Krieg mitgemacht, trug ein Ehrenzeichen und war Offizier der Reserve. Der Vater dagegen war beinahe Phantast, zuweilen ganz unklar, doch blieb er liebenswürdig für den, der sich in den Grund seines Wesens vertiefen konnte; er war ein offnes Buch dem Sohne, seiner lieblichen Tochter, seiner edlen Gattin, ein Buch, in dem sie das Herrlichste und Beste lasen, während der Künstler gegen diesen Inhalt seines Herzens zuweilen protestirte, sich vielmehr aller Leidenschaften anklagte und eine wahre Hölle im Busen zu tragen behauptete. Seine drei Lebensgenossen lachten dann herzlich und noch immer war das Schicksal so hold und freundlich gewesen, daß alle ihre guten Voraussetzungen vom Leben und dem guten Willen der Menschen wahrgemacht wurden.

In einiger Entfernung lag ein alterthümlicher Palast. Siehe da! sagte der Sohn. In dem Palast da dinirte ich gestern! Graf Treuenfels, mein alter Studiengenosse, hielt mich fest den ganzen Tag! Den Abend war ich 17 bei meinem Principal wieder einmal zum Thee und Tanz. Es hat bis vier gedauert! Man setzt einen wahren Wetteifer darein, daß der eine Ball um soviel Minuten länger dauert als der andre!

Der Vater blickte nach dem bezeichneten Palais. Es hatte eine Aufgangstreppe. Am Fuße derselben stand in diesem Augenblick eine Art Stallmeister und ein Reitknecht, jener zu Pferde, dieser das seinige und ein mit Damensattel versehenes am Zügel haltend. Es war ein einziger Zaubermoment, daß die drei Rosse an’s Portal sprengten, eine junge Dame wie ein Zephyrhauch aus dem Hause schwebte und mit einem Satze auf die vom Reitknecht hingehaltene nervigte Hand sprang und sich quer in den Sattel warf, ihr langes hellgraues Reitkleid ordnend, den kleinen Cylinder fester auf die dunkeln Flechten drückend, das ganze Wesen Elastizität und Leben. Kein Stuhl, keine Umständlichkeit. Der Reitknecht genügte mit seinen angezogenen Armmuskeln.

Das ist ja beinahe plastisch! sagte der Vater. Wer ist die Dame?

Ottomar hörte nicht die Frage des Vaters, der mit Künstleraugen die schön modellirte Gestalt in sich aufnahm. In der energischen Situation, die Wangen geröthet von der Lust, das Feuer des glänzend schwarzen Arabers zu zügeln, hatten an der Dame die weichen 18 Formen des Kopfes und des Oberkörpers Nichts von ihrer reizenden Weiblichkeit verloren.

In leichtem Trabe flog die jugendliche Amazone an den Herren vorüber. Ein plötzliches Aufleuchten der Züge Ottomars, ein warmer Blick des Erkennens aus dunkeln, strahlenden Augen streifte den jungen Mann. Ein graziöses Neigen des schönen Kopfes erwiderte seinen ergebenen Gruß.

Erröthet, gefesselt verfolgte er das Wehen des Schleiers, bis die Erscheinung in der Ferne verschwand.

Der Vater erfuhr endlich, daß er Ada von Forbeck gesehen hatte, die Verlobte des jungen Grafen Udo Treuenfels. Wahrscheinlich hätte sie der alten Gräfin, die vor einiger Zeit Wittwe geworden, einen Besuch gemacht.

Das Debetur puero reverentia („vor Kindern soll man nichts Ungeziemendes sagen oder thun“) traf hier vollkommen ein. Auch der Bildhauer war erröthet, als er die Anmuth und den holdseligen Gruß beobachtete, der hier geboten wurde. Aber er war gefangen genug, zu sagen: Den Reitknecht möchte man beneiden!

Graf Treuenfels ist in Trauer! Wie konntest Du so lange bei ihm bleiben? fuhr er dann im Weiterwandeln zu dem ganz zerstreut und schweigsam gewordenen 19 Sohne fort. Dein unheimlicher Justizrath preßt Euch ja wie die Citrone Sonntags und Werktags aus.

Unheimlich? fuhr endlich der Sohn, den Vater unterbrechend, auf. Das könnte er doch nur durch die Brille erscheinen, die er trägt!

Oder durch meine! lachte der Vater. Er trug jedoch keine.

Luzius läßt uns, wenn wir es wünschen, jede Freiheit! entgegnete der Sohn. Ich bin sogar im Begriff, eben wieder zum Grafen zu gehen! Die Tante des Grafen, wie Du vielleicht weißt, eine geborne Prinzessin Rauden, will ihrem Gatten ein prachtvolles Denkmal setzen lassen. Es versteht sich von selbst, daß man die Bestellung nur bei Dir machen wird.

Da stand plötzlich der Vater still, sah sich um, ob Niemand Zeuge seines Unwillens war, und rief aus: Ottomar! Unterstehst Du Dich, mir solche Dinge –

Die Rede wurde gar nicht vollendet. Des alten Künstlers graue lange Locken schüttelten sich auf den Schultern. Sich anbetteln! rief er nach einer Weile aus. Zufällige Bekanntschaften ausnutzen! Pfui! pfui! Das ist nie meine Sache gewesen!

Papa, das wird Alles mit Anstand und Takt gemacht –! beschwichtigte der Sohn, sich nicht minder der Zeugen wegen besorgt umblickend.

20 Soll ich’s machen, wie meine Collegen? Antichambriren bei den Großen? Lauern, bis der Moment zum Portrait reif ist? Diese Sorte von Künstlern habe ich schon in Italien satt gehabt. Und wenn sie, wie Pompeo Marchese, vor Hochmuth über all’ ihre Ordenssterne mit der Nase an die wirklichen Sterne stießen! Freilich, die Modelieferanten schicken ja auch für jede Hochzeit, die sie nur von ferne wittern, schon ihre Preiscourante für die Ausstattung. So soll man sich jetzt rühren, um durchzukommen!

Und die Trauermagazine schicken die schönste Auswahl von Crèpe de deuil bei Sterbefällen! parodirte Ottomar und der Vater griff, sich stellend, als wenn er den Stock suchte, den er doch schon in der Hand hatte, um sich. Ein großer überwinternder Kirschlorbeerbaum stand dicht neben ihm. Seine Blätter glänzten im hellen Mittagsstrahl. Er zog die Hand zurück, weil sie ihn empfindlich stachen.

Ottomar war schon lachend davongesprungen. Noch aus der Ferne rief er: Papa, am nächsten Montag! Aber das Monument bekommst Du! Und zehntausend Thaler!

21 Zweites Kapitel.#

Das gräflich Treuenfels’sche Palais, welchem Ottomar Althing, den schönen braungelockten Kopf stolz im Nacken wiegend, zuschritt, indem er dabei theils nur an die schöne Reiterin, theils an das sonderbare Beiwort für seinen trefflichen Principal, Justizrath Luzius, „unheim­lich“ dachte, zeigte die Spuren des vorigen Jahrhunderts. Darunter manche, die wieder angefangen haben, für schön zu gelten. Die Zeit bewegt sich in der Form der Spirallinie. Wir sind durchaus nicht sicher, daß wir wieder auf den Zopf zurückkommen.

Graf Wilhelm Treuenfels, der kinderlose steinreiche Majoratsherr, war vor einigen Monaten mit schreckhafter Plötzlichkeit gestorben. Seine Gemahlin, eine geborene Prinzessin Ingenheim-Rauden, trauerte um ihn mit Beweisen ihrer Liebe, die man noch in dem mächtigen Treppenhause an den Amoretten und wunderlichen Laternenhaltern angebracht sah. Um die rothplüschnen Schnüre, an denen man sich beim Beschreiten der Stufen 22 halten konnte, einer neuern Zuthat zu dem zopfig imposanten Eintritt, waren Flöre und schwarze Bänder gewunden. Der Portier trug die Abzeichen der Trauer am Hut und Bandelier. Der Diener, der soeben den jungen Referendar Ottomar Althing begleitete, um ihn beim Grafen Udo anzumelden, nicht minder auf der Achsel. Ueber einigen der hohen Thüren hingen Immortellenkränze.

Ist sie noch sehr traurik die Excellenza Madame, sagte der Diener im gebrochenen Deutsch.

Der zu Meldende wußte schon, daß sich sein ehemaliger Universitätsgenosse während des großen Krieges zur See befand. Graf Udo, Neffe des Grafen Wilhelm, wollte die Marinecarriere einschlagen. Aber das gelbe Fieber befiel ihn in Valparaiso. Sein Oheim untersagte dem Genesenen die Fortsetzung seiner gefahrvollen Lauf­bahn und veranlaßte, daß Graf Udo, der die Rückreise noch nicht wagen durfte, in Valparaiso als Consul blieb und somit in die diplomatische Carriere trat. Seitdem kam er an größere Plätze, war schon öfter wieder in Europa in der Residenz, und eben erst von Lissabon gekommen, wo er dem Gesandten als erster Attaché beigegeben war. Er hatte sich einen Franzosen, ein Factotum der Legation, der seit Jahren in ausländischen Anschauungen leben mußte, einen Kosmopoliten ohne alle 23 Revanchegelüste, von den Ufern des Tajo mitgebracht, mit dem Versprechen, ihn nach Regelung der Hinterlassenschaft seines Oheims und nach dem Antritt des ihm zufallenden Majorats fast wie ein Staatsgut wieder zurückzubringen oder zurückzuschicken, falls er, wie seine Absicht war, die Staats-Carriere ganz aufgäbe.

Ist Baron Forbeck beim Grafen? fragte Ottomar.

Ottomar meinte den Bruder seiner reizenden Ama­zone, deren Gruß sich ihm wie ein Lichtbild auf die Tafel der Seele eingeprägt hatte.

Monsieur la Rose sprach bald portugiesisch, bald französisch, bald italienisch, bald etwas annectirtes Deutsch. Si! Si! hatte er gesagt und schon vernahm man ein lautes Peroriren, das dem sonstigen stillen Ton dieser Räume nicht entsprach. Die Frage beantwortete sich dadurch von selbst. Der Bruder Adas, Max von Forbeck, ein unangenehmer Gesell, war zugegen.

Der Franzose lobte die Lustigkeit des Barons und meinte: Es sein die gute Miene, die man muß maken zu der bösen Laune von Geschick –!

Durch ein großes, vorzugsweise durch eine mächtige in der Mitte auf einem Postament stehende Vase geschmücktes Zimmer hindurch kam man in die, früher ausschließlich vom Onkel, Grafen Wilhelm, bewohnt gewesenen Räume. Die Wittwe ließ Alles in thunlichster 24 Weise ganz in demselben Zustande, wie ihr heißgeliebter Gatte es so viele Jahre hindurch bewohnt hatte. Neben seinem geräumigen Arbeitszimmer befand sich das Cabinet, wo ihn, den rüstigen, in den ersten Sechszigen befindlichen Mann, der sogar jünger als seine Gattin war, der Tod ereilt hatte. Die Dimensionen, in denen hier Alles gehalten war, ließen an Ausdehnung Nichts zu wünschen übrig. Die Herbstsonne schien durch die schweren Fenstergardinen auf weichwollene Teppiche, die in den lebhaftesten Farben schimmerten.

Als Ottomar gemeldet und eingetreten war, begrüßte ihn Graf Udo ebenso in Gegenwart eines Dritten, wie gestern, als sie allein gewesen. Daran erkennt man die Menschen, wie sie es wahrhaft mit uns meinen. Im Kreise Anderer sich als dieselben wohlwollenden, gütigen Freunde zeigen, wie unter vier Augen, das ist die Probe der Aechtheit.

Mit zugekniffenen Augen und süßsaurer Freundlichkeit grüßte Baron von Forbeck. Auch er fing an, sich herablassend und im Junkerton der Studienzeit zu er­innern. Ottomar gab zu, daß sich Beide, wenn sie auch in verschiedenen Corps standen, ein Semester hindurch als Commilitonen hätten betrachten können. Ohne sich im Mindesten durch den Besuch stören zu lassen, setzte der in den Offizierstand Uebergegangene, der den Krieg 25 mitgemacht und dann plötzlich quittirt hatte (Andere sagten, quittiren mußte), Cigarrenwolken entsendend (Graf Udo bot dem Eingetretenen, nach gegenseitiger Vorstellung der sich seither Entfremdeten, die offene Kiste dar und schien wohl der Tante wegen erfreut, als Ottomar ablehnte und nicht rauchte, wie er selbst), Forbeck setzte, sagen wir, seinen Vortrag fort, der den Reminiscenzen an den Krieg galt: Nun, Sie haben ja auch die Campagne mitgemacht! sprach er zu Ottomar. Ich erzähle von unsern Champagnerjagden! Die auf einer Rothschild’schen Villa war geradezu famos! Wir wußten, daß, wenn im Keller Nichts zu finden war, irgendwo anders der Stoff gelagert sein mußte. Transport per Eisenbahn – da sagte ja überall die militärische Bahnverwaltung der Franzosen: Ist nicht! Na, Patrouillen ausgeschickt und nun Schnee oder Erde oder Moos untersucht, wo Verdacht! Richtig! In einer Einsiedelei, einem Ding, in das kein Mensch hineingekrochen wäre, weil Alles mit Fichten umstanden war und sozusagen geradezu gräulich aussah – auch wohl Franktireurs und offenbare Meuchelmörder drin verborgen sein konnten – kurz, unsere Jungens kriegten die Geschichte bald weg; die Kohlen über’m Boden fielen gleich auf und da hatten wir dann den klaren Epernay. Was nicht genossen wurde, zerschlugen die Bursche und so überall – leider war das Vergnügen 26 immer nur kurz. Es kam Alarm – wir mußten auf Posten.

Graf Udo, im schwarzen Trauerkleide vom Kopf bis zu den Füßen, ernst und sinnend, schlank wie Ottomar, aber hochblond und mit gelocktem Haar, machte eine düstere Miene.

Ottomar lächelte gezwungen und meinte: Die Germanen sind leider so! Für manche unserer Mitcombattanten hatte sich der Feldzug in eine großartige Verpflegungsfrage verwandelt! Die Lebensmittelanschaffung trat durch die allgemeine menschliche Natur immer in den Vordergrund!

Graf Udo sagte ernst: Wie schwungvoll muß der Geist der Mehrheit und der Führer in diesem Kriege gewesen sein, wenn die heilige Sache unter diesem Rückfall in unser altes germanisches Landsknechtwesen nicht gelitten hat –!

Na natürlich! war die platteste Zustimmung, wie man sie von Baron von Forbeck nur erwarten konnte.

Jetzt erst entdeckte Ottomar, daß auf einem Tische in einer Ecke eine Flasche Wein mit zwei Gläsern stand. Das eine Glas war voll und schien nicht angerührt. Das andere hatte dagegen unfehlbar die Absicht, den ganzen Inhalt der Flasche aufzunehmen. Doch der Franzose brachte schnell ein drittes Glas und wollte dies 27 für Monsieur Althing füllen, woran ihn jedoch dieser verhinderte.

Graf Udo schien in trüber Stimmung. Er runzelte die Stirn und sagte: Sie erinnern mich an mein Unglück, daß ich an dem herrlichen Kriege nicht habe theilnehmen können. Ich war gerade in der Südsee und wurde zum zweiten Male krank –! Meine Krankheit brachte mich immer tiefer in die Diplomatie. Wo ich Reconvaleszent sein mußte, sorgte mein guter Oheim dafür, daß ich es als Generalconsul war! Schade, die Erbschaft bringt mich wieder aus der Carriere heraus. Auch hält Ada alle Diplomaten für geborene Heuchler. Da werde ich diesen Weg aufgeben müssen und meinen Dank dem Staate leider nicht abtragen können.

Ada war des Grafen durch besondere Umstände testamentarisch verfügte Braut.

Graf Udo ging hin und her. Sein Aeußeres stellte eine von der Natur bevorzugte Persönlichkeit dar. Er glich dem zürnenden Sonnengott in jener Nische des römischen Belvedere, vor dem wir Alle mit der Frage gestanden haben: Was will der ernste Blick des so mächtig ausschreitenden Gottes sagen? Der röthlichblonde üppige Bart und das kurze helllockige Haar (Farbe des Bartes und des Haupthaares widersprachen sich) paßte freilich nicht zu dem antiken Bilde. Aber ein 28 eigenthümlich weicher Zug lag über den Augen. Eine kleine Hiebwunde aus akademischer Zeit (ihm beigebracht von – Ottomar Althing!) wurde an der freien offenen Stirn kaum bemerkt. Ein Hausfreund, Hofmaler Triesel, jener berühmte Künstler, der ganz so, wie ihn Althing gegeißelt, die Porträtirungsgelüste der hohen Herrschaften gleichsam abfing, ein Gourmand, der sich von Gastmahl zu Gastmahl zu laden wußte, sagte von diesem kleinen rothen Streifen einmal zur alten Gräfin, die auch den Grafen, ihren Neven, abgöttisch verehrte: Die Chinesen setzen allen ihren Kunstwerken absichtlich noch einen Fehler hinzu, als Zeichen, daß ihre großartigen Leistungen doch immer nur Menschenwerk seien! Der kluge Epicuräer (übrigens ein Hauptsprecher bei den neuen Serapionsbrüdern) schmeichelte der Dame, die an Bildern ihres Gatten einen Ueberfluß hatte und nun schon seit einigen Monaten von einer Statue und dem Mausoleum oder einem großen Grabdenkmal für die ganze Familie sprach. Bis zur Ankunft des Grafen Udo hatte das Alles vertagt bleiben sollen.

Die Gräfin war es denn auch, die eine Unterbrechung und Beendigung der lästigen Anwesenheit des Barons Forbeck herbeiführte, ein Erfolg, den sie durch ein leises Oeffnen einer hohen, mit Portièren verhängten Thür zu Stande brachte.

29 Die Tante hat eine Besprechung mit Herrn Althing! Nimm es nicht übel –! sagte Graf Udo, schenkte aber bei alledem seinem künftigen Schwager den Rest des Rüdesheimer ein.

Ich verhindere Nichts – wegen meiner – sagte der Baron, sein vom Wein geröthetes, gedunsenes Antlitz im Spiegel fixirend. Er schien andeuten zu wollen, daß Althing ja in die Zimmer der Excellenz, Gräfin oder Prinzessin Durchlaucht – die Anreden wechselten – eintreten könnte.

Die Besprechung muß hier stattfinden! unterbrach Graf Udo und blickte dabei im Zimmer um sich, und nun erst bemerkte Ottomar, daß ein großes Schreibbureau offen stand, daß Papiere, Briefschaften rings zerstreut lagen, einige Packete, wohlgeordnet, mit rothen oder grünen Seidenfäden zugeschnürt, Blechkapseln, Etuis. Forbeck mußte hier plötzlich eingetreten sein und den Grafen in einer Revision der Geheimnisse des Grafen Wilhelm überrascht haben. Gestern sah Graf Udo viel heiterer aus.

Na, dann auch gut! sagte Forbeck mit einem mißgünstigen Blick auf Ottomar, trank gewissermaßen gezwungen sein Glas mit einem Zuge aus und war mit einem Guten Morgen! verschwunden. Ein: Mama erwartet Dich jeden Abend sehnsuchtsvoll –! wurde noch 30 mit frivolem Ton unter der Thür zurückgeschleudert. Die Zunge lallte; der Graf begleitete den künftigen Schwager mit einigen Ausdrücken wiederholter Entschuldigung und bat, Grüße an die schöne Reiterin auszurichten.

Sie wissen vielleicht nicht, lieber Althing, begann der junge Graf zurückkehrend und den Angeredeten zum bequemen Sitzen auf den schwellenden Divan nöthigend, daß mich ein ganz eigenthümliches Schicksal an diesen – unter uns gesagt – unausstehlichen, erbärmlichen Menschen fesselt?

Ich erinnere mich nicht ganz, erwiderte Althing nach einigem Besinnen; wie sich denn dergleichen verwischt, wenn man nicht selbst daran betheiligt ist! Aber in die kurze Zeit, die ich mit Ihnen – in Bonn verbrachte, fiel ja auch wohl dieser böse Unglücksfall nicht –? – Unwillkürlich streifte des Grafen Hand die Stelle, über die eine scharfe Prime Althings gefallen war und die – dennoch Ursache ihrer Freundschaft geworden war.

Mein Onkel hat den alten Forbeck im Duell tödtlich verwundet und das Duell hat wegen meiner stattgefunden! erklärte Graf Udo. Ich selbst stand ja wie gegen Sie gegen diesen Forbeck auf der Mensur, nur mit dem Unterschied, daß wir Beide aus Corpsrücksichten los-31gingen, Forbeck aber mich persönlich beleidigt hatte. Die deutschen Universitäten sind ja dazu da, unsre rohen Sitten zu verewigen! Ich wurde schwer am Arm verwundet. Eine gewisse Steifigkeit ist geblieben. Mein Onkel, immerdar väterlich um mich besorgt, kommt nach Bonn. Der Zufall will, daß Forbeck’s Vater, General a. D. von Forbeck, auch zugegen ist. Die alten Herren erhitzen sich über uns, beleidigen sich und folgen dem Beispiele ihres Sohnes und Neffen! Die Waffe, das Pistol, war diesmal tödtlich. Der General wurde verwundet und starb. Es sind für mich, da mein Onkel das edelste Herz von der Welt besaß, daraus Verpflichtungen entstanden, die – doch davon ein andermal, unterbrach sich der Erzähler selbst, wie wenn er ver­meiden wollte, von etwas Unangenehmem zu reden. Das Nothwendigste, was wir jetzt zu verhandeln haben, lieber wieder aufgesuchter und gefundener Freund, fuhr er fort, ist, daß ich Sie meiner Tante zuführe und Sie mit ihr besprechen, wie wir Ihren Papa für das projectirte Grabmal erobern. Das hat die gute alte Excellenz schon ausgesprochen: Er muß die eheliche Treue verherrlichen – die Liebe über das Grab hinaus – den Glauben – oder – mit einem auffallenden Seufzer blickte Graf Udo nieder und stockte – den Wahn – nun, Sie werden mich verstehen.

32 Der Sohn des Bildhauers horchte auf. Den Wahn? Welcher Wahn? Im Glauben an die eheliche Treue oder an das Jenseits? Er gestand, Nichts zu verstehen.

Wollen Sie mir nicht zürnen, fuhr Graf Udo, der in seinen leichten, weltmännischen Formen sich gleich blieb, fort, daß ich erst noch eine Bemerkung mache. Verhandeln Sie mit der Tante, aber auch mit Ihrem Papa fest und bestimmt. Es hat sich die Nachricht verbreitet, daß die Wittwe des Grafen Wilhelm 6000, meinetwegen 10,000 Thaler an das Monument, das Material nicht gerechnet, verwenden will. Kaum angekommen, bemerkte ich in Folge dessen schon Intriguen, Verleumdung, Protectionssucht, natürlich Anerbietungen über Anerbietungen.

Um Alles! erhob sich Althing. Ahnt das mein Vater, so lehnt er Ihren Antrag ab! Er ist von einer Empfindlichkeit, wie ein junges Mädchen! Und nun gar in Concurrenz zu treten mit den Menschen, die in den Salons glänzen, mit Menschen, die sich auf ihre Orden berufen, Matadoren der Zeitungen, die zu den Prinzessinnen gerufen werden, um ihnen Gypsabgüsse zu erläutern – da macht er lieber Reliefs zu „Berliner Oefen“! Dort steht ein moderner Ofen! Der Pan da, den die Nymphe beim Blasen der Flöte aus dem Schilfe 33 heraus belauscht, ist von ihm! Er kann nicht einmal leiden, wenn ich zu oft in sein Atelier komme!

Darum lassen Sie uns kategorisch handeln! sagte Graf Udo. Wir geben noch keine Diners! Erst nächstens ein Souper für Damen, für die Damen des Frauenvereins! Der geistreiche Mephisto der hiesigen Künstlerwelt ist nicht zu fürchten. Aber wir haben Photographieen von schon vorhandenen Mausoleen oder Grabmonumenten genug erhalten, ein artistischer Zwischenhandel drängt sich ohnehin schon lange zwischen den Käufer und den Arbeitenden

Sie studiren gründlich unser hiesiges Leben! fiel Althing ein, sich gerührt abwendend. Ja, ja, das ist es, was meinem Vater so früh das Haar gebleicht hat! Grade dieser Zwischenhandel! Diese kaufmännische Kunstkennerschaft, die etwas für 25 Thaler kauft, was sie später für das Zehnfache wieder verkauft! Nie hat mein Vater verstanden, das Glück an seine Fersen zu bannen. Wie ihm damals sein herrliches Thonbild Amor und Psyche, Sie werden davon gehört haben, in einen Haufen Lehm zum Wegkehren mit dem Besen zusammenbrach, so ist es ihm mit hundert Entwürfen in den Augen des irregeleiteten Publikums gegangen! Er kann nicht schmeicheln, kann nicht renommiren, nicht wie Christian Rauch den olympischen Jupiter als Goethe der Plastik 34 sich selbst darstellen oder wie Rietschel sich selbst als den gotttrunkenen Schiller! Seine Weise ist die Einfachheit und Schlichtheit und am wenigsten versteht er die Politik der Hintertreppe –!

Kommen Sie sofort! unterbrach der Graf. Wir überraschen die Trauernde! In der Hauptsache ist sie vorbereitet! Sie lebt nur dem Gedanken an meinen herrlichen Pflegevater! Das Monument hat für sie etwas Tröstendes, Beruhigendes, es beschäftigt sie ganz! Hat sie Ihnen in Bezug auf Ihren Vater von dem Auftrag gesprochen, so bringt sie kein Kaiser oder König von ihrem gegebenen Worte wieder ab! In dieser Noblesse der Gesinnung habe ich die gute, aber – leider nie schön, nie fesselnd gewesene Frau, die älter als mein Onkel war, immer erkannt.

Althings inneres Widerstreben half nichts. Er stand dann, noch betroffen über das seltsame Hervorheben „nicht anziehender“ Eigenschaften, plötzlich vor einer kleinen, ganz in Schwarz gekleideten Dame, die sich etwas erhob, als er, er wußte nicht wie, bei ihr eingetreten war. Mechanisch sprach er ihr sein Beileid aus. Aufmerksam schien das schwarze, im dunkeln Zimmer weilende Wesen zuzuhören. Er wurde sich zu setzen aufgefordert. Rings war wenig zu erkennen. Das Zimmer stellte eine Rotunde vor, die wohl nie gesellschaftlich belebt gewesen 35 sein mochte. Hohe Blattpflanzen, das unterschied Ottomar allmälig, unterbrachen die Portièren, die bronzenen Armleuchter, die Gueridons. Graf Udo zog eines der Fensterrouleaux auf. Da fiel ein Widerstrahl der Mittagssonne blitzend aus einem Spiegel heraus, auf ein Porträt in Lebensgröße, vor dem, in Betrachtung versunken, die ehrwürdige Dame saß.

Der junge Graf hatte es leicht, den Willen der Tante zu lenken. Denn die als Prinzessin von einem strengen Vater erzogene willenlose Frau hing mit abgöttischer Verehrung an den Lippen des so lange ihr entzogen gewesenen einzigen jüngeren Verwandten, den sie, außer einem Sonderling, dem Fürsten Rauden, der nicht weit von ihr wohnte, besaß. Sie hatte den Grafen Wilhelm wider den Willen ihrer Familie geheirathet und die Spannung war geblieben. Graf Udo hatte das Majorat ererbt. Sie, die Gräfin, auf ihr reiches Witthum angewiesen, ließ ihn schalten und walten. Sein fleißiger, interessanter Briefwechsel hatte sie früher für die Entbehrung seines Umgangs entschädigt. Ihr heißgeliebter Gatte hatte die Sitte, Abends im adligen Casino zuzubringen. Darüber hatte sie allerdings freudlose Stunden. Aber sie zürnte darum nicht dem Grafen Wilhelm und ihr Wirken für Wohlthätigkeit zerstreute sie. Sie fühlte sich glücklich, den Grafen in seinen 36 Neigungen befriedigt zu sehen. Die Denkmalfrage stand nach dem Sonnenstrahl bald fest. Ein Studiengenosse Udos – der Ursprung der Narbe blieb noch verschwiegen – und ein so anziehender junger Mann und sein Vater Bildhauer – da war die Bestellung so fest, daß nur die Zustimmung des Alten selbst und das Ein­reichen seiner Pläne fehlte. Da der junge Al­thing in allem Ernst versichern konnte, daß selbst ein persönlicher Besuch des Vaters durch den Grafen und des Vaters Erscheinen hier vor dem „meisterhaft“ gemalten Bilde (der junge Graf beklagte das „meisterhaft“, das die Tante gebraucht hatte; Triesel hatte es gemalt) problematisch sein würde, so brach Udo die Angelegenheit mit dem Bemerken ab: Ich überrasche Ihren Vater heut Abend im Familienkreise! Im Atelier durchkreuzen andere Gedanken seinen Kopf! Die Sache ist abgemacht. Tante, Du wirst der Ruhe bedürfen. Wollen sie Dich also doch schon wieder zu Deinen Comitésitzungen haben! Trage mir nur Alles auf, was es zu schreiben giebt! Ich will so lange Euer Secretär sein, bis wir einen bessern finden! Wir bringen Dir nur Cigarrendunst herüber –

Sie empfahlen sich Beide.

Sieh, sieh, sagte der Graf beim Zurückkehren in seines Onkels großes Zimmer, das ist ja Alles gut 37 gegangen! Den Rest mache ich heute Abend ab. Ich besuche Ihren Vater in seiner Wohnung. Seien Sie doch auch da! Sie sollen ja eine hübsche Schwester haben?

Die aber dem Vater nicht Modell steht! erwiderte der Bruder, etwas verletzt durch diese plötzliche Gedankenverbindung.

Der Graf schien so reinen Sinnes, daß er sich die bei ihm vorausgesetzte Gedankenreihe erst erklären mußte. Der junge Althing versank immer mehr in eine brütende Stimmung. Er meinte, er würde auf den überraschenden Besuch weder Mutter noch Schwester vorbereiten. Sonst sei der Vater im Stande, in den Künstlerverein zu laufen, an einen Ort, wo er noch zuweilen, wie er zu sagen pflegte, einen richtig construirten Menschen fände. Ein echter Künstler könnte denn doch, meinte er, lebenslang sein Rom und Neapel nicht vergessen!

Lieber Althing, was ist überhaupt der Mensch! rief der Graf, mit einem sonderbaren plötzlich ausbrechenden bisher wie zurückgehaltenen Gefühl. Seine Worte schienen Scherz zu sein und doch begleitete sie in seinen Mienen ein tiefer Ernst. Aufrichtig gestanden, fuhr er fort, ich bin in der Lage, jetzt wie König Philipp auf der Bühne auszurufen: Gütige Vorsehung, gieb mir einen Menschen –!

38 Althing mußte des Tones staunen und legte die Cigarre fort, die er nun wirklich auch genommen hatte.

Ja, ja, fuhr der Graf fort, um bei den Dichtern zu bleiben, es fällt mir auch Hamlets Wort ein, wie sich die Vertrauten zu benehmen pflegen, die Achseln zuckend, man wisse wohl etwas, man könnte etwas ausplaudern, wenn man nur wollte –? Althing, raffte er sich endlich zusammen und sprach mit leiser Stimme, ich habe Vertrauen, wahre Freundschaft für Sie; die Art, wie Sie sich nach unserem Rencontre in Bonn gegen mich benahmen, ist mir unvergeßlich. Jetzt sind Sie reifer als ich, kennen die Welt, während ich Menschen und Affen, Wasser und Luft studirte. Ich möchte Sie zum Mitwisser, aber auch zum Mitträger eines Geheimnisses machen!

Ist Horatio dem Dänenprinzen nicht treu geblieben? Im Augenblick weiß ich es wahrhaftig nicht! sagte Ottomar, der durch die äußeren Lebensformen oder sonst ein Hinderniß immer noch vor dem Drang des Grafen, ihn ganz und gar seinen Freund und Vertrauten zu nennen, zurückwich.

Wir können ja nachschlagen, sagte der Graf träumerisch, stutzte eine neue Cigarre zurecht, reichte das Feuer und drängte Althing auf den Divan zurück. Im 39 Zimmer war die Veränderung eingetreten, daß alle kleinen Briefpackete, alle noch ungeordneten Scripturen verschwunden waren. Der Graf hatte sie während Forbecks Bramarbasiren nach und nach sorgfältig eingeschlossen und darüber gewacht, daß der künftige Schwager dem Tische nicht zu nahe kam.

Ich brauche einen Arm, der statt meiner handelt, einen Mund, der statt meiner spricht, ein Ohr, das statt meiner hört! sagte der Graf.

Ich bin Jurist und arbeite vorab bei einem Advokaten – antwortete Althing auf diesen sonderbaren Eingang. Da könnte ich mich ja tummeln –

Nichts mit Ihrem Luzius –

Hat er nicht manche Vermögensverhältnisse Ihres Onkels unter den Händen?

Keine Klage herrscht darüber! Die Hinterlassenschaft an irdischen Gütern befindet sich in Ordnung. Das Vermögen des Onkels ist von dem der Tante getrennt. Einst bin ich Herr vom beiderseitigen Besitz. Nein, nein – fuhr der Graf niederblickend fort – es ist eine andere Erbschaft zurückgeblieben, des Onkels Ehre, die ich zu wahren habe, die ich vor meiner guten Tante unter allen Umständen vertreten sehen muß – sein guter Ruf. –

Natürliche Kinder –? rieth Ottomar.

40 Etwas Aehnliches –

Die beiden jungen Männer schwiegen. Das Talent, leichthin von den Fehlern andrer Menschen zu sprechen, schien keiner von ihnen zu besitzen. Es erlernt sich erst in späteren Jahren durch die ansteckende Verläumdungslust oder frühe durch eigne Schlechtigkeit.

Graf Udo erzählte: In jenem Schreibtisch habe ich von etwa vorhandenen Kindern Nichts gefunden. Mein Onkel starb so plötzlich, daß ihm eine Ordnung in seine Papiere zu bringen nicht gestattet war. Er kam wie gewöhnlich gegen 11 Uhr Abends vom adligen Casino, fühlte sich unwohl und war plötzlich todt. Meine gute Tante, die ihn anbetete, die auch er selbst mit jeder nur erdenklichen Zuvorkommenheit und Güte behandelte, glaubte, daß er regelmäßig vom Casino kam – vier, fünf Jahre hat sie das geglaubt – ohne Grund geglaubt – ich bin über diesen Flecken – doch wer mag moralisiren? Da macht mich die Geschichte mit ihren Folgen, die sie nun hat, doch recht unglücklich –

Althing wollte nicht dem Ausdruck, sondern nur der Heftigkeit des sittlichen Schmerzes wehren, wenn er sagte: Mein Vater soll auf dem Monument keinen Anker anbringen!

41 Sehen Sie, rief der junge Graf, daß Sie schon Motive finden, die Hamlet’sche Zeichensprache zu reden! Gerade soll er einen Anker anbringen! Er soll Nichts weglassen, was die Gefühlsweise meiner Tante begehrt! Sentimental erzogen, gefällt sie sich im Auskosten eines Schmerzes, und wenn sie das allein trösten kann, das allein beglücken, wer wollte ihr diese Religion stören? Ist man doch der Affentheorie und dem uns künftig erwartenden Nichts gegenüber froh genug, wenn man noch Jemanden die Leiter wohlgemuth besteigen sieht, die an den alten Regenbogen der jenseitigen Hoffnungen ange­lehnt ist –!

Althing wußte Nichts von einer Frau Edwina Marloff, die jetzt nach einem Gange durchs Zimmer vom Grafen leise genannt wurde. Er erhielt auch nicht den Auftrag, sich nach dieser Adresse, die der Graf selbst wohl nicht kannte, zu erkundigen. Aber es schien, als sei Frau Edwina verheirathet mit einem Elenden, der sie an den verstorbenen Grafen verkauft hatte. Die Beunruhigung für den jungen Treuenfels war die, daß sich schon einmal dieser Marloff im gräflichen Hause eingefunden hatte, gemeldet worden war und mit den Dienern gesprochen hatte. Damals waren die Umstände so günstig, daß der Zudringliche Niemanden von der Herrschaft zu sprechen bekommen konnte. Er hatte gesagt, er wollte 42 schreiben. Das hatte er denn auch jetzt gethan, glücklicherweise in einem Briefe an den jungen Grafen. Er verlangte die letzten Verfügungen des verstorbenen Grafen in Betreff seiner Frau zu wissen. Der Anspruch auf dreißigtausend Thaler sei ihm zum mindesten gewiß.

Der Unverschämte! erhob sich Althing. Wahrscheinlich ein Spieler dieser Mensch oder sonst ein Charakter der tiefsten Verworfenheit!

Seinen Drohbrief will ich Ihnen anvertrauen. Er verlangt darin Eile, schnellen Entschluß –

Und wie zur Bestätigung dieser letzten mit Heftigkeit, aber nur halblaut hervorgestoßenen Worte klopfte es. La Rose trat herein mit der schüchternen Meldung, daß jener Herr Marloff wieder da sei, von dem der Graf schon neulich gesagt hätte, daß er ihn nicht hätte empfangen wollen.

Ein Lump! Man riecht die gekaute Kaffeebohne, die den Weingeruch vertreiben soll! rief Graf Udo zitternd in französischer Sprache, während Ottomar Althing, ergriffen wie von einem Abenteuer, bei dem er dem Freunde handgreiflich beizustehen hätte, sich an der Stuhllehne festhielt.

Au contraire, Monseigneur! Un homme comme il faut! A peu près un ancien professeur! lautete 43 der Spruch einer geprüften Welterfahrung. La Rose hatte im diplomatischen Dienst soviel problematische Physiognomieen studirt, daß man auf sein Urtheil etwas geben konnte.

Graf Udo unterbrach jedoch den Ausdruck seiner Verwunderung mit der entschiedensten Ablehnung, den Herrn „Geometer“ Marloff zu empfangen, der auch seine Karte übergeben hatte. Er würde ihm nächstens schreiben, oder zu ihm schicken – so ließ er hinaussagen.

Es ist ein Bettler! rief Ottomar.

La Rose schüttelte den Kopf und lächelte. Er hatte über vagirendes Lumpenthum Consulatserfahrungen. Doch verstand er zugleich, die erhaltene Weisung mit ebenso viel Bestimmtheit wie Delicatesse an den Mann zu bringen.

Althing ahnte, daß er hier eine Vermittlerrolle spielen sollte, die vielleicht mehr für seinen Principal, Justizrath Luzius, gepaßt hätte. Dieser fiel freilich bei ähnlichen Erpressungsfällen gleich mit der Thür in’s Haus. An die Gerichte geht man in solcher Lage nicht gern des Aufsehens wegen. Luzius half sich in der Regel mit dem Hervorkehren des Uebermaßes seiner Geschäfte. Kurz und bündig! war seine Methode. Und in der That, man sah den Mann keuchen vom Stadtgericht zum Polizeigericht, vom Vormundschaftsamt zum Obergericht. 44 Hörte man, wie er mit dem größten Cynismus jedes Ding beim rechten Namen nannte, Nichts unterschrieb, was ihm nicht plausibel war, jede Illusion zerstörte, die sich ein Proceßführender etwa von seinem Rechte machte, so war die Verständigung auch in einer halben Stunde fertig. Er glich den Aerzten, die nur von 2 bis 3 zu sprechen sind und zwanzig Patienten empfangen.

Geben Sie mir den Brief des Mannes! Ich will mich nach ihm erkundigen und werde zu ihm gehen! Von einer Zahlung, einem Einblick in die letztwilligen Verfügungen kann keine Rede sein!

Dann haben wir einen Proceß! fiel der Graf ein, hocherfreut über seine mit Erfolg belohnte Hoffnung, daß ihm Althing diese peinliche Erörterung abnehmen würde.

Selbst wenn Sie 30,000 Thaler zahlen sollten, würden Sie nicht das Todtschweigen vorziehen? entgegnete der junge Jurist.

Gewiß! Gewiß! antwortete dieser und sah nach den Zimmern der verwittweten Gräfin hinüber.

Ottomar ging. Seine eigne Tischzeit war längst vorüber. Am Abend hofften die jetzt freilich eng Verbundenen sich wieder zu sehen. Auf der Stiege bemerkte der Abwärtssteigende, daß hier und da aus welken Blättern und schlaffen Bändern noch ein Anker, das Zeichen der Treue, zu erblicken war. Ein eigner Klang 45 aus der Harmonie des Lebens, ein Mißton, ein schmerzlicher Weheruf drang an sein Ohr. Im lebendigen Nachgefühl des Eindrucks, den ihm die Trauer des so glücklich wiedergefundenen Freundes gemacht und die zarte Schonung der Matrone, mochte er auch nicht allzuschnell hier das Richteramt üben.

46 Drittes Kapitel.#

Wieder war ein zeitungsloser Montag erschienen. Wieder standen die kleinen Flaschen des geschickten rheinischen Weinmischers auf dem grünen langen Wachstuchtische. Wieder wurde jeder der Ankömmlinge dieser wunderlichen Gesellschaft mit einem freudigen Ah! begrüßt. Sogar der trottoirnervenkranke Bildhauer war erschienen. Sanitätsrath Eltester saß für eine Viertel­stunde neben ihm und fühlte ihm den Puls, den er ausgezeichnet fand. Er sagte ruhig: Ich habe dieser Tage mehrere Todte begraben! Da kann ich schon ein halb Stündchen unter den Serapionsbrüdern ausharren, und Bildhauer und Arzt arbeiten sich ja in die Hände.

Serapionsbrüdern! rief aus einer dunkeln Ecke eine helle scharfe Stimme. Den Namen aus Hoffmanns alter Zeit, den sollten wir eigentlich nicht festhalten, sondern uns Serapisbrüder nennen! Zwar habe ich ihn noch gekannt, den Mann mit dem Eulengesicht und der Eulennatur, der diesen Namen für eine Sammlung 47 Novellen verschiedenen Werthes wählte. Aber seine Serapionsbrüder kamen ebenso zusammen wie wir und beriefen sich auf alte Mönche, von denen viele Serapion hießen. Nur weiß ich von Einem einen prächtigen, echtkatholischen Legendenzug. Er war arm. Da traf er eine Wittwe, die ihn um Rettung in bedrängter Lage anflehte. Armes Weib, ich kann Dir Nichts geben! sprach er. Aber warte! Ein Trupp Schauspieler zog vorüber, diesen will ich mich als Sklave verkaufen. Den Erlös will ich Dir schenken. Die Comödianten waren so gerührt von dem Edelmuthe dieses Mönches, daß sie ihm das Geld und die Freiheit gaben.

Ließe sich das nicht modernisiren? hieß es durcheinander und theilweise, der Schauspieler wegen, mit Lachen.

Als Posse –?

Der Mönch muß die Lichter bei den Schauspielern putzen!

Er muß als Claqueur dienen, die Reclame besorgen –!

Man bat um Ruhe. Andere wollten von dem „prächtigen Stoff“ abstrahiren und von den Serapisbrüdern hören.

Der Kenner der Legende war der mit allen Orden der christlichen und orientalischen Höfe bedachte Triesel 48 gewesen. Althing war beim Eintritt stumm auf den kleinen Mann zugegangen, hatte ihm die Hand geschüttelt, sich aber erst gesetzt, als sich trotz der collegialen, durchaus gemüthlich aussehenden Begrüßung eine entferntere Unterkunft ermöglichte.

Eben dachte Althing vor sich hin: Er ist im Loben, Anerkennen begriffen! Das ist ja selten. Aber was er lobt, muß immer schon todt sein! Und Triesel ließ sich zuletzt auch die Serapionsbrüder, die er erklärte, nicht nehmen. Traurig waren die Ausgänge der alten Serapionsbrüder, erzählte er. Bei einem Italiener, in einem Hinterstübchen einer Delicatessenhandlung, hatten sie angefangen, erzählten sich bei Ungarwein und schwerem italienischen Asti allerlei Schnurriges aus dem „Taschenbuch zum geselligen Vergnügen“der alte Ramberg machte die nöthigen Bilder mit dem obligaten Kätzchen und Mops dazuin einem großen Weinhause, wo dann nur getrunken wurde, hörten sie auf. Das war die thebaische Wüste, in die sie sich zurückgezogen hatten.

Der Sanitätsrath bekam Lust für die Serapisbrüder. Er nannte Serapis den egyptischen Aesculap. Nur mit dem Unterschiede, setzte er hinzu, daß Serapis zu gleicher Zeit die Sonne der Nacht gewesen wäre.

Alles horchte auf und wiederholte: Die Sonne der Nacht?

49 Ja, fuhr der Sanitätsrath fort, ein tiefer Gedanke, diese egyptische Annahme eines Gottes der Nachtsonne, der uns des Nachts abgewandten Sonne, recht eines Bildes der Wissenschaft, des geheimnißvollen Lebens der Natur. Und bei den Egyptern war dann auch die Religion noch des guten Nebenzwecks wegen da, den Arzt für den Leib zu machen. Die Geistlichen heilten die Krankheiten theils mit Gebeten, wie ja das auch noch im neunzehnten Jahrhundert in München und Westfalen und wohl auch bei uns der Fall gewesen ist, theils mit den kindlichen Anfängen unsrer materia medica. Daß die Serapispriester eine Brüderschaft bildeten und Nichts auf einander kommen ließen, liegt im Charakter jeder Lehre, die den Zweifel ausschließt. Unser heutiges Parteiwesen kommt dem nahe. Wer in die eleusinischen Geheimnisse einer Fraction aufgenommen ist, muß zu Allem, was der Führer will, Ja! sagen. Alles wird wieder Loge! Loge, meine Herren, Freimaurerloge! Nicht etwa Lüge –

Logos! Logos! riefen die anwesenden Philologen. Es waren die Enthusiasten für die neuen Zustände.

Das überwiegend Medicinische, kritisirte jetzt schon Triesel und zog die goldene Brille in die Höhe, stört mich doch an Ihrer Erklärung. Und wir tagen ja auch nicht bei Nacht. Bleiben wir bei unsern einfachen neuen Serapionsbrüdern!

50 Der Sanitätsrath hatte Eile, sah nach der Uhr und brach auf, während er noch immer für die Serapisbrüder plaidirte und scherzhaft ausrief: Der Gott der abgeschiedenen Seelen! Die Unterweltssonne! Nachts um ein Uhr wird ja auch leider oft genug an der Doctorglocke gezogen!

Er gab die Thür, wie man zu sagen pflegt, nur Andern in die Hand. Das Zimmer füllte sich mit neuen Ankömmlingen, die erfreut waren, die Versammlung so zahlreich und so angeregt zu finden.

Da sehen Sie, meinte eine Stimme, wie wenig unsere Zeit noch erlaubt, bei einander zu sitzen, ohne über Etwas zu streiten oder einander zu belehren. Nun zanken wir uns sogar über den eignen Namen!

Einer, der leider schon aufstand und sich zum Gehen rüstete, bemerkte: Eigentlich ist unsere Serapionsbrüderschaft eine zu lose Verbindung! Grade wie in den katholischen Ländern die Leute, die auf den Markt gehen, nebenbei auch noch ein Stück Messe mit anhören, dreimal vor dem Altar knixen und sich mit Weihwasser benetzen und dann zu Kartoffeln und Rüben übergehen!

Es war der Justizrath Luzius, der da sprach und eben gehen wollte.

Halt da, Justizrath! rief dem schon die Thürklinke in der Hand Haltenden Triesel nach: Das Bild ist gut 51 gewählt! So kauft man sich auch gleichsam von der Verpflichtung für das Schöne und Erhabene durch den Kunstverein ab! Für 5 Thaler jährlich erhält man das Recht, sich das ganze Jahr über um keinen Kunstgegenstand mehr zu bekümmern! Nicht so, Meister Althing ?

Er muß durchaus von manchen Menschen Beifall haben! brummte Althing unhörbar. Der sogenannte „allgemeine Beifall“ genügt ihm gar nicht mehr. Und als sich aus Triesels Bemerkung ein allgemeines Seufzen: Wie soll es besser werden? entwickelt hatte, antwortete Althing endlich mit kräftiger Stimme: Wenn sich Jeder befreit von seiner Ichsucht! Eine Welt auch noch hat außer seinem Jagen nach Ehre, Auszeichnung, Verdienst! Und das von oben an, von der äußersten Spitze herab. Denn in den Kirchen gesehen werden, oder in der Comödie, das ist Nichts für den Beweis von Respect vor dem Weltgeist. Die gewohnten Gleise gehen, durch diese oder jene Handlung, deren Motive auf Gefühl deuten sollen und höchstens Vorhandensein von etwas Takt verbürgen, sonst aber niemals den Lauf der Alltäglichkeit, das Streben nach Macht, das Zertreten seiner Gegner unterbrechen, das kann die innere Einkehr nicht sein, die ich meine. O verbraucht nur recht die alten Ueberlieferungen und werft sie wie Rechenpfennige aus, 52 Phrasen sozusagen aus Schiller und Goethe, die geflügelten Worte werden bald zu Kalauern geworden sein, der Pegasus ein alter Droschkengaul, der Staat ein toller Hund, dem Jeder aus dem Wege geht –

Althing! Althing! rief man von allen Seiten.

Der Justizrath war verschwunden. Er hatte doch noch bis zuletzt zugehört, ging aber, ohne die Miene zu verziehen. Er überließ die hinterlassene These einer, wie sein durch die Brille verschärfter Blick sofort wahrnahm, sich zur Lebhaftigkeit rüstenden Debatte, deren Reigen denn auch mit „sittlicher Entrüstung“ der ordengeschmückte Hofmaler begann.

Die weiten Entfernungen in der Stadt und die außerordentliche Fülle von Geschäften, die auf den Schultern des eigenthümlichen, Vielen räthselhaften Mannes lagen, hätten diesen längst bestimmen sollen, den dringenden Wunsch seiner Gattin und Töchter zu erfüllen, sich Wagen und Pferde anzuschaffen. Der schwer zugängliche, an Blutandrang oder innerer Verstimmung leidende Mann erklärte jedoch, möglichst frei bleiben zu wollen, was er mit Equipage nicht sein könnte. Denn dann würde er der Sklave des unvernünftigen Viehes, der Mucken seiner Pferde, und auch des Thierischen bei vierzehntäglich wechselnden Kutschern. Er bediente sich der Fiaker, die ja an jeder Ecke zu haben waren.

53 So winkte er denn auch jetzt einem solchen und war bald in seiner Wohnung, der Bäckerstraße, wo zu jeder Stunde eine reiche Clientel nach ihm fragte oder auf ihn wartete. Hausbesitzer, Speculanten, Frauen, die gern geschieden sein wollten, andere, die es schon waren und neue Beschwerden hatten; Alles durcheinander fand sich bei dem auch in den Zeitungen immer mit glücklichen Vertheidigungen bezeichneten Rechtsbeistand ein.

Der starke corpulente Mann, der sich bei rascher Bewegung von einem leichten Asthma nicht frei fühlte, immer thätig, vielleicht immer darüber grübelnd, woher er mit Anstand Geld nehmen könnte, hätte in seinem Leben schon selbst Anfälle haben dürfen, seinerseits auch an Trennung von seinem Weibe zu denken. Denn die Justizräthin, mit ihren Töchtern Sascha und Zerline, hatte schon wieder das Hülfspersonal des Vaters für einen Ball in Anspruch genommen. Statt daß diese im Bureau saßen und die Einreden und Appellationen aufsetzten, deren Entwürfe ihnen der Justizrath mit bewunderungswürdiger Schnelligkeit gemacht hatte, wurden Ottomar Althing, Jean Vogler und Edmund Dieterici von ihren Sesseln abgerufen, um Cotillontouren zu erfinden. Die jungen Männer, die diese Frauen einfach als die bezahlten Sklaven ihres Gatten und Vaters ansahen, sollten Ideen angeben, die sich bei Glasern, 54 Tapezierern, Händlern im Fach unschuldiger Sprengstoffe, Blech, Papierreifen u. s. w. vorausbestellen ließen.

Aber Sie wissen heute auch gar Nichts! rief Sascha mit kokettem, auf Ottomar Althing gerichtetem Blick.

Sonst war der beste Mitarbeiter ihres Vaters in solchen Fällen immer guter Laune. Heute ging ihm eher Alles durch den Kopf, nur nicht die Erfindung eines originellen Cotillongedankens.

Wenden Sie sich an Theodorich! antwortete er und wollte gehen.

Althing, rief der Gemeinte, Referendar Dieterici, eine schmale blasse Figur mit blondgekräuseltem Haar, daß auch Sie diesen unqualificirbaren Witz, meinen Namen zu verdrehen –

Ostgothe! rief der dritte, Jean Vogler, eine große, sogar schon zum Embonpoint neigende Figur; warum wollen Sie das tragische Geschick Ihres Hauses nicht anerkennen! Jetzt, wo Sie einen Bund mit den Sarmaten geschlossen haben und sich mit vereinten Kräften auf Rom stürzen könnten

Bei alledem lächelte Dieterici. Er verstand die Anspielung auf seine neue hübsche Wirthin, die eine Deutschpolin und katholisch war und noch dazu eine hübsche schwarzhaarige Schwester hatte.

55 Ach, lassen Sie das jetzt, Herr Vogler! riefen die Damen und würden in der That die kostbare Zeit der Mitarbeiter ihres Vaters mißbraucht haben zu Cotillonserfindungen, wenn es nicht plötzlich geheißen hätte: der Vater!

Die Ankunft des Justizraths erlaubte allen Dreien, sich dem Wetteifer der sich in Naturlauten Ueberbietenden, die denn doch zuweilen noch von einer vorhandenen Großmutter mit den Worten abgetrumpft wurden: Das giebt Feuersgefahr! zu entziehen. Jean Vogler behauptete, blaue Flecken am Arm zu haben, so hätten ihm die Mänaden mit ihrer Dringlichkeit zugesetzt. Dieterici, Theodorich genannt, der hinter dem Schein der Milde und Sanftmuth viel Eitelkeit und Pedanterie zu verbergen schien, erklärte geradezu, tètes-à-tètes dieser Art mit den Damen im Hause nicht wieder anknüpfen zu wollen. Denn nicht nur, daß es der kleinen Zerline nur ein Leichtes war, auf ein: Fräulein, ich weiß wahrhaftig Nichts, als Knallbonbons ziehen! flottweg zu erwidern: Ach, Sie sind ein Simplex! er trug ihr auch Zurücksetzungen und öffentliche Verläugnungen bei Bällen, bei nicht eingehaltenen Tanztouren nach. Die Mutter konnte sich vornehmen, solche herausplatzende Aeußerungen ihrer Töchter, auf Befehl der Großmama, rügen zu wollen, aber den Vorsatz auszuführen, dazu blieb das ganze Jahr 56 über – vor Besuche machen und empfangen, vor Rennen und Laufen in dies und jenes Theater, in dies und jenes öffentliche Vergnügen, im Sommer vor den Bade- und Schweizerreisen keine Zeit. Und wie hier nicht für die Bildung ihrer Töchter, so für Tausenderlei nicht. Man nannte das alles Natürlichsein. Aus einigen Schriftstellern, die diesen Ton begünstigten und ihn „reizend“ nannten, holte man sich artige Namen für das „Unartige“. „Grille“ zu spielen war allgemeine Mode und – Ottomar versank nicht wenig in Grübeln, wenn er sich sagte, daß auch die testamentarisch Verlobte seines Freundes und des ihm nunmehr so vertrauten Grafen Treuenfels, Ada von Forbeck, ganz das gleiche Wesen hatte –!

Althing wollte den Justizrath, der schon nach einer halben Stunde wieder auf die Uhr und in den Termin­kalender sah, in’s Gerichtsgebäude begleiten. Die Clienten wurden auf die an der Thür bezeichneten Sprechstunden verwiesen. Eine Strecke durch die halbe Stadt hindurch zu machen, hatte wieder ein Fiaker geholfen. Althing hatte Acten zu vergleichen. Namentlich aber wollte er zu dem großen schwarzen Buche zu gelangen suchen, worin die Namen derjenigen verzeichnet stehen, die eine Strafe abgebüßt haben. Es war eine „Zeitgenossen-Galerie“ eigener Art, ein Werk voll Gewissenhaftigkeit; jeder „Rückfall“ war verzeichnet. In diese Senkgrube der 57 Menschheit wollte er hineinblicken und nach dem Namen: Geometer Marloff forschen.

Kennen Sie einen gewissen Marloff, Geometer? fragte er schon den Justizrath während des Fahrens.

Dieser verneinte und setzte sogleich hinzu: Wie so? Althing wich der Frage aus und murmelte etwas von Häuserbau und Vermessungen.

Will sich Ihr Vater ein Haus bauen? Ich habe ihn eben gesprochen. Er schien heute in einer gehobenen herausfordernden Stimmung, die ich an ihm gar nicht kannte. Ist ihm etwas Anregendes widerfahren? Widerwärtiges oder Gutes?

Der Sohn hütete sich wohl zu sagen: Das bestellte Mausoleum regt ihn auf! Auch rührte es ihn zu hören, daß seinen Vater ein Glück so heben, so erfreuen konnte! Er konnte nicht anders sprechen, als durch die Miene des staunenden Aufhorchens.

Ich will ihm wünschen, daß kein Spion zugegen war! fuhr Luzius eigenthümlich blinzelnd fort. Wir kommen ganz wieder in die alten Zustände zurück! Die Gemeinheit kann keine Größe ertragen und gewisse Große und Bevorrechtete, die doch nur ihre Pflicht gethan haben und in der Lage waren, diese mit etwas mehr Effect zu thun, als Unsereinem möglich war, diese plagt der gemeine Neid auf den wahren Genius –! Auch das 58 verbündet diese Herrschaften den Communisten, denn auch diese plagt der Neid auf den Genius und die Bildung! Ihr Freund Wolny hat schon wieder Spectakel mit seinen Arbeitern!

Ich las es in der Zeitung. Die unseligen Aufhetzer –!

Wolny war ebenfalls eine Bekanntschaft Ottomars von einer süddeutschen Universität her. Wolny war dort schon Lehrer. Der strebsame junge Mann erzürnte sich mit dem Rector seines Gymnasiums, einem Pedanten und Tyrannen, fand auch als Privatdocent keine Beförderung und ging in die Residenz. Hier nahm er eine Hauslehrerstelle bei einem reichen Fabrikanten und heirathete zuletzt dessen Wittwe. Er war wohl zehn Jahre älter als Ottomar. Seine Studien hatte er, wie man zu sagen pflegt, an den Nagel gehängt und war ganz Techniker geworden.

Zu langen Erörterungen ermunterte der Straßenlärm nicht, nicht das Gerassel des Wagens, nicht die dem jungen Althing schon bekannte Erfahrung, daß sein Justizrath Alles, was nicht auf seine Praxis ging, schnell abbrach. Seit der Erwähnung des obengenannten Buches verfiel er in ein unheimlich brütendes Schweigen.

Ottomar war nach dem erhebenden Sonntag, wo Graf Udo gekommen, die Mutter sich so würdig, der Vater gemäßigt, Helene so weltgewandt bewiesen, nicht 59 wieder draußen im Park gewesen. Er vergegenwärtigte sich, wie es dem Vater neuen Schwung gegeben, sich zur Herstellung eines gewiß vielfach zur Besprechung kommenden Denkmals erwählt zu sehen, wie es ihn beruhigte, dafür eine Summe zu erhalten, welche die gemeine Sorge um das Nächste auf einige Zeit wieder in den Hintergrund drängte. Graf Treuenfels war an dem schönsten Herbstabende gekommen. Der Sohn hatte wohlweislich der Mutter und der Schwester keinen Wink über den zu erwartenden Besuch gegeben. Denn die geringste Spur, daß dies geschehen würde oder ein verrätherisches Anzeichen, daß eine größere Sorgfalt auf das bescheidene Abendmahl gelegt worden wäre, hätte den vergrämelten Mann verstimmt und gegen die Anerbietungen des Grafen mißtrauisch gemacht. Ottomars Schwester, Helene, ein Mädchen von holdseligem Liebreiz, bestrickender Anmuth des Benehmens, ein Mädchen voll Geist und Bildung, seine Mutter, eine noch anziehende, nur etwas von körperlichen Leiden gebeugte Frau, trugen nicht wenig dazu bei, den Abend so gemüthvoll verlaufen zu lassen, daß Graf Udo in dem großen Park, den Beide beim Nachhausegehen – Ottomar begleitete ihn – durchschneiden mußten, ohne Schwärmerei und rein nur als etwas Selbstverständliches seinem alten Studiengenossen sagte: Wir sollten uns eigentlich Du nennen! Die 60 Accolade lassen wir auf gelegenere Zeit! Es war still um sie her. Die Bäume standen feierlich. Fern rauschte das großstädtische Gewühl. Beiden mußte dasselbe Bild vor Augen geblieben sein, das kleine Zimmer im vierten Stock eines an sich prachtvollen Hauses, das man auf Teppichen beschritt. Die Treppe war von Marmor, das Geländer Gußeisen in gefälligster Gestaltung. Nur die Möglichkeit, im Garten ein Atelier zu haben, hatte für die Wahl dieser sonderbaren Wohnung unterm Dach entscheiden können. Ein Maler hätte das trauliche Beisammensein, die Beleuchtung durch ein halbgedämpftes Lampenlicht, die frugale Mahlzeit, das Erröthen, das Lächeln, Selbstbedienen, Vorlegen Helenens, die scheue prüfende Zurückhaltung des Grafen, der von Ada von Forbeck nur flüchtig sprach, wiederzugeben versucht sein können. Es giebt Bilder, von denen man Nichts als das Licht und die von ihm bestrahlten Physiognomieen behält.

Natürlich war später das Gespräch auch auf die geheimnißvolle, Ottomar übertragene Mission zurückgekommen. In einem Fichtenhain, wo sich manche in seinem Bereich aufgestellte Marmorstatue vor dem Gesindel zu schämen scheint, das hier nicht selten nächtlich zu lagern wagt, hatte der Graf nach längerer Pause ausgerufen: Mein armer Onkel Wilhelm! Ich lese jetzt in seinem Nachlaß! Alles war doch edel und gut an ihm!

61 Ottomar schwieg. Sein Schweigen war Widerspruch.

Die Verirrung mit jener Frau – das Räthsel muß sich lösen.

Ottomar besaß nun den Brief des ehrlosen Gatten, der sein junges unfehlbar schönes Weib an einen Andern verkauft hatte. Aber der Graf hatte ihn beim Nachhausegehen mit einer Bitte aus dem Portefeuille gezogen. Es war, wie wenn der Lichtglanz der Reinheit, in deren goldnem Dämmer sie sich eben befunden hatten, auch die Vorstellungen, die in seinem Innern lebten, verklärend ergriff. Er bat Ottomar, mit seinen Erkundigungen noch etwas innezuhalten; er wollte es noch auf einige Tage im Zuwarten ankommen lassen und nur die Briefe überwachen, die an die Tante gingen. Darüber waren nun acht Tage verstrichen. Am gestrigen Sonntage hatte der Graf den Freund und auch dessen Vater zu Tisch gehabt und ihn mit flüchtiger Vertraulichkeit gebeten, nun vorwärts zu schreiten und wenigstens das Persönliche festzustellen. Graf Udo war noch nicht völlig frei von dienstlichen Verpflichtungen und wurde von der Gesellschaft über die Maßen in Anspruch genommen. Daß er den Staatsdienst verließ, gehörte zu den Bedingungen des ersten Eintretens in’s Majorat.

In jenem schwarzen Buche, das von keinem unsichtbaren Engel der Reue gehütet wird, eher umkreisen es 62 hohnlachende Teufel oder wie würde Kaulbach den Geist des „Rückfalls“ gemalt haben –? fand sich der Name Marloff nicht. Mit einem überführten Verbrecher hatte man also nicht zu thun. Die Wohnung, die angegeben war, lag in der Vorstadt. Der Brief war kurz und bündig. Er verlangte 30,000 Thaler, um die Versprechungen des alten Grafen wahr zu machen.

Althing nahm einen Fiaker und stieg am Thore aus. Es war leider nicht dasjenige Viertel, wo sein Freund Wolny wohnte und die beste Freundin seiner Schwester, eine Martha Ehlerdt, die in dem reichen Hause der ehemaligen Commerzienräthin Rabe, jetzigen Frau Doctor Wolny, Gesellschafterin war.

Es war Mittag. Die Arbeiter der Vorstadt ruhten. Ausgestreckt lagen sie zwischen den Neubauten, von denen die sonst nur aus Gärten und kleinen einzeln gelegenen Häusern bestehende Vorstadt durchzogen wurde. Hier wird er irgendwo in einem der neuen Häuser wohnen, die an zwei Seiten umzufallen drohen, weil ihnen die Anlehnung fehlt. In einer Volksküche wird er vielleicht zu Mittag speisen! Es giebt solche Incognitos! sagte sich Ottomar. Ist er nicht zu Hause, so giebst du deine Karte ab, schreibst einige Zeilen darauf und meldest deinen wiederholten Besuch an!

63 Es war ein schönes neues Haus, das Ottomar endlich betrat, aber die Nachfrage nach seinem Mann wies ihn in den Hinterhof, der allerdings hell und freundlich war. Zwei Stiegen sollte er hinaufgehen! Er, der sich gerüstet hatte, einem Mann zu begegnen, der nur in den feinsten Restaurants leben, auf schwellenden Divans sich strecken konnte! Zwei enge, wenig sauber gehaltene Treppen! Verwundert klopfte er an eine Thür, die wirklich mit dem Namen des Gesuchten bezeichnet war. Ein einfaches kleines Arbeitszimmer empfing ihn, wo sich auf einem großen dicht an’s Fenster gerückten Tische, Schreibbücher, Bücher, Zirkel, Meßinstrumente und ähnliche Arbeitsbeihülfen eines mit dem Messungswesen beschäftigten Technikers vorfanden. Schon öffnete sich eine Nebenthür und ein mittelgroßer wettergebräunter Mann mit weißen Haaren, mit feurigschwarzen Augen, in einer gestreiften Jacke, ohne Tragbänder für die schlaff herabhängenden Beinkleider, der eben sein Mittagsmahl zu halten schien, herrschte ihn mit den Worten an: Was wünschen Sie? Was wollen Sie? Womit kann ich dienen? Sind Sie nicht irre gegangen?

Sicher ein Geizhals! dachte Ottomar. Er fand nicht sogleich die Sprache. Denn dieser Gatte einer leichtsinnigen jungen Frau, dieser Schlemmer und Schuldenmacher hatte eben einem auf einer Tischkante servirten 64 Mahle zugesprochen, einem Mahle, das kaum aus Fleisch bestand. Wenigstens entdeckte sein schneller Ueberblick nur Kartoffeln, gelbe Rüben und Wurst.

Ich wünsche den Geometer Herrn Marloff zu sprechen – und scheine allerdings irre gegangen –

Der bin ich! Ich habe Aufträge genug! Nehme jetzt keinen mehr an – lautete die unwirsche Bestätigung. Der Mann, dessen Antlitz sich immer mehr röthete, schien den Besucher durch die Thür in’s Vorderzimmer und auf den Vorplatz drängen zu wollen.

Ich komme im Auftrag des Grafen Treuenfels und soll Sie fragen, mit welchem Rechte Sie die unerhörte Forderung von –

Ist nicht mehr meine Sache! unterbrach der Alte mit zornfunkelndem Antlitz. Meine Frau hat die Sache selbst in die Hand genommen! Sie hat nun selbst an den jungen Grafen geschrieben! Lassen Sie mich mit dieser Angelegenheit in Ruhe! Sie berührt mich nicht mehr. Sie stören mich bei meinem Mittagsmahl!

Ich muß gestehen, entgegnete Althing, daß ich von Ihrer wahrscheinlich in Glanz lebenden Gattin mehr Sorge für den Comfort ihres toleranten Mannes vorausgesetzt hatte –

Hahahahaha! lachte der in seinem Mahl gestörte Diogenes mit mephistophelischer Wildheit auf. Herr! 65 fuhr er fort, mit welchem Rechte mischen Sie sich in meine Angelegenheiten? Comfort! Comfort! Ich werde schon wissen, welche Kost mir wohlthut. In drei Teufels Namen – der Gegenstand ist abgemacht! Meine Frau will ihre Forderung selbst betreiben. Der Graf hat ihren Brief heute erhalten und damit lassen Sie mich persönlich in Ruhe! Den Gegenstand berühre ich, wie Sie sich wohl denken können, ungern und ich bin froh, daß ich mich auswärts in der Welt herumtreibe. Uebrigens war Graf Wilhelm ein Ehrenmann. Wir haben nichts Böses im Werke, nur was nothwendig ist! Herr, die Welt ist so, daß man nicht immer ist, was man scheint! Gehorsamer Diener! Adieu!

Es fehlte nicht viel und der Polternde hätte den Bevollmächtigten, der hier kaum seinen Namen nennen, kaum seine Visitenkarte hatte abgeben können, zur Thür hinausgeworfen. Ottomars edle Erscheinung und das „Lieutenant der Reserve“ milderten das Benehmen des Grobians. Rücksicht auf das ärmliche, kalt werdende Mahl und die Anerkennung des Grafen Wilhelm bestimmten Ottomar, sich schon von freien Stücken zurückzuziehen. Aber darum muß ich Sie doch bitten, sagte er sich wendend, dabei aber die Stimme erhebend, den jungen Grafen, meinen Freund, der mich hergesandt hat, weder mit Ihren Besuchen, noch mit Briefen zu 66 beunruhigen! Daß Ihre Gemahlin den Schritt wagt, selbst die Feder zu ergreifen, ist eine wahre Grausamkeit gegen ein trauerndes Herz und eine Unvorsichtigkeit sonder Gleichen gegen die Tante des Grafen!

Die letzten Worte sprach Althing schon auf dem Vorplatz für sich allein. Denn der Alte, in dessen gefurchten Gesichtszügen sich auch keine Spur von einer tiefer gehenden Theilnahme für die ihn so nahe berührende Angelegenheit zeigte, schloß schon die Thüre zu, wie wenn sie nur aus Versehen offen gestanden hätte und warf die innere ebenfalls heftig in’s Schloß. Noch hatte der so spröde Zurückgewiesene in einer Ecke Visirstangen mit bunten Fähnchen, auch an der Wand einen Revolver erblickt. Er hörte nur noch ein unausgesetztes widerwärtiges Papperlapap!

Daß sich hier ein geheimnißvoller Lebensconflict offenbarte, schien nun dem Sendboten außer Zweifel zu sein. Ottomar vergegenwärtigte sich die Beschämung seines Freundes, Zeilen von jener Hand zu erhalten. Es hatten sich welche im Nachlaß vorgefunden. Heruntergekommen bis zum Bettler schien dieser Alte doch nicht. Der mit Scripturen bedeckte Tisch deutete auf eine regelmäßige Beschäftigung. Ein Glaskasten mit ausgestopften Vögeln gehörte vielleicht dem Vermiether der Zimmer an. Aber eine reiche Anzahl von wohlgeordneten Büchern 67 zwischen denen der Revolver gehangen hatte, mußte doch wohl dem vielleicht mit der Welt zerfallenen Sonderling angehören. Er hat vielleicht eine junge Frau geheirathet, sagte sich Ottomar, der seinerseits wie so viele junge Juristen die Gemeinheit der Lebensbeziehungen erst aus der Wissenschaft des Rechts kennen gelernt hatte, sie ist ihm davongelaufen, er mag sie gar nicht wieder haben! Das Einfordern der Abfindungssumme war ein Gefallen, den er ihr noch that. Jetzt will sie selbst handeln. Sie will nun den jungen Grafen zu erobern suchen! – Vor diesem letzten Ergebniß seiner Grübeleien blieb Ottomar wie vor einem grauenhaften Blick in die Zukunft stehen. Es war wie ein elektrisches Licht, das plötzlich eine in Dunkel gehüllte Gegend erleuchtete. Er sah wie in einem Zauberspiegel den Grafen in den Armen einer Circe, sah sich aber auch selbst und Ada Forbeck auf Rossen durch den Park reiten und seine Schwester Helene in der Ferne weinend stehen. Was combinirt sich nicht im Gehirn des Menschen aus den Ansammlungen empfangener ungewohnter Eindrücke!

Und wieder traf ihn ein Gruß, ein holdseliger, diesmal aus einem Wagen. Ada von Forbeck mit ihrer Mutter und sogar dem Bruder jagten an ihm vorüber, schon in gräflich Treuenfels’scher Equipage. Justizrath Luzius hatte ihm merkwürdige Dinge über diese Generalin 68 von Forbeck erzählt. Die Mutter der schönen jungen Braut in schwarzseidenem Kleide mit hellgelben Spitzen und ponceaufarbnen Schleifen, im leichten schwarzen Federhütchen mit rothen Blumen, verwies schon jetzt ihre Rechnungen bei den Mode- und Möbelhändlern auf die Kasse des Grafen und die böse Welt sagte: Max von Forbeck wüßte dabei seine Schulden heimlich mit einzuschmuggeln!

Der Anblick eines Restaurants erinnerte Ottomar an die Mittagszeit und an die Befriedigung seines irdischen Menschen.

69 Viertes Kapitel.#

Einen Bildhauer hat das in solchen Dingen ganz grob fühlende Alterthum einen – Handwerker genannt, nicht einen Künstler!

Vielleicht war das Uebermaß an Statuen, die man im Alterthum setzte, Schuld, wenn Lukianos, der Spötter, die Wissenschaft (nicht die Kunst) der Bildhauerei gegenüberstellte, gleichsam das Geistige dem Gemeinen und einen Jüngling fragte: Willst Du lieber in einem schmutzigen Aufzuge erscheinen, mit Marmorstaub bedeckt, Schwielen an der Hand und wärst Du ein Phidias oder Polyklet in Deinem Fache oder würdest Du Dich nicht schämen, immer nur ein Handwerker, ein Lohnarbeiter zu sein? Fünfhundert Jahre nach der Freundschaft des Perikles mit Phidias, nach eines Apelles’, noch unsern guten Richard Wagner überbietendem colossalen Größenwahn konnte man so über die Stellung der Kunst zur Wissenschaft urtheilen!

70 Althing senior würde im Montagsclub gesagt haben: Das kam daher, weil die alten Künstler arbeiteten und nicht nebenbei über ihre Kunst schriftstellerten! Unsere Recensenten sind ja lauter verdorbne Producenten! Die haben die Maßstäbe dann zum Aerger der Andern, die was können, bis in’s Ungeheure übertrieben!

Wahr ist freilich, ein Bildhaueratelier muß schon sehr von hochgezogenen Myrthen und Oleandern beschattet sein, muß sorgsam gepflegte Beete mit allerlei ausgewählten Saisonblumen und bunter Steinchenmosaik und Berieselung durch ein Springbrünnelein um sich haben, um die Spuren des theilweise in die gewöhnliche Steinmetzarbeit übergehenden Geschäfts zu verdecken.

Für den Handwerker im Bildhauer treten untergeordnete Hülfsarbeiter ein, sogenannte Punktirer, die nach bestimmten, vom Meister angezeigten Punkten den Marmor behauen und ihn dem Bilde, das der edle Stein vorstellen soll, entgegenführen.

Plümicke und Blaumeißel hießen Meister Althings seit Jahren beschäftigte Punktirer. Der erstere wohnte sogar im obersten Stock des Ateliers, also einer Dachwohnung, wo der Mensch beständig gebückt und wider Willen demüthig einhergehen mußte. Er hatte das Wächteramt über die etwas tief im Garten des so „hochfeinen“ Hauses, das Althing bewohnte, gelegene Werk-71stätte. Einige noch nicht von der Bau-Manie vertilgte Tannen, eine grüne Fläche sogar, sorgfältig von Buchsbaum eingefriedigt, aber doch zum Wäschetrocknen bestimmt, doch nur für den Hauswirth, reizte diesen Herrn, einen ehemaligen Bierwirth, jetzt Rentier, zuweilen an ein Losschlagen dieser noch etwas an die alte Vorzeit erinnernden einst waldigen Gegend zu denken. Dann würde an seinen Tannen, an einigen weißschimmernden Birken das verhängnißvolle Wort „Baustelle“ erblickt worden sein. Die Dryade, wie die Lyriker sagen würden, würde geweint und Althing sein stilles, bequemes Atelier verloren haben.

Plümicke war hier der unfreiwillig demüthige „Waldbewohner“, Junggesell, während Blaumeißel für Familie gesorgt oder zu sorgen hatte und täglich durch die Pferde-Eisenbahn wie aus einer andern Weltgegend herüberkommen mußte, wo die Miethen wohlfeiler waren, obschon er en gros miethete. Denn er vermiethete chambre garnie. Der Meister sorgte, daß wenigstens Plümicke immer bei ihm zu thun hatte. Blaumeißeln gab er, wenn er diesen selbst nicht beschäftigen konnte, zuweilen leihweise in andere Ateliers, in die der vom Hof begünstigten Civil- und Militärstatuenbildhauer, die, wenn sie sonst Nichts zu thun haben, Jahr ein, Jahr aus Victorien machen, die immer abgehen, jedoch mit dem 72 Versprechen, bei ihm wieder einzutreten, so oft er seiner bedurfte. Das hatte er ihm auf Handgelöbniß als Verpflichtung abgenommen und noch war kein Contractbruch erfolgt, obschon Blaumeißel eine Frau hatte, die ihren Mann zu Socialdemokratie reizte. Denn Frau Blaumeißel – Halbpolin aus dem Osten – war vergnügungssüchtig, hübsch und reizte ihren Mann, an den Versammlungen theilzunehmen, wo man bei einem Seidel Bier nach dem andern so viel Kräftiges über das „Elend des Volks“ zu hören bekam; Referendar Theodorich war jetzt ihr Miether und sprach entzückt von ihrem Schmorbraten. Er hatte Talent zum Gourmand und ließ sich ganz von ihr verköstigen.

Das Atelier bestand aus zwei großen Räumen und allerlei kleinem Winkelwerk. Selbst eine Hundehütte, die zum Ganzen gehörte, aber unbelebt war, wurde für das Handwerkszeug benutzt.

Meister Althing ließ die Verbindungsthür gern offen. Er sprach wenig, hörte aber gern zu, wenn Andere sprachen, und seine beiden Gehülfen konnten schweigend nicht arbeiten. Die Bildung fängt erst da an, wo man die Kraft besitzt, seinen Aeußerungstrieb zu meistern.

Plümicke, thun Sie das nicht! sagte heute Meister Althing im Arbeiten, als dieser, ein zum Glück kleiner, aber doch breitschultrig gebauter Mann mit treuherzig 73 blauen Augen und nicht übermäßig intelligenten Gesichtszügen, auf ein Lieblings­thema zurückgekommen war, thun Sie das doch nicht! Muß ich mir schon die Tortur für Ihr Rückgrat da oben denken, wie nun erst, wenn Sie sich diesen Schaden noch freiwillig anthun wollen.

Herr Professor! fiel Blaumeißel ein. Plümicke droht auch nur damit! Es sind die grünen Gemüse, die hier im Garten wachsen könnten! Die bringen ihn auf Spinat und Eier! Bei uns braucht er nur zu riechen und er kehrt wieder um. Ein Metzger wohnt mir ja gegenüber.

Prrrr! sagte Plümicke, sich schüttelnd.

Und denken Sie auch an den Luxus! fuhr Althing in guter Laune fort und rügte sogar den „Professor“ nicht, den sich Blaumeißel aus andern Ateliers angewöhnt hatte, Sie wollen sparen und was die Eier jetzt für eine Ausgabe sind – Er verschluckte die Worte: Das hör’ ich ja täglich bei Tisch.

Was die Eier anbelangt, rief Blaumeißel, so will er sich an eine Glanzlederfabrik wenden! Die kauft die Eier tausendweise und kann nur das Weiße brauchen. Das Gelbe wird tonnenweise an die Hotels und Restaurationen verkauft! Ein schöner Mansch! Aber warum? Er kann sich immer so einen Topf voll Eiergelb zum 74 Eierkuchen oder so was halten. Butter ist ja bei dem Schwindel erlaubt.

Plümicke war schon etwas Bramine geworden. Schwindel! rief er, durch den Gemüsegenuß zu Schopenhauers „schmerzlichem Mitleiden“ gestimmt. Leider fehlte ihm noch der rechte Muth, das auszuführen, was er im Princip durchaus anerkannte. Eine Bratwurst aus einer nahe gelegenen Garküche, von Blaumeißel vor seinen Augen boshaft verzehrt, konnte ihm doch noch immer Tantalusqualen bereiten. Oft schon wollte er mit der Wirthin einer nahe gelegenen Restauration über diesen Fortschritt der Zeit eine ernste Verhandlung einleiten, da aber fiel sein Blick auf den Speisezettel, der täglich auf ein saubres Tischtuch gelegt wurde, und der Muth, dies Papier für ein Verderben der Menschheit zu erklären, entsank ihm. Bei jener letzten lange währenden Beschäftigung in der auszuschmückenden entlegenen Kirche wäre er nahe daran gewesen, ganz „überzutreten“; denn die Verpflegung in jenem Viertel war für theures Geld „unter der Würde“. Das Pferdefleisch dominirte. Er war in Bezug auf Pflanzenkost noch auf dem Standpunkt Gretchens beim Blumenzupfen: Liebt er mich? Liebt er mich nicht? Blaumeißel berührte ihn an einer empfindlichen Stelle, seiner Unentschlossenheit. Es ging ja auch so bei ihm mit dem Heirathen.

75 Blaumeißel that sich auf seine Polakkin, eine geborne Ziporovius, ungemein viel zu Gute und rühmte deren Kochkunst, worauf aber der Meister Schweigen gebot. Sein Sohn Ottomar hatte einmal bei Frau Micheline gewohnt und war bald fortgezogen. Sein Nachfolger Dieterici schien an den zwei Parterrezimmern mehr Gefallen zu finden.

Die Mutter Helenens pflegte nach Tisch ein wenig zu ruhen. Der Vater ging gleich wieder an die Arbeit. Helene nahm sich dann ein Buch oder eine weibliche Arbeit und benutzte denjenigen Theil des Gartens, der als die nächste Umgebung des Ateliers den Bewohnern des vierten Stocks nicht versagt werden konnte. Vorn, wo noch die schönsten Dahlien prangten, noch eine halbverwelkte Gardeniengruppe an den berauschenden Duft erinnerte, den sie in ihrer Blüthe verbreitet hatte, dort, wo eine aus einer Fabrik gekaufte broncene Flora mit zu kurzen Armen und zu langen Beinen unter symmetrisch geordneten Blumen stand – Althing hätte das Machwerk immer mit dem Fuß umstoßen mögen – da war nur die gebildete Familie des Wirths zu Hause, die ehemalige Schänkmamsell, der ehemalige Hausknecht. Die andern Miether – und ob das Parterre auch der brasilianische Gesandte bewohnte, den ersten Stock ein General, den dritten ein Aristokrat, der 76 zum Glück fast den ganzen Sommer in Bädern oder auf seinen Gütern war – waren vom Gartengenuß ausgeschlossen.

Helene trat bei der warmen Herbstluft noch im fast sommerlichen hellgrauen Kleide von leichtem Wollenstoff, die Stickerei einer kleinen Spitze in der Hand, in den Raum ein, an dem man sich mit der Benennung Park versündigte. Ihr röthlich blondes Haar lag in dichten Flechten bis in den Nacken. Ihre Haut war durchsichtig weiß. Ihr Lächeln zeigte kleine weiße Zähne. Das Ebenmaß ihres Baues ließ sie groß erscheinen, obschon sie es nicht war. Sie reichte ihrem Bruder mit dem Kinn nur bis an die Schulter und mußte sich auf die Zehen stützen, wenn sie ihm zu seinem Geburtstag einmal auf die Wange einen Kuß geben durfte. Sonst kommt dergleichen bei ihm nicht vor! konnte sie wohl mit scherzhafter Trauer sprechen.

Helene hörte jetzt nur sprechen. Sie schwieg. Lange konnte das Gebot des Schweigens im Vorzimmer nicht gehalten bleiben.

Plümicke macht Eure Vereinsspäße mit! hatte denn auch der Meister selbst etwas nachdrucksvoll gesagt. Die Anwesenheit seiner Tochter störte ihn nicht in seiner Arbeit. Er modellirte in Thon. Ihr, die Ihr Künstler seid, solltet Euch doch nicht mit solchen Cigarren-77wicklern auf eine und dieselbe Linie stellen! meinte er brummend.

Herr Professor, da ist – wollte eben Blaumeißel sagen, wurde jetzt aber von diesem mit einem ärgerlichen: Laßt den verfluchten Titel! unterbrochen. Ich werde Euch gar nicht mehr ausleihen, Blaumeißel! Ihr kommt mir, mit Respect zu sagen, wie ein Jagdhund vor, den man auch zu seinem Verderben ausleiht! Kommt so ein Vieh zurück, so hat’s manchmal Manieren zum Todtschießen!

Prr! Papa, Papa! rief Helene in die Arbeitsräume hinein. Sie hatte das letzte Wort gehört.

Plümicke schüttelte den Kopf und sah den Collegen Blaumeißel an, der doch wissen mußte, was hier in diesem Atelier über den Professortitel gelten mußte.

Ich bin Professor, rief Althing. Sie haben mir diesen Titel geschickt, als die Modelle zu den Ornamenten der Kirche in der Ausstellung hingen! Ich war darüber außer mir. Ein Professor und ein Künstler reimen sich nicht! Professor ist für’s Zünftische, Abgelernte, und bildende Kunst ist frei. Meinetwegen mag es auch Kunstprofessoren geben. Aber der Künstler ist fast immer hin, sobald er Professor wird! Da hängt einem der Zopf ellenlang über den Rücken und kriegt Prätensionen wie die Gicht von der feuchten Mauer, an der man des 78 Nachts schläft! Ich konnte die Auszeichnung, die man mir zu geben glaubte, nicht ablehnen – wer setzt sich gern der Rache einer Behörde aus oder des Menschen, der die Behörde vorstellt? Aber Gebrauch habe ich von meinem Professor nicht gemacht und hänge ihn, wie manchen andern Professor, an den Nagel. Also, Blaumeißel! Gute Freunde! Aber nicht Professor!

Dann kam Althing, wieder mildreich geworden, auf die Enthüllungen über das Besuchen der Vereine und wollte Genaueres hören.

Künstler, Herr Pro –, fing Blaumeißel schon wieder an, verbesserte sich aber sogleich: Herr Althing! Da haben Sie Recht! Das fühle ich mich auch und davon lasse ich mich nicht abbringen. Blaumeißel! sagte ich mir, als ich in Schlesien geboren wurde, wollte ich sagen, als ich über meinen Namen nachzudenken anfing. Aber das war schon frühe – Meißel? Was ist ein Meißel? Folglich Steinmetz! sagte ich mir, und dann noch höher, die liebe Blaumeise, der Vogel! Daß ich dies blos mit Verkleinerung aus purer Liebkosung heiße, wie meine Frau behauptet, ich glaube das nicht. Aber der Schein kann trügen. Und das ist eigen an meiner Frau. Sie hat das Gesumme Abends in der Gesellschaft so gern. Wenn so die Lichter in den Tulpengläsern brennen und die Musikanten spielen und die Kellner rennen und die 79 Seidel rasseln und von links und von rechts kommt der Bratenduft –

Dann regt sich die ehemalige polnische Köchin! sagte Althing entschieden.

Dieser Bratenduft, den Sie da eben schildern, meinte Plümicke, der kann seines üblen Gestankes wegen zum Vegetarianer machen.

Helene las immer fort in ihrem Buche und hörte nur halb zu.

Ach, wenn Plümicke erst mein Schwager wird – sagte Blaumeißel, wie ihn bohrend.

Plümicke schien außer sich über diese Indiscretion. Seine Blicke der Beschämung und des Zornes fing der Marmor auf.

Was? fragten Althing und Helene zu gleicher Zeit.

Ja, meine Schwägerin! Die hat’s ihm angethan, fuhr Blaumeißel unliebsam fort. Josefa heißt sie und ist erst angekommen aus Polen. Freilich muß sie dienen und hat auch gleich einen guten Posten bekommen bei – Wer war’s doch?

Plümicke unterstützte die Gedächtnißschwäche seines Collegen mit Nennung des Namens Frau von Marloff.

Er stotterte die Ergänzung vor Verlegenheit.

Der Künstler lebt nicht, wie man gewöhnlich behauptet, im Reich des Unbewußten. Seine Welt ist ihm 80 im Gegentheil sehr wohl bewußt. Nur für den gewöhnlichen Lauf der Dinge thut er vieles unbewußt und so begrüßte Althing sein „goldenes Lenchen“ auch erst nach einer Partie in der Vorzeichnung des Monumentes, an die er sich machte, ehe er auf sie achtete. Hier giebt’s Hochzeit! sagte er jetzt wie im Traume und als wenn Helene es nicht selbst gehört hätte; Plümicke geht auf Freiers Füßen!

Herr Althing! Herr Althing! protestirte dieser heftig.

Er wird Socialdemokrat, Vegetarianer, wenn es seine Frau erlaubt, er heirathet eine Schwester von Frau Michaeline Ziporovius. Dann kann die Mutter endlich oben die Dachkammer für ihr altes Gerümpel kriegen! Stehlen wird uns ja doch hier Keiner was!

Nun, das wäre ja noch schöner! rief Plümicke, als sich sogar Helene anschickte ihm zu gratuliren. Hier wollen Sie Sicherheit? Vorgestern haben sie 25 Individuen aufgegriffen, die bei „Mutter Grün“ geschlafen haben. Und ich habe sie überhaupt erst zweimal gesehen, diese Mamsell! Jetzt ist sie in eine Stellung gezogen bei einer einzelnen, von ihrem Manne getrennten Dame. Wer weiß, ob ich sie je wieder zu sehen bekomme! Nein, Herr Althing, der Kampf um’s Dasein wird zwar immer schwieriger, immer kostspieliger und zwei Hände mehr, die da zugreifen und verdienen helfen –

81 Kampf um’s Dasein? Das sind Streikgedanken, mit denen Ihr umgeht, Plümicke! rief Helene. Das habt Ihr aus den Versammlungen mitgebracht! Martha Ehlerdt hat mir Schreckensdinge davon erzählt! Was seh’ ich! Da ist sie ja! unterbrach sie sich mit freudigem Ausruf, sprang zum Atelier hinaus und eilte einem jungen Mädchen, das in wärmerer Herbstkleidung, stahlblauer, einfacher Straßenkleidung, über und über erröthet, rasch eilend in den Garten sprang, Helene umarmte und küßte mit den Worten: Ich wollte Dich nur im Vorbeifahren begrüßen! Draußen steht unser Wagen! Ich muß herumkutschiren, um all die Commissionen auszuführen für den Frauenverein, die unsere Commerzienräthin übernimmt, als wäre sie noch die Rüstigste, und hernach ist sie krank und Alles fällt auf mich –!

Helene kannte schon die wunderlichen Verhältnisse im Hause des Doctor Wolny, den ihr Bruder oft den unglücklichsten Menschen unter der Sonne nannte.

Inzwischen war Martha schon in’s Atelier gesprungen und hatte die Hülfsarbeiter und den Meister begrüßt. Sie schüttelte diesem kräftig die Hand, die er eine Weile freigeben mußte von seiner Arbeit. Warum so eilig? fragte er ruhig.

Helene war nachgekommen.

82 Du kommst so selten! Ich rufe die Mutter herunter, sagte sie.

Nein, nein, ich springe hinauf! erwiderte die schlanke, plastisch geformte Martha. Ach, was sind mir vier Treppen! Und gar die Euern! Wie beim Kaiser sind die ja prächtig! Aber die Treppen, die ich heute schon gestiegen bin! Bei Wöchnerinnen, Wittwen, buckligen Lehrerinnen, erblindeten Stickerinnen – und dabei Commissionen für alle Modemagazine und beim Italiener in der Frankenstraße für die neuesten Ankömmlinge aus der See, für Lachs und Hummer – und bis zur Mittagsstunde, vier Uhr (wir haben ein Diner) muß Alles wieder zur Stelle sein –

Und dabei, fiel Althing mit Schärfe und seiner Arbeiter wegen Schroffheit ein, wie ich in der Zeitung lese, Streik in Ihrer Fabrik! Ihr Bruder, der Hauptaufwiegler der Leute! Sagen Sie ihm nur, daß ich Debatten vermeiden und ihm nicht gern begegnen möchte!

Das junonisch gewachsene Mädchen, das dem Künstler immer den der „Sonne der Nacht“ angehörenden Gedanken weckte: Das wäre recht ein Modell! bebte zusammen. Eine Thräne schlich sich in ihr Auge. Helene sagte, den Arm um die Freundin schlingend: Papa meint es nicht so bös! Sie zog Martha wieder hinaus in’s Freie.

83 Nun regte sich Althings weiches Gemüth. Er stand rasch auf, begleitete den Besuch und fing ganz leutselig mit ihm zu plaudern an. Aber warum gehen Sie schon? Die Mutter wird sich recht freuen, Sie zu sehen! Sie waren lange nicht da! Und dazu noch diese Modekrankheit, das menschliche Elend lindern! Haha! lachte er, doch ohne Bitterkeit; wie sich das nun ausnimmt! Die Frau Doctorin oder wie sie sich aus ihrer ersten Ehe lieber nennen hört, Frau Commerzienrath, sitzt mit Gräfinnen und Geheimräthinnen Comité und Sie, das Fräulein Ehlerdt, müssen die Sache selbst besorgen –

Ich thu’ es gern! Ich thu’ es gern –! erwiderte Martha tonlos. Daß der Professor ihrem Bruder gleichsam das Haus verboten hatte, war ihr ein schmerzlicher Stich in’s Herz. Denn ihr Bruder, ein wissenschaftlich und praktisch gebildeter Techniker, hatte von je (nachbarliches Wohnen hatte die Freundschaft der Familien veranlaßt; Marthas Eltern waren früh gestorben) an Helenen, wie an seinem Ideal gehangen. Aber freilich, wie hatte sich der noch jetzt zuweilen sich einfindende Bewerber verändert! Einsilbig folgte Martha ihrer Freundin, um noch die Mutter zu begrüßen.

Althing, der, heute ein Nonplusultra von Höflichkeit, Begleitung bis über die abscheuliche „Flora“ hinaus, zu Stande gebracht hatte, kehrte in sein Atelier zurück.

84 Ein schönes Mädchen! sagten jetzt beide Gehülfen mit dem für Althing wohlverständlichen Accent, als wollten sie sagen: Wenn Die Act stehen wollte! Das gäbe eine Minerva mit Schild und Speer!

Und Althing träumte dergleichen wohl auch, als er zurückkehrte zu seinen trüben Grabesideen. Aber schon längst war Alles das bei ihm – Reminiscenz! Er war in Italien gewesen, er hatte in München gelebt, hatte Schönes, das die Natur geschaffen, Lebenvolles, nachgebildet. Reich war seine Mappe an Eindrücken und er sagte wohl: Der Hauch der Erinnerung, der mir aus diesem schönen Einst entgegenweht, es kann ihn mir keine noch so blühende Gegenwart ersetzen!

Wie Raimund Ehlerdt die Massen bezauberte, davon bekam der Professor jetzt ein Beispiel. Er hatte gewiß deutlich genug seine Abneigung gegen den in Wolnys Fabrik angestellten Dirigenten der Ciselirwerkstätte ausgesprochen und doch sagte Blaumeißel ganz vernehmlich (er stritt mit Plümicke): Ach was! Wer soll denn die Kinder zu Hause bewachen! Und wir gehen ja auch nur, wenn Herr Raimund Ehlerdt spricht! Das kommt doch nicht alle Tage vor!

Althing hatte sich gesetzt und wieder zu arbeiten angefangen.

85 Nach einer Pause sagte Plümicke: Ich versichere Sie, Herr Althing, wenn ich nicht im Begriff wäre, Vegetarianer zu werden und allem Fleischgeruch aus dem Wege zu gehen, so würde ich blos einmal in die Thierarzneischule gehen und da fragen, ob der Ochse oder der Mensch stärkere Lungen hat. Denn wenn dieser Mann, dieser Ehlerdt, das Wort „Capital“ so über fünfhundert Köpfe und tausend Bierseidel (fünfhundert sind leer und noch nicht ausgespült) hinwegschleudert, ich sage Ihnen, das ist denn doch grade, wie wenn ich immer bei Schillern gelesen habe: Personenverzeichniß von Wilhelm Tell – der Stier von Uri!

Und nun „der Bourgeois“ –! meinte Blaumeißel. Hurrah!

Und „Schulze-Delitzsch“ ergänzte etwas schüchtern Plümicke. Das ist doch gerade, als wollte er diesen Mann in den Abgrund werfen, wo Heulen und Zähnklappern ist!

Kommt auch Leichenverbrennung vor? fragte der Meister, der eben eine umgekehrte Fackel modellirte.

Dies etwas schauerliche Thema bildete sonderbarer Weise einen Grenzstein, auf welchen allgemeines Stillschweigen erfolgte. Denn beide Gehülfen wußten, daß Althing die Leichenverbrennung als das Ende der Plastik bezeichnet hatte. Nun hatte aber grade neulich Helenens Mutter hier unten beim Plaudern im Atelier Einspruch 86 gethan und gesagt, grade im Alterthum, wo die Leichen verbrannt wurden, hätte sich doch die Bildhauerkunst in einem so überaus blühenden Zustande befunden! Worauf aber der Herr Principal mit dem Bemerken erwiderte, die moderne Bildhauerkunst sei auf den Glauben an die Unsterblichkeit der Seele begründet. Die Alten hätten diese feste Zuversicht der Christen nicht nöthig gehabt, da die Motive ihrer Kunstpflege in andern Dingen gelegen hätten. Diese letzteren wären nun fast sämmtlich bei uns untergegangen. Kein Gott hätte wahre Kunstliebe in den Zeiten der Barbarei, wie sie gegenwärtig herrschten, wieder heraufbeschwören können! Die Kunstliebe hätte sich immer hinter etwas flüchten müssen, was ihr gleichsam einen nothdürftigen Vorwand zum Existiren gegeben hätte. Das Verbrennen der Leichen nun, hatte Althing gesagt, wird uns ein paar Bestellungen zu Urnen bringen; aber die machen zuletzt die Töpfer aus gebranntem Thon auch. Unserm Hauptverdienst, die Gräber zu schmücken, fehlt mit Leichenverbrennung die Unterlage, die Liebe zur festgehaltenen menschlichen Gestalt. Mit dem Bilde der sofortigen Zerstörung derselben geht unbewußt im Menschen auch das Interesse, diese Gestalt sich in der Erinnerung zu erhalten, verloren. Wenn man nicht glaubt, daß über die Kirchhöfe in stillen Nächten bei Mondenglanz weiße Nebelgestalten wallen, sich um die Leiden der Zurück-87gebliebenen härmen, gern von dem furchtbaren Geheimniß der Schöpfung sprechen möchten, wenn ihnen nicht der Mund geschlossen wäre, dann ist es auch nichts mehr mit unsern Monumenten und Statuen. Aus Nichts wird Nichts – ! Also hatte der Alte gesprochen und nun hüteten sich Blaumeißel und Plümicke wohl, die Sache auf’s Tapet zu bringen.

Inzwischen kam die Tochter des Meisters wieder zurück und nicht allein. Nicht wenig überrascht war Althing, als er wieder aufstehen und sein Käppchen ziehen mußte.

Er erblickte den neulichen Besuch, den Grafen Udo. Freundlich schon mit Helenen, die ihn am Hausthor beim Zurückbegleiten der in eine prächtige Equipage einsteigenden Martha empfangen hatte, lenkten Beide ihre Schritte dem Atelier zu. Der Graf war in Trauer. Am Hut sah man den Flor.

Ich wollte doch, sprach er mit der ihm eigenen, leichten wohltönenden Stimme, bei einem Spaziergang, der mich vorüberführt, die Gelegenheit nicht unbenutzt lassen, vorzusprechen in Ihrem Atelier, und wenn Sie Nichts dagegen haben, Herr Althing, thue ich das öfter!

Gehen Sie denn nicht sobald, erwiderte Althing ausweichend, in jenes schöne Land zurück – war es Spanien oder Portugal –?

88 Das allzuhäufige Auf-die-Finger-sehen liebte er nicht.

Wo die Mandeln röthlich glühn – fiel Helene ein, um die Schärfe der väterlichen Erwiderung zu mildern.

Und die Rosen schöner blühn, glauben Sie? fiel der Graf wieder ein und sog die Lichtstrahlen, die aus Helenens großen blauen Augen fielen, ein. Glauben Sie doch das nicht, Fräulein! Deutschland hat viel schönere Rosen, als Portugal!

Der Vater unterbrach diese Unterhaltung mit dem Poltern über das Nichtvorhandensein von Stühlen, da Alles mit Zeichnungen und Gypsmodellen belegt war.

Aber Graf Udo hatte schon den Fenstersims als Sitz erkoren, dicht neben dem Schemel des Meisters. Das doppelte Licht, das von oben und durch die Fenster fiel, gab allen Köpfen einen schärfern Ausdruck, hob die Schönheit dessen, der schön war, das Charakteristische da, wo man Charakter besaß. Mit scharfem Blick musterte der Graf aus geziemender Entfernung Althings Arbeit. Wie schöne Sachen Sie hier ringsum haben! sagte er und musterte dabei die Wände, die Winkel und sah doch immer nur auf die lichtbestrahlte goldhaarige Helene, die über die Rosen Deutschlands ihre Stickerei wieder vorgenommen hatte, und nach mehrfachem Bezeichnen des vom Grafen an den Wänden Entdeckten, ein auffallendes 89 Wort des fortarbeitenden Vaters: Unser Rechenknecht! dahin erläuterte: Papa meint die Arme, Beine, Köpfe, die da all’ herumhängen! Er besinnt sich nicht gern darauf, daß er ein ganzes Jahr auf der Universität Anatomie studirt hat! Die garstigen Gypsstücke müssen ihn dann daran erinnern! Nur bei Tisch, wo es gerade am wenigsten hingehört und wo Mama, die ihm das Tranchiren abgenommen hat, manchmal ihre Noth mit einem Braten hat, wendet er seine anatomischen Kenntnisse für die Lage der Rippen bei Gänsen oder die Flügelstücke bei Enten an –!

Der Graf lachte herzlich. Die Rede war so dreist, so unbefangen. Ada von Forbeck war ähnlichen Humors, aber ohne den Grundton des Gemüths. Er strich sich seinen Hut, dessen Florumhüllung etwas vom Kalkstaub abbekommen hatte. Plümicke brachte eine Bürste.

Wenn Sie mir vertrauen, sagte Helene, nähe ich Ihnen den Flor besser an. Hier habe ich mein Nähzeug nicht. Ich nehme ihn hinauf!

Vier Treppen! Um’s Himmels Willen nicht! rief der Graf. Mein Diener, ein Franzose, glaubt sich so gut auf die Nähnadel zu verstehen –! Sie haben Recht, der Flor wird bald abfallen.

Da geht man in einen Hutladen, sagte Helene, und läßt sich das von den Hutnähterinnen machen –

90 Das hätte ich auch gethan, Fräulein! Aber ich bin sehr, sehr geizig!

So wurde ganz leicht und zum Lachen hin und her geplaudert. Die Hutnähterinnen hätten die Debatte wieder beinahe in’s „sociale Problem“ gebracht, denn die Frauenloosfrage nahmen beide Mädchen, Martha und Helene, sehr ernst und jene hatte noch auf den Treppen von ihren Arrangements für die ihr empfohlenen Unglücklichen gesprochen.

Aber mit einem: Wie schön! Wie sinnig! unterbrach der Graf dann wieder das leichte Gespräch, wenn er ein Reliefporträt oder eine Gruppe, eine ideale Einzelfigur längere Zeit betrachtet hatte.

Wir können nicht Alle Siegesmonumente bauen, sagte Al­thing, oder auf die Eitelkeit unsrer großen Männer spe­culiren oder in den Büchern stöbern: Was könnte man wohl als Säcular­erinnerung in Trab bringen mit Hülfe eines guten Freundes? Welcher Dichter, welcher Musiker ist vor hundert Jahren geboren? Oder welche Stadt besitzt Mittel genug, um dem Einführer der Kartoffeln nach Europa ein Denkmal grade heraus wie aus dem Schulbuch zu setzen? Da muß man für die Industrie, die Bronzeure, die Ciseleure nachdenken! Sehen Sie dort den Untersetzer zu einer Lampe!

91 Auf dies Wort des Vaters sprang Helene hinzu, um Mehreres wegzurücken, was drei verbundene Graziengestalten verdeckte, die auf ihren ausgestreckten Armen die Lampe trugen. Die Schwingung der Gewänder und die Haltung der Körper war dabei so wohl bemessen, daß das Ganze in einem Salon einen reizenden Eindruck machen mußte.

Diese Tänzerin gleicht Ihnen, Fräulein! Unbedingt! Sie sind es! sagte der Graf.

Helene schwieg erröthend. Es sind Alles Porträts! Das ist eine Freundin von mir, die eben hier war – Martha Ehlerdt – das bin ich und das ist – Mama –!

Ich hätte auch Ihre Frau Mutter erkannt haben sollen! meinte der Graf.

Als sie jung war! rief der Vater, worauf Plümicke, der nicht gern allzulange schwieg, Oberwasser bekam und ausrief: Nicht wahr, Blaumeißel, die Form ist noch da?

So bestelle ich – drei Exemplare – ich verschenke die Lampen –! rief der Graf. Seine Stimme war dabei schwankend. War er doch nicht recht sicher, ob ihm gelang, dem Künstler einen Verdienst zuzuwenden und es doch nicht erkennen zu lassen, daß dies seine Absicht war. Sein wahres Motiv: Interesse an Helenens lieblichen Zügen, suchte er zu verschleiern.

92 Sie wollen uns in die Mode bringen! sagte Helene mit einer gewissen Zaghaftigkeit und blickte auf den Vater, von dem sie wußte, daß im Punkte des Erwerbs seine Worte seinen Empfindungen widersprachen. Die Erwerbsfrage war ihm im Künstlerleben das Allerwiderwärtigste. Dennoch konnte er mit Schärfe an jene eben angezogene Stelle eines alten Schriftstellers erinnern, aus der man ersah, daß der Hochmuth manches Künstlers, eines Phidias, eines Zeuxis, Apelles, sich herleiten läßt aus dem Gefühl, daß sie Alle Handwerker, keine freien Bürger waren.

Die Form zum Erzguß des hier in Gyps wiedergegebenen Modells befand sich in einer großen Broncefabrik. Für jedes verkaufte Exemplar hatte der Künstler einen Antheil.

Das wird Sie wieder ein schönes Geld kosten! sagte Helene zum Grafen, und am Ende sitzt einmal mein Bruder beim Schein dieser Lampe bei Ihnen und bekommt meines Vaters Arbeit und mein Gesicht so von Jemand, der Ihre Cigarren mitraucht, analysirt, daß wir die Bestellung bitter bereuen!

Der Graf mußte lachen. Und die Stimmung wurde so heiter, daß Plümicke förmlich wie freudig im Triumphton rufen konnte: Herr Ottomar!

Und nun keine Stühle! sagte Helene.

93 Jetzt bot der Bildhauer den seinigen. Er fürchtete sich, von seinem Sohne über die nicht abgelegte Gewohnheit des Weiterarbeitens bei Besuchen gezankt zu werden.

Ottomar war erstaunt, den Grafen zu finden, den er später zu besuchen gedachte. Er hatte sich, theils weil er des Grafen Eßstunde zu stören fürchtete, theils weil er noch einiger Sammlung für das von ihm Mitzutheilende und zu Erwartende bedurfte, den Spaziergang durch den Park und den Abstecher bei den Seinigen gönnen wollen.

Ich halte Dich heute für den vollen Abend fest, sagte der Graf zum Erstaunen des ganzen Ateliers über das eingeführte Du. Wir mußten heute viel früher unser Mittagsmahl nehmen als gewöhnlich, denn meine Tante thut heute den ersten Schritt wieder in die Welt. Mit der Erledigung der Denkmalfrage fiel es ihr wie ein Stein vom Herzen! Sie ist schon lange die Präsidentin eines Damenvereins für – ich weiß nicht – welche Zwecke – und da hat man sie so lange gequält –

Für Wohl und Bildung der Frauen – ergänzte Helene, gleichsam zurechtweisend.

Richtig! Gut, gut! Allen Respect! nahm der Graf seine Rede wieder auf. Aber die Sachlage ist die: Die Sitzungen haben seit einer Ewigkeit nicht stattgefunden, der Kassirer ist mit dem Gelde durchgegangen, 94 der Secretair ist auf einen Posten in der Provinz befördert worden, ich, ich wollte erst Protokoll führen – aber ich gestehe, ich gönne einem Andern dies ohnehin bezahlte Amt. Es bringt ihm die interessantesten weiblichen Beziehungen, eine jährliche Pension von dreihundert Thalern und jeden Falls zu jeder Weihnacht einen Pelz oder dergleichen. Lieber Althing, nimm Du die Stelle! Von jeder Dame bekommst Du vor Entzücken einen Kuß! Die Jüngste ist, glaube ich, fünf und fünfzig Jahre alt.

Ottomar schwieg. Das ganze Atelier war stumm. Der Vater war an sich vollkommen befriedigt. Und daß das hier so laut herauskam, störte ihn ebenfalls nicht. Der Sohn schien ja damit förmlich zu wachsen. Ottomar sagte entschlossen: Das kann man ja überlegen! Und Helenens kluge Art beugte jeder Mißstimmung durch die Bemerkung vor: Ach, darum war die arme Martha herumkutschirt! Diese Sitzungen haben also lange nicht stattgefunden! Nun kann ich mir denken, die vielleicht vor sechs Monaten der Commerzienräthin empfohlenen Unglücklichen wurden erst jetzt, rasch vor der Sitzung, besucht! Inzwischen sind die Armen verdorben und gestorben!

Ottomar begriff diese Bemerkung schnell, auch die anwesende Socialdemokratie und der Vater. Dunkler blieb sie dem Grafen.

95 Nun, sagte Ottomar, ich werde nur eine Bedingung stellen. Die Frau meines Principals, Frau Justizrath Luzius, hat mir die dringende Bitte an’s Herz gelegt, bei Dir und der Frau Gräfin dahin zu wirken, daß sie auch in’s Comité aufgenommen werde.

Die Sucht, sich mit hervorragenden Namen in den Blättern genannt zu sehen, eine von den kläglichen Offenbarungen, wie schlechte Folgen die besten Dinge nach sich ziehen können, kannte Graf Udo noch gar nicht. Das wird sich ja machen lassen! sagte er. Stelle nur diese Bedingung!

Wie wuchs Ottomar! Bisher hatte wohl Blaumeißel manchmal geflüstert: Lieutenant ohne Gage, Referendar ohne Gage, Lohnschreiber bei einem Advokaten, die Mutter besorgt seine Wäsche, und der Alte muß immer noch zuschießen . . . Ottomar hatte sein Chambre garnie bei ihm zu theuer gefunden und daß es bei ihm zuviel nach Zwiebeln röche.

Helenens Kunst der unterhaltenden Verstrickung zwischen den drei Männern, die jetzt sogar in den unerlaubten Räumen des Gartens auf- und abwandelten, ihre Kunst, lichte Fäden zu ziehen, die sich um die Wandelnden wie Sommerfäden legten, mußte dem Grafen bewunderungswerth erscheinen. Und dabei sah das kluge Mädchen, was der Graf gar nicht wußte, voll Angst, 96 wie der philisterhafte Sinn des Hausbesitzers sich schon regte und im Parterrefenster lange Gesichter glotzten mit Verwunderung. Kinder wurden in den Garten geschickt, die sich auf ihren Spielplätzen tummeln sollten. Zuletzt erschien die Mutter des ehemaligen Bierwirths und machte Miene, sich trotz der schon kühlen Abendluft in eine wie ein Vogelgebauer geformte putzige Laube von gefärbtem Draht zu setzen. Alles nur, um den Bildhauer an § 11 seines Miethscontractes zu erinnern.

Als Ottomar das Verhältniß erklärt hatte, sagte der Vater: Die den Urbewohnern dieser Stadt angeborne hämische Mißgunst leite ich von der Zeit der Pfahlbauten her. Die Stadt war früher Pfahlbaute, das Gewerbe Fischerei. Wenn die Fische in das Netz des Einen gingen, vermieden sie das Netz des Andern! Alle Seeleute sind Egoisten.

Jetzt sah man auch schon das rothe gedunsene Angesicht des Wirths an den Fensterscheiben der Küche, die in den kleinen mit großen Topfgewächsen geschmückten Hof ging. Graf Udo brach schnell ab und empfahl sich mit Ottomar, der ihn begleitete. Udo nahm seinen Arm. Vater und Tochter blickten ihnen erstaunend nach.

97 Fünftes Kapitel.#

Der große Park lag im Schmuck des Herbstes. Goldne Lichter, theils durch die Abendsonne hervorgebracht, theils durch die Abwechselungen in der Färbung des Laubes, spielten durch die Wege und das vorwiegende, unveränderte Tannengrün. Die Poesie des Herbstes, Käferleben, Obstsegen, seidene Fäden durch die Luft gesponnen, ist in einem solchen von strömenden Menschenmassen besuchten Lustwalde nicht zu finden.

Ottomar erzählte, so gut es vor Gerassel von Wagen und Geräusch von Menschen möglich war, sein in der Vorstadt mit dem Geometer erlebtes Abenteuer.

Und Graf Udo bestätigte, daß er den bewußten Brief schon erhalten hätte. Du sollst ihn lesen! Er ist kurz und bündig! Die Quintessenz ist, daß ich sie besuchen soll!

Sie will Dich selbst erobern!

Eine Pause trat ein. Der Lärm um sie her war zu übermäßig.

98 Ich bin nicht tugendhaft! sagte der Graf nach einer Weile, als er ruhiger geworden. Aber in Südamerika hörte ich eine Jesuitenpredigt, deren Thema lautete: Vermeidet die Gelegenheit zur Sünde! Die Tugend sei eine wohlberechnete Klugheit! Auch in Portugal habe ich diese Lehre besser von der Kanzel vortragen hören, als dergleichen von irgend einer evangelischen Kanzel gehört werden kann! Jetzt freilich – er drückte dabei seltsam Ottomars Hand – würde ich, und wenn die Frau noch so schön und verführerisch wäre, sie verlassen, wie ich gekommen.

Ottomar dachte an seine Verlobung, an die Heirath, die unmittelbar bevorstand –

Gefeit durch ein Wesen, das man liebt! fuhr der Graf mit Ekstase fort. Durch einen Engel, der in jeder Gefahr uns zur Seite steht! Ein weibliches Wesen, das den Himmel auf Erden in sich trägt! O, fuhr er fort, warum verleugnen wir doch die Natur! Warum folgen wir nicht dem Triebe, der uns sagt: Der Schöpfer wollte es so! Wer wagt es denn, Dich zu hindern, daß Du Dein Glück nimmst, wo Du es findest!

Ottomar, der des Freundes Gedankenreihen nicht begriff, sagte lächelnd: Nach dieser Theorie hat Dich die Marloff mit einem einzigen verführerischen Blicke weg! Sie soll wirklich sehr schön sein.

99 Der Graf schüttelte nur den Kopf.

Dennoch sagte er nach einer Weile: Wenn ich nur die rechte Verachtung meines Oheims in dieser Sache finden könnte, das würde mich noch mehr kräftigen und mir den Muth geben, zu der Frau zu gehen! Aber so bin ich nur berechtigt, ihn zu lieben, in ihm die Güte selbst zu sehen, die Weisheit, die Lebenserfahrung. Er erzog seine Frau, obgleich sie älter war, als er, und wie Du gesehen, recht häßlich. Aber sie liebte ihn mit Raserei. Sie war eine geradezu im Leeren und Nichtigen aufgewachsene Prinzessin, anspruchsvoll und dabei so zu sagen ganz Provinz! Wie geregelt habe ich alle seine Verhältnisse gefunden! Wie männlich trat er bei jeder Berufung an sein Ehrgefühl auf! Um meinetwillen setzte er in Bonn sein Leben auf’s Spiel! Seine Briefe an mich seit einer Reihe von Jahren sind so, daß man sie drucken lassen könnte, soviel Thatsachen, Voraussagungen über Politik, Urtheile über hervorragende Namen enthalten sie! Ich lasse mir auch nicht nehmen, daß die Annäherung an die Frau Deines Grobians unter Umständen stattgefunden haben muß, die für ihn entschuldigend sprechen. Finde ich doch in seinen Aufzeichnungen die Aeußerung, daß das ganze Geheimniß des Lebens im Verhältniß zwischen Mann und Weib läge und daß die Fortpflanzung eine stete Uebertragung der 100 Gottheit in Person sei, weshalb auch der Mißbrauch dieses Triebes unverantwortlich! Wen aber die Sehnsucht, im Weibe Sanftmuth, Güte, Ruhe zu finden, Ersatz für tausend versagte Erfolge des Lebens, verzehre, den solle man doch nicht verdammen, schreibt er, selbst wenn er sich in dieser Sehnsucht verirrte! Wenn er eine sanfte Wange suchte, um eine Weile die reine Weiblichkeit zu fühlen! Die meisten Moralisten seien Holzböcke!

Es war unmöglich, jetzt im Geräusch der Stadt, der man sich genähert hatte, sich über die Maßnahmen gegen das doch wohl nur auf Gelderpressung ausgehende Ehepaar zu verständigen. Ottomar lebte in juristischen Anschauungen und gehörte der Schule des gesunden Menschenverstandes an. Der Mann der verdächtigen Frau war ihm ein Geizhals, eine Boz’sche Figur. Er liebte die Engländer über Alles. Wie weit seine Theorie des gesunden Menschenverstandes ging, sah er recht aus den Chancen, die sich nun wirklich für die Frau Justizräthin Luzius eröffneten. Seine Frau Principalin wollte das Wohl des weiblichen Geschlechts befördern helfen und sein Gewissen hatte erwidert: Aber die edle Dame kann ja kaum orthographisch schreiben! Aber eine Gegenstimme sagte: Anfälle von Verstand hat sie doch!

Als Beide endlich einen Fiaker genommen hatten und vor dem Treuenfels’schen Palais anfahren wollten, 101 war die Einfahrt versperrt. Wagen reihte sich an Wagen. Man hätte glauben sollen, ein Ball würde im Hause gegeben. Es schlug sieben Uhr. Oben war die Begrüßung der noch vollkommen schwarz gekleideten Matrone im Gange. Alle Gasflammen brannten. Die Diener nahmen Shawls und Hüte ab. Verwandte waren dem Beispiel der Herrin des Hauses gefolgt und erschienen in Trauerkleidern, einen schwarzen Flor um ihr Antlitz, schwarze Floretthandschuhe an den Fingern. So die Generalin von Forbeck, eine lange, strengblickende Dame, die sofort, als Graf Udo den neuen Secretär vorgestellt hatte und dieser erst für die Wünsche seiner Principalin sprach, ihn mit der Lorgnette musternd die Statuten geltend machte, denen zufolge der Vorschlag eines neuen Mitgliedes drei Wochen vor der Wahl stattfinden müsse, und daß diese nie durch Acclamation, sondern immer durch geheime Ballotage stattfinden müßte.

Das ist eine Bedingung, rief Ottomar, sich mit Gewandtheit in diese plötzliche Begegnung mit siebzehn bis zwanzig ältern Damen von Stande findend, die meiner Clientin auf drei Wochen die Ruhe ihres Lebens rauben wird! Sie hat zwei Töchter! Da ist der Kopf einer Mutter vollends nur mit Toilettengedanken beschäftigt. Aber sie wird an Nichts denken, als daß sie durchfällt – die unglückliche arme Frau!

102 Haben Sie keine Sorge, lieber Herr Althing, sagte eine corpulente, stattliche Dame, die ihn schon lange kannte und herzlich begrüßt hatte. Der guten Justizräthin sind die weißen Kugeln gewiß! Wer sollte sie denn in unserm Kreise hassen! Und schon aus Dank, daß wir Sie erobert haben! Was werden Sie für Geduld mit uns haben müssen –! Mein Mann wollte die Stelle nicht annehmen –

Diese Stelle? Wolny? Ich dächte, der hätte Sorgen genug – entgegnete Ottomar.

Wie so? Ach so! Dieser Streik –? erwiderte die erst so freundliche, jetzt plötzlich verstimmte Dame und wandte sich ab. Es war die Commerzienräthin Rabe, jetzige Frau Doctor Wolny.

Immer mehr Bürgerliche! sagte die Generalin der Gräfin verdrießlich und lächelte wider Willen. Sie lächelte stets ungern. Denn ihre Zähne waren schadhaft. Ich hätte gewünscht, die Vorgeschlagene wäre von Familie! flüsterte sie einer andern Gebornen. Kurz, sie warb schon auf schwarze Kugeln.

Das Adelsthema ließ sich besonders wegen der vielen anwesenden Commerzienräthinnen nicht weiter erörtern. Diejenige, die erst so freundlich mit Ottomar gesprochen, machte den eigenthümlichen Eindruck, daß man nicht wußte: Ist sie noch schön und jung? Oder 103 ist sie alt und Alles, was an ihr jung erscheint, nur übertüncht und falsch? Sie gehörte zu den Besucherinnen aller Wohlthätigkeits-Bazars, fehlte bei keinem Opernhausball, wurde von den allerhöchsten Herrschaften nie unbeachtet gelassen. Ihr erster Mann hatte sich von unten heraufgearbeitet. Die an sich wohlmeinende Frau war krank, unheilbar krank. Sie verbarg ihren Zustand, theils aus einem den Frauen angebornen Sinn der Verheimlichung ihrer besondern Zustände, die ein edler Heroismus sie still für sich allein tragen läßt, theils aber auch aus Lebenslust und ihrem Gatten, ihrem ehemaligen Hauslehrer, zu Liebe, dem sie äußerlich den Schein nehmen wollte, als hätte er sich nur in eine reiche Wittwenexistenz hineingeheirathet. Martha Ehlerdt, Helenens Freundin, stand mitten inne in diesen psychologischen Erscheinungen.

Die Frage der „Speisemarken“ stand heute auf der Tagesordnung. Man suchte Mittel, einem förmlichen Börsengeschäft, das mit diesen Anweisungen auf ein Volksküchenmahl getrieben wurde, zu steuern. Die Juden können ihren Gegnern mit Stolz erwidern, daß es sich hier um eine Agiotage handelte, an der sie sich nicht betheiligen. Aber auch die eigentlichen Empfänger der Marken, die Bettler, essen nicht gern aus den Volksküchen, wo, wie sie sagen, die Gemüse nicht verlesen 104 würden, während sich zahllose Personen finden, Supernumerare aus allen möglichen Kanzleien, Lehrerinnen, selbstständige Confectioneusen, muthige Schwimmerinnen gegen den Strom des Lebens, die sich den meist in unterirdischen Localen servirten Tisch, auch wenn es nicht immer Speck und Sauerkraut giebt, wohlbekommen lassen.

Graf Udo hörte zwar noch, wie im Beginn sogar die beiden Fräulein Luzius, als Anstoß für die Generalin, die Mutter der schönen Ada, in die Debatte gezogen wurden, aber die dem Verein schuldige Discretion zwang ihn, den abtretenden Bedienten zu folgen. Glücklich, den Freund sich so geschickt in dies Amt finden zu sehen, ging er auf den Fußspitzen über die weichen Teppiche in die Zimmer seines Onkels zurück. Nach der Sitzung gab es die Reihe herum bei den Damen regelmäßig ein Souper.

Geschäftliche Zerstreuungen, Briefe, Anfragen, die zu erledigen waren, gab es für den wenig an Ada, immer an Helene Althing denkenden Grafen genug. Ada hätte ihm Alles hier durcheinander gewühlt, Helene Alles sauber zurecht gelegt. Ada hätte geschmollt und an die Fensterscheiben getrommelt, Helene sich mit ihm geneckt und ihre Ansichten, die Eindrücke ihrer Lectüre ausgesprochen. Gelegenheiten zur Bewährung von 105 Urtheilen gab es ja genug. Das Leben im Leben ist nicht wie das Leben auf der Bühne. Auf der Bühne scheinen alle handelnden Personen nur einen Zweck zu verfolgen. Nach Bühnengesetzen würde Graf Udo sogleich wieder nach dem Briefe der Frau Edwina Marloff greifen und einen Monolog voll Betrachtungen über Handschriften halten müssen, aber im wirklichen Leben hat Egmont soviel mit seiner Waffenhalle, mit seinem Stalle, mit seinen Gütern, mit seinen Pächtern zu thun, daß ihm die Freiheit der Niederlande zwar nicht mindern Werth behalten haben wird, als dann, wenn er mit Oranien spricht, aber sie beschäftigt seine Gedanken nicht allein. Goethe hat dies „Nebeneinander“ in der kleinen Plauderei Egmonts mit Ferdinand über die Pferde und in der gar nicht zur Handlung gehörenden Liebschaft des Schreibers vortrefflich angedeutet.

Endlich setzte sich der Graf in eine Sophaecke. Das in der Ferne in einem zum Hofe hinausliegenden Speisesaal angeordnete abendliche Mahl konnte ihn nicht stören.

Drei Frauengestalten gaukelten vor seinen Augen. Eine voll Unschuld und Lieblichkeit, voll Verstand und Urtheil, die andere eine Sirene, gewiß ein schönes Weib, ohne Zweifel darauf bedacht, sich vor ihm zu rechtfertigen, Scenen zu spielen, ihn zum Wiederkommen zu ver-106anlassen, ihn allmälig in dieselben Netze zu verstricken, in die ein ihm so theurer Name fiel. Die dritte, Ada von Forbeck, für ihn eine jener Dutzenderscheinungen der vornehmen Welt, immer leidenschaftlich bewegt, zornig, polternd, im Kundgeben ihres Willens rücksichtslos, in ihren Launen und Einfällen tyrannisch, schwatzhaft wie ein Kind, verurtheilend, wie ihr der Wind die Worte zutrug, die würdige Schwester, wie es ihm erschien, ihres mit Schulden belasteten Bruders, der seinerseits fast eine Ehrensache daraus zu machen schien, daß es zwischen dem Grafen Udo und seiner Schwester nun baldigst zur vollen Richtigkeit kommen müßte. Max von Forbeck war ein gefürchteter brutaler Raufbold.

Des Grafen Empfindungen waren heute um so erregter, als sich auch Ada zum Nachtessen hatte ansagen lassen; sie wollte mit ihrer Mutter noch in eine große Gesellschaft bei einem Minister fahren. Die Generalin hatte neben ihren schwarzen Floretthandschuhen noch violette in Bereitschaft.

La Rose, sprach er seufzend zu seinem Bedienten in französischer Sprache, wie gefällt Dir denn das Leben bei uns in Deutschland?

Ei, sagte dieser, ich bewundere die Betten, wie sie alle so klein sind!

Und was erscheint Dir zu groß an uns?

107 Der „Franzose ohne Revanche“, wie er zum Jubel des diplomatischen Kreises, dem Udo doch noch angehörte, wenn er seinen Austritt auch schon erklärt hatte, genannt wurde, nannte ein gewisses Geschirr, das Xantippe auf ihren träumerischen Gatten ausgoß, als dieser eines frühen Morgens nach Hause kam, den Hausschlüssel vergessen hatte und in Betrachtungen versunken stand, über welche unsere Professoren jetzt dicke Bücher schreiben.

Weiter haben sich Deine Studien noch nicht erstreckt? meinte der Graf, nach einer Cigarre suchend und die Consequenzen dieser beiden diplomatischen Aeußerungen mit Lächeln ziehend.

Jeder Schritt weiter würde die Welt sagen lassen, ich sei ein Spion! antwortete La Rose.

Wie kommt es, daß Du ohne alle Rachegelüste bist? fragte der Graf und suchte nach einer Cigarre.

Weil ich zwei Naturerscheinungen sehe, antwortete La Rose; die Franzosen sind ein Baum, der sterben will; denn Niemand heirathet bei uns, Alles ist Junggesell. Wenn es Ausnahmen giebt, so hat keine Mutter mehr als drei Kinder. Davon sterben gewiß noch zwei, weil die Mutter die Kinder nicht selbst verpflegt. Also Frankreich will sterben – Französisch – das wird werden, wie ehemals griechisch und jetzt jüdisch. Deutschland nun freilich – einen Baum nenne ich es nicht.

108 Warum nicht? Es ist ein Fels!

La Rose schüttelte den Kopf, kicherte und that, als wenn es geklingelt hätte; er lief mit den Worten: Auch in der Brutanstalt gehen zuweilen die Eier nicht auf! davon.

Mit solchen und ähnlichen Einfällen erheiterte der kosmopolitische, gesandtschaftliche Franzose, der die Schule des Auslandes durchgemacht hatte, seinen momentanen Gebieter, der große Lust hatte, ihn ganz zu behalten. La Rose hatte ihm einmal ein bedeutungsvolles Wort gesagt: Ich erleichtere Ihnen alles Natürliche! – Jeder Andere würde ihn auch schon zur Vermittlung mit der Marloff gebraucht haben.

Nach einer Weile kam La Rose wieder, brachte Zeitungen, machte sich Einiges zu schaffen und fragte dann mit trocknem Ernste: Ist es wahr, Herr Graf, daß sich Gott auch um die Mormonen bekümmert?

Wie kommst Du darauf? fragte der Graf im Aufblicke aus den Blättern.

Er soll es doch so eingerichtet haben, antwortete La Rose, der in Mußestunden las und immer noch in seiner durch das Aussterben in Frankreich und das Uebermaß von Menschen­erzeugung in Deutschland angeregten Gedankenverbindung lebte, er soll es doch so einge­richtet haben, daß die sämmtlichen Frauen, die Einer 109 nehmen kann, die jährliche Kinderernte keineswegs vermehren. Regen und Hagelschlag verderben den Ueberfluß und es ist, wenn die Herren von der Akademie kommen, um zu zählen, immer dieselbe Proportion wie überall, nur mit Ausnahme, wie ich gesagt habe, von meinem armen Frankreich!

Der Graf versprach sich zu erkundigen, wie es mit dem mormonischen Kindersegen aussähe. Er ließ sich die Cigarre von dem Franzosen anzünden. Statt ein Schwefelholz zu nehmen, zog dieser ein Billet aus der Tasche und sagte, soll ich dies dazu nehmen?

Dabei lächelte er fein und verschmitzt.

Graf Udo griff nach dem Billet. Wer brachte es?

Dasselbe anmuthige Mädchen von neulich! Sie war so schnell auf ihren Beinen davon, daß ich nicht einmal zu ihr sagen konnte: Muß es eine Antwort geben?

Und wieder stand ein Wagen draußen und wartete?

La Rose zuckte die Achseln. Diesmal, sagte er, habe ich den Wagen mit der verschleierten Dame nicht gesehen.

Der Diener verstand hinlänglich seine Stellung, um sich trotz seiner Vertraulichkeit mit seinem Herrn sofort zu entfernen und diesen, dem er ansah, wie aufgeregt, ja empört er war, allein zu lassen.

Der Graf las von derselben Handschrift wie vor einigen Tagen: „Herr Graf! Mich quälen einige 110 Unwahrheiten, die ich Ihnen schrieb. Die Stellen könnten mißdeutet werden. Gönnen Sie mir das Glück, mich vor Ihnen zu rechtfertigen! Schriftlich ist es unmöglich. Sie werden sich fürchten, meine Wohnung zu betreten. Ich schlage Ihnen vor, Sie in Ihrer diplomatischen Eigenschaft zu besuchen. Ein Zimmer, wo ich Ihnen eine sich auf Portugal beziehende Angelegenheit vortragen könnte, eine Erbschaft von 30,000 Thalern betreffend, wird sich doch wohl in Ihrem geräumigen Palais finden. Bitte um baldigen Bescheid und weisen Sie mich nicht ab, wenn ich komme oder wohl gar so dreist werde, wie Claudia in Emilia Galotti, die aller Anmeldungen spottend die Domestiquen zur Seite stößt und ausruft: Wo bist Du, mein Kind? Ich komme! Aber erschrecken Sie nicht über das Kind! Es ist nur von mir die Rede, die ihre Rechte reclamirt!“

Schon an der Stelle, wo die „diplomatische Eigenschaft“ erwähnt war, war Udo aufgesprungen. Vollends trieb ihn die Anspielung auf ein Kind im Zimmer hin und her. Er sah die Schreiberin dieser Zeilen, die entweder einige Bildung besaß oder sich diese Briefe von Jemand verfassen ließ, schon im Geist ohne Erlaubniß mit emancipirter Dreistigkeit, in einem rauschenden Gewande, die Treppe und die Zimmer erstürmen, er sah, wie sie sich seine Vertraulichkeit erzwang, Drohungen 111 ausstieß, die im Hause Aufsehen, die Tante erregen konnten. Er verwünschte die Sitzung, er hätte so gern endlich Ottomars Rath gehört. Sollte er sich La Rose anvertrauen? Er las beide Billets. Es hat sie ihr Jemand geschrieben! sagte er laut. Dann dachte er wieder an seines Onkels feine Bildung, des Onkels Belesenheit, seine geistreichen Lebensansichten. Da kamen ihm, wie aus einer verborgenen Kluft, aus den Zeilen warme Luftwellen entgegen. Er sah liebliche Bilder, Erinnerungen an seine Reisen, an die erhabene Natur Südamerikas, an südländische Frauen mit brennenden Augen, die zu ihm hinaufblickten. Er war im Geist versetzt in so manches Abenteuer, in das ihn wider Willen seine anziehende Erscheinung und eine gewisse Weichheit, die ihm eigen war, verstrickt hatte. Die Pariser Romantik beherrscht ganz Südeuropa und Amerika. Für Boz und die neuere deutsche Sittlichkeitsprahlerei in der Poesie fehlte ihm aller Sinn. Gern las er Longfellow. Nur trieb ihn der Hauch der Langenweile, der auf all’ diesem Geversel liegt, immer wieder zu den Franzosen zurück.

Warum? Konnte er sich nicht auch in dieser Schule jenes stille Gärtchen malen, wo ein auf gesellschaftliche Entsagung angewiesenes Mädchen ihre Welt darin fand, nur die Freude und die Stütze der Ihrigen 112 zu sein! Welch ein Schmerz doch im Frauengemüth, dachte er, als er sich endlich beruhigt hatte, sich sein Lebensloos nur so vom Zufall bestimmen zu lassen! Der dunkle Hintergrund der Tannen, die schimmernden Birken wurden ihm dann allmälig schöner, als alle Palmen und Sykomoren der tropischen Welt. Die Marmorblöcke belebten sich. Die Welt der Bildung, abdämpfend und abmildernd alles Wildnatürliche, trat wieder in edlen Umrissen hervor.

Und sich ganz vergessend, ganz der Trauer, der Comitésitzung, der Gräfin Wittwe uneingedenk, schlug er das Piano auf und wollte eben die Tasten mächtig berühren, als er die Worte hörte: Na, das ist schön! Sie machen Musik? die Trauer ist vorüber? Gott sei Dank! Da freue ich mich ja wie ein Hund!

Ada! rief er vorwurfsvoll. Diese Vergleichung ließ ihn sofort aufspringen. Leise war Ada eingetreten. Die Sitzung war vorüber. Sie war in reizender Toilette. Nur mittel von Gestalt, hob sie ein langer schwarzer Spitzenschleier, der ihr vom Kopf über den entblößten Nacken wallte. Dazu ihr schwarzes Haar, ihr brauner Teint, ihre sprühenden Augen; sie stand wie eine Spanierin, die zu Hofe geht. Sie war schon zu jener großen Gesellschaft gekleidet, in die sie noch mit der Mutter fahren wollte. Im Haar schimmerte eine einfache 113 Theerose, um den Hals zog sich eine mattrothe Korallenschnur, das gelbschimmernde, langschleppende Seidenkleid ließ Nacken und Arme frei. Sie durfte sich mit Wohlgefallen in den langen Spiegeln der Zimmer mustern. Der Graf war verdrossen über diesen Vergleich.

Ja aber, was hast Du denn dagegen? meinte die reizende Erscheinung sich prüfend am Spiegel links und rechts. Giebt es denn ein Wesen in der Welt, das seine Freude lebhafter ausdrückt, als den Hund? Unser Caro rennt durch den ganzen Garten, kobolzt über und über, wenn er mich kommen sieht – Man soll doch seine Vergleiche immer vom Treffenden hernehmen. Herr Althing! rief sie dem eben wie erschöpft Eintretenden und sich ihr mit Bewunderung Verbeugenden entgegen, Herr Althing, entscheiden Sie doch! Kann man nicht sagen, ich freue mich wie ein Hund?

O, sagte dieser, warum nicht gleich wie ein Pudel?

Nun machte Ada die Miene des Schmollens. Nun lassen Sie mich im Stich! sagte sie. Und doch sind Sie schuld an diesem Vergleich!

Wie komme ich zu der Ehre dieses mit Ihnen begangenen Verbrechens?

Sie sagten im vorigen Jahre auf dem Ball bei General Philo, alle Vergleiche müßten natürlich sein!

114 Und das haben Sie behalten? Sehr schmeichelhaft für mich! Aber Freude ist ein edler Begriff und folglich muß auch der Vergleich edel sein.

Wie? rief Ada aus, ein Hund wäre nicht edel? Ein Hund könnte nicht mit der Treue verglichen werden? Ich habe allen Respect für Udos Empfindungen für mich, aber so wie unser Caro liebt er mich doch nicht!

Danke für diesen Rivalen! entgegnete der Graf lachend und wandte sich, die Ordnung des nun beginnenden Mahles zu überwachen.

Herr Althing! sprach jetzt Ada ruhiger. Mit Ihnen kann man vernünftig sprechen. Indem sie auf eine Stutzuhr sah, die am goldumrahmten Spiegel stand, und diese mit der ihrigen verglich und letztere an ihr Ohr hielt, fuhr sie fort: Unser Professor in Aesthetik trug uns den Homer vor. Da waren mehrere Göttinnen, ich glaube gar die Majestät Juno selbst, ochsenäugig genannt, und die mobilen Colonnen, die gegen Troja anrückten, wurden immer mit Schafen und Gänsen verglichen. Die Gesichtsschärfe der Minerva – Offenbach würde ihr eine Brille aufsetzen – vergleicht er mit dem Blick der Eule in der Nacht und nennt sie die eulenäugige. Nun vergleichen Sie damit das große Gerede vom Vater Homer und Sie wollen mein: Ich freue mich wie ein Hund! unedel nennen.

115 Weinte Ada nun wirklich? Oder war das Ganze nur Schelmerei ?

Inzwischen untersuchte sie den Schreibtisch, forschte nach Cigarren und brummte, daß sie nichts für sie Passendes, Cigarretten, fände.

Ich begreife nicht, sagte sie in ihrem gemacht platten, natürlich sein sollenden Tone, wie sich Gräfin Tante schon hat so breitschlagen lassen, diese dummen Geschichten mitzumachen mit Volkswohl und Zubehör! Diese Menschheit, die immerfort bettelt, man sollte sie gar nicht berücksichtigen!

Ottomar entgegnete: Aber Ihre Mama macht ja Alles mit Leidenschaft mit! Sie führte heute in der Sitzung fast allein das Wort!

Werden Sie denn immer diese Redensarten mit anhören, antwortete sie, der Frage Ottomars ausweichend. Dabei warf sie sich der Länge nach auf’s Sopha, was sie der Toilette wegen mußte. Den Spitzenschleier breitete sie zur Seite. Ihr schwarzer Fächer ging mit Aufregung hin und her, während sie Ruhe zeigen wollte.

Ich schwärme für das edle Wirken dieser Damen! fuhr Ottomar fort und sah weg, um das schöne Bild nicht allzusehr auf sich wirken zu lassen.

Ach, Sie und schwärmen! sagte die junge Kokette und fixirte den seltsamerweise von ihr schon lange in 116 Gesellschaften ausgezeichneten jungen Mann, der sich ihr in jener Gesellschaft bei General Philo als ein Universitätsfreund ihres Verlobten vorgestellt hatte. Ihr Bruder Max von Forbeck hatte seine Gründe, diese in Aussicht stehende Verbindung überall zu proclamiren. Die Mutter nicht minder.

Von Mama urtheilen Sie ganz falsch! sagte Ada. Erstens hat Mama gar keine Leidenschaften und – noch weniger – setzte die scharfe, durch Rücksichtnahme nicht gebundene Tochter hinzu – hat sie eine bestimmte Meinung! Mutter horcht nur immer, wie der Wind bläst und woher! Kein Mensch weiß bei ihr, was kommt! Unter uns: Es ist Alles Commando bei ihr. Grade wie mit der Wagner’schen Musik. Erst stöhnte man vor Verzweiflung in Wagner’schen Opern und kam förmlich um vor dem ewigen Aufpassenmüssen, Textnachlesen, wie im Gesangbuch Vers 14. Nun aber das Alles von oben befohlen und mit besucht wird, findet man’s gottvoll. Ach, ist es denn wahr, unterbrach sie ihre ganze Gedankenreihe, daß Sie mit Udo eigentlich auch ein Duell gehabt haben?

Ottomar sagte: Auf der Universität paukt man sich ohne alle vorangegangene Beleidigung. Die Verbindungen brummen sich in Masse den dummen Jungen auf und man geht in Masse für die Verbindung im 117 sogenannten pro patria los. Da gab ich dem Grafen, der bei den Borussen war, einen derben Schmiß über den Kopf. Er ging etwas tief. Aus Besorgniß besuchte ich ihn und da die Jahreszeit sehr rauh war, der Schnee fußhoch lag, der Graf mit seiner verbundenen Stirn das Zimmer hüten mußte, so nahm er mein Anerbieten, ihm vorzulesen, an. Ich entdeckte interessante Bücher auf seinem Tisch. So habe ich täglich bei ihm zugebracht, bis er genesen, woher unsre Freundschaft –

Ach wie nett –! fiel Ada mit einem Ausdruck ein, der in jener Stadt nebst dem Worte „reizend“ üblich ist für Alles, was gefällt. Zwei Bände Aesthetik erledigen sich durch die beiden Worte.

Sie könnten mir Stunde geben –! sagte sie nach einer Pause.

Wenn Sie verheirathet sind, warum nicht? antwortete Ottomar.

Ich bin so schrecklich dumm! kam ganz ehrlich über die Lippen des hübschen immer schalkhafter werdenden Kobolds heraus.

Ottomar lachte laut auf. Naives Geständniß! sagte er.

Zum Beispiel das dritte Wort in der Zeitung unter Literarisch und Artistisch ist jetzt immer „Stimmung“. Sagen Sie mir um Gotteswillen, was ist denn Stimmung –?

118 Indem war Graf Udo zurückgekehrt, bot ihr den Arm und wollte sie zu Tisch führen, Ottomar war für die Gräfin Tante bestimmt und sprang in’s Sessionszimmer, seinem Part den Arm zu bieten.

Denn das weiß ich wohl, hörte er trotz alledem Ada neben sich reden (sie war ihm gefolgt), der Mond muß dabei über einen See schimmern und ein alter Thurm muß irgendwo im Schatten liegen und irgend was Stilles muß vor sich gehen, z. B. ein paar Rehböcke aus dem Walde schleichen, sich umsehen –

Oder ein paar Liebende umarmen sich! fiel Udo ein, den die natürliche Plauderei anzog.

Doch setzte sich Ada nicht neben ihn. Sie hatte im Sessionszimmer ihre lange Schleppe aufgenommen, sich rasch vom Arm des Grafen losgemacht und war nach dem Eßsaale geeilt. Ich komme gleich zurück! rief sie und ließ Ottomar und Udo unter den Damen, von denen Einige von ihren Sorgen um Volkswohl sehr erschöpft schienen und hungerten. Am meisten litt Frau Commerzienräthin Rabe, die sich auch vor dem Essen schon empfahl.

Ottomar, der neue Vereinssecretär, führte die Präsidentin, war aber nicht wenig erstaunt, als Ada rief: Hier ist Ihr Platz! Sie hatte die Sitze vertauscht. Graf Udo war zur Gräfin, Ottomar zu ihr gekommen.

119 Da ich nicht viel esse, weil ich noch in Gesellschaft gehe, kann ich Sie mit einigen Beweisen meiner Dummheit unterhalten! sagte sie, indem sie ihren Schleier über die Stuhllehne warf. Aber die „Dummheiten“ sprangen gleich auf die Damen Sascha und Zerline Luzius über und sagten ganz rücksichtslos: Wenn die Justizräthin durchfällt, kriegen Sie wohl von einem der hübschen Mädchen einen Korb? Von welcher?

Ottomar legte Messer und Gabel hin. Sie beleidigen mit jedem Wort, gnädiges Fräulein!

Ada lachte so natürlich, daß man allgemein fragte, was da so Interessantes besprochen würde. Eine vor Kurzem Ministerin gewordene Geheimräthin drohte sogar schalkhaft herablassend mit dem Fächer. Es waren kleine Versuche der Frau, bei ihrer Rangerhöhung natürlich zu bleiben.

Als die Tafel aufgehoben war, Alles sich nach einigem Geplauder im Stehen von der Hauswirthin, der wieder recht in Schwung gekommenen Gräfin, entfernt hatte, Ada zum größten Wohlgefallen der Generalin mit einigen Neckereien über ihre wohl nun bald bevorstehende Vermählung, waren Graf Udo und sein Freund allein, Ottomar verstimmt über die ihm von Ada verursachten unangenehmen Eindrücke. Sie hatte noch z. B. gesagt: Einen richtigen Mann nenne ich nur denjenigen, der im 120 Zoologischen Garten und wenn es noch so voll ist, für Stühle zu sorgen weiß!

Wie gefällt Dir Ada? fragte der Graf.

Sie kann sehr grob sein! antwortete Ottomar und berichtete einige von Adas verletzenden Aeußerungen.

In den Motiven gehst Du irr! entgegnete Graf Udo. Sie hat an Dir ein Talent gefunden, das die Frauen über Alles schätzen!

Den Shawl zu tragen –

Bewahre! Dem Kellner unter Umständen ein Trinkgeld oder eine Ohrfeige zu geben – Je mehr Sicherheitsgefühl, desto größer der Zauber –!

Renommage! Das ist das Wort der neuen Zeit! antwortete Ottomar und fühlte seinen ganzen Menschen empört. Ja, er war in der That entschlossen, handelte rasch, im Kriege war er in hundert Fällen darauf angewiesen. Aber er fing doch jetzt diese allgemeine Sucht, die nur auf das eigene Wohl bedacht war, zu hassen an. Sein Vater, Helene hatten ihm so oft Vorwürfe gemacht über die kalte Aeußerlichkeit seines Auftretens. Der idealistische Vater verlangte Seele, Vertiefung des Charakters, Gemüth, selbst wenn man im Leben zuweilen gegen Andre zu kurz käme.

Vom Grafen nach den Ergebnissen der gehaltenen Sitzung gefragt, rühmte er zerstreut den im Ganzen 121 verständigen Sinn, den er gefunden. Man hätte ihn mit dem Gedanken überrascht, daß es sich ja bei solchem Vereintwirken weniger um die wirkliche Hülfe als solche handle, als um den Schein derselben, durch dessen moralische Wirkung etwas Ermuthigendes, theils für die noch nicht verdorbenen Massen, theils für die Besitzenden zur Feststellung der Thatsache des Volkselends erzielt würde. Ein Geistlicher hatte diesen Gedanken in den Verein geworfen. Die Armen dürften dann doch nicht sagen, daß man sich nicht mit ihnen beschäftigte, und die Reichen nicht, daß die Armuth nicht da wäre. Nur die Generalin, berichtete Ottomar, ließ eine Phantasie los, die den Kampf der Cyklopen mit den Göttern schon in die nächste Zukunft rückt. Der Brocken des Harz wurde von ihr auf die Schneekoppe gestülpt, wie der Helikon auf den Ossa! Sie sah den Augenblick für möglich, wo sämmtliche Regimenter vom socialdemokratischen Gift durchfressen sein würden und beim Commando Rechts! Alles Links abschwenkte und die Welt aus wäre und mit ihr auch der Adel! Frau Wolny unterstützte diese gräßliche Phantasie, die mit Krupp und seinen Kanonen endete. Die neue Ministerin, die in Aufklärung und Freiheitsliebe machen mußte, bekam Nichts als wahre Alba-Ideen zu hören.

122 Udo zeigte stumm das zweite Billet.

Ottomar schüttelte den Kopf über die Vermessenheit und den Trotz der von ihm nachgelesenen Zeilen. Das Citat aus Lessing überraschte ihn; die Frivolität: Haben Sie keine Angst wegen eines Kindes! empörte ihn. Es steckt gewiß noch Jemand hinter ihr, der ihr diese Briefe schreibt!

Die alte Gräfin klingelte. La Rose erschien und holte die Zeitungen vom Tisch. Ich soll sie ihr noch vorlesen, bis sie entschlummert! sagte Graf Udo.

Gute Nacht! erwiderte Ottomar, als La Rose gegangen war. Antworte keine Silbe auf die Briefe! Ich werde mich mit Vorsicht der Schreiberin zu nähern suchen, ihr auf’s Zimmer rücken und ich hoffe, mit tausend Thalern baar ausbezahlt, ist die Sache erledigt. In drei Tagen ist Alles abgemacht.

Graf Udo drückte dem Freunde zum Zeichen seiner Dankbarkeit lebhaft und innig die Hand.

123 Sechstes Kapitel.#

Wieder hatte der Montag einen Theil der Freunde versammelt. Freunde durften sich die neuen Serapionsbrüder nennen in einer Zeit, wo die ausdrückliche romantische Freundschaftsversicherung aus der Mode gekommen ist.

Der Winter ließ sich ausnehmend milde an. Noch im November hatte man Tage, wo man versucht war, im Freien zu sitzen.

Das goldne Sonnenlicht schien auf die Physiognomieen einiger Männer, die sich in dem Kreise seltener zeigten. Heute war Doctor Wolny zugegen, ein Mann in den Dreißigen, der Miene nach etwas sorgenvoll, die Stirn gefurcht; sein Lächeln verschwand jedesmal so rasch wie es gekommen. In seinen weißen, nicht auf die Leitung einer Fabrik für Maschinenbedarf deutenden Händen ging ihm die Cigarre alle Augenblicke aus; so in Gedanken verloren saß er da. Er hörte die Anregungen, die von Anderen ausgingen, ohne selbst mitzusprechen. Sein Wissen war das eines Gelehrten der Alterthumskunde und jetzt des modernen Industrialismus zugleich.

124 Althing, der Vater, hatte ihn hier eingeführt. Auch dieser war wieder anwesend. Er müsse sich von seinem Sonntag ausruhen, sagte er. Denn gerade der Sonntag würde einem guten Familienvater besonders schwer gemacht. Da müsse immer etwas vorgenommen werden. Gestern sogar noch eine Wasserfahrt! Auf ein leises Sprechen zwischen ihm und Wolny hatte man immer nur, ohne diesen zu verstehen, von Jenem hören können: „Weiß ich nicht“ – und wieder ein „Weiß ich nicht“ – und zum dritten Mal ein „Weiß ich nicht“ – dann war er ernst geworden und ließ sich sogar, weil sich seine Erregung steigerte, seinen Schoppen erneuern. Tabak rauchte Althing nicht.

Das wiederholte Streiken der Arbeiter in der Rabe’schen Fabrik war Stadtgespräch. Auch daß man den Hauptagitator in Raimund Ehlerdt suchte, einem jungen Mann von ungewöhnlichen Gaben, dem seine Stellung immer einflußreicher zu machen gelang und der sich das Ideal gestellt zu haben schien, die Köpfe der Arbeiter durch einen einzigen Hochdruck von seiner Hand nach seinem Willen zu lenken. Eine Anzahl von, wie man zu sagen pflegt, „verbummelten“ Arbeitergenies, Faullenzern, die sich auf „Regimentsunkosten“ ernähren ließen und zuweilen ihrem breiten Brustkasten fürchterliche Drohworte und Schilderungen in den Versammlungen 125 entfahren ließen (die Polizei hatte das überraschende Princip, die Bestialität sich „ganz entwickeln zu lassen, damit man sie kennen lerne“), schaarte sich um sie. Ehlerdts Schwester führte die Wirthschaft im Hause des Doctor Wolny.

Woher kommt der Druck, sagte einer der anwesenden Industriellen, Fabrikant Schindler, gelegentlich bemerkt des Justizraths einzige Intimität, als Wolny über die Lage seines Hauses und seiner Fabrik sich im Ganzen nur zurückhaltend ausgesprochen hatte, woher kommt diese allgemeine Unzufriedenheit, selbst nach den glorreichen Siegen, die wir errungen haben? Nach der Neubildung eines als möglich ganz ungeahnten Einheitsstaates? Allerdings, der Wohlstand ist durch Ueberschwänglichkeiten der Speculation zerrüttet worden; aber darin liegt der eigentliche Grund des Mißmuths nicht, der auf den Gemüthern lastet –

Der nicht im Ernst gemeinte Einwurf: In der Kirchenfrage! In dem Mangel an Religion –! Und ein andrer: Im Schopenhauerthum! Im Pessimismus! wurden auch nicht für Ernst genommen. Das sind Fühler! rief eine Stimme vom untern Tische. Man lachte; denn Niemand biß auf die ausgestreckten Köder an. Das seltsame theologische Element der Stadt, ein feierliches und würdeanstrebendes Kirchenthum, war in 126 diesem Kreise nicht vertreten, sogar die Sonntagskirchengängerei nicht, die aus einem mit sich selbst (freilich auch mit Andern) kokettirenden sogenannten Gemüthe herstammte, gerade wie bei den Katholiken. Es ist das „Gemüth“ der Gewohnheit und des Wohlgefallens, das man über seinen eignen Werth empfindet.

Man brachte mancherlei Erklärungen einer Erscheinung, die man nicht in Abrede stellte. Das Unbehagen an den gegebenen Zuständen, der Mangel an sichtlicher Freude über das Errungene wurde zugestanden. Einige Erklärungen streiften das politische Gebiet. Dies wollte man nach einigen wenigen Paragraphen, welche die Statuten des nur lose geknüpften Bandes enthielten, „thunlichst“ vermeiden. Das „thunlichst“ war durch Luzius hineingekommen, der heute fehlte. Dieser hatte beim Entwerfen der Statuten gesagt: Ich bitte Sie, meine Herren, wie wollen Sie heutzutage auch nur zu zweit beisammensitzen und nicht in die Politik gerathen? Mir ist sie schon lange ein Haar im Essen; aber auf den Lebenstisch gehört sie für Jedermann selbstverständlich!

Daß eine Menge öffentlicher Beweise von Untreue, Verrath, Ueberläuferei, Gewalt, ohne die Züchtigung der öffentlichen Meinung durchgegangen ist, begann Wolny mit einer eigen­thümlich markigen, aber sich wenig erhebenden 127 Stimme, wie sie guten Lehrern eigen ist, das mag schwer auf uns Allen ruhen! Ich glaube, unsere Zeit ist gewissenskrank! Meliora probo, deteriora sequor! Das Bessere und Gute ist erkannt, das Schlechte, Falsche wird gepriesen und angenommen. Heute ist Montag, heute erscheinen keine Blätter. Nun kann man ja wohl sagen, wie in dieser viel zu großen Masse von Zeitungen (jedes Local-Ankündigungsblatt wuchs zu einer Zeitung und zuweilen auf Befehl) ein Wust von Thatsachen und Auffassungen gedankenlos nachgedruckt wird, wo man bei jeder Zeile innehalten und sagen möchte: Aber ist denn das nicht Alles erfunden? Oder: Ist das nicht Alles rücksichtsvoll auf Den und Den und Das und Das? Man lese doch nur diese Notizen über fürstliche Reisen, über Bälle der Großen, über die dabei entfalteten Toiletten! Der liberale Stolz, sich nicht um dergleichen zu kümmern, hat vollkommen aufgehört. Man buhlt nur um Gunst und flüchtige Ehre. Die deutschen Fürsten, durch den Bundestag schon längst zum Abdanken morsch geworden, sind wie neu befestigt! Dann ist das Judenthum nach langer Absperrung wie mit eingestemmten Armen in die Verkehrswelt eingedrungen und hat in den Gründungen und Consortien mit einem auf germanischem Boden ganz neuen Geschrei und mit seinen Geldmitteln das Unglaublichste geleistet. Das Geglaubte, ob es nun 128 wahr oder falsch, ob gerecht oder unbillig, ob echt oder nur zum Schein ist, entscheidet. Das Geglaubte wird nicht untersucht, nicht geprüft, man staunt nur, glotzt, reißt die Augen auf! Der Matador ist der Sieger! Und durch irgend ein Hinterpförtchen schließt sich selbst der Ehrliche, der Freisinnige, der Charakter Prätendirende dem Schwindel an. Gehen Sie in’s Theater! Das Stück ist erbärmlich! Man fühlt es, man weiß es! Aber die Claqueurs rasen und „Es wird doch gut gespielt!“ lautet das fast allgemeine Urtheil. Von der Ueberhebung des Unbedeutenden, von der ständigen Angewiesenheit des Bedeutenden auf ganz gewöhnliche Trompeterei, die aber das Stadtprivilegium hat, will ich nicht reden! Denn eine Aristokratie des Geistes giebt es nicht mehr. Nur eine Tyrannei der Faiseurs führt das Wort. Schopenhauer schrie zwanzig Jahre in’s Leere: Ist die Philosophie der Leute nicht die meine, so sind sie Dummköpfe! Allmälig wurde das gehört und geglaubt. Unsere Wissenschaftszustände, das Büchermachen, das Berufenwerden der Professoren von Abdera nach Thule und von Thule nach Abdera, über Alles das hat unsere Zeit – ein schlechtes Gewissen und daher die allgemein mangelnde Lebensfreude!

Eine Stille war eingetreten. Man hörte nur Althings schwerseufzendes: Sehr wahr! Aber keine andre 129 laute Zustimmung erfolgte. Aber auch den Redner zu widerlegen hatte Niemand den Trieb. Wolnys Aeußerungen würden in einer für ihn drückenden Weise verklungen sein, wenn nicht eine fast willkommene Unterbrechung eingetreten wäre. Der Zettel draußen an der Thür mit der Aufschrift: „Privatgesellschaft“ hatte zwei offenbar schon von starker Alkoholisirung beherrschte Männer nicht abgehalten, hier einzutreten. Sie gehörten nicht zum Kreise der Montagsgenossen. Es waren Adas Bruder Max und der Exassessor Rabe, der Stiefsohn Wolnys, den dieser hatte erziehen sollen, auch erzog, soweit sich eine grundverdorbene Natur erziehen ließ. Er gab ihn dann in strenge Pensionate und stand jetzt mit ihm, wie man zu sagen pflegt, blank.

Ach, Papa! rief er bei alledem. Er trug den Hut auf einem Ohr und schien aus einem sogenannten Delicatessenkeller zu kommen. Du hast ja gezwungene Ferien! Meine Herrschaften, odi profanum vulgus et arceo – das habe ich noch von ihm gelernt. Wir bleiben ein Bischen bei Ihnen –

Sie erlauben wohl, lallte Forbeck, daß wir einen Schoppen in Ihrem Kreise trinken! Dabei sank er schon auf einen Stuhl und griff nach einer der immer bereitstehenden gefüllten kleinen Flaschen.

130 Der Bart verwischt jetzt die Schärfe der Physiognomieen, der äußere Schliff der Civilisation nicht minder. Die kurze Nase und das sichere Dreinschauen des ersten Sprechers gab ihm Aehnlichkeit mit einem Mops. Der zweite hatte etwas von einem bösen, fauchenden, Jeden mit Angriff bedrohenden Truthahn.

Doctor Wolny bezahlte sein Frühstück und erhob sich sofort. Jedermann wußte, daß er mit seinem Stiefsohn so stand, daß sie sich kaum ansahen. Er hatte diesen sogar auf Reisen begleitet, nur durch wenige Jahre waren sie im Alter getrennt, ihre Verbindung hätte die innigste, von Seiten des Assessors Rabe (er hatte keine amtliche Thätigkeit mehr) die dankbarste sein sollen. Aber alles Schöne, was nur Lehrer und Schüler zu vereinigen vermag, so viele Weihestunden der Erinnerung, nächtliche Sternenblicke, Abend- und Morgensonnenfeuer in der Schweiz, Alles war ausgelöscht, weggeschwemmt, untergegangen in Haß, Verleumdung, Intrigue. Die Mutter ging dem Tode entgegen. Doch selbst im gesundesten Zustande wäre sie in diesem Conflict die Schwäche selbst gewesen. Eitelkeit vertrug sich bei ihr mit allen erdenklichen liebenswürdigen, sogar gutherzigen Eigenschaften. Auf ihren Tod hin war ihr Sohn einer der verrufensten Schuldenmacher und eleganten Herumtreiber der Stadt. Auf gleichen und ähnlichen Wegen, 131 die er wandelte, begegnete ihm Max Forbeck, Adas Bruder, der dreimal hintereinander durch’s juristische Examen gefallen war, die militärische Carrière ohne Glanz versucht hatte und durch Hindernisse in seinem Charakter höhernorts veranlaßt wurde, diese Carrière zu verlassen. Nun war er gezwungen, sich kürzer oder länger andauernde Existenzen aus dem Capital an gesunder oder fauler Gährung der großen Stadt herauszuschlagen. Der Hauptnachdruck war begründet auf das dem sterbenden Vater gegebene Versprechen des über die Wirkung seines Schusses bestürzten Grafen Wilhelm, sein Erbe sollte Ada von Forbeck heirathen. Der Zeitpunkt war schnell gekommen, unter besonders günstigen Umständen. Graf Udo wurde Majoratsherr! Die Anschaffungen für die Aussteuer waren im vollen Zuge. Mit jeder Rechnung wußte Max von Forbeck eine Durchstecherei, einen gemeinen Coup vorzunehmen.

Die ersten Anknüpfungen eines Gesprächs mit den Eindringlingen, denen Niemand sagen wollte: Scheeren Sie sich hinaus! waren peinlich genug. Der Streik im Rabe’schen Geschäft gab die nächste Handhabe einiger Aeußerungen des Bedauerns, der Nachfrage, zuletzt der Aufnahme des gesellschaftlichen Themas überhaupt, das Forbeck nach einer andern Weinsorte, die er bestellte, nur mit Kartätschen für lösbar erklärte.

132 Indessen floh Wolny einen Ort, wo ihm sonst ein kurzer Aufenthalt immer einen wohlthuenden Eindruck hinterlassen hatte. Lange nicht war er dem immer anregenden Bildhauer begegnet, seit lange nicht hatte ihn dessen Sohn besucht, der vor Jahren auf der Universität sein Hörer war, dann sich ihm hier näher befreundete. Wolny war um zehn Jahre älter als Ottomar, aber durch seinen ursprünglichen Beruf zum Unterricht und zur Erziehung allem Jugendlichen zugewandt. Bei allem Kummer, der über ihn hereingebrochen, hatte er eine offene empfängliche Brust für frische lebendige Eindrücke behalten. In einer jener Arbeiterversammlungen, die Wolny früher noch besuchte, jetzt aber ihres immer zügelloser gewordenen Tones wegen aufgegeben hatte, hatte er Ottomar so schwungvoll sprechen hören, so energisch die ihm gemachten Einwürfe ablehnen, so fest seinen Posten als freiwillig und aus Liebe zur Sache zum Sprechen gedrängter Redner sich behaupten, daß er auf ihn zugegangen war, mit ihm den Abend gemeinschaftlich verbrachte und vollends mit ihm Freundschaft schloß, als er auf die frühere Berührung zurückkam.

Die große Stadt trennt, die große Stadt verbindet.

Siehe da! hörte Wolny, der ruhig seinen Weg bis in eine weitentlegene Gegend vor dem Thore genommen hatte, hinter sich herrufen, siehe da! das trifft sich ja 133 wie bestellt! Eben wollte ich zu Ihnen! Die Zeitungen sind voll von dem neuen Rumor Ihrer Arbeiter! Ist denn wirklich dieser Ehlerdt so nichtswürdig und zettelt alle diese Dinge an?

Wolny zuckte die Achseln.

Ich wollte zu Ihnen, um Ihnen mein Beileid auszusprechen. Hat denn Fräulein Martha keinen Einfluß auf ihren Bruder?

Mein alter Buchhalter Wehlisch, der uns die beiden Geschwister als Waisen in’s Haus gebracht, war bis jetzt der Einzige, der noch ein Wetter über ihn loslassen konnte. Jetzt hört er auch auf diesen alten Freund seiner frühverstorbenen Eltern nicht mehr.

Aber die Schwester – warf Ottomar Althing ein.

Mit der rede ich nur, was nothwendig ist. Sie kennen die krankhafte Eifersucht meiner Frau und die förmlich polizeiliche Controle, unter der ich stehe!

Er meinte das Herumschleichen einer alten Schwester seiner Frau im Hause.

Schade! Schade! Ich muß Fräulein Martha sprechen! fuhr Ottomar lebhaft fort. Einigen Einfluß auf ihren Bruder wird sie doch noch haben. Wenn sich der Mensch unterstünde, je wieder unsre Schwelle zu betreten –

134 Wolny stutzte. Er wußte, daß sich Raimund Ehlerdt rühmte, die Liebe des schönsten und gebildetsten Mädchens, Helene Althing, zu besitzen. Lange hatte man in dem vierten Stock des Parkhauses und in dem tannenumfriedeten Atelier Nachsicht mit den Besuchen des jungen Technikers gehabt. Ottomar erzählte, daß der Freche gestern gekommen sei, als die Eltern zufällig ein wenig ausgegangen. Er wäre so zudringlich gewesen, daß sie den Eltern darüber Nichts hatte sagen wollen, am wenigsten den Vater aufreizen, der sich über die Unmöglichkeit, sich in solchen Fällen durch Ohrfeigen und Zurthürhinauswerfen zu helfen, so ärgern konnte, daß er auf Wochen krank wurde.

Ottomar kam auf die Ablehnung eines Gesprächs mit Martha zurück und sagte: Aber warum verläßt denn nicht lieber Fräulein Martha ganz Ihr Haus? Sie könnte doch wohl eine ähnliche Stellung in irgend einer andern Familie finden –

Das will die Eifersucht unter keiner Bedingung! entgegnete Wolny. Eifersucht will ihr Opfer immer unter Augen haben, will es beobachten auf Schritt und Tritt, will es zuweilen streicheln wie ein Kätzchen, dann zerreißen; denn das Kätzchen bekommt dann die grünen Augen eines Ungethüms, das sich immer größer aufbläht. O, anonyme Briefe sind die Schwimmflossen meines Daseins! 135 Das geht hin und her! „Sie nähren eine Schlange an Ihrem Busen“ und ähnlich. Oder: „Unglückliche Frau, man wartet auf Ihren Tod! Ihre Nachfolgerin ist die schöne Verführerin.“ Bei Tisch habe ich schon von Fräulein Dora hören können: Es ist erstaunlich, wie viel Fälle von heimlichen Vergiftungen von Ehefrauen durch die Männer und deren Geliebten es in der Geschichte giebt! Sie liest alle Leihbibliotheken durch.

Der Anlaß zum Lachen lag nahe und doch wurde er von keinem von Beiden ergriffen. Auf Wolny lag ein zu schwerer Druck.

Dennoch gab Ottomar seiner Erwiderung eine humoristische Wendung und bemerkte: Verschaffen Sie mir eine Anstellung, die heirathen läßt und ich ziehe Sie aus aller Verlegenheit! Fräulein Martha ist für den Kenner anziehend genug, um ihr sofort seine Hand zu bieten. Ich sage da wie Elias Krumm: „Ich heirathe sie vom Fleck!“ Haben Sie aber Vorrechte, so lasse ich sie Ihnen! Ich denke über Liebesaffairen vollkommen kühl wie Schopenhauer!

Wolny erwiderte Nichts.

Das bewußte schmale Trottoir hatte aufgehört. Man kam an unerträglich lange Holzhöfe, denen jede Nichtregulirung eines gangbaren Weges gestattet schien. Dann kamen wieder Häuserreihen wie nach der Schnur gebaut. 136 Endlich erblickte man einen durch gelblichrothen Anstrich besonders anziehenden Complex von Gebäuden, in deren Umgebung sich zur einen Seite ein baumreicher Garten erstreckte, zur andern jene Schornsteine gehörten, die ein höchst elegantes Wohnhaus, eine große, fast fürstliche Villa mit Nebengebäuden überragten.

Die Schornsteine dampfen ja! bemerkte Ottomar.

Die Fürsorge einiger älteren Arbeiter, die meist verheirathet sind und leichtere Arbeiten auch allein erledigen können! sagte Wolny. Uebrigens, setzte er leise hinzu, erwähnen Sie ja Nichts von Ihren Elias Krummgedanken vor meiner Frau! Humor verstehen kranke Menschen nicht!

Im Hause war die Eßstunde in der Regel spät. Die Commerzienräthin fuhr lange spazieren, wollte vom Hofe gesehen sein und machte Visiten. Sie trieb Alles wie die vornehme adlige Welt und da diese Nichts mehr ausschließt, als was physisches Unbehagen erweckt, die Nähe von Kranken zumal, so quälte sich die eitle Frau, gesund zu scheinen. Sie gab Diners und Bälle, lachte und setzte die Modehändler in Nahrung.

Ihre Schwester empfing den ihr heute zum erstenmal vorgestellten Referendar Althing gleichgültig. Sie las in einem Mühlbach’schen Romane und behauptete, ganz allein bei Maria Theresia zu sein. Die Zimmer 137 Wolnys lagen in einem Seitenflügel. Man durchschritt einen etwas dunkeln Corridor, auf welchem eine weibliche Gestalt an ihnen vorüberhuschen wollte, dann aber, als sie Ottomar erkannte, stillstand und freudig erregt nach dem Befinden der Seinigen fragte. Man hätte sie nun für eine Tochter des Hauses halten können, so gewählt war ihre Toilette, obschon diese in den Grenzen der Einfachheit blieb. Ein dunkles Kleid mit hellen Verzierungen und für die häufige Verpflichtung in die schon empfindliche Kälte, in den Zugwind hinauszutreten, ein blauweißes wollnes Gewinde im Haar standen der schlanken, scharfausgeprägten, plastischen Physiognomie, die sich ein feines Lächeln, ein seelenvolles Etwas geben konnte, anziehend genug.

Herr Althing will Ihnen etwas von seinem Fräulein Schwester ausrichten! Sie werden aber dafür gut thun, ihn in Ihrem Zimmer zu empfangen. Jetzt lassen Sie uns etwas Frühstück kommen. Wenn ich zweimal schelle, so führe ich Herrn Althing nach der Martha-Herberge. So nennen wir hier die Gegend, wo das Fräulein ihre Zimmer hat.

Man sah schon, daß Martha in hohem Grade aufgeregt war. Diese neue Ankündigung von etwas Unerwartetem, ja so feierlich Eingeleitetem schien auf ihre Nerven einen lähmenden Eindruck zu machen. Sie schien 138 einen Augenblick vergessen zu haben, daß sie anderweitige Aufträge zu verfolgen hatte. Ohnehin lag schwer genug das Unglück mit der durch ihren Bruder gestörten Fabrik auf ihrer Brust.

Es kam, was an kalter Küche, an Vorabkost vom Mittagsmahle, das erst um vier Uhr genommen wurde, gegeben werden konnte. Wolny hatte schon etwas gefrühstückt, doch nicht ausreichend. Für Althing bot der weite Weg, die herbstliche Luft Entschuldigungsgründe, wenn er so vielen „Umstand“ zu machen zuließ. Er erstaunte darüber, daß die Commerzienräthin mit keiner Silbe seines Eintritts als Protokollführer im Treuenfels’schen Palais Erwähnung gethan hatte. Kranke sind so mit sich selbst beschäftigt, daß ihr Gedächtniß zwar an sich nicht nachläßt, aber es entgleitet ihrem Interesse Alles. Die Furcht und der Schmerz vom Leben sobald scheiden zu sollen, beherrscht alle ihre Empfindungen.

Und hier im Hause herrschte allein das grauenvolle Ungethüm, die Eifersucht. Es blickte aus allen Winkeln. Anfänglich ein Roman-Phantasiegebilde der im Leben ganz nüchternen und prosaischen Dora bekam es Gestalt und wuchs, wuchs bis zur wildverzweifelnden Flucht an ein Fenster, um sich hinauszustürzen. Dann wirst Du doch Ruhe haben! rief wohl die Mutter des Ex-Assessors, die diesen Sohn schon so oft, förmlich wie auf der 139 Bühne die Ziegler heute noch thut, verflucht hatte, und doch folgte sie wieder seinen Rathschlägen, lächelte den Schmeicheleien seiner Frau, einer dürren, eitlen Kokette. Ottomar kannte die Sachlage. Wolny hatte ihm Alles erzählt, nur nicht, daß er Martha wirklich liebte. Das war ein Gefühl, worüber sich Wolny, früh vom Leben in die Schule genommen, selbst keine Geständnisse machte.

Ottomar hatte für die hier waltenden Conflicte schon manchen Rath gegeben. Auch heute wurde mit Discretion manches der verfänglichen Themen berührt. Erfreulich schien ihm der trotz des Streiks doch nicht ganz aufgehörte Verkehr, den man in den Waarenmagazinen beobachten konnte. Dort war Alles vom Kohlenstaub geschwärzt. Schwerhufige, langmähnige Rosse verrichteten ihre Dienste wie sonst. Freilich ebenso erblickte man auch an der Fronttreppe des Hauses Träger von Cartons, die auf Wolnys Gattin warteten. Da diese als von Putzgeschäften kommend bezeichnet wurden, so ließen sie wenigstens auf keine gebotene Einschränkung im Hauswesen schließen.

Wolny zog zweimal an einer mächtigen Glocke und begleitete Ottomar durch mehrere mit schweren Teppichen belegte Corridore an eine Stiege, von wo aus er ihm die Thür zeigte zur „Martha-Herberge“.

140 Ottomar klopfte. Er wartete auf ein Herein! Niemand antwortete. Er wiederholte sein Klopfen. Endlich klinkte er die Thür nieder und sah in’s Zimmer.

Noch war Niemand in dem freundlichen saubern Raume.

Treten Sie nur näher! hörte er eine von Husten und Athmungsbeschwerden unterbrochene Stimme. Fräulein Ehlerdt wird sogleich kommen!

Das war die Schwägerin von vorhin. Sie mußte hinter einer Mauerecke gestanden haben.

Martha kam.

Ottomar behielt nicht viel Zeit, sich im Zimmer umzusehen, wo er fast die Einrichtung seiner Schwester wiederfand, Kleiderschränke, Nähmaschine, Bücherbrett, eine Kommode mit Nippsachen, für deren Aufbewahrung nur die Pietät, das Andenken an die Kinderjahre sprechen konnte. Wenn Ottomar seiner Schwester auch nur das Geringste an diesen blauen mit Goldsternchen geschmückten Gläschen oder Büchschen störte, war für diese gewöhnlich die Welt aus den Fugen.

Eben kommt die Commerzienräthin! sagte Martha und deutete auf das von Ottomar unbeachtet gebliebene Anrollen eines Wagens. Martha schien in der größten Aufregung zu sein. Es war, als wenn eine Königin bedient sein wollte!

141 Mein Auftrag soll Sie nicht lange aufhalten, Fräulein! Ihr Bruder soll uns unter keiner Bedingung mehr besuchen! Ich sage das Ihnen, nicht ihm selbst, weil ich den Ehrenconflict vermeiden will. Sie verstehen mich. Sagen Sie es ihm, daß meine Schwester nie daran gedacht hat, eine Neigung für ihn zu haben! Eine Zeit lang konnten seine Talente, sein Geist, vor Allem die Verwandtschaft mit Ihnen fesseln, aber neulich, als er die Schwester allein fand, war er so zudringlich, daß die Sache aus ist. Ich bin der natürliche Anwalt meiner Schwester –

Um Gotteswillen! unterbrach das tiefbeschämte und erblaßte Mädchen die auf das Aeußerste gehende Drohung. Nimmermehr! rief sie und deutete die Möglichkeit eines Duells oder einer gewaltthätigen Begegnung an. Dann zog sie ihr Taschentuch und drückte Thränen aus den Augen.

Ottomars Bitte um Verzeihung, ihre eigne Antwort konnte kaum zum vollen Aussprechen kommen, da Martha durch ein in kurzen Intervallen erfolgendes zweimaliges Schellen abgerufen wurde.

Ich danke Ihnen, Herr Althing! war Alles, was sie noch erwidern konnte. Dann rief sie schon durch die geöffnete Thür ein Ja! Ja! in die Corridore hinaus, so daß sie kaum noch die Worte ganz gehört haben konnte, die Ottomar im Gehen sprach: Meine Schwester wollte 142 nicht schreiben, sondern schickte mich, damit Ihr Herr Bruder sieht, daß es sich um eine ernste und nachdrückliche Ablehnung handelt.

Ja, ja, ja! sagte Martha athemlos. Ihr schwindelten die Sinne. Denn wie im Geiste, so in persönlichen Beziehungen hatte sie sich längst von ihrem Bruder getrennt. Sie hatte an sich keinen Muth, mit dem Verwilderten anzubinden. Aber sie wollte das doch nicht dem verehrten Besuche eingestehen. Das eben machte sie halb ohnmächtig.

Ich verlasse mich fest, Fräulein Martha! war vielleicht grausam betont, wenn man voraussetzen konnte, daß Ottomar Alles kannte, was in der Brust des gebeugten Mädchens vor sich ging. Die Arme, die ihm so zu sagen noch würdevoll das Geleite gab, während ihre Nerven schon durch die ungeduldig klingelnde Commerzienräthin in Erregung waren! Denn diese schenkte ihr wohl, wenn sie in elegische, bereuende, vom Leben Abschied nehmende Stimmungen kam, kostbare Kleider und Schmuck, war aber rücksichtslos, wenn das kleinste Bedürfniß nicht nach ihrem Willen befriedigt wurde.

Ottomar fand Wolny nicht mehr in seinem Zimmer, hatte auch nicht die mindeste Lust, der Commerzienräthin, die ihn so übersehen, aufzuwarten, sondern schlich sich auf den Zehen durch den von Kohlenabfällen geschwärzten 143 Hof auf die Straße. Schlackenreste aus den Oefen bezeichneten ringsum die Wege, so sauber es auch im Innern des Hauses aussah. Er war der Wohnung der Marloff ziemlich nahe, Pallisadenstraße 13. Er wollte vigiliren, ob er es wagen konnte, sie bei Tage zu besuchen – – –

Inzwischen war um die Commerzienräthin schon jene Lebendigkeit eingetreten, die um sie her herrschen mußte, um sie in dem Glauben an die Unzerstörbarkeit ihres Lebens zu erhalten. Wenn sie nur Menschen sah, wenn ihr nur prächtige Kleiderstoffe entgegen lachten, Carossen der Aristokratie vorfuhren, dann hatte sie Anhalt an die Welt, von welcher die grausame Wirklichkeit ihres Leidens ausgeschlossen war. Dann konnte sie dem Arzte Versicherungen geben, daß sie keinen Ball besuche, dem Justizrath Luzius ein baldiges Testament versprechen, dem Sohn einen ernsten Vorhalt machen und zuletzt ihren „geliebten Mann“ umarmen und liebkosen. War sie aber allein, ohne Anregung und versagte ihr die Kraft, sich aufzuschwingen, Gesellschaft zu sehen, dann traten alle Schreckgestalten vor ihr Auge. Dann waren Wolny und Martha bereits verbunden! Dann verkaufte jener die Fabrik, zog in glücklichere Gegenden, in wonnige Gefilde, in die Schweiz, schwelgte mit der schönen schlanken Geliebten in Italien – während sie im Grabe moderte – ha! dann hätte nur ein Beweis geführt 144 werden müssen, und das ruchlose Treiben des Assessors auf Umstoßung des väterlichen Testaments, das ihn für abgefunden erklärte, wäre gekrönt worden. Sie hätte den Retter ihres Vermögens, den Erhalter ihres Namens in der gesellschaftlichen und der Geschäftswelt in einem neuen Testamente nur auf ein Pflichttheil der Erbschaft verwiesen und Alles ihrem Sohne zugeschrieben.

Muster waren angekommen, über deren Wahl Martha entscheiden sollte. Es war der Staatsanwalt Stracks da, der zu den Gästen des Hauses gehörte und von ihr wegen des Streiks citirt wurde. Der gefürchtete Mann erklärte sich für unfähig, gegen streikende Arbeiter etwas zu thun, da ein Gesetz wegen Contractbruchs fehle. Der Medicinalrath Flink kam, der an den Dorfbarbier in Schenks alter Oper erinnerte. Wie dieser alle Bauern nebeneinander setzt und sie sämmtlich mit einem einzigen großen Pinsel und mit einem Handgriff einseift und beinahe auch mit einem einzigen Messerstrich rasirt, so machte dieser Herr täglich die enorme Zahl von Patienten ab, die bei den colossalen Entfernungen der verschiedenen Wohnstätten dazu gehörten, ihm eine gesellschaftliche Stellung zu geben, Söhne studiren zu lassen, Töchter auszustatten und was außer zwei Bällen zum Kampf um unsre Existenz gehört. Flink hatte eine ihm angeborne Plauderlust. Aber durch die Umstände gezwungen, 145 hatte er diese unterdrückt. Die Manieren alter Aerzte nachahmend, scheute er selbst die Grobheit nicht, um nur Zeit einzubringen. Doch that er den Kranken damit wohl; ganz gegen sein Gewissen donnerwetterte er den Kranken auf den Kopf zu, daß sie gesund seien. Heute hatte er freilich doch gesagt: Schnürleib weglassen! Eingezogen leben! Wenig Gesellschaften sehen! Nicht überall mit dabei sein wollen! Haben wieder Comitésitzung gehabt! Ruhig auf dem Sopha liegen bleiben! Ein gutes Buch lesen! Am wenigsten in die kalten Kirchen gehen! Der liebe Gott kommt schon so zu Ihnen!

Mit diesem sehr zweideutigen Worte war er heute verschwunden, um nach zwei Tagen wiederzukommen.

Der Staatsanwalt stand in der Ferne und hörte die Conversation nicht. Als er zurückkehrte, fand er die Commerzienräthin bewegt. Er merkte Nichts. Solche berühmte Sprecher fangen immer da wieder an, wo sie aufgehört haben. In vieler Hinsicht, sagte er, stehen wir ja gegen die Republiken des Alterthums zurück! Wer sich damals so gemeinschädlich aufführte, wie diese Arbeiter, wurde sofort aufgehoben. Der gesellschaftliche Contract bringt es mit sich, daß man auch jetzt noch so verfahren sollte, und ich glaube, daß auch noch die Zeit kommen wird, wo man so einen Menschen, wie Ihren 146 Raimund Ehlerdt, geradezu am Kragen packt und nach Amerika transportirt!

Der Sprecher kannte die Beziehungen der eben mit dem Zusammenlegen der Kleiderstoffe beschäftigten Martha nicht, sondern fuhr sogar noch schärfer betonend fort: Ich meine Ihren Werkführer, den Herausgeber des „Socialnivellirers“.

Er soll den Streike nicht veranlaßt haben – entschuldigte ihn die Commerzienräthin mit Rücksicht auf Martha.

Er nicht direct, aber er macht den Generalstab, den neuen Lassalle! Um diesem ganz zu gleichen, fehlen nur einige frivole Weiber! Bonaparten gelang’s, durch Weiberprotection zur Weltherrschaft zu gelangen, Lassalle ist durch Liebestollheiten aller Art, die traurigste Parallele seines politischen Größenwahns, zu Grunde gegangen. Nun horchte Martha auf, als der Staatsanwalt fortfuhr: Ehlerdt wird zu einem jener Congresse reisen, die man unbegreiflicher Weise duldet; wohl zu diesem Ende hat er sich sans façon, wie mir Herr Wolny sagte, einen unbestimmten Urlaub genommen.

Die Commerzienräthin hörte doch voll Mitleid all diese Stiche, die Martha erdulden mußte, Tante Dora dagegen voll Wonne. Wenn Raimund Ehlerdt im Frack und in Glacéhandschuhen kam, nahm er sich stattlich 147 aus. Er war schön, gelockten Haares, und nur durch seine lebhaften Demonstrationen etwas anstößig, weil man bald erkannte, daß sie die Folge allzuvielen Trinkens waren.

Seinen „Socialnivellirer“, fuhr der Staatsanwalt fort, confiscire ich alle Augenblicke. Aber was hilft uns das? Aufrichtig und unter uns gesagt, es stützen sich die anderen Parteien auf diese ungebildete Masse und werfen sie, wie man auf Dampfschiffen einen eisernen Ballast auf Räderwagen hat, bald hierhin, bald dorthin, des Gleichgewichts wegen. Wenn wir den Begriff Staat nur zum Besten der Regierung, der Fürsten und der privilegirten Machtansprüche ausbeuten und nicht lediglich zum Besten der Gesellschaft, wenn wir nicht endlich die königliche Gnade abschaffen, die da Verbrecher schont –

Halten Sie inne, Sie Schrecklicher! unterbrach die Commerzienräthin den keineswegs auf die bloße Militärbedürfnißpolitik geschulten, sondern am Juristentag glänzenden Redner. Wollen Sie schon wieder alle Ihre Todesurtheile vollstreckt –? Nicht mehr das schöne Wort von der Gnade, die da „träufelt, wie Himmelsthau –“ wie heißt doch die Stelle bei – bei –? Martha, wo sind die neuen Photographieen – zu – zu –? Wer spricht doch da das schöne Wort von der Gnade?

148 Porzia! antwortete Martha, die in diesem Augenblick selbst Porzia war, sich als solche fühlen durfte. Mit demselben hoheitsvollen Auge, derselben klaren Stirn, demselben dunkeln, jetzt von dem weißen Tuch befreiten Haar stand sie da, wie ihre Vorgängerin vor Venedigs Consulta.

Schnell war sie zur Hand, um aus einer großen von ihr selbst ge­­stickten geschmackvollen Mappe eine Photographie herauszusuchen.

Der Staatsanwalt wollte indeß weiter sprechen, aber der Diener brachte auf einem metallnen Teller einen Brief an die Commerzienräthin, den diese mit krankhaftem Eifer ergriff und mit so auffallender plötzlicher Geistesabwesenheit durchlas, daß sich der Freund des Hauses empfehlen wollte und die endlich gefundene Porzia nur flüchtig und artig gegen „Fräulein Martha“ dankend ansah und den Hut ergriff.

Ein Anfall – meines Uebels! – hauchte die Commerzienräthin und verließ mit diesen Worten in der That Herrn Stracks, der mit Bedauern nur ein O! sprach, aber seine Rede zu Fräulein Dora so schloß, daß er die Thatsache anwachsen sah, wie sich unter dem Schutz einer falschen Ausbildung des Cultur- und Zeitbewußtseins eine Gefahr zusammenballte, die wie eine Lawine am Splügener Paß, nicht wie ein Schneeklumpen an der Sonne im Stadtpark endigen würde.

149 Wieder ein anonymer Brief! – sagte mit heiserer Stimme vom Fenster Fräulein Dora, als der pflichttreue Mann gegangen war.

Die Ahnung, daß sie selbst wieder der Gegenstand der anonymen Verläumdung war, wie sie’s in diesen Ausgeburten der Bosheit schon oft gewesen, ergriff Martha so mächtig, daß sie Miene machte, der Commerzienräthin zu folgen.

Sie werden doch nicht! vertrat ihr Fräulein Dora den Weg und sah sie groß mit ihren stechenden Augen an. Was geht Sie denn die Correspondenz meiner Schwester an? Mit diesen Worten folgte sie der Commerzienräthin. Neugier trieb sie, eine innige Theilnahme zu heucheln.

Martha stand und schlug sich mit der Hand an die Stirn. Das Benehmen ihres Bruders gegen Wolny, die gestörte Thätigkeit der Fabrik, die schimpfliche Verweisung desselben aus einem Kreise, wo sie sich oft so wohl gefühlt, mehr als im Hause der Commerzienräthin, eines Kreises, wo sie die weiche, die Seele sanft anfächelnde Luft der Bildung genossen hatte, alles das hatte ihr schon an sich den größten Schmerz verursacht. Nun wieder die Worte des Staatsanwalts und etwas neues Geheimnißvolles! Oder vielmehr nur das alte ewig Wiederkehrende, das sich in andern Formen wiederholte! Sie 150 sollte Wolny lieben! Er sie! O Gott – gab es denn darüber ein Gefühl in ihrer Brust? Sie hätte sich dem alten Wehlisch, dem sie nach dem Tode ihrer Eltern diese Unterkunft hier und die Versorgung, die Ausbildung des Bruders zum Techniker verdankte, schon so oft um den Hals werfen und ausweinen mögen. Aber ein solcher alter weißhaariger Mann denkt an Alles, nur nicht an die Gefühle eines jungen Mädchens. Da stand er schon wieder! Er hatte alle Hände voll Papiere, die von der Commerzienräthin unterschrieben werden sollten. Wolnys Procura war aus Schonung des Sohnes nicht einmal eine ganz vollständige. Wehlisch kam verdrießlich von der Commerzienräthin zurück. Er hatte die Papiere drinnen gelassen, um sie später abzuholen. Polternd wies er Marthas Fragen, was denn vorgefallen wäre, mit den Worten zurück: Ich wollte, ich hätte Euch hier nie in’s Haus gebracht!

Martha rief: Auch mich nicht?

Der Raimund – wich der Alte aus. Er stellt sich unschuldig an dem Streik und schiebt ihn auf den Mahlo, das saubre Subject. Aber seit Wochen schon will er krank sein und kommt nur ab und zu in die Fabrik. Jetzt bleibt er ganz aus und will auf den Congreß nach Leipzig. Dort wird er die Reden seines Principals, seines Wohlthäters, nur noch mehr herunter machen, als er es schon in seinem „Nivellirer“ gethan hat.

151 Er wird nicht reisen –!

Du wirst ihn nicht zurückhalten –!

Martha antwortete nicht. Sie warf den schönen Kopf mit seinen funkelnden Augen wie eine Seherin empor. Die Vereine bringen ihm für seine Reden und Schriften Ruhm und Kränze dar, sagte sie, nachdem der Stickkrampf in der Stimme vorüber war. Ich, ich will ihm das Schandmal, das ich auf seiner Stirne brennen sehe, fühlbar machen wie ein verzehrendes Feuer! Worte soll er hören, wie sie ihm von seinen Schmeichlern noch Niemand gesprochen hat.

Damit wankte das wie wahnsinnig in die Luft tastende Mädchen zur Thür hinaus in ihre Zimmer, um sich Mantel und Hut zu holen.

Wehlisch sah ihr mit einer Miene nach, die unter glücklicheren Stimmungen seines Gemüths als der Ausdruck der Zufriedenheit hätte gedeutet werden können. Dennoch ging ihm etwas wie: Doch ein Prachtmädchen! unter in dem Unbehagen über die Widerwärtigkeiten, die der Augenblick auf seine alten Schultern wälzte.

Ehlerdts Wohnung lag Palissadenstraße 13.

152 Siebentes Kapitel.#

Ottomar hatte das Haus gefunden, aber – sich noch nicht hineingewagt. Es war zu lebhaft ringsum. Er wollte das Abenddunkel abwarten.

Das betreffende Haus war eine jener Miethskasernen, die für alle Schichten der Bevölkerung zugleich gebaut scheinen. Im Keller, unter’m Dach, im Hinterhofe Proletarierexistenzen, in den sorgfältig verschlossenen Etagen Börsenspeculanten, Militärs mittlern Ranges, Beamte. Im Innern der Etagen gewiß sehr elegant, aber dem Hause fehlte der – Verschluß. Es ist also nicht „hochfein“. Ein sogenannter „stiller Portier“ zählt die Bewohner auf, eine Sitte, die dem „Vicewirth“ das ewige Auskunftgebenmüssen über etwaige Einwohner ersparte. Da stand: Frau Geometer Marloff – und im dritten Stock: Raimund Ehlerdt. Der Namen waren wohl zwanzig beisammen. Der Hof war düster und übervölkert. Frau Geometer Marloff wohnte in der Beletage. Durch ein Guckloch sah Ottomar, der so that, 153 als hätte er im zweiten Stock zu thun, ein Paar schwarze Augen, die ohne Zweifel der Deutschpolin Josefa Ziporovius angehörten. Das Guckloch war die Ausschau, die Thurmwarte auf den alten Ritterburgen.

Raimund Ehlerdt hatte es oberhalb seiner drei Treppen noch nicht zu einer eleganten Existenz mit rothsaffianenen Möbeln, rollbaren kleinen Voltaires, Bücherborden mit Einbänden à l’anglaise gebracht. Mit solchen Anfängen der literarischen Aristokratie würde er bei seinen Gesinnungsgenossen schön angekommen sein. Aber wenn man an dem Porzellanschild mit dem einfachen Namen Marloff vorübergegangen war, findet man bei einer Wohnungsvermietherin im dritten Stock doch drei recht hübsch möblirte luftreine Zimmer, die sich nur leider im Augenblick etwas im Derangement befanden. Bis tief in die Nacht hatte hier eine „Besprechung“ zum Wohle der Menschheit stattgefunden. Weinflaschen, meist leere, standen und lagen wie im Depot eines Hotels. Ein Rufer im Streit, soweit seine heisere Stimme reichte, Mahlo geheißen, auch wohl „Ehlerdts böser Genius“, war noch zugegen. Das hier vertretene Princip lautete: Wer sich selbst vertraut, dem vertrauen auch die andern Seelen. Noch war hier ein Piano zugegen, die Kunst also nicht ganz in’s Fabelreich verwiesen. Bücher, Zeichnungen, Maschinenabbildungen lagen genug umher. Aber 154 die Cigarrenkästchen waren Behälter der heterogensten Dinge geworden. Fast durchgängig hatte der ausgeleerte Cigarrenkasten eine Civilversorgung bekommen als Tintenfaßbehälter, Waschnecessaire, Lichtstumpfen- oder Streichhölzerreservoir. Eine Reihe leerer grüner Flaschen garnirte schon die Mauer unterm Fenster. Noch stand eine halbgefüllte auf dem Tisch, welcher seinerseits alle Wahrzeichen eines eben erst, gegen Mittag, genossenen Frühstücks trug. Ein Kalabreserhut hing über einer wenig gereinigten, einen nicht an Heliotrop erinnernden Geruch verbreitenden Petroleumlampe. Anfälle von Sparsamkeit bestimmen zuweilen den Junggesellen, sich selbst die Lampe füllen zu wollen und so entbehren sie jener sorgfältigen Pflege, die bei Lampen die Hauptsache ist.

Der schmächtige schon graubärtige Mahlo mit kahlem Scheitel und weinrother Nase hatte die Nacht hier geschlafen und sah in Raimunds winterlichem Reisepelz für einen humoristischen Maler herausfordernd genug aus. Die Stiefel waren schmutzig, das Hemd erinnerte an den Umgang mit der Kohle. Raimund dagegen war eine anziehendere Erscheinung, auch wirklich schon leidlich toilettirt und mit den rothen Tragbändern über’m Hemde – weiter war sein Anzug noch nicht gediehen – eine Erscheinung, die einnehmen konnte. Marthas Haar war kastanienbraun; ihres Bruders lockiges Haar, das an 155 Stirn und Schläfen schon Spuren – vielen Nachdenkens zeigte, war heller, die Nase vielleicht nur momentan zu roth, sonst die Züge einnehmend; der untersetzte Wuchs durchaus männlich, die Haltung stramm.

Das Nebenzimmer stand offen. Beim Auf- und Niederschreiten commandirte Raimund, statt zu sprechen. Er hatte die sichere Art, die unserm Jahrhundert imponirt und so lange Erfolge bringt, bis einmal das Schicksal in unerwarteter Gestalt dem Hochmuth ein Hinderniß bringt und das Schicksal ist ein Gespenst, das vor unserm Anruf nicht zurückweicht. Raimund und Mahlo rauchten Cigarren und dieser griff jedesmal, wenn die seinige soweit gekommen war, daß die Gluth seinen wulstigen Lippen wehe that, mit einer Art Wonne nach einer neuen aus einem offenen Havannakasten. Raimund, der sein lockiges, wie gesagt, schon etwas defectes Haar bis in den Nacken trug, und eine breitschultrige nur etwas zu kleine Figur für die Wiedergabe seines künftigen Standbildes vorstellte, controlirte bei alledem jeden Mahlo’schen Griff und verbot ihm zuletzt, sich nun noch ferner zu verproviantiren. Er hatte gemerkt, daß, wenn eine Cigarre genommen wurde, gleich eine andere mit in die Tasche wanderte.

Nun „raisonnirte“ Mahlo „inwendig“ und sagte dann laut im bierheisern Tone: Bist auch nach Chemnitz 156 gedampft das letzte Mal! Laß auch einmal einen Andern die Diäten schlucken!

Diäten schlucken! wiederholte Raimund spöttisch. Er hatte einen der Menschen vor sich, mit denen er, wie die Rappos im Circus, Fangball spielte. Schluck Du nicht ewig meine Cigarren! Diäten schlucken! Sein Lachen war homerisch. Dabei band er sich eine leichte Cravatte vor dem Spiegel zurecht.

Jetzt brachte Mahlo eine jener Schmeicheleien, ohne welche die Matadore, ob sie nun Staaten oder Stadttheater oder Journale oder Fabriken dirigiren, nicht bestehen können. Was rauchst Du auch so capitale Cigarren! Sie werden Dich im Verein noch in den Geruch von Aristokratie bringen –!

Darüber lächelte Raimund, das gefiel dem Gelockten, der in diesem Augenblick nur den Gedanken hatte, ob es nicht besser wäre, sein Haar kürzer zu tragen. Es kamen zuweilen bedenkliche Raufereien in der Hitze der Debatte vor, besonders bei dem eben angeregten Thema „Diäten“ mit dem frechen Zusatz des „Schluckens“! Als wenn ich nicht schon bei der Vereinskasse mehr als fünfzig Thaler zu Gute hätte! sagte er, und: Nein, unterbrach er sich, Dich zum Kassirer gewählt zu haben! Diese Tollheit! Nächstens werde ich auf Kassensturz antragen und wehe Dir, wenn Einnahme und Ausgabe nicht stimmen!

157 Dann, lieber Freund, entgegnete Mahlo, indem er, um seinen Schrecken zu verbergen, nach der Flasche griff und sich ein Glas einschenkte, dann giebt es ein verändertes Programm! Uebrigens, unterbrach er seine humoristisch sein sollende Drohung, da ist ein Jemand, der Dich zu sprechen wünscht.

Es war der Druckerbursche, der einen Abzug des „Socialnivellirers“ zum Corrigiren brachte.

Mit einer Keckheit, die vordem im Verkehr des gewerblichen Lebens mit Kunden und nun gar bei Druckern mit Autoren niemals Sitte gewesen, erklärte dieser Knirps im Auftrag des Factors eine blauangestrichene Stelle für „reinen Unsinn“.

Hat das der Factor gesagt? sprang Raimund mit grimmiger Wuth auf den Jungen zu, schüttelte ihn und auch Mahlo zeigte einen Anlauf zur Indignation.

Es ist freie Uebersetzung von dem Jungen! sagte der Adjutant. Der Junge heißt Stift. Ich kenne ihn, er kommt schon manchmal in den Verein! Aber der Herr Factor hat sich höflicher ausgedrückt.

Die vielen Correcturen wollen die Setzer jetzt überhaupt nicht mehr machen! fuhr Stiftchen fort. Schreiben Sie gleich Anfangs richtig!

Sagt das auch der Factor? rief Raimund wüthend.

158 Wieder freie Uebersetzung! rief Mahlo. Stift! Stift! Ich kenne Deinen Vater! Einen gesinnungstreuen Mitkämpfer! Wende Deinen Freimuth nicht an unrechter Stelle an! Wir sind ja Volksfreunde!

Damit gab er dem Jungen ein Stück Zeitungspapier, um sich eine Cigarre, die er wieder aus dem Kästchen nahm, als etwas Kostbares einzuwickeln. Raimund las die Correctur.

Streikt nur nicht, so lange Ihr den „Socialnivellirer“ druckt! meinte Mahlo. Er war sogar nicht abgeneigt, Stiftchen ein Glas Wein einzuschenken, woran ihn jedoch Raimund verhinderte. Sein mit kräftiger Stimme Gerufenes: ich corrigire jetzt! und der dabei auf die Flasche geworfene Blick belehrten Mahlo, daß er sich hier nicht zu sehr Herr fühlen sollte. Das Werben eines Claqueurs für Mahlos zuweilen abblitzende Meinungsäußerungen im großen Verein, Gartenstraße 819, unterblieb.

Es fehlen auch noch anderthalb Spalten, um die Nummer vollzukriegen! sagte Stift in anständigerm Tone. Er hatte eine Anzahl Cigarrenreste in Sicht genommen und annectirte diese mit Mahlos blinzelnder Zustimmung. Sonst pflegte Mahlo diese Lese selbst nicht zu verschmähen. Aber heute saß dieser, während Raimund corrigirte und dem „Unsinn“ Aufhellung gab, so zu sagen im Vollen.

159 Verdammt! stampfte Raimund auf. Sie haben ja von mir in der Druckerei Bücher genug! Daraus sollen sie füllen, womit es eben geht! Hartmann, Schopenhauer, Herwegh, Feuerbach, Marx!

Stift ließ sich in die Literatur ein, sprach die mißgünstigsten Urtheile über die zu allenfalls entstehenden Lücken gelieferten Werke, riß die gefeiertsten Namen Deutschlands als „alte Schweden“ herunter, mit denen man schon zu oft gekommen sei, bis Mahlo aufstand und im Ton der höchsten Verwunderung ausrief: Aber Herr Jesus, Ehlerdt, Du wirst doch nicht gar Deine göttliche Rede von neulich blos im Auszuge gegeben haben? Das wäre ja reiner Selbstmord. Dieser Strom von Beredtsamkeit! Den willst Du hemmen? Und das blos aus Rücksicht auf den Sonntagsingenieur, den Revolverprinzen, unsern gelehrten Doctor, den Du so ganz nach dem Leben getroffen hattest –?

Das waren Honigworte für den Matador! So lassen sich die gebornen Herrscher auf die Throne heben! Der Revolverprinz hieß Wolny, seitdem er einem stürmischen Verlangen der Arbeiter um verkürzte Arbeitszeit einmal mit der Waffe in der Hand entgegengetreten war.

Mahlo ergriff ein Zeitungsblatt, worin eine Rede abgedruckt war, die kürzlich Wolny in einem Bürgerverein gehalten hatte. Er parodirte den Inhalt: „Läßt sich 160 denn die Gesellschaft so über Nacht verändern?“ Fragezeichen! setzte Mahlo hinzu. „Wird sie eben nicht zu allen Zeiten das Schauspiel eines Wettkampfes verschieden vertheilter Kräfte bieten?“ Wiederum ein Fragezeichen! schaltete Mahlo ein. „Dem Capital den Krieg ankündigen heißt den Unternehmungsgeist lähmen, den Muth, das Vertrauen, den kühnen Einsatz hemmen –“ Junge, komm’ heute Abend, unterbrach er sich, in unsern Verein, ich werde das von dem „kühnen Einsatz“ von meinem Standpunkte aus widerlegen.

Stift lehnte lachend ab. Er machte schon Kalauer. Bei ihnen in der Druckerei könnte der Einsatz, er meinte die Einhebung der Bleiformen, nicht behutsam genug vor sich gehen. Uebrigens hätten sie Nachtarbeit! setzte er hinzu; da könnte er nicht kommen.

Nachtarbeit! rief Mahlo. Hast Du gehört, Ehlerdt? Europäisches Sklavenleben! Während das Capital in weichen Federdaunen schlummert oder in erleuchteten Sälen mit Damen in seidnen Gewändern – Jetzt tanzte Mahlo Galopp, ergriff dazu Stiftchen und ahmte „Hirsch in der Tanzstunde“ nach.

Wird es endlich Ruhe geben? stampfte Raimund mit dem Fuße auf. Du machst Deine Toilette! herrschte er Mahlo an. Laß den Jungen in Ruhe!

161 Mahlo kannte diese Stimmung seines Protectors und respectirte sie in jeder Beziehung. Schweigend zog er Raimunds Pelz aus, ging in’s Nebengemach, rumorte dort mit Krügen und Schüsseln nicht unbedenklich für Raimund und hörte leider nicht, daß Stiftchen erstens den Mutterwitz hatte zu sagen: „Na, im Verein, Gartenstraße 819, ist es des Nachts 2 Uhr auch noch nicht still“ – dann aber Gelegenheit fand, plötzlich noch als einen Auftrag, den er ganz vergessen, etwas Orthographisches anzubringen. Ja, Herr Jesus, daß ich’s ganz vergessen habe! „Henkersmahlzeit“ und „Prostemahlzeit“ sagt unser Herr Corrector, muß doch noch immer mit ’nem H geschrieben werden. Ohne H ist es noch nicht von oben befohlen!

Raimund las in seiner Correctur pathetisch: „Diese kleinen Concessionen der Principale, was sind sie denn anders als die letzten Henkersmahlzeiten, welche der Tyrann, das souveräne Capital –“ Nein, mein Junge! unterbrach er sich. Weg mit diesem H! Es ist ein unnützer Schmarotzer in Eurem Letternkasten!

Nun, sagte Stift etwas verlegen und zupfte verschmitzt an seinem Tüffelrock, nun, da sagt der Herr Corrector: Warum Sie denn selbst so viel unnütze Buchstaben in Ihrem Namen hätten? Sie hießen doch Ehlerdt und wären das überflüssige H und das D wahrscheinlich 162 Ihren Ahnen schuldig! Auch könnten Sie ’mal eine reiche Erbschaft kriegen, und wenn Sie nicht mehr Ehlerdt, sondern Elert heißen wollten, bekämen Sie sie gar nicht –!

Der Spaß machte Raimund lachen. Er faltete die Correctur zusammen, bestellte für die leeren anderthalb Spalten eine Stelle aus einer Broschüre, die er vom Bücherbord nahm, und entließ den Jungen. Das Blatt war ihm eine Last geworden. Es hinderte ihn in seiner freien Bewegung, wie er auch Mahlo sagte, der sich dem Druckerjungen anschließen wollte und den Freund noch auf dem Eisenbahnperron zu sehen hoffte. Sein schnelles Verschwindenwollen war Raimund verdächtig. Er hatte gewiß etwas annectirt, was Raimund später vermißte. Doch war er wie der Löwe, der nicht immer in der Laune ist, sich auf den Sprung zu stellen.

Im Begriff, ebenfalls auszugehen, noch für seine Reise nach Leipzig auf den Congreß einige Anordnungen zu treffen und sich zu erkundigen, wie weit die Verhandlungen des Strikecomités mit Wolny vorgeschritten seien, hörte er auf dem Vorplatz reden. Wetter! sagte er vor sich hin, ist das nicht meine Schwester? Sie will mir wohl die Leviten lesen –! Und dabei hatte er eine Mahnung des Gewissens an seine Stellung zur Fabrik, aber nicht im Geringsten an die Scene mit Helene Althing. Diese hatte doch mit einem empörten: 163 Verschonen Sie uns mit Ihren Besuchen! geendigt, aber Raimund hatte das Princip, daß die unangenehmen Gefühle dadurch verstärkt werden, wenn man zu oft an sie denkt. Er hatte die fatale Scene im Park, seine Anwendung des frivolen Satzes der Frau von Genlis: „Die Männer wissen gar nicht, was sie für Erfolge haben könnten, wenn sie nur mehr Courage hätten –“ eine plötzliche Umarmung Helenens, ganz vergessen.

Martha trat ein, das federgeschmückte Hütchen à la Rubens auf dem errötheten Antlitz, im herbstlichen carrirten Mantel. Bist Du allein? fragte sie noch unter der Thür.

Wie Du siehst! antwortete der Bruder, der schon nach Unbefangenheit rang. Denn er bemerkte sogleich die Zornesgluth auf der Stirn seiner Schwester. Oder erscheint es Dir nicht anständig einzutreten? Hast Du doch sonst mit mir hier zusammengehaust! Es sind immer noch dieselben drei Zimmer und immer noch ist’s die alte anständige Wirthin!

Die Du bald zur Kündigung zwingen wirst, wenn Du Deine nächtlichen Gelage nicht läßt! Wie sieht es hier aus! sagte sie näher tretend. Ueberall die Spuren der Völlerei! Auf dem Sopha hat Jemand die Nacht geschlafen!

Ich, liebes Kind! Dein alter Anbeter Mahlo campirte in meinem Bett! So verstehen wir den Socialismus! 164 Uebrigens, wenn ich ausgegangen bin, wird aufgeräumt! Er füllte sich seine Cigarrentasche mit Vorrath für den Ausgang.

Da sich Martha vom Steigen der Treppen und von ihrem Gange, den sie zu Fuß gemacht hatte, erst erholen mußte und sich setzte, so fand ihr Bruder Gelegenheit, ihrem Strafvortrage zuvorzukommen. Nimm nicht übel, daß ich Deinen letzten Brief nicht beantwortet habe! sagte er. Es soll nächstens geschehen. Jetzt aber verschone mich mit Deinen Vorwürfen!

Ich wollte Dir zunächst nur sagen, daß Du Dich nicht unterstehst und noch einmal zu den Althings gehst! begann Martha. Du verdirbst mir durch Dein Benehmen gegen Helene die einzige mir außerhalb des Hauses noch offenstehende vertrauliche Beziehung, die Freundschaft eines hochgebildeten Mädchens, die weisen Rathschläge ihrer Eltern –

Und die Gelegenheiten, fiel Raimund ein, seine Cigarre, die er anrauchen wollte, mit einigem Schreck, der ihn doch befiel, wegsteckend, mich anzuschwärzen! Was bildet sich denn dies Fräulein da draußen ein? – Ein Graf wird doch nicht kommen – Ja so! unterbrach er sich hämisch. Graf Treuenfels wurde genannt! Sieh! Sieh! Aber der wird ja bald Hochzeit machen. Das wäre freilich kein Hinderniß, daß er –

165 Lästre nicht, Elender! rief die Schwester.

Na, wer hat Dir denn den Auftrag gegeben? Papa, Mama, sie selbst?

Ihr Bruder: Lieutenant Althing! sagte Martha mit Entschiedenheit.

Das machte ihn schweigen. Aber dennoch wollte er obenauf bleiben und sagte frech: Doch in keiner Kosestunde das abgemacht –? Ja so, unterbrach er sich, Du sollst ja schon im Geheimen verlobt sein.

Mäßige Deine lose Zunge! sagte die Schwester mit erstickter Stimme.

Nun, Du wirst doch nicht leugnen wollen – fuhr der Bruder mit zweideutigem gemeinem Lächeln fort.

Leugne Du nicht, unterbrach ihn die empörte Schwester, daß Du Dich mit Deinem Kranksein als Lügner verstellst, daß Du zu einem Congreß nach Leipzig reist und die Arbeiter der Fabrik wieder aufgewiegelt hast. Neulich hast Du im Verein Satz für Satz eine Rede, die Wolny gehalten, lächerlich gemacht!

Widerlegt habe ich sie! wallte Raimund auf. Ansicht gegen Ansicht ausgetauscht! Seine Tiraden hätten einige Gimpel gefangen nehmen können. Uebrigens kann ich thun, was ich will. Mir steht die Welt offen.

Der alte Wehlisch sagt – meinte jetzt ebenfalls bitter lachend die Schwester: Dir steht entweder noch 166 das Narrenhaus offen oder ein noch schlimmeres Haus –!

Bist Du hergekommen, mir die Kindereien dieses alten Tropfes zu wiederholen? sprach der Bruder zornentflammt.

Der uns unterstützte, als wir Waisen waren, für unsere Erziehung sorgte, Dich in Wolnys Wirkungskreis einführte –! ergänzte Martha.

Was declamirt Wolny gegen uns? suchte Raimund das aufgeregte Gespräch in eine nicht zu schroffe Bahn zu lenken. Von Haus aus ist der Mensch ein armseliger Silbenstecher, ein Stubengelehrter – der es zu keiner Professur hat bringen können –!

Um so ehrenvoller für Euch, daß er sich in Eure Lage hineingearbeitet hat –

Die versteht man nicht, wenn man nicht im Schweiße seines Angesichts gearbeitet hat –!

Du im Schweiße Deines Angesichts! lachte die Schwester. Stellst Dich krank, beziehst Deinen Gehalt nach wie vor, machst Reisen, redigirst die verrückteste aller Zeitschriften – ich schäme mich, vor Wolny die Augen aufzuschlagen.

Jetzt kam Raimund mit einem brennenden Schwefelholz, das seine endlich präparirte Cigarre anzünden sollte, dem Auge der Schwester so nahe, daß diese auf ein 167 frivoles: Das wird wohl andere Gründe haben! ihn zurückstoßen und sagen konnte: Ich ersticke! Ueberhaupt, rief sie, um ihrer Wallung Herr zu werden, es ist eine Luft hier im Zimmer –!

Sie riß die Fenster auf.

Ich bitte Dich! Ich habe geheizt! sagte Raimund und schloß sie wieder.

Wo ein Mahlo geschlafen hat –! sagte sie und riß ein anderes Fenster auf.

Greif’ meine Freunde nicht an! rief Raimund und schloß auch dies Fenster. Mahlo ist, wenn er will, ein Genie!

Wenn er arbeitet! antwortete die Schwester. Am Schraubstock! Da will ich ihn anerkennen. Abends in der Feuergluth am Ofen! Beim Geheul des Ventilators! Aber Euer Lärm im Verein, Eure Einmischung in die Welt, in die Gesetze der Gesellschaft, in der wir leben! Was soll das? Schon zweimal habt Ihr gestreikt! Schon zweimal seid Ihr, hundert Mann in einer Linie, gegen den alten Wehlisch vorgerückt! Der Alte hatte keine Stimme, das Brüllen Eurer Stierlungen niederzudonnern. Wolny kam herbei, ergriff den Revolver und dennoch erfolgte eine Erhöhung der Löhne, eine Minderung Eurer Arbeitsstunden. Aber Ihr habt noch immer keine Ruhe! Immer weiter treibt Euch das 168 Gelüst! Schon hat man Arbeiter im Fiaker fahren sehen, die auf offener Straße Champagner tranken! Ihr verlangt Einsicht in die Bücher, wollt Theilung des Gewinnes, Tantièmen und was nicht Alles! Ich sage Dir, Du giebst die Reise nach Leipzig auf, treibst die Wolny’schen Arbeiter zu Paaren, kommst von morgen, spätestens vom Montag an wieder regelmäßig in die Fabrik oder ich sage zu Jedermann: Ich habe keinen Bruder mehr!

Die ausbrechenden Thränen des heldenmüthigen Mädchens brachten nicht die Wirkung der Rührung bei Raimund hervor, sondern steigerten im Gegentheil den Ausdruck seiner Entrüstung. Sich auf einer Schwäche ertappen zu sollen, das kam ihm nicht bei. Schon rüstete er sich, nach einem platten Schimpfworte: Dummes Gänsegeschnatter! eine andere Darstellung der Sachlage zu geben, als Martha selbst plötzlich auffuhr, die Stellung einer Horchenden annahm, mit tonloser Stimme sprach: Herr Wolny! und rasch die Thür des Nebenzimmers zu gewinnen suchte. Aber schon stand Wolny nach kurzem Klopfen im Zimmer und Martha konnte sich nicht mehr verbergen.

Ich besuche Sie, Herr Ehlerdt – wollte der Principal beginnen, als er Martha erblickte. Er unterbrach seine Rede und machte sogar Miene, sich zurückzuziehen, 169 falls er, wie er voraussetzte, ein geschwisterliches tète-à-tète gestört hätte.

Raimund kämpfte gegen die Schwäche, die ihn jetzt doch befiel. Er besaß nicht einmal so viel Selbstbeherrschung für den ersten Augenblick, daß er eine kurze bedeutungsvolle Verständigung, die zwischen seiner Schwester und Wolny in wenig Worten stattfand, bemerkte und verstand. Als Martha rasch ihre Mantille, ihren Regenschirm ergriffen und lächelnd gesagt hatte: Ich war eben im Begriff zu gehen! hielt sie Wolny noch an und sagte: Fräulein, meine Frau hat schon wieder eine Gesellschaft von achtzig Personen eingeladen, können Sie ihr denn das nicht ausreden? Achtzig Personen bei ihrem leidenden Zustande! Ja, so! unterbrach er sich. Es ist gut. Sagen Sie ihr lieber Nichts –! Ein feiner Beobachter hätte aus dem Blicke Marthas entnommen, daß sie etwa sagen wollte: Bin ich wohl die richtig gewählte Person, die einen solchen Auftrag an Ihre Gattin auszurichten vermag? In dem Ja so! der Besinnung lag – eine verschüttete Welt, die Kehrseite der Gestirne, die Sonne der Nacht.

Raimund war inzwischen beschäftigt gewesen, das Zimmer etwas aufzuräumen und sich zu sammeln. Letzteres gelang ihm so ziemlich, weil er an seine Genossen 170 dachte und an ein etwaiges: Du hast dich wohl in’s Bockshorn jagen lassen!

Als Martha gegangen, Wolny sich wie aus einem Traum erhoben hatte, begann Raimund mit fester Stimme und einen Stuhl darbietend: Herr Doctor, womit kann ich dienen?

Wann war ich doch zuletzt bei Ihnen? sagte Wolny ironisch. Richtig! Als ich Sie auf einen Arbeitertag nach Hamburg abgereist fand. Jetzt wollen Sie nach Leipzig reisen. Thun Sie das, so ist unser Verhältniß gelöst. Ich will Ihnen nicht abrathen. Eine geeignete Persönlichkeit habe ich für Ihre Stelle schon im Auge. Sehen Sie zu, wie weit Sie mit der (er hielt inne, um eine Bezeichnung zu wählen, die nicht beleidigte, und fuhr, als er keine fand, fort) traurigen Abhängigkeit von den Sammelbüchsen in den Kneipen kommen werden!

In den Werkstätten, Herr Doctor! verbesserte Raimund, noch ohne Erregung. Die blanke Kündigung und der Gedanke, sich ersetzt zu sehen, kamen ihm nicht bequem.

Sie sind Schriftsteller geworden! fuhr Wolny fort. Für Ihr Verbleiben auf Ihrem Posten habe ich auch noch diese Bedingung: Sie geben die Redaction des „Socialnivellirers“ auf!

171 Würde mich keine Ueberwindung kosten! sagte Raimund und trommelte mit den Fingern auf die Platte des Tisches, an welchem Beide saßen.

Ferner: Sie treten aus dem Vorstand des Gegenseitigkeits-Vereins.

Das kann ich nicht!

Was verhindert Sie?

Mein Gewissen –!

Fragen Sie einmal nachdrücklicher bei Ihrem Gewissen an! Es giebt keinen Instanzenzug beim Gewissen wie in einem Proceß: Stadtgericht, Kammergericht, Obertribunal –! Das Gewissen spricht immer nur dieselbe Sentenz! Aber manchmal doch mit zu schwacher Stimme für taube Ohren.

Herr Wolny, entgegnete Raimund, immer noch auf Vermittlung hoffend, ich führe noch in diesem Jahre das Präsidium! Es kommen zu ernste Fragen zur Debatte!

Dann sind wir geschieden! antwortete Wolny. Ich nehme an, daß Sie austreten. Ein schriftliches Zeugniß wird meinen Dank für Ihre frühern Leistungen aussprechen.

Mit diesen Worten stand Wolny auf, sah sich nach seinem Hut um und wandte sich zum Gehen.

Aber was verschlägt Ihnen denn das, daß ich präsidire? meinte der Beherrscher von mehr als 10,000 172 Köpfen, dem hier eine Abdankung zugemuthet wurde. Wollen Sie sich denn die Kündigung aller Ihrer Arbeiter zuziehen, Ihre alten Invaliden ausgenommen?

Weil Sie diese Kündigung befehlen würden? wandte sich Wolny zornerregt und mit schallender Stimme, todtenblaß, noch einmal um.

Die Bedingungen, die Sie mir hier gestellt haben, entgegnete Ehlerdt, nun schon trotziger, werden zur Discussion kommen. Die Generalversammlung im nächsten Monat ist souverän. Der Befehl könnte dann von – ihr kommen.

Also so rächt Ihr Euch! rief Wolny.

Selbstschutz, Herr Wolny! Organisation! Wir hängen wie die Glieder einer Kette zusammen.

Ja, einer Kette! nahm Wolny den Ausdruck auf und öffnete alle Schleusen seiner zurückgehaltenen Stimmung. Einer Kette, an der die Gesellschaft, die gesunde Vernunft wie der Verbrecher an seiner Kugel, jetzt zu schleppen gezwungen wird! Doch ich will Ihnen meinen Entschluß sagen. Euch bändigt nur der Mangel an Arbeit! Wenn alle Fabrikanten aufhören, arbeiten zu lassen, würdet Ihr schon zahm werden! Ich stehe nur durch Zufall an der Spitze eines großen Etablissements.

Nun ja, das meine ich auch! meinte Raimund höhnisch.

173 Wolny stutzte über diese Frechheit. Sie conspiriren wohl – entfuhr ihm, aber er sagte nicht: Mit meinem Stiefsohn! sondern er setzte den Versuch, sich zu beruhigen, fort: Ich habe eine Wittwe geheirathet, die ich in einer schwierigen Lebensstellung fand und die mir erklärte, nicht ohne mich leben zu können. Ich fand, daß ihre Jahre nicht den Eindruck ihrer Anmuth störten. Ich entdeckte ein reines edles Herz bei ihr und habe ihr Jahre lang meinen Beistand geleistet. Aber ihre Tage sind gezählt. Sie ist unheilbar krank. Der Sohn darf nimmermehr die Fabrik übernehmen. Dafür habe ich das Testament seines Vaters in meiner Verwahrung. Alle kennen den Inhalt! Ich liquidire und denke den Kampf mit dem Unverstand und dem bösen Willen nicht länger fortzusetzen.

Nachdem Sie zum zweiten Mal geheirathet haben werden – setzte Raimund boshaft und mit den Augen scharf blinzelnd hinzu.

Wolny fühlte den Abgrund unter sich. Wie unbewußt kam ihm der Gedanke, die Züge im hämisch verzerrten, lauernden Antlitz zu vergleichen mit denen seiner Schwester, auf welche die Worte gemünzt waren. Er mußte sich sagen, es fanden sich Spuren der Aehnlichkeit. Er hätte darüber weinen mögen. Er liebte wirklich Martha –

174 Ueber die sociale Frage, Herr Wolny, sagte Raimund, jetzt sich weidend an einer Verlegenheit, in die er nun denn doch seinen Gegner versetzt hatte, kommt unser Zeitalter nicht hinaus. Wer durch seiner Hände Arbeit dem Capital Vermehrung oder auch nur Erhaltung giebt, dem gebührt sein Antheil am Gewinn!

Das ist die Philosophie des Wegelagerers, erwiderte Wolny, sich allmälig sammelnd, der Ueberfall des Räubers in den Abruzzen! Fra Diavolo mußte so theilen mit seinen Gesellen. Neben ihm lagen Dolch und Pistolen. Er behielt sich den Löwenantheil vor. Sein Capital war der Schrecken seines Namens. Schwachmüthige Philanthropie, die schon hier und da als Weihnachtsbescheerung die Jahrestantième in dieser oder jener Fabrik eingeführt hat! Was ist denn das Capital im Geschäft? Nichts als die Möglichkeit, daß Letzteres überhaupt existirt. Es muß in Fülle, es muß aufgehäuft an einer Stelle gelagert sein, wie der Kohlenvorrath beim nicht ausgehenden Ofen! Der Muth zum Handeln muß durch die stete, sichere Nachhaltigkeit der Mittel gehoben werden! Ihr habt ja an Euren Gambrinushallen den Bock abgebildet mit dem Bierkruge in der Hand, aus welchem Euer Labsal überschäumend quillt. Der Schaum strömt in Masse heraus! Wenn der Säemann durch die frischgeackerten Furchen schreitet, so zählt er die Körner nicht, 175 die seine Hoffnung da und dorthin vergebens ausstreut! Euer Antheilnehmenwollen am Gewinn rückt aus einer ganz andern Welt, der Arbeitswelt, in die der Kaufmannschaft ein, deren Princip so alt wie die Welt ist! Die Kaufmannschaft wird nie aufhören! Immer wird der Mensch des eignen Betriebs seiner Schöpfungen müde werden. Wollt Ihr den Kaufmann tödten, so kommen wir zu den Hunnen-, Hussiten-, und Schwedenzeiten, wo man sein baares Geld vergrub!

Boshaft erwiderte Ehlerdt: Sie haben Ihre neuliche Rede gut memorirt! Es kamen dieselben Vergleichungen darin vor wie damals. Aber ich kann noch genug Latein, um das Sprichwort anzuwenden: Omne simile claudicat.

Wolny antwortete nicht, sondern corrigirte nur den falschen Accent, den Raimund auf simile gelegt hatte. Er hatte simîle gesagt.

Beschämt versuchte Ehlerdt einen vertraulichen Ton anzustimmen. Herr Wolny, sprach er begütigend und seine scharfen Augen listig zusammendrückend, Sie sind doch ehrgeizig! Die ganze Welt ist’s jetzt! Das Jenseits ist zweifelhaft. So will man es wenigstens hier so weit bringen, als möglich.

Nicht meine Philosophie –! murmelte Wolny, prüfend, wo hinaus der Verschmitzte wollte.

176 Warum halten Sie sich nicht an uns? Das allgemeine Stimmrecht nimmt uns doch kein Gott und ein Teufel noch weniger! Bei den Wahlen geben wir den Ausschlag! Warum machen Sie’s nicht wie die Andern! Verhandeln Sie doch mit den Arbeitern! Nehmen an unsern Geschäften Theil! Erklären sich wenigstens im Allgemeinen für uns –!

Ich würde mich verachten, lehnte Wolny ab, wenn ich mich auf den Schultern des Aufruhrs in die geheiligten Hallen der Gesetzgebung wollte tragen lassen! Die Saat geht auf, daß man Euch politischer Zwecke wegen schmeichelte, Stimmungen in Euerm Gemüthe wach rief, die Ihr sonst nie würdet gekannt haben! Aber wer mag streiten mit den Wahnverblendeten! Sie sind denn also aus meinem Wirkungskreise ausgeschieden und waren es eigentlich schon längst, nachdem ich Sie näher kennen gelernt hatte. Daß ich mich beherrschte, daß ich so viel Geduld an Sie verschwendete, verdanken Sie der Fürsprache des würdigen Wehlisch und einem weiblichen Wesen, das Sie Ihre Schwester zu nennen nicht würdig sind!

Mit diesen Worten verließ Wolny das Zimmer.

Raimund Ehlerdt war außer sich. Alle Geister der Rache tobten in ihm. Alle Scorpionen der Wuth kniffen ihn mit ihren Zangen. Er nahm einen Stuhl und zerstampfte ihn auf dem Fußboden, bis die Lehne brach. 177 Nur um einen Ableiter seines Zorns zu haben, griff er nach Diesem und Jenem. Der gewohnte Respect vor dem immer würdig, selbst im Scherze maßvoll auftretenden Principal hatte ihm zuletzt die Zunge gelähmt. Die Thatsache der Entlassung war auch peinlich. Seine dominirende Stellung in den Arbeiterkreisen war nicht ohne Opfer. Die Reise nach Leipzig mußte wieder von ihm selbst bestritten werden. Wie sich rächen? Wo? Womit? Oft schon hatte Assessor Rabe sich an ihn gemacht und ihm vom Tode seiner Mutter, dem Bestehenbleiben der Fabrik, von einem „verruchten Testament“ seines Vaters gesprochen.

Seltsam, daß ihm Rabe und eine andere Persönlichkeit, mit der sich jener zu ziehen pflegte, heute grade unten begegneten, wie sie Beide bei Frau Marloff klingelten und eine Stimme durchs Schlüsselloch „Nicht zu Hause!“ rief. Raimund, der die zweideutige Existenz des ersten Stockes längst kannte, aber nie gesehen hatte, grüßte lachend. Er hatte gewisse Erscheinungen des großstädtischen Lebens schon oft mit jenem Klingelzuge in Verbindung gebracht, dessen Besitzerin Keinem sichtbar wurde. Es hieß, die Dame sei eine „Ausgehaltene“. Ein Schleier ruhte über ihr.

Herr Ehlerdt, haben Sie Zeit? Kommen Sie doch in den Spanischen Keller! Baron von Forbeck – Herr 178 Raimund Ehlerdt, Dirigent bei uns – lautete Rabes Vorstellung. Trinken wir ein Glas, wissen Sie von dem rosarothen Portwein! Die Vinhos de feitoria sind nirgends so sicher als im Spanischen Keller!

Mit diesen lallend gesprochenen Worten zog Rabe den jungen racheschnaubenden Ehlerdt mit fort, hörte mit Wonne, daß der Mitgeschleppte, den Forbeck etwas mitleidig als wohl nicht börsengespickt betrachtete (Forbeck war auch Bauernfänger im höhern Styl), auf’s Aeußerste über seinen Stiefvater entrüstet war. Da konnte ja beim rosarothen Portwein und sonstigen Erfrischungen mancherlei besprochen und geplant werden.

179 Achtes Kapitel.#

Der Spätherbst hatte nun endlich die Gestalt des Winters angenommen. Nicht nur leichte Flocken Schnees, sondern ganze Massen und gefrorner Regen dazu waren gefallen und waren nicht wieder geschmolzen, sondern blieben gefroren und festgeballt – ein Glück für den Straßenverkehr. Auch für die kleine bescheidene Bildhauerwerkstatt, die sonst vor „Patsch“, wie Blaumeißel sagte, kaum zu erreichen war, wenn er des Morgens mit der Pferdebahn letzter Wagenklasse ankam und Plümicke, der mit dem Heizen des Ofens und mit seiner Junggesellensauberkeit in aller Frühe zu thun hatte, noch an ein „Bahnmachen für Fußgänger“ im Garten nicht gedacht hatte.

Die Beete waren größtentheils mit Strohgeflechten bedeckt. Manche sogar mit erwärmendem, zuweilen erneuertem Dünger. Hier und da lugte noch ein grüner Epheuzweig, eine Buchsbaumreihe oder ein junges Reis von einem Lebensbaum unter der Decke hervor. Die 180 von Gyps geformten Victorien, Generals- und Staatsmannsbüsten, die neben der kurzbeinigen Flora noch sonst in dem Garten zerstreut standen, waren in die Remisen des Hauswirths gekommen. Nur die Postamente standen noch. Die Springbrunnen plätscherten nicht mehr. Die Goldfischchen schwammen in einer Glaskugel im Putzzimmer der gestrengen Frau Hauswirthin, der ehemaligen Schänkmamsell.

Der Schnee stand den dürftigen Tannen ringsum, die das kleine Häuschen umgaben, wahrhaft malerisch. Einige Krähen kamen zuweilen aus unwirthbaren, der märkischen Poesie angehörigen, nicht zu weit entlegenen Gegenden geflogen und suchten Spuren menschlichen Daseins auf. Leider liebt die Krähe einen Begriff, den die Mutter zornig ihren Jungen zuruft, wenn sie diesen ein Weißbrot „von gestern“ mit mürrischer Miene verzehren und dabei die Krümel massenweise zur Erde fallen lassen sieht: Du veraasest ja die gute Gottesgabe! Steht auch ein „kühsättiger Junge“ in Grimms Wörterbuch? Genug, die Krähen krächzten dem Meister Althing die Ohren voll, ein Beweis für allerlei störende Ablagerungen und Fäulnißstätten ringsum.

Blaumeißel mußte sich zusammennehmen, die schlechte Meinung, die der Meister von ihm zu bekommen schien, im Keime zu ersticken. Er dankte seinem Freunde 181 Plümicke, daß dieser ihn mit Ernst und Würde auf die Gefahren der socialen Frage aufmerksam machte und ihn auf die Bahn des Guten zurücklenkte. Denn einmal kostete ihn dieser Spaß viel Geld. Ohne Versammlungsbesuche und fünf bis sechs Seidel allabendlich war die Theilnahme am Jahrhundert nicht zu bestreiten. Und warum eigentlich? Blaumeißel, hatte Plümicke bei seiner immer mehr entwickelten Pflanzenkosternährung mit ruhiger, indischer Braminenwürde gesagt, uns Punktirer geht das doch eigentlich Nichts an! Wenn wir auch an den Bau gehen und Steine hauen, so sind wir immer noch etwas Andres und von dem – er nannte dasjenige Kniee, was Andere Genie nennen – der großen Künstler abhängig! Das Ding mit der „productiven Rente“ ist recht schön, fuhr er fort, und ich sehe ordentlich das Ding so fortwachsen, immer mehr, immer mehr, wie bei der Nähmaschine; aber die Raupe hat der Ehlerdt blos im Kopf. Unser Alter würde uns schön ansehen, wenn wir sagten, wir hätten an seinem Verstand mitgearbeitet und wollten jetzt von dem Grafenmonument Dividende haben!

Blaumeißel besaß geringere Intelligenz, als der Bramine, dieser aber die mächtigere seiner Frau. Und dann hatte Micheline Ziporovius sich gar noch eine noch pfiffigere Schwester annectirt, die Josefa, die bei einer 182 „einzelnen Dame“ diente und vor Allem den hochintelligenten Zimmerherrn, den Referendar Dieterici. Ein wunderbares Talent für das Vornehme verband dieser Einmiether mit allerlei kleinen Neigungen für Volks­thümliches. Sein Bedürfniß, Abends, wenn er nicht irgendwo zum Thee oder Ball war, zu Hause zu soupiren und zwar „warm“, zog Frau Blaumeißel ganz von dem abendlichen socialen Schwindel, dem Besuch der Vereinslocale ab.

Auch war Blaumeißel weniger frivol als sonst. Er meinte, ihr Professor käme ihm manchmal erhaben vor, besonders wenn er im Atelier das Sopha abräumte, sich legte und an die Decke „stierte“ oder die Hände vor die Augen hielte. Mit einem Male stünde er dann auf und sagte blos: Wer hat denn die Bürste da wieder hingelegt? Oder: Das Petroleum ist, glaube ich, Thränenwasser aus der Hölle! oder dergleichen und dabei hat doch der Mann eben die Jacobsleiter erstiegen und mit dem Erzengel Michael gesprochen!

Plümicke fuhr förmlich zurück über diese Stylwendungen. Micheline und Josefa waren katholisch, diese konnten wohl Bü­cher mit Erzengeln und Jacobsleitern besitzen. Aber beide Frauen neigten durch den Verein zu freisinnigen Anschauungen. Die Deutschkatholiken machten zuweilen so gemüthliche Ausflüge! 183 Daraufhin war Frau Micheline der Kirche untreu geworden. Kurz, es kam heraus. Herr Dieterici liest uns Abends vor! erklärte Blaumeißel. Er übt zwar blos seine Stimme und will seine Brust erweitern, aber wir haben den Gewinn davon! Er erklärt auch das Dunkle!

Den Erzengel Michael –! wiederholte Plümicke.

Elias! Prophete und gespeist von Raben –! fügte Blaumeißel pathetisch zu Plümickes größtem Erstaunen hinzu.

Dieterici, der zuweilen Anläufe machte, sich bei Helene Althing in ein rosiges Licht zu stellen (er that es meist mit Vorlesung seiner Gedichte), hatte vom Bildhauer Althing in bewundernden Wendungen gesprochen. Diese waren bei Blaumeißel haften geblieben. Im Laufe der Unterhaltung kam auch die Thatsache zur Erwähnung, daß der berühmte Redner und Präsident des Vereins aus Wolnys Fabrik entlassen war, worauf sich Plümicke die Bemerkung erlaubte: Da werdet Ihr ihn im Verein ernähren müssen –

Wenn dafür gesammelt wird, trete ich aus! entgegnete Blaumeißel. Ueberhaupt –

Nun kam eine Andeutung auf erwarteten neuen Kindersegen. In dem einfachen: Aber Blaumeißel –! das Plümicke darauf erwiderte, lag ein ganzer Cursus über Finanzwissenschaft.

184 Im spätern Verlauf der Unterhaltung kam noch die Herrschaft zur Sprache, bei welcher Josefa „eigentlich diente“. Und als Blaumeißel leise berichtet hatte, daß man bei Josefas (leider nicht „recht richtigen“) Dame den jungen Herrn Althing, den mit 300 Thalern Angestellten, gesehen hätte, trat ein absolutes Schweigen ein. Es giebt Naturen, die zur Diplomatie geboren sind – Leute nur im Volk, wo man ihnen keine Gesandtschaftsposten anvertraut. Die berufenen Diplomaten leiden meistentheils an krankhafter Geschwätzigkeit.

Später hätten Ottomar die Ohren klingen dürfen. Denn als beide Punktirer wieder Sprache gewonnen hatten, analysirten sie den Charakter des jungen Althing. Dieterici schien seine Abendgespräche mit seinen Wirthsleuten umfassend zu machen. Beinahe hätte Blaumeißel etwas vorgebracht wie: Ottomar gehört dem Geist der allerneuesten Zeit an, welche ideale Strebungen nicht mehr kennt, ohne sie darum gering zu schätzen! Wer weiß, ob Dieterici nicht gesagt hatte: Diese Zeit verehrt die Tradition, macht sie aber nicht zu ihrer Unterlage! Der Staat, die Rechts­idee, eine Stellung, die Verheirathung genügen! Für die Verbesserung der Mängel, die sonst noch übrig bleiben, ist ja überall gesorgt! In einem einzigen offenbart sich jetzt nur noch Poesie: Man will dem Leben seinen Reiz abgewinnen! Diesen 185 in gedankenlosem Genuß zu finden, dabei die Wissenschaft auf Augenblicke gradezu zu vergessen, dazu haben neuere Poeten die Anleitung gegeben! Eins, schien Dieterici bei der Verdauung geäußert zu haben, ist ganz von der neuesten Mode: Das Auftreten der Juden mit ihren enormen Mitteln, ihrer zähen Willenskraft, ihren angebornen Gaben der Auffassung, ihrer scharfen Combination! Da hat sich für alle Lebensbeziehungen die Anstrengung steigern müssen! Ottomar liest zuweilen ein gutes Buch, kennt aber hunderterlei Dinge nicht aus den Quellen, sondern nur nach allgemeinen Bildungsredensarten, wie man von den Dichtern nur noch die Verse kennt, die in den Anthologieen stehen! Aber Leichtsinn beherrscht ihn gerade nicht – wir lassen Dieterici sprechen. Der College mußte Ottomars kategorischem Imperativ gute Zeugnisse gegeben haben. Sich gesellschaftlich verbrauchen lassen, gehörte zu den Gedanken, die Ottomar Althings Gewissen drückten, aber es sind leider Verpflichtungen, die man nicht abschütteln kann. Bei unserm Justizrath hat er leider vor, von sich ab Vieles auf mich und auf Vogler zu wälzen, was ihm sogar gelingt, seitdem die Justizräthin Hoffnung hat, Mitglied des Frauenvorstands zu werden. Einige neue Kleider sind für die Sitzungen schon vorausbestellt.

186 Dieterici, sieht man, ist Menschenkenner und Dichter. Im letztern Umstande sollte sein Herabsteigen bis zu seinen Wirthsleuten liegen, nicht in anderen Ursachen. „Dichter lieben nicht zu schweigen, wollen sich der Menge zeigen!“ Molière zog das gesunde Lachen oder das Gähnen seiner Haushälterin allen Urtheilen der Akademie vor. Leider konnte Blaumeißel nicht Alles so tief fassen, so ergreifend wiedergeben, wie Micheline, seine Gattin und Josefa das auffaßten, jene trotz ihrer drei Kinder, die im Schlafe zuweilen schrieen. Plümicke staunte nur und bewunderte.

Aber das war richtig. Ottomar hatte einigemal in Abendstunden, tief in seinen Paletot gewickelt, die Palissadenstraße durchstreift und endlich Edwina Marloff besucht. Als er seinem Freunde, dem Grafen zum ersten Male Bericht erstattete, fand er leider diesen dermaßen zerstreut, daß er sich nur kurz fassen konnte und die Details seines Besuchs obenhin berührte.

Denn unter dem Siegel der Verschwiegenheit hatte ihm der Graf anvertraut, daß ein großes starkes Leinwandcouvertpacket, das erbrochen vor ihm lag, eine Sammlung unbezahlter Rechnungen enthielt, die ihm die Generalin zuschickte. Es waren oder schienen die Ausgaben zu sein für die schon vorgenommene Ausstattung und Einrichtung seiner voraussichtlichen neuen Existenz, 187 die doch hier im Palais stattfinden sollte. Wozu diese Anschaffungen! Diese Möbelstoffe! Diese Tapeten! Es wird Alles bei der Generalin stehen bleiben!

Ottomar schwieg und sah die enormen Summen.

Da stecken die Schulden des Max darunter! rief der Graf ganz laut. Ich habe ja seine gemeine Natur schon auf der Universität erkannt und ging wegen einer Geldsache mit ihm los. Dann die bettelhafte Bedingung des Alten, daß ich seine Tochter heirathen sollte – ich bin empört!

Ottomar hütete sich zu schüren und schwieg.

Der Graf stützte sein Haupt auf den Mantel eines Ofens und sagte dann: O bitte, erzähle:

Ich mußte die Abendstunde wählen und mich doch tief in meinen Paletot hüllen, begann Ottomar. In demselben Hause wohnt der Bruder einer Freundin meiner Schwester und eine Person hatte mich auch gleich erkannt, das Mädchen, das mir öffnete. Ich muß die Kleine irgendwo gesehen haben.

Du verschwiegst Deinen Namen! schaltete der Graf ein.

Vorläufig, ja! Aber ich konnte mich ja auf den Gatten berufen, auf eine Mission, die ich übernommen hätte – der Name wurde nicht genannt. Es währte lange, bis ich vorgelassen wurde. Anfangs wurde ich ganz abgewiesen. Madame empfingen keine Besuche, 188 hieß es. Meinem Lächeln wurde Befremden entgegengesetzt. Erst als ich sagte: Ich käme als Bote auf ein Billet, das Frau Marloff geschrieben, wurde meine Meldung zum dritten, vierten Male ausgerichtet und nach einiger Zeit angenommen.

Es war wohl nur, um Zeit zu gewinnen, Toilette zu machen! sagte Graf Udo gespannt.

Möglich! Denn ich mußte denn doch eine Ewigkeit in einem fast dunkeln Vorzimmer warten –

Oder sie hatte Besuch –

Alles, Alles war möglich. Ich weiß es nicht. Die Einrichtung fand ich in hohem Grade elegant. Seidne Vorhänge, die Möbel, die Teppiche, die Bilderrahmen, Alles gehörte ohne Zweifel den Anordnungen Deines Oheims an –! Auch ein Schachbrett fehlte nicht, und es schien, als wäre eben erst darauf gespielt worden.

Graf Udo war denn doch gerührt. Sein guter, geistvoller Onkel, der ihn so innig liebte, der sein Leben für ihn in die Schanze schlug, war ein leidenschaftlicher Schachspieler. Er wußte das. Nun sah er ihn hier in den geheimnißvollen Abendstunden mit einem zweifelhaften Wesen bei seinem Lieblingsspiel –

Auf dem Tisch lagen sogar Bücher! Die Gedichte der Ada Christen ergriff ich zuerst! Ein College 189 Dieterici schwärmt dafür. Auch ich kannte die heinisirenden Ergüsse aus einzelnen Stellen, die meine Collegen bei Luzius recitirten. Der Eine spricht davon ganz wie von der Wagner’schen Musik, immer mit einem Aufschlag seiner leider meist vom Wein angelaufenen Augen – Jean Vogler sein Name – der Andre, Dieterici, faßt die Sache ernster. Er möchte das Problem lösen, wie sich hier Sentimentalität mit dem Hörselberg vereinigen konnten.

Er ist doch in Heinrich Heine, denk’ ich, längst gelöst! schaltete der Graf ein. Man baut hier die Poesie auf Reminiscenzen!

Ein Gedicht von dem Modell auf der Kunstausstellung las ich und fand es in der That ergreifend, fuhr Ottomar fort. Ich erinnerte mich freilich, etwas Aehnliches schon bei einem Franzosen, vielleicht Musset, gelesen zu haben. Ueberhaupt, ich hatte Zeit zum Grübeln und kam bei jener Lectüre auf den Gedanken, daß ich mich anheischig mache – mit einem Würfel gewisse Redensarten und Lieblingssituationen des Tages zusammenzusetzen und meine beiden Fräulein Luzius sollen die Resultate „göttlich“ finden.

Der Graf blieb verstimmt. „Reizend“ ist Adas Ausdruck, schaltete er ein. Und die übrigen Bücher? Vielleicht sogar Kupferwerke?

190 Behalte ich mir noch zu studiren vor! Es gab deren in der That. Aber die Dame erschien und ihr Eintreten war blendend!

In der That –? sagte Graf Udo, endlich angeregter. Es war der Effect der Dunkelheit –? setzte er zweifelnd hinzu.

Ich habe gute Augen! Der Wuchs war schlank, die Formen untadelhaft, der Kopf edel, die wunderschönen großen braunen Augen waren von schwarzen Wimpern und Augenbrauen beschattet; aber das Haar war aschblond.

Ein Naturspiel –? sagte der Graf zweifelnd. Sie hatte sich gepudert.

Aschblondes Haar – braune Augen – schwarze Wimpern und Brauen – Mein Vater würde darin das Dämonische, Unregelmäßige, eine Caprice der Natur erblicken, die auch dem Charakter etwas Anomales mittheilt und manchmal nichts Gutes bedeutet!

Die Augenbrauen waren gefärbt – erklärte der Graf, der immer noch nicht glauben wollte.

Die Augenwimpern konnten es doch nicht sein! versicherte Ottomar. Sie machte vollständig den Eindruck einer Unverheiratheten und sie ist es auch! Sie ist, um es kurz zu sagen, eine natürliche Tochter Deines Onkels!

191 Graf Udo war aufgesprunqen. Er hielt sich beide Hände vor die Augen. Ein: Schaudervoll! löste sich langsam von seinen Lippen. Freund, Freund, ich kenne die Geschichte – der – Lucrezia Borgia –!

Ottomar schwieg.

Hier spielt empörender Betrug die Hauptrolle! rief der Graf, entsetzt zugleich, daß er sich nicht mäßigte, wohl gar der Gräfin hörbar wurde. Ottomars Schweigen brachte ihn auf’s Aeußerste der schmerzlichen Spannung.

Mäßige Deine Gefühle! sprach Ottomar mit beruhigender Stimme. Hier liegen Räthsel verborgen. Sammle Dich! Die Thatsache steht fest, aber Dein Onkel bleibt, scheint mir, ein edler guter Mensch! Ich glaube dafür bürgen zu können! Gott im Himmel, was trägt nicht Alles diese Erde –!

Graf Udo athmete auf, während dann auch Ottomar aufgesprungen war und sich geschüttelt und durchfröstelt fühlte von der Macht der Erinnerung.

Nimm erst etwas Detail in Kauf! sagte er nach einer Pause und sogar wieder scherzend. Das Zimmer roch noch stark nach Petroleum und sogar die weißen langen Finger der Dame rochen zwar nicht nach diesem, aber nach der Seife, mit welcher sie sich eben erst von den Spuren des Wettkampfs mit ihrer Magd im „Es werde Licht!“ gereinigt haben mochte. Das Zimmer war 192 klein; es stellte ein Boudoir voll Traulichkeit und schönstem Comfort dar. Wohin man auch fiel, man fiel sanft. Gefahr war nirgends. Was die Fauteuils nicht leisteten, leistete der Teppich. Tropische Gewächse verdeckten das durch Portièren fest verschlossene Fenster. Ein Piano fehlte nicht. Ein Schreibtisch schien fleißig benutzt. Die an ihm befindlichen Kerzen waren halb heruntergebrannt. Das Sopha, auf dem die Schöne lag, war gelb –

Lag –? Schon lag –? unterbrach der Graf.

Als sie eintrat, fuhr Ottomar fort, streifte mich ein forschender Blick; sie fühlte sogleich, daß ich ihre Erscheinung bewundernd ansah. Mit nachlässiger Grazie legte sie sich auf eine Chaiselongue und forderte mich durch eine Handbewegung auf, auf dem nebenstehenden Sessel Platz zu nehmen. Ihre Augen leuchteten beim Lampenlicht noch dunkler, die Haare in lichteren Reflexen. Ein Schlafrock von hellblauem Cachemire mit türkischer Stickerei schmiegte sich in weichen Falten um die schöne Gestalt. Das Kleid wurde nur an der Taille von einem silbernen Gürtel gehalten. Von ihren Nadeln befreit wallte das Haar lang in den Rücken hinab –!

Du hast gut beobachtet! sagte lächelnd der Graf.

Erst beschäftigte sie der Tod des Grafen, ihr Vergessensein im Testamente. Sie streckte sich, um zu weinen, dann, wie es mir doch schien, um zu zeigen, 193 wie schlank sie gewachsen sei. Das Sopha war gelb wie das ganze Ameublement. Alles konnte als Folie ihrer schwarzen Wimpern dienen. Um es gleich zu sagen, sie scheint eine Mischung von viel Gutem und Bösem. Boshaft lachte sie über meinen Vorschlag, tausend Thaler sogleich und für 3 Jahre jährlich 500 Thaler anzunehmen! Oder sie lachte so lange, um ihre schönen Zähne zu zeigen. Ueberhaupt schloß sie alle ihre Widerreden, die sie mit einer entschiedenen Abneigung gegen meine Person zu verbinden wußte –

Wie so? Abneigung? forschte der Graf.

Ich hatte sie gleich a priori wahrscheinlich zu sehr als eine unter der Würde des weiblichen Geschlechts stehende Person aufgefaßt und meine Unbehaglichkeit verrathen, sie so von gemeiner Geldgier beherrscht zu finden. Ueberhaupt war ihr steter Refrain: „Was kommt Graf Udo nicht selbst? Was schickt er mir einen Vermittler? Sie sehen ja, es geht bei mir nur anständig zu! Wer will mir denn etwas anhaben? Ich bin eine Frau, das sagte sie Anfangs noch, lebe von meinem Mann zwar getrennt, aber in der größten Einsamkeit. Ich lese, ich zeichne, ich male. Ich bilde meinen Geist, wie jene Griechin that, – denke Dir, ich wiederhole wörtlich – Aspasia, der ich zwar an Schönheit nicht gleiche“ – sie glich ihr in diesem Augenblicke wirklich so, daß mir im 194 Geist eine Bestellung bei meinem Vater vorschwebte, die ihn gezwungen haben würde, sie zum Modell zu nehmen. „Die ich aber, fuhr sie fort, vollkommen zu würdigen verstehe – nämlich Aspasien. Der Umgang mit geistvollen Männern ist das Einzige, was Frauen von Verstand wahrhaft beglücken kann, alles Uebrige ist dummes Zeug und hat nur für den Moment und leider für die Mehrzahl unseres Geschlechts, das aus Gänsen besteht, Werth. Graf Treuenfels hat mir immer gesagt, sprach sie, träumerisch den schönen Kopf aufstützend, Aspasia war die Befreierin der Frauen aus dem dunkeln, abscheulichen Hinterhofe, wo die Mütter, Gattinnen, Schwestern, Kinder bei den Griechen leben mußten mit den Sklaven und Köchen zusammen, während die Männer wohlgemuth die Volksversammlungen und die Theater besuchten. Ei, sieh doch! sagte sie ganz naiv. Da liefen der Aspasia, die von anderwärts gekommen war, alle jungen Mädchen in Athen nach, stiegen über die Mauern – und blos, weil sie bei dieser gebildeten Person etwas lernen wollten, vor Allem, wie man mit Männern umgeht und für sie einen Werth erringen kann! Unsere Putz- und Vergnügungssucht ist ja doch ganz erbärmlich –!“

Eine lange Pause trat ein.

Dann sagte Graf Udo: Ich kann nur wie im Parlamente sagen: Hört! Hört! Aber, fuhr er fort, 195 wie kam sie zu der Lüge mit meinem Onkel? Denn anders, anders kann es unmöglich sein –!

Als ich auf ihr fortwährendes Begehren, mit Dir allein zu sprechen, aufbrechen wollte, und mein Ultimatum gesprochen zu haben erklärte, rief sie aufspringend: Ich brauche diese versprochenen 30,000 Thaler! Sie sollen mir eine würdige Stellung zum Leben geben. Und damit Sie Alles wissen, ich bin die Tochter des Grafen Wilhelm und meine Mutter war die Frau des Geometers Marloff! Damit öffnete sie die Thür und that meiner männlichen Eitelkeit die schmählichste Kränkung an. Sie schien nicht den mindesten Gefallen an mir zu finden und warf mich gewissermaßen zur Thür hinaus.

Graf Udo schritt unruhig auf und ab. Man wird ihr das ganze Capital auszahlen müssen – sagte er. Alles Andere muß ununtersucht bleiben! Freund, unterbrach er sich und schüttelte Ottomar die Hand, Du bringst mir das schwere Opfer Deines Rufes und doch – ich kann nicht zu ihr gehen! Engel giebt es, die mich zurückhalten, weiße Lichtgestalten –! Ich bin an sich kein Virtuose in Eurer sogenannten Tugend –

Seine Stimme erstickte, sein Auge blickte nach oben, dann sammelte er sich, verschloß das Packet mit Rechnungen und wollte auf gleichgültigere Dinge übergehen.

196 Ich bin noch nicht fertig, fuhr Ottomar fort. So leicht ließ ich mich nicht werfen. Ich trat voll Zorn zurück, gab ihrem Arm einen Druck, den sie fühlen mußte, schloß die Thür und sagte: Und eine solche freche Lüge rufen Sie hier vor dem Ohre Ihrer Dienstmagd aus? Die ganze Welt wird es erfahren, rief sie dagegen wild. Herr, ich habe schon mehr erlebt, als Sie! Ich war in Ungarn und der Türkei, habe schon als Kind von acht Jahren meine Augen aufthun müssen, nicht um zu kokettiren, sondern zum Entkommen vor Lebensgefahren –! Machen Sie ein Ende mit dem Ding. Ich brauche die 30,000 Thaler für meinen Lebensplan. Verstanden? Damit war ich wieder an der Thür.

Wär’ es denn möglich! rief der Graf einmal über das andere. Die Erinnerung an Papst Alexander den Sechsten schnitt alle Erörterungen ab. Nur die Frage that der Graf noch: Blieb denn Alles still bei ihr? Störte Euch Nichts? Hörte man die Dienerin nicht?

Das Mädchen, das ich schon einmal wo gesehen haben muß, berichtete Ottomar, brachte gerade bei der Aspasiastelle zwei Karten, die sie ansah und mir zeigte.

Wer wollte sie besuchen –?

Meines Freundes Wolny Stiefsohn, Assessor Rabe, und der Baron Max von Forbeck – Beweise, daß sie als problematische Existenz bekannt zu werden beginnt.

197 Wie nahe rückt das Alles in meine Lebenskreise! wehklagte der Graf.

Sie gab die Karten den Herren zurück und das Mädchen schlug draußen heftig die Thür zu, erzählte Ottomar. Der Schlag sollte gleichsam heißen: Meine Herren, Sie irren sich! Hier ist ein Kloster! Aber ich mochte nicht länger ironisiren, nicht länger Zweifel äußern; denn sie log offenbar als sie that, als ob sie diese Meldung nicht im hohen Grade aufregte. Im Gegentheil, sie verlor ihre gemachte Ruhe. Sie horchte und ich glaube fast, es war der einzige Moment, wo auch ich ihr nicht mißfiel.

Du legtest zuletzt den Arm um ihre Taille? Gesteh’ es nur! sagte der Graf, sich zum Scherze zwingend.

Das gerade nicht, entgegnete Ottomar, aber sie hatte ihre Kenntniß der Geschichte Aspasiens überraschend ausgedehnt und kokettirte damit. Da rückte ich mit dem Stuhle näher. Graf Wilhelm Treuenfels, sie nannte ihn immer „mein Beschützer“, war ein Weiser, war wie Sokrates, sagte sie! Sagen Sie dem Grafen – aber nein, nein, unterbrach sie sich dann wieder, er soll selbst kommen, um Alles zu hören! Warum denn nicht mir? fragte ich. Ich interessire mich auch für Sokrates. Der Mann war gerade so häßlich wie ich und Aspasia gab ihm doch wohl zuweilen einen Kuß!

198 Da raubtest Du ihr einen! Gesteh’ es nur! fiel der Graf ein.

Es war ein wunderlicher Moment, gestand Ottomar. Sie wehrte meine ausgestreckte Hand ab und näherte sich mir doch so, daß ich meinen Arm, sie war aufgestanden, nirgends anderswohin, als auf den Gürtel ihrer Taille zu legen vermochte. Mit einer bestrickenden Koketterie, halb ausweichend, halb nachgebend, bedeutete sie mich: Mein Sokrates behauptete: Der Mann habe das Bedürfniß, zuweilen das „Weib an sich“, nicht das Weib mit den tausend Nücken der Gattinnen, der Mütter, der Töchter, zu sehen und mit ihm umzugehen. Das „Weib an sich“ – das war ihm der Begriff, den die Dichter besungen hätten, den das Hohelied Salomonis besungen hat! Im gewöhnlichen, namentlich christlichen Leben existirt das „Weib an sich“ nicht mehr, nur im todten Mariendienst der Kirche. Es würde immer mehr abhanden kommen mit den Eisenbahn-Billeteusen, den Telegraphistinnen, den Medicinerinnen u. s. w., wenn wir nicht Poeten, Schwärmerinnen, das Mormonenthum und ähnliche Hülfsmittel hätten, die dem Manne das „Weib an sich“ erhielten! Und obschon ich ihr sagte: Es scheint, Sie haben Kant studirt! warf sie mich doch zuletzt gewissermaßen bei alledem zur Thür hinaus, wie mir ihr Mann oder Pflegevater gethan 199 – ich glaube übrigens, Marloff ist nur ihr Pflegevater!

Dem Grafen lagen Wolken auf der Stirn, nicht gewitterschwere, die sich entladen, sondern wie sie im Gebirge manchmal nicht mehr zu verschwinden scheinen. In den Papieren des Onkels hatten sich in der That einige dunkle Andeutungen über eine frühere Verirrung desselben gefunden. Die Höhe der geforderten Summe machte eine verdrießliche Rücksprache mit den Verwaltern des ererbten Besitzes nothwendig. Sein eignes Erscheinen bei einer so entschlossen scheinenden und offenbaren Widersacherin wagte er nicht. Er sagte ganz offen: Es fiele ihm aus dem Freischütz die Scene ein, wie Agathe im magischen Lichte auf hoher Felsenkanzel erscheint und mit ringenden Händen ihren geliebten Max bittet, nicht zur Wolfsschlucht niederzuschreiten! – – Und Adas Züge trug dies Geisterbild nicht –! sagte er – schweigend. Es waren Helenens Züge, die lieblichen der Schwester des hier so treu und aufopfernd befundenen Freundes! Die gute Gräfin, die Wittwe – die alle acht Tage das Atelier des Bildhauers besuchte und sich an den Symbolen der Treue aufrichtete – aufrichtete soweit, daß sie gar Nichts für die Trauer Unpassendes darin fand, wenn der Neveu mit Ada schon die Hochzeit feierte! Diese Hochzeit sollte in einem öffentlichen Locale ausgerichtet werden 200 und das junge Paar sogleich auf Reisen gehen! Die Forbecks drängten.

La Rose meldete, die Lampen wären angezündet. Die Dame des Hauses würde bald zu Tisch rufen.

Speise mit uns! Ich kann bei Tisch kein Wort sprechen. Die Gräfin wird meine Trauer sehen –! Vielleicht ist Ada zugegen –

La Rose bestätigte, daß sie schon gekommen sei, und ging.

Freund! rief Udo in mächtiger Erregung aus. Was leiden wir doch an Fesseln, die uns Vorurtheile und Herkommen auferlegen! Meine Brust möchte zerspringen, wenn ich an dies Wort unsres Sokrates denke: Das Weib an sich existirt nicht mehr! Ich sage: Die Natur existirt nicht mehr! Der Triumph der Natur würde sein, daß Ada den Charakter aller ihrer Empfindungen Männern gegenüber prüft und zu Dir nicht blos sagen würde, wie sie schon gethan hat: Der Althing ist nett! sondern ich liebe ihn!

Graf! rief Ottomar zurückspringend.

Es ist so! Ich rede ohne alle Eifersucht! sprach Adas Verlobter und zog den wie Erstarrten zur hohen geöffneten Flügelthür, wo ihnen Kerzenglanz entgegenströmte.

201 Neuntes Kapitel.#

Der Winter brachte die Montagsfreunde zahlreicher zusammen als der Sommer. Die Zahl der Dreißig sollte nicht überschritten werden, aber von Förmlichkeiten, Statuten, Wahlen kam man immer mehr ab, da man dergleichen im übrigen Leben bis zum Ueberdruß betrieben sah. Parlamentarismus an allen Ecken und Enden! Das Formenwesen drohte die gesundesten Lebensäußerungen zu unterbinden. Besonders konnte man bei den jungen Juristen einen Fanatismus für die Formalitäten des englischen Ober- und Unterhauses wahrnehmen.

Ottomar hatte sich eines Montags auf der Straße aus einem Gespräch über „die Berechtigung, auch nach bereits unterstütztem Schlußantrage doch noch zur Tagesordnung zu sprechen“ losgerissen, hielt vor dem Versammlungslocal der neuen Serapionsbrüder an, klopfte an die zettelbezeichnete Thür, steckte seinen Kopf in’s Zimmer und fragte: ob sein Papa, Professor Althing, nicht zugegen sei.

202 Sogleich riefen von den anwesenden zwanzig Gästen mehr als zehn: Bleiben Sie doch da, Herr Althing! Er wird gewiß noch kommen! Nehmen Sie doch Platz!

Wenn Sie es erlauben! sagte der junge Mann, zog seinen warmen Ueberzieher aus, hing ihn an einen Riegel, wo ihm sein Eigenthum in Sicht verblieb (man verzeiht diese Unterschätzung der öffentlichen Sicherheit in großen Städten) und staunte nicht wenig, als ihm mit dem sofort nahe gerückten Trarbacher Gewächs der Gemüthlichkeit auch die Anrede hörbar wurde: Sie sind ja auch Officier, Herr Althing! Wir discutiren die Behauptung, die gefallen, daß das Militär den ersten Stand im Staate bildet! Glauben Sie das auch?

Nachdem der junge Althing seinen Lieutenant als nur in der Reserve geltend und seinen Standpunkt als vollkommen nicht standeseinseitig bezeichnet hatte, sagte er: Ein junger Kamerad bewies mir diesen Satz, den Sie da aufstellen, einfach dadurch, daß er sagte: Nennen Sie mir einen Stand in der Welt, von dem ein Mitglied, einfacher Lieutenant, eben in der Residenz angekommen und, nachdem er vernommen, daß bei Hofe am Abend Ball ist, sofort auf die Commandantur gehen, sich anmelden und in Paradeuniform auf dem Schlosse beim Balle erscheinen darf –!

203 Dies argumentum ad hominem erregte allgemeines Erstaunen.

Die Frage wurde tiefer gelegt. Einige Beamte, der Schulrector Weigel, der annectirte Friese Omma u. A. behaupteten in allem Ernste, die sittliche und intellectuelle Grundlage des Staats sei die Armee. Ein begeisterter Gerichtsrath, Eller, erklärte geradezu: Verhehlen wir es uns doch nicht, daß wir durch die Börse sowohl, wie durch die Verirrungen der Wissenschaft und vollends die Erstarrung der Theologie in eine Abhängigkeit vom Kriegerstande gekommen sind, die ich schätze, selbst wenn ich Sie dabei mit der Enthüllung über die Bildung eines neuen Mönchthums erschrecken sollte. Ja, meine Herren, der Offizierstand ist der einzige haltbare Kitt der Gesellschaft! Er kann es aber nur sein durch seine sozusagen klösterliche Organisation. Militarismus heißt soviel wie neue Hierarchie. Die Präparandenschulen sind die Kadettenhäuser! Haben Sie noch nie bemerkt, wie die aus diesen Anstalten hervorgegangenen Zöglinge alle Merkmale des Lebens hinter Schloß und Riegel, alle Merkmale der Dressur eines militärischen Loyola, Lainez oder Sanchez tragen? Und können Sie leugnen, daß inmitten einer ewig schwankenden Gesellschaft, einer sozusagen immer mehr sich demoralisirenden GeselIschaft, einer Gesellschaft, innerhalb deren sogar die Rechtsprechung ein 204 förmlicher Parteienspielball geworden ist, so daß selbst der Begriff der Strafe den Richtern nicht mehr klar geblieben, grade das stramme militärische, das Offiziersleben ein Halt für Honnetität, Ehre, sich ziemenden Anstand, Würde, richtiges Auskommen und sogar Bildung geworden ist? Und rein das die Folge von einem, sagen wir es offen, den Jesuiten entlehnten System der gegenseitigen Beobachtung, der Verpflichtung zur Denunciation, der Conduitenliste, der Ausmerzung, – thut Nichts, diese Aehnlichkeit – es garantirt der Menschheit die feste Unterlage – denn alles Uebrige ist im Staate faul geworden.

Oberfaul! fielen wohl einige begeistert Zustimmende ein, während Andre murrten und der Fabrikant Schindler offen heraus sagte: Das heißt ja seine Ketten noch vergolden!

Man müßte demzufolge die Generale alle Sonntage predigen lassen! – meinte ironisch der Stadtrath Pfifferling.

Der Spötter kam aber übel an. Hofmaler Triesel, der Mann mit den vielen Orden, war zugegen und ihm gerade verdankte das Gespräch diese Wendung; denn er malte eine große Parade mit naturgetreuen Porträts und Jeder wollte ihm bewundernd entgegenkommen. Er hatte sich von oberster Instanz ausbedungen, daß er als Historienmaler keine geschniegelte Sonntagsparade wie 205 von Nürnberger Bleisoldaten, sondern eine in Staub gehüllte malte, wo die Gestalten nur ungefähr zu erkennen waren. Die Kritiker waren schon außer sich über den „genialen Gedanken“! So war man darauf gekommen, den Weltgeist zu preisen, der durch die furchtbare Last des Militärbudgets, die auf den Völkern läge, doch der Barbarei wehre, Segen verbreite, Haltung, Ehre, Conduite, Sittenstrenge, Anstand, Bildung, Verkehrsmöglichkeit, Sinn für die Traditionen der Geschichte befördere. Das ging so fort und Ottomar hörte nur zu.

Zuletzt durchbrach der kräftige Baß des Industriellen Schindler diese Schönfärbereien, wie er sie aus seiner Sphäre her zur Erweckung großer Heiterkeit nannte – er besaß eine großartige Färberei – und stellte im Gegentheil den Satz auf, daß die allgemeine Militärpflicht grade das Grundverderben des deutschen Volkes geworden sei, wie ja dieselbe schon eine faullenzende, in der Industrie um die Erlernung der nothwendigsten Handgriffe gebrachte Generation erzeugt habe. Der erregte Mann führte in sein Thema Zahlen und Namen ein wie aus dem statistischen Bureau. Ottomar war zu sehr in Apathie versunken, sonst hätten ihn diese Debatten reizen müssen, Antheil zu nehmen. Die Gegenstände, die da so heftig besprochen wurden, beschäftigten ihn ja sonst auf’s Lebhafteste. Aber er war in Lebensverhältnisse, 206 Lebensverwicklungen gerathen, die ihn über die Gebühr gefangen nahmen. Die neuliche Erklärung des Grafen über Ada, die er in der That bestätigt fand, die zwangsweisen Besuche bei Edwina Marloff nahmen ihm den Boden unter den Füßen. Jetzt sah er nur immer auf die Thür, ob endlich sein Vater kam, und da dieser ausblieb, so ruhte seine Hand lässig auf dem Tisch und er hörte nicht mehr, ob die Menschheit durch den Soldatenrock besser oder schlechter würde. Zur Zeit des „Simplicissimus“, sagte er einmal vor sich hin, als ein „Oberlehrer“ gesprochen, wurden die Menschen durch den Soldatenrock entschieden schlechter!

Sein Vater kam nicht. Er kämpfte lange mit sich, ob er aufstehen sollte und gehen. Er hatte nur den liebevollen Vater begrüßen, ihm die Hand drücken wollen. Denn – sie hatten gestern Beide eine böse, böse Stunde! Harte Worte, ungerechte Beschuldigungen waren gefallen! Der alte Bildhauer hatte den gestrigen Sonntag, wo der Sohn bei den Eltern zu speisen pflegte, zu einem dunklen Tage im Erinnerungskalender der Seinigen gemacht! Nur die winterlichen Doppelfenster hatten die Schallwirkung der mächtigen Worte gedämpft, die schon während des Essens, dann bei dem sonst so gemüthlich verlaufenden Kaffee durch die niedrigen Räume des vierten Stockes ertönten. Selbst die Thränen hätte man sozusagen 207 hören können, da das Schluchzen Helenens und der Mutter mit Worten begleitet war.

Ich bin kein solcher Bildhauer, hatte der Vater sich zu Helenen wendend gerufen, wie Du da einen in Deinem neuen Roman geschildert kriegst! Ich mache der deutschen Künstlerwelt nicht das Compliment, zwei Ateliers zu haben, eines, wo ich Christus dem Herrn diene, und eines, wo Venus und die Wollust herrscht! O über einen Dichter, der unter Künstlern lebt und sie so zu schildern im Stande war! Wir Künstler mögen zuweilen Thoren in unserer Richtung sein und die ganze deutsche Kunstgeschichte beweist ja, daß wir eigentlich immer in Extremen gelebt haben! Ist ein Gedanke da, so wurde er gleich breitgetreten! Jede Originalität erzeugt die Manier! Aber was wir sind und sein wollen, das sind wir auch – ganz. Machen wir Marien und Crucifixe, so ruht unsere Seele in dieser Formgebung des Steins! Malen wir Madonnen, so lassen wir uns das Lächeln frivoler Collegen gefallen! Aber wir kaufen uns nicht von dem froh getragenen Martyrium unserer Ueberzeugung durch ein zweites Atelier ab, wo der persönliche Penchant herrscht. Ihr werdet’s noch dahin bringen, daß ich das ganze Monument unten in Stücke zerschlage und Euren frivolen Grafen aus dem Hause weise!

208 O der Wunden, die da geschlagen wurden! Der stürmischen heißen Sprudelquellen, die da wie von einem unterirdischen Vesuvausbruch in die Höhe geschleudert wurden! Der Graf war seither so oft erschienen, daß Helenens Weinen die Gestalt eines Krampfes annahm, worüber sich der Zorn des Vaters nur steigerte. Seine Heirath mit dem Fräulein von Forbeck steht ja nahe bevor! rief er. Was er hier so oft nur wolle und sich in Betrachtungen und Maximen verlöre, die die ehrbare und gesunde Moral auf den Kopf stellten! Alles an ihm sei Schöngeisterei, Anempfindelei, die er hasse wie die Sünde! Dabei nahm er jenes Buch, von dem ihm die Frauen mit so hoher Befriedigung erzählt hatten, und schleuderte es auf die Erde. Die sanfte Mutter hatte ihn vergebens zu beruhigen gesucht. Du weißt noch nicht Alles, hatte er diese angefahren. Aber diese saubern Gesellen sollen mir den Boden hier nicht verunreinigen! Als sich Ottomar über diese Sprache beklagte und hören wollte, was ihnen Beiden, dem Grafen und ihm, denn vorgeworfen werden könnte, hatte die Antwort gelautet: Ich weiß, was ich weiß! Ottomar war hoch erröthet, die Schwester, die Mutter waren bestürzt. Die Schwester der Micheline Blaumeißel, Josefa, diente bei Edwina! Hüte Dich vor den kleinen Leuten! zischelte etwas um Ottomar und 209 der Vater sagte ausdrücklich: Es giebt Ohren und Augen!

Ottomar schwieg erst, dann sicherte er sich in scharfen Ausdrücken das Recht, nachgrade seine eignen Wege gehen zu dürfen, worauf der Vater wieder die Wege beschrieb, die ihm gefielen, was eine neue Replik zur Folge hatte, worauf Ottomar ging. Alles war dann still, sonntagsstill, nur das Rollen der Wagen hörte man. Die Mutter griff nach ihrem Album, um sich zu zerstreuen. Aber die Worte, die ihr ein Dichter hineingeschrieben: „Liebe wächst aus Körnern, die man keinen Säemann streuen sieht“, ließen sie das Buch wieder zuschließen. Sie mußte auf ihr liebes Kind Helene blicken, das an’s Fenster getreten war, licht und hell sich vom trüben Novemberhimmel abhob, den ächzenden, entlaubten Bäumen nachzuträumen schien, dann sich mit feuchten Augen an ihr Nähtischchen setzte und sich still mit einer Stickerei beschäftigte. Der Vater war ausgegangen.

Ottomar mußte die Hoffnung, sich am Tage darauf noch mit dem Vater zu versöhnen, aufgeben. Denn es blieb ihm für heute noch eine Menge von Pflichten auf den Schultern. Am Abend mußte er auf einem Balle erscheinen, zu welchem wirklich die sterbenskranke Frau Doctorin Wolny eingeladen hatte. Justizrath Luzius hatte ihm gesagt, sie wollte, wenn auch conform dem 210 Testamente ihres ersten Mannes, nun doch noch das ihrige machen. Natürlich fehlte Frau Luzius mit ihren Töchtern auf dem Balle nicht. Tänzer wie Vogler und Dieterici verstanden sich von selbst. Das Müssen auch für Ottomar lag in dessen Abhängigkeit, nicht von den Luzius’schen Töchtern, sondern von einem andern unglaublich starken Willen, von welchem er angefangen hatte, sich beherrschen zu lassen. Daß ihn schon der Damenverein hin und her jagte, war ihm an sich peinlich. Doch gehorchte er da, um der guten Sache willen. Aber Ada war es, die nicht endete, ihn, wie sie es nannte, in Trab zu bringen. Und warum? Sie sagte ihm geradezu „um ihn nur zu sehen“. Graf Udo war für einige Zeit auf die Güter seines Onkels gereist.

Ottomar schlich sich leise aus dem Serapionsbunde, der heute unter dem Hochdruck des von Triesel erwarteten Bildes stand, „die staubumhüllte Parade“. Auf dem Hausgange carambolirte er mit seinem Collegen Dieterici. Dieser war, wie immer, in gewähltester Kleidung, in hellen Handschuhen und selbst in Lackstiefeln, da das Wetter trocken. Sein blondes Schnurrbärtchen war an den Enden kosmetisirt und spitzgedreht.

Sie schießen ja wie der Marder vom Taubenschlag! sagte Dieterici in einem ihm sonst nicht eignen angeheiterten Tone.

211 Dagegen erstaune ich, entgegnete Ottomar, Sie an einem Orte zu finden, den Sie „principiell“ nicht zu besuchen pflegen.

„Principiell“ war eines der Lieblingsworte Dietericis.

Dabei lächelte er etwas selig und schwieg bedeutungsvoll.

Haben Sie, setzte Ottomar schärfer prüfend hinzu, indem Beide denselben Weg einschlugen, zum Suchen des Urproblems sich ein wenig anfeuchten müssen? Ja so, unterbrach er seine Frage, die auf einen stehenden Spott über Dieterici gerichtet war, wir sind ja heute Abend Alle zum Ball bei Wolny! Was werden Ihnen die Damen zusetzen mit der Unsterblichkeit!

Dieterici lächelte zum zweiten Male. Er war in der That in seiner Art ein Philosoph. Der hagere hectisch gebaute junge Mann mit einem nicht unschönen Kopf, nur zu dünnem blondem, sogar gelockten Haupthaar, mit tief wasserblauen Augen, mit viel Sommersprossen, doch immer in der saubersten Toilette, kein Raucher, vielmehr ein strenger Beobachter seines Ozonverbrauches, seiner Pulsschläge, seines Herzklopfens, der Tragweite seines Athems, wenn er Prüfungen am Fenster damit anstellte, es behauchte oder den Blüthenkopf eines Löwenzahns abblasen wollte beim Spazierengehen mit den Blaumeißels und mit Plümicke 212 in Stunden der Herablassung, kurz ein Hypochonder schon in jungen Jahren hatte sich eine Menge Maximen und Urtheile angeeignet, nach denen er leben zu wollen vorgab. Dazu gehörte auch trotzdem, daß er Jurist und demzufolge recht eigentlich auf Streitlust angewiesen war, die Maxime, sich bei keiner überflüssigen Widerlegung lange aufzuhalten. Sein College Jean Vogler konnte im hohen Grade grob gegen ihn werden, ihm beim Vertheilen der Luzius’schen Geschäfte und dem ruhigen Ablehnen dieses oder jenes Fascikels von Seiten Dietericis zornig sagen: Ich weiß, Sie haben sich schon auf der Universität nicht mit dem Touchirtwerden aufgehalten! Auch für eine solche nicht unverfängliche Bemerkung strengte Dieterici seine Lunge nicht an, sondern reservirte das, was ihm von seinem Studium und seinem Beruf an Lunge übrig blieb, einer Neigung theils zum Singen am Piano, dem er sogar viel Zeit widmete, theils dem Recitiren seiner eignen Gedichte. Dem Jean Vogler sagte er wohl: Wir könnten uns viel mehr Ausdehnung des Lebens erobern, lieber College, wenn wir uns nicht zu lange mit den Dummheiten der Menschen, ihren Urtheilen über uns und dergleichen Rückfall in’s ursprüngliche Affenthum aufhielten! In den Zwischenpausen der Gerichtsverhandlungen, Morgens beim Frühstück, wo Andre Zeitungen in Cafés lesen, Abends sogar in den 213 Foyers der Theater, die er gern besuchte, stärkte er sich durch irgend eine Lectüre zum Kampf gegen die Gedankenlosigkeit der Zeit. Er vermißte eben überall das Streben nach den Urproblemen der Menschheit. Dies Wort hatte er nur zweimal in Gegenwart Jean Voglers fallen lassen und der cynische, selten nüchterne College brachte es in alle Dicasterien und Notarstuben. Theodorich der Ostgothe war der Sucher des Urproblems. Manche, die ihn auf die Frage, die sie erstaunt an ihn richteten, mit einer gewissen großartigen Verachtung schweigen sahen, glaubten wirklich, daß sich der blonde Mann mit den Schnurrbartspitzen diese hohe philosophische Aufgabe gestellt hätte.

Sie werden heute Abend meinen neuen Frack bewundern! war auch jetzt seine ganze gelassene Antwort, als er neben Ottomar herschritt. Der Schneider wohnt hier nebenan. Das verlockte mich, etwas zu frühstücken. Der Kragen meines Fracks ist von Seide. Was sagen Sie dazu? Es ist die neuste Mode!

Von Seide? Da wird man ja glauben, der frühere Kragen sei abgenutzt gewesen. Sie hätten ihn doch lieber von Sammet nehmen sollen.

Frack mit Seidenkragen und Seidenrabatten! wiederholte Dieterici fest und bestimmt, ohne auf Einreden zu hören, ich sah’s im Modejournal! Imperialistische 214 Pariser Mode! Es sieht wie ein Hofkleid aus! Haben Sie schon Ihre Tänze in Ordnung? unterbrach er seinen Beweis guter Laune.

Da verlasse ich mich auf Zerline und Sascha! entgegnete Ottomar. Die haben immer soviel Freundinnen unterzubringen, daß ich beim Eintreten in den Saal meine Tabletten voll habe, ich weiß nicht wie.

Würde sich nicht der Gedanke empfehlen, meinte Dieterici, eine Tafel am Eingang des Tanzsaals mit allen Damennamen aufzuhängen und jede auszustreichen, die besetzt ist?

Oder wie an der Börse ausschreien zu lassen! meinte Ottomar.

Apropos, fiel Dieterici ein, wie kommt es, daß Ihr Fräulein Schwester niemals auf Bällen erscheint –? Und indem der etwas weingeröthete College einen seiner lyrischen Blicke in die Höhe warf, gab er zu: Sie ist doch so wunderbar anziehend!

Mein Vater liebt den Tanz überhaupt nicht und meine Schwester hat ebenfalls keine Neigung dafür –!

Das ist sehr unrecht! Principiell unrecht! Der Tanz ist die Turnkunst wider Willen! Man kann sie gar nicht oft genug üben! Die eleganteste Zimmergymnastik! Das Unbewußte auch im Leiblichen, wie ich z. B. heute früh eine Stahlfeder mit der rechten Hand erneuern will und sie mit 215 aller Anstrengung nicht herausbringen kann. Ich hielt die rechte Hand für meine stärkere, die linke ungeübte für die schwächere. Endlich nehme ich die linke Hand. Siehe da! die Feder geht im Nu heraus. Nur mein Wille hatte die rechte Hand bisher für stark gehalten. Es zeigte sich aber der Irrthum. Unbewußt war die Linke stärker – Solche Erfahrungen gehören zu unsern Urproblemen!

Oder die Stahlfeder war schon durch die rechte Hand wackliger geworden! sagte Ottomar und wandte sich mit einem kurzen Guten Morgen!

Er schwenkte rasch in eine Seitenstraße. Hatte er doch an Dieterici das den Maikäfern eigenthümliche Heben der Flügel zum Auffliegenwollen bemerkt, wo dann der College kein Ende wußte in seinen Erinnerungen aus Schopenhauer und Hartmann. Auch die Nennung seiner Schwester war ihm peinlich. Sowohl der Sucher des Urproblems wie Jean Vogler geberdeten sich, zu ihren besonderen Verehrern zu gehören. Das Wort Liebe war allerdings nach Dieterici eine Ueberschwenglichkeit im Ausdruck und aus seinem philosophischen Wörterbuche gestrichen. Bei alledem bedurfte er ekstatischer Ausdrücke für seine Empfindungen in der Lyrik. In einem Bande Gedichte hatte er einige zwanzig weibliche Wesen nacheinander begeisternd auf sich wirken lassen. In dem einen 216 Gedichte starb er, in dem andern lebte er wieder auf, ganz wie bei seinem Vorbild Heinrich Heine.

Die Versöhnung Ottomars mit dem Vater machte sich plötzlich überraschend leicht. Mitten auf der Straße, im größten Lärm rannten Beide gegeneinander. Und so ist die Gewohnheit im Menschen mächtig oder die Liebe ist es, daß eine Störung derselben gar nicht in die Willenssphäre tritt. Oder wäre wohl unter freiem Himmel, an einem dritten Orte, wo Gleichgültigkeit gegen Gleichgültigkeit die nichtssagenden Blicke austauscht, ein mit seinem Sohne schmollender Vater, ein mit seinem Vater schmollender Sohn aneinandergestreift und Beide wären gleichgültig aneinander vorübergegangen und hätten sich nicht versöhnt, selbst auf jenem von dem Alten verdammten krankmachenden so wenig Fuß breiten Trottoir! Das ursprüngliche Gehörenzueinander giebt sich plötzlich kund wie zwei aufeinander zuschießende Magnete. Es war von keiner Verstimmung mehr die Rede. Der Vater war eben auf der Akademie gewesen. Er schien die gestrige Aufwallung kaum noch im Gedächtniß zu haben, ja er theilte mit, daß am Abend Martha Ehlerdt von Wolnys gekommen sei, bei ihnen gemüthlich geblieben und recht viel Erfreuliches erzählt hätte. Der Bruder hätte den artigsten Reuebrief an Wolny geschrieben, hätte den „Socialnivellirer“ in andere Hände gegeben und wäre 217 auf die Gefahr hin, mit seinem Verein in gänzlichen Bruch zu gerathen, wieder in die Fabrik eingetreten! Ein Theil der Streiker, die ihm zu überreden gelungen sei, wäre mit ihm gekommen! Nur der durchtriebene Mahlo und einige zu sehr in die Sustentationskasse verliebte arbeitsscheue Subjecte wären noch fern geblieben. Die überraschende Aussöhnung ihres Bruders mit Wolny sei so gründlich erfolgt, daß Fräulein Martha sogar mit einer kleinen stolzen Pikirtheit wegen Helenens Ablehnung des zudringlichen jungen Mannes hervorgehoben hätte, ihr Bruder sei sogar zum heutigen Balle eingeladen.

Nun, sagte Ottomar, ich mag ihn darum doch nicht als Schwager.

Der Vater lachte. Seine vom weißen Bart umflutheten Gesichtsformen drückten neben dem Lachen Besorgniß aus. Er zuckte die Achseln. Es war der Vater, der eine Tochter hat! Kann es Vätern nicht zuweilen Thränen in die Augen drücken, sich ein Kind wie auf einem Kahne auf wildbewegtem Wasser dahingleiten und noch in der Ferne mit dem Tuche Abschied winken zu sehen, und – wie selten ist der Räuber da –!

Inzwischen hatte der Trottoir-Strudel den Vater fortgerissen. Es war, als wenn Nichts zwischen ihnen gelegen hätte. Laß Dich bald sehen! klang es noch in des Sohnes Ohr.

218 Die peinlichste Sorge, die Ottomar auf dem Herzen lag, galt dem heutigen Abend. Ada wollte erscheinen! Die Generalin hatte zwar Umstände gemacht; man würde auf Krethi und Plethi stoßen! Ada aber verlangte die Zusage, die natürlich Graf Udo, wenn er zugegen gewesen wäre, der Trauer wegen für sich nicht hätte geben können. Die Trauer bindet ja auch Dich! hatte die Generalin rücksichtslos in Gegenwart des jungen, alle Augenblicke von ihr zu einer Recherche entbotenen Vereinssecretärs gesagt. Aber die kecke Antwort lautete: Nach oben, aber nicht nach unten! Ottomar verstand diese Erklärung, die Ada selbst hinterher ihm heimlich in’s Ohr als „unsinnig“ bekannte, vollkommen und erklärte sie für eine Beleidigung seines Freundes Wolny; er würde nicht mit ihr tanzen, sagte er, zur Strafe für diese Aeußerung. Tanzen werde ich überhaupt nicht! hatte dann wieder Ada gesagt, geärgert durch seinen „Demokratendünkel“. Darin hat die Mutter Recht! trotzte Ada. Ottomar hörte im Geist seinen Vater poltern. Da hast Du das aristokratische Volk! Diese Bettelbagage, die den Staat ausnagt! Auch Ottomar mußte sich sagen: Sie will eigentlich nur mit der Lorgnette von einer Estrade aus zusehen, wie sich dergleichen beim Bürgerpack ausnimmt! Auf die Generalin paßte das vollkommen. Längst hatte der junge Vereinssecretär Vornehmthuerei und wahre 219 Vornehmheit zu unterscheiden gelernt. Die alte Gräfin Wittwe war in der That vornehm, ihr Neffe nicht minder, eines oder das andere Mitglied des Frauenvorstandes verrieth den Geist der Bildung, der Herzensgüte, einen Geist, der trotz des Bewußtseins einer hervorragenden gesellschaftlichen Stellung doch natürlich blieb. Aber die Vornehmthuerei der Generalin! Diese Frau stammte von einem ärmlichen, überzahlreichen, wenn auch mit Lorbern geschmückten Fahnenadelgeschlecht. Sie war mit den Ideen spanischer Adligen, die sich ihre Lumpen selbst flicken müssen, auf die Welt gekommen. Mit Anmaßung ihr ständiges Deficit verdecken, das war die Kunst, die die Frau früh erlernen mußte. Noch eine andere Vornehmthuerei lernte Ottomar kennen, die der gesellschaftlichen Streber. Das war geradezu ein Schandfleck der Zeit. In diesen Kreisen buhlte Alles nach oben hin. Jede Bekanntschaft, die man machte, wurde nach ihrem äußern Werthe erwogen. Ist es eine Staffel für die Mehrung Deiner Würde? Im Gespräche mit einem Hochgestellten verlor man die Besinnung, wenn man einen noch Höhergestellten erblickte, dem man sich nähern zu können hoffen durfte.

Mit Ada stand Ottomar auf dem seltsamsten Fuße. Das braune, schwarze, gazellenartige Wesen liebte ihn in der That. Sie liebte ihn trotzdem, daß sie in der 220 nächsten Zeit die Gräfin Treuenfels werden sollte und auch sein wollte und – werden mußte. Ihr Denken war darin ganz frivol. Und Ottomar schauderte, daß er sah, wie sein Freund Graf Udo eine ebensolche Auffassung hatte. Dieser liebte offenbar seine goldgelockte Schwester. Der Bruder sah Helenen in ihrer Einsamkeit leiden. Helenens Phantasie war vom Bilde des Grafen, von seinen geistvollen Tändeleien, seinen Rückblicken auf die großartigen Natureindrücke, die er empfangen, von kleinen erlaubten Aufmerksamkeiten mit Bildern, Photographieen und dergleichen eingenommen. Sollte er den Freund nicht ernstlich über die Gefahren für Leib und Seele seiner geliebten Schwester zur Rede stellen? Aber da hörte er dann diesen von Adas Neigung zu ihm sprechen, vom Drängen der Generalin, vom Drängen des mit Schulden belasteten aus der Armee gestoßenen Bruders. Alles, was Forbeck hieße, wartete mit Verzweiflung auf den Tag der Vermählung. Graf Udo hatte so viel Schulden für diese Familie zu bezahlen, daß sich schon dadurch allein sein Gemüth gegen Ada verdüsterte und verschloß. Sogar vor dem Freunde fing er kurz vor seiner Reise an geheim zu thun. Ottomars erneuerter Besuch bei der Marloff stellte ihre Lebensgeschichte nur noch fester. Seitdem waren ihm die Fäden der Verhandlung entglitten.

221 Ottomar hatte das Princip, Frauenreiz nicht früher auf sich wirken zu lassen, bis er im Stande war, eine Familie zu erhalten. Aber er hatte nicht vermocht, sich durch Adas Schroffheiten, durch ihre jeweilige gänzliche Vernachlässigung eines angenehmen Eindrucks, den sie hätte hervorbringen sollen, durch ihre bittern Ausdrücke und wechselnden Launen bestimmen zu lassen, sich mit ihr zu beschäftigen. Und das war doch gefährlich! Ihr Bild begleitete ihn wie sein Schatten. Alles erinnerte ihn an Ada! Was bei Sascha und Zerline nur als gewöhnlich herauskam, dieser Humor des plötzlichen Greifens beim Arm, diese gemachten Zorngeberden, diese Redeweisen im Infinitiv oder mit gewissen aus den Theatern hergeholten Schlagwörtern, wie „Ist nicht“ oder „stimmt“ oder ähnlichen Annäherungen „an die Sphäre der Droschkenkutscher –“ wie einmal Ottomar empört herausfuhr, als ihm die Nachahmung der „Grille“ oder des Spiels des ehemaligen Fräuleins Goßmann und ihrer Nachäfferinnen denn doch zu viel wurde. Das war Alles bei Ada ebenfalls vorhanden. Aber es kam anders heraus. Elfenartig im Geiste eines Puck, der die Welt mit Blüthenstengeln neckt! Von ihrem Bruder wurde sie zuweilen ein Affe genannt. Und der Affe war da, in seinen Sprüngen, seinen Drolerien. Wie Schopenhauer vor einem Affenhause sitzen und mit einer am Weltzweck ver-222zweifelnden Andacht den im Affen verschlossenen Intellect, die gebundene Menschenseele heraussuchen wollte, so sah auch Ottomar, und zuweilen mit wahrer Wehmuth, in der lieblichen Ada das Kind einer verwahrlosten, aristokratisch sein wollenden Erziehung. Schon lange hatte sie für ihn Momente, wo unter den Schlacken ihres Wesens wahre Goldkörner aufblitzten. Oft, wenn sie mit ihrer tiefliegenden sonoren Stimme ein schönes Wort gesprochen hatte, eine edle Empfindung geäußert, ihrer Mutter den Widerpart gehalten, dann jedoch selbst dem offenbaren Unverstande nachgegeben, um nur nicht die Mutter zu überreizen und bei dieser gar zu Unschönes hervorzurufen, rührte ihn das verborgene Gemüth. Wenn sie den abwesenden Bruder vertheidigte, den anwesenden einen dummen Bengel, Bummler, Strick und ähnlich nannte, unbeschadet der Gegenwart des Grafen oder seines Freundes, so fragte er sich: Welches mag die ursprüngliche moralische Triebkraft in diesem seltsamen Wesen sein? Nahe lag ihm, an die Gerechtigkeitsliebe zu denken. Vielleicht war diese edle, aber so gefahrvolle Tugend Adas Ureigenstes. Die Göttin Themis, mit welcher Ottomar nur in einer Vernunftehe lebte, sah ihn auch bei Ada mit verbundenen Augen an. Die Wagschaale vorstreckend, auf ihr Schwert gestützt, zeigte Themis Attribute, die ihn noch immer nicht in die 223 rechte Juristentagbegeisterung hatten bringen können. Und „verbundene Augen“! Der Vergleich traf doch nicht ganz zu! Adas verschmitzte dunkle Augen waren im Gegentheil das Unverbundenste an ihr, immer schienen sie sagen zu wollen: Das war wohl schon wieder nicht recht? Schon wieder werfen Sie mich in die Rumpelkammer? Sie wollen mich wohl etwas lehren, was ich nicht kenne? Ich kenne z. B. das Weinen nicht! Die Thränen des Zornes nahm sie aus. Manchmal sagte sie, sie wolle gut werden.

Der Tag verging mit Ottomars gewohnten Geschäften. Nicht, daß nicht dabei seine Gedanken zuweilen stockten und sein Blick unwillkürlich in die Ferne gerichtet war. Bald sah er seine geliebte Schwester Helene über Dächer und Baumwipfel hinweg einen Blick wie in’s Unendliche werfen, hörte die Mutter doch noch über des Vaters wunderliches „Ich weiß, was ich weiß“ seufzen, sah Ada mit einer Schneiderin über ein kostbares Costüm für den Abend im Kampf, den Grafen Udo – ein Zerrbild der Phantasie zeigte ihm den Freund – nicht auf Reisen, sondern in den Armen Aspasias. Er mußte freundlichere Vorstellungen heraufbeschwören und da dachte er mit Rührung an Martha Ehlerdt, die durch die gelobte Besserung ihres Bruders so beglückt worden war.

Um acht Uhr fuhr er den weiten Weg, den er bis zu den Rabe’schen Fabrikgebäuden zu machen hatte, in 224 einfacher Toilette. Er war anziehend durch seine wohlgebaute Gestalt, durch sein offenes klares Auge, edle ruhige Züge, durch die Abwesenheit jeder Apathie und Blasirtheit. Mit seinem Eintreten in die überfüllten, von glänzenden Lichtwirkungen widerstrahlenden Räume kam in die überaus zahlreiche und wenigstens äußerlich glänzende Gesellschaft gleichsam ein Impuls zu einer Bewegung. Seine Tänze waren schon vorher vergeben. Er machte sie nicht alle durch. Denn Ada selbst wollte ja nicht tanzen, nur mit ihm plaudern.

Fast das ganze Haus, im obern und untern Stockwerk, war zu den Festräumlichkeiten hinzugezogen.

Dietericis Frack war schon im vollen Zuge, bewundert zu werden. Jean Vogler, sein College, der junge Epikuräer, ging wie sein Prophet durch die sich vom Tanz zuweilen ausruhenden Reihen und fragte Jedermann mit einer Art erhabener Andacht: Haben Sie schon Theodorichs Pariser Frack gesehen? Vogler that, als handelte es sich um das achte Wunder der Welt. Komisch war, daß Dieterici diese Bewunderung halb und halb als ächt einkassirte.

Auch der Assessor Rabe und Max von Forbeck waren erschienen. Dem Staatsanwalt Stracks fiel auf, daß Beide oft die Köpfe mit Raimund Ehlerdt zusammensteckten, einem auf seiner Liste stehenden Observanden. Aber 225 alle drei standen seit einiger Zeit auf diesem zweifelhaften Ehrenplatz. Die Kundschafter aus den Kellern hatten ihm berichtet, daß sich diese drei Herren bald da, bald dort, bald mit, bald ohne Damen, besondere Zimmer geben ließen, die sie verriegelten und dann Vielerlei mit gedämpfter Stimme sprachen, so daß selbst durch die Holzwände Nichts zu erlauschen war.

Rabe hatte sein Assessorat scheinbar freiwillig aufgegeben, seitdem auf dem Vormundschaftsgericht das Testament seines Vaters verschwunden war.

226 Zehntes Kapitel.#

Ei, Herr Mahlo, Herr Mahlo, guten Morgen! rief ein Arbeiter der Rabe’schen Fabrik, an dem Tage, wo der Ball stattfinden sollte, einen vorsichtig aus dem Herrschaftshause tretenden leidlich anständig gekleideten und mit stark gerötheter Nase behafteten Mann an. Wo kommen Sie denn schon so frühe her? Ich glaube, es hat kaum sieben geschlagen. Wollen Sie auch mit dem Doctor Frieden machen?

Der Sprecher war ein einfacher kohlengeschwärzter Heizer, der mit Ungeduld den Kaffee erwartete, den ihm seine Ehehälfte zu bringen hatte. Er wollte die Straße hinunterschauen, ob die gute Frau nicht endlich mit dem ersehnten Korbe erschien.

Dem bisher störrisch gebliebenen Mahlo schien die Begegnung und Begrüßung nicht angenehm zu sein. Habe nur etwas bestellt! sagte er. Frieden machen mit Euch? Klein beigeben wie Ehlerdt? Das sollte mir einfallen!

227 Damit war die Conversation abgebrochen, Mahlo schon über dem schwarzen Fabrikfußboden verschwunden. Hier und da hörte man Fensterläden aufklappen. Es schlug wirklich eben erst sieben. Wie Mahlo in das Herrschaftshaus hatte kommen können, das doch des Nachts von innen verschlossen wurde – der Schlüssel blieb freilich trotz aller Verbote in der Regel stecken – begriff der Heizer nicht, konnte aber darüber nicht weitere Nachforschungen anstellen, da ihn sein Amt sofort an seinen Posten zurückrief und ihm nur zunächst an seinem Kaffee gelegen war.

Mahlo lief mit eiligen Schritten. Er fror vor Kälte. Seine Kleidung war leicht, fast sommerlich. Die Straße war stark besetzt von Berufsgenossen, die auf Arbeit gingen. Er grinste höhnische Grüße und bekam sie durch laute Lache, Androhungen von Prügeln erwidert. Zuletzt führte ihm der nicht zu ändernde Weg auch den im Düffelrock bis an den Hals zugeknöpften düsterblickenden Raimund Ehlerdt entgegen.

Ehlerdt stutzte und blieb stehen wie zum Kampfe. Mahlo, der diese Bewegung vorausgesetzt hatte, ging stramm an ihm vorüber mit einem trockenen Guten Morgen! Hohn maß sich gegen Hohn.

Der Neubekehrte mußte wohl die Regung fühlen, still zu stehen, Mahlo nachzurufen und ihm zu sagen: 228 Hältst Du denn mein ganzes Betragen für aufrichtig gemeint? Glaubst Du denn wirklich, daß ich um die Ehre, eine im Grunde doch solide Natur genannt zu werden, hier des Morgens um sieben Uhr Winters auf Arbeit laufe und meine Feldherrnstelle im Arbeitercorps einer großen Stadt aufgegeben habe? Welche Tollheit –!

Das war die Sachlage. Er spielte nur Comödie!

Doch überwand er jene Regung. Seine Pulse schlugen mächtiger. Gedanken der Furcht beschlichen ihn vor diesem seinem ehemaligen Trabanten. Man hatte ihm den Tod, nächtlichen Ueberfall gedroht. Da kamen ihm Bilder edler Märtyrerschaft! Wenn er’s ernst nähme mit seiner Umkehr! Könnten sich nicht den sanften zärtlichen Worten seiner Schwester, die sie ihm jetzt wieder sprach, auch eben solche von den süßen Lippen ihrer Freundin Helene Althing verbinden? Vergebung und volle Beglückung versprechen? Es war eine kurze Regung, ein süßer Schauer. Sogleich ringelten sich wieder in seinem Herzen die Schlangen des Hasses, des Ehrgeizes, der Rache, der Mißachtung überlieferter Meinungen und Satzungen. Wolnys Besuch, die persönliche Kündigung, die persönliche Geringschätzung seiner Leistungen hatten ihn so aufgebracht, daß er sich der Versuchung zum Bösen, die ihm in Gestalt zweier Menschen nahte, nicht mehr erwehren konnte. Rabe kannte 229 Ehlerdts schwache Seiten. Hier und da war er ihm begegnet, hatte ihm auch über seine Zeitung geschmeichelt. Schon lange benutzte er ihn als Spion gegen Wolny. Glauben Sie doch das nicht, daß Der einst Ihre Schwester heirathet! hatte er ihm gesagt. Er wird sich, wenn Mama todt ist, in seiner neuen Sphäre durch eine reiche Erbin zu heben suchen! Dann morde ich ihn! hatte Raimund gerufen. Mit kaltem Blute schieß’ ich ihn nieder! Auf solche Ausbrüche trat in den italienischen und spanischen Kellern immer jenes erwähnte Flüstern ein.

Für heute hatten sich alle drei zu einem gewagten Vorhaben verständigt. Rabes Mutter mußte bald, wie der liebevolle Sohn sich zuweilen ausdrückte, „abfahren.“ Starb sie ohne Testament, so trat die Strenge seines Vaters gegen ihn in Kraft. Alles gehörte der Mutter und wenn sie wieder heirathete, was ihr Mann wohl voraussetzte, und wenn der neue Gatte die Fabrik fortführte, sogar nach ihrem Tode diesem. Der Assessor galt in Folge seiner vielfachen Verschwendung und der großen Summen, die er schon bezogen, für väterlich und mütterlich abgefunden. Da fehlte plötzlich das strenge, aber gerechte Testament auf dem Gericht. Eine andre beglaubigte Abschrift besaß Wolny. Wolny durch ein noch von der Mutter gemachtes Testament zu verderben, wurde Anfangs versucht. Unausgesetzt liefen anonyme Briefe bei 230 der Commerzienräthin ein, die ihren Mann der Untreue beschuldigten. Namentlich wurde das Verhältniß zu Martha Ehlerdt als ein erwiesenes, sogar von ihrer ältern Schwester, der Romanleserin, bestätigtes dargestellt. Manchmal kamen anonyme Briefe, wo Rabe hohe Schwüre that, er wüßte nicht, wer sie geschrieben. Wolny sollte dann selbst entscheiden und riß die Briefe an sich, um sie zu lesen, wenn er guter Laune wäre. Anonyme Briefe, sagte er, muß man nur liegen lassen! Die Handschrift verräth sich nach Jahren durch irgend einen Zufall! Die Mutter wollte etwas von Scheidung (aus Liebe, sagte sie mit elegischem Schmelz), nie aber etwas vom Testament wissen. Von ihrer früheren Schönheit, ihrer Eleganz, ihren vornehmen Verbindungen war sie zu sehr erfüllt, ja sie konnte zuweilen förmlich rasen gegen die Vorstellung vom Tode, die man ihr immerfort einzuprägen wagte. Sie wollte jung, schön, wenigstens an Abenden bei blendendem Gaslicht mit diesem Eindruck erscheinen. Sie mochte wohl dem allerdings jüngern Manne nicht mißtrauen, verwarf alle Verleumdungen, zog ihn auch an sich, küßte ihn, und seine Sanftmuth, seine offenbare Güte wirkten, sagte sie, heilend, belebend auf sie – da war dann von keinem Testament die Rede! Dann aber wieder dauerte sie doch der Sohn, es schmeichelte ihr dessen Gattin, eine gewandte herzlose 231 Verfolgerin ihres Vortheils, und die Intriguanten wußten es so einzurichten, daß sie die Verleumdungen in schlechten Stimmungen doch glaubte und Luzius und Zeugen rufen wollte, um den Ehemann auf ein Pflichttheil zu setzen, den Sohn zum alleinigen Erben zu machen. Aber das Alles stockte immer wieder an ihrer Todesfurcht.

Raimund Ehlerdt wurde in den Kellern ausersehen, Fluß in diese Stockung zu bringen. Noch murmelte damals Ehlerdt, die Stiege in der Palissadenstraße 13 niedersteigend, an Wolny denkend: Schurke! Ich habe durch meinen Verein die Kraft, wie mit dem Zudrücken eines einzigen Hahns im Gasometer Abends eine ganze Stadt in Finsterniß zu versetzen! Da traten Rabe und Max Forbeck zu ihm heran, zogen ihn mit sich und wiegelten ihn erst mit den vergeblichen Hoffnungen seiner Schwester auf. Wäre der Mann im Stande, rief Ehlerdt mit glühendem Antlitz und sein Glas beinahe auf den Tisch werfend, meine Schwester zu betrügen – ich wäre, rief er aufstehend und den Stuhl ergreifend –

St! St! fielen damals die Verführer ein.

Und wohl wissend, daß die denunciationsverpflichteten Kellner horchten, begann Rabe leise: Es verbreitet sich immer mehr, daß jeder französische und italienische, kurz jeder romanische Gerichtshof Mörder und Diebe frei-232spricht, wenn sie in Familienangelegenheiten ohne Raub handelten! Unsere Juristentage müssen es auch bei uns noch dahin bringen. Die Helden des jüngern Dumas werden, wenn sie ihre untreuen Frauen todtschießen, alle freigesprochen. Eigentlich ist das so auch bei den Germanen gewesen. Ueberhaupt – was man aus gerechtfertigter Leidenschaft thut, muß der Geschworene freisprechen –! Zuletzt rückte Rabe mit einem Vorschlage heraus – dem Raimund damals noch die Geistesgegenwart hatte, zu erwidern: Was geht die Sache mich an! Wenigstens müssen Sie bei dem, was Sie da wollen, mit zugegen sein! Darauf waren die Verführer nicht gefaßt. Forbeck namentlich steckte in zu vielen Unternehmungen, „Bauten“, „Grundstückerwerbungen“ – er war Aristokrat, Pferdewettrenner – doch nach einiger Zeit hatte ihn Rabe durch eine Summe Geldes bestimmt. Beide gaben dem Verlangen Raimunds nach, und nun hieß die Losung: Es steht ein Secretär in dem grünen Parterrezimmer neben dem Schlafzimmer der Mutter, wo Wolny zuweilen arbeitet, um in bedenklichen Krisen der Mutter näher zu sein! Seit lange ist er nicht dort gewesen! Aber es ist dort sein geheimes Archiv verwahrt! Ich sah den Secretär noch neulich offen stehen, sagte Rabe. Die Klappe des Secretärs, an dem er geschrieben, als der Mutter besonders schlecht gewesen, war nicht geschlossen. Da sah ich die blecherne Kapsel, 233 die seine geheimsten Sachen enthält, in der linken Schublade! In diesem Kasten liegt auch das Testament, das er mir einmal lachend zeigte, aber nicht vorgelesen hat! Auf dem Vormundschaftsgericht fehlt es – ich denke, die Mutter hat es aus Liebe zu mir, die zuweilen doch noch aus ihr hervorbricht, mit Bestechungen dahin gebracht, daß es gar nicht dort deponirt wurde. Aber es existirt bei Wolny! Finden wir dann noch Briefe, die seine Amouren entlarven, so ist die aufgebrochene Klappe belohnt! Für die Schlüssel sorgen Sie, Herr Ehlerdt! Aber vorläufig söhnen Sie sich scheinbar herzlich mit ihm aus!

Was Comödie war an diesem teuflischen Vorschlag, wurde ausgeführt. Martha war auf einen an Wolny gerichteten Reuebrief des Bruders selbst zu ihm gestürzt. Das gutmüthige Mädchen rief aus: Hat denn noch Friede in mein Herz einziehen sollen! Sie war dem Bruder mit alter Liebe um den Hals gefallen, hatte seine Kleidung gemustert, ihm fehlende Knöpfe angenäht, seinen Kalabreser mit einem noch im Schranke befindlichen Cylinder vertauscht, ihn civilisirt, wie sie es nannte, und so im Triumph erst zum alten Wehlisch, dann zur Fabrik geleitet. Wehlisch war Zweifler gewesen, er hatte gemeint: Er wird nur Geld brauchen und dann wieder heidi! Aber Raimunds Haltung blieb seinen Versprechungen 234 gemäß. Man ehrte ihn durch die Einladung zum Ball. Und für diesen Ball eben war das Werk der drei Verbundenen angesetzt. Gewiß würde sich, hatte man verabredet, wenn sie sich nicht zum Tanzen verpflichteten, ein günstiger Moment finden, wo man sich jener Gegend des Hauses, wo das selten benutzte Arbeitszimmer lag, still nähern, den Schrank öffnen und jener blechernen Kapsel bemächtigen könnte. Die Anklage konnte, behauptete Rabe, nur auf unerlaubte Selbsthülfe in Familienangelegenheiten lauten, und die Strafe milderte sich dadurch, daß sie sich auf drei Personen vertheilte; der Scandal sollte die Mutter beschämen und sie zum Abfassen eines Testamentes zwingen, worin der Sohn bedacht wurde. Rabe citirte Paragraph auf Paragraph aus den Gesetzen. Im Grunde machte er sich Nichts aus einer Gefängnißstrafe.

Alledem sann Raimund Ehlerdt, als er am Morgen des verhängnißvollen Tages weiterging, nach, als stünde es schon in voller Lebendigkeit vor ihm. Da Mahlos Erscheinen auf der Landstraße schon Mehreren aufgefallen war und der Heizer sogar von einem Frühbesuch im Hause des Principals berichtet hatte, so zog Ehlerdt voll Erstaunen Erkundigung ein, was Mahlo in solcher Frühe dort gewollt haben konnte. Aber die Nachricht kam Allen überraschend. Alles fiel aus den Wolken. Niemand 235 wußte etwas von einem derartigen Besuche und Wolny kam geradezu außer sich. Es ist ja, als hätte er die Nacht im Hause zugebracht! rief dieser. Man wird sich vor dem Menschen zu hüten haben! Eine genauere Durchsuchung aller Räumlichkeiten wünschte Tante Dora nicht, da bereits am Abend vorher für den Ball Alles so zugerichtet, alle Canapés, Sessel so gestellt waren, daß Nichts mehr daran gerückt werden durfte. Der Eßsaal, die alten Herren, die jungen Herren, der Tanzsaal, die Gesprächs-, die Rauch-, die Spielzimmer, das war von jeher wie eine richtig gezeichnete geographische Karte. Die gesammte Atzung der achtzig Personen, die man erwarten wollte, übergab man in solchen Fällen einem Unternehmer, der dergleichen in der Stadt überhaupt besorgte und später seine Rechnung schickte. Auch jene Männer mit den schwarzen Fracks und den weißen Baumwollhandschuhen fehlten nicht, die ehrlichkeitsbeflissenen Lohndiener. Charakteristisch für das Zeitalter des Luxus und des Genusses, daß alle Innungen und Gewerke in ihrer scharf hervorgehobenen Ausschließlichkeit aufgehört haben; nur die sogenannten „Tafeldecker“ behaupteten noch die Privilegien des Mittelalters. Sie machen eine streng auf die Moralität und die Preise haltende Innung aus.

Der Abend brach endlich an. Die Kerzen und die Gasflammen leuchteten. Frau Doctor Wolny, heute 236 immer nur wieder Frau Commerzienrath genannt, nahm ein Pulver nach dem andern, um sich aufrecht zu erhalten. Ihr Spiegel zeigte ihr, daß ja die große Begebenheit der Toilette, an welcher alle Mägde und vor Allen Martha, selbst Dora, Rollen zu übernehmen hatten, für den ersten Eintritt in die obern Salons gelungen war. Es war Alles an ihr so hinterasiatisch wie möglich. Den Shawl, den sie nur für die Treppe trug, konnte gelegentlich selbst die neue Kaiserin von Indien tragen. China, Japan, diese beiden so geschmackvollen Länder, haben ja in ihren Dschonken und Theegärten schwerlich je geahnt, daß sie für Europa noch einst so maßgebend werden würden! Bei den Straßentoiletten der Damen hat man jetzt immer Angst, die schönen Töchter Evas möchten vor Enge der Kleider umfallen.

Man muß die Commerzienräthin bewundern! So lautete das allgemeine Geflüster in den sich bildenden Gruppen. Man meinte nicht nur um der reichen Toilette willen, sondern auch um jene wunderbare Selbstbeherrschung der Frau, die dabei doch nur im Allgemeinen von den Gästen gewürdigt, nur von ihrem Gatten mit tiefem Schmerz verstanden werden konnte. Wolny, dem man über die Möglichkeit, daß eine, wie man mildernd umschrieb, kränkliche Frau sich noch so erheben konnte, sein Erstaunen ausdrückte, sagte: Der Mensch weiß oft selbst 237 nicht, woher er seine Kraft nimmt! Er nimmt sie von der Wahrheit, vom Irrthum, vom Wahn! Ja, von noch viel gewöhnlichern Gegenständen, vom Lichterglanz, vom Beginn einer Tanzmusik, von einem neuen Kleide, das er trägt!

Ein Wirth, der einen Ball giebt, hat nicht Zeit, seine angefangenen Sätze zu vollenden. Auch Wolnys zu einem Geistlichen gesprochenen Worte brachen ab, da eine Gruppe nach der andern zu begrüßen war. Die Commerzienräthin suchte sich neben ihm aufrecht zu erhalten, lächelte Jedem holdselig und meinte es in der That freundlich und wohlwollend im Gemüth gegen Jedermann. Sie hatte gefunden, daß Haß und Zorn die Menschen entstellten und das bis auf den Eindruck ihrer Gesichtszüge. Und wie oft hatten ihr die ständigen Freunde des Hauses, in frühern Zeiten sogar mehr Geistliche als jetzt, gesagt, daß sie die schönste Erscheinung einer Priesterin auf der Bühne, einer Iphigenie, einer Sappho gewesen sein würde! Sie hatte das auch heute noch nicht vergessen. Sie hatte geträumt, es sei Alles wie sonst. Die böse Dora, die ihren Bund mit Wolny nicht gewollt hatte, erweckte mehr ihren Unmuth als ihren Dank, wenn sie die Ermahnung flüsterte, sich zu schonen. Fräulein Dora war einfach gekleidet. Sie hätte sich viel lieber in den Mühlbach’schen Kaiser Joseph vertieft.

238 Die junge Welt hat auf Bällen eine Gleichgültigkeit für die alte, die vollkommen den Charakter des Jahrhunderts trägt. Den jungen Männern sieht man eine gewisse Abhängigkeit von der Pflicht an, sich, wenn nicht als Matadore zu zeigen, als kühne Tourenerfinder und sozusagen Grotesktänzer wie Jean Vogler oder als idealistische Pedanten, wie Dieterici, Tänzer, die im Cotillon um „eines Strohhalms Breite“ ihre „Ehre“ engagirt erklären und den Tanz für eine Aufgabe der höhern Gleichungen halten, doch, sage ich, von der Pflicht, sich ausschließlich den jungen Damen zu widmen. Der Besitzer des Phantasiefracks hatte besonders sein Augenmerk auf den regelrechten Gang des Programms gerichtet. Ja, selbst über die Naturkinder Sascha und Zerline aus der Bäckerstraße Beletage war eine gewisse feierliche Verklärung gekommen, die sie von ihren gewöhnlichen Quälereien der jungen Männer, die nicht von Liebe sprachen, ganz abstehen und den Tanz wie ein orphisches Geheimniß behandeln ließ. Sie wußten, daß graziösere Tänzerinnen da waren, Sylphiden, wahre Libellen, die sich mit Jean Vogler schwenkten, wie wenn sich Schmetterlinge über Rosen jagten.

Die Schwester eines „wahrscheinlich nur auf das Souper ungeduldigen“ Nichttänzers (so beurtheilten seine Bekannten eine gewisse an Max Forbeck sichtbare Unruhe) 239 hätte, als bevorstehende Gräfin Treuenfels, mit ihrer Mutter den Mittelpunkt des Abends bilden sollen. Aber in unsrer Zeit einen Mittelpunkt bilden! Die Generalin war außer sich über ihre Schwäche, dieser Einladung nachgegeben zu haben! Es war ja nur, um der unglücklichen Frau Rabe nicht wehe zu thun und Ada nicht zu Excentricitäten zu veranlassen. Die Mamsell da im Hause soll ja Herrn Wolnys Amour sein! sagte die Mutter herablassend schon auf der Treppe. Mich jammert die Arme, – das so mit schon halbtodtem Leibe mit ansehen zu müssen –! Sie sprach das ihrem geliebten Sohne nach, den sie überall auf Alles, was ihr Mesquines, Demokratisches, Incorrectes vorzukommen schien, aufmerksam machte. Leider fand die Frau in veilchenblauer Seide mit schwarzen Spitzen, die eine Brillantnadel zusammenhielt, wenig Ohren für ihre Bemerkungen. Nur die Frau des Assessors Rabe, eine lange, dürre, unheimliche Gestalt mit überwachten, falschen Nachtgespensteraugen blieb ihr immer zur Seite, weil ihr abwechselnd ein Commerzienrath Baron Cohn und Forbeck den Hof machten. Man hatte gemeiniglich die Ansicht, daß diese Frau, ehe sie den Assessor Rabe heirathete und noch später, als sie sogar schon zweimal unrichtig „Mutter“ gewesen, den Lehrer ihres Mannes, ihren Schwäher, liebte. Ja, wenn sie sich heftig mit ihrem Manne 240 gezankt hatte, was nicht eben selten vorkam, „liebte“ sie diesen Wolny auch noch jetzt, bewunderte ihn, stellte ihn als Muster hin und stockte dann nur vor plötzlichem Zorn bei dem Gedanken an Martha Ehlerdt und an die künftige Erbregulirung.

Ada von Forbeck war in reizender Balltoilette. Als Verlobte eines Trauernden hatte sie ihr Gewissen beruhigt, indem sie ganz weiß, das ja auch als Trauerfarbe gilt, zu ihrem Costüme gewählt hatte. Ueber dem weißseidenen Unterkleid lag ein dichter, mit Krystallen besäeter Stoff, der hier und da mit weißen Rosen in leichte Falten gerafft war. Ein Kranz weißer Moosrosen hob sich aus den dunkeln Locken des lang in den Rücken hinabwallenden vollen Haares, weiße Perlen schlangen sich um den graziösen Nacken. Undine! flüsterte man bei ihrem Eintritt. Draußen begann der Winter, in ihrem Antlitz war Alles Frühling.

Aber mein gnädiges Fräulein, warum tanzen Sie nicht? fragte Ottomar, der nur für Ada allein anwesend schien.

Ich tanze ja überhaupt wie ein Bär – sagte sie in ihrer Art und ganz wie im Vertrauen.

Sie sind es dem Grafen schuldig, hätten Sie sagen sollen! meinte der junge Mann, sich vor der Generalin verbeugend.

241 Haben Sie Ada schon tanzen sehen? fragte diese, bereits mit maßlosem, dem Beschauer Schwindel erregenden Eifer sich ihres Fächers zur Kühlung bedienend.

Hofbälle besuche ich nicht! sagte Ottomar. O warum verbeugte er sich und ging! Er hätte das: „Er ist gar zu lieb!“ noch hören können, wofür Ada einen blauen Fleck in den Arm gekniffen bekam von der Generalin. Impertinent ist er! sagte diese. Zum Glück ebenfalls für den Gemeinten unhörbar.

Ada war wie ein Lamm, das seinem Hirten folgt.

Man tanzt ja nur, weil man sich für alt erklärt, wenn man es nicht thut! fing Ada wieder an, als sie ihren Liebling wieder „gekapert“ hatte.

Oder für verlobt! antwortete dieser, über die auffallende Bevorzugung mit seinen Lackstiefeln aufstampfend.

Herr Jesus! Was sind Sie heute böse! sagte Ada. Aber Sie haben recht! wandte sie sich listig. Was die Sascha Luzius herüberschielt! Die Mutter sitzt dort, wie wenn sie Rauch in Erz gegossen hätte oder – was sage ich – Ihr Papa – nun verschlug Ada’n Nichts, die alte Dummheit, zu wiederholen: „ausgehauen“. Sie lachte und schüttete sich darüber.

Sascha hat schöne Augen! bemerkte Ottomar. Nur um in diese hineinzusehen, stehe ich hier!

Er sah dabei in Adas Augen.

242 So! setzte Ada die Neckerei fort und schmollte scheinbar. Wollen Sie wohl so gütig sein, ihr zu sagen, daß sie meiner Meinung nach eine Gans ist?

Ottomar mußte sein Lachen verbergen, verbeugte sich und sagte: Haben Sie sonst noch einige Schmerzen?

Bringen Sie mir Limonade! rief sie ihm nach.

Er war gegangen. Ich werde es einem Diener sagen! hatte er entgegnet und kehrte zum Tanz zurück.

Ada bekam einen zweiten blauen Fleck. Während die Generalin über das ganz laute Au! der Tochter, derer baldigen Gräfin, in ein Fächerwedeln gerieth, als wenn sie Seifenschaum schlagen wollte, blieb Ada bei ihrer Beatricenrolle und machte Ottomar zu ihrem Benedict. War es die Neigung für ihren Verlobten? War es die Neigung für Ottomar Althing allein? Manche der Mütter forschten schon. Aber Ada stand dabei niemals recht allein. An einer ständigen Cortège konnte es dem anregenden und wie man allgemein annahm, einem glänzenden Geschick entgegengehenden Mädchen auch hier nicht fehlen.

Im Laufe des Abends begegnete Wolny in den untern Gemächern Martha, die in zwei silbernen Körbchen Backwerk trug zum Anbieten beim Eis und einer Fülle kühlender Getränke, die herumgereicht wurden. Es war hier nicht finster, aber die Beleuchtung doch etwas 243 matter. Die Zimmer der Commerzienräthin sollten geschont werden. Marthas Toilette war einfach. Ein durchsichtiger weißer Stoff lag auf einem rothen Unterkleid. Einige Granaten leuchteten aus den dunkeln Haarwellen.

Wolny nahm der schönen Erscheinung die Körbe aus der Hand, setzte sie auf den ersten besten Tisch und sagte: Sie wissen ja, Fräulein, ich kann es nicht sehen, daß Sie hier bedienen! Für Ihre Stellung im Hause können daraus Mißverständnisse entstehen!

Frau Commerzienrath wünschte – wollte sich Martha entschuldigen, aber fast gereizt unterbrach sie Wolny: Warum kränken denn auch Sie mich mit diesem Titel meiner Frau? Fühlen Sie denn nicht, daß der Gebrauch desselben mir jedesmal einen Stich in’s Herz giebt? Was heißt denn dieser Titel? Nichts anders als: Du hast dich in eine vor dir bestandene Welt hineingeheirathet, in der du jetzt als Nebensache aufgehst!

O wie deuten Sie das! entgegnete Martha erschreckend, setzte aber hinzu: Es ist edel von Ihnen, daß Sie sich diesen Brauch nicht verbitten!

Manchmal, fuhr Wolny sich umsehend fort, möchte ich der Welt zurufen: Der wahre Zusammenhang, wie ich zu dieser Verbindung gekommen bin, steht im Buche des Lebens verzeichnet! Meine Papiere dort unten werdet 244 Ihr nie lesen! Habe ich Ihnen nicht in jener Nacht, als wir am Bett meiner Frau in meinem wenig benutzten Arbeitszimmer zusammen wachten, Alles ausführlich erzählt?

Es war die feierlichste Stunde meines Lebens! sprach Martha mit niederblickendem Auge. Ihre Haltung war zitternd bewegt. Sie konnte nicht anders, als dies Geständniß wie etwas Drückendes nothwendig von der Brust werfen.

Auch durch Wolnys Inneres ließ dies begeisterte Zugeständniß des heroinenhaften, wie von einem Seherblick gehobenen Mädchens einen Feuerstrom gleiten. Doch beherrschte er sich. Er sah eine Weile die durch eine geschmackvolle Toilette gehobene Gestalt in anderem Lichte, sah die nahe bevorstehende traurige Zukunft, fühlte auch den Augenblick, der durch das rauschende Gewühl des Balles, durch die Musik, die Tanzrhythmen gehoben wurde. Es ergriff ihn ein Wirbel der Bewußtlosigkeit, als hätte er – Martha sah das mit Schrecken an ihrem heute so bevorzugten Bruder – getrunken von dem schon lange vor dem Souper lediglich zur Abkühlung herumgereichten Champagner. Liebe war es, Liebe, sagte Wolny, die mich um diese Frau hatte werben lassen! Denn was verbietet denn einem jüngern Manne, auch die Gereiftere Ihres Geschlechts seiner Liebe für werth zu halten? Wer 245 berechnet denn überhaupt im Rausche eines Eindrucks das Alter der bewegenden Ursache? Die Erwägung alles dessen, wodurch etwa die Natur verletzt würde, überläßt ja ein Mann lediglich dem kälter prüfenden Weibe. Was zog mich zu Gabrielen? Ich war erstaunt, bei einer an sich nicht gebildeten Frau große Gefühle anzutreffen. Ich lernte diese kennen, als ich sie verurtheilt sah, in kleinen Verhältnissen zu leben. Das ist schrecklich, große Regungen haben, das Herz voll und mächtig wie mit Riesenentwürfen schlagen fühlen, und dann Alles klein, beengend, ja jämmerlich und erbärmlich um sich her zu finden. Mich rührte das Loos dieser Frau. Ihr Mann war ein roher, dann ein kindisch gewordener Titel- und Ordensjäger. Er hinterließ ein zerrüttetes Geschäft, eine übel berathene Wittwe, einen Sohn, der sich schon früh anschickte, dem Vater in Allem zu gleichen – ich fürchte ihn nicht! deutete der rücksichtslos wie mit dem ganzen Hause Sprechende auf den Hintergrund, wo ihn Martha auf die kommende und gehende Bewegung, das Treppauf Treppab aufmerksam machte. Ich habe Waffen gegen ihn! Diesen sollte ich erziehen. Ich versuchte es. Dann gab ich den Unverbesserlichen in ein Rauhes Haus, in ein Gymnasium der Strenge in Thüringen. Mit Anweisungen, die größte Energie gegen ihn in Anwendung zu bringen! Da entstand dann jener Roman, den ich 246 Sie nur bitten wollte, nicht mehr „Frau Commerzienrath“ zu nennen.

Martha stand wie auf glühenden Kohlen. Das geführte Gespräch konnte nicht ohne Beobachtung bleiben. So lange sie im Hause war, erst zum zweiten Male hatte Wolny so seine persönliche Lage berührt. Sie suchte nach Fassung und versuchte lächelnd einzufallen: Ei, der Roman erinnert mich an Fräulein Dora! Man wird mich schon lange vermißt haben!

Aber noch hielt sie Wolny aufgeregt zurück. Rabes Anwesenheit, Raimund Ehlerdt, die Vornehmthuerei der Generalin regten ihn auf. Unter den Gästen, die sich zerstreuten, so gut es ging, auch an den Spieltischen, wurde er nicht vermißt. Diese Dora, sagte er, haßt mich! Diese sah nicht nur durch mich ihre Herrschaft im Hause beeinträchtigt, sondern sie fühlte auch den Neid, daß sie ganz ohne Bewerber geblieben war, während ihre Schwester noch in ältern Jahren einen jüngern Mann fand. Ich hörte neuerdings, daß sie Ihnen übel begegnet? Auch meine Frau? Sprechen Sie offen! Ist etwas Wahres daran?

Seit meines Bruders Rückkehr ist Alles besser – Herr Wolny! entgegnete Martha. Ihre Gattin will mich sogar mit nach Italien nehmen –

247 Wie –? Nach –? Italien? rief Wolny und war erstarrt über die Heimlichkeit, die man gegen ihn beobachtete. Das höre ich ja zum ersten Male!

Es würde, sagte Frau Commerzienrath – o Himmel! unterbrach sich Martha – Frau Doctor nimmt es vielleicht übel – auch Fräulein Dora sagte, dieser Reise würden große Entschließungen vorangehen.

Große Entschließungen? fuhr Wolny, die Hand an die Stirn haltend, fort. Der Umsturz des Testamentes, das auf den Gerichten abhanden gekommen ist! Ich besitze das Duplicat. Soll ein neues gemacht werden? Mir entgeht vielleicht das Alles, da ich nur für die Vorbereitungen der Reise nach Italien sorgen würde. Denn ich würde doch die Leidende, die in Mentone, Nizza sterben wird, nicht allein reisen lassen. Aber Alles das sind ja träumerische Phantasieen, unterbrach er sich, in denen meine Frau zu leben liebt! Könnten Sie ihr nicht wenigstens diesen Wahnsinn der häufigen Veränderungen ihrer Toilette ausreden?

Herr Wolny! entgegnete Martha wieder, dem aufgeregten Manne sich entziehend.

Ich verkenne ja die den Frauen angeborene Neigung nicht, fuhr der Hausherr fort, sich den Reiz des gefälligen Eindrucks so lange zu bewahren, als nur irgend möglich ist. Selbst Tante Dora schmückt sich –

248 Fräulein Dora verkennen Sie! sagte Martha, um nur den Uebergang zur Ausübung ihrer Pflichten zu gewinnen. Sie sorgt für das Ganze, wenn auch in sich gekehrt. Sie kann Niemanden im Ernste hassen.

Wer Liebe besitzt, entgegnete Wolny aufbrausend, soll sie auch zeigen! Was nützt mir eine Empfindung, die nur Thränen über Maria Theresia oder einen todten Kanarienvogel hat! In eine fremde Menschenbrust muß man steigen können, in diese ohne die Collision der eigenen Interessen sich versetzen, da mitleben, da mitempfinden, das ist Liebe! Sollen Sie meine Frau nach Italien begleiten! unterbrach er sich, sich an die Stirn schlagend.

Die Beantwortung dieser Reden wurde durch eifriges Verlangen, den Hausherrn zu sprechen, unterbrochen. Der alte Wehlisch sucht Herrn Wolny! hieß es von Seiten der Dienerschaft, die ebenfalls in eine lebhaftere Bewegung gekommen war.

Wolny kehrte in die obern Räume zurück und hatte bald Gelegenheit, seine Gäste in aller Stille zu bitten, vor Nichts zu erschrecken, was etwa Störendes kommen würde, namentlich seiner Gattin keine Besorgniß zu verrathen. Der alte treue, nur zu schwache und energielose Verwalter hatte ihm angezeigt, daß die allgemeine Vermuthung, bei den noch an den Oefen thätigen 249 Arbeitern, darauf gerichtet sei, daß Mahlo aus Bosheit über Ehlerdts Umkehr und Einladung sogar zum Balle bei Wolny sich Nachts in’s Haus geschlichen und sogenannte Kanonenschläge, Selbstzündcr, irgendwo niedergelegt hätte. Man hätte einen dergleichen im Hofe gefunden.

Schon sagte ein Officier: Bei Selbstzündern kommt Alles auf die Quantität der Füllung und die Dichtigkeit der Einstampfung an! Es wird hoffentlich nur ein kleiner Spaß sein!

Ein Anderer äußerte: Die Damen schreien schon auf, wenn ein Champagnerkork springt!

Es ist auf eine Störung des Abends abgesehen – es scheint eine Arbeiterrache – ging es bald durcheinander, und die Tanzpause begünstigte die Verbreitung der Nachricht, wobei sich die ursprünglich angegebenen „Knallerbsen“ bald in Platzpatronen, in Zündraketen, in Brandkugeln verwandelten. Jean Vogler stürmte hinaus, um die Gefahr im Fabrikhofe näher in Augenschein zu nehmen. Um nicht feige zu erscheinen, eilte ihm Dieterici nach. Es war eine Bewegung in das ganze Haus gekommen. Nur die Spielenden und ein engerer entfernterer älterer Damenkreis blieben ohne die verhängnißvolle Nachricht. Ada saß dort mit Ottomar in der Nähe der Mutter und plauderte.

250 Der Augenblick ist günstig! flüsterte eine heisere Stimme, als die Musik wieder begonnen hatte und Beruhigung eingetreten war. Gehen wir an’s Werk!

Es war Rabe, der gesprochen, Forbeck kam eben von einem Blick, den auch er in den Hof geworfen hatte, zurück. Raimund Ehlerdt, in sorgfältigster Balltoilette, anfänglich Tänzer mit Leidenschaft, dann sich am Champagner erlabend, nun plötzlich nicht mehr festen Fußes, schloß sich jenen Beiden noch nicht an. Auch in den Hof ging er nicht. Er fürchtete sich vor Mah­lo’schen Spuren. Die Untersucher des beabsichtigten Frevels kamen zurück. Schlecht belohnt für ihren Wagemuth. Vog­ler und Dieterici hatten ihre Toiletten geopfert. Ada sagte zu Ottomar: Sehen Sie doch dort! Sind das nicht Ihre Freunde? Die müssen sich in der „Passage“ für Geld sehen lassen!

Der Anblick der über und über mit Kohlenruß Gezeichneten machte Alles lachen. Jean Vogler lachte mit. Er hatte seine Freude über seine in den Kohlenhöfen verdorbenen Glacéhandschuhe, über die schwarzen Streifen im Gesicht, über die ruinirte weiße Cravatte, während Dieterici geradezu sittliche Entrüstung aussprach. Was helfen zwei Laternen, sagte er, seinen grade am Seidenkragen gründlich verdorbenen Phantasiefrack reinigend und alle Damen durch seinen Kohlenstaub von sich 251 verscheuchend, wenn bei jeder Laterne eine Hundehütte steht? Ich habe einen angeborenen Instinct, Hunde zu vermeiden. Darüber gerathe ich, um die Heizer zu sprechen, in dunkle Gegenden, versinke in einige Gruben, die wohl auch hätten verdeckt sein können – kurz, fiel ihm der lustigere Jean Vogler in’s Wort, Theodorich der Ostgothe steuerte durch Nacht zum Licht; ich war schon bei den Oefen und konnte noch verhindern, daß der Ventilator seinen Luftstrom aussendete wie einen Elephantenrüssel und unsern Ostgothen bis unter die Westgothen blies!

In das fröhliche Lachen hinein, das selbst die nur immer diese ganze Welt durch die Lorgnette betrachtende Generalin anzog, brach ein allgemeiner Entsetzensschrei. Eine Detonation nach der andern, wie ein Kleingewehrfeuer, Schlag auf Schlag, erschütterte von unten her die Räume. Man stürzte aus den oberen Sälen. Alles glaubte sich retten zu müssen. So arg hatte man sich den angekündigten Spaß nicht gedacht. Der Heerd des höllischen Spuks war unten und hier, wie man bald erfuhr, das am Schlafzimmer der Commerzienräthin liegende, nur selten benutzte dunkle, nur für die Nachtwache bestimmte Arbeitszimmer Wolnys.

Aber welche Scene stand der versammelten und bestürzten Gesellschaft vor Augen, als fast Alles dorthin 252 geeilt war! Wie mußte die Commerzienräthin sich halten, um nicht in die Erde zu sinken! Wie lächelte der Staatsanwalt Stracks, der eben die Erhebungen über den verübten Frevel anstellen wollte! Wie war das einstimmige „Komisch“ der jungen Damen (auch Ada zollte ihrem Taufwasser Tribut und fand das „Tragische“ in seiner ersten Annäherung immer erst „komisch“) in „Tragikomisch“, wenn nicht gar in „Tragisch“ zu übersetzen!

In dem kleinen an sich behaglichen Raume mit einem Arbeits­­tisch, einem Schlafsopha, einem Secretär, sah man den letzteren geöffnet, die Klappe niedergelegt und in unmittelbarer Nähe Raimund Ehlerdt mit einem Schlüsselbunde, den Assessor Rabe mit einem Blechkasten in der Hand, Forbeck lächelnd mit mehreren zusammengerafften Scripturen. Die Spuren der von ihnen bei dem offenbaren Einbruch und Diebstahl durch einen Zufall zertretenen Knallpatronen lagen auf dem Fußboden. Noch erfüllte ein dichter blauer Pulverdunst den Raum. Aber eben so schnell, fast gleichzeitig mit dem, was Alle sahen und nicht zu deuten wagten, hörte man die markige Stimme Wolnys die räthselhaften Worte sprechen: Also das war das Bubenstück! Danke, danke, Herr Ehlerdt! Mahlo suchte sich so an Ihnen zu rächen!

Alles wandte sich erstaunt. Denn selbst dem beschränktesten Verstande hätte hier einleuchten müssen, daß 253 das Zertreten der Sprengstoffe nur durch Zufall mit einem Einbruch in den geöffneten Secretär zusammentraf.

Aber Wolny hielt die Berichtigung dieser Voraussetzung entschieden fest. Harry, wandte er sich jovial zu seinem Stiefsohn, Du bist ja so erschrocken, guter Junge! Ich danke Ihnen, sagte er hierauf verbindlich zu Forbeck, dem er die aus der Brust seines Fracks hervorstehenden Papiere abnahm. Sie haben mir eine Gefälligkeit erwiesen! Mußt’ ich in der Verwirrung mein Schlüsselbund verlegen. Danke, Herr Ehlerdt, daß Sie die kleine Commission ausführen halfen! Ich wollte an den Secretär, meine Herrschaften! wandte er sich den Umstehenden zu; aber ich suchte vergebens den Schlüssel. Da trat die Kunst in’s Mittel. Ja, geborner und gelernter Techniker bin ich nicht. Ich merke das oft. Für jetzt danke ich Ihnen – schloß er, den Bestürzten ihre Beute abnehmend und diese verschließend mit einem Schlüssel, den er bei Alledem rasch aus der Tasche zog. Vermeiden wir das gefährliche Terrain! Wer weiß, ob Mahlos Bubenstück uns nicht noch mehr Ueberraschungen bereitet. Kommen Sie! Es ist Zeit – zu Tisch! Zu Tisch! Meine Damen und Herren! Associiren Sie sich!

Forbeck war der Verwegenste. Er ergriff den Arm der ihm zunächst stehenden Assessorin Rabe, die nicht wußte, wie ihr geschah. Sie hatte durch den Pulver-254dampf hindurch sehr wohl eine blecherne Kapsel gesehen, von welcher ihr Mann schon oft in besonders boshaften Augenblicken sogar mit Beziehung auf sie selbst zu sprechen pflegte. In dem Ding da stecken gewiß auch Deine alten Geschichten! konnte er ihr wohl sagen. Diese traten auch jetzt vor ihre nicht sehr lebhafte Phantasie und ihre Liebesbriefe verwechselten sich bei ihr mit den Zettelchen, die im Eßsaal die Sitzplätze bezeichneten.

Bald waren unten nur noch wenige Personen anwesend. Unter diesen der Staatsanwalt, der nicht begreifen konnte, warum der Hausherr und die sofort in eine Ohnmacht gefallene Hausfrau keine weitere Untersuchung dieses Vorfalls wünschten, sogar nicht gegen Mahlo. Wir wollen nur nachsehen, rief Wolny, ob die Zimmer meiner Gattin von dem bösen Buben unverschont geblieben sind! Er hat sich des Nachts im Hause einschließen lassen. Das ist mir jetzt gewiß. Es war der Neid auf Raimund Ehlerdts Einladung zum Ball. Ich kenne das eigentliche Unkraut in dem Herzen aller dieser Leute. Neid ist es, der blasse Neid, der sich die schimmernden Namen der Volksansprüche giebt. Aber jetzt keine Untersuchung, als nur in den Zimmern meiner Frau, die leider nicht zur Gesellschaft zurückkehren zu wollen scheint! – Rabe, Ehlerdt und Herr von Forbeck haben nur 255 nach meiner Bitte gehandelt! Ich hatte den Schlüssel verlegt und erst später gefunden!

Die Commerzienräthin war sprachlos. Schwägerin Dora handelte energisch. Die Kranke wurde auf ihr Zimmer gebracht. Sah sie doch, als sie sich etwas erholte, daß ihr Sohn ausgeführt, womit er schon lange gedroht hatte. Sie sah die Papiere, die Blechkapsel, die vielleicht schon die Documente auch – des innigsten Verkehrs mit Martha Ehlerdt enthielten! Die anonymen Briefe, die ebenfalls darin liegen sollten mit dem einzigen Exemplar des Testamentes, verwandelten sich in giftige sich ringelnde Schlangen, die mit dem Stachel ihrer Zunge nach ihrem Herzen zielten. Man mußte sie in ihr Bett, nachdem auch dieses sorgfältig, wie der Fußteppich, untersucht worden war, mehr forttragen, als führen. Ihr nur halbes Mitmachen eines glänzend begonnenen Festabends war nichts Seltenes. Alle waren ihr stilles Sichzurückziehen gewohnt, sogar das jeweilige Fehlen des Hausherrn, wo dann Tante Dora die Honneurs machte.

Inzwischen war das Souper im vollen Zuge. Der Staatsanwalt sah sich bei Tisch den „unverfrorenen“ drei Männern gegenüber, von denen zwei mit bester Laune ihm aus dem grünen Römerglase, gefüllt mit köstlichem Niersteiner, zutranken, ohne indeß mit dem 256 Dritten anzustoßen. Aerger und Angst überwogen denn doch. Raimund Ehlerdts Betrunkenheit hatte Vieles verdorben.

Daß Wolny und Martha, die Schwester dieses blaß neben einer jungen Fabrikantentochter sitzenden technischen Dirigenten der Fabrik, noch nicht anwesend waren, wurde unter dem Rutschen der Stühle, dem Klappern der Teller, dem Durcheinander der jugendlichen Stimmen nicht beachtet. Die Generalin hatte allmälig stärkere Fühlung mit einigen der anwesenden Militärs gewonnen und legte keinen besondern Werth auf den ihr bestimmten Ehrencavalier, den Hausherrn selbst, der ihr vorkam, als nähme er nur eine geduldete Stellung im Hause ein. Ihr Sohn hatte ihr das so in die verächtlichste Sprache übersetzt. Von seiner Betheiligung an einer Secretärerbrechung war in der Tragweite ihres Gehörs keine Rede. Selbstprüfung fiel ihr niemals ein. Ewiges Vornehmthun macht zuletzt dumm. Doch war sie fromm. Jeden Sonntag besuchte sie solche Kirchen, wo Hoffnung war, von Personen des Hofes gesehen zu werden.

Wolny kam vom Bett seiner Frau. Fast feindlich gesinnt und wie ganz mit der von ihrem Sohn beabsichtigten Wirkung schickte sie ihn zu den Gästen. Es muß! Es muß! rief sie mit gefalteten Händen und deutete Entschlüsse an von höchster Bedeutung. Dora 257 wollte noch eine Weile bei der kaum noch athmenden Schwester bleiben. Der anwesende Arzt hatte Brausepulver verordnet und war schon wieder bei dem reichen Tisch. Zur Sprache war Nichts gekommen; denn hier war die Nähe des Todes. Alles schwieg und deutete auf die Lippen der Kranken, weil diese einige laute Worte gesprochen. Mit Schaudern und kaum seiner noch mächtig, kehrte Wolny, der so großmüthig die drei Verbrecher geschont hatte, auf die hellerleuchtete, jetzt stille Treppe zurück, die in’s obere Stockwerk führte. Die Bewirthung hatte das Leben und die Bewegung in einen andern Flügel des Hauses, wo die Küche näher war, verlegt.

Auf der halben Stiege stand unter einem hellen kunstvoll aus Bronze getriebenen Gasarm und unter Blattpflanzen Martha fast gespenstisch.

Sie streckte ihm die Arme wie zum Gebet entgegen und sprach mit unterdrückter Stimme und mit Thränen: Wo finde ich Worte, um meine Brust vor’m Zerspringenwollen zu retten!

Mäßigen Sie sich, sagte Wolny sich umdrehend. So ist Alles gut!

Ach, ich weiß nicht, fuhr Martha mit Thränen fort, soll ich der Verzweiflung nachgeben über die erlebte Schande oder dem Dank über Ihre Seelengröße, Ihre Güte ohne Beispiel –!

258 Ja, was ist denn? Was ist denn? fragte Wolny wie unbefangen und that erstaunt.

O verstellen Sie sich nicht! fuhr Martha die Stimme zu mäßigen fort. Hemmen Sie nicht die rasende Flucht der Gedanken, die mir durch die Seele schießen! Habe ich es doch mit lichten Augen gesehen, was Alle sahen, Alle begriffen, und was Sie, Sie, der empört hätte sein sollen, mit dem Mantel der Liebe bedeckten! Mein Bruder im Bunde mit Ihren Feinden! Seine Besserung nur Verstellung! Ich durchschaue Alles! Man suchte Mittel, um Sie zu verderben! Denn wenn man gar – ihre Stimme steigerte sich – nach Werthpapieren, nach Geld gesucht hätte –

Bewahre, bewahre, liebes Fräulein! Nein, nein! unterbrach Wolny. Unterdrücken Sie solche Vorstellungen! Ich bin allerdings empört, innerlich rase ich – aber – warum ich der Sache den Schein gegeben –

In demselben Augenblicke, wo Martha vor Wolnys schmelzendem Ton, den er in seine Worte gelegt hatte, in die Erde hätte sinken mögen, hörten sie von einer Person, die hinter ihnen wegschlich, die Treppe herauf höhnisch lachen. Das Hi! Hi! kam von der eben erst als großmüthig von Martha gepriesenen „Tante Dora“.

Nun, nennen Sie das gutmüthig? sagte Wolny, als die Lauscherin, die lautlos die Treppe heraufgekommen, verschwunden sein konnte.

259 Martha blieb die Antwort schuldig. Ich kann nicht zu Tisch gehen, sagte sie, kann nicht unter den fröhlichen Gästen sitzen, kann meinen Bruder und seine Verführer nicht sehen.

Gehen Sie zu meiner Frau und bringen Sie ihr diesen Schlüssel. Es ist der richtige zu jenem Schrank! Vielleicht unterhält es sie, selbst darin zu wühlen –

Martha fuhr zurück. Aber Wolny war rasch hinaufgegangen, und sie hatte den Schlüssel in der Hand. Zur Commerzienräthin mußte sie sich ohnehin verfügen. Das lag in ihrer Stellung. Aber sie wußte, wie sie oft angefahren wurde: Kommen Sie, um zu sehen, ob ich im Sterben liege? Und wenn sie dann sagte: Ich bleibe keine Stunde länger im Hause! so erhob sich die heftigste Eifersucht und verlangte, daß sie nirgend anderswo in der Welt athmete, als unter ihren Augen. Ich will Euch Beide sehen! Ich will Eure Blicke beobachten! Oder wollen Sie leugnen, daß Sie meinen Mann lieben –! Solche Scenen und Reden erwartete Martha auch jetzt. Ergeben, einem Schatten gleich, schwebte sie zum Schlafgemach ihrer Gebieterin, unentschlossen, ob sie den Schlüssel abgeben sollte oder nicht. Denn gewiß knüpfte sich daran alles das, was besser zu vermeiden war.

Sie erhielt von dem Stubenmädchen die Mittheilung, daß die Commerzienräthin keine Störung wünschte, der 260 Arzt völlige Ruhe befohlen hätte. Da wankte sie denn auf ihr Zimmer, ließ in der Ferne die Gesellschaft durcheinander schwirren, ja sogar auf ausdrücklichen Wunsch der Commerzienräthin den Tanz erneuern, und brachte die Nacht, die noch um zwei Uhr Morgens von Musik und Wagenrollen durchrauscht war, weinend auf ihrem Lager zu.

261 Elftes Kapitel.#

Ottomar war seltsamerweise von den Vorgängen des Abends nur obenhin berührt worden. Ada nahm ihn fast vollständig in Anspruch! Es war geradezu, als wollte sie in ihrem Styl sagen: Lieber Hans, ich bin ja nur wegen Deiner gekommen! Die Mutter saß am Whisttisch und war um so angeregter zum lauten Sprechen, als sie von ihrem Sohne das Verwunderliche nicht zu sehen bekommen hatte; nach dem Souper, als sie Max viel trinken sah, ließ sie den Wagen vorfahren und fuhr mit ihrer Tochter nach Hause. Ihr Sohn besaß die „Unverfrorenheit“, (Büchmann erkläre uns doch einmal das Wort!) bis an den lichten Morgen zu bleiben.

Adas Neckereien, Fragen, Antworten entbehrten jeder geregelten Form. Sie hatte wieder alle Tonarten, Dur und Moll durcheinander gemischt. Daß Ottomar tanzte, war nicht ganz zu vermeiden. Einige von ihm übersprungene Touren hatte sie mit der ihr eignen im 262 Grunde gemachten Heftigkeit gleich Anfangs bedungen. Denken Sie doch an die fürchterliche Langeweile, die auf einem Balle die Statisten zu überstehen haben! hatte sie auch heute gesagt, als sich der Schwarm von Verehrern verzogen hatte und Ottomar wieder mit der lieblichen Erscheinung allein in einem der kleinen Boudoirs sich befand, wo sich die Gaben Florens mit Marmorbildern und goldgerahmten Gemälden zu einem wahrhaft idealen Aufenthalt vereinigten. Man stiehlt ja dem lieben Herrgott die Zeit, die uns nach dem neuen Unglauben so spärlich zugemessen ist! Glauben Sie denn auch an ein Jenseits? Wenn Gott Nichts mehr gilt, giebt’s eine Revolution, wo Nichts mehr auf dem alten Flecke bleibt!

Wenn dann Ottomar, fast zu ihren Füßen auf niedrigem Rollsessel sitzend, ganz in dem Geist, der für sie so fesselnd war, nur erwiderte: Was? Sie geizen schon mit Ihrer Zeit? so sagte sie ganz offen heraus: Ja, Herr Althing, ich finde jeden Morgen ein graues Haar bei meiner Toilette! Dann sprach sie, während die Tüllwolke um ihren Hals sich hob, von Bergen voll Kummer, die auf ihrer Brust lägen. Ginge es nach der Mutter, sprach sie, so würde die sagen, wie sagt Schiller?

Aber zum Wetter, hatte Ottomar entgegnet, wie kann ich denn wissen, was Schiller sagen soll?

263 Sie müssen’s errathen!

Bleiben Sie einfach bei dem Bericht über Ihren Kummer! Ich verstehe Ihren Schmerz, daß Sie nicht mehr reiten sollen, auch ohne Schiller! Mir fällt kein Schiller’sches Citat über die Aerzte ein.

Meine Mutter ärgert sich über Alles; ich ärgre mich aber nur über einen Menschen in der Welt, nämlich über Sie! Warum soll ich nicht auch Schillern citiren? Das dürfen wohl nur Sascha und Zerline?

Beim Citiren von Klassikern muß man sich nicht helfen lassen! hatte Ottomar entgegnet.

Nun folgte keineswegs eine neue scharfe Replik, sondern (abweichend von Beatrice und Benedict) ein träumerisches Nachdenken über alles Vernommene. War das vorüber, wobei ein offenbares Talent zur Demuth die Hauptrolle spielte, so kam bei Ada ein wie aufgeseufztes, fast kindisches Na ja! heraus.

Heute kam nach obigem Gespräch ein ganz vom Zaune gebrochenes: Hören Sie ’mal, warum dichten Sie denn eigentlich nicht? Dieser Dieterici da thut so dick damit! Manche der Damen beißen auch wirklich an, wenn er Gedichte auf sie macht! Und doch ist der Mensch ein Schaf!

Ottomar fuhr scheinbar empört empor. Innerlich mußte er über die Wahrheit des Urtheils lachen. Man 264 kann ja eine Stunde lang in erlernten pathetischen lyrischen Phrasen sprechen und ist doch ein Schaf! Ich bitte Sie, sagte er, wie können Sie meine Freunde so beleidigen! Dieterici ist ein Mensch von Geist, nur etwas – umständlich.

Und so eitel! Ach so eitel!

Alle Versmacher sind eitel! Sie müssen es sein! Denn nur aus ihrem Ich schöpfen sie ihre Kraft!

Schade! Ich hätte gern, Sie machten auch ’mal ein Gedicht auf mich!

Schönes Compliment! Nach Ihrer Schaf-Theorie! Indessen es soll geschehen zu Ihrer Hochzeit!

Zum Vorlesen? Nein, das ist’s nicht! Für mich ganz allein! Ihre Privatgefühle! Ich möchte gern fürchterlich geschmeichelt bekommen. Udo kann gar nicht schmeicheln.

Weil er ehrlich ist!

Ist er das? sagte sie im elegischen Tone und schwieg dann. Die Pause, das gänzliche Vergessen des Fadens, auch das Herumblicken zu Andern, die sich ihr nähern wollten, Alles das war so lang gewesen, daß sich Ottomar zurückziehen wollte.

Nein, war sie aufgefahren, zieht Sie’s schon wieder zu den Andern? Sagen Sie ’mal, noch Eins, was wollen Sie eigentlich in der Welt künftig vorstellen? Sie fragte mit dem Fächer wedelnd.

265 Ein Mensch will ich sein und eine Anstellung suchen als Kreisrichter in Inowraslaw an der Grenze von Polen!

Damit hatte sich Ottomar für längere Zeit zurückgezogen. Dann aber hielt sie ihn wieder fest und sagte: In Inowraslaw giebt’s noch Wölfe! Da müssen Sie auf die Jagd gehen! Ich schieße sogar mit dem Zündnadelgewehr! Wir besuchten ’mal den alten Grafen Wilhelm auf seinem Gute Hochlinden! plauderte sie fort, ihn in jenes Boudoir zurückführend. Da war ein reizender Birkengrund und der Boden nichts als schwellendes Moos! Vergißmeinnicht unzählig darauf! Es war eine Pracht! Dann kam man an ein Brückchen, weiß war’s und auch von Birkenholz! Man sah noch die Stumpfen, wo die Stämme dazu abgehauen waren! Ueber einen kleinen Bach mit hohem Schilf kam man wieder in den Herrschaftsgarten – ach, es war reizend –! In Ihren polnischen Wäldern soll es auch nur Birkenwald, Erlen und Moos geben!

Wieder ein Moment träumerischer Abwesenheit. Sie lebte dem nach Inowraslaw versetzten Kreisrichter nach, diesmal so lange, daß sich Ottomar, gerührt durch Adas Bestreben, ihm angenehme Eindrücke zu machen, wieder leise zurückziehen konnte.

Nur erst bei Tisch verlor Ada ihre scheinbare Unbefangenheit. Sie hatte das ihr bestimmte Couvert mit 266 dem einer andern Dame vertauscht und wollte von Ottomar, neben dem sie saß, in Einem fort wissen, was der sonderbare Vorfall unten zu bedeuten gehabt hätte. Da ist etwas vorgefallen, sagte sie, was man wie ein brennendes Kleid mit dem ersten besten Gegenstand erstickt hat! Herr Wolny hat sich persönlich darüber geworfen!

Sie hören ja, entgegnete Ottomar, es kamen zwei Zufälle zur Durchkreuzung. Keiner ahnte etwas von dem andern.

Mahlo, so heißt der Mensch, streute die Platzpatronen – aber der Andre, der mit dem Schlüsselbunde – übrigens ein hübscher Mensch, ich habe ihn den ganzen Abend beobachtet –

Wer ist hübsch? fragte Ottomar und kämpfte die Eifersucht nieder.

Der Herr Ehlerdt da drüben! Der jetzt so blaß sitzt und so schrecklich viel trinkt! Wenn seine Schwester die Freundin der Ihrigen ist, werde ich doch den jungen Herrn interessant finden können!

Nun gar interessant! Aber ich opponire ja nicht! fuhr Ottomar fort, runzelte aber doch die Stirn, so daß Ada, auch ihres Bruders wegen, betroffen abbrach, ja nach langem Schweigen und Beobachten ihres Bruders und Horchen auf die ironischen Gespräche ringsum plötzlich mit zitternder Stimme zu Ottomar sagte: Geben 267 Sie mir unter’m Tisch kräftig die Hand, mir wird ohnmächtig! Still! Still! fügte sie sogleich hinzu, als sie Ottomar in Begriff sah, statt dessen aufzuspringen. Er hatte einen Blick auf Adas entfärbte Wangen geworfen. Sie zog ihn aber förmlich nieder, drückte ihm dabei so krampfhaft die Hand, als sollte sich ihr ganzes erlöschendes Lebensfeuer an dem seinigen wiederanzünden, und hauchte nur: Bleiben Sie sitzen! Ich finde mich schon!

Mit dem magnetischen Nachgefühl dieses Handdrucks, der mit einer Gewalt erfolgte, wie ihm noch kein Mann die Rechte gegeben, wurde das Mahl aufgehoben, die Gesellschaft schwebte oder schwankte zu Paaren in die leeren, kaltgewordenen Salons zurück. Noch sah Ottomar Adas Wagen abfahren. Er hatte nicht mehr von ihr Abschied genommen, auch von der Generalin nicht. Nur Wolny suchte er, um Aufklärung über alles Vor­gefallene zu erhalten. Dieser sagte rasch ablehnend: Morgen! Morgen! und wandte sich sogleich den Honneurs zu, die er zu machen hatte. Da ging denn auch er. Zu Fuß. Erst mit Vielen, allmälig wurden es wenigere. Der Pastor Siegfried war darunter. Ottomar mußte den Kopf schütteln in Erinnerung an die Generalin, die ihm auch heute wieder mit dem Fächer gedroht und gesagt hatte: Herr Althing, Sie sind Demokrat und was noch schlimmer ist, frivol! Alle Bildhauer sind frivol! Die Erörterungen, warum 268 sie’s sind, die lassen wir! Sie hatte dabei rasch ihren Fächer ausgebreitet, gleichsam als wenn sie selbst Modell zu stehen hätte, die lange dürre Frau! Haben Sie die Hofprediger um Rath gefragt? hatte Ottomar entgegnet. Die Sache war die: Er hatte im Frauenverein gelegentlich gesagt: Jesus war eine geborene vornehme Natur! Warum? Warum? hatte man von allen Seiten gerufen. Ottomar sagte: Weil er beim Mahle das Brod nicht schnitt, sondern brach. Unerzogene Menschen pflegen bei Tisch das Brod mit dem Messer zu tractiren! Diese Aeußerung fanden alle Damen höchst erwägenswerth. Alle waren ja entweder vornehm oder wollten es doch sein. Die Generalin hatte sich gleich in den königlichen Stamm, den Davidischen, verloren, aus welchem Jesus hervorgegangen. Jesus war ihr nun erst recht der König von Zion im Purpurmantel und mit dem funkelnden Ordensstern in Brillanten auf der Brust.

Zuletzt war nur noch der Staatsanwalt Stracks Ottomars Begleiter. Dieser ließ sich ganz gehen. Er stellte alle Einzelheiten des Vorgefallenen als verbrecherisch hin. Der Schrank stand offen! sagte er. Das Schlüsselbund des Ehlerdt gehörte schwerlich der Fabrik an! Die Blechkapsel enthielt wohl nicht Geld oder Werthpapiere, aber vielleicht Briefe, vielleicht das Duplicat des Testaments, das auf dem Rathhause fehlen soll!

269 Wo kein Kläger ist, kann auch keine Anklage stattfinden! fiel Ottomar sinnend ein.

Ein innerer Familienvorfall! Causa interna! Aber Zeugen wären genug vorhanden, wenn Wolny klagbar auftritt! Die Ueberwindung, die es ihn gekostet haben muß, so den Schaden und die Schande der Seinigen zuzudecken, war groß, hält aber vielleicht nicht an.

Ottomar war der ganze Vorfall dunkel. Aber er sagte, Wolnys Consequenz rühmend: Der Gedanke an seine leidende Gattin bestimmte ihn –! Im Stillen grübelte er allmälig anders.

Ein Kreuzweg trennte Beide. Die Luft an der Straßenecke, wo noch eine Gaslaterne brannte, ging scharf. Ein längeres Gespräch ließ sich nicht ermöglichen.

Ottomar war entschlossen, am folgenden Morgen zu Wolny zu gehen, um zu hören, was über diesen Vorfall wirklich des Freundes Meinung war. Vielleicht schonte er Raimund Ehlerdt um Marthas Willen – vielleicht sogar – der Gedanke fiel ihm wie ein Wetterschlag in’s Herz – Forbeck um Adas willen und – um Dich –?! Betrifft man Dich schon über dem Schein der Untreue an Deinem Freunde, dem Grafen?

Unter solchen mächtig sich auf einander wälzenden Combinationen war Ottomar in die Gegend gekommen, wo Edwina Marloff wohnte. Die schönsten Häuserreihen 270 wechselten hier mit Hütten und Bretterzäunen. Ist Edwina eine Tochter der Nacht? Das würde sich jetzt verrathen können, wenn ich noch an ihrem Fenster Licht sähe! dachte Ottomar. Daß Raimund Ehlerdt in demselben menschenüberfüllten Hause wohnte, war ihm nicht unbekannt.

Sein zweiter und dritter Besuch bei Edwina waren ganz unglücklich abgelaufen. Sie hatte ihn nur durch die Thürspalte, die von einer Kette gebildet wurde, empfangen und frivol lachend gesagt: Schicken Sie mir den Grafen oder das Geld!

An den Fenstern der Nummer 13 Palissadenstraße war Alles dunkel. Alles lag ringsum wie im tiefsten Schlafe. Der Wind pfiff. Ottomar zog den Ueberzieher fester über die leichte Ballkleidung und gedachte seines wenig geschützten Schuhwerks. Schon wollte er rasch in sein Viertel zu gelangen suchen, da bemerkte er Lichtschimmer durch die obere Glasblende der Hausthür. Er trat näher, hörte Geräusch und bald drehte sich der Hausschlüssel. Ein Mann in tiefer Vermummung durch einen Mantel wurde von einer alten Frau hinausgelassen. Hat sie ihre Bedienung gewechselt? Oder ist das die wahre Vertraute und alles Andere, die Josefa, nur Schein? waren Ottomars erste Gedanken. Schon war die Thür wieder zugeworfen und geschlossen. Der 271 aus dem Hause Gekommene schritt einer Gegend zu, die leider der seinigen entgegengesetzt war. Aber Ottomar folgte ihm, obschon der Vermummte schnell ging.

Wenn es Graf Udo wäre! dachte er. Wenn dieser nicht verreist wäre! Schon so gefesselt durch die bizarrblendende Erscheinung! Das waren seine ersten Gedanken. Sie schwanden erst allmälig.

Nicht zu lange brauchte er bei dieser, ihn wie ein Strahl aus einer Zauberlaterne Mephistos überfallenden Gedankenreihe zu verweilen. Denn er erkannte den nächtlichen Wanderer. Es war Niemand anders als Marloff, der Geometer. Empört über die Schlüsse, die sich aus einem solchen nächtlichen Besuche ziehen lassen mußten, hielt er sich an den Mann, dessen markante Gesichtszüge unverkennbar waren. An die Möglichkeit, daß Edwina, die Tochter des Grafen Wilhelm sei, hatte er immer nur zweifelnd geglaubt. Es verbanden sich zu entsetzliche Vorstellungen damit.

Guten Abend, Herr Marloff! rief er mit kräftiger, entschlossener Stimme. Waren Sie noch so spät bei Ihrer schönen Frau Gemahlin?

Der Angeredete blieb stehen, hob den Stock, den er in Händen trug, drohend in die Höhe und blickte den kühnen Sprecher mit aufgerissenen Augen in’s Angesicht, ohne ein Wort zu erwidern.

272 Haben Sie endlich Ihre Wünsche erfüllt bekommen? fuhr Ottomar, vom Weine, vom Mahle gehoben, fort. Der Graf ist verreist! Sie haben eine reizende Frau! Das muß ich sagen! Oder ist es wirklich nur Ihre Tochter! In beiden Fällen paßt sie nicht für Ihre kleine Hinterhofwohnung. Ja, wer Geld hätte und nicht auf die Mäuler der Leute zu sehen brauchte! Dreißig tausend Thaler sollten mir eine Kleinigkeit sein, wenn ich sie hätte! Aber der Graf scheint die Summe nun wirklich aufzutreiben – Sie glücklicher Gatte oder Familienvater!

Die Antwort auf diese Provocationen zum Reden, zum Sichvertheidigen war ein ruhiges Weitergehen und die im scharfen Ton gesprochenen Worte des Alten: Sie scheinen aus einer Gesellschaft zu kommen und sind betrunken!

Kennen Sie mich denn nicht mehr? Ich war ja bei Ihnen und bewunderte die Frugalität Ihres Mittagsessens und Ihre praktische braune Hausjacke!

Ich kenne Sie sehr wohl und bedaure, Sie nicht diesmal complett zur Thür hinauswerfen zu können.

Oho! fielen zwei Nachtwächter ein, die in der Nähe standen und, die Conversation vernehmend, diese für die Nachtruhe zu verfänglich fanden.

Kommen Sie in irgend ein noch offenstehendes Weinhaus! sagte Ottomar, jetzt bei alledem zutraulicher. 273 Sagen Sie mir da die volle Wahrheit über das pikanteste Geschöpf der Erde nächst einigen andern! Ich verspreche Ihnen, keinen Leitartikel für die Zeitungen daraus zu machen! Mich hat sie dreimal schnöde abgewiesen, obschon ich vom Grafen kam! Die Zahlung der 30,000 Thaler scheint aber im Gange! Wenn wir uns hier links wenden, kommen wir in Kurzem an den Ort, wo Montags die neuen Serapionsbrüder hausen. Machen wir Beide dagegen einen Bund, der sich bei Nacht versammelt! Was, alter polackischer Bär –!

Ottomar spürte, daß er in der That den Champagner seines Freundes Wolny und Adas petillante Unterhaltung sich hatte zu Kopf steigen lassen.

Von den neuen Serapionsbrüdern schien der nächtliche Wanderer, der immer rüstig vorwärts schritt, etwas gehört zu haben, vielleicht durch Mittheilung von Architekten, mit denen er zu thun hatte. Mit schon gemindertem herben Ausdruck in der Stimme und wie von dem gutmüthigen Humor seines Begleiters angezogen, sagte er: Ich trinke keinen Wein!

Sie scheinen ein großer Sparer! entgegnete Ottomar. Müssen ja auf die Art Schätze sammeln, da Sie in Ihrem Fach wahrscheinlich ausgezeichnet sind! Wer war eigentlich die Alte, wandte er sich ihm zutraulich zur Seite, die Sie vorhin aus dem Hause ließ?

274 Des Teufels Großmutter! antwortete der Geometer, der aber trotz seiner Grobheit doch in bessern Humor gekommen schien.

Bisher war ein junges Ding, eine Deutschpolin, Schwester der Frau eines Arbeiters bei meinem Vater, bei Ihrer Tochter oder Frau! Sie hatte kohlenschwarze Augen, ein Stumpfnäschen, Lippen geschwollen, wie eine schlecht geheilte Hiebwunde, kurz das böse Ding scheint mich an meinen Vater verrathen zu haben, der kein unberühmter Mann ist, ein Bildhauer! Daß ich Althing heiße, wissen Sie ja!

Diese unausgesetzt einschmeichelnde Plauderei schien denn doch angenehm auf den nun schon langsamer Schreitenden zu wirken. Man kam in Gegenden, die immer noch etwas belebt waren. Die Gaslaternen brannten noch überall.

Was ist das mit den Serapionsbrüdern? fragte der in seinen Mantel Vermummte und gab damit das erste Zeichen der Uebergabe einer Festung. Er steckte die Friedensfahne auf.

Ottomar erläuterte Alles. Er erwähnte auch die ihm bekannt gewordene Meinung des Sanitätsraths Eltester, daß die Montagsgenossen sich lieber Serapisbrüder nennen sollten nach dem Gotte Serapis, dem Gott der unterirdischen Sonne, der Sonne der Nacht! 275 O, sprach Ottomar mit einem gewissen Schwunge, lassen Sie diese Sonne leuchten! Gäste sind nicht mehr viel in den Zimmern! Man kann ein Wort plaudern, das Niemand hört! Der Graf fürchtet sich vor der Wahrheit, ich bin ja sein Freund, lassen Sie mich den Vermittler bleiben!

Der Geometer blieb stehen. Sein Mantel schlug auseinander. Der Geierblick des Auges, der durch eine Brille hindurchdrang, hatte sich gemildert. Er nahm die Brille ab und behauptete nun wegen der blendenden Laternen besser zu sehen. Man war nahe an dem bezeichneten Locale. Er richtete seine gefurchten magern Gesichtszüge, die etwas Mephistophelisches hatten, auf die Häuserreihe, vor der man stand, und murmelte: Die Sonne der Nacht, sagen Sie? Ja, ja, wenn uns die einst scheinen wird! Die Kehrseite aller Dinge! Dann ist das Meer abgelaufen! Auf seinem Grunde sieht man das Gewimmel, die begrabne Welt, Schiffstrümmer, Leichen, untergegangene Städte, Länder, die verschlungen wurden, gräuliches Gewürm!

Die Seeschlange! unterbrach Ottomar den plötzlich wunderbar aufthauenden Mann und setzte prosaisch heiter, um den Gewonnenen launig zu stimmen, hinzu: Fünf Häuser weiter kriegen wir sie!

Sie waren dann wirklich in die fast gänzlich leeren Zimmer des bekannten Weinlocals gerathen, wo bereits einige 276 Gasflammen ausgelöscht waren und die Kellner sich in einer Ecke hier und da einem wohlthuenden Schlummer ergeben hatten. Das Trommeln mit den leeren Flaschen mußte sie zum Bewußtsein bringen. Das von den Neuangekommenen Bestellte war bald herbeigeschafft. Sonderbarerweise verstand sich der Alte zu Ungarwein.

Sogleich stützte er das Haupt auf, griff in die grauen Haare, lüftete die Halsbinde und ergab sich trotz der Ironie seines Begleiters der Vorstellung von einem Weltganzen, das die Serapispriester mit Fackeln in der Hand bei Nacht feierten. Nacht, sagte er, ist das Wachsen der Pflanze! Nacht ist der Frühling, der da geht, Nacht der Winter, wie er kommt! Nacht ist der Geist, der seine Eindrücke empfängt! Unsichtbare, unterirdische Sonne! Ja, du hast auch in meinem Leben viel gesehen und beschienen! Wehe, was deckt nicht Alles das Grab!

Ottomar wartete, bis sich der gänzlich veränderte Mann, der die rauhe Außenseite abgeworfen hatte, erholt und von einem der dargebotenen Gläser ein wenig genippt hatte. Dann nahm der Alte trübblickend das Wort.

Ende des ersten Bandes.

Apparat#

Bearbeitung: Kurt Jauslin, Altdorf#

1. Textüberlieferung#

1.1. Handschriften#

Es sind keine handschriftlichen Überlieferungsträger bekannt.

1.2. Drucke#
J1 Die neuen Serapionsbrüder. Roman in drei Bänden. In: Schlesische Presse. Breslau. Nr. 723, 15. Oktober 1876, bis Nr. 60, 25. Januar 1877 (Rasch 3.76.10.15N).
J2 Die neuen Serapionsbrüder. Roman in drei Bänden. In: Berliner Tageblatt. Nr. 245, 19. Oktober 1876 bis Nr. 306, 31. Dezember 1876 und Nr. 1, 1. Januar 1877 bis Nr. 10, 13. Januar 1877 (Rasch 3.76.10.19). Rasch registriert einen weiteren Zeitungsdruck „ungefähr zeitgleich“ in der „Dresdner Zeitung“, zu dem keine näheren Angaben vorliegen.
E1 Die neuen Serapionsbrüder. Roman in drei Bänden. Breslau: Schottlaender, 1877. (Rasch 2.48)
E2 Die neuen Serapionsbrüder. Roman in drei Bänden. Zweite Auflage. Breslau: Schottlaender, 1879. (Rasch 2.48a)

Der Textband (GWB I, 17) enthält im Anhang (S. 587-596) Gutzkows Vorwort zur zweiten Auflage. Dieses ist im gedruckten Kommentar (GWB I, Bd. 17, Supplement) auf S. 32-40 und hier im Internetkommentar unter 4.2.2 zu finden.

2. Textdarbietung#

2.1. Edierter Text#

E1. Der Text folgt in Orthographie und Interpunktion unverändert dem Buch-Erstdruck. Textsperrungen werden übernommen. Silbentrennstriche (=) werden durch - wiedergegeben. Die Seitenzählung wird mit Klammern [ ] an den betreffenden Stellen in den Text eingefügt. Die Liste der Textänderungen nennt die vom Herausgeber im Vergleich mit der zweiten Auflage berichtigten Druckfehler. Fehlende oder überzählige Spatien wurden stillschweigend korrigiert.

Die Liste der Texteingriffe nennt die vom Herausgeber berichtigten Druckfehler sowie die Emendationen. Die Seiten-/Zeilenangaben im Apparat beziehen sich auf die Druckausgabe des Werkes im Band: Die neuen Serapionsbrüder. Roman. Hg. von Kurt Jauslin. Münster: Oktober Verlag, 2002; zweite, verb. Aufl. 2013. (= Gutzkows Werke und Briefe. Abt. I: Erzählerische Werke, Bd. 17.)

2.1.1. Texteingriffe#

58,25 des Meisters der Meisters

59,32 am wenigsten am wenigstens

66,33 den denn

71,34 Französisch Franzosisch

75,29 im Stich in Stich

97,15 Mitleid Mittleid

107,30-31 Strikecomités Streikecomités

144,18 Vereinssecretär Vereinsseccetär

159,25 Cortège Cortége

179,8 paßt sie paßt Sie

198,22 Es war Er war

248,21 worin wohin

255,20 das daß

256,21 wollte wolle

265,12 gezogene bezogene

267,33 deren dessen

269,14 das daß

272,15 sie Sie

278,29 auf- und abgehend auf und abgehend (vgl. 477,22)

279,11 über uber

279,14 vereint -! vereint !

281,6 dessen deren

291,25 dem den

297,32 es] er

312,1-2 Hofmaler Triesel Hofmaler Triefel

320,1 George Sand Georg Sand

347,8-9 gehandelt gehandelst

410,12 eine Schlange ein Schlange

456,23-24 ausgesprochen besonnen ausgesprochen, besonnen

471,5 bösartiger bosartiger

506,26 den Sie wie den Sie, wie

507,19 der Schlaue der schlaue

526,34 Vaters Vater

539,21 geworden war, und geworden war und

541,18 Romberg Ramberg

553,17 besuchten besuchen

561,13 Christenthum“? Christenthum?“

566,14 in die welke Hand in welke Hand

2.1.2. Problemfälle#

262,29 Shlipse Die Schreibweise findet sich unverändert auch in E2. Sie wurde nicht korrigiert, da es sich um eine am Englischen angelehnte Schreibweise handeln könnte. Belegstellen wurden nicht gefunden.

424,9 Sie sind eben verrückt und rennen Kunst Die Stelle findet sich textgleich in E2.

Errata#

In der 2002 erschienenen Erstauflage des Druckbandes (GWB I, Bd. 17) sind die folgenden Druckfehler zu verbessern:

3-15 Fußzeile Guzkow lies: Gutzkow

29,9 drei3ßigtausend lies: dreißigtausend

49-63 Kopfzeile ERSTES BUCH lies: ERSTER BAND

103-117 Kopfzeile ERSTES BAND lies: ERSTER BAND

241,19 CIaqueurs lies: Claqueurs

252,3 Sanitatsrath lies: Sanitätsrath

306,28 bringen ums Gedanken lies: bringen uns Gedanken

309,34 Scblüssel lies: Schlüssel

313-343 Kopfzeile ZWEITES BAND lies: ZWEITER BAND

547,15 aus einer Pfanne aus Einer Pfanne

Die in der Erstauflage des Druckbandes (GWB I, Bd. 17) auf den Seiten 627-628 abgedruckte Liste der „Textänderungen“ ist folgendermaßen zu ergänzen:

269,14 daß erst lies: das

526,34 Vater lies: Vaters

541,18 Ramberg lies: Romberg

Im Supplementband zu den Neuen Serapionsbrüdern (GWB I, Bd. 17, Kommentarband) ist in der Stellenerläuterung zu 32,16 (S. 172) ein Fehler im Nachweis eines Zitats unterlaufen.

Statt „Im Kastanienwäldchen hat er später dieses Urteil präzisiert“ lies: „In dem autobiographisch-literaturgeschichtlichen Text Vergangenheit und Gegenwart (1839) hatte Gutzkow dieses Urteil bereits präzisiert“. Statt des Verweises „(HOU, Bd. 12, S. 58)“ nach dem Zitat lies: „(eGWB IV, Bd. 6.2, pdf 1.0, S. 7)“.

2.2. Lesarten und Varianten#

Vor der Drucklegung von E2 hat Gutzkow den Text der komplett neu gesetzten Ausgabe E1 nochmals durchgesehen und korrigiert. Im wesentlichen hat er sich dabei auf die Revision von Druckfehlern und auf Änderungen der Interpunktion und in selteneren Fällen der Absatzgestaltung beschränkt. Durch Änderungen im Seitenumbruch differiert der Umfang der drei Bände zwischen E1 und E2: E1 276, 297, 309 Seiten; E2 270, 293, 301 Seiten.

Eingriffe in die Interpunktion betreffen häufig den Wechsel von ! zu anderen Satzzeichen, z.B.:

8,3 Ohr! Ohr.

Durch einfache Änderungen der Interpunktion wurden lange Sätze geteilt, z.B.:

33,18 Vergnügen" - der Vergnügen". - Der

33,19 dazu - in dazu. - In

Die Genitivform der Eigennamen wurde in E2 häufig, wenn auch nicht durchgängig, mit einem Apostroph versehen, z.B.:

7,24 Kants Kant's

17,22 Adas Ada's

26,25 Hamlets Hamlet's

Weitere Änderungen betreffen die Groß- und Kleinschreibung, z.B:

13,5 bis vier bis Vier

Zum Teil weisen sie auf den Wandel der orthographischen Konvention, z.B.:

17,34 Sechszigen Sechzigen

18,28 Nichts nichts

30,24 Proceß Prozeß

203,17-18 von Statten von statten

385,29 Beide beide

Das trifft auch auf Änderungen der Schreibweise bei der Deklination verschiedener Wörter zu, z.B.:

13,30 dunkeln dunklen

214,21 unsre unsere

sowie die Korrektur anderer variabler Schreibweisen:

8,30 gradezu geradezu

141,3 neuste neueste

133,27 Officier Offizier

139,24 hectisch hektisch

54,24 Streikgedanken Strikegedanken

68,15 Streik Strike

und Änderungen in Wortzusammensetzungen:

63,8-9 fünf und fünfzig fünfundfünfzig

90,23 Elias Krummgedanken Elias-Krumm-Gedanken

Bei den Eigennamen ergeben sich Varianten:

5,33 Ascherson Aschersohn

174,22 Inowraslaw Inowraclaw

Es ist nicht mehr zu klären, ob die durchgehende, wenn auch nicht ganz konsequente, Modernisierung der Orthographie in E2 von Gutzkows Hand erfolgt ist oder durch einen Korrektor des Verlags vorgenommen wurde. Auch sind die in E1 enthaltenen echten Druckfehler nicht vollständig beseitigt worden. Die vorliegende Ausgabe hält an der Schreibweise von E1 fest. Korrigiert wurden nur offenkundige Druckfehler, und zwar auch dann, wenn sie in E2 nicht revidiert worden waren.

Folgende Abweichungen zwischen E1 und E2 sind festzustellen:

25,10 Abends den Abend

55,22-23 wegen Schroffheit wegen mit Schroffheit

56,8 die Sache die Sachen

80,23 Vereintwirken Vereinswirken

98,29 vom Fenster vom Fenster aus

102,17 bestimmen bestimmte

131,10 trug trugen

159,6 schüttete schüttelte

168,33-34 von höchster Bedeutung von der höchsten Bedeutung

194,25 hingeworfen hingeworfen worden

263,9 mangelnde ermangelnde

272,12 Broche Brosche

299,15-16 Hebeamme Hebamme

328,5 Hemdkragen Hemdekragen

366,18 mannichfach mannigfach

392,34 eben neben

448,10 um deshalb beschämt deshalb beschämt

458,15-16 den beiden berühmten Panzerschiffen den berühmten Panzerschiffen

458,23-24 kam es zu keiner rechten Frage und keiner rechten Antwort kam es zu keiner rechten Antwort

465,23 Sieh’, sieh’ die Alte! Sieh’ die Alte!

466,31 Mein Mädgen Meine Mädgen

480,19-20 Was räthst Du hier zum Untergang der Deinigen an? fehlt in E2

512,8 noch bei mir nicht abgesetzt bei mir noch nicht abgesetzt

518,6 sollten denn doch sollten doch

567,13 Entweder Oder - Entweder - Oder

3. Quellen, Folien, Anspielungshorizonte#

3.1. Gattungsfolien#

Gutzkows umfangreiche Gesellschaftsromane der 50er Jahre Die Ritter vom Geiste und Der Zauberer von Rom (→ Globalkommentar, 6.1.2.: Der Roman des Nebeneinander - Tradition und Differenz)

E.T.A. Hoffmann: Die Serapionsbrüder. Gesammelte Erzählungen und Mährchen. 4 Bände. Berlin: Reimer, 1819-21

Ludwig Tieck: Phantasus. Eine Sammlung von Mährchen, Erzählungen, Schauspielen und Novellen. 3 Bände. Berlin: Realschulbuchhandlung, 1812-16

Johann Wolfgang Goethe: Die Wahlverwandtschaften. Ein Roman. 2 Teile. Tübingen: Cotta, 1809

Der Roman „Sturmflut“ von Friedrich Spielhagen, der unmittelbar vor den Neuen Serapionsbrüdern im „Berliner Tageblatt“ in Fortsetzungen veröffentlicht wurde und zeitgleich mit Gutzkows Roman 1877 in Buchform erschien (→ 5.2. Rezeptionsgeschichte)

3.2. Anspielungshorizonte#

Gutzkows Aufenthalt in Berlin in den Jahren 1869-1873, erstmals wieder Wohnsitz seit 1834; Krankheit, familiäre und finanzielle Probleme (→ Globalkommentar, 6.1.1.: Déformation professionnelle und Pathologie der Gesellschaft)

Die Berliner Gesellschaft der Gründerzeit in den Jahren nach dem deutsch-französischen Krieg

Der Börsensturz in der Folge der Weltwirtschaftskrise von 1873 (→ Globalkommentar, 6.1.4.: Liberalismus - Idealismus oder Realismus)

Die sozialen Verwerfungen infolge der beschleunigten Industrialisierung und der kapitalistischen Wirtschaftsordnung

Bismarck und die Entwicklung des Nationalstaats; die Entwicklung der Sozialdemokratie (→ 4.2.2. Vorwort zur 2. Auflage; → Globalkommentar, 6.1.6.2.: Der Aufstieg der Sozialdemokratie)

Die Philosophie Arthur Schopenhauers und Eduard von Hartmanns („Philosophie des Unbewußten“, 1869) als Zeugnisse einer pessimistischen Weltsicht (→ Erl. zu 282,15-16)

Die Musik Richard Wagners (→ Lexikon, Art. ,Wagner‘) als Ausdruck eines rückwärtsgewandten, die gesellschaftliche Wirklichkeit romantisierenden Kunstverständnisses

Der in den 50er Jahren mit den „Grenzboten“ ausgefochtene Streit um das Verständnis von ,Realismus‘ und ,Idealismus‘ in der Literatur (→ Globalkommentar, 6.1.4.: Liberalismus - Idealismus oder Realismus)

Die Entwicklung der neuen Naturwissenschaften und die von ihnen bewirkten Veränderungen im Leben des Einzelnen und der Gesellschaft (→ Globalkommentar, 6.1.7.: Die Naturwissenschaften unter der Sonne der Nacht)

4. Entstehung#

4.1. Dokumente zur Entstehungsgeschichte#
4.1.1. Gutzkow an Christoph Wiese, 4. Februar 1876 #

Gutzkow an Christoph Wiese, Heidelberg, 24. Februar 1876. UBFM, Nachlass Karl Gutzkow, A 2 I, Nr. 76,54 (maschA).

Einen größern Roman habe ich angefangen u benutze dazu theilweise das vor 3 Jahren von Ihnen kopirte Stück, dem ich bald diesen bald jenen Titel gab. Leider kann ich erst nach Vollendung des Ganzen an die Ueberarbeitung gehen u dann auf Ihre Hilfe rechnen.

4.1.2. Gutzkow an Hermann Costenoble, März 1876#

Gutzkow an Hermann Costenoble, Heidelberg, 10. März 1876. UBFM, Nachlass Karl Gutzkow, A 2 I, Nr. 76,70 (maschA).

Ich schreibe an einem 3 bändigen Roman, freilich erst für eine gutzahlende Zeitung.

4.1.3. Gutzkow an Johannes Nordmann, 19. April 1876#

Gutzkow an Johannes Nordmann, Heidelberg, 19. April 1876. UBFM, Nachlass Karl Gutzkow, A 2 I, Nr. 76,109 (H, maschA).

Ich bin in der Lage, eine Existenzsumme für ein ganzes Jahr verdienen zu müssen, 3 bis 4000 Thaler, die Zersplitterung ruinirt mich u meine Familie. Ich habe daher, seitdem nun die 12 Bände der Ersten Serie meiner Ges. Werke bei Costenoble erschienen sind u das dafür empfangene Honorar verzehrt ist, ferner die Zweite Serie sich vor Jahren nicht ermöglicht, da ich keine Mittel habe, meine Schriften von Brockhaus u Janke loszukaufen, ich sage, ich habe seitdem anfangen müssen, etwas Grösseres zu arbeiten, einen Roman à 3 Bänden, der bis Oktober fertig sein muss [...]. Ich bin nun im Zuge meiner Arbeit, die zugleich eine Expektoration über empfangene Berliner Eindrücke ist.

4.1.4. Gutzkow an Klara Mosson, 16. Juni 1876 #

Gutzkow an Klara Mosson, Heidelberg, 16. Juni 1876. UBFM, Nachlass Karl Gutzkow, A 2 I, Nr. 76,155 (maschA).

Ich schreibe an einem Quasi-Roman, um zu Geld zu kommen. Diese Tendenz ist die vorherrschende. Was sonst draus wird kann ich noch nicht bestimmen.

4.1.5. Gutzkow an Otto von Leixner, 30. Juni 1876 #

Gutzkow an Otto von Leixner, Heidelberg, 30. Juni 1876. UBFM, Nachlass Karl Gutzkow, A 2 I, Nr. 76,180I (hsA).

Aber für jetzt muß ich [...] an eine größere Arbeit denken, die auch zu 2/3 schon fertig ist.

4.1.6. Gutzkow an Otto von Leixner, 6. Juli 1876 #

Gutzkow an Otto von Leixner, Heidelberg, 6. Juli 1876. UBFM, Nachlass Karl Gutzkow, A 2 I, Nr. 76,186 (hsA).

Mein Buch soll 3 Bände haben, gegen Lindaus Wunsch wir möchten uns mit Einem Band begnügen. Aber ehe ich nicht ein Ganzes fertig habe, fehlt mir an die Sache der Glaube. Ich arbeite wie alle Dramatiker vom 5ten Akte rückwärts. Alle Dramatiker, ich hätte sagen sollen, die ihr Handwerk verstehen. O die prächtigen ersten Akte, die wir haben! Ich könnte eine Literatur der ersten Akte schreiben - Dingelstedts Haus des Barneveldt, Uffo Horns Ottokar - erste Akte wunderbar! Aber die folgenden! Der richtige Dramatiker spinnt aus einem ihm klar vorschwebenden 5ten Akt - das Berliner ungeduldige Parkett hat die 4 Akt-Theorie eingeführt - die früheren heraus.

So gehts mir fast auch im Romane. Da muß ein Motiv verändert, eine Person schon früher eingeführt, die Spannung des Lesers auf ein Kommendes eingeleitet werden, man kann recht klar sehen, wenn die produktive Beserkerwuth ausgerast hat. Und das geht noch diesmal bei mir, leider mit sehr unliebsamen Intervallen, bis zum September so fort.

4.1.7. Gutzkow an Klara Mosson, 12. Juli 1876 #

Gutzkow an Klara Mosson, Heidelberg, 12. Juli 1876. UBFM, Nachlass Karl Gutzkow, A 2 I, Nr. 76,192 (maschA).

Vormittags, wo ich das Sitzen am ehesten aushalte, nimmt mich meine grössre Arbeit in Anspruch, die ich eigentlich ganz gedankenlos mache u am Ende in den Ofen werfen muss. Erst zwei Situationen haben mich selbst befriedigt.

4.1.8. Gutzkow an Christoph Wiese, 29. Juli 1876 #

Gutzkow an Christoph Wiese, Heidelberg, 29. Juli 1876. UBFM, Nachlass Karl Gutzkow, A 2 I, Nr. 76,209 (maschA).

Lieber Freund, die erst einmalige Wiederkehr Ihrer Copie beunruhigt mich grade nicht, aber zur Constatirung des richtigen Verlaufs von Hin- und Zurück bemerke ich doch, dß ich erst eine Sendung Copie nach der Wiederaufnahme meiner Zusendungen erhalten habe, bis Seite 640.

4.1.9. Gutzkow an Klara Mosson, 5. August 1876 #

Gutzkow an Klara Mosson, Heidelberg, 5. August 1876. UBFM, Nachlass Karl Gutzkow, A 2 I, Nr. 76,215 (maschA).

Ich befinde mich leidlich, [...] denke mit Sorgen an die richtige Unterbringung eines im Grunde sehr einfachen Romans und arbeite, vorläufig um mir selbst zu genügen. [...] Mein Roman soll heissen: „Die neuen Serapionsbrüder“. Erinnern Sie sich der Serapionsbrüder von E.T.A. Hoffmann?

4.1.10. Oscar Blumenthal an Gutzkow, 6. August 1876 #

Oscar Blumenthal an Gutzkow, Berlin, 6. August 1876. UBFM, Nachlass Karl Gutzkow, A 2 II, Nr. 183 (H).

[...] der Roman Spielhagens wird am 1 Oktober zu Ende gehen, spätestens Mitte Oktober. Da drängt es mich denn - bevor ich irgend weitere Verbindungen aufsuche - zuerst Ihnen die herzliche Bitte vorzulegen, uns den neuen Roman zu überlassen, von welchem Sie mir erzählt haben. Ich glaube, daß Sie ihn pekuniär vortheilhafter irgendw‹o› anders unterbringen zu [sic] können, zumal der Abdruck im Tagebl. mit keinerlei Präjudiz für die Buchausgabe verbunden ist. Auch dürfte man Ihnen eventuell über die möglichst gewinnreiche Verwerthung des Manuscripts Vorschläge machen können, die Ihnen sehr wohl conveniren würden. - Darf ich also um einige definitive Mittheilungen über den Stand Ihrer neuen Dichtung und über Ihre etwaigen Entschlüsse freundlichst bitten?

4.1.11. Oscar Blumenthal an Gutzkow, 11. August 1876 #

Oscar Blumenthal an Gutzkow, Berlin, 11. August 1876. UBFM, Nachlass Karl Gutzkow, A 2 II, Nr. 184 (H).

Mit der größten Freude haben ich und Herr Mosse aus Ihrem so liebenswürdigen ausführlichen Schreiben Ihre Bereitwilligkeit ersehen, uns den Roman zu überlassen. Ich bin überzeugt, daß Ihre eigenen Bedenken aus zu großer Gewissenhaftigkeit hervorgehen, und handle im Einverständniß mit Herrn Mosse, wenn ich schon jetzt definitiv auf Ihre neuen, voraussichtlich hochinteressanten „Serapionsbrüder“ Beschlag lege. Ihren Wünschen bezüglich des Druckes u.s.w. wird natürlich Rechnung getragen werden. Auch bin ich bereit, wenn Sie es gestatten, Herrn Günther, dem Verleger der „Monatshefte“, den von Ihnen angedeuteten Vorschlag zu machen, den umbrochenen Tageblattsatz in den Buchverlag zu übernehmen. Ich bitte Sie daher um genaue Angabe Ihrer Honorarbedingungen, deren Annahme ich Herrn Mosse dann sofort ans Herz legen werde. Erwünscht wäre es mir auch, das Manuscript bald zu erhalten, damit ich über die von Ihnen hervorgehobene Ähnlichkeit mit der „Sturmfluth“ mich orientiren kann. Ich würde nämlich dann vielleicht zwischen den Spielhagen'schen Roman und den Ihrigen eine kürzere Novelle einschieben, um die Ähnlichkeit zu vertuschen.

4.1.12. Gutzkow an Klara Mosson, 21. [?] August 1876 #

Gutzkow an Klara Mosson, Heidelberg, 21. [?] August 1876. UBFM, Nachlass Karl Gutzkow, A 2 I, Nr. 76,231 (maschA).

Ich habe die Redaction (Durchsicht der Abschriften) meines Buches u die Spekulation auf einen möglichst hohen Ertrag im Kopfe u soll noch obenein dieser Tage ins Gebirg.

[...]

Assings waren hier, Oscar Blumenthal von Berlin, ein Abgesandter der Kölnischen Zeitung.

4.1.13. Gutzkow an Christoph Wiese, 26. August 1876 #

Gutzkow an Christoph Wiese, Heidelberg, 26. August 1876. UBFM, Nachlass Karl Gutzkow, A 2 I, Nr. 76,236II (maschA).

Sollte das Material Ihrer Abschriften für eine Sendung zu angewachsen sein, so machen Sie zwei. Ich habe nur die Abschrift bis Seite 344. [...] Neulich besuchte mich Oskar Blumenthal [...] Ich erwarte, dss Sie ihm nichts von meinem Roman mittheilen; nichts zur Lektüre.

4.1.14. Oscar Blumenthal an Gutzkow, 26. August 1876 #

Oscar Blumenthal an Gutzkow, Berlin, 26. August 1876. UBFM, Nachlass Karl Gutzkow, A 2 II, Nr. 185 (H).

Einliegend die schon telegraphisch angekündigten zwei Contrakte, von welchen ich Sie bitte, einen mit Ihrer Unterschrift zurückzusenden. Der Wortlaut entspricht Ihrem Entwurf; nur unter alinea 3 hat sich Herr Mosse das Recht zu nehmen gewünscht, den vom 1 November an eintretenden Abonnenten die ersten fünfzehn Fortsetzungen nachzuliefern. Der Roman soll nämlich am 15 Oktober beginnen. Ich denke, daß Sie da nichts einwenden werden. Auch Spielhagen hat seiner Zeitung die Erlaubniß dazu ohne Weiteres ertheilt.

Die Briefe an die deutschen Blätter werden unmittelbar nach Empfang Ihres Contraktes vom Stapel gehen. Ich glaube Ihnen versichern zu können, daß auch hier noch - außer Ihrem Honorar von 4000 Thalern - ein erklecklicher Gewinn für Sie herausgucken wird.

Mit dem herzlichsten Dank für Ihre mir erwiesene Gastfreundschaft [...]

4.1.15. Gutzkow an Carl Theodor Fasoldt, 28. August 1876 #

Gutzkow an Carl Theodor Fasoldt, Heidelberg, 28. August 1876. UBFM, Nachlass Karl Gutzkow, A 2 I, Nr. 76,236 (maschA).

Ich behalte mir Ausführliches von Heidelberg vor. Zu sehr drängt der Abschluß eines neuen Buches um - zu Geld zu kommen! Wäre doch ein Dresdner reiches Blatt dahin zu bringen, daß es sich mit Rudolf Mosse (Berliner Tageblatt) zum Nachdruck im Feuilleton verständigte. Ich habe nämlich ein Abkommen mit diesem im Werke, das aber nur gelingt, wenn mehre Zeitungen geneigt sind, den Abdruck zu bringen. Wende Deinen Einfluß bei Liepsch u. Reinhardt oder wer sonst lange Fortsetzung folgt's nicht scheut, an zu diesem Liebesdienst. Mit 4 - 500 Thaler ist die Sache gemacht, Bagatelle für so reiche Blätter.

4.1.16. Gutzkow an Christoph Wiese, 1. September 1876 #

Gutzkow an Christoph Wiese, Heidelberg, 1. September 1876. UBFM, Nachlass Karl Gutzkow, A 2 I, Nr. 76,241 (maschA).

Ich habe den Roman an Mosse in Berlin verkauft, der ihn nach dem Spielhagen'schen im Tagblatt und einigen andern Blättern erscheinen lassen wird. Um den ersten Band abzuschliessen habe ich doch vorgezogen, noch 3 Bogen des 2ten Bandes herüberzunehmen. Dadurch sind aber soviel Correkturen nöthig geworden, dss ich Sie bitte, diese 3 Bogen noch einmal zu kopiren.

4.1.17. Gutzkow an Christoph Wiese, 2. September 1876 #

Gutzkow an Christoph Wiese, Heidelberg, 2. September 1876. UBFM, Nachlass Karl Gutzkow, A 2 I, Nr. 76,242 (H, maschA).

Den jetzigen Anfang des 2ten Bandes bitte ich auch noch einmal abzuschreiben. [...] Weiter habe ich leider Ihre Abschrift nicht empfangen. [...] Ich habe von erster Copie, überarbeitet, Ihnen zur zweiten Copie bis Seite 328 geschickt gehabt! [...] Die Lücken dessen, was ich noch nicht bekommen, die ganze Scene mit Rabe, ist ja sehr groß! Ihre Sendung wird doch nicht verloren sein?

4.1.18. Oscar Blumenthal an Gutzkow, 6. September 1876 #

Oscar Blumenthal an Gutzkow, Berlin, 6. September 1876. UBFM, Nachlass Karl Gutzkow, A 2 II, Nr. 186 (H).

Contrakt erhalten. Ich warte nun mit größter Sehnsucht auf Band I des Mscpts und wäre Ihnen sehr dankbar, wenn Sie's womöglich noch heute an mich sendeten. / Acceptirt hat vorläufig nur die „Schlesische Presse“.

4.1.19. Gutzkow an Klara Mosson, 10. September 1876 #

Gutzkow an Klara Mosson, Heidelberg, 10. September 1876. UBFM, Nachlass Karl Gutzkow, A 2 I, Nr. 76,250 (maschA).

Ich dabei grüblend über meinen sonderbaren Roman, der vom 15. Okt. an die Leser des Tagblatt und der „Schlesischen Presse“ in Breslau ennuyiren soll. Weiss der Himmel, in welcher Stimmung ich das Ding geschrieben habe! Ich wollte durchaus nichts erfinden! Und schrieb doch täglich 10 Seiten! Jetzt revidire ich nun das Ganze, ergänze, feile - es ist ein Liebesroman im alten Goetheschen Sinne ohne alle Sensationsbestrebung. Kurz, ich werde beim Publikum schön ankommen!

4.1.20. Oscar Blumenthal an Gutzkow, 12. September 1876 #

Oscar Blumenthal an Gutzkow, Berlin, 12. September 1876. UBFM, Nachlass Karl Gutzkow, A 2 II, Nr. 187 (H).

Meine Frage hatte keinen andern Zweck, als einen rein technischen. Je früher wir das Mscpt in Händen haben, um so <‹leichter>› ist die Erfüllung Ihres Wunsches, daß immer ein genügender Vorrath Satz vorhanden ist. An eine beschwerdeführende Kritik oder die Möglichkeit einer solchen habe ich gar nicht gedacht. / Einliegend der Brief von Schottländer.

4.1.21. Gutzkow an Max Kurnick, 15. September 1876 #

Gutzkow an Max Kurnick, Heidelberg, 15. September 1876. UBFM, Nachlass Karl Gutzkow, A 2 I, Nr. 76,255 (H, maschA).

Einen jungen unternehmungslustigen Verleger zu gewinnen, scheint mir eine sehr glückliche Chance, aber ich bin allerdings verpflichtet alles zuvor Costenoble anbieten zu müssen. Mein Buch wird die Erwartungen der durch Annäherung an den Colportageroman gebildeten Leser nicht befriedigen. Ich habe mich in gemüthlich naiven Lebensbildern gehen lassen u auf Effekt gar nicht geschrieben. Ich lasse den Namen meines Helden Ottomar, obschon er bei Spielhagen vorkommt. Ich hatte ihn früher gebraucht, ehe ich eine Zeile von der „Sturmfluth“ sah.

Ich denke nun so: Ich stecke noch zu sehr im Herstellen des 2ten u 3ten Bandes, um jetzt schon viel an die Buchverwerthung zu denken. Habe ich den 3ten Band, etwa Ende Oktober, aus dem Kopf, so nehme ich die Frage der Buchverwerthung auf. Erscheinen kann ja natürlich das Ganze als Buch erst im Januar, wenn auch vorhergegangene Verständigungen den Druck zu präpariren haben. Wenn nicht Costenoble für vielerlei geübte Unbill ganz genügende Satisfaktion giebt, stelle ich die Bedingungen so, dss sich seine Ablehnung von selbst versteht. Es kann sich bei mir immer nur um eine mässige Auflage von 1500 - 2000 Exemplaren handeln, wo dann nach dem Preise des Buches u. der Ausstattung das für den Autor mögliche Honorar bald bestimmt ist.

4.1.22. Gutzkow an Christoph Wiese, 17. September 1876 #

Gutzkow an Christoph Wiese, Heidelberg, 17. September 1876. UBFM, Nachlass Karl Gutzkow, A 2 I, Nr. 76,257 (H, maschA).

Lieber Freund, ich muß Sie bitten, dß Sie diesen Anfang des Ganzen noch einmal so copiren, dß der Inhalt wieder auf 32 Seiten herauskommt u dann die folgenden Bogen fortgehen.

Es kommt auf den Anfang so viel an! Ich fürchte mich förmlich vor dem Publikum des Berliner Tagblatts.

Da die Redaktion um das Manuscript des ersten Bandes drängt, so bitte ich Sie, mir diese 4 Bogen so schnell als irgend möglich zurückzuschicken!

Zugleich arbeite ich die Abschrift vom 2 ten Bande durch. Ich habe Besorgniß, dß er nicht stark genug wird! Schreiben Sie ja nicht zu weitläuftig. Es wird mir sonst bei der Taxation des Bandes vorgehalten.

4.1.23. Gutzkow an Hermann Costenoble, 17. September 1876 #

Gutzkow an Hermann Costenoble, Heidelberg, 17. September 1876. UBFM, Nachlass Karl Gutzkow, A 2 I, Nr. 76,257I (maschA).

Nachdem Sie von mir vor einiger Zeit die Herausgabe einer Sammlung von Journalarbeiten abgeschlagen haben, nahm ich Anstand, Ihnen schon so bald wieder mit einem gleichen Ansinnen zu kommen.

Es versteht sich von selbst, daß ich meine Misstimmung überwinden und über die Buchausgabe dieser in mehren Journalen zu gleicher Zeit erscheinenden Arbeit mit Ihnen zuerst verhandeln werde.

Ich bitte Sie aber, lassen Sie mir zu diesem Briefaustausch noch etwa 3-4 Wochen Zeit. Ich bin von den Ankündigungen, Reclamen, der Aussicht für ein hunderttausendfaches Lesen geschrieben haben zu sollen, so erschreckt so aufgeregt, daß ich meine ganze Kraft zusammennehmen muß, um meine Lieferungen an die Zeitung druckfertig herzustellen.

4.1.24. Gutzkow an Christoph Wiese, 19. September 1876 #

Gutzkow an Christoph Wiese, Heidelberg, 19. September 1876. UBFM, Nachlass Karl Gutzkow, A 2 I, Nr. 76,259 (maschA).

Leider, leider, ersehe ich aus Ihrer heute empfangenen Sendung, lieber Freund, dss der 2te Band viel zu kurz ist, trotzdem dss Sie enger geschrieben haben.

Nun will ich das Capitel, das Sie mir abgeschrieben schickten, erst durchgehen, bis ich Ihnen für das weitre Manuscpt, das Sie bis Seite 504 haben werden, Weisung gebe. Ich glaube nämlich wieder eine Scene erst einschalten zu müssen, ehe Sie mit dem beginnen können, was Sie als Anfang von Bd. 3. haben.

Die Ankündigungen Mosses, die vielen Meldungen, die wegen gewünschten Nachdrucks einlaufen, erregen mich so, dass ich in Rücksicht auf die gespannte Erwartung u die Einfachheit meiner Fabel noch auf einige Motive gekommen bin, die nun ausgeführt werden müssen. Lassen Sie sich also nicht befremden durch vorher gar nicht Angedeutetes! Zum Glück habe ich den ersten Band noch nicht abgeschickt. Ich kann also diese kleinen ergänzenden Momente nachtragen. Morgen treffen wol die ersten 4 Bogen wieder ein? Ich warte sehnsüchtig darauf. Vielleicht schreibe ich schon morgen Näheres über den Wiederbeginn Ihrer treuen Beihülfe.

4.1.25. Gutzkow an Christoph Wiese, 21. September 1876 #

Gutzkow an Christoph Wiese, Heidelberg, 21. September 1876. UBFM, Nachlass Karl Gutzkow, A 2 I, Nr. 76,261 (H, maschA).

Lieber Freund, ich schicke Ihnen anbei ein Material zu 1) nochmaliger Copie u 2) Weiterführung in der Paginirung. Der 2 te Band muß stärker werden. An dies Manuscript schließen Sie dann, aus Ihrem noch bis S. 504 gehenden Vorrath, mit „Sechstes Kapitel“ an, also mit dem früher projektirten dritten Bandanfang. Ich werde dann sagen, wo Sie aufhören mögen.