Rosa Maria Assing, geb. Varnhagen von Ense#

Metadaten#

Herausgeber
  1. Wolfgang Rasch
Fassung
1.0
Letzte Bearbeitung
05.12.2019

Text#

105 Rosa Maria Assing,#

geb. Varnhagen von Ense.#

Als die Freunde der Verstorbenen erfahren mußten, sie würde sich von der Krankheit, die sie aufs Lager warf, nicht wieder erholen, hatte ich nur noch den einzigen Wunsch, daß die neuerwachende Frühlingserde die Hülle einer Seele aufnehmen möchte, die, wie selten ein Wesen, in den grünen und bunten Reizen der Natur heimisch war. Rosa Maria starb aber im Winter. In einer wilden Sturmesnacht, wo der Donner des Geschützes die Gefahren der anschwellenden Elbfluthen verkündete, hauchte sie ihre schöne Seele aus; sie, aus deren innerstem Gemüth ihr theurer Uhland gesungen hatte:

O legt mich nicht ins dunkle Grab!
In Gras und Blumen läg ich gern,
Wenn eine Flöte tönt von fern,
Und drüberhin
Die hellen Frühlingswolken ziehn!

Die tiefste Wehmuth durchzittert mich, wenn ich der theuern Frau gedenke, die mit einem wunderbar regen Geiste, mit einer jugendlichen Empfänglichkeit für alles Schöne und Tiefe, dem Leben, das sie so weise zu genießen verstand, entsagen mußte! Ihre Gefühle hatten noch ganz die Frische, wie bei einem jungen Mädchen, das zum ersten Male in die weitern Kreise der Welt blickt; nichts war ihr abgestanden, jeden kleinsten Genuß wußte sie mit einer Sinnigkeit durchzukosten, die ihr eine nie welkende Jugend für das höchste Alter zu versprechen schien - sie starb!

Es werden Eingeweihtere auftreten, die uns Rosa Maria’s an innern Erfahrungen sehr reiches Leben erzählen werden. Es war dies Leben in die schönsten Erinnerungen unsrer geistigen Entwickelung verflochten; ihre Myrte grünte bescheiden neben manchem Lorbeer; Uhland, Chamisso, Schwab, Kerner waren ihre Freunde gewesen, mit vielen Jüngern war sie und ihre Familie in lebhaftester Verbindung, ja sie hat selbst manches zarte, sinnige Lied gesungen. Wer wäre geeigneter, ein Bild ihres geistigen Lebens und ihrer irdischen Wallfahrt zu entwerfen, als ihr Bruder, der nächst Rahel nichts so Theures verlieren konnte, als Rosa Maria! Ich - kann nur die Eindrücke sammeln, die ihre letzten Lebensjahre in mir zurückließen, wo nur die schmerzliche Krankheit dazwischentrat, um eine sonst wenig unterbrochene Beziehung zu stören.

Rosa Maria war durch die Schule derselben Erziehung gegangen, welche ihr Bruder in seinen Denkwürdigkeiten als eine strenge und unstäte bezeichnet hat. In Düsseldorf geboren, fand sie eine eigne Genugthuung darin, dem Rheine anzugehören. Sie sagte oft: Wir, bei uns, am Rhein. Straßburg, wo sie einen Theil ihrer Kindheit verlebte, Mannheim, wo eine Hofdame ihre Verwandte war, tauchten oft in ihren Erinnerungen mit sonnigem Glanze auf. Später kam sie an die Elbe, wo sich ihr Vater zu ärztlicher Praxis niederließ. Sie hatte das schöne Talent, sich aus Allem, was das Leben bietet, das Erfreulichste auszulesen; sie wurde auf dem neuen Boden so heimisch, daß ich oft über ihre Bekanntschaft mit den verstecktesten ländlichen Reizen, die Hamburgs Umgegend bietet, erstaunte. Durch ihren Bruder, der mit dem Beginn des Jahrhunderts rastlos nach einer festen Einwurzelung im Leben strebte, kam sie mit den genanntesten Namen der frühern Literaturepoche in Berührung. Wie leuchtete ihr Auge, wenn sie von ihren 106 ersten Bekanntschaften mit Chamisso, mit Kerner sprach! Die wunderliche Originalität des Letztern, des Erstern naives Doppelleben als Deutscher und Franzose war ihr noch in den spätesten Jahren eine grüne Fernsicht des Gedächtnisses, die sie um so heitrer stimmte, als sie aus der unmittelbaren Gegenwart Fortsetzungen daran reihen konnte, Briefe von Chamisso, Grüße von Kerner, oder gar einen Besuch bei ihnen! Chamisso’s Tod erschütterte sie. Ja man kann wohl sagen, daß sie darüber bis auf den eignen Lebensnerven erschrak; denn von Stund’ an wurde sie nachdenklicher und verlor sich oft in eine Resignation, von der wir vor zwei Jahren nicht ahnten, daß sie der Vorbote ihres nahen Todes werden sollte.

Rosa Maria war früher Erzieherin gewesen. Von diesem Berufe, zu dem sie die Reinheit ihres Gemüths besonders fähig machte, hatte sie für ihr Wesen manche Grundtöne behalten, die ihrer Art, sich zu geben und Andere zu nehmen, eine eigne Sicherheit und Selbstständigkeit anhauchten. Sie wußte um die Weiblichkeit ihrer ganzen Erscheinung sehr sichere Gränzen zu ziehen und milderte die Flamme ihres Gemüths durch einen seltenen Takt für die verschiedenen Beziehungen des Lebens. Überhaupt war sie dem Wesen ihres Bruders verwandt; so jedoch, daß die Eigenschaften, die vielleicht an einem Manne auffallen könnten, grade an ihr als vollendetste Weiblichkeit hervortraten. Gern glich sie aus; sie milderte Allzuschroffes, sie wußte alles Überschreitende sogleich auf ein schönes Maaß zurückzuführen. Versöhnend, vermittelnd waltete sie zwischen entgegengesetzten Persönlichkeiten; peinliche Stimmungen wußte sie auf eine gewandte Art in Behaglichkeit aufzulösen. Verstand und Gemüth waren bei ihr in einer so schönen Harmonie, daß niemals der eine Theil den andern fortriß. Nur in ihren Erinnerungen war sie unbedingte Schwärmerin. Die Vergangenheit gehörte ihrem Herzen an; für das Gegenwärtige und Zukünftige hatte sie dagegen die feinsten Fühlfäden einer bei Frauen seltnen Weltbildung, eines Verstandes, der jedoch nie angreifend, sondern nur abwehrend verfuhr. Ihre Ironie war immer gutmüthig, und wenn sie einmal schärfer hervortrat, so hatte es der, den sie treffen wollte, sicher auch verdient.

Besonders nach zwei Seiten hin war Rosa Maria in ihrer Erscheinung außerordentlich. Sie hatte einmal einen ganz eignen Cultus der Erinnerung und sodann ein beinahe künstlerisches Prinzip der schönen Geselligkeit. Nie ist mir ein Wesen vorgekommen, das so, wie Rosa Maria, ein stets festlich geschmücktes Gedächtniß hatte. Ihre Erinnerung war stets mit Kränzen behangen: alles stand darin im schönsten Sonnenlichte; sie knüpfte an die kleinsten Reliquien lange Seligkeiten von Eindrücken, die mit unverwelklicher Frische in ihrem Innern blühten. Man mußte sie hören, wenn sie von den Tagen der romantischen Literaturepoche sprach! Es war wie ein Klingen aus jener Märchenwelt, wie ein Dämmern jener mondbeglänzten Zaubernacht, die von damals noch immer ihren Sinn gefangen hielt. Ihr Auge blitzte, wenn sie von den Tagen sprach, wo sie mit Uhland, der sich damals Volker nannte, mit Schwab und allen den Spätlingen der romantischen Schule den deutschen Dichterwald herausgab. Die damaligen ästhetischen Anschauungen blieben in ihr die vorherrschenden und wo hat sie sie schöner verherrlicht, als in den wahrhaften Kunstgebilden, die sie mit der Scheere in ihrer zarten Hand aus Papier schnitt? Es ist vielleicht nur Wenigen bekannt, daß Rosa Maria in der Kunst des Ausschneidens ihres Gleichen suchte. Ihre schönsten Gedichte sind vielleicht ihre ausgeschnittenen Arbeiten, die auf der hiesigen Kunstausstellung Bewunderung erregten. Ohne die Kunst des Zeichnens zu verstehen, führte ein höherer Genius ihre Hand, wenn sie schwarzes Papier sich zurechtlegte und daraus Blumenstücke, Scenen aus den Tropenländern, Phantasieen aus dem Reiche Titaniens schnitt. Die sinnigsten Combinationen bewahrt ihr Portefeuille auf. In allen diesen ist die romantische Anschauung vorherrschend. Titania schlummernd, Oberon, Puck, das ganze Gewimmel der Elfengeister, Libellen und Phalänen - in diesem Bereiche hatte sie die kühnste Phantasie. Wie hat uns diese poetische Art, mit der sie auf Spaziergängen Busch und Baum, Quelle und Bach mit Nymphen und Nixen zu bevölkern wußte, oft so erheitert! Die Alster-Nixe war für uns durch den Humor Rosa Maria’s fast etwas Wirkliches geworden, so artig wußte sie die Nymphe mit dem nassen grünen Haar zu beschreiben, wenn wir über den schwanken Brückensteg schritten, der Eppendorf von Winterhude trennt.

Das Romantische war der Grundton in Rosa Maria’s Anschauungen. Aber sie war darin weniger nebelhaft, als solche, die vom Ton der Nachtigall singen, ohne zu wissen, daß die Nachtigall nach Johannis verstummt, oder von Astern, ohne zu wissen, daß diese nur im Herbste blühen. Unsre Dahingeschiedene war nicht bloß Freundin, sondern auch Kennerin der Blumen. Ihre zarten Scheerengebilde sind nicht nach botanischen 107 Werken, sondern nach der Natur geschnitten. Auf unsern Wanderungen war sie bald voran, bald hinter den Übrigen, emsig den Blick auf den grünen Teppich der Natur gerichtet und trotz der nicht weittragenden Kraft ihrer Augen schnell jede seltene Pflanzenerscheinung entdeckend. Da hatte sich ein Moos, das sie nur auf trocknem Boden sonst gesehen, in einen feuchten verirrt; da hatte eine Blüthe mehr Staubfäden, als die Botanik gestattete; da wurde der lateinische Name für eine Pflanze gesucht, deren Spezies ihr nur im Augenblick nicht gleich nach dem technischen Ausdrucke erinnerlich war. In dem botanischen Garten am Dammthor war sie recht in ihrem Element. Die tropischen Pflanzen der Treibhäuser versetzte ihre Phantasie nach Indien und Brasilien; sie wußte sich diese Cactus und Aloen schnell mit buntgefiederten Vögeln zu bevölkern und malte sich das Leben der indianischen Welt mit den glühendsten Farben aus. Dann entging ihr draußen unter den aufgeschichteten Blumentöpfen nicht der kleinste, der eine Pflanze barg, an welche sich für sie etwas Interessantes knüpfte, ein Phänomen oder eine schöne Gestalt oder ein eigenthümlicher Duft. Sie war in Allem eine sinnige Beobachterin der Natur. Sie sog alle Lebensäußerungen derselben, wie ihr verwandt, ein. Wenn wir in Flottbeck unter einem Apfelbaume saßen und an ländlicher Kost unsre ländliche Freude hatten, wenn vorübersummende Bienen sie in eine ihr angeborene Ängstlichkeit jagten, wenn wir hinunterstiegen in den Park und über den kleinen Wasserfall schritten, oder in der alten Mooshütte des Eremiten ausruhten, oder wenn wir auf der Höhe Blankenese’s standen und bei stürmischem Wetter die Wolken über die Elbe sich in phantastischen Gestalten lagerten und drüberher die Sonne mit eigenthümlichen Blitzen über den Wasserspiegel fuhr; sie hatte für alle diese Phänomene einen poetischen Blick, sie gruppirte sich das Zerstreuteste zu schönen Bildern zusammen und wußte mit schneller Combination bald das Eigenthümliche solcher magischen Situationen zu zergliedern. Jedes Schiff verfolgte sie mit leuchtendem Auge und ihre Phantasie dichtete dem Ostindienfahrer bald einen Gruß entgegen, bald fand sie ein schönes Behagen darin, sich die Geschichte eines solchen Fahrzeuges und Derer, die mit ihm gingen und kamen, in romantischen Farben auszumalen.

109 Kehrten wir dann, von den Abwechselungen solcher Lustfahrten geistig erheitert und körperlich ermüdet, an den häuslichen Heerd zurück, dann entfaltete sich Rosa Maria in ihrer andern Sphäre, in ihrer Leidenschaft für das Gesellige. Hatte sie vorher mehr den romantischen Erinnerungen nachgejagt und in der Welt Uhland’s, Arnim’s, Brentano’s, Tieck’s gelebt, jetzt kam ihre Verwandschaft mit den Lebensanschauungen Goethe’s. Was wurde da nicht alles zur erheiterndsten Anregung durchgesprochen! Nun entwickelte sie sich in ihren Stimmungen über die Fragen der Zeitgeschichte, der Literatur, in ihren reichen Ideen über so vieles Soziale, was in neuerer Zeit die Tagesordnung der gebildeten Unterhaltung geworden. Doch sie nahm auch diese Erörterungen nicht von der rein doktrinären Seite, sondern, gestehen wir’s nur, sie fand in jenen Ahnungen von einer Reform der Gesellschaft, wie sie in den Werken der von ihr innigst verehrten Düdevant liegen, eine Rückkehr zu den freien Sitten des Zeitalters der Troubadours. Oder wie anders ist die Anhänglichkeit eines Gemüths, das sich die tiefste Sittlichkeit bewahrt hatte, an Lehren erklärlich, die zwar nicht aus der Unsittlichkeit zu entstehen brauchten, wohl aber auf ein keckeres und entschlosseneres Lebensbewußtseyn und auf entflammtere Gemüthserregungen gebaut sind, als sie Rosa Maria je angesprochen oder empfunden hat? Es war in ihrem Gemüth etwas ritterlich Freies: alles Entschlossene, ob sie es gleich nur aus der Ferne beobachtete, riß sie am Mann oder Weibe fort und für keinen der Sätze über Ehe und Stellung der Frauen, die sich in Rahels Briefen fanden, hat diese eine begeistertere Anhängerin gehabt, als ihre Schwägerin. Sie wollte die Frauen selbstständiger, als ihre jetzige Stellung ihnen gestattet, wenn auch nur so selbstständig, wie zur Zeit der Minnehöfe in der Provence, wo die Liebe höher stand, als das Gesetz. Wenn in diesem Gedankengange, den sie liebte, nicht alles Schwärmerei war, so war es der großherzige Zweck, die Frauen den Männern näher zu bringen, sie zum Niveau der männlichen Bildung zu erheben und ihnen dieselbe freie Beherrschung des Daseyns möglich zu machen, welche den Männern nichts untersagt, als was ihnen ihr Gewissen verbietet. Sie, die so oft in den Fall kam, hören zu müssen, daß die geistige Arbeit, die sie liebte, eher den Männern, als Frauen zieme, verlangte nichts, als eine Emanzipation der Frauen vom Vorurtheil. Sie wollte die Bildungsstoffe freigegeben wissen und dem Reich des Geistes gegenüber den Unterschied der Geschlechter aufgehoben.

Ihr ferneres Goethisches Theil war das rastlose Streben nach Vervollkommnung. Wenn sie Neid kannte, so war es Neid um die Menge von Veranlassungen, die der Mann hat, sich auszubilden. Wie lauschte sie, wenn das Gespräch sich in Richtungen verlor, wo sie ahnen konnte, wie glücklich die Männer sind, sich in diesen meist wissenschaftlichen Bereichen schnell orientiren zu können. Da sie an solchem neuen Material für ihr Gedächtniß und ihre Denkkraft sich das Meiste mußte entgehen lassen, so verlegte sie sich auf ein anderes Studium, welches sie mit ihrem Bruder gemein hat, auf das Studium der menschlichen Individualität. Jede neue Bekanntschaft nahm sie als eine psychologische Aufgabe. 110 Sie forschte im Blick des Auges, im Ton des Organs, in den Äußerungen des Gesprächs: sie verglich den neuen Bekannten mit älteren, sie fand Ähnlichkeiten und Unterschiede und wußte sich mit einer eignen zarten Behutsamkeit schnell in Jedes „eigenthümliche Weise,“ wie sie’s nannte, hineinzudenken. Alles ächt Menschliche, alles Individuelle, war ihr Offenbarung des Göttlichen. Sie sah in dem Menschen ein so großartiges Kunstwerk, daß man wohl sagen darf, sie bedurfte des Jenseits nicht, um eine Lücke in ihren Wünschen ausgefüllt zu sehen. Menschen, bei denen sie nirgends einen Stempel höherer Abkunft entdecken konnte, wurden ihr bald unheimlich; sie hatte den Takt, aus dem Zufälligsten und leichtest Hingeworfenen schnell auf das Innere der Seele zu schließen und zog sich zart wie eine Sensitive zurück, wo sie Gemeines, Irdisches, roh Leidenschaftliches witterte. An denen aber, die ihr theuer waren, interessirte sie das Geringfügigste. Aus Handschriften las sie gern Charaktere und Stimmungen heraus. Briefe zu sammeln und aufzubewahren, hatte für sie den Reiz, als sollte sie Jedem ihrer Freunde Biograph seyn. Sie selbst verrieth durch ihre zierliche Handschrift, die saubre Handhabung des Papiers, das geschickte Falzen ihrer kleinsten Billette ihr eigenstes Wesen. Alles, was von ihr ausging, entsprach der keuschen Zartheit ihres Gemüths. Und wie genoß sie Alles, was ihr Menschen und Zustände boten, mit weiser Mäßigung! Wie wußte sie sich jeden Genuß einzutheilen, einer Mutter gleich, die einen Leckerbissen den Kindern nicht auf einmal giebt, sondern sie öfter glücklich macht, indem sie davon immer noch zurücklegt. Sie zergliederte ihre Freuden, nicht um sie zu tödten, sondern ihren Genuß zu vervielfachen: sie zersplitterte das Ganze, um an jedem kleinsten Theile sich immer noch an das Ganze erinnert zu sehen. In jedem Momente spiegelte sich ihr etwas Ewiges. Sie machte in langen Jahreszwischenräumen Reisen nach Berlin oder Paris oder ihrem geliebten Schwaben. Ihre Erzählungen darüber waren ein Calvarienberg der Freude, denn auf jedem vierten Schritte hielt sie inne und erklomm eine Jubelstation nach der andern. Das kleinste Idyll, das ihr und den Ihrigen auf der Landstraße begegnete, malten sie sich zu einem Epos aus, von dem sie nie ermüdeten, zu singen und zu sagen.

Es war Rosa Maria’s Art, neben einem bedeutenden Werke der ältern Literatur immer auch eine neuere Erscheinung zu lesen. So zaubervoll ihr die Erinnerung an die Literaturepoche war, wo sie selbst mit den damals noch jugendlichen Faktoren derselben in freundlicher Beziehung stand, so lebendig war doch der Antheil, den sie an allen neuern, ja den neuesten Entwickelungen unsrer und fremder Literaturen nahm. Der französischen Sprache in einem seltenen Grade mächtig (auch das Altfranzösische war ihr geläufig) las sie die bedeutendsten Erscheinungen der neuromantischen Schule und wußte zwischen dem, was sie dieser versagen und dem, was sie ihr einräumen mußte, ein meist immer richtiges Maaß zu halten. Von der neuern deutschen Literatur entging ihr wenig Bedeutendes. Der jährliche Musenalmanach war ihr eine der liebsten Erscheinungen; oft hatte sie selbst ein schönes Lied beigesteuert. Heine war ihr persönlich befreundet und sie blieb bis zuletzt eine beredte Vertheidigerin seiner Poesieen, die in ihrem Kreise nicht selten mit schwerzuwiderlegenden Gründen angefochten wurden. Unter jüngern Autoren war ihr mancher persönlich bekannt geworden; sie übertrug die Erinnerung an ihn auf die Stimmung, in der sie seine Schriften las. Wird man ihr verdenken, daß sie da oft die Freude über etwas im Einzelnen Gelungenes auf das Ganze übertrug und um die Schwächen einer Schöpfung den Mantel der Liebe warf? Die Zerwürfnisse zwischen den jüngern Autoren bekümmerten sie. Sie hätte so gern die Zeiten erneuert gesehen, wo in ihrer Jugend ein Freund dem andern in der Literatur noch Wort hielt, keine verletzte Eitelkeit gegebene Versprechen opferte, keine Einmischung Unberufener Kräfte auseinandertrieb, die ihr gemeinschaftliches Ziel nie aus den Augen hätten verlieren sollen. Es kostete sie eine schmerzliche Überwindung, wenn sie einräumen mußte, daß sich freilich mit den Zeiten auch die Bedingungen für unsre Literatur sehr verändert haben und daß Wahrheiten, die nur im Frieden gedeihen, auch einmal abgelöst werden mußten von Wahrheiten, die sich nur im Kampfe bewähren.

Seitdem in unserm Zeitalter die Männer in ihren Mackintoshs immer yankeeartiger und poesieloser werden, hat sich das Geniale, eine Menge Erscheinungen bestätigt dies, oft in Frauen lebendiger offenbart, als in jenen. Um wieviel mehr ist der Tod eines Wesens zu beklagen, das grade in Hamburg, einer Stadt, wo die geistigen Interessen mehr ein Nach-Dessert nach der derben Kost des täglichen materiellen Verkehrs sind, eine Tradition vergangener geistigerer Zustände aufrecht erhielt und einen bescheidenen, aber gewählten Kreis höhergestimmter Neigungen um sich zu versammeln wußte. Rosa Maria mag, da sie auf Äußerliches wenig hielt, 111 Vielen in unsrer Stadt sonderbar erschienen seyn, und doch sind jährlich berühmte Namen nach Hamburg gekommen, die nicht die Palläste derer, wo man von Gold und Silber ißt, aufsuchten, sondern das kleine Haus, wo Rosa Maria waltete! Und Manchen kenn’ ich, der eine Einladung zu einem Diner bei den reichsten Börsen-Karyatiden ausschlug und es vorzog, zu Fuß mit Rosa Maria und ihren Angehörigen nach Wandsbeck zu pilgern und bei ländlicher Kost sich an der Würze der anregenden Empfänglichkeit ihres Geistes - so drückt man ihr Wesen wohl am passendsten aus - zu erheitern. Nun ist dem Freundeskreis der Mittelpunkt genommen.

So weile denn Dein Schatten unter uns, Du theure Geschiedene! Dein Andenken halte uns zusammen und webe fort und fort an der Kette, die wir in einer Zeit, wo es immer schwerer wird, die höhere Signatur der Menschen zu erkennen, unsern Händen nicht wollen entgleiten lassen! Sollen wir die Erinnerung an Dich auf Deinem Grabe mit Blumen, die Du so liebtest, feiern, oder Dich überall finden, wohin die nun entfesselte Seele im weiten Ätherreich auf Schmetterlingsflügeln sich schwingen darf? Nein, Dein Glaube an das Jenseits war nicht gebunden an Ort und Raum. Du bist ein seliges Atom geworden in dem Weben der Natur - und wenn wir auf grüner Flur bei abendlicher Heimkehr Johanniswürmchen leuchten sehen, wenn die Welle mit sanfter Klage an das Ufer schlägt, wenn im Winter die Flamme im Kamine singt, das Gespräch stockt und ein Engel durch’s Zimmer geht, oder wenn wir wieder unter grünen Bäumen ruhen und hören es ob unsern Häupten leise in den Wipfeln rauschen, dann wollen wir, die wir ihre Freunde waren, uns die Hände drücken und andächtig flüstern: Rosa Maria ist unter uns!

Apparat#

Bearbeitung: Wolfgang Rasch, Berlin#

1. Textüberlieferung#

1.1. Handschriften#
1.1.1. Übersicht#

Es sind keine handschriftlichen Überlieferungsträger bekannt.

1.2. Drucke#

Gutzkows persönlich gehaltener Nachruf auf Rosa Maria Assing, die am 22. Januar 1840 in Hamburg gestorben war, wurde wenige Wochen nach ihrem Tod im "Telegraph für Deutschland" veröffentlicht. 1842 nahm Gutzkow ihn mit geringfügigen Überarbeitungen in den Sammelband Mosaik. Novellen und Skizzen, den dritten Band seiner Vermischten Schriften, auf. Im Inhaltsverzeichniß zum dritten Bande (S. V) wird der Beitrag anders als im Buch (S. 133) unter dem Titel Erinnerung an Rosa Maria, geborne Varnhagen von Ense aufgeführt. Vermutlich wollte Gutzkow den Titel ändern, um den Rahmen subjektiver Reminiszenzen, der diesen Nekrolog kennzeichnet, stärker hervorzuheben. Warum die Titeländerung im Buch nicht erfolgte, ist unklar.

Drei Jahre reihte Gutzkow den Text in den sechsten Band der Gesammelten Werke ein, wo er nur mit Rosa Maria betitelt wurde. Unter ihrem Vornamen Rosa Maria hatte die Verstorbene publiziert; ihr Autorname war inzwischen einer breiteren Öffentlichkeit durch den Band "Rosa Maria's poetischer Nachlass" (Altona, 1841) bekannt geworden. Gutzkow verband unter dem Gesamttitel Rosa Maria und J. D. Assing den Beitrag mit dem etwas später erschienenen über Rosa Maria Assings Gatten. Auf diese Arbeit griff er später nicht mehr zurück; weitere Abdrucke zu seinen Lebzeiten sind nicht nachgewiesen.

J K[arl] G[utzkow]: Rosa Maria Assing, geb. Varnhagen von Ense. In: Telegraph für Deutschland. Hamburg. Nr. 27, [14.] Februar 1840, S. 105-107; Nr. 28. [15.] Februar 1840, S. 109-111. (Rasch 3.40.02.14)
E Rosa Maria Assing, geb. Varnhagen von Ense. In: Karl Gutzkow: Mosaik. Novellen u. Skizzen. Leipzig: Weber, 1842. S. 133-147. (Rasch 2.23.3.7)
A1 Rosa Maria. In: Karl Gutzkow: Gesammelte Werke. Vollständig umgearbeitete Ausgabe. Bd. 6. Börne's Leben. (Aus Börne's ungedrucktem Nachlasse reich vermehrt.) - Rosa Maria und J. D. Assing. - Friedrich von Hurter, K. K. Hofrath u. Historiograph. Frankfurt/M.: Literarische Anstalt, 1845. S. 291-302. (Rasch 1.2.6.2.1)

2. Textdarbietung#

2.1. Edierter Text#

J. Der Text folgt in Orthographie und Interpunktion unverändert dem Erstdruck. Textsperrungen werden übernommen. Silbentrennstriche (=) werden durch - wiedergegeben. Die Seitenzählung wird mit Klammern [ ] an den betreffenden Stellen in den Text eingefügt.

Die Liste der Texteingriffe nennt die von den Herausgebern berichtigten Druckfehler sowie die Emendationen. Fehlende oder überzählige Spatien im Erstdruck wurden stillschweigend korrigiert.

Die Seiten-/Zeilenangaben im Apparat beziehen sich auf die Druckausgabe des Beitrags im Band: Kleine autobiographische Schriften und Memorabilien. Hg. von Wolfgang Rasch. Münster: Oktober Verlag, 2018. (= Gutzkows Werke und Briefe. Abt. VII: Autobiographische Schriften, Bd. 3.)

2.1.1. Texteingriffe#

5,10 nicht gleich gleich Korrektur nach E

Kommentar#

Der wissenschaftliche Apparat wird hier zu einem späteren Zeitpunkt veröffentlicht.