Wir stellen die Gutzkow Gesamtausgabe zur Zeit auf neue technische Beine. Es kann an einzelnen Stellen noch zu kleinen Problemen kommen.

Rückblicke auf mein Leben#

Metadaten#

Herausgeber
  1. Peter Hasubek
  2. Gert Vonhoff
Fassung
1.2: TEI-Auszeichnung, formale Anpassungen an die aktuellen Editionsrichtlinien
Letzte Bearbeitung
09.10.2021

Text#

Rückblicke auf mein Leben.#

V Inhaltsverzeichniß.#

I.#

Charakter der Selbstbiographie. Unzuverlässigkeit fremder Berichte. Probe des zu Verschweigenden. Die Julirevolution. St. Marc Girardin. Neue Bahnen. Wolfgang Menzel. Kritische Thätigkeit. Heinrich Laube. Anschluß und Trennung. Eine Katastrophe. Gustav Schlesier. Innerer Zwiespalt. Entbehrung der Förderung. Herzensconflikte. Jugendfreundschaften. Herzensromantik. Ihre Folgen. Censur und Polemik. Am Scheidewege. Ein Tag im Taunus. Die hallischen Jahrbücher. Ludolf Wienbarg. Literarische Gruppen. Neue Standpunkte. Dramatische Erstlinge. Steigerungen des Erfolges. Wetteifer. Hebbel. Kläffer und Hetzer. Genugthuungen. Der dramatische Messias

II.#

Die Cholera. „Ueberschuß an Stimmung“. Erste Federproben. Berliner Lokalliteratur. Die erste Reise. Polenflüchtlinge. Der weimar’sche Husar. Thüringen und Hessen. Die Contumaz. Reiselektüre. Grabbe’s Napoleon. Neue Hemmnisse. Die Zollstätten. Die Krawalle. An der „Mainkur“. Hanau. Börne’s Briefe aus Paris. „Judenhaß“. Heinrich König. Frankfurt am Main. Heidelberg und Stuttgart. Wolfgang Menzel. Unvermittelte Gegensätze. Die schwäbischen Lyriker. König Wilhelm von Würtemberg. Ständekammer und Theater. Die Jacotot’sche Methode. Bilder der Zukunft. Karl VI [Inhaltsverzeichniß.] Seydelmann. Eine Lebensmaxime. Lyrische Anwandlungen. Douche. Der Wanderer und die Winzerin. Menzel’s Goethehaß. Berufswahl. Rückkehr nach Berlin. „Briefe eines Narren an eine Närrin“. Berliner Geistesströmung. Christelnde Juden. Ihr Einfluß. Bundestagsprotokolle. „Bei Stehely“. Theodor Mundt. Rückkehr nach Süddeutschland. Heidelberger Charakterköpfe. Auf eigenen Füßen. Doktor und Student. Eine Enthüllung. Das Aprilattentat 1833. König Ludwig von Bayern. „Ironieen des Satan“. Münchner Freundeskreise. Münchner Leben. Saphir und seine Trabanten. August Lewald. Frau Charlotte Birch-Pfeiffer. Ihre Häuslichkeit. Münchner Bühnenzustände. Ein Original. Die Wanderung in die Jachenau. Der Antiquarius. Heitere Welt. Der Gebirgs-Figaro. Forschungen. Der Verkehr mit dem Volk. Dessen Schattenseiten. Die Kirchenmalerei der Gebirge. Heimwärts. Erweiterter Horizont. Leipziger Anregungen. Tyrol. Lago di Garda. Venedig. Ein Wiedersehen. Hinter den Coulissen. Wien. Spitzeln. Flucht aus Böhmen. Dresden. Eduard Vehse. Im Sande. Oppositionsgeist. Ein Winter in Leipzig. Der Prosa-Cultus. Leipziger Tage. Hamburg. Salomon Heine. Ein Millionär als Bettler. Der Aesthetiker in der Klemme. Stuttgart. Erfolge. Frankfurt am Main. Zuwachs an Lebenseindrücken. Concentrirung. Neue Charaktere. Musiker. Aerzte. Arthur Schopenhauer. Ein Verkennen. Goethe gegen Uhland. Die Lyrik als Mode. Kritisches Wirken. Wiedervergeltungen. Holde Tage. Neue Begegnungen. Kampfesziele. Gehässigkeiten. Deutscher Literaturton. Gastspielreisen der Schauspieler. Seydelmann in Berlin. Strauß’ Leben Jesu. Die wolfenbüttler Fragmente. Mißglückte Bekehrung. Deutsche Revue. Ihr Programm. Die Proteste. Brodneid. Vertheidigung. Bedrängnisse. Die Anklage. Mannheimer Gefängniß. Chronik desselben. Der Maler aus Genf. Mutterseelenallein. Erhebung durch Arbeit. Die Freunde. Die Parasiten. Schwere Zeiten. Das Denkmalfieber. Gutenbergsfest. Rheinlandswonne. Preßfreiheit. Deutsche Französelei. Die Buchhändler. Eine Nacht am Rheine. Rückkehr zur Arbeit. Scheiterndes. Freiere Luft. Das Goethehaus. „Mehr Licht!“ Veteranen. Ein Modernster. Auf der Elbe. Hamburg. Julius Campe. Concurrenz. Prüfung und VII [Inhaltsverzeichniß.] Beharren. Varnhagen’s Schwester. Literatur im Hause. Varnhagen’s Einfluß. Die literarischen Elfen. Die Abenteuer des Doktor Spekulativus in Berlin. Pimpernellens Schwabenstreiche. Spekulantia in Paris

III.#

Dramatisches Debüt. Julius Weidner. Emil Devrient. Seine Licht- und Schattenseiten. Die Theaterwelt. Hamburger Stadttheater. F. L. Schmidt. Ein Festspiel. Schauspielermythen. Alexander von Humboldt. Zwischen Paris und Petersburg. Charlotte von Hagn. Auguste Crelinger. Bühne und Haus. Theaterakademie. Eduard Devrient. Berlin 1840. Friedrich Wilhelm III. Ein mildes Urtheil. Friedrich Wilhelm IV. Besetzte Stellen. Franz von Holbein. Burgtheatermoral. Theatererfahrungen. Die Weihe des Dramatikers. Die Schule der Reichen. Hermann Biow. Leidige Tröster. Ein Brief. Therese von Bacheracht. Neue Sphäre

IV.#

Guizot und Thiers. Heine und Börne. Die Rache. Rückkehr nach Frankfurt. Eine Musenpflegerin. Politische Fortschritte. Doktrinärer Dünkel. Georg Herwegh. Die beiden Posa’s. Klein-Sanssouci. Hervorrufungen. Deutsche Bühnenzustände. Novembertage. Lebensbürden. Karoline Lindner. Julius Mosen. Dichterthrone. Fürst Metternich. Messenhauser und Becher. Der „Landsknecht“. Literarisches Streberthum. Die Stadt der Einsamkeit. „Das Ende der Poesie“. Gervinus. Künstlerateliers. Reisen und praktische Thätigkeit. Deutsche Schauspielkunst. Ottilie von Goethe. Tieck als Dramaturg. Ein treuer Diener seines Herrn. Die feindlichen Brüder. Emil Devrient der Zweite. Praxis und Theorie. Eine Lebensmaxime. Nichtbewährung derselben. Gegen Unwahrheiten. Die Bühne wie sie ist. Dramaturgische Anfänge. Richtiges Lernen. Bühnen-„Natur“. Die Kraft der Exposition. Abhängigkeit. Siegreiches Wirken. Richard Wagner. Eine Repertoirsitzung. Gluck und die Kriete. Verfälschung des Urtheils. Freundschaft beim Theater. Monomanie. Eine versagte VIII [Inhaltsverzeichniß.] Kaiserkrone. Chikanen. Geheimes Wühlen. „Manuel de Souza“. Genugthuung

V.#

Berühmte Personen. Ein Kampf mit Humboldt. Die Märztage. Die Versammlung an den Zelten. Truppenentwicklung. Die Conzessionen. Das Mißverständniß. Die erste Barrikade. Der 19. März. Im Schlosse. Lichnowski. Eine Rede wider Willen. Der Umritt. Allgemeines und persönliches Leid. Rückkehr. Das Parlament. Ein politisches Votum. Bühnenreform. Nationaltheater. Die Proben. Dramaturgische Mühewaltung. Die Dresdener Maitage. Die Kugeln. Goethe’s Geburtsfeier. Der zweite Theil des Faust. Neues Leben. Sammlung

1 1829-1849.#

3 I.#

Montaigne hat gesagt: Mon métier c’est vivre.

Der scharfsinnige Franzose wird mit diesem Satze, der etwa das Leben selbst als die Kunst des Lebens bezeichnet, kaum etwas Andres verstanden haben, als was auch Terenz eine seiner dramatischen Personen sagen läßt: Homo sum, nil humani a me alienum puto – Ich bin ein Mensch und kann über meine Natur nicht hinaus!

Diese schriftstellerische Ehrlichkeit war weiland im Brauch, als man noch für die Männer allein, nicht für die Frauen Literatur schrieb. Einer damals glücklicheren Lage des Gedankens und der Empfindung verdanken wir die Bekenntnisse des Augustinus, die Bekenntnisse Rousseau’s, die Denkwürdigkeiten Alfieri’s und selbst die von Goethe übersetzten Plaudereien des Benvenuto Cellini. War auch der letztere ganz so eitel, wie nur ein Italiener eitel gewesen sein kann, und nimmt er bei seinen Prahlereien überall die Miene an, als wollte er sagen: Gott schuf die Welt und vorzugsweise dann den Erzähler, um die größte Offenbarung der Jahrhunderte, meinen (höchst mittelmäßigen) florentinischen Perseus, zu erschaffen, so fällt er doch zuweilen in solchem Grade aus der Rolle der Selbstbiographie neuesten Datums mit Choral und Glockengeläut, daß er Wendungen von sich braucht, die etwa auf ein: „Hier war ich wieder einmal Esel genug –!“ „Hier passirte mir wieder die Dummheit –“ hinauskommen dürften. Wer schriebe noch so über sich, außer wenn er das Privilegium des Humoristen hat!

Mit Glockengeläut und Choral kann der Verfasser dieses Buches von seinem Leben nicht sprechen. Er lügt sich nicht den Ruhm an, 4 [Charakter der Selbstbiographie.] als wäre er mit einem feierlichen, durchdachten, in seiner letzten Lebensstunde bis auf den letzten Schlußparagraphen durchgeführten Programm auf die Welt gekommen und vollends auf die literarische. Nie hat er die Gewohnheit gehabt, vor sich auf den Knieen zu liegen und den Gott in seinem Busen als ein ihm persönlich Merkwürdiges, eine Offenbarung der Unbewußtheit anzubeten. Höchstens einmal im polemischen Zorn konnte er mit Emphase von seinem Wollen oder Wirken in der Literatur sprechen. Redliche Absichten, hohe Ziele hat es gewiß auch für ihn gegeben. Aber mit in den Kauf gingen Unüberlegtheiten, unbewußte Instinct­hand­lungen, Zuckungen und Reflexbewegungen, wie wir deren nur im Traume zu machen pflegen. Und „das Leben ist ein Traum!“ Wer fühlt es nicht in seinen sechziger Jahren! Und wie oft war es ein böser Traum! Böse, wie ein Alp drückend, und drückend durch unsere Schuld! Wenigstens unter Schriftstellern und Künstlern suche man doch nicht vollkommene Menschen! Selbst Goethe fühlte die Unmöglichkeit, immer von sich selbst mit Choral zu sprechen. Er schob in seiner Selbstbiographie der „Wahrheit“, die sein Gewissen drückte, die „Dichtung“ unter. Vollkommene Menschen können nur die einer gewerbsmäßigen Berufsart sein, die hohen politischen Streber des Tages, die Geheimen Oberregierungsräthe, die Besitzer einer Brust voll Orden, die Börsenmillionäre, kurz alle, die in der Welt nicht rechts, nicht links gesehen haben, sondern immer nur schnurstracks losgingen auf ein und dasselbe zu erreichende Ziel.

Wenn ich vor einem Jahre der Aufforderung folgte, die zunächst von dem Herausgeber der Zeitschrift „Die Gegenwart“, Herrn Paul Lindau, ausging, daß auch ich ihm einen Beitrag zu einer zeitgenössischen Literatur-Selbstschau liefern sollte, und dann diesen Beitrag in einem Buche vervollständigte, ohne auch jetzt noch den Gegenstand ganz zu erschöpfen, so geschah und geschieht es vorzugsweise in Berücksichtigung des schönen Morgens, wo einst ein gewissenhafter Zeitungslenker zu einem Bücherbord hinauflangt, das sich ohne Zweifel über seinem Schreibtisch befinden und allerlei lexikographisches Material zum Nachschlagen und Citiren für seine vortreffliche Zeitung enthalten wird. Auf ein ihm als Neuestes begegnendes „Gestern starb“ – wird er von einem Conversations-5[Unzuverlässigkeit fremder Berichte.]lexikon den Buchstaben G. oder Gustav Kühne’s „Männer der Zeit“, freilich einen schon etwas veralteten Führer, hervorsuchen und daraus ein zeitgemäßes Excerpt für sein Feuilleton zusammenstellen. Aber wie trocken sind doch da die Büchertitel nebeneinandergestellt! Wie unwahr ist so Vieles, was sich, mit der unerschütterlichen Sicherheit eines Lehrers der Literaturgeschichte in höhern Töchter-Schulen, als ganz besonders charakterisirendes Kennzeichen ankündigt! Wie unvermittelt stehen die Notizen nebeneinander! Der wahre Mensch, der noch unverleumdete, das gesunde Fleisch, eben Montaigne’s Mêtier oder Mestier, wie Rabelais’ jüngerer Zeitgenosse noch schrieb, das zu dem todten Gerippe von Namen und Jahreszahlen gehörende Leben ist nicht einmal zwischen den Zeilen zu lesen. „Das junge Deutschland wollte nicht blos leben“, hieß es z. B. in Gustav Kühne’s „Europa“, worin die Vorarbeiten zu jenen „Männern der Zeit“ zu stehen pflegten, die den Zeitschriften als Nekrologquelle dienten, „sondern auch glänzend leben“. Edler Kamerad, der du dich einst selbst zum „jungen Deutschland“ rechnetest, wie ist doch die Wahrheit grade an dieser Stelle, wo deine Verurtheilung auf Genußsucht geht, eine andere, vollständig entgegengesetzte! Greifen wir doch gleich in’s volle Leben hinein und geben ein Beispiel, wie ich diese „Rückblicke“, wenn bei solchen Selbstbiographieen der Vorhang ganz zurückfallen dürfte, schreiben würde. Ich erzähle nur zur Probe: „Es war im Jahre 1837 und im wunderschönen Monat Mai. Grade wollte ich meinen Erstgebornen taufen lassen. Doch so hatten damals die vom Bundestage und von Preußen ausgegangenen Verbote meiner Schriften, sowol der erschienenen als der noch erscheinenden, die Verwerthung meiner Feder gehemmt, daß ich im Augenblick – nicht einmal die Mittel besaß, nach dem feierlichen Acte der Haustaufe die Gäste eine Stunde im traulichen Kreise festzuhalten. Der „Glänzendleber“ Gustav Kühne’s, der Quelle meines künftigen Nekrologs, stand 1837 in Frankfurt am Main des Morgens um 5 Uhr auf und dictirte bis 7 Uhr ein Buch, das sich bei so systematischer, vom Bundestagsgesandten Nagler in Frankfurt a. M. (siehe den Briefwechsel desselben mit seinem Secretär Kelchner) geleiteter Verfolgung als Uebersetzung aus dem Englischen des Bulwer ankündigen mußte. Um 8 Uhr mußte der 6 [Probe des zu Verschweigenden.] „Glänzendleber“ in einer Druckerei erscheinen, die eine lediglich aus seiner Tasche bezahlte, nicht den achtzigsten Theil der Kosten deckende „Frankfurter Börsenzeitung“ herstellen sollte und dabei nur Lehrjungen zu verwenden hatte, welche in jedem Worte drei Buchstabenfehler machten, sodaß der Redacteur zugleich ein wahrer Sklave im Correctordienste war. Bis drei Uhr sollte täglich die sich aus den schaudererregendsten Bürstenabzügen bis dahin einigermaßen gutenbergswürdig gestaltende Nummer fertig sein. Der Abend gehörte dem Beiblatt „Telegraph“, als welcher sich später, wo die Börsenzeitung eingegangen war, in Gestalt eines selbstständigen belletristischen Blattes erhalten hat, dies aber ebenfalls zwei Jahre lang nur durch die Mittel erreichen konnte, die sich der Redacteur vom Munde abdarbte. Kaum deckte der Absatz die Hälfte der materiellen Herstellungskosten. Auf die besondere Versendung dieses ehemaligen Beiblattes zur Börsenzeitung an die Buchhändler und auf die Hoffnung einiger Einnahmen durch die Ostermesse bauend, bat der „Glänzendleber“ den Frankfurter Buchhändler Ph. Streng, der für 50% den Vertrieb übernommen hatte, um einen Vorschuß – zum „Glänzendleben“ bei der Taufe. Nicht ohne Stirnrunzeln gab der geldliebende Mann die erbetenen – 50 Gulden und gab dieselben in fünf Rollen Sechskreuzerstücke. Der Empfänger, der seine Hülfe von der altberühmten „Buchgasse“ Frankfurts bis auf den „Wall“ nach Hause trug, kam sich wie Correggio vor, als dieser seinen Ehrensold in Kupfermünze empfangen hatte und unter der Last des Sackes, den ihn ein boshafter Käufer noch nach Hause zu tragen zwang, zusammenbrach. Doch Kühne sagt von dieser eben geschilderten Zeit: „Das „junge Deutschland“ wollte nicht blos leben, sondern auch „glänzend leben“ –!“ und Kühne ist ein ehrenwerther Mann. Diese vielleicht etwas zu „intim“ ausgefallene Anekdote hat vielleicht das Gute, daß sie sogleich von vornherein feststellt, ich sei im Wesentlichen zuerst Journalist gewesen.

Meine Herkunft, mein Schulleben, mein erster Bildungsgang, alles das findet sich in meinem Buche: „Aus der Knabenzeit“ erzählt. Ueberarbeitet und fortgeführt bis zum achtzehnten Jahre, steht es in meinen „Gesammelten Werken“ (Coste­no­ble’sche Ausgabe) Band I. Dann gab ich Erinnerungen an meine berliner Universitätszeit von 1829–7[Die Julirevolution. St. Marc Girardin.]1831 in einem Aufsatz: „Das Kastanien­wäldchen in Berlin“ („Lebensbilder“ [Stuttgart, Hallberger] Band II). Ursprünglich Theolog und Philolog, wurde ich 1832 noch in Heidelberg Jurist. Nicht aus gedankenlosem Umsatteln oder aus innerer Haltlosigkeit, sondern mit dem von frühster Kindheit angestrebten Ziele: Vervollkommne Dich nach Kräften! Die reifere Jünglingszeit machte noch die besondere Devise daraus: Uebe dich soviel du kannst in Führung der neuzeitlichen Waffen! Der Constitutionalismus, ein im damaligen Preußen verpöntes Strebeziel der Politik, hatte im Lande Baden seine festesten Wurzeln geschlagen. Schon ging der eigentliche Drang des Gemüths über die Schranken der Schule und der akademischen Disciplinen hinaus. Es war die Zeit und das noch ungelichtete Chaos ihrer Forderungen, das mächtige Wehen und Rauschen in den neuen Luftströmungen, die über die Menschheit hinwegzogen, es war das deutlich vernehmbare Läuten einer zur Zeit noch unsichtbaren neuen Kirche des freien Geistes, das die Jünglingsseele fast nur noch allein erfüllte. Wie sich eine sanguinisch-cholerische Natur, die ich indessen nicht war, zum Allgemeinen aufschwingen, wie eine solche am Leben der Zeit, am Leben ihrer Nation die heißeste Sehnsucht, sich als Bürger und Denker zu bewähren, zu befriedigen vermochte, das ersah ich recht nach den früheren, anders gestalteten Burschenschaftsschwärmereien, in den Juni- und Julitagen des denkwürdigen Jahres 1830. Der vor Kurzem, im Anfang des Jahres 1874, verstorbene St. Marc Girardin, damals ein junger Professor vom Pariser Collège Louis le Grand, einer Vorstufe zur Sorbonne, war in Berlin durch einen Zufall mein Schüler im Deutschlernen geworden. Der junge Gelehrte sollte die Schul­ein­rich­tun­gen des preußischen Staates studieren. Doch lebte der heißblütige Franzose nur für sein ihm täglich geschicktes Journal des Debats, dessen Mitarbeiter er bis in die Thiers’schen Tage von Versailles geblieben ist. Ob damals Fürst Polignac bestimmt war, gestürzt zu werden, ob die liberale Minorität der 221 wenn nicht in der pariser Kammer, doch in der öffentlichen Meinung den Sieg davon trug, ob es zur Auflösung der Kammer kommen würde, das waren die täglichen Fragen, denen sich der französische Publicist hingab und die im komischsten Gegensatze standen zu unserer Lectüre 8 [Neue Bahnen.] des Kotzebue’schen „Vielouissêr“ („Vielwisser“), den der ältere Schüler als Grundlage unserer Unterhaltungen im „Hôtel de Rome“ dem Vorschlage des jüngern Lehrers, Schiller oder Goethe zu wählen, vorzog. Wunder nimmt es mich, daß das damals von mir in etwa 30 Stunden erlernte Deutsch nicht beim Friedensschluß von Frankfurt am Main verwerthet wurde! Denn früher, als Doctrinär, der heftigste Gegner von Thiers, hatte sich St. Marc Girardin in den neuesten Unglückstagen Frankreichs mit dem Präsidenten der Republik ausgesöhnt.

Die Juliordonnanzen Karls X. waren 1830 erschienen, die Kammern wurden aufgelöst, die 221 siegten durch eine Erhebung des französischen Volks, die vielleicht Louis Philippe von Orleans angebahnt, vorbereitet, bezahlt hat, vielleicht auch nicht; jedenfalls hatten die Bourbonen aufgehört zu regieren. Diese Katastrophe erschütterte den Continent. Nur in England und Berlin blieb alles ruhig. Hatte man doch in Preußen das beste aller politischen Systeme, die privilegirte Intelligenz, die Büreaukratie, die Traditionen der Vergangenheit, hatte vom Neuesten Hegel und seine Schule, am vorhaltendsten gegen die Demagogie jedenfalls die Vermehrung der Gensdarmen und das schnellste Unschädlichmachen jedes Menschenkindes, das sich, wenn auch nur gelegentlich und hätte es sich um die Gesundheit desselben gehandelt, in auffallender Weise auf dem Gebrauch des Wortes „Constitution“ betreffen ließ. Grade in den ersten Tagen des August, als der Flügeltelegraph auf dem Kunstakademiegebäude in Berlin, in welchem ich geboren bin, unablässig „die Hände über’m Kopf zusammenschlug“, wie die Berliner von den hölzernen, sich in der Luft verschränkenden Armen der ersten Vermittelungsform von Telegrammen zu sagen pflegten, da sie eine Schreckensnachricht nach der andern aus Paris zu verkündigen hatten, gewann der junge Student zwar bei einem feierlichen Actus eine goldene Medaille, 25 Ducaten an Werth, für die Lösung einer akademischen Preisaufgabe über die Schicksalsgottheiten der alten Welt, aber es war dies eine vergebliche Lockung zu einem Leben zurück, das sich auf die Vorbereitungen zum Examen allein begründen sollte. Die Examina an sich fürchtete der Gewinner eines akademischen Preises nicht; aber der bewegte Horizont der Zukunft ließ ihm den Athem nicht frei. Nur noch auf die anbrechende große Zeit war sein Sinnen gerichtet, 9 [Wolfgang Menzel.] auf häusliches Arbeiten, Lesen, Excerpiren, Selbstversuchen im Schreiben, lyrisches und dramatisches Dichten. Unregelmäßiger wurden die Collegia, die er „belegt“ hatte, besucht. Bücher, Zeitschriften ersetzten das ermattende Studium der Brotwissenschaften. Ging auch das letztere immer noch auf eine Oberlehrerstelle, die in der That im Jahre 1833 ambirt wurde (auf dem Actentische des Schulraths Otto Schulz, gewöhnlich Lynkeus genannt, weil der treffliche Grammatiker nur Ein Auge hatte, müssen sich lange die schriftlichen Prüfungsarbeiten des Schulamtscandidaten G. umgetrieben haben), so war doch schon von mir „Maha Guru, Geschichte eines Gottes“ (und sogar beim Schiller-Goethe-Verleger Cotta) erschienen, worauf dann Examinandus seine Meldung zur mündlichen Prüfung zurücknahm. Hatte ihn doch schon zum zweitenmale Wolfgang Menzel, damals der Dictator über Deutschlands schöne Literatur (– die Geschichte seiner Bedeutung für meinen Bildungsgang findet sich in meinen „Gesammelten Werken“ Band l, S. 243 erzählt –) von Berlin abberufen, um den Stuttgarter Kritiker an seinem Literaturblatt zu unterstützen. Menzel war für die Stadt Bahlingen in Schwaben in die würtembergische Kammer gewählt.

Nicht als Kritiker habe ich angefangen, „dem Drange zu folgen“, sondern als Antikritiker. Noch Student gab ich ein „Forum der Journalliteratur“ heraus. Die Gerechtigkeit war demnach die erste Muse, der ich diente. Noch eine zweite meiner besondern Musen war der Enthusiasmus. Dabei hat sich hingegebener, treuer, bewunderungerfüllter wol selten ein junger schriftstellerischer Anfänger einem ältern angeschlossen und untergeordnet, als ich mich damals Menzeln. Ich war ganz jener junge Schüler des Ersten Theils vom „Faust“, der zu Mephisto (abwechselungsweise hatte dieser den Doctortalar angezogen) gewallfahrtet kam in heiliger Scheu, auch Scheu vor Stuttgarts classischem Boden. Jetzt haben wir in solchen Fällen erster Entwickelung schriftstellerisch aufkeimender Triebe nur noch den Schüler vom Zweiten Theil des „Faust“. Man erinnere sich der Stelle, wo der edle Jüngling auftritt und etwa mit der Widmung: „Der Schüler dem Meister“ sein Erstlingswerk darbietend, hintennach so viel Beweise von Selbstüberhebung giebt, daß man solchen Abfällen dankverpflichteter Gesinnung nur mit Goethe nachrufen möchte: „Fahr’ hin, Originalgenie, in deiner Pracht!“

10 [Kritische Thätigkeit. Heinrich Laube.] Mein treues Dienen bei Wolfgang Menzel, das Lesen und Recensiren der ihm stoßweise in Stuttgart zugesandten Bücher, das Ansammeln all der Unpopularität, welche Menzel schon als Goetheverächter, dann aber als rücksichtsloser Verurtheiler der damaligen Modebelletristik in deutschen Landen und vorzugsweise jenseits der Elbe genoß, auch auf mein jugendliches Anfängerhaupt, kurz ein höchst mißlich und mir Decennien lang hinderlich gewesenes erstes literarisches Tirocinium hätte ich durch eigenen Trieb nicht gewaltsam unterbrochen. Bande des Gemüths und der Ueber­zeugung fesselten mich an den dämonischen Polyhistor. Die Auf­forderung, mich von Menzel zu befreien, kam von mancher Seite. Sie kam sogar vom alten Hegel, der mir eines Tages, als ich bei ihm ein Colleg testiren ließ und er Bekanntschaft mit meinem Journal verrieth, sagte: „Wie kann man sich einem solchen Mann anschließen?“ Am lebhaftesten kam die Verlockung zum Abfall aus jenen Kreisen Leipzigs, in deren alte belletristische Hofrathsluft 1833 Heinrich Laube angefangen hatte die Frische eines breslauer Studenten zu verbreiten. Die Geister waren damals in Gährung. Wer hörte noch auf Steffens, auf Friedrich von Raumer? Ihre Stimmen gehörten bezahlten Beamten an! Nein, man sprach selbst in gelehrten Kreisen von „Völkerfrühling“. Jener „Ueberschuß an Stimmung“, wie Frau von Stäel den Enthusiasmus nennt, suchte jede Gelegenheit, zum Explodiren und von je ist Leipzig eine Stadt gewesen, wo jener „Ueberschuß an Stimmung“ die Gemüther entzündete und Erscheinungen hervorrief, die für Deutschland maßgebend wurden. Laube, der einige Artikel, einige noch unreife Bücher geschrieben hatte, bekam die „Zeitung für die elegante Welt“ in die Hand. „Elegante Welt!“ Unter den Friseuren, Tailleuren, Modistinnen von „Klein Paris“, in den Spalten einer Zeitung, die später Modekupfer brachte, konnte die Burschenschaft allein nicht leben wollen. Wenigstens Heinrich Heine, Goethe, die Götter Griechenlands mußten noch neben der Turnerei beibehalten bleiben. Laube hatte zur Burschenschaft gehört und wurde dafür noch später vom Geist der Karlsbader Beschlüsse gemaßregelt; aber sein Wesen war nicht Menzelisch altdeutsch, sondern eher slavisch. Wohlgefallen fand er weniger am entblößten Halse mit aufgeschlagenem Hemdkragen, als an der polnischen Kurtka mit hängenden Schnüren, Troddeln. 11 [Anschluß und Trennung.] Er schien sich schon früh zu rüsten, eine neue Nationaltracht zu erfinden, geniale Mützen, Ueberwürfe, Schöpfungen, die lange in Leipzig seinen Namen getragen haben und von General Havelock in Indien nur nachgeahmt zu sein scheinen. Kurz, der Correspondenz, die sich zwischen den beiden jungen Neuerern entsponnen hatte, sah der grimme Hagen, der auf dem Gebiet der Kritik ein Alleinherrscher sein wollte, von seinem Häuschen in Stuttgart düster zu, murrte nicht wenig, schalt über die „Zeitung für die elegante Welt“ und warnte mich vor dem Versucher. An sich war die Gefahr nicht groß. Das Leipziger Programm war unklar. In jeder Woche brachte die „Zeitung für die elegante Welt“ einen im Wesentlichen unreifen, im Stil gallopirenden, manchmal in Carrière durchgehenden Artikel, der aber bei alledem ein Thema des Tages mit Frische und Natürlichkeit behandelte. War ich von diesen Manifesten auch nur halb gewonnen, konnte ich meinen Pedantismus, der unter anderm gründlichere Kenntnisse verlangte, als der Leipziger Matador aufzuweisen hatte, vor allem bei Streitfragen mein Verlangen nach überzeugenden Motiven nicht verleugnen, wobei ich die schneidige Art, wie das Unreife, Unmotivirte, Willkürliche festgehalten, durchgeführt, ja sozusagen commandirt wurde, abschreckend fand, so trat doch immer mehr persönliche Berührung, ja Freundschaft zwischen den jungen Tageshelden ein. Im Sommer und Herbst 1833 las ich Heinrich Laube’s Roman „Junges Europa“ in Gegenwart des Autors auf den Wellen des schönen Gardasee’s, nahm zwar gründlichen Anstoß, daß einer der Helden des Buches durchweg „Hyppolit“ statt „Hippolyt“ gedruckt war, aber die Beziehung zu Wolfgang Menzel wurde lockrer. Im Winter des Jahres 1833 schickte ich meinem Herrn und Meister einen Ballen Bücher, die ich von ihm zur Beurtheilung empfangen hatte, unerledigt zurück. Was war geschehen? Ich hatte zu zwei Bänden „Novellen“ (1832 bei Hoffmann und Campe erschienen) eine Vorrede geschrieben, worin ich scherzhaft den Gedanken ausführte, daß jeder Schriftsteller, am Schreibtisch sitzend, an eine bestimmte Persönlichkeit dächte. „Der junge Poet dichtet einige Jahre hindurch nur für seine Geliebte oder er denkt nur an den Nelkenstock seiner Mutter. Er besingt bis in sein dreißigstes Jahr die Wiese, wo vor seinem Dörfchen die Wäsche getrocknet wird. Dann wagt 12 [Eine Katastrophe.] er sich weiter. Gesteht es nur alle, die Ihr je eine Gansfeder angesetzt habt, Ihr Goethe, Schiller, Theodor Hell, Borromäus von Miltitz, Ihr dachtet bei Euren unsterblichen Werken zunächst an Euren Vater oder Onkel, an Eure Freunde oder Euren Pudel! Fürst Pückler schreibt für einige Leute in Berlin, die der „Verstorbene“ durch seinen Geist nur ärgern will“ u. s. f. Und in dieser Auslassung, in deren Manier man den Einfluß des in damaliger Zeit bewunderten Jules Janin erkennen wird, kam zuletzt vor: „Wolfgang Menzel schreibt keine Zeile, ohne zu denken, was wol Paulus in Heidelberg dazu sagen würde.“ Wehe mir! Schon bei Uebersendung dieser „Novellen“ bat ich meinen Freund und Meister um Verzeihung für jene unbedachte Plauderei (welcher jedoch vielleicht das Erkennen einer Schwäche desselben, Nachwirkung persönlicher Verstimmung auf sein Urtheil, zum Grunde lag); doch erhielt ich von ihm eine so heftige, kränkende briefliche Abstrafung, daß ich die Verbindung lösen mußte. Als ich hierauf selbst ein „Literaturblatt“ (zum Phönix in Frankfurt am Main) herausgab, hatte ich an dem Manne nur noch einen unversöhnlichen Feind. Um die Blöße, die ich mir im Herbst 1834 in völliger Unklarheit über die Tragweite des gedruckten Buchstabens, mit meinem Buche „Wally, die Zweiflerin“ (Band IV meiner „Gesammelten Werke“) gegeben, denuncirte mich der Ergrimmte förmlich an die Bücherpolizei. Nicht äußere Persönlichkeiten sind es, die ich hier im Allgemeinen zusammenfasse, im nächsten Abschnitt ausführlicher erzählen werde, sondern dem Persönlichen lagen Motive zu Grunde, die sich ja zu Wendepunkten, Hebeln und Angeln der neueren deutschen Literaturgeschichte machten.

In meinem Schaffen, das ich in diesem für die Zeitschrift „Gegenwart“ bestimmtgewesenen Fragment nur andeutend zu erklären versuchen konnte, gab es einen Scheideweg, über welchen ich in den literargeschichtlichen Compendien, in den lobenden wie in den tadelnden, so eingehend sich auch dieselben mit mir beschäftigen, nichts finde. Es läßt sich zum Glück davon erzählen, ohne mit sich selbst besonders schön zu thun. Gesetzt, wir wollten Laube einen jungen Goethe nennen, so wäre jedenfalls ein gewisser Gustav Schlesier bei ihm sein Christian Merck gewesen, derselbe, der dem jungen Dichter des „Werther“ rieth, die „Windeln frisch auf die Zäun’ zu 13 [Gustav Schlesier.] hängen, sie trockneten dann eher“ – soll wol heißen: „Stücke, wie dein Clavigo, sind so schlecht, daß du gut thust, durch schnelles Druckenlassen sie in Vergessenheit zu bringen und an Besseres denken zu können.“ Ich sagte eben: „Ein gewisser Gustav Schlesier“. Nach seinem Buche: „Oberdeutsche Staaten und Stämme“, nach seinen Arbeiten über Wilhelm von Humboldt ist der Mann in einem Grade verschollen, daß ich kaum weiß, ob der kühne Anläufer zu einem neuen Varnhagen von Ense oder gar zum zweiten Friedrich Gentz noch unter den Lebenden verweilt. Heinrich Laube besaß die Kunst, im Kreise seines nächsten persönlichen Wirkens enthusiastische Freunde zu gewinnen. Wer je mit ihm eine Cigarre geraucht oder an der Table d’hôte des Hôtel de Bavière in Leipzig seinen maßgebenden Aussprüchen gelauscht hatte, ging für ihn durch’s Feuer. Es war der Zauber der Anlehnung an eine sichre Beherrschung des Lebens. Wer möchte sich nicht im Gedräng und unter den Stürmen des Geschicks mitzuhalten suchen am Saume eines Mantels, den er kräftig angezogen weiß. Gustav Schlesier, das Prototyp eines sächsischen Gelehrten, Magister durch und durch, vereinigte mit Pedanterie Anflüge von Eleganz. Leipzig bildet ja seine Leute. Im Schlafrock ganz nur Stubengelehrter und pedantisch wie nur Gottsched pedantisch gewesen sein kann, war Schlesier Abends, vielleicht am Theetisch einer jungen Witwe, die sich sein Freund später als Gattin gewann, Petitmaitre. Sogar ein vorschnell gekommenes Bäuchlein des be­häbi­gen jungen Mannes gab ihm das Ansehen eines Abbé der alten Schule. Sein Wissen war unbezweifelbar, doch keineswegs so umfassend, daß damit die Sicherheit seiner Urtheilsabgabe hätte für entschuldigt gelten können. Ein aus Dresden Gekommener war er jedenfalls in Kunstanschauungen und unter guten Theatereindrücken aufgewachsen.

Dieser scharfsinnige Kopf nun, der sich indessen ebenso oft von Anfang bis zu Ende zu irren vermochte, wie nur der Positivismus der Kritik heute etwas behaupten kann, was sie morgen, falls es der Ehrgeiz erlaubte, selbst zurücknehmen würde, sagte mir eines Tages, als ich in Leipzig war und sogar bei Laube selbst wohnte: „Uebrigens sind Sie in Ihrer Production auf dem Holzwege! Sie ahmen Voltaire und Diderot nach! Voltaire und Diderot haben sich 14 [Innrer Zwiespalt.] als ästhetische Muster überlebt; Sie brauchen ja nur an Wieland zu denken. Ihr „Maha Guru“ liest sich wie Zadig oder Candide. Herzblut müssen Sie zeigen! Den Charakter der Gegenwart treffen! Sich Ihre Brust aufreißen! Nur „modern“, specifisch „modern“ muß der Schriftsteller von heute sein! Die deutsche Literatur darf nur noch den Weg wandeln, den allen Literaturen Europas die Baronin Dudevant, Georg Sand, vorgezeichnet hat!“

Sprach’s – und sein Wort schmetterte mich nieder. Weder Zadig noch Candide hatte ich gelesen. Doch kannte ich Wieland. Auf der Schule war ich, wie ich Band I meiner Gesammelten Werke S. 208 erzählt habe, zur förmlichen Verachtung des Verfassers der „Abderiten“ erzogen worden. Ich fand Wieland langweilig. Aber Lucian von Samosata, Wielands und Voltaire’s Vorbild, hatte ich mit Vorliebe gelesen, den griechischen Spötter, der die Göttergespräche, die Begegnungen in der Unterwelt geschrieben. „Herzblut –?“ Nun wohl! Mein mächtig mich fortreißendes „Herzblut“ kannte ich vollkommen, es wallte und wogte bei jeder Gelegenheit, wo die Ideen der neuen Zeit im Spiele waren. Hatte ich aber einen nur darstellenden Zweck, die Aufgabe einer Erzählung, eine künstlerische Absicht, so dämmte ich die Wallungen des Herzens zurück, legte seinem mächtigen Pulsschlage Mäßigung auf und dachte nur an die vorsichtige Arbeit des Malers, Bildners, Tonkünstlers, von denen der Erstere ebenfalls nicht mit dem raschen Kohlenumriß, der Zweite nicht mit dem Bearbeiten und Kneten des Thons, der Dritte mit dem Punktiren einer Symphonie am Clavier ihre Schöpfungen für abgeschlossen erklären können. Nicht aus Kälte des Gemüthes beschränkte ich mich. Es war die nachhaltige, von mir so oft den Andern empfohlene Scheu vor den Gesetzen der Kunst. Haßte ich doch allen Naturalismus, besonders den der Erzählungsliteratur des Tages und den sich „genial“ gebenden vollends, der immer nur wüst herauskam. Dennoch muß ich gestehen, daß Gustav Schlesiers Auslassung meine Vorrede zu Schleiermachers Briefen über die Lucinde und die Wally veranlaßte. Sein Spott hatte mich aus meinem Frieden gerissen. Und er hatte es leicht damit. Denn im eignen Schaffen war ich das „zerstoßene Rohr“ und der „verglimmende Docht“. Anerkennung war dem Mitarbeiter des auf dem damaligen 15 [Entbehrung aller Forderung.] Parnaß verhaßten Wolfgang Menzel bei keiner einzigen Instanz zu Theil geworden. Meine Arbeiten erster Periode, mein „Sadducäer von Amsterdam“, der, wie ich höre, von Manchen, die mich sonst nicht mögen, meinen spätern Arbeiten vorgezogen wird, „Nero“, „Maha Guru“ waren so gut wie nicht erschienen. Sogar Heinrich Laube, der mir hätte die Stange halten sollen, verspottete mich in seinen Reisenovellen als „Archivar des Königs“, also wol als eine Art Clavigo, dem nur der rechte, mir die matadorische Aufwiegelung gebende Carlos fehlte. Aber wo war der größere Werth der Leistungen dieser Matadore? Wenn selbst die Heine’schen Arbeiten, die damals schwächer und schwächer wurden, mich nicht von Platen oder den bessern schwäbischen Lyrikern abwendig machen konnten, so mußte in mein Gemüth Erbitterung einziehen und meine Stellung die eines Einsiedlers werden. Es entstanden unter den jungen Schrift­stellern jener Periode die gehässigen Fehden, die in den Literaturgeschichten meist nur mir allein zugeschrieben werden, während sie doch nur die Folge des glücklicher situirten Uebermuths der Andern waren. Allerdings trug mein unverwüstlicher Gerechtigkeitstrieb zuweilen die Schuld dieser ewig wechselnden Stellungen, die ich jedoch durch keine Unterordnung unter Varnhagen von Ense oder den Fürsten Pückler mir bestimmen lassen wollte. Die trüben Folgen der veränderten Richtung meiner Feder für meine Person, meine Freiheit, mein Lebensglück verbitterten nicht minder mein Gemüth. Die Sorge schlug ihre Harpyenkrallen in die täglichen Berechnungen über Woaus und Woein. Erst im Jahre 1839 heilte ich meinen Unmuth dadurch, daß ich für die Bühne zu schreiben anfing, dieselbe Bühne, zu welcher mich längst eine wohlwollendere Förderung hätte ermuthigen sollen. Selbst Karl Seydelmann, in Stuttgart mir nahe befreundet, wußte auf zwei Acte eines Trauerspiels: „Marino Falieri“, die ich in’s Morgenblatt hatte einrücken lassen, mir keine andere Anregung zur Fortsetzung auszusprechen als die: „Nur ja keinen schwachen Helden!“ Der Held war allerdings achtzig Jahre alt und mußte demnach drei Acte lang schwach sein, vollends war er verliebt, bis der alte Löwe erwachte. Das kritische Wort einer solchen Autorität ließ die Hände in den Schooß sinken; ich glaubte mein Talent verurtheilt. Wie ich später die Bühne, wie sie ist, 16 [Herzensconflikte.] habe kennen lernen, wußte ich, daß Seydelmann kalt blieb, weil die Rolle des achtzigjährigen Marino Falieri nicht an ihn, sondern an seinen Widerpart, den Schauspieler Maurer hätte kommen müssen. So sind die „Bühnenkünstler“. Der Liebhaberspieler bleibt kalt bei der Lectüre eines Drama’s, wo die Chance, nach jedem Act gerufen zu werden, auf den Charakterspieler fällt.

Meine Selbstschau würde nicht aufrichtig sein, wenn ich hier nicht die Erzählung der literarischen Entwickelung für’s Erste unterbrechen und eingestehen wollte, daß es neben dem Geist der Zeit noch eine andere Sphäre gab, die parallel die volle Hälfte meines jugendlichen Ichs in Anspruch nahm. In dem dramatischen Scherz Wilhelmi’s „Einer muß heirathen“ sind die Brüder „Zorn“ geschildert, die ihre Ehe und die Wahl einer Lebensgefährtin durch das Loos bestimmen lassen. Jacob Zorn jubelt, daß er zu seinen Büchern zurückkehren dürfe, zu seinen Studien, denen wir und unsre Nachkommen bis in’s fünfte Glied die Kosten der Anschaffung des „Deutschen Wörterbuchs“ ver­danken. Roderich Benedix hat in seiner „Hochzeitsreise“ einen deutschen Professor geschildert, wie dieser nicht mehr existirt, einen Gelehrten, dem sein Stiefelwichser mehr an’s Herz gewachsen ist, als seine eben erheirathete junge Frau. Mit solcher Kühle hat sich der Erzähler zum Frauenthum nie verhalten können. Er schildert in diesen Blättern ein Dichterleben und gesteht es offen, daß ihn der Zauber des weiblichen Geschlechts früh unterjochte. Das Gefühl der Vereinsamung eines gegen den Strom Schwimmenden, der Druck welcher immer und immer auf dem verkannten Gemüth lastete, der Mangel an äußerm Glück kam diesem Zuge des Herzens und – der Sinne entgegen. Sage man doch nicht, daß sich die Seele selbst genügen könnte! Nicht einmal das physische Leben erwehrt sich krankhafter Stockungen ohne den Sonnenschein des Glücks. Wo aber das Glück finden? Ministern, Verlegern, dem Publikum gegenüber hatte ich kein Glück. Compensationen für das Glück muß es aber im Gemüth geben, Abrechnungen eines Minus hier gegen ein Plus dort, sonst erliegen wir. Frühe schon hatte ich gegen die Rabbinenweisheit der Entsagung und Selbstkasteiung geeifert, hatte in Heinrich Heine’s Unterscheidung zwischen den beiden Lebens­principien, dem Nazarenerthum 17 [Jugendfreundschaften.] und dem Hellenismus, einen seiner Lichtblicke gefunden, hatte das, was sich die Menschen ihre Tugend nennen und an sich und an Andern glorificiren, so oft nur für eine körperlich bedingte Empfindungslosigkeit und Stumpfheit der Nerven, nach späteren Erfahrungen für die Alleinbeschäftigung mit ihrem Ehrgeiz, die Narcissusgenüge an der Widerspiegelung ihres geliebten Ich erkannt. Das nagende Prickeln der Eitelkeit, die nur ihren Erfolgen, ihrem Namen, der Pflege des Schattens, den man in der Sonne wirft, lebt, hatte ich nie. Aber mir blieb das Bedürfniß, wenigstens in Andern auszuruhen. Früh schloß ich leidenschaftliche Freundschaften. Was sind aber studentische Freundschaften? Bald gehen die Lebensbahnen aus­einander. Vollends war die damalige Zeit in einer Weise eine andere, als jetzt, daß sich kaum noch fassen, kaum schildern läßt, wie auf drei freigesinnte gleichgestimmte Akademiker wenigstens in Berlin 97 kamen, die nur am Gegebenen hafteten, die nur fromme August Neander’sche Pastoren werden wollten, die sich nur als Beamte, als Richter in dem Sinne zu sehen wünschten, wie der damalige Staat seine Beförderungen austheilte. Es waren meist Menschen von erkältender Wirkung. Auch bildet sich Kameradschaft, dieser dem jugendlichen Gemüth so wie der Biene die Blumenwelt unerlaßliche Gewinn, da am wenigsten, wo sich literarische Anfängerschaft zeigt. Spricht sich diese nicht mit der aufdringlichen Eitelkeit junger Lyriker aus, wo dann wol eine gleichgestimmte Richtung zuweilen unter jungen Kameraden dem ständig aus der Rocktasche gezogenen Portefeuille bewundernd entgegenkommt, so wird eine sich auf Meinungen gründende literarische Entwicklung unter Schul- und Universitätskameraden fast immer alleinstehen. Ein Nachkomme Bürgers, selbst Bürger geheißen, ein Hauslehrer bei Professor F. W. Gubitz, war bis 1833 mein treuster Freund, bis ihn der Strudel des Theaterlebens ergriff und von seinen Studien und von mir selbst fortriß.

Frauen gegenüber fühlt dann freilich der Jüngling nicht Freundschaft, sondern sofort Liebe. In dem Spiegel eines Mädchenauges fängt sich ihm die ganze Welt. Und sie fängt sich ihm nur in harmonischer Schöne. Des Mondes blasses Licht, das Geflüster einer vertrauenden Seele beim Wandeln unter den sanftbewegten Wipfeln eines Baumganges, die Berathschlagungen über künftige, vielleicht 18 [Herzensromantik.] schon gemeinsam gewordene Lebensziele – in diese bestrickenden Zauber, die nicht minder von Neander, Schleiermacher, Boeckh, Lachmann abzogen, war ich allzufrühe gerathen. Der erste Theil meiner „Seraphine“ (Gesammelte Werke Band III) ist selbsterlebt. Die dort geschilderte Beklagenswerthe hieß Leopoldine Spohn. War ich hier gefesselt wider Willen, verzweifelte ich wie unter einem mir zufällig übergeworfenen Nessushemd, so schlug mein Herz desto freier und leidenschaftlicher bald darauf für eine sechszehnjährige Brünette von mehr kleinem als mittlerm Wuchse, mächtigen schwarzbewimperten blauen Augen, blendend weißen Zähnen, keine Schönheit an sich, aber anziehend in allem, was in und an ihr mit geistigem und leiblichem Auge gesehen, mit dem Ohr gehört werden konnte. Am meisten fesselte sie durch ihre Stimme, die so sonor, so tiefliegend war, daß sie allem, was sie sprach, schon dadurch allein den Charakter bedeutungsvoller Reife gab. In Berlin ist alles, was ehedem Garten hieß, im nächsten Umkreise der alten Stadtmauer bis auf den letzten Baum getilgt. Aber die Trauerweide, wo nach zweijährigem „Minnewerben“ das angebetete Mädchen zitternd die Worte sprach: „Ich kann nicht mehr“ – „mich beherrschen“ erstickte an der Brust des sich red­lich zum Oberlehrerexamen Rüstenden und deshalb endlich offen Heraustretenden, und rings die andern Bäume, in deren Schatten bereits von einer künftigen Wohnung bei einem Ober­lehrergehalt von 600 Thalern geträumt wurde, sie stehen noch in der Königin-Augusta-Straße zwischen Potsdamer- und Schellingsstraße. Vierzig Jahre später ist die halb und halb mir verlobt Gewesene grade im unmittelbaren Gegenüber dieser Bäume auf dem „Tempelhofer Ufer“ unvermählt gestorben. Warum erzähle ich diese Momente der Vergangenheit? Weil dieser Bund Tage, Wochen, Monate der Verzweiflung heraufbeschwor, weil er eine Richtung meines Schaffens bedingte. Denn die innigste Liebe hatte hier die gehorsamste Tochter nicht bewegen können, dem Gebote einer Mutter, die mich heute in ihre Arme schloß, morgen mir mit dem Messer drohte und schrie: „Er oder Ich!“ entsagend Folge zu leisten. Der „ahnungsvolle Engel“ hatte sich bewahrt vor dem Schicksal, die Bahnen eines irrewandelnden Kometen zu theilen. „Gottesleugner“ nannten mich damals die berliner Journale. Thüren eines Gefängnisses thaten 19 [Ihre Folgen.] sich auf. Der schmale Weg, den ohnehin der Schriftsteller jener Zeit durchs Leben gehen mußte, wurde enger und enger. Mit dieser schlechtbestandenen Probe eines liebenden Herzens gingen mir unermeßliche Schätze des Lebens zu Grunde. Der Nibelungenhort, den ich im Frauenthum gefunden zu haben glaubte, versank mir wie unwiederbringlich. Keinen Muth, keine hochherzige Willenskraft hatte die Reinste ihres Geschlechts zu zeigen vermocht! Charlotte Birch – staune nicht, lieber Leser – die richtige Charlotte Birch-Pfeiffer, die mir damals innig befreundet war (erst da haßte sie mich, als ich für die Bühne schrieb und in ihr und dem verbündeten Intendanten Küstner die Usurpatoren der königlichen Bühne Berlins sehen und fühlen lernen mußte), hatte sie noch einmal im Auftrage des damals Dreiundzwanzigjährigen besucht, um den Versuch zu machen, einigen Heroismus zum „Handeln“, wie eben Liebende „handeln“, zu er­wecken. Doch umsonst! Die Mutter zeigte auf’s Messer und mir erstarb – der Glaube an die Bewährung des Frauenthums für jene Welt, der mein Leben gehörte. Sie können nicht theilnehmen, rief mein sich krümmender Schmerz, am großen Kampfe der Zeit! Und wenn auch damals Berlin den Tod der Stieglitz erlebte, wenn auch Rahel Varnhagen die unbefangene Lebensauffassung ihres damals zuerst entsiegelten Briefwechsels zu verbreiten begann, nichts half, um vorzugsweise die berliner Welt aus ihrer anmaßenden, kalten Selbstgenüge aufzurütteln. Goethe, Tieck, Steffens, Raumer, Chamisso, Hitzig beherrschten die öffentliche, der Zeit widerstrebende Meinung. Später erstanden allerdings Frauen, die bei einer inzwischen erschreckend gewordenen Zunahme an politischen Märtyrern sich für ihre Ehegatten einen muthigen Aufschwung zu geben verstanden – die mir befreundete Gattin des Darmstädters Wilhelm Schulz befreite den ihrigen aus der Feste Starkenburg im Oden­wald; ich selbst fand die Hand eines Mädchens, das sich in der Zeit meines Unglücks bewährt hatte – aber die Abneigung, die in mir entstanden war, die Verhimmelungen der lyrischen Muse über den Werth der Frauen zu theilen und beim Schreiben speciell nur der Frauen zu gedenken, denen vorzugsweise zu huldigen, kurz auf Gedankenkreise einzugehen, an denen den Frauen nach Goethe am meisten gelegen sein müsse (die Huldigung, 20 [Censur und Polemik.] die statt „Mädchen“ immer nur „Blume“ sagte und das Leben wie nach Bildern malte, sollte sich bald bis zum Schwindel steigern) blieb; sie blieb in meinem „Blasedow und seine Söhne“ fast bis zum Cynischen (Gesammelte Werke Band V und VI); blieb – – ohne – daß darum bei mir das Suchen nach dem Schlüssel des Paradieses, den Gott, als er sein Eden schloß, zur Verwahrung in’s Frauenherz zurückgelegt zu haben scheint, an sich selbst aufhörte. Mit der Feder sprach ich diese Sehnsucht nicht aus. Nur für Männer wollte und konnte ich schreiben.

Den Gedankengängen des sich immer mehr zum Siege hindurchringenden neuen Geistes der Zeit gegenüber stand ich von Jahr zu Jahr gefesteter Rede. Mein „Telegraph“, jenes journalistische Schmerzenskind, war in anständigere buchhändlerische Versorgung gekommen. Ich zog aus dem Bereich des Bundestages, aus dem Gehege der Frankfurter Späher und Zuträger, seiner feigen, auf dem Frankfurter „Römer“ geübten Censur (Frankfurter Bürgermeister wie Thomas, von Meyer, von Günderode u. s. w. trugen das ihnen von Nagler, Münch-Bellinghausen, Blittersdorf auferlegte Joch mit Zuvorkommenheit) in die freiere Freistadt Hamburg und fühlte die volle Kraft, in den Kölnischen Wirren gegen den Görres’schen „Athanasius“ zu schreiben, gegen Leo in Halle im Hegelingenstreit, gegen die altständischen Prätensionen des Fürsten von Solms-Lich, kurz mich in meiner Weise an den bedeutenderen Fragen der Zeit in längerer oder kürzerer Rede zu betheiligen. Bei öffentlichen Festen, am Guttenbergstag in Mainz, bei Errichtung des Schwanthaler’schen Goethe in Frankfurt am Main wurden mir officielle Toaste übertragen. Die Bosheit von Männern wie Carové in Frankfurt, Karl Buchner in Darmstadt, C. v. Wachsmann und des Theodor Hell’schen Kreises in Dresden, die Alles, was von mir ausging, methodisch herabsetzten, mich ständig umgeiferten, kümmerte mich nicht mehr. Hätte ich dem geheimen Förderer und Berather der jüngern Literatur, Varnhagen von Ense, ebenso wie Laube, Mundt, Kühne und die andern jungen Autoren zu huldigen mich überwinden können, ich würde für die Geltendmachung meiner Vota mich noch eines festern Untergrundes erfreut haben. Doch verzichtete ich auf Protectionen, seitdem ich die demüthigenden Folgen 21 [Am Scheidewege.] der Menzel’schen Kritik erlebt hatte. Selbst die Anerkennung derer, die ich hochverehrte, suchte ich nicht mehr. Ich war zu sehr überzeugt, daß ich nur für mich allein einzustehen hatte. Sah ich dann wol, da ich zu reisen liebte, deutsche Städte, erinnerte mich, daß so mancher berühmte Name in ihnen hauste, so mochte ich nicht bei ihm anklopfen. Denn ich wußte, daß sich der Angesprochene zuvor aus einem Wust von Mißtrauen und falscher Nachrede über mich, aus Bildungsstandpunkten, die nicht die meinigen waren und deren subjective Berechtigung ich doch anerkennen mußte, herauszulösen hatte, ehe er mein offnes Wort, meine dargereichte Rechte zu würdigen verstand. Solche Ueberdreistigkeit, die einige damals mit mir zugleich aufstrebenden jüngeren Schriftsteller später gezeigt haben, daß sie sich überall an die ersten Namen der Zeit zu machen wußten, wo dann Uhland und Meyer, Schelling und Meyer, Kaulbach und Meyer bis in’s Elysium Hand in Hand gehen sollen, ist mir bis zum heutigen Tage fremd gewesen. Unter solchen Umständen mußte mich die wie aus der Luft gekommene Aufforderung des Curators der Universität Bonn, J. Ph. von Rehfues, überraschen, der mich ermunterte, ich sollte meine gegenwärtige Carrière ganz unterbrechen, mich an einer Universität der Schweiz oder einer kleinen in Deutschland, Gießen oder Marburg, als Privatdocent habilitiren, er würde dafür sorgen, daß ich in kürzester Zeit Berufung an eine preußische Universität erhielte. So sicher stand in der That noch der nächste Anhalt für Rehfues, der Minister von Altenstein, dem Hausminister Wittgenstein und seinen Polizeischergen gegenüber, daß eine solche Wendung mei­nes Lebens, bei wahrscheinlich vorausgesetzter „einiger Reue“, gar nicht als undenkbar angenommen werden konnte. Der mich schon lange geistig fördernde Verkehr mit diesem durch Herzensgüte ausgezeichneten, vielverkannten Manne war die Folge einer vor Jahren von mir geschriebenen Kritik über seinen Scipio Cicala. Jener Aufforderung konnte ein schon für Weib und Kind zu sorgen Verpflichteter nicht folgen.

Der Verleger des „Telegraphen“ war Julius Campe geworden, derselbe Buchhändler, der Heine, Börne, theilweise Anastasius Grün, Raupach, Maltitz u. A. verlegte. Doch gab ich, gelegentlich bemerkt, nie meine Feder dazu her, gegen meine Ueberzeugung ein 22 [Ein Tag im Taunus.] Buch seines Verlags zu loben. Wie ich auch andrerseits dem, wie der ältre deutsche Buchhandel weiß, wunderlich gearteten und eigen zu behandelnden Manne nachzurühmen habe, daß er niemals die Prätension gemacht, ein von ihm verlegtes Journal zur steten An­preisung seiner Autoren benutzen zu wollen. Ich erwähne dies Verhältniß um deßwillen, weil sich im Kopfe des kürzlich verstorbenen Hoffmann von Fallersleben eine Anekdote zusammengewirrt hat, die in seinen, bei Rümpler in Hannover erschienenen Memoiren, diesem traurigen Sammelsurium von Gelegenheitsgedichten, Tischtoasten und ausgeschnittenen Zei­tungslobhudeleien, in Bezug auf mein Verhältniß zu Julius Campe meinen Charakter nicht wenig verunglimpft. Ich hatte, wie den ganzen Mann, so auch Hoffmanns „Unpolitische Lieder“ gut der Gesinnung nach, für Mittelgut als Dichterwaare befunden. Einige Jahre später begegnete ich ihm im schönen Taunusgebirg, auf der Promenade des Bades Soden, wo ich meine Gattin besuchte, die dort mit den Kindern verweilte. „Sieh den schönen Strauß, den mir der Professor geschenkt hat!“ rief meine Frau, als sie mit dem Ueberall und Nirgends daherkam, der damals am Rhein und Main seine Breslauer Quiescenz in einer kaum zu schildernden bequemen Weise genoß. „Versöhnt Euch Beide!“ setzte sie bittend hinzu. Die Schwester der drei wackern Büchner, Georg, Alexander, Louis Büchner, Luise Büchner, war mit Andern zugegen. Ich bot dem Straußwinder die Hand. „Aber sagen Sie mir, wie haben Sie denn das vor Campe durchbringen können, daß Sie seine eigenen Verlagsartikel in dem von ihm bezahlten Blatt herunterrissen?“ fragte mich Hoffmann von Fallersleben, als er mich vertraulich zur Seite gezogen. Eine Weile schwieg ich, stutzend über die grobnaive Erinnerung an jene Kritik, die mir eine Ueberzeugungssache gewesen, und machte dann die ausweichende Bemerkung: „Campe hat am wenigsten etwas dagegen gehabt. Er gönnt ja seinen Autoren, daß sie zuweilen geduckt werden.“ Wer Julius Campe gekannt und je gesehen hat, wie sich dieser Tyll Eulenspiegel der Leipziger Messe die Hände reiben und darüber freuen konnte, wenn er sah, daß für die Bäume, daß sie nicht in den Himmel wüchsen, wieder einmal gesorgt war und wär’s durch ein Epigramm auf seinen eignen Verlagsartikel gewesen, wird mein Wort harmlos deuten und 23 [Die hallischen Jahrbücher.] nehmen, wie es gefallen. Doch aus diesem Gespräch, das von einem Knäuel von Kurgästen, in welches wir gerathen waren, unterbrochen wurde, hat sich der Eitelste der Eiteln in späterer Zeit, wo sich der Mann einbildete, ich hätte nicht in der Schillerstiftung für ihn gesorgt (die Acten beweisen das Gegentheil) den Vers gemacht: G. gestand mir einst mit – (ich citire aus dem Gedächtniß. Aber „schamlose Frechheit“ oder etwas Aehnliches versteht sich in solchen Fällen unter deutschen Schriftstellern von selbst), er hätte mich im Auftrage Campe’s getadelt, nur damit dieser den Vortheil gewann, daß ich weniger Honorar forderte! Lieber Leser, wie viel Selbstbeherrschung muß doch ein Autor über sich gewinnen, um solcher, nur das Böswilligste voraussetzenden Schmähsucht gegenüber nichts zu thun, als zu sagen: Legt’s zum Uebrigen! Aus dem Duellanbieten (wozu ich in ähnlichen Fällen zweimal in der That habe greifen müssen), aus dem Gegenerklären, dem Berichtigen, Herumzanken in den Zeitungen, käme ein solcher „Bestverleumdeter“ nicht mehr heraus.

Die Zeit brach an, wo dem „Jungen Deutschland“ die Tonangabe in der Kritik (denn diese besaß es) entwunden wurde. Es geschah dies durch die Stiftung der „Hallischen Jahrbücher“. Das Kurze, Desultorische, Subjective, Willkürliche hörte jetzt auf. Lange Abhandlungen, die vom Ei anfingen, aber ebenso subjectiv, ebenso willkürlich waren, traten an seine Stelle. Die junghegel’sche Arbeit hat reiche Früchte getragen, vorzugsweise für die Universitäten, die akademische Jugend und die Lehrer. Daß dabei Männer wie R. E. Prutz ihren eignen Ursprung, die Schule ihrer Bildung verleugneten und gegen die Kritiker, die bisher im Vordergrunde gestanden hatten, mit Ausdrücken der Geringschätzung vorgingen, lag in der Eigenheit jeder neuen Epoche, zumal in Deutschland, daß die Kinder durch ihre Geburt die Mutter tödten. Schon hatten ja auch die einzelnen Mitglieder jenes Bundes, der niemals bestand, des „Jungen Deutschland“ neue Phasen ihrer Entwickelung angetreten. Heinrich Heine kehrte von seinen mißlichen prosaischen Ausflügen auf deutsche Literatur und Philosophie zum politischen Tagesvers zurück; Heinrich Laube folgte meinem Vorausgang und wandte sich mit Erfolg der Bühne zu; Gustav Kühne, derselbe, der von seinen Gesinnungsgenossen sagte: „Sie wollten nicht blos leben, 24 [Ludolf Wienbarg.] sondern auch glänzend leben“, hatte das richtige Theil ergriffen, er heirathete eine junge Dame, die ihm eine reiche Mitgift brachte; Theodor Mundt kam durch Louise Mühlbach in ein neues Stadium seiner gewandten, aber nie recht unmittelbaren und daher reizlos gebliebenen Feder; Ludolf Wienbarg konnte schon seit lange für verschollen gelten; denn dieser Aelteste unter uns allen war hinter den Hoffnungen, die sein erstes Auftreten hatte erwecken dürfen, weit zurückgeblieben. Als der Bedauerswerthe vor einigen Jahren starb, forderten mich vier unserer ersten Zeitungen auf, ihm einen Nekrolog zu schreiben. Allen stand das Bild vor Augen, das einst grade von ihm der Mann der „Männer der Zeit“ entworfen. Am Strande der Nordsee stehe reckenhaft Ludolf Wienbarg mit im Sturm flatternder Locke, Möven umkreisen ihn u. s. w. So oder ähnlich war seine Erscheinung stereotypirt. Jahre lang hieß es zu meinem Nachtheil: „Wie anders dagegen Ludolf Wienbarg –!“ Nun wohl! Ich mußte die Aufforderung jener Zeitungen ablehnen. Was mir der Dahingegangene durch schnöde Undankbarkeit an persönlichem Leid zugefügt hatte, konnte in dem Nekrolog verschwiegen bleiben, nicht aber der traurigste Verfall im Streben und Leisten, ein geistiger Schwund, der ganz Hamburg zum Zeugen hatte. Gesagt mußte werden, ob Immermann bei gesunden Sinnen gewesen, als er in seinem von Putlitz veröffentlichten Tagebuche über die Wienbarg’schen Augen gesagt haben soll, „sie müßten viel geweint haben!“ Geweint –! Die Kenner der betreffenden Augen werden mit Mühe die Bemerkung unterdrücken, daß hier ohne Zweifel eine Abbreviatur in Immermanns Tagebuch gestanden und diese nicht richtig gelesen ist. Hamburger Erinnerung sieht den „Nordlandsrecken“, für welchen einst Freunde die Subscription für sechs Vorlesungen zu Stande gebracht hatten, im Kreise von 10 oder 12 Zuhörern auf der Hamburger Börsenhalle, sieht ihn eintreten statt um 12 um halb 1, mit allen Zeichen bedeutungsvoller Erinnerung an seine Kieler Docentenschaft sich räuspern, ein Glas Zuckerwasser leeren, ein Manuscript entfalten, es langsam ablesen und sich nach – 15 Minuten schon wieder mit den Blättern, die ein plötzliches Leersein gezeigt hatten, entfernen! Vom Thurm der Katharinenkirche hatte es eben erst 3/4 geschlagen! Ludmilla Assings treues Gedächtniß wird die Richtigkeit 25 [Literarische Gruppen.] dieser Scene, der sie beiwohnte, bestätigen. Näherte man sich aber dann dem „Nordlandsrecken“, so schlug er seine oben geschilderten Augen auf, sprach mit lispelnder Stimme einzelne bedeutungsvolle Worte und hätte glauben machen können, daß er der Mittelpunkt der Literatur des Tages sei. Später gab ihm noch die Sache seines engern Vaterlandes, Schleswig-Holstein, einigen Aufschwung, doch verlief sich auch dieser, wie die Kenner nur zu gut wissen, anders, als in den „Männern der Zeit“ zu lesen sein wird. Nur um zu zeigen, daß ich trotz der Empfindungen, deren ganzen Unmuth ich über die stereotype Willkürlichkeit in den Urtheilen und Parallelen des Literaturgeschichtsgeschwätzes zurückdränge, doch für etwas Poetisches auch in diesem mir von der löblichen Collegenschaft damals Vorgezogenen nicht blind gewesen bin, erwähne ich, daß ich ein Dritttheil des Stoffes, aus welchem ich später meinen „Klingsohr“ im „Zauberer von Rom“ formte, von eben jenes Wienbargs Naturell entlehnt habe. Die Herkunft der beiden andern Dritttheile, nicht minder typisch für norddeutsche Richtungen, bezeichne ich gelegentlich.

Das Allgemeine der Zeit, die Signatur der neuen Ideen hatte sich trotz der geschilderten journalistischen Thätigkeit in dem inzwischen männlicher Gewordenen und leider zu früh in die Oeffentlichkeit Gedrängten allmählich als ein einiges Ganzes ausgebildet. Stütze und Halt fand ich schon lange nur in mir selbst. Daß sich eine Anzahl junger Männer, auch Frauen aus den Kreisen der immer mehr sich entwickelnden weiblichen Literatur, um die von mir gehaltene Fahne schaarte, vielversprechende Namen, Dingelstedt, Herwegh, Uffo Horn; daß fast die ganze jüngere Literatur, wenn sie nicht zur Richtung der schwäbischen Lyrik gehörte, sich mit mir in Verbindung setzte, durfte mir Schadloshaltung erscheinen für den Mangel an Ermuthigung bei den Männern einer ältern Periode, Rehfues ausgenommen. Aber nicht Belletristen allein waren es, die meine „Coterie“, meine „Handlanger“ genannt wurden (viele dieser Treuen deckt schon lange das Grab); auch fachwissenschaftliche Namen, Männer wie Detmold, Oppermann, jener zu früh verstorbene geistvolle Mediciner Siebert in Würzburg und manche andere schlossen jene Freundschaft mit mir, die jedem vertrauensvollen Worte freudig Gehör 26 [Neue Standpunkte.] giebt und Gefälligkeiten zu üben für gebotene Pflicht hält. Aber doch fühlte ich mehr und mehr, daß die Fortsetzung des großen neuzeitlichen Kampfes andere Waffen erforderte, als ich zu führen verstand. Die politischen Aufgaben setzten immer mehr das reichere specielle Wissen des Rechtskundigen voraus. Die Ausbeute, die mir ein einjähriger juristischer Cursus in Heidelberg und München gegeben hatte, war nur der Anfang einer Specialität, die selbst durch das Studium der Schriften eines Zachariä, Weitzel, Say, Adam Smith, Mac Culloch, Klüber nicht gleichen Schritt halten konnte mit der immer mehr sich erweiternden Bresche-Legung in den damaligen Staat. Wurden doch auch die Principien der eben genannten Namen schon wieder durch die Umwälzungsmethode, die in dem Journal der strebenden Privatdocenten, den „Hallischen Jahrbüchern“, befolgt wurde, über den Haufen geworfen. Die andere Incompetenz fühlte ich auf dem speculativ-philosophischen Gebiete. Obschon ein Schüler Hegels, hatte mir doch von je das abstracte Formeldenken widerstanden. Die Leichtigkeit des Umspringens mit den logischen Kategorieen, wie solche damals von den „Hallischen Jahrbüchern“ geübt wurde und wiederum jetzt von den jungen Adepten des Pessimismus, erregte mir staunende Bewunderung; denn aber ich selbst konnte nur denken mit concreten Unterlagen, in der Weise, wie die Engländer, Lessing, Herder philosophirten. Den damals zu enthusiastischer Empfehlung gelangten, jetzt bereits wieder vergessenen Ludwig Feuerbach fing ich zu lesen an, gestehe aber, daß mir bei ihm der Satz: Der Mensch ist das Maß aller Dinge! vor der Klippe, in’s Triviale zu gerathen, nicht immer sicher zu sein schien. Bei alledem mich bescheidend und den feurigen Zungen, die jetzt die neuen Botschaften verkündeten, nicht widersprechend, pflegte ich meine Lust am Einzelnen, meinen alten Sinn für künstlerische Abrundung und Einheitlichkeit. Allerdings konnte mir der damals immer mehr aufkommende Formenschiller in unsrer „Goldschnittlyrik“, die jetzt so vergessen und vergilbt die Buchläden hütet, nur ein Uebermaß dessen erscheinen, worauf es in der Literatur zumeist anzukommen schien. Die ästhetische Formengebung beschäftigte mich indessen nicht wenig, ja in solchem Grade, daß ich die Lust und selbst das Vermögen zu eigner Production verloren haben würde, umsomehr, als die Lyrik, so edle Blüthen 27 [Dramatische Erstlinge.] sie trieb, die Entwicklung einer wahren Nationalliteratur mehr zu hemmen, als zu fördern anfing und die Wegbahnerin des Manierirten und der kleinen Detailtiftelei wurde, wenn mir nicht die Bühne, die mir in Hamburg in ihrer ganzen unmittelbaren Wirkung auf das Gemüth des Volkes entgegengetreten war, ein Heilmittel geworden wäre für meist trübe und entsagende Stimmungen.

Wenn vom Schein der Esse umglüht, der Schmied am Feuer steht und in die vom angezogenen Ventilator immer neu verstärkte Gluth so lange das Eisen hält, bis es in den rechten Grad des Schweißens gelangt, dann hurtig das halbflüssige Metall auf den Ambos trägt und mit nerviger Faust darauf den wuchtigen Hammer fallen läßt, so erinnert sich das Kinderauge mit Wonne, wie sich ein Lauschen an der Schmiede durch den prächtigen Anblick belohnt der ringsumsprühenden, die Esse erleuchtenden Funken. Solche Funken sprüht der poetische junge Genius, wenn er das Drama als erste Offenbarung seines Schaffens wählt. So Schiller in den Räubern und Fiesko; so Goethe im Götz. Der ganze Mensch, im Bedürfniß sich zum Erstenmale auszusprechen, giebt sich in diesen Dramen kund, in solchen Erstlingen der dichterischen Jugendkraft, diesen ersten Schlägen auf die Sprödigkeit der Stoffe. Kleist, Immermann, Grabbe haben uns nicht in vollem Glanz jenes titanische Schauspiel hinterlassen. Der Erste nicht, weil ihm das Sonderthümliche seiner Stoffe sofort das Gesetz der Beschränkung, sozusagen der Zuspitzung zum Epigramm auferlegte; der Zweite nicht, weil er kalt und ironisch von Hause aus war; der Dritte, weil er der Welt aus dem Urgrund seines Innern nichts besonders Edles, Tiefes oder Hochgemuthes zu sagen wußte. Grabbe hat nur die Grimasse der Genialität zu zeigen verstanden.

Den Reiz dieser schriftstellerischen Jungfräulichkeit konnten die Dramen eines Autors nicht haben, der seinen innern Menschen, sein Ich schon zehn Jahre lang, in Poesie und Prosa, ausgesprochen hatte. Diese Funken des Weltenstürmers, diese bestrickenden Zauber einer genialen Unreife, die immer und immer mit fesselnden Wendungen vom Stoffe abzuirren droht und sich doch wieder durch den angebornen Künstlersinn zu ihm zurückfindet, diese fehlten meinen Dramen. Das erste derselben „König Saul“ gehörte noch ganz den 28 [Steigerungen des Erfolgs.] Einflüssen des Zeitalters der Ironie und Satire an, wie man wol am besten die Zeit der Tieck’schen Suprematie bezeichnen würde. Diese Zeit hat im Wesentlichen bis 1840 gedauert. Saul kämpfte mit den Philistern. Mit Philistern! Da kann der Tieckianer nicht widerstehen, zwei Fürsten „Flach“ und „Oberflach“ einzuführen, wie nur in Tiecks ernsten Dramen das Pathos des nicht einmal recht ernst gemeinten Ernstes allzuschnell aus der Rolle zu fallen pflegt. Das zweite Drama „Richard Savage“ machte schon glücklicher seinen Weg. Es führte mich in die Bretterwelt ein, die Bretterwelt vor und hinter den Lampen, vor und hinter den Coulissen. Doch erst mit dem dritten Versuch „Werner oder Herz und Welt“ gewann ich mir die Gunst der Menge. Hier hatte ich den Stoff aus mir selbst entlehnt, aus meinem eigenen Leben. Es war nicht das von Gustav Schlesier gemeinte „Herzblut“, nicht die Heinrich Heine’sche Actualität, was ich wiedergab; es war etwas Besseres und ein reiner Zufall, daß ich, der ich nie an die Leserinnen der Leihbibliothek, nie an die Voraussetzungen der gespannt sein wollenden Blasirtheit gedacht hatte, diesmal das traf, was die Hörer auf der Bühne verlangen. Zu dem genialen Schauspieler Jean Baptiste Baison in Hamburg hatte ich gesagt: „Kürzlich war ich in Berlin. Ich besuchte den Vater eines Mädchens, das ich vor Jahren liebte. Ich wurde gütig von ihm aufgenommen. Die Angebetete, die zu meiner Beglückung nichts hatte wagen wollen, die sich nicht hatte entschließen können, sich für mich zu bekennen, hat dennoch alle Bewerbungen, die sie reichlich empfing, abgelehnt. Ich gestehe Ihnen bei aller Achtung vor meiner Gattin, daß ich vor dem Vater der ehemaligen Geliebten, einer edlen idealen Mannesnatur, mit Erschütterung stand, ja daß ich noch jetzt zuweilen über dies Verfehlthaben eines Zuges meines Herzens vor Schmerz und Wehmuth“ – doch ich will nicht fortfahren in einem Tone, der vielleicht nur posthume Berechtigung hat. Ich verweise auf jenes Schauspiel, das ich auf’s eifrigste Zureden des mir Freund Gewordenen in wenigen Tagen schrieb. Die rigoristische Tugendkritik unsrer Zeit hat auch dies Drama, wie so viele andere meiner Charaktere und Erfindungen, vom Standpunkt der neu eingeführten poetischen Criminalgerichtsbarkeit, einem der uns gerechtesten ästhetischen Standpunkte, die es nur geben kann (denn muß 29 [Wetteifer. Hebbel.] er nicht z. B. aus dem „Vicar of Wakefield“ eine einzige Erbärmlichkeit machen?), verworfen und damit die Nerven, welche Stricken gleichen, als maßgebend für die Literatur des 19. Jahrhunderts bezeichnet, nicht die empfindsamen oder „kranken“. Aber das Erzeugniß Eurer „Molluskenseele“ zündete in Hamburg in solchem Grade, daß es eine Reihe von gefüllten Vorstellungen rasch hintereinander erlebte. Bei der fünften oder sechsten begegnete mir im gedrängtvollen Parterre Friedrich Hebbel, der eben bei der Direction seine „Judith“ eingereicht hatte. Auch er hat es der eben bezeichneten Kritik nie recht machen können. Nur daß Hebbel damals auf dem Gipfel der Verblendung über seinen Beruf stand. Mit Orsina zu reden, möchte ich’s bezeichnen: „In einem Tone – in einem Tone –“ der auch nur Friedrich Hebbeln eigen gewesen, wenn der gewiß Geniale von der Cheopspyramide seines Selbstbewußtseins herab verachtend und doch die Höflichkeit fast wie „Elias Krumm“ nicht aus den Augen verlierend, sprechen wollte – warf er mir vorübergehend ein langgezogenes „Guten Abend!“ entgegen. Es war nach dem dritten Acte, wo die Darstellerin der Julie eben dreimal gerufen worden war, dieselbe Dame, Christine Enghaus, die später – Hebbels Gattin werden sollte und bei hereinbrechender Beeinträchtigung ihrer Stellung am Burgtheater sich Jahre lang mit dieser einzigen so frisch von ihr erfaßten Rolle in ihrem Werth geltend zu machen wußte und gewiß dann zur Freude des Mannes, dem 1839 die blinde Vergötterung einiger Leute in Hamburg vorgeredet hatte, er allein sei der „Messias“ des deutschen Theaters und der denn auch damals für mich nichts hatte, als sein hämisches „Guten Abend!“, das mir durch die Seele schnitt.

Man legt wol einen Stein auf eine leichte, mit Wiesenblumen gefüllte Schaale. Die Blumen soll der Stein festhalten, soll die in ein wenig Wasser getauchten Vergißmeinnicht glauben lassen, daß sie noch am Bachesrande stünden und fortfahren könnten zu träumen wie gewohnt. Aber das Schicksal wirft uns oft auch in den Frühling unsrer Entwickelung Steine hinein, um diese zu hemmen. Dann müssen die nicht erdrückten Keime sich mühsam unter ihnen hindurch winden. Oft heben sie ihre Köpfchen erst wieder nach langem Ringen und Prüfen, ob sie auch in ihrer Wurzel ungebrochen ge-30[Kläffer und Hetzer.]blieben sind. In Hamburg schuf mir mein endlich gekommenes Glück, der Erfolg Richard Savages und Werners, eine wahre Meute von Widersachern und hinterrücks mich Schmähenden. Das Stadttheater, ausgezeichnet geleitet von Friedrich Ludwig Schmidt, einem Zögling der alten Schule, sollte durchaus Jedem, wenn derselbe auch nur eine Uebersetzung zu Stande gebracht hatte, gehören. Und einige Leute lebten in Hamburg ganz nur von einem fabrikartig betriebenen Uebersetzen. Andere, wie Karl Töpfer, der sich den Schein eines Originaldichters gegeben hatte, der er in den seltensten Fällen war, sahen nicht minder mißmuthig auf jede neue Concurrenz. Alle hatten sie die Presse, ja die Stimmung im Theater selbst, im Parterre, in den Corridoren, den Büffets in der Hand. Ein Nicolaus Bärmann, der niemals etwas Eigenes, außer plattdeutschem Gequatsch, zu Stande gebracht hatte, aber doch immer etwas betrieb, was die Repertoire der Theater in Anspruch nehmen sollte, war der Erfinder jener Kritiken, die man im Jargon des Theaterlebens „kuhwarme“ zu nennen pflegt. Hatte dieser Mann der Vorstellung neuer Stücke kaum bis zum Schlusse beigewohnt, so rannte er abends halb 11 in die Druckerei des gelesensten Hamburger Blattes, der „Nachrichten“, und ließ die Leser der über Nacht gedruckten Nummer schon am frühen Morgen erfahren, ob die Novität von gestern Abend gut oder schlecht gewesen sei, gut oder schlecht aufgenommen wurde. Wie mußte mich dieser Mann, der sich bei seinen Referaten selten an die Wahrheit hielt, hassen, als ich ein unter seinem Namen gegebenes Drama „Frauenehre“, worin wiederum Christine Enghaus mit hinreißender Kraft und Natürlichkeit gespielt hatte, ein Drama, das er als „nach dem Spanischen des Don Mendez Truxillo“ von ihm selbstständig geschaffen angekündigt hatte, für eine wörtliche Uebersetzung eines Stücks erklärte, das ich mir hatte aus Paris kommen lassen, der Marie Padille des französischen Akademikers Ancelot! Diese aus so bösen Elementen gemischte Hamburger Gesellschaft fing an, mir überall in den Weg zu treten und sofort die neue Tragödie „Judith“ zum Stein des Anstoßes zu machen, über den ich fallen sollte. Der Verfasser, ein Gerichtsschreiber aus Wesselburen, war die Losung eines Comité’s, das ihm die Mittel gewährt hatte, noch nachträglich zu studieren. Eben 31 [Genugthuungen.] von München gekommen, brachte er das Bewußtsein mit, daß er die Erwartungen, die man auf einen Genius, eben auf den Messias der Bühne, setzte, zu erfüllen vollkommen im Stande wäre. Der Anblick der Judith von Horace Vernet in München hatte ihm sein bekanntes, knapp epigrammatisch gehaltnes, all’ jener oben bezeichneten Funken des ersten Schlags auf schweißendes Eisen entbehrendes Drama abgewonnen. Oder die sprühenden Funken müßten denn in der Großsprecherei des Holofernes liegen sollen. Karl Töpfer, taub und gewohnt, so nachdrücklich zu sprechen, als wenn alle Welt taub wäre, raunte mir zuerst wie mit Fracturschrift in’s Ohr: „Das giebt den neuen Shakespeare!“ Da hatte ich den Stoß, ertrug ihn aber ruhig; denn ein Messias der deutschen Bühne hieß ja auch ich in auswärtigen Kritiken. Hatte ich doch die Sprache der Neuzeit, das war mein unbestreitbarer Ruhm, die Sprache der neuen Ideen zum ersten Male in den Mund der Schauspieler gelegt. Was waren diese bisher von modernem prosaischen Dialog zu sprechen gewohnt gewesen? Blum, Raupach, Töpfer und die Weißenthurn. Die Schauspieler bekannten selbst, mit meinem Dialog geistig zu wachsen. Das Shakespearefieber grassirte allerdings, gehörte aber mehr der Buchästhetik an. Vollends ein „neuer Shakespeare“ für die Bühne sein zu wollen, hatte ich keine Prätension, umsoweniger, als ich bei täglichem Besuch des Hamburger Theaters alle Versuche von Dichtern, mit dem Schwan von Avon zu wetteifern, scheitern sah. Auch die gepriesene „Judith“ wurde ohne jeden Erfolg gegeben. Das Haus war erschreckend leer, Niemand von den Bewunderern, die nach vier Wochen Bewunderung in der fünften schon wieder neidisch auf den Erfolg ihrer Bewunderung geworden waren, rührte die Hand; selbst die Juden, denen doch der Stoff hätte sympathisch erscheinen sollen, fanden die Ausführung desselben zu unbiblisch, in „Judith“, ihrem französischen Ursprunge gemäß, die moderne femme incomprise. Ich war nicht der Einzige, der das Werk in der Presse lobte; aber eine Kritik durch zwei volle Nummern meines Journals über die darauf folgende und gänzlich „abfallende“, nirgends berücksichtigte „Genoveva“ Hebbels war eine mit ihrem Wohlwollen so alleinstehende, daß sie mir in spätern Jahren öffentlich und mündlich des Verfassers Dank eintrug. Als dann Hebbel auf der Höhe 32 [Der dramatische Messias.] seines wohlbegründeten Rufes in Wien stand, als er wohlgemuth diese „Genoveva“ – horribile dictu! – in eine „Magellone“ umgedichtet hatte, etwa so, wie man einen verbotenen Operntext, die „Hugenotten“ in die „Ghibellinen von Pisa“ umänderte, und dann noch die Magellonenfabel selbst dem Burg­theaterpublikum zu Liebe mehrmals umwarf, sagte er mir beim Spazierenschlendern am Stephansplatz: „Lieber Freund, ich bin von manchen Dingen zurückgekommen! Ich rede mit den Menschen menschlich und gestehe alles zu, was man nur will! Nur Geld! Geld! Alles Uebrige ist mir gleichgültig!“ Alles Uebrige war ihm natürlich nicht gleichgültig und die Devise „Geld! Geld!“ galt ihm wie uns allen nur für gewisse Augenblicke, wo man keins hat. Aber die Wandlungsfähigkeit selbst des Titanen, die Accommodation selbst des gebornen Michel Angelo war doch constatirt und ich konnte darin eine Genugthuung für jenes verurtheilende „Guten Abend!“ finden, das ich nicht etwa dem Mangel an Gemüth (Hebbel hätte Ursache haben können, mir damals mehr als höflich, sogar dankbar zu sein), nicht der eignen Ueberschätzung zuschreibe, sondern lediglich dem Verranntsein in jene Principien, die auch Otto Ludwig ruinirt haben. (Siehe seinen „Nachlaß“ und die achtmalige Veränderung seiner „Agnes Bernauer“!) Dem Messiaswahn, der leider im Publikum und unter den jungen Nachwuchsköpfen nicht aussterben will, werden immer wieder neue Opfer fallen. Die Pietätlosigkeit der Intendanten gegen ältere Dramatiker hat ihre Ursache in dem Wahn, der Theaterdiener könnte alle Augenblicke in einem Postpacket das Erstlingsdrama des „neuen Messias“ bringen.

Nathan klagt bei Lessing, daß doch der Mensch durch seinen eignen Mund so oft das Zeugniß seines wahren Wer­thes sich nicht zu geben wisse! Möglich, daß dieser elegische Gedanke, von Hebbel, den ich im oben erzählten Fall dann dem Tempelherrn verglichen haben möchte, auch auf mich angewendet werden könnte. Also für heute – manum de tabula!

33 II.#

Der Strom der Zeit geht nicht so schnell, wie sich aus Strudeln heraus, an Klippen vorüber die Erinnerung, die Darstellung entwindet! Träge, träge schleicht die Stunde! Auch jene Stunde, von welcher Shakespeare seinen Macbeth so wahr, so erquickend sagen läßt, „sie rinne auch durch den rauhsten Tag!“ Ja die Stunde bringt Milde, Frieden, Balsam. Aber sie rinnt langsam und feierlich. Dem Unerwarteten, Plötzlichen geht jene lange unheimliche Stromfahrt voraus, die auf den amerikanischen Flüssen so ergreifend sein soll, wenn sich der Nachen des sich dem Tode weihenden Indianers auf glattem Spiegel dem Niagarafall nähert.

Im vorigen Abschnitt wurde die Zeit bis 1840 in gedrängtem Ueberblick gegeben. Möge jetzt auf wiederholter Fahrt zu demselben Ziele hin hier und da am Ufer Halt gemacht und manches für die Geschichte der Zeit nicht bedeutungslose Erinnerungszeichen aufgepflanzt werden.

Trübe Herbsttage waren im Jahre 1831 über Berlin gekommen. Todtenstille herrschte in den Straßen. Der „asiatische Gast“, die Cholera, hatte zum erstenmal Europa berührt. Nichts hatte die Annäherung zurückhalten können. Keine Absperrung gegen Rußland und Polen, kein „Choleracordon“ in der Provinz Posen, der, da er zugleich Cordon gegen die Pest der Revolution sein sollte, die soeben in Polen nach den mörderischen Schlachten von Ostrolenka und Praga von Paskiewitsch niedergeworfen war, dem dazu verwendeten Militär als Kriegsjahr angerechnet wurde; umsonst, die Geißel Gottes, wie sie auf den Kanzeln genannt wurde, war da und sogar 34 [Die Cholera.] in Berlin, in der Hauptstadt der Intelligenz, einer Stadt, wo Schinkel und Rauch und Humboldt lebten und das abstrakte Denken die Materie vergessen lehrte! Schleiermacher fand diesen Gegensatz zwischen Geist und Materie so fürchterlich, daß er darüber krank wurde, und Hegel erlag ihm unmittelbar.

Trüber Gedanken voll stand ich in einer von den Straßen Berlins, wo es empfindliche Gehörnerven jetzt vor dem Geräusch der Wagen nicht aushalten können. Damals wuchs in der Kochstraße ländlich ungestörtes Gras. Berlin zählte wenig über 200,000 Einwohner. Dennoch war die Zahl der täglichen Opfer, welche die Cholera fortraffte, schon auf 200 gestiegen. In jedem Viertel gab es Choleraspitäler. Diesen wurden die Kranken in langen mit Wachstuch überzogenen Körben überantwortet. Die Begräbnisse fanden des Nachts statt. Man hatte sich auf eine Haltung eingerichtet, wie sie im Mittelalter stattgefunden haben mochte, wenn die Pest hereinbrach. Alle Träger und sonstige Bedienstete beim Transportgeschäft trugen grüne wachstuchene Ueberkleider. Alles, was man berührte, roch nach Chlor.

Wer Berlin verlassen konnte, entfernte sich. Auch für mich galt es damals, an der todtenstillen Friedrichs- und Kochstraßenecke Abschied zu nehmen. Dort wohnte der Gegenstand meiner Liebe; dort auch der Freund, der mir noch einige Schritte vom Hause Nr. 70 das Geleit gab. Das Segel sollte gelichtet, die hohe See des Wagens und Erprobens der jugendlichen Kraft befahren werden. Die Blüthe der Studentenzeit war schon lange verwelkt; jetzt vollends, wo alles „Mäßigkeit“ predigte. Die Vorlesungen waren verödet, die Professoren einsylbig. Professor Hecker, der eine Geschichte der Medizin geschrieben, Monographieen über den „Englischen Schweiß“, über die Flagellantenwahnkrankheit, war in Aller Munde. Was konnte nicht noch alles kommen an ähnlicher Ekstase! Schon hatte es Aufruhr um die Brunnen gegeben. Die Reichen vergifteten diese, hieß es, um die Armen zu vertilgen. Die Berufungen auf den Zorn des Himmels, die öffentlichen Voraussetzungen von der Kraft des Gebetes wurden unerträglich.

Bürger und ich, ein Kreis Commilitonen, schon von der Schule her verbunden, hatten ein „burschenschaftliches Kränzchen“ errichtet, das 35 [„Ueberschuß an Stimmung“.] sich jeden Samstag an einem stillen lauschigen Platze in der Splittgerber­gasse, in der Nähe der Freimaurerloge „Zu den drei Weltkugeln“ versammelte. Ein versteckt liegender Garten, den ein Bretterzaun vom Cultus der eleusinischen Geheimnisse trennte, ein Wirthshaussaal hatten uns Gelegenheit geboten, Gebrauch zu machen von dem mehrerwähnten „Ueberschuß an Stimmung“. Dieser Ueberschuß, der dem delphischen Orakelspruch (und hoffentlich auch der Freimaurerei) Ne quid nimis! vollständig widerspricht, beherrschte die jugendliche Seele. Wo soll diese hin mit ihrem Feuer, ihrem Bedürfniß zu lieben, zu bewundern, sogar zu trauern, sogar zu weinen? Im Alter ist es unbegreiflich, woher die hochgespannte Feierlichkeit genommen werden konnte, die den „Landesvater“, (wir substituirten das „Vaterland“) den „Fürst von Thoren“, die Rundgesänge „Mein Lebens­lauf ist Lieb und Lust -“, „Bruder, Deine Schöne heißt?“ und Aehnliches mit so urkräftiger Stimme sang? Woher der pedan­tische Ernst kam, der den ganzen Gang eines Commerses durchführte? Die Art des Vor- und Nachtrinkens, dann einige Duelle, die zwar nicht aus unserm eigenen freundschaft- und liebeumschlungenen Kreise selbst hervorgingen, aber doch aus andern Sphären in die unsrigen hereinragten und Diesen oder Jenen als „Losgehenden“ oder „Sekundanten“ oder „Unpartheiischen“ be­tra­fen, alles das waren hochwichtige Dinge, wie ein Vorspiel zu den Congressen von Wien und Verona. Einzelne Charaktere, ein liebenswürdiger gescheuter Nordalbingier, Meyer aus Ratzeburg (später Professor in Riga und Hamburg), gaben diesen Umständlichkeiten eine phantastische Weihe, die im Stande war, sie mit Schelling, Hegel, Barbarossa, Max von Schenkendorf und dem Nibelungenhort in Verbindung zu bringen. Unser Liederbuch war das bekannte Serig’sche von Leipzig. Jener „Ueberschuß an Stimmung“ – oder soll ich sagen die Selbst­aufstachelung zur Rührung –? ging bei einzelnen Versen des Liedes: „Wir hatten gebauet ein stattliches Haus“ bis zu Tonschwingungen, wie sie etwa bei den amerikanischen Shakers stattfinden mögen, wenn diese im Begriff stehen, den Himmel offen zu sehen. Ein Glück, daß der kräftige Boden der Gläser, wenn diese aufgestampft wurden, als Ableitung des Furore dienen konnte. Schon bei den Worten: „Und drin auf Gott vertrauet trotz Regen Sturm und Graus“ hob 36 [Erste Federproben.] sich die Stimme zu einem anabaptistischen Tremolo. Es galt das Loos der Burschenschaft und ganz Deutschlands. „Die Form ist zerfallen, der Geist lebt in uns fort –“ Alle Schleusen im Gemüth öffneten sich, die Jean Paul’sche Idealwelt, die Fixsternanschauung seiner in Regenbogenfarben getauchten Helden schien über uns gekommen. Kein Blick wurde auf die Thür gerichtet, ob nicht etwa der Universitätspedell kam und uns sämmtlich unsre „Erkennungskarten“ abforderte. Ueberhaupt, wenn der Deutsche Choral singen kann („Lieb’ Vaterland kannst ruhig sein –“) und sich selbst in Rührung versetzt und dabei an seine Mutter denkt, ist er der größten Dinge fähig. In spätern Jahren begegnete ich dem Verfasser des obencitirten Liedes, August von Binzer, einem gebornen Holsteiner, in Augsburg. Der Contrast meiner jugendlichen Ueber­schuß-Stimmung beim Singen seines Liedes mit dem Staunen über die veränderte Haltung des Dichters, vielleicht auch des Zeitgeistes, ließ sich ihm selbst nicht aussprechen. Die Sphäre, die den ehemaligen Kieler Demagogen umgab, fühlte sich als die maaßgebendste nach jeder Richtung. Die Gemalin desselben, eine geistvolle Dame, die anfangs unter dem Namen Beer, später als Ernst Ritter, talentvoll geschriftstellert hat, war in Besitz der besondern Freundschaft des österreichischen Dichters Christian von Zedlitz gekommen, und dieser, ein Vertrauter des Fürsten Metternich, hatte den Kreis der Familie, hatte alle Beziehungen des alten Burschenschafts- und Wartburgshelden – auf den Fuß österreichischer und die wiener Adelssozietät über Alles erhebender Voraussetzungen gestellt!

Der Abschied in der Kochstraße wurde nicht wegen der Cholera vollzogen. Er würde auch unter minder düstern Umständen stattgefunden haben. Der Drang der Opposition gegen den absoluten Beamtenstaat hatte mir jeden Eindruck, den mir noch Berlin gewährte, verleidet. Schon hatte der Schriftsteller das Ei durchbrochen und führte die Feder gegen Dinge, gegen welche sich damals, ein Jahr nach der Julirevolution, im Zeitalter der Einkerkerungen, Amtsentsetzungen, Verbannungen, überhaupt schreiben ließ. Die strengsten Censoren überwachten jeden gedruckten Buchstaben; jede Anzeige im „Intelligenzblatt“ wurde geprüft, ob nicht etwa eine versteckte politische Anspielung dahinter enthalten war. Unbegreiflich und 37 [Berliner Lokalliteratur.] nur zu erklären durch die mir zugewendete Gunst des so allgemein gefürchteten Ministers von Kamptz (in meinen „Lebensbildern“ Band I S. 58 wurde der Anlaß dieser Beziehung erzählt) gestattete man mir auf eine Eingabe, die ich an’s Ministerium richtete, ein Journal herauszugeben („Forum der Journalliteratur“), worin mir freigestellt wurde, sogar über Religion und Politik zu schreiben. Ein Kammergerichtsrath Bardua wurde dem Studenten als Censor bestellt. Die Kosten dieses ersten Durchbrechens des Ei’s gingen aus meiner Tasche. Unter den Linden, im Hinterhofe des damaligen ersten Restaurants Berlins, des „Traiteur“ Jagor, betrat ich zum erstenmale eine Druckerei, die sich mit mir beschäftigte. Sonst war ich schon als Knabe in die schwarze Kunst eingeweiht. Ich hatte den eigen­thümlichen Duft einer Druckerei zuerst bei einem Verwandten kennen lernen, der sich sogar um die Herstellung einer neuerfun­denen Walze, zum Anschwärzen der Lettern, Verdienste erworben hat. Hier bei Conrad Feister, so hieß mein eigner Drucker, sollten nun die Druckfehler mir selbst gelten! Und welch milde Censur! Der Kammergerichtsrath strich nichts. Denn ich verschmähte die Freiheit, über die Kabinette von Petersburg und Wien zu schreiben. Mir schien denn doch, als würde die gewährte Freiheit Brombeeren gleichen, die von zu viel Brenn­nesseln umgeben sind. Mit echtem Philologenstolz ließ ich das Blatt, um es den Engländern und Franzosen lesbarer zu machen, mit lateinischen Lettern drucken. Im Wesentlichen war meine Aufgabe die, den Mann meines Herzens, Wolfgang Menzel, gegen die Angriffe seiner Gegner in Schutz zu nehmen. Es waren Ergüsse der reinsten Hingebung an eine Auffassung der Literatur, die mir zur Alleinherrschaft auf kritischem Gebiete berufen schien. Natürlich war ich nur Romantiker. Die neuaufgekommenen diabolischen Schnörkel, die Heinrich Heine an das Ende seiner Gedichte setzte, konnte ich nicht leiden, noch weniger die Literatur der Wortwitze und der Saphiriaden. Eine Einmischung in die Berliner Tagesliteratur, in die Fehden Saphirs mit seinen Gegnern, schien mir unter aller Würde eines Schriftstellers, der „mit der Milch des klassischen Alterthums“ gesäugt war – weßhalb ich auch noch jetzt nicht begreife, wie sich die jungen Gelehrten Wilhelm Wackernagel 38 [Die erste Reise.] und Karl Sim­rock damals in leichten Kaffee- und Theeblättchen, „Estafette“, „Courier“, gegen das einreißende „Judenthum in der Literatur“ so erhitzen konnten. Freilich war mir der Name Literatur nicht die Pflege von Balladen und Romanzen, nicht die Pflege von Novellen und Theaterstücken. Der Geist, aus welchem mir alles neugeboren werden zu müssen schien, wollte mir überhaupt nicht mehr im raschelnden Herbstlaub unter den Linden Berlins begegnen. Das Journal erreichte die Höhe von 70 Abonnenten. Es schlief ein. In Stuttgart wollte ich bei Wolfgang Menzel meine schriftstellerische Lehrzeit fortsetzen. Mein damaliger Styl jeanpaulisirte.

Die erste Reise im Leben, die Reise eines Zwanzigjährigen, eine Reise vor fast fünfzig Jahren! Diese war denn auch abenteuerlich genug. Wie fliegt man jetzt dahin! Wie wenig Zeit gewinnt man, nachzudenken, Vorstellungsreihen auszuspinnen, aus Land und Leuten sich neue Erfahrungen zu sammeln! Die nächtliche Begrüßung Wittenbergs, der schnelle Lauf zu Luthers Standbild, das in geisterhafter Stille betrachtet wurde, drüben an der Kirche – eine Stalllaterne leuchtete – die Thür, wo die Thesen angeschlagen waren –! Dann Halle! Ueberall bot die einfache „Fahrpost“ Gelegenheit zur Ansiedelung. Aber überall auch visirten die Gensdarmen die Pässe. Denn die polnische Revolution war gebändigt, „Warschau ruhig“; wer zu den Ausnahmen der am 1. November gegebenen Amnestie gehörte, ergriff die Flucht. Die Insurgenten wurden von den preußischen Behörden nicht ausgeliefert, doch auf bestimmte Straßen verwiesen, wo sie ihr Ziel, die Schweiz oder Frankreich, erreichen konnten. Die Einsprache Frankreichs, die unbefangene Objectivität Englands hatten den preußischen Staatsmännern denn doch zu Gemüth geführt, daß die Polenfrage unter dem allgemeinen Gesichtspunkt der europäischen Politik zu fassen war. Im Verlauf der Reise, auf weimarischem Gebiet, kamen über Sachsen her, in Post und Beiwägen, Schaaren von Flüchtlingen. Eine Epoche, die alles entbehrte, was ein Volk über seine wahren Interessen aufklären konnte, hatte natürlich nur einen idealistischen Standpunkt für die Polen. Realpolitik trieb selbst Friedrich von Raumer nicht, der die Geschichte der Theilung Polens erzählte. Ein gewesener Finanzminister, Biernazki, der sich in Naumburg mit uns verband, ließ sich mein leidliches Französisch zu Gute kommen, während einige 39 [Polenflüchtlinge. Der weimar’sche Husar.] thüringische Pastoren nur erfüllt waren von gleichzeitigen speciell deutschen Begebenheiten, halle’schen Angebereien, evangelischen Kirchenzeitungsverketzerungen, Röhrs, Bretschneiders kräftigen Einsprachen. Erst die Nacht schnitt den Austausch der Meinungen ab. Weimar war erreicht. Es lag im tiefen Schlummer. Ein heiliges Grauen ergriff mich, als ich die Schieferdächer der stillen Stadt sah und unter einem derselben mir den damals noch lebenden greisen Goethe dachte. Erinnerungen an die klassische Zeit tauchten auf. Der Mantel wurde enger angezogen. Geisterhauch, Geniusnähe weckte Schauer. Wie haben sich nach dieser Richtung hin die Nerven abgestumpft! Cultus des Genius! Carlyle mit seinem Zeitalter der Heroenschaft! Lächerlich! Jetzt, wo sich jeder Bauernjunge photographiren läßt und im Budget der Familienväter die jährliche Wiederholung der Photographieen zur Familienphysiognomiebeliebäugelung einen ansehnlichen Posten bildet! Narzissus, das ist der Heilige des Tages! Alle Welt scheint in sich verliebt! Und noch enger wird die Gemeinde des Cultus für den Genius loci! Ein mitgenommenes Blatt vom Grabe eines großen Menschen, eine Rose, die in Capri gebrochen, eine Muschel vom Strande der See auf den Shetlandinseln – immer weniger werden dieser geisterhaften ahnungweckenden Accorde der Windharfe im Gemüth, eines Instruments, das wol auch unter den Bäumen eines Parkes Niemand mehr aufhängen mag.

Kaum hatte ich mir endlich zu Eisenach die Nachtruhe im Rautenkranz gegönnt, hatte noch Abends zuvor die Wartburg zu erlugen gesucht, hatte mir vorgenommen, die Stelle aufzusuchen, wo 1817 beim großen Wartburgfeste die Burschenschaften den „Codex der Gensdarmerie“ meines wohlwollenden Gönners von Kamptz, die Schriften von Schmalz, das Lindner’sche „Manuscript aus Süddeutschland“ und ähnliche Literatur verbrannten, als an meine Thür gepocht wurde und ein baumlanger weimar’scher Husar eintrat, ganz so gekleidet, wie sich später die Fliegenden Blätter der weimar’schen Husaren bemächtigt haben. „Sie müssen sofort das Großherzogthum verlassen!“ hieß es. – „Warum? Hier ist mein Paß!“ – „Sie kommen aus Berlin! Sie schleppen die Cholera ein!“ – „Desinficiren Sie mich! Betrachten Sie mein Gepäck! Riechen Sie nichts? 40 [Thüringen und Hessen.] Ich verbreite ja eine Atmosphäre von Chlor!“ – „Hilft nichts! Sie müssen fort! Augenblicklich! Sie müssen zurück nach Gotha!“ – „Was?“ rief ich und sprang aus dem Bette. „Zurück? Nimmermehr!“ – „Oder vorwärts! Wie Sie wollen! Nur aus unserm Lande hinaus!“ Es blieb nichts Anderes übrig, als einen Einspänner zu bestellen und mich sofort in’s Kurhessische zu schlagen. Der Kurstaat, damals noch nicht unfreundlich gegen Berlin, hatte eine nur zehntägige Contumaz vorgeschrieben. Zwei Tage außerhalb Berlins hatte ich erst aufzuweisen. Die übrigen acht mußte ich nun sehen, wie und wo ich sie herausbrachte.

Herrliche Novembertage, bitterkalt zwar, aber erfrischend und kräftig belebend! Eine köstliche Fahrt, so allein mit einem schnellgedungenen Führer des Gefährts, der die Furcht Karl August’s, Goethe’s und des Kanzlers Müller (das war’s doch wol) vor dem Grauengespenst des Tages, einer noch räthselhaften Furie, nicht theilte, sondern mich wohlgemuth mitten durch die rothen Felsgesteine um Marksuhl, die Tannengründe, Erlenwälder, die malerisch gelegenen Dörfer, die Abdachungen des Thüringerwaldes nach Vacha und Hünefeld brachte! Wenig erinnerte ringsum an die schon vorgeschrittene Jahreszeit. Der Hemmschuh war in ständiger Bewegung. Denn zu unsern Füßen lagen Thalsenkungen mit rauschenden Mühlwässern, noch üppig grünen Wiesen, einsam gelegenen Wirthschaftshöfen. Lange noch war die damals so prosaische Dachperspective der Wartburg in Sicht. Ich sah die vermummten Reiter dahersprengen, die in diesen Bergen Luthern gefangen nahmen. Ich sah Bonifazius die Wodanseiche fällen. Einem berliner Kinde, das bis dahin nur hinter Treptow oder am Spandauer Bock im Walde gelegen oder im damals noch verwilderten Thiergarten einsam auf giftiger Sumpfflora geträumt hatte, ging hier das Herz auf. All die Wunden, die ihm schon geschlagen, all der Druck einer schon seit sechs Jahren auf sich selbst gestellten Existenz, all die Leiden eines Geistes, dem nirgends wohlthuende Anknüpfung geboten wurde, am wenigsten im Familienkreise, wo die Verblendung in Religions- und politischen Sachen täglich Scenen hervorgerufen hatte – alles war vergessen. An Busch und Baum, an Fels und Strom lehnte sich der jugendliche Muth mit seinem schon errungenen Besitz. 41 [Die Contumaz.] Im Reiz des Neuen breitete sich auch das Herz aus mit seinen schon schweren Lasten. Alles bekam gleichsam sein spezifisches Gewicht, den wahren Gehalt, abgewogen gegen eine Welt, die man noch bisher nicht kannte. Und auch diese Erfahrung aus dem Geheimniß des Ortes machte sich, daß so Vieles, was mir früher schreckhaft, vielleicht auch rathsam erschien, in Luft und Nebel zerging. Oder wem wäre nicht schon ein Vorsatz, den er in seinen vier Pfählen gefaßt hatte, in Nichts vergangen, wenn er an einem inzwischen veränderten Orte des Aufenthaltes an dessen Ausführung gehen wollte! Die wahre Welt und ihre Größe erdrücken die Welt der vier Wände.

In unsern Tagen mag die corrective Wirkung der Außenwelt auf etwa noch vorhandenen jugendlichen Idealismus noch stärker sein. Denn man fliegt von imposanter Realität zu Realität. Für mich gab es damals eine Kette kleiner Abenteuer. Die nächtliche Rast in einem Dorfe brachte im Wirthshause unter mir einen Tumult der zechenden Bauern und Knechte, der sich bis zum blutigen Kampfe steigerte. Ich eilte hinunter. Messer blinkten. Junge Dirnen, bildschön, schlankgewachsen, vom Tanz, vom Bescheidgeben beim Trinken erhitzt, warfen sich leidenschaftlich zwischen die athletischen Gestalten, rissen diese auseinander oder nahmen selbst Parthei. Kaulbach und Piloty hätten Studien machen können. Es war lange nach Mitternacht, als endlich der hinter Wolken hervortretende Mond mit seinem sanften Licht das Bild des Schreckens zerstreute und alles beruhigt zu haben schien. Am Morgen strömte leider ein unermeßlicher Regen. Aber wir brachen auf. Gegen Mittag wurde (in dem Orte Raßdorf) ein Bauerhaus mit Scheune erreicht, in welches die Contumazverpflichteten gesperrt wurden. Tabaksrauch, Bier- und Punschgeruch wallte mir entgegen. Die Tenne sogleich beim Eintritt war mit Streu belegt für die Handwerksbursche, die Treiber „verdächtigen“ Vieh’s, das in entlegnerer Absperrung stand. Ein Seitenbau war ein geräumiges Haus. Da zankten schon oben wieder unter sich die Polen; andere saßen in dem einzigen größern Raume des Hauses und spielten Karten. Kosciuszco-Lieder wurden gesungen, Skrynezki-Märsche gepfiffen, „Noch ist Polen nicht verloren“ – erscholl überall. Die Deutschen schwärmten mit den Kämpfern von Ostrolenka und die gebräunten ausdrucksvollen Charakterköpfe 42 [Reiselektüre.] fesselten in der That; theils durch die einschmeichelnde Weiche ihrer Rede im geradebrechten Deutsch, theils durch die Vorstellung von ihrem Muth, ihrer Entschlossenheit, die man beibehielt trotz eines fast weiblichen Niederschlags ihrer Augen. Zum Glück eroberte ich eine Kammer, die mir allein zu bleiben gestattete. Virtuose im Einsiedlerleben, ja Gourmand darin fand ich in diesen acht Tagen eine wahre Wohlthat. Die Worte einer sinnigen Dichterin, es sei ihr nur wohl,

„Wo mich Niemand kennt,
Wo mich Niemand nennt“

hab’ ich ihr im Leben unzähligemal nachgesprochen.

Noch existirte damals nicht bei mir die Cigarre für einen sorgloseren Blick auf das Stundenglas Saturns. Die Lockung des nicotinischen Krauts war an den Primaner zu früh ergangen. Der Rest blieb damals – Schweigen. Vierzig Jahre konnten den Schauder der Nachwirkung nicht überwinden. Doch die Feder war zur Hand und manches in rascher Auswahl aus meiner schon ansehnlichen Bibliothek mitgenommene Buch lag im Felleisen. Da gab es einige Theile Shakespeare, gab es Grabbe’s eben erschienenes Drama „Napoleon“ und Karl Rosenkranz’ „Geschichte der deutschen Dichtung im Mittelalter“, Bücher, wie ich sie mir zu kaufen pflegte, weil sie die Neuheiten des Tages waren. Ueber das letztere Buch wurde eine Rezension geschrieben und das schöne Werk, das einer unserer gelehrten Germanisten mit dem Stand der altdeutschen Philologie des Tages in Einklang bringen und neu herausgeben sollte, mit der Wärme des Danks für den Genuß, der mir zu Theil geworden, empfohlen. Ein Hörer von der Hagens und Karl Lachmanns stand ich dem Gegenstand in erster Frische der Beschäftigung damit nahe. Der große Britte war mir wie Goethe und Jean Paul das, was vielen jungen Leuten jetzt nur Jokay oder Hackländer ist. Ich las ihn meistentheils laut zum Schrecken der Mutter, die in der stillen Kronenstraße Berlins einen Auflauf befürchtete, mindestens den Schein, als fände in dem Zimmer eines grünen Hauses ein ständiger Wortwechsel, Zank, zuweilen Schlägerei statt. Selbst die heiligen Sonntagsvormittage, während mich in der nahen Dreifaltigkeitskirche die Vorträge Schleiermachers hätten anziehen 43 [Grabbe’s Napoleon.] sollen – ich hatte schon lange die Neigung dafür verloren – waren den Kämpfen der rothen und weißen Rose gewidmet. Ich war ein halber Schauspieler, obgleich ich selbst auf Schleiermachers Kanzel gestanden und im Talar einmal eine Predigt gehalten habe. Die wilden Drohungen Shylocks, die Renommagen Percys, die Bravaden Faulconbridge’s brachte ich in einer Weise zu Gehör, die mir in solchem Grade mustergültig erschien, daß ich zuweilen über die Möglichkeit angefangen hatte nachzudenken, ob ich nicht Schauspieler werden sollte. Nur die Aussicht auf die Demüthigung, daß ich auch das würde spielen müssen, was unter meiner Würde und Bildung stand, und daß ich überhaupt, ich, ein Musensohn, Sklave der Menge werden sollte, das brachte mich von dem Gedanken ab, der meinen Freund Bürger überwunden und ihn zum Opernsänger gemacht hatte. Von Grabbe kaufte ich schon als Primaner jedes neuerschienene Werk, ohne davon die volle Befriedigung zu haben. Im „Napoleon“ empörte mich der französische Standpunkt. Vergötterung diesem Tyrannen! Gleichstellung mit Männern wie Cromwell, Karl dem Großen, Hannibal! Monologe mit ständiger Armverschränkung wie Wallenstein! Eine Titanenmaske –! Es war mir zuviel. Ich hielt Napoleon und halte ihn noch für das Produkt der Umstände. Diese tragische Glorie, die damals bei Heinrich Heine aufgekommen war, die dann von Franz von Gaudy, Zedlitz u. A. erweitert wurde, ja das förmliche Androhen eines Wieder­erwa­chens der „alten Garde“ – das, was daran erhaben sein sollte, er­schüt­terte mich nicht. Mir war Napoleon nur der Corse, der Tyrann, der Deutschland mit Füßen getreten. Alle großen Phrasen, womit seine Gestalt, sein grüner Leibrock, seine weißen Lederhosen, sein Dreimaster, die hohen Stulpstiefel umgeben zu werden anfingen, trennten den, der dergleichen aussprach, von meiner Mitempfindung. Grabbe hatte sogar die Begeisterung der jungen Freiwilligen von 1813 mit Spott eingeführt! Er machte einen Berliner, der Mir und Mich verwechselt, zum Träger der deutschen Erhebung, während seine Franzosen immer les braves, die Löwen heißen, die alten Invaliden von Marengo und Wagram, beinahe höhere Wesen. Den übrigen Inhalt des auch ohne alle Wirkung vorübergegangenen Buches, das Renommistische darin, die Narrheit, in einem Drama eine 44 [Neue Hemmnisse. Die Zollstätten. Die Krawalle.] Schlacht vorzuführen, wo General Lobau hier commandirt: „Schießt!“ und Blücher drüben antwortet: „Gleichfalls!“ – dergleichen bewundert noch der jugendliche Sinn und nimmt das Triviale für genial. Doch konnte mir auch schon damals der Mangel an einem wohlthuenden Gesammteindruck des Stückes, das Ergebniß einer einfach nur in Dialog übersetzten Handlungs- und Begebenheiten-Anhäufung und eines völligen Mangels an individueller, aus dem Willen entwickelter Intriguenführung nicht entgehen.

„Bald wird die Freiheitsstunde schlagen!“ sang ich mit dem damals noch nicht allgemein gestatteten Masaniello in der „Stummen von Portici“, der Oper, die dem Könige der Niederlande Belgien gekostet hatte; denn mit ihrer Aufführung im Theater hatte ein Jahr zuvor der Aufstand in Brüssel begonnen. Endlich schlug sie auch für mich. Der Thurn- und Taxis’sche Wagen führte mich in das damals in den Nachwirkungen der Julirevolution noch nicht beruhigte Kurhessen. Ich sah das alte kaiserliche Gelnhausen, das durch den neulateinischen Dichter Lotichius mir bekannte Schlüchtern, Hanau, wo der regierende Kurfürst mit Gräfin Reichenbach hauste, schmollend mit Kassel, wo ihm die Stände seinen Sohn als Mitregenten abgerungen hatten; ich hoffte bald Frankfurt am Main zu berühren. Das Terrain ringsum war neuerdings revolutionsberühmt. Jeder Blick auf die Zeitungen brachte die Kunde von neuen Zusammenrottungen, Verhaftungen, bald auf Grund der mit auffallenden Demonstrationen eingeholten Polen, bald auf Anlaß der zerstörten neuen Zollstätten. Langsam hatte sich der preußische Zollverein auszudehnen begonnen. Seine immer weitergreifenden Pulsationen schienen den Feindlichgesinnten ein wachsender Krebs im Organismus Deutschlands. Andere begrüßten ihn mit Jubel als Boten der deutschen Einigung auch in höheren Dingen. Die einzelnen Staaten wurden nur nach und nach gewonnen. Die Zollschranken, die neuen Steueransätze, die Verfolgungen des Schmuggels regten die Unbotmäßigkeit des niedern Volkes immer mehr auf. Dunkle Mächte, und nicht blos demokratische, kirchliche und politische, schürten. Frankfurt, das von je durch Oesterreich beeinflußt wurde, entschloß sich erst da zu dem in Handel und Wandel einigen Deutschland hinzuzutreten, als man kaum von Dorf zu Dorf in seiner 45 [An der „Mainkur“.] Umgebung ohne Untersuchung spazieren gehen konnte. Die Geschäfte zogen sich darüber in solchem Grade von Frankfurt nach dem nahegelegenen Offenbach, daß darüber ohne Zweifel jener gewiß in der Frankfurter Schnurgasse entstandene Zornesausruf: „Krieg’ die Kränk, Offenbach!“ zum geflügelten Worte wurde.

Im strömenden Regen, bei nächtlichem Dunkel angelangt vor einer dieser erst vor Kurzem zerstörten Zollstätten, an der Mainkur, einer Krümmung des Maines (cornu Moeni, Mainhorn) schon dicht bei dem ersehnten Frankfurt, wurde der Wagenzug, Hauptpost und mehre Beichaisen, von Zollvisitatoren und Polizeimännern angehalten. Jeder mußte seinen Paß zeigen. „Sie können nicht nach Frankfurt!“ rief man mich auch hier bei der Zurückstellung des meinigen an, während der Pinsel eines Honthorst Stoff zu einem Nachtgemälde gehabt hätte. Rings nächt­liches Dunkel, die Laternen, das Gewirr der Wagen, der Regen, die Polizeimänner, die Polen in ihren Pelzen und viereckigen Mützen, die zerstörten Zollstätten, alles das gab einen originellen Effekt. „Sie müssen zwanzig Täg’ hawwe von Berlin. Sie hawwe nor erschtst zehn.“ – „Aber Darmstadt? Kann ich denn nicht über Offenbach?“ – „Wie Sie wolle! Aber all eins! Die Darmstädter verlange aach zwanzig Täg’!“ – Was war zu thun? Ich mußte aussteigen, mein Gepäck einfordern und fernere zehn Tage aus dem Buche meines Lebens streichen. Irgendwo waren sie herauszubringen, zu vergrübeln, zu verträumen. Sie zu verbillardspielen oder zu verrauchen gehörte nicht zu meinen Passionen.

Die sämmtlichen Wagen mit ihren, nicht aus Berlin, meistens von Leipzig kommenden Passagieren rollten davon. Ich blieb in dunkler Nacht allein. Von dem entzückenden Rundblick, den man gerade von diesem Punkte aus auf die Höhe des alten Ortes Bergen genießen kann, auf die Contouren des Taunus, auf den geheimnißvollen, sagenreichen Odenwald, auf das im Osten gelegene Freigericht, konnte mir keine Ahnung kommen. Ich sah nur strömenden Regen, mein Felleisen, meinen defekten Regenschirm, einige mitleidige Seelen, die mir Rathschläge ertheilten, wie sich wol Stuttgart erreichen ließe, wie Frankfurt, Hessen, Bayern umgangen werden könnten. Alle Staaten hatten sich gegen mich verschworen. Endlich folgte ich dem alten Spruche, daß sich der Weisere immer zurückzieht. 46 [Hanau.] Kehre in dein vorurtheilsloses damals ganz preußisch empfindendes Kurhessen zurück! Ich dankte dem Manne im grauen Zollwächtermantel, der mich auf die mit den Beichaisen zurückkehrenden Postillone verwies. Um Mitternacht trafen diese auch ein und führten mich in einer der durchnäßten, durch Lederklappen an den Seiten nur wenig geschützten Karreten nach Hanau.

Schon aus jener Zeit ist mir der Ort eine freundliche werthe Erinnerung geblieben. Das regnerische Wetter schlug in Frost um. Es wurde bitterkalt und sonnenhell. Da konnte sich die als Kolonie glaubensverwandter Holländer, Wallonen und Franzosen berühmte Stadt in der ihr eigenthümlichen Sauberkeit zeigen, mit ihrer wunderlich geformten französischen Kirche, deren Dach höher ist als ihr Unterbau, mit ihrem imposanten Markte, dem stattlichen Rath­hause, dem so gefälligen Renaissancebau des Gymnasiums, schließlich mit ihren den Reichthum des Kurhauses verbürgenden Umgebungen an Schlössern, Parks und wohlgepflegten Gartenanlagen. Damals stand wol noch im nahen Philippsruhe die Allee von Orangenbäumen im schützenden Gewächshause, die später der Vater des Letzten der altehrwürdigen Dynastie Philipps des Großmüthigen an den Pächter der Spielbank zu Homburg entweder verkauft oder am grünen Tisch als Einsatz verspielt hat. Sie schmücken jetzt die Anlagen am Kurhause von Homburg.

Die erste Wirthshausrechnung belehrte mich, daß meine Kasse eine achtmalige Wiederholung derselben nicht ertragen würde. Ich nahm daher eine Privatwohnung und fand diese unterm Dach bei einem Schuster, der zugleich Briefträger war. Auch hatte der vielseitige Mann eine Gemalin, die ihn in der ersten seiner Funktionen unterstützte, sich dafür aber zum Lohn einem stillen Laster ergeben hatte und in Folge der durch Alkohol gesteigerten Ekstase auf Pietismus verfallen war durch natürliche Verwandtschaft. Denn ist einmal der Geist in gehobener Stimmung, wohin soll ihn anders, wenn ihm die Unterlagen fehlen, die Ekstase führen als in die Region der Kanzel! Kennt der Inspirirte doch nichts anderes, als das Evangelium, über das sich mit angefeuerter Zunge reden läßt. In unsern Tagen haben die illustrirten Volksblätter und die Lehren der Sozialdemokraten schon ein erweitertes Terrain eröffnet, wo, „wenn der Muth in der 47 [Börne’s Briefe aus Paris.] Brust seine Spannkraft übt“, dem Redebedürfniß das Material der Phrase reicher zu Gebote steht. Damals begannen zuerst die Rufe: Nieder mit den Geldsäcken! Die Gedanken der Volksmassen, die um Hanau und Frankfurt herum die Neigung zu Rottirungen (Krawallen) nur zu oft und bis auf den heutigen Tag verrathen haben (die Ermordung Lichnowski’s und Auerswalds gab ein Beispiel, wie weit darin gegangen werden kann) gingen im Wesentlichen auf Rothschild’s Keller. Doch war dieser Trieb auf Theilung nur beim Proletariat vorhanden; allgemeiner noch lautete die Volksparole: „Fürsten zum Land hinaus!“

Einsprechend in dem Laden des freundlichen gefälligen Buchhändlers Friedrich König, eroberte ich die schon von der Polizei verfolgte Neuigkeit des Tages, Börne’s Briefe aus Paris. Zugleich erhielt ich von dem gesinnungsvollen unerschrockenen Manne die Ermunterung, als junger Schriftsteller das Handwerk im Orte zu begrüßen, den Kammersekretär Heinrich König, den Gymnasiallehrer Zehner und den in der Nähe hausenden ehemaligen Minister Grafen Benzel-Sternau, alle drei, wie mir bekannt, Nachahmer Jean Paul’s.

Vorläufig fesselte mich das wilde Buch, das angeblich in Paris bei Brunet, in Wahrheit bei Julius Campe in Hamburg erschienen war. Auch die Offizin, die es gedruckt hatte, die Altenburger Hofbuchdruckerei, war Jedermann bekannt. Selten wol hat ein Buch soviel Spektakel in Deutschland gemacht, wie die ersten Bände von Börne’s „Briefen aus Paris“. Selbst die Freimüthigsten stutzten. Sätze, wie: „Man kann einen Fürsten verjagen, wenn uns seine Nase stört“, eine Polemik im Style Rocheforts von heute, waren nicht Jedermanns Sache. Zahllose Schriftsteller, Raumer, Wilibald Alexis, Friedrich Förster, sämmtliche Recensenten der Brockhaus’schen Blätter fielen über die Luftfeuerwerkerei des im Pariser Asyl geschützten, von den Rücksichten auf deutsche Censur befreiten ehemaligen Frankfurter Polizeiaktuars wie über greifbare, thatsächlich festzuhaltende Sätze her. Nur der einzige Wolfgang Menzel war noch unbefangen genug, das Buch als einen Stimmungsausdruck zu bezeichnen, den man subjectiv und in seinen Ueberschwänglichkeiten mit selbstverständlichem grano salis zu fassen 48 [„Judenhaß“.] hatte. Was verfolgt ihr den Humor! Der Johanniswurm glüht in milden Nächten wie ein Brillant, so lange er über den dunklen Büschen schwebt und im Fluge ist; hascht ihr ihn aber, habt ihn in der Hand und wollt den Brillanten definiren, so ist er ein graues armes Insekt. Mir ging alles in dem Buche natürlich zu, Wahrheit und Uebertreibung. Nur die Philisterei konnte den Sonnenstrahl zergliedern wollen, alles Gesagte exakt nehmen, mathematisch abgemessen, keinen Zoll zu viel, keinen zu wenig. Börne’s Leben habe ich später selbst beschrieben. Es war mir eigen mit ihm gegangen. Schon als Primaner abonnirte ich mich auf die erste, höchst elegant gedruckte Ausgabe seiner „Gesammelten Schriften“. Ich schwelg­te in seiner Denkrede auf Jean Paul, seinen witzigen kleinen Humoresken, „der Narr im Weißen Schwan“, „die Postschnecke“ und den übrigen Cabinetsstücken einer wol in den Stoffen, nicht in der Form veralteten Satyre. Da erfuhr ich, daß Börne ein Jude sei und eigentlich Baruch heiße. Man wagt heutiges Tages viel, wenn ich gestehe, daß ich über diese Entdeckung unglücklich war. Heute macht man leichter die Revolutionen der Bildung durch. Die Juden nahmen vor einem halben Jahrhundert nur noch vereinzelt am Culturkampf der Deutschen Theil. Erscheinungen wie des Theologen Neander, der Juristen Hitzig und Gans, des Musikers Mendelssohn standen so vereinzelt, daß sich jene Selbstverständlichkeit des Gleichmuths, ob Jemand einer Frage der Zeit, der Aufklärung, des Staates, der Kirche gegenüber Christ oder Jude sei, erst durch die Unausweichlichkeit der vollendeten Thatsache gebildet hat. „Christlichgermanischen“ Judenhaß brachte schon die Burschenschaft mit sich. Auf der Schule hatte ich Juden als Verräther und Angeber kennen gelernt. Ein buckliges Ungethüm aus Polen, rachsüchtig wie Shylock, wurde von Allen gefürchtet. Erst dem Studenten traten liebenswerthere gemüthvolle Juden entgegen, der wunderlichste darunter ein Königsberger, durch und durch selbst christlichgermanisch, jener Joel Jacoby, der sich später katholisch taufen ließ, Maria Joseph Jacoby. Im Geist des Jarcke-Philipps’schen „Politischen Wochenblatts“ schrieb er dies und das und wurde zuletzt von Manteuffels Preßmandarinen zum Kanzleirath und Zeitungslector beim berliner Polizeipräsidium ernannt. Immer mehr ergab 49 [Heinrich König.] ich mich dem Bedächtigerwerden im Kundgeben ungeprüfter Instincte und Vorurtheile. Die Dressur meiner christlich-germani­schen Gefühle ging sogar bis zum aufrichtigen Mitempfinden des als literarische Mode zehn Jahre später aufgekommenen sogenannten „Judenschmerzes“, der „Ahasverustrauer“, wo ich für diese sentimental gewordene Humanitätsfrage redlich das Meinige gethan und für die Sache der Emanzipation mit Wärme gestritten habe.

Heinrich König, der sich damals durch seinen Roman: „Die hohe Braut“ noch nicht die allgemeinere Beachtung gewonnen hatte, litt in jener Zeit, als ich ihn besuchte, unter den Folgen eines grauenhaften Mißverständnisses, das seine Person betraf. Seine Frau war ihm mit Tod abgegangen. Leichenbefund hatte auf Erwürgung im Schlaf gelautet! Die Ehe war in der That keine glückliche und König hatte böse Feinde, namentlich in katholischen Kreisen. Waren auch die letzteren in Hanau selbst nicht mächtig, so stand doch Hanau in enger Verbindung mit Fulda, von wo aus König, ein Katholik, schon seit längerer Zeit im Stande der Excommunication lebte. Natürlich löste sich die Anschuldigung in Nichts auf. Die verdächtigen Suggillationen am Halse, die dem Arzte von einem Strick gekommen schienen, waren nach genauerer Untersuchung die Folge von Umschlägen, die mit einem ätzenden Wasser angefeuchtet gewesen. Die entsetzliche Anklage hatte auch wol dem freisinnigen Deputirten gelten sollen. König hatte zwar nicht studirt, stand aber auf der Höhe der Tagesfragen und war überall heimisch, soviel auch nur der jugendlich Strebende, der ihn besuchte, bei einem gemüthlichen Nachtmahl, wozu er mich einlud, auf’s Tapet brachte. Ein „Rosenkranz für Katholiken“, den er eben herausgegeben und durch einen „Christbaum des Lebens“ ergänzt hatte, trug den jeanpaulisirenden Charakter, ohne etwa, was die Titel glauben machen konnten, besondere Gefühlsweichheit zu signalisiren. Im Gegentheil, die starken hervorstehenden trotzigen Backenknochen seines Antlitzes verriethen zähe Widerstandskraft. Der wackre Mann hat diese in seinen Kämpfen gegen die Anmuthun­gen der katholischen Kirche gezeigt ebenso wie in den kurhessischen Landtags- und Verfassungswirren. Weicher und mehr den Blumen und Sternen zugewandt erschien der gleichfalls zum Mahle entbotene Professor Zehner, der 50 [Frankfurt am Main.] indessen bald darauf meiner inspirirten Schusterin nachzuahmen anfing, darüber seine Stelle verlor und nach schönen Anfängen einer auf Kenntniß des Orients sich stützenden Muse als Redacteur eines Lokalblättchens in der Gegend um Würzburg her in trauriger Weise verkommen ist. Graf Bentzel-Sternau wohnte auf dem Lande.

Endlich brach der zwanzigste Tag und mit lachendem Sonnenschein an. Es war ein Sonntag. Ein leichter Frost hatte die Chausseegräben mit dünnen Eisdecken überzogen. Die Sträucher und Zweige zahlloser Obstbäume schimmerten in der Sonne vom Reif, der sie bezog. In Frankfurt merkte man kaum, daß der Winter schon erschienen war. Die Kirchen entleerten sich grade, während ich meiner Kasse zutraute, die für mich klassische Stätte des „Weißen Schwanen“ für einen Tag als Wohnung zu wählen. Mußte es doch am folgenden Tage weiter gehen und wie lockten nicht die Namen: Die Bergstraße und Heidelberg! Sauber gekehrt und sogar hier und dort mit Sand bestreut waren Frankfurts damals noch durch geschlossene Thore eingefriedigten Gassen. Die Kirchen hatten sich durch quer über die Nachbarstraßen gezogene Ketten Ruhe verschafft. An der ominösen Constablerwache auf der Zeil gab es schon jene Fensterblenden von Gefängnissen, die zwei Jahre später erstürmt werden sollten. Die Volkshaufen, die jedoch in friedlicher Absicht zugegen waren und vor dem ungeschickt gelegenen Gefängniß auf und nieder zogen, gehörten den umliegenden Dörfern an und waren Eingepfarrte der Stadt, die Sonntags zur Kirche kamen. Zum Besichtigen der Stadt, zum Aufsuchen etwa der Stelle, wo sich in Goethe’s „Märchen“ die Stadtmauer zum Durchlaß des „Götterknaben“ geöffnet hatte – (solchen Bildern der Erinnerung jagte ich sofort nach) – war meine Zeit zu gemessen. Doch umschritt ich die Stadt, betrachtete mir das damals für Besuch verschlossene Goethehaus und erfreute mich den Abend am „Politischen Zinngießer“ im Theater. Im Rahmhof nahm die Thurn- und Taxis’sche Post die Passagiere nach Stuttgart nummernweise auf. Mir fiel ein Coupéplatz zu. So konnte ich desto besser jene Bergstraße überblicken, von welcher Kaiser Joseph gesagt haben soll: „Hier bin ich ja in Italien!“ Heidelberg wurde in der Nacht begrüßt, noch ehe die Straßenlaternen und – die Lämpchen etwaiger wirklich Studirender über dem Strom er-51[Heidelberg und Stuttgart.]loschen waren. Noch sang sich mancher einsame Bruder Studio taumelnd nach Hause. Auch hier in diesem magischen Bilde war ich heimisch in meiner Art. Der Epheu, der die Trümmer des ehrwürdigen Schlosses umrankt, ein Wintergrün von staunenswerthem Alter, konnte erst in spätern Jahren betrachtet werden; aber der geistige Epheu, der sich für mich um diese Schattenbilder im nächtlichen Dunkel rankte, um die romantische Literaturzeit der Görres, Arnim, Clemens Brentano, die einst hier „Trösteinsamkeit“, die „Zeitschrift für Einsiedler“, „des Knaben Wunderhorn“ und andere Erquickungen des deutschen Gemüths in trübster Zeit (1808) herausgegeben hatten, den sah ich schon aus dem Postwagen überall. Aus diesen verhallenden, sich allerdings schon etwas dem Brüllen nähernden Chören des „Faulen Pelz“, des „Prinz Max“ vernahm ich den Silberklang der deutschen Lyrik, die bestrickenden Rhythmen, wie „Zu Straßburg auf der Schanz“, „Im Mayen, im Mayen ist’s lieblich und schön“, Weisen, deren Naivetät dann Heinrich Heine, später Richard Wagner (beide zugleich mit dem Sagenschatz der Deutschen) zu ihren Gunsten auszubeuten verstanden haben. Am zweiundzwanzigsten Tage nach der Abreise von Berlin war ich endlich in Stuttgart angelangt.

Wieder schien golden, doch jetzt im Untergehen die Sonne. Sie beleuchtete die große Muschel, die Stuttgarts reizende Lage bildet. Die übliche Vergleichung mit einem „Kessel“ paßt für diese sanft aufsteigenden Höhen nicht. Es ziehen sich längliche Furchen, Thaleinschnitte und Senkungen in die abschüssig gehenden Berggelände, in denen im November noch mancher Holzpflock mit verbranntem Papier vom letzten Weinlesefeuerwerk von einem der Landessitten Kundigern hätte bemerkt werden können. Noch duftete die Stadt nach Wein- und Aepfelmost. Die Stiftskirche, das Schloß, die kleinen Häuser, manche von diesen noch mit Kolben türkischen Korns umzogen, es gab ein Bild provinzieller Abgeschlossenheit und Einfachheit, das aus dem sich jetzt so großstädtisch fühlenden Haltestationspunkte zwischen Wien und Paris kaum noch herauszufinden ist. Dazu allerwege klassische Erinnerung. Schiller ist uns hier gegenwärtiger als in Weimar. Lieben wir doch mehr den in tyrannos sich erhebenden jungen Adler, den Flüchtling nach Mannheim, als den spätern Hofrath. Das Cotta’sche Geschäft war wie ein Mausoleum 52 [Wolfgang Menzel.] des Dichters. Und Goethe, der ebenfalls Cotta gehörte, lebte ja noch. Kurz, ich betrat Stuttgart, wie man in eine Kirche tritt. Im „Waldhorn“, nicht im „König von England“ abzusteigen, entsprach schon der romantischen Stimmung meines Gemüths und meiner Kasse.

Wolfgang Menzel, ein geborner Schlesier, hieß den schon lange erwarteten blassen, magern, blonden berliner Ankömmling willkommen. Ihn selbst hatte die Natur mit breiten Schultern, kräftiger Brust, dunklem Haar ausgestattet. Sein Kopf hätte einem katholischen Geistlichen gehören können. Um den Mund, dessen Zähne vernachlässigt waren, spielte ein satyrisches Lächeln, das sich bei manchem seiner Einfälle in’s Sardonische verlieren konnte, während seine kurzsichtigen Augen, so oft die Brille, die solche regelmäßig bedeckte, abgenommen wurde, Trotz, strengen Ernst, ja zuweilen etwas Verklärtes oder Feierliches bekommen konnten. Sein Temperament schien das heftigste zu sein; der einmal ausgesprochene Wille unbeugsam. Selten mögen in einem Charakter soviel Widersprüche gepaart gewesen sein, wie in diesem vielseitigen Schriftsteller, diesem damals den Ton angebenden Kritiker. Sogar bis zum Faunischen konnte sich der Ausdruck seiner Mienen steigern, wenn ihm die Erinnerung an Thümmel’s „Wilhelmine“ kam oder sonst eine erotische Schrift des abgewichenen Jahrhunderts, über die er mit ebensoviel Interesse sprechen konnte, wie dann wieder über Jakob Böhme’s oder Jung Stilling’s Schriften. Feierlichen Ernstes zog er historische Parallelen zwischen Charakteren der Geschichte oder Zuständen von Sonst und Jetzt. Der Mann, der so Vieles tadelte, hatte ohne Zweifel an seinem Schädel den „Verehrungssinn“. Ihm war das Gegentheil des nil admirari Bedürfniß. Düster blickte er in die Zukunft, gläubig starrte er vor dem Räthselhaften, Unentschleierten. Bald bemerkte ich neben stereo­typen Stichblättern seiner Satyre ebenso viele Namen und Ver­hältnisse, wo bei ihm die Kritik sich entwaffnet gab. Letzteres war leider vorläufig mir selbst gegenüber der Fall. Ich war ihm eine Anomalie seiner berliner Erfahrungen und als solche bis auf Weiteres in meiner Art auf dem vollkommen richtigen Wege.

Nützlicher, als das unermüdete Abdrucken meiner Berichterstattungen über einen Ballen Biographieen und einen andern, der aus theologischen Werken bestand, wäre mir mancher Tadel, wenigstens 53 [Unvermittelte Gegensätze.] mancher Fingerzeig für die Schulung meiner Feder gewesen. Die Regeln, welche Menzel gab, waren nur allgemeine. „Ich schreibe wie ich denke“, sagte er. „Sehen Sie meine Manuscripte an! Nichts wird da ausgestrichen, nichts wird noch hinzugesetzt.“ Menzel hatte „Streckverse“ herausgegeben, wie Jean Paul ungereimte Gedichte genannt hat. Jeder Gedanke darin ist von einem Bilde begleitet. Dennoch sagte er: „Bilder müssen mir zufällig unter die Feder kommen während des Schreibens. Die gesuchten, die erzwungenen, erkennt der Leser auf den ersten Blick.“ Die Richtung, die einzuschlagen nicht grade empfohlen, aber gutgeheißen wurde, konnte hier nur – die der Satyre sein. Mit allzusichtlichem Wohlgefallen, mit unverkennbarer Befriedigung verweilte der nun fast täglich von mir Besuchte oder auf Spaziergängen Begleitete bei Voltaire, Diderot, dem Verfasser der Memoiren des Freiherrn von S–a, Woltmann, bei Knigge, vor allem bei einem schlesischen Landsmann Schummel, dessen „Spitzbart“ ihm eine „köstliche Satyre gegen den Philanthropinismus Basedow’s“ erschien. Und das alles kam von einem Gegner des Rationalismus –! Ebenso hatten einst Tieck und die Romantiker die Tendenzen der Humanität, der Menschenveredlung, der religiösen Aufklärung verspottet –! Aus den vernunftgemäßen Entwicklungen der neuern Philosophie, Theologie, Pädagogik die allmälige tiefere Begründung abzuwarten, diese jedenfalls als eine Zwischenstufe zu einem vorurtheilsfreiern Erkennen zu betrachten, das dauerte dem eigenthümlichen Geschmack des literarischen Amateurs zu lange. Frischweg setzte er sich sofort auf die beiden schroffsten Gegensätze, Ironie und Satyre auf der einen, Mystik auf der andern Seite. Entweder entschied er sich für Voltaire oder für Görres. Auch Görres war in dieser Art einst Jakobiner und hatte sogar dem Buchhändler Friedrich Perthes in Hamburg 1811 ein Manuscript zum Druck übergeben: „Fall der Religion“. Es enthielt Dinge, die den frommen Verleger bestimmten, es nicht erscheinen zu lassen.

Die Jugend hat in geistigen Dingen einen wahren Straußenmagen. Sie verdaut alles durcheinander. Noch stellte der Neuling keine Prüfung an über die Fülle von Eindrücken, die ihm zu Theil wurden. Menzel’s Urtheile über die Personen wurden hingenommen, 54 [Die schwäbischen Lyriker.] als verstünden sie sich von selbst. Ließ sich aber auch etwas einwenden gegen die Schilderung des lyrischen Kreises, der sich um Uhland, unmittelbarer um Gustav Schwab, gebildet hatte und sich in eine wechselseitige Anpreisung verlor, die zuletzt vom deutschen Parnaß fast ausschließlich Besitz nehmen wollte und genommen hat? Der Schwerpunkt des „Morgenblattes“ wurden Gedichte. Gustav Schwab redigirte diesen Theil des damals ersten deutschen belletristischen Blattes und verbesserte die Arbeiten der jungen Tübinger Studenten und Stiftler wie ein zweiter berliner Ramler. Gustav Schwab, der Sänger des schönen Studentenliedes: „Bemooster Bursche zieh’ ich aus“, Professor am Stuttgarter Gymnasium, war eine Erscheinung von ansehnlicher Leibesfülle, mit einem ständigen starken Blutandrang zum immer gerötheten Kopf. Die Zuvorkommenheit seines Benehmens ging fast zu weit und mußte peinlich wirken. Wer hält nicht übergroße Höflichkeit für den Ausdruck eines nur geheuchelten Wohlwollens? Im vollen Gange war damals die eigenthümliche Verbindung dieses Kreises mit Justinus Kerner in Weinsberg, mit dem „Riekele“ (Kerner’s Frau) und den Gespenstern des Zwischenreichs. Als sich zu Nicolaus Lenau und Anastasius Grün gar noch ein Graf von Würtemberg in den Kreis der Lyriker begeben hatte, da scheute man sich nicht, jeden Kaffee­besuch innerhalb dieser Sphäre zum Anlaß von Schilderungen zu machen, die für die Chronik der Literatur des deutschen Volkes maßgebend sein sollten.

Nicolaus Lenau, Freiherr von Nimbsch-Strehlenau, eine kleine schmächtige, eindruckslose Gestalt, war von Wien nach Stuttgart gekommen, theils um überhaupt nach Amerika auszuwandern, theils um einen Band Gedichte beim „alten Cotta“ (dem Schiller-Goethe-Cotta, der noch lebte) anzubringen. Mit jenem süddeutschen Respekt vor allem, was adlig ist, einer Deferenz, die Norddeutschland nicht kennt, wurde der Dichter nur als der „Herr Baron“ oder auch als der Magyare gefeiert. Die Maßlosigkeit der Bewunderung der Muse des später so unglücklichen Dichters empfand Niemand so mißmuthig als Menzel. Die Gedichte, die später Lenau’s Ruf begründeten, waren noch nicht erschienen und bereits thronte er bei einem Hofrath Reinbeck, der einige unverheirathete Töchter hatte, dicht neben Schiller und Goethe. Der alte 55 [König Wilhelm von Würtemberg.] Cotta sagte anfangs: Quod non! und wollte die Sammlung nicht verlegen, doch erschien sie im nächsten Jahre und erwarb dem Sänger verdiente Anerkennung. Sein persönliches Auftreten war bescheiden, nicht diese Vergötterung voraussetzend. Später begegnete ich ihm oft; zuerst bei Menzel in Gegenwart einer unheimlichen Persönlichkeit, die den Athem beklomm, jenes Hofrath Lindner, der sich Kotzebue’s sogenannte russische „Spionen-Berichte“ anzueignen verstanden und als „Manuscript aus Süddeutschland“ herausgegeben hatte, eine Enthüllung, worüber bekanntlich Karl Ludwig Sand den Entschluß faßte, Kotzebue zu ermorden.

Die politische Gährung der damaligen Zeit wogte um den thätigen und einflußreichen Redacteur des „Literaturblattes“ zum Morgenblatt noch schaumwerfender und erregter als die literarische. Würtembergs constitutionelles Leben sollte, wie die Patrioten hofften, hinter dem des benachbarten Baden nicht zurückstehen. War doch König Wilhelm ehrgeizig genug, einen Mittelweg zwischen Absolutismus und Constitutionalismus wandeln zu wollen, zumal wenn er damit das ihm schon damals verhaßte Preußen, welchem Paul Pfizer die „Hegemonie“ zuzuerkennen gewagt hatte, ärgern konnte. Noch immer wollte dieser Jahre lang falsch beurtheilte, niemals und in keiner Frage hochsinnig denkende Fürst, König Wilhelm, auf seine Weise regieren, nach außen hin sich den Nimbus erhalten, der einst die Burschenschaften bestimmt hatte, ihm für die deutsche Kaiserkrone Expectanz zu geben, nach innen absolutistisch, ganz nach den Launen der Cabinetspolitik. Der König führte eine Doppelregierung, eine ostensible, die sein Premier Maucler vertrat, und eine private, die später in die Sphäre der Enthüllungen gerieth, in den niedern Strich der Theateranekdoten. Auch Menzel behauptete, eines Abends zu dem hohen Herrn berufen worden zu sein und mit ihm über eine Stellung an der Hofzeitung unterhandelt zu haben, für welche er jedoch, nachdem sich zu schroffe Differenzen herausgestellt hatten, jenen Ernst Münch empfohlen haben wollte, den bekannten Schweizer, dessen spätre Haltung der Empfehlung seines ehemaligen Freundes wenig Ehre machte. Der Herausgeber der Werke Ulrich’s von Hutten, der Biograph Franz Sickingen’s war bei meiner Ankunft soeben von Lüttich, wohin ihn seine Kenntniß des Vlämischen 56 [Ständekammer und Theater.] empfohlen hatte, eingetroffen, sank aber bald mit seiner Feder zum Hetzhund herab, der in Maucler’s Diensten die Männer anfiel, mit welchen er früher selbst gegangen war. Mit dem Zerfall des Gewissens kam die verlotterte oberflächliche Arbeit des Schriftstellers. Ernst Münch wurde immer mehr ein unzuverlässiger Compilator auf dem gelehrten Gebiet und ist, zehn Jahre nach seiner Erhöhung zum Geheimen Hofrath unter Ordensverleihungen und bei alledem von seinen Gönnern auf­gegeben, in einem Asyl auf der Schweizergrenze gestorben.

Schott, Tafel, Rödinger waren die hervorragendsten Namen der würtembergischen Opposition, die sich im „Hoch­wächter“, dem spätern „Beobachter“, ein eignes Organ gründete. Auch diesen Männern begegnete ich oft, obschon sich Menzel den Namen und den Richtungen derselben gegenüber nicht mit voller Bereitwilligkeit zum Anschluß verhielt. Nur der liebenswürdige Procurator Schott schien ihm in wahrer Freundschaft verbunden. Gehörte doch diese ideale Natur, dieser jugendliche Schwärmer im Kreise schon erwachsener Kinder, die dem Pinsel Jean Paul’s für einen seiner Romane hätten sitzen können, zu den Charakteren, die dem immer geharnischten und abwehrenden Cotta’schen Kritiker eine unbedingte Entwaffnung abgewannen. Eine andere Persönlichkeit von gleicher Wirkung, doch von anderer Charaktermischung, war der Kunst- (nachherige Buch-) händler S. G. Liesching. Und wieder ein Dritter mit unbedingter Bewunderung Hingenommener war Karl Seydelmann, der Schauspieler. Der Letztere, Menzel’s schlesischer Landsmann, gewann ihm nach hervorragenden Rollen, die dieser gespielt hatte, sogar Verse ab. Vorzugsweise Seydelmann zu Liebe wurde ein festes Abonnement am Theater aufrechterhalten, jedes neue Stück ohne vorgefaßte Abneigung, unbefangen im Geschmack und mit bester Laune genossen; ja das Interesse des Schauspielers, das Darstellbare, scenisch Wirksame wurde von Menzel gegen allen Einspruch der Aesthetik frisch­weg entschuldigt. Meine Natur sträubte sich gegen das Ueber­maß der Lust an den „Schleichhändlern“, am „Fest der Handwerker“ und den Berliniaden. Daß schon damals Ferdinand Raimund überschätzt wurde, wollte mir unter seinen Geistern, rosenfarbenen Feen, alten Köhlerweibern und Gamsjägern wohl einleuchten.

57 [Die Jacotot’sche Methode.] Den später mit einer so auffallenden pietistischen Richtung hervorgetretenen Liesching sah ich fast täglich. Früher Kaufmann, hatte derselbe fallirt und sich in die Schweiz geflüchtet. Als ihn der Zufall einen großen Treffer in der Lotterie gewinnen ließ, war er anständig genug, seine Creditoren bis auf Heller und Pfennig zu bezahlen. Mit dem Rest begann er, von Basel zurückgekehrt, in Stuttgart einen Kunsthandel, wozu ihn eine seltene Bildung be­fähigte. Noch stehen mir die scharfen Züge des eigenthümlichen Mannes, seine dunkeln Augenbrauen, sein kahler Schädel, die Runzeln, ja Säcke unter den Augen im Gedächtniß. Daß jedoch aus diesem ewig nur zum Sarkasmus verzogenen sokratischen oder, wenn man will, Silenkopfe ein nur dem Pietismus und der exclusivsten christlichen Andacht gewidmetes Buchverlagswirken hätte hervorgehen können, mußte wenigstens Derjenige bezweifeln, der ebenso gut von ihm als Buchhändler hätte profezeien mögen, er würde das bekannte Geschäft von Scheible, mit Curiositäten allerlei Art, haben begründen können. Denn Spott, Cynismus, Voltairianismus beherrschten durch und durch diesen täglichen Gast des Menzel’schen Hauses. Fast möchte man glauben, daß ihm sein Bilderhandel den Beweis geliefert hatte, daß sich die nachhaltige Kauflust, auch von Büchern, nur im pietistisch angekränkelten Kreise, bei den Reichen und Hochgestellten findet.

An dem edlen Schott, dem werkthätigen Schwärmer für die Erhebung Griechenlands, war das Bezwingende seine sittliche Hoheit, die unerschütterliche Ueberzeugungstreue und liebenswürdige Hausväterlichkeit im Kreise trefflicher und bildschöner Kinder. Der wackere Kämpe für die Neugriechen, der muthige Führer der Opposition in den ständischen Wirren, Mitkämpfer Uhland’s, ein zugleich gesuchter Rechtsanwalt, „schwärmte“ damals – für die Jacotot-Hamilton’sche Sprachenerlernungsmethode. Seine Kinder, einige Freunde und Bekannte, zu denen sich auch der Erzähler gesellte, hatte er zu einem Cursus im Französischlernen vereinigt. Ihm, der einst hatte Diplomat werden sollen, war die Sprache (freilich mit süddeutschem Accent) geläufig. Wir übersetzten die französische Vorlage: „In der Anfang war die Wort und die Wort war bei Gott und Gott war die Wort“ u. s. w. mit allen gallischen Abweichungen 58 [Bilder der Zukunft.] vom Germanischen, allen scheinbaren deutschen Sprachfehlern, die auf das richtige Französisch führen sollten, kurz nach einer Methode, durch welche sich die Kenntniß fremder Sprachen, so verhieß der geduldige Lehrer, eher einpräge und befestige, als nach dem alten System. Ob die blondgelockten Damen, von denen eine in späteren Jahren einen meiner berliner Freunde, Franz Kottenkamp, eine andere den spätern Märzminister Römer heirathete, Französisch auf diese Art bis zur Conversation erlernt haben, mag dahingestellt bleiben. Auch Wilhelm Schulz, der ehemalige hessische Lieutenant, und seine Frau, die ihn später aus Festungshaft befreien sollte, nahmen an dem Unterricht Theil. Der „alte Cotta“ hatte Schulz berufen, um den „Hesperus“, dessen vorzugsweises Thema die Statistik war, vor drohendem Untergange zu retten. Die Nationalökonomie, freilich noch nach Mac Culloch, Malthus, dem Franzosen Say, wurde schon damals die Wissenschaft des Tages. Sie hatte noch eine Nebenbestimmung. Sie sollte, wie später in Bayern unter dem Fürsten Wallerstein, die Neigung für Politik unterdrücken und diese in’s Unschädliche ablenken.

Die mit äußerster Anstrengung in Italien, Oesterreich und Deutschland niedergehaltene weitre Ausbreitung der Ideen, welche durch die Julirevolution wieder einmal ihre Reise um die Welt antreten zu wollen schienen, drohten da und dort wie die Flammen aus dem verschütteten Tempel Jerusalems wieder hervorzubrechen. Verschwörungen wurden selbst im Militär entdeckt. „Landgraf, werde hart!“ war die von Wien nach allen Seiten hin vertheilte Parole. Mancher sah das, was erst siebzehn Jahre später kam, schon damals unmittelbar vor den Thoren. Menzel war in diesem Sinne politischer Visionär. Zeichen und Gesichte, Traumgebilde naher und wol gar nächster Zukunft schwebten ihm immer vor. Wie man dann von nichts träumt, wovon man nicht in seinem Innern unbe­wußte Einlagen hat, so sah auch unser geschichtskundiger Prophet nichts als Repristinationen. Immer das schon Dagewesene sollte wiederkommen. Die drohende Haltung des Landvolks (Cholera und Zollverein griffen in die untersten Schichten) führte sich ihm sofort auf die Wiederholung des Bauernkrieges zurück. Und wenn er jeden Dreispitz, der zum Markte von der Tübinger Steig herunter-59[Karl Seydelmann.]kam, für eine Natur hielt ganz gleichgeartet wie die, welche vor dreihundert Jahren den Bundschuh aufgerichtet hatten, wer konnte ihm widersprechen wollen, wenn es auch die Erhebung der galizischen Bauern gegen den Adel, die Gräuelthaten Szelas, die Tage der pariser Commüne noch nicht gab! Nur war es komisch, wenn zuweilen schon wirklich die Guillotine in Würtemberg einrückte und ihm ein ehemaliger Haupt­mann Friedrich Seybold gradezu ein unbeugsamer Republikaner erschien, dem es nichts verschlagen würde, den Neckar mit Blut zu färben! Die Männer des „Hochwächters“, Rudolf Lohbauer, einen Maler, der sein Literaturblatt mit sinnigen Vignetten geschmückt hatte, Rödinger, Walz, Tafel, alle sah Menzel als Wiederholungen gewisser Gestalten der französischen Revolution an; der Eine war ihm Danton, der Andere Robespierre. Diese waren Jacobiner, Jene Girondisten. Alle diese halb spielenden, halb ernsten Gedanken gipfelten in dem Schlußbilde einer Schrift, mit welcher sein in diesen Dingen ihm gleichgestimmter Freund Liesching als Buchhändler debütirte: „Geist der Geschichte“. Das Ende der Tage würde ein allgemeines Morden der Menschen untereinander sein. In diesem Kreise gab es in der That Swedenborgianer, Verwandte des Schott’schen Hauses, Tafel und Hofacker in Tübingen. Sie hatten zur Ver­breitung der Sweden­borgischen Schriften eine Druckerei „Zum Guttenberg“ errichtet. Schon die Geisternähe Weinsbergs verhinderte, über solche Unternehmungen zu lachen. Ganz aufgeklärte Männer waren hier in den apokalyptischen Bildern des alten schwäbischen Johann Albrecht Bengel befangen.

Gesellige Anknüpfungen fanden sich nur vorübergehend. Seydelmann’s Häuslichkeit war eine unglückliche. Nie konnte der zu früh Verheirathete gut sagen für die Stimmungen seiner Frau. Er hatte Ursache, die einst Schöngewesene, auch damals noch Stattliche, zu schonen, zu ehren und sein Pflichtgefühl kam ihm aus dem Gemüth. Und doch blieb die Sehnsucht nach beglückender jugendlicher Frauenliebe, nach Hingebung und nach andern weiblichen Lauten, als die Ehe zumeist zu Gehör bringt. In Seydelmann’s Ehe gab es ein ewiges krankhaftes Klagen der Frau über die Sorgen der Gegenwart und der Zukunft. Da sah man denn Seydelmann trübe und seufzend und sich nur in seinem Rollenstudium erkräftigend. Letzteres ging schon auf sei-60[Eine Lebensmaxime.]nen Mephisto im Faust. Kapellmeister Lindpaintner arbeitete an den musikalischen Beigaben des ersten Versuchs einer Darstellung des großen Gedichts auf der Bühne. Sonst beherrschte Raupach allein das stuttgarter Theater. Ein Graf Leutrum, der eben damals Intendant geworden war, hatte bei einer Rundreise durch Deutschland den Geniestreich gemacht, sich mit Raupach in Berlin dahin zu ver­einigen, daß Stuttgart alle Stücke, die Raupach schreiben würde, ab­nehmen und geben würde. So kamen sämmtliche „Hohenstaufen“ wieder nach Schwaben. Die stuttgarter Hofbühne war vollständig berlinisirt. Was Raupach nicht brachte, kam von Blum oder Angely. Man gab „Die Schleichhändler“, „Kritik und Antikritik“, „Laßt die Todten ruhen“ u. s. w., „Isidor und Olga“, „Rafaele“, „König Enzio“ u. s. w. Seydelmann’s Talent litt unter dieser Monotonie. Er lernte des Wortes zu sehr bedürfen, um wirken zu können. Auch die Wirren damals hinter der Scene trugen zu Seydelmann’s Verstimmung bei. Er glaubte sich eben eine Stütze aus Prag geholt zu haben in dem jungen Bonvivant Heinrich Moritz, einem gebornen Leipziger, hatte aber einen Meister in der Kunst der Intrigue gefunden, der ihn in einer Sphäre, wo die Protektionen wal­ten, bald aus dem Sattel hob.

Arglos blickte ich in diese ganze Welt hinein. Die unheimlichen Strudel derselben sollte ich erst später kennen lernen. Nur Eines sah ich dem klugen Seydelmann ab, ein Talent, das mir zum ersten­mal im Leben vorgekommen. Wie verbirgt ein gescheuter Kopf die Lücken seiner Bildung? Nie, ich beachtete es bald, erschien Seydelmann seinem Landsmann Menzel, der ihn bewunderte, im Gespräch unebenbürtig. Das war einem solchen Polyhistor gegenüber nicht wenig! Seine Rollen hatte Seydelmann gründlich studirt, die klassischen waren ihm nach allen damaligen Vorarbeiten Böttiger’s, Schincks und Andrer geläufig; darüber zu sprechen, konnte ihn nie gering erscheinen lassen. Wo aber Seydelmann’s Wissen aufhörte, da ge­stand er diese Grenzen nicht etwa ein, sondern hatte ein eigenthümliches bedeutsames Schweigen, ein feines Lächeln umspielte seinen Mund. Man durfte bei ihm ein vollkommnes Einverständniß mit der Mei­nung des eben über die Doppelsterne oder über die Keilschriften sich Ergehenden voraussetzen. Oft standen bedeutende Capacitäten 61 [Lyrische Anwandlungen.] im hitzigen Gefecht. Seydelmann hörte ruhig zu. Er schwieg. Doch so, als hätte er den Ausschlag geben können.

Im März 1832 kam die Kunde, Goethe ist todt. Die Aufregung darüber war groß und in Stuttgart, in der Nähe des Cotta’schen Hauses, um so größer, als es hieß, nun würde vom „Faust“ der zweite Theil erscheinen. Immermann veranstaltete für die düsseldorfer Bühne eine Erinnerungsfeier, die auf mancher andern Bühne wiederholt wurde. Jede gab einen Tribut der Huldigung. Dem bekannten Gegner Goethe’s war ein Anlaß zur Aufregung ge­boten. Alles blickte auf ihn und so erfuhr ich denn auch gelegentlich den Ursprung seines Hasses auf Goethe. Ich erzählte denselben vor einiger Zeit in einer Plauderei, die das Thema behandelte, warum ich nicht ebenfalls unter die Lyriker gegangen sei. Ich wiederhole sie hier.*)

„Als Zwanzigjähriger, schwärmend für Tieck und Novalis, wobei ein lebhafter kritischer Zerstörungssinn nicht ausgeschlossen war, kam ich zu Wolfgang Menzel und sollte ihn im Bücherrecensiren unterstützen, da sich der Patriot in die würtembergische Kammer wählen lassen wollte. Frisch von der Universität kommend, brachte ich leidliche Kenntnisse und ein Chaos unklarer Stimmungen mit. Und eben aus diesen letztern heraus wollte sich zuweilen Lyrisches entwickeln und umsomehr, als damals die Literatur durchweg auf Lyrik stand. Im Schwabenlande lyrisirte Alles. Nicht blos die Gymnasiasten und tübinger Stiftler, selbst Oberamtmänner und Obersteuerrevisionsräthe wanderten durch die Wiesen und sammelten Blumen und wanden diese zu poetischen Sträußlein. Goethe starb. Da suchte Jeder, der nur ein wenig Zeit hatte, ihn möglichst zu ersetzen. Dann mußte damals soviel geheuchelt und gelogen werden der mangelnden politischen Freiheit wegen, daß die meisten der Gebildeten, sogar die Hofräthe und Polizeidirektoren, zwei Welten hatten, in denen sie lebten, eine ostensible und officielle bürgerliche, und drehte man diese um, so hatte man zu seinem hellen Erstaunen einen heimlichen Dichter, einen „sinnigen Lyriker“. Die Conversation in Stuttgart bestand 1831 62 [Douche.] nur aus Liedervorlesungen beim Thee, wenn Damen zugegen waren – beim Wein und vielleicht sogar unter freiem Himmel, wenn die Männer allein waren. Die ästhetischen Honneurs in Stuttgart machten zwei Familien, die Hofrath Reinbeck’sche (eine aus Norddeutschland eingewanderte, welche berlinische Theegesellschaften alten Styls gab) und die Gustav Schwab’sche, eine urschwäbische. Damals gieng Lenau, „der Herr Baron aus Ungarn“, aus einer dieser Gesellschaften in die andere. Jede wetteiferte, wer ihn mit größerem Lob, mit exaltirterer Bewunderung überhäufen konnte. Erst galt der Enthusiasmus, wie sich gebührte, seinem Talent, dann seiner poetischen Heimath, zuletzt (last not least) dem „Baron“. Man wollte einen andern „Herrn Baron“, den Baron von Cotta, veranlassen, die gesammelten Gedichte des ungarischen „Herrn Barons“ zu drucken. Ein alter feiner Herr, dieser erste klassische Cotta! Später, als ich Metternich kennen gelernt, fand ich Aehnlichkeit zwischen Beiden. Sie waren auch intime Freunde und sagten sich das täglich und leider allzulange in der „Allgemeinen Zeitung“. Dieser alte Herr, auch Begründer der Dampfschifffahrt auf dem Bodensee, betrieb den Buchhandel sozusagen staatsmännisch. Vollkommen wissend, daß die von ihm gedruckten Dichter à peu prês zu deutschen Klassikern gestempelt waren, verhielt er sich vorsichtig in der Annahme von Gedichtsammlungen und benahm sich auch in Folge dessen spröde gegen den Reinbeck-Schwab’schen Enthusiasmus, der wieder einen Neuling traf, wo ihm schon Karl Grüneisen, ja Gustav Schwab selbst nicht recht „eingeschlagen“ waren; er schlug die Lenau’sche Sammlung für’s Erste ab. Das alles beobachtete Wolfgang Menzel’s scharfe Satyre, seine aufhorchende Spürkraft, seine immer zu den ergötzlichsten Glossen bereitwillige Ironie. Das Treiben dieser schwäbisch-lyrischen Uhland-Epigonen war ihm zuwider. Fand doch sein polemischer Eifer fast überall in Schwaben Cliquenwesen, Gevatter- und Muhmen- und Verwandtschaftskuppelei. Bei alledem kam auch mir der Trieb, den ich schon lange hegte, dem Wort zuweilen die schöne Fessel des Reims anzulegen. Aber die Umstände waren zu ungünstig! Einmal war Gustav Schwab die unumgängliche Instanz für jedes zu veröffentlichende Gedicht. Fast für die gesammte Lyrik der Zeit, falls diese 63 [Der Wanderer und die Winzerin.] durch die drei Kanäle, Morgenblatt, Cotta’s Verlag oder den Weidmann’schen Musenalmanach, an die Oeffentlichkeit treten wollte, überall war Gustav Schwab die entscheidende Instanz. Er hatte die Weise des alten Ramler, der die ihm eingesandten Gedichte feilte und umarbeitete. Gewiß ist diese Leidenschaft den Gedichten Lenau’s aus dessen erster Periode zu Gute gekommen. Dem Schwab’schen Kreise mich nun besonders zu nähern, verbot mir eben die Rücksicht auf Menzel.“

„Dann aber hatte ich aber doch eines Tages den Muth, Menzeln ein Heft „Gedichte“ zu überreichen mit der Frage, ob ich sie wol bei Schwab unter’s Joch der Prüfung schicken könnte, um sie in’s Morgenblatt zu bringen. Sehr spät gab er sie mir wie etwas bei einem Besuch Vergessenes zurück mit den hingemurmelten Worten: „Gott, das bringt ja nichts ein!“ Und dieser Ausspruch hatte viel, wenn nicht alles, für sich. Denn mein Chef-Redacteur zahlte mir monatlich 30 Gulden Gehalt und – hört! hört! – ich lebte von diesen 30 Gulden – jede Mittagsmahlzeit kostete 24 Kreuzer. Durch „Gedichte“ konnten Supplemente zu den Fl. 30 nicht er­rungen werden. Sich ganz auf die Literatur stellen wollen, alle Beziehungen zur Möglichkeit einer künftigen Anstellung abbrechen und sich dann an Gustav Schwab anschließen, um ab und zu eine Tasse Thee und ein Gedicht in’s Morgenblatt, alle Jahre zwei in den Musenalmanach zu bringen, das ließ sich nicht vereinigen. Und so resignirte ich mich damals auf Lyrik als Specialität, obschon es mir in dem an Menzel übergebenen Hefte um Ein Gedicht leid that. Ich hatte – mein Vorbild war natürlich Walther von der Vogelweide – als „Wanderer“ im Minneliederton an eine schöne Winzerin die naive Frage gerichtet: „Holde Maid, entschuldige, daß ich Dich in Deiner Arbeit unterbreche; kannst Du mir nicht den Weg sagen, den richtigen, der zu Deinem purpurrothen Munde führt?” Die Winzerin stand etwas höher postirt, als der Wanderer unten im Chausseegraben. Je trotziger desto schöner erwiderte die Maid: „Das will ich Dir wol sagen, Du Narr! Da mußt du rechts den Weg nehmen, erst den Berg ersteigen, an der Kapelle drüben vorübergehn und bis an den dunkeln Wald, wo Du vielleicht den Kuckuk um den weitern Weg befragen kannst.“ Hierauf zweites Ritornell. Erwiderung des Wanderers, enthaltend die Bitte um den richtigen Weg-64[Menzel’s Goethehaß.]weiser zu ihren Purpurlippen. Wiederum erfolgt die Antwort, aber diesmal schon mit beschränkterem Rayon in der malerischen Umgegend. Der Frager brauchte nicht mehr den Berg zu besteigen, auch nicht den Kuckuck im Walde zu befragen; er wurde schon auf die Antwort der Distel, die tief unten im Thale blühte, unterhalb der Kapelle verwiesen. Das neckische Spiel ging dann eine Zeit­lang so fort, bis die Wege immer näher und näher lagen und der wegunkundige Wanderer zuletzt das reizende Mädchen mit den Purpurlippen in seinen Armen hielt. Mit diesem – nicht wahr, wunderschönen – Liede bin ich mit meiner Laufbahn als „Lyriker von Profession“ stecken geblieben.“

„Uebrigens bin ich weit entfernt, etwa bei dieser Gelegenheit Wolfgang Menzel beschuldigen zu wollen, als hätte er den Erwerb zur Richtschnur für die Wahl der poetischen Beschäftigung empfohlen. Im Gegentheil, einst fand ich ihn schmerzlichbewegt durch den Besuch seiner Mutter, die aus Schlesien gekommen war, um ihren damals vielbesprochenen Sohn, der vor längern Jahren aus deutschen Landen der Burschenschaft wegen entflohen war, wiederzusehen. Die einfache Frau kam mit einem inzwischen erheiratheten zweiten Manne, einem Landwirth, der einen schwunghaften Viehhandel betrieb, nach Stuttgart. „Wieviel hat Dir dein Buch: „Die deutsche Literatur“ eingetragen?“ fragte mich mein Stiefvater, erzählte Menzel. „Hundert Carolins!” sagte ich. – „Wieviel ist das?” – „Sechshundert Thaler!” – „Hahaha!“ lachte der Schlesier. „Das ist was Rechtes! Da verdiene ich an jedem Viehmarkt, wo ich kaufe und verkaufe, an 100 Ochsen mehr!“

„Den Ursprung seiner bekannten Opposition gegen Goethe erzählte Menzel folgendermaßen: „Ich studirte in Jena. Wir Studenten hatten die Gewohnheit, öfters in größerer Zahl nach Weimar zu fahren und einer Theatervorstellung beizuwohnen. Bei den „Räu­bern“ hatten wir sogar das Privileg, im Chor vom Parterre aus mitzusingen. Nie hatte ich bei dieser Gelegenheit der alten Excellenz Goethe ansichtig werden können. Da trifft es sich eines Abends, als wir wieder nach Weimar gekommen waren, daß wir im Theater Streit bekamen. Während die Worte noch hin und herflogen und das Publikum parteilos zuhörte, streckte sich eine hagere, lange Ge-65[Berufswahl.]stalt aus einer untern Prosceniumsloge, im schwarzen Frack mit Ordensstern, weißem, scharfmarkirtem Kopf, und rief mit einer widerwärtighäßlich schnarrenden Stimme: „Ruhe!“ Das war Goethe, Goethe in Person, Goethe als Staatsminister. Er machte im Thea­ter den Polizeimeister, und das in einer so verächtlich­thuenden, so von oben herabsehenden, impertinenten Art gegen uns, daß ich von Stund’ an den Mann hassen mußte und an seinen Schriften kein Gefallen mehr hatte.“ Als Ergänzung dieser Erzählung mag die Erinnerung dienen an eine bekannte Stelle in Novalis’ Fragmenten, die gegen Goethe’s „Wilhelm Meister“ gerichtet ist. Diese hat wol des Weitern auf den leidenschaftlichen Romantiker für seine Polemik eingewirkt.“

Es giebt im Menschen eine doppelte Entwicklung, eine nach der Seite des Berufes hin, die andre nach seiner Welt- und Lebens­auffassung überhaupt. Dies Nebeneinander wird uns aber nicht bewußt, wenigstens nicht in der Jugend. Was da nun einem Künstler, einem Dichter gewonnen wird, einem Kritiker, das ist zugleich dem Menschen, dem Charakter gewonnen. Oft währt es lange, lange, bis man sich als Charakter aus den Interessen seines Berufes herausfindet. „Literaten“ hat man in verächtlicher Weise diese Individualitäten genannt, an denen sich eben nichts, als die Schreibfeder verkörpert zu haben scheint. Ein solches Ver­kommen im Handwerk war dem Erzähler fremd. War ihm auch die Produktion nun schon Existenzfrage geworden, so ergriff sie doch innerlich seinen ganzen Menschen. Sie war wie die An­wendung angeborner Organe. Diese Organe waren kämpfende, an­greifende, abwehrende. Immer galt es die Sache. Sinnen dagegen über die Form, ein Bild, ein Gleichniß, wie die Lyriker pflegten, sich immer nur ein Segment von jenem Globus abschneiden, den Titanen­kräfte zu wälzen glaubten, und diesen nur ausputzen zum Reiz der Formenschöne, das wurde nicht genährt durch die Richtung, in welche ich gerathen war. An mir selbst fühlte ich den Prozeß einer werdenden neuen Literatur sich vollziehen. Den Trieb dieser Uhland-Schwab’schen Sänger, Balladenstoffe aufzustöbern oder sich interessant genug vorzukommen, jede sich abgelauschte Stimmung in Reime zu bringen, dem Feilen der Worte nachzuhängen, der Wahl, ob hier 66 [Rückkehr nach Berlin.] Gold- oder Silberglanz besser am Orte wäre und dabei nebenbei und ganz praktisch Obersteuerprokurator oder Professor oder Consistorialrath zu bleiben – diesen glücklichen Ego- und Dualismus wagte ich mir nicht zu gönnen. Ich gönnte ihn mir nicht dem Rauschen der Zeit gegenüber, den von überall her vernommenen Mahnungen an den, der die Feder führte, daß er das Nothwendige sagen sollte, daß er die Aufgaben, die mir an die Sterne geschrieben schienen (nicht an die Flügeldecken der Mücken und Käfer des Justinus Kerner’schen Kreises), rasch aussprechen und zu lösen helfen suche. Im Kreise dieser schwäbischen Dichter herrschte in erster Reihe das Wort, das Bild, das Adjektiv. Ich sah ein Einzelnes im Schriftwesen einer Nation über die Gebühr hervortreten. Die gesammte Literatur sollte auf den Vers gestellt werden und wurde es später in der That. Denn entfessele nur Einer den Dilettantismus und dieser macht sich bald seine Altäre und Tempel! Alle, die dasselbe treiben, was der Dilettant treibt, sind seine Ausschließlichen, seine Klassiker. Der Dilettant kann zeigen, daß er schwäbeln und schwäbisch lesen, schwäbisch vorlesen kann – es lebe die Dorfgeschichte vom Schwarzwald! Der Dilettant kann zeigen, daß er plattdeutsch reden und mit plattdeutschem Vorlesen seine Eitelkeit befriedigen kann – es lebe alles, was plattdeutsch! Ueberall, wo man über den Schweif des Pferdes mitaufhocken kann, geht die Mode vorwärts im Galopp.

Was mich von schöngeistiger Literatur in Stuttgart umgab, geberdete sich anspruchsvoll und kam erst zur Besinnung durch die Eckermann’schen Gespräche mit Goethe. Da hatte der Alte sogar auf Uhland’s Sagen- und Balladenpoesie, wenn nicht sogar auf Uhland’s Naturstimmungsgedichte, diese „Welt im ewigen Sonntagsstaate“, wie ich sie gelegentlich genannt hatte, als die „geflickten Lappen eines Bettlermantels“ angespielt und damit das Entlehnen unwahrer Stimmungen von alten Klöstern, Burgen, Hirten, die es nie gegeben hat, Schäferinnen, die schon zu Geßner’s Zeit antiquirt waren, Priestern, die man jetzt in ganz andrer, fast sulphurischer Beleuchtung sieht, und ähnliche Widersprüche angedeutet. Außerhalb des Menzel’schen Kreises wurzellos geblieben, gedachte ich in die Heimath zurückzukehren und dort, wenn auch unter mir verhaßten Verhältnissen, doch die Laufbahn als Gymnasiallehrer anzutreten.

67 [„Briefe eines Narren an eine Närrin“.] „Der alte Cotta“ hatte mir allerdings in zutraulichster Weise die Aufforderung zur Theilnahme an seinen Blättern ausgesprochen. Hermann Hauff leitete statt seines kurz zuvor verstorbenen Bruders Wilhelm das Morgenblatt. Der wohlwollende Mann nahm, was ich ihm anbot, Skizzen aus dem bürgerlichen Kleinleben Berlins, novellistische Versuche. Eine jeanpaulisirende Arbeit, „Briefe eines Narren an eine Närrin“, zeigte ich Menzel. Ich wollte durch diesen Briefwechsel eine Art Novelle hindurchschimmern lassen, die Aufklärung, worüber beide Theile in’s Irrenhaus geriethen. Menzel sagte mir, die wenigen Blätter in der Hand wiegend: „Beinahe geht es mir hier, wie mit Wilhelm Hauff, um den die Schwaben jetzt soviel Trauerns anstellen, während die Herren Lyriker bei seinen Lebzeiten von dem frischen Burschen nichts wissen wollten! An den Wilhelm Waiblinger – da haben sie alles gewandt, Em­pfehlungen, Stipendien, Reisevorschüsse! Da sollte durchaus ein Goethe herauskommen, zum mindesten zum zweitenmal Platen! War­um? Weil er Elegieen aus Sorrent, Episteln aus Capri in’s Mor­genblatt schickte, Sachen, die sich in ihrer Weise schulmäßig anließen! Wilhelm Hauff brachte mir eines Tages seinen „Mann im Monde“. Es war ein Machwerk ganz à la Clauren und zwar im vollen Ernste so gemeint. Schämen Sie sich denn nicht? sagte ich ihm. Wollen Sie denn auch dem berliner Postrath nachahmen? Können Sie denn nicht höher fliegen? Nach einer Weile milderte ich meinen Ton und fuhr fort: Kehren Sie den Spieß um, tragen Sie das Clauren’sche Colorit noch viel stärker auf, lassen Sie dann das Buch unter Clauren’s Namen erscheinen und Jeder wird sagen: Sie haben eine köstliche Satyre auf Clauren geschrieben. Richtig, Hauff befolgte den Rath und begründete seinen Ruf mit dem „Mann im Monde“. Machen Sie es ähnlich! Der kleine Aufsatz giebt ein Buch, wenn Sie alles mit hereinziehen, was in diesem Augenblick die Menschen beschäftigt, Politik, Literatur, Kunst – ich will nicht sagen, daß es eine Satyre auf Jean Paul werden soll, bewahre; aber besser verwerthen können Sie den guten Titel, als durch ein paar Nummern im Morgenblatt.“ Zur Satyre auf Jean Paul, den Liebling meines Herzens, den Weisen, den Propheten, war in mir nichts gerüstet. Aber „Briefe“ waren damals Mode geworden. „Briefe eines 68 [Berliner Geistesströmung.] Verstorbenen“ – „Briefe eines Lebenden“ (von Friedrich Förster) – da konnten wol auch Narrenbriefe willkommen sein. Ich ging auf den Vorschlag ein. Das Ganze wurde durch Ergänzungen zu einem größern Umfange gebracht und verdankte der Empfehlung Menzel’s einen Verleger, Hoffmann und Campe in Hamburg, leider in einem Augen­blick, wo der Börne’schen Briefe wegen in Preußen dieser hamburger Verlag verboten wurde, der jetzige und der künftige. Die Axt war damit an die Wurzel meiner ersten schriftstellerischen Entwicklung gelegt. Denn wie die Zustände waren, in Oesterreich nahm man solche Verbote leicht und wußte sie zu umgehen, in Preußen aber herrschte die strengste Aufsicht und die Loyalität kam den Machtsprüchen der Polizei auf halbem Wege entgegen.

Nach einer Reise über Nürnberg und Leipzig, die wiederum im „Morgenblatt“ beschrieben wurde, kehrte ich auf den sich gleich gebliebenen monotonen Schauplatz des „patriarchalischen Despotismus“, Berlin, zurück. Die einzige Frage, die grade das große Publikum auf geistigem Gebiete dort beschäftigte, war die, ob Hegel’s Nachfolger, Professor Gabler, seiner Berufung gewachsen sein würde. Hegel hatte diesen empfohlen und ganz im Styl seiner Kategorieen. Das Sein war schon wieder in demselben Augenblick das Nichtsein. „Er hat mich am besten verstanden und doch wieder misverstanden –!“ Also hatte der Spruch des verstorbenen Begriffs-Bosko gelautet. Gabler war ein ehemaliger Schulamts-Kollege aus seiner bayreuth-nürnberger Zeit. Auch Schleiermacher zu ersetzen war eine schwierige Aufgabe, die das damalige Berlin mehr beschäftigte, als wenn es sich heute oder morgen um einen Ersatz für Bismarck handelte. Noch immer reizten die „Briefe eines Verstorbenen“ die Neugier des Publikums, ohne diese zu befriedigen. Denn man hatte geglaubt, vom Fürsten Pückler, dem Verfasser, Pikanteres erwarten zu dürfen, als Schilderungen des englischen Volkslebens. Diese Briefe wurden gelesen, um zwischen den Zeilen etwas zu suchen, Anspielungen, Indiscretionen. Immer mehr wurde die Neugier und die Skandalsucht das einzige Reizmittel zum Lesen. Selbst die Briefe aus der klassischen Zeit wirkten vorzugsweise nach dieser Richtung hin. Varnhagen begann den Reigen mit seinen Enthüllungen. Seltsam war auch der Effekt, den jedes Hereinragen einer Fürstlichkeit in die 69 [Christelnde Juden.] Sphäre der Kunst oder Literatur machte. Daß Fürst Radziwill componirte, daß Herzog Karl von Mecklenburg-Strelitz Komödie spielte oder wol gar, wie man glaubte, unter dem Namen Karl Weishaupt Lustspiele schrieb, wurde mit einem Behagen empfunden und herumgetragen, als ob man damit etwas ganz Besonderes wüßte und beinahe selbst zum Kreise der Exklusiven gehörte.

Meine Verbindung mit Menzel, einem Manne, der alle Welt durch seine Kritiken verletzt hatte, meine politisch und religiös freisinnige Stimmung hielt mich ab, in die Kreise einzutreten, durch welche man damals allein in Berlin in literarischen Dingen zur Förderung gelangen konnte. Soll ich die Sphäre, auf welche es hiebei vorzugsweise angekommen wäre, näher bezeichnen, so müßte ich eine neuere Phase der – jüdischen Cultur­entwicklung schildern, die überhaupt noch ihres vorurtheils­freien Historikers entbehrt. Das berliner Judenthum, in seiner hohen Bedeutung für deutsche Bildung überhaupt und im Besondern für Kunst und Literatur, beruht auf den Anfängen, welche Moses Mendelssohn und dessen Kreis, Bendavid, Marcus Herz u. A. gelegt haben, im Wesentlichen also auf einer hoher Ehren würdigen, die Signatur unsrer besten geistigen Epoche tragenden Richtung. Auch die Nachkommen, die neuern Anschichtungen an diesen alten Nathan-Kern, die Einwanderungen besonders von Königsberg her, traten zum Leben der Zeit in eine engere Beziehung; die Einen, indem sie dabei ihren Zusammenhang mit der Synagoge nicht unterbrachen; die An­dern, die, wenn sie convertirten, doch dem Judenthum immer noch nahe genug blieben. Der romantische Exceß der Tochter des ehr­würdigen Mendelssohn, der Frau Veit, ihre Flucht nach Paris mit Friedrich Schlegel, ihr späterer Uebertritt zum Katholizismus, dergleichen stand in dieser Sphäre bald nicht mehr vereinzelt da. Die starkgeistige Richtung der Rahel Lewin, einer Henriette Herz wurde tonangebend, so lange das achtzehnte Jahrhundert in seinen leichten Auffassungen der Moral im Verenden lag. Erst durch die Schlacht von Jena waren endlich Voltaire, Lessing, selbst Goethe überwunden. Nun kam die Zeit der Einkehr, Umkehr, Reue, Buße. Auch bei den berliner Juden überwog conservative Richtung. Die im kolossalen Anwuchs begriffenen Geldmittel der Bankiers schufen einen tonangebenden, sich immer mehr vervornehmenden eleganten Ghetto. Der ungebildetere 70 [Ihr Einfluß.] Theil, dem der Titel „Commerzienrath“ ein „Ziel auf’s Innigste zu wünschen“ wurde, war hyperloyal; der gebildetere, der meistens convertirte, blieb oder wurde in seinem Fühlen und Denken nazarenisch. Die Getauften gingen in die Beamtencarriè­re über, oder Christen, die schon höhere Aemter bekleideten, heiratheten Jüdinnen, die sich dann taufen ließen. Da wurde denn überall stark „gechristelt“. Vor allem wurde die Kunst ein Gebiet, wo die Engherzigkeit des Staats, der noch die Anstellung von Juden ablehnte, der Bewährung der Talente nicht ent­gegentreten konnte. Die Namen der Beer (Meyerbeer, Michael Beer), Mendelssohn, Bendemann traten mit großen Erfolgen in den Vorder­grund, während die Angehörigen derselben, Brüder, Schwäger, Ver­wandte aller Art die Wirkungen des Reich­thums verbreiteten, Titel und Orden gewannen. Das literarisch-jüdische Berlin, das gegen­wärtig, im Ablauf unsres Jahrhunderts, durch den Massenzustrom ungebildeter Elemente aus den verwahrlosesten Provinzen, z. B. Posen, in den Geschmacksanforderungen der Hauptstadt so gesunken ist, war ehemals die exklusivste Gesellschaft, sowol die klassischen Erinnerungen, wie die ständig fortarbeitende Gährung der Zeit hütend und be­wahrend. Eine Reihe von Namen ließe sich nennen, die aus dieser Gesellschaft hervorgegangen. Und nicht für alle würde das besondere Kennzeichen passen, das wir auf geistigen Hochmuth und vornehmthuende Absonderung würden anzugeben haben. Den Juden ist Verehrungssinn angeboren. Setzen sie diesen nicht für Andre, den Cultus des Genius, in Thätigkeit, so verwenden sie ihn für ihre eigne Person. Aber die Frivolität war in diesem Kreise nur Importartikel. Saphir durfte nicht genannt werden, kaum Heine. Ganz ebenso gestimmte Kreise fanden sich auch in Hamburg.

Hitzig, Moritz Veit, Eduard Gans, Varnhagen von Ense (Jude durch seine Frau), Luise Hensel – in die Kreise, die diese Namen bildeten, Eingang zu finden, wäre ein Leichtes gewesen. Ich hätte nur nöthig gehabt, mich Einem oder dem Andern bewundernd anzuschließen. Eine Anerkennung der Gedichte von Heinrich Stieglitz (Jude) oder einer Posse von Ludwig Robert (Jude) hätte mir Stellung verschafft. Einmal klopfte ich an die Thür des Criminaldirektors Hitzig, bei dem sich alles, was Schöngeist hieß, versammelte und in dessen Stammbaum sich auch zuletzt die Namen Franz Kugler und Paul Heyse verzweigt haben, 71 [Bundestagsprotokolle.] ohne ihn jedoch daheim zu finden. In heißer Sommerzeit mochte ich die weite Strecke bis fast zum Hallischen Thore nicht zum zweiten­mal machen. Nur eine Visitenkarte, die zu meiner Ueberraschung Karl von Holtei bei mir abgegeben hatte (die gleiche schlesische Landsmannschaft mit Wolfgang Menzel hatte ihn wol zu einem auf­merksamen Leser des stuttgarter Literaturblattes gemacht), bestimmte mich, den Dichter der gefeierten „Leonore“, des „alten Feldherrn“ aufzusuchen und mir den Eindruck zu geben, der mir für den bun­ten, vom Dichter bald darauf entrollten Lebenslauf desselben in seinen „Vierzig Jahren“ zur Vergleichung lehrreich wurde. Holtei war damals schlank und jugendlich. Als Vorleser im „Englischen Hause“ erlebte er in seiner Kunst der Reproduktion Triumphe. Ich lernte Hamlet in seiner äußern Wirkung früher durch ihn, als durch die Bühne kennen.

Die Welt außerhalb Preußens war nicht so still, wie der berliner „Lustgarten“ mit seinen Pappeln und dem „alten Dessauer“. In Frank­reich versuchte die Herzogin von Berry einen Aufstand in der Vendée. Sie verlor darüber die Freiheit; man schloß sie im Schloß zu Blaye ein. Die Republikaner suchten durch den Juniaufstand in Paris die Julirevolution, wie sie nach ihrer Meinung hätte ausfallen sollen, zu be­richtigen. Das gab blutige Scenen und Strafgerichte. In England donnerte O’Connell für die Rechte Irlands, die damals noch keinen Ver­dacht erweckten, als würden sie nur begehrt zu Gunsten der katholischen Kirche. In Italien wagten die Carbonari das Abenteuerlichste an Insurrektionen. In Portugal drohte vollständiger Bürgerkrieg. Und darin lag das Traurige, alle Niederlagen des revolutionären Geistes dienten für Deutschland nur dazu, die Einhelligkeit am Bundestage zur Unter­drückung der erhofften Preßfreiheit und der Erweiterung ständischer Befugnisse zu befördern. Metternich hielt über jeden der kleinen Staaten, selbst über Preußen, die eiserne Hand. Ueber­all fehlte die Neigung, etwas Anderes zu wollen als Oesterreich. Aber auch überall ein förmliches Ruere in servitium!. Jede Begegnung mit einem Offizier, mit einem Beamten, ja mit einem alten Schul- und Universitätsfreunde hinterließ schmerzliche Stimmungen. Die Welt, in der ich die Eltern und die endlich sich zum Jawort überwindende Geliebte wiederfand, alles gehörte dem banalen System an, das 72 [„Bei Stehely.“] mich überall verfolgte und nur ab und zu einmal von einem Besucher des Stehely’schen Kaffeehauses geheimnißvoll abgelehnt und belächelt wurde. Dabei saß die Polizei, das wußte man ja, gemüth­lich wie Andre ihre „Baisers“ verzehrend, ihren Curaçao schlürfend, dicht neben den Besuchern Stehely’s und die Spionage, auch die frei­willige, tauschte Conversation mit uns aus. Meine Bewunderung erregten einige französische Sprachmeister, die vom Signor Stoppani, dem Geschäftsführer bei Stehely, laut den neuesten Temps begehrten und sich unbekümmert in medias res ihrer heimischen Interessen warfen. Einige Gäste griffen manch­mal die lauten Aeußerungen des Antheils derselben auf. Auf die Länge schienen mir im Sommer 1832 bei Stehely zwei Namen unverfänglich zu sein, zum engern Anschluß geeignete Nicht-Verräther und Nicht-Spione. Der Eine war Doktor Sobernheim, der Andre ein Doktor Kottenkamp. Jener ein Mediziner, dieser Philologe. Beide saßen täglich um dieselbe Zeit an derselben Stelle des benannten Kaffeehauses und schlürften ihren Mokka, damals ohne Cigarre. Jener las den Temps oder das Journal des Débats (der „National“ war verboten), Dieser die Times. Beide betrieben, ohne sich zu kennen, dieselbe Spezialität. Sie waren Concurrenten ohne es zu wissen! Sie verfaßten Dissertationen für medizinische Doktoranden. Sobern­heim war ein Enthusiast für den berühmten Peter Frank, dessen Werke er herausgegeben hat. Mit Gewandtheit schrieb er Latein, handhabte auch mit Geschick den Gradus ad Parnassum. Dieser, ein geborner Friese, Landsmann seines Lehrers, des Historikers Schlosser in Heidelberg, hatte seltne Kennt­nisse in der Geschichte und sprach ein vortreffliches Englisch, das er sich in England selbst ange­eignet hatte. Mit diesen beiden eigenthümlichen Menschen, von denen Sobernheim ab und zu auch den Schöngeist machte, war ein Austausch von Ansichten in jenem Geiste Süddeutschlands möglich, dem entrückt zu sein ich nach allen Richtungen hin peinlich zu fühlen be­gann. Was Berlin an literarischer Chronik in seinem „Gesellschafter“, im „Freimüthigen“, im „Conversationsblatt“ bot, was Leipzig an jedem Samstag herüberschickte in seinem „Kometen“, „Planeten“, der „Zeitung für die elegante Welt“, Altenburg in seinem „Eremiten“, Dresden in seiner „Abendzeitung“, das lag zwar offen und frei auf, 73 [Theodor Mundt.] brachte aber nur Censurge­mäßes, überwiegend Berichte über die Theater, denen mich zuzuwenden mir jede Neigung fehlte. Mein Sinnen galt nur dem Kampf für die Ideen der Zeit und diesem lebte in Berlin noch so gut wie Niemand.

In den berliner Blättern, in denen zumeist Goethe-Vergötterung getrieben wurde, literarische Gesellschaften die Produkte ihrer ge­meinschaftlichen Abendessen, Dilettantenwaare, ablagerten, die Bilder der Kunstausstellungen langathmig besprochen wurden, Reisebriefe, nicht endende Novellen von Wilibald Alexis, Daniel Leßmann, von Nummer zu Nummer sich hinschlichen, fielen mir zuweilen Ar­tikel auf, die mit Theodor Mundt unterzeichnet waren. Die Ueberschriften berührten in der Regel Themata, die sich den modernen Gedankengängen näherten. Sie vermieden den Charakter der land­läufigen Belletristik. Ich besuchte diesen jungen Autor, von dem ich wußte, daß er ein Jahr früher als ich vom „Joachims­thal’schen Gymnasium“ abgegangen war. Er wohnte in der Münzstraße, dem jetzigen Viktoriatheater gegenüber, einer damals grabesstillen, jetzt zum Wohnen vor Lärm unerträglichen Gegend. Ich fand eine angenehme Persönlichkeit, frisches Colorit der Wangen, langes dunkles Haar, braune Augen voll Ruhe, während im Ton der Rede und im Benehmen eine Befangenheit lag, die fast auf eine kühle Art zu empfinden hinauskam. Ein eigenthümlich meckerndes Lachen, das jeden seiner ausgesprochenen Sätze begleitete, störte mich. Der Gegenstände des gemein­schaftlichen Gedankenaustausches gab es genug, Politik ausgenommen, worin der junge, sich zum Privatdocenten vorbereitende Mann ganz dem „innern Gensd’armen“ folgte, mit welchem nach einem witzigen Ausspruche Glaßbrenner’s jeder damalige Preuße zur Welt gekom­men sein sollte. Ein engerer Bund war mit dem jungen Doktrinär nicht zu schließen. Die ihm eröffnete Aussicht einer Anlehnung an Varnhagen von Ense erschien ihm wie der Eintritt in die Vorhallen des Elysiums.

König Wilhelm von Würtemberg hatte bis auf’s Aeußerste gezögert, die Stände seines Königreichs zu berufen. Jahre hindurch hatte er lavirt, um den Augenblick hinauszuschieben, wo auch in Stuttgart, wie schon in Carlsruhe, die Stimmungen der Zeit zu einem nicht mehr zu hindernden gesetzlichen Ausdruck gelangen konnten. Sein 74 [Rückkehr nach Süddeutschland.] Ernst Münch arbeitete in der Hofzeitung mit dem ihm eignen Cynismus gegen die Richtungen und Gedanken der Zeit. Es half jedoch nichts, endlich im Winter 1833 mußte sich der König entschließen, die Stände um sich zu versammeln.

Auch Wolfgang Menzel wurde für einen der Männer gehalten, auf welche die Opposition rechnen zu können glaubte. Hausbesitz hatte ihn für Schwaben nationalisirt. Er wünschte die Aufgabe der Re­daktion des „Literaturblattes“ theilweise auf meine Schultern zu legen, und ich verließ Berlin gerne, so sehr mich die endlich erfolgte Erklärung in dem früher geschilderten Verhältnisse hätte zum Bleiben überreden sollen. Um jedoch von dieser längern Entfernung mehr Ge­winn zu ziehen, als mir Stuttgart gewährt haben würde, faßte ich das schöne Heidelberg in’s Auge und ließ mich, obschon auf Grund meiner Preisschrift in Jena bereits Doktor geworden, doch noch einmal als Quasi-Student einer Universität einschreiben. Ich wählte die juristische Fakultät und hörte auch bei Zachariä, Roßhirt, Morstadt. Letzterer, ein Bruder der berühmten Schauspielerin Haizinger, war eines der Originale der heidelberger Universität, wie denn auch damals die Universitäten mehr eigenthümlich hervortretende Persönlichkeiten aufwiesen als jetzt. Die Zeit war noch nicht angebrochen, wo das ewige Hin- und Herversetzen der Professoren, das Berufen und Berufenwerden fast an die Sphäre der Schauspieler erinnert. Es muß wol am Uebergang so vieler Professoren in Civil­ämter, an andre gutdotirte Unterrichtsanstalten, Real- und polytechnische Schulen, an Oesterreichs gesteigerter Beziehung zum Gesammtleben der deutschen Wissen­schaft liegen, daß die Nachfrage auf dem akademischen Markte mit dem Angebot in keinem Verhältniß steht. Die damaligen Zierden der Carolo-Rupertina waren auf ihren Lehrstühlen alt und grau geworden und fast alle mit Haus und Hof im Orte ein­gebürgert.

Morstadt war ein komisches Original. Man sagte von ihm, er liebte das Glas. Sein Vortrag über Völkerrecht (nach Klüber) bot ihm unablässig Gelegenheit, den Bann des Servilismus zu durchbrechen, der bei den Professoren für ihre Vorträge vorausgesetzt wurde. Denn Denuncianten gab es ja genug und unter den Collegen selbst. Mit markigen Zügen wußte Morstadt bei alledem die Nichts-75[Heidelberger Charakterköpfe.]würdig­keiten im Gebahren der Cabinette, die Umtriebe der Diplomatie, den wahren Ursprung so vieler folgenreich gewesenen großen Staatsaktionen, auch zugleich manche der erlaubten Schlauheiten im Verkehr der gegeneinander arbeitenden Potenzen darzustellen. Eine gewöhn­liche Steigerung seines Vortrags (manch­mal stieg dieser bis zu ver­einzelt herausgeschleuderten Empfindungs- und Urtheilsinterjektionen) war die: „Das, meine Herren, diese Eigenheit mancher Cabinette, ist nun geradezu wieder haar“ – sträubend ließ er weg – „nie­der“ – trächtig ließ er weg, „spitz“ – bubenhaft ließ er weg und endete dann ganz gemüth­lich mit: „interessant“. Die Worte der Kennzeichnung wurden immer nur angedeutet, leise gemurmelt oder hinter den Zähnen behalten. Von den Jesuiten konnte er sich etwa so ausdrücken: „Aber die Gesellschaft Jesu, diese“ – jetzt folgte eine Pause, ein grimmiges Mienenspiel, ein Ausdruck förmlicher Wuth, auch wol ein leises „canailleuse“ – oder „gottverfluchte“ oder sonst eine Vorbereitung auf die allerschärfste Charakterzeichnung und endlich ganz harmlos: – „einflußreiche religiöse Genossenschaft“. Zuweilen platzte das zurückbehaltene Wort auch heraus wie in dem ofterzählten: Diese „ohnsinnige“ (Morstadt schwäbelte, wie seine berühmte Schwester), „grondverkehrte“, „domme, wollt’ ich sagen nicht zu beweisende Ansicht“ wird von dem Verfasser – vertreten, ich will ihn nur mit seinem Anfangsbuchstaben nennen: Mittermaier. Als ich sein Colleg belegte, hielt mir Morstadt sofort, als ich eben auf sein Herein! in sein Zimmer getreten war, einen Folianten entgegen und zeigte auf ein Titelkupfer. „Das ist er!“ sagte er, als sollte ich wissen, womit er sich eben beschäftigt hatte. Es bedurfte einiger Zeit, bis ich mich orientirte. Bald sah ich, daß es sich um das Concil von Trient handelte und das Bild den Verfasser der Geschichte desselben, Paul Sarpi, vorstellte. Sein Lachen und sein Redenwollen schien anzudeuten, als wollte er sagen: Das ist das berühmte Buch und dessen Verfasser, den bekanntlich der Haß der römischen Inquisition zweimal hat umbringen lassen wollen! Er sagte das nicht, sondern schrieb mir nur die Nummer zum Audi­torium auf und sprach da­bei langsam in Intervallen: „Cog­nosco – stylum – (Sie haben No. 4) – curiae Romanae! Am 28sten fange ich an.“ Glücklicherweise war ich geschichtsbeschlagen genug, um zu wissen, daß er jenen 76 [Auf eignen Füßen.] lateinischen Wortwitz (Stylus, Dolch oder Schreibweise) des freimüthigen Gegners der päpstlichen Anmaßungen meinte, als dieser unter den Dolchstichen der gedungenen Mörder, glücklicherweise nicht zum Tod getroffen, zusammenbrach.

Roßhirt las Institutionen und hatte eine elegante, weltmännische Manier, die für junge Juristen aus Norddeutschland sympathisch sein mußte. Die märkischen Junker konnten auf keinen geeigneteren Criminalrechtslehrer stoßen. Roßhirt, in seinen letzten Lebensjahren ultramontan, sagte den Juristen schon durch seine äußere Erscheinung: Seid liebenswürdig, zeigt Tournüre, elegante Formen, denkt immer daran, wenn Ihr einmal heirathet, daß Eure Frau in die Lage kommen kann, die Honneurs einer Ministerin zu machen! Ich fand den Mann, der außer den Honores des Justinian auch die Opes des Galen zu lieben und zu besitzen schien, besonders zuvorkommend gegen mich und hörte auch seinem Vortrage mit reichlichem Gewinne zu.

Zachariä, der „berühmte“ Verfasser der „Vierzig Bücher vom Staat“, war das absolute Gegentheil des weltmännischen Roßhirt, ein Cyniker und berüchtigt seines Geizes wegen. Seinem Vortrag über „Naturrecht“ konnte ich nicht mit besonderer Anregung folgen. Ein geborner Sachse, früher zur Universität Wittenberg gehörig, knüpfte er an gewisse Stellen seiner Erläuterung der „Vierzig Bücher vom Staat“ elegische Reminiscenzen an die schönen Ufer der Elbe an. Gewiß hätte er auch besser in die Leipziger Welt der Krug und Pölitz gepaßt. Große und freimüthige Ideen konnten nicht von einem Manne kommen, der mit den Bauern um den Zins seiner Aecker stritt und seine Reisen nach Mannheim nur mit einem Geldsack zur Seite zu machen pflegte, der für seinen Bankier bestimmt war. Es kam vor, daß der lange dürre Mann zum Jubel der Studenten von seinem Sohne erzählte, „der ihm ein Heidengeld kostete“.

Ein Empfehlungsbrief Menzel’s an Friedrich Creuzer, den „berühmten Symboliker“, zeigte mir in seiner gänzlichen Erfolglosigkeit die vertrocknete Natur einer Geheimen Hof­rathsseele von damals. Menzel hatte doch bei Creuzer’s Streit mit J. H. Voß für die Symbolik Partei genommen, hatte eine besondere Brochüre: „Voß und Creuzer“ erscheinen lassen und was geschah? Mit der 77 [Doktor und Student.] Miene völliger Stupidität guckte der mit einer großen rothen aufgethürmten Perrücke ausgestattete Professor den Neuling an und wußte ihn weder jetzt noch später unterzubringen. Als bald darauf Bettina’s „Briefwechsel mit einem Kinde“ die Geschichte der Stiftsdame von Günderode erzählte, die sich aus Verzweiflung, von diesem Manne da im Schlafrock und der rothen Perrücke verlassen zu sein, in den Rhein stürzte und den Tod gab, habe ich den Zauber nicht begreifen können, den ein solcher Adept der romantischen Schule einst auf ein weibliches Wesen hatte hervorbringen können. Man klärte mich über den kühlen Empfang in dem alten Eckhause, dem Geologen von Leonhard und der Peterskirche gegenüber, auf. Ich hatte nicht wissen können, daß ich in einem französischen Lustspiel beschäftigt war. Dieser alte Herr mit seinem rothen Titus war immer noch so romantischer Complexion, daß er sich eben mit einem bildschönen Mädchen vom Lande, das seine Enkelin hätte sein können, verheirathet hat­te. Da war sein Haus für junge Männer vorläufig nicht geöffnet.

Reichlichen Ersatz für die Professorenwelt, in welcher der Bewohner eines Zimmers in der Mittelbadgasse zu 7 Gulden monatlich keinen Eindruck hatte hervorbringen können, bot die herrliche Umgebung der Musenstadt, die in den Herbsttagen von 1832 und im Früh­jahr des folgenden Jahres, ja selbst bei Wintersturm, Frost und Schneewehen, im Wanderschritt reichlich genossen wurde. Fast täg­lich wurde zeitweise der Wolfsbrunnen besucht, bald der obere, bald der untere Weg zum Hin oder Zurück gewählt; in anderer Periode kam der Philosophenweg an die Reihe und wenn ihm recht die Arbeiten im stillen Stübchen gedeihen sollten, so lockte den Ein­siedler die beruhigendere Ebene auf die Wege nach Wieblingen oder Schwetzingen. Studentenverkehr zu suchen, konnte mir nicht mehr beikommen. Norddeutsche Corpsbursche, Adlige mit rüden Manieren, Gestalten, frech, wie man sie jetzt nicht mehr kennt, überwogen. Auch mußte ich mich damals in den einsamen Spaziergängen, auf moosbewachsenen Steinen, unter herbstlichgelben, ihr Laub festhaltenden Zwergeichen ausruhen, um dem Schmerz Linderung zu geben über die von Berlin ausbleibenden Briefe. Es war die Veranstaltung jener Mutter, die ihr Kind nie einem Manne zu geben geschworen hatte, der nicht 78 [Eine Enthüllung.] seinen Wohnsitz in Berlin aufschlug. Und meine Oberlehrerträume hatte ich doch aufgegeben – – –

„Denken Sie sich die Schwierigkeit meiner Stellung“, sagte mir eines Abends Menzel, als ich zu seinem Weihnachtsbaum 1832 von Heidelberg nach Stuttgart gekommen war und seine Kinder, von den Weihnachtsfreuden übermannt, zur Ruhe gegan­gen waren und seine für einen Holbein zum Modell passende kernfrische Gattin den Abendtisch ordnen ließ, „ich trete unter fatalen Umständen jetzt in die Kammer. Sie wissen, wie wenig Sympathie die Schwaben überhaupt für Fremde haben! Auch ist mein Verhältniß zur Opposition, zum Kreise des „Hochwächters“, nur ein loses! Tafel, der in England die Parlamentsreden studirte, wie sie im schwäbischen Dialekt nachzunahmen, ist mir lächerlich. Aber ich muß doch mit ihnen allen, mit Pfizer, Schott und den Andern gehen. Da ist eine kleine Schrift erschienen: „Divination auf den würtembergischen Landtag“, worin auf mei­nen Eintritt in die Kammer ein solcher Werth gelegt wird, als wenn ich wunder welche großen Dinge leisten würde. Man räth hin und her auf den Verfasser. Jetzt sagen alle, es müßte wol Wangenheim sein, der das Ding geschrieben hat. Allerdings stehe ich mit Wangenheim auf gutem Fuß.“

Der ehemalige Minister von Wangenheim hatte als späterer Bundestagsgesandter seinen Abschied genommen. Der freisinnige Staatsmann hatte die von ihm in Frankfurt gegebenen Vota nicht mehr mit den Anschauungen Preußens und Oesterreichs in Uebereinstimmung bringen können. Seitdem außerhalb Würtem­bergs lebend, nahm er doch den regsten Antheil an dem politischen Leben seiner Heimath, ja er war sogar, obschon bei Hofe misliebig, in die bevorstehende Kammer gewählt worden. In jener „Divination“ sah man den Versuch des neuen Abgeordneten, sich eine eigne Parthei zu bilden.

Nach längerm Schweigen und Anhören von einzelnen Stellen jener Brochüre sagte ich mit Ruhe: „Wie schade, daß das Ding nicht von einem Bedeutendern kommt! Der Verfasser dieser „Divi­nation“ bin ich.“ Ich erzählte dem Erstaunten, daß mir in einer heidelberger Abendstunde der Gedanke gekommen, auf die neue, für Deutschlands Hoffnungen so bedeutungsvolle Kammerperiode hin-79[Das Aprilattentat 1833.]zuweisen und ihm bei dieser Gelegenheit ein politisches Piedestal zu geben. Buchhändler König in Hanau hätte die wenigen Bogen be­reitwillig gedruckt und sogar mit 33 Gulden honorirt. Hoffentlich, schloß ich, würde mein Lob dem Gepriesenen, der sich erstaunt vom Stuhle erhoben hatte, nicht schaden. „Ja, nun erst recht!“ mußte freilich die Antwort lauten. „Nun wird man vollends glauben, ich hätte mir die Empfehlung bei Ihnen bestellt.“ Ich gelobte zu schweigen, er selbst schwieg und die Sache gerieth in Ver­gessenheit.

Die Bücher, die ich, nach Heidelberg wieder zurückgekehrt, erledigte, wurden nicht etwa nur durchblättert, sondern wirklich gelesen. Denn sie dienten mir zu eigner Förderung, da sie größtentheils dem wissenschaftlichen Gebiet angehörten. Zur Erholung diente ab und zu eine Gedichtsammlung oder ein Roman, H. Königs „Hohe Braut“ oder „Scipio Cicala“ von einem damals ungenannten Ver­fasser, dessen sich erst später enthüllende einflußreiche Stellung mich also nicht hatte bestimmen können, das auf so gründ­lichen italienischen Studien und einer so warmen idealen Lebensauffassung beruhende Werk zu loben. Inzwischen steigerte sich die Erhitzung der Gemüther in den politischen Bestrebungen. Die würtembergische Kammer leistete, was die Patrioten von ihr er­wartet hatten. Sie wurde dafür aufgelöst. Kurz nach Ablauf des Winters brach in Frankfurt (in den ersten Apriltagen 1833) ein förmlicher Aufstandsversuch von Studenten und Landbewohnern aus. Die Zornschaalen des Bundestags, die „Protokolle“, ergossen sich über die Nation mit Repressivmaßregeln aller Art. Oesterreich errichtete in Mainz ein eignes Büreau zur Ueberwachung des Geistes der Rhein- und Main­gegenden. Als ich mich zur Fortsetzung meiner juristischen Studien und zum Mitgenuß der von König Ludwig I. entfalteten Kunstherrlichkeit nach München begab, mußte ich dort erst den Beweis führen, daß ich am Tage des Frankfurter Attentats irgend­wo anders gewesen sei als in Frankfurt. Es dauerte lange, bis die Immatrikulation erfolgte. Auf den deutschen Thronen gab es keinen eifrigeren Verfolger der neuen Freiheits- und Einheitsbestrebungen als denselben Fürsten, der seine Residenz, die reizende Stadt an 80 [König Ludwig von Bayern.] der Isar, so künstlerisch auszuschmücken begonnen hatte. „Abbitte vor dem Bilde des Königs –!“ Man fühlte sich wie in die Zeiten jener Kaiseranbetung zurückversetzt bei den ersten Christenverfolgungen. Soviel Fürstendünkel, soviel förmlich persönlicher Haß des Souveräns gegen die Vertreter der neuzeitlichen Forde­run­gen, und doch ermöglichte dieser Monarch die beglückende Wanderung durch die damals noch nicht so wie jetzt verblichenen Fresken der Arkaden, in die Bonifaziuskapelle, in die Glypto-, die Pinakothek! Mich ergriff Trauer, wie sich soviel hochherziger Medizäersinn mit einer so leidenschaftlichen Verblendung über die ersten Aufgaben des Staates verbinden konnte. Denn König Ludwig faßte die Erlebnisse des Hambacher Festes, die geringen Vergehen des Bürgermeisters Behr, des Doktor Eisenmann wie etwas ihm zum persönlichen Tort Gewagtes und Geplantes auf. „Ist das so ein Säbel, wie Ihr Frankfurter dem Doktor Wirth einen für Hambach geschenkt habt?“ fragte er auf der Frankfurter Messe einen Spielwaarenhändler vor dessen Bude. Vollends machten die Gedichte des Königs das Urtheil stutzig. Waren diese auch barock in der Form, so war doch ihr Inhalt meist hochgemuth und immer dem Schönen und der Kunst schwärmerisch zugewandt. Das psychologische Problem blieb ungelöst. Daß die Musik nicht veredle, stand mir schon lange fest. Die Ausübung derselben, wenn diese gelingen soll, erfordert Anstrengungen, die eine Menge anderer geistiger und selbst der einfachsten Seelenthätigkeiten vollständig in Ruhestand versetzen. Werden dann jene Anstrengungen gar belohnt, so steht der Virtuose, der Künstler, der theoretische Tonverständige gleichsam als ein geschlossener, fertiger Mensch da und selten, daß man noch erfreut wird durch die Entdeckung, dies Automat habe auch Leben, Bildung, Empfindung, Herzensgüte. In der Regel hat man nur Anmaßung und Gemüthsleere. Spontini’s Herrschsucht in Berlin, die Unmöglichkeit, die dieser das Gastrecht misbrauchende Maestro für sein Ohr in Anspruch nahm, sich an Klänge, die nicht von ihm gekommen, zu gewöhnen, war allbekannt. Spätere Beispiele der Incongruenz zwischen dem musikalischen Wissen oder Können und den Gesetzen der Selbstbeschränkung hat die Epoche der Zukunftsmusik in Fülle 81 [„Ironieen des Satan.“] gebracht. Aus alledem ergab sich mir, daß Nero, der Citharöde, der Schauspieler und Sänger zugleich, ein schlagendes Beispiel für die ungleiche Vertheilung der Gaben des Genius in demselben Menschen war. Auch bei Nero traf in grauenhafter Weise das Wort des Ovidius nicht zu: Emollit mores didicisse fideliter artes.

„Ironieen des Satan“ nannte ich schon lange Gegensätze dieser Art und hatte bereits in Stuttgart den Plan, unter gleichem Titel ein Buch zu schreiben. Nur Hauff’s „Memoiren des Satan“, die viel Glück gemacht hatten, verhinderten mich an der Ausführung. Ich wollte den (damals auch sonst stark abgenutzten) Teufel darstellen in Consequenzen seines Wirkens, die in die Welt der guten Geister hineinragen, und ebenso die Engel in solchen Handlungen, die nur dem Teufel zu Gute kommen konnten. Der Dämon der Erde sollte entweder lachend zusehen, wie die Menschheit da anbetet, wo doch nur die Teufelskralle im Spiele war, oder ihn sollte es selbst überraschen, daß die Kugel, der er den Stoß gegeben, auf ein Feld rollte, wo seine Macht aufhörte. Eine satanische Ironie erschien mir z. B. jener Billaud Varennes, jener Gottesleugner der französischen Schreckenszeit, der dem Beil der Guillotine entrann, glücklich nach Amerika entkam, dort unter die Wilden gerieth und von diesen, er, der Atheist – als Gott verehrt wurde! Durch die Kunst, Vögel auszustopfen, war er ihnen als zweiter Schöpfer erschienen. Eine Ironie des Teufels wurde mir auch die Pflege der Kunst ohne charakterveredelnde Weihe, der Uebergang des frommen Sinnes in die Gewalt herrschsüchtiger Heuchelei. Die mildeste Form, wie sich Nero erklären ließ, war die, daß sein Handeln, sein Brennen und Morden für Eruptionen eines bewußtlosen Traumwandelns genommen wird, während sein Geist nur wach war, wenn er dichtete, sang oder die Andromeda (doch wol sprechend?) spielte. Konnte er sich bei seinem öffentlichen Auftreten in Rom, bei seinen Gastspielreisen nach Griechenland als Künstler selbst genügen (und seine letzten Worte waren: „Welch ein Künstler geht mit mir zu Grunde!“), so hatte er in jedem Augenblick der Kunstweihe doch die Aufforderung, dem Edelsten nachzuleben, nachzu­fühlen, dem ahnungsvollen Klange der Töne, dem Schmerzensschrei der betrogenen Liebe, die Aufforderung, dem Edelmuth der Heroen und Götter seinen ganzen Menschen zu weihen –! Und doch trat 82 [Münchner Freundeskreise.] er die Menschheit, nachdem diese applaudirt hatte, mit Füßen! Das ist der Virtuose! Das ist das schaudervolle Zerrbild des Künstlers – die Ironie des Satan! Auch der Dichter, der ein Trauerspiel schreibt und dabei selbst keine Thräne vergießt, erschien mir eine Ironie Satans. Unwahrheit im Können und Fühlen beschäftigte mich sogar in Traumgestalten.

Wenn ich von einer Scene, wo ein sich schon entwickelnder „Nero“ von lyrischen Gedichten eine Vorlesung hält, von Blumen und Nachtigallen schwärmt, und der im Purpur auf dem Katheder stehende Herrscher gleichzeitig wie mit theaterüblichem à part Todesurtheile gegen die Mitglieder der pisonischen Verschwörung ausspricht, das kritische Urtheil einer Zuhörerin meines ihr auseinandergesetzten Planes anführe, so geschieht es nicht, um meinen „Ironieen des Satan“ oder meinem „Nero“ eine Empfehlung zuzuwenden, sondern um der Person willen, die mich mit ihrem „Herrlich! Einzig!“ u. s. w. zur Ausführung des Planes ermunterte. Es war dies keine Geringere, als Frau Charlotte Birch-Pfeiffer. Wieder eine „Ironie des Satan!“ Denn Sophie Schröder hätte dem Lobe meines Vortrages gewiß größere Weihe gegeben. Das Lob der Verfasserin von „Hinko der Freiknecht“ erschreckte mich mehr, als es mich Wunder nahm. Indessen gehört die genannte Frau, die sich erst später in ihrem vollen Talente entwickelte, zu den wohlthuendsten Erinnerungen meines münchener Jugendlebens. Während eines vollen schönen Frühlings und noch einen Theil des Sommers hindurch, vom April bis zum August, bildete sich theils durch zufällige Umstände, theils durch eigne Neigung und Wahl ein Kreis ästhetischer Zusammengehörigkeiten, zu denen auch sie gehörte. Maler, Schrift­steller, Schauspieler, Jeder in seiner Weise, trugen aktiv oder passiv zur Belebung dieses Kreises und zur Förderung meiner innerhalb desselben gewonnenen Weltkenntniß bei. Die Pandekten, die bei Professor Puchta gehört werden sollten, verleideten sich mir immer mehr. Theils war die Lokalität, das alte Jesuitengebäude, eine höchst unfreundliche und die dortige Begegnung mit den vielen Langröcken peinlich; theils drückte die Hitze des Sommers; aber zumeist schreckte die Langweiligkeit im Vortrag des berühmten Juristen vom Besuch seiner Vorträge ab. Ich habe nie begreifen können, weßhalb auf 83 [Münchner Leben.] die Erwerbung dieses Mannes für einen Lehrstuhl in Berlin später soviel Gewicht gelegt wurde. Ein Pandektenlehrer, der sich nicht durch die so ausnehmend anziehende Begründung des römischen Rechts auf Vorkommnisse des täglichen Lebens angeregt fühlt, seinen Vortrag mit einer Art ad oculos-Demonstration der Rechtssätze zu halten, ihren logischen Grundbegriffen so zu sagen plastisches Relief zu geben, kann unmöglich fesseln. Um von Langröcken zu reden – ich besuchte auch einen Vortrag von Josef Görres. Ich wollte den „Alten vom Berge“ (dem Berge der Jakobiner) doch auch einmal gesehen haben. Als Student hatte ich für ihn geschwärmt. Aber schon war der ehemalige Herold des „Rheinischen Mercur“ in die Kutte einer Clique gekrochen, die sich im nahen Neuberg­hausen zu versammeln pflegte und dort die spätere Abel’sche Epoche der bayrischen Regierung anbahnte. Das rothe Haar des langen hageren Mannes rief mir seinen früheren Studien­genossen Creuzer zurück. Mein Gefühl für Görres war schon da­mals, als wenn mir Einer gesagt hätte: Da steht der Kölner Dom; du darfst ihn mit Interesse durchwandeln; aber was darin vorgeht, betrifft dich nicht und noch weniger billigst du, daß man dem Ganzen einen Ausbau giebt!

Die Conversation Münchens bewegte sich nicht blos im gast­freien Hause der jungen Frau Birch-Pfeiffer, sondern überall um die Vorkommnisse des Theaters. Damals war demselben gerade in Karl Theodor von Küstner ein neuer Intendant „gewonnen“. Um die Bühne, um die münchener Schönheiten, die König Ludwig malen ließ, um andere weibliche Existenzen, die mit den Prinzen zusammen genannt wurden, gab es eine fortlaufende Chronik, wie sie München noch jetzt zu lieben scheint. Da war ein Streit zwischen den Coulissen vorgekommen, ein bekannter reicher Hagestolz hatte sich mit einem blutjungen Bürgermädchen (in der Riegelhaube) verlobt, eine baronisirte Schauspielerin war für ihr drittes Kind mit einem Landgut beschenkt worden – kurz, München hatte vollauf seine Chronik und brauchte die der ganzen Welt nicht. Den Rest der Theilnahme absorbirte damals allerlei Spuk, den der aus Berlin an die Isar übergesiedelte M. G. Saphir anstellte. Eine Zeitlang war sogar König Ludwig mit dem unberechenbaren Kritiker, 84 [Saphir und seine Trabanten.] der heute lobte, was er morgen tadelte, Arm in Arm gegangen. Ja, der hohe Gönner hatte ihn mit dem Titel eines Intendanzrathes überrascht, ohne jedoch, wie die Weise des sparsamen und vielleicht geizigen Monarchen war, das Mindeste von Zusicherung einer Pension, geschweige eines Wirkungs­kreises seinem Geschenk beizufügen. Darüber wurde der Friede zwischen beiden gestört und der im Stillen geführte Streit artete wahrscheinlich in solchem Grade aus, daß dem zuletzt überschuldeten „Humoristen“ nichts übrig blieb, als München zu verlassen. Saphir’s stündliche Begleiter waren Leopold Feld­mann, ein junger Kaufmann, der in Griechenland gewesen und artige kleine Lustspiele zu schreiben anfing, und Eduard Jerr­mann, jener norddeutsche Sonderling, der sich in den Kopf gesetzt hatte, französischer Schauspieler und gradezu ein Ersatz für Talma zu werden. Wenn man die Empfindlichkeit kennt, welche die Franzosen nicht nur für ihre Aussprache, sondern in noch höherem Grade für die klassische Stätte ihres Repertoirs, ihr Theâtre français und das im „Erbe Molière’s“ gesprochene Französisch haben, so mußte man mit Staunen einen Mann betrachten, der wirklich zwölfmal hinter derselben Lampenrampe gestanden hatte, die durch Talma geweiht war. Der Gewinn, der ihm von diesem Wagniß, von dieser Anstrengung, die z. B. zur correkten Hervorbringung des Buchstabens R den Tag über Kalbsknöchel im Munde trug (ein Mittel, das ihm empfohlen worden war), zu Theil wurde, war – gleich Null. Zwölf mühselig einstudirte Rollen waren abgeschnurrt wie die Walzen eines Leierkastens; der Rest war – ein deutscher Schauspieler, der nirgends Engagement finden konnte, nirgends in’s Ensemble paßte und erst durch die gewaltige Leistung seines in Paris geschulten Brustkastens, Franz und Karl Moor an einem Abend zugleich zu spielen, sich erfolgreich Gastspiele erwarb. Von diesen Effekthaschereien abgesehen, war Jerrmann ein Kopf voll schlagenden jüdischen Witzes, praktischer Kenntniß vieler in der Welt und im Menschenleben geltenden Regeln und Verhältnisse, zuweilen die Mäßigung und Klugheit selbst, dann freilich wieder aufbrausend und unumgänglich bis zum Exceß. Nicht ganz die Schule des Mißgeschicks ist es gewesen, die ihn später zu einem tüchtigen Regisseur in Mannheim und einem ver-85[August Lewald.]wendbaren, immer zuverlässigen Mitgliede des Burg- und Berliner Hoftheaters machte. Der Friede, der allmälig über ihn kam, kam aus ihm selbst. Etwas vom Geiste Nathan’s, den er spielte, bezwang ihn. Ich habe selten eine solche Umwandlung gesehen, damals der nächt­liche Spieler und Bankhalter von München, und der spätere ruhig ergebene Familienvater in der Oranienstraße zu Berlin.

Eine Jerrmann geistesverwandte Natur war sein Landsmann und Standesgenosse August Lewald. Ebenfalls Schauspieler, ebenfalls Regisseur, ebenfalls aus Paris gekommen, ganz erfüllt vom dortigen Theater- und Literaturwesen, bildete der weltgewandte Mann, dessen Umgangsformen gefälliger waren als die Jerrmann’schen, einen Mittelpunkt für einige Studenten, Musiker, Schauspieler, Maler, unter welche auch ich eintrat und nicht zu meinem Nach­theil. Fanny Lewald’s Oheim kannte Menschen und Dinge. Nach Paris war er 1815 als Dolmetscher der russischen Truppen, die durch seine Vaterstadt Königsberg zogen, mitgegangen. Zum Handel zurück­zukehren, behagte ihm nicht nach dem Pariser Leben. Er wurde Schauspieler, und da ihm Talent fehlte, um Erfolge zu erringen, machte er sich bei verschiedenen Theatern eine Stellung als Sekretär. Als solcher hatte er Erfahrungen gesammelt, die er als Schrift­steller benutzte. Sein Wanderleben hatte ihn nach Hamburg geführt, wo ihm die Verbindung mit Julius Campe’s Verlagsbuchhandlung und sein Enthusiasmus für Heinrich Heine, der damals noch in Hamburg lebte, einträglicher wurde, als seine Thätigkeit am Stadttheater. Er folgte Heine nach Paris. Sein Naturell mußte ihn zu diesem, nicht zu Börne ziehen. Goethe hat solche Naturen wie Lewald in dem Figurenreichthum seines „Wilhelm Meister“ angedeutet. Es ist die Vielgeschäftigkeit des Einen, die Geheimnißsucht des Andern. Schon regten sich in München, genährt durch Lewald’s katholische Gattin, Sympathieen für Weihrauch und Meßgewänder. „Eine Klosterzelle“ – so hieß die Erzählung, die gerade unter seiner Feder war, als ich eines Mittags bei ihm eintrat und mir von seiner Seite eine dauernde An­hänglichkeit bis zum Jahre 1848 gewann, wo sein Katholisch- und Ultramontanwerden Lockerung herbeiführte. Im Wesentlichen spekulirte er nur. Was ihn heute in Enthusiasmus versetzte, war morgen „Schund“. Nur Eines blieb sich immer gleich, die wühlende Frage 86 [Frau Charlotte Birch-Pfeiffer.] der Selbsterhaltung. Konnte Jemand zu diesem Betriebe mitver­braucht werden, so war Lewald’s Beziehung zu ihm magnetisch, warm, überzeugt. Scheiterte aber der angelegte Plan, so brachte seine ständige Devise: Alles ist eitel! Ernüchterungen hervor, wo die anfängliche Bewunderung und Freundschaft bald in die Brüche geriethen. Diese Eigenthümlichkeit wurde indeß von Jedermann bald erkannt und es erzürnte ihn auch nicht, wenn man ihn deßhalb aufzog, was in unserem Kreise oft genug geschah. Vorzugsweise gehörten außer mir zu Lewald’s ständiger Staffage zwei junge Studenten der Rechte, Karl Löning von Mannheim und von Kardorff aus Mecklenburg, der zu früh verstorbene Violinvirtuose Riefstahl aus Stralsund und ein origineller Kurhesse, der viele Jahre in Italien und dort im Hause eines Napoleoniden Erzieher gewesen, Lottich; er nannte sich auch nach seinem humanistischen Urgroßvater Lottichius. Im Englischen Garten oder am Ufer der „renken“-reichen Seen des Hochgebirges oder auf den schmalen Wegen durch die Wiesenblumen und eingezäunten Rinderheerden der Jachenau, die wir durchwanderten, wurde gescherzt und gelacht, gehänselt und die Schönheit des Lebens genossen.

Charlotte Birch-Pfeiffer hatte mehr vom münchnerischen Wesen, als vom schwäbischen, obschon sie in Stuttgart geboren war. Auf Schönheit konnte sie zu keiner Zeit Ansprüche gemacht haben. Doch imponirte ihre majestätische Figur. Immerhin konnte sie sich aufge­fordert fühlen, sich frühe an heroische Rollen in Stücken zu wagen, die jetzt vergessen sind. Das edlere Repertoir, eine Iphigenie, eine Medea, bezwang sie nicht. Singende süddeutsche Sprechweise, das Verschleifen der End- und Anfangsvocale der Worte vertrugen sich nicht mit Schiller und Goethe. Dennoch stand sie viele Jahre neben Eßlair und Vespermann als beliebtes Mitglied auf der münchner Bühne und genoß, da sie mit sechszehn Jahren angefangen hatte, bereits eine Pension. Ihr Gatte, Dr. Birch, war ein Däne. Er wollte irgendwo bei einer dänischen Gesandtschaft attachirt gewesen sein. Seine Frau behauptete, er hätte um ihretwillen seine Carrière als Diplomat verscherzt, und hielt sich in Folge dessen für verpflichtet, die Sorge um ihren Hausstand allein zu tragen. Ihre Existenz war auf einen behaglichen Fuß eingerichtet. Nicht nur, daß sie Kinder hatte, die ihr leider fast alle 87 [Ihre Häus­lich­keit.] starben, auch eine Schwester war im Hause, eine treue Seele, die am Vormittage für den immer reichen Tisch zu sorgen hatte, am Nach­mittage Jahr ein Jahr aus für die Schwester Romane las. Dieser theilte sie die Stoffe mit, die ihr spannend und dramatisch vor­kamen. Inzwischen las ihr Gatte die Memoiren von Richelieu, Sülly, Kardinal Retz u. s. w., wodurch für die somit um Stoff niemals Verlegene Stücke von historischer Grundlage möglich wurden. Diese Materialien selbst zu sammeln, selbst erst zehn Romane zu lesen, bis einer davon brauchbar erschien, dazu war die unruhige, aufgeregte, immer in einer Art des Hegel’schen Außer-sich-Seins lebende Frau, die zugleich der Gesellschaft, ab und zu auch noch der praktischen Bühne angehörte, nicht fähig. Ich habe viel berühmte Schriftstellerinnen, besonders in ihren Anfängen, kennen gelernt, trocken und phantasielos moralisirende, naive und poetische, aber Luise Mühlbach und Charlotte Birch-Pfeiffer übertrafen alle an Combination und schneller Gestaltung. Nur daß jene, ehe sie an die Historie und Biographie gekommen war, zu sehr auf Unmöglichkeiten, die in’s Häßliche ausarteten, ihre Er­findungen baute, diese dagegen sogleich mit gesunder Logik und natür­licher Empfindung auf Situationen zusteuerte, von denen sie aus ihrer Theatererfahrung wußte, daß sie damit das Herz des Publikums, den Applaus und Hervorruf der Schauspieler, für sich haben würde.

Als ich die merkwürdige Frau kennen lernte, war grade ihr großer Erfolg „Pfefferrösel“, das sie einem Georg Döring’schen Roman nachgebildet hatte. Für die Bühnenwelt ist das spätere „Lorle“ das alte Pfefferrösel, nur in den schwäbelnden Modeton übersetzt. „Hinko“ nach Storch’s „Freiknecht“ sollte folgen. In acht Nächten (denn nur in diesen behauptete sie die nöthige Ruhe und Sammlung zu finden) hatte sie grade „Hinko“ zu Stande gebracht, als mich ihr Gatte zu ihr führte. Sie erklärte, Höheres anzustreben. Ein einzelner Akt aus einem Stoff, der Karl den Großen betraf, erschien ihrem Gatten würdig, sich Tasso anzureihen. Ich lächelte dem, muß aber doch leidlich liebenswerth geblieben sein; denn die Frau schüttete mir ihr Herz aus. Von ihren Klagen erwähne ich nur, daß der Ehrgeiz der damals 33jährigen unsäglich unter den fortwährenden Angriffen Saphir’s litt. Dieser tadelte sie ebenso sehr als Darstellerin wie als Schriftstellerin und machte sich zum Ueberfluß auch noch den Spaß, den Dr. Birch, oder 88 [Münchner Bühnenzustände.] wie er den vortrefflichen, nur etwas langweiligen Mann nannte, den „Dr. Harmlos“, in das Gehege seiner oft cynischen Witze zu ziehen. Alles in Allem fand ich in meiner neuen Freundin eine „Unglückliche“, die sich nicht an ihrem Platze zu befinden behauptete. Sie würde weder als darstellender und schreibender Genius nach Gebühr geschätzt, noch befände sie sich überhaupt in der Lage, die Fülle von Lebens- und Schaffenskraft, von Liebe und Freundschaft, die in ihr lebten, auszuströmen. Wie jedoch maßlose Naturen dieser Art zu sein pflegen, der kleinste Erfolg, irgend eine glückliche Bekanntschaft mit dem höheren Adel, einem Tauffkirchen, einem Arco, irgend eine Begegnung und Plauderei mit König Ludwig selbst machten alles wieder gut.

Inzwischen war „Nero“ von Lewald als vollständig bühnen­unmöglich verurtheilt und in den Hintergrund getreten. Aber Billaud Varennes, der sich den Indianern zum Gott gemacht hatte durch seine Kunst, Vögel zu fangen, abzurichten und zuletzt auszustopfen, ver­wandelte sich mir in den Dalai Lama von Tibet, dessen Würde als Gott mich zu dem Roman: „Maha Guru, Geschichte eines Gottes“, veranlaßte. Damals gab es chinesische und arabische Romane genug, die aus dem Englischen übersetzt wurden. Karl Spindler hatte noch nicht das Lesebedürfniß allein in Beschlag genommen. Noch gab es eine gebildete Gemeinde, die das Neueste von Tieck und Steffens gelesen zu haben für unumgänglich hielt. Noch zwinkerte der berliner vornehme Judenkreis verächtlich mit den Augen, wenn von einer Literatur die Rede war, die nur auf Leihbibliotheken berechnet schien. Den Muth, eine Arbeit dieser Art, die den Unterhaltungszweck ganz ausschloß, zu beginnen, und den andern vom jungen Georg von Cotta gezeigten Muth, einen solchen Roman zu verlegen, würde man in Autoren- und Verlegerkreisen jetzt nicht mehr häufig antreffen.

Die Lust am Theater hätte Eßlair’s Heldengestalt, Vespermann’s feine Charakteristik nähren sollen. Doch schien mir der Nimbus dieser Sphäre in München noch trüber, als in Stuttgart. Wer in unserem Kreise etwas vom Theater wußte (und im Birch’schen Hause war die Chronik desselben die Tagesordnung), hatte nur Intriguen, Schwindel, Hintertreppen- und Schürzen­wirthschaft zu erzählen. Bald hatte sich ein Darsteller eine Rolle erschlichen, 89 [Ein Original.] die ihm nicht gebührte; bald wurde wieder ein anderer wegen Schulden verhaftet. Die Schauspielerinnen und Sängerinnen nannte man selten ohne ihre Protektoren. Die Namen der Prinzen, des Königs liefen mit den Boudoirgeheimnissen der Theaterschönen parallel. Der Säbel des Militärs war in die Strickknäuel verwickelt und von Ehemännern, denen Ueberraschungen bereitet wurden, lief eine lustige Anekdote nach der andern um. Es war hergebracht, daß Jeder, der dem Intendanten von Poißl gegenüber etwas hatte durchsetzen wollen, sich nur zu einem Repräsentanten des hohen Adels zu begeben brauchte, um Fürsprache zu gewinnen. Der König besuchte diese und jene neue Erscheinung der Bühne, während er seines schweren Gehörs wegen an den Vorstellungen selbst kein Interesse nahm. Nirgends existirt wol ein Hof, den die Gemüthlichkeit des Publikums so herabzuziehen versteht und so in Anspruch zu nehmen wagt für seine eigenen Lebensbedürfnisse, wie der münchener. Andererseits aber auch hat kein Hof soviel Neigung, sich seiner exklusiven Stellung zu begeben. Eine Schauspielerin, die durch die fast täglichen Besuche des Königs in den Ruf gekommen war, als müßte sie Schätze gesammelt haben, versicherte mich: „Ich schwöre Ihnen, nichts habe ich von ihm, als einmal einen alten Auerhahn aus dem Wildpretamt und ein andermal eine große Rolle Papier. Ich hielt diese für die Verschreibung eines Landguts. Was war es? Sein lithographirtes Portrait!“ Vollends abschreckend war die endliche Ankunft des neuberufenen, durch einen Orden geadelten Küstner. Der Musendienst hat seltsame Priester. Wie sich dieser ehemalige sächsische Advokat, der ein Deutsch wie ein Chaisen­träger Dresdens sprach, so lange Jahre in den Hallen Thaliens und Melpomene’s, sogar wie ein Mann der Weisheit, hat umtreiben können, ist unbegreiflich. Oder man müßte etwa sagen, es wurde möglich, weil die Intelligenz und die persönliche Würde der damals üblichen Hoftheaterintendanten noch tiefer stand.

Eine aus Prag eingewanderte burleske Persönlichkeit, der Professor Julius Max Schottky, wurde der unfreiwillige Lustig­­macher unseres Kreises, der sich jeden Nachmittag im Café Tam­bosi zu versammeln und in der Regel ein Vorhaben zu planen pflegte, einen Ausflug über Land, den Besuch eines Künstlerateliers, einen 90 [Die Wanderung in die Jachenau.] Gang durch die Galerieen, die Besichtigung einer der vielen vom König unternommenen Neubauten, ein Zusammentreffen im Theater oder nach dem Theater an irgend einem gemüthlichen Orte. Martial’s latitare in tabernis fand in Münchens damals urwüchsigen, nur von spärlichen Oellampen erleuchteten Lokalen behagliche Anwendung. Noch waren da die berühmtesten Künstler und Gelehrte glücklich daran, daß die heutige Selbstemancipation des vierten Standes nicht mit ausgebreiteten Ellenbogen die Tische für sich allein behauptete. Schottky’s unfreiwillige Komik begleitete uns unter anderem bei einem ereignißreichen Ausfluge in’s Gebirge.

Wir hatten mehrere Wildparks, die München umgeben, und gegen Mittag den weiten Spiegel des Starnberger Sees hinter uns. Nur eine Dame war unsre Begleiterin, Frau Lewald, aber sie genügte, den ewig verliebten Schottky zu electrisiren. Schottky war unerschöpflich in Anekdoten, die sich Lewald dann zu weiterer Aus­arbeitung erbat. Antheil am Honorar wurde gewährt. Immerfort war Schottky’s Schreibtafel in Bewegung, um jedes nur einigermaßen leserlich gesetzte Wort, das einem von uns ent­fallen war, aufzuzeichnen. Er versicherte uns, sich die Kosten dieser Vergnügungsreise an unseren Einfällen bezahlt machen zu wollen; eine öffentliche Darstellung derselben läge in seinen ernstesten Vorsätzen. Allerdings correspondirte er für einige Blätter in Städten, die nahe am Fuße der Karpathen lagen. Hinter Starnberg nahm jedoch des komischen Mannes Befinden eine üble Wendung. Er hatte so viel durcheinander geredet, daß wir seinetwegen in einem Dorfe halten mußten. Er erholte sich allmälig von einer halben Ohnmacht und wir wagten die Fahrt fortzusetzen. In der Nacht kamen wir im Bade Sulz am Peißenberge an und ehe wir uns dessen versahen, war unser Professor verschwunden. Der Kellner brachte uns eine Gute Nacht von ihm und meldete, er hätte sich schon in’s Bett gelegt. Der nächste Morgen zog einen feuchten Regenflor über die Gegend, die Ebene und das Gebirge waren eingehüllt in undurchsichtige Schleier und nur einige Blicke blieben frei in die romantisch-wilde Hinterwand des Herrenhauses. Das war ein unwillkommenes Hinderniß unserer Reise. Allein selbst wenn die Sonne gelacht haben würde, hätten wir doch bleiben müssen; 91 [Der Antiquarius.] denn unser guter Julius Max hatte sich von seiner Kolik oder was es war, noch nicht erholt. Wir klopften an seine Thür: er gab keine Antwort. Wir riefen: Alles blieb still. Eine Magd eilte herbei und bedeutete uns, der Herr drinnen sei vor neun Uhr nicht zu sprechen. Also hatte er dem weiblichen Geschlecht doch schon Audienz gegeben. Wir harrten bis neun. Da stürmten wir rücksichtslos sein Zimmer. O wehe! Schottky lag wirklich noch im Bett! Aber er lag schon gestiefelt und gespornt, in seinem grünen Oberrock, mit dessen langem Kragen, den er à l’anglaise bis an’s Ohr aufzukrempen liebte, die frischesten hoch­gesteiften Vatermörder zier­ten seine blassen Wangen. Er war auf Damenvisite eingerichtet, spähte aber dabei, als Frau Lewald von Kamillenthee sprach, ängstlich, ob wir uns nicht im Zimmer theils dem Orte näherten, wo noch die Hülfsmittel seiner Toilette lagen, theils den Papierschnitzeln ringsum, die einen hohen Werth für ihn hatten. Seine grellen Augen verfolgten jede unserer Bewegungen. Sie zuckten förmlich, wenn wir etwas anfaßten, zumal einen mächtigen Bogen voll kleiner Papiere, der auf einem Stuhle vor ihm lag. Das waren die Bausteine seiner künftigen Werke. Alles, was er bei seinen Wanderungen durch das Gebirge aufgelesen hatte, war hier mit flüchtigen Buchstaben ver­zeichnet; Volkslieder, Localsagen, naive Antworten idyllischer Milch­mädchen, Erinnerungen aus den Sennerhütten, Inschriften über Kapellen und Wohnhäusern. Ich verwickelte mich mit ihm in ein Gespräch über seine Studien und bin gewiß, zu seiner Genesung beigetragen zu haben, da ich ihn auf das böhmische Mittelalter und die Königinhofer Handschrift brachte, über welche beide er geschrieben und letztre anerkannt hatte.

Gegen Mittag theilten sich die Nebel, der Himmel blaute da und dort, man sah nur noch in der Ferne die Gebirge förmlich rauchen. Die Sonne theilte das üppige Grün um uns her in helle und dunkle Partieen. Schottky trat plötzlich lachend unter uns. Er hatte sich erholt und forderte uns sogar auf, mit ihm den Peißenberg zu besteigen, an dessen Fuße das Bad lag, dessen Logierhaus uns beherbergte. Freund Riefstahl, der ausgezeichnete Geiger und Freund Robert Schumann’s, nahm mit mir die Auf­forderung an, und unser rüstiger Fußtritt einigte sich bald mit den 92 [Heitre Welt.] Sonnenstrahlen, um das feuchte Gras des Berges zu trocknen. Schottky ergriff einen jungen Eichstamm und ging mit munterster Laune voran. Wer hätte glauben sollen, daß er noch vor einer Stunde der Hülfe des Arztes zu benöthigen schien! Der Peißenberg, der Rigi des bairischen Hochgebirges, streckt sich in einer be­trächtlichen Höhe; wir bedurften Schottky’s munterer Unterhaltung, um das Steigen nicht beschwerlich zu finden. Endlich hatten wir den Gipfel erreicht, die einsame Kirche, das Schul- und Pfarrhaus. Wir kehrten beim Pfarrer, Schottky’s „altem Freunde“, ein. Unser Professor war in seinem Element. Fünf Frauen, die des auf Cölibat angewiesenen Geistlichen Küche bedienten, lachten durch­einander und der Schulmeister war entzückt, als Schottky, der alte Kunde, sich wieder sehen ließ und natürlich zuerst den Pfarrer fragte: „Was machen Ihre Bücher?“ den Schulmeister: „Was macht Ihr in Freisingen studirender Sohn?“ Er kannte Jedes Stecken­pferd. Schottky wurde übermüthig. Der obere Gipfel des Berges wird von einem Steinwall eingerandet, der vor dem jähen Absturz des Berges Schutz gewährt. Eine steile grüne Ebene legt sich dicht an unter dem Steinwall und langt mehrere hundert Fuß in die Tiefe. Jetzt rief der Freund des Sagenkreises Siegfried’s und des Przemislav einen Buben in der Nähe an, ob er für sechs Kreuzer den Weg in die Tiefe wagen und vom Hollunder drüben einen Zweig heraufbringen wolle. Er war ganz der König des Peißenberges und der Junge ein Ritter oder Knappe. Für sechs Kreuzer hatte er die Romantik wohlfeil. Der Junge brachte den Zweig. Der König steckte ihn auf seinen Hut und schwur, ihn Madame Lewald zu weihen. Nachdem wir den Berg hinuntergestiegen, war Schottky den Abend über Brillantfeuer. Nur eine seiner charakteristischen Thorheiten vermochte er nicht zu lassen. Sowie wir das Badehaus erreicht hatten, schlich er erst auf sein Zimmer, riegelte wie immer zu, zog die Fenstervorhänge zusammen, so daß auch keine Spalte übrig blieb, seine Geheimnisse belauschen zu können. Was that er? Darüber ist während seines Lebens Dunkel geblieben. Wieviel Reisen er gemeinschaftlich mit andern gemacht hat, alle seine Begleiter wissen, er ließ sich überall auf seine Person ein Zimmer geben, entfernte sich zuweilen plötzlich aus der Gesellschaft und riegelte sich ein, um 93 [Der Gebirgs-Figaro.] etwas zu thun, was nie entdeckt worden ist. Wahrscheinlich ordnete er seine Perrücke.

Es war ein duftiger, sonniger Frühmorgen, als wir Sulz verließen und der Richtung des Gebirges zufuhren. Die weißen Schneehäupter reckten sich kühn in die blaue Gebirgsluft. Lange Schwärme von Männern, Weibern, Kindern zogen murmelnd, den Priester mit der Fahne an der Spitze, über die Feldwege dahin. Es war der Vorabend zur Himmelfahrt, die Gemeinden wallfahrteten nach heiligen Orten, viele nach Ammergau, der berühmten Heiligen­fabrik. Schottky war reich an Anekdoten und so aufgeheitert, daß es in Murnau um so auffallender erschien, ihn plötzlich wieder verstimmt zu sehen. In der Herberge, wo wir abstiegen und vom Fuhrwerk Abschied nehmen mußten – es galt jetzt zu Fuß zu wandern – hatte sich eine Frau angeboten, uns unsere Bärte zu rasiren. Schottky fühlte das Bedürfniß eines glatten Kinns und der weibliche Figaro fing an, ihn einzuseifen. Wir fanden diese Frau zu drollig, um nicht über das Bild: Schottky unter den Händen einer Barbière! unsre Glossen zu machen. Schottky verbat sich unsere Anwesenheit. Er wollte das Komische der Situation nicht urgirt, nicht vergegenständlicht sehen. Unsere Bemerkungen zwangen ihn zum Lachen und er scheute das scharfe Messer. Nichtsdestoweniger gerieth die Barbière in Ver­wirrung, übersah einen kleinen Hügel auf Schottky’s Oberlippe, ein unvorsichtiger Schnitt, und das Unglück war geschehen. Schwamm herbei! Schottky verblutet sich! riefen wir. In der That stürzte er leichenblaß auf das Stück Spiegel, das ohne Rahmen am Fenster hing. Das Blut war bald gestillt, nicht so schnell sein Zorn. Es ist abscheulich, mir so mitzuspielen –! Auf seine Wuth nicht eingehend, fragte ich ihn, ob Murnau nicht berühmt sei durch einen Kaiser, der hier gewohnt habe? – Allerdings, schrie er, das Haus drüben, das Sie sehen, hat Ludwig der Bayer bewohnt! Aber wie das blutet! Es ist empörend! Erst da beruhigte er sich, als wir den schneeigen, von der Sonne beleuchteten Eingang des Gebirges nach Partenkirchen, einen bezaubernden Anblick, vor uns hatten und wir ihn mit unverstellter Theilnahme nach einigen Sagen aus der Geschichte von Partenkirchen fragten und dann Nixen und weiße Frauen und verzauberte Prinzessinnen das Ihrige thaten, 94 [Forschungen.] Friede in sein Gemüth zu gießen. Als wir ihn fragten, ob sich wol auch die berühmten Mägde der Wlasta geschnürt haben mochten, fing er an behaglich zu meckern und alles war gut.

Die Gebirgswonne übermannte uns Alle. Für Julius Max kam noch die überraschende Begegnung mit einem königlichen Gestüt hinzu. Welche Gelegenheit zu einem Artikel in einem bayrischen Provinzblatt: Das königliche Gestüt bei Murnau?! Er ließ sich Milch geben. Wir versicherten ihn, er hätte Stutenmilch getrunken, und so gut war er aufgelegt, uns diesen Scherz nicht übel zu nehmen, ja uns zu versichern, ein Kalmück würde ihn um sein Labsal be­neidet haben. Wie viel Pferde stehen hier, mein Freund? – fragte er einen Bereiter. Der Mann nannte einige Hundert. Schottky rasch mit der Schreibtafel heraus. Wie viel Stuten darunter? – fuhr er fort. Sind Sie verheirathet? ließ er einfallen. – Die Stuten? lachte der Bereiter. – Nein, nein, mein wohlgeborner Freund, das ist drollig; ich meine Sie, Sie, wie heißen Sie doch? – Kaspar Müchler. – Der Tausend? Doch nicht verwandt mit dem Kriegsrath Müchler in Berlin? Aber Sie haben Kinder, guter Freund? – Drei, einen Buben und zwei Mädchen. – Zwei Mädchen; das ist allerliebst, ja grüßen Sie doch die kleinen Damen von mir. Ich bin der Professor Schottky aus München. Doch nun noch Eins. Wie viel Bereiter sind hier? Wie viel Beschäler? Wie groß ist der Consum an Stroh? An Heu? Aha! Die Wiesen ringsum –! . . Die letzten Fragen folgten nach längeren Pausen. Wir hatten schon einen beträchtlichen Vorsprung gewonnen, als Schottky noch immer mit dem Stallknecht sprach, der ohne Zweifel darauf rechnete, dieser vornehme Mann würde ihm in München Fürsprache leisten für eine Aufbesserung seines Gehalts. In dieser Art verbreitete Schottky auf seinen Wanderungen Himmel voll Glück, die ihm nichts kosteten. Am Kochel­see würde doch kein Kind gewesen sein, dem er nicht, kam es uns grade in den Weg, eine herrliche Weihnacht, keine Dirne, der er nicht für die Erntezeit die schmucksten Tänzer versprochen hätte. Alle seine Gaben streute er in reichem Maße aus; es waren nur Worte, die er gab, aber die bezauberndsten. Beim Besteigen des Kochelberges fand sich für Schottky eine lange Inschrift am Wege, die ihn so beschäftigte, 95 [Der Verkehr mit dem Volk.] wie nur Lepsius von einer Inschrift an den Pyramiden gefesselt sein konnte. Bis auf den Gipfel des Berges schrieb er die Inschrift in’s Reine, die sich auf die Weg­besserung bezog. Er ruhte oben aus, aber die Bank, auf die er sich setzte, brach unter den Hoffnungen, die er darauf für seine Zukunft zu entwickeln begann, zusammen. Noch soeben citirte er ein Buch über die Inschriften des deutschen Mittelalters, das er noch nicht geschrieben hatte, und konnte auf ein Haar jählings in die Tiefe gestürzt sein. Entsetzt raffte er sich auf; vollends lag der düstere melancholische Wallersee vor uns. Auch dieser bildete eine Parthie seiner Collectaneen unter der Rubrik „Un­glücksfälle“. Wir wurden ernster gestimmt. Schottky erzählte uns, wie viel münchner Maler schon in jenen dunkeln Wellen ihr Grab gefunden hätten. Einer dieser Unglücklichen hatte noch im jüngsten Winter seinen Vorlesungen über Benutzung altdeutscher Dichtung für die Kunstwelt auf der Kauffinger Straße in München beigewohnt und war ihm das Honorar schuldig geblieben. So schlug der Ernst wieder in’s Komische zurück. Schottky trällerte, als wir dann über den See selbst fuhren, er wollte den finstern Mächten trotzen, aber plötzlich fuhr er zornig auf. Er hatte, als wir den Kahn verließen, einen jungen Bauer, der mit zwei Kindern vor seiner Hofthür stand, angerufen: Eure Kinder das? Hübsche Kinder? Wie alt? Wie lange verheirathet? Was macht Eure Frau? Kommt die Groß­mutter noch zuweilen herauf? Grüßt Sie doch, Alle, Eure Frau, Eure Schwägerin, Eure Groß­mutter! Mein Freund, mein wür­dig­ster Freund –! – – immer dieselbe Apostrophe, so daß von unserer Seite die Parodie nicht ausbleiben konnte. Nun aber brach das Gewitter los. Diese Gebirgsmenschen kenne ich! rief er wuth­schäumend. Ich weiß, wie man diese einfachen Leute behandeln muß; es ist nicht zum ersten Male, daß ich in’s Gebirge komme! Ich studiere die Sitten dieser Leute, ich sammle Volkslieder und charakteristische Züge! Da muß man sich auf die Stufe dieser Menschen stellen und von ihren Angelegen­heiten sprechen, wie von den unsrigen! – Würden Sie denn da nicht besser thun – fragte einer von uns – wenn Sie sich in jedem Bauernhause für einen verschollenen Vetter aus Amerika ausgäben? – O, Sie sind auch Einer – trumpfte er dann mich 96 [Dessen Schattenseiten.] ab, weil ich lachte – ich weiß es, daß Sie Alle hinter meinem Rücken Kabalen schmieden. Zum Teufel mit Euern leichtfertigen Schnurren! Mit diesen Worten schoß der Erzürnte wie eine Rakete voraus. Erst an dem Hause, wo wir ein Nachtlager nehmen wollten, holten wir ihn wieder ein. Doch war für heute kein Auskommen mehr mit ihm. Wenn er auf eine Weile beruhigt schien und sich in die freundlichen Bewillkommnungen mischte, die wir im Hause des reichen Bauern gaben und empfingen, so trat sogleich wieder ein neues Mißverständniß ein. Schottky trennte sich nicht von seiner Schreibtafel. Er notirte den Namen des Bauern und die Namen aller seiner Kinder. Auch am folgenden Morgen ließ er sich in seinen Forschungen nicht stören. Es war Himmelfahrtstag. Der Him­mel kleidete sich in das schönste Festblau. Ueber die Berge hin­weg entschwanden die letzten Nachzügler der nächtlichen Gewitter­schauer. Die Natur athmete in duftiger Erquickung. Die Be­wohner des langen Thals mußten von einem Gehöft zum andern wandern, ehe sie die Kirche und das daran stoßende Haus des Herrn Walter Werner erreichten. Die Glocken hatten erst Einmal gerufen und die zuströmende Menge versammelte sich einstweilen in der Wohnung ihres Oberältesten, in dessen Betten wir geschlafen hatten. Dies Ansammeln war eine Erscheinung, die Schottky elektrisirte. Er spitz­te den Bleistift und fragte, wie alt Kathi’s ältester Bruder sei? Wie viel Kühe Heidegger auf der Alm habe? Wer nun wohl der Reichste in der Jachenau sei? Ob sie Vertrauen zu ihrem Könige hätten? Ob sie gerne Soldat würden? Wer von ihnen schon die meisten Auerhähne geschossen hätte? Kurz alle diese Dinge schrieb er sich genau auf. Man wird sie in des Verstorbenen Nachlaß ge­funden haben; denn es war seine Absicht, dem deutschen Volke mit diesen Mittheilungen aufzuwarten. Doch täuschte sich Schottky und die werden es bezeugen, die später Dorfgeschichtliches erforscht haben, diese Menschen ließen sich ungern ausfragen. Sie sahen sich einander mit großen Augen, verdächtigen Mienen an, sonderbare Handbewegungen nach der Seite hin, wo sie ihre Messer tragen, folgten. Einige flüsterten sich zu, das müsse wol ein Spion aus München sein, der sie für ihre versteckten kleinen Jagdfrevel belangen, oder ein österreichischer Werber, der sie gegen ihren König einnehmen wollte. 97 [Die Kirchenmalerei der Gebirge.] Die jüngern Leute standen auf und traten dem erschrockenen Professor näher, die ältern unterließen seine Fragen zu beant­worten, wir mußten schleunigst unter die Aufgeregten treten. Aber sie wollten sich nicht zufrieden geben und verlangten das Papier zurück, das Schottky beschrieben hatte. Da hatte der Küster den glücklichen Ein­fall, zum drittenmal zu läuten, die Gedanken bekamen eine andere Richtung, Schottky fand Gelegenheit, sich zurückzuziehen, und die von drübenher brausenden Orgeltöne milderten den Tumult, der mit einer gefährlichen Attake auf Schottky’s Wohlbefinden hätte endigen können.

Als sich dies Gewitter und unser Beileid über den Mann, der mit dem Volke umzugehen wisse, verzogen hatte, übergab sich der gerettete Schottky der muntersten Ausgelassenheit. Er klatschte in die Hände, hüpfte, sang, erbot sich, einen Theil unseres Gepäcks zu tragen, und war so liebenswürdig wie immer, wenn er bei guter Laune war. Als wir unsern Weg fortsetzten, machte er ihn vor Beweglichkeit zweimal; in jedes Haus rief er den Frauen Grüße von ihren Männern zu, von ihren Männern, die ihn vor einer halben Stunde hatten durchprügeln wollen. Es war ihm genug, wenn ihm die Frauen dafür ein Glas Milch gaben und ihm sagten, in welchem Jahre das von ihnen bewohnte Haus gebaut war; er hätte den Zweck seiner Reise zu verfehlen geglaubt, würde er auch nur eine gewöhnliche Notiz unbenutzt am Wege haben liegen lassen. Alle fünfhundert Schritte lag an dem anmuthigen Wiesenpfade eine Kapelle mit einigen vom Tüncher herrührenden Bildern, die aber Schottky, ein „Kenner der Malerei“, nicht unberücksichtigt lassen konnte. „Ich sammle“, sagte er, „Materialien zu einem Werke: Ueber die Kirchenmalerei der Gebirge“. Keine Inschrift an einem Giebeldache blieb unaufgenommen, keinen Reim traf er an, dem er nicht eine poetische Seite abgewonnen hätte. Was sich durch eine Blei­feder wiedergeben ließ, mußte in sein Portefeuille.

Ein wundervoller Tag! Um die Eiszacken der Benedictenwand, um die Firnen der Tyroler Alpen, die den Horizont wie mit einer Schneetonsur umrandeten, glühte der Mittagsstrahl der Sonne. Rings zahllose Blumenfelder von Vergißmeinnicht und Stiefmütter­chen. Die Rinderheerden in behaglicher Ruhe, gehütet von einem sorgfältig zu vermeidenden Stier, der bei jedem Oeffnen eines Thors 98 [Heimwärts.] der Abpferchungen die Ankömmlinge unwirsch begrüßte. Wir lenkten in das Stromgebiet der grünen Isar ein, eine Gegend allerdings der Verwüstung. Zahllose Steinhaufen, von stürzenden Stromwellen weißgewaschen und des nächsten Frühjahrs harrend, wo die Gebirgshöhen auf’s neue schmelzende Schneeströme in die Tiefe senden, be­zeichnen das Bett des Stromes, der München zueilt. Aber die pittroreske Umgebung blieb. Doch plötzlich stellte sich ein kalter Zugwind ein. Wie durch Zauber verschwand hinter drohenden Regenwolken die Sonne. Die Landbewohner mit ihren langschößigen, zeisiggrünen Oberröcken eilten uns aus den Kirchen entgegen. Die Schenke, in die wir uns flüchteten, füllte sich mit jungen athletischen Gebirgssöhnen. Sie hätten wohl gewünscht, der Papst hätte ihnen für die heu­tige Himmelfahrt Tanz­indulgenz verliehen. Jetzt – nach einem himmlischen Morgen – strömte der Regen, Blitze zuckten, der Donner rollte, furchtbar hallte sein Echo in den Bergen wieder. Schottky! Schottky –! riefen wir. Umsonst, nur Blitz und Donner antworteten. Wo ist Schottky geblieben? Wie strömt der Regen! Die Isar wird austreten! Schottky kann in die Strömung gerathen und nach München gelangen, er weiß nicht wie! Da fällt etwas von der Brücke! Schottky! Ach nein, es ist ein Stück vom heiligen Nepomuk, der die Brücke schützen soll und bei sol­chem Unwetter sich selbst nicht behaupten kann! Der Wirth bringt uns das bestellte Lammsviertel. Verzweiflungsvoll setzen wir uns an den Tisch; wir liebten Schottky, waren aber hungrig. Es stand fest, er hatte sich bei seinem Notizenaufnehmen verspätet und hockte irgendwo, der Aermste, vielleicht unter einem Felsen!

Will man uns der Felonie beschuldigen, so versichere ich hoch und theuer, daß wir mehr als vier Stunden auf den Nachzügler gewartet haben. Es dunkelte, die Gebirgsstadt Tölz mußte das abendliche Ziel unserer Reise werden. Nichts blieb übrig, als eine Personalbeschreibung des Vermißten zurückzulassen und den Wirth aufzufordern, ihn, sobald er ankäme, aufzupacken und in den Gol­denen Adler zu Tölz abzuliefern. Diese hochgelegene Gebirgsstadt war erreicht, das Theater, das die Freuden des Festtages durch Aufführung der „Stummen vom Berge Porticia, Text von Castelli, Musik von Ritter Seyfried“, verherrlichte, wurde von uns, zu vielem 99 [Erweiterter Horizont.] Gaudium, besucht, aber Schottky erschien nicht. Der Morgen brach an, die einzige Speditionsverbindung des Gebirges mit der Ebene, der „Tölzer Bott“, fuhr entweder jetzt oder erst in drei Tagen; wer konnte den letzten Fall abwarten? Wir saßen im Wagen, Schottky fehlte. In München verstrich eine lange Zeit, ehe von unserem Verluste etwas sichtbar wurde. Dreimal wurde beim Hofrath Thiersch ohne Schottky getanzt; der Setzer des „Deutschen Horizonts“ wartete verzweifelnd auf die Fortsetzung von „Manfred’s Reisebriefen“, einem von Schottky angefangenen Artikel, in welchem alle Personen seiner Bekanntschaft aufgeführt waren; fünfzig griechische Soldaten waren wieder frisch angeworben; Advokaten hatten wieder vor dem Bilde des Königs Abbitte thun müssen; König Ludwig sah ich an einem schönen Tage, im grünen Frack mit schwarzem Sammetkragen, in grauen Beinkleidern, wie die Majestät im „Englischen Garten“ sich die Compositionen einiger ihrer Lieder vorsingen ließ und den Münchener Bürgertöchtern Artigkeiten über ihre Riegelhäubchen sagte – keine Beruhigung kam über Schottky. Erst nach vierzehn Tagen brachten die Erkundschaftungen heraus: Er hatte sich bei dem Gewitter zu einem Pfarrer geflüchtet, der ihn festgehalten und in dem Entschlusse bestärkt hatte, einen Blick „in’s Tyrol“ zu werfen. Dorthin verreiste er und plötzlich sollte er – gestorben sein. Die Nachricht ging durch alle Blätter. Doch bestätigte sie sich nicht. Noch öfter wurde der unheimliche Mann vom südlichen Frankreich und vom Genfersee aus genannt. Leider – als ein gefürchteter Berauber der Bibliotheken und Kupferstichsammlungen! Man warnte vor ihm und es ist nicht unmöglich, daß er im Gefängniß gestorben ist.

Meine Arbeit über jenen Erdgebornen, der sich Gott schelten zu dürfen gelehrt wurde, war beendigt. Cotta, ein Jahr zuvor ge­storben, hatte sein berühmtes Verlagsgeschäft seinem Sohne Georg und dessen Schwager von Reischach, einem württembergischen Offi­zier, hinterlassen. Beide traten ihre Thätigkeit mit Eifer, ja mit einer Hingebung an jede nur irgend berechtigte Voraussetzung ihrer Hülfe an, die musterhaft zu nennen war. Sie übernahmen sofort den Verlag. Ich konnte einem wohlhabenden Leipziger Freunde Heinrich Laube’s, welcher letztere mich zu einer Schnellreise durch Salzburg, Tyrol, Oberitalien, Oesterreich abholen wollte, mit Ruhe 100 [Leipziger Anregungen.] sagen: Ich will der Dritte in Ihrem Bunde sein! Aber ich habe kein Geld! Wollen Sie mir’s leihen, so gebe ich es Ihnen in zwei bis drei Monaten wieder! Die blanken Dukaten, die sofort auf den Tisch gezählt wurden, stammten von der Leipziger Messe. Der vortreffliche Hebräer hatte sie von jenen walachisch-moldauisch-polnischen Juden verdient, die zu jeder Ostermesse die Brühl in Leipzig beleben und denen er als privilegirter Agent und Dolmetscher seit Jahren diente. Wir hatten den Lepidus unseres Triumvirats, einen komischen Kauz, den wir den Starosten nannten, eine gute, praktische, im Nothfall auch courageuse Seele, die sich nebenbei auch unsern Uebermuth gefallen ließ. Beide brachten über­dies von Leipzig jene rosenfarbene Stimmung mit, ein eignes Fluidum ständiger Angeregtheit, durch und durch optimistisch, immer in Ekstase, ob durch die letzte Gast­rolle einer Schröder-Devrient oder ein Concert von Clara Wieck im letzten Gewandhausconcert oder das neu­entstandene colossale Geschäft des „Pfennigmagazins.“ Ich nenne nur die damaligen Unterlagen dieser ständigen Leipziger Exaltation, deren treibende Wärme durch zehn Jahre einen einfachen Theatercassirer, Robert Blum, zum gefeiertsten Volksmann Deutschlands gemacht hat, und zwanzig Jahre später Richard Wagner auf den Schild auch Saxonia’s gehoben haben würde, wenn diesem nicht leider eine andere Leipziger Strö­mung dieses Enthusiasmus, die Wagner das „Judenthum in der Musik“ genannt hat, die Mendelssohn-Schwärmerei, zuvorgekommen wäre.

Die Abschiede wurden auf baldiges Wiederbegegnen genommen. Der schwerste von Frau Charlotte. Doch auch diese stellte ein nahes Wiedersehen in Leipzig und Berlin in Aussicht. Die jungen Freunde gaben das Geleit bis zum Posthof. Beglückende Eilwagenfahrt! Zur Rechten die bayrischen Hochalpen, von denen wir uns nur ent­fernten, um desto größere Natureindrücke zu gewinnen. Der finstere geheimnißvolle Untersberg schnitt sich aus einem blauen Theile des ungleich colorirten Horizontes majestätisch heraus. Weiterhin lagerten Regenwolken auf den Berchtesgadener Felsenhäuptern. Nur des Waz­mann’s riesiges Doppelhaupt enthüllte sich aus den sonnenhellen Nebelschleiern. Von Salzburg aus wurde Mark Sittich’s Vexier­garten von Hellbrunn besucht, wo der Starost nicht wenig unter den Wasserstrahlen des humoristischen Fürstbischofs zu leiden hatte 101 [Tyrol.] und unablässig, bedenklich für seinen Beruf auf der Leipziger Messe, getauft wurde. Selbst als er sich niedersetzte, schossen durch den Druck des Vexiersessels, die Zumu­thungen, wider Willen ein kaltes Bad zu nehmen, von allen Seiten hervor. Uns zu Gefallen hatte das letzte Regenwetter sogar im Park eine besondere Merkwürdig­keit, einen „Bergsturz“, improvisirt.

Dann ging es auf Innsbruck zu. Riesenhafte Felsen thürmten sich aufeinander und doch waren diese bewohnt, und in Hütten nicht nur, sondern in Dörfern, Schlössern, Klöstern. Wo nur durch eine Spalte hindurch der Blick der Sonne am längsten verweilte, da hatte sich der Mensch ein Obdach erwählt, ob auch schwindelnd hoch und kaum zugänglich. Die Bergwässer rauschten, Cascaden fielen wie Schleier von den Wänden, abendlich dampften die Wiesen von Nebeln und in den Thälern lagen endlose Linnenstreifen zur Bleiche aus, die im aufgehenden Mondenglanz das Auge beirrten, als sei schon der Inn erreicht. Dieser kam denn auch nach der Nacht­fahrt, die in einem ländlichen Wirthshause zum erstenmale die Bekanntschaft mit Gemsbraten verschafft hatte, und brachte ein Thal voll Fruchtbarkeit und, wo man nur hinblickte, pittoreskem Reiz. Die gemalten oder gemeißelten Madonnen an den Häusern waren von Reblaub bedeckt, die reifen Trauben winkten verlockend. Glück­liches, schönes Land, warum hast du deine Männer so in die Zucht der Weiber und Pfaffen gegeben – –! Doch censurgeknechtete Schriftsteller, wie wir waren, warfen wir mit politischen Beobach­tungen und historischen Erinnerungen grade nicht zu viel um uns. Nur auf Salzburgs Veste, wo ein Regiment Polen stand, konnte Laube seinen Lieblingshelden Kosciusko nicht verleugnen. Er hatte ihm sein erstes dramatisches Debüt widmen wollen. Ob er wol sein Stück als Hofburgtheaterdirector angenommen hätte? Jetzt in Tyrol war Andreas Hofer die Losung, obschon auch dieser Name, so loyal der Sandwirth gehandelt hatte, in jenen Metternichstagen als ein Heros der Selbsthülfe des Volkes Jeden, der ihn zu oft im Munde führte, verdächtig machte.

Der Brenner wurde zurückgelegt, die wilde Eisak tobte zur Seite. Endlich athmeten wir südliche Luft! Brixen, Botzen –! „Kennst du das Land –?“ Der Starost war für diese Seelen-102[Lago di Garda.]schwingungen durchaus nicht unempfindlich. Wenn er sein richtiges Schlafquantum im Wagen, ob auch mit Intervallen, herausgebracht hatte, war er Schwärmer und zu allem fähig; an so mancher buchhänd­lerischen Entreprise Leipzigs soll er – Tausende verloren haben. Aktionär des „Pfennigmagazins“ sah er alles als Illustration für eine der nächsten Nummern jenes Blattes an oder als Staffage für eine Oper, die in Italien spielt. „Von Romeo’s Rächerhänden –“ eine Erinnerung an die Schröder-Devrient und die Fühlung war bei ihm gegeben für alles Große und Erhabene. Natürlich begleitete uns immerfort der seit einem Jahre erst seliggewordene Goethe. Wir folgten seinem Beispiel und schwenkten von Roveredo an den Gardasee, wo wir nach einer Fahrt im eignen Nachen sogar die Lokalität jenes Abenteuers aufsuchten, das uns Goethe von seiner Reise erzählt, seine Arretirung. Mit den Bleidächern von Venedig (sonst gehörte der Gardasee der alten San Marco-Republik) war allerdings nicht zu spaßen. Der Anblick des noch in nächtlichem Dunkel ruhenden See’s vom Balkon des Albergo war schon in Riva bezaubernd. „Die linde, stille Nacht“, schrieb ich damals, „lockte auf den Balkon! Welche er­habene Schönheit! Der Spiegel des See’s, magisch nur erleuchtet vom Flimmern der dichtgesäeten Sterne, das durch das leichte, auf ihnen lagernde Nebelgekräusel hindurchbrach! Da und dort einige Umrisse in der Ferne, die Spitzen des jenseitigen Ufers, dessen Wasserfälle wir besuchten; unter uns das gleichförmige Rauschen der an den Hafen anschlagenden Fluth; die Stille des kleinen Ortes, alles dringt mächtig auf die Seele,“ sodaß der Leip­ziger Autor ausrufen mußte: „Ist es denn möglich, daß Professor Wachsmuth der Censor meines Blattes ist!“ – „Ach!“ fiel ich ein, „auch die Schulden, die ich habe, sind mir jetzt vollständig Mythe!“ Der Starost hörte nichts. Er schlief. Wir waren in der Stimmung, an allem zu zweifeln. „Wir zweifelten am Fürstenthum Liechtenstein, wir zweifelten an den Bärenmützen der sächsischen Garde, wir zweifelten an den Dresdener Portechaisen, am Ruhm des Professors Gubitz, am dritten August sogar, obschon heute schon der zwölfte war, und noch an vielen anderen größeren Dingen, deren Dasein nur zu erwiesen ist.“*)

103 [Venedig.] Die Fahrt auf dem alten Benacus im gemietheten Nachen mit vier Ruderern brachte die Eindrücke langsamer, aber nachhaltiger, als die jetzige Dampferfahrt. Schon um zwei Uhr in der Nacht brachen wir auf am zweiten Tage, während noch auf dem Monte Calvo das Mondlicht den Schnee beleuchtete. Allmälig erst traten die Cypressen, Oelbäume, die Limonengärten (unter Glashäusern), die Weinberge hervor, aus denen heraus alte Thürme ragen, Erinne­rungen an wildere Zeiten, als die unsrigen. In Malcesini stiegen wir aus und rasselten staubbedeckt mit einem Vetturin nach Verona. Vicenza, Padua wurden besucht. Ueberall hatten wir Oesterreich um uns, das ungarische, slavische, weniger das deutsche Oesterreich. Die Belebung der Lombardei war damals größer als gegenwärtig, wo endlich Italien seinen Willen erreicht hat und von den gewaltigen Grenadiergestalten in grauen Mänteln, die am Eingang in die Arena Verona’s oder auf dem Marcusplatz Wache hielten, befreit ist. Am schwarzen Brett der Universität von Padua lasen wir die Namen von 300 Studenten, die wegen politischer Umtriebe relegirt waren. „Wo ist der Löwe des San Marco?“ schrieb ich damals über die Ankunft in Venedig. „Wo sind die offenen Rachen, in welche hinein- man die Bürger und aus der Stadt hinausverleumden konnte? Wo sind die drei Säulen, die das Andenken alter herr­licher Siege über die Ungläubigen feiern?“ Alles das stand nun vor unsern Augen und eine so gründliche Durchforschung der alten Meerbeherrscherin folgte, daß ich mir die spätere Trägheit erklären kann, die mich, so oft ich Venedig wiedersah, nichts Anderes mehr in dieser so heruntergekommenen Stadt anzusehen drängte, als die neuesten Zeitungen in den Café’s am St. Marco. Der unter dem Damoklesschwert der Wachs­muth’schen Censur seufzende Redakteur der „Zeitung für die elegante Welt“ wurde plötzlich unpäßlich und hütete unser dunkles Zimmer im Albergo Europa. In Triest trennten wir uns ganz, um uns erst in Wien wiederzufinden. Unsere Stim­mung gegeneinander blieb ungestört. Jeder hatte für seine Eigenheit einen Ableiter auf den Starosten. Der Redakteur der „Zeitung für die elegante Welt“ bekam plötzlich Eile. Sein Stellvertreter, Gustav Schlesier, hatte Anwandlungen, schon früher den Friedrich Gentz herauszukehren, ehe ihn Varnhagen weckte und vielleicht 104 [Ein Wiedersehen.] Metternich anstellte. Publizistische Regungen konnten ein Blatt belletristischer Tendenz wie eine Seifenblase um’s Leben bringen. Es waren Berichte aus Böhmen aufgenommen worden, die nach Laube’s Mei­nung unsere Reiseroute hemmen konnten. In jener Zeit war alles möglich, ein politischer Prozeß, wenn ein Naturforscher auf den Flügeln eines Schmetterlings Farben gefunden hatte, die zu den verbotenen gehörten.

Die Ueberfahrt nach Triest erfolgte zu Schiff und währte eine volle Nacht. Das Meer war träumerisch ruhig. Die Wellen umspielten den Dampfer, als wüßten sie nur von Friede und Liebe zu erzählen. Man konnte auf dem Verdeck sich strecken und den Schlaf abwarten. Nur dem Starosten wollte die Fahrt nicht bekommen; ein leichter Zephyr hatte ihm die Mütze genommen. Jetzt konnte er einen Ankömmling von Konstantinopel vorstellen; denn ein Gewinde von langen Tüchern gleich einem Turban mußte den Raub ersetzen. Von Triest sollte es meinerseits zunächst nur nach Graz gehen. Mein Herz schlug der Freude entgegen, Emil Bürger, den Sänger gewordenen alten Commi­li­to­nen, der dort an ein ansehnliches Theater gekommen war, wiederzusehen. Sein Baryton mußte dem­nach an Kraft gewonnen haben. Im Theoretischen suchte er gleich anfangs unter den gewöhnlichen Anfängern seinen Meister.

Das malerische Graz war nach mancherlei Wirthshausabenteuern, in Laibach nach einem Zusammentreffen mit Seiltänzern, Kunstreitern, italienischen Sängerinnen, endlich erreicht. Eine italienische Sängerin und ihre Mutter hatten meine bons offices ange­nommen, ihnen eine passende Unterkunft, ob im „Ochsen“ oder der „Gans“ oder dem „Roß“ von Graz zu verschaffen. Es war Abend geworden und die höchste Zeit, meinen Freund im Theater aufzusuchen, noch ehe der Vorhang aufgezogen war. Man gab aber schon „Johann von Paris“, dem eine Leopoldstadtiade folgen sollte, was ich ohne Anschlagzettel erkannt haben würde; denn unmög­lich konnten zum Hofe von Navarra die alten Hexen, Zigeuner, Kinder, Bürger in langschößigen Fracks gehören, die hinter den Coulissen um die Lampen herumlungerten und vor Ungeduld zu vergehen schienen, bis die Oper Boyeldieu’s zu Ende war. Soviel ersah ich schon hinter der Scene, auf welche ich mich ohne 105 [Hinter den Coulissen.] viel Anmeldens gewagt hatte, daß der Seneschall mein Bürger nicht war. Zum erstenmale im Leben sah ich ein solches Treiben hinter den Coulissen und muß gestehen, es misfiel mir in hohem Grade. Johann von Paris war der berühmte Wild. Alles drängte sich, den Sänger, der nur klein, aber breitschultrig von Gestalt war, zu hören. Für seine Stimmlage, die weit eher dem Baryton nahe kam, als dem hohen A des Tenors, paßte Johann von Paris nicht besonders. Der Director, mit einem Stock bewaffnet, schaffte Ruhe und sorgte für ein Spalier, um die schwitzenden Sänger bei ihren Abgängen durchzulassen. In solchen nassen Tricots pflegt man in der Schwimmschule aus dem Wasser zu kommen, dachte ich bei mir, und auch ebenso sich zu sammeln nach einem Salto mortale vom Sprungbrett! Jeder Abtretende ließ gleichsam seinen Geist noch einige Sekunden auf der Scene hinter sich zurück und trat völlig bewußtlos in die Coulissen. Es währte einen längeren Moment, bis der Sänger, der entweder applaudirt wurde oder nicht oder nicht genug, sich sammelte und die Menschen erkannte, die ihn anredeten. Daraus, daß es auch lange dauerte, bis meine Erkundigung ver­standen wurde, erkannte ich schon, daß meines Bürger’s Stellung im Repertoir keine hervorragende war. Zuletzt ergab es sich, der Aermste lag krank im Lazareth.

Als ich am folgenden Morgen meinen Weg nach dem Krankenhause richtete, das ich endlich in einer stillen, noch mit Gärten untermischten Gegend fand, hatte ich eben geklingelt und er­wartete die Oeffnung der Thür. Da wurde diese von selbst geöffnet und es tritt mir eine bleiche Gestalt mit einem Bündel unterm Arm entgegen und betrachtet mich groß mit hohlen, tiefliegenden Augen. Bürger! rief ich der traurigen Gestalt ent­gegen. Dieser war es, eben als geheilt entlassen. Ich fand den lieben Freund im vollständigen Bruch mit seinem neugewählten Be­ruf. Die Bühne hatte für ihn den Reiz verloren. Seine Stimme konnte ihm keine größern Erfolge bringen. Sie war zu schwach. So sah er nur die Möglichkeit, sich durch untergeordnete Rollen zu behaupten, worunter sein Ehrgeiz litt. Nachdem ich den noch Schwankenden und Taumelnden in seine Wohnung geleitet hatte, feierten wir glückliche Stunden. Burgunder ist die Erquickung aller Genesenden. 106 [Wien.] Die Rebe der Côte d’or läßt neues Blut durch die Adern rollen. Sie war aufzutreiben in dem schönen Graz und so lösten sich die Zungen. Abenteuerlich war die Welt, die sich schon in so kurzer Zeit dem Flüchtling der gelehrten Musen von Dresden aus, wo ihn die sächsischen Seelenfänger zuerst in „Reisende Gesellschaften“ auf­nahmen, geöffnet hatte. Die bedeutendste seiner Rollen war jener gleißnerische Daniel Capuzzi in der Lieblingsoper des Tages „Zampa“ gewesen. Ich hatte diesen Tartüffe der Abruzzen meister­haft darstellen sehen von einem Schauspieler und Sänger List in Stuttgart. Mehrere Tage gingen hin im Austausch alles seither Erlebten und künftig Bezweckten. Der Freund war entschlossen, nach Deutschland zurückzukehren, wieder die Universität Halle zu besuchen und noch einmal die Rechte zu studiren. Er hat es redlich ausgeführt und ist als Richter und eifriger Musikbeförderer engeren Kreises in einer Stadt am westlichen Fuße des Harzes gestorben.

In Wien fand ich die schon vorausgeeilten Gefährten im vollen Strudel des phäakischen Lebens. Der Starost philosophirte nur noch über Backhänel, der literarische College schwelgte in den Walzern des älteren Strauß, den er, ein Wort Napoleon’s über den „Rheinischen Merkur“ wiederholend, den „vierten Alliirten“ der heiligen Allianz genannt hatte. Rußland, Oesterreich, Preußen standen freilich nicht mehr auf dem naiven Standpunkte Wiens, das damals über Backhäneln und Strauß’schen Walzern die Weltgeschichte vergessen zu haben schien. Doch gab es mürrische Kopfhänger, die sich freisinnig äußerten, auch hier und genug fanden wir deren im „Stern“, einem Wirthshause, wo sich die Literatenschaft Wiens versammelte. Aber man konnte nicht immer unterscheiden, was persönliche Verstimmung war, ob Gefühl der Zurücksetzung, der Nicht­anerkennung, oder ob die Ueberzeugung aus dem Herzen kam. Einen durchaus malcontenten Eindruck machte Grillparzer. Mit jenem mißmuthigen Lächeln, das sich unter Metternich’s Herrschaft über die Mienen aller denkenden Oesterreicher lagerte, gab sich der leider auch in seinen Schöpfungen allzusehr vom Grübelsinn beherrschte Dichter den jungen Ankömmlingen als ein angeschmiedeter Prometheus zu erkennen. Grillparzer war soeben Archivdirector geworden und schon als solcher nicht ohne „ämtliche“ Reizungen seines a priori 107 [Spitzeln.] gern schwarzsehenden Gemüths. Die Leitung des Burgtheaters lag in den Händen eines Selbstproducirenden, des Verfassers von „Hans Sachs“ und „Garrick in Bristol“, Deinhardstein. Das heitere Element mußte in seinem System liegen. Denn unter dem Namen eines Doctor Römer befleißigte er sich auch, Uebersetzungen aus dem Französischen zu liefern, worin ihm einen, wie es schien, förmlich privilegirten Beistand leisteten Kurländer und später Koch. „Garrick in Bristol“ bot dem berühmten Ludwig Löwe Gelegenheit, eine wirksame Verkleidungsrolle durchzuführen. Es mag Wenigen bekannt sein, daß sich dies vergessene „Originallustspiel“ auf Motive stützt, denen man in den drastischen Lustspielscenen des Engländers Foote begegnet.

Stolz und sicher trugen wir unsere Häupter und achteten der „Spitzeln“ nicht, vor denen man uns als in jedem Kreise, selbst unter den Mitgliedern des „Sterns“ befindlich, gewarnt hatte. Wir wußten es schon, je zuvorkommender, zuthunlicher eine in Oesterreich gemachte Bekanntschaft war, desto mehr hatte man Ur­sache auf der Hut zu sein. In Prag galt es die Vorsicht noch zu verdoppeln. Woraus sich allein erklären läßt, daß über den Censursklaven Wachsmuth’s plötzlich bleiche Furcht und Entsetzen kam. Eben noch hatte derselbe an Table d’hôte, wieder im „Stern“, zu den Töchtern des reichen Buchhändlers Vieweg in Braunschweig, von denen die Eine verbindlichst gesagt: „Ach ja, Sie arbeiten ja für Papa!“ mit stolzer Ablehnung geantwortet: „Entschuldigen Sie, mein Fräulein, arbeiten? Wir arbeiten für Niemand –!“ da überfiel ihn plötzlich Panique. Die Vorüberreise am Spielberg bei Brünn, die Wiener Plaudereien über Munkatsch, die Erinnerung an unsere Besichtigung der Bleidächer von Venedig trat vor seine ahnungsvolle Seele in solchem Grade mächtig, daß er plötzlich andere Luft zu athmen begehrte, als österreichische, und nur immer rief: „Fort! fort! Hinaus aus dem Land! Es wird mir zu schwül! Ich ahne, ich ahne etwas!“ Unsere Conversation war freilich seit Wochen eine einzige Censurwidrigkeit. Der Starost war ein personificirtes „Noch ist Polen nicht verloren“. Nun mußte auch noch Schlesier „Berichte aus böhmischen Bädern“ aufgenommen und Professor Wachsmuth, in die fünf Bände seiner „Europäischen Sittengeschichte“ vertieft, 108 [Flucht aus Böhmen. Dresden.] einige pikante Stellen darin übersehen haben, genug, wir bestiegen, immer aber unter humoristischen Eindrücken, den ersten besten „Zeiselwagen“, der uns keineswegs couriermäßig nach Teplitz beför­derte. Dort aber nahmen wir Extrapost und jagten bei Nacht und Nebel über die Nollendorfer Höhe, im Sturmwinde der hier voll­zogenen Gefangennahme des Generals Vandamme gedenkend, zu welcher denn glücklicherweise – wir waren auf der Grenze – mit uns kein Seitenstück gegeben wurde. Es war in der That eine andere Welt, als wir früh Morgens bei den Chaisenträgern Dresdens in der Nähe der Brühl’schen Terrasse, der Madonna del Sisto, der langen rothen Grenadiere mit den Bärenmützen vor dem Schlosse und der Tieck’schen Vorlesungen angekommen waren.

Die so malerisch gelegene, damals ebenso in geistiger, wie in jeder andern Hinsicht in sich abgeschlossene Stadt, noch nicht erweitert, noch nicht durch Bebauung der nächsten Gärten und Felder ihres eigenthümlich concentrirten Charakters entkleidet, auch noch standhafter im Behaupten ihres specifisch sächsischen Charakters, fesselte nach allen Richtungen hin. Der Starost sah schon auf der Terrasse einen oder den anderen seiner Kunden aus Odessa und Brody, die ihm die bewußten Dukaten eintrugen – die Michaelismesse war im Anzuge. Der Theateranschlagzettel brachte den Zaubernamen jener Zeit – Schröder-Devrient. Die Sixtinische Madonna und so manches andere berühmte Bild im alten Hof-Stallgebäude sah uns zu seinen Füßen voll Andacht und diesmal ohne alle „schlechten Witze“. Der Verfasser des „jungen Europa“ (dessen Lektüre ich endlich beendigt hatte, ohne begriffen zu haben, was das Ganze hatte sagen sollen) klopfte vielleicht, ich weiß es nicht mehr, bei Hofrath Tieck an und wurde zu einer Vorlesung zugelassen, die ihm Beruf zum spä­teren Burgtheaterdirector gab. Mir widerstanden die Complimente, die ich hätte machen müssen. Auch führte ich keinen Frack bei mir. Eine andere Persönlichkeit genossen wir gemeinschaftlich, jenen Eduard Vehse, der sich später als Geschichts­­schreiber der großen und kleinen Hofscandale so viele Verbote und – neue Auflagen seiner Bücher erworben hat. Damals hatte der eigenthümliche Mann von einer selten vorkommenden sanguinisch-melancholischen Complexion die Stellung eines königlichen Archivars. Er arbeitete gründlichst an 109 [Eduard Vehse.] einem Atlas synchronistischer Tafeln, dessen Druckherstellung sein Vermögen absorbirte. Merkwürdig, er besaß eine ständige Exal­tation und darauf folgend wieder eine Abspannung, wie mir diese nur auf sächsischem Gebiet oder bei Opiumessern vorgekommen. Rührigkeit, Beweglichkeit, praktischer Muth, Phantasterei zuvor und plötzliche Blasirtheit und Ernüchterung. Die synchronistischen Ta­feln waren nach Vehse die ausschließliche Forderung der Zeit. Sie waren das, was für Richard Wagner später die Kunstwerke der Zu­kunft waren, dem Grafen Beust die Dreikönigsverfassung, dem treff­lichen Professor Reclam die Leichenverbrennung. Alle Drei stehen sie unter dem Einfluß sächsischer Culturbedingungen.

Vehse war eine schmächtige Gestalt, sein Kopf von schwarzem Haar bedeckt, sein Auge hatte etwas irrend Unbestimmtes, das seine spätern gewaltigen Wandlungen erklärbar macht. Mit Feuer und Begeiste­rung dem Geschichtsleben hingegeben, freisinnig, hielt er damals Rülhière (Geschichte Polens und der Thronbesteigung Katharina’s II.) für den größten Historiker, der je gelebt. Ein Citat, eine Vergleichung aus Rülhière hatte er zu jeder Zeit bei der Hand, wie aus dem Tacitus. Außerdem beschäftigte ihn sein Geschichtsatlas. Diesem zu Liebe begründete er mit seinem Schwager eine eigene Buchhand­lung. Als letztre schlechte Geschäfte machte, gerieth der Freisinnige, der Republikaner – in die pietistische Sektirerei des Pastors Stephan! Die Anstellung am Archiv wurde aufgegeben. Er wanderte mit den verblendeten Anhängern des geistlichen Groß-Kophta nach Amerika aus. Als an Ort und Stelle der Heiligenschein des Verführers schmolz, kehrten die Betrogenen zurück, Vehse mit einer Beschämung, die den späteren Umgang mit ihm peinlich machte. Selten ist mir der Gegensatz einer frischen lebensmuthigen Jugend mit einem grämlichen Alter so auffallend gewesen, wie in den verschie­denen Stadien, wo ich diesem mit Wissensstoff überladenen Manne begegnete. Schon früh war er Witwer geworden. In Folge dessen brachte er auch noch aus Amerika eine komische Neigung mit, die Chance verwerthen zu wollen, wenn eine Frau seine zweite Gemalin würde.

Berlin wurde meinerseits durch einen Umweg durch die Lausitz, durch das Sandmeer des Spreewaldes, über Frankfurt an der Oder 110 [Im Sande.] erreicht. Wie man sich in den Prairieen unter den hohen Grashalmen, in der Wüste unter den Sandwellen verirren kann, so kann man das, glaub’ ich, im märkisch-lausitzer Spreewald unter den Tannen. Daß sich der Postwagen in den Wegen, die nur Wagenspuren im Sande erschienen, zurechtfand, nahm mich wunder. In einem Städtchen, das endlich in freundlicherer Gegend, ja schon den Grüneberger Weingeländen nahe auftauchte, Forste, wohnte mir ein Bruder. Auf dem Schützenhause, hinter dem gerippten Glase mit Dünnbier, auf der Kegelbahn konnte man glauben, hier noch am Anfang des vorigen Jahrhunderts zu stehen, in jener Zeit, wo ein Kron­prinz von Preußen nicht länger in der Mark Brandenburg aushalten zu können erklärte und durchgehen wollte. Jetzt mag sich dies kleine Tuchmacherstädtchen, wie überall die Provinz, weit be­wußter und mit der Zeit zusammenhängender fühlen gelernt haben.

Ich war denn wieder im „Bann von Mekka’s Thoren!“ Die lange Frankfurter Linden-Allee, das „Schlößchen“, die „Neue Welt“, die vom Postwagen aus zuerst begrüßt wurden, gaben mir den Vorschmack der Erinnerungen voll Schmerz und Herbigkeit, an die ich wieder anzuknüpfen hatte. An jedes Haus knüpfte sich mir ein Gedanke der Erinnerung meist trüber Art. Wie die Dinge lagen und die Personen unverändert standen, war an eine Erhebung aus dem aschgrauen Einerlei in Berlin nicht zu denken. Berlin gehörte dem Militär, den Beamten, den Geistlichen. Es ist kaum zu begreifen, wie aus diesem steifen, zugeknöpften, monotonen, ganz den Sonntagspredigten der Geistlichen hingegebenen damaligen Berlin das jetzige anarchische, wilde, zuchtlose, das mit 25 Theatern gesegnete Berlin hat entstehen können. Die Frage kann den Culturhistoriker beschäftigen. Doch müßte seine Arbeit, wenn sie richtig ausfallen soll, auf die Entdeckung zurückkommen, daß jenes pedantische, engherzige, penible, philisterhafte Berlin von damals nicht nur mitten in seiner jetzigen Frivolität und demokratischen Wildheit annoch lebt, sondern daß es sogar, nur in anderer Form und unter anderer Maske, den Ton angiebt.

Der Entschluß, mich ganz auf meine Feder zu stellen, war nach dieser Reise gefaßt. Mein Schreiben war an sich nur Thatendrang, nur verhaltene Rede zum Volk. Ganz Europa war 111 [Oppositionsgeist.] in Bewegung, nur Deutschland schnarchte. Da die Glocke des Aufruhrs, der Sturm die Schläfer nicht wecken konnte, was blieb übrig, als die Sprache der Literatur zu wählen? Den Formen, die dem Leben gegeben werden sollten, mußte der bildende Geist vorangehen. Wo lagen die Ringe in den Felsen eingemauert, die unsere Ketten festhielten? Die Schule, die Universität, die Kirche hießen diese starren Felsen – selbst Wissenschaft und Kunst hatten sich aufgethürmt, um den freien Geist an seiner Bewegung zu hin­dern. Zertrümmern läßt sich nichts, was wie von Granit gewor­den, zerstampfen mit Simsonsstärke kein Damm, kein Wall – was war der unglückliche Versuch jener Handvoll Menschen, der in Frankfurt einige Todte, Verwundete und zwanzig-, ja dreißigjährige Gefangenschaften in Mainz eingebracht hatte? Was hatte er ge­nutzt? Die Lehre Mazzini’s: Kleine Emeuten, auch wenn sie unterliegen, beweisen den Muth, der immer noch vorhanden sei, für eine Sache der Ueberzeugung einzustehen! wurzelt nicht im deutschen Gemüth. Da mußte sich die Einsicht sagen: Es ist das All, der Aether, die uns umgebende Luft, die dem aufgehenden Saatkorn mit milder Anfächelung die Kraft geben muß, daß es sich hält, streckt, wächst; dieser Sphäre allein mußt du deine Kraft widmen! Es geschah dies nicht auf dem belletristischen Gebiet allein, auch auf dem politischen. Regel­mäßig schrieb ich Berichte an die neuentstandene „Stuttgarter Allgemeine Zeitung“, an den badischen „Freisinnigen“, der in Freiburg erschien, an die „Augsburger Allgemeine Zeitung“. Doch was war aus Berlin zu melden? Der Monarch behandelte den Staat wie eine Ausstellung, wo man überall die Warnungstafel liest: Nichts anfassen! Reformen – ein schreckenerregendes Wort für einen Charakter, dem die Gewohnheit so lieb geworden war, daß er sich selbst von Hardenberg nicht trennen konnte, trotzdem daß die Schwächen dieses Ministers nicht blos in sei­nem Privatcharakter lagen. Außer meinen alten Begegnungen Sobernheim und Kottenkamp fand ich Niemand, dem die Zeitbewegung ähnliche Impulse gab wie mir. Selbst ein so harmloses, dem Charadenscherz und der Theaterchronik gewidmetes Blatt, wie der „Don Quixote“ meines Schulfreundes Glaßbrenner, wurde verboten. Joel Jacoby war noch nicht römisch-katholisch getauft. Man konnte ihn bei Stehely nicht vermeiden. Noch war die alttestamentarische 112 [Ein Winter in Leipzig.] Stimmung in ihm vorwaltend. Er schrieb im Styl Lamennais’ „Klagen eines Juden, Blätter für die höchsten Interessen“. Glaßbrenner sagte witzig: „Die Juden verstehen sich auf die höchsten Interessen“.

Die Neujahrs- und Carnevalszeit 1834 brachte ich in Leipzig zu. Nicht auf den Maskenbällen des Hôtel de Pologne, sondern in einem warmen Stübchen am Markt bei knirschendem Frost in den Straßen. Im Theater hätten die paar Leute, die es besuchten, zusammenrücken mögen, um sich einander zu erwärmen. Niemand hätte ahnen können, daß sich das seit 1811 beste Weinjahr so rauh, so, wie Shakespeare sagt, mit den „vollen Pausbacken des Boreas“ ankündi­gen würde. Ein idealischer Liebhaberspieler mit langem schwarzem Haar war damals Ludwig Dessoir. Seine Gattin, die sich von ihm trennte, Therese, besaß lange Jahre hindurch das Herz der Leipziger und wetteiferte in Popularität mit Fräulein Günther, späterer Günther-Bachmann. Lebhafte, anregende Charaktere gab es täglich an der Gasttafel des bayrischen Hofes, Advokaten, Gutsbesitzer, Beamte. Natürlich trug alles das specifisch sächsische Ge­präge bis zu den Stimmungen der Revanche gegen den großen Nachbarstaat, der zwar unmittelbar nahe lag, aber mit einer Haupt­stadt, die für nichts in Deutschland maßgebend war. Seit Schleiermacher und Hegel gestorben, ging das Interesse für Theologie auf Halle, für Philosophie auf München, Tübingen, Heidelberg über. Die Leipziger Theaterereignisse erhitzten oft die Köpfe der Streiten­den und Heinrich Laube ertheilte seine Sprüche unbedingter Unfehlbar­keit. Ich freute mich über jeden Studirten oder Fachgenossen, der es wagte, dem ewig Maßgeblichen ein „Wie so?“ oder „Das seh’ ich gar nicht ein!“ zu erwiedern. Einem jungen Autor ge­deiht es nicht, sogleich beim Beginn seiner Entwicklung sein eigenes Journal zu haben. Seine Feder muß sich auf fremdem Terrain schulen. Ein Redakteur gereifterer Einsicht muß ihm zuweilen sagen können: „Das ist geschmacklos, das ist vollständig unklar, das ist unmotivirt!“

Glücklich zu preisen ist dann freilich derjenige Sohn der dichtenden Muse, der mit den ersten Kundgebungen seiner Feder Haus zu halten versteht. Und noch glücklicher der, der sofort in eine 113 [Der Prosa-Cultus.] Bahn geräth, die jede Unreife der Erfahrung, jede Jugendlichkeit des Geschmacks und des Urtheils so lange verbirgt, bis die Jahre dem Geiste die größere Reife gegeben haben. Die Novelle, der Roman, die Beschreibung und vollends die Erörterung, das politische Raisonnement, alles das, was ein damals plötzlich hereinbrechender Cultus der Prosa (im Gegensatz gegen die schwäbische Schule und förmlich von Theodor Mundt als Evangelium der neuen Li­teratur angekündigt) in seinen Kreis zu ziehen anfing, es konnte nur unvollkommen ausfallen. Wenn sich ein junger Privatdocent in einer Monographie seines Fachs bewährt, wird er sich in einem umfassenden Lehrbuch nur Blößen geben. Wer lebensklug ist, lernt bei Zeiten die Kunst, seine Unwissenheit, seine Unreife zu verbergen, wie ich schon bei meiner Begegnung mit Seydelmann schilderte. Der lyrische Dich­ter ist dem Publikum tabula rasa. Ein lyrisches Ge­dicht kann nur das sein wollen, was es ist. Bringt es den Eindruck des Mondscheins, wie sich dieser auf einem stillen Wasser spiegelt, so wird davon Niemand, weder Müller oder Schulze, noch Alexander von Humboldt oder Schelling eine andere Anschauung haben, als diese Allen gemeinsame Feierstunde der Natur. Jahre lang kann ein lyrischer Dichter so im Incognito seiner sonstigen vielleicht schwachen und zu einem befriedigenden Buche in Prosa nicht im Mindesten ausreichenden Geistesgaben hinleben. Seine Unreife ist vielleicht sogar noch das Reizende, das an ihm gefällt. Ihm reiht sich der Dramatiker an. Auch dieser wählt einen Stoff, der sich selbst in Exposition setzt. Der Stoff bringt seine natürlichen fünf Akte mit sich, die Situationen müssen die gewählten sein, wenig andere. Geschickt, geistreich genial mag die Gliederung des Stoffes noch lange nicht genannt werden können; aber die Uebertreibungen unreifer An­schauung, selbst offenbare Puerilitäten, die noch mit unterlaufen, fallen dem Autor nicht so zur Last, wie beim frühen Gebrauch der erörternden Prosa. Auch Shakespeare hat Plattitüden! Wie lange die Dramatiker von etwas Schwung den Glauben an ihren Genius aufrecht erhalten können, der doch kaum mehr in sich hatte, als den gerade gewählten Stoff, zeigte sogar Hebbel, als dieser ein­mal eine Novelle schrieb, „Meister Schnock“, schauerlichen Andenkens.

114 [Leipziger Tage.] Eine Anerkennung für meinen „Maha Guru“, der für Jeden langweilig sein mußte, dem nicht sein Bildungsstandpunkt das aufgewendete Material von Interesse machte, hatte ich nicht gesucht. Als Wolfgang Menzel das Buch besprach, wählte er unter den Vignetten, die auf den einzelnen Nummern seines Blattes abzuwechseln pflegten, einen Lorbeerkranz und ließ zweimal meinen Namen hineinsetzen. Das konnte mir bei dem Ansehen des Morgenblattes genügen. Ich blätterte täglich in den Journalen, die auf einem Tisch in der Grimma’schen Gasse lagen. Die Reclam’sche Buchhand­lung hielt dort ein Leseinstitut. Um drei Uhr Nachmittags saßen nicht mehr als drei Personen beisammen, meine Wenigkeit, der berühmte Professor Krug und ein Prinz von Holstein-Augustenburg, der sich wegen einer Mesalliance vom Hofleben zurückgezogen hatte. Ich blieb beim Lesen stumm; Professor Krug, der in seinem Aeußeren Zachariä ähnelte, glossirte jede auffallende Zeitungsnotiz mit Bemer­kungen, die ihm von seiner Durchlaucht bewundernde Zustimmung eintrugen. Aber der wohlwollende, korpulente, fast rothhaarig blonde Prinz drückte mit unablässigem Mienenspiel aus, daß er über die Anwesenheit eines ihm nicht bekannten, ihm nicht vorgestellten Dritten nicht hinauskommen konnte. Das Ensemble, das wir drei einsamen Museums­leser abgaben, wurde durch die Neugier des Prinzen wahrhaft komisch.

Nach Berlin gegen Ostern zurückkehrt, ersah ich trotz der beiden Lorbeerkränze, daß ich in meinem „Maha Guru“ die Töne nicht gepfiffen hatte, wonach die Welt zu tanzen liebt. Clauren, Spindler, van der Velde waren bei der Masse, Tieck, Bulwer bei den Anspruchsvolleren zu tief eingedrungen. Die wärmste Empfäng­lichkeit kam mir von den Mitgliedern des alten Münchener Kreises. Ja einer darunter, jener Student der Rechte, Löning, eine ideale Natur, mochte, obschon durch umfassende Bildung ausgezeichnet, seine Studien nicht fortsetzen und verfolgte den Plan, Buchhändler zu werden, zu welchem Behufe ihm der Anschluß an den Erzähler so zum Bedürfniß wurde, daß er um meinetwillen nach Berlin kam und mich überredete, mit ihm für die Sommerzeit nach dem erfrischenden, wasserreichen, nicht mit dem Sand und Staube käm­pfenden Hamburg zu gehen.

Schöne Sommermonate, in einem Häuschen an der Alster, 115 [Hamburg.] das später der Brand verzehrte, wurden dort mit gemeinschaftlichem Zusammenwohnen, Studien, Arbeiten, Träumereien, Genuß der Natur und des Lebens zugebracht. Selbst die Beziehungen zu dem nur von Heine und Börne erfüllten Buchhändler Julius Campe traten zurück gegen den Reiz, den die glückliche Lage der Stadt, die malerischen Ufer der Elbe, die Fruchtbarkeit des Bodens, die Fülle und Ueppigkeit des materiellen Lebens gewährten. Neue Charaktere, wenn auch wenige von der Bedeutung eines Gabriel Riesser, traten uns da und dort entgegen. Der berühmte Vorkämpfer für die Eman­zipation der Juden hatte das Haar eines Negers. Zwar blond, aber so kurz gelockt, daß man es für Wolle hätte halten können. Riesser’s Art sich zu geben war die spezifisch Hamburgische. Alles kam naiv, kindlich, fast schämig heraus und doch konnte er plötz­lich Schneide zeigen. Ist diese Hamburger Art eine Folge des gleichsam erst aus dem Plattdeutschen übersetzten Hochdeutsch? Auch das Plattdeutschsprechen läßt so sonderbar niedlich erscheinen und in der That nicht männlich.

Ein Empfehlungsbrief führte mich in das Haus des alten Salomon Heine, der mich zu einem sonntäglichen Familien­diner einlud. Da hatte ich denn die ganze Verwandtschaft Heinrich Heine’s beisammen. Die Begegnung war nur flüchtig; nur seine Schwester, eine verheirathete Frau Embden, wurde und blieb mir noch in späteren Jahren gewogen. Die Versammlung fand in jenem kleinen, aber innerlich comfortabel eingerichteten Hause am Jungfernstiege statt, das nicht mehr existirt. Schon brannten die Lampen; in Hamburg bleibt man nach dem Fünf-Uhr-Diner beisammen bis zur Theestunde. Der alte lebhafte Herr, der das Theater mit Leidenschaft, das schöne Geschlecht ebenso, doch mit Maß liebte, gönnte mir den Ehrenplatz an seiner Seite und trug mir, wahrscheinlich zum Leidwesen der nächsten Hörer, seine von diesen wol schon unzähligemal gehörte Selbstbiographie vor. Der reiche Mann war aus Pyrmont gebürtig, war mit einigen Schillingen in der Tasche in Hamburg eingewandert und konnte nur mit den gewöhnlichen Geschäften angefangen haben, die man noch jetzt die Hamburger Juden auf dem Neuensteinweg betreiben sieht. Bald aber hatte die Continentalsperre seine Erfindungsgabe angespornt, 116 [Salomon Heine.] jene Zeit, wo Napoleon die Engländer durch den Einfuhrtarif des Continents schlagen wollte und die Insel Helgoland der Stützpunkt des Schmuggels wurde, den seine eigenen Beamten leiteten. Der Schmuggel machte in dem großen Netz, das der Tyrann über den Continent gespannt sehen wollte, so viel Löcher, daß Handel und Wandel blühten und sich die vielen, später in die Höhe gekommenen Commerzienräthe die erste Grundlage ihrer Millionärschaft zurecht­legten. Die Kriegslieferungen thaten dann das Uebrige. Bei Salo­mon Heine waren noch die russischen, dänischen, schwedischen Anleihen der Restaurationszeit hinzugekommen. „Ueber Literatur kann ich nicht sprechen“, pflegte er zu sagen, „ich kenne keine anderen Aufsätze, als die, welche vom Conditor kommen.“ Ueber den Neffen in Paris, dessen noch lebende und in Hamburg wohnende Mutter, die nicht anwesend war, wich der Chef der Familie einer Erklärung aus. Was er über den Dichter sprach, hielt sich im Ton des bekannten Dictums aus seinem Munde: „Hätte mein Neffe etwas gelernt, brauchte er nicht zu schreiben Bücher“. Das sprechendste Beispiel für die Richtigkeit dieser Aeußerung war in der Person des Doctors Juris und späteren Handelsgerichtspräsidenten Halle zugegen, der Stolz der Familie, der Schwiegersohn des Wirthes, ein schöner stattlicher Mann, mit funkelnden Augen, krausem, dunkelm Haar, kräftigem Backenbart. Sein Gespräch offenbarte Geist und eine weit über sein Fach hinausgehende Belesenheit. Keine der Fragen, die in den dreißiger Jahren die Welt bewegten, keine der engern, die nur die Literatur berührten, war ihm fremd. Seine Rede war wohllautend und trug jenes schöne Gepräge, wo sich Wohlwollen mit vornehmer Haltung verbindet. Das triumphirende Gefühl sämmtlicher Tischgenossen über den Besitz eines so ausgezeich­neten Mannes verrieth sich nicht in seiner eigenen Haltung, die nur würdig und maßvoll, nicht eitel war. Und wer hätte da die tragische Verände­rung ahnen sollen, die mit diesem Manne vorging! Als ich zwanzig Jahre später in den Laubgängen der sogenannten „Bürgerwiese“ zu Dresden, über die mich mein täglicher Ausgang führte, täglich einem langsam schleichenden, asthmatisch aufgetriebenen, korpulenten Herrn mit grauem Haar und Bart begegnete und zuletzt in Gesellschaften die Bekanntschaft des inzwischen so auf­fallend Verwandelten er-117[Ein Millionär als Bettler.]neu­er­te, erfuhr ich, der ehemalige „Präses Halle“ von Hamburg hatte in Dresden eine prachtvolle Wohnung bezogen, gab Gesellschaften von einem Glanz, wie man dergleichen von einem inzwischen durch den Tod seines Schwiegervaters zum Millionär Gewordenen erwarten konnte, galt aber als ein vom Schlage getroffener, zu schonender und nicht nach den üblichen Lebensbedingungen zu beurtheilender Mann. Immer noch erlaubte ihm sein umflorter Geist manche Aeußerung, die in treffender Weise Vergangenheit oder Gegenwart berührte. Nur fiel mir, ehe ich ganz seinen Zustand kannte, die übermäßige Gereiztheit auf, als ich den reichen Mann um ein Geschenk für die neubegründete Schillerstiftung bat. Ich hatte dabei auf seinen eigenen Verwandten Heinrich Heine hingewiesen, der ja auch in seiner „Matratzengruft“, ich fügte ausdrück­lich hinzu, ohne den Beistand seiner reichen Verwandten, schwerlich vom Ertrage seiner Schriften würde haben leben können. Noch ehe ich diesen Satz vollendet hatte, unterbrach mich der Kranke ohne jede Veranlassung mit den Zeichen des äußersten Unwillens. Als wenn eine Anklage bestünde des Inhalts, daß die reichen Verwandten nichts für Heinrich Heine gethan, ihn dauernd so gering geschätzt hätten, wie dies in den Zeiten der Confiscation seiner Bücher aller­dings geschehen war, redete er sich theils in eine excessive Bewunderung seines Verwandten hinein, die ihm wenigstens vor Jahren vollständig fremd gewesen, theils in die durch den Reichthum und die Liebe seiner Verwandten verbürgte unbedingte Widerlegung einer Möglichkeit, die ich ihm doch nur beispielsweise ausgesprochen hatte. Kurz dies maßlose, fast übermüthige Selbstgefühl des Mannes hinderte nicht, daß derselbe gleichzeitig in die trübe Vorstellung versunken war, mit seinem Reichthum könnte es zu Ende gehen, ja er sei schon nahe daran, nichts mehr zu haben. In der That traf man ihn in denselben Anlagen um Dresden zuweilen im Begriff, Vorübergehende, einem Bettler gleich, um einige Schillinge anzusprechen.

Im Hochsommer verließ ich mit dem Freunde Hamburg, um Wolfgang Menzel, der auf’s Neue in die Kammer gewählt war, die wiederum von ihm gewünschte Hülfe zu leisten. Auf der dem Rheine zu gerichteten Reise konnte endlich die seit lange verscho­bene Wiederbegegnung mit Frau Charlotte Birch stattfinden. Nach-118[Der Aesthetiker in der Klemme.]dem die Freundin den Winter und das Frühjahr über da und dort gastirt hatte, ruhte sie in den Taunusbädern aus. Vor den Verführungen des grünen Tisches war die leidenschaftliche Frau nicht sicher. Selbst in Schwalbach, wo sie die Stahlquelle trank, in dem Bade der bleichsüchtigen jungen Damen, war das schnurrende Rad im Gange und manche Einnahme, die ihr von Ungarn oder Böhmen her zukam, manche goldene Honorarsendung wurde von ihr dem Dämon des Spiels geopfert. „Nahen Sie sich mir nicht!“ rief sie mir in ihrer schon im gewöhnlichen Leben immer stark auf­tragen­den und süddeutschen Dialektweise entgegen. „Um Gottes willen nicht! Ich schwimme ja in Blut!“ Bald erfuhr ich, der ich erstaunt zurückfuhr, daß sie unpäßlich war und in diesem Augenblick von einem Gürtel – von Blut­egeln umgeben, die sich ohne Zweifel an ihrem üppigen Leibe wohl sein ließen. Ich wartete ihre Genesung ab. Diese stellte sich bald ein. Wir verbrachten manche Stunde in jener Stimmung, wo uns ein starker Wille gewonnen zu haben glaubt, wir auch aus Gründen des Gemüths durchaus keinen Einspruch thun und doch sind wir meilenweit von einander geschieden. Wenigstens mein Urtheil über ihr Schaffen war ein durchaus getheiltes. Daß ich die Reserve einer Aesthetik der höchsten Anforderungen nicht aufgab, ließ ich mit einer mir entweder ange­borenen Milde oder aus Schwäche für die Freundin nicht ahnen. Lebte sie doch auch zu sehr in der vollsten Vergegen­wärtigung der Bühne, wie sie ist. Diese kam ihr als Siegerin entgegen. Den Anforderungen, welche die gang und gäbe Darstellungskunst macht, glaubte sie als Dichterin vollauf zu genügen. Die laufende Chronik der Bühnen that alles, sie in diesem Glauben zu bestärken. In stiller Abendstunde bis gegen Mitternacht las sie mir ihren hier in Schwal­bach entstandenen „Johannes Guttenberg“ vor. Das vierhundertjäh­rige Jubiläum der Erfindung der Buchdrucker­kunst stand bevor, die Enthül­lung der Thorwaldsen’schen Statue in Mainz; da lieferte sie den Bühnen ein Festspiel, das sich lange Jahre erhalten hat und wol noch auf den kleineren Bühnen bisweilen auftaucht. Daß ich nicht zu allem schwieg, was sie mir aus einem Manuscript in Folio vorlas, ließ sich erwarten. Guten Rath zu prüfen und anzunehmen war sie unter Umständen schon in München bereit. Die schwalbacher 119 [Stuttgart.] Gegenleistung, das Versprechen der bons offices für den gordischen romantischen Knoten in Berlin, wurde von mir bereits erwähnt. „Johannes Guttenberg“ sollte vom „Königsstädter Theater“ aus seine Rundreise durch die deutschen Gauen antreten.

Herrlich war der Sommer und der Herbst, bezaubernd der Genuß des zum erstenmale gesehenen Rheins, des Rheinthals von Mainz bis Bingen, der goldnen Moguntia selbst, dieser traulichen Winkelstadt, die sich mit ihren alten Domherrenhöfen und ihren mitten in der Stadt versteckten Adelssitzen nur mit dem ebenso er­innerungsreichen winkligen Würzburg vergleichen läßt. Nach einigem Verweilen in Mannheim bei den Angehörigen des hier wohnenden Freundes Löning, dem Wiedersehen Heidelbergs, erfolgte in Stuttgart die schon erzählte Trennung von Menzel. Dem Leidwesen, das mich denn doch darüber befiel, gab die eigene Erkrankung Mehrung. Bald nach einem Weinlesetag voll Jubel und Lärm, zugebracht mit meinen einfachen Wirthsleuten, hütete ich das Zimmer. Doch gab es von außen Anregung und Unterhaltung. August Lewald war von München nach Stuttgart übersiedelt, der neugewonnene Liebhaber am Hoftheater Heinrich Moritz verrieth seltene Bildung, unge­wöhnlich viel Belesenheit und den Ehrgeiz, sich in diesem seinem volleren Werthe auch denen zu zeigen, die ihn zu würdigen vermochten. Der Dritte war wieder Seydelmann, damals noch seinem Clienten, dem jüngeren Moritz, vertrauensvoll verbunden. Moritz versuchte, was Seydelmann nicht gelang, eine Häuslichkeit zu eröff­nen; er führte damals ein Experiment durch, das, wie Jedermann voraussah, scheitern mußte. Eine schon ältere adlige Dame aus Böhmen, unschön, seltsam eckig und abspringend in ihrem Wesen, aber von dem gutmüthigsten Charakter, wie es schien, hatte sich mit dem anziehenden jungen Schauspieler verbunden. Dieser Eheversuch gab der Welt nicht wenig Unterhaltungsstoff. Es hatte etwas Rührendes, die hochgeborene Frau mit dem besten Willen in der Küche und mit dem Bestreben, alles wohlthuend und beglückend zu treffen, sich abmühen zu sehen. Und der Gatte wieder seufzte: „Ja, wenn man es nur nicht sähe! Wenn sie’s nur in der Stille thun oder ganz unterlassen wollte!“ Ein Mittagsmahl, zu welchem sie ein­geladen hatten, wo die Hausherrin in ängstlichster Sorge, der Haus-120[Erfolge.]herr mit schärfster Kritik auf jede Schüssel sah, war so peinlich, daß selbst Lewald’s und Seydelmann’s Humor die Stimmung nicht in Fluß bringen konnte. Ein Compott aus getrockneten Datteln, das die Gräfin selbst zubereitet hatte und worauf sie sich nicht wenig zu Gute gethan, schlug zuletzt dem Faß der Zurückhaltung beim Manne den Boden aus. Alle seine Erfahrungen in Leipzig, Dresden, Berlin hatten ihn noch auf kein Compott von Datteln geführt, dem man seiner Ueber­süßigkeit wegen in der That nicht mit besondrem Appetit zusprechen konnte.

Trauliche Abendstunden gab es, wenn diese drei damals freund­schaftlich Verbundenen den Kranken besuchten, nicht nur die Karten mit­brachten, sondern auch die Bestandtheile eines Abendimbisses. Es war Winter geworden. Die Lampe brannte, draußen tobte der Sturm. Da stiegen drei Männer in meine behaglich erwärmte Klause und entledigten sich ihrer unter den damals noch üblichen falten­reichen Mänteln verborgenen Fourage. Seydelmann brachte Wein, Moritz irgend etwas, das auf eine Rarität, einen Capaun, einen Fasan hinauskam, Lewald warf eine resolute Wurst auf den Tisch. Brot, Tischtuch und Messer fanden sich beim Wirth. Geraucht wurde nur versuchs­weise von Moritz. Die Cigarre und der Ehr­geiz gingen noch nicht bequem nebeneinander wie jetzt. Die mit Ruhe gerauchte Cigarre bei strebenden, reizbaren Naturen ist erst eine Errungenschaft unserer Tage.

Die Verbindung mit Leipzig wurde von mir noch immer unter­halten. Wie ein junger Name, der, zwar halb und halb nur träumerisch, aber doch auf der Unterlage seiner Studien, seines gewissenhaften Postenstehens im geistigen Feldzuge der Zeit, seinen Weg in der Literatur verfolgt, schon frühe eine Stellung gewinnen kann, zeigte sich bei einem Besuche, den mir eben jener Liesching machte, der sich jetzt plötzlich in schon vorgerückten Jahren als Verlagsbuchhändler bewähren wollte. In runder Summe bot er mir 100 Carolins für ein Gemälde unserer Zeit, etwa Bilder des Jahr­hunderts, wie ich diese Idee drei Jahre später als „Säkularbilder“ ausgeführt habe. Doch mußte ich jetzt nur an den Freund in Mannheim denken, der bei seiner Hoffnung, eine Buchhandlung zu eröffnen, auf die Erfüllung der bibliopolischen Pläne rechnete, die 121 [Frankfurt am Main.] wir unter den alten Eichen von Harvestehude am Strande der blauen Alster geträumt hatten.

Wieder war ich an meinen Nero gegangen, hatte auch einzelne Scenen desselben im Morgenblatt erscheinen lassen, als mir der An­trag wurde, eine „Frühlingszeitung“, „Phönix“ genannt, die in Frankfurt am Main erscheinen sollte, durch meine Mitarbeit zu unterstützen. Ich schlug die Form dafür vor, daß man mir wöchent­lich eine Nummer für mich allein einräumte, die ich als „Literatur­blatt“ zur Berichterstattung über die literarischen neuen Erscheinungen wählen würde. Der Vor­schlag wurde angenommen. Nach den Weihnachtstagen, die im Seydelmann’schen Kreise gefeiert wurden, ging ich nach Frankfurt am Main. Der „Frühling“, den jene Zeitung hatte verkündigen wollen, ging auf die Zeit, die Literatur, war aber ein viel zu emphatischer Ausdruck im Munde eines Mannes, der in sonderbarster Weise zwar beständig Licht und Aufklä­rung im Munde führte, Eduard Dullers, selbst aber in sei­nen Hervor­bringungen, Romanen und Dramen, sich nur in der Sphäre seines Freundes Moritz von Schwind (sie waren beide Wiener) be­wegte, im Mittelalter, im Dämmerlicht der alten Sage, unter den Trümmern alter Abteien und Klöster. Nach dem „Frühling“ sehnte sich jedoch alle Welt. Das verflossene Jahr hatte wieder die blutigen Aufstände von Lyon und Paris gebracht. In Deutschland dauerten die Untersuchungen und Einkerkerungen fort. Die gedrückten Stim­mungen waren irgend einem neuen, einem unbekannten Gotte zuge­wandt. Einer der Hoffmann und Campe’schen Verlagsartikel hatte geradezu einen „Völker­frühling“ sozusagen in den Sprachgebrauch ge­bracht. Der belletristische Theil des „Phönix“, der zwar mit dem „Armen Konrad“, einer Erzählung aus dem Bauernkriege, be­gann, sich jedoch überwiegend nur bei Nixen, Meerweibern und Klausnern aufhielt, konnte ruhig sein vor den immer mehr zur Strenge aufgeforderten Censoren und dem Bundestag. Drohender wurde der Blaustift für mein samstagliches Literaturblatt gespitzt.

Seit vierzig Jahren haben sich in Folge der Eisenbahnen und unserer Einheitsbestrebungen die Eigenarten der Städte ver­wischt. Wie sind sie sich alle so ähnlich und gleich ge­worden! Dies Frank­furt am Main, das Jedem, der sich etwa einmal zu sagen erlaubte: 122 [Zuwachs an Lebensein­drücken.] Wer wird wol einmal diesen Bissen verschlucken, Oesterreich oder Preußen? entrüstet antwortete: Der Bissen wird Euch im Halse stecken bleiben! Frankfurt verschlucken wollen heißt einen europä­ischen Krieg veranlassen –! wie verrieth es Selbstgefühl im Guten und im Schlimmen, in Vorzügen und in verrotteten alten Fehlern! Da­mals hatte die altberühmte Stadt noch Wallgräben und Thürme, Thoresschluß und die strengste Controle über jeden Fremdling. Wer sich nach acht Tagen nicht empfahl, war dem „Rath“ unbequem, ver­dächtig. Willfährigkeit, Jemand die Ansiedlung zu erleichtern oder wol gar einen Gewerbsbetrieb zu errichten, scheiterte an zahlreichen gesetzlichen Bestimmungen. Dreierlei Herren regierten die Stadt, Schöffen, eine Art Pairs, Senatoren, die studirt haben mußten, und Männer „des Raths“, die aus dem Bürgerstande gewählt wurden. Zwei Bürgermeister herrschten und nur auf ein Jahr, wie im alten Rom. Sie herrschten mit allem Glanz. Beim An­tritt ihres Regiments durften Freudenschüsse erschallen und alle Welt bewunderte die Kutsche, in welcher sie ihre erste „Römer“fahrt machten. Einer der Schöffen hatte zuweilen eine Curialstimme am Bundestage und der Emsigsten Einer war dann, wenn wieder die Ehre auf Frankfurt fiel, der sogenannte Bibel-Meyer – er hatte die Bibel übersetzt, ein geistvoller, aber schroffer Parteimann. Galt es auf der Eschenheimer Gasse eine neue Maßregel nach den Auffassungen Oesterreichs durchzusetzen, so war die Frankfurter Stimme sofort gewonnen. Oesterreich für immer! war Frankfurts Devise, schon seiner damaligen 9000 Katholiken und der Metalliques wegen. Wer über die Zukunft seines Sohnes in Ver­legenheit war, brachte ihn im österreichischen Militär unter. Bei alledem empfand man das Verlegen österreichischer Truppen in die theuere Vaterstadt als ein schweres, nicht genug zu beklagendes Unglück. Mit dem April-Attentat von 1833 waren Be­drohungen der Gefängnisse verbunden gewesen; die von der Stadt selbst mit schweren Kosten gestellte Militärmacht hatte Metternich für keine hinreichende Bürgschaft für die Ruhe Frankfurts, dieser für Süddeutschland so maßgebenden Stadt, erklärt. So war denn nicht zu helfen, das Schmerzlichste geschah trotz der österreichischen Sympathieen. „Ei, ei, wo kommst Du denn her?“ rief ich eines 123 [Concen­trirung.] Tages einem Vetter von mir entgegen, einem ehrsamen Buchdruckergehülfen, den in Frankfurt wiederzufinden gleich in den ersten Tagen nach meiner Ankunft mich überraschen mußte. „Recte aus dem Loch!“ antwortete er. „Habe drei Tage sitzen müssen!“ – „Nicht übel! Und warum?“ – Der kecke berliner Bursche hatte im Abenddunkel, als eine österreichische Runde vorüberschritt (die Sol­daten trugen ihren Proviantsack über der Armatur), zu seinem Nachbar gesagt: „Da kommen die österreichischen Kostbeutel!“ Die Enge der sogenannten Schnurgasse, die Schallweite Frankfurter und Berliner Straßen hatte er nicht bedacht. Er wurde mit ein paar Handgriffen in die Mitte des Pikets geschleudert.

Nichts Behaglicheres von einem städtischen Leben kann man sich denken, als das Ensemble eines damals in Frankfurt alles, was zu des Lebens Anmuth, Bequemlichkeit und höherer Würde gehörte, in nächster Nähe beisammen hatte. Da lag das Theater mit mehr als mittelmäßigen, zuweilen trefflichen Leistungen. Un­mittelbar daneben die Post, ringsum lagen Gasthöfe, die für die Kunst der Hôtelhaltung als Akademie galten; Kaffeehäuser, gemüthlich eingerichtet, noch nicht durch die Fremden aus den nahegelegenen Bädern verfranzösirt. Ein Lesezimmer ersten Ranges lag auf dem Roßmarkt. Eine Gasse voll Buchhandlungen, die Buchgasse, war im Nu zu erreichen (sie legte den Grund zu Deutschlands Einheit, denn hier begann, was sich später in Leipzig für die Communicationswege des geistigen Verkehrs fortsetzte); dazu die Senckenberg’sche Stiftung, eine Art Akademie für die Naturwissenschaften, sogar mit einer Sternwarte und Anatomie. Nicht zu vergessen das Städel’sche Museum, eine lehrreiche Gemäldegallerie mit vielem Schönen und Werthvollen älterer und neuerer Kunst. Und unmittelbar nahe sorgsam gepflegte Promenaden, die sich um die Stadt zogen und sich immer mehr vervollkommneten, mit der Zeit Staffagen immer zahlreicherer Neubauten. An Concerten, geistigen Genüssen dabei kein Mangel. Was nur an berühmten Namen auftauchte, holte sich, wenigstens hielten die Frankfurter auf diesen Glauben, das Diplom seines ob wirklichen oder nur ge­machten Werthes erst von einer Frankfurter Beweisführung für sein Talent. Der Cäcilienverein, der Liederkranz, beide waren von Diri-124[Neue Charaktere.]genten ersten Ranges geleitet. Ein geschlossener Verein, die Museumsgesellschaft, bot einen Mittelpunkt für geistige Geselligkeit. Nur die einzige Stadtbibliothek lag außerhalb dieses schönen, eng­zusammengedrängten behaglichen Ensemble’s. Diese an’s äußerste Ende der Stadt zu verpflanzen, war ein unglücklicher Gedanke. Sie hätte in dem Rundkreise um den Roßplatz gerade in der Mitte liegen sollen.

Christ und Jude waren damals gesellschaftlich noch mannichfach ge­trennt. Zu jener eben gerühmten Lesegesellschaft wurde kein Jude zugelassen. Man hatte die Ansicht: Wo erst Einer dieses Stammes Platz gegriffen, da folgen bald die andern und zuletzt sind Wir es, die gehen müssen! Doch gab es Gelegenheiten genug, wo ein Jeder so­viel galt, als sein Name, seine Bildung, sein Geist vertreten konnte. Immer mehr an Macht gewann die Börse. Börsenspiel wurde eine Kunst, die sich auf Erkenntniß der politischen Zustände gründete, eine Erkenntniß, die nicht überall anzutreffen war. Der Bundestag mochte diese vielen herumwandelnden verkörperten Baro­meter kaum wünschen, that sich aber gütlich an den Folgen des immer mehr steigenden Wohlstandes, an den Gastereien, die unter den großen Häusern einen förmlichen Wettstreit erzeugten. Auch eine aristokratische Gesellschaft gab es, obschon dieser die eigentlich fesselnden Bindeglieder, geistreiche und schöne Frauen, fehlten. Nur von einigen Gefallsüchtigen wußte die Chronik grade dieser Sphäre zu erzählen. Ab und zu fuhren die umwohnenden Souveräne die statt­liche „Zeil“ herauf. Denn bei Rothschild gab es immer zu handeln und zu markten. Stammgast in Frankfurt war der Herzog von Nassau, der sich im Gasthof zum „Römischen Kaiser“ sogar mehr als erster Weinhändler Deutschlands, denn als Fürst zu fühlen schien.

Ein so kleines und doch bedeutsames Terrain erschien wie ein Glashaus, wo das von oben hereinfallende Licht jeder Physiognomie eine schärfere Zeichnung giebt. Immer streiften hier Menschen aus den verschiedensten Gegenden oder Thätigkeitsgebieten dicht aneinander. Der Beobachter konnte in diesem Verkehr nur lernen. Das Ent­gegenkommen, das ich fand, war von allen Seiten das wohl­wollendste. Hatte ich doch die Gunst der Stadt rasch gewonnen durch einen Vortrag in der erwähnten Museumsgesellschaft. Weit entfernt 125 [Musiker.] zu glauben, daß hier eine ernste Abhandlung am Platze gewesen wäre, hatte ich dem Publikum der „Museumsabende“, welchem Musik über alles zu gehen und hinter dieser jeder Vortrag über Goethe oder Schiller, über Posa oder Hamlet langweilig vorzukommen schien, eine „Naturgeschichte der deutschen Kameele“ vorgelesen. War es die Rückkehr des Doctor Rüppell aus Abyssinien oder worin sonst die Anregung gelegen hatte, meine Schilderung des deutschen Philisters, des „Kameels“, fand eine solche Zustimmung bei Männern so­wohl wie Frauen und erregte ein solches Ausschütten der Lachlust, einen solchen Sturm von Beifall, daß ich meine Stellung in Frank­furt, den Bundestag und die mit diesem kokettirende Sphäre des Adels und der großen Bankiers ausgenommen, für mehr als leidlich begründet halten konnte.

Wer kennt nicht und wer hat sie nicht selbst gesungen die er­hebende Melodie des Liedes: „Mein Herz ist am Rheine?“ Wer hörte nicht tief ergriffen und durchschauert Uhland’s Lied von den drei Gesellen und ihren Liebchen? Der Meister dieser Lieder und so manches anderen, Wilhelm Speyer, widmete mir eine Theilnahme, die für mich, ich darf es gestehen, eine erziehende wurde. Denn der Mann kannte das Leben, kannte Hoch und Niedrig, verband mit seinem künstlerischen Wollen und Vollbringen die regelmäßige Thätigkeit eines mit aller Welt verkehrenden Geschäftslebens, das eines beeidigten Börsenmaklers. Das ihm besonders geschenkte Vertrauen des Rothschild’schen Hauses erleichterte ihm die schwierige Verbindung zweier Richtungen, zweier Seelen gleichsam, die in Folge eines Bankerotts seiner Eltern in ihm leben mußten. Zum Genuß des Lebens erzogen, glücklicherweise zum edleren Genusse desselben, aufgewachsen in jenem seinen Eltern ge­hörenden offenbacher Andrée’schen Hause, wo einst „Lilli“ ihre „Menagerie“ aufgeschlagen und Goethe’n darunter als Gezähmtesten am Gängelbande geführt hatte, früh verheirathet mit einer Adligen, stand er durch den großen Finanzsturm von 1825, der über die Welt fuhr, plötzlich mittellos und erhob sich erst allmälig und mit Anstrengung zu einer Stellung, die ihn erhielt. Seine Beziehungen zu Abt Vogler in Darmstadt, Spohr, Meyerbeer, Seydelmann, welchem letzteren Speyer ein fleißiger Correspondent war, noch ehe der 126 [Aerzte.] immer mehr Aufsehen erregende Schauspieler im Frühjahr 1834 ein in der damaligen Theaterwelt epochemachendes Gastspiel, erst in Frankfurt, dann in Berlin, eröffnete, versetzte ihn in ständige Ver­bindung mit dem Meisten, was auf musikalischem oder theatralischem Gebiete den Ton angab. Ein Schatz von Lebens­eindrücken wurde mir in traulichen Stunden eröffnet. Gern theilte ich den einzigen Genuß, den sich der rastlos thätige Mann gewährte, ihn, wenn die Jahreszeit milder geworden, an die Stätte seiner Geburt zu beglei­ten. Nur ein Blick auf die Platanenallee in jenem Offenbacher Garten, unter welcher sich einst der Knabe im Spiel getummelt hatte, ein Blick auf die hohen Ulmen, welche die Wiesen des Parks über­wölbten, genügte, ihm für Wochen wieder die Beschwerden der da­mals im Freien abgehaltenen und aller Ungunst des Wetters ausgesetzten Börse ertragen zu helfen.

Eigenthümlich anregend war auch der Umgang mit dem als Ultramontaner gestorbenen Arzt August Clemens. Zwar gehörte derselbe nicht zu den Autoritäten Frankfurts, wie in seinem Fache, dem musikalischen, Wilhelm Speyer. Aber den Spott, den man zu­weilen auf den Theaterarzt Clemens, der sich nicht wenig darauf zu gute that, die Geheimnisse der Theaterdamen zu wissen, ja die Geringschätzung, die man auf seine Kenntnisse als Arzt überhaupt fallen ließ, hatte der bewegliche, rührige, wohlwollende Mann im Grunde nicht verdient. Mir wenigstens wurde der Umgang auch mit ihm zur Anregung. Noch hatte sich in jener Zeit keine ausgesprochene römisch-katholische Richtung des jüdischen Convertiten bemächtigt. Nur ein Vorplänkeln war es, daß er allerdings mit Vorliebe von Pfeilschifter sprach, dem bekannten von Metternich besoldeten Publi­zisten, der längere Zeit von Frankfurt, später von Aschaffenburg aus für die praktische Anwendung der Haller’schen Staatstheorie wirkte. Oft wollte Clemens, der bei Pfeilschif­ter Arzt gewesen, voraus wissen, was in jenen würzburg-aschaffenburger Kreisen ge­plant wurde. Doch schien sein eignes Glaubensbekenntniß damals nur auf Voltaire und La Maittrie begründet. Die Moral des Epikur ging ihm über alles. Nächstdem Goethe, dem er einen bis in’s Komische ausartenden Cultus widmete.

Ein andrer Charakter, den ich meinem alten Oberpräsidenten 127 [Arthur Schopenhauer.] von Harder in den „Rittern vom Geist“ zum Grunde gelegt habe, war der Direktor des Senckenberg’schen Stifts Dr. Cretzschmar. Leider ist es dem misanthropischen Hasse des Dr. Rüppell, als dieser aus Abyssinien zurückkehrte und nicht Jeder von seinem Stuhl aufstand, um ihm Platz zu machen, gelungen, an Cretzschmar, der sein Gegner wurde, Fehle aufzufinden, die, wie bei Baco von Verulam, das Andenken des sonst so merkwürdigen Mannes verdunkeln. In den Zeiten, wo sich der geniale Mann, den ich nicht vollständig zu beurtheilen vermag, weil mir die Kenntniß seiner Beziehung zum Freimaurerwesen fehlt, frei und bestbeleumundet bewegte, konnte man an ihm ein Verbundensein alles Tiefen im Menschenleben mit Freimuth in politischen und religiösen Dingen wahrnehmen. Es ist kaum zu fassen, was alles in diese auch äußerlich imposante, be­häbig corpulente Gestalt hinein- oder aus ihr herausging: die Ver­waltung des Senckenberg’schen Stiftes, die ärztliche Praxis, die vielgesuchte Geburtshülfe, leidenschaftliche Thierliebhaberei und Vogeldressur, Gourmandise, die bei keiner Einladung zum Diner absagen mochte, Stuhlmeisterthum in der Loge, Studien nach dieser Richtung hin, Studien auch naturwissenschaftlichen Inhalts, wo sich dann der Rationalismus mit einer Art Mystik, einer Neigung für die Nachtseiten der Natur verband. Man wurde theilweise bei diesem liebens­würdigen Manne an Erscheinungen des achtzehnten Jahrhunderts, theilweise auch an die Welt erinnert, in welcher sich später der Buddhist Arthur Schopenhauer bewegte, der ja ebenfalls die Tischfreuden liebte, wenn auch mit größerm Schmerz über unser Dasein.

Ich sah Schopenhauer täglich, nur daß kein persönlicher Umgang, wie bei den vorgenannten, zur Bildung meines Urtheils, zur Schulung meiner Menschenkenntniß beitrug. Ich faßte Schopenhauer nach dem Eindruck, den mir als Studenten sein Name auf dem Verzeichniß der berliner Vorlesungen gemacht hatte. Da war er ein ständig genannter Privatdocent, der nicht las. Wir glaubten, er hätte keine Zuhörer. Folglich war er uns unbedeutend. Privatdocent bleiben, wie der unglückliche Beneke in Berlin Jahre lang geblieben, thut dem Studenten an sich nichts, wenn derselbe nur Zu­hörer hat – ich hörte Beneke selbst mit großem Gewinn. Daß Schopenhauer Fahnenflüchtling war, ganz in Frankfurt am Main 128 [Ein Verkennen.] lebte und eigentlich in Berlin für verschollen hätte gelten müssen, das erfuhr ich erst, als ich den Mann mit dem Stierkopf und seinem großen weißen Pudel um die Thore Frankfurts rennen und seine Mittagsmahlzeiten auslaufen sah. Er besuchte dasselbe Lesezimmer wie ich, stocherte sich da die Zähne, führte mit seinem draußen auf dem Roßplatz zurückgebliebenen Pudel mimoplastische Unter­haltungen durch’s geschlossene Fenster, blätterte ein wenig in den Times, holte sich dann eine Prise vom Sekretär, kurz, mir erschien das alles wie die Weise eines Ausgedienten. Im Sommer trug sich der „Schote“, wie man ihn nannte*), nach dem damaligen Geschmack alter Engländer. Diese Vorliebe für die brittische Nation hatte er in Göttingen angenommen. Von ihrer Literatur er­streckte sie sich auch auf die Tracht. Die Beinkleider waren im Sommer von gelbem Nanking, das Oberkleid ein schwarzer Frack, eine hochgehende, an der obern Oeffnung gezackte Weste, weiße Hals­binde und ein Quäkerhut – den Abschluß gab der oben geschil­derte Kopf auf breitem Nacken. Ein Backenbart war anfangs grau, allmälig weiß. Der Mann schien mir auch da noch der Ver­gangenheit anzugehören, wenn ich ihn die Stiegen meines Wohnhauses heraufstürmen, zanken, lärmen hörte mit meinem spätern Schwiegervater, der die Krone Schweden-Norwegen als Generalconsul vertrat. Concurrenzarbei­ten hatte Schopenhauer geliefert für Preise, die der hohe Norden, Christiania, für philosophische Fragen ausgesetzt hatte. Der Glückliche hatte einen dieser Preise einmal ganz, ein andermal im Accessit gewonnen. Da galt es nun die Langsamkeit des Eintreffens der Medaillen zu rügen und ähnliche immer leidenschaftlich und nicht im mindesten mit buddhaistischem Quietismus vorgetragene Beschwerden. So gegenwärtig mir der Einfluß war, den eine Preisaufgabe auf Rousseau ausgeübt hatte, so konnte mir es doch als keine besonders spontane Entwicklung eines Denkers erscheinen, daß man sich zur Beantwortung von zu­fällig aufgestellten Fragen einer entlegenen Akademie entschloß. Außer­dem wurde die allerdings imponirende Selbstgenüge des Mannes fast erdrückt durch die Fülle von Anekdoten, die über seine Wunderlich-129[Goethe gegen Uhland.]keit, ja über die Herzlosigkeit, daß er mit seiner eigenen Mutter im Prozesse lebte, umliefen. Bei alledem glaube ich mir das Zeugniß geben zu dürfen, daß ich der Erste gewesen bin, der nach dem Erscheinen seiner überraschenden „Parerga und Paralipomena“ das größere Publikum auf ihn aufmerksam machte. Es geschah in einem Artikel in meinen weitverbreiteten „Unterhaltungen am häuslichen Herd“, Jahrgang 1852. Für mein Theil selbst überrascht von dem, was mir da gleichsam unter der Erde verborgen gelegen hatte, nannte ich ihn einen „Selbstdenker“ und wies auf sein Buch als auf eine Fundgrube anregender Gedanken hin.

Im Gebiet der eigenen literarischen Thätigkeit suchte ich in meinem „Literaturblatt“ ästhetische alte und neue Gesichtspunkte festzuhalten. Bei Menzel war ich nur an Bücher gebunden gewesen, deren Werth im Allgemeinen zu taxiren war. Jetzt war Raum gegeben zu Principienfragen, wo denn die Ausdrücke: „neue Zeit“, „junge Literatur“ oft genug wiederkehrten. Die damals er­schienenen Gespräche Goethe’s mit Eckermann gaben Anlaß, schon eine Trennung von den Lyrikern, diesen mattherzigen Fortsetzern alter Töne, ja sogar auf Kosten Uhland’s, auszusprechen. Letzterer hatte eben ein Gedicht veröffentlicht, in welchem ihn seine Verehrung vor Goethe soweit fortriß, daß er sagte: „Als ich auf der Platt­form des Straßburger Münsters den Namen Goethe eingeschrieben fand, schien mir der majestätische Bau in seinen Grundvesten zu zittern!“ Dieser etwas übertriebene Ausdruck einer Freude, die der Dichter von sich selbst auf den todten Stein übertragen wissen wollte, stand in traurigem Gegensatz zu dem Ton der Geringschätzung, in welchem sich Goethe über Uhland und, wie es schien, die schwä­bischen Sänger überhaupt aussprach. Goethe anerkannte die Balladen, Früchte der Uhland’schen mittelalterlichen Studien, erklärte aber den übrigen Inhalt der Uhland’schen Poesie für in solchem Grade dürftig, daß er sie bald aus der Hand gelegt hätte. Schlimmeres noch brachte bald darauf der Zelter’sche Briefwechsel. „Von den modernsten deutschen Dichtern kommt mir Wunderliches zu. Gedichte von Gustav Pfizer wurden mir dieser Tage zugeschickt; ich las hier und da in dem halbaufgeschnittenen Bändchen. Der Dichter scheint mir ein wirk­liches Talent zu haben und auch ein guter Mensch zu sein. Aber 130 [Die Lyrik als Mode.] es war mir im Lesen gleich so armselig zu Muth und ich legte das Büchlein eilig weg, da man sich beim Eindringen der Cholera vor allen deprimirenden Unpotenzen strengstens hüten soll. Das Werklein ist an Uhland dedicirt, und aus der Region, worin dieser waltet, möchte wol nichts Aufregendes, Tüchtiges, das Menschen­geschick Bezwingendes hervorgehen. So will ich auch diese Production nicht schelten, aber nicht wieder hineinsehen. Wundersam ist es, wie sich diese Herrlein einen gewissen sittig-religiös-poetischen Bettlermantel so geschickt umzuschlagen wissen, daß, wenn auch der Ellenbogen herausguckt, man diesen Mangel für eine poetische Intention halten muß. Ich leg’ es bei der nächsten Sendung bei, da­mit ich es nur aus dem Hause schaffe.“ Prüft man diese Aeußerung, die zunächst die Auslassung des grämlichen Alters gewesen zu sein scheint, genauer, vergleicht man mit ihr die Richtung, welche die deutsche Literatur und der Geschmack seitdem überhaupt genommen haben, so ergreift uns Staunen über die Schär­fe des Blicks und eine wahre Freude über die Standhaftigkeit, mit welcher der greise Dichter die Freiheit der individuellen Entwicklung, diesen hohen Reiz der Literatur des achtzehnten Jahrhunderts, festgehalten hat und das Traditionelle, das geschäf­tige Handhaben von Sittlich­keit, Religion, absolutem Poetischseinwollen für etwas ihm Odiöses und zum Uebelwerden Reizendes bezeichnet. Hätte der große Dichter die Zeit bis in unsere Tage erlebt! Wie würde er urtheilen, wenn er den Dunstkreis hätte übersehen müssen, der gegenwärtig unseren Parnaß umgiebt, den Nebelring von koketter Phraseologie, von Verlogenheit im Aufputzen von Zuständen, die so nicht sind, so nicht sein können, wie sie mit Zuversicht geschildert werden, von ewiger Anbuhlerei der holden Frauen, Beschmeichelung derselben mit Eigenschaften, die unter Tausenden einmal Eine besitzt! Dieser Dunstkreis beherrscht die Schule, die Lehrbücher, die Kritik, die gesammte Lesewelt. Nur der „sittig-religiös-poetische Bettler­mantel“ trägt den Preis davon.

Damals, wo noch zuweilen die humoristische Laune eines Tieck waltete, konnte keine Ahnung davon sein, daß sich theils aus der schwäbischen Lyrik, theils aus der Nachahmung Heinrich Heine’s eine Welt- und Lebensanschauungsweise entwickeln würde, die uns, in 131 [Kritisches Wirken.] Verbindung mit den Liedercomponisten Mendelssohn und Schumann, geradezu alles Leben auf dem Parnaß in ein Maskenfest mit falschen bunten Kleidern verwandeln sollte. Die Mädchen wurden von da ab Blumen, die Gefühle Lerchentriller. Die Verhimmelung, der Sonn­tagsstaat, der allein angezogene, es war eine Richtung, gegen die ich mich in einem Aufsatz: „Goethe, Uhland und Prometheus“ aussprach. Zwar nahm ich den gefeierten Sänger gegen Goethe in Schutz, suchte sowohl die zarten Blätter und Staubfäden seiner lyrischen Gedichte zu analysiren, als ich auch dem Sänger unserer patriotischen Stimmungen die Huldigung widmen zu müssen glaubte: von diesen sagte ich, daß sie Goethe nicht zu fassen ver­mochte; aber dem Anhang der immer mehr sich vergrößernden Schaar, die von Gustav Schwab auf den Parnaß geführt wurde, rief ich zu: „Wo ist bei Euch Prometheus? Wo ist der Gott, der Euch zu Boden wirft, daß Ihr Thränen der Verzweiflung weint? Goethe hatte, wie Aeschylus sagt, Menschengeschick bezwungen. Aber Ihr? Dem Bettler habt Ihr seine Lumpen gestohlen, Eueren Glauben dem Taufschein, Euere Sitten der Ge­wöhnung, Euere Grundsätze dem Herkommen, Euere eigene Poesie der Poesie der Andern! Was habt Ihr? Abendsonnenspaziergänge, Stimmungen, Sommerfäden! Wo ist Euer Ringen zum Neuen?“

Ein lyrischer Dilettantismus ohne Gleichen brach an. Ich nannte eine ganze Schaar, die sich um E. Ferrand in Berlin gruppirte, „die pommer’sche Dichterschule“. Schlesien, Sachsen, Thüringen, der Rhein und vor allen Schwaben lieferten ihre Contingente. Die Salonmusik hatte vollauf zu thun, all’ diese Thränen, diese Gelbveiglein, diese Nachtigallen und Rosen zur Unterlage männlicher und weiblicher Eitelkeit, die sich beim Singen entfaltete, zu erheben. Noch jetzt regiert ja die Naivetät, die sich im Salon an den Flügel setzen und den Hörern zum hundertsten Male: „Du meine Seele, du mein Herz“ zumuthen kann –! Nur nach Süßlichem, Gemachtem lechzt alles. Die weibliche Aristokratie in erster Reihe, sie, die allem Gedankenmäßigen, Modernen, Freisinnigen aus dem Wege geht.

Ich schrieb im „Literaturblatt“ über die Freiheitsregungen. Diese gingen mir nicht hoch genug. In Berlin waren sie mit 132 [Wiedervergeltungen.] Elementen verbunden (Hegel’s Geist lebte noch), die gefährlich werden konnten. In „Eduard Gans und die Doctrinäre“ ließ ich dem liebenswürdigen Professor der Rechte bei Gelegenheit eines von ihm herausgegebenen Buches alle Anerkennung wider­fahren, schilderte aber die Doctrin im Verhältniß zu einer gesunden, natürlichen Freiheitsliebe: „Da ist der Doctrinär! Ein respectabler Mann, der sich vornimmt, sich im ersten Jahre seiner ausreichenden Einnahmen jedenfalls ein Pferd zu kaufen, im zweiten ein Haus, im dritten zu heirathen. Er hat schon vor mehren Thüren an­geklopft: Palastthüren, Kirchthüren, und wurde abgewiesen, weil er allerdings einige Eigenschaften besitzt, die ihn beim Despotismus und der Orthodoxie nicht empfehlen können. Die Doctrin ist stolz; es ist ihr weder um den Thron, noch den Altar, noch um die Freiheit zu thun. Aber die Freiheit soll um dessentwillen, der um sie minnt, da sein. Doch dieser Liebhaber beginnt von seinem jüngsten Compendium, citirt den siebenten Paragraphen im achten Kapitel seines ersten Hauptstücks über die kryptogamischen Pflanzen und gesteht ein, daß man diesen Paragraphen ohne – Concessionen an die Freiheit nicht beweisen könne. Die Freiheit ist dem Doctrinär etwas Gelegent­liches, ein Heische­satz!“ Diese vornehmthuende Richtung, über Politik zu sprechen, ging vornehmlich von Dahlmann aus, wurde kurz vor und nach dem Jahre 1848 von Gervinus und dem Anhange der „Deutschen Zeitung“ weiter gepflegt und dann als Gothaismus in Scene gesetzt. Sie bildet leider noch jetzt den – engeren Ausschuß des Nationalliberalismus.

Der Liesching’sche Verlag in Stuttgart hatte sich eröffnet. Die erste Gabe, die geboten wurde, war eine Schrift von Wolfgang Menzel: „Geist der Geschichte“. Sie wurde von mir ohne Gehässigkeit, aber mit Protest gegen einen allgemeinen Weltbrand und eine gegen­seitige Menschenmordung, womit die Geschichte nach Menzel’s Anschauung endigen sollte, angezeigt. Noch blieb die mir für diesen Tadel in Aussicht gestellte Strafe zurück. In sorgloser Freude am Arbeiten vollendete ich „Nero“, begann auch „Seraphine“, und schrieb für die Augsburger Allgemeine Zeitung eine Reihe von Charakterbildern: „Oeffentliche Charaktere“, deren Erfolg (denn diesen hatten sie, wie ich durch die Redaktion erfuhr, selbst bei Metternich) 133 [Holde Tage.] durch meine Vorrede zu Schleiermacher’s Briefen über Friedrich Schlegel’s „Lucinde“ wieder verdorben wurde. Die für die Literargeschichte so wichtige Periode im Leben Schleiermacher’s, wo der Freund der Henriette Herz jene Briefe schrieb, wurde von den meistentheils nur theologisch gehaltenen Nekrologen übergangen. Da ließ ich jene Briefe in Hamburg drucken und versah sie mit einer Vorrede, die ein Verbot der kleinen Schrift zur Folge hatte. Man schrieb mir aus Berlin, nun sei ich ja Atheist geworden. Charlotte Birch, die noch immer in Nord­deutschland verweilte und wieder in Berlin gastirte, machte mir, ohne jene Briefe gelesen zu haben, so heftige Vorwürfe, daß mich der Ton derselben verdroß und meinerseits eine Replik veranlaßte, die eine längere Unterbrechung unserer Freundschaft zur Folge hatte.

Ehe die schlimmen Tage des Jahres 1835 hereinbrachen, die mir von mancher Seite vorausgesagt wurden, hatte ich einen Früh­ling und Sommer voll Genuß und Anregung. Hingerissen von einem Naturleben, das der Sohn der staubigen Spreestadt in seiner Jugend hatte entbehren müssen, wohnte ich fast zu gleicher Zeit in Frankfurt, Mannheim, Heidelberg, Baden-Baden; wenigstens dehnte ich die Ausflüge an den Rhein, den Neckar, die bescheidene kleine „Oos“ immer zu Aufenthalten von Wochen aus. In Baden-Baden traf ich Stuttgarter Bekannte, auch Lewald wieder, diesen immer nur erfüllt von literarischen Projecten. Ueber die württem­bergische Hauptstadt war ein buchhändlerisches Speculationsfieber gekommen. Ein Gürtlermeister Schweizerbart wurde Verleger; Karl Hallberger gehörte ebenfalls einem Industriezweige an, als er Fürst Pückler und Spindler zu verlegen anfing; ein Haupt­mann Schraishuon sollte in den nächsten Jahren mit Lewald die „Europa“ begründen. Das Menschengewühl in Baden-Baden kam noch nicht dem jetzigen gleich; aber Anregungen zur Beobachtung gab es ringsum. „Das da ist der Mörder Kaspar Hauser’s!“ sagte mir Lewald und zeigte auf einen älteren, mageren (nicht etwa herkulischen, wie neulich eine Berliner Zeitung schilderte), zugeknöpften Herrn, der in der That mit dem Eindruck, als wüßte er, daß ihm die Isolirung zieme und daß alle Welt mit Fingern auf ihn wiese, an einem der Tische vor dem Kurhause allein saß, der badische pensionirte Major Hennenhöfer. Eine auffallende 134 [Neue Begegnungen.] Erscheinung war die Gattin Karl Spindler’s. Die kleine, dicke, rothwangige Frau lebte von ihrem Manne getrennt und verfolgte die Bahn der Emancipation, ohne daß man hätte sagen können, das Rauchen von Cigarren, das sie am Kurhause offen zur Schau trug, hätte ihr besonders anziehend gestanden. Eine andere Emancipirte jener Tage, die „Dichterin“ Helmina von Chézy, eine Enkelin der talentbegabteren Karschin, Witwe eines französischen Gelehrten, hatte in Baden einen Sohn aufhältlich, mit dem sie ebenso in Hader lebte, wie Schopenhauer mit seiner Mutter. Wilhelm von Chézy war der Dritte in dem Bunde Duller und Schwind. Alle Drei waren engbefreundet. Sie hatten sich in jene Romantik vertieft, die etwa die Welt des alten Dürer’schen Holzschnitts oder der Todtentänze bezeichnet. In Düsseldorf und München hatten die Maler diese Sphäre bereits erweitert bis zur Auffassung jedes Lebensverhältnisses unter den Bedingungen des Mittelalters. Chézy besaß zu wenig Talent, um dem Griffel seines Freundes Schwind folgen zu können. Wie dann Beide ganz der ultraconservativen Partei angehörten, so hat auch Wilhelm von Chézy sein Ende im Redactionsbureau eines Wiener ultramontanen Blattes gefunden. Baron von Niembsch (Nicolaus Lenau) war aus der neuen Welt zurückgekehrt und von Stuttgart aus zuweilen Gast in Baden-Baden. Meist verhielt er sich in jener zerstreuten Passivität, die allen grübelnden Lyrikern eigen zu sein scheint. Seine Schweigsamkeit war mit einem sich immer gleichbleibenden Blick des Wohl­wollens verbunden.

Eine sprudelnde Redelust offenbarte dagegen eine andere neue Bekanntschaft, ein Rabbinatscandidat, dem ich am rauschenden Neckar, unter dem alten Epheu der Schloßruinen Heidelbergs zum erstenmale begegnete, ein kleiner, untersetzter, breitschultriger Mann mit funkelnden Augen und dunkelbraunem lockigen, fast die Schulter überwallenden Haar, Berthold Auerbach. Schon damals trug er eine kleine literarische Gloriole, wenn auch nur von mattem Glanz; die eben erwähnte Stuttgarter Industrie hatte ihn zu einem Biographen und Epitomator der Werke Friedrich’s des Großen ge­macht. Eine unschöne Anagraphirung seines Namens als Verfasser der in Heften erscheinenden Compilation hatte ihn „Chauber“ ge-135[Kampfesziele.]nannt. In jedem Worte, das der damals schon dreiundzwanzigjährige Heidelberger Student in dem mir fast wie heimathlich gewordenen schwäbischen Dialect sprach, lag jene „Werdelust“, die bei den jungen Köpfen zur Signatur der Zeit gehörte. Daß die Weise Spinoza’s, dessen Studium den von einem Amt in der Synagoge damals wol schon Abgekommenen fesselte, jene Weise, Stimmungen und Gefühle auf Selbsttäuschungen zurück­zuführen, diese mathematisch zu zergliedern und, nach Goethe’s Wort, unsere Freuden bald grau, bald grün erscheinen zu lassen, auch seinen Schüler schon zum Skeptiker gemacht hätte, dem war vor­gebeugt durch die Frische des Naturells und die in ihm gährende Fülle von Jean-Paulismus und burschenschaftlicher Idealität. Der engere Anschluß erschwerte sich. Weniger durch Verschiedenheit der Prinzipien, als durch übergroße Spontaneität der neuen Bekanntschaft. Diese konnte sogar den Trieb nicht unterdrücken, dasjenige, was Jedermann wußte oder Jemand eben erst gesagt hatte, immer noch einmal zu sagen, nur „in seiner Weise“. Ich erzählte Anekdoten; die Ungeduld konnte nicht die Zeit erwar­ten, Parallelen daraufzusetzen. Wohlthuend war die Ruhe, Tiefe und Gediegenheit, die ich bei einem jungen heidelberger Dozenten der Philosophie, Karl Fortlage, antraf. Der auch als Stylist ausgezeichnete junge Gelehrte lebte einer wunderlichen heidelberger Professorfamilie Hanno vorzugsweise nahe und freundschaftlich verbunden.

Die langsame Art, wie man sich damals von Ort zu Ort bewegte, erleichterte die innere Einkehr, den Ueberblick alles Wollens und Wirkens. Unter den Blüthenbäumen der Bergstraße, an der kühlen Schlucht des Wolfsbrunnens träumte ich oft der Ausdehnung eines Begriffes nach, den Heinrich Heine von Frank­reich herüber in die Literatur der Deutschen geschleudert hatte, dem Wort von der „Emanzipation des Fleisches“. Woher hatte man die Berechtigung genommen, sich unter diesem Begriff nur die Entfesselung der Leidenschaften, die Zerstörung der Sitte vorzustellen? Auf dem theologischen Gebiete ist das „Fleisch“ ein gangbarer Begriff; die katholische Welt hört ihn alle Tage, wenn sie die Messe besucht. „Aus dem Fleische geboren!“ „Das Wort ward Fleisch!“ Das 136 [Gehässigkeiten.] Fleisch ist der Naturmensch, der durch Christus noch nicht Wiedergekaufte. Vom Streit zwischen Fleisch und Geist sprachen die Apostel; sie verstehen unter dem letztern den Stand der Gnade. Was konnte da die „Emanzipation des Fleisches“, von welcher in der unsinnigsten Weise von damaligen Anklägern und noch immer in den Lehrbüchern der Literaturgeschichte, wie diese nach Vorschrift der preußi­schen Schulregulative geschrieben werden müssen, gefabelt wird, anders verstanden sein, als die Wiedereinsetzung des Natürlichen! Aber die Gesetze der Natur zum Maßstab unserer Lebensverhältnisse zu machen, war und ist ja die Losung der Zeit. Mir erstreckte sich jener Ausdruck auf alle Gebiete. Auch auf das des Staates, wo eben das Natürliche die Anmaßung der Tradition bekämpft. Lehrte die Rückkehr zur Natur nicht in der Philosophie schon im vorigen Jahr­hundert die Wiederanknüpfung der Begriffe an die Erkenntnißfähigkeit des Menschen? Hatte sie nicht in der Kunst ein größeres Wohl­gefallen am Reiz der menschlichen Erscheinung und in Düsseldorf sogar solche Maler zu Anhängern der Emanzipation des Fleisches gemacht, die sich bei vorkommender Gelegenheit zu den correktesten Christen zählten? So konnte auch in der Literatur die Emanzipation des Fleisches nur die Erlösung des Natürlichen von Bann und Interdikt heißen. War von diesem Gesichtspunkte aus nicht selbst noch an unseren Klassikern Vieles zu vertheidigen und gegen einge­rissene Verketzerung zu schützen? Mir wenigstens spann sich die Gedankenreihe, welche durch jenen Begriff angeregt wurde, in Gebiete eines dunkeln Tastens und in Gegenden hinein, wo uns Irrlichter täuschen konnten lediglich nur durch einen Hinblick auf die Gesetzgebungen etwa über uneheliche Geburt, Gebiete, die in neuester Zeit Schopenhauer und E. v. Hartmann harmlos betreten haben. Man verschrie mich als „Gegner der Ehe“, während mein Vorsatz reifte, die Fäden, die mich bisher an Berlin gefesselt hielten, endlich zu durchschneiden und meine Sehnsucht nach Haus und Herd und dem Gefolge der Tugenden, die unter dem Dach des Hauses wohnen sollen, durch eine Verbindung mit einem sittigen Mädchen zu befriedigen.

Die regelmäßigen Angriffe auf alles, was von mir ausging, kamen theils von einem elenden Subjekte in Frankfurt am Main, 137 [Deutscher Literaturton.] Namens Schuster, der einer der Ersten jener Pest von Autoren gewesen ist, die in den größern Städten Deutschlands allmälig die „Revolver-Presse“ (La bourse ou la vie!) geschaffen haben, theils von einem dilettirenden, erst in seinem Alter verständiger gewordenen darmstädter Advokaten Justizrath Buchner, dem sich ein vielschrei­bender J. W. Carové anschloß. Letzterer schrieb für die Aufklärung und gegen die katholische Kirche, von welcher er sich losgesagt hatte, doch trieb er Mystik und Magnetismus und ergoß zugleich über alles, was ihm unter die Hand gerieth, ein Raisonnement voll Langerweile. Der Romanschriftsteller Georg Döring hatte eine Frau, die ohne die magnetisirende Handauflegung dieses Carové nicht existiren zu können behauptete. Der Rückschlag meiner geringen Theilnahme für die Werke Georg Döring’s machte sich durch den elektrischen Strom in Form von giftigen Correspondenzen gegen und von Notizen über mich da und dort erkennbar. Noch verdrießlicher für mich sah es in Berlin und Leipzig aus. Den rührigen Laube hatte die Politik jener Tage nachträglich für seine erst jetzt constatirte Theilnahme am Burschenschaftswesen gefänglich eingezogen. Wohl mehr seine eigne Persönlichkeit als die Verwendung seiner Protektoren Varnhagen und des Fürsten Pückler hatte es durchgesetzt, daß ihm eine Internirung in dem lausitzischen Städtchen Muskau als Haft angerechnet wurde. Seine „Zeitung für die elegante Welt“ war in die Hände des Dr. Kühne gerathen, der ein wüstes Buch: „Die Quarantäne im Irrenhause“ hatte drucken lassen. Dieser, mit Theodor Mundt befreundet, der jetzt plötzlich vor und nach dem Tode der Charlotte Stieglitz in „Madonna, Unterhaltungen mit einer Heiligen“ wie nach einer unterirdisch aufgespielten Blocksbergmusik den modernen Ideen-Cancan mitzutanzen begann, ließ sich nicht einmal durch die Freundlich­keit, wie ich selbst in meinem „Literaturblatt“ jene beiden Bücher beurtheilt hatte, bestimmen, die den deutschen Schriftstellern all­gemein fehlende Solidarität, das Gefühl des Vereintwirkens, walten zu lassen, sondern verurtheilte meinen „Nero“ als „Nero der Kettenhund“. Wo in diesem Witz das tertium comparationis zwischen meiner Dichtung und der Arie Aennchens im Freischütz liegen sollte, war jedem vernünftigen Leser unerfindlich. Theodor Mundt und Kühne glaubten sich an den unruhigen Wühler Varnhagen von Ense und 138 [Gastspielreisen der Schau­spieler.] das Weimar’sche Literatur-Erinnerungswesen zu sicher gelehnt, um der Schonung jedes andern Bandes überhoben zu sein. Varnhagen’s stündliches Hoffen, man würde ihn wieder in Aktivität setzen, d. h. irgendwo nach Metternich’s Diktaten damalige preußische Politik vertreten lassen, gab ihm noch immer den Nimbus eines mächtigen Protektors. Bei jedem Ausgang unterstützte er diesen durch das Umbinden eines seiner Orden.

Noch war ein freundlicher Moment des Jahres, ehe dasselbe mit unglücklichen Katastrophen endigte, das Gastspiel Karl Seydelmann’s in Frankfurt am Main. Man hat von einer „Epoche des Virtuosenthums“ in neuern Darstellungen der Geschich­te der Schauspielkunst gesprochen. Die Erscheinung, daß sich die Gastspiele einzelner Schauspieler mehrten, hing mit der Mehrung unserer Theater, mit der Erleichterung des Reisens zusammen. Zu allen Zeiten haben sich einzelne Mitglieder der deutschen Bühne auf längere oder kürzere Zeit von ihrem gewohnten Verbande getrennt und ihre besten Rollen auch anderswo, als in ihrem gewohnten Wirkungskreise, zur Geltung zu bringen gesucht. Daß darüber in neuerer Zeit die Schauspielkunst selbst sich geändert haben soll, wird von Eduard Devrient behauptet; indessen meine ich, daß sich in dieser Veränderung mehr Gewinn als Verlust ergeben hat. Seydelmann sagte mir schon in Stuttgart mit allerdings bedenklichem Ausdruck: „Spielen im Engagement ist die oft schläfrige Liebe im Ehebett; spielen in der Fremde ist eine Leidenschaft, die uns außer­halb desselben ergreifen kann.“ Uebertrieben ist es, wenn man sagen wollte, dies Bastardthum der dramatischen Kunst hätte den regel­mäßigen Gang derselben unterbrochen. Im Gegentheil, der Spruch Edmunds bei Shakespeare paßt auch hier vollkommen. Nach bedeuten­den Gastspielen konnte man immer die Spuren des hinterlassenen Ein­drucks an den Leistungen der Truppe, die mitgewirkt hatte, beob­achten. Ja auch an den Bühnen selbst, wo später Seydelmann, Emil Devrient, Dawison gastirten, gab es Darsteller, denen nicht einfiel, sich darum, daß Einer an einem solchen Abend Matador war, selbst in den Schatten gestellt zu finden, sondern die vielmehr die Gelegenheit wahrnahmen, mit desto angestrengterem Eifer einzustehen auch für den von ihnen gespielten Part. Dem alten Theater kam 139 [Seydelmann in Berlin.] ja seine, wenn sie stattfand, größere Frische auch nur daher, daß es ein wanderndes war. Das Theater in Frankfurt am Main wurde damals im Auftrag eines Aktionärverbandes von einem angesehenen Kaufmann verwaltet. Der Mann gehörte jener Familie an, der zuliebe Goethe den Knappen seines Götz Leerse genannt hatte. Erst später traten Unternehmer ein. Beide Verwaltungen kamen dem Bedürfniß des Publikums, ab und zu Neues zu sehen, und nicht immer dieselben Schauspieler, nicht immer dieselben Sänger zu hören, entgegen. Es ist thöricht zu glauben, daß der feste, nie durch Gäste gestörte Verband auf eine Reihe von Jahren zu den Bürgschaften vollkommner Leistungen gehört. Die Frankfurter Bühne behielt Jahrelang einen Stamm tüchtiger Kräfte, die grade bei einem Gastspiele in die günstigste Stellung traten. Da fand Jeder Gelegenheit, auch einmal ein volles, gespanntes, von den vielen nicht blasirten Theatergängern besuchtes Haus für sich einzunehmen. Ein Clavigo, eine Emilia Galotti kamen durch die einheimischen Darsteller völlig anders heraus, wenn ein fremder Carlos oder Marinelli mitwirkte, als wenn die Vor­stellung vor halb leeren Bänken im üblichen Abonnementstrott stattfand.

Seydelmann wollte von Frankfurt nach Berlin, wo sein Gastspiel auf den Gewinn eines Ersatzes für Ludwig Devrient berechnet war. Den schweren Stand der Probe, die unter solchen Umständen vor den strengsten Maßstäben zu bestehen war, erkannte man schon aus seiner Reizbarkeit. „In seinem ganzen Wesen“, schrieb ich früher in „Erinnerungen an Seydelmann“, „drückte sich die Spannung des Ehrgeizes und einer bänglichen Besorgniß aus. Ging er doch einer Prüfung entgegen, die zu seinem Nachtheil ausfallen konnte. Zwischendurch erhob ihn dann wieder sein Selbstbewußtsein zu einem fast zu gewagten Vertrauen, so daß man kaum wußte, sollte man ihm die Dinge, die seiner in Berlin harrten, als schwer oder leicht dar­stellen. Bald sah er mit nachdenklichem Ernst in die bunten Bläs­chen einer Tasse Chokolade bei einem Italiener am Liebfrauenberg und hörte aufmerksam auf alles, was ich ihm als in Berlin beachtenswerth schilderte, bald klapperte er fröhlich mit dem Löffel des Signor Giorgi und war seines Sieges gewiß.“ Ich erschwerte ihm leider den letzten durch einen Toast, der sich bei einem ihm zu Ehren 140 [Strauß’ Leben Jesu.] gegebenen Festmahl der ungeschickten Wendung bedient hatte: Und so möge denn unser Gast, in der Neunzahl heiligen Namen, hingehen und sich die Kränze von den Gräbern Fleck’s, Iffland’s und Devrient’s auf sein Haupt setzen! Diese Wendung, die gleichsam die Ruhe der berliner Kirchhöfe störte, wurde von Niemand mehr, wie man zu sagen pflegt, aufgemutzt, als vom Professor Gubitz, dem ständigen Referenten der Vossischen Zeitung, der mir überhaupt zeitlebens für alles, was nur meinen Namen trug, ein höchst unfreundlicher, ja böser Beurtheiler geblieben ist. Er war der Schwiegersohn des großen Schauspielers Fleck und ein intimer Freund Raupach’s und später der Birch-Pfeiffer.

„Das Leben Jesu“ von Strauß war erschienen. Es erregte einen Sturm – der Entrüstung nicht nur in der theologischen, sondern in der ganzen gebildeten Welt. Und auch außerhalb Deutschlands. Die Stimmen, die für den jungen tübinger Repetenten auftraten, waren zu zählen. Daß damals Strauß noch ein ausgesprochener Hegelianer war, schadete ihm. Aber das Buch wurde darum verschlungen und zum Sauerteig für Deutschlands geistige Gährungen. Der Mythus Christi, dargestellt aus orientalischen Parallelen und den messianischen Weissagungen der Juden überhaupt, machte eine Menge anderer Dinge in Staat und Kirche, in Wissenschaft und Leben zu Mythen. Bei alledem war selbst der Vernunftglaube in Betreff der Person Christi nicht gewonnen. Der Mythen-Christus verging in Nichts, in Nebel; es hätten nur einige Stellen bei Tacitus und Josephus zu fehlen brauchen und selbst die Kreuzigung Christi würde nach dem damaligen Strauß ein mythisches Gebilde aus orientalischen Parallelen (etwa zum Tod des Prometheus, zum Opfer Abrahams) geworden sein. Das befriedigte nicht. Man hatte selbst in den aufgeklärtesten Kreisen das Bedürfniß eines historischen Christus, eines edlen, sittenreinen, begeisterten Menschen, eines Märtyrers, der auch dem Neologen interessant und ehrwürdig blieb. Diese Stimmung ließ mich auf die „Wolfenbüttler Fragmente“ zurück­kommen.

Der Ursprung dieses von Lessing herausgegebenen Werks hat die Literarhistoriker vielfach beschäftigt. Ja ich erinnere mich, daß sogar einer der Controversisten einen großen Aufbau von Wahr-141[Die wolfenbüttler Fragmente.]scheinlichkeiten herausgegeben hat, um zu beweisen, daß der bekannte Reformator der Ackerbaumethoden, Albert Thaer, der eigentliche Ver­fasser gewesen sei. Es steht fest, Reimarus, der hamburger be­rühmte Arzt, war der Autor. Das weitläufige, etwas schwerfällig geschriebene Buch entzieht sich dem größern Publikum. Diesem es zugänglicher zu machen, seine Quintessenz zu geben, war die Ab­sicht einiger Bogen, die ich ebenso herauszugeben gedachte, wie ich Schleiermacher’s „Vertraute Briefe über die Lucinde“ gleichsam gerettet hatte. Denn die Sammler seiner Werke hatten diese ausgeschlossen. Der sonst so muthige Verleger hatte aber diesmal Furcht, und zwar – vor den hamburger Pastoren. Metternich, Kaiser Nicolaus, nichts war im Stande, ihm Vorsicht anzurathen, Börne und Heine mochten bringen, was sie wollten, aber die Nachfolger Johann Melchior Goeze’s zu reizen wagte er nicht. Als Besitzer eines ansehnlichen Buchgeschäftes wollte er im eignen Weichbild Ruhe haben. So erhielt ich diesen Auszug aus den Wolfenbüttler Fragmenten von ihm zurück. Es war in einem Augenblick, wo ich einem Vorfall träumerisch nachhing, der mir in einer Gesellschaft bei dem obengenannten Arzte Clemens begegnet war. Ein junges Mädchen, dessen heitre Laune, blühende Wangenfarbe mich schon öfters angezogen hatte, kam bei zufälliger Berührung der theologischen Streitigkeiten des Tages und der Christusfrage in eine Aufregung, die mich erschreckte. Mit beiden Händen abwehrend, die Augen weit aufgerissen, rief sie mir entgegen: „Davon reden Sie nicht! An all’ das nur zu denken macht wahnsinnig!“ Mich hatten diese Worte um so mehr erschüttert, als ich eine Neigung in mir fühlte, mich der jungen Dame zu nähern.

Dieser letztere Schritt wurde später auch gethan und wieder zurückgethan. Nur jenes Wort verhallte nicht und gestaltete sich zu einer verhängnißvollen Einheit mit Campe’s Muthlosigkeit. Die Probe auf Zustände, in welche die Menschheit fallen würde, auch wenn sie aufhörte zu glauben, was im Katechismus steht, wurde mein ständiges Grübeln. In unsern Tagen ist dieser Gedanke den Autoren geläufig und Nie­mand nimmt an einer Diskussion über die Frage: „Brauchen wir überhaupt noch Religion?“ besondern Anstoß. Damals war ich, der ich auch noch jetzt die Frage eine muthwillige nenne, der Steinigung nahe.

142 [Mißglückte Bekehrung.] Mein mannheimer Freund, der junge neue Verleger, drängte um ein Buch, womit er debütiren konnte. In frühen sommerlichen Morgenstunden schrieb ich ihm eines. Um den Kern jenes Auszugs aus den Wolfenbüttler Fragmenten entstand „Wally, die Zweiflerin“. Lebensfroh, poetisch gestimmt, wie wir beide waren, hatte ich auf seinen Wunsch sogar einen weiblichen Charakter herein­gezogen, der vollständig, die Dame verherrlichend, nach dem Leben gezeichnet war.

Bis ein Buch gedruckt ist, versandt, angezeigt wird und die Spuren kommen, daß es gelesen wird, vergeht eine geraume Zeit. Sorglos wurde eine Fahrt mit dem Verleger in einen der Thaleinschnitte des Odenwaldes gemacht, wo – erst das Papier zu dem verhängnißvollen Debüt bestellt werden mußte. Inzwischen wurde ein Bekehrungsversuch zu andern Lebensanschauungen, als die ich fortgesetzt, zugleich in meinem „Literatur­blatt“, vertrat, mit mir an­geknüpft. Dieser sollte von dem Verfasser einer Correspondenz in der Allgemeinen Zeitung, die damals Aufsehen erregte, kommen. Das Zeichen „Halle“, womit die Briefe versehen waren, ließ lange auf Heinrich Leo schließen; denn dessen Haller’sche Staatstheorie, die bei dem Geschichtsschreiber des jüdischen Staates nach einem freisinnigen Anfang immer mehr hervorgetreten war, wurde in diesen Berichten als Maßstab auf die schwebenden Tagesfragen angewendet und zuweilen mit Thatsachen vermischt, die nur aus einer officiellen Quelle ge­flossen sein konnten. Es begannen in jenem Jahre die nachträglichen Burschenschaftsabstrafungen. Das „Hôtel Dambach“, wie die ber­liner Hausvoigtei nach dem Untersuchungsrichter genannt wurde, wurde nicht leer. Auch hierauf fehlte es nicht an Anspielungen in den Briefen des Hallensers. Nur eine gewisse modernbelletristische Färbung im Styl lenkte von der Vermuthung, Leo sei der Urheber, wieder ab. So war ich denn erstaunt, als sich eines Tages Joel Jacoby, mein alter mir von Berlin her befreundeter Königsberger, der immer noch nicht getauft war, als Verfasser enthüllte, mir eine Um­kehr meiner Richtung auf’s Dringendste anrieth, hohe Gönnerschaften in Aussicht stellte, die hinter seinem Rücken stünden. Alles das in eigner Person; denn er machte mir in Frankfurt seinen Besuch. Ich erstaunte über seine elegante Erscheinung. In seinem frühern Anzuge, als wir 143 [Deutsche Revue.] zusammen Hegel’s Encyklopädie studierten, hatte er dem Diogenes in der Tonne geglichen. Eine abstruse, menschenscheue Art hatte er immer. Es wurde mir schwer, ihn mit einem Kreise von Gästen, die ich ihm zu Ehren einlud, wohlthuend zu vermitteln. Wie ich gesinnt war und es bleiben wollte, zeigte eine Vorlesung, die ich den Gästen anzuhören zumuthete. Am selben Tage hatte mir ein Flüchtling, ein Gießener Student, Georg Büchner, aus Straßburg ein Manuscript geschickt. Es war jenes an witzigen Ein­fällen und charakteristisch wiedergegebenen Momenten der französischen Revolution beachtenswerthe Drama: „Danton’s Tod“. Der gleichfalls anwesende Buchhändler J. D. Sauerländer erbot sich sofort es zu verlegen und schickte dem von allen Mitteln entblößten, von seinem Vater zur Strafe für seine politische Gesinnung sich selbst überlassenen jungen Mann, der später in Zürich ein vielversprechender Physiolog wurde und allzufrühe starb, hundert Gulden als Honorar. Jacoby reiste unverrichteter Sache nach der Schweiz. Er mußte ein Abgesandter des Cabinets Rochow gewesen sein. Denn als man kurz darauf den Studenten Lessing, einen Preußen, in einem Gehölz bei Zürich ermordet fand und es allgemein hieß, es sei an ihm die Strafe des Verräthers und Denunzianten vollzogen worden, brach Jacoby seine Reisepläne ab, verließ die Schweiz und hielt sich mehre Jahre lang vor der Oeffentlichkeit ganz verborgen.

Meinen Freund Kottenkamp zog ich auf seinen Wunsch von Stehely und den für Andre geschriebenen Doktor-Dissertatio­nen Berlins nach Frankfurt. Buchhändlerische Aufträge, die ich ihm verschaffte, fristeten seine Existenz, bis ihn in spätern Jahren die Allgemeine Zeitung in ihre Redaktion aufnahm. Ludolf Wienbarg kam von Bonn. Der Versuch einer Habilitation war ihm dort mislungen. Unser Kreis ver­größerte sich. Ein bremer Advokat Eduard Beurmann, der eine Schauspielerin geheirathet hatte und dem Impulse ihres Künstler­dranges, der Bühne treu zu bleiben, nachgegeben, begründete sich in Frankfurt, wo ihn verwandtschaftliche Bande fesselten, eine literarische Existenz. Mit lebhafter Betheiligung schloß er sich dem Phönix und andern Zeitungen Frankfurts an. Wienbarg, von welchem der Ausdruck „das junge Deutschland“ herrührte, suchte ein Associations-Wirken zu befördern. Der Phönix bot nicht Raum genug für so 144 [Ihr Programm.] viel Federn. So wurde denn eine Wochenschrift geplant, die der mannheimer Freund verlegen sollte, „Deutsche Revue“. Wöchentlich drei Bogen in Großoktav, fast ganz nach dem Muster der Revue des deux mondes. Mitarbeiter wurden unter den ersten Namen Deutschlands gesucht und gefunden. Fast alle sagten zu. Es war, als hätte ein solcher Vereinigungspunkt auch für die gelehrte Welt gefehlt. Die Wissenschaft fühlte den Trieb auch einmal zu einem größern Publikum, jetzt sagt man zum Volke, zu sprechen. Die Last der Organisation, das Entwerfen des Prospectus, die Beziehungen mit dem Verleger, alles das entfiel auf mich. War doch der Mitredakteur Wienbarg Einer von den Geistern, die nach Steffens’ Definition, dem Volk sei seine Arbeit Genuß und dem Adel sein Genuß Arbeit, zur höchsten Aristokratie gehörten. Es ge­fiel ihm baß in den Gemüthlichkeitshallen Frankfurts, wo am Schoppentisch manche Freundschaft mit verwandten Seelen, z. B. dem Schauspieler Julius Weidner, geschlossen wurde. Sein Unvermögen, die Feder zum schnellen Ansatz zu bringen, ersah ich aus einem Blick in seine Papiere, die mir durchzusehen sein später hinterlassener Koffer zur Pflicht machte, als er sich ohne Abschied von Frankfurt em­pfohlen hatte. Ich fand dreißig saubre Briefbogen. Auf jedem derselben waren drei bis vier Zeilen des Anfangs einer Erklärung über die Bestrebungen der neuern Literatur versuchsweise niedergeschrieben. Immer wieder war die Wendung, die er suchte, nicht getroffen. Immer sollte ein neuer Briefbogen den Schwung bringen, der sich denn auch endlich auf dem 31sten Bogen eingefunden haben mußte, denn nach langem Drängen um diese Erklärung von meiner Seite kam sie endlich zu Stande. Eingeräumt muß werden, daß der „nordische Recke“ im Fluß des Redestroms, im Rhythmus des Styls, in der Beherrschung der Gedankenfolge in seinen Arbeiten uns allen, Laube und Mundt nicht ausgenommen, schon durch sein Alter zuvor war. Er zählte damals 33 Jahre.

In dem von mir allein, dem 24jährigen, verfaßten Aufrufe zur Theilnahme an dieser Wochenschrift sagte ich über die Kreise, die wir gewinnen wollten: „Die Wissenschaft sehnt sich aus ihren dumpfen Sälen hinaus in die freie Natur; der Vogel Minervens ist nicht mehr die Eule, welche das Licht scheut, sondern der Adler, der mit offnem 145 [Die Proteste.] Auge in die Sonne fliegt. Welcher Gelehrte würde zaudern, aus den ihm dargebotenen Blumenkränzen der Poesie auch für sich eine Frühlingsrose zu wählen und sie an den Talar seiner Inauguration zu stecken! Wer würde seinen todten Abstraktionen nicht gern ein­mal jene blendenden Gewänder anziehen, welche ihnen die Dichtkunst aus tönenden Worten und lachenden Gleichnissen webt! Die „Deutsche Revue“ entsteht in einem Augenblicke, wo wir auf dem Antlitz der Göttin unseres Vaterlandes eine drohende und wehmüthige Falte entdecken; in einem Augenblick, wo wir den Vorwurf und den Schmerz empfanden, daß so zahlreiche Kräfte, statt einen gemeinsamen Tempel des Nationalstolzes zu bauen, sich in isolirten Zwecken zersplittern. Wir lassen unsern Aufruf ergehen sowohl an den Katheder wie an die Dachstube, vor allen an die, welche lieben im Angesicht des gestirnten Himmels oder an stillen Schattenplätzen des Waldes zu dichten und zu denken. Auch nicht blos an Renomméen knüpfen wir die Hoffnung eines glänzenden Erfolgs. Wir kennen die zahl­reichen Kräfte, die in Deutschland schlummern, die schaffenden Ge­danken, die sich nach einer Bühne für die Gestalten umsehen, die jungen Dichter, denen das Wort auf der Lippe verglüht, die jungen Gelehrten, die vergebens den Weg vom Katheder zur Nation suchen – allen diesen Gehemmten, Schweigenden, stolzen Unberühmten wird das Organ der „Deutschen Revue“ so willkommen sein, als ihr Eintritt uns. Wir rechnen auf die Zeit und die Genossenschaft der Edlen... Was somit die Deutsche Revue bringen wird soll sein Poesie in allen ihren Offenbarungen, Spekulation aus allen Fakultäten; Kritik der vorzüglichsten Erscheinungen in der Literatur; Correspondenz aus allen Ecken und Enden des Vaterlandes, wo etwas geschieht, das würdig ist gewußt, verstanden, belobt, widerrathen oder nachgeahmt zu werden. In jeder Woche ein Heft, jedes Heft von drei Bogen, wird die „Deutsche Revue“ den Charakter als Journal und Buch vereinigen und sowohl das Stockende der Monatsschriften wie das Verschlissene der Tagesblätter vermeiden. Im gehaltenen Strome ihres Erscheinens wird die zerstreute und eilende Zeit sich hier einigermaßen würdig gesammelt und abgespiegelt wiederfinden.“

Daß auf eine solche Ankündigung die Zusage von mehr als fünfzig 146 [Brodneid.] der damaligen ersten Autoritäten, August Boeckh an der Spitze („ich freue mich“, schrieb mir der würdige Alterthumsforscher, wenn schon mit ironischer Wendung, „daß Sie sich in Dingen auszeichnen, die Sie nicht von mir gelernt haben“) von Namen kam, die vom Verleger bei gelegentlichen Voranzeigen genannt zu werden anfingen, worüber die Leipziger Zeitschriften, vor allen auch die Cotta’schen, in Auf­regung geriethen, liegt auf der Hand. Fern sei es jedoch von mir zu behaupten, daß die J. G. Cotta’sche Verlagshandlung, obschon derselben der Rückgang des Morgenblattes schon damals empfindlich zu werden anfing, irgendwie an dem heftigen Angriff, den wir von dem nun pro domo kämpfenden Menzel erfuhren, betheiligt war. Stand ich doch zu ihr durch meine „Oeffentlichen Charaktere“, die in der Allgemeinen Zeitung die Theilnahme des Publikums und sogar Metternichs gefunden hatten, in gutem Einvernehmen. Der ehrliche ruhige Hermann Hauff, der Redakteur des Hauptblattes, war aus seinem gewohnten Gleichmuth nicht herauszubringen. Nein, nur die Gustav Schwab und Gustav Pfizer, sie, die ihre Weise, die Traditionen der Literatur fortzuführen, für die allein maßgebende hielten, im Bunde mit ihnen das „Literaturblatt“ Menzel’s, das sich schon durch die literarischen Bülletins der „Zeitung für die elegante Welt“ für gefährdet gehalten hatte, regten einen Sturm gegen das neue Unter­nehmen auf. Den neuen Verleger Liesching verdroß nicht minder die neue unternehmende Firma meines Freundes. Wie würde er sonst in Person die Feder ergriffen und eine Brochüre gegen die „junge Literatur“ geschleu­dert haben! Den entscheidenden Schlag führte Menzel durch eine Kritik meiner „Wally“, die inzwischen erschienen und ver­breitet war. Er forderte die Regierungen gradezu auf, hier ein Einsehen zu haben und mit Gewaltmaßregeln gegen die Neuerer einzuschreiten. Jener Roman, der sich der endlich errungenen Freiheit bedient hatte, daß Bücher über zwanzig Bogen der Verpflichtung, sich censiren zu lassen, überhoben waren, wurde in Mannheim, dem Orte, wo derselbe erschienen war, sofort mit Beschlag belegt und hierauf überall confiscirt. Da fingen denn die gewonnenen Mitarbeiter der „Deutschen Revue“ an, in der Allg. Zeitung mit Zurücknahme ihrer Beitrittserklärungen ein wahres sauve qui peut anzustellen.

Die Menzel’sche Kritik war ein Ausbruch jener Phantasie, die 147 [Vertheidigung.] noch kurz zuvor in dem Buche: „Geist der Geschichte“ von einem Weltbrand, einem Mord der Menschheit unter sich bis auf den letzten Mann geträumt hatte. Jene Parallelen, die den ehemaligen Gönner und Freund bestimmten, von harmlosen schwäbischen Advokaten zu sagen: In dem steckt Robespierre! In dem Danton! Der zimmert schon die Guillotine! überkamen ihn auch bei seiner gegenwärtigen Arbeit, die auf meine Vernichtung abgesehen war. Da waren durch mich wieder die Gräuel der Wiedertäufer von Münster im Anzuge; hatten ja auch dem Jan von Leyden excentrische Schriftsteller vorgearbeitet, dem Umsturz von Kaiser und Reich, der Gütervertheilung, der Ehe mit zwölf Frauen zu gleicher Zeit. Anacharsis Cloots in der französischen Revolution war ein ihm immer gegenwärtiger Schreckensname, Eulogius Schneider, St. Jüst nicht minder. Alle waren sie wiedererstanden. Die „Scham­losig­keit der Sitten“ hatte sich mit der „Schändung der Religion“, mit dem Umsturz der Throne, mit der Ausrottung des Adels verbunden. Eine allzusorglos empfundene und ausgeführte Scene in dem denunciirten Buche bot die Unterlage für die übertriebensten und unwahr­sten Ausdeutungen, um auf alle Fälle Abscheu und Ekel zu erregen.

Die erste Wallung des mit Füßen getretenen Ehrgefühls war die, es bei einer solchen Führung des Kampfes auf Tod und Leben ankommen zu lassen. Wienbarg stellte die Duellforderung, Eduard Beurmann brachte aus Sachsenhausen die Pistolen herüber, die der dort commandirende Oberst der Österreicher lieh, Freiherr von Cuddenhove; der Reisekoffer war gepackt. Heilbronn wurde von uns als Ort der Begegnung bezeichnet. Eine Uebung in der Schußwaffe fehlte mir. Gleichviel. Es schien mir, als sollte mir am Leben nichts mehr gelegen sein.

Als wir schon zur Post gehen wollten, kam ein stuttgarter Brief und die Erklärung des Geforderten: „Nicht hinter Hecken und Zäunen erwarte ich meinen Gegner, sondern auf dem offnen Felde der Literatur.“ Eine feige, elende Ausrede, wenn man die Kampfesweise schon über alles Maaß dessen, was im Literaturleben üblich und Sitte ist, hatte hinausgehen lassen. Die Vertheidigung mußte sich nun auf Brochüren beschränken. Leider machten diese das Uebel ärger. Da sie nichts zurücknehmen mochten, sondern dem so abscheulich 148 [Bedrängnisse.] klingenden Worte: „Emanzipation des Fleisches“ Trotz boten und in die Debatte über das, was damit gemeint sei, näher eintraten, so ver­schlimmerte der Angeklagte seine Lage. Manche meiner Widerlegungen des auf Vernichtung berechneten Urtheils konnten kaum abgelehnt werden. So hatte auch Menzel Schleiermachern, wie Goethe auf’s Korn genommen und nicht etwa seiner Halbheit wegen, wie später Strauß und ich schon in einem Nachruf in der Allgemeinen Zeitung unmittelbar nach seinem Tode, sondern im Sinne von Tholuck und Hengstenberg. „Eine Religion für Gebildete!“ rief Menzel aus und schilderte nach Schleiermacher’s bekannten Reden die Dogmatik des berühmten Theologen wie etwa ein Seitenstück der ihm so verhaßten „Stunden der Andacht“. Meine Entgegnung brachte die Stelle: „Schleiermacher hat niemals von einer Religion für Gebildete gesprochen, sondern er hat Reden herausgegeben an ‚die Gebildeten unter ihren Verächtern‘. Es ist wahrlich ein großer Unterschied zwischen einer Religion, welche sich nur für die privilegirten Stände eignen soll, und zwischen religiösen Erweckungen für diejenigen unter den Indifferentisten, welche noch für etwas Höheres sich den Sinn erhalten haben.“ Charakteristisch dürfte für die jetzt ganz offen gestellte Frage: Haben wir noch Religion nöthig? die Stelle meiner Vertheidigung sein: „Ich habe nichts im Sinne als eine Verbesserung des misverstandenen Christenthums. Eine jede Verbesserung ist in ihrer ersten Instanz kritischer Art. Alle meine Einwürfe gegen das Christenthum sind kritisch. Sie gehen auf den Ursprung des Christenthums zurück, dessen erste historische Erscheinung, die mir mehr der Welt- als der Religionsgeschichte anzugehören scheint. Wenn man mir den Vorwurf macht, daß diese Prüfungen alle schon einmal da gewesen sind, so antworte ich, daß sie unterbrochen wurden und deßhalb neu aufgenommen werden müssen.“ An einer andern Stelle: „Ich glaube an Gott, aber ich soll gesagt haben, es wäre gut wenn es Niemand thäte. Das habe ich nirgends gesagt. Nur Eines wagte ich, mir einen Augenblick die Möglichkeit zu denken, ob die Welt auch ohne Religion hätte existiren können. Glücklicher würde sie sein, sagte ich, wenn sie von Gott nie gewußt hätte; glücklicher, wenn keine Betrüger aufgestanden wären und die Völker an den Aber­glauben geschmiedet hätten; glücklicher, wenn der Fanatismus keine 149 [Die Anklage.] Scheiterhaufen hätte anzünden können; glücklicher, wenn niemals blutige Religionskriege wären geführt worden. Aber die Menschheit sollte dies friedliche Glück ent­behren.“

Schon mit Ankündigung der „Deutschen Revue“ war ich vom Phönix zurückgetreten. Jetzt war nun auch die „Revue“ zerstört. Der Vater des Verlegers verweigerte die Mittel. Ohne ein Organ mochte ich nicht sein. So forderte ich den Besitzer zweier Buch­handlungen, der Varrentrapp’schen und der Andreä’schen, Krebs hieß er, auf, ein kleineres Blatt, „Deutsche Blätter“, das ich allein schreiben wollte, zu verlegen. Man war sofort bereit dazu. Schnell wurde die erste Nummer gedruckt und versandt. Da kam plötzlich ein unbedingtes Non possumus. Von Oben her, aus der Region des Bundestages, wurden die Verleger bedeutet, nicht nur, daß eine Gesammtmaßregel gegen diese neuern Schriftsteller bevorstände, sondern auch daß ihnen persönlich eine Vergünstigung würde entzogen werden, die sie bisher genossen hatten, der Druck der Protokolle des Bundes­tags, wenn sie den Verlag übernähmen. Da waren denn die „Deutschen Blätter“ eine glühende Kohle, die nicht schnell genug aus der Hand geworfen werden konnte.

Die Verdüsterung des Horizontes mehrte sich durch eine Maxime meiner Lebensphilosophie, die ich nicht Jedem anempfehle. Sie verband Leichtsinn mit Gewissenhaftigkeit. „Wie“, sagte ich oft im Uebermuth der Jugend zu mir, „was thut es? Du wirfst deinen Ball in die Höhe, gleichviel wohin er fällt. Nur darauf mußt du sehen und nicht eher als braver Mann ruhen, bis du ihn wiedergefunden hast!“ Diese letztere Vorschrift war Pedanterie, Gewissenhaftigkeit, Pflichtgefühl, wer weiß es – jedenfalls Nazarenerthum bis zur Selbstqual. Jenes in die Höhe Werfen des Balls, die Versuchung des Zufalls hätte mir alle Vortheile des Weltkindes gesichert, wäre nicht immer das Prinzip des Corrigirens und Rectificirens hintennach gekommen. Auch die Sehnsucht nach dem eignen Heerde verband sich mit dieser Maxime von dem in die Luft geworfenen Balle und der dann oft schmerzlich genug angestellten Wanderung auf – Such! Such! Ver­loren! Alle vernünftigen Erwägungen hätten mir anrathen sollen, noch lange nicht an die Ehe zu denken. Aber der Ball wurde geworfen. Der edle Glaube und das Vertrauen eines jungen weiblichen Her-150[Mannheimer Gefängniß.]zens, das ich in meine gefahrvollen Lebenswirbel und -Strudel mit­hinein­zog, erleichterte mir die schwere Aufgabe – ihn wiederzufinden.

Die fortgesetzte Unterdrückung eines Buches war nach badischem Gesetz nicht möglich ohne richterliches Erkenntniß. Es mußte also zum Prozesse kommen. Die Vorladung nach Mannheim traf ein. Hundert Stimmen, hörbare und innere, sagten: „Fliehe über den Rhein! Entziehe dich den Demüthigungen, die deiner harren! Die Fremde ist dir lehrreicher und geistig fördernder als die dumpfe Luft, in der man sich in Deutschland bewegen muß!“ Aber – es galt jetzt, den Ball wiederzusuchen. Ich war verlobt. Diese Scheidewege wiederholen sich im Menschenleben. Der Gewissensmensch ist ein ewiger Märtyrer. Selbst ein Stelldichein vermag er nicht zu versäumen, ob er es auch in einem leichtsinnigen Augenblick versprochen hatte und in einem Augenblick, den er längst bereute, längst in sich überwunden hat! Du hast der Harrenden dein Wort gegeben! So schleppt sich der Gewissensmensch manchmal wider Willen – auf die Schlachtbank der Verurtheilung! Voraussetzungen zu täuschen, wozu man Berechtigung gegeben hat, in meinem Falle verlobt zu sein und Deutschland auf Jahre zu verlassen, das hätte auch hier nur Einer von den immer klugen und weisen Menschen vollbracht, denen immerdar gegenwärtig ist, was dem Gedeihen ihres eignen Ich besser bekommt oder nicht.

Mückenseigerische Pflichterfüllung, das kategorische Gesetz einer angebornen Pedanterie des Herzens mag es nicht ganz gewesen sein, daß ich dann auch, als der Goliath des Philisterthums die Drommete erschallen ließ und rief: „Gebt mir Einen und laßt uns mit einander streiten!“ dann wirklich in die Arena hinunter stieg und es auf einen Gang gegen das gezückte Messer ankommen ließ. In zwei Flugschriften hatte ich die Sache, die verdammt werden sollte, im Grunde nur ärger gemacht. Den gerichtlichen Gang nahm ich aus Kampfeslust, ja mit Siegesvorstellungen auf. Wie mich der Minister Badens, „Vater Winter“, als ich ihn in Carlsruhe besuchte, aufnahm, wie derselbe die Beschlagnahme aus­drücklich als eine nothwendige Folge der Menzel’schen Kritik bezeich­nete und ein mildes Verfahren in sichre Aussicht stellte, während ich doch gleich bei erster Begrüßung der berühmten Stadt der Quadrate arretirt wurde, steht in des Verfassers „Lebensbildern“, Bd. II. 151 [Chronik des­selben.] S. 134 ausführlich zu lesen. Auch die überraschende Genossenschaft, die mir in den Räumen des Gefängnisses durch den miteingesperrten Schauspieler Theodor Döring zu Theil wurde, steht in meinem Buche: „Die schöneren Stunden“, S. 291 nach dem Eindruck wiedergegeben, den eine so nahe Berührung mit dem später berühmt­gewordenen Charakteristiker hervorrufen mußte. Die mir von ihm vorgegaukelten Spiele der Bühne milderten etwas den Schmerz des Erwachens von einem fortwährenden Wie-Träumen.

Das sogenannte „Kaufhaus“ in Mannheim ist ein Bau, wie man ihn seiner Arkaden wegen jeder Stadt wünschen möchte. Diese erlauben bei Sommerhitze und bei Sturm und Regen gleich be­haglich spazieren zu gehen. Ein einheitliches, wenigstens gleich­förmiges Dach bedeckte das weitläufige Gebäude, aber im Innern unterbrechen den unmittelbaren Zusammenhang aller vier Flanken mehre Höfe, die theils Privaten, theils der Stadt angehören. Einer dieser Höfe gehört mit seinen zunächst liegenden Gebäulichkeiten der Polizei. Aus den Gefängnissen kann man hinunterblicken in diesen Hof, der durch einen Waaren­schober vom Nachbarhofe ge­trennt ist. Damals war ein ziemlicher Theil der politischen Auf­regung der Zeit durch eben diese Lokalität hindurchgegangen. Die Frau Beschließerin wußte in drastischen Zügen die Geschichte Badens seit den letzten fünf Jahren vom Standpunkte ihres Amtes zu erzählen. Sie wußte, daß der Herausgeber des „Wächter am Rhein“, Strohmeyer, in einem Hause entdeckt worden war, wo Kinder mit Schießpulverkörnern gespielt hatten. Da hatte die Polizei seltsamerweise gleich die Lunte mitentdeckt, die den Brennstoff Deutschlands entzünden sollte. Der Zufall führte auf den steckbrieflich Verfolgten, der – mit jenen Pulverkörnern nicht in der geringsten Verbindung gestanden hatte! „Das heißt Pech haben!“ sagte die Frau, dem Strohmeyer nachsprechend. Denn eben hier hatte Strohmeyer gesessen. Auch mein spätrer Freund Jacob Venedey. Dieser, lebhaften rheinischen Naturells und etwas vorwitzig, wünschte sich über seine Umgebung zu orientiren. In dem über ihm gelegenen Stockwerke hatte er Schritte auf und ab gehen hören. Wer mag über mir ein­gesteckt sein? sagte seine Wißbegierde. Vielleicht läßt sich ein Bund zum Entweichen schließen! Die Eisenstäbe des Fensters verhinderten 152 [Der Maler aus Genf.] die Orientirung, bis ein Stück zerbrochnen Spiegels, das sich von einem defekten Versuch zur Verschönerung des wenig einladenden Raumes ablösen ließ, zum Fenster hinausgehalten, den Bewohner des zweiten Stocks, dessen Fenster nicht vergittert waren, veranlaßten, telegraphische Zeichen in den Spiegel fallen zu lassen. Der Leidens­gefährte war Studiosus Köhler aus Holstein. Als dieser die Correspondenz, die durch den Spiegel versucht wurde, nicht länger fortsetzen konnte, da man ihn an einen andern Ort brachte, suchte Venedey, der nie Talent zum einsamen Resigniren hatte, die Flucht zu ergreifen und schlug Abends dem Wärter, der ihm seinen Nachtschoppen brachte, das Licht aus der Hand, benutzte die Dunkelheit zu einem raschen Sprunge, riegelte den verdutzten Wärter ein und rannte die Stiege hinunter. Aber nun war das Hausthor verschlossen. Der Wächter rief aus Leibeskräften aus dem Fenster. Noch versuchte Venedey, im Hof einen Ausgang zu finden. Er er­kletterte einen Brunnen, wollte auf das Dach des Waarenschuppens, aber am Rebenspalier brach eine Latte. Da fiel der Flüchtling in die schon ausgestreckten Arme der inzwischen herbeigekommenen Helfers­helfer der Justiz zurück.

Noch ereignißreicher war der Bericht der guten Beschließerin über einen jungen Franzosen, der festgesetzt worden war, weil er im hartnäckigen Schweigen über seine Herkunft verharrte und in einer Zeit, wo fast für jede Spazierfahrt ein Paß genommen werden mußte, ohne Legitimation nach Mannheim zu kommen gewagt hatte. Die Zelle, die ich bewohnte, hatte früher noch ein Nebengemach mit einem Kamin. Jetzt war die Verbindungsthür geschlossen. Der Franzose schien Maler und bis zum Tiefsinn verliebt. Aus seinem Koffer suchte er sich ein Gemälde, rollte dasselbe auf und war stundenlang in den Anblick eines weiblichen Wesens von ausnehmender Schön­heit verloren, wobei er andeutete, daß er selbst der Schöpfer dieses Portraits gewesen. Plötzlich stellte sich der junge Maler krank und verweigerte dem Wärter, sich sein Bett machen zu lassen. Er wollte Tag und Nacht in derselben Lage bleiben und nur sein Gemälde betrachten. Da das Bett für ihn selbst gemiethet war und nicht zum Inventar des Hauses gehörte, so ließ sich kein Einspruch thun. Am vierten Tage war der Franzose verschwunden. Im Kamin 153 [Mutterseelenallein.] nebenan lagen mit Ruß bedeckte Kleider, die Ueberzüge waren in Fetzen geschnitten und theilweise mitgenommen. Der Flüchtling mußte mit seinen zusammengebundenen Bettzeugstreifen den engen Kamin hinaufgerutscht sein bis zur Oeffnung des Schornsteins. Dort mußte er die rußig gewordenen Oberkleider ausgezogen und sie in den Kamin geworfen haben. Jetzt hatte er sich ohne Zweifel im Dunkel der Nacht über die Dächer, die ihn umgaben, zu orientiren gesucht, bis er ein Dachfenster entdeckte, auf das er zukroch, die Scheiben eindrückte und in ein Haus einstieg, wo ihn der beginnende Morgen in’s Freie entkommen ließ. Sein Gemälde hatte der räthselhafte Fremde mitgenommen.

Die Beschließerin hatte noch einen Schluß für ihre Erzählung. Nach einiger Zeit erschien ein ältlicher Herr in Mannheim und er­kundigte sich in allen Gasthäusern nach einem jungen Manne, dessen Beschreibung auf den Flüchtling paßte. Wieder war es ein Franzose und der Vater des Entflohenen. Er kam nicht, um seinen Sohn wiederzufinden. Diesen hatte er schon durch den Tod verloren. Er wollte nur noch die letzten Fußtapfen des Unglücklichen verfolgen, der sich im Genfer See ertränkt hatte. Eine wahnsinnige Liebe hatte den jungen Maler für die Dame ergriffen, die ihm zu jenem Bilde gesessen. Die Dame war verheirathet und es schien fast, als sei sie in ihrer ehelichen Treue eine Zeit lang schwankend gewesen. Darüber hatte der Maler eine größere Ermuthigung gefaßt, die jedoch dem Gatten auffallend wurde, worüber Scenen entstanden, die ein Duell veranlaßten. Der junge Maler hatte das Unglück, seinen Gegner zu erschießen. Die Genfer Gesetze sind in der Bestrafung des Duells streng; die Gerichte können einen Schuldigen auch bis an die Grenze der Schweiz verfolgen. Der Sohn des alten Herrn war nach Deutschland entflohen. Zurückgekehrt auf den Schauplatz seines Vergehens, wagte er es, sich der noch trauernden Wittwe zu nähern. Da ihn diese voll Abscheu zurückwies und es damit ernst meinte, so gab sich der Verzweifelnde den Tod.

Der neue Bewohner dieser verhängnißvollen Räume war das absolute Gegentheil eines Floß-Schiffers, den man noch am Tage zuvor in diese von Mäusen heimgesuchte, mit dem dürftigsten Hausrath versehene Klause eingesperrt hatte. Im Hafen 154 [Erhebung durch Arbeit.] am Rhein hatte der gute Schwabe den Beamten nicht Ordre pariren wollen. Anfangs verhielt er sich im Gefängniß ruhig, plötzlich aber steigerte sich seine Verzweiflung in solchem Grade, daß er sich auf dem Boden wälzte, unablässig tobte und schrie und durch nichts zu beruhigen war. Man fragte ihn, ob er Sorge um sein Floß hätte? Nein! das war geborgen. Ob er etwas auf seiner Fahrt versäumte? Nein, auch das nicht! Nun, hieß es, dann müßte er sich gedulden, drei Tage seien ihm unerlaßbar! Da müsse er Gesellschaft haben! schrie er. Er könne nicht mit sich allein sein. Gesellschaft war nicht vorhanden und so fuhr er fort, auf dem Fußboden um sich zu schlagen, zu lärmen, zu toben. Sein „auf sich selbst bezogenes abstractes Ich“, wie Hegel gesagt haben würde, war ihm ein wüstes Chaos, das ihm Schrecken verursachte.

Ueber mich dagegen kam die Einsamkeit wie ein kühlender Balsam auf Wunden. Wie fühlte ich mich glücklich, der Welt entrückt zu sein! So hätte Luthern auf der Wartburg und später in Coburg zu Muthe gewesen sein können, wenn dieser von seinem hitzigen Blute und dem merseburger Bier gefolterte Mann nicht den Teufelsglauben gehabt hätte, der ihm selbst das Heulen des Windes im Schornstein als Aeußerungen des zähnefletschenden Ungethüms erscheinen ließ! Meine Teufelsoffenbarungen waren nur die Mäuse, die paarweise über mein Bett liefen. Ich hätte wetten mögen, daß es wahr ist, wenn man versichert, die Mäuse sängen. Wunderbare Melodieen sangen sie mir des Nachts. Es war das zarteste Flageolet, worin sich ihr geisterhaftes Pfeifen erhielt. Eine gebundene selige Welt schien sich zu offenbaren – oder war es das Singen im eignen Ohr? Was ließ sich nicht alles überdenken in diesen Nächten! Zum erstenmale seit fünf Jahren hatte ich die Wirkung des geschriebenen und gedruckten Wortes erprobt. Nun war „Erfolg“ da! Schade, daß der angeschuldigte Roman nur in einer Auflage – von 800 Exemplaren gedruckt worden war! Das Doppelte, ja Dreifache des Preises bot man, um ein Exemplar zu bekommen. Einen Neudruck heimlich zu veranstalten, wagte der gleichfalls vor Gericht gestellte Ver­leger nicht. Die anfängliche Grobheit des Inquirenten milderte sich allmälig zu höflicherem Tone. Ich tobte nicht und arbeitete nicht an Fluchtversuchen, sondern schrieb meine „Seraphine“ zu Ende und 155 [Die Freunde.] begann einen Versuch, die construktive Geschichtsphilosophie Hegel’s zu bekämpfen, eine Arbeit, der ich anfangs den Titel: „Zur Philosophie der Geschichte“, später den andern: „Philosophie der That und des Ereignisses“ gegeben habe. Leider fehlten mir zu letzt­rem Unternehmen die hinreichenden literarischen Hilfsmittel. Eine Kiste mit Büchern, die mir am Ende meiner Haft zukam, enthielt nur solche, die ich mir, größtentheils zu andern literarischen Zwecken verwend­bar, aus einem mir zufällig eingesandten antiquarischen Katalog gewählt hatte. Ich erwähne diesen geringfügigen Umstand, weil mich ein Buchhändler, Heinrich Hoff, später hat beschuldigen wollen, daß meine Klage, die ich in der Vorrede des letztgenannten Buches über meinen Mangel an literarischen Hilfsmitteln ausgesprochen hatte, eine Unwahrheit gewesen sei, da ja er mir selbst eine Kiste mit Büchern (von einem Heidelberger Antiquar) hätte besorgen müssen. Es sollte die Rache für eine Rüge sein, die ich nicht hatte zurückhalten können über eine von ihm gegen den am mannheimer Theater wirkenden Oberregisseur Jerrmann ausgeübten Bosheit. Er hatte eine bei ihm erschienene umfangreiche Schrift desselben auf sechs Kreuzer für ein Exemplar herabgesetzt.

Wollte man das Leben, wie es ist, in Maskengestalt darstellen, so müßte diese einer jener grotesken und keinesweges gutmüthigen Hanswurste sein, die uns im Fieber umtanzen, oder die uns, wenn wir Morphium haben nehmen müssen, statt Schlaf zu geben, das Gehirn verwirren. In die grellsten Farben gekleidet, stellen sich diese boshaften Bilder bald auf den Kopf, bald wieder auf die Beine, lachen uns vertraulichst an und wechseln ihre Stellungen, wie nur eben die Blutkügelchen zum Hirne drängen. Es war, als ich endlich frei geworden, tiefe Nacht um mich her. Der endlich Befreite hoffte aufathmen zu können. Aber die Welt – wie sah sie so trübe aus! Dumpfer Nebel lag auf den Gemüthern. Herbe und schroff gegen mich war Niemand. Aber die Vermittlung hielt schwer. Sogar die „Freunde“ hätten Stoff geben können, manchmal mit Bitter­keit aufzulachen. So war gleich eine Scene am ersten Abend der wiedergewonnenen Freiheit eine Harlekinfrazze obenbeschriebener Art. Der Arzt hatte mir zur Stärkung meiner Gesundheit Burgunder verordnet. Vom köstlichsten Eremitage hatte ich nur ein halbes Glas 156 [Die Parasiten.] getrunken. Einer der Freunde, den ich schon öfters nannte, war seit einiger Zeit durch mich in Mannheim zur Verwendung für literarische Arbeiten gekommen, die zufällig aufhörten. Er war mein Gast und hätte alle Ursache haben können, mich aufzurichten, meine Rückkehr in’s Leben zum Anlaß wohlthuender Unterhaltung zu machen, über­haupt nicht von sich allein zu sprechen. Statt dessen begann der wunder­liche Kauz, der fast wie Schopenhauer’s Aeußere nur an englische Haltung erinnerte, lediglich von sich. Jener Buchhändler, dem ich ihn empfohlen hatte, wollte eine Unternehmung nicht fortsetzen. Nun war eine momentane Verlegenheit vorhanden und ich bekam in nächt­licher Stille, glücklicherweise in dem winterlich einsamen Hôtel ohne Nachbarn, einen Erguß der kränkendsten und aufregendsten Art. Ich hätte ihn, so hieß es, von seinem stillen Wirken in Berlin erst nach Frankfurt, dann nach Mannheim gerufen und sei nun verpflichtet, ferner für ihn zu sorgen. Das Beefsteak, das ich ihm hatte geben lassen, war verzehrt. Nach jeder Pause, die der im Zimmer Auf- und Abrennende sich gestattete, füllte ich ihm in aller Ruhe sein Glas mit dem köstlichen Burgunder. Nach jeder Strophe seiner Litaneien, die regelmäßig mit dem Refrain schloß: „Was bleibt mir andres übrig als Prussian acid (Blausäure)!“, stürzte er sein Glas hinunter, worauf ich ruhig, während er, wie ganz beiläufig, sagte: „Ein ganz guter Wein!“ wieder einschenkte. Als das Glas wieder ge­füllt war, begannen auf’s Neue die Vorwürfe, daß ich ihn an den Rand des Abgrundes gebracht hätte, daß er Gift nehmen müßte. Hierauf wieder das Glas geleert, wieder mit sanfter naiver und aufrichtiger Stimme: „Vortrefflicher Wein!“ Wieder eingeschenkt und ein neues Peletonfeuer auf meine Person, bis die Flasche von ihm ganz allein geleert war und der vertrocknete Egoist, die Wirkung des starken Inhalts verspürend, kleinlaut sagte: „Du wirst mir doch nichts übel genommen haben und mir noch die Treppe hinunter leuchten?“

Die Undankbarkeit, die ich in meinem Leben systematisch erprobt habe, glaubt sich überall entschuldigt, wo sie an Jemand ausgeübt wird, der im Unglück ist. Sowie der Parasit merkt, daß die Bundesgenossenschaft unfruchtbar geworden, bricht er ab und oft in den brüskesten Formen. Mein Leben bietet eine Cabinetssammlung von unglaublichen Vorkommnissen dieser Art. Die Gedächtniß-157[Schwere Zeiten.]schwäche in diesem Punk­te, die man bei den Menschen antrifft, steigert sich, wenn der, der dem Andern Wohlthaten erwies, zu ringen, zu kämpfen hat. Zu jener Undankbarkeit gehört auch literarisch die Loslösung von dem Stamm, um den man sich nicht nur äußerlich früher rankte, sondern von dem man ein organischer Zweig war. Das Trennende war keine gesteigerte bessere Erkenntniß, wie wol vorgeschützt wird, sondern lediglich die Abnahme an Gewinn, Gewinn im Renommée, in der literarischen Parteistellung.

Bald nach der Rückkehr in den Frankfurter Kreis, der sich durch den geschlossenen Ehebund in wohlthuender Weise verengte, ohne darum an anregenden Elementen zu verlieren, erhielt ich ein Manuscript aus dem fernen Königsberg, „Briefe über die deutsche Literatur“ von Alexander Jung. Ich sollte dafür einen Ver­leger suchen. Dieser wurde auch später in Julius Campe gefunden. Ein sinniges, vielseitig gebildetes Gemüth hatte sich hier in meine Autorschaft vertieft und die Pulsschläge des Herzens, die oft noch verworrenen Gedankenfäden in meinen Schriften so aufmerksam verfolgt, daß mich ein so gemüthvolles Verständniß wahrhaft be­glücken mußte. Nur mischte sich in den Labewein der bittre Tropfen, daß mich der neue Freund vom baltischen Meere nie zu nennen wagte! Durchweg hieß ich in dem Büchlein der „Ungenannte“, woraus ich recht die Schwierigkeit meiner Stellung erkennen konnte. Man fürchtete sich, sich mit meiner literarischen Existenz in offenes Ein­vernehmen zu versetzen. Schule, Kirche, Staat, Gesellschaft, alles hatte gegen mich protestirt. Es wurden nicht nur meine früheren, auch die zukünftigen Schriften vom „Ministerium des Innern und der Polizei“, wie diese Behörde damals genannt wurde, in Berlin verboten. Die oben erwähnte Börsenzeitung, ein Versuch, der sich nur kurze Zeit halten konnte, erschien unter Verantwortlichkeit von Eduard Beurmann.

Damals hatte es die Lesewelt mit Eduard Lytton Bulwer. Seine Weise war mir nicht sympathisch. Aber die genrebildliche Zeichnung, der Versuch, moderne La Bruyère’sche Charaktere zu zeichnen, gehörte damals beiden Literaturen, der englischen und französischen an. Auch in der deutschen versuchte sich manche Feder mit Artikeln im Charakter der Beiträge zum Livre des Cent et un, kurzen abgerissenen Skizzen über Dinge und Personen, Berufs-158[Das Denkmalfieber.]stände, Sitten und Gebräuche. Eine Verbindung solcher Charakter­typen mit dem Vorsatz, die Eigenthümlichkeiten und Richtungen des Jahrhunderts in bestimmte Gruppen zu bringen, brachten die von mir unter Bulwers Namen (Stuttgart, Verlag der Classiker) heraus­gegebenen „Zeitgenossen“ (jetzt „Säkularbilder“ genannt). Die Täuschung war eine unschuldige, da sie sogleich erkannt und ohne Schwindel durchgeführt wurde. Es war dieselbe Arbeit, zu welcher mich schon Liesching, als ich nur 23 Jahre zählte, aufgefordert hatte. Sie bildet jetzt den achten Band meiner gesammelten Werke (Jena, Costenoble). Ich habe dort in der Vorrede offen gestanden, daß ich von diesem Buche nicht gering denke.

Gewiß that der junge Ehemann das Mögliche, um sich seinen in die Büsche geworfenen Ball wiederzuholen. Die häusliche Einrichtung bot bescheidenen Hausrath. Als Heinrich Laube, endlich aus Muskau’s Bann (leider nicht aus dem geistigen) entlassen, mit seiner eben erheiratheten Gattin unsern ersten Versuch, einen Gast zu empfangen, veranlaßte, brach Gabriel Riesser, der ebenfalls anwesend war, mit einem der zierlichen neuen Stühle, dem er bei Tisch die Probe des Schaukelns zumuthete, beinahe zusammen wie Eli, der Hohepriester, unter dem Thore von Silo, von welchem auch die Schrift sagt (l. Samuelis), „denn es war ein centnerschwerer Mann“. Die Nähe herrlicher Gegenden, das waldreiche Taunusgebirge boten Anlaß zu Auffrischungen der Stimmung. Einen der münchner Freunde, Karl Riefstahl, hatte ich dem Theater als Concertmeister empfohlen. Dieser brachte vom leipziger Conservatorium den Geist seines Freundes Schumann, verwandte Richtung, gleiches, scharfes, exclusives Urtheil mit. Seine meisterhaft behandelte Geige verband sich dem Piano des Hauses zu abend­lichen Genüssen, die von den Freunden getheilt wurden. Ein ausgesprochener Lyriker, Ludwig Wihl, konnte bezeugen, daß wir, wenn auch keine Freunde der reflectirenden Muse Gustav Pfizer’s, mit welchem ich in Händel verstrickt war, doch dem reinen sangbaren Liede mit Ohr und Herzen zugethan blieben. Ja, die lyrische Stimmung überkam den Erzähler bisweilen selbst. Ritzte sich doch beim Wiedersuchen meines Balles die Hand vielfach an Dornen. Abendstunden der Trauer und Erinnerung gab es genug.

159 [Gutenbergsfest.] Deutschland schmachtete nach politischer Freiheit. Wie diese aufzufassen war, wie zu gestalten, wie sich die nationale Einheit mit dem Erscheinen der Himmels­tochter auf Germania’s Fluren verbinden ließ, darüber gingen die Wünsche und Träume auseinander. Aber wie mächtig der Drang war, sich aus sich selbst heraus, nicht auf Commando seiner Fürsten, im Bewußtsein nationaler Kraft und Einigung zu begegnen, das bewiesen immer mehr die an die Tagesordnung kommenden Anträge, den Genien des Geistes Denk­mäler zu setzen, Schiller, Goethe, Herder, Wieland, Jean Paul, Lessing. Da boten denn die Enthüllungsfeierlichkeiten Anlaß zu Volksfesten, wie schon der Musikcultus angefangen hatte, am Rhein, Main, an der Elbe, am Neckar Versammlungen zu veranlassen, die wenigstens dort, wo der Männergesang allein in den Vordergrund trat, nicht ohne ein Anklingen an die versagten Wünsche der Nation stattfinden konnten. Das Turnen kam fast erst über Schweden als Heilgymnastik oder als unerläßliche Dressur für die militärische Beweglichkeit an unser Deutschland wieder zurück. Dem Könige Friedrich Wilhelm III. durfte Jahn’s Name nicht genannt werden. Aber siehe da! Im Jahre 1837 erhob ein Beamter, ein schlesischer Medizinalrath, Lorinser, seine muthige Stimme und zeigte auf die Verkümmerung der Generation als einen Hannibal ante portas. Gerade für Schlesien, das mit dem Hungertyphus zu kämpfen gehabt, dessen Gewerbfleiß Tausende von Kindern an die Fabriken, an die Bergwerke abliefern mußte, ließ sich das Schreckbild einer schon durch die Schule herbeigeführten Schwächung der Körperkraft im erschütternden Bilde aufstellen. So rafften sich denn wohl die Minister der Wilhelmstraße auf und machten der „Turnsperre“, die zwanzig Jahre gedauert hatte, ein Ende. Mit den Eichenlaubkränzen der Turnfeste, wenn auch noch innerhalb enger Grenzen, kamen die Ideen zurück, die ehedem die deutsche Burschenschaft in Verbindung mit dem Turnziel fast zur souveränen Macht über Deutschlands Geschicke erhoben hatte.

Auch Gutenberg, der Erfinder der Buchdruckerkunst, bekam endlich in Mainz sein langeerwartetes Denkmal. Thorwaldsen hatte da einen einfachen Mann des Mittelalters hingestellt, keinen Grübler, sondern an dem ansetzenden Fuße erkennbar einen Mann der 160 [Rheinlandswonne.] That, einen Helden der Betriebsamkeit. Die Mainzer verstehen es, Feste anzuordnen. Ihr lebensfrischer Sinn hatte noch nicht die Spaltung in Schwarze und Rothe aufkommen lassen. Der ultra­montane Neukatholizismus lag noch im Ei, in den Werkstätten einiger frommen oder frömmelnden Maler, in den Conventikeln einiger mystischen Gelehrten, im deutschen Collegium zu Rom. Oesterreich und seine besoldeten Convertiten gaben die Brutwärme, daß das Unthier allmälig das Ei durchbrach. Und gewiß, es geschah genug, um auch dies schöne Fest vom August 1837 vor dem Scheine, es könnte möglicherweise über die gezogenen Schranken der Bundes­tagsprotokolle ausbrechen, im Keime zu bewahren. Heinrich König von Hanau wurde mitten in seiner Tischrede vom Präsidenten und der loyalen Majorität der Festgenossen unterbrochen.

Nicht aber mit König, sondern mit Gabriel Riesser bin ich von Frankfurt zu dem für drei Tage angesetzten Feste gepilgert. Ein mit Fahnen und Blumen geschmücktes Schiff glitt den Main hinunter und brachte die Jünger der schwarzen Kunst, Freunde der Literatur, Buchhändler, vor allen eine Klasse von glücklichen Bummlern, die man in Frankfurt am Main die „Gourmands“ zu nennen pflegt und ehedem jeden winterlichen Donnerstag, wo es „Solperfleisch“ und Sauerkraut gab, an der Wirthstafel des Weißen Schwanen antreffen konnte. Aber es fehlten auch jene unheimlichen Gestalten nicht, die in Frankfurt allbekannt herumwandelten, Zuträger von Neuigkeiten bei den Gesandten, pensionirte Beamte kleiner Staaten, betriebsame alte, weißhaarige Gesandtschaftssecretäre, auch Thurn und Taxis’sche Beamte, besonders solche, die im Ruf der Brieferbrechungskunst standen, kurz eine Art von privilegirter Lohn­dienerschaft, die sich um den Bundestag herumbewegte. Möglich, daß diese Zunft, wenn auch mit andern Aufgaben, noch jetzt besteht.

Ein Unwetter war den schönsten Tagen vorausgegangen. Ueber dem Taunus hatten sich die Gewitter wie ein einziges Feuer­meer gelagert. Von allen Seiten kamen Berichte über entwurzelte Bäume, Blitze, die gezündet hatten, Häuser, die eingestürzt waren. Aber nun war es um so sonnenheller, himmelblauer geworden und bei der Ankunft in Castell, beim Rundblick über ein unvergleichliches Panorama, dessen Wiedersehen später die Seele noch oft von Kümmer-161[Preßfreiheit.]nissen befreite, mußte sich Jeder, der sich als Festtheilnehmer bekannte, ebenfalls in die Farben des Himmels kleiden, wenigstens eine Schleife anheften und somit eine Verbrüderung mit den vielen unbe­kannten Männern herstellen helfen, die nun durch ein vertrautes Anlächeln, ein stummes Begrüßen wie durch eine Art Magie verbunden waren. Heute, morgen und noch den dritten Tag gehörte die Welt dem über­wundenen Mönchthum, dem Anbruch der neuen Zeit, dem Sieges­gefühl der Presse. Selbst Censoren waren erschienen und suchten sich in den Bund der Glücklichen zu stehlen. Ach, die Nasen zu verbergen, die sie schon alle von ihren Vorgesetzten bekommen hatten, machte sie ja mehr zu Gegenständen des Mitleids als der Ver­achtung! Die Nase eines frankfurter Censors, der vor dem Schöffen und Bürgermeister Thomas zitterte, konnte Einem wie ein Cactusstamm vorkommen, ein dorniges Blatt wächst da aus dem andern! Der Gedanke an schrankenlose Preßfreiheit war mir persönlich noch ein erwägenswerther, seitdem ich erlebte, daß sich die jungen Autoren, die sich um Theodor Mundt schaarten, und Andere abmühten, die gemeinsten cynischen Witze gegen mich auszuspielen. Ich sagte mir, daß Preßfreiheit allein, ohne ein großes, freies, staatliches Leben ein Messer sei, bei dessen Gebrauch sich der Eigner nur selbst verwunden würde. Schwimmen sollte man dürfen und versperrt dazu das offene Wasser? Welchen Gebrauch würde man denn in Preußen, ohne eine Constitution, ohne Stände, ohne Discussion über die Verwaltung, von Preßfreiheit gemacht haben? Nur den, daß sich die immer vogelfreien Personen, die Künstler und Schriftsteller, wie die Gladiatoren im alten Rom zum Vergnügen der zuschauenden Menge niedergemetzelt hätten. Nur um große Gegen­stände ist der Gebrauch der freien Sprache da. In kleinen persönlichen Dingen legt sich der Mann von Bildung Fesseln an. Die Hetzer, die hinter allem Halloh! schrieen, das von mir ausging (weil ich die Werke ihrer Führer mit unbefangenem Sinn beurtheilte), machten mir eine Zeit lang den Ruf, ich sei ein Feind der Preß­freiheit. Noch lange ließ ich mich in meiner Ueberzeugung, daß es in Preußen erst auf Verfassung und Stände und dann erst auf – „Karikaturenfreiheit“ ankäme, nicht irre machen. Hatte man doch in Berlin die tolle Idee, von König Friedrich Wilhelm IV. nicht die 162 [Deutsche Französelei.] Preß-, sondern die „Karikaturenfreiheit“ einzufordern. Und er gab auch die Freiheit der Frazze, nahm sie aber als einen Nonsens innerhalb eines absolutistischen Staates wieder zurück.

An jenem schönen Augusttage war es ein erhabener Moment, als im Angesicht des ehrwürdigen Doms, vor mehr als dreißigtausend Menschen, unter ringsum wehenden Fahnen, sich schau­kelnden Blumengewinden endlich die Hülle von dem Denkmal fiel und es nun Mainz war, nicht Straßburg, nicht Harlem, wo Jemand zu­erst die Idee, die alten Tafeln, womit man schon lange druckte, zu zerschneiden, in Ausführung brachte. Wie das geschichtlich so recht der Reihe nach gekommen, hatte mir drei Jahre zuvor Charlotte Birch-Pfeiffer in Schwalbach vorgelesen und da stand’s nun auch hinter der menschenüberfüllten Estrade an dem rundgebogten rothen Theater­bau zu lesen: „Heute zum Erstenmale Johannes Gutenberg“. Inzwischen war der Tribut der Musik tausendstimmig. Ein greiser Maestro, Neukomm, hatte die Festhymne componirt, deren Text man vertheilte. Man sagt, die Richard Wagner’schen Extra­vaganzen seien neu? Ueberall, wo in diesem Enthüllungsgesang die große Trommel und die Paukenwirbel nicht mehr ausreichten, ließ „Ritter Neukomm“ auf einen Wink seiner Hand Kanonenschüsse krachen. Die Kar­thaunen dazu hatte der Gouverneur geliefert, der auf dem Theaterbalkon stand, der Vater jener Königin, die vor kurzem den Glauben ihrer Väter abgeschworen. Ein englischer Prinz, der Herzog von Cambridge, stand ihm zur Seite.

Die Festrede hielt eine Persönlichkeit, die als eine hohe Gerichtsperson in Mainz geendigt hat, der Präsident Pittschaft, eine charakteristische Figur. Er drückte die Aufnahme französischen Wesens in unser deutsches aus. Hoffentlich machen wir jetzt bessere Erfahrungen für den umgekehrten Weg, den Uebergang deutschen Wesens in bisheriges französisches. Pittschaft hatte seine Jugend­bildung als annektirter Franzose bekommen. Er hatte gelernt, den Code Napoleon als la raison écrite zu betrachten, besaß auch Er­scheinung und Geist genug, sich die Manieren französischer Advokaten oder Richter, wie sich diese räusperten und spuckten, anzueignen. Sein drittes Wort war ein à peu près oder pour ainsi dire oder eine ähnliche Erinnerung an seinen französisch geschulten Denkproceß. 163 [Die Buch­händ­ler.] Daß sich in Mainz der kleinstädtische Weinschwelg, hinter seinem hessischen mächtigen Schoppen­glase, an napoleonischen Erinnerungen gütlich that, beim Faschingsumzug sich sogar an einem geschwärzten Markthel­fer, der als Rustan, Napoleon’s Leibmameluck, verkleidet auf­trat, ergötzte, daß eine Wieder­ver­einigung mit dem glorreichen Empire der Bärenmützen als gar nicht unmöglich geträumt wurde, das war ja leider damals noch die tägliche Erfahrung in Mainz, ja jenen Rustan sollen sogar zuweilen angesehene Persönlich­keiten gespielt haben. Selbst in der Beamtensphäre, den Chef der Regierung, Lichtenberg, nicht ausgenommen, herrschte noch eine beidlebige Art, die bei heftigen Erregungen in französische Reminiscenzen zurück­zu­fallen drohte. Die fran­zösische Art hat für die ekstatischen Zustände des Menschen, für die Entrüstung, das Erstaunen, die Auf­rollung seiner persön­lichen Würde, die Drohung, zugleich für den Enthusiasmus und den Stelzengang der Repräsentation einen Reichthum von Worten, die einen eigenthümlichen Schwung geben, Helas! und Que voulez vous? vorzugsweise das mächtig einsetzende Mais! und sonstige noch eigenthümlich kurze, nicht gut wiederzuge­bende Aus­drücke hautainer Verachtung, so daß es vielleicht erst der jetzigen Zeit gelungen ist, hochgestellte „Mainzer Kinder“ vom Piedestal der Phrase und eines undeutschen Hinterhaltes herabzulocken. Beim Festmahl, bei einer spätern Debatte über die Bestimmung des Säkularjahres der Gutenbergsfeier gebehr­dete sich Pittschaft der alte Napo­leo­nische Richter, aufbrau­send, diktatorisch, bitter bis zum Ver­letzenden. Im Grunde war letztre Debatte eine Lokal­streitig­keit. Es zeigten sich mehre Forscher in Gutenbergssachen und alle mit verschiedenen Resultaten. Da setzte es denn Kopfnüsse rechts und links. Ein Herr Wetter und ein Herr Schaab geriethen aneinander, Pitt­schaft nahm für jenen Partei und verschaffte ihm um so leichter die Oberhand, als Herr Schaab ein schwacher alter Mann war, der sich sogar im Gefühl, hier gekränkt zu wer­den, zu der Aeußerung veranlaßt fühlte, zu sagen: „Ich habe nichts mehr zu erwiedern, als Sie aufzufordern, mit mir, den Geschichts­schreiber der Erfindung der Buchdruckerkunst, den Erfinder leben zu lassen! Es lebe Guttenberg!“ Traurig! Der gute Gens­fleisch hatte dieser Tage schon für soviel Toaste herhalten müssen, daß diese 164 [Eine Nacht am Rheine.] „neue Idee“ kaum drei bis vier Stimmen Anklang fand. Hinter den Schoppenflaschen saßen einige berühmte Buchhändler. So der Bruder meines Julius Campe, Friedrich Campe von Nürnberg, ein kleiner, sich seiner Bedeutung, hervorragenden Bildung sehr bewußter Herr, ein geschätzter Kunstkenner, aber sich offenbar in’s Hochmüthige versteigend, als er die angesponnenen Debat­ten über das richtige Säkularjahr mit den Worten unterbrach: „Beschließen Sie, was Sie wollen, wir Buchhändler feiern das Säkularjahr 1840!“ Nun hätte man nicht in Deutschland sein müssen! Eine Behauptung wird ausgesprochen, sofort erfolgt die Gegenbehauptung. Eine nicht minder bedeutende Persönlichkeit der leipziger Buchhändler­börse, Friedrich Fleischer, erhob sich und versicherte: Die Buchhändler würden sich dem Ausspruch dieser Versammlung unter­werfen! Erstaunen, zwei sich messende Gegner, Campe oder Fleischer? Da sprang der blonde Deutsch-Ungar Otto Wigand, Laube’s erster Verleger, auf, ein aus Pesth mit einem ansehnlichen Vorrath Dukaten und einem hochblonden, für einen Buchhändler damals revolutionären Schnauzbart gekommener liebenswürdiger Mann, und versicherte: Bassa teremtete, daß Campe keine Vollmacht hätte, für Andere zu sprechen; hier diese Versammlung sei competent und die Buchhändler würden handeln, wie Fleischer gesagt! Nun die richtige deutsche Massenversammlung. Einer hat Feuer in die Gemüther geworfen, gleich muß gelöscht werden. Hier geschah es sogar durch jene Erscheinung, die in Deutschland größere Dimensionen gewinnen sollte. Die Freigesinnten stießen auf Radikale, die – sich den Conservativen anschlossen und deren Macht verstärkten. Otto Wigand wollte liberal und demokratisch gesprochen haben. Da stand Hein­rich Hoff von Mannheim auf, ein Cyniker. Hämisch, wie sich dieser Ehrenmann gegen Eduard Jerrmann und mich erwiesen, taxirte er die anwesenden Herrschaften im Rundblick und entschied sich für Friedrich Campe. Diese Versammlung hier übernähme sich vollständig und sei nicht im mindesten competent, über die Bestimmung der Säkularfeier zu entscheiden. Und wie der Nihilismus dann auch gleich ansteckt! Mein Gabriel Riesser sogar fühlte sich als Advokat gedrungen, „allerdings“ Vollmachten zu verlangen. Die Vollmacht ist das in alle Welt hinausgesandte Programm der 165 [Rückkehr zur Arbeit.] Gutenbergsfeier! schrie man. Der Lärm stieg. Aber es kam zum Beschluß der Versammlung: Es sollte der 24. Juni, der Johannestag, in jedem 40. Jahre des Säkulums Johannes Gutenbergs Andenken gehören, und ganz Deutschland hat diesen Beschluß an­genommen.

Sogar ein Ball im Theatersaale wurde besucht. Stille Plätze, wo man nicht von walzenden Paaren niedergesichelt wurde, fanden sich in Fensternischen und auf dem geräumigen Balkon. Der Mond schien feierlich auf den Jubel und das blinkende neue Erz der Statue hernieder. Der Dom stand verklärt mit seinem rothen Ge­stein, seinen grauen Schieferdächern. Lichtumflossen ragte das Denkmal der des Drucks unkundigen Zeiten mit majestätischer Würde. Gespräche mit gleichgesinnten Freunden hätten den damals noch nicht existirenden Bischof Ketteler nicht wenig aufgeregt. Ein Pfarrer, allerdings evangelisch, aus dem Nassauischen, Robert Haas, konnte damals als der vorgeschrittenste unter den praktischen Theologen Deutschlands gelten. Seine Polemik gegen den Symbol­glauben würde ihn zwanzig Jahre später um seine Stelle gebracht haben. Aber sogar seine etwas ungeistliche Lebensweise, die sich in einem häufigen Hin und Her zwischen seiner Pfarre und Frank­furt gefiel, fand meines Wissens keine Rüge. Heinrich König liebte die theologischen Gespräche. Beim Nachhausewandeln, in den stiller gewordenen Straßen, an den mit schwerem Gang vorüberschreitenden österreichischen und preußischen Patrouillen vorbei, trat uns recht das Leid der Zeit entgegen, deren Ungunst ein Blick auf die Festung noch besonders zu Gemüth führen mußte. Da saßen noch so manche Opfer der Zeit, Friedrich Funck, Gustav Oehler u. A. gefangen.

Diese mondverklärten Nächte und dann wieder hellen sonnigen Tage hoben sich für mich von einem düstern Hintergrunde ab. Meine physische Kraft drohte sich zu erschöpfen. Die Voraussetzung, eine Frau mit Vermögen zu heirathen, traf nicht zu. Unablässig mußte ich arbeiten. In jenen Bulwer’schen „Zeitgenossen“, später Säkularbilder genannt, hatte ich fast meinen ganzen Vorrath von Anschauungen, besondern Meinungen, Charakterzeichnungen, Stu­dien niedergelegt. Noch jetzt, ich bekenne es offen, lese ich diese Schrift in den meisten Parthieen mit Befriedigung. Wäre sie in 166 [Scheiterndes.] englischer Sprache erschienen und wirklich eine Uebersetzung gewesen, man hätte ihr eine Stellung gegeben. Was fehlte ihr? Die kurze, schneidende, apodiktische Sprache, die immer mehr im Styl bei uns Mode wurde. Die Hallischen Jahrbücher brachten zuerst diese Sicherheit der Behauptung auf. Ihnen folgte die soziale Publizistik von Düsseldorf und Köln. Jetzt möchte man schon glauben, alles, was schreibt, sei bei den Offiziösen in die Schule gegangen.

Zuweilen bot sich die Gelegenheit, in die Kreise einzutreten, die manche dem eignen Wirken verwandte Persönlichkeit schon mit begründeten, wol auch manchmal übertriebenen Ansprüchen umsichzog. An Durchreisenden durch die freundliche Stadt fehlte es nicht. Schon im Frühjahr 1835 waren Ludwig Bechstein und der Improvisator O. L. B. Wolff, beide aus Thüringen, in Frankfurt erschienen, um zusammen nach Paris zu reisen. Letztrer hatte das Reisen auf sein Talent aufgegeben und befleißigte sich, einer Professur Ehre zu machen, die ihm Goethe in Jena verschafft hatte. Ueber letztren theilte er eine Anzahl Anekdoten mit, die jetzt Gemeingut sind. Das gesellige Talent des reichbegabten, vielwissenden, aber im Flüchtigen stecken gebliebenen Mannes war ein­nehmend. Ludwig Bechstein, eine kleine Gestalt, hatte eine etwas stubengelehrte Weise. Man sah ihm eine Beschäftigung mit den Bü­chern an, die etwas gründlicher war als die des leichtgemuthen Improvisators; nur ist auch bei ihm später zu Tage gekommen, daß eine mäßige Dichtergabe sich nicht zu gefälliger Wirkung zu be­haupten vermag, wenn sie sich zu sehr mit dem Ballast von Studien beschwert.

Ein Versuch, die Redaktion der Oberpostamtszeitungsbeilage, eines täglich erscheinenden „Conversationsblattes“, zu gewinnen, veranlaßte eine persönliche Ansprache bei dem Bundes­präsidialgesandten Münch-Bellinghausen. Der Versuch schei­terte. Der in Frankfurt allmächtige Herr schützte seine gänzliche Unfähigkeit vor, über diese Besetzung etwas zu bestimmen. Excellenz sprach die Unwahrheit. Jeden Abend verbrachte sie bei dem Curator jener Zeitung. Frau Baronin Vrints-Berberich, die Gattin des Letztren, war der Magnet, und Jeder wußte, daß diese Dame gewohnt war, ihre Wünsche (und warum sollte der Wunsch ihres Hausfreundes 167 [Freiere Luft.] nicht ihr eigner haben werden können?) zu Befehlen zu machen. Die erledigte Stelle war für jenen verrufenen Mann bestimmt, den Dr. Schuster, der sich zu dem Ende katholisch hatte taufen lassen. Schon früher hatte der Convertit Rousseau, ein Schulgenosse Heinrich Heine’s, diese Stelle innegehabt. Sie sollte also nur in das vom Hause Thurn und Taxis noch heute vertretene jesuitische Ressort passen.

Nach dem Scheitern meiner „Börsenzeitung“ war mir Frankfurt unheimlich geworden. Späher und Angeber drangen bis in’s Innere der Familien. Nur dem Erprobten durfte man noch trauen. Ein Onkel meiner Gattin, Vater meiner zweiten Frau, wurde nächtlicher Weile aufgehoben und nach Darmstadt geführt. Er sollte – als Buchhändler – verbotene Brochüren verbreitet haben. In Gießen und Darmstadt wütheten kleine Alba’s. Der Un­tersuchungsrichter Georgi, der am Säuferwahnsinn starb, brach­te den Pfarrer Weidig aus Verzweiflung zum Selbstmord. Der Kampf mit der Censur verleidete jede unbefangene freie Thätigkeit. Da nun zwanzig Bogen starke Bücher einige Tage lang censurfrei blieben (das Verbot konnte sofort nach dem Erscheinen erfolgen), so drängte sich der Reiz auf, die Publikationen bis auf diesen Umfang zu treiben – vielleicht ohne innere Nothwendigkeit. Einmal suchte ich sogar den Feind in seinem Lager auf. Einen kleinen „Versuch“: „Goethe im Wendepunkte zweier Jahrhunderte“ ließ ich in Berlin bei Plahn drucken, erlitt keinen Censurstrich und hieß nun wenigstens in Preußen nicht mehr „der Ungenannte“.

Um im freien Hamburg, das ich als künftigen Wohnort wählte, Quartier zu machen, reiste ich im Herbst 1837 allein dorthin. Den Weg nahm ich über Weimar, Jena, Halle, Magdeburg. Der Post­wagen ging langsam. Wieder begrüßte ich die alten hessischen Orte der Contumaz von 1831, wieder die hohe, damals noch durch ein langes, modernes Dach sich unschön darbietende Wartburg. In Weimar hätte die klassische Luft gesteigert sein sollen durch eine Literaturrichtung, die inzwischen begonnen hatte, durch die Beschäftigung mit den klassischen Erinnerungen. Die Briefwechsel, die Tagebücher, die Monographieen, die Charakterschilderungen aus und über die klassische Zeit wollten kein Ende nehmen. Aber je mehr über die 168 [Das Goethehaus.] Größe der alten Epoche erschien, desto mehr schrumpfte die Gegen­wart Weimar’s zusammen. Könnten wir doch nur einige berühmte Männer hieherziehen! war nicht nur das allgemeine Seufzen Weimars, sondern sogar das des Lohnbedienten im Erbprinzen. Ich schlug dem betrübten Manne vor, eine Subscribentenliste auf Erwerbung eines neuen Goethe in Deutschland circuliren zu lassen oder bei zwei berühmten Männern in Berlin, Raupach und Rellstab genannt, anzufragen, ob diese vielleicht kommen und die Tage von Aranjuez fortsetzen wollten. Die regierende Großherzogin, eine Czarentochter, lud, so hieß es, alle vierzehn Tage Weimarsche und Jenaische Elemente zum Thee ein. Aber es wollte nichts mehr von Weimar recht ausgehen, nichts mehr zünden, die Stadt war als Deutschlands delphisches Orakel in Verfall gekommen. Schon war Frauenschriftstellerei und leichte Almanachsliteratur der An­knüpfungspunkt des Interesses für Weimar. Stephan Schüt­ze, ein kleiner verwachsner Herr, geborner Hamburger, Lebemann, gab ein „Taschenbuch für Liebe und Freundschaft“ heraus. Hohe weimarische Staatsminister schmückten diesen ehemals durch E. T. A. Hoffmann’s Beiträge berühmt gewesenen Kalender mit dilettantischen Beiträgen. Die eignen Gaben des vermögenden, gutherzigen, gastfreien Mannes, verbunden mit denen seiner Mitarbeiter Prätzel und Langbein, hätten nur brauchen in’s Plattdeutsche übersetzt zu werden und Deutschland würde seine Epoche Fritz Reuter schon früher gehabt haben.

Viele Schriftsteller sind geständig, daß sie gezittert hätten, als sie Goethe besuchten. Rahel stieß unarticulirte Töne aus, als er nur nahte. Bei Uhland zitterte sogar der Straßburger Münster. Ich gestehe, nur Wilibald Alexis begriffen zu haben, als dieser, bereits von Goethe erwartet, vor Angst wieder umkehrte. Das Gebäude, in welchem der große Mann gewohnt hat, konnte wahrhaftig nicht beängstigen durch große Treppen, weite Vorsäle, Teppiche, glattes Parkett. Alles das fehlte. Die Verhältnisse des Goethehauses sind eher klein, als auch nur mittel zu nennen. Die Decke des oberen Stockes ist auffallend niedrig, die Zimmer haben eine beschränkte Ausdehnung, der Hof ist dunkel und mit fünf Schritten durchmessen. Damals lehnte sich altes verfallenes Bau-169[„Mehr Licht!“]werk daran. Alles das zeigte mir Goethe’s letzter Secretär, Kreuter. Knochen und besonders Schädel, Gypsabgüsse, Münzen, Zeichnungen, Majolikateller und -schüsseln, Mineralien und Auto­graphen, alles war wie in einem Museum in Glasschränken aufgestellt. Nur allein eine Siegel- und Schmetterlingssammlung schienen zu fehlen. Van Dyk’s Schädel stand neben dem Schädel eines Verbrechers. Der Contrast war auffallend genug. Der far­nesische Stier zeigte sich in mehreren Exemplaren und erinnerte mich immer an Goethe selbst. Goethe’s Zeichnungen charakterisirten seinen Sinn für das Alltägliche, Gewöhnliche. Eine Zeichnung stellte Schiller’s Gartenhaus in Jena vor. Der Führer plauderte eine Goethe’sche Aeußerung aus, die sehr im Contrast zu dem Freundschaftston in den sechs Bänden des Goethe-Schiller’schen Briefwechsels steht, Goethe hätte gesagt, der Riß zu diesem Hause sei „Schiller’s bestes Werk“ gewesen. Der Eindruck des Hauses, das man jetzt nicht mehr zeigt, war der, daß doch von Goethe’s Ablehnung so vieler Dinge, die uns von Werth sind, entschuldigend zu sprechen ist. Denn hatte er nicht hier einen förmlichen Mikrokosmus vor sich, einen Spiegel der Welt, der ihm genügen konnte? Leben nicht Menschen manchmal von einem einzigen Factum? Diese haben einmal Napoleon I. gesehen, jene haben auf einem Stuhle gesessen, der zu Luther’s Hausrath gehörte. Ueberall und ewig wissen sie ihren Reichthum anzubringen. Goethe hatte eine Fülle solcher An­lässe zu einem „Großpapa, wie war doch die Geschichte?“ Unica über Unica! Was konnte ihn nicht zum Plaudern, zum Vorzeigen, zum Dociren verführen! Münzen gab es hier, die bei Eckhel fehlten, Gemmen, die Lippert nicht kannte, Uralsteine, von denen Alexander von Humboldt gesagt haben soll, als er sie sah, daß sich Loder, der sie Goethe’n geschenkt, damit „die Seele aus dem Leibe genommen hätte“. Das ist denn doch für einen Kopf und ein Herz von Goethe’s Richtung ein vollständiger Ersatz für das deutsche Vater­land mit oder ohne Stände, für Krieg oder Friede, Rationalismus oder Supranaturalismus, Philhellenenthum oder Carbonarismus, oder wie die Gegensätze und Erscheinungen seiner spätern Zeit hießen. „Nur Ruhe!“ hat ja auch Euer großer Buddhist Schopenhauer gerufen. Dieser vermachte sein Vermögen den Soldaten oder den 170 [Veteranen.] Angehörigen der Soldaten, die 1848 auf den Barrikaden gegen die Störer des Nirwâna verwundet oder getödtet wurden.

Für Goethe waren diese Schränke eine Real-Encyclopädie. Nichts, was da stand, war ihm todt, Alles lebte. Es war ein Gewühl von Beziehungen, nothwendigen Auslegungen, Anknüpfungen an Alterthum, mittlere und neuere Zeit. War denn nicht auch die politische Geschichte vertreten durch die Handschriften berühmter Mon­archen und Heerführer und vor allem durch die kostbaren Münzen? Goethe konnte den Regenbogen draußen in der Luft entbehren; denn ich sah einen Apparat, womit er sich selbst einen aus Pappe, einer Glaskugel und einigen von seinem Hofe hereinfallenden Sonnen­strahlen machte. Dieser Sonnenstrahlen gab es allerdings nur wenige. Daher sein letztes Wort: „Mehr Licht!“ Das Arbeitszimmer, das eigentlichste Interieur des Dichters, fand ich ganz so erhalten, wie vor fünf Jahren sein Tod erfolgte. Kein Sopha stand in dem dunkeln Zimmer, nur eichne, unpolirte Stühle. Alles im Grunde so, wie der Dichter, der Zauberer, der Welten schafft, wohnen soll. Nur die Feuilletonisten unsrer Zeit wollen ein mit Gold und Spiegelglanz geschmücktes Dichterzimmer und die goldene Schreibfeder auf dem silbernen Teller präsentirt. Der ächte Dichter muß nackte Wände haben, um sie zu bekleiden mit pompejani­schen Bildern. Wenn Goethe schrieb, schrieb er im Stehen, an einem einfachen Pulte und sonderbarer Weise – gegen das Licht. Aber seit Decennien rührte er die Feder nur noch an zu seinen Unterschriften. Er dictirte alles, ausgenommen ab und zu ein Gelegenheitsgedicht. In seiner Schlaf- und Sterbekammer war es eng und finster. Ich eilte in’s Freie zu gelangen, um frische Luft zu schöpfen.

In Weimar lebten mir zwei Beziehungen, eine der Protection und eine der Freundschaft. Jene war mir vom Consistorialpräsidenten Peucer gekommen und – seltsam genug – für meine Wally, gerade so wie sich ein Kirchenrath, Paulus in Heidelberg, früher zu meinem Vertheidiger aufgeworfen hatte. Letzterem fand ich keine Gelegenheit, persönlich Dank zu sagen. Jenem jedoch trat ich bei diesem Besuch mit dem Erstaunen entgegen, wie ihm seine offizielle Stellung hätte erlauben können, einem Schiffbrüchigen so muthig 171 [Ein Modernster.] die Hand zu reichen. „Dafür sind wir in Weimar!“ lautete die mit gerechtem Stolz gegebene Antwort des liebenswürdigen Mannes, der für seine Person kein Geistlicher war, nur ein juristischer Beirath der großherzoglichen Kirchenverwaltung. Leider unterbrach ein eingewurzeltes Asthma fast jede Aeußerung des weltmännisch ge­bildeten Nachkommen jenes einst aus Kursachsen vertriebenen viel­geprüften Freundes des Melanchthon. Die ältere französische Lite­ratur war meines Gönners Steckenpferd. Einige Stücke Racine’s und Corneille’s sind von ihm übersetzt worden. Natürlich mußte sein Einvernehmen mit dem Lichte des Rationalismus, dem Oberhofprediger Röhr, das beste sein. Der muthige theologische Ajax, der in seiner „Predigerbibliothek“ immer im Getümmel der Schlacht stand, wohnte hinter der ehrwürdigen Stadtkirche in denselben Räu­men, die einst Herder bewohnt hatte. Ich besuchte ihn dort. Längst hatte ich den doctrinären Stolz gegen den „Rationalismus vulgaris“, dessen erster Repräsentant in ehrwürdiger Gestalt vor mir stand, abgelegt. Eine hagere, lange Figur von einfach patriarcha­lischer Würde, wie man solchen Prediger- und Lehrererscheinungen in thüringischen Landen oft begegnet, machte mir einen wohlthuenden Eindruck. Der Freund, den ich in Weimar wiederfand, war späterhin der beglückte Gatte der berühmten Schauspielerin Marie Bayer in Dresden und hieß August Bürck. Schon als Student in Leipzig bewegte sich der exaltirte Schwärmer in literarischer Sphäre und machte sich theils durch eine ausgesprochene Vorliebe für jene mittel­alterlichen Stoffe bekannt, denen später Richard Wagner die Hälfte seines Ruhmes verdankte, theils durch einen gewissen sectirerischen Eifer, der in einem ewigen Planmachen, Wittern von Intriguen, Anlegen von Gegen­minen seine Befriedigung fand. Er gehörte recht eigentlich durch sein Talent der Parteimacherei zu den ersten Aposteln der Zukunftsmusik. Viele Jahre lang erfreute auch ich mich zu meinem Besten dieses fast krankhaften Kameraderie-Triebes. Ohne daß ich dem begeisterten Freunde mehr zu widmen brauchte als meine eigene liebevoll eingehende Theilnahme für seine sehr schwache Feder, die sich später vom Wartburgkrieg und Heinrich von Ofterdingen auf den alten Touristen Marco Polo und andere Helden der Geographie erstreckte, stand er mir mit treuer Hut bei jeder sich 172 [Auf der Elbe.] darbietenden Gelegenheit zur Seite, freilich auch die Gefahren ver­größernd, die Gegnerschaften übertreibend, immer Unheil witternd, Intriguen, Kabalen, kurz eine Eigenschaft seines Charakters in Thätigkeit setzend, die mir in späteren Jahren verhängnißvoll werden sollte. Denn plötzlich, da ich ein einziges Interesse seines Lebens nicht mehr zu theilen schien, die unbedingte Bewunderung seiner Braut als Künstlerin, verwandelte sich seine Freundschaft in ebenso leiden­schaftlichen Haß, in intriguante Verfolgung, bis der Bemitleidenswerthe in’s Irrenhaus kam, wo ihn erst nach Jahren der Tod von physischen und moralischen Leiden erlöste. August Bürck hatte einen eigenthümlich scharfgeschnittenen Kopf. Den bekannten Schauspieler Karl Grunert, dessen mephistophelisch scharfe Physiognomie manchem der Leser in Erinnerung geblieben sein wird, hätte man für seinen Doppelgänger halten können.

In Jena wurde der mir schon in Frankfurt bekannt gewordene O. L. B. Wolff wiederbegrüßt und die Bekanntschaft gemacht des Herausgebers der „Minerva“, Friedrich Bran. Die „Mi­nerva“ ging am Mangel eines festen Princips zu Grunde. Ge­legentlich führte ich in ihr den Gedanken aus, Preußen sollte den Zollverein als Anbahnung auch einer staatsrechtlichen Einigung mit den einzelnen Staaten Deutschlands benutzen. Die „Hegemonie“ war die Losung, aber allgemein bestritten und für unmöglich erklärt. Da schien mir der Zollverein gleichsam der vorgezeichnete Schienen­weg für solche Einigungen, wie diese später die Militärconventionen brachten. An einen Umsturz des Bundestages war bei Oesterreichs drohender Haltung nicht zu denken.

Ein herrlicher Tag ließ mich die Schönheit des Saalthals bewundern. Die terrassenförmigen Anhöhen mögen eine Sorte Wein tragen, die wir uns nicht an der table d’hôte auswählen, aber Sonnenduft liegt auf dem Panorama, es verklärend, wie nur eine Gegend in Süddeutschland. Mir war die Annäherung wieder an preußisches gensdarmerieregiertes Wesen von eigenthümlicher Wir­kung. In Weißenfels sah ich im Geiste Müllnern als seligen Ver­storbenen mit langer Pfeife in’s Casino gehen. In Merseburg er­innerte mich das dortige Bier an jenes Hunnenblut, das vor tau­send Jahren in seiner Umgebung geflossen ist. In Halle waren 173 [Hamburg.] gerade Ferien. In den Beschwerde­büchern des Lesemuseums, das ich besuchte, sah ich den polemischen Geist der Zeit. Man stritt sich um die neue „Leipziger Allgemeine Zeitung“. Die Tholuckianer wollten sie abgeschafft. In Magdeburg wurde das Dampfboot be­stiegen. Ein junger Privatdocent aus Leipzig, Gustav Bock, in späteren Jahren das medicinische Orakel der „Gartenlaube“, gewährte bis nach Hamburg eine wohlthuende Anregung. Die Schule des medicinischen Cynismus ist schon wieder überwunden. Damals war der Standpunkt neu, das Hörrohr, der Wappenschild jedes über Würzburg nach Wien gegangenen Arztes, regierte die Krankenstube. Krankheiten existirten überhaupt nur, damit man sie begriff und klassificirte. Daß sie geheilt würden, schien Nebensache. Der Kranke lag für den Arzt, der sich resignirte, im Geist auf dem Secirtisch für die neuerfundene pathologische Anatomie. Glück­licherweise war gerade damals ein Arcanum aufgekommen, das für alle Leiden manchmal und für einige immer helfen sollte, das Jod. Bock sprach frisch von der Leber weg seine Ueber­zeugungen aus. Sie nahmen auf allen Gebieten, politischen und theologischen, die Illusionen wie Spinneweben weg. Selbst die belletristische Chronik Leipzigs war ihm geläufig und gab ihm Gelegenheit zu manchem treffenden Einfall. Heinrich Laube machte grade damals seine Uebergänge zu allerhand aristokratischem, fürstpücklerischem, selbst metternich’schem Wesen, das uns schließlich trennte.

Hamburgs ewig grauen Himmel hat Heine erfunden; es giebt in Hamburg auch schöne Tage. Doch liegen sie im Sommer und Spätherbst. Jetzt war bald der gelbe Nebel in den Straßen vorherrschend, unerträglich der Schmutz in den langen Twieten, in den Durchgängen, auf den kleinen Verbindungsbrücken. An Ort und Wetter mußte sich der Körper und – der Geist gewöhnen. In einer der düstersten Gassen, der ABC-Straße, wohnend, mußte ich am Tage Licht brennen, um schreiben zu können. Aber mein „Telegraph“ blühte auf. Es zeigte sich, was buchhändlerische Verwendung vermag. Trotz der noch beanstandeten Zulassung in Preußen, den Hemmungen in Oesterreich und Rußland stieg die Zahl der Abnehmer um – mehrere Hunderte – auf Tausende ging noch nicht die Calculation der Journale. Das gewährte 174 [Julius Campe.] Honorar war gering, es ermöglichte nur dem Herausgeber ein ruhigeres Arbeiten.

Richtungen oder Kräfte, die sich mir angeschlossen hätten, waren in Hamburg selbst nicht zu finden. Im Gegentheil bildete sich sofort Opposition. Es gab Blätter, die sich dort schon lange mit Kritik beschäftigten, Beiblätter der bedeutenderen Zeitungen. Diesen war ich unwillkommen. Neben ihnen gab es belletristische Revolver-Presse, die sich um das damals allein besprochene Stadttheater gruppirte und einigen selbstgefälligen hämischen Scriblern als Tummelplatz diente. Eine andere höher stehende Gesellschaft, aber ebenso negativer Art, bildeten die noch jungen praxislosen Aerzte oder in gleichem Fall befindlichen Juristen, die nicht lange erst von Kiel, Göttingen, Heidelberg gekommen waren und die öffentliche Meinung in Hamburg nach allen Richtungen hin zu bestimmen suchten und in den Kaffeehäusern sich dazu die Zeit nehmen durften. Ein günstiges Verhältniß zu dieser Sphäre konnte sich nicht be­gründen. Denn in der Regel wirkte in den jungen leichterhitzten Köpfen noch von der Schule her die Warnung der Lehrer nach vor allem, was sich neueste Literatur nannte. Einige hatten sich auch schon selbst ein zwischen Cynismus und Romantik in der Mitte liegendes Verhältniß zu Heine’s Muse erfunden, halb Dreck, halb Lotosblume, je nach Stimmung. Zuweilen hatten die jungen Herren Dichterwehen und steuerten im Strome mit den Lockungen der Loreley und der Reue des Tannhäuser. Den elegischen Ton des Vortrags für diese Heine’schen Liebesschmerzen habe ich nie in meinem Stimmregister aufzufinden vermocht.

Auf dem Comtor von Hoffmann und Campe gab es immer Anregung. Die Zusendung von Manuscripten erfolgte von allen Seiten, besonders aus Oesterreich. Die namhaftesten Dichter standen mit dem Chef dieser Buchhandlung in Briefwechsel. Er hatte die Eigenheit, dem Zufall eine Rolle in seinem Leben zu gestatten. Zufällig gewann er auch das große Loos in der Braunschweiger Lotterie beim colossalsten Lotteriespiel. Sein Zufalls­cultus machte ihn auch zum Propheten. Als solcher hatte er aber nicht immer so glückliche Treffer. So ließ er Briefe, von denen er Unangenehmes ahnte, mehrere Tage liegen, ehe er sie öffnete. Das bekam ihm 175 [Concurrenz.] in einem Falle übel. Die „Spaziergänge eines Wiener Poeten“ hatten einen glänzenden Erfolg; doch blieb eine Verstimmung gegen den Verfasser zurück, die ihn veranlaßte, einen von letzterem em­pfangenen Brief, worin er Vorwürfe zu lesen augurirte, nicht zu öffnen. Als er sich endlich dazu entschließen mußte, sah er, daß ihm Anastasius Grün eine neue Gedichtsammlung, „Schutt“, angetragen hatte. Der Dichter hatte umgehende Antwort gewünscht. Jetzt schrieb Campe sofort; aber der Verfasser war schon in Unter­handlung mit der Verlegerin des Musenalmanachs, der Weidmann’schen Buchhandlung, getreten. Begebenheiten des Comtors waren es, wenn ein Brief von Heine aus Paris kam. Mir fehlte für die Manier, für den Ton, den Inhalt dieser Briefe alles Interesse. Immer herrschte darin derselbe – Heine war noch wohlauf – weinerlich grämelnde, lässige, dahlende, faselnde Ton, den schon seine Jugendbriefe, z. B. die kürzlich von Prof. Hüffer ver­öffentlichten an Sethe, zeigen. Man begreift, wie Sethe, ein zum Manne gereifter Commilitone, diese Briefe des mit sich selbst kokettirenden, trägen und zuweilen doch katzenartig drohenden, dann wieder rasch die Pfote zurückziehenden und sentimental werdenden Egoisten nicht weiter beantwortete.

Damals tauchte zuerst im Beiblatt zur Börsenhalle jener Franz von Florencourt auf, der anfangs die pietistischen Kreise Hamburgs für sich in Begeisterung versetzte, einige Zeit hindurch ganz in diesen leben zu wollen schien und plötzlich, alle Erwartungen täuschend, sich dem Katholicismus zuwandte, dem er hierauf in verschiedenen Städten Deutschlands ein schlagfertiger Vorkämpfer geworden ist, ein wahrer Granier de Cassagnac des Papstes, der sogar wie dieser einen Sohn besitzt, der das nämliche Geschäft fortführt. In Hamburg kam unter seine polemische Feder Alles, Hegel, Schelling, Börne, Heine, die Romantiker u. s. w. Seine Denkformen gehörten Görres, Eichendorff, Heinrich Leo – das Persönliche, das von ihm hinzugefügt wurde, streifte in der Regel an die Provocation zum Ehrenhandel, der sogar unter muthwilligem Gehetz seiner Umgangsgenossen gegen mich gesucht zu werden schien. Mein Leben hatte damals schon so schwere Bürden der Sorge für die noch ferne, im Frühjahr 1838 von mir abgeholte Familie 176 [Prüfung und Beharren.] zu tragen, auch die Bürde, verkannt in meinem Wesen, noch zur bessern Beweisführung für mich gerufen zu sein, daß ich den höhnischen Fratzen, die mir von diesem Matadorkreise geschnitten wurden, nur Verachtung entgegensetzte. Der Richterspruch, ob das „Dichterische“ in mir vorhanden war oder nicht, konnte mir nicht von jenem Tribunal kommen, wo in heinisirenden Gedichten, wie diese mit etwas Mondlicht und Liebesschmerz aus dem Aermel zu schütteln sind, der Beruf und die Signatur eines modernen Autors erblickt wurde. Gervinus hatte einige Jahre später ganz Recht, als er nach dieser Richtung hin, nach der Richtung der Geltendmachung des Geversels, die schöne Literatur Deutschlands für ab­geschlossen erklärte. Der zufällige Umstand, daß diese Gattung Lyrik Componisten zur Grundlage von einschmeichelnden Klangwirkungen gemacht haben, ändert an dem objektiven Unwerth der Gedichte selbst nichts.

Die Stirne runzelnd, Niemandes Gunst erflehend, ging ich meine eignen Gedankenwege. Träges Lungern auf abgegraster Matte ließ ich Andern, Buhlen mit „Personen und Zuständen“, Sichaccommodiren an „Begriffliches“, wozu sogar das metternich’sche Kaiserreich gehören sollte, ließ ich früheren Kampfgenossen, die mir nun Gegner wurden. Der Kölnische Erz­bischofs­streit regte mich nicht nur zu längeren Artikeln über die Hermes’sche Lehre an, sondern auch zu einer Antwort auf jenen „Athanasius“, mit dem Görres die Anschauungen der ultramontanen Sippe, die sich in Neuberghausen bei München zu versammeln pflegte, vielleicht zum erstenmal, aber maßgebend bis in die neueste Zeit, geltend gemacht hat. Jetzt ist diese neukatholische, an die Zeiten Hildebrand’s und Innocenz’ III. wieder anknüpfende Theorie durch Schuld Friedrich Wilhelm’s IV. Gemeingut der katholischen Welt geworden. Der Titel meiner Flugschrift: „Die rothe Mütze und Kapuze“ bezog sich auf die Jacobiner-Antecedentien des Münchener Vorkämpfers. Man konnte zweifelhaft sein, ob sich bei Görres nur der altrheinische Provinzialgeist gegen Preußen- und Berlinerthum in die neue Form der Wahrung absoluter Kirchenrechte versetzt hatte oder seine Welt- und Staatsphilosophie eine a priori ehrliche war. Die Methode, die mir auch bei späterer antihierarchischer Polemik eigen 177 [Varnhagens Schwester.] gewesen, mich erst in die Welt, die ich bekämpfte, ihren Anspruch nachfühlend zu versetzen, erst aus Zugeständnissen heraus, die sich dem Wahne machen ließen, Dasjenige zu entwickeln, wofür die Billigung zuletzt zu versagen war und dann auf die Quellen des Reinen und Gesunden zu verweisen, hat mir Freunde auf dem Gebiet der älteren, so traurig gebundenen und oft tief unglück­lichen katholischen Geistlichkeit erworben. Die jüngere hat wol kaum meinen „Zauberer von Rom“ gelesen.

Im Ganzen waren die Hamburger Jahre sorgenvoll. Die Abhängigkeit von einem Buchhändler, bei dem es heute Sonnenschein, morgen böses Wetter gab, war besonders drückend. Meine Frau konnte sich nicht an die veränderte Lebensweise, besonders nicht an die Ansprüche der Hamburger Dienstboten gewöhnen. Ein Glück war die Befreundung mit einigen gemüthvollen Familien, die einen Anschluß erlaubten. In erster Reihe ist die Schwester Varnhagen’s zu nennen, eine verheirathete Assing, die Mutter der beiden Töchter, von denen die Eine, Ludmilla, bis auf den heutigen Tag das Privilegium hat, das Publikum immer in irgend einer Art literarisch zu beschäftigen. Damals sah man in einem kleinen dunkeln, von Bäumen beschatteten Hause der bescheidenen Poolstraße, in niedrigen Zimmern, in einem Gärtchen, wo sich bequem nicht zwanzig Schritte thun ließen, zwei junge Mädchen von 15 und 16 Jahren, die in überraschendster Frühreife bereits die laufende Literaturchronik des Tages kannten und mitmachten. Der Vater, ein Arzt, in jungen Jahren mit Justinus Kerner in Wien und auch später noch mit ihm befreundet, machte ab und zu ein sinniges Gedicht und war in solchem Grade sensitive Natur, daß ich glaube, die Veranstaltung, die sein Schwager Varnhagen für seinen Tod getroffen hat, diese Veröffentlichung nicht endender Aufzeichnungen und Briefwechsel, wäre für sein Theil vollkommen unsympathisch von ihm empfunden worden. Dagegen hatte sich die Mutter ganz an den Persönlichkeitscultus ihres Bruders gewöhnt. Auch sie war wie ihr Bruder eine Meisterin in jenen Scheerengebilden, die später Konewka so gefällig zu malen verstand. Sie kannte dabei die Natur. Bei unzähligen Spaziergängen und Parthieen, die wir familienweise machten, blieb sie bald an diesem Wegekraut, bald an jenem 178 [Literatur im Hause.] Baume stehen und entdeckte trotz ihrer Kurzsichtigkeit Schönes und Seltenes. Durchweg romantisch konnte man die geistige Welt dieses Kreises nennen, obschon sie selbst des Ueber­maßes im romantischen Wesen bei Anderen spotteten. Die Familie des streng conservativ-jüdischen, gelehrten Dr. Steinheim in Altona schloß sich engbefreundet an. Unzweifelhaft war noch Manches vom Geist der Rahel und ihres ersten überschwänglichen Verkehrs mit Varnhagen im Leben dieser und anderer Familien zurückgeblieben, bei Rosa Maria vorzugsweise das Interesse für jede Persönlichkeit, die in irgend einer Weise psychologisch oder sonst charakteristisch unterzubringen war. Bei den Töchtern herrschte der Genuß phantastischer Reproduction vor, eine wahre Schwelgerei im Erlebten, im Erzählten. Fast Alles mußte vor die Phantasie treten und beiden trat dann zuweilen etwas mit gleichen Bildern und zu gleicher Zeit vor ihr Auge, wo es dann genug über die geistige Zwillingschaft zu lachen gab. Eine sagte wörtlich dasselbe, wie die andere. Es handelte sich um ein ewiges Verschönern der Welt, ein stetes Wegstoßen des Häßlichen. Kein Schiff, das grade vorüber­segelte, wenn wir in Flottbeck’s Baumschatten weilten, blieb ohne Befrachtung von Träumereien; sicher ging es nach Indien, sicher in’s Land der Palmen, zu jenen blauen Seen hin, wo sich die Flamingo’s badeten. Alles Gemeine, alles Alltägliche verschwand hier vor Blicken, die nur das Schöne oder das Entgegengesetzte, Störende sahen und die Menschen und die Dinge in potenzirende und depotenzirende eintheilten. Heute verkehrte man sich die Welt in das Zeitalter der Troubadoure, morgen stellte man sie vor den Vexierspiegel des schattenlosen Peter Schlemihl Adelbert’s von Chamisso, welcher letztre ebenfalls in steter Verbindung mit den Bewohnern des Hauses blieb. „Dramatische Leseabende“ brachten bald bei dem Einen, bald bei dem Andern dieses Kreises Schiller, Goethe, Shakespeare, zur An­schauung und zur Kritik. Leider trennte der Tod diese schöne Ver­einigung. Rosa Maria starb noch vor dem großen Brande. An Leiden, von deren Vorhandensein ihr geselliger Sinn kaum hatte die Ahnung aufkommen lassen. Schon ein Jahr nach ihrem Tode starb auch Assing. Die Töchter gingen zum Onkel nach Berlin, dem sie Rahel, die altgewordene, ersetzen sollten. Wenn dies die 179 [Varnhagen’s Einfluß.] eine der Schwestern, die nach Amerika gegangen ist, nicht ver­mochte, so möchte man wol fragen, ob nicht Varnhagen’s Gesichtskreise damals enger, seine Tendenzen zugespitzter, sein ganzes Wesen gereizter war, von Haß und Unmuth über seine Zurücksetzung im Staatsdienst eingegeben? Die Wirkung, die der bewegliche Mann auf meine literarischen Mitkämpfer ausübte, war nicht gut. Briefwechsel über Briefwechsel wurden herausgegeben, literarische Portraits silhouettirt, Reiseeindrücke festgehalten. Das waren die auf’s Oberflächliche wirkenden Anregungen, die von einem Bett in der Berliner Behrenstraße ausgingen; selbst im gesunden Zustande brachte Varnhagen den größten Theil des Tages im Bett zu. Vom Bett aus klagte er mir einst, als ich ihn besuchte, daß die Verdienste, die er sich um Leopold Ranke erworben, von diesem selbst nicht anerkannt würden. Er sei es gewesen, der an maßgebender Stelle zuerst auf die bekannte Erstlingsschrift des Historikers aufmerksam gemacht und dadurch Ranke’s Versetzung von einem Gymnasium an die Universität veranlaßt hätte.

Im Winter 1838 besuchte mich in Hamburg Karl Immer­mann, der eben den ersten Band seines „Münchhausen“ veröffent­licht und sein Verhältniß mit Gräfin Ahlefeldt in Düsseldorf gelöst hatte. Seine Theaterleitungsversuche lagen schon hinter ihm. Als die Kunde seines plötzlichen Todes kam, schrieb ich die Eindrücke eines zweitägigen Verkehrs mit dem bedeutenden Manne nieder. Sie finden sich im Neunten Bande meiner Gesammelten Werke (Costenoble’sche Ausgabe).

Um die Zersetzung zu charakterisiren, die in den Gährungsproceß der „jungen Literatur“ gekommen war, und zugleich um ein Bild der Polemik zu geben, wie dieselbe nach und nach, hierin und dorthin, scheinbar persönlich, aber im Grunde gegen Principien von mir geführt wurde, möge hier ein satyrisches Märchen mitgetheilt werden, das in erster Reihe wenigstens den Humor ver­gegenwärtigen kann, der mir noch übrig blieb bei Angriffen, die z. B. von Theodor Mundt und seinem Kreise, Mügge, Meyen, Klein, Kühne, und gleichzeitig vom Süden aus, aus dem schwä­bischen Feldlager, fortwährend gegen mich bis in’s Unglaubliche gingen.

180 Die literarischen Elfen.#

Einer der mächtigsten Berggeister des Harzes hatte drei Kinder, einen Sohn und zwei Töchter, die sich für ihr Leben gern mit neuerer deutscher Literatur beschäftigten. Je weniger sich davon in ihre glänzenden Metallpaläste, in ihre einsamen Erzstuben und zinnernen Philosophengänge durch die Nachlässigkeit der Touristen, die in Grotten und auf Ruheplätzen ihre Lectüre zurückließen, durch die Kalender der Grubenleute, ja sogar nur durch die Wochenblätter, in welche diese ihr Frühstück eingewickelt hatten, verlor, desto gespannter wurde ihre Neugier auf einen volleren Einblick in die neueste Lage der deutschen Geistesschätze. Pimpernella, die Jüngste, war ein blondes, liebes Geschöpf mit Vergißmeinnichtaugen. Wenn manchmal die Bergleute bei der Arbeit das Rauschen eines in Felsen eingeschlossenen Baches zu hören glaubten, so waren dies Pimpernellens Lieder, die sie ihnen zur Erheiterung anstimmte. Ihr Bruder, Speculativus geheißen, war ebenfalls blond, lang, dünn aufgeschossen. Ihm war eine alte Bibliothek seines Vaters voll theosophischer Schriften, die sich mit dem Stein der Weisen beschäftigten, zu Gute gekommen. Selbst in die Naturphilosophie hatte sich der sinnige junge Mann einen Weg gebahnt. Speculantia, die älteste Tochter, hatte etwas Stolzes, etwa wie Sancta Cäcilia, als diese die Orgel erfand, oder Heloise, als diese Aermste ewige Entsagung schwören mußte. Wer Speculantia zum ersten Male sah, hätte in ihr eine unglücklich Liebende zu entdecken geglaubt, was sie auch war, in einem gewissen Sinne. Eine unbestimmte Sehnsucht lag in ihren Worten, ihren Blicken, ihren Bewegungen. Alles, was sie sprach, lag vom Gewöhnlichen abwärts, es schlug Töne aus Registern an, die nicht auf jedem Instrumente zu finden waren. Die Elfen konnten sie nie zum Tanz bewegen; nie sang sie vor Andern, sondern, wie Philomele, immer allein. Niemals lachte sie heftig; selbst die drolligsten Koboldwitze konnten ihr nur ein leichtes Verziehen der Mundwinkel abgewinnen, freilich eine Bewegung, worin für Jeden, der sie sahe, Anmuth lag. Auch weinte sie nicht, wenn man nicht anders zuweilen einen feuchten 181 [Die literarischen Elfen.] Glanz des Auges und einen einzigen großen Thautropfen, der sich in ihren dunkeln langen Augenwimpern verfing, weinen nennen will. Das Tiefste schien sie in ihrem Busen zu bergen, und der Alpenkönig selbst, das behauptete man im ganzen Unterharz, dieser in der Schweiz am Montblanc wohnende oberste Beherrscher der Gebirgsgeister, hätte auf ihre erhabene Schönheit sein Auge geworfen. Dennoch liebte sie Unterirdisches nicht; all ihr Sehnen zog sie hinauf in die Regionen des Lichtes, wenn sie sich auch gestehen mußte, daß sie etwas Dunkles, Geheimnißvolles und beinahe Dämonisches in ihrem Herzen trug. Wenn sie etwas mit vollem Verlangen liebte, so war es die Kunde von einer vorzugsweise modern genannten neuen Poesie. Speculantia hatte oft hinter einem Bergabhange gelauscht, wenn Studenten aus Jena kamen und von „Weltliteratur“ sprachen, oder von Göttingen, die daselbst behaupteten, alle Materialien des Weltbaues angetroffen zu haben, nur den Weltgeist selbst nicht. Die Dorfzeitung, der Gothaer Allgemeine Anzeiger, das Weißenseer Unterhaltungsblatt und die Jenaer Literaturzeitung waren die Hauptlectüre der Geschwister; denn nur in diese Blätter wickelten die mannsfelder, clausthaler und thüringer Bergleute ihren Käse und ihr Butterbrod, und selbst aus einer so beschränkten Lectüre entnahm Speculantia die neue Wendung, welche die Poesie in Frankreich und Deutschland genommen hatte. Bettinen überließ sie ihrer Schwester Pimpernella; sie selbst hielt sich an Rahel und Charlotte Stieglitz. Selbst für das junge Deutschland nahm Speculantia Partei und schickte in die Berliner und Mannheimer Gefängnisse einige ihrer gelehrten Mäuse und Ratten zum Gruße ab, welche sich leider den daselbst Inhaftirten nicht recht verständlich machen konnten und im Gegentheil so sehr mißverstanden wurden, daß Schreiber Dieses mehr als sechs Stück davon in Mannheim mit einer piemontesischen Mausefalle guillotinirte. Speculantia zerfloß über den Bundestagsbeschluß von 1835 in Thränen; vielleicht das erstemal, daß sie auf dieser Schwäche ertappt wurde, und da so Vieles verboten wurde, konnte sie es ja um so weniger zu lesen bekommen. Wenn sie aber öfters mit ihrem Vater und den Geschwistern des Nachts im Harz umirrte, und sie immer da kletterten, wo die Fichten am höchsten standen und sie sich im 182 [Die literarischen Elfen.] Mondschein geisterhaft genug für die Schnellpostreisenden, deren Fuhrwerk in der Tiefe keuchte, ausnehmen mochten, dann pflegte sich wol Speculantia mit diesen Worten zu trösten: Ach, liegt der Zauber einer neuen Welt- und Gedankenverjüngung nicht schon in dem Athem der Luft, die uns umfächelt! Sind die Sterne nicht wie Bücher und Geschichten zusammengerückt, deren geheimnißvoller Sinn bald keinem tieferblickenden Auge mehr ein Räthsel sein wird? Plaudert die Blume und der Nachtfalter und das glühende Johanniswürmchen nicht jedes dem Weltgeist abgelauschte Wörtchen aus und hat die Musik der knackenden, vom Sturm gebeugten Föhren nicht einen Text, den jedes empfindungsvolle Herz diesen Tönen ohne viel Mühe unterlegen kann! So tröstete sie sich wohl, daß sie in keiner Leihbibliothek abonnirt war, weil die Elfen wohl Silber haben, aber kein gemünztes, und wohl den „Segen des Mansfelder Bergwerkes“ geben, aber die daraus geschlagenen Thaler um so weniger besitzen, als gerade diese, aus Patriotismus, so gesucht sind. Der alte Berggeist sah demnach ein, daß hier nur die Erlaubniß des Alpenkönigs helfen konnte, und harrte mit Sehnsucht auf den Tag, wo es entschieden werden sollte, ob seine Kinder, wie er darum gebeten hatte, sich einige Jahre lang unter die Menschen begeben durften.

Eines Tages saß der Berggeist mit seinen Kindern und allen Verwandten und Angehörigen seines Hauses in der großen Familienhalle seines in der Nähe der Baumannshöhle belegenen Grottenpalastes. Wunderbare Tropfsteingebilde verzierten die Wände und bildeten an den Stalaktytsäulen Friese von korinthischer Schönheit. Alle Geräthe waren von durchsichtig schimmerndem Tropfstein und Glimmerschiefer. Kommoden, Tische, Stühle, Eckschränke, alles war mit Bequemlichkeit eingerichtet. Die Decke des Saales war von Zinnerzkrystallen, die in Topas-, Granat- und Uranglimmerschiefermischung einen hellen Effect machten. Rings waren die Wände mit Granaten in den prächtigsten Dodekaëdern ausgelegt. Smaragden von der Größe eines Straußeneies saßen in dem Schiefer, der noch manches versteckte feine Erz verrieth; Berylle schimmerten aus Graniten; indigblaue Saphire, schöner als sie die durch Saphire, nicht M. G. Saphir, (das weniger) so berühmte bayrische Königs-183[Die literarischen Elfen.]krone enthält, glänzten, als wären es indische. Topase winkten, bald wie Pfirsichblüthen gefärbt, bald wie Veilchen. Alles, was nicht mit Kostbarkeiten ausgelegt war, war mit strahligen krystallinischen Hornblendeblättern bedeckt. In diesen Wundern saßen die Elfen und scherzten; Pimpernella band aus kleinen Edelsteinen einen Kranz, den sie gern Friedrich Rückert geschenkt hätte, um ihn für die – Cigarren zu trösten, die er jüngst von einem Verehrer aus Bremen bekommen hatte! Rückert – und Cigarren! Nur Speculantia war bald in Tiefsinn versunken und drückte mit ihrer weißen Hand die Augen zu; bald las sie eine polemische Brochüre, die ein Reisender kürzlich in der Baumannshöhle liegen gelassen hatte, und rief aus: O Prosa, Prosa! Speculativus schliff an seiner Achatbrille und probirte, ob er nicht tiefer in’s Wesen der Dinge dringen könnte. Der alte Berggeist in der Nachtmütze führte Rechnung über die Einnahme und Ausgabe seines Gebirges, über das, was ihm der Bergbau nahm und dafür die schaffende Natur wieder ersetzte, und schüttelte bedenklich den Kopf, daß er, seitdem bei diesen Berechnungen die doppelte italienische Buchhaltung eingeführt war, recht zur Erkenntniß kam, wie doch die Kraft der Natur weit schwächer sei, als die Habsucht der Menschen.

Horch! da erscholl ein feines Klingen im Gebirge; alle edleren Metalle läuteten wie Glocken und der alte Rechenmeister sprang von seinem Hauptbuch auf; denn so kündigen sich ja die Boten des Alpenkönigs an! Das Klingen kam immer näher, die Sprache der Metalle wurde immer deutlicher und endlich trat durch einen Felsenspalt ein Fremdling ein, der sich nach dem Familienhaupte umsah, ein launiger, etwas vornehm thuender Elfe, dessen Stimme mit der Bestimmtheit seines Auftrages fast im Widerspruch stand, der aber doch Folgendes zur allgemeinen Spannung vortrug:

Vom Alpenkönig einen Gruß –
Und leider mach’ es ihm Verdruß,
Daß selbst des Harzes grauer Herrscher
In Kinderzucht nicht wäre bärscher!
Was sollte wohl daraus noch werden,
Wenn aus den Schachten ganze Heerden
Von Elfen nach Paris und Wien,
Nach London und Neapel ziehn!
184 [Die literarischen Elfen.] Der möcht’ in Leipzig Kuchen essen,
Der gerne den Aequator messen,
Die will bei Musard Solo tanzen,
Die schmachtet nach Bindocci’s Stanzen.
Der Eine liebt die Schäferin,
Der Andre eine Königin,
Die härmt, als Fräulein Günderode,
Um einen „Kreuzer“ sich zu Tode;
Und machte Elfenkind Bettine
Zur Rückkehr wohl schon ernste Miene?
Wir brauchen selbst, was unser ist,
In einer Zeit, die sich vermißt,
Den Schooß der Erde aufzuwühlen,
Die Berge in die Luft zu sprengen,
Fast in die Hölle uns zu drängen,
Um ihren Erzdurst abzukühlen!
Schuf man vor Alpenkönigs Nase
Nicht freventlich die Simplonstraße?
Und munkelt es von Eisenbahnen,
Kann da ein Elfe Gutes ahnen?
Der Alpenfürst hört oft die Messe,
Giebt jetzt in’s Ausland keine Pässe.
Doch einmal noch, weil Ihr es seid,
Will er zur Gnade sein bereit!
Er liebt den Harz, die dunkeln Sagen,
Die Eure Grubengänge tragen,
Er liebt Eu’r stilles frommes Wesen,
Walpurgisnacht und Hexenbesen.
So hört! Hier sind drei Wünschelringe,
Gebt sie den Kindern auf die Reise:
Sie schenken in bekannter Weise
Den besten Ausgang jedem Dinge!
Sie mögen wie die Menschen werden,
Sich tummeln auf der weiten Erden;
Geöffnet ist des Berges Thor;
Doch Eins hält sich der Fürst bevor:
Kehrt Fräulein Speculantia wieder,
Vom Lichtglanz müd’ die Augenlider,
Ward ihr das Treiben doch zu laut;
Dann wird sie Alpenkönigs Braut!
Und sucht Speculativus später
Die kühlen Grotten seiner Väter,
Zieht ihn das Erz hinab, so ist er
185 [Die literarischen Elfen.] Des Alpenkönigs Staatsminister!
Doch um durch diese Studienreisen
Euch nicht zu schmerzlich zu verwaisen,
Und Eures Leibes Nothdurft wegen,
Und Euch in Liebe einzuhegen,
Bleib’ Euch das Fräulein Pimpernelle,
Wenn sie zurück, auf alle Fälle
Zu Eurer Pflege hier zur Stelle.

Nach diesem Vortrage, der in den Zuhörern die verschiedensten Gefühle aufregte, in Pimpernellen sogar den Schrecken, sie würde keinen Urlaub bekommen, sprangen die Kinder des Berggeistes auf und umarmten ihren Vater und wußten ihrer Lust, die neue Literatur kennen zu lernen, nicht mehr den Zügel zu halten. Ihr Vater konnte nicht mehr anders, als die Anordnung seines Lehnsherrn befolgen, weil es sonst den Anschein gehabt hätte, als wollte er ihm die Hand Speculantiens verweigern. Auch kannte er den Leichtsinn der Jugend und sagte, indem er den Ring aufsteckte und plötzlich über der Behausung Pferdegetrappel erscholl: „Da haben wir’s ja; Jeder von Euch hat seinen innern Wunsch gleich verrathen; denn was Ihr wünscht, das geschieht sofort!“ Pimpernella meinte zwar: „Nein, nein, das sind englische Familien, die den Brocken besuchen!“ „Schöne englische Familien,“ sagte der Berggeist und nahm seine drei Kinder und führte sie, nachdem für des Alpencouriers Bequemlichkeit gesorgt war, an’s Helle und zeigte ihnen die drei stampfenden Extraposten, bepackt mit allen Bequemlichkeiten. Speculantia drückte den Vater mit Innigkeit an ihr Herz und Pimpernella weinte bittre Thränen. Speculativus machte sich etwas zu schaffen, um seine Rührung zu verbergen. Die Elfen sahen der Abschiedsscene aus Busch und Baum und hinter kleinen und großen Steinen zu. Alles hätte zuletzt noch damit enden können, daß der alte Berggeist in der feuchten Nebelluft und bei seiner leichten Kleidung den Schnupfen bekam. Einmal über’s andere mußte er schon niesen. Pimpernella meinte: Nun würde sie auf keinen Fall reisen; der Vater müsse Fliederthee trinken und schwitzen; er hätte sich erkältet. Doch nahm der alte Herr ihren Reisemantel, wickelte das Kind ein, packte sie in den Wagen und gab ihr noch den Edelstein-186[Die Abenteuer des Doktor]kranz, über den sie in Ungewißheit war, ob sie ihn Uhland oder Rückert geben sollte. Indem sie darüber nachsann, daß ihr wol Gustav Pfizer darüber Auskunft geben würde, fuhren die drei Reisewagen, jeder nach der Richtung hin, welche die Geschwister wünschten. Noch lange hörten sie den alten Berggeist husten und die Metalle hinter ihnen herklingen und sahen kleine Elfen die Mützen schwenken und neben dem Wagen herlaufen und Purzelbäume schießen. Dann kamen sie in die platten Gegenden und fuhren ohne andern Aufenthalt, als um die Pferde zu wechseln, ihrem Ziele zu; Speculativus nach Berlin, Pimpernella nach Schwaben, Speculantia nach Paris.

Die Abenteuer des Dr. Speculativus in Berlin.#

Da der Aelteste der Geschwister schon so manches von der Stellung des Gedankens zum Königreich Preußen gehört hatte, so zog er vor, in Berlin im Hôtel Brandenburg abzusteigen, dessen patriotische Inschrift: „Dieu et mon roi“ ihn dermaßen rührte, daß er sich entschloß, in diesem Gasthofe nur vaterländische Mansfelder Thaler auszugeben. Staat, Kirche, Stehely, alles hatte er hier aus erster Hand; er wünschte nichts sehnlicher, als immer tiefer in das Wesen der Dinge einzudringen und seinen Durst nach Wahrheit nicht aus den kleinen Maderagläschen geistreicher Aphoristik, sondern aus vollen, tiefen Humpen unmittelbarer, seliger Anschauung zu stillen. Es mußte ihm das wahrheitsuchende Bestreben deutlich auf die Stirne geschrieben sein; denn die Kellner nannten ihn sogleich „Herr Hofrath“, wohinter doch immer schon versteckt lag, daß sein Aeußeres etwas Außergewöhnliches verrieth. Aber er hatte für nichts Sinn, als für den Mittelpunkt. Alles was man ihm Merkwürdiges vorführte, betrachtete er wie von der Sternwarte aus. Die äußere Erscheinung, selbst wenn sie noch so glänzend war, blieb ihm unter der Würde. Pressant war es ihm nun, die vorzüglichsten Repräsentanten der Berliner Gedankenrichtung, sowohl die alten Speculanten, wie die mittlern und jüngsten, kennen zu lernen. Das System und die junge Kritik, beides zog ihn mit unwiderstehlicher Gewalt an und das Herz schlug ihm, wenn er daran dachte, Worte zu hören, die ihm die Schlüssel zur Ewigkeit 187 [Spekulativus in Berlin.] dünkten. Um seinen Cursus recht von unten auf anzufangen, kaufte er sich „Dr. Mager’s Brief an eine Dame über die Hegel’sche Philosophie“. Diese Schrift, statt ihn bedeutend herabzustimmen und ihm von vornherein alle Hoffnung auf das Allerheiligste der Wahrheit zu nehmen, bestärkte ihn vielmehr noch heftiger in seinem Vertrauen auf eine objective Entwicklung des Gedankens. Hier wurde einer Dame soviel vom Eindringen in die eleusinischen Geheimnisse der Logik versprochen, daß er dachte: Was wird nun erst den Männern gehalten werden können! Die Aufgaben der Philosophie waren so stolz, so kühn, der mögliche Umfang des Wissens so bis dicht vor Gottes Thron abgesteckt, die Ideen traten so wenig durch das Organ des menschlichen Verstandes in den Vordergrund, kamen vielmehr wie von selbst, unmittelbar, wie sie im Schooße Gottes krabbelten, kurz, wie war Speculativus eingenommen! Er setzte sich in eine neue Berliner Droschke, und vergaß dem Kutscher zu sagen, wo er hinfahren sollte. Er war so in Gedanken versunken, daß ihn der Rosselenker die große Friedrichsstraße dreimal auf- und abfuhr und nachdem ihm sein Passagier zwei Mansfelder Thaler gegeben hatte, ruhig eine gedruckte Quittung, nur über zwanzig Minuten, macht fünf Silbergroschen, ausstellen konnte. Was wußte Speculativus von Droschkenstatuten? Daß er den Regierungsrath Henrik Steffens, den Dänen, besuchte, war nur eine Höflichkeitsvisite und geschah mehr der heimatlichen Kalksteine, als des Steins der Weisen wegen. Sein Vater würde ihm die Unterlassung übel genommen haben, da sein Sohn respectable Elfenkenntnisse in der Mineralogie besaß und eigentlich die Bestimmung gehabt hatte, in Freiberg auf der Akademie zu studiren. Als er Steffens besuchte, verirrte er sich erst in das Haus nebenan und las an einer Klingel: „Frau von Arnim geb. Brentano la Roche“. Ach, dachte er, wäre doch Pimpernella da; aber Bettina ist vielleicht böse, daß ich sie nicht besuche, da wir doch Elfenverwandte sind! Er sann und sann, doch nun stand er schon wieder an dem Glockenzuge von Steffens, der sich ein milchweißes Porzellanschild an der Thür zugelegt hatte. Er fand diesen berühmten Mann aus verschiedenen Gründen höchst mißmuthig: l) hatte man ihm in den Blättern eine höhere Charge zugelegt, als er bei seiner Rückkehr von einer Reise 188 [Die Abenteuer des Doktor] in Berlin auf dem Tische vorfand; 2) war heute große Tafel beim Kronprinzen und man hatte vergessen, ihn einzuladen; 3) hatte ihm eine unartige Freundin eine boshafte Kritik in’s Haus geschickt, die in Frankfurt am Main über seinen neuesten Roman erschienen war. Steffens und Speculativus kamen beide zu keiner Wärme. Dieser ärgerte sich über die Bemerkung: Man müßte doch eigentlich immer nur mit dem Bergmanns-Schurzfell des Verstandes in den Schacht der Ideen rutschen! und hatte schon die Worte auf den Lippen: Aber, Herr Regierungsrath, da komme ich ja eben her; als sein zarter Elfensinn erschrak, wie Steffens mit einem Mal von Politik zu reden anfing, dann wieder vom heiligen Abendmahl, dann wieder von dem innern Brand der Erde; aber noch nicht genug, jetzt kam der berühmte Mann, sich immer mehr steigernd, auf das nächste Ordensfest, dann auf die Heimskringla Saga; zuletzt auf Schleiermacher’s Nachlaß, die nächste Rectorwahl und die „Persönlichkeit des Christenthums“. Speculativus war froh, als er unter den Linden wieder freie Luft schöpfen und sich einem consequenten und zusammenhängenden Denken überlassen konnte.

Die eigentlichen Vorhänge des Gedankens, das wußte Speculativus wohl, sollten nun erst gelüftet werden. Sah er jedoch die Einrichtung aller dieser Gelehrten, ihre Bücherumgebungen, ihre Titel und rothen Adlerorden; ach, so wurde ihm so bange um’s Herz, und es war ihm, als säße er in einer großen englischen Spinnmaschine und dürfte sich nicht rücken und rühren, weil er entweder selbst gerädert zu werden oder fürchten mußte, daß man ihn anklagen könnte, er hätte etwas an der Maschine verdorben. Keiner war eigentlich seines Gottes froh; alle wurden sie von Nebengedanken und von Rücksichten beherrscht, die nicht zu kennen und zu entschuldigen man ein Elfe, kein Berliner, kein Mensch sein mußte. Speculativus war ein solcher Thor, daß er nicht begriff, wie man bei einem noch nicht klaren Gedanken essen, trinken, diniren, soupiren, in die Oper, auf Bälle gehen konnte. Er hätte so gern nur die Psyche dieser Gelehrten gesehen, die mit so vieler Wichtigkeit jetzt den eigentlich welterlösenden und naturöffnenden Gedanken in ihrer Brieftasche unter dem Brustfutter verborgen trugen. Er hätte so gern etwas Schwärmerisches und Seliges in den Blicken derer, 189 [Spekulativus in Berlin.] die doch wol die Seligkeit des gefundenen Himmels besitzen mußten, angetroffen und ängstigte sich darüber, daß diese Männer die Wahrheit hatten, aber die Wahrheit nicht sie, daß keiner ihrer Blicke verrieth, sie hörten lieber die Harmonie der Sphären, als die um 11 Uhr bei der Universität aufziehende Wachtparade. Der Nachfolger Hegel’s, Professor Gabler, ängstigte ihn gradezu, weil er mit diesem über eine Wahrheit, die ein Deutscher gefunden, lateinisch sprechen sollte, Trendelenburg setzte sogar Griechisch an, wo aber Speculativus nicht mitkonnte und sich gelinde schämte. Viele Andre schienen poetisch, sinnig und tief, z. B. Gans und Hotho, aber sie hatten sich mehr ein Einzelnes, wie aus einem Schiffbruch gerettet und betrachteten, wenn auch geistreich, die Schönheit und die Freiheit so sehr unter dem Gesichtspunkt der Zeit und gleichsam als die Ironie ihres ursprünglichen Hegelthums, daß sich Speculativus Thränen vergießend drei Tage lang im Hôtel Brandenburg einschloß, nicht an die Table d’hôte ging, sondern nur Hafergrütze trank. Für das eigentliche Wesen der Dinge wollten sich ihm keine Aussichten mehr eröffnen, am wenigsten, da er sahe, daß die gleich ihm Verzweifelnden doch nicht wie er fasteten, sondern der besten Dinge waren und selbst im Tode nicht besserer Dinge, als diese Erde bot, zu harren schienen. So hatte er denn schon fast den Muth verloren und dachte: Da bin ich armes Elfenkind auf meinen Erzstufen und Grubengängen doch vielleicht dem Wesen der Dinge und dem Schooß der Allmacht näher, wenn auch wie schlummernd und nicht so lebhaft wie diese! Speculativus, ein träumender Grübler, hatte nur zu viel Furcht, schon als des Alpenkönigs Staatsminister in die praktische Laufbahn treten zu müssen und sein Herz in einem Gewühl von Rücksichten oder Pflichten unter dem Schneedache des Montblanc crystallisirt zu sehen; sonst hätte er sich seine Rechnung vom Hôtelier Krause geben lassen und wäre unmittelbar nach der Schweiz gegangen, selbst wenn es mit dem Passe nach dort einige Schwierigkeiten gehabt hätte.

In dieser Lage fiel ihm ein, daß er von jungen achtbaren Talenten gehört hatte, die, mit ihren Ideen der Speculation entronnen, die schöne Literatur, besonders in geistreichen Kritiken, befruchten sollten. Wo der Gedanke, dachte er, mit der Dichtkunst in eine 190 [Die Abenteuer des Doktor] Wahlverwandtschaft tritt, o – und hier übermannte den Traumseligen schon ein Entzücken. Er sprang auf und blickte auf den nächtlich finstern Gensdarmenmarkt – ach, fuhr er selig zu sich selbst fort, da kann die Sehnsucht nach dem Unmittelbaren nicht fehlen, da kann ich unmöglich ewig hören müssen, daß der Begriff schon die Sache selbst sei. Nein, es ist noch Hoffnung da! Mit dieser Hoffnung und viel bei sich nachdenkend über die Verbindung des Gedankens mit der Schönheit, über die Grenzlinien der Natur, des Scheins und des Wesens, warf er sich den Mantel über und eilte in die Schmidt’sche Weinhandlung, im Hause des Buchhändlers Schlesinger.

Wie er in das Lokal trat, vernahm er aus einem verborgnen Zimmer einen Gesang, dem er lauschte. Er glaubte folgende Worte zu unterscheiden:

Wir sind nicht jung, wir sind nicht alt,
In Nichts etwas; doch mannigfalt!
Wir kühlen mit demselben Wrasen,
Womit wir Warmes kälter blasen.
Wir lieben nur das Gegentheil,
Das Ebne paßt uns besser steil,
Das Steile könnte ebner sein,
Das Feine grob, das Grobe fein.
Auf uns warf ihren scheelen Blick
Als zehnte Muse: die Kritik!

Und das Wort: Kritik wurde von jedem Einzelnen wiederholt, bis der Chor einfiel und mit klingenden Gläsern den Vers abrundete: Kritik, Kritik, Kritik!

Speculativus glaubte erst eine Schaar junger Hähne anzutreffen, die sich im Kikerikirufen übte. Doch trat er ein und fand, obschon das Zimmer voll Menschen war, doch noch Platz, da einige der lautesten Wortführer schmale und behende Personen waren, wie schon die Namen derselben: Mücke,*) Mayenkäfer,**) Klein, Mager u. s. w. auf keine Elephanten schließen lassen. Speculativus horchte allem, was gesprochen wurde, mit Andacht zu und entschloß sich, Einigen, 191 [Spekulativus in Berlin.] die sehr stumm waren, aber vorzugsweise als gedankenreich bezeichnet wurden, sich zu nähern und ihnen ihre Meinung über Poesie und spekulative Anschauung abzufragen. Hier vernahm er nun große Dinge. Ja, es schien fast, als wären in diesen Köpfen die Begriffe organisch, als wüchsen und blühten sie aus ihnen heraus und trügen erquickende Früchte. Da trat er, theils vom Wein, theils von Schwärmerei ergriffen, mit dem Vorschlage auf, er wollte zwei Schreibfedern hinter seine beiden Ohren stecken, jeder Muthige aus der spekulativ-kritischen Schule sollte sich darauf setzen und so wollten sie alle zusammen in den Sirius fliegen. Er könnte das machen, sagte er. Und vor Wonne über die Vermessenheiten dieser genialen Köpfe war er so wild geworden, daß er sich die Brust aufriß und wie ein junger Weltrevolutionär Sonne, Mond und Sterne escamotirte. Er wiederholte nochmals seinen Vorschlag, der dann auch von jenen, die wir schon vorzugsweise als leicht und behende kennen gelernt haben, angenommen wurde. Doch kränkte es ihn, daß sie das Ganze für Scherz hielten. Ihm war es ein heiliger Ernst, ihm lag es auf den Lippen zu sagen, daß ihnen solche Himmelsreisen nicht oft würden geboten werden; und der Kellner brachte schon zwei Federposen, die oben noch eine sanfte Fahne hatten. Speculativus bückte sich. Mücke, Meyenkäfer, Klein, Mager setzten sich auf die Federposen und hurrah! ging’s zum geöffneten Fenster hinaus, grade auf den Sirius zu. Die Zurückgebliebenen wußten nicht, was sie davon denken sollten; Einige meinten, das gäbe einen guten Correspondenzartikel, Andere fürchteten einen Unfall; aber ein witziger Kopf aus der Gesellschaft sagte: Es passirt ihnen nichts; sie haben ja den Mücke bei sich, der so viel Rettungsromane geschrieben hat!

Speculativus ärgerte sich gleich beim ersten Anfluge über die Bemerkungen, die seinen Begleitern entfuhren. Sie benutzten diesen Aufschwung zur Himmelsnähe zuvörderst nur zu einigen „literarischen Miscellen“, als sollte damit ein „Feuilleton“ gefüllt werden. Sie flogen an dem Thurme vorüber, wo Rellstab und Wilibald Alexis zusammen wohnen. Jener schnarchte sich von seinen kritischen Wanderungen durch Berlin aus, dieser schrieb schon die neunzigste Nacht an seinem Romane: „Zwölf Nächte“, der gewiß, wie Mücke aus 192 [Die Abenteuer des Doktor] Brodneid bemerkte, zum Einschlafen bestimmt war. Dann sahen sie Wilhelm Beer und Mädler den Mond beobachten. Unten im Parterre funkelte eine gedeckte Tafel zum Souper. Ideler und Nolte – wollte ich sagen Encke – waren auch in Thätigkeit, jener, um die Chaldäische Zeitrechnung zu bestimmen, dieser wollte nur sehen, wo sich jetzt sein Komet herumtrieb. Der Königl. Telegraph meldete mit großer Hast, wie viel soeben in den Rheinprovinzen die Uhr geschlagen hatte. Speculativus war froh, endlich aus den kleinen Notizen herauszukommen und stieg prächtig, wie ein Luftballon in die Höhe. Die kleine literarische Coterie wurde immer stiller und ängstlicher und beantwortete auch mit größerer Mäßigung die Fragen, die der glückliche Speculativus an sie richtete. Ach, seufzte er halb ironisch, ich glaube, wir können das Wesen der Dinge nicht erkennen! Hier fuhr Mayenkäfer zornig auf und polterte: Ha, das ist die ewige, alte Leier, die schon Haller geklimpert hat:

In’s Innere der Natur dringt kein erschaffner Geist,
Zu glücklich, wenn er nur die äußre Schaale beißt!

Schaale weiß! zum Henker! korrigirte Mager und schlug die betreffende Stelle der Encyclopädie Hegel’s auf, die er immer bei sich trug, Klein machte einige Jean Paulismen über Haller und den Zopfcharakter des Alexandriners. Mücke träumte über die Bogenzahl seines neuen Romans. Speculativus war überselig; denn seine jungen Freunde deuteten ja nun genugsam an, daß sich das Innere der Natur sicherlich finden lasse. Der Sirius lag immer klarer und schöner vor ihnen. Die Luftströmungen, die sie höher trugen, wurden elektrischer. Die Herzen schlugen heftiger, das Blut kreiste wie bei den Wonneschauern einer glücklichen Liebe. Spekulativus phantasirte: „Ach, da liegt sie unter uns, die kleine Erdkugel mit ihren verstockten Widersprüchen, mit ihren Sackgassen falscher Dialektik, ihren stinkenden Gaslaternen und allen ihren Schönheiten, die immer mit Opfern erkauft werden müssen! Neue Zeit, neues Leben – o du Sandkornwort auf dem Sandkornballe! Vom Himmel klingen uns die Sphären schon ihren seligen Gruß zu; die Ideen stehen am Ufer und warten der Fremdlinge, die da kommen, sie zu grüßen! Unter Eure Laubhütten nehmt uns auf, Eure Hände reichet uns; ach, welch ein Druck, welche Wärme, welches Gefühl! Ist es 193 [Spekulativus in Berlin.] nicht, als fielen die Hüllen von uns Körpern und von der Seele fiele der Leib und nur jener ätherische Flimmer, der, nach Paracelsus, die Seele umduftet und ihre austreibende, nach Gestaltung ringende Thätigkeit ist, wäre noch an uns und alle Sterne des Himmels könnte man durch unsere Brust flimmern sehen! Wir fühlen es ja, Gott nahe sein heißt nichts als in Liebe zerfließen, in Liebe sich baden, in Liebe zittern und selig sein, dem Ewigen gegenüber vernichtet zu werden! Meine Pulse schlagen matter, die Schwungkraft meines Körpers wird gelähmt; sterben, nichts sein, in das All verwehen, welch ein Himmel! Ich sinke, ich lehne mich wie ein Hülfeflehender an das Knie Gottes und bedecke seine Hand mit meinen Küssen, meinen Thränen!“

Bis soweit war der junge Schwärmer gekommen, als seine Phantasie auf den beiden Federposen lebhaften Widerspruch fand. Man erinnerte ihn erst mit Ruhe, dann mit Heftigkeit daran, daß das Denken Alles sei, was die Menschen erreichen könnten, und daß das Gedachte, objektiv, seinem Kerne nach, immer schon in dem Begriff mit enthalten wäre. Kinder griffen sinnlich gegen die Sterne, Philosophen trügen das Firmament im zweiten Buche der Encyclopädie, wo die Idee im Zustande des Außersichseins längst geschildert sei. Und nun möchte er aufhören, sonst würde man ihm zeigen, was Polemik von ihrer Seite wäre, und sie wollten sein Gutes nicht verkennen, aber seine Noahblößen „auch fürchterlich aufdecken“, und Meyenkäfer schreibe eine Literaturgeschichte und darum wären noch ganz andre Leute auf der Hut, vorsichtig mit ihm umzugehen und genug – die Federposen verloren das Gleichgewicht und die berliner Kritik stürzte in ihren achtbarsten Repräsentanten zur Erde hinunter.

Als den folgenden Morgen Speculativus ausgeschlafen hatte, war es sein erstes Geschäft, den Lohnbedienten des Hôtel Brandenburg zu den jungen Kritikern zu schicken und sich nach ihrem Befinden nach sieben Flaschen Leoville zu erkundigen. Die Anwesenheit eines Rettungsromantikers hatte als Fallschirm gedient. Mager rüstete sich schon wieder, seine „Genfer Professur“ anzutreten, Meyenkäfer schrieb an einem Bericht für eine mecklenburgische Zeitschrift, Klein hatte sonderbare Anfälle, in denen der gelehrte Ungar aller-194[Die Abenteuer des Doktor]hand jeanpaulisirende Aphorismen und forcirte Gleichnisse schrieb. Speculativus griff nach dem Intelligenzblatt und wußte selbst nicht, was ihm gestern geschehen war. Er las, theils um sich zu zerstreuen, theils um die Leere, die seine Brust beherrschte, mit irgend etwas, wenn auch nur mit neuen Westenzeugen, die in der Jägerstraße „beim Römer“ oder sonst wo zu haben waren, auszufüllen. Ach er war nahe daran, alle Hoffnung auf eine ideale, wahrheitsuchende Literaturrichtung aufzugeben, seine Rechnung zu bezahlen und Berlin und die Erde überhaupt mit seinem Alpen-Ministerposten zu vertauschen.

Indem er so das Intelligenzblatt flüchtig übersah, fiel sein Blick auf eine Ankündigung des Blumengärtners Bouché: Heute blüht bei mir die Königin der Nacht! (Entrée 2½ Silbergroschen.) Speculativus wurde hier von einer Vorstellung ergriffen, die ihn bestimmte, schleunigst seinen Hut zu ergreifen und einen letzten Versuch zu machen, ob er denn nicht die Kritik, wenn nicht zu Siriusreisen, doch zu einem andern poetischen Gedanken begeistern könnte. Er suchte wieder die vier namhaften jungen Talente auf, die ihm die Nacht hinter den Ohren gesessen hatten, und machte ihnen den Vorschlag, mit zu Bouché zu gehen und sich in den erschlossenen Kelch der Königin der Nacht zu setzen. Träumen wollten sie da, wie der schlummernde Goldkäfer auf der Rose, schwärmen wollten sie, nicht wie die Bienen, die nur darum den Duft stehlen, um in systematischen Zellen doktrinäres Wachs daraus zu machen, sondern wie der Schmetterling, der sich auf der Nelke wiege. Die junge Kritik sah sich verwundert an und hielt den Vorschlag für eine Allegorie. Sie gingen, da sie einmal etwas von Poesie gehört hatten, auf die Umschreibung eines einfachen Besuches bei der Königin der Nacht ein, und setzten sich zusammen in einen „Sparwalder“, der sie in die Nähe des Frankfurter Thores führte. Speculativus kam auf die Interessen der neuen Literatur zu sprechen und freute sich, daß Mücke an ihr die Phantasie vermißte. Klein hatte sich einige hübsche Jeanpaulismen abgepreßt, und das Gespräch war ungemein reizend, so lange kritische Ansichten über die Poesie ausgetauscht wurden. Meyenkäfer freilich war dabei am langweiligsten. Ehe dieser etwas sagte, streckte er sich und bediente sich gewöhn-195[Spekulativus in Berlin.]lich der vornehmen Formel: „Hierüber ist zu sagen –“! Von ihm ging auch zuerst die Bemerkung aus, ob Speculativus verrückt wäre; immer spräche er vom Schlummern im Kelche der Königin der Nacht; wir hätten jetzt „Gedankenpoesie“ und könnten uns auf das alte Flimmern und Schimmern der Romantik, überhaupt auf das Persönliche und Beliebige nicht einlassen; es käme nur noch darauf an, daß die Hegel’schen Kategorieen mit kleinen Mundt’schen Sechspfennigsträußern behängt und mit etwas veilchenblauer Seide umwickelt würden. Als die Gesellschaft bei Bouché ausstieg und Speculativus immer wieder auf sein Schlummern im Kelche der Königin der Nacht zu sprechen kam, wollten auch die Uebrigen nicht mit ihm hineingehen und sagten, solche tolle Ideen hätte wol ein Arthur Mueller, aber sie, sie wären Verstandesdichter und jetzt hier vollends vor all’ den Leuten! Es war voll bei Bouché. Eine Menge Hofräthe und Majore außer Dienst, die ihren Kaffee gewöhnlich nur in Treibhäusern trinken, saßen unter den Orangenbäumen, und die Damen, die sich noch nebenbei auf die Blumenverloosung spitzten, strickten stolz und unbefangen, denn das Notenblatt der „Musici“ ging an ihnen vorüber. Kein Tisch war mehr zu haben. Alle Stühle waren besetzt. Speculativus blieb dabei, was sie denn auch Tisch und Stühle brauchten! Er faßte die junge Kritik in’s Knopfloch und wollte sie husch! mit Gewalt in den Kelch der Königin der Nacht ziehen. Herr, fuhr jetzt Mücke, durch und durch für’s Prosaische gestimmt, auf, ich sage es Ihnen jetzt zum letzten Male, wir müssen einen hölzernen Tisch haben und was Ihre romantischen Ideen anbelangt – der Kaffee war schon bestellt und der „Marqueur“ stand ironisch da und wußte ihn nirgends hinzustellen. Speculativus zog den jungen Menschen näher und meinte, er sollte getrost die Portion Kaffee in den Kelch der Blume stellen. Die Kritik hörte das und wandte sich um und warf dem armen Speculativus einen so giftigen Blick zu, daß sich dieser hinter den Myrthen, Orangen, Granaten versteckte, immer kleiner wurde, bald nur noch wie ein Schmetterling, dann als solcher wirklich in den Schooß der Königin der Nacht flog, und in deren himmlischer Farbenpracht und ihrem Zauberduft, wie nicht dagewesen, verschwand.

Es war bei Bouché ein solches Drängen, daß die junge Kritik 196 [Pimpernellens] die Entfernung eines Genius der Poesie gar nicht bemerkte. Sie trank, da sie endlich noch einen Sitz fand, ihren Kaffee mit wunderbarer Selbstgenüge und verbrauchte mehr Cigarren, als Herrn Bouché für seine Blumen lieb war. Dann gewann Mücke in der Blumenverloosung eine Butterblume, Mager eine Federnelke, Meyenkäfer einen noch nicht ganz vertrockneten Rosinenstengel, Klein ein hübsches Bouquet, das er jedoch sogleich, wie alles, zerriß und mit Heftigkeit auf eine Kritik verstreute, die er so eben über Mundt’s Delphin geschrieben hatte.

Herr Krause im Hôtel Brandenburg wartete mehrere Tage auf Speculativus; dann ließ er ihn in’s Intelligenzblatt rücken, und als er auch da nicht zum Vorschein kam, vergriff er sich in Gegenwart eines vereidigten Justizcommissarius an den Sachen des verschollenen Reisenden. Man fand nichts als grade soviel Mansfelder Thaler, als die Zeche betrug, Hegel’s sämmtliche Werke, die als Prämiengeschenk an eines der berliner Gymnasien vertheilt werden konnten, und einige Andeutungen zu einem Werke, dessen Titel „Siriusnähe“ heißen sollte. Die junge Kritik verfolgte Speculativus mit verschiedenen Correspondenzartikeln und Miscellen; doch saß dieser längst schon zur Seite des Alpenkönigs, unter der Eiskuppel des Montblanc, im Zaubercapitol des Elfenreichs. Die Donner, die über seinem Haupte rollten, die Blitze, die ihm in die Augen zuckten, die Schneelawinen, welche vom Giebel des Alpenkönigspalastes stürzten, und dann die grünen Matten und die sanfte blaue Alpenblume: das alles befriedigte zwar nicht ganz seinen nach dem Ewigen dürstenden Sinn, doch hatte er einsehen gelernt, daß die Philosophie und die junghegel’sche Kritik nicht viel weiter waren, als der Elfe und die Natur und – noch nicht einmal so weit!

Pimpernellens Schwabenstreiche.#

Pimpernella ließ zwar als Naturkind die Postillone immer selbst in ihren Pompadour greifen und sich soviel Geld herausnehmen, als sie haben wollten; aber sie machte ihnen auch dafür zu schaffen! Da ihr das Meiste, was sie sah, vollständig fremd war, so war ihre Wagenthür immerfort im Gange. Bald wollte sie dies, bald 197 [Schwabenstreiche.] das sehen. Einem weißen Reh, das ihr über den Weg, der durch den Wald führte, lief, ging sie so lange nach, bis sie beinahe ihren Reisewagen nicht wiedergefunden hätte. Blumen, Vögel, alles wollte sie brechen und greifen, wie ein Kind, das nur immer ruft: Haben! Haben! Zuletzt wurde ihr doch der Weg zu lang und sie hätte sich gerne Gesellschaft gewünscht. Die Postillone hatten alle dasselbe Gespräch, das sich nie weiter erstreckte, als wer seit acht Tagen hier mit Extrapost durchgekommen war und wieviel lederne Hosen sie in drei Jahren zerrissen hätten. Sie konnte hier nichts Neues mehr lernen und sah erst jetzt ein, wie viele, viele Meilen Schwaben entfernt liegen müsse.

Indem sie, so in Gedanken versunken, sich ausmalte, wie wol in Schwaben Kirchen und Kapellen, Weingärten und Aepfelbäume, Blumen und Dichter ausschauen mochten, hörte sie draußen auf der Chaussée eine häßliche, krächzende Stimme singen:

’S eigentlich schmählich
Und beinah e Schand,
Ich bin nicht recht selig,
Und auch nicht verdammt!

Pimpernella rief dem Postillon, zu halten und fragte, was denn da wäre? Auch ein fürchterlicher Geruch von Knoblauch und Meerrettig drang ihr entgegen. Wer diese gräßlichen Töne ausstieße? fragte sie zunächst. Seltsam aber, der Postillon hatte weder etwas gerochen noch gehört, und meinte, es sei ja mäuschenstille; ob vielleicht der Hemmschuh klappre, oder was sie überhaupt meine?

Indem hörte Pimpernella jenen Vers ganz deutlich am Kutschenschlage, und ob es gleich ein Geruch war, wie von Leberwurst und Käse, so wagte sie doch noch einmal hinauszusehen, und stieß sich nun beinahe den Kopf an einem abscheulichen Schlingel, der eben, zerlumpt und halb betrunken, in den Wagen steigen wollte. Sie schrie hell auf, der Postillon hielt wieder an und erkundigte sich, was ihr denn sei. Ja, sieht Er denn nicht den schrecklichen Menschen? Haltet ihn doch am Rockschooß fest! rief sie. Aber der Postillon bemerkte mit Erstaunen: Um Jesu Willen, es ist ja keine Menschenseele da! Er riß den Kutschenschlag auf und fand Pimpernellen allein. Sie weinte nichtsdestoweniger und behauptete, ein schändlicher Mensch wollte 198 [Pimpernellens] mit ihr fahren und quälte sie um Essen und Trinken wie ein Wärwolf. Es ergab sich dann, während der Postillon in dem Glauben, eine Geisteskranke zu fahren, die Pferde antrieb, daß neben Pimpernellen ein Schustergesell aus Nordhausen saß, der vor einigen Jahren in der Elbe ertrunken war, jetzt aber dem Justinus Kerner’schen Zwischenreiche angehörte. Essen und Trinken können wir immer nur durch Andre kriegen, setzte der Unheimliche impertinent hinzu. Wie? rief Pimpernella außer sich. Doch nicht durch mich? Ja freilich, antwortete der ertrunkene Schustergesell, so gradezu können wir das Material freilich nicht mehr recht genießen, weil es uns wie Krüppeln geht; wir empfinden zwar unsre Arme und Beine, haben sie aber nicht mehr –! Aber ich sehe doch, daß Dir nichts abgeht, bemerkte Pimpernella schaudernd. Das freut mich eben, erwiderte der weder selige noch verdammte Geist, daraus entnehme ich, daß Du irgendwie, sei’s durch Krämpfe oder Bücherlesen oder durch hysterische Zufälle, für den Umgang mit Geistern geschaffen bist, und daß, indem ich mich Deiner bemächtige, ich noch manchen Spaß hier auf Erden treiben kann!

Pimpernella, an allen Gliedern zitternd, drehte und drehte an ihrem Ringe und wünschte den Unhold zu allen Teufeln, denen er angehörte. Aber das war’s eben; auf die Geister haben die Elfen, als Naturkinder, keine Gewalt. Der Ring brachte nichts zu Stande und Pimpernella fing bitterlich an zu weinen. Als das der Zwischengeist sahe, wurde er zornig und zerschlug die Wagenfenster, zerkratzte das rothe Saffianleder der Polster, tobte und schrie und wollte mit Gewalt in Pimpernellen hinein, wie ein andrer Unhold in die „Seherin von Prevorst“. Doch kam ihr hier ihre eigne dämonische Natur, in welche sich nichts zweites Spukhaftes einschachteln ließ, zu Hülfe. Besessen wurde sie von dem Nordhäuser nicht, aber gequält und geängstigt so, daß man in Frankfurt, wohin sie eben gekommen war, allgemeines Mitleid mit ihr empfand, und ihr den Dr. Carové anempfehlen wollte, falls sie sich wollte magnetisiren lassen. Der ertrunkne Schuhmacher ließ sie aber nicht lange verweilen, sondern sagte, sie müßten fort nach Weinsberg. Kaum hatte der Zwischenreichsbummler den Namen dieses Städtchens ausgesprochen, als die von ihm Besessene auffuhr, freudig bewegt die Hand an ihr Herz, das stärker und 199 [Schwabenstreiche.] seliger an zu pochen fing, legte und ausrief: Ja, zu eben dem will ich ja! So fuhr sie denn mit ihrem Plagegeist die Bergstraße entlang. Gleich hinter Darmstadt saßen am Wege zusammengekauert drei kleine, unglückliche Eduard Duller’sche Phantasieembryone, mit großen Köpfen, kleinen Füßen, „Kronen und Ketten“ tragend, frierend, ängstlich anzusehen. Auch hätte sie beinahe den darmstädtischen Justizrath Karl Buchner niedergefahren, der wie ein Lumpensammler mitten auf der Landstraße allen alten Plunder umkehren mußte und Glasscherben, Kupferpfennige, Papierschnitzel, alles in einen großen Notizensack packte, den er jährlich einigemal in den Hamburger Blättern der Börsenhalle auszuschütten pflegt. Von Heidelberg bis Heilbronn wurde es immer ärger mit dem Schuster. Alles rief: Sie muß nach Weinsberg! Natürlich! bemerkte Dr. Strauß, der Verfasser des Lebens Jesu, der eben an der Wirthstafel des Heilbronner Falken saß, wenigstens wird dann ein Buch über sie geschrieben werden –!

Es würde zu weit führen, wollten wir diese einfache Darstellung der Schwabenstreiche Pimpernellens in eine Novelle verwandeln. Sie kam bei Justinus Kerner an, wurde als eine äußerst bedeutende Kranke erkannt und in jenen vielfach beschriebenen Thurm des poetischen Oberamtsarztes einlogirt. Pimpernellens schwärmerische Hinneigung zum Wesen der schwäbischen Dichterschule verlieh ihr noch einen besondern Reiz; sie entfaltete in der That in den Augenblicken, wo sie der Schuster in Ruhe ließ, ein sinniges, für die Poesie empfängliches Gemüth. Sie wußte die klassischen Stellen der schwäbischen Dichterschule bald auswendig und hatte überdies durch ihren Reichthum einen Vorsprung voraus, durch welchen sie einigermaßen versuchte, die Stadt Weinsberg für den Lärm zu entschädigen, den der betrunkene Nordhäuser bei Tag und Nacht innerhalb ihrer Persönlichkeit anstiftete. Sich selbst, was sie auch durfte, für eine Thüringerin ausgebend, erschien sie bei alledem so poetisch, daß einige junge tübinger Stiftler, die zugegen waren, sogleich Gedichte auf sie machten und an Gustav Schwab schickten, der sie corrigirte und in’s Morgenblatt rückte.

Mit Pimpernellens Heilung verwickelte es sich jedoch immer mehr. Ihr Quälgeist konnte, da sie derselbe eigentlich nicht besaß, nicht 200 [Pimpernellens] recht gebannt werden. Es war hier ein eigner Fall, über welchen Eschenmayer aus Kirchheim an der Teck einige theoretische Winke schickte, die einen Band zum Druck bildeten. Der Magnetismus wirkte außerordentlich auf das Elfenkind. Es sah aber, wenn es clairvoyant wurde, nie den Himmel, sondern immer nur den Harz offen. Sie schilderte dann das Leben und Weben der Metalle mit einer Poesie, daß Kerner erstaunte, und dasjenige, was Pimpernellen im Kopf lebte, Erzbotanik nannte. Alle Schwaben bewunderten das neue Wort und priesen es in alle Lande.

Die bessere Wendung ihres Schicksals verdankte sie endlich dem Nordhäuser selbst. Der ungeschlachte Mensch wurde ihrer überdrüssig. Er mochte sie nicht länger plagen, weil er keinen rechten Einlaß in ihren Magen fand. Mehrere andere anwesende Handwerksbursche, die in Kerner’s altem Thurm ihr Zwischenreichswesen trieben, meinten, ob der Nordhäuser ein Narr sei und mit so einem theeschlürfenden Frauenzimmer verhungern und verderben wollte. Hier gäbe es aller Orten hysterische Bauerdirnen, die von dem vielen Beschwören und Predigen und Hörensagen nichts sehnlicher wünschten, als besessen zu werden; man wollte ihm eine hübsche Kundschaft zuweisen, wo er sein Glück machen könnte. Der ertrunkene Schuster, der es satt hatte, bei Pimpernellen zu hungern, gab den dringenden Vorstellungen seiner Collegen Gehör, wollte nur noch einmal in Kerner’s Stiefelgarderobe hinein, warf da noch Nachts die Stiefel und Schuhe unter und übereinander, und fuhr dann um’s Morgenroth, nachdem er Pimpernellen noch einigemal zum Aufschreien gekniffen hatte, in eine angehende Somnambüle, die sich in der Umgegend von Weinsberg heimlich vorbereitete, demnächst Epoche zu machen. Als Kerner in der Frühe seine Stiefel suchte, kam ihm Pimpernella freudig entgegen und sagte, jetzt hätte sie das Ungethüm verlassen. Kerner freute sich nur halb darüber. Die wiedererlangte Vernunft seiner Patientin war ihm nicht so lieb, als die Originalität ihres Wahnsinns.

Inzwischen waren aus Stuttgart nach Weinsberg Briefe über Briefe gekommen, die den Zustand des schwäbischen Dichters Gumal (Pfizer) immer bedenklicher schilderten. Dieser junge, talentvolle Mann hatte zwei Bände Gedichte geschrieben, die unter vielem 201 [Schwabenstreiche.] Unbedeutenden hier und da ein Gemüth verriethen, das die Erde nicht blos im Sonntagsputz, wie sie bei Uhland auftritt, sehen mochte, sondern vor dem die unschuldigen, sonnenhellen Landschaftsperspectiven mit ihren Lämmerchen und Hirtenknaben, ihren Gänseblümlein und Rittern und Jungfrauen sich zuweilen in pittoreskere Fernsichten verschoben, worüber Wolken und Gewitter hingen. Gumal war hauptsächlich zur Reflexion geneigt; aber da er die ursprüngliche Naturanschauung hatte, so konnte er leicht die Kälte des abstracten Gedankens durch eine wärmere Temperatur vergessen machen und ein genialerer Dichter werden, als ihn der Weidmann’sche Musenalmanach bis jetzt gezeigt hatte und sogar für wünschenswerth zu halten schien. Gumal neigte zum Gedanken. Gumal hatte Ideale, die zwar die Form noch von Schiller borgten, aber in eine Region streifen konnten, wo die schwäbische Dichtkunst leicht aufhören konnte, sich nur im Kleinen zu bewegen und das Positive mit Blumen zu bestreuen. Gumal fühlte manchmal den Drang in sich, einem Byron nachzustreben, und schnell veranstalteten es seine Gönner, daß er von Byron eine Uebersetzung liefern mußte, um nur sein strebsames Gemüth wieder auf etwas Unschuldiges und höchstens sprachlich Bedeutendes abzulenken. Wie gern hätten die Dichter gesehen, daß Gumal Eberhard den Greiner noch einmal besungen hätte; aber er wies dies Ansinnen zurück und reiste sogar wie Goethe nach Italien. Zurückgekehrt, machte er Miene, ein Titane zu werden. Er dichtete eine Phantasie, in welcher er den Gedanken ausführt, daß wir Griechisch leben wollen, nackt, mit Blumen bekränzt, nur dem Schönen opfernd – die schwäbischen Pfarrer und Präceptoren entsetzten sich und eilten, das Ganze für eine mythisirende Allegorie auszugeben, damit nur Gumal nicht wild würde, die Fesseln sprengte und den Candidaten der Theologie mit einem „jungen Gott“ vertauschte. Um seinen Unmuth abzulenken, ließ man den Armen den Bulwer übersetzen, schickte ihn in’s „Ausland“, das Augsburger meine ich, zu welchem er eine Beilage schreiben mußte; ja, wie Luther auf die Wartburg geführt wurde, um sicher zu sein und sich à tout prix zu mäßigen, so ließ man ihn zuletzt das Leben des Gottesmannes schreiben und sogar dessen sämmtliche Werke herausgeben. Armer, armer Gumal!

202 [Pimpernellens] Da jeder Stuttgarter und Tübinger Brief in Kerner’s Hause ein Festtagskuchen ist, so hatte auch Pimpernella alle Briefe gelesen, die Gumal’s Schicksale betrafen, hatte lange mit sich Rath gepflogen und endlich, als man sagte: Bei einer Rezension über die Georges Sand schnappt er doch noch einmal in’s Junge Deutschland über! erklärt: Ich will ihn retten! Man sah sie groß an; aber sie sagte, sie wollte Gumal’s stürmischen Geist an die kleine Wiesenblume fesseln, wollte ihn so umzaubern und die Hand auf ihn legen, wie man Maikäfer hindert, aufzuschnurren; sie gebe ihr heiliges Wort, sie wollte Gumaln der schwäbischen Dichterschule erhalten. Dabei sah sie auf ihren Ring und der schalkhafte Kerner meinte, ob sie ihn etwa heirathen wollte? Pimpernella wurde roth und ängstigte sich, was sie als Elfe alles für menschliche Verpflichtungen einzugehen in Gefahr stand, blieb aber bei ihrem Vorhaben und rüstete sich zur Abreise. Kerner’s konnten nichts dagegen einwenden und ließen sie in Frieden ziehen. Der alte poetische Thurmwächter spielte ihr noch Eins auf einem Instrument, der Maultrommel, auf dem er Virtuose war, vor; dann dankte sie für alle Liebe und Freundschaft, war aber doch froh, aus einer so unheimlichen Atmosphäre glücklich entronnen zu sein.

Als Pimpernella in Besigheim gefrühstückt, in Ludwigsburg Pferde gewechselt und endlich Stuttgart erreicht hatte, traf sie doch, obschon sehnlich erwartet, keinen von der schwäbischen Dichterschule daheim. Sie waren in die „Fildern“ gegangen, theils um Schmetterlinge zu haschen, theils um den jungen gährenden Dichter Gumal zu zerstreuen. Es war mit diesem immer schlimmer geworden; er las Hegel’s Werke und hätte Einiges, was ihm darin gefiel, gern unter Schiller’sche Verse gesetzt. Aber selbst dieser Anfang einer höhern Tendenz, in welche das Anomale hätte auslaufen können, erfüllte Gumal’s Freunde mit Schrecken; sie konnten eben das „wüschte“, „ohngeischtliche“ Gedicht nicht vergessen, worin Gumal gewünscht hatte, die Deutschen möchten, wenigstens in geheizten Stuben, manchmal wie die Griechen nackt gehen und sich mit Rosen bekränzen. Man hätte ihn gar zu gern Blumen malen und zur Guitarre singen gelehrt; eine verheirathete Dame bot sich dazu als Lehrerin an; aber Gumal nannte sich schon zuweilen einen Prometheus, einen 203 [Schwabenstreiche.] Oedipus, eine Sphinx; die Stelle in Goethe’s Briefwechsel an Zelter, die von ihm geredet hatte, ennuyirte ihn, und vor Freuden gern hätte er den „religiös-moralisch-patriotischen Bettlermantel“ von sich geworfen und sich wie die Raupe als Cocon selbst sein Kleid gewoben.

Tiefsinnig schritt Gumal unter den Freunden und Lehrern der Dichterschule, als Pimpernella mit dem keuchenden Lohnbedienten Schwarz aus dem Waldhorn athemlos ihnen auf den Fildern nachkam. In dem Augenblick, als sie sich näherte, hob Gumal etwas auf, es war ein leeres Briefcouvert mit einem offiziellen Wappen, dem Königl. Preußischen Adler als Siegel und die Aufschrift enthaltend: Herrn Dr. Gustav Schlesier in Stuttgart. Wahrscheinlich kam dies Schreiben vom Ministerium der auswärtigen Angelegenheiten in Berlin und bedauerte dem jungen Verfasser der „Oberdeutschen Staaten und Stämme“, daß der Gesandtschaftsposten in London bereits vergeben sei, vertröstete aber Adressaten, daß man bei der nächsten politischen Vacanz, ehe man entscheidende Maßregeln ergriffe, auf ihn zurückkommen würde. Als Gumal den Adler von Siegellack sahe, faßte er den Entschluß, sich von ihm wie Ganymed in den Himmel tragen zu lassen. Er breitete seine Füße aus, und da Pimpernella in einem Anfluge von Schwärmerei gedacht hatte: Ach, möchte ihm doch jeder Wunsch gelingen! und dabei ihren Ring berührte, so geschah ein Wunder. Es trat wirklich aus dem diplomatischen Siegel immer größer und mächtiger der Adler hervor, breitete die Flügel aus, hob sich einigemal und stieg zum Schrecken der Dichterschule mit Gumal in die Lüfte.

Pimpernella, über den Anblick selbst nicht wenig erschrocken, fand die Poeten in der größten Bestürzung; Gumal war ihnen mit einem Adler entflogen; er hatte einen Aufschwung genommen höher, als die schwäbische Alb. Himmel, was war nun zu thun? Es war keine Aussicht mehr vorhanden, daß die Hoffnung des Landes, die Zierde des Parnaß, Eberhard den Greiner, die reutlinger und die wurmlinger Sagen bearbeiten würde, der nächstjährige Musenalmanach war verdorben, es konnten Elemente hineinkommen, denen sich die süddeutsche Redaktion unter keinerlei Umständen gefügt haben würde; und so standen die geistlichen Herren und Präceptoren rathlos und 204 [Pimpernellens] sahen Gumal mit dem Adler steigen, bald nur noch einem Nebelflecken gleichend.

Pimpernella begriff ihre Aufgabe. Sie hatte gelobt, den Dichter seiner Schule zu erhalten. Schnell rückte sie ihren Ring, wünschte still etwas für sich und trat dann an die betroffenen Sänger heran, denen sie Jedem von Justinus Kerner einen Kuß zu geben hatte. Man war sehr, nicht über den Kuß, sondern über den richtigen Empfang der Fremden, in Verlegenheit, Gustav Schwab hätte gern einen Abend gegeben, aber Gumal – Gumal – ! Pimpernella fragte, ob sie nicht bemerkten, daß er schon wieder herunterkäme? In der That, der Fleck wurde sichtbarer, entwickelte sich immer mehr, Gumal wurde immer deutlicher, und siehe! Da kam er schon wieder, reitend nicht mehr auf einem Adler, sondern auf einem sanften, lieben, silberstrahlenden Täubchen, dem Bilde der Unschuld. Gumal lächelte selbst wie selig. Es ließ sich so rührend, so lieb an, erst zu glauben, auf einem Adler zu sitzen, der sich plötzlich in ein sanftes Täubchen verwandelte! Gumal machte ein Gedicht daraus, die Dichterschule küßte ihn dafür herzlich und die Verse standen einige Tage später im Morgenblatt.

Pimpernella wagte nicht, sich das Verdienst dieser Scene zuzuschreiben. Sie wagte es um so weniger, als sie Gumal in die allerdings mit einer Brille bedeckten, aber doch von Gemüth beseelten Augen blicken sollte. Die Frische seiner Wangen, die Lieblichkeit seines Lächelns, die Schüchternheit seiner Bewegungen, alles das nahm sie so für ihn ein, daß Menschenkenner, geschweige Elfenkenner, wie solches diese Dichter nicht waren, hätten errathen müssen, was sich in des Mädchens Busen entspann. Pimpernella brauchte mehre Tage, um sich aus den Verwirrungen ihrer Gefühle zu klaren Vorstellungen zu erheben. Gumal betrachtete sie nicht ohne Theilnahme, wenigstens so lange, als die Erinnerung an das Täubchen vorhielt. Doch, als es ihm deutlicher wurde, was sich zwischen ihm und dem Mädchen zu gestalten schien, suchte er dem Gedanken zu entfliehen. Warum? Weil er seine Poesie zu begraben fürchtete. Wieder regte sich seine Abneigung gegen solche Idyllen und Landschaftsträumereien, wie sie nur in Pimpernellen’s Vorstellungen zu leben schienen. Das Recensiren der Georges Sand hatte es ihm angethan, die 205 [Schwabenstreiche.] jungen Hegelianer in Tübingen, der sarkastische Strauß sprachen oft von Gedankenpoesie; kurz, er wurde wieder düstrer und dem Dichterwald bedenklicher. Als man ihm von einer möglichen Heirath zwischen ihm und der wohlhabenden Fremden sprach, gab er geistesabwesende Antworten und faßte nach seinem Herzen, als würde ihm das von der Trivialität des Daseins erstickt. Auf allen Wegen mußte er Begleitung haben. Pimpernella wich nicht von seiner Seite, sie suchte durch Worte zu wirken, aber oft mußte sie Wunder thun.

Gumal hatte seit einigen Tagen kein Wort mehr gesprochen und höchstens einmal eine Strophe aus Heine’s „Buch der Lieder“ recitirt. Große Betrübniß herrschte darüber unter den Zierden des Musenalmanachs. Sie suchten Gumal zu zerstreuen und luden ihn ein, auf die Silberburg zu kommen; auch Pimpernella würde dort erscheinen. Grade dies hätte ihn abhalten können, zu kommen; doch kam er. Das literarische und artistische Stuttgart war auf diesem reizenden Punkte, von welchem aus man die Residenz prächtig übersehen kann, beisammen. Da saß August Lewald und berechnete mit einem Bambusrohr im Sande den Ueberschlag einer neuen literarischen Unternehmung, den er jedoch, als ihn einige Schauspieler fragten, was er da thäte, aus Besorgniß vor Concurrenz schnell verwischte. Er gab zur Antwort: Ich zeichne den Grundriß meiner neuen Cannstädter Villa! Hier blickte Seydelmann mit Ifflandscher Rührung zu dem Verfasser des „Seydelmann und die deutsche Schaubühne“ hinüber und wischte sich eine Thräne aus den Augen, die über Lewalds Stellung im Moritz-Streite gleichsam ausdrücken sollte: Also, Freund, dahin sind wir gekommen –! Dort saßen einige Landtagsdeputirte, hochherzige Männer. Sie ließen sich von dem Dr. Krämer aus Eßlingen seine neue Menschlichkeitsguillotine erklären und im Modell zeigen. Diese war in Aussicht auf das nächstens in der Kammer zu debattirende neue Strafgesetzbuch erfunden. Einige über diesen Humanitätsexperimenten zu Grunde gegangene Gläser und Flaschen machten einige Abwechselung in der Unterhaltung der Anwesenden. Der Dr. Karl Weil sprach über Waggons, Lokomotive und Lobmotive der Agnese Schebest und Louis Philippes; Sir Francis Kottenkamp über englische Hahnenkämpfe und spanische Stier-206[Pimpernellens]gefechte; Berthold Auerbach suchte jene Grenzlinie des Gedankens, wo sich Juden- und Christenthum in der Spekulation vermählen müßten; Ernst Münch zeigte heute zum ersten Male seinen aus München angekommenen griechischen Erlöserorden; kurz, es war, wie Laube sagen würde, „ein Stück deutscher Literaturgeschichte“, das sich hier durchkreuzte und gutes Actienbier trank.

Aber die schwäbische Dichterschule hielt mit diesen sämmtlichen Männern keine unmittelbare Gemeinschaft. Vornehm sich absondernd saß sie vorn, wo man die tübinger Straße signalisiren konnte, falls etwa Uhland herunterkäme; sonst war sie gedrückt über Gumal’s Tiefsinn und Pimpernella strickte. Es schien sich in Gumal ein Entschluß vorzubereiten, der noch kühner war, als der neuliche Adlerritt. Wer den jungen Mann sah, hätte glauben mögen, er dächte wie Hamlet nach über „Seyn oder Nicht-Seyn“. Man sprach vom Wesen der Ballade und Romanze, von Eberhard dem Greiner, von dem edlen Mörung und vom Balmung, dem Wielandschwert und von einigen Fliegen und Mücken, die Karl Mayer erst gestern frisch besungen hatte, als sich plötzlich Gumal erhob, wild und scheu um sich blickte, schnell über die hölzernen Planken setzte und sich jählings vom Felsen hinunterstürzte. Es war geschehen. Jesus! schrieen sie alle auf, die Musik hielt inne, die kritischen, historischen, encyclopädischen, artistischen und Stahlstichbestrebungen Stuttgarts liefen herbei; nur Pimpernella verlor den Muth nicht, berührte urschnell ihren Ring und schuf eine merkwürdige Verzauberung, die an die Sage vom heiligen Franz von Assisi erinnerte. Gumal, statt dem Tode, den er sich selbst hatte geben wollen, verfallen zu sein und zu stürzen, fing zu schweben an. Genien flatterten aus dem Gestein hervor mit langen Rosengewinden, die sich um den baumwollenen Sommerrock des Dichters schlangen; Maikäfer, Schillebolde, stachellose Bienen, Schmetterlinge und Marienwürmchen kamen zu Tausenden geflogen und umschwärmten die Transfiguration, worauf Gumal mit staubbedeckten glücklicherweise neuen Stiefeln ruhte, hohe Malven schossen vom Boden auf und breiteten ihre Kelche aus, um den Dichter aus einer scheinbaren Entzückung und einem zufälligen Ausrutschen seines Stuhles aufzufangen. Niemand merkte einen Akt der Verzweiflung. Sanft ließ 207 [Schwabenstreiche.] sich der glückliche Unglückliche auf eine große stämmige Sonnenblume nieder und mußte es dulden, daß Engel und Genien von allen Seiten kamen, um ihm Veilchen, Jelängerjelieber, Vergißmeinnicht, ja sogar Lorbern um die Stirne zu flechten. Gumal hatte sich wie eine moderne Sappho vom Fels der unglücklich Liebenden stürzen wollen, aber die Embleme der schwäbischen Poesie, die Embleme der Unschuld und des frommen Glaubens schienen ihn gerettet zu haben, Schmetterlinge und Schillebolde. Dazu läutete die Stiftskirche von Stuttgart herüber, die Sonne ging prächtig unter, Gumal, umstanden von den auf sichern Wegen den Felsen hinabgestiegenen Freunden, war dem Leben, dem Uhland’schen Dichterwald, dem Musenalmanach erhalten. Pimpernella hätte vor Seligkeit über ihre geheime Veranstaltung vergehen mögen.

Eine geraume Zeit ging es nun mit Gumal gut. Der Musenalmanach erschien und brachte von ihm Gedichte ohne Schwung und Erhabenheit, Töne der alten Leier, einzelne Dichtereinfälle, keine Offenbarung eines tiefen, poetischen Gedankenlebens mehr. Eine Brochüre über Rückert und Uhland wurde eine gewöhnliche Parallele, eine sogenannte unparteiische Kritik, ein Schulexercitium. Ja Gumal fühlte, als er das Ding im Druck gelesen, sogar selbst, daß seine Schrift nicht tief war und daß die jetzige sogenannte revolutionäre Partei in der deutschen Literatur, gradezu gesagt, das junge Deutschland, eine solche Charakteristik tiefer erfaßt, einleuchtender ausgeführt haben würde. Er war ehrlich genug, sich einzugestehen, daß er sich zu sehr an das Ufer des Gewöhnlichen gehalten hatte und fing wieder an, in sein altes Wesen, in das Ansetzen zum Bedeutenderen, zu verfallen. Seine Freunde hatten einigemal an ihm einen Ideengalopp bemerkt, worüber sie nicht mehr schlafen konnten; er hatte sich gegen Wolfgang Menzel öffentlich einige Ausdrücke erlaubt, welche die schwäbische Dichterschule nur ganz in engsten Kreisen über die Lippen kommen ließ. Gumal hörte auf ihre Bitten, ihre Warnungen nicht; er verachtete die Taktik der Schule, daß sie’s mit dem Manne nicht verderben wollte, für welchen sie keine Sympathieen hatte. Sie hatten durch Dulden, Nachgiebigkeit, Besuche, Gegenbesuche, gute Kochkunst 208 [Pimpernellens] es dahin gebracht, daß Menzel Lenau anerkannte, Karl Mayer anerkannte, beide Pfizer anerkannte, den Musenalmanach nicht blos günstig beurtheilte, sondern sogar selbst beschenkte. Und jetzt drohte Gumal dies künstliche, aus den zartesten Fäden gesponnene Gebäude zu zerstören! Keine Bitte fruchtete. Dieselbe Zerstörung, die er früher gegen sich selbst, aus Mißmuth über den Zwiespalt seines Wollens, Sollens, Könnens angerichtet hatte, wollte er jetzt gegen Andere anrichten! Seine Freunde zitterten.

Pimpernella, die nun mit der Literatur so vertraut war, daß sie über den Reinbeck’schen Journalzirkel hätte Vorlesungen halten können, Pimpernella rieth, Gumal in seinem Zorn zu bestärken. Käme es auf’s Aeußerste, so dachte sie, könnte sie ihm ja bei irgend einem Exceß wieder beistehen. In diesem Sinn schürte sie Gumal’s Ingrimm zum heißesten Brande. Er redete sich selbst in eine Vorstellung hinein, als hieße das eigentliche Uebel, das alle unsre literarischen Parteien geschaffen hätte und über die Talente ein wahres Siechthum verbreitete, Wolfgang Menzel. Er nährte die Vorstellung von einem Faß, das man sich vergebens quälen könnte zu füllen, so lange eine kleine Ritze, durch welche alles durchliefe, nicht verstopft wäre. Eines Abends griff er im Zorn nach zwei Pistolen, hüllte sich in einen langen Mantel und rannte, selbst nicht wissend, was er wollte, der Menzel’schen Wohnung zu. Das Häuschen liegt einwärts gebaut und hat vorn einen kleinen Garten, besäet mit Kieselsteinen. Schon stand er an der Hausthür, besann sich noch einmal, biß dann die Zähne zusammen und schritt entschlossen vor. Er wollte dem Tugendhelden die falsche Maske, dem „Franzosenfresser“ die Perrücke altdeutscher langhaariger Burschenschaftelei, dem Priester den geborgten Glorienschein seines Hauptes abreißen. Jetzt aber – entfaltete Pimpernella die Kraft ihres Ringes. „Hinter Hecken und Zäunen“ lagen die Lyriker versteckt und sahen mit Staunen dem Wesen zu, das Pimpernella trieb. Sie wollte Gumal verwirren, verwirren durch eine Phantasmagorie. Als Gumal die Hausthür geöffnet hatte, prallte er zurück. Die erste der Menzel’schen Truggestalten trat ihm durch Pimpernellens Künste entgegen. Es war die Göttin der Unparteilichkeit. Sie trug nur eine einzige 209 [Schwabenstreiche.] Farbe im Kleide, die weiße, die sich nicht für eine andre Farbe ausgeben ließ. Sie hielt ein Buch in der Hand, das in der That aufgeschnitten war und nicht von der Seite gelesen. Sie blätterte nicht flüchtig, sie machte keine langen Excerpte, um den Bogen zu füllen, sondern studierte mit Eifer und Emsigkeit und las eine dunkle Stelle drei-, viermal, bis sie gewiß war, daß sie den Verfasser verstanden hatte. Dann kam die Göttin der Vielseitigkeit, ebenfalls eine Truggestalt des Hauses. Da war nichts oberflächlich, alles scharf, kantig. Sie schien aus verschiedenen Details zusammengesetzt, gab jedoch ein schönes Ensemble. Dann kamen zwei Genien: die der Nachsicht und der literarischen Liebe. Sie behaupteten, hier Hausgötter zu sein. Hierauf wurde der Qualm, der aus der Thür stieg, stärker; die Lichter schienen greller aufgetragen; wie eine Siegesgöttin wehte an Gumal die Göttin der konstitutionellen Freiheit vorüber. Diese trug sich phantastisch, aber anständig. Sie hatte einen würtembergischen Repräsentantenmantel um und statt der phrygischen Mütze eine Blondenhaube. Statt der gebrochenen Ketten, welche die antike Siegesgöttin mit Füßen tritt, zertrat diese Dame mehre Embleme der Republik. Jetzt kam der Genius des deutschen Vaterlandes, in Gestalt eines wilden Mannes, wie derselbe in mehren deutschen Wappen, z. B. dem mecklenburgischen, gezeichnet steht, eine sogenannte „tüchtige Natur“, mit Keule, Bärenfell, Eichenlaub. Hierauf wurde der Qualm so stark, daß Gumal zu ersticken fürchtete; denn bald kamen fromme Engelchöre, weiße und schwarze Nonnenzüge, singende Mönchswallfahrer, zum Beschluß der Genius des Christenthums mit der Palme des Friedens in der Hand, der das überwundene Thier der Apokalypse mit kräftiger Zehe niederhält; diese Glorie war von einer Anzahl symbolisirter Tugenden begleitet, unter welchen „sittliche Unschuld“ am demüthigsten, unbefangensten und beinahe liebenswürdig auftrat. Alle diese Truggestalten verloren sich in der dunkeln Nacht und nur ein pikanter Geruch blieb übrig, verrathend, daß hinter den Coulissen dieses erlogenen Himmels Menzel soeben Sauerkraut mit schwäbischen Spätzeln gegessen hatte. Voltaire’s Pücelle war nachher seine Abendlektüre.

Gumal, so furchtbar getäuscht, wankte taumelnd von dannen. Von diesem Augenblick an war er für die Richtung, in die ihn der 210 [Spekulantia] Zufall gedrängt hatte, mit Leib und Seele entschieden. Er schrieb in Cotta’s Vierteljahrschrift den Artikel gegen Heine, der viel Wahres, obgleich falsch ausgedrückt, enthält, und wird sicher mit Pimpernellen nächstens aufgeboten werden. Wie sie dabei ihr Wort lösen soll, zum Vater zurückzukehren – diese Aufgabe wird schwer halten. Neuer Anlaß zu Entwicklungen … Wir müssen sie abwarten.

Spekulantia in Paris.#

Eines der schönsten Häuser der Rue St. Honoré wurde von Fräulein Spekulantia bezogen, die sich vorgenommen hatte, mit Pracht und Nachdruck in Paris aufzutreten. Wenn sie auch bei ihrem zarten Sinn und ihrer empfindsamen Seelentiefe, die bekanntlich immer die Ruhe liebt, vom Lärm der Welthauptstadt betäubt zu werden fürchtete, so gelingt es doch oft der weiblichen Natur, im Gewühl der Welt durch Sammlung und etwas Zähigkeit weiter zu kommen und die Besinnung nicht zu verlieren. Spekulantia konnte, da ihr diese verständige Beherrschung der Verhältnisse eigen zu sein schien, die Dienste zurückweisen, die ihr besonders deutsche Zeitungscorrespondenten, August Traxel, von Bornstedt und Andre antrugen. Der Erstgenannte, geblendet von dem Reichthum, welchen Spekulantia entfaltete, wollte den Ankömmling in den Pariser Blättern als deutsche Fürstin auftreten lassen, als eine geborne Salm-Krautheim-Rietberg, eine Hohenlohe-Waldenburg-Schillingsfürstin oder noch umständlichere Schleizerin; dieser erkundigte sich fleißig nach ihren Spitzen, Blonden, Edelsteinen, um der Allgemeinen Zeitung darüber Bericht zu erstatten. Spekulantia wies alle Vermittelungen zurück und nährte nur den einen Wunsch, Georges Sand kennen zu lernen. Sie kannte alle Schriften dieser Dame. Sie waren ihr als das Genialste der neuern Poesie erschienen; noch mehr, sie war durch die Ideen dieser Frau in eine Stimmung des Gemüths versetzt, wo sie Trost, Belehrung, Friede nur an der Brust dieses so groß und stolz denkenden Weibes zu finden hoffte. Georges Sand hatte die Bestimmung und das Loos der Frauen zum Hauptthema der neuern Poesie gemacht. Sie hatte Seelenzustände und Pflichtverwicklungen 211 [in Paris.] gezeichnet, die von ihr in kühner, alle hergebrachten Formen verletzender Neuerung gelöst wurden. Sie hatte dem Manne nur das Genie und die Verführung, der Frau den Schmerz und die Leidenschaft zugetheilt. Die Stellung der beiden Geschlechter war aus ihren Fugen gerückt und Spekulantia schmachtete darnach, ein Weib zu sehen, das, wenn auch noch nicht die Gesellschaft, doch die Empfindungen derselben in solchem Maaße umwälzte.

Als sie bei Madame Düdevant vorgefahren war, brachte ihr der Diener, den sie für Paris angenommen hatte, den Bescheid, daß sich diese Dame nicht sprechen ließe. Spekulantia ließ sich nicht irre machen. Sie stieg aus, flog am Portier vorüber und wollte sich selbst den Weg bahnen. Die Bedienung der großen Dichterin stellte sich ihr in den Weg. Aber Spekulantia bat dringend, sie noch einmal zu melden. Wie dies die Kammerzofe thun wollte, versuchte sie ihr nachzudrängen; doch hielt sie Befangenheit von weiterer Ausführung ihres Beschlusses zurück. Es war ihr, als hörte sie einige Zimmer weiter mit einer Glockenstimme rufen: Ist sie verheirathet? Die Kammerzofe hinterbrachte diese Frage. Nein! rief Spekulantia überlaut und wie in die Vorzimmer hinein. Eh bien, hörte sie hinter der Tapetenwand, eine verheirathete Frau mag ich nicht sehen und eine unverheirathete sollte erröthen, mich zu besuchen! Dabei fiel eine Thür heftig in’s Schloß und Spekulantia wankte aus den Zimmern.

Die Kammerfrau bemitleidete die untröstliche Fremde, und sagte ihr, um ihr einen Trost zu geben, die Baronin mache es allen so. Die alte Französin plauderte eins in’s andre. Spekulantia gab ihr ein gutes Trinkgeld und da flüsterte ihr die Duenna noch: Um zwei Uhr würde sie ihre Herrschaft an der Börse sehen können! Aber in Mannskleidern!

Himmel, so war es also keine Sage! Spekulantia hatte gehört, daß Georges Sand, als Mann, auf die Börse zu gehen pflegte und dort in Staatspapieren spekulirte. Sie hielt sich die Augen zu, als sie im Wagen saß und hierüber nachsann. Doch war sie tieffühlend genug, sich die Bemerkung zu machen, daß alle schaffenden, gestaltenden Geister lieber Würfel als Schach gespielt haben. Das Genie, sonst gewohnt, jedes Ding sich selbst zu er-212[Spekulantia]werben, wirft sich mit Leidenschaft auf das Hazard, um zu sehen, ob ihm auch da der Zufall gehorche. Das gemeine Gemüth sieht im Zufallsspiele nur Gewinn und Verlust, das tiefe hingegen ein dämonisches Walten. Das Hazardspiel ist für das Genie eine Unterhaltung mit den Nachtseiten der Weltregierung. So war auch Spekulantia weit entfernt, ihrer angebeteten Dichterin das Börsenspiel mit moralischen Phrasen anzurechnen oder hinter einem psychologischen Problem eine prosaische Interessirtheit vorauszusetzen.

So kam sie denn an die Börse. Es war zwei Uhr. Den Damen war damals der Zutritt noch nicht verboten. Sie konnte sich an die Balüstrade lehnen und eine Gruppe beobachten, die in der Nähe ihre Aufmerksamkeit fesselte. Georges Sand stand, alle Welt sagte es, umringt von Frankreichs Tagesliteratur, in männlicher Kleidung wenige Schritte von ihr entfernt. Die kleine Amazone bot einen reizenden Anblick. Der Hut verbarg das hochaufgekämmte schwarze Haar; dem sammtnen Oberrock wurde es schwer, die Formen des Wuchses zusammenzuhalten; um den Hals lag ein seidnes Tuch geschlungen, lose geknüpft; die Brust war mit einer zierlich gefältelten Chemisette bedeckt, auf welcher eine Brillantnadel funkelte.

Georges Sand unterhielt sich mit den Courtiers mehr, als mit der Literatur, die sie umgab. Jene traten aus dem innern Raum der Börse an die Balüstrade und holten sich neue Aufträge, wenn sie den Erfolg der alten gemeldet hatten. Spekulantia, nur darauf bedacht, ein so wunderbares Wesen zu beglücken, wandte sich an ihren Ring, um der Spielerin einen Erfolg nach dem andern zu sichern. Die Baronin gab ihre Aufträge und die Makler, welche vorher einigemale recht ungünstige Mienen gezeigt hatten, fingen plötzlich an, lebhafter zu Georges Sand zurückzukehren und ein glückliches Resultat nach dem andern zu melden. Die Spielerin gab Käufe und Verkäufe an und kaum hatten die Courtiers ihre Anweisungen ausgeführt, so wurde eine telegraphische Depesche angeheftet, ein Bankier kam aus dem Ministerium, eine Taube kam aus Brüssel geflogen und die Baronin gewann außerordentliche Summen. Spekulantia erschrak jedoch über nichts so sehr, als über die Ruhe, wie die Gewinnende ihr Glück hinnahm. Das Hin- und Herrennen 213 [in Paris.] der Courtiers und die erstaunten, auf Georges Sand gerichteten Blicke der größten Bankiers und die allgemeine Aufmerksamkeit, die ihr in kurzer Zeit die Börse schenkte, konnte die Dichterin der „Lelia“ nicht erschüttern. Ja sie gab, um nun erst recht den Humor des Schicksals zu prüfen, in aller Ruhe Aufträge, die den telegraphischen Depeschen entgegengesetzt waren. Die Börse athmete auf; sie hoffte ihre Verluste einzuholen, sie nahm die übermäßig dem Glück trotzenden Anerbietungen an und in dem Moment wird ein Zusatz zur ersten Depesche angeschlagen, der ihren Inhalt modifizirt und Georges Sand wieder gewinnen läßt.

Spekulantia zitterte vor Erstaunen und Wehmuth über ihren alten Vater, der ihr so freundlich und willfährig war. Dann aber befremdete sie, daß sich im Antlitz der merkwürdigen Frau auch nicht eine Miene verzog, sondern daß sie, jemehr sie gewann, desto düsterer wurde. Das Bewußtsein, hier die eigentliche Zauberin zu sein, ermuthigte Spekulantia, sich durch die Feuilletonisten und Romantiker hindurch Bahn zu brechen und zu Georges Sand heranzutreten mit den Worten: „Madame, man sagt, Sie haben kein Herz!“ Georges Sand wandte sich um und entgegnete kurz: „Ich bin kein Frauenzimmer!“ und fuhr in der Beobachtung der Börse fort. Spekulantia stand im Gedränge der französischen Tagesliteratur und Herr Nisard, der so schön schreibt und so pedantisch denkt, ein Akademiker, näherte sich ihr mit den Worten: „Madame, ich habe zwar gegen Georges Sand geschrieben; aber ich bewundere seinen Styl! Er ist nicht unempfindlich gegen mein Urtheil und hat mir eingeräumt –“ – „Daß Sie ein Narr sind!“ wandte sich Georges Sand. Herr Nisard lächelte über eine bei Georges Sand so seltne Schmeichelei und fuhr ruhig fort: „Sehen sie, Madame, das ist eine seiner Originalitäten! Denn er hat mir eingeräumt, daß er überall, wo er über die Ehe geklagt hat, nur die verheiratheten Frauen verstanden hätte. Georges Sand ist nur deßhalb so ruhig über sein Glück, weil er durch ein aufgeregtes, betroffenes, excentrisches Mienenspiel sich als Weib verrathen würde!“

Spekulantia, aus Dankbarkeit für diese Erklärung, griff an ihren Finger und überreichte Herrn Nisard einen Ring (nicht den Zauber-214[Spekulantia]ring), mit einer musivischen Abbildung, über welche der glückliche Empfänger eine antiquarische Abhandlung zu schreiben versprach. Herr Merimée, romantischer Antiquitätencustos, wollte eine Novelle über den Ring schreiben, Herr Scribe ein Drama daraus machen, Herr Melesville eine Oper, Herr von Balzac einen Sittenroman, Herr Victor Hugo eine Ode, kurz der Ring ging von Hand zu Hand – der Lohnbediente hatte die „mit goldnen Schätzen versehene deutsche Schillingsfürstin in Umlauf“ gebracht – bis der Ring in die Hand eines nicht sehr großen, untersetzten, schlichten Mannes kam, der das im Ringe eingravirte Bild mit einem eignen Sarkasmus betrachtete, und zu Spekulantia auf Deutsch sagte: „Mein Gott, das sind ja Harztannen und da oben das – das ist ja das Brockenhäuschen!“

Spekulantia war außer sich, als sie im Auge des Sprechers zwar keine Thräne, aber doch die Anlage dazu entdeckte. Wer sind Sie? – Heinrich Heine! lautete die Antwort. – Gott sei Dank, entgegnete Spekulantia, nahm seinen Arm und bat den Dichter, sie aus diesem Gedränge fortzuführen.

„Sagen Sie mir, lieber Herr Doctor,“ fing jetzt Spekulantia zutraulich an, „ist es denn Ihr Ernst, daß Sie eine neue Religion stiften wollen?“ – Heinrich Heine machte ein weinerlich komisches Gesicht und meinte: „Ja, muß ich denn nicht wenigstens so gut wie Christus mein schweres Kreuz und die Sünden der Welt tragen und haben sich alle meine alten Passionen nicht beinahe in eine einzige Passion für mich verwandelt? Fürst Pückler ist in Aegypten nahe daran, Pascha zu werden; und ich muß blos ein Paschah-Lamm in Paris bleiben!“ – „Nein, nein, Heine,“ fiel Spekulantia theils mit wahrem, theils gemachtem Ernste ein; „Sie hätten, um über Philosophie und Theologie zu schreiben, wirklich noch etwas länger in Göttingen studieren sollen!“ – „Aber, Madame,“ entgegnete Heine mit einer Miene, als wenn ihm etwas wehe that, „es sind ja schon in solcher Ueberzahl Professoren in Göttingen, daß sie ihrer sieben jetzt haben müssen gehen lassen! Hätte ich was gelernt – das wissen Sie ja – dann schriebe ich überhaupt keine andern als Contorbücher!“ – Spekulantia stand still und stellte den Dichter so, daß er in ihr großes blaues Auge sehen mußte, und sagte: „Heine, Sie sollten, wenn nicht den Glauben an die Menschen, doch den an die 215 [in Paris.] Natur, die Schöpfung, an Gott wiedergewinnen! Sie sollten eine Frühlingsauferstehung feiern und wie ein Göttersohn mit flammenden Blitzen aus den höchsten Wolkenschichten niederfahren! Haben Sie denn gar nichts, wofür Sie eigentlich leben und sterben möchten?“ – Heine schlug die Augen nieder und blieb stumm. Nach einer Weile sagte er: „Es ist zu spät. Ich bin kein Sohn des Hasses, wie alle die nach mir in Deutschland aufgetauchten jungen Dichter und Denker geworden, ich bin es nicht, war es nicht, kann es auch nicht mehr werden. Was in mir die Frucht des Hasses und der Leidenschaft gewesen, das bildet den verpöntesten Theil meiner Schriften, die theologisch-philosophischen Controversen; und grade diese leitete man aus der Schadenfreude und dem bloßen Witze her. Mißverstanden zu werden, das ist die erste Entmuthigung. Die Einen verlangen von mir Philosopheme, die Andern sociale Romane und Dramen, die Dritten Lieder. Die Einheit meines dichterischen Selbstbewußtseins ist gebrochen; ich weiß nicht mehr, was ich der Welt bieten soll, seitdem sie so entgegengesetzte Zumuthungen an mich stellt. Ich schreibe, überdrüssig des Wirrwarrs, für künftige Zeiten – meine Memoiren!“

Spekulantia war ergriffen von dem Schmerz des mit sich zerfallenen und im Grunde nur am abstrakten Worte interessirten Dichters und drückte wehmüthig seine Hand. „Das erste Urtheil,“ sagte sie, „das Sie abgaben, verwandelte sich für Sie in das erste Vorurtheil. Als Sie verriethen, daß Sie denken und nicht blos dichten, da glaubte man, Sie müßten auch ein System haben. Beurtheilt er die Geschichte, sagte man, wie es in den „Zuständen“ geschah, so muß der witzige Spötter auch Prinzipien haben. Unser Publikum ist so verwöhnt und so empfindungslos, daß es die poetische Garnitur Ihrer politischen Schilderungen als etwas in Kauf nahm, was sich von selbst verstand – freilich, freilich, Sie hatten einen unüberwindlichen Rivalen, Börne, nicht als Autor, sondern als Charakter, nicht den Schreibenden, sondern den Schweigenden, nicht den Lebenden, sondern jetzt grade erst den Todten!“ – Hier erhob sich Heine mit Bitterkeit und fuhr auf: „Wer dem Grabe näher steht, als der Wiege, hat gut consequent sein! Börne durfte schon rückwärts blicken (denn was er leisten konnte, das hatte er längst 216 [Spekulantia] hinter sich); ich war und bleibe auch mein Lebenlang ein Ringender, der sich nie genug thut! Anders der, der, wie Börne, eine große Zeit, die Zeit Napoleon’s, sehen und in der Gegenwart nur Reaktion erblicken konnte; anders ich, mehr als ein Epigone, ein Sohn der Reaktion, der sich an die Zukunft wendet und den Glauben nicht lassen kann, daß sie sich aus der Gegenwart, wie diese einmal ist, neugebären müsse. Ich fühle mich im Momente und ich wüßte nicht, worauf ich, da ich noch nichts besonders Großes erlebt habe und mich nur eines Napoleon’schen Trommlers aus der großen Zeit entsinne, resigniren sollte!“ – „Sie haben recht, Heine,“ tröstete Spekulantia; „es werden Zeiten kommen, die gerechter sind, als die unsrigen! Eines aber muß ich Ihnen doch sagen: Ihre Lyrik ist mir auf der einen Seite zu beschränkt, zu eng, zu geringfügig, zu kleinen Horizontes, nicht gewölbt, hoch und Lebensspiegel genug; Ihre Spekulation auf der andern ist grade wieder zu umfassend, doktrinär, literarhistorisch, auf Studium und gelehrte Haltung eitel – für Sie als Dichter sollte es da eine Mitte geben! Könnte sich der verunglückte, ironische Professor, der plötzlich in Ihnen stecken soll, mit der kleinen idyllischen Miniaturmalerei Ihrer Lyrik vermählen, sollte da nicht eine organische, starke, gesunde Ehe zu Stande und zu wirklich poetischen, die Zeiten überdauernden Kindern kommen? Wenn Sie nicht vorangehen, überflügelt Sie die neue Schule!“ – Heine lachte laut auf und sagte: „Madame, das hat gute Wege! Diejenigen, die in Deutschland bessere Verse als ich machen, wie Anastasius Grün, Lenau und Andere, diese können nicht so schön in Prosa schreiben wie ich; und die andrerseits, die wieder allenfalls meinen Styl erreichen oder selbst einen originellen schreiben, diese können nicht das kleinste Gedicht so machen, wie ich’s früher gemacht habe. Aufrichtig, meinen Sie nicht auch?“ – Spekulantia zog ihre dunkeln Augenbrauen, als wollte sie sich besinnen, in die Höhe, lachte dann auch und gab ihm die Hand. Sie standen an ihrem Hôtel in der Rue St. Honoré. Nach einer Verabredung, daß sie sich den Abend zu Musard begeben wollten, trennten sie sich.

Heine hielt nicht Wort. Es war blauer Montag, wo zuviel deutsche Arbeiter bei Musard tanzten, die er fürchtete. Bei Spekulantia entschuldigte er sich, er hätte eine Tragödie angefangen 217 [in Paris.] und wollte nun zeigen, daß er auch ein bedeutender Dichter höhern Styls sei, nicht blos die Wonne der akademischen Füchse. So stand sie denn allein und begriff, wie schwer es ihr wurde, festen Fuß im Pariser Gesellschaftsleben zu fassen und namentlich all die Berührungen zu finden, wonach sich ihr Herz so gesehnt hatte. Der Fluch, daß sie ein Weib war, verfolgte sie überall. Handelte es sich um etwas Neues, so verwandelte es sich für sie, die kein Mann war, sogleich in etwas Geheimnißvolles; wollte sie etwas in seinem innern Zusammenhang erklärt haben, so sahen sich die Männer, die sie befragte, bedeutungsvoll an und gaben ihr eine Auskunft, die schwerlich die richtige war. Es mag sein, daß sich die Besorgniß bei ihr als fixe Idee festsetzte und sie keine eigentliche Veranlassung zu ihrem Mißtrauen hatte; dennoch verharrte sie bei dieser unglücklichen Vorstellung, daß das Moderne im Leben und in der Kunst eine Richtung eingeschlagen hätte, bei welcher gleich in den ersten Propyläen des Verständnisses, geschweige des Mitgenusses, die Entäußerung des geschlechtlichen Unterschiedes vorausgesetzt würde. Da dachte sie, die Namen der Modegegenstände, die im Palais royal zum Kaufe standen, setzten doch ebenso sehr wie die Romane, die sie sich von Barba und Renduel kommen ließ, eine vollkommene Indifferenz der Geschlechter oder wenigstens bei den Frauen dieselben Gefühle und Neigungen voraus, wie sich die Männer diese nicht nur gestatten dürfen, sondern auch offen von sich zu bekennen pflegen. Warum nicht weiter vorschreiten? Sie konnte es nicht verschmerzen, daß sie als Frau für ihren angebeteten Georges Sand keinen Werth haben sollte. Kann uns denn, klagte sie, die Emanzipation einen andern Körper geben! Wir müssen auch als schwache Kräfte gleichberechtigt sein!

Inzwischen beschloß sie, da sie so viel von Musard gehört hatte, für diesen Abend dort nicht zu fehlen. Die Kraft des Ringes stand ihr bei. Ob sie schon nicht darauf rechnete, von irgend Jemand bemerkt zu werden, war sie doch eitel genug, sich in ihren schönsten Schmuck zu werfen. Bis zu Musard mußte sie auch sichtbar bleiben; denn wer hätte sie anders und discreter an jenen Ort geleitet, als ein Fiaker? Aber am Portal des Saales – es war weit über 11 Uhr, als sie ihn betrat – drehte sie ihren Ring und 218 [Spekulantia] schlüpfte, unaufgehalten von irgend einem der Billeteure, in den hellerleuchteten, rauschenden Saal. Die arme Spekulantia! Sie bildete sich ein, unsichtbar zu sein. Die Kraft ihres Ringes reichte zu allem hin, was sie wünschte, aber nicht dazu, daß sie ein Geschenk des Alpenkönigs, grade die menschliche Existenz und Gestalt, hätte in sich vernichten können! Alle ihre Wünsche und deren Erfüllung war an diese Gestalt gebunden und ihre ganze anomale Erscheinung, ihre irdische Verzauberung hätten aufhören müssen, wenn sie einen Augenblick aufgehört hätte, ein menschliches Wesen zu sein oder zu scheinen. So wurde sie denn also gesehen. Indessen war das Gedränge im Saale so stark, daß sie ihres Irrthums nicht so zeitig gewahr wurde, und die Blicke, die man auf ihre reizende, prachtvolle Erscheinung warf, ebenso gut auch auf andere Frauen deuten konnte, von denen sie zahlreich umschwirrt war. Sie suchte einen abgelegenen Winkel, um dem Treiben zuzusehen, und doch war auch dieser, als sie ihn fand, belebt genug, um nicht aufzufallen und Tänzer anzulocken. So saß sie ernst und sinnend und forschte, den Fächer schwingend, dem Geist des Jahrhunderts nach.

Und dieser offenbarte sich auch sprechend genug in dem Charakter dieser Tänze und dieser Compositionen, welche die sinnlich erregte Menge beschäftigten. Der Industrialismus in seinen complicirtesten Bestandtheilen (Kunst, Literatur, Politik sind Nebenzweige dieses Stammes geworden) feierte hier in der That in dem Sinne den blauen Montag, als man in Frankreich von blauen Mährchen, blauen Gespenstern spricht. Hoffmann’s Teufelselixire, mit einem Fidibus angesteckt, würden in der That blau brennen; steckt doch wie Sprit darin. Spekulantia bewunderte das Dämonische und beinahe das – Religiöse in dieser wilden blauen, zuckenden Lust. Sah man den wilden Taumel der tanzenden Paare und hörte dazu eine Musik, die sich oft in zitternde Orgeltöne verlor und schwermüthiges Glockengeläute zum Baß der im Sopran wirbelnden Walzermelodieen machte, fiel dann die hohnlachende Pickelflöte mit dem boshaften unterirdischen Geisterchor aus Robert dem Teufel ein und verwandelte sich das Gewühl in eine, fast möchte man sagen transparente oder mit Kolophonium durchblitzte Orgie, fielen Kanonenschüsse in ein immer ernsthaft und stumm bleibendes Gewirr und lichteten 219 [in Paris.] es allmälig zu einem frommen Hugenottenchoral, der die Liebespaare, statt zu dämpfen, eher zum Meyerbeer’schen Haut zu! Stoßt zu! Stecht zu! begeisterte; so wußte Spekulantia nicht mehr, sollte sie diesen Anblick eine Caprice des Himmels oder eine Ironie der Hölle nennen? Sie stand auf, wild und wirr bewegt, drängte sich bewußtlos durch die lustwandelnden und ausruhenden Paare und suchte einen andern Versteck, um ihrer erregten Empfindungen Meister zu werden. Sie sah hier die Tiefe und die Gemeinheit des Zeitalters in einer bis zum Wahnsinn verworrenen Mischung; sie sah Herzen, verzehrt von Genußsucht, und wieder Gemüther, die sich schämten, Atheisten zu sein; sie klagte Niemanden unter diesem Gewühl an; sie sah nur das Zeitalter in seinem Kampf, seinen Geburtswehen; sie sah die Lüge und Bodenlosigkeit der gegenwärtigen, harpyenartig und mit Verzweiflung auf den Besitz und Erwerb gerichteten Gesellschaft; sie klagte Niemand an, als die alten Traditionen, die Vorurtheile, die im socialen Körper das Blut so fieberhaft in die Extremitäten drängten, während diejenigen, die das Herz der Gesellschaft vorstellen sollten, so matt und so kalt schlagen; sie klagte nur die Umstände und die Menschen an, durch welche der Industrialismus diese krampfhafte Erregbarkeit bekommen mußte. Waren Galeerensklaven unter diesen Menschen? Wer weiß, ob sie nicht so philosophisch sich gebildet hatten, wie Trenmor. Waren Spieler und Gauner darunter? Wer weiß, ob diese nicht mit Leoni an Liebenswürdigkeit stritten! Ach, hier erst glaubte Spekulantia jene dunkle Flamme kennen zu lernen, an welcher Georges Sand sein Frauenherz, für Frauen wenigstens, zu Asche verbrannt hatte.

Indem bemerkte Spekulantia einen etwas gebückt gehenden jungen Mann, der, grade wie sie, nur einen philosophischen Beobachter im Saale zu spielen schien. Auf seinen Mienen lag eine seltsame Mischung von Verwunderung, Ernst und Wohlbehagen; er lächelte über das, was er sah, und genoß doch weniger davon, als er darüber reflectirte. Aus den Gesichtszügen des jungen Mannes sprach sie heimische deutsche Gründlichkeit an, obschon Spekulantia erschrak, als der Fremde seine Lorgnette auch auf sie, die eingebildet Unsichtbare, richtete, und es ihr war, als käme er grade ihretwegen 220 [Spekulantia] näher. Der junge Doctor – denn dafür hätte sie ihn halten mögen – richtete sich an einige nicht unzweideutige Damen, die in der Nähe saßen, und sprach einige Worte, deren Accent ihr sogleich den Deutschen verrieth. Sie erschrak noch heftiger, als ein Germanismus Si seulement? auch ihr galt. Spekulantia, erblassend über das verrathene Incognito, würde entflohen sein, hätte sie nicht bemerkt, daß dem jungen liebenswürdigen Manne ein Medaillon aus der Westentasche glitt, das an einer Haarschnur befestigt war. Im Nu hatte sie darauf das Bild der Charlotte Stieglitz erkannt, sprang auf und fragte den betroffenen jungen Mann auf Deutsch: „Ist das doch nicht die berliner Stieglitz? Ich bitte Sie, wer sind Sie?“ – „Sie kennen mich?“ – „Nein, nein, das Bild kenne ich. – Und Sie?“ – Als sie den Namen eines bekannten deutschen – nicht Dichters – auch nicht Denkers – etwa Dichterdenkers erfahren hatte, faßte sie Theodor Mundt’s Arm, drückte denselben mit Innigkeit an ihre Brust und gab ihm die unverkennbarste Freude zu erkennen, endlich Denjenigen gefunden zu haben, der sie über die wichtigsten Interessen ihres Herzens aufklären müßte. Theodor Mundt, ganz betroffen, wollte sich ihrer entledigen und fragte verwundert: „Ma donna?“ – „Freilich, freilich, „Madonna“ habe ich ja gelesen,“ entgegnete Spekulantia, „wir haben viel mit einander zu sprechen, kommen Sie nur, Doctor!“ Und damit zog sie Semilasso junior („Weltfahrten“ waren eben von ihm erschienen) quer durch eine Cachucha aus dem Saale fort zum lebhaftesten Ideenaustausch.

Am Morgen nach dieser Begegnung mit einem der vorzüglichsten Repräsentanten der neuen Gedankenpoesie war Spekulantia sehr niedergeschlagen. Sie hatte nicht geahnt, daß alles das, was unserm Theodor so viel Muth gegeben hatte, ihr den ihrigen so sehr nehmen würde. Sie hatte einen Eindruck bekommen, der nicht regelloser sein konnte. Das Neue und Emanzipative an Theodor war vortrefflich; sie fühlte, daß es mit einer gewissen Wahrheit aus dem Gemüthe so durfte geboren werden, wie es Theodor aussprach; aber sie bemitleidete seinen unhistorischen Sinn, der nirgends seine Empfindungen an etwas in Wirklichkeit Vorhandenes, geschweige an die Menschennatur anzuknüpfen verstand. Sie sah nichts als bunte 221 [in Paris.] Phantasmagorie, blauen Dunst; dergleichen malte ihr Theodor als Morgennebel der Zukunft aus. Theodor hatte Sinn für den Briefwechsel zwischen Goethe und Zelter, allerdings etwas Factisches, aber die politische Richtung des Zeitgeistes verstand er ebenso wenig, wie die gegenwärtige Politik des Ministeriums, wie die Stellung der Parteien in Frankreich und England, wie das eigentliche Feuer, das einem Lamennais das Herzblut sieden gemacht hatte, wie die Stellung und Lage der untern Klassen, ihre Wünsche und ihre Bedürfnisse. Indeß, dachte sie, wenn nur aus dem, was der Mann vom Neuen wegbekommen hat, ein Ergebniß für die Poesie entstünde! Wenn dies neue Georges Sand’sche Element in einer kecken, entschlossenen und entsagenden Auffassung des Lebens bestünde und nicht in dem Hinführen gewöhnlicher und lahmer Erfindungen auf einen gewissen Punkt, wo sich plötzlich der Schulmeister der Handlung bemächtigt und der Dichter meilenweit zurücktritt! Ach, sagte sie sich, ihre zerspringen wollende Brust haltend, Georges Sand – weil die geniale Frau den Winter nicht ertragen mag, so treibt sie im Treibhause ihrer Phantasie einen Frühling von so brennenden und stolzen Blumen. Aber Theodor!? Sie meinte diesen Schüler dagegen, dieser hätte den modernen Stoff in seine Adern und Blutgefäße nicht im verflüchtigten Zustande aufgenommen; seine socialen Theorieen wären ihm eben in der Poesie nur Theorieen, die es abzuhandeln gälte; er wollte aus Georges Sand, die in Frankreich ein Phänomen war, auf das sich ja Niemand fest verließ (da es dem genialen Weibe einfallen konnte, plötzlich alle ihre socialen Doctrinen umzustoßen, wenn sie z. B. einen Mann fände, den sie unaussprechlich liebte, und der stärker und weltbezwingender war, als sie –), also sie meinte, Mundt wollte aus diesem isolirten Phänomen in Deutschland sogleich eine Schule stiften und jeden hohlen Kopf begeistern, der von sich gesteht, daß er zwar keine Romane, wohl aber „sociale Romane“ schreiben könnte! So grübelte sie fort und verleidete sich innerlichst die Ansichten eines gewiß talentvollen jungen Mannes, der als Kritiker ebenso kurzsichtig dasteht, wie sich derselbe als Mensch durch stillen Humor und ein wunderschönes dunkelbraunes Haar auszeichnet.

Theodor hatte Champagner, Eis und Biscuit geben lassen. 222 [Spekulantia] Man war auf den Tod der Stieglitz gekommen. „Eine Kulturtragödie!“ hatte er gesagt. – „Nein, ich bitte Sie,“ entgegnete Spekulantia, „machen Sie die Welt nicht confus! Gestorben ist sie aus Mangel an Liebe. Ihr hattet hundert Redensarten für sie, und nicht einen einzigen warmen Händedruck, nicht einen Kuß! Ihr habt sie zu Tode gemartert mit Eurer Mannesschwäche und wußtet nicht, daß es Mannespflicht ist, zu geben, sich aufzuopfern und des Weibes Herz zu entflammen, statt, wie Ihr gethan habt, die Rollen umzutauschen und vom Weibe zu verlangen, daß sie handle, daß sie sich opfere! Es ist mit den modernen Ideen eine schöne Sache, aber kommt nicht dabei Liebe in’s Spiel, so sind sie für uns dürres Holz. Liebe, Zärtlichkeit mußte die Stieglitz mit den Ideen mitbekommen; der Trank aus dem bezaubernden Becher des Neuen mußte nicht nüchtern machen, sondern berauschen, und die Leidenschaft mußte folgen. Es giebt keine Annäherung an Gott ohne Zunahme der Liebe, und es ist ganz gleichgültig, ob die Frau diese Liebe beim Manne oder beim – Freunde fand. Ist eine Frau erst aus den Fugen ihrer Begriffe, dann wird man ihr auch das Herausrücken aus den Fugen der Sitte nicht mehr anrechnen, wenn nur die Liebe ihre Entschuldigung ist und diese sie unter allen Umständen treu begleitet.“

Theodor hatte nichts dagegen einwenden können und mögen, weil ihm der Gegenstand schmerzlich war. Er wäre lieber auf Rahel Varnhagen gekommen und hatte auch gesagt, in den Briefen dieser Frau wären Andeutungen enthalten, die eine Veränderung unserer socialen Zustände voraussagten und sie wäre in so vielem eine hellsehende Prophetin gewesen. Spekulantia erwiderte, es sei etwas Zufälliges und mit der Zeit in geringem Zusammenhange Stehendes, wenn eine Dame in ihrem betagten Alter, im Winter ihrer körperlichen Reize, unter Verhältnissen, die noch nicht ganz gelüftet sind, an Allem, was einmal Geltung hat, rüttelte; um so mehr, da Rahel den Trieb hatte, zu philosophiren und die erste Operation des Denkens ohnehin im Aufstellen von Gegensätzen und formellen Negationen bestünde; und noch um so mehr, als Rahel bei ihrer Geistesschärfe nie zum Gedanken, sondern immer nur zum Denken gekommen wäre, da wenige von ihren Urtheilen 223 [in Paris.] richtig und zutreffend seien, hingegen fast alles die Wahrheit um einige Linien verfehle, sodaß die Frau, wenn man lange in ihren Briefen liest, mehr ermattend als belebend wirke, mehr Dunkelheit als Licht um sich verbreite. Ferner hatte Spekulantia den Einfall zu bemerken, sie kenne nur zwei Versuche, die Stellung des Weibes zur Spekulation zu bezeichnen, jenen, wo eine Wally stirbt, weil diese die alte Bildung, das traditionelle Material derselben nicht begreift, und diesen, wo eine Stieglitz stirbt, wie es von Theodor wenigstens versichert wird, weil sie die neue Bildung nicht begreift. In beiden Fällen müsse sie aber erklären, daß die wahre, ächte, rechte Liebe gefehlt hätte, die, die unter allen Stürmen und Zweifeln immer die siegreich thronende bliebe, und von welcher sich die Stärkste überwinden ließe, wenn sie nämlich keine – Närrin sei!

Man störte in der Nacht die Beiden nicht. Man hielt sie für ein Paar, dem man einen Gefallen erwies, wenn man es einsam ließ. Nein, hatte die muthige Elfentochter gesagt, geben Sie, was sich gegen unsere Sitte auflehnt, aber geben Sie’s als einen schönen Organismus, der sich in Ihrem Dichtergemüth gestaltet hat; dann haben Sie nicht nöthig, erst die Umwälzung unserer Sitten vollbracht zu wünschen, ehe Sie gewiß sein wollen, für einen Dichter gehalten zu werden. Goethe schrieb seine Wahlverwandtschaften, ehe noch der St. Simonismus entstanden war, und die Menschen begriffen ihn. Das Auflehnen gegen die hergebrachte Ordnung ist immer dagewesen, wie es immer Nacht- und Taggedanken in der Culturgeschichte der Menschheit gegeben hat, und wenn wir jetzt reicher an Gedanken sind, die nur wie die Nachtviolen am Mondenlicht ihre Kelche öffnen, so sollten wir nicht verdammen, was am Tage, am Sonnenlicht, immer für gut und wahr gegolten hat. Es handelt sich um eine Stimmung des Zeitalters, nicht um eine Umwälzung. Unsere Gefühle kommen aus einer erhabeneren Tonart als früher, sie kommen aus Es-dur, aber nicht von andern Instrumenten und andern Contrapunkten. Diese müssen ewig die alten bleiben und die Frauen bleiben’s auch!

Waren es die Wirbel der tanzenden Paare, war es der Champagner gewesen, der Berliner junge Doctrinär that plötzlich die Aeußerung: „Jedes bedeutende Weib muß heute mehr oder weniger Courtisane 224 [Spekulantia] sein!“*) Das empörte Spekulantia. Ihr Auge blickte unheimlich und schleuderte Blitze, auf welche in der That fernher rollende Donner folgten. Das Zimmer wurde dunkel, ihre Gestalt richtete sich hoch empor, mit wilder Ironie lachte sie einigemale auf und war dann stolz und hehr, wie eine Seherin, aus dem Saale geschritten.

Theodor aber war eingeschlafen und erwachte auf einem Kehrichthaufen, wo derselbe nichts als Geschriebenes fand: „Memoiren der Gräfin Hitzenplitz“ – ein Briefwechsel mit Goethe, den die Gräfin in zartester Jugend mit dem Dichter des Werther geführt hatte. Welch’ ein Beitrag zur Literaturgeschichte! rief Theodor selig aus. Er griff weiter. „Tagebücher der Lea Itzig von Itzigheim“ –! „Lea,“ rief Theodor, „Lea war eine durchgeistigte Natur, die mit den Begründern der romantischen Schule, Schlegel und Tieck, in zarten Berührungen stand, später in Meseritz und Märkisch Friedland ein Haus machte, wo sich die ausgeschnitztesten Charaktere begegneten, und endlich auch am Aachener und mehreren Teplitzer Congressen eine bedeutende Rolle spielte.“ Ferner: „Correspondenz der Gräfin Chateaumargot-Bocksbeutel“ –! „Ha, eine Nichte des Fürsten von Ligne!“ rief der treue Schüler Varnhagen’s. „Verheirathet gewesen an verschiedenen europäischen Höfen, inspirirt von allen Geheimnissen der europäischen Diplomatie, geschmackvolle Kennerin der französischen, italienischen und russischen Literatur, Bewundrerin der Goethe’schen Farbenlehre, eine Fundgrube für die Biographie des vorigen Jahrhunderts!“ Kurz Memoiren von Peter, Kunz und Hinz, die Alles mitgemacht hatten von Goethe’s Geburt bis auf die neuesten Wirren, die bei allem Großen, was geschah, allem Bedeutenden, was gesprochen wurde, immer zugegen gewesen sein sollten, ja die sogar, ob sie gleich nur Staatsmänner, Diplomaten, Hutmacher, Strumpfwirker, Hoffiscale, Jüdinnen, Generalagenten waren, doch die ausgebildetsten, feinsten Persönlichkeiten vorstellten – das alles schwamm um Theodor herum und verbreitete eine so selige literarhistorische Atmosphäre, daß der „Weltfahrer“ hinsank und unter diesen unermeßlichen Schätzen, an die Freunde in Berlin und Leipzig denkend, 225 [in Paris.] die hier Arbeit bekommen würden, sanft und lächelnd nach Haufe wallte.*)

Spekulantia erhielt von Georges Sand folgendes Billet: „Madame! Ich habe gehört, daß Sie mich nicht aus Neugier zu sprechen wünschten, sondern daß Sie, getrieben von der Unruhe Ihres Herzens, nach Paris gekommen sind und in dieser gottlosen Stadt beichten und absolvirt sein wollen. Sie sind, wie ich von mehren Seiten gehört habe, über die Geschlechts-Indifferenz im Zweifel, welche die moderne Literatur bei ihren Lesern voraussetzt. Ich gestehe Ihnen, daß ich nicht im Stande sein werde, Ihnen eine Theorie über die moderne Poesie zu geben; was ich allein kann, sind Geständnisse, die ich als Weib in Ihr gefühlvolles Herz niederlegen will. Kommen Sie, damit wir des Geräusches der Welt überhoben sind, heute Abend um 10 Uhr auf die zweite Balüstrade der Kirche Notre-Dame. Die Beamten der Kirche werden uns ein- und allein lassen. Georges Sand.“

Als die Nacht hereinbrach, rüstete sich Spekulantia zu dem abenteuerlichen Stelldichein auf Notre-Dame. Sie fuhr dicht vor dem wunderbaren Baue vor, an dessen Eingang sie der Küster schon erwartete und sie auf den Ort des Stelldicheins begleitete. Der Mann sagte: „Nächtliche Promenaden auf Notre-Dame sind nichts Seltenes in Paris! Hier findet man das halbe Mittelalter beisammen und unten das menschliche Elend!“ Er meinte die Morgue und das große Krankenhaus. „Der andere Herr ist schon oben!“ setzte er hinzu. – „Also Herr!“ seufzte Spekulantia.

Inzwischen waren sie wieder mehre hundert Stufen gestiegen und traten auf eine Balüstrade, die zwar nicht die höchste war, aber doch dicht jene Glocke über sich hängen hatte, auf welcher Quasimodo geritten. Der Küster ließ das Paar allein, und der Anblick des zu ihren Füßen liegenden Paris mit den Tausenden von Lichtern, mit den flimmernden Streifen, die im leichten Abendnebel die Züge der Straßen andeuteten, mit einem Gewühl, dessen dumpfes 226 [Spekulantia] Brausen selbst noch in diese Höhe hinaufreichte, ließ sie kaum die ersten Begrüßungen des geliebten Gegenstandes, der ihrer schon harrte, sogleich verstehen. Endlich verstand sie, daß der junge hübsche Herr sagte: „Glauben Sie nur nicht, Madame, daß ich Sie deßhalb hierher eingeladen habe, weil ich mir einbilde, die unermeßliche Erhabenheit dieses Anblicks sollte etwas Charakteristisches für mein Leben, meine Dichtung oder unser Zusammentreffen sein! Nein, ich gestehe Ihnen, daß mir die Schwärmerei eines Victor Hugo und überhaupt all die poetischen Intentionen, die sich an diesen Namen knüpfen, kalt, gemacht, ja ihrer innern Unwahrheit wegen gefährlich erscheinen – gefährlich für die Menschen, die sich in diesen künstlichen Phantasmen und Uebertreibungen des wirklichen Daseins nicht wiederspiegeln können und sich von solchen Poesieen nur in die Eldorado’s der Narrheit tragen und schaukeln lassen. Nein, ich bin Weib genug, um mich hier oben fürchten zu können. Ich gestehe Ihnen, daß mein Sinnen und Denken immer im Geräusch der Welt, wie diese ist, verweilen muß, und daß ich, wenn ich auch die Richtung habe, zu den Sternen emporzublicken, doch nicht von ihnen herabblicke. Um mich Ihnen recht als Weib und Sünderin zu zeigen, führte ich Sie hierher. Hier haben wir keine Folie und sind zwei arme, hülflose, bange Geschöpfe, zwei – Frauen!“

Für Spekulantia war jedes dieser Worte, die Georges Sand gesprochen hatte, Musik und erfüllte sie mit stummem Entzücken. Sie wußte nicht, wie sie ihrem gepreßten und nun so seligen Herzen Luft machen sollte; ein Händedruck war Alles, was sie bis jetzt über sich zu gewinnen vermochte.

Georges Sand nahm wieder das Wort und sagte: „Glauben Sie denn, daß die Frauen unter sich eine Kette bilden sollen, wo ein Individuum dem andern verpflichtet ist?“

Spekulantia antwortete: „Aber die Männer bilden doch eine – !“

„Ja,“ fiel Georges Sand ein, „sie bilden mehr als eine! Denn ihre Interessen sind oft so gleichartig, daß sie unter denselben Bedingungen zu stehen und zu fallen scheinen. Der Staat, die Gesellschaft, die Wissenschaft nimmt sie in Anspruch; die Frauen nimmt aber nur die Liebe in Anspruch ....“

Daß Georges Sand, die soviel geliebt hat (ich meine damit: 227 [in Paris.] Ist nicht jeder Dichter immer selbst der Held oder jede Dichterin die Heldin ihrer Dichtungen und empfindet in der Phantasie alle Freuden und Leiden der Erfindung so wahr, wie in Wirklichkeit?), bei diesen Worten noch erröthen konnte, wie Spekulantia beim Leuchten einer fallenden Sternschnuppe bemerkte, machte diese glücklich; doch mußte sie entgegnen: „Wenn die Liebe das einzige Gesetz ist, so ist doch ein Gesetz da, und mit ihm eine Regel, die sich überall gleich bleibt ...“

„Ach,“ fiel Georges Sand ein, „definiren Sie die Liebe nicht! Sie ist, wie die Religion, kein Begriff, sie kann nur empfunden, nie beschrieben werden! Nur hat sie das Eigene, daß sie die Frauen – trennt ...“

„Doch nicht in der Schilderung?“ rief Spekulantia. „Da erkennen wir uns Alle in Einer Liebe wieder! Da glauben Sie nur nicht,“ lenkte sie ein, „daß ich vom Dichter eine moralische Berechnung seiner Werke verlange –“

Georges Sand antwortete: „Ich schildere ja nur die unglückliche Liebe. Wer würde diese zum Muster nehmen? Für die glückliche giebt es der beruhigenden Poeten genug.“

Spekulantia meinte lächelnd: „Freilich schildern Sie nur den Schmerz, aber warlich dieser Schmerz ist die größte Freude, die man empfinden kann. Wer möchte nicht mit Ihnen lieber unglücklich, als mit Ariost oder gar mit Madame Sophie Gay glücklich sein?“

Georges Sand stand auf und lehnte sich mit Spekulantia über die Brüstung der Gallerie. Ernst war der Ton ihrer Stimme, als sie sich äußerte: „Ueber Zweck und Ziel der modernen Poesie giebt es keine Einigung! Es ist eine Revolution, eine Krisis, wie Sie’s nennen wollen, und jede Einmischung einer Theorie würde wie ein unpassend zugemischter Stoff bei einer chemischen Gährung nur die schrecklichsten Folgen haben können. Läßt man der Entwicklung nicht freien Raum, so zwingt man die Dichter, auf dem, was Momente ihrer Auffassung des Zeitgeistes sind, einseitig zu beharren und jene abscheulichen Theorieen abzuschließen und zu fixiren, welche einige hirnverbrannte Philosophen a priori aufgestellt haben und durch die Erzeugnisse der modernen Poesie zu bestätigen ver-228[Spekulantia]suchten. Es wäre warlich den dürren Theoretikern willkommen, wenn sie ihre kahlen Schädel mit den Blumen der Poesie, die sie von andern Beeten pflückten, zieren könnten. Indessen, es ist keine Hülfe da, die Revolution des poetischen Gedankens muß ihre Stadien durchlaufen und ich bin gewiß, daß dafür gesorgt ist, daß kein Baum in den Himmel wächst.“

„Wissen Sie, Madame, welches jetzt die Mission der Frauen ist?“ fuhr Georges Sand nach einer Pause fort. „Diese grade sollen sich wie das Schlinggewächs an die Männer ranken, damit selbst die zerfallende Ruine nicht ohne den Schmuck des liebenden Epheu bleibt. Grade die Frauen sollen der Ariadneknäul sein, den die Männer in die Labyrinthe des modernen Lebens nehmen, damit sie, sicher vor den Minotauren des Egoismus, sich wieder aus ihnen herausfinden. Grade die Frauen sollten bestimmt sein, gegen den Egoismus der jetzigen Epoche die Thatsachen des Herzens, der Aufopferung und Liebe, geltend zu machen. Dann müssen sie aber auch den Männern überallhin folgen. Sie müssen ihnen nicht nachsehen, gleichsam wie die Gattin vom Gemsenjäger scheidet und ihm, der bald um die Ecke eines Felsens verschwinden wird, nur noch mit dem Tuche winkt und dann vor einem Muttergottesbilde nur für ihn betet; nein, sie müssen ihn auf seinen Klippenfahrten begleiten, müssen bei der Gefahr selbst mit zugegen sein und die Wacht halten, wenn sich der Ermüdete im Grase ruht! Madame, wenn wir Frauen die Zügel der sittlichen Ordnung in Händen behalten wollen, müssen wir, um die Männer widerlegen zu können, sie vor allen Dingen verstehen, müssen uns in die Geheimnisse ihres Denkens und Fühlens einschleichen, müssen ihre Sprache reden lernen und uns für das Außerordentliche, wonach alle Männer der Epoche trachten, empfänglich machen. Wir müssen sogar da, wo die Empfindungen der Männer stocken, wo sie sich der erblassen machenden Sumpfluft des herzlosen Erwerbes, dem Materialismus aussetzen, sie überflügeln und auf unsre Wangen den Abglanz einer idealischen Welt fallen lassen, für welche die Egoisten, Erwerbsleute, Männer der Börse, der Eisenbahnen, sich verschließen. Wenn es eine Emanzipation der Frauen giebt, so ist es die, daß sie sich einen goldenen Schmuck, der ihre Stirn zieren könnte, nicht rauben lassen, daß sie 229 [in Paris.] jenes Scepter der Gesellschaft, das ihnen die moderne Bildung seit einem Jahrhundert überantwortete, nach wie vor in den Händen tragen. Verzweifeln Sie nicht an der Masse aufgewühlter Widersprüche, an der abenteuerlichen Erscheinung des Neuen, was ja sobald wieder veraltet sein wird, an den fortgeschwemmten Marksteinen der alten Sitte und Gewohnheit! Wenn sich unter solchen Umständen auch nur mit großer Schwierigkeit Grundsätze für das Allgemeine aufstellen lassen, so werden sich doch grade die isolirten Individualitäten desto freier, schöner und origineller entwickeln können und werden nie weitergehen, als die Fesseln der Liebe gestatten. Es ist jetzt jeder Frau ein hohes Ziel gesteckt. Die Literatur ist der bequemste Ausdruck dieses Zieles. Und kennen, entschuldigen, richtig verstehen, ah, Madame, das ist für jede Frau eine unerläßliche Aufgabe; während alle die, welche zurückbleiben, nicht zählen und von uns verachtet werden sollten, wie jene Spartanerinnen, die unfruchtbaren Leibes waren.“

Spekulantia, gefesselt vom Klang dieser Worte und dem Sinne derselben nicht abgeneigt, verlor sich in ein träumerisches Sinnen und sagte vor sich hin: „Was ist das alles für mich? Ich bin ein Elfenkind und kehre zu den Meinen zurück!“

Georges Sand hörte dies und lachte: „Ein Elfenkind? O, so bitt’ ich Sie, drüben in der Rue Coq Heron ist das Bureau des Journal Le Monde; verschaffen Sie meinem guten Lamennais 6000 Abonnenten auf sein Journal!“ Spekulantia sah sie an und griff an ihren Ring; doch Georges Sand fiel scherzend ein: „Nein, nein, nein, nicht durch Zauberei! Es soll freier Entschluß sein, damit wir einen Barometer haben, wie reif die Welt für unsre Welt ist!“ Und Spekulantia konnte froh sein über diesen Dispens; denn ihr war es gegeben, Geld zu schaffen, aber nicht Menschen, die es zahlten; sie konnte Erfolge zaubern, aber keinen Willen, keine Entschließung.

„Nun, eine andre Probe!“ sagte sie zu Georges Sand; und die Dichterin, um sie beim Wort zu halten, sagte, ihre gute Laune und ihr Herz verrathend: „Lassen Sie mich Franz Liszt hören, wie dieser eben in Mailand Beethoven spielt!“

Kaum hatte sie das gesagt, als sich über ihnen leise die große 230 [Spekulantia] Glocke Quasimodo’s zu bewegen anfing und über die metallenen Wände derselben ein melodisches Flüstern streifte, wie Aeolsharfenklang. Es war, als flatterten tausend Schmetterlinge um die Glocke und verursachten schon durch die sanften Erschütterungen, welche sie der Luft gaben, ein leises Klingen in dem Metall, das sich bald als wohlgefugte Melodie zu erkennen gab. Georges Sand stand wie betäubt. Sie hörte deutlich das Klavierspiel ihres Freundes, seine schwärmerischen Capriccio’s, sein Adagio, seine Notenhumoresken, die nur er, kein Anderer ihm nachspielen konnte. Dazu erleuchtete sich allmälig der Thurm durch links und rechts aus dem alten Bau aufschießende Raketen; Leuchtkugeln stiegen in die Nachtluft und senkten sich oben in hellglänzenden Funken, allmälig zerspringend, aber immer wieder von neuem abgelöst, hernieder. Tourbillons schnurrten dazwischen, blauweiße und gluthrothe Lichter zuckten um den stolzen Dom und, bezaubert von den wunderbaren Klängen der leise bewegten Glocke, geblendet von dem Schimmer der Girandolen, die wie Feuergarben aus den Spitzbögen unter ihnen aufschossen, sanken Beide, Spekulantia und Georges Sand, ohnmächtig zurück und entschlummerten in der bewältigenden, wie Musik klingenden Nachtluft.

Als Spekulantia erwachte, lag sie auf ihrem Ruhebett im Hôtel und wußte nicht, ob sie an etwas wirklich Erlebtes oder einen Traum glauben sollte. Hatte ihr die heiße Sehnsucht, die sie für den größten Dichter des jetzigen Frankreich empfand, diese Täuschungen vorgespiegelt? Sie sah um sich; auf dem Tische lag kein Billet. Sie erhob sich und sah auf die Straße; es war früher Morgen; niemand ließ sich schon für sie erblicken. Sie fühlte sich so wenig in dem Zusammenhang dieser Welt, daß sie beschloß, das Erwachen der großen Stadt nicht abzuwarten, sondern ihre menschliche Hülle von sich zu werfen und, wie ein Gedanke, sich an die Brust des Königs zu werfen, der sie zur Braut begehrt hatte. Sie verließ ihre Wohnung und betrat die noch stillen, vom Nachtthau feuchten Straßen von Paris. Ach, es wurde ihr schwer, sich auf die dunkle Geisterbrücke zurückzuziehen, die sie in’s halbschlummernde Leben der Natur heimführte. Die Thränen standen ihr in den Augen und wo sie auf ihrer einsamen Wanderung an etwas kam, was sie 231 [in Paris.] fesselte, faltete sie die Hände und erflehte über die Erde und alle Welttheile und Europa insbesondere und über die Geburtswehen unserer Epoche den Segen des Himmels. So kam sie an die Quai’s der Seine. Als sie einige derselben durchschritten hatte, erblickte sie ein Weib, das am Gitter des Flusses auf- und abging, zuweilen in die dunkeln Wogen sah, stillstand und sich krampfhaft am Eisen des Gitters festhielt. Sie bemerkte kaum Spekulantiens Annäherung und antwortete zuletzt auf deren Frage: „Wer sind Sie?“ mit einem dumpfen, todten: „Une prolétaire!“ und auf die Frage: „Ihr Name?“ – „Amélie Vicomtesse de St. Jean d’Angely Millevoie, Redactrice en Chef du Journal: l‘Emancipation des Femmes“. Betroffen von dieser Begegnung ging Spekulantia einige Schritte vorwärts, und da ihr der Gedanke durch die Seele fuhr, daß die Aermste vielleicht Noth litte, und sie sich eben wieder umwandte, sah sie, wie sich die Frau, die schnell über das Gitter gestiegen war, in die Seine stürzte. Der Schreck über diesen Anblick gab ihr den Wunsch ein, mitzusterben, und im selben Augenblicke, da sie gerade den Ring gefaßt hatte, alles Erdenweh sich selbst überlassend – stand sie in dem unterirdischen Palast des Montblanc und wurde von ihrem Bruder, dem Staatsminister Spekulativus, noch zur glücklichen Stunde in seinen Armen aufgefangen. Die großartige Umgebung, die Annäherung des Alpenkönigs, der von der Ankunft seiner Braut gehört hatte, die Musik, die sich zur Hochzeit einübte, und der Lärm in der Hofküche, wo schon die Kuchen gebacken wurden, alles das half, sie desto schneller zur Besinnung zu bringen. Man paßte ihr die von Asbest gewebten Brautkleider an und schmückte ihr Haar mit prächtiger Diamantenkrone. Spekulativus wischte sich seine Achatbrille, um besser sehen zu können, und drückte der lieben Schwester zärtlich die Hand. „Ach,“ sagte diese, „wie sind die Menschen doch so groß und so stolz, so tief und so poetisch; und wie müssen sie nur den einen, einen Fehler haben, daß sie so unendlich – unglücklich sind!“ Spekulativus suchte sie von ihrer Schwermuth zu zerstreuen und erzählte, daß sich der Vater bei ihrem Abschied einen heftigen Schnupfen geholt hätte und deßhalb leider nicht zur Hochzeit kommen könnte; auch Onkel Rübezahl, der jetzt in Schlesien des immer mehr 232 [Spekulantia in Paris.] um sich greifenden Materialismus wegen bald Runkelrübezahl heißen würde, hätte abgesagt, aber viel prächtige Geschenke übersandt, die er nach Genera und Species eintheilen wolle; denn, sagte der Hospitant der berliner Kritik, er hätte sich wieder auf Mineralogie gelegt, ein Minister müsse dem Praktischen vor dem Ideellen den Vorzug geben. Spekulantia lächelte schmerzlich und drückte ihm die Hand und folgte willenlos dem Alpenkönig, der sie ehelichte und sie zur Königin über alle Blumen und Bäume der Alpen setzte, während er sich persönlich vorzugsweise den Schnee und die Lawinen vorbehielt.

Pimpernella aber zeigte kein Verlangen, schon zu ihrem alten Vater, dem Harzfürsten, zurückzukehren. Sie hatte sich mit Gumal vermählt und kam alle Jahre in die Wochen. Die Kinder wuchsen heran und machten schon frühzeitig Gedichte, wie:

Der Maikäfer sum, sum, sum,

Fliegt um den Blüthenbaum herum; –

ein Gedicht, das Gustav Schwab nahe daran war, in den Musenalmanach aufzunehmen. Gumal wurde Pfarrer an einer württembergischen Stiftskirche und Frau und Mann verwandten ihre Mußezeit mit Liebe und Fleiß auf die Dichtkunst; Gumal, indem er noch mehrere Bände Gedichte herausgab, und Pimpernella, indem sie für die schwäbische Dichterschule wollene Strümpfe strickte.

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Wenn ich dies polemische Capriccio, in seinen scherzhaften und seinen ernsten Theilen, nach vierzig Jahren objectiv beurtheile, so muß ich beklagen, daß mir der Himmel die Gabe versagt hat, hier z. B. wie Platen oder Richard Wagner, von mir selbst zu sagen: Kann man die schwebenden Fragen der damaligen Literatur, die Stellung der Parteien, die Entschuldigung für Uebertreibungen, die Wahrung der persönlichen Ansicht, alles das mit mehr – Doch die Feder stockt. Ich berichte nur, daß es Jeder, der sich in dem Scherz getroffen fühlte, an Acten der Rache nicht fehlen ließ.

233 III.#

Es ist ein seltsam bedingter Anblick – der erste Theaterzettel, der uns den Beginn unserer theatralischen Laufbahn ankündigt!

Auch der Schauspieler mag gebannt stehen vor der ersten Straßenecke, wo derselbe zum ersten Male seinen Namen, vielleicht für eine bescheidene Rolle, einen Stuhl, einen Tisch hinauszutragen, eine Meldung zu machen: „Der Wagen ist vorge­fahren!“ im Personenverzeichniß gedruckt liest. Ja! Vorgefahren ist ein Wagen! Ein Flügelwagen zu einer Luft-Laufbahn! Wie oft paßt Clärchens Wort darauf: „Himmelhoch jauchzend, zum Tode betrübt!“ Es ist die Fahrt, die der Theaterdichter und der Schauspieler zugleich machen. Der innerste Mensch, die Person, das heiligste Sein und Weben der Lebensfasern ist es, das sich bei ihr preiszugeben hat! Jakob rang im Nebel mit einem Engel. Die erfindende Phantasie eines Dramatikers ringt immerfort im Nebel mit einem Dämon. Dieser heißt die Sorge um den Erfolg. Er – balgt sich noch beim Lampenlicht mit dem Proteus. Wobei zu bemerken ist, daß der Deutsche in Sachen des Geschmacks viel unduldsamer als alle andern Nationen ist.

Mir wurde am 18. Juli 1839, bei Hundstagshitze und bei allen Vorzeichen eines leeren Hauses dieser erhabene Moment im Schriftstellerleben, den ersten persönlich anzüglichen Theaterzettel zu sehen, zu Frankfurt am Main, am sogenannten Wolfs­eck, der Ecke des Paradeplatzes und der Eschenheimergasse, zutheil. Einige Sonnenbrüder, „Schubkärcher“ genannt, die ohne allen Antheil an den Entwicklungen der neuern Literatur ihren Morgenstummel rauchten, mußten erst ersucht werden, bei Seite zu treten, um die 234 [Dramatisches Debüt.] Verkündigung lesen zu können: Zum ersten Male: Richard Savage oder Der Sohn einer Mutter. Ich wohnte damals in Hamburg und war meiner Gattin nachgereist, die ein neues Kindbett bei ihrer Mutter abhalten und den Sommer in Frankfurt zubringen wollte.

Den Proben auf dies in Hamburg geschriebene Trauerspiel hatte ich nicht beigewohnt. Jeder Wohlmeinende hatte mich vor dem Anblick einer Küche gewarnt, wo die Speisen noch im Rohzustande, das Fleisch ungeklopft, das Gemüse unverlesen läge. Kam es auch gleichsam auf ein Wunder heraus, wenn man versicherte, daß man drei Tage lang auf solchen Proben wie im Wüsten und Ungethümlichsten hanthieren konnte und dennoch am dritten Abend gediegene Leistungen beim Lampenlichte hervorgebracht sehen sollte, so fügte ich mich dem und lauschte nur ein einziges Mal, von einem Freunde begleitet, vom Corridor des verschlossenen Parterre aus einzelnen in die Nacht des Theaterraums dringenden Schallwirkungen einer Nachmittags­probe. Ein junger Schauspieler, von Lavallade, der die Hauptrolle spielen sollte, schien mir im richtigen Feuer zu sein. Die Andern murmelten ihre Worte und schienen dem Souffleur die Vorhand zu lassen.

Der schwülen Hitze folgte plötzlich am Nachmittag eine Ver­dunkelung des Horizonts und ein Gewitter. Grade in dem Augen­­blick, wo man in’s Theater gehen sollte, brach letzteres in ganzer Heftigkeit aus. Wieder ein Hemmniß! seufzte ich. Bei alledem war das Theater, als der Vorhang aufgehen sollte, überfüllt und der Antheil von einer Lebendigkeit, daß selbst in der Scene Hervor­rufungen nicht fehlten, die nach dem vierten Acte und dem Schluß auch auf den Verfasser ausgedehnt wurden.

Im ersten Acte war ein Schauspieler mitten in der Scene gerufen worden, Julius Weidner. Dieser excentrische Sonder­ling wurde von einem Mythus verklärt. Er sollte Ludwig Devrient’s „Lehrer“ gewesen sein. Allerdings besaßen Beide dieselbe diabolisch-heisre, vom Weingenuß stammende Tonfarbe. Aber Weidner besaß nicht die Verwandlungsfähigkeit des berühmten Charakterspielers, blieb auch in seinen Heldenvätern, seinem Wallen­stein, Lear, immer derselbe scharfbetonende, hämisch mephistophelische Intriguant. In dieser Art war er in passenden Momenten vorzüglich, sonst aber 235 [Julius Weidner.] überraschender Steigerungen nicht fähig. Dazu beherrschte er zu wenig das zu sprechende Wort. Am besten gelangen ihm die absoluten Bösewichter, Charaktere, denen nur die Schelle am Fuße fehlte. Die Unsitte der sogenannten genialen Schauspieler, nichts zu lernen, theilte er durchaus und hatte sie auch auf den Cha­rakter übertragen, den er in meinem Stück zu spielen hatte. Viscount Marishall, so hieß er, hat zu sagen: „Mylady, als mein Bruder einst mit Ihnen den Heirathscontract unterschrieb“. Weidner trug diese Worte in folgender Art vor: Nach dem Worte „Mylady“ machte er eine Pause, nahm eine Prise, ging zum Souffleurkasten, faßte Posto, um gut hören zu können, und schickte zuvor noch dem, was sein Ohr aufgreifen würde, aus eigenen Mitteln die Worte voraus: „ich werde die Ehre haben, Ihnen zu sagen“. Aber noch nicht genug, daß er nun endlich vorbrachte, was er gehört, „als mein Bruder einst mit Ihnen den Heirathscontract unterschrieb“, setzte er, um Zeit zu gewinnen, die er brauchte, um wieder die folgende Rede des Souffleurs zu behalten, aus dem Seinigen wohlgemuth, aber – zum Jubel des Publikums – hinzu: „ich weiß nicht, ob Sie mich verstanden haben?“ Bis dahin hatte denn der Souffleur schon so lange die Worte geschrieen: „Hielt er ihn (den Contract) da auch gegen das Licht, um gewiß zu sein –“. Diese Worte folgten mechanisch, bis hierauf wieder neue Einschiebsel, neue Umschreibungen, andersgewählte Wendungen ka­men, die mich in meiner Prosceniumsloge des zweiten Ranges, wo ich verborgen saß, zur Verzweiflung brachten. Und bei alledem Jubel und Hervorruf in der Scene! Ein zweiter Hervorruf am Schluß seiner Rolle im zweiten Act! Als ich mich in die Garderobe begab, um ihm, versöhnt durch soviel Erfolg, „für seine Leistung“ zu danken, äußerte er, eben im Auskleiden begriffen, mit selbstgefälliger Bitterkeit vor allen andern Collegen: „Zwei Scenen nur und doch den Vogel abgeschossen!“ Hatte er etwa auf die Rolle des Richard Steele ge­rechnet, der einen Gemüthston und große Beweglichkeit bedingte und allerdings bei einem Schauspieler Namens Grahn in ungeeigneter Vertretung war?

Obschon die Leistung der Hauptrolle durch den jungen von Lavallade fleißig und vom Gegenstande durchaus ergriffen genannt werden 236 [Emil Devrient.] durfte, so mußte sich doch der Beifall bis zum Ungewöhnlichem steigern, als sich für die dritte Vorstellung ein Schauspieler, der in Frankfurt nur zu verweilen schien, um einer Verwirrung seines Privatlebens entrückt zu sein, erbot, sofort die Hauptrolle des vielbesprochenen und von allen deutschen Bühnen begehrten Stückes zu lernen und in Frankfurt zuerst zu spielen. Dies war Emil Devrient von Dresden, der seither für seine Gastspiele nur ein Supplement zu seiner Gattin gewesen, plötzlich aber mit dieser als Schauspielerin wohlberufenen Frau in Conflicte gerieth, die mit einer Trennung ihrer Ehe endigten. Nunmehr allein zu stehen in seinen Gastspielen wurde ihm zum Gewinn. Die Pause, die sich sein angegriffenes Gemüth, die verletzte Ehre gönnte, dauerte so lange, daß der schon in männlichen Jahren stehende Künstler von Paris, wohin er von Frankfurt gereist war, mit einem mäch­tigen Vollbart, wie ihn schöner kein Sarastro hätte tragen können, zurückkam. Aber er opferte ihn der Pflicht. Auch die Melancholie, der Zorn entwichen allmälig, ja der Entschluß, auf eigenen Füßen zu stehen und seine ihm von der Natur verliehenen Mittel zur Geltung seiner eigenen Person in Anwendung zu bringen, fing an, ihn im Uebermaß zu beschäftigen. Die Schönheit seiner äußern Erscheinung, der Bau seines Nackens, seiner Schultern war über allen Tadel erhaben. Ja noch nach zwanzig Jahren, als sich De­vrient schon den Sechzigen näherte, sagte mir der berühmte Bild­hauer Rietschel, als wir Devrient beim Promeniren auf der Brühlschen Terrasse begegneten: „Ich habe ihn gestern in Ihrer Bearbei­tung des Coriolan gesehen und mit wahrer Wonne! Er ist immer noch ein Modell zum Achill!“

Der schöne Sarastrobart war gefallen und machte den Bärten Egmont’s, Posa’s, Ferdinand’s in „Kabale und Liebe“ Platz. Es wurde ein Gastrollencyclus durchgespielt, der den Anfang einer neueinreißenden Sitte oder Unsitte von vorgerittenen Parade­rollen bil­dete. Es läßt sich Manches gegen diese Mode sagen. Daß aber die Darstellung von etwa 10 bis 12 Rollen, die sich leider fast immer gleich blieben, der deutschen Bühne in solchem Grade geschadet hätte, um darnach, wie der Bruder des zu allen Zeiten in Frankfurt, wie fast überall gefeierten Künstlers in seiner 237 [Seine Licht- und Schattenseiten.] „Deutschen Theater­geschichte“ behauptet, einen ganzen Abschnitt im Leben der deutschen Bühne als eine Periode des Verfalls bezeichnen zu müssen, ist nicht zu erweisen. Den Künstlern persönlich mag diese Gewohnheit geschadet haben. Nahmen sie nicht neue Rollen in den Cyklus solcher Vorstellungen, so konnten sie nur zurück­gehen, und Emil Devrient ist nachzurühmen, daß er für die Ver­mehrung seines Repertoirs Sorge trug und überhaupt einer der leb­haftesten Beförderer der jüngern dramatischen Literatur wurde. Aber der Bühne im Großen und Ganzen war doch diese geförderte Bekanntschaft mit gutgespielten Rollen eher nützlich, als schädlich.

Bei meinem, im Hôtel „zum Schwanen“ gelernten „Richard Savage“ fand ich all die Lichter der Naivetät, Treuherzigkeit, Bizarrerie und letzlichen moralischen Vernichtung wieder, die ich mir beim Schaffen des Stücks in diesem Charakter gedacht hatte. In des ersten, wenn auch braven Darstellers Leistung war dieser Inhalt nur annähernd hervorgetreten und wurde von einer zu hoch liegenden Stimme beeinträchtigt. Das Stürmische, Sieges­gewisse im ganzen Gebahren Devrient’s, wobei die ge­wöhnliche Rede in einem sonoren Baryton erklang, ergab einen ergreifenden Effect schon bei dem Abgewiesenwerden des sich als Sohn Vorstellenden bei Lady Macclesfield. Noch höre ich die überraschende Tonscala, wie die Schlußworte des ersten Actes herauskamen: „Allmächtiger Gott, ist es denn möglich!“ Das Stürmische und Siegesgewisse Emil Devrient’s konnte freilich auch am unrechten Platze eintreten, in welchem Mißstande wol der Hauptgrund liegen mag, daß er in Wien am Burgtheater und in Berlin am königlichen immer nur getheilten Erfolg hatte. Bei einer Wiederholung des Ferdinand von Walter in „Kabale und Liebe“ entdeckte ich auch den besondern Schaden im künstlerischen Organismus des gefeierten Gastes. An­gegriffen in seinen physischen Mitteln, ermüdet vom zu häufigen Auftreten, spielte er den schwärmerischen Major sozusagen nur zum Schein. Er brachte alle Effecte, alle rhetorischen Drucker, brach­te die Steigerungen, die in dieser Rolle auf die höchste Höhe gehen, behielt aber dabei seinen stereotyp wiederkehrenden, zwischen den Zähnen gezogenen und durch Zurückpressung an die Stimmritze sogar nahe in’s Bereich der Nase gerathenden Ton, der bald 238 [Die Theaterwelt.] Schmerz, bald Sarkasmus ausdrücken sollte. Er gab alles künstlich. Der innere Mensch, der diese Manöver beseelen sollte, war unbetheiligt. Der ermüdete Künstler ruhte sich aus.

Noch eine zweite Variation in der Darstellung meines Erstlings­­stücks kam durch Theodor Döring, der einen Gast­rol­len­cyklus begann und von Stuttgart die Rolle des Richard Steele als „fertig gelernt“ mitbrachte. In der That kam derselben die Frische des Komikers und scharfen Charakteristikers zu gute. Er übertrug die Weise seines Clavigo-Carlos auf den ernsten Theil seines Parts und mäßigte sich, als er im vierten Act in’s Burleske überzuspringen hatte. Auch Döring’s Gastspiel war ein ehrenvol­les und bot Ge­legenheit zu Vergleichungen mit Seydelmann, der nun zum Aerger fast der gesammten deutschen Theaterwelt in Berlin an Ludwig Devrient’s Stelle wirkte und in Eduard Gans und Theodor Rötscher begeisterte Lodredner gefunden hatte.

Der Eintritt in die theatralische Welt war mir wie ein wirkliches Verlassen der üblichen, worin ich bisher zu leben gewohnt gewesen. Das Saitenwerk der Seele, so entschuldigte ich mich vor denen, die mich deßhalb tadelten, ist bei Schauspielern um einen halben Ton höher gestimmt und diese Höhe brauche ich –! Man fühlt es bei ihnen mehr, warum und daß man – lebt! Und in der That habe ich gefunden, Schauspieler geben sich zwar bestimmter, leiden­schaftlicher, wilder im Haß, aber auch theilnehmender, wo sie Parthei ergriffen. Jedenfalls ist ihr Umgang anregend. Das lebendige Er­fassen klassischer Rollen, das Besprechen des von ihnen Geleisteten (oft noch am Abend nach der Vorstellung oder vorher im Studirzimmer), das Anhören der umlaufenden Gerüchte und Anekdoten, der scharfen, kein Härchen am Muttermal schonenden Art des Charakterisirens, das Erzählen der Traditionen über Bühnenverhältnisse, frühere Koryphäen der Schauspielkunst, in Alledem liegt ein Reiz, den andere Lebenssphären nicht besitzen. Noch einen andern Reiz verschwieg ich auch wol den Tadlern. Dem noch jugendlich gestimmten Sinn that es die weibliche Parthie dieser leiden­schaftlich bewegten, nie stagnirenden Welt nicht wenig an. Nicht, daß Verhältnisse entstanden; nur von holden Lippen wurde Rath begehrt, Protection abgeschmeichelt; neue Ankömm­linge brachten einen ganzen Himmel voll beglückender 239 [Hamburger Stadttheater.] Versprechungen mit, wie sich ihre Liebenswürdigkeit im Umgang be­währen würde – und selbst wenn die erste Rolle, die nach glän­zenden Präparationen an die Lampen getreten war, alle schönen Illusionen zertrümmert hatte, trat an die Stelle des Uebermuths elegische Trauer, das Unglück, die Thräne und wieder war es dann die menschliche Theilnahme für Schiffbrüchige, die fesselte. Denn zu­weilen war es eine junge Mutter mit einer Schaar Kinder, die nun alle Koketterie unterbrachen. Nach diesem „Abfall“, nach dieser kalten Auf­nahme, diesem „Keine Hand hat sich gerührt“, war die Unglückliche wenigstens noch glücklich zu nennen, wenn sie eine ältre Schwester besaß, die nicht den Kopf verlor. Auch Mütter sah ich, die sich wie Furien um ihre verkannten Töchter gebehrdeten. Kurz, diese abwechs­lungsreiche Welt breitete immer mehr ihre Arme um mich und hielt mich schadlos für die geringe Rückwirkung literarischer Thätigkeit, die ein Autor empfindet, der nicht eine Manier im Schreiben an­genommen hat und sich damit zum Modeschriftsteller zu machen weiß oder der nach Auszeichnungen durch die Fürsten strebt.

Nach Hamburg zurückgekehrt, stellte ich den ersten Versuch an, dem Verhältniß der Autoren zu den Bühnen eine bessere Regelung zu geben, als bisher stattgefunden hatte. Für die Aufführung meines vielbesprochenen Stücks am Hamburger Stadttheater machte ich die Bedingung, daß sieben Vorstellungen stattzufinden hätten und daß die halbe Einnahme der siebenten eine Ergänzung zum Honorar für die erste sein müßte. Die Bedingung wurde ange­nommen. Sie machte aber das Verhältniß zur Direction nicht eben zum freundschaftlichsten. Erst der Erfolg meines „Werner“ glättete etwas die Mienen des alten Friedrich Ludwig Schmidt, eines oft erwähnten, vielgerühmten Dramaturgen der „alten Schule“. Winke, Belehrungen erhielt ich von dem Manne, der gelehrtenscheu war, ebensowenig wie Dank, als ich ihm zu seinem 25jährigen Directionsjubiläum ein Festspiel schrieb. Das Herz des Schauspielers, vollends eines Theaterdirectors, trocknet mit den Jahren aus. Mein Festspiel entstand auf die Bitte seines Collegen im Directorium dieses damals noch in hohem Credit stehenden Stadttheaters. Den musikalischen Theil desselben, Chöre und Soli’s, besorgte der bekannte Liedercomponist Karl Krebs, 240 [F. L. Schmidt.] der Kapellmeister der Anstalt. Der Jubilar war ein guter Charakter­komiker in Döring’s Weise, der sich auch theilweise nach Schmidt gebildet hat. Schmidt’s Dorfrichter Adam im „Zerbrochnen Krug“ war die Rolle selbst, das Nonplusultra stupider Frechheit eines Dorftyrannen. Sein „Polonius“ entbehrte keines einzigen der Requisite, die Eduard Gans für diese Rolle gefordert hat. Würde­voll und doch lächerlich, die ganze täppische Vorwitzigkeit, die Hamlet möglich machte, über seinen Tod zu spotten, als wenn er nur eine Ratte erstochen hätte. Den Baron in der „Lästerschule“, manche Figur aus den Schröder’schen Stücken spielte Schmidt, umgeben von einigen Veteranen wie Schäfer, Lenz, Gloy, karrikirt und schauspielerisch aufgetragen, aber es waren die Rollen selbst ursprünglich kaum anders gedacht. Am Burgtheater in Wien traten sie von verwandten Darstellern ebenso scharf heraus, wie denn überhaupt zwischen diesen beiden Theatern, dem in Hamburg und Wien, ein gewisser Connex bestand, der gleichsam Dresden und Berlin über­sprang. Allen diesen Vorzügen und Charaktereigenthümlich­keiten wurde in meinem Festspiel Rechnung getragen. Ein Chor eröffnete die Handlung. Der berühmte Tenor Wurda machte den singenden Prolog:

Du ließest Freud’ und Scherze kosen,
In diesem kunstgeweihten Rund –
Wie oft blieb Dir bei diesen Rosen
Die Hand nur von den Dornen wund!

Alte und Neue Kunst traten sich streitend entgegen, dann wieder Ernst und Scherz. Der Ernst, durch den Mund der Frau des früheren Directors Lebrün, sprach:

Ich bin das Schicksal, das aus dunklem Land
Durch uns’re Erdenbahnen riesig schreitet,
Um Thron’ und Hütten von der Parzen Hand
Die allverstrickenden Gewebe breitet
Und zu den Spielen auf der Bretterwelt
Die Fackel tieferer Bedeutung hält.
Die Kunst, als Widerhall der Weltgeschichte,
Hast Du in diesem Tempel treu gepflegt,
Durch Dich saß Klio hier zum Weltgerichte
Und hat des Dichters strafend Recht gehegt.
241 [Ein Festspiel.] Der Edle ward gekrönt; doch manchem Wichte,
Wenn er auch in der Chronik Scepter trägt,
Hat hier die Mus’, als strafendes Gewissen,
Die Larve von dem Antlitz weggerissen.
Der Vorhang rollte auf, und Deine Bühne
Erschloß den Weltlauf und der Zeiten Stand;
Was in dem Volk lebt, alles Hohe, Kühne,
Was Dichtkunst Menschlisch-Edles nur erfand,
Der Leidenschaften feierliche Sühne,
Das Walten einer höhern Schicksalshand:
Das Alles, unser Innerstes zu mildern,
Erschlossest Du in lebensvollen Bildern.

Der Scherz ließ sich in ähnlicher Rede vernehmen, bis der Mitdirector Mühling auftrat und die Rechte der Oper reclamirte. Natürlich blieb durch Vermittlung einer ebenfalls mitsprechen­den Muse die Versöhnung nicht aus. Zur Mittagszeit, bei halb­dunkler Beleuch­tung des Theaterraums, war diese Huldigung wie ein freimaurerisches Mysterium bei verschlossenen Thüren. Die Einstudierung hatte einige Tage in Anspruch genommen. Der alte Herr, probengewohnt und nur in seinen Proben lebend, hatte die Beschlagnahme seines Berufs­feldes vollkommen bemerkt, er kannte die Feier voraus, stellte sich aber durchaus überrascht. Die Rolle eines aus allen Himmeln Fallenden führte er wie seinen alten Hofrath Wacker im „Portrait der Mutter“ durch, dem man ja so eine Komödie im letzten Act vorführt. Eben hatte er gleichsam von seinem Directionszimmer zu seinem Frühstück gehen wollen, da stellte sich ihm plötzlich diese Veranstaltung von einem Wald tropischer Gewächse (die sein eigner Schwiegersohn, der ein Kunstgärtner war, geliefert hatte) in den Weg. Sprachlos blieb er stehen. Man zog ihn in die Coulissen. Die Bühne war voller Menschen. Die Damen standen in weißen Kleidern, die Herren im Frack. Nun wurde gar der Kronleuchter erhellt. Wie der Jubilar auf einen Thronhimmel von Blumen zu sitzen kam, er wußte nicht wie. Indem begann das leise eingetretene Orchester eine rauschende Ouverture. Na­türlich war die Thräne das Nächstberechtigte. Die Thräne be­han­delte Schmidt eigenthümlich. Er mochte Schiller oder Schröder spielen, so nahm er sich die Thräne mit dem dritten Finger langsam aus dem Auge, sah sie wie unbewußt eine Weile an und schleuderte sie 242 [Schauspielermythen.] dann sanft von sich fort, wie einen Tribut an die Götter. Die Feier war so dramatisch, daß man sich erklären konnte, wie der ewig vom Gedenken der „Kasse“ Gefolterte zu seinem Collegen beim Schluß des Ganzen äußern konnte: „Schade, daß wir das nicht für einige Abende auf’s Repertoir setzen können!“ Ja man erzählte sich eine komische Zwischenconversation, die der Gefeierte mit seinem Enkel gehalten. Dieser, der als „Genius der Zukunft“ zum Schluß, ehe der Chor einfiel, einige Worte zu sprechen hatte, fing zu stocken an und sprach, was er wußte, zu leise. „Lauter! Lauter!“ flüsterte ihm der Großpapa, während er sich die Thränen trocknete. „Kriegst sonst nichts von der Torte!“ Als alles vorüber, kam ein Nonplusultra. Der Jubilar erhob sich und wollte seinen ausführlichen Dank aussprechen. Natürlich einen improvisirten. Kräftig setzte er ein: „Unvorbereitet wie ich bin, erinnere ich an die Zeiten, als einst der große Schröder wieder auf die Bühne –“ Er stockte. Doch begann er auf’s Neue: „Als damals der große Schröder wieder auf die Bühne den Kothurn –“ Neues Stocken. Neuer Anfang. „Die tragische Muse – Kothurn – und – den Soccus“. Alle Worte und Ideen verwirrten sich. Da griff der „unvorbereitete“ Jubilar rasch entschlossen in seine Rocktasche, sagte: „Ich habe mir’s aufgeschrieben!“ und las mit kräftiger Stimme den Erguß des Ueberraschten ab.

Diesen Vorfall erlebte ich selbst. Aber vieles Andre, das von dem Alten erzählt wurde, mochte zu jener Mythenbildung gehören, die im Schauspielerleben, wie im Alterthum auf Rhodus oder Chios, wo Homer und seine Schule gewirkt haben, flott im Gange ist. Einzelne Charaktere besitzen eine Kunst, Fäden auszuspinnen zu komischen Gebilden, die bewunderungswürdig ist. Ein Darsteller von Naturburschen und Bonvivants, Namens Brüning, der erste oder zweite Gatte der noch späterhin genannten Ida Schuselka, war ein Virtuose in der Kunst der drastisch arrangirten Anekdote, und zugleich der drolligste „Richard Wanderer“ in Person.

Nachdem auch in Berlin die Vorstellung meines theatralischen Erstlings nicht ohne Erfolg geblieben war, besuchte ich meine Vater­stadt kurz vor dem Tode Friedrich Wilhelm’s III. Die Stimmung war eine ungemein schwüle. Der König hatte sich lange nicht mehr 243 [Alexander von Humboldt.] öffentlich gezeigt. Als er zum letztenmal erschien, hatte man die Vor­boten der nahenden Auflösung wohl bemerkt. Schönlein war berufen worden. Man erzählte, wie dieser entschlossene Mann so manche Durch­kreuzung der maßgebenden Persönlichkeiten auf dem medicinischen Ge­biete veranlaßte. Alexander von Humboldt, dem ich im Hause der Mutter Meyerbeer’s begegnete, sagte das Bedenklichste voraus.

Der berühmte Naturforscher konnte wol von sich sagen: Berlin machte mit ihm Staat! An sich thut es Berlin eine Zeitlang mit jeder in den Vordergrund tretenden Persönlichkeit. Es liebt eben den Effect und nichts macht mehr Effect als die Gunst des Augenblicks. Wen dagegen nicht gerade der Sonnenstrahl eines Erfolgs beleuchtet, wer hervorgezogen sein will, um seiner Verdienste von gestern und vorgestern willen, den weiß man nicht unterzubringen. Titel und Rang sind in der Regel nachhelfend. Bei Humboldt war es dem Einen, der in Andacht vor ihm stand, wie die unmittelbare Hofbeziehung zum König, beim Andern doch mehr die wissenschaftliche Unsterblichkeit. Humboldt’s Kommen und Gehen war wie mit Posaunenstößen. Die Shakespeare’schen Könige treten so auf. Ich hatte in Berlin den Ehrenplatz an seiner Seite und erinnere mich, daß der Sohn des „Wendepunkts zweier Jahrhunderte“, als welcher Humboldt doch wol anzusehen, auf die Professorenwelt Berlins wenig gut zu sprechen war. Nur den einzigen August Boeckh nahm er von seiner Radikalverurtheilung aus. Bei den Berliner Gelehrten vermißte er „immer mehr die universelle Bildung und Humanität im Herder’schen Geiste“. Jeder wäre gewiß auf seinem Gebiet als Forscher vollkommen tüchtig, vernachlässigte aber dabei in seiner Bildung das Allgemeine, Philosophische, Literarische. Ja nicht einmal Empfänglichkeit dafür träfe man noch jetzt bei den Professoren an. Lange verweilen bei einem so interessanten The­ma ließ sich nicht. Ich hätte erwidern mögen, daß ein solches Einziehen der feineren Fühlfäden doch wol nur an der politischen Luft läge; Jeder ackerte ruhig und besorgt auf seinem Felde. Aber Humboldt sprang von einem Stoff zum andern. Die Zahl der Tischgäste mochte zwanzig sein und der wohlwollende Mann hatte wie die Fürsten den Trieb, an ihrer Tafel Jeden, wenn auch nur für einen Moment, lebendig zu machen. Im Wesentlichen sprach er allein. Nur 244 [Zwischen Paris] ein leises Flüstern mit dem Nebenmann gestatteten sich die Andern. Hatte man dann diesen Muth gehabt und hörte wieder auf den Vortrag haltenden Glanzpunkt des Tisches hin, so konnte man erstaunen, wie die Stoffe wechselten. Eben hatte es sich um die neuesten Schädelfunde gehandelt. „Darf ich Sie um das Salzfaß bitten?“ Der Nachbar zur Linken reicht es. Nach dieser kleinen Zerstreuung horcht man wieder auf. Da ist schon die Keilschrift der alten Assyrier in Discussion. Erst beim Salat und den verschiedenen Compotten entwickelte sich die Spontaneität der Gäste zur Be­nutzung der Pausen etwas freier. Als die Gesellschaft unter den Bäumen des Thiergartens den Kaffee nahm, athmete sie auf. Der große Mann war auf und davon nach Potsdam. Im Hofdienst vernachlässigte er nichts. Sein Grundsatz war: Ich belagere den Souverän, halte seine Freundlichkeit für mich fest, werde nicht wan­kend auf dem noch so glatten Parkett, thue Kammerherrndienst, wie jeder andere ukker­märkische Grande, der grade du jour hat; nur so erreiche ich, was ich für die Wissenschaft brauche! Nur so fragt mich zuweilen die Langeweile: Was giebt’s Neues, Humboldt? Nur so kann ich sagen: Ei, da ist ein Reisender, der will nach Asien, oder ein Gelehrter, der hat einen Codex gefunden zum Heraus­geben, Künstler möchten ihre Mappen verwerthen! Kurz, wer bei den Großen etwas durchsetzen will, muß sie in einem müßigen Augenblick haben und festhalten! Es sind dies beinahe Humboldt’s eigene Worte, die ich wiedergebe. Von dem Vorhandensein meines Namens in der Literatur hatte er, schien es, nur Ahnung durch die Protokolle des Bundes­tags.

Eine Eigenthümlichkeit des Berliner Hofes ist (und noch jetzt trotz Belle-Alliance und Sedan) seine Deferenz für französische Literatur, Kunst und Publicität. Französische Schauspiele werden vom Kaiser mit Vorliebe besucht, französische Journalisten wurden von Friedrich Wilhelm IV. zur Audienz gelassen; alles das läuft glücklicherweise parallel mit dem Studium der französischen Festungen im großen Generalstab. So war in den Frühlingstagen 1840 der Componist des „Postillon von Lonjumeau“, Adam, in Berlin erschienen. Nicht um Berlins willen! Im Gegentheil, er war von Petersburg gekom­men und hatte in einem Reisebericht, den ein französisches Journal von 245 [und Petersburg.] ihm veröffentlichte, unartig genug die Wendung über Berlin gebraucht: „Die Hauptstadt Preußens ist ein Relais zwischen Petersburg und Paris.“ Das hinderte nicht, daß man dem Manne mit Auszeichnungen, die man für die einheimischen Talente nicht kannte, entgegenkam. Ein anderer Franzose wurde bestimmt, einen Text zu einem Halbballet und einer Halboper, „Die Hamadryaden“, zu schreiben und Adam bekam für die Musik, womit er die Worte und Tanztouren bekleidete, ein enormes Honorar. Ein „inter­nationaler“ Buchhändler, Schlesinger, stand mit einem Fuß in der Rue Richelieu und mit dem andern Unter den Linden. Da sollte denn der Franzose aus dem Grunde kennen lernen, wie der Deutsche zu huldigen versteht. Auch Meyerbeer war zufällig in Berlin und Mendelssohn kam eben von London. Es gab ein solennes Verbrüderungsfest. Alle drei Maestri saßen bei einem Monstre-Diner zusammen. Mendelssohn und Meyerbeer waren sich einander nicht grün; aber wir sind Kinder der Civilisation. Ich hatte sie beide in unmittelbarer Nähe. Sie unterhielten sich nicht über den Contra­punkt, nicht über Bach und Händel, sondern über die Wunderlich­keiten der Londoner Küche. Mendelssohn gefiel sich darin, seinen Unmuth über den gefeierten Franzosen, wenn er ihn hatte, durch lebhafte Mittheilung seiner Erinnerungen an London zu unterdrücken. Der inter­nationale Wirth quälte mich – ich brauche einen wohlerwogenen Ausdruck – einen Toast auszubringen auf die beiden Antagonisten zugleich; denn Adam hatte schon in erster Reihe geglänzt. Wie ich es angestellt habe, hier Jedem das Seine zu geben, ich weiß es nicht mehr. Meyerbeer war mir sympathisch und seit Jahren war ich ihm verbunden, wie der gute Giacomo mir; Mendelssohn gehörte der vornehmthuenden, commerzienräthlichen, christelnden Judenclique an; ihm war ich als Schriftsteller ein Gegenstand der Ablehnung. Aber wahrscheinlich ließ ich beide in ihrem gemeinsamen Berliner Boden wurzeln, ließ den Einen in der großen Friedrichsstraße, den Andern in der Jägerstraße Murmel spielen und sah sie vor dem schlesischen Thore den steigenden Drachen ziehen. Den Einen überlieferte ich dann wahrscheinlich der deutschen Romantik, der blauen Blume, den Mährchen und der schönen Loreley und den Andern der französischen, der ebenfalls blauen Romantik, nur daß sie mehr Teufelsromantik ist; 246 [Charlotte von Hagn.] kurz, beide musikalischen Berliner Kinder, hochberühmt in der Welt, waren mit dieser Zusammenkoppelung wenigstens im Gewühl der Trinkgläser, die stürmisch anstoßen wollten, nicht unzufrieden. Aber der Tisch war noch mit andern Berühmtheiten, musikalischen, Kücken, Truhn, Karl Banck, Malern wie Begas, Schriftstellern wie Karl Blum besetzt. Begas, Vater der jetzt wirkenden Begasse, gefeiert als Portraitmaler, besaß die Lebhaftigkeit eines Rheinländers, der von seinen Urtheilen und Stimmungen nichts zurückhalten kann. Vorsichtiger, beschaulicher und mehr nach innen gekehrt zeigte sich, vielleicht auch hier oder bei anderer Gelegenheit der Bildhauer Drake, der damals mit einer Darstellung Goethe’s beschäftigt war, wie der Dichter auf dem Rücken seiner römischen Dame Hexa­meter trommelt.

Der Name Karl Blum’s führt mich wieder in die Thea­tersphäre zurück. Blum war der damalige Benedix. Alle Jahre hielt er eine neue Rolle für Charlotte von Hagn bereit. Goldoni oder sonst ein Ausländer gab den Stoff. Durch den Souffleur des königlichen Theaters Wolff, der die Mühe der Versendung seiner gedruckten Manuskripte Blum abnahm und zugleich für die russisch-deutschen Theater Mitglieder warb, sind jene Theater­agen­turen entstanden, die Plage der deutschen Theater, der Directoren, Schauspieler und Dichter. Gesetzt, die deutsche Literatur ermannte sich und schüfe Werke, die dem Geschmack der Zeit Genüge thäten, diese Agenten würden sich immer den Rang ablaufen, wer der Erste sein kann, eine Pariser Novität anzukaufen, sie durch Reclamen, Drohungen, Anwendung aller Mittel an die Bühnen zu bringen und uns fortwährend vor Europa zu den geistigen Sklaven unsrer Ueberwundenen zu machen.

Charlotte von Hagn war ein neckischer Luftgeist, mehr Puck als Ariel, eine Berühmtheit ihrer Epoche. Aechte Münchnerin verband sie Treuherzigkeit mit List und, wo es Noth that, bedenklicher Thatkraft. Ob sie ihr Pfötchen mit oder ohne Krallen bot, ließ sie von den Umständen abhängen. Dabei nahm sie mit verständi­gem Aufhorchen Lehre an, lernte fleißig und traute sich nur dann etwas ihr nicht gut Anpassendes zu, wenn eine Rivalität im Spiele war. Denkt man sich die anmuthige Gestalt zu ihrer schalkhaften, 247 [Auguste Crelinger.] schlagfertigen Rede, zu ihrer comfortablen Einrichtung, zu dem durch Portièren verdeckten Hintergrund mysteriöser Beziehungen zu den höchsten Kreisen Berlins und Petersburgs hinzu, so läßt sich be­greifen, daß die mir gestattet gewesene öftere Beziehung zu ihr einen wohlthuenden Eindruck zurückließ. Sie war so naiv, mich in ihrem Schlafzimmer zu empfangen, während sie un­päßlich im Bett lag, ganz wie die Marquisinnen des vorigen Jahrhunderts. Als Abbé der alten Zeit rückt man bescheiden die Bettdecke dahin, wo es der jungen Göttin zu frieren beliebt. Im Spiel war ihr Talent ungleich. In „Hosenrollen“ unvergleichlich. Für ideale weibliche Gestalten ging ihr schon das Organ ab. Letz­teres hatte zuviel Tiefe und war gebrochen. Dieser fatale Umstand that ihren naiven Rollen nichts. Dutzende von Darstellerinnen sind seither in den „Erziehungsresultaten“ beim Einschlafen von dem bewußten Sopha gefallen. Die Uebertreibung (später bei der Goßmann die Uebertreibung in ein gemachtes Minus) wurde immer mehr die Parole der spätern Schauspielkunst. Aber darum war die Trockenheit und das Fallenlassen, womit die Hagn wirkte, doch nicht Apathie oder Blasirtheit. Als ich eines Tages ihre jeweiligen glücklichen Einfälle rühmte und von einem Buche sprach, „Le Perroquet de Mademoiselle Dejazet“, einer Samm­lung von Einfällen und Repliquen der berühmten Schauspielerin, das auch sie von sich herausgeben sollte, sagte sie zu mir: „Schrei­ben Sie mir das Buch, ich setze meinen Namen darauf!“ In Paris wird es mit der Autorschaft der Déjazet nicht anders gewesen sein.

Damals war die Reibung zwischen den Capuletti und Montecchi des königlichen Theaters, zwischen den Hagn’schen und Crelinger’schen, in offene Feindseligkeiten ausgebrochen. Die Hagn besaß zwei Schwestern, die für die Leidenschaften, die Charlotte vielleicht fehlten, vicarirten. Münchnerinnen waren sie alle, die Aelteste ganz von jenem Isartypus, der sich in Kürze nicht beschreiben läßt. Die Schwestern waren die ersichtlich aufgeregte Partie; Charlotte handelte wie Elisabeth in „Maria Stuart“. Sie ließ geschehen und lehnte die Verantwortung ab. Trat sie aber für ihre Person selbst handelnd auf, dann nahm sie kurze Distanzen und traf sicher. Diesen drei Schwestern gegenüber 248 [Bühne und Haus.] stand Auguste Crelinger ebenfalls mit zwei Töchtern, eine Frau, noch viel leidenschaftlicher erregt, als Charlotte von Hagn; denn sie kämpfte außer für ihre Töchter noch für sich selbst. Eine Niobe hatte sie schon Zweig auf Zweig fallen sehen, ihre schönsten Rollen, Donna Diana, Maria Stuart, alles, was die edelgeformte Gestalt mit dem starren Antlitz, worin nur der Haß Leben zu er­zeugen vermochte, noch leisten zu können glaubte. Diese Circe von der Isar, die Männerbestrickerin, hatte diese Rollen errungen und „nun gönn­te sie auch ihren Töchtern nichts!“ Die Mutter hatte Recht, auf ihre Ebenbilder stolz zu sein. Diese waren schön und guterzo­gen. Der Reiz der feinern Berliner Geselligkeit, die das Lebenselement dieser Familie bildete, umgab sie. Die Mutter schien an allem Theil zu nehmen, was sich nur irgendwo und – wie aus dem Leben, der Kunst und der Wissenschaft für die Zwecke der Bühne verwerthen ließ. Sie hatte mißliche Antecedentien zu tilgen. Daher die Schärfe des Urtheils, das bittere Lächeln ihrer Mienen. Oefters sah ich sie auf ihrem Sommersitz am Charlottenburger „Knie“. Harmlos zeigten sich da unter Blumen und Schmetter­lingen die Anfänge der beiden jungen Mädchen, von denen die Eine, Clara, einem vielgeprüften Leben und frühen Ende entgegenging. Von beiden Töchtern hatte Jemand gesagt, „sie seien mit Glacé­handschuhen zur Welt gekommen“. Diese Bezeichnung galt auch dem Untheatermäßigen ihres Wesens. Die Aelteste vermochte ihrem Spiel keine Gleichmäßigkeit zu geben. Auch verließ sie, nach einem kurzen Anlauf zur Geltendmachung ihrer Mittel, aus Anlaß einer Heirath die Bühne; Clara, die sich für ein Stiefkind der Mutter hielt und für weniger von ihr geliebt, hatte dadurch den ständigen Ton der zurückgesetzten Grollerin, der beleidigten Empfindelei bekommen, der sich in seiner Berlinischen Färbung zuletzt bis zur sogenannten Pimpelei steigerte. Dieser Schein von Resignation war nur Maske. Nach dem Abgang der Hagn trat Clara ganz mit der Energie ihrer Mutter in die verlassene Stellung. Von ihrer Mutter, als diese in Hamburg gastirte, hatte ich in meiner Zeitschrift gesagt, sie gäbe zuviel „gemalte Flammen“, Leidenschaftlichkeit, die aus dem Kopf, nicht aus dem Herzen käme. Von ihrer Tochter Clara konnte man sagen, sie war eine Melusine, die es allen anthat. Aber 249 [Theaterakademie.] wenigstens die Dramatiker hat sie mit „Erfolgen“, mit dem Durch­schlagen ihrer Rollen, nicht beglückt. Durch ihre selten aus sich herausgehende kalte Verständigkeit vermochte sie kein Stück zu halten, wenn es sich nicht von selbst hielt.

Alledem sah Karl Seydelmann, wie ich bemerkte, mit Gelassenheit zu. Die Melusine hatte es auch ihm angethan. Der Arme! Ganz Berlin wußte darum. Er selbst seufzte seines Geschicks. Pietät hielt ihn ab, äußerste Schritte gegen eine Lebensgefährtin zu thun, die ihn nicht glücklich machte, aber ihm seit Jahren und seit Zeiten der Ent­behrung verbunden war. Er vertraute sich mir wie sonst, wenn auch nicht bis an die äußerste Grenze. Ich verstand diese. Ich verstand Zustände, wo uns die Ehe als eine vernunftwidrige Institution erscheinen kann. Das Bedürfniß der Liebe im Manne reicht weiter als die Grenzen einer Wahl, die immer und immer für ihn entschieden haben soll. Wenn sich die Wahl irrte, in jungen Jahren irrte – dafür das halbe Leben verloren? Seydelmann kränkelte. Gerade dann, wenn man den Lebens­reiz gleichsam zu guterletzt sich steigern glaubt, kommen die Conflicte, von deren wahrem Zusammenhang die Welt keine klare Vorstellung dulden zu wollen scheint. Glücklicherweise gab der ausgezeichnete Mann einen besondern Beweis seiner Weltklugheit darin, daß er jede Regung des Ehrgeizes, Theil zu nehmen am Lenken des könig­lichen Theaterschiffs, niederkämpfte. Die Zugkraft seiner Rollen war da. Er konnte wählen, was er spielen wollte. Bei neuen Stücken herrschte im Bureau der Verwaltung nicht die mindeste Neigung, seinen manierirten Rivalen, Moritz Rott, zum Träger derselben zu machen, Uebersetzungen aus dem Französischen ausgenommen. Selbst jene Heldenväter im Charakter Wallenstein’s, die Seydelmann nicht besonders standen (damals sah ich einen Raupach’schen Boris Godunow von ihm), fielen seiner Stellung zu. Sein Nathan gab mir über die Darstellung der Rolle viel zu denken. Sein Mephisto im Faust schien gegen früher verblaßt. Die Rücksichten auf die Kritik bedrängten ihn. Die gewöhnliche Theaterroutine und das theils unauslöschliche, theils künstlich und mit Bosheit aufgefrischte Andenken an Ludwig Devrient legten ihm Hemmnisse in den Weg. Auf einem gemeinschaftlichen Ausfluge, den wir auf dem neuen Eisenbahngleise nach Potsdam (die Rückkehr sogar in dem damals dem Publikum 250 [Eduard Devrient.] überlassenen Imperiale) machten, erneuerten wir die alten Zeiten der Intimität von Stuttgart.

Mit Antheil und Verehrung trat ich in die Kreise ein, wo Männer wie Weiß, Stawinsky walteten. Ebenso berührte ich die Sphäre, in welcher meines mir intim befreundeten Emil Devrient’s älterer Bruder lebte, Eduard Devrient, ehemals ein Sänger, damals Schauspieler. Schauspieler und Schauspielerinnen fehlten bei letzterem als Ergänzung. Dafür gab es Gelehrte, Maler, Musiker, denen man begegnete. Mendelssohn war ein Freund des Hauses. Schon damals sprach Eduard Devrient von einer nothwendigen „Rettung der Bühne“. Er fand diese in einer Theaterschule, zu deren Rektor man natürlich entweder ihn selbst oder – gradezu Alexander von Humboldt hätte wählen müssen. Denn Niemand würde seiner Phantasie competent erschienen sein. In theatralischen Kreisen spöttelte man über eine Vereinigung der Schauspieler, wo Eduard Devrient und Louis Schneider über schauspielerische Gegenstände Abhandlungen vorlasen. Man behauptete, Gern und Rüthling, beides Naturalisten, naturfrische Komiker, deren Zusammenspiel das Publikum nicht aus dem Lachen kommen ließ, hätten sich in jenem Verein überstudirt und von ihrer naiven Unbefangenheit verloren. Mir schien natürlich alles fleißige Lernen im Morgenschlafrock, alles gewissenhafte Behandeln der Theateraufgaben, alles Befördern größerer Bildung innerhalb dieser Sphäre im hohen Grade wünschenswerth und zu befördern. Selbst über Devrient’s Leistungen stimmte ich nicht in die allgemeine Verurtheilung ein. Nicht sah ich den ständigen Ober­priester in der Oper, den ein glücklicher Contract, den er geschlossen, plötzlich zum Tasso und Egmont im Schauspiel ohne allen Beruf dafür hatte machen können. Sonderbar, so oft Devrient eine ideale Rolle spielte, sah das Publikum seinen Schlafrock, seine Pantoffeln, seine Bib­liothek, seine Theeabende. Für einen meiner dramatischen Helden, Patkul, war dies Pedantische, Schulmäßige ganz die richtige Färbung. Patkul las das Neue Testament im Urtext und war Pietist. Zu Quäkern, zu Tartüffe’s, zu Charakterrollen hätte den vielseitig ge­bildeten Schauspieler sein hochliegendes Organ und eine gewisse sich immer gleichbleibende Hohlheit zeitig hinführen sollen. Doch suchte ich zu meinem Nutzen als Autor alles irgend Gute aus seinen 251 [Berlin 1840.] vom Publikum durch­weg kalt aufgenommenen Leistungen heraus. Mußten doch die Helden, die ich für seinen Bruder Emil, Baison, Ludwig Löwe geschrieben und noch zu schreiben gedachte, in dem hoch­wichtigen Berlin auf diesen Darsteller übergehen. Das Tem­pera­ment der Thatkraft, das dem lässigen, weichen, sentimentalen zwei­ten Helden der königlichen Bühne, Grua, fehlte, die Energie der Recht­haberei besaß Eduard Devrient in ausreichendem Maaße.

Friedrich Wilhelm III. starb den 7. Juni 1840. Die Ge­wöh­nung an den langen Frieden, an die allgemeine Unterdrückung jedes reformatorischen Unternehmens, die Gewöhnung an die Regierungsweise Louis Philippe’s, der sich allen Cabinetten beugte, die Gewöh­nung an die logische, politische, juristische Begründung des Systems des politischen Patriarchalismus war so allgemein verbreitet, daß der Gedanke an bedeutende Neuerungen nicht auftauchte. Die Er­wartung, die man vom Nachfolger hegte, war eine mäßige. Noch standen Wittgenstein und sein Tzschoppe wie die Signalstangen des Curses, den alles steuern mußte. Nur daß kurz vor dem Monarchen Altenstein gestorben war und daß diese bedeutungsvolle Lücke mit einem Manne, der auf die Zeitfragen, die sich durch die Kölner und Posener Wirren schärften, mit einem energischen Entweder-Oder zu antworten verstand, ausgefüllt werden mußte, gab Anlaß aufzuhorchen und die Hand auszustrecken zur Fühlung, woher der Wind wol wehen würde. Tzschoppe hatte ich in den Anfängen seiner Gehirnerkrankung, an welcher der unselige Mann gestorben ist, noch vor dem Tode des Königs besuchen müssen. Er wohnte in denselben Räumen, Ecke der Behren- und Charlottenstraße, wo sich gegenwärtig das Wagner’sche Kaffeehaus befindet. Ich hatte die Zurücknahme des Generalverbots meiner Schriften zu betreiben. Die Antwort, die ich von dem eben unter dem Brenneisen eines Haarkräuslers Sitzenden empfing, war: „Gestern waren Sie im Theater!“ Er lachte so, daß sich die Papilloten beweg­ten, in die seine blondgrauen Locken gewickelt waren. Nach Entfernung des Friseurs folgte die Erklärung meiner Verwunderung über seine Allwissenheit. Eine große Mappe wurde gezeigt, die ihm regelmäßig jeden Morgen zukam. Sie enthielt das Verzeichniß aller den Abend vorher in Anspruch genom-252[Friedrich Wilhelm III.]menen freien Entréen in den königlichen Theatern. Der Usus be­steht wahrscheinlich noch. Die Erörterung meiner Bitte blieb suspendirt, hing sie doch vielleicht von einer erst in Wien bei Metternich einzuholenden Genehmigung ab. Die umliegenden Bücher erleichterten den Uebergang auf die eigenen schriftstellerischen Neigungen des Empor­kömmlings. Diese beschränkten sich auf die Geschichte seiner Vaterstadt Görlitz. Um mir einen Einblick in die bereits vorhandene Literatur auf dem Gebiet der ober- und niederlausitzer Geschichte zu geben, bedurfte es großer Anstrengungen. Rolltreppen wurden in Be­wegung gesetzt. Endlich kroch der wohlfrisirte Geheimrath auf allen Vieren, um gewisse Folianten zu finden. Zuletzt hatte er, was er suchte, und ließ mich dann in die Vorzeit einer Stadt einblicken, die mir wenigstens in diesem Augenblick völlig gleichgültig war. Weder von Politik oder Literatur, nicht einmal von dem Görlitzer Jacob Böhme wurde gesprochen, nur von Bürgermeistern und Rathsverwandten.

Seitdem wir im Genuß unserer endlich errungenen Freiheit stehen, hat sich auch das Urtheil über die Monarchen der Restau­rationszeit, Kaiser Franz, König Friedrich Wilhelm III., Wil­helm von Würtemberg u. A. in unumwundener offener Rede ausgesprochen. So oft das Leben Fritz Reuter’s erzählt werden wird, muß sich ein Schauer erneuern, den man über die Thatsache empfindet, daß jugendliche politische Phantastereien mit Hinrichtung hatten bestraft werden sollen und von Friedrich Wilhelm III. eine „Milderung“ – auf zwanzig Jahre Gefängniß erhielten! Bei alledem machte der Moment, wo dieser vielge­prüfte, schon seit seiner Jugend allem, was sich genialisch anließ, abgeneigte Fürst, die Augen schloß und dies fast unter dem Donner der Kanonen, der die Grundsteinlegung zum Denkmal Friedrich’s des Großen Unter den Linden bezeichnete, die herbe Beurtheilung verstummen. Und so schrieb denn auch derselbe Autor, dem aus der Sphäre der obern Regionen in Preußen lebenslang nichts als Misgunst zu Theil geworden, dem man nie seine warme Theilnahme für die Vergangenheit und Zukunft Preußens, damals grade in der Kölner Frage seine Schrift gegen Görres, in Rechnung geschrieben: „Bei den Aegyptiern sprach man über die todten Könige Gericht. In langen Reden und in kurzen Inschriften wird man über Friedrich Wilhelm III. viel Unwahres sagen. Man wird seinem 253 [Ein mildes Urtheil.] Geiste zuschreiben, dessen sich sein Herz rühmen konnte, und umgekehrt dem Herzen, was aus seinem Verstande kam. Möglich, daß man auch darin seine Demuth findet, was gerade sein Stolz war, und daß man ihn um dessentwillen lobt, worüber er sich selbst getadelt hat. Könige sind wie die Phänomene der Luft. Ein Gewitter erschlägt durch den zuckenden Blitzstrahl einer Mutter ihr Kind und es tränkt zu gleicher Zeit die dürstende Erde, die nach dem Gewitter schmachtete. Das wird die Nachwelt nie umstoßen können, daß der innige Zusammenhang der Schicksale, welche die preußische Monarchie zum Beginn des Jahrhunderts trafen, mit der Person dieses Fürsten für alle Zeiten auf seine Erscheinung ein mildes Licht geworfen hat. Eine freudlose, fast gedemüthigte Jugend machte ihn schon früh für die Schule des Un­glücks reif. Sein späteres Glück genoß er ohne Ueberhebung, wozu ihm die Mäßigung verhalf, die seine Leiden­schaften und Gefühle beherrschte. Die Gaben des Geschicks nahm er mit dem Gefühl an, als wäre er auf alles gefaßt, Glück oder Unglück. Nur mußte nichts plötzlich, nichts ohne Voraussicht kom­men. Heftigere Aufregungen vermied er. Es beängstigte ihn jede leidenschaftliche Zumuthung, wodurch denn auch seine letzte Regie­rungsperiode jenen Charakter der Selbstbeschränkung trug, den Preußen, ein, wie alle wußten, männlich kraftvoller und nach außenhin keineswegs ungedeckter Staat, einige Zeit bewahren konnte, ohne für seine Erhaltung besorgt zu sein. In jenen Tagen der Juli­revolution, als der Zeitgeist soviel leidenschaftliche Factoren in Be­wegung setzte und es Staatsmänner und Generale genug gab, die gern neue „Manifeste des Herzogs von Braunschweig“ in die Welt gestreut hätten und dem Weltlauf mit kecker Hand in die Zügel gefallen wären, war es die glücklichste Erfahrung für den Staat, daß seines Herrschers friedliebendes Temperament vor übereilten Entschließungen geschützt war.“

Und nicht minder gemäßigt ist die Begrüßung des neuen Herrschers, von dem sich alle Welt die Lösung eines Räthsels, die Lüftung eines geheimnißvollen Schleiers erwartete. Denn dieser Kronprinz war der Welt wie ein verschlossenes Buch. Als er die bayrische Prinzessin geheirathet hatte und in Berlin einführte, brach am Zeughause das Geländer einer sogenannten Nothbrücke. Viele 254 [Friedrich Wilhelm IV.] Menschen fan­den ihren Tod in der morastigen Spree. Unter einem der Schloß­portale wurden Menschen todtgedrückt. Ich selbst, ein Knabe von zwölf Jahren, lag in dem gräßlichen Gewühl mit meiner Mutter. An diesen Beginn schon wollte der Volksglaube „nichts Gutes“ knüpfen. Meine Divination lautete am Tage der Thronbesteigung des Einsiedlers von Charlottenhof: „Der neue Regierungs­antritt hat vor andern Thronwechseln das voraus, hier im Purpur keinen Jüngling zu zeigen, dessen Ideen noch vom Unterricht seiner Lehrer befangen sind. Ein gereifter Mann tritt auf die Bühne, ein Cha­rakter, der Jahre lang den Zeitenlauf und das Terrain der ihm jetzt anvertrauten Regierung beobachten konnte. Ihm muß das neue Herrscheramt wie ein oft gelesenes Buch sein, ein Buch des Studiums, wo so manche Stellen von ihm schon unterstrichen wurden, hier und da Merkzeichen eingelegt, wol gar ein – „Eselsohr“ geknickt ist. Man spricht von einem neuen System und nennt den neuen König aristokratisch. Aber verdanken nicht gerade einige Bürgerliche ihre Berufung zum Ministerium der Empfehlung dieses Kronprinzen? Nennt man ihn nicht einen Freund der Richtungen, in welchen Steffens und ähnliche reactionäre, aber bürgerliche Geister geschrieben haben? Dann ist er nicht Aristokrat, sondern Doctrinär. Wie aber, wenn der Kronprinz den Professor Steffens persönlich kannte, wird er da nicht gefunden haben, daß die naive Lebens­unsicherheit dieses gewiß geistvollen, aber völlig unpraktischen Mischdenkers kein Vertrauen einflößen kann zu den politischen Phantasmen und Träu­mereien eines solchen Rathgebers? Man rühmt den Geist des neuen Herrschers. Man schreibt ihm Verstandesschärfe und Witz zu. Er soll den Umgang mit Gelehrten und Künstlern, wovon sich viele seiner nähern Bekanntschaft erfreuen, dem Umgang mit den gewöhnlichen Umgebungen der Großen vorziehen. Schon ein talent­voller Zeichner soll er auch den schriftstellerischen Ausdruck in der Hand haben, wofür der Umstand spricht, daß man ihn oft zum Verfasser anonymer Flugschriften hat machen wollen. Soviel ist gewiß, er besucht die Kirchen anerkannt pietistischer Geistlichen. Ob aber auch dies aus Neigung für das theologische System derselben oder nur aus Achtung vor einer oft ausgezeichneten Rednergabe dieser Fanatiker geschieht, ich weiß es nicht. Wenigstens würde religiöse 255 [Besetzte Stellen.] Stimmung bei diesem Fürsten nicht aus einem Minus der Bildung kommen, sondern aus einem Plus, wobei man immer noch denken kann, daß es sich hier lediglich um entweder gemüthliche oder philosophische Abneigung gegen einseitige Verstandesreligiosität handelt. Gewiß lo­dert in dem Temperament des neuen Herrschers Feuer und oft kann er in den schönen Fall kommen, sich zu sagen: Du hast die Regungen Deines Gemüths gezügelt! Der edelste Triumph, den uns der Himmel schenkte, Beherrscher unserer Leidenschaften zu sein, er kann die Gekrönten ohnehin öfter beglücken, als andre Sterbliche.“ Vorläufig schien jedoch die Pietät des Sohnes für den Vater alles beim Alten lassen zu wollen.

Ein Jahr später, als bereits mein drittes Stück, „Patkul“, beim Hoftheater in Vorbereitung und trotz der Einsprache des sächsischen Gesandten während meiner Anwesenheit mit Erfolg gegeben war, begann der wohlmeinende Intendant Graf Redern eine Conversation mit mir, die auf die Frage hinauskam, wieviel ich ver­langen würde, wenn man mich neben Raupach zum bestallten Theaterdichter der königlichen Schauspiele machte. „Die Poesie des Lebens beruht auf einer sorglosen Existenz!“ sagte der reiche Gatte einer Hamburger Krösustochter in dem Empfangszimmer seines damals noch nicht lange neuerbauten schönen Palais. „Ich mache darüber beim nächsten Besuche Sanssouci’s Vortrag.“ Die Antwort, die später nach Hamburg gelangte, lautete: „Die Kränkung für Rau­pach würde zu groß sein!“ Es hatte sich aber auch schon gezeigt, der neue Herrscher wollte von den Namen des Tages nichts wissen. Er hatte nur Berufungen erlassen, die seiner immer mehr hervor­tretenden Staats- und Lebensauffassung aus der romantischen Zeit entsprachen, Tieck, Rückert, Schelling. Die verfehlteste dieser Annectirungen war die des „Chevaliers von Küstner“ für die Leitung der allerdings einer Regeneration bedürftigen Hofbühne.

Das Burgtheater in Wien wurde nach dem Abgange des Professors Deinhardstein von Franz von Holbein geleitet. Letzterer hatte eine abenteuerliche Carrière hinter sich. In jungen Jahren vom Fieber der in’s Leben übertragenen Idealanschauungen ergriffen, zog er mit einer Guitarre und im Kleide eines Troubadours „durch die Wälder“, „durch die Auen“; später gerieth er noch in die Netze 256 [Franz von Holbein.] der nach Glatz in Schlesien auf Lebenszeit verbannten Gräfin Lichtenau, der Maitresse Friedrich Wilhelm’s II., die ihn, so alt sie war, noch zu ihrem Cicisbeo zu erheben geruhte. Nach dem Tode dieser preußischen Pompadour, die vielleicht noch einen gründlichen, auf die Archive sich stützenden Biographen findet, führte er Theaterdirectionen und schrieb Stücke, bis ihm eine Anstellung in Hannover den Weg nach Wien bahnte. Sein Wesen war zum Besten geneigt. Nichts von Willkür, Parteinahme, Protection seiner eigenen Bearbeitungen. Nur hatte er die Sucht des Aenderns in den Manuskripten. Forderte dies schon oft die Rücksicht auf die so strenge Censur des Staates und die noch strengere der höhern Wiener Gesellschaft, so kam bei Holbein seine eigene Phantasie, seine unleugbare Theatererfahrung als Anreiz hinzu, die angenom­menen Manuskripte nicht anders als mit der Feder in der Hand durchzugehen. Er nannte das den Stücken der bühnenunkundigen Autoren den „Kitt“ geben. So mit Holbein’schem Kitt versehen sind ja eine größere Anzahl klassischer Stücke, z. B. das „Käthchen von Heilbronn“ (wenn man das wunderliche Stück klassisch nennen will) auf der Bühne heimisch geworden und erst in späterer Zeit von dieser Zuthat befreit. Wie sehr in Wien die Moral „der Gesellschaft“, der Ideen­kreis jener höhern Sphären, die neben den Hoflogen im Burgtheater von altersher auch die ihrigen behaupten, zu schonen ist und den „Kitt“ herausfordern, erfuhr ich reichlich. In Berlin vernachlässigt der Hof das Schauspiel. Sonst würde das traurige kleine Winkeltheater, das man dort Königliches Schauspielhaus nennt, längst in einen großen, des deutschen Reiches würdigen Raum verwandelt worden sein, wo der Hof gewiß wäre, im ersten Range die Elite der Gesellschaft um sich zu erblicken – eine Epoche für die Literatur, für die Schauspielkunst würde an­brechen. Was bis jetzt in Berlin nur das Opernhaus ist, das Stell­dichein der Gesellschaft, das ist in Wien das Burgtheater. Aber daher denn freilich die Nothwendigkeit, das Darstellungsmaterial auf die Empfindungsweise alter verwittweter Erzherzoginnen oder ihrer Hof­damen einzurichten. In meinem „Richard Savage“ erfuhr ich diese aparte Burgtheaterkritik. Unter keinerlei Umständen durfte der Held, der arme verkommene natürliche Sohn einer vornehmen Frau, in 257 [Burgtheatermoral.] Wahrheit der Sohn dieser Lady Macclesfield gewesen sein. Johnson’s Biographie des Unglücklichen zum Trotz, mußte er sich über seine Herkunft im Irrthum befunden haben und auf den Sohn einer ehemaligen Wäscherin herauskommen. Wie hätten diese Palffy’s, Esterhazy’s, Kinsky’s, Traut­mannsdorff’s eine solche „Blamag’“ für eine „adlige Dame“ geduldet, daß dieselbe aus einer Jugendverirrung einen erwachsenen Sohn hatte, der sich ihr gar noch zu präsentiren wagt! Eine Möglichkeit, die ich in Hamburg handgreiflich erlebte, wo ich täglich dem Pflegesohn eines Altonaer Kaufmanns begegnete, der der Sohn einer vielberufenen Senatorin ***, einer geborenen Adligen aus Mecklenburg, war – ihr Sohn hätte ihr täglich im Theater gegenüber sitzen können – diese war innerhalb der Burgtheatersphäre aus dem Universum verbannt. „Die Sache kann vorkommen, aber man spricht nicht davon.“ Nur der Reiz, der für mich in dem andern Ge­danken liegen konnte: Und all’ die Mühe, die Du in Deinem Stück geschildert hast, zuletzt um einen Irrthum! dieser Reiz, der in einer sich allmälig herausstellenden Hinneigung meines Gemüths mehr zu Calderon als zu Shakespeare wurzelte, bestimmte mich, für die Dar­stellung in Wien der Holbein’schen „Verkittung“ und dem veränderten Schlusse: „Richard Savage ist nicht der Sohn der Lady“ nachzugeben. Schlimmer noch war der „Kitt“ in „Werner“. Dieser geadelte Heinrich von Jordan (in Dresden mußte er des preußischen Gesandten wegen, der Jordan hieß und ein Geadelter war, von Bredow heißen), dieser Neuling in der deutschen Adelskette sollte nach meinem Manuskript am Schluß des Stückes aus dem Gothaischen Kalender wieder gestrichen und seine Gemahlin, eine Geborne, die bereits von Adel gewesen (hier stutzte die zarte Burgtheatermoral), diese sollte bereit sein, einfach eine Frau Professorin Werner zu wer­den! Das war an der Hofburg unmöglich. Hier war das Gemüth verletzt. Und ich glaube fast, das Stück würde noch heute, wenn man es ansetzte, mit all’ den Egards für jene Adelsfamilie herauskommen, in die sich der junge bürgerliche Professor hineingeheirathet hatte. Vom „Kitt“ bei „Patkul“ konnte in Wien keine Rede sein, denn das Stück war an sich unmöglich. Erst eine ganz unverfängliche Arbeit: „Die Schule der Reichen“ – Zeitalter: das 17. Jahrhundert; Schau­platz: London; die handelnden Personen: Kauf- und Gewerbsleute – 258 [Theatererfahrun­gen.] da war alles wie in den „Gebrüdern Foster“ von Ehrn Töpfer („von“, d. h. übersetzt, aber frischweg wie ein Original auf seinen Namen ver­breitet). Den bei diesem Stück angewendeten „Kitt“ bekam ich nicht ein­mal angezeigt. Ich erfuhr nur, daß „Meister Anschütz“ die Hauptrolle mit der vollen überzeugenden Kraft seines Gemüths gespielt haben sollte. Die Wiederholungen verloren sich erst, als Anschütz längere Zeit er­krankte und nach seiner Genesung die Wiederaufnahme dadurch gehindert wurde, daß sich inzwischen für die übrige Besetzung Schwierigkeiten ergeben haben würden. Eine Wiederbelebung alter Stücke lebender Autoren erfährt man selten auf unsern Bühnen. Immer nur herrscht der Augenblick. Immer nur giebt es Neulinge, die den Directionen imponiren. Die französische Sitte der den lebhaftesten Novitäten­verkehr so oft unterbrechenden „Reprises“ von alten Stücken findet bei uns wenig Nachahmung. Hätten wir nicht das sogenannte „Stamm­repertoir“, das sich aus den Interessen der Schauspieler bildet, die Gegenwart würde bei uns, undankbar und ungroßmüthig, wie die Deutschen sind, vollständig die Vergangenheit ignoriren.

Noch kann ich die Bemerkung nicht unterdrücken, daß die Productionsfreiheit selbst, auch ohne Rücksicht auf die Censur, gegen­wärtig eine vollkommen neue geworden ist. Gesellschaftliche, sittliche, kirchliche Bedenken riefen damals dem Autor schon beim ersten Ent­wurf eines Sujets überall ein „Zurück!“ entgegen. Lessing hatte in seiner „Marwood“ gradezu eine Courtisane auf die Bühne gebracht. Man hört nicht, daß seine Zeitgenossen darüber empört gewesen sind. Später aber trat eine Prüderie ein, die der Phantasie des Dichters allen Spielraum nahm. Selbst die Schauspielerinnen würden sich geweigert haben, eine irgendwie zweideutige Rolle zu spielen. Und jetzt – – !

Der Erfolg, dessen sich „Die Schule der Reichen“ in Wien zu er­freuen hatte, verkehrte sich an demselben Tage in Hamburg in das voll­kommene Gegentheil. Auf dem Terrain, wo ein Dramatiker mit einem Dutzend Anderer von gleicher Berufsthätigkeit, mit einem Dutzend ton­angebender Recensentenfedern zusammenlebt, wird zuletzt der Boden immer mehr unter ihm wankend werden. In meinem Falle gesellte sich zum Neide der Namen, die ich nicht wiederholen will, die 259 [Die Weihe des Dramatikers.] fortgesetzte – „Rempelei“, wie ich die Händelsucht der burschikosen Clique nennen möchte, die sich aus jungen, kaum von der Uni­versität gekommenen Medicinern oder Juristen gebildet hatte und ihr Schulwissen auch in ästhetischen Anschauungen auslaufen lassen wollte. Die Einen waren Romantiker, die Andern Classicisten in dem Sinne, wie wir jetzt auf den Gymnasien Schiller, Goethe, Lessing und was dazu gehört zu einer Art Philologie gemacht haben. Ja die Theaterdirection selbst, aus welcher der „alte Schmidt“ geschieden war, um einem ehemaligen Tenorsänger, einem verschmitzten und in Intriguen seinen Lebenshumor findenden Welschtyroler, Julius Cornet, Platz zu machen, gönnte mir aus Uebermuth in Folge glänzender Kassenerfolge, womit sie debütirte, ein Fiasko. Cornet vertrat die Oper und haßte das Schauspiel. Wenigstens wollte er dem Schauspiel eine veränderte Richtung geben durch den damals zuerst auftretenden Uebersetzer W. Friedrich, der das Pariser Boulevardzugstück „La Grace de Dieu“ unter dem Titel: „Muttersegen oder die neue Fanchon“ auf die deutsche Bühne verpflanzt hatte. Der Erfolg dieser Novität war beispiellos. So oft die anfangs von Frau Brüning, der spätern Ida Schuselka, gegebene Chonchon gespielt wurde, war das Haus überfüllt. Ueberdies waren neue Opern im Anzuge. Sogar Weber’s „Freischütz“ mit einer fast zur Hauptsache des Abends er­hobenen neuen Wolfsschlucht, einem Schauspiel im Schauspiel, machte volle Häuser. Die dramatische Novität des „ewigen Opponenten“ in seiner Zeitschrift „Telegraph“, des „geheimen Einflüsterers“ des „Freischütz“ und anderer Zeitschriften, die Theaterberichte lieferten, konnte getrost für die Kasse fehlen. Schließlich hatte man verbreitet, ich wollte den respectabeln Größen der Hamburger Börse eine Lektion geben und vorzugsweise den Söhnen derselben, den Regattaruderern, Jungfernstiegreitern, Sachsenwaldschützen oder wie sich die junge Kaufmannsgentry Hamburgs etwa nach dem Standpunkt des pariser Jockeyclubbs bezeichnen läßt. In der That, als der Vorhang nach dem ersten Acte gefallen war und der später nach Hannover, dann nach Berlin versetzte Hermann Hendrichs, eine bildschöne Erscheinung, den Geist des Uebermuths der Söhne dieser Millionäre anschaulich ge­macht hatte, da mußte Fama Recht gehabt haben, man sah, die Comödie 260 [Die Schule der Reichen.] des Kaufmannsstandes war bestimmt zu fallen. Man sah einen reichen Vater, der unter dem Uebermuth seiner Kinder litt! Noch eroberten die Wohlwollenden einen stürmischen Hervorruf des alten Lenz. Dieser brave Schauspieler machte den Vater eines solchen sich noch obenein zur servilsten Deferenz an den Adel neigenden Sohnes – Englands Geschichte unter der Restauration der Stuarts unterstützte ja meine Erfindung in jeder Weise. Doch spielte der alte Herr vielleicht mit zu ungezügelter Aufregung. Wenigstens hieß es, daß er sich bei einem Moment des Schwörens den Aermel seines Rockes zu weit aufgerissen und den nackten Arm gen Himmel gestreckt hätte, worüber sich „die Damen entsetzten“. Von der Mitte des dritten Actes an begannen methodische Unterbrechungen, die bis zum Schluß dauerten und zuletzt das Ganze wie einen Trümmer­haufen erscheinen ließen. Ich verhielt mich ruhig. Zwischen der ersten und zweiten Vordercoulisse sitzend, versammelte sich das gesammte weibliche Personal um mich und entlud sich seines Unwillens über die Ruhestörer. Jedem, der zur Condolation an mich herantrat, sagte ich: „Nein, nein, lassen Sie nur! Heute erhalte ich die Feuertaufe des Dramatikers! Diese Lection muß einmal jeder richtige Dramatiker bekommen!“ Von einer Wiederholung, einem Auflehnen gegen die Stimme des Publikums war in jenen Zeiten noch keine Rede. Sie hätte in aller Ruhe stattfinden können. Schon der Curiosität wegen hätte man zehn Vorstellungen nacheinander gehabt. Aber die französische Gleichgültigkeit gegen die Schicksale einer ersten Vorstellung haben wir uns erst in neuerer Zeit angeeignet und mein „Freund“ Cornet, der nimmer ruhende Welschtyroler, hatte den „Muttersegen“ und die Lortzing’schen neuen Opern.

Schauerlich still ist es schon ohnehin auf der Bühne nach jeder beendigten Vorstellung. Wie erst nach einem so stürmischen Abend, der dem wiener so vollkommen entgegengesetzt ausgefallen war – einer Thatsache, die ich bei damaligem Postenlauf erst nach einigen Tagen erfuhr. Das übervoll gewesene Haus hatte sich entleert. Ich blieb, um Niemand zu begegnen, bis die Lampen von uninteressirten Arbeitern gelöscht waren. Noch hörte ich einiges Rasseln und Poltern mit Lampenständern und Versatzstücken, 261 [Hermann Biow.] dann betrat ich die Straße. Sie war todtenstill. Kein Freund, der auf mich gewartet, mir zugesprochen, mich nach Hause geleitet hätte. Schon ging es auf elf. Ich war in dem Alter, wo man wol Bekannte hat, aber in der Regel keine Freundschaften mehr schließt. Meine Familie war nicht in Hamburg, sondern wieder für den Winter in Frankfurt am Main. Meine Gattin konnte ohne die Nähe ihrer Mutter des Lebens nicht froh werden und erwartete eine Vermehrung des häuslichen Kindersegens. Das Stadttheater von Hamburg liegt einsam, in entlegener düsterer Gegend. Ich mußte an den Fenstern eines giftigen Berichterstatters, der zwar blind war, sich aber auf einem Rollstuhl in’s Theater fahren ließ und recensirte, als wenn er sähe, Georg Lotz, vorüber. Noch war in seinen Fenstern Licht. Man debattirte ohne Zweifel über das Vorgefallene. Karl Töpfer war der Schwager des Blinden. Ich wandte mich zur Esplanade, meiner glücklicherweise nahegelegenen Wohnung zu. Da war alles gespenstisch. Die Magd wünschte Glück. Ich stieß das Hamburger vielbedeutsame Na! aus und war froh, daß mich Niemand mit weitern Fragen quälte. Die Nacht, wenn sie Schlaf gespendet, gab diesen einem zusammenbrechenden Körper.

Mich zu erheben, aufzurichten, kam am Morgen vom Schicksal nichts. Die traurige Botschaft mußte der Gattin gemeldet werden. Ich schrieb ihr. Endlich kam ein Besuch. Es war sozusagen der Leichenbitter. Denn so wol durfte man einen merkwürdigen Menschen nennen, der damals fast am vertrautesten mit mir stand. Auch als Modell für den Apotheker in „Romeo und Julia“, dem des „Lebens Stöße und Püffe“ so zugesetzt hatten, daß er sogar „gegen Mantua’s Gesetz“ gelegentlich Gift verkaufte, hätte man ihn nehmen können. Er hieß Hermann Biow, war ein Schlesier, seines Zeichens verdorbener Maler. Vielerlei hatte er erlebt, viel gesehen. Er besaß Urtheil, glaubte es wenigstens zu besitzen und über alle Dinge in der Welt. Personen des höchsten schlesischen Adels, Künstler wie Rauch, Schinkel, Cornelius, Bendemann, Hübner waren ihm wie tägliche Tischkameraden. Und fragte man an der Quelle, so kannten sie ihn in der That und hatten vollkommen die Erinnerung an ein gewisses essigsaures Lächeln, das einem Manne 262 [Leidige Tröster.] angehörte, der sich bei ihnen erst mit lächelnder Schmeichelrede eingeführt hatte, bis sich ein spitzer Stachel enthüllte, der sich selbst gegen die Meister richtete. Seine sieben bis acht grauen Haare im Schnurr­bart geriethen in’s Wackeln, wenn er über seine so weit getriebene Pfiffigkeit selbst lachte. Sein Glück sollte die Daguerreotypie werden, die damals etwas Neues war. In der That riß er sich aus dem Elend, worin ich ihn antraf, zu einer Existenz von fünf Treppen in die Luft hinauf empor und erzeugte beinahe zuerst in Hamburg jene Lichtbilder, bei denen man sich nach allen Seiten um­drehen mußte, um die richtige Beleuchtung zu haben. Seine Versuche vervollkommneten sich immer mehr, ja er wurde zuletzt (die essigsaure Miene wich einer ständig angeheiterten) in der Photographie ein be­rühmter Meister und lieferte Arbeiten, die selbst eine erste Kunst­handlung Leipzigs, O. T. Weigel, nicht verschmähte, in einer Sammlung herauszugeben. Damals aber, als mich dieser Freund zu trösten kam, stak er tief im Elend. Sein Trost hatte jenen Beisatz La Rochefoucauld’s: „Es liegt im Unglück unsrer Freunde etwas, das uns nicht unangenehm ist.“ Eine seltsame Fügung des Schicksals hat es gewollt, daß der erstgekommene Tröster zehn bis zwölf Jahre später in Dresden wieder von seiner mühsam erkletterten Photographenhöhe herabgestürzt war und mich dann ebenfalls als einzigen Tröster an seinem einsamen, von aller Welt verlassenen – Sterbelager hatte! Von seinem bedenklichen Krankheitszustande wußte ich, aber plötzlich schickte man zu mir. Er lag im Sterben. Auf meine Anrede folgte noch ein Aufröcheln wie der Versuch einer Antwort. Mancher Leser erinnert sich vielleicht jenes weiland vielbesprochenen „Psychologen“, des jetzt zum reisenden Jahr­markt­hiero­phanten verkommenen Doktors Bossard. Dieser war Biow’s Schwager und kam auf’s Schleunigste, um seiner Frau, der Schwester Biow’s, „die große Erbschaft“ zu retten. Wir bei­de allein begleiteten seine Leiche. Als wir auf einem neuangelegten Kirchhofe die drei üblichen Handvoll Erde in die Grube geworfen hatten, rief Bossard in die kalte Luft hinaus: „Das ist nun der Mann, den Fürsten ihren Freund genannt haben!“ Er meinte die fehlenden Trauerkutschen, die nicht anwesende königliche Equipage und den Befund einer Erbschaft, die kaum die Kosten der Beerdigung gedeckt haben mag.

263 [Ein Brief.] In solchen Lagen, wie die, worin ich mich befand, giebt es keinen Trost. Die Thatsache kann uns Niemand hinwegreden. Es ist das Beste, die Ursache unsres Schmerzes wird ausgekostet. Aus dieser heraus kann dann allmälig Balsam fließen, der auf unsere Wunden wohlthuend wirkt. Mein bestes Heilmittel war von je Macbeth’s Wort: „Die Stunde rinnt auch durch den rauhsten Tag“. Trost, Erhebung liegt in der einfachen Versetzung der Phantasie von heute auf die Zustände von morgen, von den morgenden Dingen auf die über acht Tage. Wie ist die Welt mit sich selbst beschäftigt! Das rennt und läuft und die Wagen rasseln und mit den wechselnden Tagen erblaßt die grelle Farbe des Geschehenen immer mehr! Praktisch hatte ich den guten Gedanken, den Inhalt meines Stückes, die einfache Fabel, auf’s Papier zu setzen und die gelesenste Hamburger Zeitung zu ersuchen, dies Referat des Ideenganges ohne Lob oder Tadel ab­zudrucken. Das geschah; der Inhalt schien Unparteiischen nicht un­verständig; der Artikel ging in andre Zeitungen über. Inzwischen kam auch manche Botschaft, die nur von Intrigue sprach, von muthwilliger Absicht u. s. w. Bei alledem verließ ich die Wohnung vor einigen Tagen nicht. Im Blick jedes Menschen hätte ich eine Mahnung an das Erlebte erkennen müssen. Ich war auf dem Wege zu erkranken.

Als sich am zweiten Tage nach dem Vorfall die Dämmerung zum Abend neigte, die brennenden Laternen kaum aus dem braunen Hamburger „Fog“ zu erkennen waren und das Theater längst wieder fröhlich und wohlgemuth an seine alten Zugmittel gegangen war (wie im Theaterleben Ein Tag den andern, auch den glücklichsten Tag, verschlingt, das hat für mich immer etwas Grauenhaftes gehabt), klingelte es und zufällig öffnete ich selbst. Ein Diener in eleganter Livree, den betreßten Hut ziehend, brachte ein zierlich gefälteltes Billet und bat um sofortige Antwort. Eine Dame der höhern Gesellschaft Hamburgs, eine nahe Verwandte meiner Lady Macclesfield, bat mich, sie zu besuchen. Nicht unmöglich, daß ich in einer Stimmung war, die den Bescheid gab, ich würde die Antwort schicken.

Die Schreiberin war eine Adlige, die Tochter des russischen Gesandten, die Gattin des russischen Generalconsuls. Ich hatte die anmuthige Erscheinung schon öfter gesehen, wenn sie ausritt. Zuweilen 264 [Therese von Bacheracht.] war sie nur von meinem alten Stallmeister Weber begleitet, mit dem ich selbst zuweilen in Hamburgs Umgebungen, in Wald und Sumpf, an malerische Vorwerke und einladende Schenken Ausflüge zu Pferde machte. In der Regel aber hatte die stets anmuthig lächelnde schöne Frau noch einen Angehörigen des Diplomatenkreises um sich. Jeder, der zur höhern Gesellschaft zu gehören schien, grüßte sie. Ihr Vater war ein Wohlthäter der Armen. Sie selbst, so sagte man, ohne jeden Stolz, die Herablassung und Güte selbst. In der Regel hing ein langwallender Rock von blauem Tuch bis zu den Hufen des Rosses, der einfache, modischgeschweifte Hut saß im Nacken, ein blauer Schleier wehte oder fiel lang auf die Schultern herab, die mit Türkisen ausgelegte Reitgerte ruhte quer über dem Sattel. Zum kräftigen Ausholen wurde sie wenig gebraucht.

Wenn ich sage, der Blick dieser Frau, so oft ich sie so reiten und in die Welt hinauslächeln gesehen, war mir wie ein ewiger Mai erschienen, so ist damit für ihren Charakter nichts festgestellt. Es giebt immer Lächelnde, die daheim sehr unmuthig die Stirn runzeln können. Ihr Reiten ließ sogar auf capriciöse Gefallsucht, Leiden­schaft schließen. Ich wußte, daß sie unter ihrem Vornamen „Therese“ ein Buch mit Reiseberichten und Aphorismen herausgegeben hatte, „Briefe aus dem Süden“. Es waren Eingebungen des kindlichen Herzens. Die Tochter hatte diese Eindrücke ihrem Vater mitgetheilt, dieser zeigte sie einem Freunde, dem bekannten braunschweigischen Appellationspräsidenten von Strombeck, der sie für druckenswerth erklärte. Die Schule des Stils, worin diese Mittheilungen geschrieben waren, lag in Paris oder Petersburg. Dadurch war hier und da etwas Rhetorisches in die Diktion ge­kommen, doch zugleich manche Feinheit, die der vulgären deutschen Schreibweise nicht eigen zu sein pflegt. Ich hatte in meinem „Telegraphen“ das Buch mit Wärme gelobt.

In jenem Billet schrieb sie mir, daß sie der Unglücksvorstellung beigewohnt und sich über die Machinationen der siegreichen Partei geärgert hätte. Der vernünftige Theil des Publikums hätte den Gang und die Moral des Stücks in meinem Sinne auf sich wirken lassen. Inzwischen hätte sie sich in die Vorstellung meiner Verstimmung versetzt und forderte mich auf, mich in ihrem 265 [Neue Sphäre.] Hause aufzuheitern. Ihr Gatte sei derselben Meinung. Am besten, wenn ich sogleich am nächsten Tage zu Tisch käme.

Ich folgte der Einladung und erlebte, daß mein Hamburger Schicksal der „Schule der Reichen“ der Anlaß zu einer durch­greifenden Neugestaltung meiner Lebensbeziehungen werden sollte. Ich lernte die höhere Gesellschaft kennen, Diplomaten, die in späteren Jahren an die ersten Gesandtschaftsstellen Europa’s kamen, Senatoren, Bürgermeister, durchreisende Staatsmänner, berühmte Gelehrte. Der Vater meiner neuen Gönnerin und Freundin war ein anerkannter Mineralog. Oft saß ich in seinem Häuschen an der Kaffamacherreihe und debattirte an seiner Tafel über Krieg und Frieden, Wissenschaft und Kunst, Preßfreiheit und Censur, Rußland und Deutschland. An eine ihm zu Gefallen zu modificirende Aeußerung meiner Ansichten dachte der gütige alte Herr nicht.

Daß sich der Dank, den ich für eine so zarte Aufmerksamkeit und Vertiefung in eines Andern Leben und Stimmung auszusprechen und zu bethätigen hatte, nicht mit dem kalten Ton des Verstandes aussprechen konnte, daß sich dieser vielmehr von Tage zu Tage mehr in der Region des Herzens bewegte, wird Jeder begreifen, dessen Gefühlsweise nicht ganz durch unsre sozialen Vorurtheile unterjocht ist. Was auch die folgenden Seiten bringen werden, es denke sich der geneigte Leser darunter gleichsam nur den Notensatz der obern Stimme. Die untere, der Grundton, fehlt.

266 IV.#

Im Frühjahr 1842 reiste ich nach Paris. Die Ergebnisse eines Aufenthaltes von sechs Wochen in der Seinestadt finden sich in meinen Gesammelten Werken (Ausgabe Costenoble Band 7). Aber nicht als „Interviewer“ bin ich gereist, wie man neuerdings darstellte, nicht wie ein zudringlicher Correspondent des New York Herald, sondern durch Briefe aus jener Gesellschaft Hamburgs empfohlen. Denn im Hause des russischen Gesandten von Struve und in dem seines Schwiegersohns hatte ich Beziehungen genug angeknüpft, um mich in Paris sogar bis in die Minister­sphäre empfehlen zu lassen. Dann hatte ich auch meinen alten Schüler St. Marc Girardin. Dieser wurde damals täglich genannt. Auch von ihm konnte ich Förderung hoffen. Mit F. A. Brockhaus hatte ich einen Vertrag über zwei Bände „Briefe aus Paris“ abgeschlossen und gewissermaßen dadurch mit Julius Campe, mit dem ich der Heine’schen Schmähschrift über Börne und der Verspätung des Erscheinens meiner eignen Biographie Börne’s wegen in Conflict gerathen war, so gut wie gebrochen.

Die Franzosen waren damals gegen uns vollständig harmlos. Becker’s Rheinlied: „Sie sollen ihn nicht haben –“ war mit keiner Kriegsrüstung verbunden gewesen; Louis Philippe hatte dem politischen Ehrgeiz seines Ministers Thiers nicht nachgegeben, ihn entlassen und Paris war ohne jede nationale Aufstachelung. Alles war nur mit Fragen beschäftigt, die sich im Frieden abmachen ließen und Jeden anregten. Meine Unterredungen mit Thiers und Guizot sind am genannten Ort wiedererzählt. Thiers war gestürzt. Er hatte sich in seiner auswärtigen Politik übernommen. Noch höre ich seinen mehrmals 267 [Guizot und Thiers.] wiederholten Ausruf: „Preußen ist ehrgeizig, sehr, sehr, sehr ehrgeizig!“ Kurz zuvor hatte er die in Oesterreich gelegenen naleonischen Schlachtfelder besucht. Metternich hatte ihm auf jede erdenkliche Weise geschmeichelt. Kein Wunder, daß er seiner Schilderung Preußens die Worte folgen ließ: „Ah, dieser Ehrgeiz ist eine Gefahr für Europa! Aber wir,“ fuhr er fort, „wir werden das Gleichgewicht Europas nicht stören. Greift man uns aber an“ – jetzt muß man sich seine Fistelstimme, die Erhöhung seiner kleinen Figur, das Feuer seiner Augen hinter der Brille hinzudenken und den zustimmenden Zuhörerkreis an seiner Mittagstafel – „dann bouleverserons le monde!“ Soviel als: Dann lassen wir alle Hunde los! Revolution und was nicht sonst! Von Bayern, Würtemberg, Baden schien der Verblendete als selbstverständlich anzunehmen, daß sie wieder Frankreichs Avantgarde bilden wür­den. Guizot hatte deßhalb treffend geurtheilt, als er mir sagte: „Es ist das Unglück meines ehemaligen Collegen, immer in Reminiscenzen zu leben! Er denkt sich, wie würde in dieser Lage Richelieu, Mazarin, Napoleon gehandelt haben, und handelt dann nach Voraussetzungen, die gar nicht mehr existiren. Folglich müssen ihn die Ereignisse immer überraschen!“ Guizot hatte Trauer. Er lud mich im Kreise seiner Familie zu einem gemüthlichen Frühstück ein.

Begegnungen mit Georg Sand, Alfred de Vigny, Michel Chevalier, Emil de Girardin, Cormenin, Jules Janin, mit dem Minister Villemain, mit dem Gesandten und Gelehrten Barante, alles das waren Eindrücke, die mein Urtheil, meine Phantasie in Anspruch nahmen. Ich habe die Eindrücke an genannter Stelle erzählt.

Einen Mißton bildete in der glücklichsten Stimmung, in der ich mich befand, die Beziehung zu Heinrich Heine. Ich hatte nie ein Hehl daraus gemacht, daß ich für seine Weise keine Empfindung habe. Seine Lieder imponirten dem Studenten nicht, dem Philologen waren sie zu „loddrig“ geformt; später, als sich die Componisten des Namens bemächtigten, sah ich wol, wie und in welchem Tone man in Deutschland das „Buch der Lieder“ zu lesen angefangen hatte. Aber mir fehlten persönliche Reminiscenzen, um 268 [Heine und Börne.] das fürchterliche Geschrei der Sänger, wenn sie auf die Stelle kommen: „Mich hat das unglückselige Weib vergiftet mit ihren Thränen“ als Symptome einer schaudervollen Begebenheit auch für mich zu verstehen. Karthago’s Untergang und noch einige andre inter­essan­te Begebenheiten der Geschichte und der Philosophie erschienen mir wichtiger als diese anbrechende neue Salonmusik mit ihrem elegischen Jammer. Ohnehin wußte ich, wie doch im Grunde alle Welt, daß die eine dieser Heine’schen „Unglückseligkeiten“ die andere ablöste und dabei an eine tiefe und nachhaltige Absicht gar nicht ge­dacht wurde. Jedes umgeschlagene Blatt im „Buch der Lieder“ brachte frivolen Trost. Wenn ich, meist von Ungebildeten, diese oder jene der ernstern Balladen mit vollen Backen declamiren hörte, so las ich sie hernach für mich allein einfach und natürlich und fand, daß die dichterische Zuthat zum gegebenen Stoff gering war. Von den parodistischen politischen Gedichten hat schon Johannes Scherr bemerkt, daß in jeder Woche das erste Gedicht des Kladderadatsch Treffenderes bringt, als der „Romanzero“ oder das klägliche Buch „Deutschland“. Bei alle­dem hatte ich mich zum Nestling meines frühern Verlegers so verhalten, daß sogar ab und zu Briefe zwischen uns gewechselt werden konnten und ich Heine gut und gern hätte besuchen können. Aber 1837 war Ludwig Börne gestorben. Ich hatte Materialien zu einer Schilderung seines Lebens gesammelt, seine Biographie, das Manuscript schon Campe übergeben. Da schick­te Heine das Manuscript seines Buches: „Heine über Börne“, eine Schmähschrift, wimmelnd von Persönlichkeiten, Anspielungen auf Menschen, die Niemanden interessirten, Anspie­lun­gen, die nur Diesen oder Jenen, der ihn vielleicht nicht gegrüßt oder von ihm nicht mit der gehörigen Bewunderung gesprochen hatte, lächerlich machten, ihn mit einer leeren Eau-de-Cologne-Flasche oder mit einem Nachttopf oder sonst Aehnlichem verglichen. Jeder Deutsche, der nach Paris kam, ohne bei Heine eine Visitenkarte abgegeben zu haben, war ihm sofort ein Stoff, zu fragen, ob der Mensch schiele, hinke, stottere, schlecht französisch spreche u. s. w. Darauf stützte sich sein Witz. Wie albern war z. B. die ewige Wiederholung „der Häßlichkeit“ des braven Maßmann, der sich seit Jahren nicht mehr in den 269 [Die Rache.] Vordergrund gedrängt, nirgends und durch nichts die Satyre heraus­gefordert hatte! Meine an Campe gerichtete Bitte ging dahin, mein Denkmal der Erinnerung an einen bedeutenden und in trüber hoffnungsloser Zeit als Freiheitskämpfer bewährten Mann, ein Buch, das nun schon Monate lang in seinem Pulte lag, früher erscheinen zu lassen, als die Beschimpfung. Sie wurde nicht gewährt. Versprach doch die letztre einen glänzenderen Gewinn. So schickte ich denn dem Manuscript meiner Biographie eine Vorrede voraus, die ich, als Probe des kommenden Buches, vorher im „Telegraphen“ abdrucken ließ. Daran konnte mich Campe nicht hindern. Ich sprach meine Entrüstung über die Verunglimpfung des Todten aus. Später entschuldigte Campe sein Verfahren dadurch, daß plötzlich eine neue Ausgabe der Börne’schen Schriften bei Brodhag in Stuttgart erschienen sei, eine Umgehung der Anwartschaft, die er selbst, der frühere Verleger, auf die neue, inzwischen nothwendig gewordene Ausgabe zu besitzen glaubte. Die in Paris wohnenden Freunde und Erben Börne’s hatten allerdings diese Aenderung beliebt. Aber in der durchaus irrthümlichen Voraussetzung, daß meine Hand da­bei im Spiele gewesen sei, ließ Campe einen jener Fälle eintreten, die den preßkundigen Juristen Dambach in Berlin in seinen „Erläuterungen zum Urheberrecht“ des Nähern beschäftigen könnten. Der Verleger erklärte: „Ich bezahle das Manuscript, drucke es aber nicht! Wer will mich dazu zwingen?“

Inzwischen war meine Schrift nach Jahr und Tag denn doch erschienen und nichts hätte im Wege gestanden, einer Regung zur Versöhnung entgegenzukommen, die Heine bewogen hatte, mir einen Boten zu senden mit der Erklärung, er wollte mir zu Ehren ein Mahl geben, zu welchem er „die ganze hervorragende französische Literatur“ einladen würde; ich sollte ihn natürlich zuerst besuchen. Der Ueberbringer dieser Nachricht lebt noch und kann sie bestätigen. Ich wußte, daß es sich nur um ein Capitel in meinem Buche handelte, „Besuch bei Heine“. Ich war bei Ministern und den hervorragendsten Namen gewesen; die „deutsche Colonie“, die deutschen Flüchtlinge waren mir befreundet; schöne Stunden wurden in gemüthlichen Kreisen gefeiert; Heine wollte nicht davon ausgeschlossen sein. Gern hätte ich einem solchen Entgegenkommen 270 [Rückkehr nach Frankfurt.] gegenüber nachgegeben. Aber die Rücksicht auf die in Paris woh­nenden Freunde Börne’s, welche Heine in solchem Grade beschimpft hatte, daß sogar ein Duell deßhalb nothwendig hatte erscheinen können, der Schmerz, den ich vorzugsweise der treuen Freundin und Pflegerin Börne’s, der gegen mich höchst gütig gewesenen Frau Strauß, würde angethan haben, mußten mich, ich konnte nicht anders, bestimmen, der Aufforderung keine Folge zu geben. Da wurde denn mein im Herbst erschienener Bericht sowol in Paris, wie von Paris aus, in jeder Weise zur Mißachtung empfohlen. Das Uebrige thaten die deutschen Söldlinge der französischen Civilliste, zu denen ebenfalls Heine gehörte. Ich hatte am Schluß des Berichts über die empfangenen Eindrücke den baldigen Untergang der Herrschaft Louis Philippe’s vorausgesagt. Leider hatte letztlich noch die neuaufgekom­mene Schule der Hallischen Jahrbücher einen absoluten Zerstörungstrieb für alles, was ihr unmittelbar vorangegangen war. Ich finde in meinen Gesammelten Werken (Band X. der Costenobleschen Ausgabe) die wärmsten Vertheidigungen Ruges gegen Leo und die Evangelische Kirchenzeitung. Der Dank war Ig­no­ri­rung oder Herabsetzung.

Düstere Bilder schlossen sich dem heitern, lehrreichen Aufenthalte in Paris an. Die furchtbare Katastrophe auf der Eisenbahn von Versailles nach Paris, das Gluthenmeer, worin halb Hamburg unterging, der schreckliche Tod des Herzogs von Orleans, Letzteres ein Schicksal, das an des Theseus Sohn, an Hippolyts trauriges Ende erinnerte! Der ersten Gefahr, mit unter die Opfer des Eisenbahnbrandes zu gerathen, war ich selbst nur durch einen Vorsprung von wenigen Tagen entgangen. Das dritte Ereigniß be­dingte eine Aenderung mancher Schlußfolgerungen in meinem zunächst in Genf, wohin ich mich auf der Rückreise begeben, geordneten Buche. Der hamburger Brand endlich mußte mir die Rückkehr in die alten Verhältnisse unmöglich machen. Ich konnte jetzt nur an ein Wohnen wieder in Frankfurt denken. Die Contouren der frankfurter Existenz waren seit Jahren gezogen. Sie hatten sich nach mancher Seite hin erfreulich erweitert.

Von der Rückreise von Genf über Zürich hatte ich manchen an­regenden Eindruck heimgebracht, vor allen Herwegh’s persön­liche 271 [Eine Musenpflegerin.] Bekanntschaft. Julius Frö­bel sah ich, den alten Follen und in einem gemüthlichen Abend am See auch die damals schon gefeierten Gelehrten Hit­zig, der später nach Heidelberg ging, Henle, der in Göttingen wirkt. Alle rühmten den Eifer, womit damals Frau Birch-Pfeiffer durch ihre Führung des zürcher Theaters für die Unter­hal­tung einer Stadt sorgte, deren Bewohner zur Hälfte aus theater­hassen­den Frömmlern bestand. Frau Charlotte versöhnte sich mit mir. Sie war gastfrei wie immer und warf beim Herumführen durch ihre Bühnenräume elegische Blicke auf unsre münchner und schwalbacher Vergangenheit.

Zu den Beförderern einer behaglichen Wiedereinwohnung in Frankfurt gehörte die schon damals an Jahren vorgeschrittene Frau Maria Belli-Gontard. Ein Fallissement ihres Gatten brachte die reiche, einer der ersten Familien Frankfurts angehörende Dame plötzlich aus der gewohnten Bahn ihres Wirkens, das im Anschluß an die nächsten Lebensinteressen hervorragender Dichter, Denker, Künstler und jedes irgendwie ausgezeichneten Menschen bestand, unliebsam heraus. 1842 war sie noch auf der Höhe und ich hatte in gewissem Betracht einen Ersatz für meine jetzt nur durch Briefwechsel mir eine „andre Welt“ repräsentirende Freundin in Hamburg. Maria Belli-Gontard’s Art war nicht, daß sie nur die eifrigste Leserin der Chemischen Briefe Liebig’s gewesen wäre, nur eine sich in die Offenbarungen des Genius vertiefende Diotima Plato’s. Sie faßte Plato und Liebig menschlich auf, forschte ebenso nach den Neigungen des natürlichen Seins dieser Heroen, wie sie deren Denk­operationen zu folgen suchte; sie würde Schiller und Goethe die glück­lichsten Tage bereitet haben, wenn diese in ihrer Nähe und zu ihrer Zeit gelebt hätten. Ein bequemes Haus, ein schattenreicher großer Garten, beide unmittelbar neben der Rothschild’schen Villa, Ausfahrten in eigner Equipage, ja sogar kleine mit ihr gemachte Reisen in den Odenwald und auf die zauberisch gelegene werthheimer Burg wurden von dieser sich immer gleichbleibenden, nie das Maaß überschreitenden und zu allem Ungewöhnlichen stillsinnig aufgelegten Frau einem größern Kreise von Freunden so zu sagen zum Geschenk gemacht. Nie war ihre Gunst ungleich vertheilt, so daß etwa Mißmuth oder Eifersucht in ihrem Kreise hätte entstehen können. Eine 272 [Politische Fortschritte.] immer gleiche Güte und Zuvorkommenheit ehrte nicht die Huldigung, die man ihr brachte, sondern nur das Verdienst. Die Schwierigkeit der geistigen Arbeit, in welchem Fache es immer war, erkennend, suchte sie dieselbe zu belohnen, zu zerstreuen, zu erheitern.

Ein treuer, wohlmeinender Freund, Georg Schirges, führte inzwischen in Hamburg die Redaction meiner Zeitschrift weiter. Einstweilen noch in meinem Namen. In Wahrheit lohnte sich eine vereinzelte, wenn auch keineswegs isolirte Stellung nicht mehr. In den „Hallischen Jahrbüchern“ war eine neue Schule aufgetreten. Die alte, die jungdeutsche, hatte entweder nie bestanden oder sie existirte nicht mehr. Treuloseres und einander Abgeneigteres, als was Theodor Mundt und sein Anhang gegen Gleichgesinnte zu Tage brachte, läßt sich nicht vorstellen. Auch Heinrich Laube gerieth durch die Muskauer Internirung und die Varnhagen-Pückler’schen Einflüsse auf Standpunkte der Cavalierperspective. Mein Lustspiel: „Zopf und Schwert“ wurde in des alten Freundes Wiederaufnahme der Zeitung für die elegante Welt unbarmherzig schlecht gemacht. Es geschah von einem Manne, der sich mit der natürlichen Tochter eines preußischen Prinzen vermählt hatte und sich in Folge dessen über Hof­sitte und Hofton für besonders competent hielt. Laube steifte sich auf Realpolitik und gerieth immer mehr in die Stimmung, die sich 1848, wie ich vermuthe, von einem uns beiden gemeinschaftlichen Freunde, dem geistvollen mephistophelischen Advokaten Detmold aus Hannover, so imponiren ließ, daß er im Parlament mit den Ultramontanen und Oesterreichern der Rechten stimmte. Wäre Detmold, der an sich durch seinen Witz, seine Belesenheit, seine Gefälligkeit, Freundschaft für mich, eine mir liebe Erinnerung ist, katholisch gewesen, ich würde ihn in Manchem das Prototyp von Windhorst-Meppen nennen. Karl Jürgens, wol der weltlichste Pfarrer, der mir je nächst Robert Haas vorgekommen, würde einen Uebergang dieser Aehnlichkeit bilden. Grimmigster Welfenhaß gegen Preußen, abgöttische Vorliebe für die engere Heimath, juristisch advokatorische Fechterkunst, sprudelnde Conversationslust wäre das verwandtschaftliche Band. Doch war Detmold kein öffentlicher Redner.

Für Arnold Ruge hatte ich gegen Heinrich Leo geschrieben. Als die evangelische Kirchenzeitung nicht aufhörte, gegen die Hege-273[Doktrinärer Dünkel.]lingen zu eifern und die Berufung Schelling’s gleichsam die von obenher vom neuen preußischen Herrscher gewünschte Entscheidung der entbrannten Streitigkeiten sein sollte, hatte ich gesagt: „Jetzt hat Ruge Halle verlassen, ein Glück für die Wissenschaft, ein Glück für die Stellung derselben zum Staat. Die Verdächtigung schien nur deßhalb so überhand zu nehmen, weil sich die gegenseitige Er­bitterung persönlich auf den Schrittsteinen Halle’s begegnete. Aber Ruge’s Wirken ist mehr als eine Universitätsfehde. Sein großartiges epochemachendes Streben verdient frei zu sein von Gefahren, die ein verengter Horizont nach sich zieht. In Dresden wird ihm ein freierer Blick werden. Er wird über die Vorurtheile milder und nachgiebiger urtheilen. Es ist nicht nöthig, daß Ruge sein freisinniges Wirken bis zu einem Conflict mit der Staatsgewalt treibt. Lassen sich auch wenige der Symptome einer hereinbrechenden Reaction, die Ruge prophezeit, in Abrede stellen, so ist doch ein Kampf für Principien ein anderer als für Thatsachen. Es wäre traurig, wenn sich hier ein edler Kämpfer für die Sache des Fort­schritts so in seinem Streben verwickelte, daß sein Institut unschädlich gemacht würde, ehe es noch recht populär geworden. Denn das möge Ruge nicht vergessen, daß seine Sache nicht in ansprechendster Form auftritt. Er spricht von Philosophie, wo das minder unter­richtete Publikum das Schlagwort Politik erwartet. Er setzt Vorstellungen von einer Totalität voraus, wo die Masse nur an Einzelheiten haften kann. Sein Hegel’scher Standpunkt ist ein solcher Grund, auf welchem Tausende, wenn sie auch gleiche Anschauungen und Wünsche haben, doch nicht mit ihm fortbauen möchten. Alles das zu beherzigen, wird Ruge veranlaßt werden, seitdem er der akademischen Sphäre entrückt ist. Auch die übertriebene Selbst­aufrei­zung gegen Preußen ist nicht anzurathen. Ein Rath im Ministerium ist noch nicht das Ministerium selbst, der Minister ist noch nicht der König, der König von heute nicht der König von morgen. Preußen ist Preußen. Der Augenblick eines offnen Kampfes scheint noch nicht reif, wenigstens nicht für die Feder Ruge’s, um den es uns leid thun würde, wenn er wie ein schönes, aber unverstandenes Meteor vorübergehen sollte.“

Man konnte die Befürchtung vor herannahender Unterdrückung 274 [Georg Herwegh.] einer Thätigkeit, die sogar dahin verläumdet wurde, daß sie in Religionssachen „Vatermord und Sodomiterei“ lehrte (Leo’sche Anklage), kaum milder aussprechen. Vor der Censur hatte ich die Rückhalts­gedanken zu verschleiern: Die Frage der Zeit ist die politische! Was sollen uns Eure religiös-philosophischen Debatten! Ließ sich dem Allem, möchte ich wiederholen, eine mildere Form geben? Aber dennoch rannte die Aesthetik dieser Schule wie wildes Borstenvieh alles nieder, was sie nicht in ihren Kategorieen unterbringen oder für den nächsten Kneipabend als „politisches Lied“ verbrauchen konnte. R. E. Prutz war die Rücksichtslosigkeit selbst. Als dann erst gar die Schule der Sozialisten in die Jahrbücher hereinbrach, die Marx, Heß, Engels, Jung die Rheinische Zeitung begründeten, da fing jenes Parteitreiben an, das sich bis auf den heutigen Tag nur noch um das kümmert, was zur Partei gehört. Die große Phrase regierte. Auf dem ästhetischen Gebiete schien die politische Lyrik und bei gemäßigter Gesinnten die weimarer Musenhof-Chronik alles Andere verdrängt zu haben.

Der Matador des Jahres 1842 war in Deutschland Georg Herwegh. Die Anfänge dieses schönen Talentes, seine einfachen, natürlichen Weisen kannte ich schon seit Jahren und stand mit ihm in freundschaftlichem Verkehr. Der Reiz seiner Muse lag in der Unmittelbarkeit derselben, in ihrem fortreißenden Schwunge. Seine Lieder waren leichter beflügelt, als die Gedichte Karl Beck’s, der einige Jahre zuvor auf längere Zeit nach Hamburg gekommen war und seltsamerweise von einer „geharnischten“ oder „gepanzerten“ Lyrik auf eine idyllisch zerflossene, fast weichliche überging. Beide hatten Aehnlichkeit in dem beständigen Grübeln und Versunkensein in ihre Auf­gaben. Immer waren sie zerstreut, zählten Sylben oder suchten ein erhaschtes Bild nicht zu vergessen. Ich muß bekennen, daß ich um solchen Preis, in Gesellschaft immer stumm zu bleiben und an meine Reime zu denken, froh bin, lyrischen Anwand­lungen nur selten nachgegeben zu haben. Der jugendlich anziehende Herwegh, mit Augen wie reife schwarze Kirschen, mit einem Teint wie ein Armenier, schwarzen Haares, einem Antinous bis auf die allzustarke Nase nicht unähnlich, war grade das vollkommene Gegentheil eines „Lebendigen“, wie sich der junge Poet mit seltsamer 275 [Die beiden Posa’s.] Ueberschätzung der Bedeutung Semilasso’s, des damals längst „Ver­storbenen“, als Gegensatz genannt hatte. Man mußte ihm die Worte abkaufen. Ein Kreis von Frauen, hingerissen von dem schönen Gedichte: „Ich möchte hingehn wie das Abendroth“, und nicht minder gefesselt vom Eindruck der Persönlichkeit des Dichters umstand ihn in Frankfurt in getäuschter Erwartung; immer hoffte man, seine buddhistische Versenkung in sich selbst möchte endlich einmal aufhören. Welchen Grund hatte Endymion grade für sein Schweigen damals in Frankfurt? Zedlitz, der Dichter der Todtenkränze, gewandter Bearbeiter spanischer Dramen, Lohnpublizist Metternich’s, hatte in der Allgemeinen Zeitung ein scharfes Epigramm wider Herwegh ergehen lassen, und die Lösung des Räthsels einer Sprechpause, die eine volle Stunde dauerte, wo ich mit drei für Herwegh schwärmenden Damen eine gemeinschaftliche Fahrt von Frankfurt nach Rödelheim, um dort zu diniren, machte, war die, daß der bei alledem immerfort innerlich Arbeitende, als er befragt wurde, warum er denn so lange geschwiegen, in seinem schwäbischen Ton erwiderte: „Ich suchte einen Reim auf Zedlitz!“

Da ich in Hamburg nach dem Brande Mancherlei zu ordnen hatte, so begleitete ich Herwegh auf den Anfang seiner berühmten Triumphreise. Wir nahmen den Weg über Mainz und Cöln. In Mainz blieb noch alles stumm. Erst die neubegründete Rheinische Zeitung erbaute in Cöln die erste Triumphpforte für einen Alexanderzug, der mit einer Gensdarmerieeskorte endigen sollte. Die Zeit bedurfte eines Ausdrucks für ihre Stimmungen. „Auf Flügeln des Gesanges“ trug sich der neue Schwarmgeist von Ort zu Ort. Die Liederkränze wurden die Logen, wo die wan­dernden Profeten, Weisen und Schalksnarren zuerst einsprachen. Auch mit Hülfe der deutschen Liederkränze wurde Herwegh’s Triumphzug in Scene gesetzt. Als die Mode des Feierns der Personen vorüber war (weil nachgerade der großen Männer zuviel wurden), hatte sich nur noch Hoffmann von Fallersleben gemerkt, daß man, um in den kleinsten und größten Städten von sich reden zu machen, am besten thut, gleich am Thor nach der Adresse des alldortigen Liederkranzes zu forschen.

Einige Jahre später unternahm auch Berthold Auerbach einen 276 [Klein-Sanssouci.] solchen Triumphzug. Der Herwegh’sche war Nordost gegangen, der Auerbach’sche nahm die östliche Linie mehr in gerader Richtung. Der Gefeierte hatte sich aus unerquicklichen Vergrübelungen und Nachempfindungen fremder Lebensmomente herausgerissen und in der Weise, wie schon früher Alexander Weill elsässische Dorf­zustände geschildert hatte, Jeremias Gotthelf schweizerische, so nun auch schwäbische Genrebilder geschrieben. Sie waren ursprünglich in einer leipziger Zeitschrift erschienen und bildeten jetzt als Buch ein Ganzes. Von Mainz nach Frankfurt gekommen, behauptete der Glückliche, dem eine neue Welt der Erfindung in seinen Jugend­erinnerungen aufgegangen war, am zahlreich besetzten Mittagstisch eines gemeinschaftlichen Freundes, ihm würde es nicht begegnet sein, daß er dem Könige von Preußen bei einer ihm etwa ebenfalls von Schönlein vermittelten Audienz jene Wahrheiten nicht gesagt hätte, die bekanntlich Herwegh erst von Königsberg aus gleichsam als Treppen­witz auf die Post gegeben. Herwegh’s ungehaltene Posarede, die in der Leipziger Allgemeinen Zeitung erschienen war, ging auf die Verleihung einer Verfassung und die Aufhebung der Censur. Der neue Triumph­reisende (alle Welt wollte beim Erscheinen der Schwä­bischen Dorfgeschichten im Schwabenton vorzulesen verstehen) behaup­tete, Er an Herwegh’s Stelle würde die Mahnung sofort angebracht haben. Ich vertheidigte Herwegh und behauptete, man könnte in einer solchen von Fürsten gewährten Audienz nicht zu Worte kommen, am wenigsten mit solchen Dingen. „Das wäre!“ lautete die Ant­wort. Da gäbe es der Behinderungen, fuhr ich fort, so viele, theils in den Umgebungen, theils in der Natur des zur Audienz Empfangenden, theils in der des Besuchenden, daß ich meine Behaup­tung, auch Auerbach würde weder in Berlin noch Sanssouci Posaspieler werden können, aufrecht hielt, worüber sich dann ein dramatischer Scherz entspann. „Nun wohlan,“ sagte ich, „machen Sie Ihre eigne, von Schönlein beim König eingeführte Person, ich will den König machen. Spielen wir beide jetzt gleich die Scene –!“ Aus frühern Begegnungen mit dem Verfasser der Dorfgeschichten wußte ich, daß seine Weise zwar da, wo ihm keine Rücksichten auf­erlegt sind, eine dominirende war, daß aber überall, wo sich ab und zu zu schwei­gen und zu hören geziemt, das von ihm Vernommene 277 [Hervorrufungen.] sofort seine eigenen Gedanken kreuzt, worüber bekanntlich die Menschen nachdenklich werden und zuletzt verstummen. So empfing ich ihn also als König Friedrich Wilhelm IV. mit Lobeserhebungen und Anerkennungen, die ihn schon allein in Verwirrung brachten. Dann folgte auf den bloßen Versuch einer Erwiderung eine solche Anzahl heterogener, nach Mäcenatenlaune plötzlich abspringender und doch organisch in sich zusammenhängender Fragen, Fragen aber des Interesses für Kunst und Literatur, des Interesses für den Besucher, daß die Ge­dankenverbindung Posa’s eher auf alles, als auf die Verfassung Preußens und die Deutschland noch fehlende Preßfreiheit kommen konnte, ja überhaupt gar nicht einmal zu einem zusammenhängenden Satze. Der Monarch hatte ihm volle zehn Minuten geschenkt, die Scene war die belebteste, alle Tischgenossen glaubten sich nach Sanssouci versetzt. Aber die Ansätze: „Nordstetten in Schwaben“, „Hebel in Carlsruhe“, „Spinoza sagt einmal“ u. s. w., kamen zu keiner weiteren Ausführung. Das Wort des huldvollen Monarchen: „Habe mich gefreut“ war gefallen und der dienstthuende Kammer­herr blies zum Rückzuge.

Für die Bühne zu arbeiten hemmte mich die bei jedem Stoff, der erwogen wurde, sich aufdrängende Censur. Sie schwang eine doppelte Geißel, die des Staates und die der Hoftheaterintendanzen. Für die Stadttheater zu schreiben, konnte nichts reizen. Eine „Gräfin Esther“ hatte, in’s Italienische, Emilia Galotti’sche übersetzt, die Geschichte jener Gräfin Dönhoff werden sollen, die sich überreden ließ, für Friedrich Wilhelm II. eine würdige, ihn aus seinem Verhältniß zur Lichtenau lösende, „veredelnde“ Maitresse zu werden. „Um Gotteswillen, wer führt denn das auf?“ riefen die Schauspieler, Jean Baptiste Baison an der Spitze, der, wie mir, so fast allen jüngern Dramatikern, die damals für die Bühne zu schreiben begannen, nützlichen Rath ertheilte.

Auch ich hätte in manchem Jahre Deutschland durchziehen und meiner Person die Erfolge einiger meiner noch jetzt gegebenen Stücke zu gute kommen lassen können. „Zopf und Schwert“, „Urbild des Tartüffe“ waren „Sensationsdramen“ geworden. Ich hätte mir nur die Relais an den Theatern und bei den befreundeten Darstellern zu bestellen brauchen. Es würde mir überall derselbe Jubel entgegen-278[Deutsche]gekommen sein, den ich in Leipzig, Dresden, Breslau antraf, wohin ich auf andre Anlässe reiste. In Leipzig zogen mich Lortzing und Ballmann an die Lampen. In Dresden Emil Devrient und Dittmarsch. Immer war mir diese Auszeichnung peinlich. Ich ver­weile bei dem Gegenstande, um einen gewissen Vorgang zu berichtigen, den zu meinem Erstaunen Heinrich Laube für interessant genug befunden hat, ihn in seinem Buche: „Das Burgtheater“, S. 96 zu erzählen, doch in einer Weise, die von Anfang bis zu Ende falsch ist.

Im Jahre 1856 wohnte ich in Wien der ersten Vorstellung meines Schauspiels „Ella Rose“ bei. Fast nach jedem Acte und am Schluß wurde ich in so stürmischer Weise gerufen, daß man selbst aus den kaiserlichen Logen den Ruf nach meinem Erscheinen vernahm. Aber Heinrich Laube verbot, den Vorhang aufzuziehen. „Demonstrationen solcher Art schaden unsrer Stellung!“ hieß es wörtlich aus seinem Munde. „Du giebst mir Dein Ehren­wort und gehst nicht hinaus!“ rief mir der Director mit einer Leidenschaft zu, die alle Umstehenden betroffen machte. „Das sind Demonstrationen, wird es heißen! Dergleichen paßt hier nicht! Wir sind in Wien! Meine Stellung erlaubt’s nicht!“ Nach jedem Act gieng la Roche statt meiner hinaus und dankte. Das Publikum, das mir auf den Stiegen begegnete und mich nicht kannte, die Damen, waren, in wienerischer Weise, vor Zorn über „die Unverschämtheit, nicht zu kommen“, geradezu außer sich. Natürlich mußte es das Stück entgelten. Bei Publikum und Kritik. Als Abends nach der zweiten Vorstellung bei Frau Rettich Friedrich Halm den eben aus dem Theater kommenden Director fragte: „Wie war’s heute?“ antwortete dieser mit sichtlicher Befriedigung: „flau“. Ich stand in der Nähe und hörte den wohlwollenden Bericht, das absolute Gegentheil jener an obiger Stelle gemeldeten edlen Absichten.

Das Loos des deutschen Dramatikers läßt sich mit dem des französischen nicht vergleichen. Ueberall treten jenem Hindernisse, Chicanen, Gehässigkeiten in den Weg. Als ich schon bei meinem vierten Stücke war, hatte sich Küstner in München noch nicht über die Zulassungsfähigkeit von „Richard Savage“ schlüssig machen können. Es ist traurig in Deutschland, daß der Dramatiker das 279 [Bühnenzustände.] Opfer entweder von vornherein vorurtheilsvollen oder feigen oder, was am häufigsten der Fall ist, diplomatisirenden Theaterchefs ist. Letztere sind meist Emporkömmlinge, die ihre Stellung nie recht für gesichert halten. Ein ungnädiger Blick im Logengange oder gar eine abfällige Aeußerung einer alten Prinzessin bringt sie zur Ver­zweiflung. Ueber eine Vorlesung meines „Zopf und Schwert“ in Sanssouci soll Friedrich Wilhelm IV. gelacht haben, aber für die Königliche Bühne durfte das durchweg patriotisch gefühlte Stück nicht existiren. Ich hatte es 1844 im Sommer auf einer Reise nach Italien geschrieben im Hôtel Reichmann zu Mailand. Ein Gartenzimmer und das völlige Fremdsein im Orte erlaubte das behag­lichste „Combiniren“. Der Erfolg war überall ungetheilt. Nur verschlossen sich die Hoftheater. Ein König, der in Hemdärmeln geht, war das möglich? Endlich brach doch Dresden den Bann. Und als es gar hieß, der jetzige Kaiser von Rußland, damals Großfürst, sei zugegen gewesen bei einer Vorstellung und hätte gelacht und applaudirt, da kamen denn allmälig auch München und Stuttgart, bis plötzlich auch hier wieder der König die Wieder­holungen nicht sehen mochte – der „weißen Frau“ wegen, die im Stück erwähnt wird, da dieser unheimliche Spuk auch im Hause der guten Wirthe am Berge umgeht. Ihr habt leicht spotten, ihr wiener Feuilletonisten mit Eurer Frivolität und Blasirtheit z. B. über ein Stück wie „Ein weißes Blatt“! Ueber seine einfachen Motive! Ihr seid die in schweren Kleiderstoffen hereinrauschenden Courtisanen gewohnt, den pariser Marquis, die frivole Ehe dos à dos – ich sehe die tausend Ofenheims, die Euer Publikum bilden, sehe sie die Lorgnette einkneifen und sich äußern: „Wie überlebt! Wie gewöhnlich!“ Aber, wenn man nicht zur Misère der Bankerutte griff, was blieb denn damals übrig, als zurückzugreifen in die einfachste Gemüthswelt! Auf einem Terrain, wo man wenig Treue, Dankbarkeit, Aufopferung kannte, mußte man sich mit Gewalt behaupten und gerieth in Folge dessen gezwungenerweise auf das absolut Harmlose. Dennoch wurde jeder Neuling von den Bühnenlenkern mit offnen Armen empfangen. Was wurde da nicht bei Seite geworfen! Um Seifenblasen, die wie bald zerplatzten! Die bewährten Stücke ließ man absterben. Auch weil die Darsteller zu feist für Idealgestalten wurden. 280 [No­vem­ber­tage.] Aus „Pietät“ für ein paar alte invalide Schauspieler, denen man nicht den „Todesstoß“ geben wollte, wenn man ihnen die Rollen zu Stücken abholte, in denen sie seit zehn Jahren – nicht mehr gespielt hatten, ließ man lieber die Stücke selbst vermodern.

„Ein weißes Blatt“ ist erst durch eine spätere Umarbeitung zu kräftigerm Rückgrat gelangt. Gewiß haben Diejenigen Recht, die hier und öfters bei mir tadelnd von einer schwanken Führung der Handlung gesprochen. Aber der Irrthum, den diese Kritiker (und in welch böswilliger Weise ist es später geschehen!) in der Unklarheit meiner Herzenszustände finden, war in einer ästhetischen Ansicht zu suchen. Von je hat sich mein kritisches Gewissen gegen die scharfgezeich­nete Fabel, z. B. die absolute Con­ti­nuität in den Fakten einer Erzäh­lung gesträubt. Das Leben giebt uns selbst in den Begebnissen, die in den Schwurgerichtsverhandlungen zur Sprache kommen, nur Zufall auf Zufall. Man glaubt etwas zu wollen und zu verfolgen und die Umstände irritiren unsern Willen und unsere Handlungsweise. Das Komische und das Ungeheure, beides stellt sich nach dieser Anschauung meist als zufällig, unvorbereitet, harmlos heraus. Balzac hat sich nach dieser Anschauung des Lebens gebildet. Aber ich gestehe es, die Geringschätzung des vom nüchternen Verstande wie eine Anklageakte entworfenen Gerippes hätte mich mit der Zeit abwärts führen können, wenn ich nicht glücklicherweise eine Arbeit, die aus dieser fast prinzipiellen Lässigkeit der Hand­lungs­durchführung entstand: „Die beiden Auswanderer“, in aller Ruhe und in einer weder durch Beifall noch durch Zeichen des Misfallens unterbrochenen Vorstellung selbst mitangesehen hätte.

Es war ein kalter Wintertag, als ich mich anschickte, zweien Einladungen zur Ansicht der ersten Vorstellung des genannten, in meiner Dramensammlung nicht erschienenen Stückes zu folgen. Die eine lautete nach Carlsruhe und kam von Ludwig Dessoir, die andere nach Wiesbaden, wo mir der jetzige meininger Director Grabowski ein besonderes Wohlwollen zeigte. Beide waren Regisseure. Ich sah die Vorstellung in Wiesbaden und war davon, obschon sie gut scenirt war, so wenig erbaut, fand sie so wenig auf die Empfäng­lichkeit eines Publikums begründet, daß ich mich voll Mismuth in Castell auf den Rheindampfer begab, der mich nach Mannheim führen 281 [Lebensbürden.] sollte. Von dort hätte ich nach Carlsruhe die Post nehmen müssen. Aber schon unterwegs ergriff mich eine Stimmung, die mich in späterer Zeit überwältigt hat. Das ewige Mäkeln der Tonangeber, deren Berechtigung zum großen Wort ich nicht anerkennen konnte, das Nachwirken der Menzel’schen Verur­theilung, die Selbstsucht der Freunde, die Zumuthung, sich erst demüthigen zu sollen, ehe man die Gunst der Großen gewinnt, das ewige Arbeitenmüssen, um existiren zu können, alles trug dazu bei, mir mein Streben zu ver­leiden. Der Erzähler dieser Biographie hat seinen Entwicklungs­gang vor den Augen des Publikums durchgemacht. Er wuchs aus gleichsam sichtbar zu Tage liegenden Wurzeln und arbeitete sich erst allmälig aus Stimmungen des Gemüths und der Parteinahme zur Objectivität heraus. Die klare Anschauung, wie sich sein eignes Gebilde gegen die Kunstregel oder die Geschichte der Literatur oder die Capricen des Publikums abhob, kam ihm erst spät. Der partei­ische Eifer für die Zeitfragen hatte sich gemildert. So grü­belnd und dem verdrießlichen todten Abend nachdenkend fuhr ich rheinaufwärts in dem schwerfälligen Schiff. Gegen Abend hätte ich in Mannheim sein können. Ueberwältigend war da ebenfalls die trübe Erinnerung. Unmuthsvoll blickte ich in die Wellen, in den sich kräuselnden Schaum, den das Schiff zurückschleuderte. Die auf und ab gehenden Stempel der Maschine drückten mir das Auf und Ab, den monotonen Gang der Pflichten des Lebens aus. Das Gefühl der Verantwortung, die uns die Gesellschaft, die Sitte, die Familie auferlegt, ohne daß irgend Eines die Kämpfe ahnt, die in unserer Brust durchgemacht werden müssen, wurde so mächtig, daß ich die nächste Gelegenheit einer Landung ergreifen mußte, um mich zurechtzufinden. Ich sah mich nach einem Wirthshause um, zunächst um an Dessoir zu schreiben, daß ich zu kommen verhindert sei. Dann wollte ich umkehren, froh, dem nochmaligen Anblick eines invita Minerva geschriebenen Stückes entronnen zu sein. Ich stand an einer stattlichen Herberge, dem sogenannten „Gelben Hause“, das vor Jahren allen Liebhabern einer ausgesuchten Küche auf zehn Meilen in der Runde bekannt war. Damals lag das Haus noch einsam am Rheine. Die malerische Umgebung des Stromes war auf der rechten Seite entschwunden, auf der linken wandte sie sich 282 [Karoline Lindner.] den Höhen des Donnersberges zu. Die Fenster des winterlich kalten, bald sich erwärmenden Zimmers ließen weit hinaus in die Ferne sehen. Der Flug eines Raubvogels, der nach dem Odenwald seine Beute trug, ließ sich verfolgen durch die weite Ebene der blauklaren schneidenden Luft. Hier blieb ich zwei Tage allein. Mit unge­sprochenen Monologen und Briefe schreibend. Daß ich daheim auf dem Schreibpult ein neues fertiges Stück liegen hatte: „Das Urbild des Tartüffe“, gab mir keinen Muth. Die Abhängigkeit der Erfolge von der Darstellung, der Vertrieb, das Abwarten des Entgegenkommens, die Nichtmitwirkung des Autors schon beim ersten Prüfen und Lesen eines Stückes – es ist das alles in Deutschland zu, zu widerlich und abschreckend.

„Wir haben den Darsteller nicht!“ hört man wol von Manchen, die wenigstens sogleich antworten. In Frankfurt wäre mein „Weißes Blatt“ beinahe gefallen durch die gefeierte Karoline Lindner. Die Dame spielte die gealterte Beate und war – wirklich alt. Nach Versicherung des satyrischen J. B. Baison war die Körperfülle derselben so groß, daß „zwei Schneider in der Garderobe an beiden Enden das Schnürleib aus Leibeskräften anziehen müßten, um ihr nur eine Taille zu machen.“ Diese Dar­stellerin riß als Margarethe in den Hagestolzen und eines der Suschen und Lieschen Clauren’s in den zwanziger Jahren alles zur Bewunderung hin. Aber in ihren spätern Jahren bestand ihre Redeweise nur aus kurzen Sätzen von je drei bis vier Worten; immer mit einer flötenden herzinnigen Stimme, die traditionell bezaubernd sein sollte, aber in Wahrheit keine Rolle mehr zur Geltung brachte, wenn diese nicht mit dem Effekt der Situation für sich selbst wirkte. „Ihr Schauspieler,“ rief ich schon damals, „wenn Ihr nur wüßtet, daß Euern Hervorruf an dieser Stelle nur der Dichter gemacht hat; daß das Lachen des Publikums bei jenem Scherze ganz unmöglich gewesen wäre, wenn es hätte abhängen sollen von Eurem unsichern Schwimmen mit dem Souffleur, von Eurem dunkeln Erinnern auf die überstandenen drei Proben! Eben donnert Ihr, um Euch ein Air zu geben und dem Director zu imponiren, dem Souffleur zu: Souffliren Sie nicht, nur anschlagen! Und wenn der Aermste unten in dem 283 [Julius Mosen.] Rettungsapparat des deutschen Comödiantenthums dieser Weisung folgt und wirklich nur die Anfänge der Sätze hervorhebt, so schreit der Matador wieder: „Aber, himmeltausend u. s. w. jetzt schweigen Sie ja ganz still!““ Diese Karoline Lindner war in die Vierzig gekommen und machte mit Widerstreben den Uebergang zu jenen Parthieen, zu denen die gleichfalls von ihr so zu sagen dem Souffleur nachgesungene Lady Macclesfield in meinem Richard Savage gehört hatte. Die allgefeierte, im Umgang liebenswürdige und in guten Momenten, wo eben der Dichter dafür gesorgt hatte, und vollends in Lokalstücken durch Einzelheiten noch immer zündende Darstellerin war unvermögend, eine Rolle zu lernen. Sie hatte sich ein Vermögen erworben und besaß einige Häuser in der Stadt. Das zerstreute sie. Sowie sie an die Lampen trat, schien sie die Besinnung zu verlieren. Baison, ihr College, sagte: „Sowie sie die Menschen sieht, die da vor ihr sitzen, fallen ihr die Miethszettel ein, die an ihrer Hausthür hängen!“ Die Rolle der Beate im „Weißen Blatt“ mußte einer Schauspielerin zufallen, bei welcher die Aeußerung der Tony: „Sieh, ein weißes Härchen!“ kein allgemeines Gelächter hervorrief.

Solchen und ähnlichen Erfahrungen nachdenkend, die Zersplitterung des deutschen Theatertreibens, das jede der deutschen Städte für die andre maßgebend machte, verwünschend, begab ich mich in meine Klause auf dem Frankfurter Hirschgraben, dem Goethehause gegenüber, zurück, ließ das in Reserve liegen­de Stück drucken und versandte es. Es erlebte einen großen Erfolg. Von Ovationen, Hervorrufungen, Zahl der Darstellungen zu berichten, widersteht mir. Die leichte Behandlung des historisch Richtigern, die ich mir bei einigen Persönlichkeiten des Stücks vorzuwerfen hatte, bestimmte mich später, die Bühnen zu bitten, den Präsidenten Lamoignon in La Roquette zu verwandeln. Es dauerte lange, bis die oft erneuerte Bitte Erhörung fand.

Wie sich in Frankfurt am Main durch Besuche der Kreis von literarischen Beziehungen, mit Adolf Stahr, Karl Rosenkranz u. A., mehrte, so durch jeweilige kleine Reisen. In Dresden stand mir Julius Mosen nahe, den ich vielleicht schon 1833 begrüßt hatte. Dieser drückte mir schon früh die mit glücklichen Mitteln erworbene Kunst aus, sich eine Huldigungsgemeinde zu bilden. Ich konnte von 284 [Dichterthrone.] seinen opernhaft gearbeiteten Dramen nicht grade enthusiastisch denken, sein „Congreß von Verona“ war eine fleißige, saubre Arbeit, seine Novellen waren Phantasiegebilde altromantischen Styls, seine Ge­dichte boten bis auf die zufällig zur Polenzeit in Schwung gekommenen „Letzten Zehn vom Regiment“ nichts besonders Originelles und dennoch fand ich die sächsische Enthusiasmirungsbefähigung in Thätigkeit, ihm in Dresden einen stattlichen Cultustempel zu bauen. Sein erster Priester hieß Adolf Peters, ein Dichter, dessen dithyrambischer Schwung noch über den pindarischen gieng. Alle waren es vortreff­liche, liebenswürdige Menschen, der Meister obenan. Sie versammelten sich, tranken Thee, setzten sich zuletzt um einen von fein­gebildeten Frauen geordneten Tisch und ließen einander leben, der Bedeutendere den Unbedeutenderen, der Maler den Musiker, der Musiker den Dichter, der Dichter den Bildhauer. In der Presse spiegelte sich das schöne harmonische Bild wider. Zu solchem Groß-Kophthathum hatte mir die Natur das Talent versagt.

Die kämpfende, ringende Stellung der Literatur begegnete mir schon eher auf einer Reise nach Wien. Da lebten „unverstandene“ Geister, die in Wien nur als Personen vegetirten, mit ihren Werken aber in Leipzig und im „Reiche“ spukten. Es war im Frühjahr 1844. Sogar Fürst Metternich beschied mich zu sich, ohne irgend ein Ansuchen meinerseits. Auch hier wäre die Posarolle ebenso unmöglich gewesen, wie in Sanssouci. Wer den gewohnten Gang seiner Lebensbeziehungen unterbricht, als Fürst oder Minister eine Gunst in seinem Sinne, eine Audienz, gewährt, hat den Anspruch, daß man innerhalb der gewohnten Lebensverhältnisse des Berufenden bleibt und nichts herauskehrt, wozu wir nicht erwartet wurden. Die Möglichkeit, daß ein feiner Kopf gewußt hätte, seinen Antworten z. B. auf die Frage: „Wie gefallen Ihnen die Vorstellungen des Burgtheaters?“ eine Wendung zu geben auf die Enthüllungen des englisch-russischen Portfolio über die orientalische Frage, will ich nicht in Abrede stellen. Ein wiener feuilletonistischer Tausendsappermenter hätte es vielleicht zu Stande gebracht. Aber wie nun, wenn die höhergestellte Person diese Rede wohlgefällig anhört, dann aber nur sagt: „Sie brauchen das Wort Portfolio? Warum sagen Sie nicht Gelbbuch, da bei uns die gelbe Farbe 285 [Fürst Metternich.] in solchen Fällen vorwaltet? Die Engländer sagen Rothbuch, wegen dem bekannten rothen Faden – Sie wissen doch – das Schiffstau – apropos, waren Sie schon im Arsenal von Venedig?“ Nun ist der rothe oder gelbe Faden der orientalischen Frage verloren und die Discussion bleibt entweder bei sprachlichem Purismus oder bei der Heraldik oder bei statistischen Betrachtungen über die Fort­schritte der österreichischen Marine stehen, wo dann der Versuch, auf die orientalische Frage zurückzukommen, zwar ermöglicht wird, aber schon wieder durch Betrachtungen der hohen Person über die mangelhaften Burgtheater-Dekorationen im „Kaufmann von Venedig“, die falsche Zeichnung des Marcusplatzes, unterbrochen wird. Der Fürst, halb taub ohnehin, sprach nur von den alten Zeiten des Burgtheaters, seinem seltenen Besuche desselben, seinen gegen­wärtigen Leistungen, vom Spiel der Franzosen und Engländer und einigen persönlichen Allotrien, die mir so vollständig in der Schilderung dieser Begegnung in meinem „Zauberer von Rom“ (Otto Janke’sche Ausgabe, Band IV) aufgegangen sind, daß ich auch in meinen „Lebensbildern“ (Band II, S. 190), wo ebenfalls diese Begegnung erzählt wurde, auf jene poetische Wiedererneuerung habe verweisen müssen. Das wußte ich aus guter Quelle, daß ihm meine „Oeffentlichen Charaktere“, die im Jahre 1835 in der Allgemeinen Zeitung erschienen waren, Veranlassung geboten hatten, sich nach mir zu erkundigen. Kürzlich las ich diese Schilderungen wieder und urtheile objektiv, wenn ich sage, daß es ihn überraschen durfte, als er erfuhr, diese geschichts­kundigen Porträts damaliger Staatsmänner hätte ein junger Mann von 24 Jahren geschrieben. Fürst Bismarck kann sie noch heute als Varziner Lektüre benutzen.

Die Sonne schien so frühlingshell durch die Fenster des kleinen Cabinets, daß die Aussicht nach dem Augarten über die Bastei hinweg und dem zusammengekauerten, magern, mit Perrücke bedeckten, tauben Staatskanzler diesem noch eine gewisse Beleuchtung von Frische und Leben gewährte. Doch hätte man ihm nicht zu­trauen sollen, daß er damals noch nach allen Seiten hin hetzte und schürte und dem revolutionären Geiste Fallen legte. Damals hatten die schweizer Wirren begonnen. Der Sonderbundskrieg war eine Anstiftung Metternichs. An die damalige preußische Politik 286 [Messenhauser und Becher.] brachte ich ihn nahe heran. Das Thema, ob Professoren an ihrem Platze seien, wenn man ihnen Ministerportefeuilles in die Hand gäbe (Ancillon, über den ich geschrieben hatte, Eichhorn), entlockte dem Minister ein bedeutsames Lächeln und mehrfache Hms! Hms! brachte ihn aber nur auf die deutschen Universitäten, deren er einige für zu klein erklärte, als daß sie noch die volle Würde der Wissenschaften wiedergeben könnten.

Aus damaliger Zeit treten mir zwei tragische Gestalten entgegen, die mit soviel frischen, lebendigen Hoffnungen auf die Welt und die Zeit blickten und in einigen Jahren das Loos haben sollten – hingerichtet zu werden. Ich sage hingerichtet, nicht standrechtlich erschossen! Warum erleichtert Ihr den Aussprechern und Vollstreckern solcher Todesurtheile das Ungeheure ihrer Strafforderung durch die Phrase: zu Pulver und Blei verurtheilt?! Warum wird in diesem Falle das schon dem Kindesohr schreckhaft eingeprägte Wort „Hinrichtung“ vermieden? Uebersetzte man sich all die Gelegen­heiten, wo in den letzten Zeiten das Erschießenlassen stattgefunden hat, in ebenso viele Guillotinirungen, ich glaube, der Respekt vor unsrer Zeit würde zur Besinnung kommen und sich sagen: Wir haben nicht nöthig, uns über die französische Revolution so besonders erhaben zu dünken!

Eduard Bauernfeld, der sich den am klügsten gewählten Stand des Schriftstellers, den Cölibat, erwählt hatte, führte eine Anzahl Freunde in ein später zu großer Bedeutung gelangtes Haus, das des Fabrikanten Hornbostel. Auch dieser intelligente Industrielle ahnte schwerlich, daß ihm noch ein Ministerposten beschieden sein würde, noch weniger ahnten es die Damen des Hauses, die nur in Kunst und Literatur lebten, nur in der Sorge für die Füllung ihrer Albums, nur im Genuß des Vorrechts, im Leben dieses oder jenes Dichters die beglückende Fee spielen zu dürfen. Vom reichen Diner angeregt, sprach sich der vom Rhein gekommene Doktor Becher, eine lange, hagere, hektische Gestalt, über alles aus, nur nicht über Dinge, die ihm auch nur die Ahnung hätten wecken können, daß er je etwa nur zu einer vertraulichen Rüge auf’s Polizei­amt citirt werden konnte. Leutenant Messenhauser war ruhiger. Aber nicht wie Cassius. Er schrieb Novellen. Ein Gedicht in 287 [Der „Landsknecht”.] Witthauer’s Modewochenschrift untergebracht zu haben, war neben dem Avancement das höchste seiner Ziele. Wir schlenderten über dasselbe Glacis, das jetzt mit Palästen bedeckt ist. Keine Reminiscenzen des Convents waren es, die da in die Lüfte drangen. Keine Schmerzensschreie über die zerrütteten Zustände Oesterreichs, über die Polizeiwirthschaft Kolowrat’s und des Erzherzogs Ludwig, die schon damals Metternich „kaltgestellt“ und auf seine diplomatischen Spielereien verwiesen hatten. Das Feuer des Doktor Becher, der damals in Wien als eine Autorität in Musiksachen galt, loderte nur für die Fragen der Kunst, für Beethoven, für gewisse Notenüber­gänge, die den Contrapunktisten in alle Himmel versetzen konnten. Wäre Richard Wagner zugegen gewesen, beide hätten sich über ein Theater der Zukunft vereinigt und die Nationen zu den beglückten Sklaven nur des siebenfachen B.’s gemacht. Ein Kampf mit Kroaten, eine neue Belagerung Wiens – da hätte den Knaben von Sais, der einen so geheimnißvollen Schleier aufgehoben, vor Ver­wun­de­rung der jähe Tod getroffen.

Betty Paoli, die damals nur erst sinnige Dichterin, noch nicht Recensentin des Burgtheaters und Kritikerin, wohnte im Hause der Fürstin von Schwarzenberg, einer ehrwürdigen unterrichteten, scharfurtheilenden Dame, deren Sohn oder Neffe, ich weiß es nicht, der bekannte „Lanzknecht“ war. Letzterer, Fürst Friedrich Schwarzenberg, vertrat eine politische Anschauung, die noch über die Metternich’sche hinausging. Nach dem Landsknecht waren auf alle Throne, zunächst auf den französischen, die legitimen Herrscher zurückzuführen. Der Adel hatte bei ihm ganz besondere Missionen, wofür natürlich auch die entsprechenden Privilegien zu geben waren. Er hatte für Don Carlos in’s Feld zu rücken, dafür aber auch die Prärogative für eine Menge Rechte, deren Ausübung den Bürgerstand in die Lage geführt haben würde, sich wiederum seinerseits durch Gilden einen gewissen äußeren Schutz gegen Uebermuth zu sichern, womit der Fürst einverstanden war. Der Rest, der Mob war zum Zusammengeschossenwerden oder dergleichen bestimmt. Diese Weltanschauung ist eine dem österreichischen Adel so gemeinsame, daß sie sich sogar mit allen Blumen moderner Bildung, mit 288 [Literarisches Streber­thum.] Citaten aus Byron, Ironieen aus Heine bei ihm verbindet. Selbsterlebtes, „als Manuscript gedruckte“ Erinnerungen an Sonnen­untergänge auf Ischia und Capri, hier ein Bonmot vom Fürsten Ligne, dort eine Strophe von Manzoni – das ist die Schule, der sogar Kaiser Maximilian, der Aermste, das Opfer von Queretaro, angehörte. Liest man, was der letztere geschrieben, so möchte man sagen, seine Mission sei gewesen, Feuilletonist einer wiener Zeitung zu werden. Freiherr von Hammer Purgstall, der nicht ganz zuverlässige Orientalist, wurde noch in Wien, und der nicht ganz zuverlässige Occidentalist, von Hormayr, in München von mir – nicht besucht, nicht als Interviewer molestirt, sondern nur auf gewünschte und vermittelte Begegnung kennengelernt. Titel und Orden, das sah ich wohl, war die Sehnsucht aller dieser Männer. Wie Gretchen sagt: „Am Golde hängt doch alles.“ Hier waren die Ehrsüchtigen Adlige, Beamte, vielleicht angewiesen auf Glanz und äußre Würde. Aber schon lange sah ich auch literarische Kameraden abschwenken in die Sphäre des ewigen Emporstrebens nach äußerm Schimmer, nicht zufrieden, bis dem Ehrgeiz die erzielten Treffer zugefallen. Jetzt denke ich über diese Erscheinung ruhiger, als damals. Wenn sich der Trieb im Menschen auf letztliche Anerkennung seiner Verdienste sozusagen versteift und seine Person in dem gräulichen Nivellement des täglichen und namentlich jetzigen Lebens fürchtet, mit Füßen getreten, übergerannt, ignorirt zu werden, dann sucht sie sich durch äußerliche Dinge zu markiren und ihres Werthes gleichsam handgreiflich, ja ordentlich vor sich selbst, zu versichern. Und doch schüttelt man den Kopf über noch nicht gealterte Männer, die schon eine Brust voll Orden zeigen, die sie alle erbettelten! Denn ohne die Initiative, die man selbst zu geben hat, erhält man doch wol in den seltensten Fällen einen Orden.

Wieder hatten einige Anläufe auf dramatischen Erfolg das „Löken wider den Stachel“ gezeigt. Bei einem Stoffe wie „Pugatscheff“ rief mir Jedermann zu: Was fällt Ihnen nur ein? Das giebt man ja nicht in Berlin, nicht in Wien, nicht in Dresden, nicht in München –! Aber leider war es meine Art, von einer Vorstellungsreihe, die mich einmal ergriffen hatte, von einem Scenenbau, der meine Phantasie beschäftigte, nicht zu lassen. Und noch 289 [Die Stadt der Einsamkeit.] thörichter, ich war in solchen Dingen Optimist! Ich bildete mir ein, daß sich z. B. die deutschen Höfe schämen würden, sich in solchem Grade von russischen Beziehungen abhängig zu machen. Aber nach sechs Monaten der angestrengtesten Arbeit war das Ergebniß, daß man sich überall scheute, ein deutsches Stück zu geben, bei dem sogar schon darin ein Anstoß lag, daß zwei Vorfahren des Flügel­adjutanten Sr. Kaiserlichen Majestät des Czaaren, des Grafen Orloff, als die Mörder Peter’s III. aufgeführt werden mußten. Wie nehmen die Intendanten der Hoftheater das so leicht, ihr Bedauern bei Rücksendung eines Stückes auszusprechen! Wissen sie auch voll­kommen, daß dem Autor, der von seiner Feder lebt, auf lange Zeit „die Mittel, wovon er lebt“, wie Shylock sagt, entzogen werden, an eine Schadloshaltung, etwa die Reprise eines alten Stücks, denkt Niemand. Excellenz haben nur das nächste Hofconcert im Kopf.

Auch die neue Arbeit, die ich im Winter von 1845 auf 1846 in Paris schrieb, durfte sich keinen Erfolg versprechen, da religiöse Bedenken der Censur noch über die politischen gingen. Aber zu sehr zog mich der Stoff an bei Durchsicht einer meiner alten Novellen: „Der Sadducäer von Amsterdam“. Der Buchhändler Löning und sein mir nicht minder wohlwollender Geschäftsgenosse Rütten hatten eine Sammlung meiner zerstreuten Schriften unternommen. Es galt, mit dem Bleistift in der Hand die Auswüchse einer zu großen Jugendlichkeit zu tilgen, zusammenzuziehen, Unklarheiten aufzuhellen. Darüber fiel mir die scenische Steigerung jenes Stoffes auf und mit einem fertigen Scenarium zu „Uriel Acosta“ suchte ich mir den stillsten und zugleich anregendsten Platz aus, den es in Europa für geistige Arbeiten nur geben kann. Dies ist kein andrer, als Paris. Die Länge des Vormittags bis 3 oder 4 Uhr, ehe man ausgeht, ist an sich schon arbeitsergiebig. Der Portier (Concierge) wird bedeu­tet, daß man für keinen Besuch zu Hause sei. Ungestört verweilt man in seiner Gedankenwelt, die überdies durch die geistige Chronik der Seinestadt, die rührige Arbeit und Erfindungskraft der Theater, die politische Erregung, die öffentlichen Akte der Akademieen, die geist­vollen, nicht massenhaft blödsinnigen Journale, die Zurückdrängung alles Lokalgeschwätzes eigen­thüm­lich gehoben und gefördert wird. Berlin und Wien haben entweder nicht die gleichen Schwingen, um 290 [Das Ende der Poe­sie.] eine solche Nachhülfe zu geben, oder es fehlt der dortigen geistigen Chronik das volle Gefühl der Zuversicht, daß sie eine normale sei für die Welt.

Zu den wenigen Ausnahmen, die damals, im März 1846, der „Concierge“ zu mir lassen sollte, gehörten einige Freunde, die ich in Paris wiedertraf, vor allen Alexander Weill, der originelle Elsasser, der sich, wie man leider vernimmt, für französische Nationalität erklärt hat. Seiner Kenntniß des jüdischen Rituals, seiner Belesenheit in den rabbinischen Schriften verdanke ich eine wesentliche Abkürzung der Studien, die ich, um das richtige Colorit bei meiner Arbeit zu treffen, hätte machen müssen. Ihm jeden Akt, den ich geschrieben, frisch vorlesend, gewann ich eine berichtigende Kritik für Dinge, die etwa mit dem jüdischen Leben nicht im Ein­klang standen. Doch hatte sich zugleich mein eignes Heimischsein in jüdischen Voraussetzungen durch die vielen jüdischen Musenjünger verwerthet, in deren Nähe mich schon Frankfurt, Hamburg, Berlin und Wien gebracht hatten. Auch Georg Herwegh kam in den Nachmittagsstunden. Seine Heirath mit der Tochter eines Kauf­manns, der in Berlin dem erzürnten Könige grade gegenüber wohnte, hatte ihn gesprächiger gemacht. Aber auch in seiner sonstigen innern Wesenheit fand ich ihn eigenthümlich verändert. Vom Musendienst sprach er mit Geringschätzung. Sein Studium sei nur noch Feuerbach und Proudhon gewidmet. Seine Aufgabe sei die That. Thaten! rief er auf den Boulevards beim Spazierengehen. Thaten! rief er auf den Saffianpolstern seiner eleganten Einrichtung. Gräfin d’Agoult, die Mutter der jetzigen Frau Richard Wagner, gehörte, die Cigarre im Munde und das Feuer im Kamin schürend, zur engern Gemeinde des Hauses. Bakunin, eine angenehme männliche Erscheinung, nicht minder. Ein gallonirter Diener servirte den Thee. Die über­raschende Kunde blieb: Der Cultus des Wortes, die faule Versmacherei, das poetische Schlaraffenleben muß aufhören! Nur noch Philosophie ist zu treiben! Handeln, handeln, wenn nicht mit Revolutionen, dann mit – „Putschen“! Da war nichts zu ändern. Die muthige Frau des Dichters von der berliner Schloßplatz- und Breitenstraßen-Ecke besaß ganz den bekannten Heroismus der berliner Jüdinnen, der sich jetzt, seitdem man nicht mehr wie Rahel 291 [Gervinus.] schwärmt, auf die Frauenloosfrage geworfen hat. Erschöpft von der anstrengenden Arbeit an den leidenschaftlichen Scenen, die ich damals täglich schrieb, sah ich mit einer gewissen Ergebung, neutral, gelassen dem Untergang der Ilias und der Shakespeare’schen Dramen zu, sah auch das Zusammenbrechen Rußlands, des eisernen Kolosses mit thönernen Füßen, sah den wie ein Frühstück zu verzehrenden Bundestag und hörte die „Arbeiterbataillone“ heranrasseln, die ohne viel Mühe Deutschland in eine Republik verwandeln würden, wie ja dann auch etwas später über Waldhut und Lörrach im Badischen dergleichen versucht wurde. Ich begriff vollkommen, aber stumm und nur staunend und trauernd um die von dem Freunde verlassenen Musen, daß alles das einen Zusammenhang mit Hegel’s Philosophie hatte. Theils affirmativ, theils negativ. Die Linke der Hegelingen war noch immer linkser getreten und hätte zuletzt ganz vom Brett springen müssen. Ich bewunderte, wie hier die Griffe im Webstuhl der Zeit so sicher von der Hand gingen und ein Chaos von Begriffen in diesen Köpfen so wohlgeordnet bei einander lag. Gräfin d’Agoult war angestrahlt wie von Auroren, die sie für alle Fragen des Jahrhunderts auf­steigen sah. Nachts in meine Cité Bergère heimkehrend, wo ich den Tag über in den verpönten Jamben gedacht, kam mir wol über den armen Freund, den nur das Wohlleben bequem und für ein Weiterstreben träge gemacht hatte, der Gedanke: „Er schmäht die Früchte, die er nicht erreichen kann.“

Der Eifer zur That beseelte ja auch mich. Doch konnte ich mich nicht den neuen Moden des Tages anschließen. Bewaffnete Revolution konnte mir nur Narrheit erscheinen einem Heerwesen gegenüber, das in Deutschland durch dreißig Souveräne mit dem Schweiß des Volkes genährt und gepflegt wurde. Das nur noch der Jugend eigne Gelüst zu politischer Conspiration mußte sich be­kämpfen, als ja Männer genug hervortraten, die innerhalb der einmal gezogenen Schranken die Fahne unsrer politischen Wünsche und Bedürf­nisse kraftvoll emporhielten. Rotteck, Welcker, Mittermayr, Itzstein, die ihnen Verbündeten in andern Kammern sagten hinlänglich, worauf es im Vaterlande ankam. Dann hat der Germanistencongreß unstreitig dem Parlament in der Paulskirche vorgearbeitet. Der zweite dieser Versammlungstage wurde in Frankfurt am Main im 292 [Künst­ler­ateliers.] Römer gehalten. Dahlmann und Gervinus sprachen. Letzterer in einem eigenthümlich verdrossenen hohlen Ton, der die Schreib- und Denkweise des Mannes kennzeichnete. Man findet öfters diesen Ausdruck unbefriedigten Hochmuths und reizbaren Eigensinnes bei Autodidakten. In seinem geliebten Shakespeare hätte Gervinus die Warnung beher­zigen sollen, die in den Worten des Bruders Lorenzo liegt, wenn Romeo tobt und nicht ertragen kann, daß ihm bei allem Glück auch einiges Unglück (hier wäre es die zuletzt ein wenig anders gestaltete Erfüllung seiner patriotischen Wünsche gewesen) begegnet. Die so mit dem Schicksal rechten, sagt der fromme Bruder, den Shakespeare selbst zu spielen pflegte, die „sterben elend“. Und wahrlich, Gervinus ist elend gestorben, im Bruch mit allen seinen Freunden, im Zerrbild einer Vision, daß unser deutsches Reich, weil nicht nach seinem Lehrbuche geformt, von Frankreich wieder zertrümmert werden würde! Ohne mich den gelehrten Herren aufzudrängen, konnte ich damals bei dem gemüthlichen Zusammensein nach den Debatten das Wort ergreifen. Zweimal trug mir ein Toast die Begrüßung berühmter Historiker ein. Da Niemand an die schuldige Aufmerksamkeit dachte, dem eben neu erwählten Sitz der demnächstigen Versammlung, Lübeck, im Voraus ein Hoch zu bringen, that ich es und erwähnte Wullenweber, die Hansa und deren Streben für deutsche Macht und Größe. Da kam Leopold Ranke, mir die Hand zu drücken. Franz von Sybel, damals noch jugendlicher gießener Privatdocent, stieß vom nachbarlichen Platze an. Als ich beim Festmahl, das der Chef des Hauses Bethmann den Germanisten gab, die Tischgenossen aufforderte, den Manen des Hauses, dem Andenken des berühmten Moritz von Bethmann eine Libation zu widmen und die Verdienste des Vaters unseres Wirthes geschildert hatte, begegnete mir unter den, wie vorauszusetzen, laut Zustimmenden auch Barthold, dessen interessantes greifswalder Parergon: „Die historischen Persönlichkeiten in Casanova’s Memoiren“ ich grade in der Allgemeinen Zeitung als anregende Lektüre empfohlen hatte.

Zu einem wohlthuenden Verkehr gab eine literarisch-arti­sti­sche Gesellschaft Anlaß, die sich die Ganges- oder indische Ge­sellschaft nannte. Sie wollte gleichsam an jedem Sonnabend den Wochen­staub von sich abschütteln und ein geistiges Bad nehmen. Gern 293 [Reisen und praktische Thätigkeit.] verkehrte ich außerdem im Städelschen Institut bei den Malern, zumeist bei Moritz von Schwind, mit dem sich über allerlei plaudern ließ. Nur mußte man seinen Cynismus und seine ultra-romantisch-conservativ-katholische Gesinnung mit in Kauf nehmen. Der damals noch nicht besonders gewürdigte und seiner Grobheit wegen gemiedene Künstler malte eben seinen Wart­burg­krieg, ein unglückliches Bild, steif und eckig. Noch sehe ich den karrikirten Klingsohr, der gleichsam mit den Knöcheln seiner Finger ein Versgefuge demonstriren will. Auch zu Alfred Rethel ging ich zu­weilen. Auch ihn, der sich durch liebenswürdige Umgangssitte aus­zeichnete, beherrschte dieser Haß der neuen Zeit, die Sucht, sich nicht nur in die mittelalterlichen Formen, sondern auch die alten Begriffe zu versenken und zu verlangen, daß sie noch existirten. Schon in früheren Jahren war ich öfters mit Andreas Achenbach, dem berühmten Marinemaler, zusammengekommen. Dieser überraschte mich eines Tages durch sein liebenswürdiges Erbieten, für meinen „Telegraphen“ humoristische Federzeichnungen entwerfen zu wollen. In der That sind einige erschienen, ein moderner Kellner mit einem Dutzend Schüsseln in der Hand, eine auf den Bettel wandernde Musikantentruppe, ein theatralischer Schreidichaus, der die Coulissen und Lampen mit fortreißt, und Andres.

Mich irgendwie praktisch zu bewähren, lag in den Bedingungen meiner physischen Constitution. Der Arzt hätte mir Thätigkeit gebieten müssen. Darum reiste ich viel. Ich sah Italien und die Schweiz. Aber „praktische Thätigkeit“ – ! Wo sollte diese sich anders finden, als auf der Bühne? Die nun achtjährige Beschäf­tigung mit der letzteren, die intimste Betheiligung an den Vor­gängen derselben, der gänzlich gefallene Schleier des Geheimnisses der Coulissenwelt, ein Schatz von Erfahrungen, gewonnen bei der Darstellung meiner eignen Stücke, alles das drängte mir die Ueberzeugung auf, daß die deutsche Schauspielkunst zwar eine nur mittel­mäßige war, die Leitung der Bühnen mit wenigen Ausnahmen eine ganz traurige, daß aber ein Einfluß von Gebildeten, deren Rath, deren Gegenwart beim Einstudiren der Aufgaben doch einige Ver­vollkommnungen hervorzubringen im Stande sein könnte. Worauf kam es an? Zunächst auf das Verständniß der zu erlernenden Rolle. 294 [Deutsche] Aber da schon konnte ja jener Julius Weidner, von dem oben erzählt wurde, sagen, so oft der Regisseur seiner Bühne – er hieß Becker und wollte von Tieck in Dresden geschult gewesen sein und steht auch oft genug in „Tieck’s Dramaturgie“ genannt – die Bühne betrat: „Jetzt kann man die falschen Accente mit dem Besen zusammenfe­gen!“ Dieser Regisseur, oder ein andrer in Cassel, ließ, wenn Fiesko rief: „Geht und ruft es aus in allen Gassen: Fiesko ist glücklich!“ in der That zwei Bediente abtreten, die diese an die Lüfte, an die Wolken übertragene Botschaft auf eigne Person an den Ausrufer mit der Schelle zu überbringen auf sich nahmen. Wurde von einer Sache gesprochen, die ihren „Culminationspunkt“ erreicht hatte, so bestimmte diesen Becker die Erinnerung an manche Verleumdungsklage, die er gegen Recensenten angestrengt hatte, daß er das betreffende Stadium das des „Calumniationspunktes“ nannte. Ich hörte von ihm den Ausdruck selbst. Intelligente Darsteller gab es schon; aber selbst den Fähigen kam das interdum dormitat in die Quere. Das vielfache Lernenmüssen, das Lernendurcheinander, heute Lustspiel, mor­gen Trauerspiel, die wenigen Proben, die ohnehin so schnell ermüden, alles das erzeugt Schlaffheit, handwerksmäßiges Sichgehen­lassen. Und die Phantasie ist selbst beim Begabtesten nicht immer ergiebig. Sogenannte verständige Schauspieler gehen an Stellen gleich­gültig vorüber, wo der Dichter ein unsichtbares Merkzeichen gemacht hat. Noch habe ich keine Julia in „Romeo und Julia“ gehört (und ich sah deren Dutzende), die den Ton des Schreckens, als die Amme die Stricke bringt, etwa in dem Sinne herausgebracht hätte, als wenn sie hätte sagen wollen: „Ja, das ist ja zum Rasendwerden! Romeo todt? Das Stück, das eben begonnen hat, ist ja dann aus!“ Alle finden sie sich mit einem elegischen Tone in diese entsetzliche Nachricht und jammern und reflectiren und ziehen und dehnen: „Dann ist das Grab als Brautbett mir vermählt.“ Von einer activen Beseelung des Wortes, von einer Reproduction der Dichtung mit denselben Gefühlen, die der Dichter gehabt haben muß, als ihn die Formgebung seines Stoffes erfüllte, davon ist keine Rede. Ich vermißte sie selbst bei den Bedeutenderen des Faches. So gab ich mich immer mehr dem Glauben hin, es ließe sich durch ein freudiges Einsetzen seiner Person, durch Mitbetheiligung an der 295 [Schauspielkunst.] Lösung der Aufgaben dem Darsteller ein Anstoß, eine Anregung, ein Schwung geben, der ihn das Richtige treffen ließ. Nicht minder dem Ensemble. Man spricht vom Zusammenspiel und glaubt es zu erreichen durch präcises Einanderzuwerfen der Rede, Präcision der Auftritte und Aehnliches. Aber vom Zuschauerraum aus ist die Frage des Ensemble’s eine ganz andere. Die Darstellung muß sich in ein Gemälde verwandeln, wo uns Stehen und Gehen und jede Bewegung angenehm berühren. Wie oft ist dagegen dies Gemälde ein Klex, ein Gemengsel von Kraut und Rüben! Dort steht der Eine, da der Andre; der zeigt dem Publikum Dreiviertel seines Rückens, dieser nur ein Achtel; der Zirkel, den man ausspannen würde, um diese Stellungen zu vermitteln, würde die unschönsten Ellipsen geben. Ja, ich hatte durch fast täglichen Besuch des Theaters durch acht Jahre entdeckt, daß sich ein symmetrisches Gesetz zu erstrecken habe auch auf den Ton des Gesprächs, auf die Anmeldungen, die viel zu laut in ein eben auf der Bühne gemachtes Gespräch einsetzen, auf die Redetempi, womit die Handelnden auftreten. Selbst der Virtuose ersten Ranges hat sich sagen zu lassen: „Aber lauschen Sie doch, ehe Sie auftreten, auf die Tonart, die eben auf der Bühne im Gange ist, und fügen Sie sich dieser und fangen Sie mit Ihrem Erscheinen nicht das Stück gleichsam von vorne an!“ Ich hatte so oft die Franzosen spielen sehen. Das leichte natürliche Spiel der ersten pariser Theater war nur auf dem Burgtheater wiederzufinden. Meist lärmt man bei uns, schreit, kräht. Jeder Effect wird dreimal unterstrichen. Rollen, die in Paris fast nur aus Mienenspiel und Ruhe bestehen, sah ich, verwandelten sich in Deutschland in Beweglichkeit, aufgeregte Sucht zu wirken. Alles das zusammengenommen, ließ mich an die Möglichkeit glauben, daß der Begriff eines Dramaturgen keines­wegs ein leerer Name sei und er wol mit einem nachhaltigen Einfluß auf die Schauspielerwelt verbunden sein könnte.

Eine solche Stelle fand ich, ohne mich darum zu bewerben, am dresdner Hoftheater. Ich nahm sie an, ohne mir darüber klar geworden zu sein, daß den Dramaturgen denn doch nicht seine Begeisterung für die Sache allein halten kann, sondern daß ihm ein fester Leuchter zu geben ist, auf dem die Flamme seiner Be-296[Ottilie von Goethe.]geisterung brennt, eine Scheide, worin das schneidende Schwert steckt. Dieser Irrthum über die Machtbefugnisse, die mir hätten eingeräumt werden müssen, war die Quelle vieler Leiden.

Gustav Kühne hatte die deutsche Schriftstellerwelt zu einem „Dichtertage“ (die Gänsefüße gehen auf Vergleich mit der Einladung von 1874) nach Weimar entboten. In Gotha erfuhr ich die Ab­bestellung, die auch damals stattfand. In Weimar, wo man noch im Aufführen meiner Stücke zurück war, las ich eines derselben, das nächstens in Scene gehen sollte, den Schauspielern vor. Natür­lich erfolgt Anerkennung für Dichter, die ihre Stücke den Schauspielern vorlesen, von diesen nur dann, wenn jene zugleich das Scepter der Direction schwingen. Sind die Dichter ohne Macht über Kasse und Rollenvertheilung, so ist den Schauspielern jedes Vormachen ihrer Rolle gradezu zuwider. Allenfalls unter vier Augen; da nehmen sie die Zumuthung hin, sich sagen lassen zu sollen, wie sich der Autor diese oder jene Wendung gedacht. Aber öffent­lich! Vor den Collegen! Da verrathen zu sehen, woher die Nüance, die man nach sechs Wochen anbringen wird, eigentlich stammt, das ist verdrießliche Störung! Mir wurde angst und bange um die weimar’sche Bühne, als ich einen Rest der Goethe’schen Schule als Buttler in Wallenstein sah, den in allen Theaterbänden der Goethe’schen Werke vorkommenden Dürand. Der treffliche Mann sprach die Schiller‘schen Verse im gemüthlichsten Thüringisch.

In Leipzig fand ich die damalige Haupterbin des weimar’schen Ruhmes, Goethe’s Schwiegertochter, eine geborne von Pogwisch. Es war eine kleine lebhafte, vielbewegliche Frau von mitleiderregender Verwelktheit ihres Antlitzes. Die Wangen der Aermsten waren gelb, die Lippen blau. Die Unglückliche mußte unheilbar krank sein. Dennoch war sie die gefeierte Ottilie von Goethe und ließ es an Redelust nicht fehlen. Eine Aeußerung, die ich zunächst als interessante Erläuterung zu Goethe’s Leben auffaßte, gab mir später, als ich selbst in Weimar wohnte, oft Stoff zum Nachdenken: „Wir Leutchen in Weimar“, sagte sie vergnüglichst, „sind immer aufgeregt!“ Mit andern Worten: „Wir müssen immer etwas vor­haben und wären es Bagatellen!“

Mein alter weimar’scher Freund, August Bürck, war nach 297 [Tieck als Dramaturg.] Dresden übersiedelt und lag in den Banden einer enthusiastischen Schwärmerei – zunächst für alles, was zu Elbflorenz gehörte. Nicht nur die liebenswürdige Maria Bayer, sondern das gesammte dresdner Theater, der Baumeister Semper, der Erbauer dieses Theaters, Rietschel und Hähnel, die Verschönerer des leider in Flammen versunkenen Tempels der dramatischen Kunst, in erster Reihe Richard Wagner, die Schröder-Devrient, die dresdner Gallerie, alles in Eins war Gegenstand nie erkaltender Ekstase. „Eilen Sie sich“, schrieb er. „Hier ist eine Revolution ausgebrochen! Eduard Devrient hat die Oberregie niedergelegt! Emil droht mit Abgang! Die Tieck’sche Dramaturgenstelle soll erneuert werden! Verlieren Sie keinen Augenblick! Theodor Hell schiebt sonst einen Riegel vor!“ Kann man freundschaftlicher, treuer denken und handeln, als der Gute gethan?

Tieck war an König Artus’ Hof zur Vervollständigung der Tafelrunde beschieden, die sich zuweilen in Potsdam versammeln und dem Wirth seine poetische Kronprinzenzeit im reizenden Charlotten­hof, die Ruhe der Jahre 1815-1830, wieder vergegenwärtigen durfte. Tieck’s Amt hatte in Dresden damit begonnen, daß er dem Publikum alte spanische Comödien vorführte. Der Versuch mißlang und der Dramaturg zog sich schmol­lend auf seine vier Wände zurück. Der Hof war damit einverstanden. Der berühmte Mann war von Krankheit geplagt und die Besoldung mit 600 Thalern war nicht der Rede werth. Tieck brauchte nichts anderes mehr zu leisten, als ab und zu der Direction ein Stück zu empfehlen, das dann gewiß nicht aufgeführt wurde, oder ein anderes zu widerrathen, von welchem er dann bald darauf die Anzeige der stattgefun­denen Leseprobe erhielt. Das machte sich so in Folge der spanischen Tendenzen, die zwar Prinz Johann in der Theorie, aber Prinzessin Amalie in der Praxis nicht verfolgte. Hofrath Winkler, Theodor Hell genannt, war der Antagonist des alten Romantikers und nächste Berather des Intendanten, eines zur Excellenz erhobenen ehemaligen Jagdjunkers von Lüttichau. Eine eigenthümlich geartete Natur dieser Chef. Als Friedrich August I., derselbe, der von seinem Bündniß mit Napoleon nicht hatte lassen wollen und darüber im Pariser Frieden halb Sachsen verlor, gefangen in die Räume des berliner 298 [Ein treuer Diener seines Herrn.] Schlosses überführt wurde, begleitete den starren unbeugsamen Herrn dieser Adolf von Lüttichau und bekam, als der Sequester Sachsens aufhörte, zum Lohn die Stelle eines Generaldirectors der Oper, Kirchenkapelle, des Schauspiels. Sei hier sogleich des Fol­genden wegen vom Anfange dieses Regimentes erzählt, daß den artistischen Regierungsantritt einige strenge Maßregeln hatten be­zeichnen sollen. Der Künstlerkreis, dem einige damals berühmte Namen angehörten, sah diese Neuerungen für eine Kränkung seiner Rechte an und trat, so erzählt man, zu einer „Verschwörung“ zusammen. Es sollten nach und nach sich die Mitglieder in einem solchen Grade krank oder derartig verhindert stellen, daß der In­tendant alle Augenblicke auf dem Trocknen sitzen und der königliche Hof, dessen weiblicher Theil dem Theater als fast ausschließlicher Unterhaltungsquelle zugewandt war, ja sogar für dasselbe mit Glück arbeitete, beim Anfahren der Wagen immer von Anschlagszetteln überrascht wurde: Wegen eingetretener Hindernisse bleibt heute das königliche Theater geschlossen. Ein solches Ereigniß, zwei- oder dreimal nacheinander in Scene gesetzt – und der beliebteste Günstling des Königs und vorzugsweise einer der ältern unverheiratheten Prinzessinnen würde an eine andere Stelle versetzt worden sein, vielleicht an die Spitze des Hausministeriums, womit die Auf­sicht über die schönen Künste überhaupt verbunden war, eine Specialität, für welche ebenfalls das Jagdwesen eine passende Vorbereitung gewährt. Der Isolani in dieser Verschwörung war ein neuengagirter Schauspieler, der aus dem russischen Deutschland gekommene Karl Dittmarsch. Dieser näherte sich dem Ohr des Intendanten und klärte ihn über das bevorstehende Ungeheure auf. Sofort zeigte sich die Kraft des Menschen, die uns zu Gebote steht, wenn wir uns orientirt haben. Die Regisseure wurden sofort vom wuthent­brannten Chef, dem die Entrüstung Sr. Majestät beistand, suspendirt, einige Mitglieder ganz entlassen, Andern wurde gekündigt, Dittmarsch zum Regisseur erhoben. Von diesem Tage an, der noch in jene Zeit fiel, wo sich Tieck, der mit Lüttichau zugleich gekommen war, bemühte, dem dresdener Publikum Geschmack an Calderon’s „Dame Kobold“ beizubringen, war Dittmarsch von diesem Intendanten unzertrennlich. Grillparzer hätte nicht nach Ungarn zu greifen brauchen, um den 299 [Die feindlichen Brüder.] „Treuen Diener seines Herrn“ zu schildern; ein deutsches Beispiel lag näher. Bankbanus war täglich auf der dresdener Sporergasse in der „Expedition“ des Hoftheaters zu sehen, ein Herz und eine Seele mit seinem Intendanten. Daß sich beide auch noch freimau­rerisch verbunden fühlten, daß der bescheidenste Respect, die gebüh­rendste Hervorhebung der Excellenz noch an jedem Johannistage dem vertraulichen Du Platz machen konnte, das hat mir, der ich frei­maurerisch Laie bin, eine offne Frage bleiben müssen. Thöricht ist jedenfalls die bei späteren Generationen des Personals und mit Zuhilfenahme der drastischen Ausdrucksweise der Schauspieler und der oben geschilderten leichten Mythologiebildung der Bühne zustande gekommene Erklärung dieser intimen Verbindung zwischen Lüttichau und Dittmarsch: Beide müssen sie einmal zusammen „einen Mord begangen“ haben!

Mit Unmuth hatte der nun seit Jahren treu und redlich dienende Regisseur vor längerer Zeit, bei Anstellung Eduard Devrient’s, das Wort seines Chefs vernommen: Dittmarsch, wir müssen nun wieder einen Ersatz für Tieck anschaffen! Die Geschichte geht nicht mit Ihnen allein! Ich schlage zwei Fliegen mit Einer Klappe! Ich bekomme einen guten Schauspieler und zugleich einen Oberregisseur! Sie werden sich mit diesem verständigen! Den Doppelgewinn rechnet mir der König hoch an! Die Tieck’schen 600 Thaler hätte ich einem Dramaturgen doch erhöhen müssen! Was aber für Eduard Devrient nicht genügt, das gebe ich ihm aus dem Gagenetat als Schauspieler hinzu – ! Sprach’s und Dittmarsch verzog keine Miene. Er war der Mann des stummen Gehorsams. Wenn gelehrte Männer sprachen, trat er noch mehr zurück, als nöthig. Er begnügte sich mit kleinen, wirksamen Rollen, Episoden. Er hatte, um jede Möglichkeit jener ominösen Zettel abzuschneiden, wie ein guter Koch immer ein kleines Souper möglich gemacht, das er wie aus dem Stegreif anrichtete, Stückchen, in denen er oder einige Treuverbundene allein spielten. Das „Landhaus an der Heerstraße“, „List und Phlegma“, „Mirandolina“ gehörten dazu. Die Prinzessinnen des königlichen Hofes waren so gutmüthig, daß sie die verhältnißmäßig lästighäufige Wiederholung dieser veralteten Lückenbüßer nie rügten. Dul­dete doch der Hof sogar einen kleinen verwachsenen Mann mit einer Kinder-300[Emil Devrient der Zweite.]stimme, einen Grotesktänzer im ernsten Schauspiel! Während meiner Dramaturgenzeit hatte ich den Michael Beer’schen „Struensee“ in seinem musikalischen und dramatischen Theil bis auf’s Jota nach Berlins vielgerühmter Einstudierung herausgebracht. Jede Rolle war mit Ueberlegung besetzt, ein Streit mit Eduard Devrient über eine ihm zugewiesene Partie glücklich beseitigt, Emil Devrient that das Mögliche für eine Rolle, die ihm unangenehm war, weil jedesmal, wenn die Zuschauer ihre Theilnahme ausdrücken wollten, die Musik einfiel; kurz die Vorstellung bot ein Bild, das dem übervollen Hause, der Gegenwart des gesammten Hofes, aller Hofchargen einen wahren Stolz auf die Leistungen des dresdener Theaters einflößen konnte. Da im dritten Akte, plötzlich kommt eine Scene bei der Königin, es ist der „Calumniationspunkt“ des Stückes, Alles spielt wie auf Teppichen, die Lüstres brennen, es rauschen die Gewänder, Kammerherren gehen auf und ab. Ich sitze mit Behagen, mich ausruhend von den anstrengenden vier bis fünf Proben, im Amphitheater. Was geschieht mir? Es tritt ein Diener ein und macht eine entscheidende Meldung. Der kleine verwachsene bucklige Perenz quäkt mit sächsischer Kinderstimme: Herr Oberst von Köller! Das ganze Haus bricht in Gelächter aus, der Hof schüttet sich, die Hofchargen schütteln den Kopf. Welche Besetzung! Dieser Dramaturg! Ich war außer mir und rannte auf die Bühne. Was war es? Der Schauspieler, den ich grade bei jeder Probe diese Meldung dreimal hatte ausrichten lassen, dem ich gesagt hatte: Schreien Sie nicht! Mäßigen Sie Ihr schnarrendes Organ! Sagen Sie fest und bestimmt, aber die Ohren der hohen Herrschaften, die eben auf der Bühne sitzen – es ist eine Königin darunter – schonend: Herr Oberst von Köller! Dieser mühsam von mir Ab­gerichtete, aber richtig Gewählte, stattlich Aussehende war plötzlich krank geworden. Die Noth war groß, der Regisseur griff ohne Um­stände den Ersten Besten auf, der ihm zwischen den Coulissen unter die Beine kam. Der kleine bucklige Grotesktänzer mußte sich ankleiden und die Meldung als erster königlicher Kammerdiener der Majestät von Dänemark in einer so entscheidenden Scene bringen! Mich konnte nur trösten und beruhigen, daß ich annahm, dem gutmüthigen Hofe sei bekannt, wie in einem Vorstadtswirthshause dieser kleine 301 [Praxis und Theorie.] Verwachsene alle vierzehn Tage eine Doublette von Emil Devrient war. Dort spielte ein Liebhabertheater, Töchter geringer Herkunft, kleine Angestellte, Handwerker. Hier war Perenz „der große Mime“. Und in der That, ich habe die Vorstellung meines „Werner“ in diesen dunkeln, niedern, von Menschen überfüllten Räumen mit angesehen und war von dem allmälig aus dem Dünnen, Unan­genehmen, Quäkenden sich herausentwickelnden seelenvollen, ernsten, sittlich gediegenen Tone, von der richtigen Accentuirung bei seinen Gefühls- und Leidenschaftsausbrüchen so überrascht und erschüttert, daß ich den kleinen Mann – unter Beweisen der Rührung umarmen mußte.

Doch zurück zu jener Miene, die Isolani machte, als nun auf der Bühne Latein und Griechisch gesprochen werden sollte. Denn die Musen, die Eduard Devrient exercirt, müssen gelehrte Vorlesungen besucht haben. Das wußte der einfache Mann und er kannte die andere Schwierigkeit, daß es zwischen den beiden Brüdern Emil und Eduard keinen Frieden geben würde. Der Erstere war von hoher schauspielerischer Begabung, aber maßlos in seinen An­sprüchen, frauenzimmerlich verletzbar durch die geringfügigsten Dinge; der Andere, ein ehemaliger Kaufmann, Autodidakt, Stubengelehrter, bestand in allem auf dem Punkt über’m I. Anfangs schien alles gut zu gehen. Wenigstens machten die Zeitungen einen Lärm von noch nie gesehenen Vorstellungen. Neue Stücke, die grade damals zahlreich geschrieben wurden, kamen dem Oberregisseur zu Gute. Schließlich vertauschte der neue artistische Leiter sein berliner Heldenfach mit dem des Charakteristikers. Ich will Niemand vorgreifen, der sich vielleicht veranlaßt sehen sollte, über das eigene Spiel des Historikers der deutschen Schauspielkunst eingehender zu urtheilen. Nur das steht außer aller Debatte, daß auf dieser Kampfesebene zwischen den beiden Brüdern keine Rivalität obwalten konnte. Der helle Krieg brach aus. Der sogenannte „Virtuose“ hatte auf der Scene andere Bedürfnisse als der Regisseur.

Eduard Devrient trat zurück und es kam wieder ein Interregnum Dittmarsch. Es ähnelte jenem, wo einst das Faustrecht herrschte. Jeder nahm an Rollen, was ihm behagte. Dittmarsch selbst war als Leiter des Ganzen an sich ohne Ehrgeiz. Als Schauspieler 302 [Eine Lebensmaxime.] aber liebte er auch nicht immer die alten Kammerdiener und Pächter, sondern auch Kaiser und Könige zu spielen, die nicht viel zu sprechen haben, aber auf dem Zettel obenan stehen und seine Figur hoben. Wie sollte das nun werden? Dittmarsch sprach von einem Dra­ma­tur­gen, Lüttichau schon von Laube oder mir, Emil Devrient, dessen Freundschaft sich für mich hätte regen sollen, rief aus: „Excellenz, ein Dramaturg! Wie werden wir einen solchen Mann wieder los!“ Eine Aeußerung, die gewiß authentisch ist. Wenig­stens habe ich sie von Lüttichau selbst.

Unter solchen Auspicien betrieb lediglich der gute Bürck mein Kommen und schon nach dem ersten Besuch bei Excellenz war das Geschäft erörtert und nach einem Diner beim Kaffee in einer Seitenlaube des Eßsaals abgemacht. Meinen Eifer, um auf dem Theater für die Leitung der Darstellungen, für eine ideale Belebung der deutschen Schauspielkunst Fuß zu fassen, war ich leider nicht im Stande zu verbergen. Ich muß mehr Begeisterung für die Bühne gehabt haben, als Derjenige, der die seinige später in drei Bänden versichert hat. Lüttichau erzählte mir, daß er den Verfasser der „Karlsschüler“ schon lange zur Uebernahme jener Stelle aufgefordert, von ihm aber die Antwort erhalten hätte: „600 Thaler, die Sie geben wollen, verdiene ich, wenn ich in Leipzig den Buchhändlern Prospekte für ihre Unternehmungen schreibe.“ Mein Calcül konnte nur der sein, daß ich die Honorirung für den Dramaturgenposten als eine Ergänzung meines Budgets betrachtete und vielleicht die Nächte oder die erste Morgenfrühe zum Arbeiten nahm. Um die ausgeworfene Summe nicht gar zu gering erscheinen zu lassen, sagte endlich Excellenz: Ich will 800 Thaler riskiren! Aber ohne Vortrag beim König! Da fehlt mir jede Fürsprache des Hausministeriums! Um es möglich zu machen, daß noch 200 Thaler herauskommen, wollen wir diese auf den Honorar-Etat werfen und Ihre etwaigen neuen Stücke dafür bezahlt erklären!“ Auf diese Art gab ich als Dramaturg dem Sächsischen Hoftheater meine Stücke umsonst.

Neben jenem Grundsatz: Wirf wohlgemuth deinen Ball in die Luft und sorge dann nur, daß du ihn, wenn auch durch Dornen und Gestrüpp, wiederfindest –! hatte ich mir ein anderes, ebenso 303 [Nichtbewährung derselben.] gefährliches Axiom gebildet: Guter Wille, fortgesetzte Unbefangenheit und ehrlicher, offner Humor kommen durch alle Schwierigkeiten des Lebens hindurch! Die Menschen entwaffnet es zuletzt, selbst die bösesten, wenn sie sehen, daß wir es im Grunde ehrlich meinen!

Diesem Satze wird man zuweilen glückliche Erfolge verdanken. Man kann mit zwei Menschen zusammenkommen, die gegeneinander feindlich gesinnt sind; ignorirt man dann die Spannung, spottet derselben sogar, ironisirt sie, veranlaßt Erklärungen, so erreicht man zuweilen eine Versöhnung. Manche mürrische menschenfeindlich gestimmte Natur zieht der harm­lose Lebensvirtuose in die Strö­mung seiner eigenen guten Laune herüber. Ebenso, allen War­nungen und düstern Prophezeiungen zum Trotz, berief auch ich mich auf mein unerschütterliches Vertrauen, es müsse sich hier bewähren, daß Begeisterung für die Sache und harmloser Sinn den etwaigen bösen Willen der Mitarbeiter beschäme. So kam ich über die mir ertheilte, vollständig ungenügende „Instruction“ hinweg, die mir die Regisseure nur „co-“, nicht „subordinirte“. So ging ich harmlos auf die Lese- und Bühnenproben und legte meine wahre Absicht, Einfluß auf die deutsche Darstellungskunst, auf die Richtung der Repertoire, die Bildung des Publikums zu gewinnen, offen dar. Vollends glaubte ich, die immerhin subalterne Stelle eines sich nicht wie Tieck vornehm daheimhaltenden, sondern auf den Proben von 9 bis 2 Uhr und später noch im Büreau ausharrenden Dramaturgen dadurch heben zu können, daß ich die Regisseure für mich gewann, die Schauspieler von meiner Fachkenntniß überzeugte, auch wenn ich mich nicht in die Brust warf, auch wenn ich nicht den verstockten schweigsamen Beamten spielte, auch wenn ich nicht ständig menschenfeindliche Blicke, die Gegner musternd, um mich warf.

Ich hatte mich aber geirrt. Der Humor ist in der Schule nicht angebracht; die Jugend versteht keinen Spaß. Lacht der Lehrer, so hat die Masse Oberwasser und es dauert lange, bis die Nach­wirkungen einer Störung des sich ständig geziemenden feier­lichen Ernstes überwunden sind. Nicht minder verträgt das Theater­leben nicht den Humor. Der leichteste Scherz wird übelgenommen. Lange wird nach seinem „eigentlichen Sinne“ gegrübelt. Die meisten Mitglieder 304 [Gegen Unwahrheiten.] der Bühne halten ihre ursprüngliche Unbildung nur leidlich verborgen. Das Wichtigthun, das Breitschlagen, das Vergrößern jedes kleinen Ereignisses ist bei ihnen ständig. Die Rüge einer falschen Auffassung, und um die Wirkung zu mildern scherzend vorgebracht, verletzt sie doppelt. Im Interesse ihrer Rollen, ihrer Gagen, ihrer „Spiel­honorare“ (einer, beiläufig gesagt, wahrhaft verderblichen Einrichtung, die überall die Theater ruinirt) schleichen sie alle, wenn auch mit behä­bigem Embonpoint, wie Shakespeare’s hagerer und finsterer Cassius lauernd, alles Kommende, alles Drohende voraussehend. Die letzte Rollenaustheilung, die Gerüchte über ein angenommenes Stück, über eines, das neu besetzt werden soll, die Erneuerung der Contracte, ein bevorstehendes Gastspiel – alles das hält sie an einem Drahtseile fest und läßt sie dem „glühendsten Streben“ ihres Lenkers steif und todt und kalt gegenübertreten. Ja selbst bis zur „Teufelsfaust“, von welcher Goethe spricht, kann es kommen, wenn die verletzte Eitelkeit und der unausrottbare Dünkel sich äußern, wie z. B. im fünf­ten Bande seiner Schauspielkunstgeschichte Eduard Devrient S. 118 schreibt: „Wenn Gutzkow länger im Amte geblieben und zu mehr Autorität gelangt wäre, würde er, trotz der anregenden Bewegung, welche er in die künstlerische Thätigkeit brachte, doch dahin gewirkt haben: die Natur in den Darstellungen der dresdner Kunstgenossenschaft, auf welche Tieck und dessen Anhänger Eduard Devrient so dringend gehalten, zu verfälschen und so der Kunstanstalt schädlich zu werden. Er gewann darüber zunächst keinen rechten Boden im Vertrauen der Kunstgenossenschaft und verlor den wenigen, als er sich nicht ent­halten konnte, auch den alten Fehler zu begehen: Zeitungsartikel über das Theater, das er leitete, zu schreiben.“

So viel Sätze in diesem Citat, so viel Unwahrheiten. Der Geschichtsschreiber der deutschen Schauspielkunst darf sich rühmen, daß mancher Aesthetiker und Literarhistoriker auf sein im Ganzen laien- und dilettantenhaft geschriebenes Werk verwiesen hat. Aber vor dem letzten fünften Bande, demselben, der erst, nach früherer Zeitungs­notiz, nach dem Tode des Verfassers erscheinen sollte, muß ich jeden Aesthetiker warnen. Nur der maßlose Dünkel eines theils durch conventionelle Anerkennung einer bestimmten Clique verwöhnten, theils durch persönliches Unterliegen im Wettkampf mit dem angebornen Genie 305 [Gegen Unwahrheiten.] Andrer rachsüchtig gestimmten Gemüths hat diesen Abschluß des Werkes geschrieben, die Darstellung der Bühne unserer Zeit. Während alle Welt die errungene Theaterfreiheit, wenn sich diese erst geregelt und etwas beschränkt haben wird, und die endliche Zulassung der Volksmassen zum Genuß der Bühne als eine merkwürdige und hochinteressante Erscheinung im neuen Culturleben rühmt (siehe Fau­cher’s Zeitschrift für Nationalökonomie 1872), während neue dramatische Talente mit bedeutenden Erfolgen aufgetreten sind, will uns dieser doktrinäre Besserwisser, dessen „Natur“ auf der Bühne zu jeder Zeit nur die Studierlampe gewesen ist, glauben machen, das neuere Zeitalter sei das des „Virtuosenthums“! Er nennt vollständig die letzte Periode seit drei Jahrzehnten die der Virtuosen. Jedermann weiß, daß hier zunächst ein häßlicher Bruderzwist spricht. Der ehemalige Sänger, der nie eine Rolle vollkommen deckte, wenn nicht seine Stuben- und Schlafrocksnatur darin wiedergegeben wurde (wie ihm denn Benedix’ „alter Magister“ am natürlichsten stand), hat bei diesem Ausspruch zunächst besonders seinen Bruder Emil und dessen von den glänzendsten Erfolgen begleiteten Gastspielreisen im Auge gehabt. Dann hat ihn Seydelmann, sein College, gestört; zuletzt Dawison, der in Dresden sein Nachfolger war. Um diese drei Namen, welchen vollkommen drei Namen der alten Schröder-Zeit, wo ebenfalls hinundher gereist wurde, äquivalent sein würden, wird die Periode von heute die der Virtuosen getauft. Als wenn sich in dem häufigeren Gastiren da oder dort nicht eine natürliche Folge nur der Eisenbahnen gezeigt hätte, eine Folge der zunehmenden Lust am Theater, der zunehmenden Bildung, endlich jener Theaterfreiheit, die vorläufig mehr Gutes, als Schlimmes gebracht hat, alles Er­scheinungen, die ein Historiker des deutschen Schauspiels als Morgenroth zum Besserwerden, zur Emancipation von jener elenden Regisseurtyrannei der alten Hoftheater hätte begrüßen sollen! Und ist die Zahl der Virtuosen, die auf einige Rollen reisen, denn so groß? Hinterlassen sie mehr als eine Furche im Wellenspiegel, wenn der Dampfer auch noch so rauschend vorüberzog? Die tägliche Ordnung der Bühne, das Alltagsleben macht sich dem Personal sogleich wieder fühlbar. Mit hypochondrischem Jammer vermißt Eduard Devrient das „Ensemble“. In seinem Munde heißt das die wechselseitige Garantie der Mittelmäßigkeit. Die dramatische 306 [Gegen Unwahrheiten.] Production älterer Zeiten, ich erinnere an die von Schröder verdeutschten englischen Lustspiele und an Kotzebue, beruhte auf der Voraussetzung eines Ineinandergreifens aller handelnden Personen. Die neuere Zeit verließ diesen gleichmäßigen Typus der Dramen, diese mitredenden Bedienten, diese ihren besondern Roman verfolgenden Kammerzofen, die Intriguenstücke, die Stücke mit breitausgesponnenen Episoden. Die deutsche Bühne hatte das Beispiel Shakespeare’s anempfohlen bekommen, so daß es nicht zu verwundern war, wenn ein langer Theaterzettel von wirksamen Rollen höchstens zwei brach­te und die übrigen zu Statisten machte. Das sind Literaturkrisen, worüber der Kenner mit ein­gehender Beobachtung und theilnehmender Schärfe zu schreiben die Verpflichtung hatte. Aber die Jeremiade, womit das Devrientsche Buch abschließt, hat lediglich ihren Grund in dem Gefühl, daß der Verfasser damals, als seine Brüder glänzten, der „ewig seitwärts Stehende“ war.

Aber ich muß der mich betreffenden Auslassung, dieser Kette von Unwahrheiten, näher treten. Ich habe z. B. niemals eine Recension als Dramaturg geschrieben!

Zu den Sätzen, die innerhalb des Bühnenlebens feststehen sollen, gehört bei Eduard Devrient die durchgehende Behauptung, daß nur der Schauspieler berufen sei zur Führung einer Schauspielertruppe, kein anderer Stand, am wenigsten aber der dramatische Schrift­steller. Eine förmlich leidenschaftliche Ablehnung des Begriffs eines Dramaturgen beherrscht den verwöhnten Zögling einer Berliner Gesellschaftsschicht durchweg. Seine Idiosynkrasie gegen Männer, die studirt haben und sich mit der Bühne beschäftigen, falls sie nicht grade Geheimrath geworden sind, beherrscht ihn so, daß er seiner Ablehnung studirter Dramaturgen nicht etwa hinzufügt: Die Directionen meinen es nicht ehrlich mit der Berufung eines solchen Beiraths! Sie wollen nur ein Lamm haben, das die Sünden der Verwaltung trägt! Der Dramaturg ist ein Deckmantel für ihre Blößen! Er schreibt nicht: Als J. B. Baison bei Uebernahme des Hamburger Stadttheaters den Effect der Zeitungsnachricht: „Professor Prutz ist als Dramaturg berufen“ hinter sich hatte und der Berufene dann selbst auf der Scene erschien, da war er dem heißblutigen 307 [Gegen Unwahrheiten.] Darsteller und Direktor – im Wege und dieser sagte ihm: Bester Herr Professor Prutz, schreiben Sie Recensionen, worin Sie unsere Leistungen beurtheilen! Nein, unserm Historiker ist der „Dramaturg“ a priori immer ein Rezensionenschreiber. Lessing war ja einer und sogar Tieck. In Betreff meiner ist nun die Behauptung grundfalsch. Nach Ablauf meines Contracts forderte mich die Brockhaus’sche Allgemeine Zeitung auf, ein Theaterreferat für Dresden zu übernehmen, ein mühseliges Amt, das ich ein Jahr lang durchgeführt habe, wie gesagt, nach meinem Austritt aus dem Amt. Vor dieser Zeit aber, während meiner Amtirung, ist auch nicht eine Zeile nachzuweisen, die den Geschichtsschreiber zu seinem Verdict hätte berech­tigen können. Im Gegentheil war ich nach baldiger Orientirung über meine Lage beflissen, jeden meiner Freunde, von dem ich wußte, daß er die Feder führte, dringend zu ersuchen, meiner in Betreff der Theaterführung niemals Erwähnung zu thun, mich niemals zu rühmen, mir nie Verdienste zuzuerkennen. Denn ich hatte bald die Natur meines Chefs und der Menschen überhaupt erkannt, auf deren Ein­flüsterung er hörte. Das Dämonische in meinem Vorgesetzten ging bis zur Aehnlichkeit mit Don Philipp oder Alba. Zuweilen war er gut­herzig. Dann plötzlich konnte er’s bis in’s Hämische treiben. Von Theodor Hell (Hofrath Winkler) nur so ein beiläufig am Sessionstisch zugeschobenes: „Lesen Sie nur, Excellenz! Jetzt soll ja alles nur von dem Herrn Dramaturgen ausgegangen sein!“ und das Journal hingehalten, sofort würden in dem auf seine Alleinherrschaft eifersüchtigen Manne Rachegedanken aufgestiegen sein. Ich brachte ihm das Opfer vollster Nichtwürdigung meiner Leistungen im Publikum. Ich brachte es, um in den Conferenzen das Zusammenziehen dieser schwarzen Augenbrauen des Unheimlichen, die emsige Geschäftigkeit des obengenannten Theatersecretärs, die Beschwerde der Regisseure, die üble Nachrede der „Kunstgenossenschaft“, wenn sie getadelt worden wäre, zu vermeiden. Wie edel solche „Kunstgenossenschaft“ zu denken und sich auszudrücken gewohnt ist, ersah ich sogleich auf einer der ersten Proben, die ich hielt. Es handelte sich darum, ob in Goethe’s Iphigenie Arkas und Thoas gleich auf der Bühne stehen oder auftreten sollten. Treten Sie auf! sagte ich. Es kommt sogleich mehr Bewegung in die Sache! Einige Störungen ver-308[Die Bühne wie sie ist.]hinderten den Anfang. Die Scene wurde wiederholt. Thoas stand. „Nein,“ sagte Arkas hämisch, „auf­treten! Es kommt ja gleich mehr Bewegung in die Sache!“ Da nun aufspringen und mir ein- für allemal Ungezogenheiten solcher Art verbitten, wäre rathsam gewesen. Aber der hämische Mensch war Jahre lang ein alter guter Bekannter von mir. Als Schauspieler jedoch sah er in seinem Vorgesetzten einen geschwor­nen Feind und war auf der Scene nur mit dem Werth seiner Person beschäftigt. Die Unwahr­heit des „Schreibens über die Bühne“ betreffend – was soll man vollends über eine solche Behauptung sagen, wenn auf deren Grundlosigkeit eine Verurtheilung begründet ist? Ich komme den andern Anschuldigungen um so mehr näher, als ich nie Gelegenheit genom­men habe, die Geschichte meiner dreijährigen Dramaturgenschaft zu erzählen. Hätte ich diese erzählt und dabei die Schauspieler und Schau­spielerinnen, wenn auch mit einigen Ausnahmen, anerkannt und gewürdigt, so würde mein Wirken einen Klang gewon­nen haben, der denn doch den hämischen Historiker der deutschen Bühne bestimmt hätte, die Segel ein wenig einzuziehen.

Mein „Uriel Acosta“ war kurz vor Weihnachten 1846 gegeben worden und hatte einen stürmischen Erfolg gehabt, der vollends nach dem vierten Akte einer Demonstration gleich­zu­kom­men schien. Wenigstens faßte es so König Friedrich August auf, jener Unglückliche, der in Tyrol aus dem Wagen stürzte. Er erließ ein Schreiben an den Intendanten, worin er diesem anzeigte, daß er ihm künftig einen Censor setzen würde, wenn Stücke so aufregender Art wie die „Karlsschüler“ – und nun dies neue gegeben werden würden. Acosta durfte nicht wiederholt werden. Als ich hievon Mittheilung erhielt, forderte ich meine Entlassung als Dramaturg, noch ehe ich mein Amt an­getreten hatte. „Bei Beginn meiner Thätigkeit so von oben her begrüßt,“ schrieb ich, „würde ich beim Personal kein Vertrauen finden.“ Die Gattin des Intendanten, eine geborne von Knobelsdorf, eine geistvolle, scharfblickende, ungemein wohlwollende Frau, die mich drei Jahre lang betrachtete, als befände ich mich im Wirkungskreise ihres Mannes in prosaischer, meiner nicht würdiger Gesellschaft, mahnte mich durch ein vertrauliches Billet, ja die persönliche Begegnung mit ihrem Manne für’s Erste zu vermeiden. Das Königliche Billet hätte 309 [Dramaturgische Anfänge.] ihn außer sich gebracht. Uebrigens wäre mein Entlassungsgesuch das Richtige gewesen und hätte an hoher Stelle „imponirt“. Prinz Johann bekäme die Mission, das Stück im Texte durchzusehen und daran den Censor zu machen. Es konnte immerhin einige Zeit verstreichen, bis es an den Intendanten von dem noch in Weesenstein wohnenden Prinzen zurückgelangte. Nach einigen Tagen ver­langte Philalethes nur, daß statt des Wortes „Priester“ durchweg „Rabbiner“ gesagt werden sollte. Das Stück wurde freigegeben. Wenn demnach die von Eduard Devrient an einer andern Stelle bei Beurtheilung meines dramaturgischen Wirkens hervorgehobene „Mißliebigkeit bei Hofe“ da war, so hätte mir denn doch bei einem Manne, der sich damals zu den mäßig Freigesinnten hielt und sogar in den Clubbs ein Tonangeber sein wollte, dies eher zur Ehre, nicht zur geringschätzigen Charakteristik meines „unsichern Untergrundes“ dienen sollen.

In meiner Ueberstürzung, richtiger in jenem von diesem Geschichtsschreiber des deutschen Theaters nirgends auch nur einigermaßen gewürdigten Enthusiasmus, der plötzlich die Julius Mosen, Prutz, Stahr, Gall, Laube u. s. w. für eine Bühnenreform ergriffen hatte, machte ich den Fehler, daß ich mich nur auf drei Jahre gebunden hatte. Da wußte sofort Jeder, daß ich durch ein an richtiger Stelle angebrachtes Verleumden, Verkleinern, Belächeln, Beachselzucken u. s. w. mit der Zeit zu beseitigen war. Dennoch hatte noch nie zuvor die Zahl neuer und neueinstudirter Stücke, namentlich auch neuer Rollen, die von dem schwierigsten Mitgliede des Personals, Emil Devrient, gelernt und wiederholt wurden, eine solche Höhe erreicht, wie in der kurzen Zeit, die ich in dieser beengten, mich finanziell unter­grabenden Situation ausgehalten habe. Heißt es keinen „Boden gewinnen“, wenn man der Reihe nach Vorstellungen selbst einleitete, vorbereitete, in den Proben überwachte, bei welchen neben den laufenden Novitäten (Eine Familie, der Vetter, König René’s Tochter, die Olympischen Flüchtlinge [die ich in Paris gesehen hatte] u. s. f.) noch Iphigenie auf Tauris, Struensee, Werder’s Columbus, Ifflands Mündel, das Leben ein Traum, Romeo und Julia, Kaufmann von Venedig, Wallenstein’s Lager, Coriolan, König Johann u. s. w. in durchaus neuer Einstudierung möglich wurden? 310 [Dramaturgische Anfänge.] Alle diese Bereicherungen des Repertoirs trugen Spuren meiner Durchsicht, meiner Wiederherstellung verdorbener Texte. Es ist freilich sonderbar, was auch nur Jemand in unserer Zeit für die Einrichtung eines ältern Bühnenwerks gethan hat, hieß er nicht grade Tieck und kaum, ich sage kaum, Immermann, so ist es bei diesem Eduard Devrient so gut wie in’s Wasser gefallen. Die Weisheit eines Andern anzuerkennen, dazu mußte dieser entweder für ihn schon hundert Jahre im Grabe modern oder auf irgend einer Station zu seiner eignen oder seiner Kinder Carrière Posten stehen und das manus manum lavat geübt haben. Das Parkett seines Theesalons, wo ein Theil der immer gelangweilten, also anregungs­bedürf­ti­gen und in stereotype Bewunderungszeichen ausbrechenden Adels­gesellschaft, größtentheils alte Damen, sich von ihm dramatische Vorlesungen halten ließen, ohne daß je ein Abend den Genuß einer Tieck’schen Vorlesung gewährt hätte, war das der „Boden“, den ich hätte suchen sollen? Ich sollte meine Zeit vergeuden mit dem Anhören hohler Gebilde, wie mir doch die Heldenrollen des Mannes aus Berlin so gegenwärtig waren? Ein unangenehm hochliegendes Organ, das weder hinauf, noch hinunter einer Modulation fähig war, eine ständig schiefe Haltung des Kopfes, die Steifheit aller Bewegungen hatte den Sinn des Publikums für das höhere Drama 1840 in Berlin ganz erkalten lassen. Jedermann beklagte die unglückliche Wendung, daß ein ehemaliger Sänger der Oper, vielleicht durch Protection oder durch eine Clausel seines Contractes, jedenfalls durch ein selbstbewußtes Auftreten vor Ministern und Intendanten, sich eine solche Stellung im Schauspielpersonal hatte erwerben können. Getragen von jener obengeschilderten jüdisch-commerzien­räthlichen Clique, die sich durch Mendelssohn nach Leipzig, durch einige Maler nach Dresden ausgebreitet hatte, verwechselte der end­lich, um herrschen und aufbauen zu können, nach Dresden Ge­gangene dort, wie sein ganzes Leben hindurch, Bildung mit Talent. Zum Glück befolgte er den Rath, den man ihm gab, er möchte wenigstens in Dresden Rollen spielen, die seinem Naturell entsprachen. Der „alte Magister“, der Doktor Löwe im „Oheim“, der „Vetter“ ließen sich, wenn man sich über die stereotype Aehnlichkeit dieser Gebilde, über den eigenthümlich schwatzhaften Humor der 311 [Richtiges Lernen.] berliner Weißbierressource hinwegsetzte, ansehen. Aber höhere Cha­rak­ter­rollen, wie etwa Marinelli, Riccaut de la Marlinière, waren bei ihm Groteskfiguren, steif, akademisch durchgeführt, leblos wie von Wachs oder Traganth. Etwa in einer Theaterakademie würde man den Eleven dergleichen so vorgespielt haben, wie Eduard Devrient solche Rollen gab. Völlig zu Kartenfigurenbildern herab sanken seine Könige und Kaiser, bei deren Eroberung er mit Dittmarsch in Conflikt kam. In jener Coterie und in dem Theekreise, wo die dramatischen Vorlesungen gehalten wurden, galt jedes Stück für empfohlen, ja gesichert, wenn Eduard Devrient darin eine Rolle hatte. Und im großen Publikum und der gesammten „Kunst­genossenschaft“ stand die Erfahrung fest, daß ein jedes sich dem Idealen nähernde Stück, wenn diesem Darsteller die Hauptparthie darin zu Theil geworden, durch den hohlen, kraft- und saftlosen Ton desselben dem Untergange geweiht war. Noch ist eine seiner stärksten Unarten zu rügen. Der strenge Kritiker der Nachlässig­keiten im Schauspielerstande, der Vorleser von Abhandlungen über richtige Betonung im engern Kreise seiner Berufsgenossen, der Stifter von geselligen Zusammenkünften, wo sich die Mitglieder über die Weihe ihres Berufes unterhalten und belehren sollten, lernte in solchem Grade seine Rollen schlecht, daß ihm ein stetes Umschreiben des Textes zur andern Natur wurde. Wenn ein Schauspieler im vierten, fünften Akt etwas unsicher zu werden anfängt, so wird man Nachsicht haben; aber Eduard Devrient sprach schon im Beginn seiner Rollen in der Regel, was ihm beliebte. Als de Silva hatte er in meinem „Uriel Acosta“ gleich in der ersten Scene zu sagen:

Denn jedes Volk, das selbst erfahren hat,
Wie weh die Knechtschaft thut, wird Brüder nicht
Aus einem blinden Vorurtheil verfolgen.
Der Niederländer schuf aus seinen Ketten Schwerter
Und aus den sieggekrönten Schwertern wieder
Für andre Dulder Sklavenketten schmieden,
Das warlich thut kein edeldenkend Volk.
Das sind die zween Gründe. Und nicht wahr,
Man pries Euch auswärts glücklich, als Ihr sagtet,
Ihr kehrtet heim zu uns nach Amsterdam?

312 [Bühnen-„Natur“.] Diese Stelle verwandelte Eduard Devrient, mit Beachtung der ihm wohlbewußten rhythmischen Anforderungen, ungefähr folgendermaßen:

Denn jedes Volk, das selbst erfuhr,
Wie wehe Knechtschaft thut, wird Brüder
Aus einem blinden Vorurtheile nicht bedrängen.
Der Niederländer schuf aus seinen Fesseln Schwerter –
Und aus den siegbekränzten Fesseln dann
Für andre Völker wieder Sklavenketten schmieden,
Wahrhaftig nein, das thut kein Volk, das edel denkt!
Das sind die beiden Gründe! Und nicht wahr,
Man hat Euch auf der Reise Glück gewünscht, als Ihr gesagt,
Ihr kehrtet wieder heim zu uns, gen Amsterdam?

In dieser Weise sprach ein „Prediger in der Wüste“ des „gesunkenen“ deutschen Theaters Schiller, Goethe, Shakespeare. Er verließ sich auf seine Geistesgegenwart und seine zum Extemporiren geschickte Bildung.

Durch ein längeres Verbleiben im Amte soll durch mich „dem deutschen Theater die Gefahr gedroht haben, abzukommen von der Natur!“ Das klingt wie die Quintessenz eines eingeforderten Gut­achtens oder einer nach einer verfehlten Rolle geschriebenen Immediateingabe an den König. Ich bin mir dessen noch bewußt, daß ich den Ohren dieses Mannes nur zweimal in meinem Leben eine Vorlesung, zwei Akte meines „Acosta“ und einen Gesellschaftsscherz, „Fremdes Glück“, zugemuthet habe. Letztres ganz außerhalb des Bühnenlebens. Meine Betonungen gingen im Salon auf den herz­haft erfaßten Sinn, im Lese­zimmer der Bühne auf die richtige Charakterzeichnung. Die matte Betonung auf der Bühne schien mir entschieden aus dem schlechten Lernen der Schauspieler zu kommen. Schwimmen mit dem Souffleur – das macht freilich stutzen vor jedem Prallstein, wo die Funken stieben müssen, wenn die Rede aus dem Innern kommt. Für mich galt das Sprechen des Schauspielers als Reproduction des schaffenden Dichters. Diesen glaubte ich zu kennen. Ich vertrat Shakespeare, Calderon, Schiller. Wenn ich die Schauspieler auf der Leseprobe eine Rolle, deren Zusammenhang mit dem Ganzen sie noch nicht kannten, die sie kaum durchgelesen hatten, die noch von Schreibfehlern wimmelte, zum Ver-313[Die Kraft der Exposition.]zweifeln stockend und für die Hoffnung auf das neue Werk bedenk­liche Hoffnungen gebend lesen fand, so ergriff mich eine innere Berserkerwuth, für deren kunsthistorische Unterbringung Eduard Devrient in seiner Geschichte der Schauspielkunst nur für Immermann einigen Platz gefunden hat. Ich las die Rolle selbst, wie sie im Ensemble gedacht war. Ich fürchtete, der Glaube an das Stück hätte mir unter dem Buchstabiren leiden können. Ich bat den Darsteller später, das „Buch“ mit nach Hause zu nehmen und seine Rolle darnach conform zu machen. Daß ich dann gar, wie an einer andern Stelle jenes gewissenhaften Geschichtsbuchs zu lesen steht, österreichischem Singsang, dem mit einem Fragezeichen statt Punktes endenden Vortrage das Wort geredet hätte, ist reine Ver­leumdung. Scharfe Accente habe ich geliebt. Wie man im Leben die Dinge, auf die es ankommt, hervorhebt, warum nicht auf der Bühne? Die Tonschwingung Emil Devrient’s, wenn dieser als Egmont Alba entgegenrief: „Fordert lieber unsre Häupter!“ konnte sein Bruder, obschon ein ehemaliger Sänger, niemals hervorbringen. Die Note, in der Emil Devrient das Wort „Häupter“ hielt, eine der genialsten und zugleich wahrsten, natürlichsten Betonungen, die nur in der Theatergeschichte existiren, lag nicht im Register des brüderlichen Rivalen. „Von der Natur entfernt!“ Ohne mich durch spöttische Widerrede, die erwartet werden dürfte, beirren zu lassen, behaupte ich, daß die gefeierte Maria Bayer erst von dem Tage an, wo sie in meinem Sinne und nach meinem Vortrag die Worte der Judith in Uriel Acosta:

Er wird geliebt, glaubt besseren Profeten!

gesprochen hat, eine Steigerung ihres Künstlerlebens zu bezeich­nen hat. Bei dem Erfolge dieses „Accentes“, bei einem Beifall, der nicht enden zu wollen schien, stand Eduard Devrient auf der Bühne. Seine Geschichtsschreiber-Weisheit notirte sich dabei, all’ mein Dichten und Trachten auf der Bühne „sei von je nur auf Hervor­bringung von Effekten gerichtet gewesen“. Hätte ich ihm meine Stücke zum Ueberarbeiten, zum Einfügen des Holbein’schen Kittes übergeben, so wäre ich vielleicht besser weggekommen.

Die schon bei Beginn meiner Thätigkeit durch das Billet des Königs gereizte Empfindlichkeit des Intendanten zeigte sich gleich 314 [Abhängigkeit.] in den ersten Tagen meines Wirkens bei einem Stück, das ich gern in erster Reihe befördert hätte. Gustav Freytag war nach Dresden gekommen und wollte das Schicksal seiner „Valentine“ erfahren. Der gewandte weltmännische Dialog des Stückes, die geschickte Gipfelung der Spannung, der vorherrschende Salonton, dem die Nachahmung einer gewissen englischen Sitte sogar einen romantischen Hauch gab, ließen vergessen, daß sich hier ein junger Freiheitsheld zum Maitre de plaisir eines fürstlichen Hofes machte und sich die letzten Scenen zu sehr in Auseinandersetzungen ver­lieren. Man konnte sich einen glänzenden Erfolg versprechen. Die Rollen sind ausgeschrieben und nach Teplitz zum Signiren geschickt worden! durfte ich dem siegesgewiß auftretenden Autor sagen. Der Intendant hatte mitten im Winter, gichtischer Schmerzen wegen, die ihn über den Acosta-Aerger befallen hatten, eine Badekur in Teplitz begonnen. Das eigenhändige sogenannte „Signiren“ der Rollen war bei ihm wie der Vollzug eines Gesetzes durch königlichen Namenszug. Ich selbst sprach dem Dichter nur einige Bedenklichkeiten über das Fenstereinsteigen bei einer Hofdame aus und schlug vor, für den jungen Fürsten lieber den Erbprinzen zu wäh