Wir stellen die Gutzkow Gesamtausgabe zur Zeit auf neue technische Beine. Es kann an einzelnen Stellen noch zu kleinen Problemen kommen.

Ein Besuch bei Cornelius in Rom#

Metadaten#

Herausgeber
  1. Wolfgang Rasch
Fassung
1.0
Letzte Bearbeitung
04.12.2019

Text#

256 Ein Besuch bei Cornelius in Rom.#

Man wird vor einiger Zeit in den öffentlichen Blättern gelesen haben, daß sich die hinterlassene Wittwe unseres großen Malers Cornelius, des Mitwiederherstellers einer ihre Kraft aus dem Heroischen und Großartigen schöpfenden Kunst, eine jugendliche Römerin, an einen ihrem Alter entsprechenderen Marchese wiederverheirathet hat.

Dieser einem Grabe entsproßte Liebesfrühling erinnerte mich an die Nachricht, wie auch vor zwanzig und mehr Jahren die Kunde von einer sofortigen Wiederverheirathung der Wittwe unseres Dichters Karl Immermann aufgenommen wurde. Des Weibes Erbtheil ist allerdings das Verscherzen seiner Freiheit, das Bedürfen der Anlehnung und Anrankung an den starken Baum der männlichen Kraft und Fürsorge. Dennoch that es damals Allen leid, eben erst vom Glück des trefflichen Dichters vernommen zu haben, als er eine um zwanzig Jahre jüngere Braut heimführend keine Erschütterung seiner bisherigen Verhältnisse, kein Zerreißen bisheriger allmälig zur unliebsamen Gewohnheit und drückenden Last gewordener Bande fürchtete, sein Selbstverjüngen, dem die schönsten Triebe seiner schaffenden Kraft folgen sollten, nur wie gleichsam eine einzige schöne Sommernacht hindurch genoß - und unmittelbar darauf hören zu müssen, daß sofort seine Wittwe die Liebe und die Hand eines anderen Mannes gefunden und angenommen hatte. Wie hatte Immermann im Vorahnen seines neuen Glückes geschwelgt -! Schreiber dieser Zeilen hatte zufällig einen unmittelbaren Eindruck davon, als er mit dem damals 44jährigen Bräutigam im nächtlichen Dunkel an den Ufern des hamburger Alsterbassins lustwandelte und die Hoffnungen hörte, die der eben in Vollendung seines „Münchhausen“ Begriffene auf einen geordneten, dem mißgünstigen Urtheil der Welt nicht preisgegebenen Ehebund setzte, nachdem er Jahre hindurch mit Gräfin Ahlefeldt, der geschiedenen Gattin des Freischaarenführers Lützow, eines jener Verhältnisse unterhalten hatte, wo die Seligkeit des Besitzes nur zu oft mit den Qualen der Reue, jedenfalls mit mancher tief verletzenden gesellschaftlichen Beschämung erkauft werden muß. Der Bruch kostete die äußerste Anstrengung, Kämpfe der Verzweiflung - und in kaum einem Jahre war Alles - „Loves labour lost.

Cornelius war freilich nicht etwa zwanzig, sondern schon fünfzig Jahre älter, als seine Römerin. Er hätte ihr Großvater sein können, wie jener Doge Marino Falieri, der bekanntlich kopflos genug war, - nicht etwa ein halbes Kind zu heirathen - warum nicht? - nein, sich um den Kopf zu bringen wegen einer unbedeutenden Beleidigung, die ein venetianischer Junker seiner Angiolina, wie Lord Byron die Dogaressa genannt hat, zufügte. Der große Maler fürchtete nicht den Spott der Welt, sondern er befand sich vortrefflich bei seiner Angiolina, die ebenfalls ein halbes Kind war und von Deutschland, Münchens Ludwigsstraße, von dem schönen Hause, das sie einst in Berlin auf dem Königsplatz erben sollte, keine Vorstellung hatte. Und gerade um deswillen, weil Cornelius so glücklich, so befriedigt, so jugendlich angeregt erschien durch diese Spätliebe des sein ewiges Jugendgefühl nur aus Weisheit verbergenden Männerherzens, ist dieser neu entsprossene Frühling auf seinem Grabe, die neue Ehe der Wittwe mit einem Gleichgealterten, ein rührender Einblick in unser allgemeines Menschenloos. Wenn noch alle unsere Lieben lebten und mit sehenden Augen - mit den hellglänzenden der Freude und Zustimmung oder mit den düsterrollenden der Mißbilligung wahrnehmen könnten, was in ihrem Wirkens-, Schaffens-, in ihrem nächsten Daseinskreise Alles hat geschehen können, seitdem sie auf jene allerdings etwas weite Reise gegangen, von welcher wir jedoch Alle hoffen, in irgend einer Art wieder heimzukehren -!

Es war ein Jahr vor dem Kriege der Franzosen und Italiener gegen Oesterreich, als ich in Rom zur schönsten Frühlingszeit, wo sich noch nicht aus den Thälern zwischen den sieben Hügeln die fieberschwangeren Dünste der Malaria erhoben hatten, Tag für Tag, Stunde für Stunde eine Aufgabe des Studiums, eine Pflicht der Vorbereitung auf meinen Roman: „Der Zauberer von Rom“ zu lösen suchte. „Nehmen Sie,“ sagte Cornelius, „die 365 Tage des Kalenderjahres und die siebenzig Jahre des Menschenlebens, so können Sie in Rom an jedem Tage etwas Anderes studiren.“

Von je hab’ ich mich nur auf ein geringes Maß des Genusses gesetzt, auf Reisen bei berühmten Personen vorzusprechen. Waren diese Männer mit den Entwickelungen des deutschen Lebens, des politischen oder Culturlebens, verwachsen, so entmuthigte mich die Rücksicht auf die meist so ungleiche Beschaffenheit der Stimmung. Da ist Einer conservativ, der Andere ultramontan, der Dritte ist mit seinem Antheil an deutscher Literatur über Goethe und Schiller nicht mehr hinausgekommen. Und wen bringt man in sich selbst dem Fremden mit? Dem Einen eine völlige Tabula rasa, dem Anderen eine Tafel, die mit Vorurtheilen, mit den mißgünstigen Urtheilen Anderer beschrieben ist. An ein uneigennütziges, rein nur aus der Freude am Persönlichen, am Reiz der Durchdringung von Streben und Individualität im Menschen bei uns entstandenes Motiv des Besuches wird selten geglaubt. Der Schwäche zu geschweigen, die es vielleicht ist, vielleicht nicht, daß wir uns sträuben, zu viel von unseres eigenen Lebensfahrzeuges Fracht und Ladung, von unserem eigenen Sein und Vermögen, bei solchen Anlässen, schon um der Höflichkeit willen, als Ballast über Bord werfen zu müssen.

Cornelius wohnte in einem Palazzo dicht an Fontana Trevi. An dieser von wildsprudelndem, aus den Höhen des Gebirges hergeleitetem Wasser immer erquickend erfrischten Stätte kreuzen sich mehrere Straßen. Da hält der Maulthiertreiber und gönnt seinem Beppo eine kurze Rast an den Wassern, die sich aus einer Neptuns- und Tritonen-Gruppe, aus Muscheln und Krügen von Marmor, in ein weites Bassin stürzen, während er sich selbst der Länge nach niederkauert und sich aus der „Jungfernquelle“ erfrischt, einer kleinen, besonders abfließenden Cascade, die nach dem Glauben des Volkes sogar Weissagung lehren, hellsehend machen, verjüngen soll, wie unser Osterwasser. In dem Palazzo ist es still und kühl. Nach dem Hofe zu gehen, wie überall in Rom, die besseren Gemächer. Gewölbte Arkaden begrenzen jedes Stockwerk. Zwei Stiegen hoch wohnte hier, als bescheidener Einmiether, Cornelius, den ich glücklicherweise daheim antraf. Eigentlich wohnte er schon „am Land“, wie die Wiener sagen. Eine Dienerin hatte geöffnet.

Das „Studio“ des Künstlers war nicht groß. Man ersah sogleich, daß seine Muse gewohnt war, sich nur auf den großen Wandflächen der Kirchen und Paläste zu ergehen. Die Beleuchtung an dem doch schönen sonnenhellen Vormittag schien eine fast zu dunkle. Die volle Heimath des Künstlers konnte hier nicht sein. In der That hatte man bereits von seiner baldigen Rückkehr nach Deutschland gesprochen.

Cornelius war klein von Gestalt, behende, schmächtig. Der Gegensatz zwischen jener Welt voll Größe und Hünenkraft, die in des Künstlers Seele gelebt hatte und noch lebte, und zwischen den Schultern, die einen solchen Atlas, die antike Welt, Homer, die nordische Mythologie, die Nibelungen, die Geschichte der Propheten und Heiligen trugen, war für mich keine Ironie, sondern ein lebendiger Beweis für die Macht des menschlichen Geistes. Da stand kein Faust, wie er in unserer Phantasie lebt, kein Recke des nordischen Alterthums vor uns. Der Olymp, Walhalla, das Land der Seligen und der Verdammten ruhte auf den Schultern eines Mannes, der äußerlich sogar etwas von einem Professor, von einem bloßen Docenten über die Aufgaben der Kunst hatte. Wenn auch sein Auge von einer gewinnenden Freundlichkeit blitzte, drückten doch die eigenthümlich fest zusammengepreßten Lippen Strenge, ja Herbheit aus. Seine Rede war sicher und gewandt, seine Haltung, trotz zuvorkommender Herzlichkeit, die eines höheren Büreaubeamten, der unter Umständen recht zugeknöpft sein kann. Jene Geheimräthlichkeit, in welche allmälig auslaufen zu können leider zu sehr das beflissene Streben unserer deutschen Kunst und Wissenschaft geworden ist, fehlte dem Eindruck nicht, den der artistische Freund und Berather zweier Könige hervorbrachte, Ludwig’s von Baiern und Friedrich Wilhelm’s von Preußen.

Die tiefgefühlte Ueberzeugung des Besuchenden, daß bei ihm eine innere Meinungsverschiedenheit über die Ziele der modernen Kunst nicht die größte Hochachtung und Bewunderung ausschließen durfte vor Allem, was der Besuchte im Großen und Ganzen für die Wiederbelebung des höheren Styles der Malerei geleistet hatte, blieb nicht ohne aufrichtiges Bekenntniß. Denn es lagen denn doch zu beklemmend die Erinnerungen auf mir an jenen „Christus in der Vorhölle“, der am berliner Dom den in Angriff genommenen, dann wieder stockenden und noch jetzt unvollendet gebliebenen, der kasseler Novantike der Kattenburg ähnelnden Campo santo schmücken sollte. Dieselbe Richtung des verewigten Königs, die in allen ihren Ausströmungen, so Großartiges sie bezweckte und aus so bewunderungswürdig feinfühlig ästhetischem Sinn sie hervorgegangen sein mochten, nach der praktischen, namentlich aber politisch-religiösen Seite hin, den Widerspruch des Zeitgeistes gefunden hatte, theilte Cornelius. Sein „Christus in der Vorhölle“ sollte so zu sagen mit ein Bindeglied in jener allgemeinen Kette von allerhöchsten Willensäußerungen sein, die damals so schwer lastend auf dem Streben und Bewegen der Nation lag. Unausgesprochen konnte auch der Zweck meines Aufenthaltes in Rom selbst nicht bleiben. Er wurde mit Aufmerksamkeit und ruhiger Prüfung entgegengenommen. Dem Recht, eine heilsame Wirkung, die „Roms Zauber“ auf Deutschland geübt haben sollte, zu bezweifeln, entzog sich Cornelius nicht; lebte er doch im vollen Zusammenhang mit den Erscheinungen des Tages, kannte zu umfassend den Gang unserer Entwicklungen seit jener Zeit, wo uns die Befreiung vom Joch der Franzosen auf die bewußtere Heraus- und Feststellung unserer Nationalgüter gedrängt hatte. Dennoch sagte er:

„Für mein Theil bin ich glücklich, daß ich katholisch geboren bin. Es wurde mir dadurch in einer Zeit, die ohnehin anders dachte, als die gegenwärtige, viel Kampf, viel inneres Herzeleid, vielleicht sogar Reue erspart. Mit Ruhe konnte ich mich des Gewinnes erfreuen, den mir die katholische Anschauung für meine Kunst einbrachte. Darum verkennen Sie aber die Convertiten nicht! Besuchen Sie, ich bitte Sie dringend darum, Overbeck! Sie werden ein klares, reines, edles Gemüth finden, ein Gemüth ganz ohne Falsch und Heuchelei!“

Die liebenswürdigste Collegialität sprach sich im Verlauf des Gesprächs noch zum Oefteren und selbst beim Scheiden in der Bitte aus: „Besuchen Sie aber Overbeck -!“

Auf der Staffelei fand ich einen landschaftlichen Carton, der zu den Ausschmückungen des berliner Campo santo gehören sollte. Es war eine Gegend von jener Einfachheit der südeuropäischen Landschaft, die dem Gemüth mehr Trauer, als Erquickung gewährt oder richtiger eine Trauer, die sich schon wieder des Trostes bewußt ist, der in Sehnsucht und Ahnung liegt. Das Schöne und Poetische am Schmerze ist hier bereits der Trost. Die Ansprüche, die unsere Zeit an die Landschaft macht, und die Vergleichung mit dem berühmten Namen des Künstlers konnten allerdings diese Arbeit nur dürftig erscheinen lassen. Cornelius erläuterte sie mit einigen anspruchslosen Worten und gab ihre besondere Bestimmung an.

Dann erwähnte er seine neugewonnene Häuslichkeit, bedauerte, diese schon in seine entfernte Landwohnung verlegt zu haben, erklärte aber die Gerüchte, die sein Niemals-zurückkehren-wollen nach Berlin behaupteten, für irrthümlich. Die Erörterung der deutschen Kunstzustände lag nahe. Eine Berichterstattung über manches, was im damaligen Augenblick besprochen wurde, veranlaßte ihn zu treffenden, größtentheils höchst scharfen Aeußerungen. Ich nehme Anstand, die Namen zu nennen, denen er Folgendes nachsagte:

„O, das ist ein armseliger Mann, an den ich nur mit wahrem Mitleid denke -! Was malt er denn? Seine Armuth soll Einfachheit sein, akademische Regelangst Classicität -! Was er kann, das hab’ ich schon ehedem von ihm hier in Rom gesehen - es ist, daß er nichts kann. Bunte Wände mag er malen und königliche Säle schmücken, aber mich blickt aus Allem, was seine mühselig zusammengestellten Gruppen oder seine Einzelfiguren mit ihren Gliedermannsattitüden sagen wollen, die ewige Schülerhaftigkeit an und ob er auch hundertmal Professor wäre -!“

Von einem Andern äußerte er:

„Ja, sehen Sie, der wird gewöhnlich viel geringer geachtet, er hat weniger Glück als der Andere, aber ich habe ihn lieber, so dummes Zeug er auch in der Regel malt. Zuweilen haben seine Sachen doch einen Kern. Dann ist er auch vielseitiger und macht nichts ohne eine gewisse Frische. Freilich geht er dann auch mit dieser Frische und mit seinem resoluten Verstande, der Alles besser als Andere weiß, wie blind auf’s absolut Geschmacklose zu. Denn er ist eigensinnig und eingebildet. Wenn seine Leistungen das wären, was seine Commentare sind, so käme ihm keiner gleich. Und bei alledem hab’ ich ihn gern, wenn man auch, wie gesagt, im Allgemeinen und noch mehr im Besonderen über ihn die Achseln zucken muß.“

Die Stimmung eines Genius, der, auf dem Gipfel seines Ruhmes angelangt, eine ziemliche Anzahl von Prätendenten desselben Ruhmes sich nachklimmen sehen und in der That ein wenig bei Seite treten muß, um auch Anderen auf dem Plateau des Parnasses Platz zu lassen, sprach sich in den Aeußerungen aus:

„Ich lasse ja Alles gelten, was sich Ehre und meinetwegen auch Auszeichnungen und Geld zu erwerben sucht -! Aber nur gar so marktschreierisch und unkünstlerisch sollten sie’s nicht treiben! So aus innerster Seele heraus ordinär und ihre schöne Gottesgabe mißbrauchend -! Der Laie kann’s gar nicht so nachfühlen, wie gerade uns Künstlern zu Muthe ist beim Buhlwesen und gemeinen Sinn dieser Menschen. Grade uns Künstlern ist diese Schlechtigkeit speciell verständlicher!“

Da ich vollkommen wußte, auf wen diese bittern Worte zumeist gemünzt waren - der Name wurde nicht genannt - und mir aus eigenem Streben der Spruch, daß unser himmlischer Vater viele Wohnungen hätte, geläufig war, so verfehlte ich nicht, für die Zeit und für die Wahlen, welche die Zeit für ihre Gunst trifft, eine Lanze einzulegen und der freundlichsten Aufnahme, die an sich meine Entgegnung fand, auch die Anerkennung der Aeußerung zuzumuthen, daß sich namentlich im geschichtlichen Bereich die Weltauffassung der Maler doch endlich von jener Einseitigkeit frei machen sollte, die aus den allzutypisch gewordenen Anschauungen der Ateliers nicht herauskommen könnte. Das wäre, bemerkte ich, wie wenn wir auch in der Wissenschaft noch immer nach den Lehren von den „vier Zeitaltern“ oder von den „sieben Monarchieen“ oder nach den sphärischen Ringen und Himmelskreisen Dante’s die Geschichte eintheilen wollten. Die Künstler hielten zu fest an den Traditionen ihrer Schule, an dem Bann der so einförmig gleichmäßigen Symbole, an dem hergebrachten Apparat für die Versinnlichung der Ideen. Die groteskeste Anwendung des Alten, z. B. der Dürer’schen Holzschnittmanier bei Wiedergabe von modernen Begriffen und Erscheinungen, die naturgemäß ein ganz anderes Gepräge haben, lasse diese Künstler wie Menschen erscheinen, die um zu gehen sich rückwärts bewegen. Es sollte doch befördert werden, daß endlich die Kunst aus ihren alten Kategorieen herausträte, das Große und Erhabene nicht mehr grade in dieser oder jener Sage, in diesem oder jenem Ereigniß der Geschichte, das Schöne nicht mehr in dieser oder jener traditionellen Behandlung sähe. Ein Werk z. B., um grade von Overbeck zu reden, wie jenen zierlichen Kunstgarten im Städel’schen Museum zu Frankfurt am Main, „der Triumph der Religion in den Künsten,“ dieses gruppirte Zusammensitzen von einer Anzahl verwandter Richtungsvertreter in einem wohlgeordneten, mit Springbrunnen versehenen Garten, könnte doch unmöglich der Geist der Zeit mit jener Andacht betrachten, die beim Schaffen den Künstler beseelt haben mag - es fehlte da bei Siebenachteln der Beschauer die Stimmung. Freilich ahnte ich damals noch nicht, daß unsre allermodernsten Maler in der Nachahmung der „Schule von Athen“ (z. B. Kaulbach in seiner Gratulationscour am Hofe der Geschichte des sechszehnten Jahrhunderts im Reformationszeitalterbilde) in solchen, nur mit einem weitschichtigen Commentar zu verstehenden Gruppirungsbildern schier das Unglaubliche leisten würden. Die Wachtparade von Krüger im berliner Schloß steht in der That gleich daneben.

Cornelius kam auf seine Unpopularität in Berlin zu sprechen, auf das ganz aufrichtig von ihm eingestandene Fiasco seines „Christus in der Vorhölle.“

„Was ist denn aber Popularität!“ rief er aus. „Was ist denn die Gunst des Publikums? Und nun gar die Gunst des berliner Publikums? Kennen Sie Liszt?“ fuhr er mit einem plötzlichen Einfall fort.

„Ich bin ihm befreundet -!“

„Nun sehen Sie! Als dieser Mann,“ hob er mit ganz besonderer Behaglichkeit hervor, „vor Jahren zum ersten Mal nach Berlin kam, da war ich grade anwesend. Was gab das für ein Aufsehen! - Er spielt gut Clavier“ - warf Cornelius wie nebenbei ein.

„Man sagt’s -“ erwiderte ich mit gleicher Naivetät.

„Nun gut! Der König gab ihm den Orden pour le mérite! Den neugestifteten der Friedensklasse. Die Frauen tranken bei den Concerten aus dem Wasserglase, das seine Lippen berührt hatten! Die Studenten machten ihm zu Ehren einen großartigen Aufzug, eine Schlittenpartie, als wenn der Kaiser von Rußland gekommen wäre. Der Mann muß gar nicht gewußt haben, wo er damals hinsollte mit all der Huldigung, die er in Berlin gefunden. Die Toaste - die Ständchen - nahmen kein Ende -“

„Es ging noch über den Ehrensäbel -“

„Nun gut. Einige Jahre vergehen. Ich war selbst nach Berlin versetzt worden, hatte dort Aufträge, wurde, ich kann wol sagen, ebenfalls, wenn auch nicht mit solchen Kundgebungen, gefeiert. An Kränzen, Diners, Soupers war kein Mangel, und auch die Stiche von meinen Bildern wurden in den Himmel gehoben; die Kunstrichter hatten nur Lob für mich. Das ging aber vorüber, wie es auch mit Liszt vorüber gegangen ist. Ach, der kam, als auch ich in’s Hintertreffen gerückt war, eines Tages wieder nach Berlin und welch ein Schicksal erlebte er -! O, das war traurig. Niemand frägt nach ihm, Niemand sieht nach ihm und doch spielt er wieder, spielt besser noch, als früher, und man beklagt nur die theuren Eintrittspreise. Aller Enthusiasmus war verraucht -“

Variatio delectat -

„Was that ich aber?“ fuhr Cornelius jetzt auf und erhob sich in ganzer Gestalt. „Wie ich dem Mann eines Tags einsam unter den Linden begegne, Niemand sich nach ihm umsieht, Keiner ihn grüßt - die Zeitungen hatten andres zu thun, als auf seine noch vorhandene Anwesenheit zu verweisen - da dachte ich: Du Aermster, mußt du da jetzt an derselben Stelle, wo die Studenten in bunten Schnurjacken und Mützen mit den Peitschen knallten, die Klingeln an den Schlitten läuteten, die Straßenjugend lärmend und schreiend auf die Aeste der entlaubten Bäume kletterte, um besser sehen zu können - ganz Berlin war auf den Beinen und Hurrah! schrie Alles mit - mußt du jetzt da so still dahinschleichen, wie ein Schatten, wie ein Nachzügler von gestern? Was that ich -? Ich ging auf ihn zu und sagte: Liszt, speisen Sie einmal bei mir! Ich lade auf übermorgen einige Freunde ein! Er nahm die Einladung an. Ich aber schickte Boten über Boten durch die ganze Stadt, ließ einladen, was nur Namen hatte, Staatsmänner, Offiziere, Künstler, Gelehrte, und arrangirte ihm in meinem neuen Hause ein Fest, von dem noch eine Woche lang alle Zeitungen berichteten. Ich sparte nichts, ich wollte nur einem armen Opfer dessen, was man berliner Popularität nennt, über seinen Schmerz hinweghelfen, und im Stillen sagte ich mir selbst: Ja, ich will Berlin Vergeßlichkeit lehren! Und wer weiß, ob ich Liszt nicht wieder en vogue gebracht habe! Sehen Sie, bester Doctor, das ist mein Trost. Wenn ich wieder nach Berlin komme, vielleicht erbarmt sich dann auch Jemand meiner und bringt mich durch eine Tafel von fünfzig Gedecken wieder in die Höhe!“

Mit dem wiederholten Bedauern, daß Cornelius im Augenblick an der fontana Trevi keine Häuslichkeit hatte, nahm der liebenswürdige Meister von mir Abschied. Ich hatte durch das anregendste Gespräch den Eindruck empfangen, daß es für den Ruhm, seinem Zeitalter eine Richtung, der Kunst einen charakteristischen Ausdruck gegeben zu haben, neben dem hervorragenden großen Talente auch noch einer gewaltigen Energie der Persönlichkeit und einer eminenten Vielseitigkeit des Geistes bedurfte. Cornelius besaß beide Bedingungen in seltnem Grade.

Apparat#

Bearbeitung: Wolfgang Rasch, Berlin#

1. Textüberlieferung#

1.1. Handschriften#
1.1.1. Übersicht#

Es sind keine handschriftlichen Überlieferungsträger bekannt.

1.2. Drucke#

Der Beitrag Ein Besuch bei Cornelius in Rom erschien erstmals in der Berliner Moden- und Unterhaltungszeitschrift "Der Bazar". Die Redaktion versah den Titel mit einer werbewirksamen Fußnote, die auf einen weiteren Beitrag in diesem Heft aufmerksam machte: "Anmerkung der Redaction. Alle unsere Leserinnen und Leser werden diesen Aufsatz und seinen gefeierten Verfasser freudig begrüßen. Ein willkommener Zufall fügt es außerdem, daß in eben dieser Nummer Olympia Morata geschildert wird, welche auch in der Gestaltenfülle von Gutzkow's eben beendetem Roman 'Hohenschwangau' von Band IV, S. 344 an bis Band V, S. 347 eine bedeutende Erscheinung bildet."

Schon wenige Monate nach der Erstpublikation wurde die Arbeit in Gutzkows Sammelband Die schöneren Stunden aufgenommen, der im März 1869 bei Hallberger in Stuttgart herauskam. Gutzkow änderte den Text für die Buchausgabe nur geringfügig. Er beschränkte sich im wesentlichen auf die Streichung einiger Ausdrücke, auf kleine Wortergänzungen und -umstellungen sowie auf die Modifikation einzelner Termini. Schon im Mai 1869 erfolgte eine zweite, unveränderte Auflage des Buches. Ein weiterer Abdruck des Beitrags zu Lebzeiten Gutzkows ist nicht nachgewiesen.

J Karl Gutzkow: Ein Besuch bei Cornelius in Rom. In: Der Bazar. Illustrirte Damen-Zeitung. Berlin. Nr. 32, 23. August 1868, S. 256. (Rasch 3.68.08.23)
E1 Ein Besuch bei Cornelius in Rom. In: Karl Gutzkow: Die schöneren Stunden. Rückblicke. Stuttgart: Hallberger, 1869. S. 16-32. (Rasch 2.39.3)
E2 Ein Besuch bei Cornelius in Rom. In: Karl Gutzkow: Die schöneren Stunden. Rückblicke. 2. Aufl. Stuttgart: Hallberger, 1869. S. 16-32. (Rasch 2.39a.3N)

2. Textdarbietung#

2.1. Edierter Text#

J. Der Text folgt in Orthographie und Interpunktion unverändert dem Erstdruck. Textsperrungen werden übernommen. Silbentrennstriche (=) werden durch - wiedergegeben. Die Seitenzählung wird mit Klammern [ ] an den betreffenden Stellen in den Text eingefügt.

Die Liste der Texteingriffe nennt die von den Herausgebern berichtigten Druckfehler sowie die Emendationen. Fehlende oder überzählige Spatien im Erstdruck wurden stillschweigend korrigiert.

Die Seiten-/Zeilenangaben im Apparat beziehen sich auf die Druckausgabe des Beitrags im Band: Kleine autobiographische Schriften und Memorabilien. Hg. von Wolfgang Rasch. Münster: Oktober Verlag, 2018. (= Gutzkows Werke und Briefe. Abt. VII: Autobiographische Schriften, Bd. 3.)

2.1.1. Texteingriff#

46,11 befreundet -!" befreundet -"!

Kommentar#

Der wissenschaftliche Apparat wird hier zu einem späteren Zeitpunkt veröffentlicht.