Wir stellen die Gutzkow Gesamtausgabe zur Zeit auf neue technische Beine. Es kann an einzelnen Stellen noch zu kleinen Problemen kommen.

Der Zauberer von Rom. Fünftes Buch#

Metadaten#

Herausgeber
  1. Kurt Jauslin
  2. Stephan Landshuter
  3. Wolfgang Rasch
Fassung
1.2: TEI-Auszeichnung
Letzte Bearbeitung
03.10.2021

Text#

Fünftes Buch.#

3 1.#

„C. M. B.

Caspar, Melchior, Balthasar.

… Diese Namen der heiligen drei Könige aus dem Morgenland schrieb die alte Zeit über Thür und Schwelle eines jedes Christenhauses, um dem Heiland daraus eine Weihnachtskrippe zu bereiten.

Aber sie können noch mehr sagen, die heiligen drei Könige aus dem Morgenland! Sie können euch zurufen: C. M. B.: C–reuzige M–eine B–egierden! C–hristus M–ein B–ekenntniß! C–hristus M–eine B–ahn! C–ommunicire M–it B–edacht! C–abalen M–üssen B–rechen! C–abinetsweisheit M–acht B–ankrott!“

In dieser harmlos zeitgemäßen Weise war in der uralten Archipresbyteriatskirche zwischen Witoborn, Stift Heiligenkreuz und Schloß Westerhof, am heiligen Dreikönigstag gepredigt worden vor einer aus Hoch und Niedrig bestehenden Gemeinde, die auch deshalb so zahlreich vertreten war, weil alles erwartete, der von vierundzwanzig Damenhänden gefertigte Wunderteppich, die vom Doctor 4 Laurenz Püttmeyer gezeichnete Vision der „Seherin von Westerhof“, würde heute vom Pfarrer Norbert Müllenhoff geweiht werden. Diese „Weihe“ mußte dem ersten Betreten des Teppichs durch den erwarteten Archipresbyter vorangehen.

Aber noch drei Wochen vergingen, bis diese heilige Handlung vollzogen werden konnte. Die Damen hatten für den Kirchenfürsten zu viel zu sticken und damit jenen Müllenhoff’schen – „Bankrott aller Cabinetsweisheit“ zu beweisen …

Armgart war mit ihrem Drachen, den sie, wie Terschka an jenem Abend bei Piter Kattendyk berichtet, durch „längern Umgang lieb gewonnen hatte“, fast die erste fertig und hatte sich bereits wieder in zwei „Vielliebchen“ verloren, die sie für Thiebold und Benno fertigte, eine Cigarrentasche und einen Aschenbecher … Nur ihre übrigen Mitfräulein im Stifte zögerten so lange mit Ablieferung ihrer Einzeltheile der großen Arbeit, die dann Jean Tübbicke, nicht Schneidermeister, sondern – man staune des Fortschritts zu Witoborn! – „Maître-tailleur“ in der alten Priesterstadt und sogar der Sohn eines Meßners, des alten Meßners Tübbicke hier zu Sanct-Libori selbst, nach Püttmeyer’s Zeichnung zusammenzunähen hatte.

Armgart saß am Dreikönigstag gleichfalls in der Kirche.

Ach, sie deutete sich diese akrostichische Nutzanwendung von C. M. B. aus dem Munde des jungen so schlagfertigen Geistlichen, der noch nicht zu lange aus dem Seminar gekommen war und schon auf zwei Pfarren fungirt und seines reformatorischen Eifers wegen zwar überall Spectakel gehabt, aber dennoch diese höchst vor-5treffliche Pfarre auf den Dorste-Camphausen’schen Gütern bekommen hatte, in ihrer Weise …

Ihr – sprachen Caspar Melchior Balthasar: Herr! C–röne M–ein B–eginnen! … Daß sie dabei „Cröne“ mit einem C schrieb, entsprach den Witoborner alten Gesangbüchern. Stand doch die ganze Bildung jener Gegend noch auf dem Standpunkte mehr von 1738 als von hundert Jahren später. Die wunderherrlichen Gedichte der Annette von Droste-Hülshoff, dieser edeln, anschauungsreichen Sängerin, die, wie Benno von Asselyn gelegentlich zum Verdruß der Tante Benigna von Ubbelohde beim Thee auf Westerhof gesagt hatte, auf dem Parnaß auch das Heidekraut und die Buchweizengrütze aussäete, diese Gedichte kannte Armgart; aber mit Andacht las sie seit Kindesbeinen nur die Poesie auf den Kreuzwegstationen und Wallanlagen von Witoborn und in den Corridoren ihres Stiftes Heiligenkreuz. Denn dort war sie eingetreten. In der That hielt sie jetzt Markt mit ihren Naturaleinkünften (in diesem Winter freilich erst Einen einträglichen mit zehn Schinken, zehn Würsten und zehn Speckseiten) … Ueber ihrer Thür stand:

O Libori, o Antoni, zwei Gefäß der Heiligkeit,
Daß wir müssen euch begrüßen, heißet uns die Schuldigkeit!
O Libori, o Antoni, steht uns bei am letzten End’,
Daß nicht sterben und verderben! Führet uns in Jesu Händ’!

Welches ist Armgart’s „Beginnen“? … Wir können vorläufig nur sagen: Noch mehr, als sie schon sonst war, ist sie Grüblerin geworden. Stundenlang konnten ihre braunen Augen in die innersten Wände ihrer kleinen, ahnungsvollen Gedankenwelt zurückschauen. Stundenlang 6 konnte sie ihre bekannten weißen Vorderzähnchen ohne Bedeckung der schmerzlichverzogenen Lippen lassen, wenn sie über etwas grübelte, was ihr seltsam schien. Und was erschien ihr nicht seltsam! Noch jetzt, wenn von der Erblassenschaft der Dorste’schen Besitzungen, von dem Grafen Joseph, ihrer geliebten Paula Vater, als von dem Erblasser die Rede war, konnte sie sich fragen, ob denn dies schmerzliche Wort nicht eigentlich zu sprechen wäre: Er – blasser und den im Tode tief Erblassenden, leichenweiß erbleichenden edeln alten Herrn bezeichnen sollte? Eine Erbskette nahm sie noch jetzt für eine Kette, die man von geliebten Personen, etwa einer theuern Mutter, erbt, nicht als Kette von Kügelchen, so groß wie Erbsen. Wenn der Onkel Levinus Abends nach dem Nachtessen in Schloß Westerhof vom Untergang der westfälischen Herrschaft und von Napoleon’s Sturz in Rußland sprach und die Schlacht bei Mosaisk erwähnte, träumte und grübelte sie, wie doch nur mit dieser Begebenheit das zuweilen in Kunstgesprächen und bei schönen römischen Brochen vorgekommene ahnungsvoll poetische Wort Mosaik zusammenhängen könnte. O, schon das achtjährige Kind ließ sich nicht nehmen, daß in dem auf dem Finkenhof, einem Wirthshause in der Nähe zuweilen gesungenen Liede: „Freut euch des Lebens, weil noch das Lämpchen glüht!“ keine Lampe, mit der ja ohnehin kein Mensch springen würde, sondern ein springend erhitztes Lämmchen gemeint wäre. Zwölfjährig schon, wo sie noch nicht ahnte, daß sie selbst einst in Lindenwerth wohnen würde, auf das jene Ritter-Toggenburg’s-Sage vom angestarrten Fenster der Geliebten in Wahrheit 7 einst gegangen sein soll, sprach sie Schiller’s, aus einem Schulbuch ihr bekannt gewordenes Gedicht: „Ritter, treue Schwesterliebe widmet euch dies Herz!“ nie anders, als: „Rittertreue, Schwesterliebe –!“ Drückte doch beides das ihr Schönste und Herrlichste im Leben aus: Ritterliche Treue und schwesterliche Liebe.

Drei Wochen darauf wurde dann endlich wirklich der Teppich geweiht. Das war ein festlicher, hoch katholischer Sonntag! … Hier in viel rauherer Gegend, als in der Residenz des Kirchenfürsten, war es zwar schon vollständiger Winter und der Schnee lag fußhoch und darunter hatte kurz vor seinem Fallen etwas Frost alles Flach- und Hügelland mit seinen Walleinschnitten und Hecken gehärtet und gefestet … Jetzt erst recht zeigte sich die Isolirung, die hier den Charakter des Zusammenwohnens bildet … Der Bauer auf seinem Kamp, der Junker auf seinem Hof schließt sich ab, wie wenn dies Land, gleichfalls nach Benno’s früherer Aeußerung, ein Meer wäre und seine Wohnungen Inseln oder Schiffe … Ringsum hat jeder bei sich in nächster Nähe gleich, was er bedarf. Selbst im Bauernhause liegen sogleich mit der Viehstall und der Backofen. Den Wald opferte man nicht ganz, sondern behielt eine gute Strecke davon als Grenzmarke der Aecker. Nirgendwo findet man hier die langen Ackerfeldfurchen, die in unübersehbarer Einförmigkeit nur von vollständigen Dörfern abgelöst werden. Hier ist das Dorf aufgelöst in Höfe, die auch jetzt im Schnee, der scheinbar alles nivellirt, an den rauchenden Schornsteinen sichtbar sind. Man glaubt eine unterm Schnee nach allen Orten hin sich öffnende unabsehbare Kraterwelt zu erblicken. Gegen 8 Osten hin ragen einige alte Thürme auf, wie wenn sich eine Citadelle dort erhöbe. Das ist Schloß Westerhof. Gegen Süden zu zeigt ein ganz buckelig geschnörkelter, mit Schiefer belegter Thurm (was man heraussehen kann, da der Schnee nicht von allen Seiten an den Rundungen festhielt) das Stift Heiligenkreuz. Und inmitten dieser großen Rundsicht, welche Berge, Wälder, Seen, die Witobach, an der das thurmreiche Witoborn liegt, mehr ahnen als deutlich unterscheiden läßt, liegt dann am Fuße einer kleinen Anhöhe die alte einst byzantinisch angelegte, jetzt höchst zopfig überbaute Kirche von grünlichem Sandstein Sanct-Libori. In nächster Nähe gehört dazu ein Stückchen Wald, der nur die Einfriedigung eines Kamps ist, dessen Inneres zwei stattliche moderne Häuser bilden, das des Pfarrers und das des Schullehrers von Westerhof … Aber diese ganze Winterlandschaft ist heute belebt, wie im erwachenden Frühling! Sieben bis acht Schlitten stehen unten vor dem Kalvarienberg des Aufgangs, davor schellenklingelnde Rosse mit langen fliegenden Decken … Die putzigen Türkenköpfe auf den Schnäbeln der Schlitten gafft die Jugend von drei Meilen in der Runde an. Dazwischen die Bauern und die „Kötter“ und die Knechte in Pelzkappen; die Frauen trotz der Kälte in all den wunderlichen Hauben und fliegenden Aufsätzen, die der Tracht jener Gegend eigen sind; die alten Mütterchen mit großen weißen Krägen, die sie halb den so sehnlichst vom Adel erwarteten Barmherzigen Schwestern ähnlich machten; in der Hand der reichen Bäuerinnen ein goldgeschnittenes Gebetbuch, ein Rosenkranz am Gürtel, auf der Brust eine Ringelkette von vergoldeten Medaillen …

9 Die Weihe ist endlich vorüber … In den Schnee hineinblickend mußte die sich zerstreuende Gemeinde nur bunte Flecken sehen, wie wenn man in die Sonne geschaut, so prächtig war der Teppich gewesen, der vorm Hochaltar hoch an rothen Stangen mit Goldtroddeln geprangt hatte. Er leuchtete wie der Widerschein eines Fensters im mailänder Dom. Violett und gelb und blau und rubinroth strahlten die bunten Gewebe und namentlich wurde der Pfau des heiligen Liborius von einem auch dazu gerade hervorblitzenden Sonnenlichtsschimmer prächtig erleuchtet. Norbert Müllenhoff predigte in seiner jungkatholischen Weise. Wieder knüpfte er an Caspar Melchior Balthasar an und sagte, die wilden Thiere des Teppichs da, die wären auch in dem Land heimisch, von wannen jene Morgenlandskönige gekommen. Dann schilderte er diese Morgenlandskönige gelegentlich im Gegensatz zu den Abendlandskönigen. Jene waren theilweise, sagte er, schwarz von außen, diese sind nicht selten schwarz von innen. Jene brachten dem Heiland köstliche Geschenke, diese beraubten nicht selten den Heiland noch und bestöhlen ihn und plünderten ihm das Stroh aus seiner dürftigen armen Krippe, der Kirche. Jene hätten sich auf einen einzigen Stern am Himmel verlassen, diese ertheilten Hunderte von Sternen auf die Brust ihrer Schmeichler und gingen dennoch in der Irre. Dann sagte der Redner: Auch der Pfau, der den heiligen Liborius geleitet hätte, wäre ein solcher himmlischer Stern gewesen! Man sollte doch nur hinblicken auf sein geschwungenes Rad! Wie das in ihm von Licht und Farbe funkelte! Zwölf Augen säßen in dem Rand des Rades und hätten gewacht über 10 den Weg, den der Heilige damals durch die Heiden hindurch hätte nehmen müssen, um gerade hieher nach Westerhof zu kommen, wohin ihn seine ganze Sehnsucht zog! Jetzt müßte freilich die Kirche, um wie dieser Heilige durch alles noch herrschende Heidenthum hindurchzukommen, viel kleinere und bescheidenere Vögel zu Führern wählen, leider – vor allem nur die schüchterne Taube. Glücklicherweise wäre diese aber denn auch nichts Kleineres, als eben der Heilige Geist selbst. Und so wollten auch sie, zaghaft und schüchtern, die gute Sache des ewigen Gottes und seiner Heiligen in dieser Welt der Gewalt vertreten, wollten flicken an den Schäden, so gut es ginge mit Menschenkraft, wollten die Kirche ausbauen, wo sie allzu schadhaft würde; denn die Kirche Gottes, sagte er mit einem jetzt etwas sonderbar blinzelnden Blick auf den Dorste’schen Kirchenstuhl auf dem Chore ihm gerade gegenüber, die ist nicht byzantinisch, nicht gothisch, nicht Renaissance, nicht Rococo gebaut, sondern einfach blos – felsenfest! Das hat Sanct-Paulus bereits den Korinthern anzuhören gegeben, fuhr er fort, die sich auf ihre Säulenknaufe und Säulenordnungen bekanntlich so viel eingebildet! Warum würde sonst Sanct-Paulus gerade in der zweiten Epistel an die Korinther Kapitel 5 über das wahre christliche Bauwesen seine Meinung abgegeben haben?

Aufrichtig gestanden, diese Bemerkungen des Pfarrers waren Anzüglichkeiten. Aber man war dergleichen an dem jungen, frischen, noch ganz studentisch aussehenden Mann von etwa dreißig Jahren in der Gegend schon gewohnt. In dem gräflichen Stuhl im Emporchor verstand man sehr wohl, was gemeint war mit dem Blick auf Terschka, 11 auf Levinus von Hülleshoven, Armgart’s Onkel, der die Dorste’schen Güter verwaltete …

Und trotz des feierlichen Tages, war das erste Wort, das Norbert Müllenhoff nun in der Sakristei, mit beiden Armen sich zum Erwärmen auf die Schultern schlagend, sprach:

Nein hier eine wahre Hundskälte das!

Zähneklappernd trat er an einen in der Sakristei stehenden eisernen Ofen, der auf drei Schritte allerdings eine Glühhitze verbreitete, aber nicht den übrigen Raum erwärmte. Das Rohr entließ den Dampf durch eines der großen Rundfenster …

Ich sagt’ es ja gleich, Herr Pfarrer! Die neue Thür, die Sie durchaus durchgebrochen haben wollten – begann der alte Meßner Tübbicke, Vater des maître-tailleur

Schweigen Sie! sagte der Geistliche und entkleidete sich …

Der Meßner war ein alter hagerer Mann mit einer rothen Flachsperrüke. In seinem langen rothen Rock sah er selbst wie einer der auf den Dörfern wandelnden heiligen drei Könige aus, die mit ihrem: Wir sind die Könige aus Morgenland, ho, je! an den Thüren bettelten. Auch eine Art Scepter hatte er in der Hand, die lange Lichtputze, mit der er in der sich nun entleerenden Kirche die Altarkerzen auslöschen wollte …

Wirklich, Herr Pfarrer, diese neue Thür, die sonst nicht da war – begann Tübbicke aufs neue …

Wollen Sie wol schweigen! wiederholte Müllenhoff aufstampfend und zog sich seine Meßkleider aus. Ein 12 für allemal, Tübbicke, rief er dem Alten nach, wenn ich vom Allerheiligsten komme oder von der Kanzel herab, so sollen Sie mich nicht eher anreden, bis ich Sie gefragt habe!

Gut, gut, gut! antwortete der Alte brummend und kopfschüttelnd über seinen neuen Vorgesetzten … der für sich weniger maliciös, als sozusagen eher burschikos fortbrummte:

Diese Sucht von den Meßnern, überall mit uns umzugehen, als wenn der ganze Gottesdienst ein bloßer Spaß gewesen wäre! Schon wie die Barbiere kommen sie des Morgens zu Gott und kramen in der Sakristei ihre Neuigkeiten aus!

Nun pfiff sich sogar Müllenhoff eine leichte Weise und genoß im Stillen seinen Triumph, in die Predigt hinein eine Rüge des gräflichen Bauwesens eingeflochten zu haben …

Tübbicke kam zurück …

Tübbicke! sagte der Pfarrer, etwas versöhnlicher gestimmt. Daß wir uns so wenig verstehen!

Sechsundsiebzig! war die Antwort …

Ja, Tübbicke, Sie sollten sich einen Beistand halten! Wenn Ihr Sohn nicht in Witoborn maître-tailleur wäre – Schande, Schande auch über diese neubackene Aefferei!

Ei, mein Sohn war in Paris, Herr Pfarrer!

Deshalb will er kein deutscher Ziegenbock mehr sein? Es ist ja wahr! Er trägt einen Bart, der Kerl, so lang wie ein Kameel!

Herr Pfarrer, junge Leute –

Vierzig Jahre alt ist der communistische Mucker! 13 Tübbicke, Tübbicke! Ich höre, daß Ihr maître-tailleur auf dem Finkenhof verkehrt! Ich sage Ihnen, rathen Sie ihm Gutes! Der Finkenhof und alles, was wir hierorts von Sodom und Gomorrha noch im Rest haben, hat an mir einen schlimmen Aufpasser! Warten Sie ab! Sitzt auch noch der Kirchenfürst in Ketten und Banden, der Sieg ist unser! Wir haben unsere Kraft fühlen gelernt! Nun muß es von Grund aus in Deutschland anders werden. Jetzt zumal, wo hier auch bald eine luthersche Herrschaft commandiren soll …

Na, ich denke doch, sagte Tübbicke, der Herr Archipresbyter wird an uns beiden seine Freude haben, Herr Pfarrer!

Bald darauf hielt denn auch wirklich der Archipresbyter Bonaventura von Asselyn das Hochamt zu Sanct-Libori und Müllenhoff administrirte dabei nur und mußte sich dem Domherrn unterordnen. Es war ein Fest für die ganze Gegend, wieder die Kirche überfüllt, der Eindruck einer nie so würdig celebrirten Messe, wie vorauszusehen, der heiligste. Auch Bonaventura’s spätere Rede zündete. Man hatte hier nie so schön vom Thema der Zeichen und Wunder sprechen hören. Wenn das Wesen der Zeichen und Wunder, hatte der Priester im weißgoldenen Gewande gesagt, schwer zu deuten wäre, so wisse man doch Eines ganz bestimmt, was zu ihnen gehöre: Liebe. „Die Menschen müßten sich gegenseitig erst etwas werth sein, wenn sie sich zu Propheten und Aerzten werden könnten.“ Der Redner vermied die ihm gegenübersitzende Paula 14 zu bezeichnen, aber man gedachte nur ihrer. Er übertrug das Uebersinnliche in diejenige Seite der Natur, die uns offen und enthüllt vorliege und zugleich ihre heiligste und höchste wäre, in die Seele, in das Gefühl … Der Text des Sonntagsevangeliums Quinquagesimä: „Jesus weissagt sein Leiden“ gab die Veranlassung zu diesem Thema, das Bonaventura sonst wol vermieden hätte. Er mußte darüber predigen. Er sagte, wir wüßten alle selbst unser künftiges Schicksal, wenn wir uns nur mehr gewöhnten in Gott zu leben, d. h. auf die innere Stimme in uns selbst zu hören.

Auch nach diesem ersten Gottesdienste und während Bonaventura (wie sich wol denken läßt) tief schweigsam und von seinen neuen Eindrücken erschüttert in der Sakristei sich entkleidete und ringsum die Bevölkerung aufgeregt, urtheilend, vergleichend, erwartungsvoll sich zerstreute, polterte Müllenhoff, der gewissermaßen nur Bonaventura’s Vicar war, wieder über die baulichen Grillen des Barons Levinus …

Für sein chemisches Laboratorium weiß er nicht genug Geld auszugeben! sagte er. Ja, Herr von Asselyn, melden Sie ihm das! Diese Thür hier muß neu gebaut werden! Es ist wahr, ich habe sie verlangt, aber sehen Sie nur, wie der Schnee hereinfegt! Eine Doppelthür muß es sein! Und überhaupt, was hoff’ ich nicht alles von Ihnen!

Bonaventura verstand kaum etwas von Tübbicke’s dienstgefälliger Erläuterung … Früher war die Sakristei ohne eigenen Eingang gewesen. Der Pfarrer mußte durch die Kirche gehen. Müllenhoff hatte erst eine Thür 15 durchbrechen lassen. Nun lag sie ihm doch dem Wind und dem Wetter zu offen ausgesetzt …

Als noch der Eingang durchs Schiff war, hat hier ein Cardinal celebrirt –! äußerte Tübbicke …

Schweigen Sie! bedeutete Norbert und reichte dem Domherrn eine Prise …

Tübbicke ging auch heute wieder in die Kirche, um die Lichter zu löschen …

Müllenhoff sprach hinter ihm her:

Nicht wahr, der Meinung sind Sie doch auch, Domherr? Man muß das Reinigen der Kirche mit dem Nächsten anfangen, was nur unser Kehrbesen trifft! Dieser Tübbicke ist wie die Meßner sämmtlich sind! Ich sagte ihm schon neulich: Tübbicke, sitzt das Wachs noch nächsten Freitag an den Leuchtern auf der Epistelseite, so nehm’ ich mit eigner Hand vor dem Introibo ein Tuch und putze die heiligen Gefäße selbst vor der ganzen Gemeinde rein!

Bonaventura, in tiefen Gedanken, lächelte und sprach:

Dann können Sie ja mit dem Apostel sagen: Es sind Gefäße des Zorns!

Bonaventura sah am alten Tübbicke, er hatte die gewöhnliche Krankheit der Kirchendiener (wie auch Lucindens Vater als Schulmeister), sich mit dem lieben Gott auf einem ganz besonders kameradschaftlichen Fuße zu wissen. Auch Tübbicke war wie ein alter guter Kammerdiener der Heiligen. Die Livree der Mutter Gottes trug er, wie wenn er die hohe Frau einst als Kind auf seinen Knieen geschaukelt hätte. Christus war ihm fast wie der „junge Herr“ in seiner Himmels-16familie und die wechselnden Geistlichen waren ihm nur neuangeworbene Hofmeister, die manches gar nicht in der Weise verstanden, wie die Tradition des hochgräflich himmlischen Hofstaats es mit sich brachte. Das war nun gerade der Anstoß, den Müllenhoff nahm. Ich glaube, Sie dünken sich wol einen Liturgiker, hatte er dem Alten gleich nach seiner ersten Messe gesagt, als dieser ihm bemerken wollte, daß seit neun Jahrhunderten in der Liborikirche die Communicanten erst dann knieeten, wenn sie an die Communicantenbank kämen, vorher dürften sie stehen. Nach Müllenhoff mußten sie gleich knieen und zwar utroque genu! wie er donnerte. Und von dem Tage an, wo Tübbicke sich bei wiederholter Anfechtung seiner alten Art, die Gläubigen zu ordnen und zu scharen und bei erneuetem Rufe: Utroque genu! die Bemerkung erlaubt hatte: Na, Herr Pfarrer, Sie werden sehen, daß die Bauern sich beklagen, weil die Jungens auf die Art zu viel Hosen zerreißen! da war offene Fehde zwischen beiden. Tübbicke vertheidigte das alte Herkommen und die Schwäche aller Creatur, Müllenhoff aber das Gesetz, den hochheiligsten Buchstaben und die neukatholische Reform.

Bonaventura mußte zuletzt sogar des erneuerten Streites lachen. Als wenn Tübbicke alle gegen ihn in seiner Abwesenheit erhobenen Anklagen gehört hätte, brachte er den Leuchter, den er gereinigt hatte, zeigte ihn stumm seinem Vorgesetzten, drehte ihn vor den Augen desselben rundum und schloß ihn ebenso schweigsam in einen Schrank.

Müllenhoff hatte darauf seinen langen wattirten 17 Winterrock angezogen und den Hut aufgesetzt … Einen Stock, den er sonst trug, hatte er sich vor seinem Dechanten geloben müssen abzulegen, weil schon vorgekommen war, daß er bei Vorwürfen, die er zufällig ihm im Felde Begegnenden machte, ihn zur Unterstützung benutzte. Bonaventura hüllte sich in einen Pelz. Auf ihn wartete ein Schlitten, der ihn nach Schloß Westerhof bringen sollte, wo er täglich zu Mittag speiste.

Als Tübbicke die neue Thür aufschloß und den Schnee wegstieß, bat Müllenhoff seinen Vorgesetzten:

Herr von Asselyn! Noch eins! Erinnern Sie doch den Herrn Baron von Hülleshoven, daß ich auch meinen eigenen Eingang haben muß in die Hofkapelle auf dem Schloß!

Herr Domherr, ein Eingang ist in die Hofkapelle, erläuterte Tübbicke; aber er führt durch andere, verschlossene und höchst wichtige Zimmer –

Ein durchbohrend strafender Blick Müllenhoff’s verwies ihn zum Schweigen …

Ich will die Schlüssel zu diesen Zimmern haben! sagte er zu Bonaventura mit scharfer Bestimmtheit.

Herr Pfarrer, dieser Eingang führt erst durch die Bibliothek und durch das Archiv! Der Baron hat ja nichts davon hören wollen …

Müllenhoff beherrschte sich …

Ich will, sprach er wie mit einem Märtyrerblick auf Tübbicke und jedes Wort betonend, ich will auch in die Sakristei der Schloßkirche meinen eigenen Eingang haben! Wenn dieser durch das Archiv führt, so gebührt mir um so mehr ein Schlüssel zu demselben, als die Ur-18kunden und Kirchenbücher der Pastorei gleichfalls in demselben aufbewahrt werden!

Der Patron ist, soviel ich weiß, dafür verantwortlich! sagte Bonaventura.

Seit neun Jahrhunderten! setzte Tübbicke hinzu …

Schweigen Sie! brach Müllenhoff jetzt aus – mit kindlich gemäßigter Stimme aber, als fürchtete er, zum blutdürstigen Tiger zu werden, fuhr er zu Bonaventura gewandt fort:

Ich bitte, Herr von Asselyn! Es ist mir nicht angenehm, in meiner bürgerlichen Tracht erst durch die Kirche zu gehen und dann hinterm Altar erst Toilette zu machen. Ich will, daß die Gemeinde, auch selbst die vornehmste, mich gleich nur in meinen Priestergewändern sieht. Der Schlüssel zum Archiv soll von mir wie ein Heiligthum verwahrt werden.

Bonaventura setzte sich mit dem Versprechen in den Schlitten, die Sache nach Wunsch zu ordnen, wenn es irgend thunlich wäre … Noch standen Menschen draußen, die den so lange Erwarteten noch einmal sehen wollten … Mit einem Blick des Neides sah ihm Müllenhoff nach, als er von dannen fuhr, und verwies die Umstehenden, sich nun nicht länger aufzuhalten.

Norbert Müllenhoff war ein noch zelotischerer Geistlicher als Beda Hunnius. Dieser hatte in seinem reformatorischen Wirken doch nur die Lehre und den Kampf mit der protestantischen Welt vor Augen, jener gehörte schon ganz den jungen Geistlichen der Michahelles’schen Richtung an, die in Allem eine Wiederherstellung des alten kirchlichen Lebens wagten und die Axt nicht blos an die Zweige, son-19dern an die Wurzel selbst legen wollten. Norbert Müllenhoff war ein Priester im Geist des Kirchenfürsten. Ein Bauernsohn, zeigte er die ganze Kraft, Energie und Selbstgenüge, wie sie hier zu Lande den Nachkommen der alten Sachsen eigen ist. Sein Aeußeres drückte einen ursprünglichen Beruf zur Thätigkeit, zum Krieger, Geschäftsmann, Arbeiter auf einem Felde des muthigen Bewährens aus; aber trotz seiner gewölbten Brust, seiner Stimme wie ein Löwe, war er zum Geistlichen bestimmt worden, wie bei diesen Bauern Sitte ist, die selbst bei Vermögen nicht unterlassen können, eines ihrer Kinder der Kirche zu weihen. Zwar machte Norbert den ganzen Weg, der in diesem Falle Herkommen ist, durch Stipendien, Freitische, Freibücher, Freiwohnungen hindurch, nahm dies aber alles wie etwas, was sich von selbst verstand. Die Priesterweihe gibt einer solchen Natur ein Bewußtsein, als wäre sie gefeit gegen alle Anfechtung der Welt. Aus diesem levitischen Stolz heraus fing die Zeit überall an ihre Kirchenreformen zu befördern. Aus den jesuitisch geleiteten Seminaren kommen die jüngern Geistlichen wie endlich losgelassene junge Streitstiere. Sie bohren die Erde auf mit ihren Hörnern, rennen im Kreise rundum und scheuen den Kampf mit Königen und Kaisern nicht. Leider gehören zu denen, vor denen sie keine Furcht haben, auch die Könige und Kaiser des Denkens und der Wissenschaft. Norbert Müllenhoff war als Vicar in einem Walddorf des Gebirges, dann als Vicar in Witoborn, jetzt hier als Pfarrer zu Sanct-Libori, wie Beda Hunnius, nicht nur im Stande, von einer „hundsföttischen Art“ zu sprechen, den lieben Herr Gott beim Benetzen 20 der Brust mit Weihwasser um das Symbol des eigenen demüthigen Kreuztragens zu „betrügen“, indem man nur zwei „zimpferliche, schandbare Pünktchen“ machte, statt sich das ewige „Stigma des Heils“ und „die Signatur der Erlösung“ mit zwei „gründlichen Querbalken“ auf die Brust zu drücken … er verwarf Poesie und alle Zauber der Bildung. Er verwünschte „die Niedertracht der Sentimentalität“, sprach von einem nur um unserer gnadenreichen Gottesmutter willen zu duldenden „Weibsvolk“, donnerte gegen den „vornehmen Kirchenpöbel“, der während der Messe nicht knieen wollte oder, wenn er knieete, nur so eine leise Andeutung machte, als wäre „Gott eine Excellenz oder eine Durchlaucht“, vor der eine höfliche Verneigung genüge. „O diese kniesteifen Heiden!“ rief er dann wol, wieder zu den Bauern zurücklenkend, aus; „man sollte sie nur sehen, wenn sie Kegel schieben und dabei die Beine wie mit Oel geschmiert ausgrätschen können – daß dich! – als hätten sie’s von den Possenreißern gelernt auf dem Liborimarkt zu Witoborn!“ Sanft und lieblich und wie mit Lerchentrillern aufsteigend schilderte er dann wieder ein wahrhaft frommes Leben, das alle Ceremonien wie ein gutgeartetes Kind mitmachte; aber gleich schlug er wieder mit Hämmern drein, wenn es „klapperdürren Vorurtheilen“ galt oder „fadenscheinigem Tagesruhm“. Wie der heilige Augustinus sagte er: „Die Menschen lieb’ ich, aber ihre Irrthümer schlag’ ich todt!“ – eine Procedur, gegen welche selbst Onkel Levinus im Abendgespräch auf Schloß Westerhof geltend machte, daß der Herr Pfarrer auf die Art denn doch wol auch manchmal in die 21 Lage jenes Bären kommen könnte, der auf der Stirn seines schlummernden Herrn die störende Fliege mit einem schweren Steine und somit ihn selbst erschlug.

Müssen Sie sich denn ewig in alles mischen? fuhr jetzt Müllenhoff heraus zu dem im Schnee hinter ihm hertrottenden Alten, der mit ihm in einem und demselben Hause wohnte …

Es würde, da Tübbicke zu erwidern liebte, unfehlbar zu lebhafterer Discussion gekommen sein, wenn nicht eben aus den kahlen, schneegepuderten Gebüschen jemand herausgetreten wäre, der, halb dem davonfliegenden Schlitten nachschielend, halb die Ankommenden und auf das Pfarrhaus Zugehenden höflich begrüßend, mit scheuer Unterwürfigkeit einen Brief in die Höhe gehalten hätte, den sofort der Pfarrer ergriff …

Der Fremde sprach mit etwas fremdartigem Accent:

Erlaubniß, Herr –!

Er deutete auf den Alten, dem der Brief bestimmt war …

Müllenhoff las die Aufschrift und gab den Brief an Tübbicke …

Er musterte schon den Fremden von oben bis unten …

Von Ihrem Herrn Sohn – in Witoborn – wenn ich die Ehre habe – Herrn Tübbicke –? sprach dieser mit einer eigenthümlichen Betonung …

Müllenhoff ging weiter und murmelte:

Aha! Vom maître-tailleur –!

Auch die andern schritten, sich ihm anschließend, dem Pfarrhause zu und der Meßner suchte mit den Worten: 22 Von meinem Sohn? Was ist denn nur? Was soll es denn? eifrigst nach seiner Brille …

Ich werde lesen! wandte sich Müllenhoff und erbot sich, den Inhalt mitzutheilen, da Tübbicke nicht sofort die Brille finden konnte …

Bitte, Herr Pfarrer – sagte dieser zögernd …

Einige Raben krächzten, flogen auf und schüttelten den Schnee von den Zweigen, auf denen sie gesessen hatten, und gerade auf den Brief …

„Liber Vater!“ las schon Müllenhoff und unterbrach sich sofort: Schreibt der Kerl „Lieber“ ohne E! – „Lieber Vater! Dieser überbringer“ – „Ueberbringer“ klein! – „ist ein guter Freund zu mir!“ – „Zu mir“! Das ist wol ein Ueberbleibsel aus Paris? – „Es ist ein gelernter Friseur“ – Sieh! Sieh! Das Wort schreibt er richtig! – „und sucht ein Enkagement“ – Heidengugguck! Der Franzos! – „wo möglich bei großen herrschaften als Bedienter“ – Klein die „Herrschaften“, obgleich er sie „groß“ nennt; Bedienter groß! Reiner Communismus! – „Lieber vater“ – Sanct-Libori! Was ist hier das Schulwesen vernachlässigt! – „Könnten Sie es machen, so recom – man –“ – Brich dir den Hals nicht! – „tiren Sie ihn auf das Schloß“ – als La – La – Lagay! … Geyer! Als Lakai! … „Tante Schmeling“ – Aha! „Läßt grüßen und sorgen Sie doch bei Dem – Sie wissen schon von wegen!“ – Das bin ich? – „Fanchon ist recht krank, wenn’s nur nichts auf sich hat“ – Wer ist Fanchon? Eine Hündin, die geworfen hat – von wegen der Schmeling –?

23 Jesus Maria! rief der Alte. Mein Enkelchen!

Ist Fanchon krank? – wandte er sich zu dem Ueberbringer …

Dieser war theils mit gespanntester Aufmerksamkeit der Vorlesung des Briefes, theils den Zwischenreden des gestrengen Herrn Pfarrers gefolgt und fand sich nicht sogleich zurecht …

Mein Herzblättchen?! Steht denn nichts weiter im Briefe, Herr Pfarrer? … rief Tübbicke …

Fanchon! Fanchon! Hat den Namen hier ein christlicher Pfarrer gegeben?

Franziska! Herr Pfarrer! Das Kind ist mein Augapfel!

Der Fremde, der einen wassergrünen Winterrock von langhaarigem Flaus trug, eine tief in die Augen gedrückte Pelzkappe, einen rothen Shawl um den Hals geschlungen, Pelzhandschuhe und Filzüberschuhe an den Füßen, gab die Auskunft, daß er eigentlich auf einer Reise nach Polen begriffen wäre, aber gern auch hier bleiben würde, wenn er Condition finden könnte – Herr Tübbicke wäre eine alte Bekanntschaft von ihm aus Paris – er hätte ihm seine Fürsprache empfohlen für die Herrschaft auf dem Schlosse – er könne „frisir“, spräche französisch, könne auch Pferde „dressir’“ – Fanchon hätte sich erkältet, läge im Bette – aber Madame Schmeling hätte gesagt, daß es nichts auf sich hätte …

Doctert die also auch, die holdwertheste! ließ Müllenhoff einfallen …

Schon war er weiter voraus, während der alte Tübbicke seinem Schutzbefohlenen still die Schulter klopfte 24 und das Seinige zu thun versprach, ihn auf dem Schlosse zu empfehlen …

Frau Schmeling aber war eine Landhebamme, mit der Müllenhoff gleichfalls im offenen Kriege lebte. Die Frau war an sich die Religiosität selbst. Sie vertheilte Bilder, Amulette und Rosenkränze zur Unterstützung aller der Zustände, die auf ihre Hülfe angewiesen waren; sie rieth jedem, zur heiligen Barbara zu beten während eines Gewitters, zu Sanct-Florian und Sanct-Antonius gegen Feuer, zu Antonius II. gegen Wasser, zum heiligen Dionysius gegen Kopfschmerzen, zum heiligen Blasius gegen steifen Hals, zur heiligen Lucia gegen Augenleiden, zur heiligen Palonia gegen Zahnschmerzen, zum heiligen Dominicus gegen Fiebersfrost, zum heiligen Rochus gegen die Cholera, und ihre Kreißenden und ihre Gebärenden hatten als zwei ihr immer assistirende Hebärzte im Himmel den heiligen Ramon und den heiligen Lazarus, aller der Marienbilder nicht zu gedenken, die unter jenem alten Gemäuer, in dieser alten blitzzerschlagenen Eiche, da und dort eine traditionelle Kraft für die wichtigsten Vorkommnisse im Frauenleben hatten und durch ein „gestiftetes“ Lichtchen gerade ebenso zu sympathetischen Curen gebraucht wurden, wie die in Schiller und Goethe lebende Bildung sich manchmal auch mit Sympathie die Rose vertreiben läßt. Alles, was nur zum christlichen Heidenthume gehörte, war in üppigster Blüte bei Frau Schmeling und todt zu schlagen hätte sie angerathen jeden Ketzer, der bei einer Procession vor dem hochwürdigsten Gute nicht wenigstens den Hut abgenommen. Aber über alle diese Dämmerungszustände 25 fehlte der Frau, wie der ganzen Bevölkerung, das theoretische, klare, formelle Bewußtsein. Sie meinte, trotz aller Aves und Rosenkränze ließe sich die Lust am Leben lieben. Die jungen Bursche hier ringsum, stattlichen Aussehens, waren drei Jahre im Kriegsheere gewesen und brachten fröhliche Welt, Leben und Lebenlassen heim. Nun sollten auf Müllenhoff’s und vieler hoher Herrschaften Betrieb ein Jünglingsbund und ein Jungfrauenbund gestiftet werden und sich alles verpflichten, nicht zu fluchen, nicht zu trinken, nicht zu tanzen und besonders den Finkenhof nicht mehr zu besuchen. Da war Frau Schmeling eine Gegnerin des eifernden Pfarrers geworden. Ohne den Finkenhof gibt es keine Geburten mehr! fuhr sie Müllenhoff an, als sie gelegentlich von einer Nothtaufe, die sie verrichtet hatte an einem sterbenden Kinde, Bericht erstattete und mit aufrichtiger Beredsamkeit auseinandersetzte, daß die Musikanten auch Menschen wären und auch etwas verdienen müßten. Ja sie ließ sich bei ihren sechzig Jahren nicht von dem jungen Pfarrer abkanzeln und mit „sittenlosem Weibsbild“ tractiren. Sie sagte, daß es Familienväter genug gäbe, die ihren Söhnen lieber statt Taschengeld die Erlaubniß ertheilten, sich’s im Kegelspiel selbst zu verdienen, genug Familienmütter, die mit sechs bis sieben stattlichen Töchtern gesegnet wären und den Tanzboden für die beste Gelegenheit halten müßten, sie loszuwerden … Von dieser Frau konnte Müllenhoff nichts hören, ohne im höchsten Grade gereizt zu werden.

Er war noch nicht in sein Studirzimmer getreten, als der alte Tübbicke schon mit einer der Mägde, die 26 für ihn und den Pfarrer sorgten, darüber einverstanden war, daß der Freund seines Sohnes vorläufig gleich zu Mittag bleiben sollte …

Müllenhoff fand Briefschaften vor und ließ den Ankömmling außer Acht …

Es war dies aber ein williger Mann, dieser Herr Dionysius Schneid aus Strasburg, der sich jeder Arbeit unterzog. Einen Beistand bedurften der alte Tübbicke und die Kathrein; der Domherr wohnte nicht auf dem Schloß, sondern hier in seinem geistlichen Hause von Sanct-Libori oben im ersten Stock; zu den jetzt doppelt nothwendigen Hülfsleistungen fehlten die Hände … Aber war auch der Herr Dionysius Schneid schon etwas steif und schwerfällig, so war er doch keineswegs unbrauchbar, ob im Stall des Schlosses für die Pferde oder im Hausdienst zum Spalten des Holzes oder zur Hülfe in der Küche oder selbst zur Pflege einer herrschaftlichen Garderobe – ja er wurde zuletzt auf das Schloß empfohlen und dort wirklich angenommen.

Wenn auch für Westerhof große Veränderungen bevorstanden, an Leben und Bewegung fehlte es nicht, und besonders da gerade jetzt, an demselben Sonntage, nach der Heimfahrt von der Kirche, alle Herrschaften, die in der Kirche gewesen waren, von der wenn auch nicht überraschenden, doch gerade für Schloß Westerhof nicht bedeutungslosen Nachricht empfangen wurden, daß in verwichener Nacht der Onkel der Comtesse Paula, der Kronsyndikus von Wittekind-Neuhof, gestorben war.

27 2.#

Am Mittwoch nach diesem Sonntag Quinquagesimä war es, als die stille kalte Winterluft auf Meilen in der Runde von leisen Klagetönen erzitterte …

Der Kronsyndikus von Wittekind-Neuhof sollte gegen Mittag begraben werden … Die Glocken aller Kirchen ringsum waren an diesem Trauertage betheiligt …

Denn welchem Heiligen, welchem Altar war nicht eine Spende zugeflossen von Schloß Neuhof herab in den letzten Lebensjahren seines Besitzers?

Der alte lange klapperdürre Herr hatte die wunderliche Grille gehabt zu glauben, daß er im Leben jedermann beleidigt hätte. Er trachtete danach, sich vor seinem Tode auch mit jedermann auszusöhnen. Tage lang stand er oben in den Bergen an den Fenstern seines hochherrlichen Schlosses Neuhof, winkte den Vorübergehenden und warf ihnen blanke Thaler hinunter, nur damit sie sagen sollten: Ganz gehorsamsten Dank, Excellenz! Schon lange waren Wächter bestellt, die seiner Verschwendung Einhalt thun mußten. Es kam vor, daß 28 die Fenster vernagelt wurden, wenn er zu heftig rief: Das ist ja Jérôme’s Testament! Leute, so laßt doch meinem Sohn seinen Willen! Ich hab’s ihm vom Seinigen zu geben versprechen müssen, schon damals, als er die Bachstelze nicht heirathen konnte –! Die Lisabeth allein, die noch immer oben war, konnte ihn begütigen. Sie gab ihm die Versicherung, die Bachstelze liefe ja schon längst in der Welt mit andern … Dann nahm er sich zusammen … Er wurde zuweilen so ruhig, daß man ihm seine Freude gewähren konnte, eine Staatskutsche anspannen zu lassen, vier Pferde davor, Kutscher und Vorreiter in Galalivree, und so hinauszufahren in die Gegend. Alle seine Orden trug er dann, saß am offenen Schlage und nickte jedem. Fuhr man durch den Düsternbrook, an der Eiche vorüber, wo er den Deichgrafen erstochen hatte, nach Kloster Himmelpfort, wo er einst Klingsohrn untergebracht, nach Schloß Westerhof, wo er ehedem der Beherrscher aller Verhältnisse, Vormund Paula’s gewesen war, durch Witoborn, wo der Rittmeister von Enckefuß an seinen Schlag trat und ihm so lange von den Flöhen seines Pudels sprach, bis der Sohn des Kronsyndikus, der Präsident, zuletzt seine ganze Verschuldung arrangirte: so lachte zwar jedermann, aber der vornehme, alte, weißhaarige Herr mit den riesigen Augenbrauen nahm alles für Wohlwollen, grüßte und griff in die Tasche, um auch die Freundlichkeiten zu bezahlen. Er glaubte durch Geld alles machen zu können. Seine Wächter nahmen ihm das Geld ab und erklärten, es später berichtigen zu wollen, womit er sich auch zufrieden gab. Von seiner Vergangenheit erschreckte ihn nichts. 29 Er konnte im Düsternbrook die alte im Absterben begriffene Eiche sehen, an der sein Opfer niedergesunken war, und blieb sich in seiner immer zufriedenen Haltung gleich. Das Gedächtniß verließ ihn fast gänzlich. Wenn es da und dort in voller Helle noch dies und jenes Vergangene beleuchtete, knüpfte er Handlungen daran, die mit den Verhältnissen in keinem Zusammenhange standen. So erkannte er vollkommen wieder jenen Pfarrer von Eibendorf, Herrn Huber, der nach Witoborn als Pfarrer der dortigen kleinen, aber gut dotirten evangelischen Gemeinde versetzt war. Bei diesem ließ er oft seinen Vierspänner vorm Hause halten, ließ sich von den Kindern, wenn Herr Huber selbst nicht da war, die Harmonica spielen, die seinen Sohn Jérôme so oft beruhigt hatte, fragte sogar Madame Huber nach der Bachstelze und übergab kurz vor seinem Tode dem Pfarrer ein Testament mit dem heimlichen Bedeuten, es wäre seine wahre letzte Willensmeinung und nach seinem Tode dürfte nichts anderes vollzogen werden, als was er in diesen Blättern niedergeschrieben hätte. Er ertheilte darin Pensionen an alle Welt, ja an Namen, die schon lange in seiner Gegenwart niemand mehr nannte. So an den Bruder Hubertus, „meinen ehemaligen Jäger, obgleich er mir viel Wild gestohlen“, jährlich 10000 Thaler; an Dr. Klingsohr, „wenn er exemplarisch lebt und seiner Mutter Ehre macht, ein für allemal 100000 Thaler“; an eine gewisse Lucinde Schwarz, „aus der Familie derer, die das Pulver erfunden haben“, „alle Kleider von meinen ehemaligen Maitressen, wenn sie dieselben in der Komödie brauchen kann“; an den Musikus Stammer „das Gnaden-30brot und eine ehrenvolle Versorgung, wenn er sämmtliche Kinder von mir anständig erziehen und unterrichten will“; … dem Küfer Stephan Lengenich „geb’ ich 100000 Thaler, unter der Bedingung, daß er die Lisabeth heirathet und die Hochzeit auf dem Finkenhof ausgerichtet wird, wo ich alles freihalten werde“ … „Ansprüche meiner zweiten Frau erkenn’ ich nicht an; auch wenn sie heiliggesprochen werden sollte“ – „ihre Kinder soll Leo Perl erziehen, aber wehe ihm, wenn er sie beschneiden läßt. Mein Freund, der Dechant von Asselyn bürgt mir dafür. Die Pension seiner Schwägerin, der Buschbeck, kann dafür verdoppelt werden“ … „Meine Dosen und Bilder vermach’ ich meinem Freunde dem Dechanten Asselyn, aber ich wünsche, daß er weniger mit Juden, als mit Heiligen umgeht“ … „Seinem Bedienten Windhack hat er auf jeden Stern im Himmel in meinem Namen einen Thaler zu legen, was Freiherrlich Wittekind’sche Kameralverwaltung berichtigen wird.“

Pfarrer Huber schickte dies verworrene Geschreibsel an den Sohn des Testators und Universalerben, den Präsidenten …

Die Untersuchung über die Ermordung des Deichgrafen war ein Jahr lang auf falscher Fährte geführt worden. Eine energische, gegen den Kronsyndikus gerichtete Wiederaufnahme hinderte die mannichfach vertheilte Gerichtsbarkeit des hier einschlagenden, an mehrere Souveränetäten vertheilten Terrains. Zuletzt trat der Geisteszustand des Schuldigen jeder Feststellung eines sichern Urtheils entgegen. Im Volke stand die Thä-31terschaft des Kronsyndikus fest und Sagen gingen genug von einem Galgenrade, das er auf seinem Boden hätte aufstellen müssen, von einem Strick, den ihm der König unter seinem Ordensbande um den Hals zu tragen befohlen, von Geisterspuk und mitternächtigem Grauen aller Art. Der ringswohnende Adel ignorirte etwas nicht Erwiesenes; aber auch ohnehin war der Umgang mit dem schon lange gekennzeichneten Manne seit Jahren abgebrochen. Bei alledem fehlte, des Präsidenten und der Verwandtschaft mit den Dorstes wegen, nicht ein äußerer Antheil an dem Leichenbegängnisse. Der Kronsyndikus wurde im Familienbegräbniß der reichen Klosterkirche Himmelpfort beigesetzt. Dem Trauerzuge, der ihn von Schloß Neuhof abholen sollte, wohnte der Adel der Umgegend bei. Die Frauen, vorzugsweise die Damen des Stiftes Heiligenkreuz und die weiblichen Bewohner des Schlosses Westerhof, hörten gleichzeitig eine Todtenmesse, die in Sanct-Libori gehalten wurde. Das unausgesprochene, aber laute Geheimniß über diesen wilden Nachbar lag seit Jahren schwer und drückend auf allen Gemüthern und wohl empfand man mit athemloser Beklemmung, wie ein einziger Mensch so einen ganzen Landstrich und tausend Herzen in Beunruhigung hatte versetzen können. Im Mittelalter war alles das gewöhnlich. Auch jetzt noch hatte man ein Gefühl, daß im Lutterberge, dem Fegfeuer des dortigen Adels, eine Seele vergebens auf Erlösung harrte. Nach Armgart’s uns bekannten Zeichnungen flog hier ein geflügeltes Kreuz im Gottesherzen nicht aufwärts, den Flammen der göttlichen Liebe zu, sondern kopfüber geradeswegs zur Hölle.

32 Da ein ganzer Volksstrom zum Gebirge hinaus war, um dem prächtigen, von den Franciscanern begleiteten Leichenconduct beizuwohnen, so war die Kirche nur wenig besucht und ausschließlich von der vornehmen Welt. Zu dieser Sphäre stand Norbert Müllenhoff – Bonaventura war beim Leichenbegängniß – in einem gleichsam nur hinter dem Rücken derselben strengen und schroffen Verhältniß. Hinterrücks hatte er alle Floskeln von „breiweicher Sentimentalität“, „Empfindungsrührei“, „Stunden der Andachtspinselei“, „Lavendel-Christenthum“, immer in Bereitschaft, aber ein Schwindel überkam ihn, davon etwas in unmittelbarer Gegenwart der hier ohnehin höchst andächtig gestimmten Vornehmheit selbst anzuwenden. Und heute war ihm förmlich beklommen zu Muthe; denn er hatte eine Einladung nach Witoborn erhalten zu einer hochfrommen Frau von Sicking, die mit ihm eine Berathung anstellen wollte über die auf Ostern hin zum ersten male hier zu Lande zu versuchenden „Exercitien“. Ein ganzer Kreis vornehmer Gläubigen von nah und fern wollte zusammentreten und in einem von Frau von Sicking bewohnten, zwischen Witoborn und Westerhof gelegenen Landsitz zum ersten male vierzehn Tage lang bei verschlossener Eingangspforte desselben unter geistlicher Oberleitung religiösen Uebungen obliegen. Die Dame entschuldigte ihre Nichtanwesenheit in der Kirche und bat den Herrn Pfarrer bei ihr zu Mittag zu speisen und das Nähere gemeinschaftlich zu besprechen …

Müllenhoff war von dem Wohlgeruch des feinen Billets ganz betäubt und verrichtete seinen Gottesdienst 33 mit einer Zerstreuung, die ihm sogar die Anwesenheit des Schulmeisters als Meßners statt Tübbicke’s gleichgültig machte, ja ruhig mit anhören ließ, daß der Schulmeister berichtete: Tübbicke’s Herzblättchen liegt auf den Tod; er ist nach Witoborn und will, wenn nichts hilft, nach dem Schloß und die Gräfin um Hülfe bitten! …

Gräfin Paula, die Kranke durch Gebet und Berührung heilte, war in der Kirche anwesend. Armgart saß neben ihr, das ganze Stift und Tante Benigna. Ja er hörte, daß der Zeichner des Teppichs, Herr Dr. Laurenz Püttmeyer, der berühmte „Philosoph von Eschede“, auch der Messe heute zuhörte, die auf dem von ihm gezeichneten Teppich gelesen wurde … Einigemal verklingelten sich die Ministranten … aber Müllenhoff ließ alles geschehen … Er dachte nur an die Einladung der Frau von Sicking, an Exercitien mit Höhergebildeten …

Nach der Messe war es schon elf Uhr, die Baronin erwartete ihn um zwei; er eilte etwas zu frühstücken und dann rasch noch etwas die bekannte Anleitung zu Exercitien von Ignaz Loyola durchzusehen …

Es war schon still und einsam um die Kirche her. Der Schulmeister begleitete ihn und erzählte, daß Tübbicke schon den „Bruder Strasburger“ auf dem Schlosse untergebracht hätte. Müllenhoff hörte nichts, zog nur das zarte Billet aus der Tasche und athmete seinen Duft ein … Frau von Sicking war eine der gottseligsten Witwen der Gegend, noch höchst anmuthig, sehr reich und sehr selbständig … Er mußte mit sich kämpfen, in der Praxis dasselbe zu bleiben, was er mit der vornehmen Welt in der Theorie war.

34 Da geschah es zum Glück, daß die Kathrein sagte:

Herr Pfarrer! Der Meyer ist da, der Moorbauer, der Finkenmüller, der Hennicke und auch der Leyendecker!

Kathrein mußte das zweimal berichten …

Nun besann er sich.

Es waren die Mitglieder des Kirchenconvents und des Rügengerichts … Die Männer waren gekommen, weil heute doch die ganze Gegend feierte … Es galt dem nun überall in Deutschland beginnenden ersten Ausbau des kirchlich-sittlichen Lebens und wenn auch Müllenhoff gern gehabt hätte, sein Vorgesetzter, der Domherr, wäre bei dieser Scene zugegen gewesen, so ergriff er doch die Gelegenheit, den gefährlichen Schwindel, den ihm das Esbouquet der Frau von Sicking verursachte, jetzt männlich zu bekämpfen, aß sein Frühstück, gerührte Eier mit Schinken, hieb in das schwarze Brot hinein, trank einige Züge kräftigen Biers und trat in sein Empfangszimmer, wo ihn aus dem ehrerbietigen Gruße von fünf Männern „der verstockte Geist des ganzen Jahrhunderts“ zum Kampfe herausforderte …

Aha! Aha! rief er, mit der Serviette in der Hand und sich noch den Mund wischend, als er eintrat und die stehenden Männer aufforderte, sich zu setzen …

Er fand fünf Männer, den Meyer von Westerhof, den Finkenmüller, der das Wirthshaus zum Finkenhof hielt, den Moorbauer und zwei andere aus der Gemeinde, nicht zu gewaltige Gestalten, eher schmächtige, mit tief herabhängendem Haar über den kleinen Stirnen, im Auge eine etwas ungewisse und scheue Lebhaftigkeit …

Der Meyer überreichte ein langes Schreiben, worin 35 er alle Punkte aufgesetzt hatte, die sie nach langem Streit endlich von ihrem Pfarrer beherzigt wünschten …

Müllenhoff nahm das Papier, als wäre es ein alter schmutziger Lumpen, und fragte:

Wer hat das – – gesudelt?

Der Meyer stockte, sagte aber zuletzt:

Der Schreiber vom Herrn Landrath!

So? Also an ketzerisches Volk wendet man sich hier? …

Damit schnitt er sich eine Feder zum Zahnstochern …

Der Schreiber ist ja katholisch! … hieß es.

Und er schrieb’s bei mir … ergänzte der Finkenmüller …

Aha! Aha! Drum riecht das Papier so nach Taback und Branntewein! … Nun gut! … Wir werden’s ja sehen … Was steht denn nun hier?

Im Grund war Müllenhoff froh, wieder auf die Art in sein rechtes polemisches Fahrwasser zu kommen …

Er las das Geschriebene und begleitete jeden Satz mit einem ironischen: Ei, ei! Sieh! Sieh! Auch gut! Bravo! … Allmählich kam er in ein lauteres Lesen und trug vor:

– – „Und da wir Leute von Westerhof doch wenigstens bei unserer gnädigsten Gutsherrschaft verbleiben werden und keine Gefahr ist, bei der großen und bevorstehenden Umänderung der Verhältnisse mit den andern Gütern an die fremde Linie zu kommen, so stehen wir auch für unsere Rechte und Pflichten ein. Wenn auch hochgräfliche Gnaden sollten den Schleier nehmen und ihr gottseliges, wunderbares Leben im Kloster zu beschließen wünschen, so hat uns Herr von Hülleshoven 36 doch versichert, daß er die Verwaltung wie bisher fortführen und sorgen würde, daß rechtgläubige Seelen hier an ihrem ewigen Heil keinen Schaden nehmen. (So? – unterbrach sich der Lesende – dafür kann der Herr von Hülleshoven sorgen?) Auch hat der Herr Referendar Benno von Asselyn alles geordnet, was bei diesen Aenderungen sowol der Landschaft wie der Kirche an Rechten vorbehalten bleiben muß, selbst bis auf das Waldleseholz in dem von Herrn Thiebold de Jonge verkauften Walde, wo Herr von Terschka sich bereit fanden zur Abkaufung mit einer namhaften Summe ein für allemal, die nun unsern Armenkassen zugute kommt. Herr von Asselyn hat im Namen des Herrn Oberprocurators Nück nicht nachgelassen, daß der Finkenhof nach wie vor 47 Thaler 20 Groschen 7 Pfennige jährlich an das Rochusspital in Witoborn zu entrichten hat, was Finkenmüller nicht auftreiben kann, wenn ihm der Tanz abgesagt wird –“

Aha! Da platzt die Bombe! schloß vorläufig der Pfarrer und stocherte die Zähne.

Ja, das kann ich nicht! polterte der Finkenmüller seine so lange verhaltene Stimmung rundweg und bestimmt heraus …

Müllenhoff las wieder für sich und langsamer. Er stopfte sich dabei in aller Gemüthlichkeit eine Pfeife, während der Bogen auf dem Tische lag und von seinen feurig lebendigen Augen in weitester Distanz gelesen wurde …

„Fünftens, begann er dann wieder, ist der «Pfaffe von Ystrup» ein Lieblingstanz der Leute, der seit hundert 37 Jahren hier zu Land getanzt wird. Sechstens sind die Jünglings- und Jungfrauenbündnisse schon deshalb eine reine Unmöglichkeit, weil jedes Gemeindeglied nicht blos einer, sondern schon mehreren Bruderschaften angehört und – mit der größten Ruhe zog Müllenhoff schon den Rauch seiner Pfeife an – der Fleiß und die Arbeit schon genug darunter leiden. Siebentens wollen die Musikanten auch leben und fallen sie, wenn sie nahrungslos sind, der Gemeinde zur Last. Achtens bitten wir, den buckeligen Stammer vom Kirchenbann zu befreien, damit – wieder that er einige Züge – der Krüppel sich sein Brot verdienen kann, seitdem er von Schloß Neuhof weggejagt und nun eigentlich hierher gehört, wo er geboren ist. Neuntens bitten wir, nicht immer die Frau Schmeling ungebührlich auf der Kanzel zu nennen (jetzt stellte Müllenhoff die Pfeife als verstopft hinweg: diese Hebamme reizte ihn am meisten), da die Frau ehrlich ist und alle, die hier leben, durch sie in die Welt gekommen sind! Zehntens ersuchen wir den Herrn Pfarrer, unter allen Umständen auch ins Rügengericht und den Kirchenconvent zu treten, damit wir von dieser ganzen neuen Reformation nicht den Aerger allein haben.“

Ist das nun alles? sagte Müllenhoff und holte sich aufs neue die Pfeife, die er wieder anzündete.

Ja! war die einstimmige Antwort der Männer … Sie lautete fest, aber doch treuherzig. Und durcheinander gingen die Versicherungen der sich Erhebenden, daß sie alle in Güte und in bester Hoffnung auf ein schönes Zusammenwirken und kräftiges Zusammenleben hierher gekommen wären …

38 Ruhe! sprach Müllenhoff mit aller Fassung, machte sich einen Fidibus, zündete wieder an und fuhr dann in den Intervallen des Rauchens fort:

Daß ich mich nur nicht vergriffen habe und da euere Staatsschrift nahm –? Nein! Gott sei Dank! Na, setzt euch jetzt wieder! Also das ist denn nun auch etwas, dergleichen zu erleben in einer Zeit, wo die Gesalbten des Herrn in Kerkern schmachten, der Heilige Vater in Rom auf die Treue seiner Kinder zählt und diese Herrschaften hier in die Hände der Ungläubigen kommen sollen!

Nicht Westerhof! – fiel man einstimmig auf den sich fast für überwunden gebenden Ton des Pfarrers ein …

So! entgegnete Müllenhoff und zog den Brand seiner Pfeife an. Männer, ihr redet, wie ihr’s versteht! Geht die Comtesse ins Kloster, wie lange macht denn der Herr von Hülleshoven noch, der – für euere Seelen gutsagen will? Wird ihn nicht der Aerger um seinen Bruder und die Schwägerin, die hierher ziehen und sich gegenseitig zum Tort leben wollen, schon unters Grab bringen? Wer bürgt uns, daß sich die Zustände hier über Nacht nicht sämmtlich ändern! Leute, Leute, nehmt ein Beispiel – an den Vornehmen selbst! Wißt ihr’s denn nicht schon? Vierundzwanzig steinreiche Herren und Damen wollen sich jetzt einschließen und vierzehn Tage lang nichts thun, als hier fasten und beten!

Herr Pfarrer, die, die nicht zu arbeiten brauchen, die können das – wollte der Moorbauer einschalten und that es auch halb …

Bitte –! unterbrach Müllenhoff, als wenn er denn doch allein jetzt das Wort hätte …

39 Der Moorbauer schwieg und blickte scheu zu Boden …

Vom Tanz – fuhr Müllenhoff fort mit wechselnden Zügen aus der Pfeife – vom Tanz kommt alles Elend der Gemeinden her! Herr Gott im Himmel, sollte man glauben, daß in einem Lande wie dem unserigen, wo die Schüler der Apostel selber gewandelt sind und wo wir bis auf den heutigen Tag den Ruhm behauptet haben, uns Gottes Augapfel nennen zu dürfen von wegen unsers Zusammenhaltens gegen Ketzer und Ketzergenossen, doch das tollste und lustigste Leben sich erhält und die Schenken nicht leer, die Tanzböden zerstampft werden, daß nur die Dielen so krachen! Hunde sind das, die der bessern Mahnung entgegenbellen – aus euern verstockten Herzen; selbst dann schon wieder bellen, wenn ihnen der Mund noch nicht trocken ist von dem gesegneten Leibe des Herrn, den sie Vormittags genossen! Nachmittags auf dem Tanzboden ist alles, alles, alles verdaut! Schändlicher Frevel, zu sagen, daß ja David auch getanzt hat vor der Bundeslade, wie ich schon einmal von Euch, Finkenmüller, habe hören müssen! David hat getanzt, das ist wahr; aber David war lange Zeit ein König, wie meist die unserigen auch sind, zum Gotterbarmen! David war ein solcher Sünder, daß Gott nur um der allweisen Absicht willen, gerade aus seinem Stamm das Heil der Welt zu erwecken, diesen gekrönten Räuber, diesen purpurgekleideten Mörder, diesen ruchlosen Ballettänzer so lange hat leben lassen! Es ist wahr, David ging dann in sich und hat später die lieblichen Psalmen gedichtet zum Lobe des Herrn, aber nur als die fürchterlichste Reue und Buße über ihn gekommen war und ihn das zerknirschendste Beichtbedürfniß an das 40 Ohr gottgesalbter Priester trieb und er in jammervollster Trauer sich auf dem Beichtschemel wand und ausrief: Herr, wo soll ich mich vor dir verbergen? Flieh’ ich gen Abend, so bist du da, und flieh’ ich gen Morgen, so bist du auch da! … Menschen! Männer von Westerhof! – (Müllenhoff legte nun die Pfeife weg) Was hat denn den heiligen Johannes um seinen Kopf gebracht, als der sündenvolle, gottverfluchte Tanz! Herodias, diese Tochter Belials, tanzte sie nicht so wollüstig vor dem Auge des kindesmörderischen Herodes, daß ihr dieser saubre Souverän jede Gnade gestattete, die sie sich erbitten würde? Und was that diese würdige Tochter ihrer Mutter, die die Maitresse des Herodes war und förmlich zur Nachfolgerin ihrer Mutter erzogen wurde? Diese Creatur verlangte nichts schlechteres, als ein heiliges Märtyrerhaupt! Gerade wie ein neues Kleid oder wie jetzt solches Gelichter von den neuen Herodessen Anstellungen für ihren Bruder oder ihren Buhlen im Steuerfach oder im diplomatischen verlangen würde! Du Gekreuzigter! Warum verlangten die beiden Weibsbilder gleich ein Märtyrerhaupt? Weil der gebenedeite Freund unsers heiligsten Erlösers in der Wüste predigte, daß die Juden Buße thun, nicht mehr fluchen, saufen, Karten spielen und tanzen sollten! Fragt doch nur einmal euere Töchter, fragt doch nur einmal euere Weiber, euere Mägde, wenn sie im Finkenhof gerast haben und mit den Burschen zur Seite gehen mit blutrothen Wangen, fragt sie, ob sie nicht mit Freuden auf einer Schüssel auch den Kopf ihres Pfarrers herumpräsentiren könnten, wenn sie auf sein Geheiß dem Pfaffen von Ystrup, euerm jahr-41hundertjährigen Allerheiligsten, entsagen sollten? Und wozu streichen denn die Teufel ihre Violinen? Wozu säet denn der Versucher die Töne wie Hanfsamen aus? Was will er denn fangen in seinem Tanzbodenstrich? Vögel für die Hölle! O dann kommen die Mädchen, etwa fünf Monate nach so einem „Pfaffen von Ystrup“, in den Beichtstuhl! Sonst schlank wie die Pfeifenstiele, jetzt wie die Baßgeigen, weil die Sünde zu Tage kommt! Dann, dann möchten sie nicht Euern Tanzboden, sondern Euere Mühlsteine haben, Finkenmüller, um sich in der Witobach zu ersäufen, da wo sie am tiefsten ist!

Der Finkenmüller wurde gereizt, zerdrückte seine Kappe und sagte, seines Amtes wär’ es, die Rechte beisammen zu halten, die auf seinem Gute hafteten. Ihm könnte die Mühle genügen; aber da er beim Erwerb des Finkenhofs das Recht zu schenken und aufspielen zu lassen mit bezahlt, auch Steuer und Zehnten darauf genug zu geben hätte, so würde er erst auf seine Abfindung anzutragen haben, falls das durchginge, daß hier die jungen Leute jetzt in den Kirchen vor dem hochwürdigsten Gut förmlich beschwören sollten, nicht mehr zu tanzen …

Müllenhoff loderte so auf, als würde schon das hochwürdigste Gut als bloßes Wort in solchem Munde verunreinigt. Er schwieg, sah sich aber um, wie nach einem Donnerkeil aus Rom. Da suchte der Meyer zu vermitteln …

Wie denn auch den Leuten erst zu beweisen wäre, sagte der Meyer mit feiner Stimme, daß sie etwas Unehrbares trieben! Die hohen Herrschaften tanzen alle und geschieht’s in Ehren, Herr Pfarrer, so kann dabei auch keine Sünde sein …

42 Und der Moorbauer berief sich sogar auf den Widerspruch aller Mütter, selbst der ehrbarsten … Die Väter, meinte er, wissen wol, der Tanz sei des Teufels Jahrmarkt; aber wie wollte man nur allen den jungen Weibsen die Lust daran nehmen? Sie brennten ja doch eben zu versessen darauf!

Es ist nun einmal so! rief der fünfte, der Bauer Leyendecker; die Leute schinden sich in der Woche sechs Tage und am siebenten wollen sie aus dem Joch heraus! Es hat alles seine Zeit, Herr Pfarrer! Das Beten hat seine Zeit und das Vergnügen hat seine Zeit! In diesem Land ist denn doch unserm lieben Herrgott und seinen Engeln immer nur wohl gebettet gewesen!

Seid ihr nun fertig? sagte Müllenhoff mit einer lange mit sich selbst ringenden Mäßigung und Geduld …

Ja! riefen alle einstimmig und trotzig …

Ich will euch sagen, Leute, lenkte Müllenhoff etwas ein; laßt uns in Güte reden! Die heiligen Kirchenväter, Chrysostomus an der Spitze, die kann ich hier nicht citiren! Es ist wahr, sie alle sind furchtbar gereizt gegen den Tanz. Es mag sein, weil manche von ihnen noch jenen schauderhaften Tänzen zu nahe gelebt haben, mit denen die Heiden ihre Götzen, die Venus, den Jupiter, die Minerva und ähnliche Affenschande verehrt haben. Aber glaubt ihr denn nicht, daß unter dem Unkraut in den Herzen der jetzigen Jugend, unter der Spreu auf der Tenne noch so viel edler Weizen liegt, daß man ein solches Frauenzimmer – oder – nehmt’s mir nicht übel – euere eigenen Weiber und Töchter, in aller Güte nehmen und ihr sagen kann: Kind, ein 43 Wort im Vertrauen! Sieh Griete, Anne Marie, so ein Bursch wie der Siebdrat oder der Heikerling oder wie die Schlingel heißen, die kürzlich ihre drei Jahre abgedient haben und immer noch mit dem rothen Streifen an ihren Mützen hier herumlaufen und selbst so in die Kirche kommen, in die Kirche, wo nur Eine Cocarde und Eine wahre Landesfarbe herrschen soll, das durchstochene Herz und das Blut unsers gnadenreichsten Erlösers Jesu Christi! – ich sage, wenn ihr sagen wolltet: Griete, Anne Marie, – Gott, Gott, diese heiligen Taufnamen! – wenn dir nun so ein Schlingel im Felde begegnete, in dem hochwallenden Gotteskorn oder im heiligen Walde – nein, den hauen uns die Lutheraner hier nächstens auch noch ab! – oder hinterm Gartenzaun und wollte dich nur so um die Hüfte fassen, wie er’s auf dem Tanzboden thut – Mädchen, könntest du das denn leiden? Würdest du nicht über den Buben außer dir sein? Würdest du nicht über die Schlenker, die man machen muß beim „Pfaffen von Ystrup“ Brust an Brust und Mund an Mund – in den Boden versinken vor Scham? Und würdest du diesen Schlingeln mit den rothen Streifen an den Mützen nicht hinter die Ohren schlagen, daß ihnen Hören und Sehen vergeht? Nun sieh, würd’ ich als Vater sagen, dergleichen duldest du nun alle Sonntage! Marie Anna, Magdalena, du, die niemand zweideutig ansehen darf, wenn sie im Felde schanzt und züchtig sich schon die Kleider hält, nur wenn der Wind geht, du mein holdseliges Kindlein, du putzest dich Sonntags, behängst dich mit Ketten und Schaustücken, setzest dich in den Finkenhof 44 auf die Bank und lungerst mit gierigem Blick, ob dich denn nicht auch jemand nehmen mag oder ob du wol gar sitzen bleibest und das Blut, hui! das spritzt dir förmlich vor Ungeduld aus den Wangen, wenn immer mehr antreten und du noch vacant bist! Gott, bei deinen hochheiligen Wunden, würd’ ich doch so ein geliebtes theures Kind, die Freude einer Mutter, das Nestküchlein eines Vaters, so ein Bild der Unschuld und holdlieblichen Sitte, beschwören, daß sie sich vergleichen möchte, wie sie daheim sitzen könnte am Spinnrad, eine züchtigliche Maid, sanft und lieblich und unschuldsvoll wie eine Taube … Und, mit dem Bilde vergleicht dann diese Ländler und diese Schottischen! Wie die Röcke fliegen! Wie der Boden kracht! O Familienväter! Schildert ihnen doch das um des enthaupteten Johannes, um dieses ersten Pfarrers auch in einer Wüste, willen! Schildert den Eindruck, wenn nun später die Bursche anfangen von Bier und Taback und Branntewein zu glühen und die süße Unschuld des Herzens, der zarte jungfräuliche Leib euerer liebsüßen Mägdelein, deren Kindeslallen euch ach! so inniglich erquickte, in die Arme solcher Buben sinkt! Schildert ihnen, was diese beweinenswerthen Lümmel nun die Dreistigkeit haben in ihr keusches Ohr für Gift zu träufeln! Wie sie sich hinsetzen, euern Töchtern das klebrige Glas vollschenken lassen und Hand in Hand sie auffordern, mit ihnen erst durch Redensarten hindurchzuwaten, durch den Pfuhl der Erinnerungen und Erfahrungen, die sie aus ihren gottesvergessenen lutherischen Garnisonen mit heimgebracht haben, aus der Plage der allgemeinen Militärpflicht, die ihr schon so oft zu allen drei Teufeln, 45 wo sie herstammt, hingewünscht habt! Unsere Bursche sind schön, herrlich gewachsen, wie ihr selber noch die strammsten Männer seid! O, so kommt es, sie standen fast alle bei der Garde! Nun kehren sie wieder aus der Residenz selbst, wo diese Unglücklichen leben müssen ohne die trauliche Verbindung mit unserer gnadenreichen Mutter, wo sie nur dürftig genießen die heilige Zehrung, die Herzenserleichterung am Ohr eines geweihten Priesters, ja wo eine jammervolle Veranstaltung unserer Neunmalweisen sogar möglich gemacht hat, daß diese armen Tröpfe, diese guten lieben Kerle, euere Söhne, euere Neffen, euere jüngern Brüder, wol gar in die Kirchen der Ketzer commandirt werden und ihr treues Herze, ihr manchmal doch noch reines, unverdorbenes Gemüthe die Weisheit solcher Geistlichen von einer Kanzel herab hören müssen, deren wir ja sogar jetzt einen in Witoborn haben – Gott im Himmel erbarme dich! einen „Priester“ mit sieben lebendigen Kindern! … O, ich beschwöre euch, Familienväter, thut das Eurige, euere Kinder und Kindeskinder, an die ihr mit Stolz denken könnt, nicht zu verkaufen an den, der ausgeht, sie zu verschlingen! Uebernehmt, obschon nicht geweiht, das Amt des Priesters! Sprecht am brennenden Kienspan in jeder Hütte von der Sünde, die ja schon darin liegt, nur etwas zu wagen, was möglicherweise Sünde werden könnte! Grabt es ihnen im Bilde vor, das Grab der Unschuld und Tugend! Sagt ihnen: Wandle, Mensch – Mensch, wandle dort, wo du wünschen möchtest einst dein Sterbebett hingestellt zu haben! Kannst du, o Jungfrau, o Jüngling, dir unter Gefahr einer Todsünde nur vorstellen, daß der Tanz-46boden dein Sterbebett wäre? Kannst du dir denken, daß an diese Stelle ein Priester hinkäme und dir das heilige Oel brächte? Kannst du dir denken, daß die Gliedmaßen deines Leibes dir dort gesalbt werden könnten zum letzten Pfade an die Pforten der Ewigkeit? …

Längst schluchzte der Meyer … Diesem kam die Wehmuth am ersten zu und sie war ihm natürlich. Sie war ihm das schon von der Anstrengung seiner Nerven und dem stärkern Druck derselben infolge seiner schwierigen Zwischenstellung zwischen Gemeinde und Pfarrer …

Auch der Moorbauer wandte sich ab … Auch die beiden andern äußerten Bedürfniß, sich ihre Nasen zu putzen und suchten nach ihren blauen Sacktüchern … Nur der Finkenmüller blieb kalt und wagte ein:

Bitte, Herr Pfarrer –

Schweigen Sie! fuhr ihn Müllenhoff an, ganz aus der sanften Rolle fallend …

Als der Finkenmüller dann schwieg, fiel er auch gegen ihn wieder in den sanftesten Ton zurück und fuhr fort:

Soll denn die Heiligung der Sitten nur möglich sein da drüben in den Berg- und Fabrikdistricten, wo die lutherischen Pastores nichts vom Christenthum kennen als die Bibel, und von ihren eigenen Weibern und Kindern so in Anspruch genommen werden, daß sie für euer Seelenheil keine Zeit mehr übrig haben? Sollen wir nicht zeigen, was gerade wir vermögen aus unserm Grunde, der da ist der Fels Christi? Sollen sie uns verspotten um unsern heiligen Liborius und sagen: Seht, soviel Kinder kommen außerhalb der Ehe bei uns und soviel bei denen! Schlagt mir den Tanzboden ein, sag’ ich, oder ich pro-47phezeie nichts Gutes für unsere Mutter Kirche! Finkenmüller! Geh in dich! Denke, daß die Gemeinde dir ein Opfer bringen wird! Sie wird dir den Ausfall deiner Einnahmen ersetzen! Sie wird den Jungfrauen- und Jünglingsbund nicht abhalten, dennoch bei dir einige Stunden des Sonntags der Erholung und der Freude zu widmen! Ich schlage vor, daß jedes Mitglied in eine Büchse einen Groschen wirft zur Abkaufung des Tanzes! Der heilige Augustinus, der auch erst ein lasterhafter Heide war, ehe er zur Erkenntniß kam, wird diese Spende segnen! Die heilige Afra wird sie segnen, sie, die einst Spiel und Tanz zu Augsburg in ihrem Hause zur Anlockung der Sünde hatte und durch den heiligen Paullinus bekehrt werden mußte, wird sie segnen! Es ist wahr, der heilige Franz von Sales hat unter gewissen Umständen den Tanz gestattet. Aber so innig ich ihn sonst verehre, den frommen Bischof, ich fürchte, er lebte in zu vornehmen Verhältnissen, um sich – (Müllenhoff stockte jetzt etwas) einen Zustand, wie den um Witoborn herum vergegenwärtigen zu können … Er kannte diese Menschen nicht, die jetzt aus dem ihm auffallenderweise sehr werthen Paris kommen … Er kannte Menschen nicht, die dort die Theilung der Güter proclamiren, diese Handwerksburschen, die keinen Hof sehen können, ohne zu sagen: Aber der Garten dazu ist mein! keine Kuh, ohne zu sagen: Aber das Kalb gehört mir! keine Henne, ohne zu sagen: Aber die Eier legt sie für mich! Haben wir nicht etwa auch schon solches Volk unter uns? Maîtres-tailleurs und ähnliche – Schneider?

Schneid hieß der neue Hausknecht, der in Schloß 48 Westerhof eingetreten und dem Meyer noch nicht ordentlich gemeldet war … Jean Tübbicke bürgte für ihn …

Müllenhoff hielt eine Secunde inne. Da fand der Finkenmüller Zeit, einzuwerfen:

Ich bin aber gewiß, der Herr Archipresbyter –

Was sind Sie gewiß? unterbrach Müllenhoff. Ich, ich, auch ohne den Archipresbyter, ja ohne den Heiligen Vater in Rom, hätte die Macht, im Beichtstuhl zu strafen! Ich könnte denen, die in den Stand der Ehe zu treten gedenken, nur eine stille Messe lesen, wenn sie nicht das Versprechen zur heiligen Dreieinigkeit ablegen wollen, auf ihrer Hochzeit nicht tanzen zu lassen! Ich thu’ das nicht. Ich will euch in Güte gewinnen. Hier ist das Büchlein über die Stiftung der Bündnisse. Da habt ihr zwanzig Exemplare zur Vertheilung. Zu nächsten Ostern ist alles in Ordnung. Am Charsamstag hält der Bund eine Procession und laßt nur die Buben stehen und lachen und die losen Weiber und die Hebammen an der Spitze, wir werden die Lästerer schon auf die Knie bringen, wenn in der Mitte der Jugend Ihr, Finkenmüller, selbst die Fahne tragt und ich gleichfalls hinterher gehe, die Hand mit dem hochwürdigsten Gute!

Vor diesem magischen Wort schwiegen nun wol die Männer … Der junge Kämpfer siegte … Alles blieb still … Müllenhoff holte von einem Bücherbret zwanzig kleine Broschüren und zählte sie ihnen ab …

Herr Pfarrer … sagte der Meyer inzwischen. Sie sehen, wir werden das Unserige thun! Es wird einen schweren Kampf kosten! setzte er seufzend hinzu. Schon heute, wo infolge des Leichenbegängnisses alles auf den 49 Beinen ist, schon heute sollt’ es auf dem Finkenhof zwar ein bischen lebhaft werden –

Dem Lutterberg zu Ehren! meinte Müllenhoff im Zählen. Ja, was werden die Teufel heute im Lutterberg rumoren!

Aber tanzen lass’ ich heute nicht! sagte der Finkenmüller. Aber in Zukunft –

Ja habt doch nur Muth, Leute! unterbrach Müllenhoff; habt doch Muth! Das Uebrige macht das Rügengericht und der Kirchenconvent –!

Ja, Kirchenconvent und Rügengericht –! riefen alle durcheinander … Es war ein Thema, dessen Erörterung noch im Rückstand blieb …

Nun? lautete Müllenhoff’s erwartungsvolle Frage …

Sie haben das Rügengericht eingeführt, Herr Pfarrer, sagte der Meyer, und ziehen sich nun selbst zurück? Schieben uns nur so vor? Jeden Ersten sollen wir zu Gericht sitzen und wenn die Weiber uns auslachen und die jungen Bursche uns den Buckel voll Schläge androhen und wir nicht wissen, wie wir unsere Autorität aufrecht erhalten sollen, wollen Sie im Feld spazieren gehen oder in Ihren Büchern studiren? Nein, mit Vergunst, Herr Pfarrer! Wenn das Rügengericht sich halten soll – und ich habe nichts dagegen, wenn wir sorgen, daß nicht jeder Plunder an den Landrath oder die Gerichte kommt – so müssen Sie den Vorsitz führen, Herr Pfarrer!

Und Sonntags Nachmittags müssen Sie die Kirche dazu hergeben! fielen alle ein …

Erst wollte Müllenhoff ironisch ausweichen. Aber auf 50 das Wort „Kirche hergeben“ rief er, als sollte man es hundert Schritt weit hören:

Ich bin das ewige Gericht und sitze zur Rechten des Schöpfers Himmels und der Erden!

Nein, setzte er dann den auf den Tod Erschrockenen hinzu, gebt euch nur getrost diese Autorität selbst!

Die aber – das – das können wir nicht!

Wird kommen, wenn ihr selbst nicht mehr bis Elf im Finkenhof unter den Zöllnern sitzt!

Halten wir uns von den Leuten apart, Herr Pfarrer, so vermögen wir erst gar nichts! sagte Hennicke …

Pro Deo! rief Müllenhoff mit feierlich lauter Stimme. Nicht Per Deum! So fängt jedes Concordat an und ich will euch das übersetzen … Glaubt ihr, guten Leute, daß ihr dem allmächtigen Schöpfer nichts anderes schenken könnt, als was ihr von ihm ausdrücklich zum Geben empfangen habt? Wollt ihr ihm denn gar nichts geben von dem Eurigen, von euerer eigenen Tugend, von euerer eigenen Moral, euerer eigenen Gerechtigkeit? Könnt ihr nichts, nichts beisteuern zur Herstellung der Ordnung in der Welt? Ihr lieben Leute, diese Opfer bringt getrost aus euch selbst! Schenkt dem Gekreuzigten euere eigene Kraft, nicht immer die, die ihr erst seinen Stellvertretern auf Erden verdankt! Ein Seelsorger soll sich nicht in die weltliche Auffassung euerer Händel mischen. Nur vorarbeiten sollt ihr seinem Wirken, sollt ihm in die Hand arbeiten, sollt –

Wir sollen nur so vorm Schuß stehen, Sie hinter unserm Rücken! rief der Finkenmüller, der wieder Oberhand gewinnen wollte und der Groschenbüchse am ver-51schlossenen und doch von ihm neulich frischgedielten Tanzsaal nicht recht traute …

Wenn ich unsichtbar unter euch bin, antwortete Müllenhoff, schon siegestrunken, aber doch scheinbar gelassen und milde, so ist das für euch eine Schande, Männer? Ich werde, wenn wir auf unserm Wege fortgehen und wir die Bündnisse erst haben, nicht verfehlen, das Rügengericht im Beichtstuhl zu unterstützen. Ich werde auch die schwierige Aufgabe, die wir die Visitation nennen, nicht von mir weisen. Ich werde nicht zurückbleiben hinter meinem Amtsbruder in Borkenhagen, der zu den gottverlorenen, unglückseligen Menschen, dem im Kirchenbann lebenden alten Hedemann und seiner Frau, sich nicht die Mühe verdrießen läßt wöchentlich einmal zu gehen, anzupochen, an ihren Herd sich zu stellen und sie zu bitten, an den heiligsten Ort der Welt zurückzukehren und von dem Tisch des wahren Brotes und von der Ruhe in geweihter Erde sich nicht mit Gewalt auszuschließen. Ihr wißt, wie grillig diese alten im Kirchenbann lebenden Leute sind, und wißt, warum?

Ja wohl, Herr Pfarrer!

Die Schuld traf –

Den Pfarrer Langelütje – sagte der Finkenmüller …

Den Landrath! betonte Müllenhoff mit berichtigender Schärfe. Sogleich fuhr er wieder sanfter fort:

Es soll mir ein Stolz sein, wenn solche Verstocktheit mir die Thüre weist! Ein Stolz, wenn ihr mir die Bücher aus der Hand reißt, die ich auf euerer Ofenbank finde und untersuche, ob sie zu lesen euch auch ziemlich ist! Diese Visitationen werden mir gelingen, denn die 52 Kinder sollen mich dabei beschützen! Die Bilder der Heiligen werde ich euern Kleinen zeigen, denen die Thaten derselben erzählen und die Alten werden dann auch schon heranrücken und sich schämen nicht zuzuhören dem, was christlich ist, und ich werde der Freund auch eueres häuslichen Herdes werden. Das Rügengericht aber, das ist euere Sache!

Wenn Sie nur wenigstens, Herr Pfarrer, sagte der bedrängte Meyer, bei der Strafe, die der Kirchenconvent dictirt, mitstimmen wollten!

Auch das nicht, lieb’ Väterchen! Ich bedanke mich, gutes Meyerchen! Ihr sollt selbst am Kreuz des Erlösers tragen helfen! Ei, wißt ihr denn nicht, was unser hochheiliges Rom mit seinen „Concordaten“ sagen will? … Nicht, weil ich nicht die Kraft hätte – ach, unser hochheiligster Jesus, der hatte die Kraft, die Erde aus ihren Angeln zu reißen – Daß er aber dennoch auf Golgatha das Marterholz mit rinnendem Schweiß und tropfendem Blut getragen hat und daß er lieber zusammenbrach wie euersgleichen, das war blos um zu sehen, wer hinzutreten würde – um ihm zu helfen! Gelegenheit wollte er blos andern geben, sich den Miteintritt ins Paradies zu erwerben. Und in dieser göttlichen Güte ahmen ihm jetzt seine geweihten Priester sowol beim Rügengericht wie beim Kirchenconvent und noch in vielen andern weltlichen Dingen nach. Ihr könnt alle Tage so heilig werden, wie Simon von Cyrene es wurde, der dem Heiland das Kreuz tragen half! Weist, ich bitte, die Gelegenheit dazu nicht ab! Kennt ihr den Fluch, der jenen Schuster traf, der das Ausruhen auf den Stationen des heiligen Kreuzwegs unterbrach 53 und frech die beiden Kreuzträger anschnauzte, was sie hier vor seinem Laden halt machten und ihm die Kundschaft verjagten? Bis zur heutigen Stunde haben die Juden infolge dieses Schusters auch noch keine Ruhe gefunden; sie irren innerlich noch immer umher, wenn sie auch äußerlich in Witoborn allerlei Seelen und einige Landräthe im Sack haben. Jeder Jude, den ich sehe, und säng’ er noch so schön, wie der, der neulich hier mit dem Herrn von Terschka die Güter vermaß und eine gottlose Arie nach der andern pfiff, kommt mir wie eine unbegrabene Leiche vor. Der Kirchenconvent, das seid ihr! Wer die Gemeinde als Spieler und Vagabund belästigt, nicht zum Abendmahl kommt, schlechte Bücher liest, den laßt getrost euere Entrüstung fühlen und wenn es zehnmal die meinige ist und es euere Schwäger oder Vettern sind, die es trifft! Ich kenne das. Auf meiner ersten Pfarre – ja, da saß ich im Kirchenconvent. Was geschah? Jede Strafe mußte ich dictirt haben! Der Meyer dort war Soldat gewesen und ein wahrer Profoß an Zorn und Strafwuth. Für jedes Zuspätkommen bei der Messe hätte er einen Louisd’or verlangen mögen, von denen zumal, wo er wußte, daß sie dergleichen Waare im Kasten haben. Begegnete er dann so einem um lumpige fünf Groschen Gestraften, so grüßte er ihn schon von weitem als Herzbruderkamerad und schüttelte ihm die Hand und sagte: Brüderlein fein, wie leid that mir’s doch neulich wieder mit den fünf Groschen, aber – nun bohrte er einen Esel in die Luft und mit einer Kutte drüber und gleichsam als wenn – siehst du, der Pfaffe drüben, der hat’s decretirt, hat nicht eher nachgelassen! 54 Ja, der Kerl haßte seinen Schwager so, daß er ihn über den Weg hätte vergiften können, und nun sollte ichs immer gewesen sein? Nein, solche Niedertracht lass’ ich bei uns nicht aufkommen … Ihr richtet! Ihr straft! Und dann muß ich euch auch noch in aller Aufrichtigkeit sagen: Die Beweise der Würdigkeit, die ihr habt, in meiner Gesellschaft zu sitzen, müßt ihr mir erst noch geben. Ich schätze euch als Männer von Rang und Ansehen, aber der Taback, den ihr manchmal raucht, ist nicht meine Sorte. Ich meine das in aller Güte und anders als hier in der Pfeife (– er nahm diese jetzt wieder –) aber es ist mir bereits schon vorgekommen – ich will nichts von euch sagen – daß Jockel, wenn er einmal wegen Schwächung citirt wurde – den vorsitzenden Pfarrer anzulachen die Frechheit hatte und sagte: Wir sind allzumal Sünder und brauchen einen und denselben Doctor! Nein, unsern Willen sollt ihr thun; das versteht sich; aber aus euerer eigenen Entschließung! So machen wir’s von jetzt an auch allüberall! Auch im Großen, auch in Staatsangelegenheiten. Das nennt man Concordate. Ihr Leute! Pastoralklug ist gut. Leider aber, wie die Welt nun einmal ist, muß man auch manchmal ein Bissel pastoralpfiffig sein!

Damit lachte Müllenhoff sich selbst so vergnügt Beifall, daß auch die Bauern um ihn her lachen mußten und der Meyer meinte:

Na, wir kommen schon zusammen, Herr Pfarrer! Geben Sie ein bischen nach und wir auch ein bischen – alles mit Bedacht und ohne uns und Ihnen etwas zu vergeben! Neulich noch rieth uns Herr von Terschka selber dazu, daß wir uns ganz nach Ihnen richteten!

55 So? sagte Müllenhoff, sich im Lachen mäßigend …

Ja, fuhr der Moorbauer fort, wir sollten für den Bund die Auszeichnung einer Medaille einführen, dann würden alle beitreten!

Da hatte er Recht! meinte Müllenhoff und setzte hinzu: Nun, der ist ja wenigstens noch von uns!

Und dann sagte er auch, sollten wir mit dem Domherrn sprechen! Der würde allem schon das rechte Schick geben …

Nun ist’s genug! sagte Müllenhoff kurzweg und that, als wollte er gehen. Das Lob des Domherrn mochte er nicht hören …

Die Männer öffneten die Thür. Erst wollte der Moorbauer hinaus, der am nächsten stand …

Wie er sich verbeugte, fiel er fast, sah dann hinter sich und entdeckte etwas, das auf der Flur draußen stand und beinahe von ihm umgeworfen wurde …

Auch Hennicke stolperte schon …

Was steht denn da? fragte Müllenhoff aus seinem innersten Vergnügtsein heraus …

Die Männer traten in die Stube zurück und blickten auf einen Korb, der dicht an der Thürschwelle stand und verdeckt war …

Was soll denn das da? sagte Müllenhoff und suchte nach seiner Bedienung.

Der Korb sah seltsam aus. Niemand hatte recht den Muth ihn wegzuheben. Er war oben offen und hatte ein kleines Schirmdach, das mit rothem Zeuge verhängt war … Man hätte glauben mögen, es war ein Korb, wie man ihn auf Wiegen befestigt …

56 Müllenhoff, blutroth schon, sah die verlegen lächelnden und zurückweichenden Männer an …

Kathrein! rief er laut. Was steht denn hier im Wege?

Eine Magd, die das kanonische Alter hatte, eine jüngere, die nicht beim Pfarrer, sondern bei ihr diente, kamen herbei und verwunderten sich „des Todes“ über den Korb …

Alle hatten die Ahnung, daß sich jemand ins Haus geschlichen und an der Thürschwelle des Pfarrers – ein Kind ausgesetzt hätte …

Zornentbrannt und doch voll tiefster Verlegenheit riß Müllenhoff die rothen Vorhänge des Korbes auf und richtig! in Betten versteckt, lag mit weißem Häubchen ein Kind, wie sich jedoch die Kathrein sofort überzeugte, kein lebendes, sondern ein allerliebstes, niedliches Wachspüppchen …

Unter Gelächter zog sie es hervor …

Die Männer wagten nicht in das Gelächter mit einzustimmen, sondern hielten die Hand vor den Mund und entfernten sich rasch, um erst draußen, wie man zu sagen pflegt, „loszupruhschen“ …

Das ist – das ist ja ein niederträchtiger Streich – ein Streich nur von der Schmeling! rief der Pfarrer. Meyer! schrie er diesem nach. Sie untersuchen das! Melden’s gleich dem Landrath! Er soll euern Schreiber schicken! Auf der Stelle! Da seht ihr nun euere Zucht und Ordnung! Ich werde das Schandstückchen von euch auf die Kanzel bringen!

Der Meyer stand verlegen an der Hausthür …

57 Es wurde gefragt und geforscht, ob man denn nichts erblickt, niemanden im Hause gesehen hätte …

Den Jean Tübbicke, den buckeligen Stammer, den Perrükenmacher Schneid, alle Verdächtigen rief Müllenhoff der Reihe nach auf … In Witoborn sollten alle Korbmacher, alle Puppenverkäufer, alle Händler mit Betten und rothem Kattun Haussuchung bekommen … Dann wieder fiel ihm die Lächerlichkeit des ganzen Vorfalls auf. Schäumend warf er die Thür hinter sich zu und schrieb nun selbst an die Polizei in Witoborn. Hätte er nur den Tübbicke gehabt, um seinen Zorn ganz auslassen zu können!

Erst allmählich kehrte ihm die Ruhe zurück beim Blättern in den Exercitien Loyola’s und beim Wiederlesen des Billets der Frau von Sicking … Dann ordnete er seine Toilette, rüstete sich mit einigen „geistreichen Gedanken“ für das Diner und ging, ganz ein Papst Hildebrand vom Dorfe, mit festem Schritt hinaus in den frischen Wintertag.

58 3.#

Inzwischen lugte auch auf Augenblicke freundlich die Sonne hervor aus der unermeßlichen Wolkendecke, die ab und zu sich ihrer Schneeansammlungen aufs neue entledigte.

Da, wo die Sonne verborgen gestanden, bekam der Himmel das Ansehen, als wär’ er ganz von geschliffenem Achat, von durchsichtigem, gelbröthlich geflammtem …

Um die Kirche her standen die Bäume in ihrem weißen Krystallschmuck. Im Sommer konnte man sich hier, wenn rings die Ulmenäste wogten und ihre langen Schatten warfen, an einen alten Opferhain erinnert fühlen. Jetzt war es licht ringsum. Schon unter den gefrornen Eiszapfen, die wie die Orgelpfeifen über dem Portal des Ausgangs der Kirche hingen, sah man weit in die schneeverhüllte Ebene hinaus, wo die Wintersaat schlummerte, die Hasen dahinschossen, die Krähen einsam auf rauchenden Dächern stolzierten …

In einer großen, etwas alterthümlichen, nicht aus Hoffart, sondern des Schnees wegen von vier Pferden gezogenen Kutsche saß Paula im Fond mit Tante Benigna, 59 auf dem Rücksitz Armgart und der Doctor Laurenz Püttmeyer, der Philosoph von Eschede, langjähriger Verlobter der jetzt in Paris bei den Fulds weilenden Angelika Müller. Der plötzlich gekündigten Lehrerin von Lindenwerth hatte die kleine freundliche Bettina Bernhard Fuld diese Stellung als Reisebegleiterin und Gesellschafterin bei sich angeboten und Angelika sie angenommen …

Ein so enger Raum! …

Und wie mächtig dehnt sich doch die Lebensbeziehung einer jeden dieser vier Personen in die Welt aus, weit, weit über diese winterliche Fläche und das Echo der wieder beginnenden Glocken hinweg! So aber ist das Leben in seiner Wirklichkeit. Auf der Bühne, da treten Helden durch weit aufgerissene Flügelthüren ein und die Spannung steht, wie eine sich verbeugende Kette von Kammerherren und Lakaien, um einen Fürsten oder – Bettler, wenn gerade das Interesse auf einem Bettler ruht, auf die Scene treten zu lassen. Im Leben aber ist so ein gefeierter Philosoph wie Püttmeyer plötzlich da wie unsereins! Dieser große Mann, für den nun sogar am Ufer der Seine ein treuliebend Herz Propaganda macht und ihn jetzt sogar in einem Bankierhause Wechsel auf die Zukunft ziehen läßt, auf diesen unerschöpflichen Reservefonds aller unverstandenen Geister der Gegenwart, saß hier völlig unerkennbar, tief verloren in einen Mantel, Muff, Shawl und Fußsack –

Laurenz Püttmeyer war heute ein völlig von den Todten Erstandener … Eschede ist ein kleines Städtchen und Püttmeyer bewohnte daselbst zwei Zimmer im Erdgeschoß seines eigenen älterlichen Hauses. Ins grüne Freie, einen 60 Hausgarten, ging er nur, wenn ihm sein Hund und seine Katze die Nelkenbeete verwüsteten – die Nelke war ihm die liebste Blume; sie hat eine schöne Symmetrie und an ihrem Stengel erhebt sich die geschlossene Knospe in einer konischen Gestalt. Und hatte nicht auch sein eigenes ganzes Wesen das eines großen alten Katers? Armgart wenigstens meinte gleich heute in der Frühe, als ihn eine gräfliche Kutsche von Eschede brachte, es fehlten ihm nur an dem glattrasirten Kinn und der langen Oberlippe ein paar spitzabstehende Härchen – und Hinz wäre fertig. So berichtete sie auch schon neulich, als sie zum ersten mal des Doctors Bekanntschaft machte. In Lindenwerth wurde oft Püttmeyer’s Porträt den Mädchen als Medaillon in Aquarell gezeigt. Da hatte er noch blonde Haare, eine scharfe, nicht gar zu spitze Nase, graue, entschlossene Augen, eine bläuliche Färbung des abrasirten Barts und eine ungeheure weiße Halsbinde, in der sich ein vornehm spitzes Kinn versteckte. Nun aber in Wirklichkeit spielte bei dem schon tief Vierzigjährigen alles grau in grau. Der Doctor war ein Sonderling geworden. Man erzählte von dem Sophahocker, daß er eine Wasserflasche, die dem Sonnenstrahl ausgesetzt war und die gegenüberliegenden Gegenstände als Brennspiegel entzündete, nicht etwa aus dem Sonnenstrahl heraustrug, sondern mit einem Makulaturbogen seines Werkes: „Christus und Pythagoras“, umhüllte, blos weil er zu träge war, um aufzustehen und einen Schritt weiter mit seinen schöngestickten Angelika-Pantoffeln zu schlorren und die Flasche in den Schatten zu setzen. Ins Freie ging Püttmeyer dann nur noch jeden Abend, wenn er das beste Hotel von 61 Eschede „bei Schönian’s“ und jeden Sonntag die Kirche besuchte. Seine Verehrerinnen mußten ihn in seiner Wohnung aufsuchen. Und diesen Mann mobil zu machen, das war Armgart gelungen! Gleich nach ihrer Flucht aus Lindenwerth hatte sie ihn wie eine verschüttete pompejanische Ruine entdeckt. Sie hatte die unendliche Liebe und Dankbarkeit, die sie für ihre Lehrerin besaß, für die Arme, die ihretwegen so hart bestraft wurde, auf den Freund des Herzens derselben übertragen und mit jener dem jugendlichen Alter so schön stehenden Liebesübertreibung in ihm aller Welt den Propheten nachgewiesen, der in seinem Land verkannt würde, während die wissenschaftliche Welt von Alexander von Humboldt in Berlin an bis zum alten Windhack zu Kocher am Fall voll von seinem Ruhme wäre. Ruhm verbreitet sich, hatte Angelika oft genug gesagt, in concentrischen Kreisen. Wie auf dem Wasserspiegel die erregte Wellenlinie erst in der Nähe des hineinfallenden Steines klein, dann wachsend und wachsend und in ihrer wahren Größe erst in ihren äußersten Nachschwingungen sichtbar würde, so auch die Anerkennung des Genius, zu dessen wahrer Würdigung dann ja oft auch – die Steine gehörten. Niemanden haßte Armgart so, wie einen gewissen Philosophen Namens Joseph Schelling, der so unersättlich nach Ruhm wäre, daß er auch noch den Lehrstuhl Hegel’s, den bis dahin ein unbedeutender Schüler bekommen, einnehmen und dadurch gleichsam beweisen wollte, daß er von Hegel nicht überwunden worden. Das war in Eschede ein Aufsehen, als eines Tages eine gräflich Dorste’sche Kutsche ins Thor fuhr und ein Livreebedienter nach dem Doctor Püttmeyer 62 fragte! Und schon am Abend, wo Püttmeyer nicht „bei Schönian’s“ erschien (wo sich regelmäßig vier oder fünf Stammgäste einfanden), wußte es die ganze Stadt, daß Fräulein Armgart von Hülleshoven auf Stift Heiligenkreuz den Doctor aufgesucht, ihm eine Vision der Seherin von Westerhof erzählt und ihn veranlaßt hätte, diese zu zeichnen, auszutuschen und mathematisch in vierundzwanzig Theile zu zerlegen zum Muster eines Teppichs. Für den Doctor war dieser Auftrag gewesen, wie wenn man bei einem Drechsler in Witoborn ein Linienschiff für die englische Marine bestellt hätte. Er hatte seine katergrauen, etwas gelbgesprenkelten und schon ganz tageslichtscheu gewordenen Augen aufgezogen, wie wenn der Cultusminister bei ihm wäre vorgefahren gekommen in Begleitung des Oberpräsidenten und ihn zum Mitglied der Akademie gemacht hätte. Er konnte von Stund an nicht mehr regelmäßig denken, nicht schlafen; er verjüngte sich, als kämen seine alten Tage wieder, wo seine Ideen zum ersten male über das vaterländische Heidekraut flügge ins Land aufstiegen wie Märzlerchen und alle Drechselbänke der adeligen Höfe ringsum seine mystischen Dreiecke, Kubusse und Konoiden darstellten. Püttmeyer zeichnete den Teppich, maß ihn, klebte ihn in natura zusammen, wie einen Drachen – voller Drachen. Das erschütterte dann sehr seine Gesundheit. Erst heute hatte man ihn können aus Eschede abholen lassen. Er war wie der selige Nikolaus von der Flüe, den die Eidgenossen aus den wilden Bergen holten, um ihre Streitigkeiten zu schlichten, und den man tragen mußte, weil er das Gehen verlernt hatte. Alles war 63 ihm neu. In Witoborn behauptete er viel mehr Thürme zu sehen, als sonst, während doch einige abgetragen waren. Die Vögel, die am Wege im Schnee hüpften, betrachtete er, als wären es neue Species, die inzwischen der Schöpfer geschaffen. Und daß es sich so treffen mußte, an diesem Tage waren sämmtliche Männer der gewählteren Gesellschaft ins Gebirge nach Schloß Neuhof! Nun konnte er doch sowol in Schloß Westerhof, wie in der Kirche und jetzt wieder auf der Rückfahrt, so recht genießen, als zweiter Frauenlob, mitten unter dankbaren nur weiblichen Händen und Herzen gehegt zu werden. O that das wohl! Gleich einem alten Papagaien hatte er gegurrt und gegrammelt vor Behagen, als ihm die Frauen und Fräulein auf dem Chor vor und nach der Messe so viel Zuckerbrot in Worten gaben, seine Güte, seinen Geist, seinen Geschmack lobten. Wie der große Pfau des Libori wedelte er! Noch stand ihm das einfache Familiendiner im Schloß, für den Nachmittag die Rückfahrt nach Eschede und für einen der nächsten Tage noch eine größere Huldigung bevor. Bei einer Jagd, die in dem von Terschka für Thiebold de Jonge bestimmten Walde gehalten werden sollte, einer Jagd, deren Honneurs der Trauer der Dorste’s wegen ein nachbarlicher Graf Münnich übernommen hatte, sollte Püttmeyer den Damen, die auf Münnichhof die heimkehrenden Nimrod’s erwarteten, sein philosophisch-mathematisches System in der Art erklären, wie er dies alle Jahre einmal in Eschede that, durch Ombres chinoises, d. h. Transparentfiguren in einem dunkeln, weihrauchgefüllten Zimmer.

Und Tante Benigna! Die vielbesprochene Schwester 64 Monika’s! Die sogenannte Meg-Merilies sitzt da nun auch vor uns! … Wie beurtheilt ihr doch die Menschen immer nur nach dem, was sie euch zu euerm eigenen zufälligen Nutzen oder Schaden sind! Die Mutter Monika’s, die Großmutter Armgart’s konnte Tante Benigna, Fräulein von Ubbelohde, allerdings sein; aber von einer Hexe, von einer Kindesräuberin hatte sie gar nichts. Wie lange lag auch jener furor saxonicus schon hinter ihr! Ein schwarzer Trauer-Sammethut mit Kreppbändern zeigte das Antlitz einer funfzigjährigen Jungfrau, deren Augen etwas ermüdet waren, die Lippen weit mehr bedacht eine kleine Zahnlücke als heroische Entschlüsse zu verbergen … Onkel Levinus, ihr Schwager, war ihr Verlobter, mit dem sie sich zu verheirathen vergessen hatte. Sie setzten beide ihren Brautstand mit der immer gleichen Courtoisie fort, die schon bei ihrem ersten Verspruche stattfand. Sie lebten unter Einem Dache, führten die gleichen Geschäfte, die Verwaltung der Güter des Grafen Joseph, zankten sich nicht selten, aber die wirkliche Ehe war in Vergessenheit gerathen. Ob das traurige Beispiel von Bruder und Schwester sie erschreckte? Ob sie Reue hatten über ihre wilde Einmischung in diese unglückliche Ehe? Ob sie in der Erziehung Armgart’s sich hinlänglich verbunden fühlten? Möglich; aber Tante Benigna war keine Meg-Merilies. Ein Kind nimmt geistige Größe für physische und erinnert sich seines kleinen alten Lehrers immer in der Gestalt eines Riesen. Monika war zwanzig Jahre, als sie Benigna zum letzten male sah und ihre um so viele Jahre ältere Schwester stand ihr noch immer in der Leidenschaft vor Augen, von der sie damals gegen sie beseelt war. Wie war aber auch Benigna zusammen-65gegangen! Es ist ein ganz mäßig gebautes, fast anspruchsloses Wesen. Sie kichert verlegen, wenn von Levinus von Hülleshoven als ihrer ersten und einzigen Liebe die Rede ist, wie eine jede andere alte Jungfrau in gleicher Lage auch gethan haben würde. Längst war diese Beziehung unter die Dinge gerathen, deren Lösung der Mensch dem Jenseits überläßt. Tante und Onkel, beide hatten so viel mit ihren Aemtern und nächst diesen auch mit sich selbst zu thun, daß es zu keiner Wiederanknüpfung an die alte Zeit mehr kam; beide vertrockneten in sich selbst. Die Zeit, die Onkel Levinus an der Verwaltung erübrigte, gehörte der Gelehrsamkeit, den Alterthumsstudien, den Entdeckungsreisen ins Innere Afrikas und seinem chemischen Laboratorium. Die Zeit, die Benigna erübrigte, gehörte der „Erziehung“ Paula’s und Armgart’s, die indessen umgekehrt beide mehr die Tante erzogen. Benigna ist allerdings reizbar, sehr streitsüchtig, gutmüthig wol, aber erst nach Anfällen heftiger Strenge, überfromm und sittenrichterisch bis zum Unschönen. Wenn sie dann von allem erschöpft Abends in den Sessel sinkt, schläft sie freilich so gut ein wie andere; ja sie spricht sogar im Traume, nie jedoch etwas Geistreiches. Die beiden Pfleglinge haben sie ganz in der Gewalt; Armgart mit List, Paula mit Güte; und manchmal entwickelte auch sie Neckerei. Trotzdem daß Tante Benigna heute aus ihrem Mantel ohne Pelz („man muß sich nicht verwöhnen“) und ihrem Hute ohne Schleier („Schade was für eine rothe Nase!“) gedankenvoll in die Gegend schaut und immerfort an den beschlagenen Fensterscheiben wischt, um zu sehen, welcher Gottesfriede und welche nächstjährige Erntehoffnung auf der Wintersaat ruht und am wievielten Chausseestein 66 man sich befand, hätte sie doch ganz gern auch ein bischen den Doctor geneckt. Denn sein Frack war doch auch gar zu altmodisch! Wie hatte man ihn in Eschede „eingemummelt“! Wie eine alte Meerkatze saß er da unter seinen Tüchern und Pelzen … Da aber Armgart die Ernsteste im Wagen blieb, mußte Tante Benigna schon ihre Necklust zügeln und stumm den Gedanken Audienz geben, die sie hinlänglich quälten – diese Entäußerung des alten Besitzes, die Zukunft Paula’s, die Leiden und Visionen derselben, der Zustrom so vieler Menschen, die die „Seherin“ beunruhigten, und die Sorgen wieder um diese gar „nicht zu berechnende“ Armgart, um die Nähe ihrer Schwester, um die Ansiedelung ihres Schwagers in Witoborn, sein „unstandesgemäßes“ Fabrikproject mit Hedemann, endlich auch die unruhige Zeit, die Aufregung der Gemüther, die Zänkereien des neuen Pfarrers mit den Gemeindegliedern, und dazu der Pferdestall, die Kühe, die Schafe, die Schweine, die Fruchtpreise, alles, was zwar schon in die Verwaltungssphäre des Onkel Levinus hinübergriff, von diesem jedoch oft so gefährlich vernachlässigt wurde, wenn er hinter seinen Tiegeln und Retorten kauerte oder eine Entdeckung machte von fossilen Thieren in einem Kalksteinbruch oder ihm ein alter Römerhelm überbracht wurde, über dessen muthmaßlichen ehemaligen Besitzer er sämmtliche Bücher des Tacitus wieder noch einmal frisch durchlesen mußte und dann Abhandlungen schrieb und sich in gelehrte Streitigkeiten mit Provinzblättern verwickelte.

Armgart, wie gesagt, ging auf die Necklust der Tante nicht ein … „Herr! Cröne Mein Beginnen!“ sprachen, 67 wie tief innenwärts gewandt, ihre braunen Augen. Auch bei ihr war der Hut von durchbrochenem schwarzen Flor. Ihr dunkelbraunes Haar sah man wenig und auch über das heute wachsweiße, nur am Näschen etwas von der Kälte geröthete Antlitz zog sie zuweilen rasch einen schwarzen Schleier, den sie trotz des „Schade was“ der Tante trug. In ihrer Brust gab es wilde Kämpfe; auf ihrem Antlitz fürchtete sie, die Spuren davon zu verrathen. Gleich nach ihrer Ankunft von Lindenwerth hatte sie am Altar der Stiftskirche zu Heiligenkreuz der Gottesmutter gelobt: „Nicht Vater! Nicht Mutter! Beide!“ Das führte sie durch. Das nähte sie in ihren Drachen. Das stickte sie in ihre Cigarrentasche. Das häkelte sie in ihren Aschenbecher – sie verlor diese Vielliebchen, weil sie nur dem Gedanken lebte, daß die Mutter oder der Vater in jeder Stunde kommen könnten. Auch sie wischte mit dem weißen Tuche, das sie, als könnte sie plötzlich weinen, immer in der Hand hielt, das beschlagene Fenster neben sich ab. Sie that es, um sich zu überzeugen, ob kein Gespenst ihrer Furcht oder Hoffnung hereinschaute … Wie anbetend blickte sie dabei zuweilen zu ihrer lächelnden Freundin Paula hinüber, zuweilen auch wieder in den geflammten Achat am Himmel. Daß es für gewisse Seelen und gewisse Zustände Engel gab, ganz so wesenhaft sichtbar wie die kleinen dicken Jungen, die in der alten Kirche zu Sanct-Libori den Baldachin über dem geschmacklosen Hochaltar hielten, das war in dieser Sphäre eine ganz vollendete Thatsache.

Und Paula, die wir nun auch hätten wiedersehen sollen, nur im Concert der Sphären, nur so, wie sie in Bonaven-68tura’s nächtlichen Träumen auf klingender Luft schwebte – da sitzt nun auch die „Seherin“ – in der Ecke eines altfränkischen Wagens – (die Staatskutschen waren beim Leichenbegängniß), fährt hoch auf bei jedem Verlassen des gefrorenen Gleises und bekommt dann von der Seite einen Ruck der Tante und fast die Berührung der Nasenspitze des Doctors … Es ist so, wie das Leben auch die Kaiser und die Könige auf die Erde eintreten läßt, ohne Krone, auch die künftigen Heiligen ohne allen Heiligenschein. Aus ihrem weiten schweren schwarzen Sammetpelzmantel und dem schwarzen Sammethute heraus ist jetzt nur das längliche edle Antlitz Paula’s ersichtlich. Es besitzt den schärfsten Ausdruck aller Schönheitslinien. Die Nase ist geschwungen; die Augen sind dunkelblau, hochgewölbt, beschattet von vollen Brauen und Wimpern, die im Gegensatz zum goldgelben Haar des Hauptes schwarz wie mit Kohle gezeichnet sind. Die Stirn ist klar und frei, das Kinn ist oval, der Mund lächelnd und die Lippe sonst rosig, heute nur von der Kälte der Kirche etwas erblaßt und auch das Antlitz bleich. In Paula’s Art, das sehen wir auch jetzt aus den eigenthümlich langgesponnenen Fäden ihres Blickes, lag etwas von den Geisterjungfrauen, die zwischen Tag und Nacht im Nebel über die Erde schreiten. Sie würde nicht selbst gesucht haben eine Velleda zu sein und im heiligen Hain des Irminsul zu opfern, aber die Völker ringsum hätten sie an den Altar geführt und ihr Iphigeniens Opfermesser in die Hand gedrückt. Wenn sie ihr Auge mit den seltsam schwarzen langen Wimpern aufschlug, da zog es jede Weltlichkeit empor und wiederum blieb das Geistigste, das sie anregte, doch nicht ohne einen Reiz für die Sinne. Kaum 69 gibt es Bestrickenderes, als allein schon der Blick auf dies Naturspiel: goldblondes Haar und auf den Augenbrauen und Wimpern ein dunkelstes Schwarz.

Paula’s Sinn war so mild, so gütig. Und immer nahe stand der Armen jener Traumgott mit dem Mohnblumenkranz, der nur sanft, sanft die Hand über ihre Augen zu streifen brauchte, und sie entschlief mit räthselhaften Organen, mit denen wir andern nicht schlafen. Dann sprach sie in verworrenen Worten, sah Entferntes mit geschlossenem Auge, hörte selbst das Ticken einer Uhr in entlegensten Räumen. So krank sie sich bei dieser zweifelhaften Gabe des Geschickes fühlte und so unendlich müd sie mit ihrem schlanken Wuchs dahinwallte über die Erde (gegen ein Hüftleiden hatte sie einst lange im Streckbett gelegen): dennoch war ihr Sinn selbst nicht zu ernst oder feierlich. Ei, jetzt am wenigsten, wo Wonnetage ihr aufgegangen waren; erst die Ankunft Benno’s von Asselyn, den sie noch wenig kannte, der aber ein Vorläufer Bonaventura’s war; und dann dieser selbst! Kein Wunder, daß sie trotz der Messe, trotz der Trauer um ihren Oheim, trotz der etwas lauernd grübelnden Miene der Tante Benigna, trotz Armgart’s seit einiger Zeit gar nicht mehr wiederzuerkennender Art und ewig verstörter Abwesenheit, über den Anblick des Doctors Püttmeyer lächelte und höchst freundlich blicken mußte. Schon den ganzen Vormittag war sie durch ihn heiter gestimmt …

Sie kannten ja den unglücklichen Sohn des Onkel Kronsyndikus, Herr Doctor? begann sie mit süßmelodischer, wenn auch leiser Stimme und sprach das fast im Neckton …

70 Der Doctor erkundigte sich bei jeder Frage immer erst mit einem: Wie befehlen –? Taub war er nicht, es war ihm nur ermuthigender, jede Frage zweimal zu hören und inzwischen sich die Antwort zu formuliren.

Als die Frage von Armgart, die wie ein dienender Cherub zu den Füßen ihrer Heiligen saß, wiederholt war – die Tante mußte sich schon lange innerlich sagen: Passen Sie doch besser auf, mein bester Herr! – bestätigte Püttmeyer diese Bekanntschaft in einer eigenthümlichen Vortragsweise. Er pruhstete nicht gerade, räusperte und schnurrte auch nicht, aber sein Stimmchen war höchst fein und konnte erst durch mancherlei Manöver zu hinlänglich ausreichendem Athem kommen …

Durch seine Mittheilungen gab es dann Rückblicke auf manches Düstere und Schauerliche, das lieber in diesem Kreise vermieden gewesen wäre. Der Mönch Sebastus wurde erwähnt, der krank lag im Kloster Himmelpfort, wohin ihn die Regierung hatte zurückbringen lassen. Das Pentagramm und die Tannenfahne (Tanfana), beides Symbole der göttinger Bierhäuser, kamen zur Sprache und bei Gelegenheit der Thaten des Kronsyndikus und der ewigen Ruhe desselben rühmte Püttmeyer wieder Armgart’s Symbolik des Fegefeuers. Die Tante war es, die streng mit ihrem schwarzen Handschuhfinger das niederwärtsfahrende geflügelte Kreuz am beschlagenen Fenster ohne alle Rücksicht hinmalte.

Eine Pause trat nun ein. Armgart durchlebte sie im Geist auf dem Nachen von Lindenwerth. Benno stand mit dem Hut in der Hand sie grüßend, wie sie ab-71fuhr vom Hüneneck … Sie seufzte tief auf … An ihrem Aschenbecher zog sie mit den Schmelzperlen ebenso auch schon manche Thräne auf … Sie sah kaum hin, als Püttmeyer ihre Symbolik so unausgesetzt lobte und ausführlicher noch als im Briefe an die gute Angelika sprach:

Ja, Ihr Herz Gottes, mein sehr geehrtes gnädigstes Fräulein, ist – ist eigentlich der bedeutungsvolle Kreis! Der Kreis ist – hm! – unser inhaltreichstes Symbol! Der Kreis drückt die Welt selbst aus, das All, wie schon die Alten die geringelte Schlange – hm! – noch tiefsinniger aber das Ei als den Urgrund alles Seins bezeichneten. (Die Tante replicirte im Geiste, daß doch die Hühnereier oval wären …) Die Kugel – das runde Ei der Schlange – (das war fast wie ein Treffer auf den errathenen Einwand der berühmten Wirthschafterin) ist das Vollkommenste oder richtiger die Vollkommenheit selbst, der Begriff, die Monade, das Atom. Es ist – hm! – die ganze Einheit, die an den Dingen ihr wahres Wesen ausdrückt! Denn ob nun ein Weltball oder eine Kegelkugel – hm! – eine Kegelkugel – (die Tante dachte hier an den Finkenhof und die Reformen des eifernden Pfarrers) es ist dieselbe Idee der harmonischen Beziehung eines Mittelpunktes – hm! – zu millionenfacher gleichzeitiger Entfernung. Was Sie sehen, meine gnädigsten Herrschaften, der Schnee da – hm! – der Vogel, der bereifte Baum, der Rauch eines Hauses, alles – hm! – ist die Wirkung einer Ursache, die wiederum zu einer andern Ursache als ihrem Mittelpunkte zurücklenkt und so geht das ganze Dasein – hm! – centripetal auf ein Inneres, aber auch immer wieder – 72 hm! – centrifugal auf ein Aeußeres, eine große Rundfläche aller Dinge. Die Allheit – die Allheit dieser Strebungen ist das Sein in Gott. Die Gottheit – ist die Kugel und alle Seelen sind – hm! – Sphäroiden. Das Suchen des Mittelpunktes der Welt gibt den Radius. Wohl dem, der den längsten gefunden hat! Den, der – der durch den Mittelpunkt der Welt geht! Dessen Denken ist – hm! – gleich Gott selbst!

Die Tante fand das alles im Grunde sehr schön und so beim Fahren zwischen Sanct-Libori und Westerhof auch höchst merkwürdig, indessen meinte sie doch, um eine gewisse Opposition, die sich in ihr regte, nicht ganz zu unterdrücken: Oder sein Glauben, Herr Doctor? … Dann wandte sie sich, weil sie, namentlich für die häßlichen Schlangeneier noch irgendeine schärfere Eruption ihrer andern Ansicht von alledem haben mußte, zu Armgart und sagte:

Armgart, Armgart! Was träumst du nur ewig!

Da Armgart kaum zuhörte, sagte Paula, die die dem Doctor ungünstig werdenden Gedanken der Tante errieth:

Liebe Tante, das Kreuz ist nie so schön verklärt worden, wie vom Herrn Doctor Püttmeyer!

So? sagte die Tante fast verächtlich. Die Kugel kann ich für nichts so Großes halten!

Püttmeyer streckte Nase und Kinn aus seinem Shawl hervor und erwiderte:

Ist nicht – hm! – meine Gnädigste – der Apfel des menschlichen Auges – Bitte, gnädigste Comtesse! wandte er sich dann, die Rücksichten der Etikette abwägend, sogleich wieder zu Paula, die zuerst gesprochen. Das Kreuz ist auch eben nur die Offenbarung der Kugel …

73 Nein, nein, nein, nein! rief die Tante. Gott ist keine Kugel …

Armgart nahm noch immer keine Notiz. Sonst würde sie schon längst gesagt haben: Aber ich bitte dich, liebe Tante! Das sind ja gar keine Gegenstände für dich! … Paula blickte auf Armgart. Sollte sie denn nun heute Armgart’s Rolle übernehmen und statt deren polemisiren? … Sie sagte ganz heiter:

Ei, Tantchen, das sind ja doch nur Bilder –!

Ei, das weiß ich sehr wohl –! Ich bin nicht so dumm! … fuhr die Tante auf …

Mein gnädiges Fräulein, beschwichtigte Püttmeyer, wenn ich beim Grafen Münnich die Ehre haben werde, mein System an Beispielen zu erläutern, so zweifle ich nicht an Ihrer – hm! – gewogentlichsten Zustimmung … Gott – hm! – ist die Idee des Kreises, die Radien und Diameter sind die Begriffe – hm! – des Lebens. Die Linie ist das Gegentheil des Kreises, das ewig – hm! – Continuirliche, die Ausdehnung, der Raum und die Zeit. Nun sind aber nur diejenigen Linien vollkommen, die einer Wesenheit angehören und die höchste Wesenheit kann nur sein – hm! – im Mittelpunkte eines Kreises zu stehen – d. h. wie man ja schon im Leben sagt, ins Schwarze zu treffen – (Die Tante dachte hier an die bevorstehende große Jagd mit allen ihren Sorgen und möglichen Unglücksfällen.) Denken Sie sich Linien, die da- oder dorthin gehen – hm! – an der Fläche der Kugel oder ein wenig in sie hinein, Tangenten, Sekanten, alles ohne den Urgrund, der da ist: Dem Mittelpunkt anzugehören! Alle Stre-74bungen des bunten Lebens müssen im Mittelpunkt sich durchkreuzen und so ist das Kreuz – hm! – auch recht der eigentliche Ausdruck der geoffenbarten Gottheit und im Grunde wieder die Kugel, d. h. Gott selbst …

So aufmerksam Paula zuhörte, so interessirt sich jetzt endlich auch Armgart etwas dem Gespräche zuwandte, schüttelte die Tante doch den Kopf und fand diese fromme Wendung, die der arme Denker erst in einem Nachtrag seines Systems gegeben habe, als er wegen „Christus und Pythagoras“ beinahe excommunicirt worden war, keineswegs katholisch und überzeugend … Wir haben auf unsern Altären, sagte sie sogar mit Feinheit, das Kreuz mit zwei Balken, einem langen und einem kurzen, die doch eher dem Oval, als der Kugel entsprechen …

Aber Tante, die Griechen! Der heilige Andreas! warf jetzt fast ärgerlich Armgart hinein …

Ach, das weiß ich selbst! – lehnte im selben Tone die Tante ab und verbat sich den Schein, als wenn sie nicht wüßte, daß das griechische Kreuz, wie das Kreuz beim Johanniterorden, zwei ganz gleiche Schenkel hätte …

Der Einwurf ist ganz richtig! begütigte Püttmeyer die gereizte Stimmung und vergaß keinesweges, daß ihn Drohungen auch mit dem päpstlichen Index einst gezwungen hatten, seine Philosophie urkatholischer zu modeln. Das griechische Kreuz ist in der That unvollkommen! sagte er. Es drückt nur die Gottheit Christi allein aus! Wir Alle wissen aber und bekennen es nicht blos in der christkatholischen Lehre – hm! – daß Gott der Herr die Knechtsgestalt annahm. Demnach ist der längere Balken – hm! – die Gottnatur, der kleinere 75 Querbalken aber die irrende, menschliche – hm! – mittelpunktlose, die durch die Kugel nur ein gewöhnliches Segment macht. Gerade nur an einem solchen Segment konnte der Heiland rufen: Mich dürstet! Nur an einem solchen Kreuze, das halb dem Weltall, halb dem kleinen Jerusalem und dem Jahre 33 nach – hm! – Christi Geburt angehörte, halb dem Gott, halb dem Menschen, konnte Jesus für uns leiden! Jener Doppelquerbalken der großen Würdenträger und des Papstes, ein Symbol, das gleichsam der dreifachen Krone entspricht und das wir auch auf das Haupt – hm! – des Pfauen im Teppich gesetzt haben (Püttmeyer malte ans Fenster ein ‡), ist die Einigung beider Auffassungen, der griechischen und römischen, des Christus des Dogmas und der Concilien, und des Christus der Osterwoche, des leidenden. Uralt ist schon die Ahnung unsers christkatholischen Kreuzes bei allen Völkern. Der Hirtenstab in den Händen des Osiris, der Stab des Hermes, der die Seelen geleitet, der Hirtenstab des Pan, der seinerseits sogar schon das All bedeutete … Das All, meine gnädigsten Herrschaften – hm! – und dazu der Stab des guten „Hirten“! Wie nahe kam da schon die gerade Linie der Ahnung, daß nur noch die große Veranstaltung zum Kreuze fehlte! Moses – hm! – schlug schon mit einem Stab aus Felsen Wasser! Aesculap, der Gott der Heilkunde, trägt einen schlangenumwundenen Stab! Ja im frühgebrauchten Zeichen der Venus, des Sternes der Liebe, sind der Kreis und schon das Kreuz verbunden – ♀. Das ist dann – hm! – der freundliche Morgen- und Abendstern, der Stern des Morgenlandes, 76 der die Wahrheit halb schon ahnte, die dann an der Krippe Jesu erst ganz vernommen wurde, diese Wahrheit, die, wenn man sie ganz bezeichnen wollte, einem Rade gleichkäme, ich meine, dieser Figur: ⊕. Die drückt die ganze Schöpfung aus!

Alle schwiegen … Theils vor Bewunderung, theils vor Nichtverständniß, theils aber auch – vor Schauder an dem Bilde des Rades, das Püttmeyer an die Fensterscheiben malte … Armgart und Paula kannten die Sage von dem Rade auf dem Schloß des Kronsyndikus …

Püttmeyer begriff das eintretende Schweigen nicht. Er war gewohnt, solche tiefkatholische Philosophie lebhafter applaudirt zu hören. Dennoch hob ihn bald wieder die Aussicht auf den vornehmen Comfort des Schlosses und auf das Mittagsmahl …

Noch war das Schloß nicht ganz erreicht. Man sah es aber schon. Schloß Westerhof lag auf einer kleinen Insel. Ohne Zweifel war die Brücke, die jetzt von einem Heiligen gehütet wurde, in alten Zeiten eine Zugbrücke gewesen und hatte zu einer Burg geführt, von welcher noch jetzt vielleicht die vier starken Eckthürme des Schlosses herrührten. Der Herrensitz der großen Gütermassen der Dorste-Camphausen stammte aus der Mitte des siebzehnten Jahrhunderts und war jedenfalls nach den Verwüstungen des Dreißigjährigen Krieges neu auf alten Trümmern erbaut. Von allen Seiten mit hohen Pappeln geziert, bot das Schloß nicht etwa einen Prachtbau dar; Glanzliebe würde nicht dem Charakter der Gegend entsprochen haben. Vier bewohnbare Thürme 77 erhoben sich an den vier Ecken eines Quadratgebäudes, oben sich zuspitzend zu einem schieferbedeckten Runddach mit kupfernem Knauf. Zwischen diesen vier Thürmen gingen vier gleichmäßige Seiten von zwei Stockwerken und zwölf Fenstern der Länge nach, im zweiten Stock an jeder Seite ein Balcon von altem künstlich gewundenen Schmiedeeisen. Ein dritter Stock verengte sich in einen Giebel, der gleichfalls spitz zulief und in einem Knopfe endete, sodaß das ziemlich regelmäßige Gebäude acht Spitzen hatte und recht gut auch einem Kloster entsprochen hätte. Die Wirthschaftsgebäude lagen weiter ab und außerhalb der Insel, die ihrerseits groß genug war, auch noch an der Hinterfronte des Schlosses einen parkartigen Garten zuzulassen, der sich jenseit einer zweiten Brücke verlängerte und jetzt schon manche Anlage aus dem Schnee heraus unterscheiden ließ, zumal wenn sie aus Tannen bestand.

Endlich fuhr der Wagen über den hartfrierenden, knirschenden Schnee und die steinerne Hauptbrücke; die Rosse standen und dampften vor dem Portal, einem kleinen, dem Geschmack des Ganzen völlig entsprechenden Schnörkeldache, das von zwei kurzen Säulchen getragen wurde. Zwei große Hunde sprangen den Rossen entgegen. Nun galt es, sich aus den Pelzen herauszuwinden …

Da aber hatte Tante Benigna schon bemerkt, daß der Schnee auf Paula plötzlich eine eigenthümliche Wirkung zu äußern anfing. Schon lange ermüdeten ihre Augen. Und so theilnehmend Paula lächelte und mit der ganzen Lieblichkeit ihres Antlitzes den Worten des 78 Doctors lauschte (dachte sie doch immer, was wol Bonaventura zu all diesen Philosophemen sagen würde!) – allmählich wurde ihr Blick trüber und immer abwesender. Erst schien nur der Schnee sie zu blenden, die schwarzen Wimpern sanken nieder und hoben sich nur leise; als man aber am Schloß war, hatte auch Armgart schon die Entdeckung gemacht, daß Paula in dem ihr eigenen halb wachen, halb schlafenden Zustande war. Sie verrichtete alle Functionen wie mit vollem Bewußtsein, gab Antworten auf jede an sie gerichtete Frage, nahm Armgart’s Hand, die sie führte, streichelte auch die Hunde, die in allen möglichen Stellungen sie umkreisten, springend, kratzend, als gält’ es, unter den Strohmatten auf der Treppe, die schon beschritten wurde, oder an den Ritzen der dunkelbraun gestrichenen hohen Thüren, die auf die Corridore hinausgingen, nach Mäusen zu jagen. Die Tante dämpfte alles, was stören konnte. Erst als Püttmeyer auf der Treppe eine Anzahl von Kranken sah, Mütter mit Kindern, Blinde, Lahme mit Krücken, Bittende mit Briefen in der Hand, da verstand er, daß ihm heute auch noch das hohe Glück zu Theil werden sollte, Zeuge der vielbesprochenen ekstatischen Zustände der jungen Gräfin zu sein!

Am geheimnißvollen Schleier der Isis zu stehen ist nichts Kleines. Püttmeyer’s Athem, ohnehin nur kurz, stockte vollends. Mechanisch ließ er sich von dem Diener seiner Umhüllungen entkleiden. Fast hätte er auch sein großes weißes Halstuch abbinden lassen, das einer schützenden Ueberbinde ähnlich sah. Die rasche Hülfe eines jungen, in eleganter Toilette hinzuspringenden Mannes schützte ihn 79 vor dem Misverständniß und dem Verlust eines schönen Knotens, den ihm die Frau Steuerinspector Emminghaus mit eigener Hand heute früh gebunden hatte …

Der junge hülfreiche Mann war Thiebold de Jonge … Mit seinem nur „scheinbaren Adel“ hatte er sich nicht an dem Leichenbegängniß betheiligen wollen. Tante Benigna ersah mit sichtlichem Wohlgefallen, wie der vorzugsweise von ihr gern gesehene und ein für allemal geladene Gast sich schon wieder nützlich machte …

Paula wurde von Armgart geführt … Hoch und schlank schritt sie dahin. Den schweren Sammetmantel hatte man ihr schon abgenommen. Sie war unter ihm in schwarze Seide gekleidet. Alle Thüren wurden aufgerissen. Die Diener kannten schon, wie sie sich in solcher Lage zu benehmen hatten … Paula schwebte förmlich … Die Frauen führten sie in ihre Zimmer. Püttmeyer, voll Staunen und die Hände faltend, blieb mit Thiebold allein. Thiebold hatte für eine seiner gewohnten geistreichen Aeußerungen, die in diesem Augenblick lautete: „Nicht wahr? Doch merkwürdig?“ nie so viel Zustimmung gefunden.

Im großen Vorsaal, der etwas düster war, da ein über ihm befindlicher Balcon ihm das Licht nahm, befand sich an der Thür das Weihwasser …

Tante Benigna und Armgart hatten sich beim Eintreten trotz der Aufregung durch Paula’s Zustand benetzt; Paula war vorübergegangen …

Vom Vorsaal schritt man zur Rechten in ein geräumiges, wenn auch nicht zu großes Wohnzimmer. Hier war alles mit Teppichen belegt. Die Vorhänge waren von grüner Seide. Ein Flügel stand aufgeschlagen, auf 80 dem ohne Zweifel Thiebold eben einige Fingerübungen gemacht hatte, denn mit so wenig Virtuosität, wie er sie besaß, hier Effect zu machen, hätte er sich nicht für möglich gedacht. Sopha, Stühle, alles war mit grüner Seide überzogen. Die Etagèren und kleinen Schränke waren von dunkelbraunem Holze und in gothischen Formen. Die Bilder stellten Scenen aus dem Leben der Apostel und Heiligen dar. An frommen Büchern und Provinzialzeitungen war kein Mangel …

Püttmeyer kämpfte nicht wenig, wie er es anstellen sollte, über Dinge, die hier so leicht genommen wurden, sein ganzes Erstaunen auszudrücken. Er kannte Erfahrungen dieser Art nur aus Büchern. Er hatte Abends „bei Schönians“, wo er jeden Abend seine zwei Gläser – Gerstenschleim trank, oder an seine ihn besuchenden Verehrerinnen sich, wenn er um Erklärung angegangen wurde, dahin geäußert, daß das klare und intellectuelle Leben des Menschen die Centripetalität, d. h. das Streben zum Mittelpunkt wäre, aber das Gefühls- und nervöse Leben die Centrifugalität. Er hatte oft geäußert, daß man einer solchen Verrückung und Umkehrung dieser Thätigkeit, wenn sie auch Krankheit wäre, getrost nachgeben und der großen Weltseele näher zu kommen suchen sollte. Da die Visionen der Gräfin keineswegs recht in die christlichen Anschauungen passen wollten, da sie, wie Armgart’s Mutter noch vor kurzem bei Piter Kattendyk etwas zu vorschnell geglaubt hatte, keineswegs immer mit Christus und der Gottesmutter „im Jenseits“ verbunden zu sein behauptete, so hatten die Priester ringsum noch keine besonders entschiedene Meinung über 81 sie aussprechen mögen. Aber die hohe Stellung der Gräfin hinderte ein Einschreiten dagegen. Dann war von der Residenz des Kirchenfürsten, als noch Michahelles allmächtig war, die Weisung gekommen, an den Vorfällen nichts zu stören, sie gehen zu lassen, wie sie gingen, und erst die Ankunft des Domherrn und Archipresbyters von Asselyn abzuwarten, der Bericht erstatten sollte. Umsomehr konnte Püttmeyer die Ansicht von bösen Dämonen und einem unheiligen Zustande bekämpfen; vollends da, als er hörte, daß Paula vorzugsweise von großen unermeßlichen bunten Ringen sprach, durch die allemal erst ihr geistiges Auge hindurchdringen müsse, wie durch ein großes, riesig aufgezogenes Perspectiv … Und als Armgart ihn zum ersten male besuchte und die Rede von Paula’s Visionen war, hatte sie ihm gesagt: Des Magnetiseurs bedarf sie nicht. Der Onkel macht sie durch einfache Berührung hellsehend. Vor Jahren durfte der ehemalige Porteépée-Fähnrich von Asselyn, jetzige Domherr, nur in der Nähe sein, so fühlte sie den Strom, der ihr durch die Fingerspitzen wie in glühenden Tropfen abfiel, und was man sie fragte, sah und hörte und las sie. Erst sind’s immer große bunte Ringe, die sie sieht, dann sind’s grüne Wiesen, darüber leuchtet Violett- und Rosaschein und nun begegnet ihr alles, was diesseit und jenseit der Erde lebt, sowol die großen Jagdhunde des Onkels, wie die Heiligen Gottes, sowol Tantens verlegte Ueberschuhe, wie König David mit seiner Harfe!

Thiebold stellte dem Doctor sich selbst vor und äußerte im Mäcenaston seine Freude, einen so „berühmten Dichter“ 82 persönlich kennen zu lernen … Benno hatte ihm einige Erläuterungen über ihn gegeben und gern hätte er schon à la Piter Kattendyk gesagt: Speisen Sie bei mir!

Ich habe bereits so vieles Schmeichelhafte von Ihnen gehört und „gelesen“! fuhr er fort. Und besonders von Fräulein Angelika Müller! Haben Sie lange keine Nachricht von dieser Vortrefflichsten? Ich habe immer gerechnet, Ihre Verbindung bald annoncirt zu hören. Herr Doctor, Herr Doctor! Ich sollte meinen, es wäre Zeit …

Püttmeyer konnte so raschem Redestrom nicht folgen, wodurch Thiebold veranlaßt wurde aufs neue auf Angelika zurückzukommen und den Geist, das Gemüth, vorzugsweise aber die himmlische Geduld dieser Einzigen zu rühmen …

Püttmeyer bestätigte alles das, seufzte tief auf und sagte wiederholentlich:

Laissez passer! Laissez passer! Laissez passer!

Wie so? entgegnete Thiebold mit elegischem Blick und fuhr sich mit den bei Ankunft des vierspännigen Wagens wieder von ihm angezogenen weißen Handschuhen in sein in Witoborn, wo er mit Benno bei Hedemann wohnte, schön frisirtes Blondhaar und verschluckte eine sentimentale Wendung, die etwa sagen wollte: Auch du mußt dich ja an verklungene Hoffnungen gewöhnen! … Denn Armgart war sonderbarerweise auch ihm das nicht mehr, was sie einst gewesen … Ein Räthsel umspann die Freundin, ein Räthsel, „glücklicherweise“, konnte er in seiner „Bosheit“ sagen, auch für Benno …

Ein Diener trug eben eine sonderbare Last an ihnen 83 vorüber … Es war ein Kissen voll kleiner Gegenstände, wie Nadeln, Ringe, Brochen, Gebetbücher, Rosenkränze, Crucifixe … Der Diener ging damit schnell, aber fast auf den Zehen in die noch offenstehende Thür, durch welche man Paula in die innern Gemächer geführt hatte …

Auf Püttmeyer’s Erstaunen gab ihm Thiebold eine Erklärung. Der Zudrang zu Paula’s Wunderkraft nehme immer mehr zu. Der Onkel Levinus verböte zwar die Abgabe der hundert Dinge, die die Gräfin nur einmal zu berühren brauchte, um sie heilkräftig zu machen, auch Tante Benigna nähme Rücksichten auf Paula’s Gesundheit und Ruhe und dennoch besäße man die Freundlichkeit und „stellenweise“ die Schwäche, der Aufregung der ganzen Provinz und der Zeit ohnehin „Rechnung zu tragen“ … In der That hätte oft ein Schreiber in der Rechenei der gräflichen Güter unausgesetzt mit dem Zurücksenden solcher Dinge zu thun und obgleich der exacte Sinn des Onkels jedem dabei schreiben lasse, er bedauerte diese Gegenstände so zurückschicken zu müssen, wie sie gekommen wären, ließe sich der Volksglaube doch nicht nehmen, daß diese Gegenstände von der wunderthätigen jungen Gräfin, der Seherin von Westerhof, wirklich berührt worden wären. Man empfange ablehnende Antworten und doch wären schon die Briefe den Leuten geweiht und wirkten auch. Im ganzen Lande stünde fest, daß eine von Gräfin Paula berührte Wachskerze nur angezündet zu werden brauchte am Bette eines Leidenden und alsbald würde sein Uebel verschwinden …

84 Püttmeyer thaute vor dieser mittheilsamen Suada auf … Auch er erzählte von Armgart’s Besuch … Fräulein Armgart von Hülleshoven, sagte er, erzählte mir, daß die Comtesse vor allem an sich selber glaube. Sie sagte mir: Wie sollte meine Freundin denn diese eigenthümliche Kraft sich deuten, die ihr ganzes Sein immer wie aufwärts zieht? Es ginge ja durch ihr Inneres, und das ganz körperlich, manchmal ein Strom quer über den Rücken hinweg, als müßte sie sich beugen und, wenn sie wollte und dabei an Gott dächte, theilte sich dieser Strom und liefe in die Arme und Fingerspitzen aus, aus denen es ihr dann wie heiße Tropfen perlte! Schon als Kind hätte ihre süße Freundin diesen Strom gehabt und oft zu Fräulein Benigna, ihrer Erzieherin, gesagt: Tante, ich könnte mich rückwärts biegen wie ein Ring und so mit dem Kopf auf die Erde kommen! Und einmal – doch ich bitte Sie – Herr Baron –

Bitte recht sehr! versicherte Thiebold seine Discretion und erröthete über seinen „scheinbaren Adel“ …

Püttmeyer wollte nur entschuldigen, daß er so viel allein sprach …

Einmal, Herr Baron, war Fräulein Benigna, die die Wirthschaft des Grafen Joseph führte, voll Verzweiflung zu diesem in sein Studirzimmer gestürzt und hatte ihn gerufen, zu Hülfe zu kommen. Da sahen sie Comtesse, so schlank und lang sie schon war, mit aufgelöstem Haar auf der grünseidenen Decke ihres Bettes stehen, im langen spitzenbesetzten Hemde und hochaufgerichtet wider die Wand, dicht zwischen dem Weihwasserkessel, dem Crucifix und dem Bilde ihrer Mutter sich an-85stemmend und gegen die Wand sich so furchtbar drängend, als wollte sie die Mauer eindrücken …

Thiebold strich sich die Frisur, als fühlte er, wie sie sich „vor Horreur“ sträubte …

Ja, Herr Baron! fuhr Püttmeyer erregt fort. Fast unglaublich, aber Fräulein Armgart versicherte es. Der Mond stand gerade gegenüber und schien Comtessen ins Antlitz. Comtesse war bei völliger Besinnung und sagte nur immer: Ich muß das so! Die Aerzte sprachen damals, wie ich wol verstand, von der Entwickelung des weiblichen Lebens und konnten nur Vorbaumaßregeln anempfehlen, wenn die Anfälle sich wiederholten … Aber sie kamen wieder mit allen Schrecken von Bewegungen, die oft aller uns geläufigen Gesetze von der Schwere und Centripetalkraft der Dinge spotteten. Das kranke Mädchen konnte sich gegen die Wand abstemmen und in der Schwebe mit ganzer Körperschwere erhalten. Somnambulismus fehlte damals noch. Vielmehr stellte sich in ihrem fünfzehnten Jahr eine starke Reaction des Körpers in seinen Muskeln und sozusagen irdischern Theilen ein. Der Gang wurde träge, hängend, Comtesse fingen zu hinken an. Nun kamen sie auf die berühmten Streckbetten einer süddeutschen Stadt. Das zweijährige Liegen in einer fast ununterbrochen gleichen Lage schloß ihr allerdings wol die Pforten des Phantasielebens auf; doch bald trat immer deutlicher Clairvoyance hinzu. Sie kannte ihren Zustand. Sie hielt ihn so werth, daß sie, wie Fräulein Armgart versicherte, in der Beichte sich der Eitelkeit anklagte. Da ihr Befinden, einige vorübergehende Störungen ausgenommen, kein eigentlich krankes 86 war, wenn sie sich in ihrer gewohnten Weise erhielt, so blieben von ihr die Zumuthungen künstlich magnetischer Einwirkungen fern. Sie hatte ihre bestimmten Zeiten des Schlafes, bestimmte Bedingungen, wie den langen Anblick des Wassers, des Metalls, des Schnees, die ihr ein waches Träumen verursachten. Dann durfte nur der Herr Baron von Hülleshoven leise einmal mit der Hand über sie hinstreifen und sie antwortete auf jede Frage, die er an sie richtete. Sonst wirkt, hör’ ich, alles auf sie, was sie lieb hat, selbst das Anstreifen – ihrer großen Doggen! Sie ist im Bann des Wohlbefindens bei gewissen Menschen ebenso, wie im Bann des Schmerzes bei andern. Hört sie von Hoffnungen, die auf sie gerichtet werden, so nimmt sie ihr Brevier, liest die entsprechende Tagzeit und glaubt, ihr Gebet müßte geholfen haben; wenigstens zöge es sie, sagte Fräulein Armgart, mit ganzer Seele zu den Leidenden hin … Seit einiger Zeit vollends soll die Heilkraft und die Sehergabe außerordentlich geworden sein …

Hier wurde Püttmeyer’s förmlich in einen reißenden Strom gebrachte Rede von demselben Diener unterbrochen, der eilends und erschreckt zurückkehrte, das Kissen mit den Gegenständen von vorhin noch auf der Hand …

Was ist? fragte Thiebold …

He spreekt! sagte der Diener auf plattdeutsch und eilte bestürzt vorüber …

Sie spricht? … wiederholten beide …

Thiebold, mit jenem Vorwitz, „den auch nur er haben konnte“, zog den Doctor, der sich sträubte, näher, beschritt die offene Thür, kam durch ein Zwischenzimmer, 87 fand wieder eine Thür offen, dann einen schwersammetnen blauen Vorhang, lüftete diesen und ließ ihn plötzlich sinken …

Es war ein kleines Durchgangscabinet, noch vor Paula’s Schlafzimmer … Hier lag die Schlafende auf einem Ruhebett und sprach in vernehmlichen Worten.

88 4.#

Dies Vorcabinet war ein Neubau, der eine frühere Unterbrechung der Wohn- und Schlafzimmer durch einen Gang verhinderte und verdeckte. Von einem obern Zimmer hatte es ein durch gedämpftes Glas hereinfallendes Kuppellicht …

Das Schlafzimmer daneben war fast dunkel, aber die dunkeln Schatten leuchteten bunt. An den Fenstern prangten praktikable bunte Läden von bleigefügten, schön zusammengestellten alten Kirchenfenstertrümmern …

Es sah hier aus wie der Eingang in eine Kapelle …

In dem Vorcabinet, beschienen von dem matten Kuppellicht, lag Paula, völlig angekleidet auf einem Ruhebett … Die Haare glänzten golden … Ihre Augen waren geschlossen, ihre Blicke lächelten … Armgart stand zu Paula’s Häupten, selbst geisterhaft wie eine Botin aus jenem Traumreich, von dem einst der griechische Sänger sagte, es hätte zwei Ausgangspforten, eine von Elfenbein, aus dieser kämen die unwahren Träume, eine von Horn, aus dieser kämen die zutreffenden … Die Tante hielt Paula’s Hände …

Thiebold wagte nicht einzutreten, zog sich aber auch 89 nicht zurück und winkte vielmehr dem Doctor, der so kreideweiß war, wie seine Halsbinde …

Deutlich hörte man die langsam und hellgesprochenen Worte:

O die liebe, liebe, liebe Sonne! … Wie glitzert das im Schnee … Ein Brillant auf jeder Tannenspitze … Ach, ach! … Das ist ein Schatz – im Düsternbrook …

Im Düsternbrook?

Püttmeyer glaubte, die Seherin wäre in dem Reiche der ewigen Kreise, Tangenten und Sekanten – Der Düsternbrook lag nur drei Meilen von hier …

St! sagte aber Thiebold schon, nur auf eine Ahnung hin, Püttmeyer könnte sich erläuternd oder anzweifelnd bewegen …

Püttmeyer schluckte nur seine Angst hinunter und hielt sich an einen Stuhl, um nicht das Gleichgewicht zu verlieren …

Nun kommen sie! fuhr die Träumende fort … Wie sie so lieblich singen, die Mönche! … Silberbeschlagen ist der Sarg … Laienbrüder tragen ihn … Die Armen! Wie die Füße so nackt durch den Schnee müssen! … Alle singen: Dona eis pacem … Wie heißt das, Fräulein – Schwarz? …

Die Träumende schwieg …

Thiebold stand schreckergriffen. Er glaubte, „versichert sein zu dürfen“, daß die Gräfin drei Meilen weit das eben stattfindende Begräbniß des Kronsyndikus sähe; aber was sollte dann Fräulein Schwarz, die doch wol niemand anders sein konnte, als ihre frühere Gesellschafterin, 90 jene Lucinde, der Benno ein lateinisches Wörterbuch gekauft hatte? War denn diese bei dem Begräbniß zugegen?

Püttmeyer schlich athemlos einen Schritt näher …

Die Gräfin sprach schon wieder laut, doch etwas unverständlicher …

Erst allmählich unterschied man die Worte:

Die Wagen nehmen ja kein Ende … Ich zähle schon dreiundzwanzig … in dem ersten hinter den Franciscanern sitzt der Präsident von Wittekind … Neben ihm der Domherr …

Wieder eine Pause …

Dann der Onkel mit Benno –! fuhr Paula fort …

Wieder schwieg sie …

Es geht so langsam … Den Schnee schütten die Bauern auf … Da läuft ein Reh über den Weg … Alles ringsum Wald … Aber die Menschen … Singen die und sie läuten auf dem Schlosse … Der Zug kann jetzt nicht durch … Jetzt schweigen die Mönche … Einer singt … Pater Ivo … „Maria, Maienkönigin! Dich will der Mai begrüßen!“ … Der Mai in diesem Winter! …

Püttmeyer kannte ja auch den Mariensänger, den Grafen Johannes von Zeesen, der mit seinem Husch! Husch! die Melusinen verjagte …

In der dritten Kutsche … fuhr Paula den Bebenden fort zu erzählen … da sitzt der Herr von Terschka … Bei ihm der Landrath … Wie jung ist der heute wieder! … Herr von Enckefuß ist ganz geschminkt und schön frisirt … Die Mönche singen … Wie scheint die liebe Sonne auf den silbernen Sarg! … Ein Kissen 91 liegt auf ihm mit allen Orden des Onkels! … Wie funkelt das! … Vierzehn Mönche sind es … Zwei fehlen … Sebastus und Hubertus fehlen …

Sebastus? – sagte, seinem Temperament verfallend, Thiebold halblaut …

Den seh’ ich ja jetzt auch! … hauchte Paula, als wenn sie Thiebold’s Frage gehört hätte und alle, auch wol drinnen die Frauen, mochten denken: Den Sohn des Mannes sieht sie, der erschlagen wurde von dem Todten, den sie eben begraben?

Der liegt recht krank! fuhr Paula fort. Er liegt im Krankenkämmerchen von Himmelpfort … Ach, das ist da eng und klein! … Durch ein Gitter … Da kann er in eine andere Zelle sehen, nicht acht Schritte lang … Das ist die Kapelle der Kranken … Fünf Schritte breit ist auch die nur … Maria von altem bunten Holze … Neben ihr – dahin also legen sie ihre Weihnachtskrippchen? … Ein Oechslein … ein Eselein … wie zum Spiel für Kinder … Gebt sie ihm doch! … Geht das Eselchen nicht durch das Gitter? … Es geht … Armer Pater, spiel’ mit dem Krippchen der Franciscaner! …

Lange blieb es jetzt drinnen still …

Tante Benigna sprach endlich laut und betonte die Worte so scharf, als könnte Paula dadurch verhindert werden, ferner ihren Geist außerhalb der körperlichen Hülle dahin schweifen zu lassen …

Armgart aber schien das höchste Verlangen zu tragen, vom Leichenbegängniß mehr zu wissen …

Nein! Nein! Komm! sagte die Tante mit Entschiedenheit …

92 Laß sie doch, Tante! bat Armgart …

Sie träumt das nur so – komm! … Sie sieht es nicht …

Die Tante hatte schon die Vorhänge ergriffen und bedeutete die Männer, sich nicht den Zwang anzulegen, zu leise aufzutreten; man dürfte getrost ganz laut sprechen …

Schon wollte sich entfernend Püttmeyer in Andacht, Thiebold in Bewunderung ausbrechen, als Armgart, die sich nicht trennen konnte und jetzt weit über dem mit einer seidenen Decke belegten Ruhesopha hingestreckt lag und das in glatten Scheitel gewundene Haar der Freundin streichelte, hastig winkte und die Tante bedeutete, Paula schiene einen heftigen Schmerz zu fühlen …

Schnell wandte sich die Tante …

Da sie gleichfalls zu sehen glaubte, daß sich Paula durch irgendetwas erschreckt fühlen mußte, kehrte sie zurück …

Der Vorhang, der die Männer von dem Gemache trennte, fiel wieder zu; aber sie hörten die angsterfüllte Stimme der Träumenden in kurzen Sätzen die Worte ausstoßen:

Wer stört nur da – die Ruhe des Todten? … Der Zug hält ja … Wer spricht? … Das ist die Eiche, an der … Wer spricht nur immer und predigt so laut? … Ha! … Herr von Terschka springt aus dem Wagen … Die Mönche schweigen … Benno … Gensdarmen … Der – Jude …

Merkwürdig! rief Thiebold, dem das Traumsprechen Paula’s an sich nicht neu war, und ergriff die Hand des zitternden Doctors, dem der Angstschweiß auf die Stirne trat. Was mag denn nur vorgefallen sein? …

93 Nichts mehr wurde hörbar … Man vernahm ein Murmeln der Gräfin, ein unverständliches Sprechen, wie durch die Zähne … Dann war alles still.

Die Tante kam heraus und sagte, scheinbar voll Beruhigung und doch voll Bestürzung:

Sie ist erwacht!

Jetzt – in einem Augenblicke – flüsterte Thiebold …

Wo ich, konnte die Tante für sich hinzusetzen, schon die Freude habe zu sehen, wie dieser liebenswürdige junge Mann förmlich schon unter dem Umstand leidet, seinen Hut nicht holen und sich bei etwas Vorgefallenem nützlich machen zu können … Wie ganz anders das, als einst z. B. mein Levinus war! …

Im Erwachen weiß sie nichts mehr von dem, was sie im Traumschlaf gesehen? fragte Püttmeyer im Gehen und athemlos vor Beklemmung …

Kein Wort weiß sie dann! bestätigte die Tante. Sie können sich denken, wie diese Dinge uns aufregen. So besonders lebhaft sprach sie seit lange nicht wieder, und wir glaubten schon den höchsten Grad erreicht zu haben … Sie werden sehen, daß sich unser Engel nach einigen Minuten erholt hat und am Arm ihrer Freundin eintritt, als wenn nichts geschehen wäre … Was mag nur die plötzliche Störung gewesen sein! Und gerade da, an – der verhängnißvollen Eiche? …

So kamen sie in das behagliche Wohnzimmer zurück …

Und Sie dürfen in der That annehmen, meine Gnädigste, begann Püttmeyer, daß das alles –

Na natürlicherweise! fiel Thiebold ein und erklärte es für „selbstverständlich“, daß die Herren, die gegen 94 Abend zurückkommen würden, alles das als wirklich so vorgefallen bestätigen würden …

Püttmeyer mußte bedauern, daß die weite Entfernung Eschedes ihn zwang, unmittelbar nach dem Diner sich schon in den Wagen zu setzen, der ihn heute früh abgeholt hatte, und wieder in sein Städtchen zurückzufahren …

Die Tante war inzwischen mit der Nachfrage um das Diner beschäftigt. Die Störung des Leichenbegängnisses nahm sie allmählich für etwas wirklich Vorgekommenes, vielleicht doch nur Unverfängliches. Sie wüßte, sagte sie, wie schreckhaft Paula wäre und wie schon die geringste Abweichung von dem, was in der Ordnung, sie in Verwirrung bringen könnte …

Thiebold schwebte hoch über der Erde. Er erzählte eine Anzahl von Geschichten, die ihm die alten Holzvermesser seines Geschäfts, die Förster und Holzschläger auf seinen Reisen als glaubhafte „Ahnungen“ versichert hätten. Er behauptete, in Canada englische, aus Schottland gebürtige Soldaten gesehen zu haben, die am zweiten Gesicht krank waren; krank, betonte er, wenn man krank eine so wunderbare Gabe nennen könnte, die sogar ansteckend sein soll; ja in der That, Herr Doctor –! Thiebold versicherte, daß ihm Hedemann erzählt hätte, wenn in einer schottischen Compagnie nur ein einziger Geister sähe, sähen bald alle welche. Selbst der Oberst von Hülleshoven, der doch gewiß ein Mann ohne Vorurtheile wäre, hätte dies versichert –

Nun kam die Tante von einer Inspection des jenseit des großen Empfangssaales gedeckten Tisches zurück 95 und Thiebold mußte von dem hier bedenklichen Obersten schweigen …

Die Tante reichte Püttmeyern den Arm … Thiebold bedeutete, auf Paula und Armgart warten zu müssen. Die Tante bat ihn zu kommen; die jungen Damen würden nicht ausbleiben …

In der That erschien, als die drei Vorausgegangenen in einem fast im Styl eines klösterlichen Refectoriums angelegten, rings mit kunstvoll ausgelegten hohen Schränken und krystall- und silberbeschwerten Büffets versehenen Zimmer an ihren Stühlen standen, Paula, geführt von Armgart.

Beide kamen wie aus der Märchenwelt. Paula wie eine Fee, Armgart wie ein ihr dienender Elfe. Jene in heiterer Sicherheit, ahnungsvoll im Besitz ihres Reichthums und in der Fülle ihrer Gaben, sie ohne Anspruch auf Dank verschenkend … Diese der Erde angehörender, minder zuverlässig, eher wie das Licht des Mondes gehalten gegen den Strahl der Sonne … Beide hätten Kränze auf ihren schönen bleichen Häuptern tragen sollen, Paula von himmelblauen Winden, Armgart von grünem Epheu … Armgart klammerte sich an ihre Freundin, wie wenn diese das Geheimniß auch ihres Lebens hielt … Paula, selbst so hülfsbedürftig, selbst so schwankend bewegt von ihrem innerlich bangen, äußerlich zwar noch immer glänzenden, aber doch ungewissen Geschick, bewegt von ihrer stillen Liebe, bewegt von ihrem Naturlose, das sie sogar von dem, was ihr eben geschehen war, selbst nichts wissen ließ, schwebte sicherer dahin als Armgart, die fast mit scheuem Gewissen zur Erde blickte …

96 Das Mittagsmahl stand in seltsamem Gegensatz zu dem eben Erlebten. Suppe, Rothwild, Auerhähne, grünes Kraut und Kastanien – und hinter jedem Stuhl vielleicht ein abgeschiedener Geist! In einem Winkel des Zimmers auf einem Fußsessel, vielleicht mit der Trauerhaube die Schwester des Kronsyndikus, Paula’s längst verstorbene Mutter … Vielleicht Graf Joseph, der eben an einer alten, neuvergoldeten Rococo-Wanduhr die zufällig schnurrenden Gewichte aufzog … Wer hätte nicht außer sich vor Staunen fragen mögen: Wie ist dir denn nun das, du Heiligste deines Geschlechts? Wie fühlst du dich nur? Was sahst du denn am gespaltenen Eichbaum? Wer predigte nur so laut? Kann das wirklich derselbe Mund sein, der vorhin ein wunderbares Ferngesicht erzählte und der jetzt so den silbernen Löffel leert, wie wir, völlig harmlos von des Doctors bedauerlicher Abreise spricht und sogar Armgart neckt, die „ein Buch über Philosophie zu schreiben scheine; denn so, wie sie sich seit einigen Tagen umgewandelt hätte, das könnte nur eine Gelehrte, die freilich auch von Angelika soviel Mathematik gelernt hätte“ …

Thiebold war glücklicherweise der Mann, der jetzt über die schwierigsten Fragen wie über schwindelnde Brückchen hinwegschlüpfte, dabei jeden niederfallenden Knäuel einer Bemerkung episodisch aufhob und ein seltenes Gemisch von geselligen Tugenden zur Bewunderung der Tante bot, die solchen Männerschlag in der Welt für unmöglich gehalten hatte. Püttmeyer versank in ein stillbeschauliches Grübeln … er sah Paula starr an, verwechselte sein 97 Messer mit der Gabel, nahm zum Braten zu gleicher Zeit Compot und Salat und beging all die Diätfehler, vor denen ihn seine Verehrerinnen in Eschede beim Abschied so ernstlich gewarnt hatten. Thiebold hatte dabei ganz nach Moppes’ und Piter’s Theorie die Art, den Wein einzuschenken, als wär’s Wasser. Da fand kein Nöthigen statt, kein Abwarten, ob ein Glas schon ganz geleert war; wie er in sein Haar griff, um seinen Scheitel zu ordnen, ebenso leicht griff er an die Flasche. Die Tante fand das alles entzückend. Sie lebte auf in dem heitern Anblick, wie die beiden Mädchen wol ein halb Dutzend mal dieselbe Geberde machen mußten, die Hand auf ihre Gläser zu legen und dem Einschenkenwollen zu steuern, während Thiebold ebenso oft dann, ohne sich in seinen Reiseberichten über Amerika, Paris, London und Kocher am Fall stören zu lassen, die Wassercaraffe ergriff und die Wassergläser der Damen bedachte. Er ist allerliebst! sagte ihr zwischen Paula und Armgart hin- und hergehender Blick … Nur Ein Diener konnte dabei bedienen, da zur Vertretung der gräflichen Würde beim Leichenbegängniß fast die ganze Dienerschaft abwesend war und der neuhinzugetretene Dionysius Schneid für ein unmittelbares Bedienen der Herrschaften zu wenig Geschick zeigte …

Im Strom seiner Mittheilungslust und einer bei dem Gefühl, „mit Geistern zu Mittag zu speisen“, höchst natürlichen Aufregung gerieth Thiebold wiederholt auf Armgart’s Aeltern. Er konnte diese Erwähnungen nicht länger zurückhalten; denn bald hatte er vom Obersten eine entschlossene That, bald von der 98 Oberstin eine überraschende Aeußerung zu berichten. Die Tante ermuthigte ihn auch, sich keinen Zwang anzulegen, denn diese Veränderung hatte allerdings stattgefunden: sie war völlig geneigt zur Versöhnung. Ihre Sorge um Armgart wurde zu groß; im Stifte Heiligenkreuz konnte des jungen Mädchens Bleiben nicht sein. Sie hatte bisjetzt die schlechteste Stelle, jährlich nur zwanzig Thaler baar und kaum sechzig in Naturalien. Die Verhältnisse in Westerhof wurden zu schwankend; die Ansiedelung des Obersten von Witoborn mit dem auf die Hedemann’schen Mühlenwerke gerichteten Plane war vor der Thür; Onkel Levinus wurde je älter je grilliger; Tante Benigna sah demnach ganz gern, daß Thiebold ihre Schwester und ihren Schwager zugleich pries … Thiebold wurde dabei auch von ihr nur immer Herr von Jonge genannt … In ihren auf Armgart gerichteten Blicken lag: Wie benimmst du dich nur heute wieder gegen diesen besten aller deiner Bewerber!

Thiebold erzählte von Hedemann, von seiner Lebensrettung, von den Mühlenwerken und von Hedemann’s Aeltern …

Ich war in Borkenhagen … mit meinem Freunde Benno von Asselyn zugleich, der – Sie wissen ja wol, in dem Dorfe da geboren und erzogen worden ist …

Geboren? warf die Tante lächelnd und fast verächtlich ein …

Ganz recht! verbesserte sich Thiebold. Wie kann ich vergessen – Mein Freund ist –

Ein Spanier ja wol? unterbrach den Einschenkenden Püttmeyer, den seine Freundinnen trotz seiner Verbor-99genheit au courant aller Verhältnisse der Gegend hielten und den der Wein und die Geisterwelt seltsam anregten …

Das doch wol eigentlich nicht! berichtigte die Tante mit einem mysteriösen Lächeln. Sie mußte auf die Schüssel, die eben herumgereicht wurde, niederblicken, weil aus Paula’s Augen ein bittender Blick sie traf …

Ein prächtiger Spaziergang! fuhr Thiebold fort. Selbst im Winter! Wir suchten im Wald bei Borkenhagen, in den Vorgebüschen von Schlehdorn, erst den Finkenfang, dann die Wolfshöhe und einen großen dort befindlichen Ebereschenbaum, der in Benno’s Jugenderinnerungen – übrigens wird ja nächstens dort die große Jagd stattfinden – eine merkwürdige Rolle spielt – bitte, gnädigstes Fräulein, genirt Sie die Sonne? …

Schon war’s ein Strahl der abendlichen Sonne, der der Tante ins Antlitz fiel …

Thiebold war schon aufgesprungen, um den Vorhang niederzulassen …

Man bat, sich nicht zu incommodiren …

Püttmeyer wünschte gelegentlich den Tag der Jagd zu wissen, seiner Transparentbilder wegen …

Wir schreiben Ihnen das! sagte die Tante und fuhr, auf Thiebold gewandt und zugleich ärgerlich über ein Erglühen Armgart’s, als von Benno die Rede war, fort: Dann waren Sie gewiß auch auf dem armseligen Hof der närrischen verwilderten Alten, der dicht beim Walde vor Borkenhagen liegt?

Allerdings! rief Thiebold vom Fenster zurückkehrend …

Armgart aber fiel mit leuchtenden Augen ein: Arm-100selig? Das war ehemals der schönste Bauernhof zwischen Borkenhagen und Witoborn! Die Ställe voll Vieh, dabei fünf Pferde und die Scheuern voll Korn … Auf dem Hof hat Benno reiten gelernt! Da hob ihn Hedemann zuerst aufs Pferd! Die Alten schenkten ihm sogar ein schwarzes Füllen! Wie ich im letzten Herbst hinkam und sie daran erinnern wollte, wiesen sie mir freilich die Thür …

Aus dieser Mittheilung ersah man, daß Armgart in der ganzen Gegend zu hospitiren pflegte und überall den Bruder Gutentag machte …

Alte, verdrehte, abscheuliche Menschen sind’s! rief die Tante. Ruchlose sogar!

Warum hast du sie nicht lesen und schreiben gelehrt? entgegnete Armgart …

Ich? Ich? Wie so ich? Soll das eine Anspielung auf – mein Alter sein? erwiderte die Tante und lächelte selbst sogar der Feinheit ihrer Bemerkung, ohne darum ihre zornige Aufwallung zu mildern …

Tantchen! bat Paula und reichte ihre schöne, lange, ovale weiße Hand über den Tisch zur gereizten Verlobten des Onkel Levinus hinüber, während Armgart’s Antlitz glühte und ihre starren Lippen sich nicht regten, eine so absichtlich verkehrte Auslegung ihrer Bemerkung zu berichtigen …

Diese Menschen, fuhr die Tante fort, sind die starrköpfigsten Bauern, die nur je hier zu Lande gelebt haben! Gottesverächter sind sie geworden! Ich gebe zu, sie wurden schlecht behandelt –

101 Von einem Geistlichen! schaltete Püttmeyer gar nicht mehr zaghaft ein …

Auch vom Landrath! ergänzte die Tante. Solcher Trotz dann aber auch gleich! Das kann auch nur bei uns vorkommen! Ich seh’ und erleb’ es ja täglich! Jetzt wieder der Streit um den Tanz im Finkenhof! Bitte, Herr von Jonge, was man Ihnen auch erzählt hat und was Sie in Borkenhagen – mit Herrn von Asselyn – er heißt nur so, es ist ein Adoptivname – gesehen haben mögen, glauben Sie mir, diese Leute sind wie die Büffel! Und die Hedemanns von je die obstinatesten! Den künftigen Herrn Papiermüller nannten sie schon vor Jahren Herrn Remigius Dickschädel!

Auf solche aus dem Munde der Tante, die ja selbst einen Kopf wie von Eisen besaß, überraschend genug kommende Worte, stand seit Jahren fest, konnte keine Einrede gewagt werden. Paula’s Auge richtete sich auf Armgart, deren Inneres vor Parteinahme zu Gunsten Hedemann’s und ihres an Hedemanns Namen betheiligten Vaters aufloderte. Die braunen Augäpfel gingen hin und her, die Lippen öffneten und schlossen sich, die zitternden Finger drehten aus dem frischen witoborner Weißbrot kleine Vierundzwanzigpfünder wie zu einem Bombardement auf alle Welt …

Gnädigstes Fräulein! wandte sich Thiebold zur Tante, ich weiß nicht, ob ich gut unterrichtet bin … Ich weiß nur so viel … Als Freund Hedemann nach Amerika ging, war der Abschied von den Aeltern auf ewig und Hedemann ließ zwei alte Leute in schönem Besitzstand zurück. Damals hatte der „so unglücklich 102 geendete“ Klingsohr, genannt der Deichgraf, die Ablösungen des ganzen Regierungsbezirks zu reguliren. Auch die alten Hedemanns wollten sich freikaufen. Auf ihrem Besitzthum haftete die Verpflichtung, dem Gutsherrn, zufällig dem Landrath, dem dieser Besitz von seiner Frau her gehörte, einen gewissen Theil des Ertrages – enfin, wie viel – kurz, ihm regelmäßig zu zehnten! Zank hatte es schon um dieser Abhängigkeit willen genug gegeben; denn nicht einen Baum durften die Hedemanns abhauen ohne den Willen des Gutsherrn …

Das liegt in den Verhältnissen! sagte die Tante …

Ich glaube das! Nun aber kam nach einem gewissen Leo Perl der Pfarrer Langelütje, der sich schon auf andern Pfarreien den schlechtesten Ruf erworben hatte und mehr Vieh- und Fruchthändler, als ein Seelsorger war …

Darüber ist allerdings nur eine Stimme! gestand die Tante …

Die alten Hedemanns, erzählte Thiebold immer wie forschend, ob er recht berichtet wäre, waren mit ihrem Gutsherrn in Spannung und bedienten sich des Pfarrers, um zu ihrem Ziele zu gelangen. Der neue Pfarrer erbot sich dazu aufs bereitwilligste … Die Hedemanns cedirten ihm in aller Form die Ablösung und gaben ihm die nicht unerheblichen Summen zur Realisation des Loskaufs. Gut, das Geschäft ist gemacht; die alten Leute, die froh sind, mit dem Landrath in keine directe Beziehung gekommen zu sein, bieten auch dem Pfarrer eine Erkenntlichkeit an. Er schlägt sie nicht aus. Er nimmt sich eine Kuh aus dem Stalle …

Und noch dazu die beste! schaltete die Tante ein … 103 Sie wollte jetzt schon Versöhnung mit Armgart und begann nachzugeben … Er hat sie am Strick gleich selbst sich mitgenommen!

Inzwischen, fuhr Thiebold fort und schenkte wieder ein, indem er die schmollende Armgart fixirte … inzwischen ließen die alten Leute, die, wie fast alle ringsum, Geschriebenes nicht lesen konnten, doch einmal von einem hausirenden Juden die Ablösungspapiere durchsehen. Es war an einem Sonntag Vormittag. Beide, der alte Mann und die alte Frau, saßen bereits in Toilette, um zur Kirche zu gehen. Die Glocken läuteten. In dem Augenblick studirt der fremde Rathgeber heraus, daß in den Papieren in Worten geschrieben eine viel kleinere Summe steht, als sich der Pfarrer von den Hedemanns hatte auszahlen lassen. Nicht wahr? Sie waren von ihrem Seelsorger um zweihundert Thaler und ihre beste Kuh geprellt worden. Diese Menschen, von einer großen Verehrung vor allem, was geistlich ist, glaubten dem Juden nicht. Sie gingen mit ihrem Papier zum Kamp hinaus, um in der Kirche, gleich nach dem Gottesdienst, den Pfarrer selbst zu fragen. Da begegnet ihnen die Kutsche des Landraths. Hedemann’s Vater grüßt und hält nickend sein Papier empor. Herr von Enckefuß läßt halten und frägt, was es gäbe? Die alten Leute tragen ihren Gegenstand vor. Der Hausirer steht in einiger Entfernung. Und jedenfalls merkte Herr von Enckefuß gleich, was die Uhr geschlagen hatte. Um aber den Pfarrer zu schonen, fuhr er den Juden an, hieß ihn sich hier augenblicklich zum Teufel zu scheren – bitte um Entschuldigung! – und behauptete rundweg zu 104 seinem eigenen Nachtheil, der Schein lautete wirklich auf die Summe, die der Pfarrer von ihnen verlangt hätte …

Püttmeyer ergänzte:

Es war gerade die Zeit, wo der Rittmeister eine noch viel größere Unthat aus Gutmüthigkeit verborgen gehalten hatte! …

Die Tante setzte mit Rücksicht auf die noch immer finstere Armgart hinzu:

Sein Herr Sohn ist dafür um so strenger! Der bringt ja alles heraus! Den Kirchenfürsten, den hat der junge Enckefuß verhaften helfen! Den Hammaker hat er auch entdeckt! Den Pater Sebastus hat er hierher geführt! Nur den Leichenräuber von Sanct-Wolfgang hat er noch nicht aufgetrieben …

Diese Zwischenplauderei war zunächst dazu bestimmt, Armgart’s gute Laune zu gewinnen … Dann fing aber auch die Tante schon an, ihren Unmuth auf die Bedienung abzulenken. Sie hörte draußen sprechen, hörte die groben Tritte des die Speisen aus der Küche herzutragenden Dionysius Schneid und zischte um Ruhe …

Paula begleitete die Rede und das Benehmen der Tante mit Blicken auf Armgart, die so viel sagen wollten als: Närrchen, sei doch lieb!

Nun hört’ ich so! fuhr nach einer Discretionspause Thiebold fort. Die alten Hedemanns blieben in der Sache zweifelhaft. Da der Hausirjude das Blinzeln des Landraths wohl verstanden und sich aus dem Staube gemacht hatte, gingen die alten Leute an die Kirche, nicht in sie hinein. Sie sahen von der Thür aus den Pfarrer im Meßornat, wie er das Hochheiligste segnete; sie mußten vor innerm 105 Groll umkehren. Mit dem tiefsten Zweifel in ihrer Brust vergruben sie sich in ihrem einsamen Kamp und ließen, anfangs vor Ungewißheit, vor Ahnung, dann vor sicherer Zuversicht, daß der Pfarrer sie betrogen hätte, mit der Zeit alles lässig gehen. Den Pfarrer anklagen? Ihn unglücklich machen, die Religion schänden –? Das ist diesen Leuten nicht gegeben. Sie bebauten noch ihr Feld, hatten auch noch Knecht und Magd; aber ein Tiefsinn kam über sie, der sie von der Welt nichts mehr hören und sehen lassen wollte. Noch einmal wagten sie zum Schulmeister zu gehen – sie bekämpften sich, da ihnen wieder die Scheu vor einem geweihten Priester kam … So ging der Lebensmuth der alten Leute hin. Sie ließen Hab und Gut in Verfall kommen. Einmal rief die alte Mutter Hedemann die Schulkinder an und ließ sich heimlich von denen die Urkunde vorlesen. Sie hörte leider die Wahrheit; ein Betrug war’s von zweihundert Thalern. Sie verschwieg ihn ihrem Alten. Zur Kirche ging nun keines mehr und Langelütje, den man meist nur in großen Wasserstiefeln sah, auf den Märkten hinter seinem Knechte stehend, beim Fruchtverkauf, der hinderte sie darin auch nicht. So in Mistrauen und Unmuth kamen die alten Leute zurück. Sie entließen den Knecht, die Magd, bestellten ihren Acker nicht mehr, brachen ihr Holz am Wallheck nicht mehr, ließen ihr Vieh sterben und verderben und behielten nichts, als was zum nothdürftigsten Unterhalt diente. Sie säen jetzt nur, was sie selbst brauchen. Jahraus jahrein besteht ihre Mahlzeit aus Bohnen, die sie in Wasser abkochen und über die sie Milch gießen. Nur zu diesem Bedarf werden die Kühe abgemolken …

106 Abgemistet wurde schon lange kein Stück Vieh mehr! ergänzte die wirthschaftskundige Tante. Alles verdarb! Sie zogen ein gefallenes Thier aus dem Stalle und ließen es einfach vorm Hofe liegen. Die Nachbarschaft machte dann dem Lärm der Hunde ein Ende, die sich um das Aas stritten. Nie brauchten sie noch Licht oder Oel; im Winter sitzen sie um den Feuerherd, den sie mit ganzen Bäumen heizen, die sie an ihrem Wall fällen, ins Haus hereinziehen, auf den Herd legen und nun langsam abschwehlen lassen. Oft liegt das eine Ende vom halbbelaubten Baume noch draußen im Freien, vom Schnee überschüttet. Als sie in ihrer Kleidung so weit verfielen, daß sie die Lumpen mit Stroh umbanden, um sie vor dem Herabfallen zu schützen, legten sich die Nachbarn drein. Sie fanden zwei halb schon zu Kindern gewordene Menschen, die in innigster Uebereinstimmung mit sich selbst an ihrem Wahn festhielten, daß die Welt kein Vertrauen mehr verdiene und nichts überflüssiger wäre als die Religion. Man zwang ihnen dann Beistand auf, eine Aufsicht, die dann und wann den Schmutz aus ihrer verfallenen Wohnung entfernt. Der Alte sitzt und raucht aus einer Hollunderpfeife, deren Spitze und Rohr und Abguß und Kopf er sich selbst geschnitzt hat und die immer kleiner wird, weil die paar Zähne, die er hat, sie nach und nach fast ganz „aufmümmeln“. Taback ist sein einziger Luxus. Geld kennen sie nicht. Wer ihnen etwas liefert, Brot, das sie nicht mehr backen, Bohnen, die sie nicht mehr säen, den verweisen sie auf das, was ringsum auf ihrem Eigenthum noch wild wächst. Aber an dem Langelütje kam dann freilich alles heraus. Er sitzt im Jesuiten-Profeßhaus der Residenz des Kirchen-107fürsten. Wohl kamen bessere Geistliche, aber die alten Leute wiesen jeden ab, der sie auf ihrem verfallenen Hofe besuchte. Sie flüchteten zuletzt zur Kuh in den Stall, bis selbst unser Herr Norbert Müllenhoff müde wurde, auf dem brennenden Baumstamm am Herde zu sitzen und ihnen zu predigen … So fand Hedemann seine Aeltern, als er im Herbste hier war. Natürlich hatte er dann Zank mit dem Landrath. Wie’s jetzt mit den alten Leuten aussieht, weiß ich nicht … Die Leute leben im Kirchenbann.

Wäre Monika zugegen gewesen, ihr flammendes Wahrheitsgefühl hätte ohne Zweifel ausgerufen: Gerade aus Liebe zur Religion, gerade aus Verehrung vor der größten Frage der Menschheit geschah dieser Abfall von ihren äußeren Formen! … Und auch in Püttmeyer schürte der Wein und sein vor Jahren tiefgekränkter Denkerstolz den Ausbruch ähnlicher Empfindungen … In Thiebold wirkte Benno’s Urtheil nach, der bei Erzählung dieser Verhältnisse gesagt hatte: Jetzt versteh’ ich, Hedemann, warum Sie die Bibel lieber lesen, als das Brevier …

Armgart aber rief von ihrem Standpunkte: Ja, so muß man die Welt verachten können! Was hilft es, die schlechten Menschen anklagen? Aergern man muß sie und beschämen! Beschämen durch unser Unglück, das man sie zwingt mit anzusehen! Ich gehe doch noch in Witoborn zum Bischof und bitte ihn, von diesen so großen, so echt frommen, so unübertrefflich vornehmen Menschen den allerdings nur zu gerechten Bann zu nehmen!

Man schwieg jetzt … Es war das Mahl vorüber …

108 Auch wurde die Tante von einem Anliegen des Dieners in Anspruch genommen …

Der Diener flüsterte ihr etwas in plattdeutscher Sprache …

Er brachte das Gesuch des alten Kirchendieners Tübbicke, der draußen harrte …

Die Tante erröthete … aber „Herr, sprich nur ein Wort und meine kranke Seele wird gesund!“ sagte der Blick, den sie auf Paula richtete …

Diese bemerkte den Ausdruck eines der ihr schon bekannten Anliegen … Sie hörte das Leid des Alten, der um Hülfe für sein Enkelchen bat …

Paula erhob sich … Ihre Hand zitterte … die blauen Augen wurden tiefdunkel … Aus den Falten ihres weiten schwarzseidenen Kleides nahm sie einen kleinen Rosenkranz von einfachen bunten Steinkügelchen, betete einen Augenblick leise, während alle ihrem Beispiel folgten, küßte das Amulet und reichte es hin … Armgart ergriff es in leidenschaftlichster Erregung und stürzte damit hinaus …

Die Tante nahm Püttmeyer’s Arm, um sich von ihm in das grüne Wohnzimmer führen zu lassen … Sie sah im Gehen auf die Uhr … Es war schon gegen vier … Dunkel war es geworden und der Diener sagte, daß auch der Wagen schon bereit stünde für Eschede. Thiebold hatte Paula geführt … Eine drückend feierliche Stimmung umspann die kleine Gesellschaft, eine Stimmung, die sich mehrte durch Armgart’s Zurückkunft …

Der Alte war zu glücklich! rief sie. Das Kind wird genesen!

109 Paula war weiß geworden wie eine Wachskerze … Sie riß sich los. Sie hatte Thränen im Auge und verschwand … Gern wäre Armgart ihr nachgestürzt, aber die Tante befahl, daß sie blieb. Auch kam der Kaffee, den sie in silberner Maschine zu machen und zu credenzen hatte. Die Tante sank in einen der ringsum stehenden grünseidenen Fauteuils … Ihr „Nick-Viertelstündchen“ kam …

Und Püttmeyer sollte nun so, unter solchen wunderbaren Eindrücken, seinen ganzen Menschen zurücklassen? Er verzweifelte fast … Doch mußte er nach Eschede … Der Weg war zu weit und auch dort wohnten Seelen, die er nicht ängstigen durfte! Mochte er auch von diesen nach allem, was er heute hier erlebt, fühlen wie Armgart, als sie im letzten Herbst im Nachen zu Angelika gesagt hatte: Eine derselben würde als geflügelte Kaffeekanne dem Fegfeuer zufliegen, eine andere als geflügelter Strickstrumpf! er mußte sich losreißen … Auch sein Hund und seine Katze mochten nicht wenig nach ihm kratzen und winseln … Lassen Sie sich nur recht oft bei uns sehen! sagte ihm die Tante schon wie zum Abschied. Geben Sie Ihr Vergrabensein auf, Herr Doctor! Solange wir auf Schloß Westerhof noch hausen werden, sind Sie uns immer willkommen! Adieu, Herr Doctor! Grüßen Sie in Ihrem nächsten Brief – die – die gute – liebe – Angelika …

Die Tante wurde auch schon in ihrer Art somnambul und schlief schon halb. Laurenz Püttmeyer stand da, wie ein vierzigjähriges Kind. Er sah sich um, um beim Abschied nichts zu vergessen. Es that noth, daß Thiebold ihm in die Hand gab, was er mitnehmen mußte, seinen Hut, seine 110 Handschuhe, von denen sich nur einer in seinem Frack, der andere noch drüben im Speisezimmer befand, und nun empfahl er sich wirklich. Thiebold und Armgart, die sich ihren noch im Vorzimmer liegenden Pelz überwarf, begleiteten ihn … Schon hörte man das Schellenklingeln der Pferde … Schon war der Schlag geöffnet … Man hatte dem Gaste vorsorglich noch ein heißes Kohlenbecken in den Wagen gestellt … Man gab ihm noch eine Wildschur des verstorbenen Grafen Joseph zur Benutzung mit … Püttmeyer war im Losreißen von dem merkwürdigsten Tage seines Lebens in einer Verwirrung, die ihm sogar den Streich spielte, daß er ein splendides Trinkgeld statt dem Diener Thiebolden in die Hand steckte … Und Thiebold nahm den Thaler und sagte sich mit verklärter Rührung: „O das kann kommen! Bei gewissen Stimmungen ist dem gebildetsten Menschen nichts unmöglich!“ Er gab das Geld feierlich dem Diener … Schon rollte der Wagen dahin und Thiebold, der in bloßem Kopf stand, war nicht wenig geneigt, Armgart zum Hinaufführen den Arm zu bieten … Schon aber war diese vorausgesprungen … Und Thiebold, als er dem flüchtigen Reh langsam nachfolgte, dachte: Jetzt, jetzt endlich findest du wol den langersehnten, immer vergeblich gesuchten Augenblick, sie allein zu sprechen und jene Geständnisse zu machen, die dir Bonaventura in der Beichte anbefohlen hat! … Er faßte sich Muth, obgleich so vieles, so vieles in Armgart’s Benehmen gegen ihn sowol wie gegen Benno anders geworden war.

Oben befand sich noch die Tante unter dem magnetischen Einfluß ihrer Verdauung … Sie trank zwar den 111 von Armgart bereiteten Kaffee, der bekanntlich wach erhalten soll … Ihr aber machte er die Wirkung, im Lehnsessel Reden zu halten, die etwa in folgender anakoluthischer Verwickelung sich vernehmen ließen und endlich gänzlich abbrachen:

Nun, lieber Herr von Jonge! Nun aber, bitte, bitte, lieber Herr von Jonge, nun spielen Sie uns etwas! … Ich hätte doch den alten Tübbicke noch etwas fragen sollen … Bitte, Herr von Jonge! … Armgart! Noch eine Tasse vielleicht, Herr von Jonge? … Die Schlüssel zum Archiv jeden Sonntag aus der Hand lassen, das geht nicht, Herr von Müllenhoff – von Jonge! … Bitte, Mozart … Das Kind von dem jungen Tübbicke –! Bitte, Herr von Jonge, spielen, spielen! – Nein, man muß sagen, Müllenhoff geht in vielem zu weit! … Ich liebe so die Musi –! … Die Jagd … Transparente Bilder von … Wenn nur unsere Herren bald gesund und wohlbehalten von Neuhof zurückkommen! … Die Musik! … Was sie nur erlebt haben mögen – am Düsternbrook – Bitte, Herr von Jonge! – Die – Die – Sona – Pathé – tique – von van – van von Beetho –

Damit war das Gangliensystem der Tante bezwungen. Sie entschlief, ohne ihre Rede ganz beendet zu haben.

Die Sonate pathétique zu spielen würde sich Thiebold in seiner Vaterstadt nie getraut haben. Die Gegenwart einer Johanna Kattendyk, einer Josephine Moppes, einer Lisette Maus, einer Betty Timpe hätte ihn unrettbar dem „Fluche der Lächerlichkeit“ preisgegeben. In diesem hochadeligen Hause aber, dem, wie in vielen tausenden solcher katholischen Herrensitze Europas, principiell die Bil-112dung des 19. Jahrhunderts halbwegs immer fremd bleibt, gestattete man ihm jede freie Variation über das große Meisterwerk, jede Zuthat aus den seinen Fingern noch geläufigern Cramer’schen Etuden. Thiebold spielte wirklich etwas, wie die Sonate pathétique. „Ein Genuß für Götter!“ sagte er sich selbst voll Bescheidenheit. Er war in jeder Beziehung froh, daß Benno fehlte.

Armgart stand an der Kaffeemaschine … Endlich blies sie die Flamme aus … Es wollte damit nicht so schnell gehen, wie sie wollte … Thiebold brach mitten in seinem schönsten ad libitum ab und sprang hinzu … Mund gegen Mund gerichtet, endete die Flamme …

Thiebold seufzte und wurde kühner und kühner durch das Bewußtsein, daß sich hier einer gemüthlichen Familienscene ein beliebiger Rahmen geben ließ … Die Tante schlief … Paula blieb fern … Sollte er wieder spielen? … Fräulein! sagte er leise. Ich habe Ihnen durchaus eine Mittheilung zu machen …

Armgart betrachtete ihn kalt und doch war ihr die „Liebe“ schon lange ein Begriff geworden, so klar, so verständlich wie sonst nur der Glaube … Sie fürchtete, Thiebold wollte von seiner Liebe sprechen … Sie wollte sich eben deshalb gleichgültig zeigen …

Spielen Sie! sagte sie. Ich lese indessen …

Nein, ich muß Sie sprechen! betheuerte Thiebold mit gedämpfter Stimme. Ein Befehl in der Beichte verlangt es! Der Domherr will es!

Armgart maß Thiebold mit weitgeöffneten Augen …

Wirklich, Fräulein Armgart, ich schwöre Ihnen das beim Heil meiner Seele!

113 Auf so hochheilige Versicherung hin winkte Armgart leise mit der Hand, deutete auf die Thür und ging mit Seufzen in den Vorsaal.

Ein Blinzeln des Auges sagte, Thiebold sollte folgen.

Nehmen Sie Ihren Mantel, Herr de Jonge! sagte sie, sich im Vorsaal wendend und auf des Zögernden Nachkommen wartend …

Thiebold blickte erstaunt auf sie nieder …

Auch sie ergriff ihren Ueberwurf und hüllte sich in ihn mit Thiebold’s Hülfe ein. Dann drückte sie ihm seinen Hut in die Hand …

Sie ging entblößten Hauptes zum Corridor hinaus …

Wohin führt sie dich denn? sagte sich Thiebold mit gesteigertem Befremden …

Draußen war die vom Hofe hereinfallende Beleuchtung am Tage schon immer eine halbdunkle. Jetzt war der Abend hereingebrochen und in den langen Corridoren hätte man sich als Fremder ohne Licht kaum noch zurecht finden können …

Führt sie dich auf ihr Zimmer? sagte sich Thiebold, als Armgart sich links gewandt hatte und in einem dunkeln Gange voranschritt, auf welchen fast klösterlich eine Menge Zimmer, größtentheils an den Thüren mit Hirschgeweihen geschmückt, hinausgingen …

Sie kamen an Zimmern vorüber, die der Tante und Paula gehörten, an Lauftreppen, die für die Dienerschaft bestimmt waren, an einem der vier Eckthürme, in dem auch Armgart ein eigenes Wohnzimmer hatte … Sie wohnte halb im Stifte, halb hier … beide Wohnungen schmolzen auf so eigenthümliche Weise zusammen, daß sie im 114 Grunde nur eine bildeten … in Heiligenkreuz lag oft ihre Schere und hier ihr Fingerhut … dort arbeitete sie an der Cigarrentasche, hier an dem Aschenbecher … dort lag zuweilen ein Schuh oder ein Strumpf, der durch einen andern, der hier sich befand, erst ein Paar bildete … seit Weihnachten erst besaß sie infolge des entschiedensten Verlangens und nach mannichfacher Prüfung und Berathschlagung Schiller’s Werke … da sie Tag und Nacht darin las, so lagen sie halb in Heiligenkreuz, halb hier in ihrem Thurm. Wenn sie zwischen Heiligenkreuz und Westerhof hin- und herfuhr oder auch zu Fuß ging, begleitete sie ein Bündel von Sachen, das sie hin- und herschleppte. Oft wurde sie von der Tante dafür „Trödelliese“ genannt …

Als Armgart aber auch nicht beim Eingang in ihr Zimmer anhielt, sagte Thiebold stehen bleibend: Ja aber, mein Fräulein, was wird denn nun? …

Er mußte seine Verwunderung abbrechen und folgen … Armgart eilte vorwärts … sie war tief in sich verloren und schloß nur zuweilen gelegentlich ein offen stehendes, in den Hof führendes Fenster. Die Wanderung war jetzt rechts gegangen in einen andern Corridor des großen Geviertes … Hier kamen die Zimmer des Onkels, sein Laboratorium … Auch an diesem – wo oft der Stein der Weisen gesucht wurde und in der Retorte sich als Resultat nur ein Pfund Berliner Neublau ergab, dessen Anfertigung ebenso viel Thaler kostete, als Groschen hingereicht haben würden, den Gegenstand in Witoborn beim Krämer zu kaufen – an zwei Ritterharnischen, die vor des Onkels Thüre Wache haltend im Dunkeln gespenstisch genug 115 aussahen, ging Armgart vorüber, sprang dann eine Treppe hinunter, wandte sich im Erdgeschoß einem neuen Gange zu und führte Thiebold an den im untern Stockwerk befindlichen Bureaustuben, am Archiv, an der Bibliothek vorüber zu einer hohen Thür, die den Eingang in die Schloßkapelle bildete …

Wohl gingen Mägde, Schreiber an ihnen vorüber, wohl sah man über den großen, mit Sandsteinquadern gepflasterten, jetzt mit zusammengeschaufeltem Schnee bedeckten Hof hinweg im Eingangsportal wieder die hier schon gewohnten Hülfesuchenden: Armgart hielt sich bei niemand auf und huschte in die Kirche, die dem Bedürfniß der frommen Bewohner- und Dienerschaft des Hauses immer offen stand …

Dieser Raum war nun erst völlig dunkel …

Armgart blieb an der Thür stehen, ließ den vor Erstaunen sprachlosen Thiebold eintreten, legte den hohen Thürflügel wieder an und ging durch den schmalen Gang der Sitzreihen voraus zum Altar. Dort knixte sie, wie in der Ordnung, vor dem Erlöser, und sagte zu Thiebold, der auf zwei Schritte hinter ihr stand:

Nun, Herr de Jonge! An diesem heiligen Orte – Was ist es, was Sie mir zu sagen haben!

Mein Fräulein, stotterte Thiebold, befremdet von so viel Feierlichkeit und befangen durch die Einsamkeit des weihrauchduftenden Ortes, Sie überraschen mich! In der That …

Herr de Jonge! Sie wissen noch nicht, daß ich mein ganzes Leben unter die Befehle der allerseligsten Jungfrau gestellt habe! Ihr will ich vertrauen, was ich auf 116 dem Herzen habe! Von ihrem Rath hängt all mein Thun, all meine Entschließung ab. Was wollen – oder was sollen Sie mir mittheilen?

Armgart hatte sich vor diesen feierlichen Worten auf die erste Bank dicht am Aufgang zum Altar niedergelassen und kniete …

Allmählich gewöhnte sich Thiebold’s Auge an das Dämmerlicht der auch am Tage wenig erhellbaren Kapelle … Die heiligen Gegenstände, die er rings erblickte, milderten die Weltlichkeit seiner Absichten, obgleich an sich diese „die reellsten“ waren und nichts Geringeres bezweckten, als Armgart seine ganze Verhandlung mit Bonaventura zu erzählen …

Thiebold sah nun, daß die Betende zitterte. Den Kopf hatte Armgart aufs Pult gelehnt. So lag sie wie eine dem Himmel Angehörige … Thiebold hätte sich schon vor ihr selbst niederwerfen mögen; es lag ein so bestrickender Reiz in dem exaltirten Wesen, so viel Zauberisches in dieser gleichsam vor sich selbst entfliehenden, sich mit Gewalt mäßigenden und doch erglühend genug, man sah es, vorhandenen Leidenschaft, daß Thiebold nur durch die geringe „höhere Ausbildung seiner Gefühle“ verhindert wurde, seiner begeisterten Stimmung die einer solchen Situation entsprechenden Worte zu geben.

Fräulein von Hülleshoven! sagte er aber, sich dennoch einen Schwung gebend. Die unvergeßliche Reise von Drusenheim – die Reise durch die Siebenberge – diese Nacht dann mit Extrapost –! O ich erinnere mich nie etwas Aehnliches – oder ich erinnere mich allerdings … oder Sie vielmehr erinnere ich – das ist nämlich der bewußte Gegen-117stand – an den Moment, wo ich Ihnen gegenübersaß und Sie mir die Hand gaben – Wissen Sie noch?

That ich das? sagte Armgart und blickte die neben dem Erlöser stehende Madonna an, als läse sie alles, was sie zu sprechen wagen dürfte, erst von deren Zügen ab …

Das heißt, sagte Thiebold und rückte auf der Bank etwas näher, das heißt, liebenswürdigstes Fräulein, Sie setzten ohne Zweifel damals voraus, daß Ihnen –

Ich setzte nichts voraus! sagte Armgart. Ich war in einem Zustand völliger Betäubung …

Einmal doch – ging Thiebold seinem Ziele, Bonaventura’s Auftrag zu erfüllen, näher, – einmal doch schienen Sie völlig und sehr, sehr zurechnungsfähig – als Sie nämlich mit Innigkeit mir oder vielmehr – ja mein Freund und ich – Sie wissen – Benno von Asselyn – liebt Sie, und auch ich – ich kann bei Gott und auf Ehre! ich kann allerdings nicht leugnen –

O nicht das, Herr de Jonge! hauchte Armgart und hielt die Hand wie zur Abwehr …

Hätt’ ich eine Ahnung gehabt, daß mein Freund Sie in sein Herz geschlossen hat, nie würde ich selbst Ihnen soviel – Beweise meiner – Hochachtung gegeben haben, meiner aufrichtigsten – Fräulein, ich kann wol sagen, stellenweise wahnsinnigen …

O nicht das! Nicht das! wiederholte Armgart …

O Sie kennen die Liebe nicht, diejenige, mein’ ich, die Ihr Anblick in einem – Männerherzen – entzündet, in einem Herzen, das im Stande ist – wie gesagt – einem Freunde zu Liebe selbst die schmerzlichste Entdeckung seines Lebens –

118 Was befahl Ihnen der Domherr mir zu sagen? unterbrach Armgart …

O mein Fräulein! O ich bin zu tief beschämt! O, im Wagen damals glaubten Sie, leugnen Sie es nicht, Benno, der, der säße Ihnen gegenüber! Ja, in der „Verschwiegenheit des Dunkels“ ergriffen Sie – Ihre Hand wenigstens, Ihre Handschuhe waren es – die Hand Asselyn’s, drückten diese voll Innigkeit, ja es fehlte nicht viel, was ich dem Domherrn nicht einmal sagte – Ich beichtete ihm nämlich meinen Betrug – daß nämlich Ihre Hand die seinige – ans Herz zu drücken vermeinte – worauf – wie gesagt aber – Sie waren im stärksten Irrthum! Nämlich der von Ihnen Beglückte war ich! … Und, weit entfernt nun, mein Fräulein, dem Glück eines von mir aufrichtig geschätzten Freundes – oder vielmehr eines meiner „besten Bekannten“ entgegenzutreten, möcht’ ich nur eine Antwort auf die Frage haben: Soll ich ihm nicht das aufrichtige Geständniß machen, mein angebetetes, liebenswürdiges Fräulein, über das, was in jener Nacht zwischen uns allen dreien vorgefallen ist, soll ich es ihm nicht sagen, ihn aufklären –? …

Nein! rief Armgart … Nein! wiederholte sie, und noch einmal sprach sie mit fester Stimme: Nein!

Thiebold wußte nicht, wie ihm geschah … Er mußte sich vor Schrecken über diese leidenschaftliche Ablehnung unwillkürlich umsehen …

Ich soll nicht –? stotterte er …

Nein! war die wiederholte Antwort, die sie nur abbrach, weil am Tabernakel hinter dem Altar plötzlich 119 ein Geräusch gehört wurde. Es schien eine Thür gegangen zu sein …

Dennoch nahm Thiebold nach einigem Aufhorchen die Rede wieder auf und war sogar geneigt, in sein Erstaunen den Vorwurf der Undankbarkeit gegen Benno zu mischen – „von ihm selbst sollte allerdings keine Rede mehr sein“ – aber Fräulein, Sie misverstehen mich! Oder vielmehr im Gegentheil … Der Domherr wünscht, daß ich die Wiederherstellung der Wahrheit und Benno’s Glück befördere! Er selbst will es übernehmen, Benno dann zu sagen –

Nein! Nein! Nein!

Aber ich beschwöre Sie – soll denn alles, was gewesen ist, ausgelöscht –?

Ja!

Die Fahrt durch die Berge gar nicht stattgefunden –?

Nein!

Benno glaubt aber in Ihrem Herzen –

Nichts soll er glauben –

Das ist ja unglaublich! Geradezu fürchterlich! Ich habe ja mit Benno ein ganz freundschaftliches Abkommen getroffen, daß blos Ihre eigene Entscheidung –

Nun sprang Armgart auf …

Ein Ton war beiden zu gleicher Zeit vernehmbar geworden, der ganz in der Nähe dem Schließen eines Schlüssels oder dem Zufallen eines Schlosses entsprach …

Da ist ja jemand! rief Armgart mit erstickter Stimme.

Und schon war auch Thiebold aufgesprungen. Mit drei Sätzen war er auf der Erhöhung des Altars und starrte abwechselnd auf die beiden Vorhänge, die zur Seite hingen …

120 Hinter dem Altar war’s! rief ihm Armgart nach …

Thiebold hob links die rothen Vorhänge auf … Er sah den Raum, der die Sakristei bildete …

Wer ist hier? donnerte Thiebold, wild gereizt wie er war, in das Dunkel hinein …

Armgart, bei aller Angst mit schnell gefaßtem Entschluß, sprang an den zweiten Vorhang, als wenn ihre schwache Kraft einen hier Durchschlüpfenden zurückhalten könnte …

Auf Thiebold’s Rufen folgte keine Antwort … Deutlich aber vernahm man immer noch ein polterndes Geräusch, das die Anwesenheit irgendeines lebendigen Wesens bestätigte …

Es wird eine Katze sein! sagte endlich Thiebold mit dem ganzen, überströmenden Ausdruck seiner Wehmuth, während Armgart sich bereits in gleicher Stimmung auf einen Geist vorbereitet hatte … Sie stand starr und hielt krampfhaft den Vorhang in ihren Händen fest …

Thiebold ging im Dunkeln mit wiederholtem: Wer ist hier? um die Hinterwand des Hochaltars herum …

Stoßen Sie sich nicht! rief Armgart mit elegischem Schmelz. Dort steht Schrank an Schrank …

Es waren die Schränke zur Aufbewahrung der Opfergeräthschaften und Meßgewänder …

Thiebold kam auf der andern Seite Armgart entgegen und versicherte, nichts gesehen zu haben …

Er ging dann noch einmal zurück. Armgart folgte sogar … An einer Thür, die zum Archiv führte, rüttelten beide … sie war verschlossen … An den Schränken rüttelten sie … alles war unversehrt …

121 Wie beide auf der andern Seite wieder herauskamen und Thiebold das Erstaunen über Armgart’s Erklärung und ihre den beiden Freunden nun schon während ihrer ganzen Anwesenheit in der Gegend bewiesene Kälte in feierlichstem Ernste wieder aufnehmen wollte, Armgart sich ihm entzog und fast entfloh, wurde die Aufmerksamkeit auf ein anderes Geräusch gelenkt, das sich leichter erklären ließ …

Peitschen knallten, Schellenbehänge von Rossen klingelten, alle Hunde des Schlosses bellten …

Sie kommen von Neuhof zurück! rief Armgart wie erlöst …

Jetzt hätte Thiebold viel darum gegeben, wenn die Rückkunft des Onkels und Terschka’s sich noch um eine Viertelstunde verzögert hätte … Sich selbst gab er auf, nur in der That die Liebe zu seinem Freunde hieß ihn noch reden … Er hatte schneidende Vorwürfe, bittere Vermuthungen auf seinen Lippen …

Im ganzen Schlosse wurde es mehr und mehr lebendig …

Kommen Sie! rief Armgart. Sie sind’s!

Damit drängte sie zur Thür …

Die Rückkehrenden waren es in der That, und Thiebold hatte sogar eine Ahnung, Benno und Bonaventura würden mitkommen; ersterer vielleicht um ihn abzuholen und auf seinem Heimgang nach Witoborn zu begleiten …

Er konnte Armgart nicht zurückhalten, nicht um Aufklärung bitten, keines seiner aufgeregten Gefühle weiter aussprechen … Schon gingen im Schlosse an allen Flanken die Klingelzüge … Man hörte das An-122fahren der großen vierspännigen Kutsche, des Staatswagens der Dorstes, und einer zweispännigen kleinern, die für Terschka und Benno bestimmt gewesen war …

Thiebold, mit äußerstem Schmerz das Verschwinden einer schönen Lebenshoffnung wie für ewig fürchtend, hätte wenigstens nur noch Armgart’s Hand ergreifen mögen und er that dies auch und hielt sie fest und bat und flehte um Aufklärung …

Lassen Sie! sagte Armgart. Das Wort war fast verletzend, vornehm sogar. Sie war plötzlich wie gereift zur Jungfrau …

Aus allen seinen Himmeln gestürzt, von Armgart’s Kälte wie mit Eisesluft angeweht, folgte Thiebold mit langsamem Schritt …

Im Hofe – da war es lebendig … Die Hunde sprangen und rissen an den Ketten, an die sie zur Nacht gelegt wurden … Laternen wurden emporgehalten … Hin und her rannten die mitgekommenen Diener … Mit Lichtern kam der Diener, der bei Tisch servirt hatte, von der Stiege herunter und rief nach dem neuen Hausknecht, den niemand bemerken konnte …

Vorm Portal hielten die Wagen. Schon standen in der großen Eingangsflur, sich aus ihren Pelzen herauswickelnd, in schwarzen Fracks und weißen Halsbinden und Trauerhandschuhen der Onkel Levinus von Hülleshoven, Baron Wenzel von Terschka und in der That auch Benno …

Bonaventura fehlte … Es ließ sich annehmen, daß er im Trauerhause bei seinem Stiefvater zurückgeblieben war.

123 5.#

Armgart lag, als müßte sie irgendwo ihr sie überwältigendes Gefühl aufs mächtigste ausströmen, im Arm des Onkels …

Sie küßte ihm den Reif von seinem großen graublonden Bart, in dem sich ein Antlitz verbarg – vergleichen wir’s nur geradezu mit einem menschlich gemodelten Thierkopf; denn gibt es gutmüthigere Augen als die des Pferdes oder eines treuen Hundes? Stirn, Backenknochen, Nase (mehr konnte man vor dem Barte nicht sehen) waren hart und massiv, aber die wasserblauen Augen, ohnehin von der Fahrt und der Kälte feucht, glänzten so scheu, so gut, so treuherzig, wie – rügt den Vergleich! – die Augen der großen Bulldoggen an den Ketten im Hof. Armgart umschlang ihn mit einer Innigkeit, als sollte alles, was durch das Gespräch in der Kapelle sich in ihrer Brust vom Gefühl einer mit Gewalt abgelehnten Liebe gesammelt hatte, doch jetzt Einem zugute kommen …

Benno grüßte einfach und schüttelte dem gewissens-124scheuen, im Laternenschimmer vollends geisterbleichen Thiebold die Hand …

Terschka war schon unterwegs, die Tante zu begrüßen, die allen auf halber Treppe entgegenkam, während sich oben auf dem Corridor auch Paula sehen ließ, vor der schon einer der mitgekommenen Diener mit einem silbernen Leuchter von mehreren Flammen stand und ihre zu allen Zeiten feierliche Erscheinung würdevoll beleuchtete.

Gesund und wohl? konnte man freudigst und ungehindert fragen …

Alles glücklich abgelaufen? fragte man schon weniger ungehindert … Denn in Gegenwart Paula’s mochte man nicht verrathen, daß sie eine Störung des Leichenbegängnisses im Düsternbrook gesehen hätte – darüber war keinem von den Zurückgebliebenen ein Zweifel, daß wirklich dort etwas vorgefallen sein mußte …

Oben im Vorsaal ließen die Männer ihre schweren Bekleidungen und fanden, links sogleich durch das Eßzimmer schreitend, in einem heute noch gar nicht geöffnet gewesenen, inzwischen geheizten gemeinschaftlichen großen Wohnsaale im linken Thurm die Zurüstungen zum Thee.

Das war denn ein traulicher Raum. Ein großer runder Tisch, höchst kunstvoll ausgelegt, war nur in der Mitte mit einer kleinen Damastdecke belegt … Auf diesem stand schon die siedende Theemaschine … Nähtische waren dicht noch an diesen Tisch gerückt mit weiblichen Handarbeiten … Eine große, mit einem Blechschirm bedeckte Ampel mit mehreren Flammen, die mit metallenen Ringen an der Decke befestigt war, beleuchtete das ganze, rings mit Gemälden geschmückte, 125 teppichbelegte Zimmer … Die weißen Fenstervorhänge waren niedergelassen … die Gardinen waren zugezogen … das Feuer in einem hohen Kamin prasselte … es war eine Stätte des Friedens …

Onkel Levinus schritt, umschlungen von Paula und Armgart, wie ein von langen Reisen Zurückgekehrter daher … Es war ein untersetzter, stämmig gebauter Herr … In seinem Lächeln lag sogar etwas List, jene List, die der Ausdruck des Geistes ist, den dieser immer dann hat, wo er sich waffen- und harmlos gibt. Der Junggesell zeigte sich in der chevaleresken Begrüßung der Tante, die ihm auch ihrerseits ganz holdseligst entgegenkam und jetzt nicht das Mindeste verrieth von ihren gewohnten Misbilligungen z. B. seiner Methode, die Merinoschafe aus Spanien einzuführen, seines Bohrens auf Steinkohlenlager, die sich nicht fanden, seiner Gestütsveredelungsversuche und ähnlicher Dinge, die sie seit Jahren an dem phantastischen und kostspieligen Wirthschaftsführer controliren mußte …

Terschka fragte nach dem Postpacket, das sie mitgebracht hätten von Witoborn … Armgart wurde sogleich von der Tante bedeutet, es aus dem Wagen zu holen …

Schon sprangen drei Männer zu gleicher Zeit, den Auftrag ihr abzunehmen … Thiebold nicht am sichersten … Benno schon in beschleunigterer Hast … Terschka der Flinkste …

Armgart hielt indeß alle zurück, bat, sich zu ruhen, und ging allein …

Benno, von einer der Tante an ihm ganz ungewohnten 126 Eleganz, wie ein Hochzeiter, zog die Handschuhe aus und strich sich vor innerer Erregung den schwarzen Bart und sein lockiges Haar …

Und der Onkel erzählte schon:

Bonaventura’s Mutter war auf dem Schlosse noch nicht anwesend, aber das große Déjeûner dinatoire, das man zur Stärkung bei den weiten Distanzen der Wohnorte aller Geladenen mit voller Genugthuung antreffen durfte, war höchst kostbar gewesen … Man hatte das Mahl im Stehen eingenommen … um ein Uhr brach endlich der Zug auf … Die Segnungen hatte dann dem Sarge der Geistliche des Sprengels gegeben, in dem das Schloß liegt … Dann hatten die Mönche den Sarg in Empfang genommen, an der Spitze der neue Provinzial, Pater Maurus, Nachfolger des verstorbenen Henricus … Die Beisetzung im Kloster selbst war ohne Feierlichkeit erfolgt … Bonaventura hatte dabei etwas zu sprechen keine Veranlassung … Im Kloster Himmelpfort hatten sich alle Eingeladenen und nur aus Rücksicht um die Dorstes Gekommenen getrennt … Bonaventura war noch mit einem der Wagen des Präsidenten zurückgeblieben, um im Kloster den Pater Sebastus zu besuchen … Dann hatte er wieder nach Schloß Neuhof umkehren und erst morgen im Kreise von Westerhof erscheinen wollen …

Paula hörte diesen Mittheilungen mit Aufmerksamkeit und Ergebung zu …

Benno ergänzte:

Besonders geistlich sind die Gedanken der Leidtragenden nicht gewesen! … Der Landrath machte curiose Späße …

127 Ja, sagte der Onkel, Späße, die für eine Kindtaufe gepaßt hätten! … Niemand ging jedoch besonders darauf ein …

Die Verabredung zur Jagd ist zu Stande gekommen? fiel Thiebold zerstreut ein …

Graf Hovden, die Hakes, Graf Münnich und andere beauftragten uns, mit der gräflichen Jägerei Rücksprache zu nehmen, sagte Terschka, und die Leute meinen, daß gerade heute Abend noch im Finkenhof das Jagdpersonal versammelt sein würde … Herr von Asselyn schlug vor, heute Abend den Umweg über den Finkenhof zu machen … Ich begleite ihn und so bringen wir alles in Ordnung!

Gut! Gut! sagte der Onkel und deutete die Autorität an, die vorzugsweise Terschka hier gebührte. Der Weg ist ja nicht weit …

Die Tante war inzwischen wieder ungeduldig geworden über Armgart, die erklärt hatte, die Post allein besorgen zu können, und nun nicht wiederkam … Sie schien auch schon zu bemerken, daß die Männer in der That etwas im Rückhalt hatten …

Terschka sprach mit Paula und war die Artigkeit und Rücksicht selbst …

Die zurückgekommenen Diener, die in ihrer etwas altfränkischen Staatslivree, Grün mit Gold, geblieben waren, arrangirten den Thee … Die Herren setzten sich …

Wie still, begann der Onkel mit einer wohltönenden, aber nur leisen und, wie dem Forscher ziemt, nur prüfenden Stimme … wie still kann nun so ein wildes Menschenkind werden! Wie lange hat doch dieser Mann in der Welt rumort! Es ist dein Onkel, Paula! Aber 128 der hat die Spanne Zeit, die ihm der Schöpfer gemessen, benutzt wie sein unveräußerliches Eigenthum! Ein schauerlicher Augenblick, als wir in dem dunkeln, schneeverschütteten Grunde an dem hohlen, blitzzerschlagenen Eichbaum vorüberkamen, wo einst der Deichgraf Klingsohr gefallen! … Ja, vorher schon! … Ich erstaunte, im Dickicht ein gewisses Kreuz wiederzufinden, das, solange der Kronsyndikus noch im Gebrauch seiner gesunden Sinne war, an jener Stelle nie stehen durfte … Bruder Hubertus scheint es gewesen zu sein, der es wieder aufgerichtet hat … Er ist von seiner Reise zurück …

Terschka, immer die Thür fixirend, durch die Armgart zurückkehren mußte, und eine Tasse Thee entgegennehmend, sagte:

Ich bin nun fast ein halbes Jahr in der Gegend, hörte soviel vom Bruder Hubertus und sah ihn heute zum ersten mal …

Er ist erst jetzt von Wanderungen heimgekehrt, die ihn bald in dieses, bald in jenes Kloster seines Ordens, oft bis in die Schweiz hineinführen, erwiderte Onkel Levinus. Gleich beim Anblick des Kreuzes, vor der Störung an der Eiche, dachte ich mir: Jetzt muß wol der Knochenmann wieder dasein!

Welche Störung? fragte schon vor dem „Knochenmann“ die Tante und sah Thiebold an, der seinerseits zu der vom herabfallenden Lampenschimmer wie verklärten und nur auf die Erwähnung Bonaventura’s harrenden Paula mit gedankenverlorener Andacht blickte …

Ja! fuhr der Onkel fort, das war, um es nur zu 129 sagen, ein recht verdrießlicher Augenblick! Ein förmliches Todtengericht! Ich zitterte für den Präsidenten, der neben dem Domherrn saß und die Scene erleben mußte! Auch der Landrath, wie uns Herr von Terschka später mittheilte, soll sich furchtsam in seine Ecke gedrückt und vergessen haben, daß gerade seine Autorität hier am Platze war … Wer weiß, wie lange diese Scene gedauert hätte, wäre nicht Herr von Terschka zum Wagen hinausgesprungen und hätte die gehemmte Ordnung des Zuges wiederhergestellt …

Tante Benigna’s Augen hafteten an denen Thiebold’s …

Bruder Hubertus unterstützte Sie endlich, Herr Baron! schaltete Benno ein, den Terschka’s gespanntes Warten auf Armgart zu stören schien … Man hätte von ihm, soviel ich höre, diese Großmuth kaum erwarten sollen …

Welche Großmuth? fragte Terschka. Was hat es mit dem Bruder für eine Bewandtniß?

Das zu erklären, fuhr der Onkel fast frauenzimmerIich erröthend fort, möchte –

Die Tante wußte, daß die „Gegenwart der Damen“ hinderlich war und fiel sogleich ein:

Welche Störung fiel denn nur vor?

Paula saß jetzt, als besänne sie sich auf einen Traum, den sie vor langer, langer Zeit gehabt haben konnte … Auch Benno sah sie auf das Wort des Onkels mit einem ehrfurchtsvollen Blicke an. Sie machte den Eindruck, als wären unter dem Schutz ihrer weit ausgebreiteten Cherubsflügel alle Dinge der Erde rein und unentweiht …

130 Der Zug mußte im Düsternbrook eine Biegung machen, erzählte der Onkel, sodaß wir auch im Wagen alles mit ansehen konnten, was vor uns mit dem Sarge geschah. Vier Laienbrüder trugen ihn. Voraus gingen der Provinzial Maurus und die Mönche und alle sangen. Hintennach folgten die Dienerschaften von Schloß Neuhof, die Vorstände der Wirthschaft, die Beamten der Wittekind’schen Verwaltung. Dann erst kamen die Kutschen. Wie der Sarg an der bekannten Eiche vorüberkam, empfing ihn an dem zum Zusehen bequemsten Platze eine dort versammelte Menschenmenge … Bauern, Knechte, Weiber, Kinder, alles dicht geschart … Zufällig machten die Gesänge der Mönche eine Pause … Da ertönte anfangs eine Geige … In lustiger Melodie fiedelte irgendjemand, den man nicht sah, und gerade aus dem Menschenknäuel heraus … Erst konnte man an einen Bettler denken, der die Gelegenheit nutzen wollte, auf die Art zu einem Almosen zu kommen … Bald aber hörte man eine laute Stimme rufen: Schweig, Todtengräber! Hier erst noch drei Hände voll Erde!

Ihr Heiligen! rief die Tante erstaunend, da auch der Onkel im Erzählen feierlich die Stimme erhob …

In demselben Augenblick ging die Thür auf und Armgart kam zurück …

Sie kam ohne die Brief- und Zeitungsmappe …

Niemand fragte jetzt danach, so ergriffen war noch alles von dem eben Mitgetheilten …

Thiebold klärte Armgart rasch über das auf, wovon die Rede war …

Diese hörte wie geisterhaft und abwesend zu …

131 Schweig, Todtengräber! wiederholte der Onkel. Hier erst drei Hände voll Erde! rief die Stimme. Da trat eine hohe, kräftige Gestalt in grauem Mantel aus der Menge, hielt einen Gegenstand hoch empor, zog den Hut, als wenn er die Raben ringsum, die grauen Wolken, die kahlen zackigen Zweige, die Trauerkutschen grüßen wollte, und rief: Kronsyndikus von Wittekind-Neuhof! Nimm zu deinem himmlischen Ehrenkleid auch noch diesen Orden mit! Ein ab instantia absolvirter Mörder empfiehlt dich der Gnade Gottes, des Heilands und der allerseligsten Jungfrau! Erschein’ am Tage des Gerichts mit diesem grünen, damals nicht verbrannten Fetzen Tuche –

Die Frauen blickten starr auf den Onkel, der alle diese Worte mit Feierlichkeit nachsprach … Die Tante war vor Entsetzen halb aufgestanden …

Benno berichtete weiter; denn dem Onkel stockte schon die schwache Stimme …

In diesem Augenblick, sagte er, wo wir alle die gleichen Empfindungen haben mußten, wie Sie sie jetzt allein vom bloßen Berichte haben, war die Scene bereits von Herrn von Terschka unterbrochen worden …

Doch nicht! doch nicht! sagte dieser von einem Nachdenken auffahrend … Noch ehe ich aus dem Wagen war, um die Störung zu unterbrechen, war schon ein anderer Zwischenfall eingetreten … Die Geige –

Bitte! ergänzte Benno. Erst hörte man einen schreckhaften Schrei …

Aber auch Paula erhob sich jetzt … Armgart hatte nicht Platz genommen, obgleich ihr Terschka und Thiebold einen Stuhl holten, wie sie eintrat …

132 Ganz recht! bestätigte der Onkel. Man erfuhr, daß im Dienstpersonal ein Frauenzimmer ohnmächtig geworden war. Es war das die Lisabeth, die Beschließerin von Schloß Neuhof …

Dann war – das ja wol – jener Küfer? schaltete die Tante mit Entsetzen ein …

Stephan Lengenich! bestätigte der Onkel. Wir erfuhren es später. Die Verwirrung des Augenblicks ließ sich nicht ganz übersehen, weil inzwischen der Zug schon weiter ging und die Mönche schon wieder sangen. Aber den Anblick alles Spätern hatten die doch noch, die nur langsam nachfuhren. In die Rede des damals ungerechterweise angeklagten Küfers hinein ertönte wieder die Geige. Ihr Spiel war so frech, so teuflisch, so voll Hohn fiel sie ein in die furchtbare Rache des Küfers, die sie gleichsam unterstützen wollte, daß jedermann dem nur danken mußte, der sich plötzlich auf den Geiger warf, ihm sein Instrument aus den Händen schlug und ihn, da er Widerstand leisten wollte, fast mit Füßen trat. Das war dann niemand anders, als unser alter guter Freund, der Bruder Hubertus …

Benno und Thiebold mußten sich mit Besorgniß Paula nähern, die wie in Erstarrung wieder in ihrem Sessel saß, während die Tante an die Thür eilte, um sicher zu sein, daß in diesem Augenblick der Erörterung mislicher Familienverhältnisse die Diener nicht hereinkamen …

Ja, das Maß ist gerüttelt und geschüttelt voll, sagte der Onkel tiefschmerzlich und die Hände gefaltet auf den Tisch vor sich hinlegend, das Maß der Ehrenkränkung, die seiner Familie ein wilder und entsetzlicher Mann hin-133terlassen hat! So ging es doch mit ihm fast funfzig Jahre hindurch! So klagen ihn todte und lebendige Zeugen an! So öffnen sich die Gräber, um ein Geheimniß nach dem andern ans Tageslicht zu bringen! Paula! Du gutes, gutes, treues Kind –

Auf diese liebevolle Anrede, die dem Schmerz galt, den Paula um die Ehre ihrer Familie, um Mutter und Vater empfinden mußte, hatte sie sich rasch aus dem Zimmer entfernt … Armgart flog ihr wie ihr Schatten zu hülfreichem Troste nach …

Nun erzählte die Tante den theilweis hocherstaunenden Männern Paula’s Traumgesicht … Alles was sie gesehen hatte, wurde von den Männern bestätigt …

Wild, wild war der Anblick dessen, was an der Eiche geschah! sagte der Onkel, der seinerseits an diese Visionen schon gewöhnter war. Da mußte sie wol erwachen … Der Geiger war der Taugenichts, der alte buckelige Stammer! Rächen wollte er sich für die Verweisung aus dem Schlosse durch den Präsidenten … Der Küfer hatte den Fetzen Tuch, der einst vom Deichgrafen dem Kronsyndikus abgerissen war und so lange nicht gefunden werden konnte, wenn es überhaupt der echte war, auf den silberbeschlagenen Sarg, mitten unter die Ordensinsignien gelegt! Als er das gethan, taumelte der Mann – es war auf den Schrei der Lisabeth – wie ein Kind und wurde von dem anwesenden Löb Seligmann gehalten, dem Juden, der ihn zu kennen schien. Herr von Terschka, Sie werden ja wol das Nähere von dem drolligen Musikschwärmer erfahren 134 können! Aber dem Geigenspieler ging es schlimm. Hubertus zertrat ihn fast; obgleich Stammer der Bruder des Mädchens war, um das auch der Bruder Abtödter den Kronsyndikus so bitter haßte …

Die Tante, die den Onkel in der weitern Mittheilung der Geschichte des Mönchs Hubertus nicht stören wollte, entfernte sich, um nach Paula zu sehen … Es kamen jetzt Bestandtheile eines Soupers, auch einige Flaschen Wein, die sie den Männern überließ …

Der Abtödter, hört’ ich, nennt man ihn? fragte Terschka kopfschüttelnd, als die Diener fort waren …

Man nennt diesen Mönch so in den Klöstern und im Volke! erklärte der Onkel. Sein eigentlicher Name ist Buschbeck …

Buschbeck! wiederholte Terschka befremdet und wiederholte lange sinnend: Buschbeck? Buschbeck? …

Terschka’s eigenes, allen hier unbekanntes Leben schien mit diesem oder einem ähnlichen Namen eine Beziehung zu haben …

Der Onkel erzählte mit gedämpfter Stimme und rasch die Abwesenheit der Frauen nutzend:

Auch Sie, Herr von Asselyn, werden sich ja wol aus Ihrer auf Hof Borkenhagen verlebten Jugend des Försters Buschbeck – nein, Sie mußten ihn schon nur als Mönch gekannt haben –

Es muß jener Laienbruder sein, sagte Benno, der dem alten Hedemann einmal ein Pferd mit Sympathie curirte … Dreizehn Haupthaare von einem Scharfrichter in einem Teig von Weizenmehl und Oel eingegeben und das Pferd erhielt sich …

135 Der Glaube macht selig! lachte Thiebold, der sich allmählich zu finden und schon wieder zu serviren anfing …

Aber der Onkel entgegnete:

Warum? Die Geheimnisse der Natur sind unergründlich!

Terschka, immer sinnender und ein anerkannter Virtuose der Reitkunst, fiel ein:

Die Hauptsache an dem Mittel werden das Oel und vielleicht auch die Haare gewesen sein! Wann kam denn dieser Mann hier in die Gegend?

In den Jahren vor den Befreiungskriegen, etwa 1808, erzählte der Onkel. Es war ein schlanker und gewandter Mann, der bei den Holländern in Java gedient hatte …

In Java! sprach Terschka leise und sein sonst schon immer wachsbleicher, fast gelblicher Teint nahm eine eigenthümliche Färbung an … Er verlor in dem Grade seine gewohnte Elasticität, daß er jetzt ganz als der Vierzigjährige erkannt werden konnte, der er war, während sonst der viel jugendlichere Benno fast älter aussah, als er …

Er rühmte sich mancher geheimen Jägerkunst und manchem galt er für einen Freischützen! fuhr Onkel Levinus fort … Aber sein Lebenswandel war achtbar und stimmte wenig mit dem Ton, der damals auf Schloß Neuhof herrschte, wo ihn der Kronsyndikus anfangs zum Revierförster machte … Es gab einst eine wilde Zeit auf dem Schlosse da, das wir heute so still und gespenstisch sahen! … Freiherr von Wittekind war durch die Verführungen des damaligen kasselschen Hofes in ein Leben der 136 tollsten Liebeshändel gerathen. Immer hab’ ich gefunden, daß Männer bei einer solchen Lebensweise zuletzt von ihrer Sinnenglut förmlich unterjocht werden. Jeder Gedanke verwandelt sich ihnen in Unlauterkeit, jeder Blick auf ein Weib in Begehrlichkeit, jede Voraussetzung über die Tugend des Menschen in den frechsten Glauben an schlechte Möglichkeiten. Damals war auf dem Schlosse eine Person allmächtig, ein Frauenzimmer zweideutiger Herkunft – eine gewisse –

Benno befreite den Onkel von der Verlegenheit, ganz offen über eine ominöse Beziehung zur Dechanei zu sprechen …

Legen Sie sich keinen Zwang an! sagte er. Frau von Buschbeck hat für die Dechanei nie existirt … Höchstens, daß jetzt ihre Schwester mit dem alten Windhack ihr Privaterstaunen austauscht, wie das hübsche Vermögen der Ermordeten, doch an zwanzigtausend Thaler, an den Bruder Hubertus testirt wurde. Die Stifter und Kirchen sind betrogen worden! Hammaker’s Vertraulichkeit mit der Alten beruhte auf den Codicillen, die er möglich zu machen wußte, um die durch Nück und unter Zeugenassistenz zweier Herren Schnuphase und Klingelpeter getroffenen gottseligen Bestimmungen für den Fall ihres Todes wieder aufzuheben …

Terschka war über die Ermordung der sogenannten Frau Hauptmann von Buschbeck unterrichtet und lauschte mit der größten Spannung …

Diese außerordentliche Zärtlichkeit einer Person, fuhr der Onkel fort, die nicht einen, nein mehrerlei Teufel im Leibe gehabt haben muß, diese auffallende Anhänglichkeit an den Mönch Hubertus ist eine Folge der Eitelkeit, da sich 137 Brigitta von Gülpen durchaus als die Frau Hauptmann von Buschbeck geberden wollte … Als Hauptmann war der holländische Lieutenant Buschbeck verabschiedet worden; er war nicht von Adel, auch nicht etwa schimpflich entlassen; aus eigenem Antrieb hatte er und leider vor Erreichung seines höhern Pensionsgrades seinen Abschied genommen. Man sagt, weil ein dunkler Schleier gehoben wurde, der auf seiner Vergangenheit ruhen soll … Ich kenn’ ihn nicht … Man spricht ja wol von ihm, es wäre ein Scharfrichterssohn? …

Auf diese Frage, die der Onkel an sein eigenes Gedächtniß richtete, wurde Terschka’s Auge das des Falken …

Diesem Fremdling, der in einer erwerbslosen Zeit, müde des damals nur noch einträglichen Kriegsdienstes, hingehalten mit seiner nur geringen Pension, die einfache Stelle eines Försters annahm, schenkte die damalige Wirthschaftsführerin des Freiherrn, Fräulein Brigitta, ihr Herz. Sie war feurigen, lebhaften Sinnes, häßlich dabei wie eine Fledermaus. Der Fremdling konnte sich ihrer Zudringlichkeit nicht erwehren; der Kronsyndikus that nie etwas umsonst und wünschte auf diese Art von einer Person befreit zu sein, die ihm über den Kopf wuchs. Der Abenteurer mag aus Willensschwäche und verblendet von glänzendern Anerbietungen, zugleich berauscht von der Wildheit des damaligen neuhofer Lebens, Zugeständnisse gemacht haben, die er später bereute. Seinen spätern Aeußerungen zufolge will er niemals ein Weib geliebt haben, als nur einmal eine Tochter eines seiner Waldhüter, ein allerdings auffallend schönes Kind, Hedwig Stammer hieß sie, schlank, hochgewachsen, 138 die Schwester dieses Buckeligen, den er heute mishandelt hat …

Nach einer Pause des Erstaunens über diese Zusammenhänge fuhr der Onkel fort:

Hedwig Stammer wurde im stillen seine Liebe und bald entdeckte diesen Treubruch, wie sie es nannte, die Megäre auf dem Schlosse. Sie ersann eine Rache, zu teuflisch um sie nur nachzudenken, wenn nicht die Umstände Begünstigungen zur wirklichen Ausführung des Unglaublichen gegeben hätten. Die Leidenschaften des Kronsyndikus kannten keine Grenzen. Keine Tugend war ihm heilig. Kein Weib, dem er irgend sich glaubte nahen zu können, ließ er ohne Anfechtung. Dabei begünstigte ihn sogar das Glück, ohnehin sein Reichthum und, wie das in solchen Fällen geht, die Courage. Ihm schien ein Widerstand unmöglich und so vermessen war seine Menschenverachtung, daß er sich an die Unschuldigsten wagte, ja durch Umtriebe aller Art es oft dahin zu bringen wußte, daß diese plötzlich in irgendeiner Weise wirklich von seinem Willen abhängig wurden. Hätte der Mann auf einem Throne gesessen, er würde den größten Tyrannen beizuzählen sein …

Ein Blick auf die Nebenthüren und ein Lauschen nach einem fernen Geräusch drückte die Furcht des Onkels aus, die Frauen möchten zurückkommen … Dem fast übersiedenden Wasser im silbernen Kessel sprangen Benno und Thiebold zugleich bei durch Mildern der Flamme …

Ich will es kurz fassen! fuhr der Onkel sich eilend fort. Der Kronsyndikus hatte sein Auge auf die Frau des Deichgrafen Klingsohr geworfen. Die Vertraute seiner Lüste, die Gülpen, unterstützte seine Hoffnungen, 139 weil ihn Unmöglichkeiten unerträglich im Umgang machten. Mit Verachtung zurückgewiesen, entbrannte er in nur noch wilderer Glut. Da entdeckte die Gülpen die Neigung ihres sogenannten Verlobten und schmiedete einen Höllenplan. Durch verstellte Handschriften machte sie die Deichgräfin, wie sie hieß, zur Correspondentin des Kronsyndikus. Die Eitelkeit des Frevlers war einer völligen Sinnlosigkeit fähig. Taumelnd in seinen Hoffnungen, die ihm leider nur selten fehlschlugen, glaubte er der Versicherung der Gülpen, die Deichgräfin warte nur eine Reise ihres Mannes ab, um ihn zu erhören. Dann würde sie selbst einmal aufs Schloß kommen. In einer Nacht, wo kein Stern am Himmel stand, der Kronsyndikus gegen Mitternacht von einem Gelage heimkehrte, wisperte ihm das Scheusal zu: Die Deichgräfin ist da! Sie bleibt auf die Nacht bei mir zum Besuch, das Wetter ist zu schlecht – Wo? ruft der Trunkene und folgt in rasender Begier dem Weibe, das ihn an ihrer knöchernen Hand im Dunkeln geleitet. Plötzlich ist ihr Licht erloschen, alles ringsum finster. In einer engen, dunklen Kammer trifft er eine schlanke, sich eben entkleidende Gestalt, wirft sich auf sie – und erst wenige Minuten später, als es zu spät war, erkennen zwei Menschen ihren grauenhaften Irrthum …

Die Männer saßen erstarrt … Es bedurfte von Seiten des Onkels kaum einer Erklärung, welche Rache hier ein weiblicher Bösewicht vollzogen hatte, der denn auch das Leben durch die Schlinge eines Mörders verlassen sollte … Dennoch erklärte der Onkel das Vorgefallene ausführlicher:

140 Brigitte von Gülpen hatte Hedwig Stammer, die sie tödlich haßte, allmählich an sich gelockt und sicher zu machen gewußt … In ihrer Waldwohnung suchte sie sie öfters auf, erklärte, die Untreue des Hauptmanns bräche ihr zwar das Herz, doch wolle sie sein Glück nicht hindern … Sie befahl nur dem Mädchen, die Besuche, die sie ihr, um ihren guten Willen zu zeigen, machte, dem „Herrn von Buschbeck“ zu verschweigen … Sie versprach eine glänzende Ausstattung, die Unterstützung des Kronsyndikus und lockte das arme Kind immer mehr und mehr an sich … Eines Abends, da sie es so veranstaltet hatte, daß Hedwig einen Auftrag im Schlosse auszurichten hatte, behielt sie sie bei sich, erzählte von dem „Herrn von Buschbeck“, Hedwig’s Geliebten, der noch diesen Abend aufs Schloß kommen müßte und mit dem Kronsyndikus von einer Jagdpartie zurückkäme. Es regnete, es stürmte. Sie versprach, Hedwig’s Ausbleiben über Nacht sogleich bei den besorgten Aeltern ansagen zu lassen und brachte sie in eine Kammer, wo sie zur Nacht ruhen sollte. Das arglose Ding, das bis zwölf Uhr vergebens gewartet hatte, entkleidet sich, läßt, da die Gülpen noch erst gute Nacht zu sagen zurückzukommen erklärte, die Thür offen, löscht auf Befehl das Licht, weil die Gülpen von den Wunderlichkeiten des Kronsyndikus und seiner Strenge gegen Untergebene spricht, und nun stürmt die Gülpen plötzlich herein, ruft: Buschbeck ist da! Er kommt … Hedwig fährt auf, rafft ihre Kleider zusammen – – Genug, drei Tage hielt sich das Weib, dem seine Rache nur zu gut gelungen war, vor der Wuth des Försters, dem die 141 Getäuschte, noch in der Nacht vom Schlosse entfliehend, sich sogleich entdeckte, verborgen … Buschbeck würde sie ermordet haben … sie wußte das … Der Kronsyndikus, damals noch sein eigener Gerichtsherr, verfügte gegen den Förster, der ihn persönlich anfiel, erließ sofortige Verhaftung, dann Dienstentlassung. Lachend verzieh er der Gülpen, nannte noch später, als in der That zufällig die in aller Unschuld abwesende Deichgräfin eines Sohnes genas, diesen, den jetzigen Mönch Sebastus, seinen wahren Sohn, d. h. den Sohn seiner Einbildung, seinen Sohn im Geiste. Hedwig Stammer verfiel in ein Nervenfieber und starb. Den sogenannten Hauptmann von Buschbeck wollten die französischen Gensdarmen zwingen, Kriegsdienste zu nehmen oder die Gegend zu verlassen. Er flüchtete sich nach Kloster Himmelpfort, wo ihn der damalige würdige Guardian Henricus beschützte, vollends als er nach dem Tode Hedwig’s in den Orden trat. Das böse Weib konnte sich nicht länger im Schlosse halten. Reich ausgestattet an Geschenken, für ihre Lebenszeit gesichert durch eine Pension, zog sie von dannen. Sie stellte sich so wahnsinnig verliebt in ihren Verlobten, daß sie alles, was sie von seinen Sachen als Andenken nur ergattern konnte, mitnahm, javanische Pfeilspitzen, chinesische Götzen, große ausgestopfte Vögel … Die Stammers wohnten dann später in einem Pavillon des Schloßparks und hatten das Gnadenbrot vom Kronsyndikus, der seine Jugendthorheiten späterhin, wie das so geht, wenn die Kraft nachläßt, zu bereuen anfing … Und schon einmal wurde ihm der Geiger zum Verhängniß. Dieser Taugenichts war es, der den Tod seines Sohnes 142 Jérôme dadurch veranlaßte, daß er diesen, der zur Pflege in einem Dorfe jenseit des Gebirges beim Pfarrer Huber, der jetzt hier in Witoborn steht, die Nachricht von der nach Hamburg gerichteten Flucht eines gewissen fremdartigen, schönen Mädchens anzeigte, das damals wiederum auf Schloß Neuhof, wenn auch freilich unter andern Verhältnissen, auftauchte –

Bis zur gänzlichen Vollendung seiner Erzählung gelangte der Onkel nicht, denn in diesem Augenblick kehrten die Frauen zurück …

Tief erschüttert schwiegen die Männer …

Was ihnen auf die Lippen ein ernstes Schweigen legte, war nicht blos das Entsetzen über das Vernommene, nicht blos bei Terschka der mannichfache, fast persönliche Antheil, den er an allen diesen Berichten zu nehmen schien, nicht blos bei Benno die Verbindung alles dessen, was er über Klingsohr und Lucinden wußte, und der Nachhall des grauenhaft dämonischen Wortes des Kronsyndikus: Im Geist ist doch Heinrich Klingsohr mein Sohn! – nicht blos bei Thiebold die Rückerinnerung an jenen Morgen, wo eine so böse Uebelthäterin ermordet gefunden wurde, und an die ihm noch unbekannte Wendung, die das Testament der Ermordeten genommen hatte (Bruder Hubertus sollte in der That das Geld angenommen, aber zu bestimmten Zwecken cedirt haben) – das ernste feierliche Schweigen wurde noch mehr hervorgerufen durch den Gegensatz, in welchem die reine, lichtumflossene, weiblich verklärte Gegenwart der Wiedereingetretenen zu dem Unreinen stand, das durch mensch-143liche Leidenschaft wie aus einem Schwefelpfuhle heraufbeschworen so im Leben ans Licht treten kann.

Die endlich von der Tante mitgebrachte Postmappe, aus der sie schon ihre eigenen Briefe und die für Paula herausgenommen hatte, bot Gelegenheit, daß sich die Empfindungen sammelten und eine Stimmung des Friedens und wenigstens äußerlichen Behagens wiederherstellte …

Auch von Püttmeyer’s Besuch erzählte jetzt die Tante … Das lebhafte Interesse, das daran der Onkel nahm, wurde an einem ebenso lebhaften äußern Ausdruck dafür nur durch die weit ausgebreiteten Zeitungen und das fortgesetzte Mahl verhindert …

Auf Schloß Westerhof war man sonst, was die Zeitereignisse anlangte, immer ziemlich spät hinter ihnen zurück. Die neuen französischen Ministerien wurden gewöhnlich erst bekannt, wenn sie schon wieder abgedankt hatten. Man hielt die Zeitungen der nahe liegenden Städte, las sie aber nur von hinten her nach vorn, erst in den Familiennachrichten und dann erst in der politischen Rubrik und diese überschlug man oft auch gänzlich … Paula durfte sogar keine Zeitung früher lesen, ehe nicht die Tante sie censirt hatte; denn schon lange kam es vor, daß Berichte: „Aus Witoborn“ oder: „Von der Witobach“ über die „Seherin von Westerhof“ oder über die „Dorste’sche Erbschaftsfrage“ schrieben. Seit dem Kirchenstreit war eine etwas größere Leselust eingetreten. Die Tante, Paula, Armgart, das Stift Heiligenkreuz schwärmten für den abgesetzten Kirchenfürsten. Onkel Levinus entzog sich dem gemeinsamen Geiste der Provinz um so weniger, als für ihn zwar nicht, wie bei Professor Guido Gold-144finger, schon der Schöpfer in der Erschaffung der Pflanzen und Blumen das katholische Princip voraus signalisiren wollte, doch die Geschichte, vorzugsweise die der alten Hindus, ihm entschiedene Tendenzen zum römischen Glauben verrieth. Oft schon hatte er mit dem Bruder Hubertus über den Glauben der Chinesen gesprochen und sah überall die Anknüpfungspunkte der Missionäre verfehlt. Er konnte oft auf einige Monate ganz die Chemie, leider auch die Oekonomie vergessen, nur um die Dreieinigkeit nicht in den Glauben des Confucius hineinzutragen, sondern sie „ganz evident“ aus ihm heraus zu entwickeln. Eine Reise nach Aethiopien, zunächst um daselbst dem wirklichen Vorhandensein des bekanntlich nur im englischen Wappen und in der Bibel vorkommenden fabelhaften Einhorns nachzuforschen, dann aber auch um sich über alles zu orientiren, was mit dem Cultus der „schwarzen Madonna“ bis zum Völkervater Ham zurück zusammenhing, wäre ihm schon bei geringerer Liebe zur Bequemlichkeit eine seiner bedeutendsten Lebensaufgaben gewesen … Den Ghibellinen gegenüber sagte auch er, wie hier alle: „Religion muß apart sein!“ d. h. in keine Verbindung und Abhängigkeit mit der sonst verbürgten politischen Loyalität treten.

Der Erörterungen über das Neueste in diesen Streitigkeiten gab es genug …

Terschka schwieg dazu … Er sah in seine Briefe, die zahlreich waren …

Einen schien er darunter zu vermissen. Er betrachtete die Poststempel und fragte:

Ist das die ganze heutige Post?

145 Armgart fiel ihm in die Rede und begann mit einer plötzlich aufleuchtenden, für die Stimmung des kleinen Kreises fast unpassenden Lebendigkeit und jetzt auch zu Benno gewandt, dessen schmerzlich fragende Blicke sie anfangs gemieden hatte:

Wann soll die Jagd sein? Ich gehe mit! Nicht auf Münnichhof zu den Transparenten, nein! Ich schieße mit den Männern um die Wette! Lassen Sie mir den Pancraz als Leibschütz, Herr von Asselyn!

Armgart! lautete der einstimmige Verweis aus des Onkels, der Tante und Paula’s Munde … Alle blickten dabei von ihren Briefen und Zeitungen auf …

Warum denn nicht? fuhr Armgart mit glühendem Antlitz fort. Kann ich nicht schießen? Ich hab’s vom Heydebreck gelernt! Soetbeer und Pancraz können bezeugen, daß ich vor Weihnachten auf dem Wege zum Stift im Niederholz ihnen begegnete, dem Pancraz die Flinte aus der Hand nahm und einen Hasen traf, der unfehlbar mir über den Weg gelaufen wäre! Ich wollte kein Unglück haben …

Die Männer mußten auflachen über diese eigene Art, dem Schicksal seine bösen Vorbedeutungen mit Gewalt zu vereiteln …

Die Tante sah nur kurz vom Brief einer guten Freundin auf und bemerkte:

Deshalb entdeck’ ich auch in deinem Zimmer immer die meisten Spinngewebe! Du denkst, Spinnen bon espoir. Ich aber denke, jedes Unglück, das sich nur durch Wildheit und Unordentlichkeit abwenden läßt, muß man getrost ertragen!

146 Auch dieses Streiflicht auf Armgart’s nicht eben besonders pünktliche Natur blieb nicht ohne ein Lächeln der Männer. Nur, daß sie hätten hinzufügen mögen: Aber laß uns doch über dich lachen, du süßer Narr! Gerade dein Koboldsgeist ist’s ja, der andern so himmlischer Abkunft erscheint! Rumore, wie du willst, verschleppe Bücher und Nähtereien und Federn und Dintenfässer; gerade darin liegt uns ja dein bestrickender Reiz! … Armgart faßte jedoch dies Lächeln nicht so. Düster blinzelte sie die Reihe herum und musterte, wer sich zu lachen erlaubt hätte … Vorwurfsvoll blickte sie besonders auf Thiebold, dem sie sogar laut sagte: Das amusirt Sie wol? … Benno’s Blick hielt sie nicht aus … An Terschka huschte ihr Auge noch scheuer vorüber …

Benno sah das ganze seit Wochen so befremdliche Wesen und staunte …

Inzwischen sprach die Tante von den Ombres chinoises und jetzt mit der größten Schonung. Sie rühmte die Philosopheme Püttmeyer’s ebenso, wie sie sie heute früh verworfen hatte … Sie kam darauf durch ihre Lectüre …

Ich lese da eben einen Brief von der guten Angelika Müller aus Paris! schaltete sie ein. Was ist die in neuen Verhältnissen! … Die Fulds sehen die Minister und die berühmtesten Namen bei sich … Ei, Herr von Terschka, Madame Fuld läßt sich Ihnen empfehlen … Und ob Sie nicht im nächsten Sommer wieder auf ihrer Villa erschienen? … Die neue Erweiterung des Gartens, des Pavillons, würde ganz nach Ihren Ideen gebaut werden, schreibt Angelika … Und wann Sie denn 147 nach Wien reisten? ließe Madame Fuld fragen … Ei, ei, Herr von Terschka, welches Interesse von einer so jungen und gewiß höchst liebenswürdigen Frau!

Armgart fixirte Terschka aufs lebhafteste, als er dies Lob der Frau Bettina Fuld bestätigte … Paula mußte ihre Hand auf Armgart’s Scheitel legen, wie gleichsam um ihre stürmenden Gedanken zu beruhigen …

Jede Lücke des nicht im wohlthuenden Zusammenhange bleibenden Gesprächs gehörte natürlich wieder Thiebold … Mit seiner immer lebendigen Theilnahme, mit seiner Empfänglichkeit für alles und jedes füllte er sie … Die Tante überhäufte ihn mit Thee, Zwieback, kalten Fleischspeisen und einem „Herr von Jonge“ nach dem andern. Er war eben der Liebling ihres Herzens. Als endlich die Rede fiel, daß die Männer wirklich noch auf den Finkenhof gehen und mit dem gräflichen Jagdpersonal die versprochene Rücksprache nehmen wollten, und Benno und Thiebold erklärten, sie würden von dort auf einem kürzern Wege zu Fuß nach Witoborn zurückkehren, protestirte die Tante mit Beseitigung aller ihrer noch unbeendigten Lectüre entschieden und behauptete, eine solche Gefahr vor Schneeverwehungen nimmermehr zuzugeben … Die jungen Männer versicherten, daß der Schnee fröre und ihnen diese Wanderung den größten Genuß gewähren, ja Bedürfniß sein würde. Auf die immer und immer wiederholten Einwendungen der Tante wurde zuletzt Armgart ausfallend und fand es sonderbar, Männern ihren Willen zu nehmen. Sicher hätte dies kühne Wort dann die wechselnde Ebbe und Flut im Gemüth der Tante zum Ueberströmen der letztern gebracht, wäre nicht der Onkel gleicher Meinung 148 gewesen und hätte erklärt, wie man nur den jungen Herren ein Vergnügen rauben könnte. Dabei that er, als wenn ja auch nur sein aufopferndes jahrelanges Leben hier unter den Frauen auf Schloß Westerhof schuld daran wäre, daß er nicht die anstrengendsten Entdeckungsreisen nach Cochinchina unternommen hätte.

Paula’s Schweigen gebot den Aufbruch zu beschleunigen … Es war ihnen allen schon geschehen, daß die Leidende eben noch theilnehmend ihren Gesprächen lauschte und plötzlich auf eine Anrede im Traum erwiderte …

Als die Männer gegangen waren – Thiebold mit bedeutsamen Seufzern, Benno vergebens auf den Händedruck hoffend, der ihm von Armgart sonst immer so unbefangen geworden, Terschka fast von ihr ausgezeichnet durch manche beflissene Frage, manche lebhaft erwidernde Antwort – überschüttete die Tante Armgart mit all dem Mismuth, der sich in den gespannten Zuständen ihres Gemüths seither angesammelt hatte. Von Tage zu Tage nahm die Reizbarkeit und Ungeduld Benigna’s zu. Ein ängstlicher Blick in die Zukunft verdüsterte ihr alles, was sie umgab, und schon lange war es immer nur Armgart, die der Blitzableiter aller ihrer Verstimmungen werden mußte.

Nein, je älter, desto unerträglicher wirst du doch, Armgart! rief sie und das noch in Gegenwart des Onkels. Seit du von Lindenwerth zurück bist, erkennt man dich nicht mehr! Verkehrt warst du schon immer; aber so vorwitzig, wie jetzt deine Aeußerungen sind, so keck, wie ich dich z. B. vorhin drüben im Durchstöbern der Postmappe fand, 149 bist du nie gewesen! Hat es das Fräulein Müller versehen, die in ihrer Geduld und Nachgiebigkeit sich jetzt sogar den Sitten eines vornehmen Judenhauses in Paris fügt, oder ist dir die Stiftsdame zu Kopf gestiegen oder ich weiß es nicht, was die Schuld trägt! Die Jagd mitmachen! Hasen schießen, die einem über den Weg laufen könnten! Wahrhaftig! Ich habe gar keine Geduld mehr für dich!

Nun, nun, nun, nun –! beschwichtigte der Onkel fortlesend …

Und Paula bat schmeichelnd:

Tantchen!

Armgart aber stand wie das Lamm Gottes, das die Sünden der Welt trägt. Alles Weh der Erde legte sich um ihren mit lächelnder Duldung geöffneten Mund …

Deine Mutter war aber ebenso! fuhr die erzürnte Schwester derselben fort. Und dein Vater, der nicht minder! duckte sie den aufblickenden Onkel nieder. Von einer Jagd kam auch deren erste Uneinigkeit. Monika wollte auch schießen können und ging mit auf die Jagd und als Ulrich einigemal fehlschoß, lachte sie und hielt es ihm mit Spott vor. Ein Mann kann vom Weibe viel ertragen, aber ihm unritterlich zu erscheinen, reizt. Zumal bei einer solchen Empfindlichkeit, wie bei allen diesen Hülleshovens! Ja, versteck’ dich nur jetzt so hinter Paula! Geh nur so herum und thu’, als wenn du deine Rechtfertigung wie eine verlorene Stecknadel im Zimmer suchtest! Auch liesest du nichts, du arbeitest nichts, die Vielliebchen werden wol nach einem Jahre fertig sein, Musik hörst du kaum, geschweige daß du sie wieder vornimmst; ganz wie 150 deine Mutter war, die auch noch jetzt, „hoch in den Dreißigen“, ein reines Kind sein soll! Auch an dir wird die Familie wenig Freude erleben …

Armgart, statt zu reden, hob die gefaltenen Hände gen Himmel …

Paula besänftigte die Tante, die jedoch von Armgart selbst unterbrochen sein wollte, um versöhnt zu werden. Armgart blieb still. Keine Schmeichelküsse, keine Liebkosungen, keine Scherze, nichts gab sie wie sonst. Ebenso erblaßt, wie vorhin hocherglühend, ging sie im Zimmer hin und her, machte sich mit ihren glänzend aufgeschlagenen Augen dies und das zu schaffen und sagte nur zur „factischen Berichtigung“:

Die Mutter ist fünfunddreißig Jahre!

Der Onkel wollte jetzt auf sein Zimmer und Frieden und die Stimmung der Güte zurücklassen. Das neue Aufbrausen der Tante unterbrach er durch ein lautes Vorlesen eines der erhaltenen Briefe. Dabei hielt er seine linke Hand in die Höhe. Er wollte, daß sie Armgart ergriff und als Ablenker ihrer Stimmung benutzte. Armgart sah die freundliche Geberde und stürzte auch auf die Hand zu, küßte sie und drückte sie heftig an ihr Herz.

Jetzt empfand die Tante den Neid ihrer „Liebe“. Dieser Neid äußerte sich in Thränen, die ihr auf die Wange rollten …

Des Onkels fest vorlesende Stimme hinderte noch die Rückkehr zu den sich schon in Güte lösenden Empfindungen; vorläufig war es Paula, von der die Tante ans Herz gezogen wurde …

Die Gräfin Erdmuthe von Salem-Camphausen dankte 151 (nach des Onkels in alle diese aufgeregten Stimmungen eines hochgestellten, edlen, doch von seinen vielen Erlebnissen tief erschütterten Familienkreises beschwichtigend einfallendem Bericht) auf das von ihm erhaltene Schreiben aufs verbindlichste. Sie war glücklich in England angekommen, wohnte auf dem Lande bei Lady Elliot und wünschte ihrerseits nur den friedlichsten Fortgang aller der Dinge, die Gottes Rathschluß über das Schicksal beider Linien verhängt hätte. Erst bei einigen religiösen Anzüglichkeiten und der Erwähnung der Krankheitszustände der jungen Comtesse hörte der Onkel im lauten Vorlesen, das er zur Dämpfung des Streites wörtlich begonnen, auf …

Die Tante benutzte die nun entstehende Pause und knüpfte an London Betrachtungen über Paris und würde sich selbst auf Aethiopien, China und die Chemie eingelassen haben, wenn das Gespräch nur ausdrückte, wie sehr „ihr Herz“ bei alledem unter Armgart’s Trotz und verhärteter Gesinnung litt …

Der Sturm der Gemüther war indessen vorüber … milderes Wetter stellte sich ein und endlich schlug es neun, wo man auf dem Lande schon an die Nachtruhe denkt …

Der Onkel erhob sich zuerst und erklärte wiederholt, noch arbeiten zu müssen … Die Tante plauderte von einigen Anmeldungen ihrer Freundinnen zu den Exercitien, die Pfarrer Müllenhoff auf Betrieb der Frau von Sicking arrangiren sollte …

Der Onkel erwiderte:

Aber der rauhe Mann eignet sich doch gar nicht zu 152 dergleichen! Die indischen Fakirs sind keine Braminen! Im Ganges gibt es mancherlei Bäder! Ich hoffe, daß er nichts unternimmt ohne den Domherrn, seinen Vorgesetzten …

Die Tante, mit dem unendlichsten Bedürfniß nach Einverständniß, stimmte vollkommen diesen Aeußerungen bei. Auch sie fand Müllenhoff’s Weise so übertrieben, so aufreizend, daß es für die Religion selbst Gefahr brächte …

Und der Onkel fiel ein:

Wie ich immer gesagt habe …

Wie Sie immer gesagt haben … bestätigte die Tante …

Den Finkenhof kann man den Leuten nicht nehmen …

Den kann man ihnen nicht nehmen …

Man macht dem Mann alles nach Wunsch …

Und doch ist ihm nichts recht …

Den eigenen Eingang zur Sakristei in unsrer Kapelle geb’ ich ihm auf keinen Fall …

Wie werden Sie denn! …

Seine Manieren sind unglaublich! Mitten in der heiligen Messe putzt er an den Leuchtern und schüttelt den Kopf über den alten Tübbicke …

Den guten alten Tübbicke …

Armgart kam jetzt wirklich zur Gruppe, die der Onkel, die Tante und Paula bildeten, mit hinüber …

Die Schulkinder, fuhr der Onkel fort, läßt er eine Stunde lang knieen, um ihnen ihre sogenannte Kniesteifigkeit zu vertreiben!

Zu Lichtmeß will er Unterricht geben im richtigen Tempo des Rosenkranzgebetes!

153 Diese Harmonie braucht der Himmel nicht, wenn’s nur in unsern Herzen keine Dissonanzen gibt!

Wer jetzt ein Blumenstöckchen in eine Kapelle stiftet, von dem will er vorher die Anzeige haben, ob er auch keine Alfanzereien bringt!

Und ich denke, wenn ein liebend Gemüth einen Tannenzweig brächte oder ein thönernes Lämmchen …

Es ist das gewiß auch eine kindliche Gabe!

Ei, es hat sogar einen ernsten Sinn und erinnert an manchen bedeutungsvollen Mythus, der bereits bei denen alten Aegyptern als eine Vorahnung zu betrachten war zu manchem heiligen spätern Gebrauch!

Die Tante gähnte nun zwar, sagte aber:

O Sie sollten ihm das alles einmal auseinandersetzen, lieber Hülleshoven!

Der Onkel küßte jetzt Armgart … Das süßeste Einverständniß schien hergestellt … Nur Eines fehlte noch, daß auch die Tante mit Armgart sich ausdrücklich aussöhnte …

Aber dieser feierliche Moment blieb nach der Entfernung des Onkels aus …

Paula ging … Die Diener waren schon zugegen … Armgart sprang sofort hinter Paula her und schloß sich ihr an … Die Tante blieb allein … Sie blieb es einige Minuten … Niemand kam zu ihr zurück … Thränen traten der alten Jungfrau in die Augen und mit einem Gefühl des Vorwurfs, das ihr über diese und ähnliche Dinge sagte: Deine Strafe das für die alte Zeit! ging sie auf ihr Zimmer.

Armgart! sagte inzwischen Paula, als sich diese ihr 154 anschloß und ihre schlanke Hüfte krampfhaft umfaßte. Du solltest bei der Tante bleiben!

Wenn ich in meinen Thurm gehe, poch’ ich noch einmal bei ihr an und sag’ ihr gute Nacht! flüsterte Armgart …

Sie ließ den Diener, der leuchtete, vorangehen …

Armgart durfte nicht mehr in Paula’s unmittelbarer Nähe schlafen wie sonst. Seit ihrer Rückkehr von Lindenwerth hatte beide die Tante getrennt … Aber Abends noch eine Weile mit Paula, wenn diese sich wohl fühlte, zu plaudern, ließ sie sich, so oft sie in Westerhof verweilte, nicht nehmen …

Die Vorhänge des Schlafzimmers Paula’s waren schon zurückgelehnt … Im Vorgemach, wo ein kleiner Ofen stand, der geheizt wurde, half Armgart die geliebte Freundin entkleiden … Oft sprach Paula schon im Gehen und Stehen Dinge, die „einer andern Welt angehörten“ … Dann brachte sie Armgart zur Ruhe, rief einem Kammermädchen, das in der Nähe schlief, und trennte sich nicht eher von beiden, als bis Paula in völligen Schlummer versunken war …

Heute leuchteten Paula’s Augen hell auf … Eine stille Sehnsucht lag in ihnen … eine Sehnsucht, die Armgart vollkommen verstand …

Stürmisch warf sich Armgart der Freundin, die zu ihr herniederblickte, an die Brust und rief mit erstickter Stimme: Ach! Ach! Was sind wir doch unglücklich!

Meine gute Armgart! erwiderte, dies Wort ablehnend, die ältere Freundin. Warum unglücklich? …

Paula’s Leben war ja ein einziges Schmerz-, oder ein 155 einziges Wohlgefühl, sie wußte es selbst nicht zu unterscheiden … Sie liebte einen Priester; sie hatte auch das sichere Gefühl, wieder geliebt zu sein … Geständnisse hatte es früher nicht und auch jetzt noch nicht gegeben … Vor Armgart aber war alles das nicht mehr geheim … Selbst wenn Armgart zu viel Scheu gehabt hätte zu sagen: Du liebst den Domherrn! stand es doch schon lange ohne Worte zwischen ihnen fest … Selbst das stand fest, daß sogar Paula’s etwaiger Eintritt in ein Kloster eine Art höherer Vermählung mit Bonaventura sein konnte … So flossen noch die reinen Gedanken, die Jungfrauenseelen mit der Liebe verbinden, gleichviel, ob zu Besitz oder zu Entsagung, bei beiden mit ihrem religiösen Pflichtgefühl ineinander …

Seit einiger Zeit trat Armgart freilich immermehr aus dem Bann des harmlosen Träumens heraus … Lag das an der Flucht aus der Pension in Lindenwerth? … Oder jetzt an dem Zusammenleben mit so vielen liebebedürftigen jungen und alten Mädchen im Stift? … Lag es an ihrer eigenthümlichen Schwankung zwischen den Bewerbungen Benno’s und Thiebold’s? … Sie regte schon seit lange jeden Abend die Phantasie ihrer Freundin auf. Auch heute durch Klagen über des Domherrn Ausbleiben … über Thiebold’s Fragen, die sie andeutete … über Benno, „der sich so sicher dünkte“ … und endlich stockte sie …

Paula fragte befremdet:

Du hast heute etwas –?!

O könntest du doch für mich in die Zukunft sehen! rief Armgart wie aus tiefster Seele heraus …

156 Laß das! Laß daß! erwiderte Paula schmerzerfüllt.

Armgart hob ihre Augen bittend auf … Das Weiße darin blitzte wie Email, wie feuchtes Silber …

Paula wandte sich, als unterläge sie schon diesem Glanz und Schimmer und Armgart’s Bitten … Laß uns beten! sagte sie … beten gegen Versuchung!

Paula! – hauchte Armgart. Morgen mußt du mir sagen – ich frage dich –

Nimmermehr! rief Paula. Ich verbiete dir alles! … Und wie wild erregt von einer Furcht, die sie plötzlich in allen ihren Geistern vor sich selbst ergriff, fuhr Paula fort: Ihr seid so grausam gegen mich! Ihr tödtet mich noch!

Paula! bat Armgart …

Ich kann ja so nicht fortleben! sprach Paula zitternd vor Aufregung. Laßt mich doch sein, wie ihr alle seid! Jesus Maria! Es sprengt mir noch das Herz! Geht das so fort, muß ich wünschen, jenes Mädchen kehrt zurück, das allein gehindert hat, daß ich im Traume sprach! Wenn sie kam, wich jede Kraft von mir! Ich will ja nur sein, wie alle andern Menschen sind …

Armgart wußte, daß Lucinde gemeint war, jene Lucinde, in deren unmittelbarer Nähe Paula mit der Zeit ganz von ihrer Ekstase zurückkam, doch mit großem damit verbundenen physischen Schmerz, den auch Armgart damals an der Maximinuskapelle selbst empfunden haben wollte, als sie Lucinden nach den Beschreibungen Paula’s sofort erkannte …

Beide Mädchen standen lange schweigend und in Wehmuth verloren … Ob sich ihnen wol vergegenwärtigte, daß Paula genesen konnte, wie alle Aerzte sagten, durch – 157 die Liebe? Ob sie wol ahnten, daß Bonaventura auch da von sich sagte, was er, zwischen Lucinde und Paula in der Mitte der Versuchungen stehend, am Abend jener Beichte verzweifelnd ausrief: Ein Priester bist du! Ein Mensch ohne Leben! Ohne männliches Zeugniß für deinen Schöpfer! … Das alles lag nur dunkel in ihnen. In allen jungen Mädchenherzen, ehe das Los über sie geworfen ist, zittert nur ein schmerzlichsüßes Ahnen von ihrem zukünftigen Geschick. Bald leiser, bald stürmischer meldet sich die Sehnsucht, die Pforte der Zukunft geöffnet zu sehen. Oft ist es wol plötzlich ein jugendlichschöner Gott, der aus düsterm Nebel heraus, wildfremd, wie das herrlichste Ebenbild der Mannesschöne, mit riesiger Umarmung die Harrende umfängt; oft liegt aber auch nur ein ödes, trauervolles Einerlei auf ihrem unbestimmten Innern und alles, was ihr wird und was sie beginnt, ist ihr wie Ohnmacht und todte Dämmerung.

Da rief der Wächter wieder die Stunde …

Schlaf wohl! hauchte Paula und drückte Armgart an ihr Herz …

Armgart wollte anfangs gehen …

Aber, zur Thür des Vorgemachs angekommen, blieb sie stehen, fuhr sich mit der Hand über die Stirn und rief:

Paula! Paula!

Was hast du? sprach diese, sie wieder näherziehend …

Ein „Du mußt – mir –!“ preßte sich von Armgart’s Brust …

Ich begreife dich nicht – Was muß ich?

Armgart zog einen Brief aus der Brust und sagte:

158 Paula! Diesen Brief – an Terschka – den hab’ ich aus der Mappe – zurückbehalten … Ich gebe ihn nicht eher ab, als bis du ihn gelesen hast!

Armgart! rief Paula und zitterte … Sie ergriff vorwurfsvollen Blicks den aus der Residenz des Kirchenfürsten gekommenen Brief und fragte:

Von wem ist er?

Von meiner Mutter! … Was hat Terschka – mit meiner Mutter! Sie lieben sich! Paula, Paula! Das ist mein Tod!

Armgart! sagte Paula beruhigend …

Nur Ein Ziel meines Lebens hab’ ich! fuhr Armgart in zitternder Erregung fort. Meine Aeltern auszusöhnen! Sonst will ich nichts! Wüßtest du nur, wie ich neulich in Witoborn war! Ich war bei Hedemann! Ich ließ mir eine Stunde lang vom Vater erzählen! Ich lieb’ ihn mehr, als meine Mutter – nein, ich liebe auch meine Mutter – mein Gelübde hat der Himmel und ich will es vollziehen und wär’s durch meinen Tod …

Armgart faltete die Hände und hielt sie empor zu einem Crucifix, das an der Wand hing …

Warum soll – aber Terschka nur – nicht deiner Mutter schreiben und sie – an ihn? fragte Paula, entsetzt über den fanatischen Ausdruck der Gefühle Armgart’s …

Wie, entgegnete Armgart; dieser lebhafte Briefwechsel? Diese Begeisterung, wenn er von ihr spricht? Neulich seine schnelle Reise, um die Gräfin zu begrüßen? Nur ein Vorwand war es, um die Mutter zu sehen! O, schon im Hüneneck sah ich an der Eile, mit der er 159 die Zimmer bestellte, wie er sie liebt! Und sie, sie – sie könnte –! Dieser Brief ist von ihr – Paula, du, du sollst ihn lesen!

Paula verwies Armgart ihr Ansinnen mit Unwillen; denn sie wußte wol, was Armgart meinte … Sie wußte, daß der Brief nicht erbrochen zu werden brauchte; sie wußte, daß sie alles lesen konnte, was man ihr im Hochschlaf auf ihr Nervengeflecht legte … Ob auch uneröffnete Briefe? … Versucht war es nicht … Hier glaubte man nicht an die Unmöglichkeit.

Wie eine unreine Versuchung wehrte Paula Armgart’s überredende Geberde ab. Sie sagte schmerzerfüllt, doch entschieden:

Gute Nacht, Armgart! … Misbrauche mein Unglück nicht! … Ich verbiete es dir! … Es muß ein Ende damit werden … Gott wird mich erlösen … Sei gut, Armgart! … Sei gut! … Und nun, gute Nacht!

Damit verschwand sie hinter dem Vorhang, den sie wieder fallen ließ, und schloß die Thür zu ihrem Schlafgemach ab … Wieder tönte das Horn des Wächters …

Armgart ging zögernd auf ein Zimmer weiter zurück … Sie hörte noch, daß sich Paula sogar einriegelte … Dann trat sie durch eine Nebenthür auf den kalten Corridor …

Ein Diener folgte und begleitete sie mit einem Licht in ihren Thurm …

An dem Zimmer der Tante ging sie vorüber, ohne daß sie es merkte. Ein äußerster Entschluß kämpfte in ihr, ein tiefes Sinnen beherrschte ihr ganzes Sein …

160 Krampfhaft preßte sie den Brief, den sie in ihr Busentuch gesteckt hatte … Schon hatte sie den Finger an das Siegel gelegt … schon zuckte die Hand, es aufzureißen … Sie dachte an den Beistand der Beichte, der sie leichter über die Folgen eines solchen Vergehens hinwegführen würde … an Bonaventura … an Benno …

Da verließ sie allmählich der wilde Muth …

Der Diener stand und harrte ihres Befehls …

Legt das – in Herrn von Terschka’s – Zimmer! hauchte sie. Es ist ein Brief für ihn, der – vergessen wurde …

Der Diener nahm den Brief und wandte sich den Zimmern Terschka’s zu.

Armgart verschwand in ihrem Zimmer.

161 6.#

Drei Männer, in Mäntel gehüllt, schreiten in die Winternacht hinaus …

Nicht mondhell ist sie; nur sternenlicht … Und weithin über das wellige Land liegt mitleuchtend die Decke des Schnees …

Grabesstill rings die Welt … Schlummernd alles Erdenloos … Wer flüsterte sich nicht: Gibt es denn geheimnißvolle Kräfte, die schicksalsmächtig über Raum und Zeit und das Herz in unserer Brust gebieten? Und wer antwortete nicht: Ihr stilles Hüten glaubt man jetzt zu hören … Winterlandschaftsstille ist – Friedensmahnruf – Sehnsuchts- – Ahnungsweckruf …

Anfangs noch hallte zwischen Terschka, Benno und Thiebold der erlebte Tag und Abend nach. Man bewunderte die Kraft der Vision, die sich so in die Vorgänge des Leichenconductes hatte versetzen können. Benno mußte Thiebold zurückhalten, der eine natürliche Erklärung, die Terschka gab, nicht wollte gelten lassen. Terschka hatte gesagt: Wer die Gegend und die Verhältnisse kennt, würde 162 sich die Scenen, die heute vorfallen konnten, auch ohne ein Wunder haben ausmalen können! … Aber die Unterbrechung? entgegnete Thiebold … Benno antwortete statt Terschka’s: Ich will der Natur nichts von ihren Tiefen nehmen. Aber ich glaube doch, daß wir uns durch die Gewohnheiten des Daseins in geistigen Dingen zu sehr die Sinne abstumpfen, wie in leiblichen. Ein bis in sein Alter mit den einfachsten Speisen Aufgezogener ist empfindlich für jede Veränderung seiner Nahrung. Ebenso gewöhnen wir uns durch Misbrauch unserer seelischen Kräfte die Feinfühligkeit des geistigen Spürsinns ab. Bei der Ankunft am Düsternbrook mußte die junge Gräfin etwas Unerwartetes voraussetzen; sie dachte an die Eiche, sah sie und nahe lag das allen Bekannte.

Von Armgart wurde nur bei Gelegenheit – der Hasen gesprochen, deren Spuren sich an kleinen Eindrücken links und rechts im Schnee auf den Aeckern verfolgen ließen … In Thiebold und Benno dämmerte die Ahnung, daß Terschka es war, um dessentwillen sie von Armgart vernachlässigt wurden … Ja, beim Weidwerkgespräch wieder sah man Terschka’s blendende Eigenschaften. Auch Benno und Thiebold verstanden sich darauf, aber nicht so, wie er, der die Jagd verfolgen konnte bis auf alle Vorzüge neuer Entdeckungen aus den Gewehrfabriken von Suhl und Lüttich. Von Terschka sah man täglich das Erstaunenerregende. Der schmächtige bleiche, immer bewegliche Fremdling war ein Reiter, der im Sturm dahinflog. Manches Roß, das den Koller hatte, bestieg er und bändigte es wie ein Beschwörer. Noch neulich, wie ein dem Grafen Münnich gehörendes Thier sich 163 unter ihm schmiegte, wie es die mit seiner Linken mächtig geschwungene Reitgerte über den Kopf hinweg fühlte, sich krümmte bis zur Erde und den Kopf fast in den Schnee bohrte, dann wieder aufschnellte, mit beiden Hinterfüßen sich ebenso rasch auf die Kruppe setzte, dann davonflog pfeilgeschwind und fast wie mit Scham, sich überwunden zu sehen – da war das ein Schauspiel voll Vernichtung für Benno und Thiebold; Armgart stand dicht in der Nähe und sagte nur immer: Nein, nein, ich habe gar keine Furcht für Herrn von Terschka! …

Nach einer halben Stunde war der Finkenhof erreicht. Versteckt lag er unter Bäumen und Wallhecken. Eine Mühle, ein Tanzhaus, eine Kegelbahn, ringsum Nebengebäude; ein großes Anwesen. Den Finkenmüller hatten Schank und Mehlsack reich gemacht inmitten mannichfachen Elends. Auf der Saline, bei den Kalköfen, in den Moorbrennereien wurde schnell baares Geld verdient, ebenso schnell auch glitt es wieder weg und meist im Finkenhof, wo Sonntags die bekannte falschgestimmte Trompete ländlicher Musik von vier Uhr Nachmittags bis zehn Uhr zu Tanz und Jubel zu locken nicht müde wurde.

Anfangs schien es auf dem Finkenhof stiller, als man erwartete. Schon besorgte man, die gräfliche Jägerei nicht anzutreffen. Man hätte sie aufs Schloß rufen können. Terschka weilte aber gern unter den hiesigen Menschen; sie hatten ihn mit Haß empfangen; schon waren alle für ihn eingenommen … Wir kommen zu spät! sagte er und deutete auf manchen Heimkehrenden, der an ihnen vor-164überging und grüßte … Dann fragte er sie … Es hieß: Die Jäger sind da, Herr Baron!

Nun bogen sie vom Fahrweg ab und sahen den Finkenhof hell und belebt. Der jeden Morgen frisch aufgeeiste Bach schien zu dampfen. Die Kegelbahn hatte Licht. An den wie mit Fett bestrichenen Fensterscheiben hätte man Scenen aus dem vaterländischen Rekrutenleben an die gegenüberliegende Wand gemalt erblicken können: „Fritze riecht zum ersten male Pulver“ oder: „Fritze macht die erste Bekanntschaft mit blauen Bohnen“, alles im Stil von Krähwinkel ausgeführt … Im Tanzsaal ist’s still; aber im Wirthshaus sitzen Menschen genug und Gesang sogar gibt es. Benno sagte: Ihren Volkstanz stampfen sie! Den lustigen Pfaffen von Ystrup! Und schon hörte man:

He, he! Der ist zu arm,
Daß Gott erbarm’!
He, he! Der ist zu dick,
Hat kein Geschick!

Behalte die Besinnung, wer kann, der da eintritt in diesen Dampf und Dunst von Hitze und Taback und Bier und Branntwein! Unter einem Heiligenbild an der Seite des Flurs hängt eine Lampe, eine ewige sogar; Fidibus von dünnen Holzspänen liegen daneben: man kann sich Pfeifen und Cigarren an ihr anzünden. Die drei Gäste thun es, um ein Antidoton zu haben gegen die Dünste, die ihrer drinnen harren. Was jedoch stärkt das Ohr, diesen Gesang zu ertragen, der mit einer Festigkeit, wie wenn man Holzblöcke in die Erde rammt, den Eintretenden entgegenbraust? …

165 Jetzt ertönt das „He, he!“ plötzlich schwächer und die Pfeifen gleiten einen halben Zoll aus dem Munde. Man erkennt die Eintretenden. Eine Magd, zu gleicher Zeit an zehn Fingern zehn Biergläser in der Schwebe haltend, blinzelt um den Weg zu weisen mit den Augen dahin, wo die hochgräfliche Jägerei sitzt, hinter einen Ofen von einer so pagodenhaften Dimension, daß Onkel Levinus über die gelegentliche Aeußerung studirt haben würde, zwischen den Oefen der witoborner Heide und den alten Bauten der Indier zu Dschaggernaut fände ein urweltlicher Zusammenhang statt.

Und während nun hier mit dem Oberförster, mit dem Wild- und Hegemeister, mit dem Jagdzeugmeister und einem Unterförster des letzten Grafen von Dorste-Camphausen die Vorbereitungen verabredet wurden, die zu einer großen Vertilgungsjagd in einem von Thiebold de Jonge um 80000 Thaler gekauften Walde – seufzend hatte er draußen die mangelnde Floßgelegenheit am Mühlbach erwogen – gehören sollten, zu einer Jagd, die unter den scheinbaren Auspicien des nächsten Nachbars, Grafen Münnich auf Münnichhof gehalten werden sollte; während die Zahl der Treiber, der Hunde, die Vorräthe des Jagdgeräths besprochen und von Benno mit lebhafter Orientirung die Schauplätze seiner geheimnißvollen Jugend unterschieden wurden, der Zehnterwald von der Birkenschonung, die Knüppelheide von der borkenhagener Saustiege – während dann auch noch der Finkenmüller, der Meyer, der Moorbauer ehrerbietigst in den Kreis eintraten, verfolgen wir einen Ankömmling, der langsam daherhumpelnd noch spät von Witoborn herüberkommt …

166 Es ist ein kleiner Mann, nicht unkräftig gebaut. Zwischen den Schultern trägt er die Last eines Buckels und unter den Armen, in ein Tuch gewickelt, einen länglichen Gegenstand, den man an einem hervorstehenden Fiedelbogen für eine Geige halten darf … Der weiße beulenreiche Hut ist tief über den Kopf gestülpt, den ein Pflaster am Auge entstellt … Ein grauer Mantel, angezogen wie ein Militärmantel, schützt den Wanderer auf seinem Wege, den er nur langsam fortsetzen kann, da er heute aus den Händen des Bruder Hubertus eine schlechtere Testamentszahlung vom Kronsyndikus bekommen hat, als ihm dieser in dem beim Pfarrer Huber in Witoborn niedergelegten letzten Willen zugedacht …

Es ist Stammer, der Geiger …

Alle wissen schon sein Unglück und jeder, der ihm begegnet, lacht seines Hinkens und seines Pflasters … Besonders gram ist ihm dabei niemand; Müllenhoff hatte schon Recht: Dies Volk hat zu lange die Milde des Krummstabs gefühlt und liebt Zechen und wildes Aufschlagen auf den Tisch und alle Sünden, die freilich dann so viele Wächter des Himmels, wie Witoborn einst zählte, auch wieder leichter vergeben konnten. Sie fehlen wol bei keiner Procession, sie werfen sich vor jedem Altar nieder, lassen sich jeden Besuch im witoborner Münster und jeden Kuß auf einen Reliquienschrein vom Küster schriftlich bescheinigen, um damit einst vor Gottes Thron oder bei einem Anliegen um freies Brennholz aus einem geistlichen Walde auftreten zu können; aber nirgends wird auch noch soviel wildes Naturrecht geübt, nirgends soviel Holz schon von selbst gestohlen, nirgends soviel Wild 167 im Mondlicht in die Büsche geworfen, mit Zweigen überdeckt und bei guter Gelegenheit harmlos von einem vorüberfahrenden Heuwagen abgeholt, nirgends wird dem damals nur langsamen Vorschreiten des Zollvereins und der nahen „Grenze“ soviel Vortheil abgeschmuggelt für Kattun, Zucker, Kaffee, nirgends ein Hader mit dem Gutsherrn so listig geführt … Stammer fiedelte ihnen in alles das seine lustigen Weisen hinein oder sprach sogar über die alte und die neue Zeit in offner Rede und setzte einen Refrain drauf, eine Strophe gesprochen und eine gespielt, bis der Gensdarm kam oder der Meyer oder der Finkenmüller und die Schwänke des bösen Alten verbot, dessen lästernder Mund schon einst ein halbes Kind, Lucinde damals, aus ihrem Pavillon verbannt hatte nach dem Tode des Deichgrafen.

Mancher redet den Geiger an … Er knirscht fast mit den Zähnen vor Wuth … Mitleid wird ihm nicht; Alle wissen’s doch, boshaft ist er und Bruder Hubertus „der Abtödter“ ist der endlich zurückgekehrte Liebling der ganzen Gegend; die Kinder werden dem frommen Bruder doch wieder mit der dampfenden Schüssel entgegenkommen, wenn er sich mit seinem Topfe naht; er wird die Pferde und die Kühe und die Menschen heilen – und sieht er auch aus wie der leibhafte Tod und ist sein Lachen ein Grinsen wie aus einem Knochengesicht, die Mädchen fürchten ihn nicht, wenn er ihnen einsam im Kornfeld begegnet … sie wissen, daß er ihnen doch Briefe schreibt nach der Garnison, wo ihre Liebsten weilen, daß er ihnen doch heimlich Botengänge ausrichtet zu allen Husaren, die in Witoborn stehen …

168 An einem Kreuzweg sieht der racheschnaubende Stammer einen Mann, der des Weges nicht kundig scheint und nicht weiß, ob er geradeaus gehen oder lieber links sich wenden soll …

Landsmann! ruft der andere den Geiger an … Wo ist die Route nach Libori – Pfarrhaus –?

Stammer zeigte nach rechts:

Gerade da, wo Ihr herkommt! Oder dort drüben herum, wenn Ihr erst noch auf dem Finkenhof einheizen wollt! Es macht kalt!

Der Verirrte war ein stämmiger Mann mit Pelzkappe und Düffelrock und rothem Comfortable um den Hals und hatte die Hände in den Seitentaschen … Er kannte den Namen des Finkenhofes und fragte:

Geht Ihr dahin?

Auf zwei Beinen. Sind Sie fremd in der Gegend?

Aus Strasburg –

„O du schöne Stadt!“ sang der Geiger mit verbissener Lustigkeit. Ich bin ein Musikus, und Sie –?

Von Metier Perrükenmacher!

Möcht’ ich Ihnen meine gelben Haare verkaufen! Eine Hand voll schlug ich heute umsonst los! Daß dich! Und jetzt –?

Dionysius Schneid sah inzwischen das Pflaster über der Nase seines Auskunftgebers, bedauerte ihn, plauderte allerlei Schnick-schnack und klimperte zur Antwort auf die letzte Frage in der Tasche mit den Worten, Geld hätt’ er genug, um bis nach Polen zu kommen … einstweilen wär’ er hier in gräfliche Dienste getreten auf Schloß Westerhof, wenn auch noch ohne Livree; heute Abend 169 wollt’ er sich den Rest seiner „Bagage“ aus dem Pfarrhause holen, wo ihn auf einige Tage der alte Tübbicke „logirt“ hätte …

Sind Sie doch nicht gar der große Prophet, den immer Herr Tübbicke junior aus Paris erwartet? Der, der die Welt wie ein Stück Tuch zerschneiden soll und jedem einen Fetzen gibt – ja so! mir (sagte Stammer innehaltend und nach einer wunden Stelle seines Leibes greifend, die ihn schmerzte) schon meinen – Fetzen – von einem adeligen – Jagdrock –

Dionysius Schneid verstand nicht diese in den Bart gemurmelte Anspielung auf die Ursache der Schmerzen, die dem Geiger durch vielleicht zu schnelles Gehen gemehrt wurden … wol aber begriff er vollkommen die Anspielung auf die Communauté, die ihn einst mit dem jungen Tübbicke in Paris bekannt gemacht hatte …

Ha, ha, ha! fiel er mit grobem Gelächter ein. Diese Propheten stecken jetzt alle in Prison! Einer kriegt soviel Wasser und Brot wie der andere! Das ist die Theilung der Propriété!

Dionysius Schneid, der sich dem seinen Witz ganz freundlich begrinsenden Geiger befreundete, schien auf dem Schloß Urlaub für die ganze Nacht genommen zu haben und ging in den Finkenhof mit. Das Lachen der Vorübergehenden über den Buckeligen reizte seine Neugier nur noch mehr und am Finkenhof angekommen sah er, welchem verwogenen alten Knaben er folgte. Stammer zog, obschon ein tiefer Verdruß an ihm nagte, seine Geige aus dem alten Tuch, nahm seinen Fiedelbogen und hielt feierlichen Einzug mit schlenkernd 170 ausgeworfenen Beinen, frech und übermüthig einen Geschwindmarsch streichend, den er schon auf der Schwelle begann … Ein schallendes Lachen empfing beide Ankömmlinge …

Auch Dionysius Schneid ließ die brennenden Augen vergnügt im Kreise rollen. Das Lachen und Glückwünschen belustigte ihn … Die jungen Bursche sprangen auf und tanzten hinter dem Geiger her … Die Alten streckten ruhig fortrauchend die Beine vor, um ihn zum Fallen zu bringen … Stammer wich aus, warf seine gelbweißen langen Haare mit kecker Geberde hinterrücks und marschirte gerade auf den Tanzsaal zu … Dieser war nicht geheizt, aber einige Bursche sprangen doch an, ergriffen die Mägde, die aufwarteten, und würden wenigstens einmal mit bloßer Begleitung einer Geige den Pfaffen von Ystrup gestampft haben, wenn nicht der Meyer, der Moorbauer und der Finkenmüller selbst gekommen wären und eingedenk der Gelöbnisse, die sie heute dem Pfarrer gegeben, und trotz der vielbelachten, allgemein verbreiteten und alle guten Vorsätze entkräftenden Nachricht, nächstens würde bei Herrn Müllenhoff getauft werden, Ruhe geboten hätten …

Stammer vermittelte die neue Bekanntschaft mit solchen, die sich, wenn ein anderer Geld zeigte und „anfahren“ ließ, ihrerseits auch nicht „kohlen“ ließen … Die Hauptsache war Kartenspiel … Guthmanns und Herren von Binnenthals gibt es auch im Bauernstande und auf „Schafskopf“ kann man verhältnißmäßig ebenso geprellt werden, wie Piter in Pyrmont auf „Einundzwanzig“ … Stammer berechnete schon seinen Antheil, 171 als er Herrn Dionysius Schneid mit ein paar Salzsiedern bekannt gemacht hatte, die im glücklichen Kartenspiel Meister waren …

Inzwischen hätte das Geschäft der „Herren vom Schlosse“ hinter dem urweltlichen Kachelofen schon vorüber sein können. Indessen „ein Wort gibt das andere“ und wo sich einmal Thiebold’s Zunge festgehakt hat, kann sie sobald nicht wieder los. Aus einer löblichen Popularitätsbestrebung hatte man sogar dem Finkenmüller nicht abgeschlagen, von ihm, natürlich gegen Zahlung, drei „steife Grogs“ anzunehmen, die er ihnen als die vorzüglichste Leistung seiner Großmagd offerirte. Die Aussicht, daß Herr de Jonge den Wald kaufte, in dem nächstens zum letzten male gepirscht werden sollte, eröffnete dem ganzen Jagd- und Waldhutpersonal glänzende Aussichten auf Schlag- und Holzvermessungstrinkgelder. Bedauern, daß im Zehnterforst die Hirsche zum letzten male junge Tannenkeime knuspern sollten, war eine hier unbekannte Sentimentalität. Nur der Meyer äußerte von der künftigen Bestimmung dieses Forstes zu Eisenbahnschwellen einige fromme Seufzer, die an Müllenhoff’s Predigten erinnerten, der die Locomotive darzustellen pflegte wie die vom Teufel entführte Braut der Hölle, voran Satan mit einer Peitsche aus lichterlohem Kometenfeuer, hintenauf hockend Drachen und Ungethüme der Unterwelt und in den Waggons fahrend Juden und Judengenossen, Gottesläugner, Consistorialräthe, Offiziere und Gensdarmen, alles was zum Leben des neunzehnten Jahrhunderts gehöre … Ja auch Benno seufzte: Der Zehnterwald! Kein Holz hatt’ ich 172 so lieb, wie das! Stellen gab’s da, die für’s Edelwild ein Paradies waren! Büsche an kleinen Wassern, wie gemacht für die Brunst, einsam wie Mutterschoos!

Brauchte da ein Jäger wol aufs Blatten zu schießen? fiel als leiser Wehmuthsaccord vom Hegemeister ein …

Nein, sagte der Oberförster, wischte sich aber nur das „neu angefahrene“ Bier aus dem greisen Barte, keine Thräne, der ganze Forst gab schon einen Ton von sich, auf den die Rehe von allen Weltgegenden hereinkamen!

Den Ton des Schweigens! sagte Benno für sich und horchte auf die Terschka’sche lebhaftere Seitendebatte, wo man vom Düsternbrook sprach, als von einem Gehölz, wo seit Menschengedenken kein Hund „ein Wild stellte“.

Das führte denn auf das heute von Allen Erlebte …

Man legte sich freilich die Rücksichten auf, die der An- und Abstand geboten …

Man lächelte nur, munkelte, stopfte sich „mit Verlaub“ eine neue Pfeife und wartete auf den, der die meiste Courage hätte, um mit der Rede durchzubrechen …

Des Küfers Stephan Lengenich entsannen sich alle von vor Jahren …

Auch Löb Seligmann war jedem bekannt. Der hatte den Küfer zurückgehalten, als dieser seine „Entlastung“ feierlich vollzogen … Dann war Löb auf den Schrei der Lisabeth und die Störung durch den Geiger und den Mönch, wahrscheinlich auf Schloß Neuhof zurück verschwunden, wo ihn schon der Präsident von Wittekind zu schätzen begann …

Das nun war der Augenblick, wo man die Geige Stammer’s hörte und vor dem grellen Lachen, mit dem sein 173 Eintreten empfangen wurde, sein eigen Wort nicht verstand …

Nach dem, was Onkel Levinus über die alten Dinge von Schloß Neuhof erzählt hatte, mußten die drei Herren vom Schloß wol angenehm überrascht und begierig sein, sich diesen Geiger näher anzuschauen … Schon wurde seine Charakteristik gegeben …

Er ist im Kirchenbann …

Ein alter Kerl von fast sechzig Jahren schon …

Putzig ist’s, wenn er allein spielt! Immer erzählt er dazwischen eine Lüge, wie Eulenspiegel …

Oder auch manchmal eine Wahrheit! sagte der Oberförster und betrachtete wie mit einer Auffoderung, den Geiger näher zu rufen, Herrn von Terschka …

Terschka gab den Ausschlag, daß man sich allerdings eine solche Erscheinung nicht entgehen lassen sollte … Benno erneuerte gern eine Bekanntschaft aus seiner frühesten Jugend … Und so war denn Thiebold schon aus, ihn zu holen …

Umringt von denen, die sich nicht zu Dionysius Schneid und zum Spiele hielten, erschien der heute so übel zugerichtete, langhaarige Buckelige … Trüb beschienen ihn die wenigen Oellampen, deren Lichtstrahlen vollends ermatteten durch den Qualm der Pfeifen und Cigarren … Der Dunst des Ofens zwang die drei Herren vom Schloß, von diesem mit ihren Schemeln abzurücken … Der Finkenwirth bediente allseitig und entfernte von den Honoratioren die Nachdrängenden. Er that das wie mit Kammerherrenanstand …

Stammer schlenderte näher und grüßte trotzig … 174 Seine kohlschwarzen Augen lachten verschmitzt die vornehmen Frager an. Seine dünnen Beine verneigten sich fast wie mit einem frauenzimmerlichen Knix … Dann legte er beide langen Arme, die die Geige und den Fiedelbogen hielten, auf den Rücken, als wollt’ er sagen: Nun, was soll’s?

Terschka, der hier das Wort führte, sagte nicht ohne Würde, aber in seinem fremdartigen Dialekt:

Ei Sie! Ei Sie! Sie haben halt das Unglück, hör’ ich, dem Herrn Pfarrer nicht zu gefallen!

Ich gefalle mir selbst nicht! Sehen Sie nur! Der liebe Gott hat mich nicht richtig wachsen lassen! … Das war mit einem Herumdrehen des Rückens die Antwort …

Sie haben, fuhr Terschka nach dem Lachen fort, hör’ ich, sehr ein großes Talent! Auf der Geige könnte der Paganini von Ihnen lernen, sagt man! Ich würde an Ihrer Statt mein Publikum nicht groß genug haben können; selbst der Herr Pfarrer dürfte mir nicht fehlen, wenn ich einmal eine gute Sonate spielte …

Man murmelte und lächelte auch ihm … Stammer’s Gedanken weilten zwar jetzt mehr bei dem Kloster Himmelpfort, als bei Sanct-Libori, doch stellte er sich demüthig …

Schließen Sie Frieden mit Herrn Müllenhoff, fuhr Terschka, seiner Stellung eingedenk, fort. Er meint es gewiß gut mit euch allen! Auf Ordnung und gute Sitte muß halt auch die neue Herrschaft sehen! Ein Jünglings- und ein Jungfrauenbund ist gar so übel nicht und schließt die Freude keineswegs aus. Daß die Musik an sich Gott wohlgefällig ist, zeigt euch Sonntags jede Messe! … 175 Ihr aber, Stammer, sollt ja zur Geige allerlei Schnurren vortragen können! Nun, wenn Ihr in Euere Lügen ein paar Körner Wahrheit einmischen wollt, soll’s uns noch einmal so lieb sein! Trinkt und fangt dann mit einem Gespaß an!

Benno und Thiebold mußten dieser Weise, sich hier unter den Leuten vornehm und zugleich populär, streng und doch tolerant zu geben, „leider“ ihren ganzen Beifall schenken …

Knick! Knack! drehte Stammer inzwischen die Wirbel seiner Geige, probirte die Saiten mit dem Fiedelbogen und begann mit einigen Läufen seine hier landbekannte Art der Improvisation …

In einem singenden Tone sprach er:

Ein kleines Kind bin ich im Wald geboren – An einem schönen, schönen, wunderschönen Sommertag –

Mit rascher und gesprächsweiser Stimme setzte er hinzu:

Im Juli war’s – wo freilich die Tage anfangen kürzer zu werden … ich glaube, darum bin ich auch zu kurz in die Welt gekommen …

Die Leute lachten … Stammer ließ den Fiedelbogen langsam über die Saiten gleiten und sprach dabei:

Ach! Was ist nicht alles jetzt länger geworden! Die Tage sind’s am allerersten; auf die Art weil man so desto länger arbeiten muß! Sonst aber waren nur die Dreigroschenbrote länger und die Elle war’s und dick wurde jedermann – nicht blos die Wirthe …

In ein Lachen über den Finkenmüller wirbelte der Improvisator einige Läufer hinein, zog dann wieder, 176 als es stiller wurde, einen einzigen, langsamen und klagenden Ton und sagte:

O du schöne Zeit! Du liebe Zeit! Ja, hatte man sonst im Winter, wie jetzt, kein Brennholz, so ging man blos zu einem heiligen Domherrn! Ach, auch das war in der schönen Zeit nicht ’mal nöthig! Man brauchte blos seine Frau zu schicken oder seine Tochter und alles war in Ordnung …

In das gesteigerte Lachen, dem sich selbst die „Herren vom Schloß“ anschließen mußten, fiel ein wildes Dideldei der Geige wieder als Refrain ein …

Da liegt nun das Jägerkindlein in der Wiegen! fuhr er wieder, als sich alles beruhigt, mit elegischem Tone und halb singend fort. Ich war meiner Mutter ganze Lust! Milch – gab sie mir von unserer Ziegen –

Im leichten Tone setzte er mit raschem Sprechen den Lachenden hinzu: Kein Wunder, daß sich früh der Bock in mir regte …

Neues Lachen … der alte Possenreißer machte einen zweideutigen Bockssprung …

Elegischer aber fuhr er fort und fixirte die Jäger, die sich ihm gleichgültiger zeigten:

Es war noch nicht die Zeit, als wir zum ersten male hier zu Lande hörten: Straf mir Jott! Wat soll nun so en Junge werden? Er kann nicht Kammmacher, Stellmacher, Siebmacher, Korbmacher, Raschmacher, Schuldenmacher – kein Jäger nicht werden …

Die Jäger ließen sich den Scherz gefallen …

Lassen wir ihn das Schönste auf der Erden, einen 177 Musikus beim fürstbischöflich witobornschen Stadttrompeter werden! …

Eine wilde musikalische Figur folgte …

Der Stadttrompeter, setzte er dann wieder parlando zum singend Gezogenen hinzu, hatte damals die Wassersucht, was sonst keine Leibkrankheit der Musikanten ist. Dennoch lernt’ ich von ihm noch zu guter letzt die Flöte, die Clarinette, Waldhorn, Trompete, Violine und Guitarre, welche letztere ich sogar schon wieder einem Fräulein auf Schloß Neuhof beibringen konnte – die Stunde ein Maß Bier und ein übers andere mal sechs Pfennige …

Niemand von den „Herren vom Schloß“ erwartete wol, daß diese sentimentale Guitarrenspielerin – die raffinirte Mörderin der Schwester des Geigers war, die später wirklich auch selbst Ermordete …

Fräulein von Gülpen hieß die Dame! sagte Stammer. In stillen Abendstunden, wenn der Kronsyndikus in Kassel war, lockten wir die Fledermäuse ans Fenster und spielten und sangen: Guter Mond, du gehst so stille! bis eines Tages unterm Fenster ein Jäger anbiß. Schön war er nicht. Eine große Kaffeetrommel, in die man ihn in Java einsperrte, hatte ihn braun gebrannt –!

Alle wußten sogleich, daß Bruder Hubertus gemeint war und sahen voraus, daß sich der Buckelige vor den Herrschaften an ihm rächen würde über die Mishandlung, die ihm heute in ihrer Gegenwart angethan war … Terschka, Thiebold und Benno fühlten die Schauer der Erinnerung an die Erzählungen des Onkels Levinus …

Einige kühne musikalische Figuren, die des Geigers 178 jetzt ausbrechenden Zorn verriethen, wurden gestrichen als Zeichen, daß er an seine Pointe kam … Er fuhr singend fort:

So ging es her zu jener Zeit – heidi! … Auf Schloß Neuhof – heidi! heidi! heidi! … Viel Herrn und Damen – ei, ei, ei! … Musik und Tanz und Gasterei! … Und Parlez-vous français, Musje? … Italienerinnen – „Nix versteh!“ …

Blos unser Geld verstanden sie – setzte er parlando hinzu, und das kräftige deutsche Wort: „Tar Teifel!“ … Eine war so gut wie die zweite Baronin und sagte nur immer: „Tar Teifel!“ … Ihre Reitpeitsche hieb – hui! – über alles weg, was ihr in den Weg kam. Eine Sängerin war’s aus Rom –! „Nix versteh“, als „Tar Teifel!“ und nur „viel Geld“, „gute Geld“, „schwere Geld“ und Brillante – aber „von die echte“ –! „Tar Teifel!“ fluchte sie zu Wagen und zu Pferde! Aber schön war sie –! Und lachen konnte sie –! Auch über mich und sogar über den schönen Mann aus der Kaffeetrommel!

Wilde Variationen fielen wieder ein … Unfehlbar war eine Rache an Hubertus das Ziel …

Alle betrachteten Terschka, um gerade an ihm, an der Hauptperson des Abends, die Wirkung dieser Possen zu beobachten …

Da – ist – denn aber gekommen – fuhr Stammer mit pathetischem Nasenton fort – der großmächtige – Winter Anno Zwölf – und – (so ein einziges „und“ zog er schon wie eine lange, lange Note) und – da sind die Füchse – die Wölfe – die Franzosen – sind 179 gekommen – und daß Gott erbarm’! – man hätte seinem Feind nicht abgeschlagen ein Stück Pumpernickel, was ihm sonst nur eine Brotsorte von Stein gewesen war … Sakkernungdediö! Da zog auch Herr von Bosbeck einmal einen Tuchrock an –

Buschbeck! verbesserten einige Stimmen …

Terschka horchte immer mehr auf …

Die Hitz’ bei zwanzig Grad unter Null war ihm denn doch zu arg und ob er gleich ’ne Haut hat wie Leder, gegerbtes Rindsleder, der Herr von Bosbeck …

Buschbeck! verbesserten schon ihrer mehr …

Die hat er, eine Haut von Büffelleder! Ich hab’ sie oft genug selbst gesehen … Eines Tages sah ich sogar an Bosbeck’s Arm –

Buschbeck! schrieen die Zuhörer …

Bosbeck –? wiederholte Terschka für sich …

Bosbeck ist sein Name! rief jetzt kreischend der Geiger voll Tücke und auf der Höhe seiner Rache angekommen. Es ist ja ein Vetter von dem Bosbeck selig, der in Gröningen am Galgen hing …

Terschka schauderte ersichtlich …

Die Umstehenden schwiegen … Daß es mit des Mönches früherem Leben nicht geheuer war, wußten alle …

Sah’ ich denn nicht, krächzte der tückische Geiger, sah ich denn nicht – auf dem Leder hier am Arm, wo andere Menschen, sogar die Buckeligen, höchstens ein ehrliches Muttermal haben – ein Galgenrad eingebrannt? Ganz wie damals beim Liborius Pollmann, bei Dominicus Klapproth, Jean Picard und wie sie alle heißen, 180 die dazumal das Geld flüssig zu machen wußten – rund ist ein Rad und rund ist die Welt und –

Nun fiedelte und sang der Geiger eine wilde Melodie …

Da unterbrach ihn aber ein Lärm, der sich aus einem hintern Winkel erhob …

Schlagt den Hund todt! rief man dort aus kreischenden Kehlen durcheinander …

Alles, noch starrend und murmelnd und flüsternd über die unglaubliche Mähr, daß der fromme Bruder Hubertus auf seinem Arm könnte ein Verbrecherzeichen eingebrannt haben, wandte sich ungern …

Der Finkenmüller sah eine Rauferei und rannte schon fast den Geiger nieder und warf sich dazwischen.

Die Spieler hatten den von Stammer mitgebrachten Fremdling zu Boden geworfen … Sie, die gehofft hatten, einen reich mit Geld Ausgestatteten prellen zu können, waren es von ihm geworden … Geschuppt hat er! hieß es, und zwei bekannte liederliche Bursche rangen mit dem Voltenschläger, der sich wehrte, hielten ihn auf den Boden nieder, während andere den Finkenmüller zurückhielten und durcheinander schrieen: Wie er abhob, sahen wir’s! – Schon da, als er mischte! – Daumen hat er wie ein Dieb! …

Ruhe! rief der Meyer und machte den Herrschaften Bahn …

Terschka’s aufgeregtes Herantreten, Thiebold’s Zurückhalten der beiden Salzsieder, Benno’s energisches Bedeuten um Ruhe unterbrach die Fortsetzung der Künste des Geigers und des Kampfes, welcher letztere sich sogar 181 durch einen zufälligen Umstand plötzlich in Heiterkeit auflöste … Herrn Dionysius Schneid entglitt unter den Fäusten seiner überlegenen Angreifer ein Schmuck seines Hauptes, eine pechschwarze Tour, die über einen plötzlich sichtbar werdenden, kurzgeschnittenen rothhaarigen Schädel geklebt war … Das dann zu gleicher Zeit noch hineingeworfene Wort des hinzutretenden Geigers: Es ist ja ein Perrükenmacher! machte selbst Thiebold und Benno lachen, und so erhob sich der Strasburger und benutzte den Moment, sich so schnell wie möglich zurückzuziehen und heimlich zu entfernen …

Der Wächter draußen rief die zehnte Stunde … Alles beruhigte sich jetzt, gedachte der Heimkehr und ließ zunächst die „Herrschaften“ durch, die sich jetzt empfahlen …

Die Jäger gaben ihnen noch eine Weile das Geleite …

Der Meyer, der Moorbauer blieben zur Kritik des Abends zurück. Da sie bestätigten, daß Herr von Terschka plötzlich in ein auffallendes Schweigen verfallen war, wurden dem Geiger vom Finkenwirth für seinen frechen und lügnerischen Ausfall auf den Liebling der Gegend und einen Mann Gottes die bittersten Vorwürfe gemacht. Als Stammer entgegnen wollte, warf ihn der Wirth ohne weiteres zum Hause hinaus …

Draußen an den sich kreuzenden Wegen zerstreute sich dann alles …

Benno sagte zu Thiebold: „Tar Teifel!“ Den rothen Kerl muß ich doch schon irgendwo gesehen haben?

Auch Terschka hörte dies, glaubte aber die Rede wäre von dem Brandmal des Hubertus … Darf er denn 182 solange außerhalb seines Klosters leben? fragte er, nahm, als sein Irrthum berichtigt, seine Frage bestätigt worden, Abschied von Benno und Thiebold und ging mit dem Oberförster und dem Wildmeister dem Schlosse zu …

Die Schläge der zehnten Stunde erklangen von allen Seiten her durch die stille Nacht …

Die nächst hörbare Uhr war schon die von Schloß Westerhof …

Selbst vom schneebedeckten Jesuitenthurm in Witoborn hörte man in der nächtlichen Stille das bekannte hastige Jesuitenläuten …

Und öde wie die Winternacht, war die Stimmung der Freunde … Was sie jetzt hätten aussprechen können, war schon in diesen Tagen so oft gegenseitig ausgeschüttet worden … O wie war Armgart so seltsam geworden! Wie lag es winterlich auf dem Herzen der Freunde! Erstorben alle Blüten, verklungen alle Freuden, begraben die schönste Maienzeit des Lebens! … Der Scherz mit den „Vielliebchen“ war die letzte Erinnerung gewesen an den Ton vergangener Stunden …

Thiebold’s Art und sein schlechtes Gewissen litten es freilich nicht, daß er so ganz zu allem Herzleid schwieg. Seine Zunge wurde nicht müde bald die Geister des Jenseits, bald die Vicinalwege des Diesseits zu besprechen, bald den Doctor Püttmeyer, bald die Jagd, bald das unheimliche, vielleicht gar nicht existirende Brandmal auf dem Arme des Mönches Hubertus, bald den Räuber Bosbeck – eine Jugenderinnerung – bald die Guitarrestunden der ermordeten Frau Hauptmann zu erläutern … Alles, was er damit nur sagen konnte, lautete im Grunde seines Herzens: Was 183 hebt uns ach! mit so luftigen Schwingen in die kalte leere Luft und läßt uns schweben wie Fieberkranke, die da jammern des gefürchteten jähen ewigen Niedersturzes! Was geht vor in diesem Chaos des Erdenlebens, im dunkeln Rath der Götter, die die Menschenloose zu ihrer Freude mischen! Wohin wandeln wir! Was geschieht! Wie nur so angstvoll klopfen unsere Herzen, wie so bang mahnt unsere Ahnung! Geister halten, führen uns – aber wohin geht ihr Weg, wo ist das glückliche Ziel?

Nach einer Wanderung von einer halben Stunde hörten sie das Rauschen der berühmten Mühlen von Witoborn. In ihren Donnerton versank alles, was Thiebold nur sprach, um richtiger, wenn auch sehr prosaisch zu sagen: Ist es denn möglich, daß man uns, uns – – diesen Terschka, einen Mann von vierzig Jahren vorziehen kann!

Benno lebte hier auf dem Schauplatz der ersten Erinnerungen seines dunkeln Lebens schon seit Wochen wie im Traum. Seine Rückkehr zur Schreibstube Nück’s stand nahe bevor. Er schloß auch mit diesem Tage ab, wie schon seit lange mit seinem ganzen Leben. Seine Entsagung war eine um so schmerzlichere, als er sich die Philosophie gebildet hatte: Was du dir unsers Daseins für würdig hältst, mußt du dir hienieden zu erringen suchen! … Die erfahrungslose Jugend baut sich ja schneller Systeme, als das geprüfte Alter. Gehen diese Systeme hervor aus „Enttäuschungen“ und „gescheiterten Hoffnungen“, dann zerfallen sie wol leicht wieder in Trümmer; aber jäher ist ihre Dauer, 184 gefahrvoller wird sie für das Herz, wenn sie aus jener Jugendstimmung entstehen, die wenig erwartend vom Jenseits auch vom Diesseits nur mit bitterer Verachtung spricht, von ihm am wenigsten noch etwas hofft, zu seinen Gunsten am wenigsten noch etwas unternimmt …

Eine volle, freie, erhebende Stunde mit Bonaventura hatte Benno noch nicht finden können.

185 7.#

Auch für Bonaventura war dieser Aufenthalt eine Rückkehr auf den Schauplatz seiner ersten Jugend.

Auch ihn zog hierher eine Liebe und eine froh-bange Sehnsucht … Er kannte Paula als Kind, dann kannte er sie mit dem Ausdruck jungfräulich erster Reife … Jetzt erwartete er nach allem, was er von ihr wußte, ein Bild voll elegischer Hoheit, eine gefangene junge Königin, die in einem einsamen Schlosse wandelt, hoheitsvoll und tief hülfsbedürftig zugleich.

Die Beklemmung, in Paula’s seltsam bedingtes Lebensdasein einzutreten, wuchs mit der Nachwirkung dessen, was in der Residenz des Kirchenfürsten noch in den letzten Augenblicken von ihm erlebt werden mußte. Die Begegnung mit Bickert im Beichtstuhl, die Hoffnung auf Rückgabe der im Sarge des alten Mevissen gefundenen Papiere – Lucinden’s Erklärung, daß dieser Schatz in ihren Händen war – wie durchrieselte ihn da mit schüttelndem Frost die Erinnerung an die aus ihrem Mund gekommenen schonungslosen Drohungen! Eine Rachegöttin umschwebte sie ihn auf allen Wegen. Das 186 Schwirren ihrer Eumenidenflügel glaubte er zu hören, das Leuchten ihrer geschwungenen Fackel in dunkler Nacht zu sehen. „Der ganze, ganze Bau der Kirche!“ Dies tiefhöhnende Wort hallte durch seine Seele wie Grabesruf. Was konnte der treue Diener seines Vaters aufbewahrt, was von diesem zum Aufbewahren erhalten haben, das an sein Dasein eine so große Thatsache, den Bau der Kirche, knüpfen ließ und nicht ganz zerstört, ja vielleicht ausdrücklich einem Grabe einverleibt werden sollte?

Der ganze Bau der Kirche! … O da war er denn nun in diesem heiligen Witoborn! Hier hatten Bischöfe gethront und den Krummstab als Scepter geführt und nicht Eine bedeutsame Erinnerung an deutsche Größe, Kraft und Bildung war zurückgeblieben. Kleinliche Häuser, ärmliche Straßen, in entlegener Gegend, in einer halben Wüste ein glänzender Palast, die Residenz dieser Bischöfe, jetzt eine Kaserne. Nichts vom Vergangenen zurückgeblieben, als eine Unzahl Kirchen, ein düsteres Jesuitenstift, Gefäße von Silber und Gold in den Truhen der Sakristeien, Monstranzen mit Edelsteinen, Fahnen und Baldachine von kostbarer Stickerei. Hier und da fand sich eine bessere Erinnerung aus der Zeit der Aufklärung. Einige Priester hatten in dem Geiste des Onkels Dechanten gewirkt. Einiges war geschehen für Priesterbildung, Jugendunterricht und würdigere Gottesverehrung – aber der neue römische Geist überbaute schon seit lange alles wieder mit seinem künstlichen Mittelalter. Am Markt, in den Läden der Hauptstraßen waren die Schaufenster besetzt mit Monstranzen, Kelchen, Crucifixen, Madonnen aus Alabaster und Bronze, 187 Erzeugnissen einer Industrie, deren Spuren sich bis dahin verloren, wo man sogar dem Salon einen gewissen koketten kirchlichen Ausdruck jetzt zu geben versuchte. Eine Procession hier, eine Procession dort. Bruderschaften fast für jeden Tag der Woche in Bewegung. Männer, Weiber, Kinder mit Lichtchen in den Händen, mit Fahnenwimpeln, Kreuzen, Meßner und Chorknaben dazwischen in bunten Gewändern, singend und sprechend mit allen jenen Dissonanzen und unsichern Rhythmen, die ihm seine Glaubensvirtuosität früher als so rührend erscheinen ließ. Jetzt sah er in diesem Kirchgang so vieler Männer an Wochentagen nur die Versäumniß ihrer Arbeit. Ehe er nach dem Pfarrhause zu Sanct-Libori fuhr, war er „Bei Tangermanns“ abgestiegen. Ihm gegenüber hatte ein Kapuzinerkloster eine Kirche, vor der in einem Aufputz wie für Kinder – eine kleine Madonna in natürlichen Kleidern von Sammet und Seide auf offener Straße stand.

Am Morgen gleich nach seiner Ankunft kamen Benno, Thiebold, Hedemann. Erstere beide wohnten in einem Müllerhäuschen, das etwas entlegen lag vom donnernden Geräusch der schon von Hedemann selbst betriebenen Mühlen. Das Wiedersehen war hocherfreut. Bei Benno sogar mit ironischem Lächeln, als es der Frage galt nach dem ersten Besuch auf Westerhof; bei Thiebold mit der scheuen Befangenheit eines schuldbewußten Schülers vor seinem Lehrer; bei Hedemann mit jener bekannten immer mehr sich bei ihm ausbildenden, lächelndstrengen Sicherheit des Bibelglaubens; Hedemann hatte in der That ketzerische Grundsätze aus England und Amerika mit heim-188gebracht und wurde in ihnen durch die Erfahrungen, die seine greisen Aeltern mit dem Pfarrer Langelütje gemacht, in Gedankengängen bestärkt, die zu irgendeinem, vielleicht für ihn verhängnißvollen Ziele führen mußten. Daß der Domherr nicht in Witoborn blieb, wußte man. Bonaventura wollte seinen nominellen Pfarrsitz selbst einnehmen und schon war nach einem Wägelchen geschickt worden, ihn an seinen eigentlichen Wohnsitz zu führen, den er einem alten Brauche gemäß bis gegen Ostern einnehmen mußte. Benno bedauerte diese Trennung. Er schilderte das Haus „Bei Tangermanns“ als einen unterhaltenden Rest altdeutscher Gastfreundschaft, der indessen die Trinkgelder und modernen Preise nicht ausschlösse. Seht nur, sagte er, dies alte Mauerwerk mit bunten pariser Tapeten beklebt! Goldleisten über wurmstichige Balken! Parquetfußböden neben grünen Kachelöfen! Thiebold setzte hinzu: Lästern Sie nicht! Das beste ist ein patriarchalischer Weinkeller, aus dem man nur leider allein durch Schmeichelei einen Niersteiner Gelbsiegel bekommen kann! Der alte Tangermann hat auf seiner Weinkarte alle nur möglichen Cabinetsauslesen und Dompräsenze, gibt sie aber nicht her, wenn man sie nur so einfach bestellt, wie wahrscheinlich unser Freund Piter Kattendyk gethan hat, als er von witoborner Krätzer sprach! Erst sagt der Kellner regelmäßig: Der alte Herr Tangermann hat den Schlüssel! Erst muß man an Herrn Tangermann’s Stube klopfen, muß erst seine ausgestopften Vögel bewundern, die herrlichen Aquatintas an den Wänden, die Napoleonischen Rührscenen aus Fontainebleau und Sanct-Helena bewundern, ehe 189 man das Gespräch auf seine Jahrgänge bringen und ihn geneigt stimmen kann, eine Probe heraufzuholen, die dann aber dennoch keineswegs zu einem altpatriarchalischen, sondern ganz modernen Preise abgelassen wird, wie nur in irgendeinem Victoriahotel! Und Hedemann setzte hinzu: In der Kunst, dem alten Tangermann diese guten Stunden abzuschmeicheln, ist niemand bewanderter gewesen als der Landrath von Enckefuß!

Dieser Name gab dann Fernsichten in die betrübenden Eindrücke des Kirchenstreites … Fernsichten auch auf Schloß Neuhof, auf Bonaventura’s Stiefvater, seine Mutter, ja zuletzt auf Klingsohr, von dem man wußte, daß er gewaltsam nach dem Kloster Himmelpfort zurückgeführt worden … Ein Leben im Gasthof stört dann freilich jeden Schmerz … Hier ein Zimmer, wo ein Trauernder weint, nebenan eins, wo ein Musterreiter die neuesten Modearien singt – Letzteres geschah wenigstens der kleinen Gesellschaft. Nur Zufall war es, daß ein gewisser Mann nebenan, der sich eben rasirte, die Namen seiner Nachbarn nicht zu erfahren begehrte und, verloren in die täglichen Geschäfte, die ihn erst mit Herrn von Terschka, jetzt schon mit allen umwohnenden Adeligen verbanden, ja schon auf Schloß Neuhof riefen, sich nicht als Löb Seligmann aus Kocher am Fall seinen alten Bekannten zu erkennen gab … Und doch wie sang er sich selber vorm Spiegel an: „Dies Bildniß ist bezaubernd schön!“ wie jodelte er, wenn er plötzlich von Extrapostideen befallen wurde, das damals neue: „Ho, ho! So schön und froh! Der Postillon von Lonjumeau!“

Im Pfarrhause bei Norbert Müllenhoff fand Bona-190ventura zwei Zimmer schon für sich hergerichtet, Zimmer, in deren Ausstattung er die liebende Sorgfalt aller der Menschen erkannte, die ihn hier namentlich auf den Adelssitzen voll hoher Spannung erwarteten. Es waren zwei einfache Wohnzimmer eines allerdings neugebauten massiven Hauses, aber mit einem Comfort ausgestattet, der alle Spuren trug vorzugsweise vom nahen Westerhof und vom Stifte Heiligenkreuz. Die Namen Paula, Benigna, Armgart glänzten unter allen, die der alte Tübbicke als die Stifterinnen dieser Herrlichkeiten nannte … Norbert Müllenhoff stand mit scheuer Spannung in der Nähe. Er hatte die ihm eigenthümlich derbe Courage mehr nur nach unten hin; nach obenhin nur dann, wenn er der Masse gegenüberstand … ein einzelnes gesticktes Damentaschentuch mit dem Geruch von Esbouquet konnte ihn nicht blos im Salon, sondern sogar im Beichtstuhl stutzig machen.

In diesem Müllenhoff fand sich Bonaventura bald zurecht. Es war die Richtung, die Michahelles auch bei ihm vorausgesetzt hatte, die neue Richtung einer fast burschikosen Verachtung alles dessen, was mit Bildung und Aufklärung verbunden ist. Müllenhoff’s jeweiliges grelles Auflachen, wenn er einen seiner Einfälle selbst doch auch allzu schlagend fand, charakterisirte ihn sofort; denn nichts charakterisirt uns mehr, als die Art, wie wir lachen. Hier fehlte selbst die Koketterie, die doch Beda Hunnius noch mit der Poesie trieb. Diese jungkatholische Richtung renommirt mit der Verachtung jeder Beziehung ihrer täglichen Denk-, Rede- und Thätigkeitsweise mit dem, was dem Geist der Aufklärung an-191gehört. Gleich die Frühstücksbutter, die seine Aufwärterin zu einem zweiten Frühstück für ihn und seinen Gast hereinbrachte, schob Müllenhoff mit den Worten zurück: „Nehm’ Sie die Butter mit! Ganz frische soll’s sein! Die da riecht – toleranzig!“

Schon bei diesem Frühstück erschienen die zuvorkommenden Besuche des Herrn Levinus von Hülleshoven, des Herrn von Terschka, des Grafen Münnich und immer mehr zunehmend einer Anzahl von Adeligen und Geistlichen, die sämmtlich in stattlichen Kutschen kamen … Selbst die drei ältesten Stiftsdamen von Heiligenkreuz fuhren vor … So schnell hatte sich die Kunde von des jungen Domherrn endlicher Ankunft verbreitet. Die Räumlichkeit wurde fast zu klein; die Gäste, die den Längstersehnten begrüßen wollten, konnten nur eine kurze Weile bleiben.

Ueber die Zeit sprach man, über den Kirchenfürsten. Durch alles, was Bonaventura von Aeußerungen eines erschreckenden Fanatismus vernahm, tönte wie ein Grundaccord immer der gottbegnadete Zustand Paula’s hindurch. Selbst die Erbfolgefrage verschwand dagegen. Es fielen Fragen, wie die: Ob die Gräfin kürzlich nicht wieder „die Besuche ihres göttlichen Bräutigams“ empfangen hätte? Dabei beobachtete man nicht nur die Mienen des antwortenden Onkel Levinus, sondern schon das Erröthen des Domherrn. Man hatte von Bonaventura die Vorstellung eines Fanatikers, eines parteinehmenden Zeloten, der, wie Michahelles angedeutet hatte, seine bereits allen bekannte seelische Beziehung zur Ekstatischen zu einem noch festern Seelenbunde knüpfen, die noch unbestimmt 192 tastende Gefühls- und Anschauungswelt derselben regeln, ihre Visionen und Heilkräfte zu einem vollgültigeren Zeugniß für die wiederum prophetisch gewordene Zeit und den Triumph der Kirche verwandeln würde … Er sah diese Gleisnerblicke, dies süße Lächeln, hörte dies bedeutungsvolle Seufzen, das bei allem Schein der Demuth mit einem festen und sichern Gange auf ein gemeinschaftliches Ziel losging, über das man sich nicht einmal in offen ausgesprochener Verabredung und Geständnissen befand … In einem stattlichen Wagen, zwischen dem Onkel Levinus und Terschka, fuhr Bonaventura dann auf Schloß Westerhof.

Die Prüfung, Paula im kleinen Kreise oder gar allein wiederzusehen, wurde ihm beim ersten Gruße nicht. Er fand gleich ganz Westerhof in festlicher Bewegung. Die Damen der Gegend, vorzugsweise das Stift Heiligenkreuz, waren in Toilette versammelt; Paula stand umgeben von jungen Mädchen, von Frauen und Matronen …

Einen Schritt trat sie hervor und reichte ihm die Hand … Endlich Traum und Erfüllung … Schmerz und Seligkeit … und wiederum doch nur – Seligkeit und Schmerz!

Mit den Jahren waren beide gereifter geworden … Sie erblüht zur hehren Jungfrau … Er ein Mann – Ein Mann? Ein Priester! Angewiesen, Segen zu ertheilen, anderer Glück zu heiligen und selbst zu entbehren …

Rings ein Reden und Grüßen und ein Durcheinander der – Bewirthung …

Aber Paula war es doch! … Ihr Seelenfreund von vergangenen Tagen war es doch! … Ihr Erröthen und 193 das seine … ein Roth war es, als beschiene beide die Sonne in ihrer heiligsten Frühe, Aufgangsglanz vom Osten, vom fernsten Ganges her … War das noch Winter um sie her? … Zwei Seelen grüßten sich, die da weilten, wo die Nachtigallen sangen …

Armgart fühlte das schon ahnungsvoll und schwärmerisch mit … sie hielt Paula, um daß sie vor Ueberseligkeit nur nicht schwankte … Wie Epheu schlang sie sich um ein lebendig gewordenes Marmorbild …

Die Geisterjungfrau sprach … Sie sprach mehr als je … Was sie sprach, hörte Bonaventura, er verstand es nicht … Auch Armgart plauderte noch ihm unverständlich … Wie im Wirbel stand er … Armgart sah den Vielbesprochenen zum ersten male … Die einfache Tracht! Nur ein langer schwarzer Ueberrock; altmodisch der Schnitt; die Weste hochgehend, wie die Regel will; das Haar entstellt … Nichts, was anziehen konnte, als die Gestalt nur und der edle Ausdruck des Hauptes … Armgart starrte dem allen und horchte seinen Worten, deren Klang ihr sofort wie Melodie erschien, denn was Paula liebte, liebte sogleich auch sie …

Der Himmel öffnet zuweilen durch Engelhand seine Pforten … Dann strömt einen Augenblick überirdischer Glanz über die Menschen und ringsum ist auch zuweilen dann wirklich die feierliche Andacht da und das heilige Verständniß … Ha diese kluge Welt! … Sie wußte schon alles … Ein einziger geisterhafter Augenblick sprach schon im stillen zu allen: Er kennt diese tiefblauen Augen, kennt den feuchtschimmernden Glanz derselben, die dunkeln Augenwimpern, die wie die Schwingen auch der Seele Paula’s nicht unruhig flat-194terten, sondern ruhig über ihrem blauen Himmel thronten … Nun staunt er doch wol, daß diese Augen sich noch immer schließen und mehr noch als sonst schon in die Ferne sehen können? … Und ziert dich denn noch immer dieselbe Schüchternheit, du vornehme Jungfrau, derselbe zagende Muth, der alles duldete, selbst wenn die böse Lucinde, von der hier mancher wußte, ihre Stellung vergaß und Befehle ertheilte, wo sie deren nur zu empfangen hatte …

Verständigungen des Herzens konnten nur im Blicke liegen … Einen Schleier nach dem andern, der das kaum ja auch Auszusprechende verhüllte, wob schon gleich wieder das Leben in der buntesten Fülle seiner Anregungen … Da gab es zu besprechen! Die nächste und entfernteste Zukunft Paula’s! Die Zeit selbst mit ihren ringsum ertönenden verworrenen Stimmen! Und die Prophetengabe der Herrin des Schlosses, auf deren Namen wol noch mehr Wunder und Voraussagungen gingen, als in Wahrheit begründet waren, wie war das ängstlich! Auffallend erschien, daß mit Bonaventura’s Ankunft in Paula ein gehobener Schwung kam, der die Kraft des Geistes über den Körper zu stärken schien. Schon am ersten Tage hielt sich die Leidende über der versammelten Menschenmenge empor, erlag nicht dem Druck derselben, der sonst sie in solcher Lage immer plötzlich entschlummern machte. Und das nahm zu, wurde besser von Tage zu Tage. Sie erlag seltener der räthselhaften Krankheit ihrer Nerven. Was so mancher im stillen schon von der Ehe gesagt hatte, sie wäre ein Ausweg, der die Gräfin völlig heilen würde, zeigte sich dem Schärferblickenden annähernd. Statt einer 195 Steigerung der Neigung zum Traumschlaf trat anfangs eine Minderung ein.

Die erste Messe zu Sanct-Libori, die erste von der Kanzel gesprochene „Application“ kennen wir. Sie riefen auch hier die Wirkungen hervor, die von Bonaventura’s Auftreten unzertrennlich scheinen. Der Kreis von Bekanntschaften, der ihn schon wie gefangen nahm, wuchs. Seine Oberaufsicht über den Gang der kirchlichen Angelegenheiten in diesem Sprengel war mehr eine formelle Pflicht. Bonaventura erkannte dann auch zu sehr die Heftigkeit seines untergebenen Pfarrers, um mit einem Naturell zu streiten, das nicht zu ändern war und sogleich auch für seine Unarten als Vorwand heilige Namen hatte. Ironie half ihm gegen Uebertreibungen. „Denken Sie das?“ „Ziehen Sie das also wirklich vor?“ Von Witoborn’s Geistlichen und Mönchen kam Bonaventura regelmäßig heim wie aus einem Kriegslager.

Die stillen Abendstunden auf Schloß Westerhof waren dann glückselige Momente. Terschka, Benno und Thiebold theilten sie, und da Armgart nicht immer zugegen war, blieb Paula der alleinige Mittelpunkt. Armgart wurde allerdings auch für Bonaventura mit der Zeit befremdend. Sie wanderte zwischen Westerhof und Heiligenkreuz, oft ganz allein, ohne die mindeste Furcht, selbst wenn sie durch einen ansehnlichen Wald gehen mußte. Bonaventura sprach von ihrer Mutter und von ihrem Vater mit gleicher Unbefangenheit. Eine Parteilichkeit für Benno entdeckte er nicht, mehr noch für Thiebold, am meisten für Terschka, der ihm gleichfalls neu und nicht sogleich erklärbar war. Terschka nannte Armgart eine Cactusblume. Der Onkel erläu-196terte: „Brennendroth und von einer schönen Zeichnung, aber gewachsen auf einem gefahrvoll stachlichten Stamm!“ … Nun geht es so, daß Menschen, die gerade das Bedürfniß haben, sich aneinander anzuschließen und sich einen hohen Werth einzugestehen, doch nur durch Reibung und Aneinanderstreifen sich nähern. Bonaventura hatte noch nichts von Thiebold’s Buße vernommen und nur ewig Terschka und Terschka hört’ er –? Wäre das möglich! sagte er sich. Armgart, ein Mädchen wie ein Thautropfe, und dennoch, dennoch eine so schnelle Wandelung –? Hier lag ein Räthsel vor und er erklärte sich’s aus der Schwäche des weiblichen Gemüths und zürnte ihr und strafte sie schon oft oder „trumpfte sie ab“, „duckte“ sie, wie es die Tante Benigna mit wahrer Genugthuung nannte … freilich nur durch ein Lächeln oder eine kurze ironische Zwischenfrage.

Ehe hier tiefere Blicke und Verständigungen folgten, kam dann die bange Fahrt zum Schlosse Neuhof, an dem Tage, als es hieß, der Kronsyndikus ist im Arm seines plötzlich angekommenen Sohnes, des Präsidenten, verschieden. Die schuldige Rücksicht verlangte, daß Bonaventura den zweiten Gatten seiner Mutter auf diese Nachricht sofort besuchte. Daß die Mutter nicht mitgekommen, wußte er. Er traf am Montag den Präsidenten in der ganzen Erregung, die ein längst vorausgesehener Fall, dessen endliches Eintreten man sogar den Umständen nach wünschen mußte, zuletzt doch hervorzubringen pflegt. Sein Stiefvater war auffallend gealtert. Er begrüßte Bonaventura mit all der scheinbaren Herzlichkeit, die ihm zu Gebote stand. Seine Gesundheit erklärte er nicht für die beste, sprach von Reisen nach dem Süden, von seinem Abschied, den 197 er nehmen wollte, von den Schwierigkeiten, die sich bei Abwickelung seiner Erbschaft ergäben, von dem Mistrauen, das ihm infolge des Kirchenstreits hier um seiner amtlichen Stellung willen entgegentreten würde. Er brachte Nachrichten vom Kirchenfürsten, der in seiner Gefangenschaft sich mit Ruhe in sein Schicksal ergäbe, wäre er sich doch bewußt, Anlaß einer Aufregung gewesen zu sein, die seinen Grundsätzen jetzt zugute kam; er rauche seine Pfeife, ginge auf den Wällen der Festung spazieren und wünsche nicht einmal die politischen Demonstrationen, die der Adel der diesseit und jenseit des großen Stromes gelegenen Provinzen beim Landesfürsten unternähme – „sie könnten ja nur in jenem revolutionären Sinne gedeutet werden, den er nie befürwortet hätte; denn die Kirche hätte nichts mit der neuen Richtung des Lamennais gemein, sie wäre alt genug und könne immer noch warten und warten bis ihr die geistige Hülfe käme“ … Von der Mutter sagte der Präsident, sie würde auf dem Schlosse, das sie nie besucht hatte, gleich nach dem Begräbniß eintreffen. Der Präsident war kälter, wortkarger und verschlossener denn je geworden.

Am Begräbnißtage saß Bonaventura in dem Trauerwagen neben dem Stiefvater. Wohl sah er, daß selbst diese starren Züge erregter wurden, als sich der Zug dem Düsternbrook näherte. Als die Scene an der Eiche vorfiel, erblaßte der Präsident; das Wort erstarb auf seinen Lippen; in eine Ecke gedrückt wartete er ab, bis sich der Zug wieder in Bewegung setzte. Ein tiefer Seufzer entrang sich seiner Brust, als die Störung vorüber war und ihm Bonaventura zu seiner Beruhigung 198 die leisen Worte sprach: „Paulus sagt: Der Tod ist der letzte Feind! Nun wird ja Friede sein!“ … Zum Kloster Himmelpfort gehörte eine große, nicht ungefällige, lichthelle Kirche. Sie lag an der Spitze eines der Winkel, die durch ein großes Viereck gebildet wurden; durch eine Mauer gebildet, die das Kloster einschloß. Das Kloster selbst, ein zweistöckig Gebäude, mit einem Thürmchen versehen, gehörte dem siebzehnten Jahrhundert an, die Kirche dem achtzehnten. Ringsum standen Obstbäume; im Innern des Klostergartens waren die Beete mit Stroh belegt und deuteten eine freundliche Vegetation für den Sommer an. Hinter einem dieser kleinen Fenster, die ringsum das viereckige Gebäude erhellten, wohnte Klingsohr. Ihn sah man nicht unter den Franciscanern, die den Sarg begleiteten. Auch den Bruder Hubertus, auf den Bonaventura nach allem, was er über den „Abtödter“ durch Klingsohr und Jodocus Hammaker wußte, begierig sein mußte, konnte er weder beim Beginn des Zuges noch jetzt entdecken und an der verhängnißvollen Eiche war gerade ihm der Anblick entzogen gewesen, den die andern Wagen ungehinderter hatten, der Anblick, wie plötzlich unerwartet auftauchend Hubertus mehr der Störung durch den Musikanten, als der Anrede des Sarges durch einen andern Störer der Todtenruhe, durch den Küfer, ein Ende machte … Die Kirche diente als Erbbegräbniß vieler ringsum wohnenden Adelsfamilien. Bilder sah man, Seitenaltäre und Beichtstühle, keine Säulen oder Bogen. Der Hochaltar war im Stil der Franciscanerkirchen; jeder Orden hat seine eigene Weise, seine eigene geistige und physische Farbe sogar, die er seinen 199 Kirchen anhaucht. Bei den Franciscanern ist alles braun, mäßig vergoldet, hier und da ein blaues Band etwa an einer Maria, ein weißer Schimmer etwa von der Taube, die über dem Tabernakel schwebt; regelmäßig steht der Ordensstifter vor dem Crucifix mit dem bekannten ekstatischen Liebesblick der Ergebenheit, mit seiner auf das Herz gelegten linken Hand; der Fußboden ist von Stein, die Wände sind weiß, nur hier und da vom Ruß der Lichter angeschwärzt; das Ganze einer solchen Franciscanerkirche ist dem Volk eingehend durch eine gewisse altfränkische Einfachheit wie die Heimlichkeit alter, von Großältern ererbter, braungebeizter Möbeln mit geschweiften Bogen und bronzenen Schlüssellöchern und Ringen an den Schubläden … Hier war es, wo der Kronsyndikus in die Gewölbe gesenkt wurde … Das über ihn Unausgesprochene, doch von allen Gefühlte verklang in dem Brausen einer stattlichen Orgel … Der Provinzial-Guardian fand auf dem bereits auf dem Schlosse von Weihduft überräucherten Sarg auch jenes Stückchen Tuch nicht mehr, das wol in den Schnee gefallen sein und im Schmelzen desselben an der Frühlingssonne vermodern wird …

Da Bonaventura Klingsohr besuchen wollte, behielt er eine der Trauerkutschen zurück … Der Präsident versprach, bald auf Westerhof zu erscheinen und dann auch sogleich in Begleitung der bis dahin vielleicht angekommenen Mutter Bonaventura’s.

Der ehemalige Graf von Zeesen, der jetzige Pater Ivo, wurde von Bonaventura bald entdeckt … Klingsohr hatte ihm ja im vorigen Jahre seine Geschichte er-200zählt … Er wußte, daß seine ehemalige Verlobte als Schwester Therese bei den Karmeliterinnen wohnte … Ein hagerer, blasser Mönch kam mit einem Weihwedel daher und wehte durch die Luft, als stäubte er auch diese rein … Die Gäste, das Gesinde, die nachdrängenden Landbewohner hatten die Kirche verlassen; nur einige Arbeiter blieben, die über die Oeffnung, in die der Sarg des Kronsyndikus hinuntergelassen, wieder die Steinplatte zu legen hatten … Nach drei Uhr war es … Die Brüder hatten auf dem Schlosse eine Art „Frühstück im Stehen“ eingenommen … Ob wol da noch Pater Ivo das Brustbild seines alten Freundes Jérôme erkannt hatte? … Dort summte er, ohne aufzusehen, Lieder zum Lobe Mariä; auch hier that er es … Niemanden blickte er dabei an, niemanden gab er Antwort … Er lebte nur sich und Maria … Sein Eigenthum war an die Landschaft gegeben worden für eine Irrenanstalt, deren die Provinz – immer dringender bedürftig wurde … An der Oeffnung, in deren Tiefe der silberbeschlagene Sarg blinkte, mußten eine Menge Melusinen sitzen … wie huschte er dahin daher mit seinem Wedel und jagte die Unheiligen fort!

Es ist Pater Ivo! sagte ein junger Mönch, auf Bonaventura zutretend. Er ist irr’, wie Sie wol sehen, Herr Domherr!

Der junge Mönch nannte sich Pater Quirinus … Er hatte ein Bund Schlüssel in der Hand, wollte erst die Schränke schließen, in welche der Guardian seine Meßopferkleider, die Mönche die Requisiten der Räucherung des Sarges und die Tücher gelegt hatten, auf denen 201 er ausgestellt gestanden hatte; dann galt es, das Hauptportal der Kirche zu schließen – für die Arbeiter und Betbedürftigen gab es einen allen Bewohnern der Gegend bekannten kleinen, versteckten Nebenausgang.

Bonaventura sah sich erkannt, sprach sein Verlangen aus, den Pater Sebastus zu besuchen, und willigte gern ein, die Erlaubniß dazu so lange abzuwarten, bis Pater Quirinus sein Amt beendet hatte …

Er begleitete ihn auf seinem Rundgange hinter der Sakristei …

Mit der größten Unbefangenheit sagte der junge, frisch und blühend aussehende Mann und mit einer ganz gewöhnlichen Sprechweise:

Unser Bruder Hubertus ist nicht zugegen! Er kam gerade recht von einer Reise, um die unverschämte Störung durch den Musikanten abzutrumpfen! Viel lügt man auch über den Kronsyndikus! Wir hier müssen ihn schätzen! Manches, was Sie hier an Gold und Silber sehen, haben wir in seinen letzten Tagen von ihm bekommen!

Dem für einen Geistlichen fast zu resoluten jungen Mann erwiderte Bonaventura:

Als sich der Verstorbene vor einigen Jahren sein Erbbegräbniß neu herrichten ließ, widersprach, hör’ ich, der selige Provinzial Henricus und schrieb deshalb nach Rom …

Ganz recht! erwiderte der junge Mönch. Cardinal Ceccone schickte durch Vermittelung des Ministeriums den Spruch der heiligen Pönitentiarie. Der Kronsyndikus legte eine Generalbeichte ab, die an unsern Ordensgeneral nach Rom gegangen ist. Seitdem kam der 202 Befehl, ihm keine der geistlichen Wohlthaten zu entziehen …

Der junge Mönch machte Anstalt, Bonaventura alles zu zeigen, was die Kirche an alten Bildern, kostbaren Gefäßen und gestickten Gewändern besaß …

Bonaventura ließ es geschehen … Konnte er sich doch indeß in die Vorstellung finden, diesen aufgerissenen Fußboden dort im Zusammenhang mit Rom zu wissen! Cardinal Ceccone, der politische Lenker der Geschicke des Kirchenstaats – der Großpönitentiar und Oberinquisitor der ganzen katholischen Welt – der General der Franciscaner – drei höchste Würdenträger der Kirche betheiligt an dem aufgedeckten Leben des Kronsyndikus! Dort vielleicht alles enthüllt, was hier der Welt ewig unbekannt blieb! Dort vielleicht alle Schleier hinweggezogen, die seit Jahren über dem Leben auf Schloß Neuhof hingen! Dort vielleicht auch die Gründe bekannt, warum seit Jahren der Dechant nur mit dem Ausdruck des größten Mismuths seines alten Freundes, des Kronsyndikus gedachte! Dort auch vielleicht – ein Zusammenhang – es durchzuckte ihn das so – mit jenen Drohungen, die Lucinde gegen ihn selbst auszustoßen gewagt?

Der junge Mönch entfaltete kostbare Meßgewänder, warf sich sogar eine „Kasel“ um und zeigte mit wohlgemuther Freude, wie schwer sie an echtem Golde war …

Die ist noch nicht zu alt! sagte er. Die verstorbene Frau von Wittekind hat die köstliche Arbeit, die in Paris gemacht wurde, vor vierzig Jahren gestiftet …

Das war die Schwiegermutter seiner Mutter …

203 Pater Ivo ging leise singend vorüber, huschte mit dem Weihwedel und jagte die Geister fort …

Pater Quirinus sah ihm lachend nach, während Bonaventura in Rührung stand …

Beim Oeffnen der übrigen Schränke und dem wiederholten Anlegen der kostbaren Gewänder durch den jungen Pater erkannte Bonaventura einen oft vorkommenden Fehler seiner geistlichen Brüder, Eitelkeit auf ihren malerischen äußern Schmuck beim Cultus. Die Mönche von Kloster Himmelpfort lasen ringsum in kleinen Kapellen die Messe … Rom hält die Menschheit doch an tausend Fäden! sagte sich Bonaventura …

Als der junge Mönch eine Anzahl Gefäße aus dem Verschluß doppelter und dreifacher Schlösser hervorholte, fragte er ihn:

Warum traten Sie in den Orden?

Es war mir die beste Versorgung! erwiderte der junge Mann … Ich bin armer Aeltern Kind, wollte studiren, brachte mich kümmerlich durch und hatte keinen Muth, auf die Universität zu gehen. Ich wollte ins Postfach, meldete mich und wurde wegen Ueberfluß von Meldungen nicht angenommen. Eine Braut, die ich hatte, wollte nicht länger warten und heirathete mir vor der Nase weg einen andern. Das verdroß mich. Ich wußte nicht, was anfangen, und ging ins Kloster. Zwei Jahre war ich Novize. Jetzt hab’ ich die Weihen und bin versorgt.

Sie wollen nicht höher hinauf? Haben keinen Ehrgeiz? fragte Bonaventura, erstaunt über diesen Mangel an Empfindung bei einem doch so traurigen Geschick …

204 Nein! war die unbefangene Antwort …

Also gibt Ihnen der Schmerz über die Täuschung durch Ihre Liebe diese Kraft, so zu entbehren und zu entsagen? …

Meine Braut handelte vernünftig! Ich hätte erst zehn Jahre auf eine Anstellung bei der Post oder im Steuerfach warten müssen! Jetzt hab’ ich mein Brot; für mich freilich nur allein, aber das kann man ertragen …

Währenddesssen schloß der junge wohlgenährte Pater einen Schrank nach dem andern auf und zu, knixte erst vor jedem geweihten Gegenstande, zeigte ihn dann, schloß ihn wieder mit einem Knix ein, alles nach derselben Cadenz und mit der größten innern Befriedigung.

Bonaventura konnte sich in eine solche Weihelosigkeit nicht finden. Er mochte noch immer glauben, daß hier ein Schmerz überwunden und für die Zufriedenheit an diesem Berufe vielleicht auch Pater Hubertus’ Abrichtung gesorgt hätte …

Auch Ihnen hat zu dieser wohlgemuthen Ergebung in manche Entbehrung gewiß der „Bruder Abtödter“ verholfen? fragte er …

Pater Quirin lachte …

Na ja! sagte er. So kennen Sie also auch den alten Knaben? Er konnte sich lange nicht in den Frieden finden, den die Kirche mit seinem alten Feinde schloß, mit dem Kronsyndikus! Allen ist aufgefallen, daß er doch gerade heute zurückkehrte und sogar für Ordnung sorgte. Knochen hat er wie Eisen – aber mich brauchte er nicht zu bändigen! Ich thue hier, was ich muß. Wir 205 haben alle unsere leidliche Bequemlichkeit. Ich zeige Ihnen das Refectorium …

Entbehren Sie gar nichts? fragte Bonaventura im Weitergehen …

Gewiß nichts! antwortete Pater Quirinus und küßte mit gemachter Andacht eine Monstranz, die über und über mit Edelsteinen besetzt war und nur bei den höchsten Veranlassungen aus diesen wohlverwahrten Schränken genommen wurde.

Diese gleichbleibende Gelassenheit streifte in Bonaventura wiederum alle Blüten ab. Er konnte sich nicht finden und erinnerte wenigstens an den Zauber der Freundschaft und des Zusammenlebens in einem Kloster …

Aber auch dem erwiderte der junge Mann:

O nein! Wir sind hier zusammen keine Freunde! Es ist auch gut so! So wie wir uns aneinander anschließen, fangen wir an über unsere Verhältnisse Gedanken zu haben; dann verbittern wir uns vieles, worüber wir jetzt nicht grübeln. Jeder ist besser für sich!

Diese Freundschaften kommen also doch vor?

Selten! lautete die Antwort, während sich der Mönch umsah und jetzt leiser sprach. Sowie sich zwei Brüder allzu sehr aneinander schließen, im Garten zu oft zusammen spazieren gehen, sowie man bemerkt, daß sie bei Tisch zusammensitzen wollen oder auch auf der an der Thür des Guardians hängenden Tafel über unsere Wochenverrichtungen zu häufig zusammenzukommen suchen, so werden die Leute getrennt.

Das ist ja eine Grausamkeit, wallte es in Bonaventura auf … Der einzige Trost der Einsamkeit – 206 der freundschaftliche Austausch der Gedanken und Gefühle! Der Rückblick auf ein vergangenes Leben! Die gemeinschaftlichen Tröstungen an den Quellen des Wissens und des Denkens! … Aber er durfte alles das nur durch Seufzen ausdrücken und sagte sich im stillen: O die Menschennatur ist doch im Durchschnitt ganz so wie bei diesem jungen Manne! Was ist bei Tausenden ihre geistige Meinung? Ihr Bedürfniß nach Erhaltung, Ernährung, Unterkunft! Solche Institutionen wie die Klöster glaubt’ ich auf Felsen gebaut und ich sehe: Einen Beutel mit Geld in der Hand und sie lassen sich wie Kartenhäuser umblasen!

Durch einen Seitengang kam man aus der Sakristei in das Kloster. Ein Kreuzgang von altem, morschem Holz führte zu ihm hinüber. An der Wand der Kirche hingen, allemal einer Oeffnung an der andern, in einen mit Schnee bedeckten Garten hinausgehenden Seite gegenüber, Bilder, die von einem Tüncher verfertigt schienen und Wunder des heiligen Franciscus vorstellten. Jedes derselben war geistlos. Schon aus der Jahreszahl 1707 konnte man den Geschmack sowol der Malerei, wie den Stil der Unterschriften erkennen. An die Poesie eines winterlich romantischen Klosterkreuzgangs, wie ihn unser Lessing gemalt hat, war hier nicht zu denken. Eine hölzerne Gitterthür führte ins Kloster. Pater Ivo schlenderte leise singend in einem der langen Gänge und Quirinus sprang fast wie ein Tänzer mit seiner langen Kutte voraus, um dem Provinzial-Guardian Maurus die Meldung zu machen … Einstweilen trat Bonaventura in das Refectorium. Es ähnelte einem Wirthshauszimmer 207 auf dem Lande mit alten Holzpfeilern, mächtigem Ofen, Stellagen zum Aufschichten der Eßgeräthschaften. Von hier aus sah man durch kleine Scheiben in den innern, strohbedeckten Garten …

Bonaventura sehnte sich, ein Wort der Ermunterung mit Sebastus zu sprechen … Aus Lucindens Beichte wußte er ja, daß er hatte nach Belgien entfliehen wollen … Sie hatte ihm sogar die Ueberredung, daß Sebastus zu den Jesuiten hatte entfliehen wollen, nicht verschwiegen … Daran nun zu erinnern war Bonaventura freilich verboten … Alles, was er etwa Lehrreiches, Warnendes oder Ermunterndes gerade über diesen Punkt mit dem Convertiten hätte sprechen können, mußte ausdrücklich unterbleiben … Als Beichtvater durfte er nicht mehr von ihm wissen, als was Sebastus selbst voraussetzen konnte … Er mußte unwahr sein.

Die in Reihe und Glied aufgestellten steinernen Bierkrüge der Mönche musternd, hörte er Quirinus’ Rückkehr …

Dieser kam bestürzt. Er sagte, der Pater Sebastus hätte eine Pön verwirkt und sollte niemanden sprechen; der Provinzial würde sogleich selbst erscheinen und sich dem Herrn Domherrn entschuldigen …

Bald auch kam Pater Maurus. Aeußerlich war er nicht zu unterscheiden von allen andern Mönchen. Man kann in Rom auf der Via Appia in einem Omnibus mit Bauern aus Tivoli fahren, hat neben sich einen einfachen Mönch in weißem Kleide sitzen und weiß nicht, daß es der großmächtige General der Dominicaner ist … Pater Maurus war ein hoher, starkknochiger Mann. Seine 208 buschigen und schwarzen Brauen lagen trotzig über den funkelnden Augen, die sich den Ausdruck der Unterwürfigkeit gaben. Immer erstarb sein Lächeln ebenso rasch wie es kam. Eher glich dieser Mönch einem Gefängnißwärter als einem Boten des Friedens.

Pater Quirinus zog sich zurück … Der Provinzial und der Domherr setzten sich auf die nächsten Holzschemel …

Vergebung, Herr Domherr, sagte der Provinzial, wir haben mit dem Pater Sebastus einen schweren Stand! Die Regierung lieferte ihn uns aus der Residenz des Kirchenfürsten zurück mit dem Bedeuten, ihm jede schriftstellerische Thätigkeit zu untersagen, jede Theilnahme an unserm gegenwärtigen traurigen Kampfe. Die Weisung war überflüssig, da der Pater ohnehin erkrankte und uns eine Zeit lang ernste Besorgnisse einflößte. Seit einiger Zeit geht es ihm besser; doch ließen wir ihn in der Krankenstube, weil er, in seine Zelle zurückgekehrt, seine Pflicht, Nachts zwölf Uhr aufzustehen und in den Chor zu gehen, um zu singen, wie jeder andere hätte erfüllen müssen. Heute in aller Frühe besuchten ihn zwei Fremde, ein Jude und jener Mensch, dem wir vor wenig Stunden den frechen Auftritt im Düsternbrook verdankten. Ich nehme Ihr Vertrauen in Anspruch, Herr Domherr! Denken Sie sich die Verabredung! Jenes Stück Tuch, das der Störenfried auf den Sarg zu legen wagte, bekam er von unserm Pater, dem Sohne des damals unglücklich, wie man jetzt sicher weiß, nur im Wortwechsel und nach offener Gegenwehr Gefallenen. Dafür verlangte er von 209 jenem Juden, wie von dem Küfer – Stephan Lengenich ist sein Name – die Mittel zur Flucht …

Wie erfuhren Sie das? war eine Frage, die Bonaventura mehr aus Schreck aussprach, als in Voraussetzung, daß die Gespräche, die im Krankenzimmer gehalten wurden, belauscht werden konnten … Erst als er Pater Quirinus an der zufällig aufgehenden Thür des Refectoriums stehen sah, kam ihm die Vorstellung, daß seine Frage ohne Beantwortung bleiben konnte …

Wir wissen es, Herr Domherr! sagte der Provinzial mit verdrossenem Blick auf die Thür. Wir wußten es schon in der Frühe. Ich hatte mir eine ernste Ermahnung als einzige Buße vorgenommen. Seitdem jedoch durch des Paters Mitwirkung eine heilige Handlung gestört, eine ganze Familie, der er selbst früher so oft bekannt hat Dank schuldig zu sein, durch sein Zuthun unverantwortlich compromittirt worden ist, hab’ ich ihm statt des Krankenzimmers die Strafzelle angewiesen. Ich kann nicht wünschen, daß Sie ihn in seinem gegenwärtigen Zustande sehen.

In welchem Zustande? fragte Bonaventura mit gesteigertem Bangen und folgte der Bewegung des Provinzials, der sein Ohr spitzte, als vernähme er irgendwoher einen Ruf …

In der That hörte man in dumpfer weiter Ferne einen Ton wie einen Schrei um Hülfe …

Bonaventura mußte aufspringen und sich an dem Schemel halten … Das ist er? sagte er und deutete auf das Fenster, von wo der gellende Schrei gekommen war.

210 Er ist es! Ja! sprach der Provinzial mit kalter Ruhe … So tobt er in seiner Strafzelle und spricht wild durcheinander … Ich lass’ ihn binden, wenn er nicht schweigt …

Lassen Sie mich zu ihm! bat Bonaventura …

Herr Domherr, diese Wohlthat wäre unverdient … Er würde auch Sie anfahren wie ein wildes Thier …

Nein, nein, wir kennen uns!

Sie würden uns die Züchtigung stören, die ein Pater verdient, der aus seinem Kloster entfliehen will!

Bonaventura stand mit schwindendem Bewußtsein. Er sah Abgrund und Nacht um sich her und bei alledem – auch die fernwirkende, trügerisch lockende Gewalt Lucindens! … Sie hatte den Mönch, ihren ehemaligen Geliebten, in Knabentracht besucht! Ihr Lächeln, ihre muthige Rede hatte ihn – „um ihn aus meinen Bahnen zu entfernen“, hatte sie ihm frank und frei gebeichtet – zur Flucht überredet … Sie hatte seinen Muth, seinen Ehrgeiz entflammt zu einer neuen Entwickelung seines immer noch reichen, wenn auch verirrten Geistes … Eine Gelegenheit zur Flucht bot sich vielleicht … So, wie er jetzt die gräßliche Stimme hörte, die der eines Ertrinkenden glich, klang ihm in der Erinnerung sein eigener Seelenaufschrei, als an jenem Abend der Abreise ihn plötzlich Lucinde verlassen hatte und ein wilder Sturm durch seine Adern brauste … Zu ihr! Zu ihr! klang es aus Sebastus’ Munde in sein Ohr … Besinnungslos ergriff er seinen Hut und bat wiederholt:

O lassen Sie mich zu ihm!

211 Herr Domherr! lehnte der Provinzial fast vorwurfsvoll ab … Wenn er sich beruhigt hat! Morgen! setzte er hinzu …

So bitt’ ich – grüßen Sie ihn von mir! hauchte der liebevolle Priester, seufzend über die Nothwendigkeit, den Formen und Satzungen seiner Kirche sich ergeben zu müssen. Sagen Sie ihm, daß ich in dieser Gegend weile, daß ich den ersten ruhigen Augenblick, den Sie mir anzeigen werden, benutzen und zu ihm kommen will! Versprechen Sie mir’s!

Sehr gern, Herr Domherr! sagte der Provinzial mit derselben Freundlichkeit, als handelte es sich um die Anzeige eines in völlig natürlicher Weise eintretenden harmlosen Ereignisses …

Und Bruder Hubertus? drängte Bonaventura, jetzt schon im Gehen … Vermochte der nicht sonst so viel über ihn?

Auch das ist ein Mitglied unsers Klosters, erwiderte der Provinzial, im Gehen verbindlich die linke Seite nehmend, mit dem wir viel Geduld haben müssen! Er war in Angelegenheiten einer Erbschaft, die er machte, verreist …

Bonaventura trug als Beichtpriester eine solche Last von Thatsachen in seinem Gedächtniß, daß er nach einem Verhältniß fragte, das er doch schon öfters, von Benno sowol wie von Hammaker, fast vollständig erfahren hatte … Er fand sich allmählich zurecht und unterbrach die Erläuterungen des Provinzials:

Ganz recht! Ich weiß! Er wird das von einer Ermordeten geerbte Geld dem Kloster geben …

212 Doch nicht! war des Provinzials verdrießliche Antwort. Dieser Hubertus hat wunderliche Seiten. Im Vertrauen gesagt, er hat einen etwas dunkeln Ursprung. Man sagt geradezu: Seine Angehörigen sind auf dem Richtplatz gestorben! An einem Tage, wo eine Gaunerbande, zu der er als Knabe gehören mußte, aufgehoben, das Haus, in dem sie sich vertheidigte, genommen und angezündet wurde, soll unser Bruder – sagt man, und sei es auch unter uns, Herr Domherr! – zwei Stock hoch aus dem Fenster gesprungen sein, in jedem Arm mit einem Kinde … Glücklich kam er mit den beiden Kindern zur Erde nieder, entrann den Flammen, entrann der Verfolgung, machte einen abenteuerlichen Lebenslauf, wurde ein an sich ganz vortrefflicher Mensch, exemplarisch in seiner Aufführung, nur störende Seltsamkeiten hat er. Als Jäger des Kronsyndikus erlebte er einen bittern Verdruß und wurde deshalb Mönch. Mancherlei leistete er schon unter Pater Henricus, meinem Vorgänger. Jetzt hat er sich in den Kopf gesetzt, die zwanzigtausend Thaler, die er von jener Frau Buschbeck – sie nannte sich schon nach seinem Namen, während sie doch nur eine gewisse von Gülpen und seine Verlobte war – ererbte, wenn irgendmöglich, dazu anzuwenden, sie den beiden Kindern zukommen zu lassen, die er einst aus dem Feuer rettete, falls sie sich entdecken ließen. Sie waren ihm, nachdem er sie im stillen erzogen hatte, abgenommen worden. Jetzt correspondirt er nach Holland, Frankreich, Italien, um ihre Spur zu finden. Ich schrieb nach Rom, ob ich ihm auf ein Jahr die Erlaubniß ertheilen kann, scheinbar in irgendeinem andern Auftrage in die Welt hinauszuwandern. Bis die Antwort da ist, 213 gestattete ich ihm vorläufig auf eigene Verantwortung die Reise nach Holland, von der er jetzt zurückgekommen.

Unter diesen Mittheilungen waren beide, in der Ferne wieder von dem leise singenden Ivo verfolgt, an die kleine Thür gekommen, die den verborgeneren Eingang zur Kirche bildete.

Hier stand Bonaventura’s Wagen …

Mit einem Abschied, den der Provinzial nahm, als wenn ein Offizier von seinen untergebenen Mannschaften einem andern hohen Militär eine einfache conversationelle Mittheilung gemacht hätte, bestieg Bonaventura seinen Wagen … Ein Bedienter in Trauerlivree war vom Präsidenten für den Stiefsohn des Hauses zurückgelassen worden … So fuhr Bonaventura in schon heraufgezogener Dämmerung von dannen.

O ihr Klöster, seid ihr denn Zufluchtsstätten des Friedens und der reinen Menschenliebe?! …

So tönte es in allseitig schmerzlichster Betrachtung durch Bonaventura’s Inneres, als er in die schon dunkelnde Ferne hinausfuhr, hin- und hergeschleudert auf den Furchen der Feldwege, die zurückzulegen waren, um in kürzerer Frist auf Schloß Westerhof zurückzukommen, wohin der Kutscher ihn glaubte fahren zu müssen …

Erst nach einer Stunde, während durch sein Herz alle schrillen Accorde des Zweifels, alle klagenden der Wehmuth zogen, entdeckte er in der allmählich ganz hereingebrochenen Nacht die Absicht des Kutschers, klopfte ihm und befahl die Richtung zu nehmen nach Sanct-Libori ins Pfarrhaus … Wie sollte er Frieden bringen in die stille Abendgemeinschaft des Schlosses! Wie den schrecklichen 214 Ruf nicht verrathen, der immer noch wie ein: Zu Hülfe! an sein Ohr tönte –! Ein anderer Ton schloß sich an, ein hochfeierlicher, wie am Tage des Gerichts einst die Lüfte Stimmen tragen werden … jenes Wort, das ihm einst der Onkel in Kocher am Fall gesprochen an dem schönen goldenen Sommermorgen: „Wenn ich mich zuweilen in unserer katholischen Welt umsehe, ist’s mir doch, als sähe ich in alten Verließen die Gebeine der Geopferten modern.“

Und bei alledem schwatzte nun schon Norbert Müllenhoff wieder, daß er den Ankommenden mit Sehnsucht erwartet hätte, bot Pfeifen, Cigarren, Vesperbrot, Unterhaltung durch Zeitungen, Broschüren, durch seine eigene werthe Person, und legte ihm zuletzt sogar „mit Schüchternheit“ einen Versuch vor, wie die „Exercitien“ der Frau von Sicking zu organisiren wären … Von dem an seiner Thür heute früh ausgestellten Wachskindchen schwieg er wohlweislich, weil er nichts verrathen mochte von einer Gegnerschaft, die in der Gemeinde mehr seine Person als sein System traf.

Bonaventura, erschöpft, geduldig an sich schon, nahm das Papier, um es in Muße durchzulesen. Er blieb eine Stunde auf seinem Zimmer. Um sich zu sammeln, schrieb er Briefe, las Rechnungen, zerstreute sich mit Zeitungen … Zuletzt bereute er, doch nicht nach Westerhof gefahren zu sein … Selbst für Thiebold’s schwaches Klavierspiel wäre er jetzt dankbar gewesen …

Beim gemeinschaftlichen Abendimbiß, den er nicht ablehnen konnte, mußte er dem Wirth, der fast immer allein das Wort führte, auf alle Gebiete der Seelsorge und 215 Liturgik folgen, ihm sogar in manchem Recht geben. So z. B. als er gegen die Einmischung der Dilettantenmusik in den Cultus sprach und sagte:

Ueberhaupt, Herr Domherr, wenn ich höre, die Stiftsdamen von Heiligenkreuz wollen nächste Ostern wieder in der Messe mitsingen, da weht mich schon ein Grauen an! O diese Eitelkeit! Diese Eifersucht! Diese Prätension! Jenes Fräulein will ein Solo singen, diese alte Comtesse nicht minder, nun kommt der Singdirector aus Witoborn und bringt mir diese Botschaft und jene; die eine ist heiser, die andere hat sich krank geärgert; gerade wie bei der Komödie! Und was spielt das Altarsakrament dabei für eine Rolle! Wie die Affen müssen wir stehen und warten, bis die Damen nur auf dem Chore einzufallen die Gnade haben! Sursum corda! ruf’ ich und diese Weibsen halten mir kein Stichwort! Hat sich bei einer die Spitzenmantille verschoben, so kann die heilige Wandlung warten, bis der Schaden wiederhergestellt ist! Da bin ich für unsere einfachen Kapelljungen! Sagen Sie selbst, das ist doch frisch, ländlich, geht zu Herzen. Freilich muß auch da so ein Heidenkerl, so ein Cantor, nicht dabei sein und wunder thun, als wenn unser Herrgott im Himmel zunächst nur für die Unterbringung der Instrumentalmusik zu sorgen hat!

Bonaventura mußte des Eiferers lächeln, der in manchem Recht hatte, wenn er auch die neurömische Reaction wie einen Landsturm organisirt haben wollte …

Mir ganz recht, sagte Müllenhoff, wenn wir, wie in Frankreich und Belgien, nun recht bald endlich auch die Jesuiten kriegen! Sie brauchen ja nur manchmal zu 216 kommen, manchmal zu predigen und können dann immer wieder abziehen. Die Pfarrer hätten keinen Nutzen davon, sagen unsere aufgeklärten und faulen Collegen? Im Gegentheil! Die Jesuiten lassen durch ihre Predigten so viel Schrecken zurück, daß uns das auf Monate lang zugute kommt. Machen sie’s zu arg, so können wir Pfarrer immer sagen: Seht ihr, so fegen euch andere; seid froh, daß ihr an uns so sanfte Flederwische habt! … Sie waren ja auch früher Pfarrer auf dem Lande? setzte Müllenhoff hinzu und schenkte wacker ein …

Gewiß, gewiß! antwortete Bonaventura zerstreut und deckte sein Glas mit der Hand …

Müllenhoff erzählte seine Verhandlung mit den Gemeindevorständen, seine Reform des Finkenhofs, seine Stiftung des Jünglings- und Jungfrauenbundes, seine Gewohnheiten beim Beichthören, seine Uebungen im richtigen Rosenkranzsprechen und seine Heilung der „Kniesteifigkeit“ …

Bonaventura’s Lächeln und Schweigen nahm er für volle Zustimmung und beklagte nur, daß, „im Vertrauen gesagt“, ihn der Umgang mit den vielen Vornehmen oft in ärgste Verlegenheit setze … Aufrichtig gesagt, warf er halb ernst, halb im Scherz ein, obgleich ich heute den Tanz zur tiefsten Hölle gewünscht habe, so sollten wir doch – im Seminar wirklich etwas tanzen lernen! Blos des Anstands und einer gewissen Manier wegen!

Die Jesuiten lehren’s ja! sagte Bonaventura … Aber wie wollen Sie dann nur, fuhr er fort, bei solcher Scheu die Exercitien halten mit so vielen vornehmen Herrschaften? Ueberhaupt, wie denken Sie sich denn diese Uebungen?

217 Die Exercitien dauern vier Wochen! sagte Müllenhoff. Die Herrschaften, einige zwanzig, wohnen für die Zeit alle bei Frau von Sicking! Jeder Tag hat seine bestimmte Regel! Alle geistlichen Handlungen und Erweckungen kann ich allein nicht verrichten; Sie werden auf dem Papier, das ich Ihnen gab, finden, wie ich mindestens noch drei bis vier Priester als Aushülfe hinzunehmen muß … Ich nehme sie mir aus Witoborn. Manche Rücksichten muß ich freilich dabei beobachten. Dem Provinzial von den Franciscanern darf ich die Ehre einen Vortrag zu halten nicht entziehen, sogar ein Gebet zum Schluß muß ich mir vom Bischof selbst erbitten. Mir, auf dessen Sprengel die ganze Veranstaltung fällt und der ich dadurch das Recht habe, die Sache zu leiten und zu beobachten und mir dies Recht auch nicht nehmen lasse, mir behalt’ ich die Montags- und Donnerstagserweckungen vor. Apropos! Ich habe mir eine methodische Schilderung des Fegfeuers, der Hölle und des Paradieses vorgenommen … Eine zeitgemäße und moderne Hölle …

„Und nun, du beneidenswerther Verdammter, wird ein Sendbote Lucifer’s dir entgegentreten“, sprach Müllenhoff sogleich aus dem Kopfe, während Bonaventura, seinem Ohr nicht trauend, noch mit dem Lachreiz kämpfte … „im glühenden Widerschein der Majestät Seines Herrn und wird dir die «Stunden der Andacht» zeigen, die du in den Zeiten deiner Denkglaubigkeit das Buch der Bücher nanntest! Hast du auf Erden geglaubt“ – Der Sprecher stockte, zog ein Concept aus der Rocktasche und las dem Gaste, der nicht wußte, wie ihm geschah:

„Hast du auf Erden geglaubt, im Schatten einer 218 Laube, von Bienen umschwärmt, unter dem Duft von Hollunderblüten dich vor dem wahren Hochaltar und dem Sanctissimum deines Schöpfers zu befinden, besonders wenn du dazu noch aus diesem deinem Buch der Bücher ein Kapitel über die Unsterblichkeit der Seele gelesen hattest, und gingst dann hin und begossest deine Blumen, etwa wie wenn du selbst ein solches Lob deines Schöpfers wärest, aber kein anderes heiliges Naß brauchtest, als deinen sentimentalen «Thautropfen», keinen andern Kelch, als die Gießkanne deiner angebeteten «Natur» – dann, dann, du beweinenswerther Denkglaubiger, sollst du, umschwärmt von feurigen Hornissen, dein geliebtes Buch, die «Stunden der Andacht» wiederfinden als «Jahrhunderte der Qual», sollst sie auswendig lernen rück- und vorwärts, sollst sie in alle Sprachen übersetzen, selbst in die, die du nicht gelernt hast, und wehe dir, wenn ein Jota fehlt, wenn von dir ein Zeitwort falsch angewendet, eine Feinheit fremder Sprachen unbeachtet geblieben ist!“ …

Das ist ja mehr, als Nero und Busiris! rief Bonaventura in die Hände schlagend …

„Da kommen sie denn“, fuhr Müllenhoff ungehindert fort, „diese Schmachtenden, diese Zärtlichen, die über einen Käfer weinen konnten, den ihr Fuß im Grase zertrat, und keinen Blick, geschweige eine Thräne dafür hatten, wenn sie stündlich ihren Gott, ihren Heiland und seine Gebote mit Füßen traten! Jene Schmachtenden, die ein Marienwürmchen liebkosen und bewundern können und Maria selbst nur für eine ganz gewöhnliche Mutter wie andere auch halten! Jene Empfindsamen, die mit 219 Freimaurermoral alle Todsünden zuflicken, alle Risse der Herzen mit phrasenhaftem Kalk und Mörtel zu verschmieren wissen! Ihre ruchlosen Devisen: «Thue recht und scheue niemand!» oder «Wir glauben all’ an Einen Gott!» die werden mit Flammenschrift an dem Vorhof desjenigen Theiles der Hölle stehen, der gerade diesen Patent-Seelen extra bestimmt ist! Riesengroß werden die Buchstaben sein, die die Teufel mit dreizinkigen Gabeln schüren müssen, damit sie ganz so brennen, wie sie im Munde dieser Freimaurer lebten und nicht etwa lauten: «Thue recht und scheue dennoch Gott und seine Heiligen!» oder: «Es ist nur Ein Gott, in dem allein das wahre Heil!» O, des Jammerns dann, wenn diese Freimaurerseelen zu dem Gekreuzigten, dessen einflußreiche Stellung bei Gott sie nun wol erkannt haben werden, aufblicken und auch vor diesem dann um Titel, Orden und Beförderungen schmachten, aber der feurige Osiris mit dem Ochsenkopf ihnen nachläuft, sie zu umarmen als seine ägyptischen Brüder. Oder wenn ihre Logenschwester Isis, die holde Mutter Natur, ihre gnadenreiche Allerseligste, ihnen zuruft: Hebt meinen bekannten Sais-Schleier! – und sie sehen dann ihre geliebte Mutter aus hundert Brüsten deren Wohlthaten spenden, feuerspeiende Berge, Erdbeben und daherbrausende, aus den Schienen gegangene Locomotiven! Alle ihre Mittler und Erlöser werden ihnen zuwinken mit den Wohlthaten, die diese spenden können – Buddha mit der Kunst, hundert Jahre auf einem Beine zu stehen, Sesostris mit Pyramiden, die erst auf ihren Leibern das sichere Fundament bekommen sollen! Selbst ihr letzter Prophet, Nathan der Weise, wird ihnen an-220bieten von den Waaren, die er gerade aus Damascus mitgebracht hat, vorzugsweise jenen Mantel mit dem rothen Templerkreuze, einen Mantel von Blei, so schwer, daß sie damit alle Greuel und Verbrechen zu tragen glauben sollen, die sie hienieden mit ihrem verschlissenen Humanitätsgarderobenstück der Liebe bemäntelt, beduldungelt und betoleranzelt haben“ …

Genug, genug! rief Bonaventura; ich fürchte mich vor meiner Nachtruhe! … Er deutete auf einen Wächter, der auch hier die zehnte Stunde abrief, und entfernte sich mit einem einfachen, alle Hoffnungen des Pfarrers auf Zustimmung und Beifall ironisch abschneidenden: Gute Nacht! …

Jeden Morgen las Bonaventura die Messe. Bald in Sanct-Libori, bald in Heiligenkreuz, bald auf dem Schlosse. Dann besuchte er auch wol die Schule, war viel in Witoborn, wo ihm die schuldige Rücksicht gebot, diese oder jene hervorragende Persönlichkeit zu besuchen. Beichtabnahmen hielt er nicht, so sehr auch mancher danach Verlangen trug.

Als er am folgenden Morgen nach Heiligenkreuz gegangen war, wo vor den Stiftsdamen von ihm die Messe gelesen werden sollte, fand er, als die heilige Handlung vorüber und er schon im Begriff stand, sich in der Sakristei zu entkleiden, Thiebold, der ihm die gestrigen Erlebnisse schildern wollte, soweit sie die ihm in der Beichte von Bonaventura vorgeschriebene Pflicht betrafen …

Thiebold hatte vorausgesetzt, daß er dem Domherrn diese Mittheilungen in der entsprechenden seelsorglichen 221 Form zu machen hätte, und suchte ihn deshalb im Meßornate auf. Schon sehr zeitig mußte er mit seinem Einspänner aus Witoborn ausgefahren sein.

Der Cantor fungirte für den alten Tübbicke, dem diese Frühwege schon auch sonst zu beschwerlich wurden …

Auf eine Weisung, die der Cantor erhielt, beide allein zu lassen, begann Thiebold die Mittheilung all des Räthselhaften, das ihm Armgart gestern in der Kapelle angedeutet hatte, und wollte hören, ob nun doch noch eine Verpflichtung bestünde, seinem Freunde Benno die „stattgefundene Täuschung“ mitzutheilen …

Bonaventura erwiderte nach ernstem Sinnen über die Worte Armgart’s:

Ich glaube, lieber Herr de Jonge, daß Sie jetzt besser thun, diesen Gegenstand fallen zu lassen. Ziehen Sie vor, Ihren Fehler durch desto innigere Beweise der Freundschaft für unsern guten Benno wieder gut zu machen! Armgart will nicht, daß Benno etwas von ihren frühern Empfindungen erfährt? Dann um so besser, wenn ihn die gegenwärtigen des jungen Mädchens nicht enttäuschen. Zu jung und unklar noch in sich selbst scheint sie mir zu sein, als daß ihr Herz schon in dem Grade für irgendjemand sollte entschieden haben, um etwas auf die Beweise ihrer Gunst zu bauen. Ein Mädchenherz in diesem Alter ist eine unbekannte Insel, die der Seefahrer mit Zagen betritt, ungewiß, was sie birgt; bald hoffend, bald getäuscht geht er vorwärts, bei jedem Schritt entdeckt er Unerwartetes und findet sich erst nach langer Zeit in ihm zurecht. Zunächst wird das Wiedersehen ihrer Aeltern sie ganz in Beschlag 222 nehmen. Ich höre, daß beide sich bald in dieser Gegend einstellen werden …

Der Oberst wenigstens! fiel Thiebold ein. Ich weiß es für bestimmt von Hedemann … Er kann in acht bis vierzehn Tagen hier sein. Schon liegt Hedemann’s Gesuch an die städtische Behörde von Witoborn vor, vorläufig die Wasserkraft der Witobach auf Handpapier gehen zu lassen … Die Aufregung, die in der Stadt dieser Antrag hervorgebracht hat, ist ridicül … Alles intriguirt dagegen … In der heiligen Stadt Witoborn Papier fabriziren! Eine Erfindung des Satans fördern! … Entschuldigen Sie, Herr Domherr, ich erzähle nur, was ich von Benno und von Offizieren „Bei Tangermanns“ gehört habe …

Bonaventura begriff, was sich von einem so dumpfen Geiste, wie er ihn hier überall vorfand, voraussetzen ließ, und fügte hinzu:

Aber auch Frau von Hülleshoven hat die Absicht, ihren Gatten nicht allein sich in die Lage versetzen zu sehen, Armgart so nahe zu kommen. An dem Tage, wo der Oberst in Witoborn eintrifft, ist sie hier im Stifte, wo sie eine Verwandte der Aebtissin der Hospitaliterinnen in Wien, ein Fräulein von Tüngel-Appelhülsen, aufzunehmen versprochen hat … Verrathen Sie jedoch nichts davon! Sie kennen Armgart’s Phantasie –

Ihr Gelübde! Die Aeltern sollen sich vereinigen oder niemand gewinnt sie …

Bonaventura schüttelte den Kopf … Noch immer die Grille, die er schon aus den in Kocher am Fall gelesenen Briefen kannte …

223 Thiebold versprach auf viel mehr, als „nur auf Ehre“ sein unverbrüchlichstes Schweigen über die von zwei Seiten auf Armgart anrückende Prüfung und bot dann dem Domherrn seinen Einspänner an. Er wollte noch im Stifte bleiben und bei den Damen Besuche machen. Er erklärte, dann zu Fuß nach Westerhof zu gehen, wo er wie fast täglich zu Mittag speiste. Tante Benigna hatte ihn von dem Frühboten, der jeden Morgen in die Stadt geschickt wurde, schon wieder einladen lassen, ihn, nicht Benno. „Wir sind es Terschka schuldig“, sagte sie zum Onkel Levinus, der gegen die steten Zurücksetzungen Benno’s bescheidene Bedenken erhob, „daß wir auf den Bevollmächtigten Nück’s keinen zu großen Werth legen.“

Bonaventura mußte den Vorstellungen Thiebold’s nachgeben, schon aus Rücksicht auf den Gaul, der hier bis Mittag hätte im Freien zubringen müssen; Thiebold war im Stifte so beliebt, daß er bei einem Morgenbesuch leicht in die Lage kam, gleich zu Mittag, nicht selten zum Nachtessen zu bleiben … Es war eben Thiebold’s Talent, alle Menschen zu gewinnen … Er wußte nicht nur einige Dutzend Pfänderspiele, sondern ließ auch Garn und Seide auf sich abwickeln … Dabei seine bequeme Prätensionslosigkeit in Bildungssachen! Er machte gar kein Hehl daraus, daß er bei weitem weniger wußte, als Alexander von Humboldt. Wenn eine von den Damen dichtete (und es waren nur fünf oder sechs darunter, die nicht etwa eine Ausnahme machten, sondern ihr Dichten nur nicht eingestanden), so bewunderte er jeden Vers, jedes Bild, hatte nie dergleichen gehört oder gelesen und war ein Zuhörer so voll 224 Aufmerksamkeit, daß er schon eine ganze Sammlung von Liedern im Portefeuille beisammen hatte, die sein Freund Joseph Moppes componiren und Aloys Effingh mit Illustrationen versehen sollte.

Flüchtig noch erfuhr Bonaventura von Thiebold die wiedergekehrte Visionsgabe Paula’s und von dem witoborner Kutscher die Genesung der kleinen Tochter des Herrn Jean Tübbicke durch einen Rosenkranz, den sie gestern gesegnet hatte … Im Pfarrhause fand Bonaventura die Bestätigung. Der alte Tübbicke empfing ihn mit freudestrahlendem Antlitz. Die kleine Fanchon lag nach Aller Meinung im Sterben, als der Großvater mit dem Amulet kam. Man legte es dem athemlosen, fieberglühenden Kinde um den Hals; es stellte sich Schweiß ein, das Fieber ließ nach und schon berichtete der maître-tailleur Jean Tübbicke, der im Pfarrhaus selbst zugegen war, von einer vortrefflichen und stärkenden Nacht. Herr Jean Tübbicke kam, um beim Pfarrer aufs entschiedenste gegen den Verdacht zu opponiren, daß es Tante Schmeling wäre, die an seiner Thürschwelle Kinder aussetzte. Es kam zu einem heftigen Auftritt. Müllenhoff entließ ihn mit den Worten: „Affenschänderisches Volk! Grützköpfige Dummheit, wenn du nun gar noch ausländische Bettelpfennige für holländische Dukaten nimmst! Lallst deine edle deutsche Muttersprache halb schon nur, wie ein blökendes Kalb, und willst noch auf Zeisigart französisch zwitschern und niedlich thun mit Elefantenbeinen? Ei, daß dir doch über Nacht die Engel vom Himmel dein maître-tailleur-Schild vom Fenster nähmen! Siehst du denn nicht, was ein altchristliches 225 Gebet für Gnade im Gefolge hat? Gehst du nicht endlich in dich, Gütertheiler, so hängt in dem Schild noch das Bret zum Sarge deiner Fanchon über deinem Hause!“

Schlimm, schlimm, schlimm! brummte nur immer im Gehen vor sich hin der alte Tübbicke, enträthselte dem Domherrn den Zusammenhang dieses Zanks und kam auf die Gräfin und seinen zunächst Gott, dann ihr darzubringenden Dank zurück …

Bonaventura litt unter allen diesen Mittheilungen … Auch Thiebold’s Erzählung von der Vision der Schlafenden bewies, daß Paula’s ekstatische Zustände doch wieder zurückkehrten. Noch hatte er keinem derselben seit ihrem Wiedersehen beigewohnt … Mit bangem Herzen eilte er nach Westerhof. Einen vollen, vollen Tag hatte er ohne Paula sein können! … Der scharfe Wind erfrischte seine Wange. Die kahlen Pappeln, Buchen und Erlen am Wege ächzten … Er drückte den Hut auf die Stirn. Seinen warmgefütterten Winterrock fest an sich ziehend, schritt er sehnsuchtbeflügelt dahin … Da lagen – nach einer kleinen Stunde – die vier Thürme des Schlosses! Weißschimmernd der graue Schiefer an den Stellen, wo der Wind den Schnee abgetrieben! Hinter den Fenstern dort oben das süße Mysterium, wo Frauen von zarter Sitte und holder Anmuth wohnen! Gar nicht gedenken konnte er, wie ihm Paula’s Dasein doch nur so war, wie dem Baume sein Blatt kommt und geht und wiederkehrt und wieder schwindet, immer ein anderes ist und doch dasselbe, tausendfach immer nur Eines, Wirklichkeit und doch nur ein 226 Begriff. Wäre das edle Gemälde der Gräfin nicht wie auf Goldgrund gemalt gewesen – er wäre vielleicht verloren gewesen. Irgendeine einzelne Schalkhaftigkeit, wie sie Armgart besaß, irgendeine lächelnde Caprice, wie Lucinde, und der Erscheinung Paula’s wäre jene Leibhaftigkeit verliehen gewesen, die herausfordert. Ihm aber war sie so wie Andern; auffallend mußte erscheinen, daß die auch jetzt doch noch so reiche Erbin nicht von Freiern umgeben wurde, Paula konnte sich nur entweder selbst verschenken oder sie mußte verschenkt werden; ein Werben um sie, ein sie Liebenmüssen oder Liebenwollen schien bei einer so geistig vornehmen Natur kaum aufzukommen.

Vor dem Schlosse fand Bonaventura, wie um diese Zeit fast immer, eine Anzahl Wagen. Zu den vielen Rücksichten der Etikette gesellte sich die hier stets genährte Neugier und dann war gestern beim Leichenbegängniß so vieles vorgefallen, worüber man seine Gedanken austauschen mußte; ja auch die neue Kunde war schon überall hinausgegangen, die Gräfin hätte das Leichenbegängniß selbst gesehen und ein von ihrem Leib genommener Rosenkranz hätte ein Kind in Witoborn vom Tode gerettet. Auf den Treppenstufen sah Bonaventura wieder die Zahl der Gichtbrüchigen und Blinden und Hülfsbedürftigen wie sonst …

Armgart kam ihm auf der Treppe entgegen und theilte den Harrenden Amulete aus, die Paula berührt hatte. Diejenigen unter seinen Arzneien, deren Heilkraft verbürgt ist, kann der Apotheker nicht mit größerer Zuversicht verabfolgen, als hier Armgart, nicht einmal mit Verlegenheit 227 vor Bonaventura niederblickend, eine Anzahl kleiner Kissen austheilte, deren sie und die Stiftsdamen tagein tagaus eine Anzahl verfertigten. Diese Kissen waren fingerlang, fingerdick, von weißer Seide, innen mit Baumwolle gefüttert, von außen bildeten lose und weite Stiche ein rothseidenes Kreuz … Paula berührte sie nur und sie sollten heilen. Armgart theilte diese Kissen aus mit einer Zuversicht, als müßte sie jeden Zweifel daran für teuflisch erklären … O gut, rief sie dazwischen dem Domherrn entgegen, daß Sie kommen! Paula schlummert! Reden Sie mit ihr! Alles steht erwartungsvoll! Sie spricht wie gestern! Aber da sie niemand zu fragen wagt, antwortet sie nicht zusammenhängend! Der Onkel verbietet es andern! Sie, Sie, Domherr, Sie könnten endlich ein Machtwort sprechen! …

Bonaventura stand voll Zagen …

Als Armgart die Leidenden entlassen hatte, ergriff sie Bonaventura’s Hände, von denen die eine, schon während des Beobachtens der Scene des Austheilens der Kissen, ihres Handschuhs sich entledigt hatte. Halten Sie doch die Leiter, auf der Paula gen Himmel steigt! sagte sie, beide Hände ergreifend. Warum thun Sie’s nur nicht! Alles sehnt sich danach und niemand mehr als Paula selbst! Oder gab es keine heilige Theresia, sah Franz von Assisi nicht den Himmel offen? Nicht die heilige Brigitta? Erleuchtete Gott nicht Katharina von Genua und nun erst gar die von Siena? Hören Sie, was Paula redet und fragen Sie dann selbst!

Was soll ich fragen! sprach Bonaventura wie gefangen … Alles wurde still umher … Herrschaften und 228 Diener waren in den innern Gemächern und standen ohne Zweifel um Paula’s Lager … Armgart hielt fort und fort seine Hände …

Eine Handbewegung nur von Ihnen! Diese weiße Hand auf ihr Herz gelegt! Eine sanfte Frage nur von Ihrem Munde! O kommen Sie!

Armgart! – lehnte Bonaventura, voll Mismuth ohnehin gegen Armgart, ab; Armgart küßte ihm jetzt selbst seine Hand …

Fragen Sie nach meinem Vater! Nach meiner Mutter! Ob es wahr ist, daß sie jede Stunde hier eintreffen können! Fragen Sie, ob die Zukunft uns alle, alle – unglücklich macht!

Bonaventura blickte finster. Er hörte zwar im Geist die Worte des Herrn, der durch Prophetenmund, Joel 2, 28.29 spricht: „Es wird geschehen in den letzten Tagen, spricht der Herr, da will ich von meinem Geist über alles Fleisch ausgießen. Und euere Söhne und Töchter werden weissagen, euere Jünglinge werden Gesichte schauen und euern Aeltesten werden Traumgesichte erscheinen. Ja auch über meine Knechte und Mägde will ich in jenen Tagen von meinem Geiste ausgießen und sie werden weissagen“ … Dennoch wollte er mit der Hand über Armgart’s Stirn streichen und ihr sagen: „Mädchen, laß doch nur treu und wahrhaft dein eignes Herz reden und du hast deine Zukunft gewiß!“

Nun aber ergriff Armgart blitzesschnell einen Ring an des Zögernden Hand … Es war der Trauring seiner Mutter, jener, den der Onkel Dechant in dem Leichenhause des Sanct-Bernhard gefunden hatte, jener Ring, der als Er-229kennungsmittel vor dem entstellten Körper seines Vaters gelegen, derselbe Ring, von dem Bonaventura ähnlich wie Lucinde von Bickert’s Schrift, gesagt hatte: In ihm liegt die ganze Lebensfrage unserer Kirche! Und noch ehe er wußte, was geschehen, hatte Armgart den Ring schon ihm abgezogen und war mit ihrem Raube davongeeilt …

Sie eilte in den Vorsaal, dessen Thür sie offen ließ …

Bonaventura, bestürzt über ein Vorhaben, das er nicht sogleich begriff, folgte … Die wenigen Anwesenden, die aufgeregt in dem grünen Nebenzimmer standen, grüßend, wandte er sich Armgart zu, die mit ihrer Eroberung noch eine Weile sinnend vor dem Onkel Levinus stand, als wollte sie von diesem erst die Erlaubniß haben, Paula – mit dem Ringe zu magnetisiren … Dann aber, ohne seinen fragenden und zürnenden Blick zu erwidern, ging sie rasch durch die offen stehenden Thüren dem von der übrigen Zahl der Besucher schon umstandenen Schlummerlager Paula’s zu …

Es waren so viel Frauen zugegen, der Verkehr durch alle geöffneten Zimmer hindurch war so gehindert, daß Bonaventura’s Eintreten die Aufmerksamkeit nicht fand, wie sonst … Aller Augen waren auf Paula gerichtet … Auch einige geistliche Herren aus Witoborn waren zugegen und drangen in Bonaventura, den andern zu folgen … Mit einer Empfindung, als wären die Engel vom Himmel gegenwärtig, drängte sich alles dem Vorzimmer zu vor Paula’s Schlafgemach …

Hier lag sie auf dem Ruhesopha … Die Vorhänge 230 waren zurückgezogen; einige Stiftsdamen standen um sie her, Armgart knieete vor ihr und steckte eben leise, nur von Bonaventura beobachtet, seinen blinkenden Raub an den Ringfinger der linken Hand Paula’s … Teppiche milderten jedes Geräusch der Umstehenden …

Paula schien in der That Reden vor sich hin zu murmeln …

O das ist schön! sagte sie endlich vernehmbarer und ihr fieberhaft angehauchtes Antlitz begann zu lächeln. Sie schien die Annäherung eines magnetischen Rapportes zu fühlen, ja schien sie wie eine geistige Nahrung einzusaugen …

Wie wird es so licht und so hell jetzt! … sagte sie plötzlich lauter und wie begeistert. Von der Sonne! … Alles! Alles! … Auch ihr Leib ist Licht! … Die Lichttropfen gleiten ihr aus den Fingern!

Wem? fragten einige. Auch Bonaventura mit wehmuthumschleierten Augen …

Onkel Levinus erläuterte mit gedämpfter Stimme und trotz der Gewöhnung an diese Erlebnisse doch erzitternd:

Das wird der Hochschlaf! Immer, wenn sie den höhern Grad des Hellsehens erreicht, spricht sie von sich selbst als von einer dritten Person! Es ist dann, als schritte ihr Geist aus dem Körper heraus, sodaß sie sich selbst sieht. Das Tröpfeln aus den Fingerspitzen ist der Anfang …

Tante Benigna bemerkte jetzt den Ring an Paula’s Finger, wagte aber keine Frage oder Einsprache zu thun und bangte nur, wie alle …

231 Paula schwieg eine Weile, als wartete sie das Entgleiten des elektrischen Fluidums aus ihren Fingerspitzen oder die weitere Annäherung Bonaventura’s ab …

Auch Terschka trat inzwischen zu den ängstlich Harrenden … er grüßte Bonaventura und die, die er heute noch nicht gesehen hatte …

Wie ist das so schön! fuhr Paula in kurzen Sätzen fort… Ach, die herrlichen Blumen! … Rosen um dunkle Cypressen! … Die gehen ja hoch hinauf bis ins grüne Laub! … An den Blättern zittern Thautropfen, die die Sonne bescheint! … Die sanfte Datura! … Die stolze Magnolika! …

Der Onkel schaltete bedeutsam ein:

Die absolute Wesenheit der Dinge! Erst kommt sie durch Blumen, dann durch bunte Ringe und Kreise! Es ist zuletzt die Welt des reinen Seins ohne Zeit und ohne Raum …

Paula fuhr jedoch im Gegentheil fort:

Ein herrliches Schloß! … Mit einer Fahne auf dem Thurm! … Wald und Berg! … Immer hört sie ein Glöcklein, das nicht aufhören will! …

Onkel Levinus sah sich um und deutete mit stummem Blick nach oben. Er wollte sagen: Sie hört die Harmonie der Sphären …

Hirten kommen aus den Thälern, fuhr Paula fort, und steigen zum grünen Wald hinauf! … Wie in der Kirche ist’s unter den Bäumen! … Die Bäume werfen so lange Schatten! So lange! … Vor großen Kirchenfenstern schimmern so die grünseidenen Vorhänge! …

Onkel Levinus lächelte die Geistlichen und die Da-232men an, als wollte er sagen: Die langen grünen Schatten sind die Urbilder der Dinge! Die ewigen Grundformen! … Und Tante Benigna bedauerte im stillen nur die Abwesenheit Püttmeyer’s … Auch Thiebold’s, der zum Essen kommen sollte und durch die anwesenden Stiftsdamen abgesagt worden war, weil er heute wieder, wie so oft, dort zurückbehalten wurde zum Vierhändigspielen mit mindestens drei bis vier der Stiftsfräulein die Reihe herum …

Und Armgart, die noch immer knieete, wandte ihren Kopf mit einem Bitteblick auf Bonaventura und langte mit dem Arme, als sollte er näher treten, Paula magnetisiren und sie ausdrücklich um ihre Anschauungen befragen …

Bonaventura stand in scheuer, schmerzlicher Befangenheit …

Paula aber that dem Onkel Levinus heute nicht den Gefallen, bei dem reinen Sein der Dinge zu bleiben, sondern fuhr fort:

Bienenstöcke sieht sie zwischen den mächtigen Bäumen! … Das sind Kastanienbäume! … Sie kennt sie! … Die blühen schon! Die rothen Pyramiden! Und die Mandelbäume, die blühten gar schon ab! … Die Bienen umschwärmen sie! … Und immer, immer läutet die Glocke … Nun sucht sie die Glocke … sie hängt ja an einem Ast der Bäume, dicht vor der Hütte von Moos! …

Onkel Levinus schien betroffen, daß sich in der Sphäre des reinen Siderismus heute soviel tellurische Ueberbleibsel finden sollten …

233 Es ist ja fast – wie in – Italien! … bemerkte inzwischen Terschka …

Italien! … Dies Wort genügte den Damen im Grunde noch mehr, als das reine Sein … Was führte die Seherin nach Italien? … Paula konnte mit irdischen Augen bis nach Italien sehen? …

Die Messe liest er nicht! … sprach Paula nach einer Weile, während alles lauschte und Onkel Levinus noch immer nicht an eine Versetzung der Anschauungen Paula’s nach Italien, sondern nur ins Geisterreich selbst glaubte … Mit ganz lauter und bestimmter Anrede fragte er die Schlummernde jetzt: Wer? …

Der Eremit! antwortete Paula …

Sieht sie denn einen Eremiten? fuhr der Onkel fort, mit scharfer Betonung, etwa in der Art, wie ein Arzt mit einem Typhuskranken spricht …

Mit weißem Bart! antwortete Paula kindlichsten Gehorsams … Ein heiliger Gesang wallt herauf … Sie tragen Fahnen –

Es ist eine Procession! wagte sogar ein Kanonikus aus Witoborn jetzt laut zu äußern. Vielleicht war auch er geneigt, eher an die Sphäre des reinen Seins, als an Italien zu glauben und in der Procession einen Beweis für die Rechtgläubigkeit des Himmels zu finden …

Sie sieht keine Bilder, keine Fahnen … antwortete Paula … Sie kommen in der Hand mit Büchern … Größer sind sie als die Breviere … viel größer …

Triumphirend blickte der Onkel um sich. Die Geistlichen und die Frauen erhielten wieder einen Anhalt für das Jenseits; denn ohne Zweifel waren diese großen 234 Bücher, wenn nicht die Gesetzestafeln des Moses selbst, doch Schriften der Kirchenväter oder Missalien, die Paula in den Händen der rechtgläubigen, geisterhaften Gestalten sah …

Sie lesen in den Büchern! … fuhr die Schlafende fort … Der Mann mit weißem Barte erklärt sie … „Gott ist ein Geist“, spricht er, „und die ihn anbeten, müssen ihn im Geist und in der Wahrheit anbeten!“ Die sanfte Stimme! …

Bonaventura stand athemlos. Sein Blick fiel auf Terschka, der ihm voll Erstaunen zuflüsterte:

Ich glaube die Gegend zu kennen …

All die Blumen und die Käfer und die Bienen summen! … Wie grün ist das! … Smaragdgrün! Wie wenn in unserm Buchenpark die ersten Frühlingslauben sich wölben … Aber das sind nun Eichen! … Tief unten ist alles so milde, so weich und sanft …

Wer ist der Redner? fragte Onkel Levinus scharf …

Die Frauen erwarteten keine andere Antwort, als: Gott der Herr selbst!

Sie kennt ihn nicht! … sagte Paula …

Das Sprechen in der dritten Person hatte etwas Gespenstisches, das niemanden mehr bewegte als Bonaventura. Armgart’s fortgesetztes Bitten lehnte er mit der Hand ab. Doch kaum sah Armgart dies Vorstrecken seiner Hand, so erhob sich das phantastische Mädchen, ergriff sie und wollte ihn dem Lager näher ziehen …

Bonaventura machte nun in der That ein Kreuz über die ganze Länge der in schwarzer Seide gekleideten, in rüh-235render Halbbewußtlosigkeit daliegenden, fieberhaft angehauchten Gestalt der Gräfin und trat wieder zurück …

„Herr, wie so lange!“ sprach jetzt Paula mit erhöhter Kraft. „Auf, schlage ihn, denn das ist der Tag, an welchem der Herr hat übergeben deinen Feind in seine Hand!“ Die Hand auf das Buch hält er! … Hält es hoch empor! … „Siehe, der Winter ist vergangen, der Regen ist weg und dahin!“ „Der Odem Gottes weht über die Lande!“ … Sie kann jetzt nicht hören … Die Frauen weinen … Die Männer reichen sich die Hände … Jetzt – jetzt – Ein Kelch – geht – um …

Ein einziger Ton des Schreckens unterbrach Paula’s Vision … Ein Kelch geht um? Das mußte eine Versammlung von Ketzern sein! … Das war die gemeinsame Empfindung …

Sie trinken alle daraus! fuhr Paula mit Bestimmtheit fort …

Einige der Frauen, die sich gesetzt hatten, erhoben sich … Andere, die standen, mußten sich nach Sesseln umsehen. Die Geistlichen blickten fragend bald auf Bonaventura, bald auf den Onkel Levinus, der gewissermaßen für alle diese Dinge die Verantwortlichkeit zu übernehmen hatte …

Es ist, sagte Paula – nicht die Messe –

In Bonaventura’s Innerm war es, als fühlte er die Erde unter sich wanken … Paula sprach wie seine innersten Gedanken aus …

Das Buch ist die Bibel! sagte Paula …

Der Schrecken vermehrte sich …

236 Der schöne Pokal! … Von rothem Krystall! … Wie Blut? … Ja er sagt: „Noch wird es in Strömen fließen, bis deine Burg, o Herr, Zion, deine Zinne, erobert ist!“ … Er ergreift den Kelch … Die Hand ist so weiß … wie der Schnee der Alpen … dort oben …

Längst zitterte schon in Bonaventura die Erinnerung an den geheimnißvollen Brief, den er empfangen, die Einladung, einst unter den Eichen von Castellungo zu erscheinen, dort ein neues Martyrium anzutreten, das der verbesserten Kirche … Und wie dann Paula selbst ihre eigene schöne weiße Hand emporhielt und sein Ring, der Trauring seiner Mutter, zu aller Erstaunen an ihrem Ringfinger blitzte, konnte er sein Herz nicht länger bewältigen … Aller Anwesenden uneingedenk, entsetzt über die Vergleichung der weißen Hand mit dem Alpenschnee und wieder doch von der frohen Hoffnung neu beseelt, daß sein Vater nicht in die Abgründe der Lavinen stürzte, nicht in der schaudervollen Morgue des Sanct-Bernhard vermoderte, nicht auf dem Friedhof zu Sanct-Remy auf dem Wege nach Aosta begraben lag, wiederholte auch er die Frage:

Wer ist der Redner?

Da schwieg anfangs Paula … Dann aber, zum Zeichen, daß sie Bonaventura’s Stimme wohl erkannt hatte, sagte sie, und sagte das wie vor Ueberraschung wonnig belebt:

Du fragst sie?

Alle – des Du’s staunend – sahen auf Bonaventura …

Schon aber sprach Paula weiter:

237 Es ist kein Greis! Weiß ist sein Haar, schneeweiß, aber seine Haltung noch wacker … Wer es ist? … Er ähnelt – dir! …

Bonaventura zitterte … Armgart ergriff seinen Arm krampfhaft … doch überselig …

Paula fuhr fort:

Seine Hütte gefällt ihr … Drüben aber liegt das Schloß … Die Fahne hat ihre Farben … ihr Wappen …

Wessen? fragte Terschka mit nicht mehr zurückzuhaltender Spannung …

Paula schwieg jetzt … Der Ton dieser Stimme störte sie …

Onkel Levinus deutete auf die Schlummernde selbst und sagte mit dieser stummen Geberde, die Schloßfahne trüge die Farben der Dorste-Camphausen selbst …

Dann ist es Schloß Castellungo! sagte Terschka mit höchstem Erstaunen. Der Eremit ist ein Deutscher, namens Federigo! Ich kenne ihn! Eine religiöse Sekte, die von Comtesse Erdmuthe dort beschützt wird, hat sich jetzt, wie so oft, um ihn versammelt! Ich wäre begierig, ob in diesem Augenblick, wo allerdings dort in dem schönen piemontesischen Thale der Frühling schon in vollster Blüte steht, in der That eine der von ihr geschützten Gottesverehrungen stattfände! Erfahren kann ich das und werde mich darum bemühen …

Terschka näherte sich dem Ruhebett …

Paula aber betete jetzt … Sie sprach Worte, die minder auffallend klangen … Maria und die Heiligen fehlten nicht … Endlich schwieg sie ganz … Einen Reiz, sie noch aus ihrem beginnenden, nun wirklich na-238turgemäßen Schlummer wach zu rufen, konnte nur eine Grausamkeit unerlaubter Neugier sein. Die Tante winkte, daß Paula der Ruhe bedürfte …

Die Frauen gingen zuerst … Die Geistlichen folgten … Onkel Levinus begann von Gräfin Erdmuthe und ihren Reformen …

Terschka entzog sich zwar dem für seine Stellung bedenklichen Gespräch, blieb aber mit Armgart zurück, die ihn festhielt und sich von Castellungo erzählen ließ, über das eines Abends Benno und Thiebold so harmlos gesprochen hatten, dabei sogar Porzia’s gedenkend, als einer Schülerin des Bruders Federigo und vielleicht einer künftigen Gattin Hedemann’s. Die Möglichkeit, daß Paula nur eine Reproduction der Phantasie gegeben hatte, lag nahe. Nur bewunderte Terschka, wie richtig alles zutraf, und Armgart ihrerseits staunte und grübelte, warum gerade jetzt Paula auf diese Anschauung kam. Sinnend und den Trauring betrachtend, den sie wieder zur Zurückgabe an den Domherrn an sich genommen hatte, ließ sie sich Castellungo so genau schildern, daß Terschka am Fenster hinter den Gardinen bei ihr stehen bleiben und flüstern mußte … Sie kehrten lange nicht zu den Uebrigen zurück …

Und doch war inzwischen neuer Besuch gekommen … Wenn Bonaventura annehmen wollte, daß der Trauring seiner Mutter es war, der diese Kette von Anschauungen veranlaßt hatte, wenn er im Bruder Federigo sich seinen Vater denken, in der an ihn gerichteten lateinischen Einladung eine Andeutung des väterlichen Unwillens finden wollte über die Wahl seines Berufes und einen 239 Drang der Sehnsucht des väterlichen Herzens auf ein Wiedersehen, dem dann eine Erörterung über die Ehe als unauflösliches Sakrament der Kirche folgen mußte – so fehlte, um ihn in die höchste Verwirrung zu versetzen, nur das noch, was ihm jetzt geschah …

Der Regierungspräsident von Wittekind stand im grünen Zimmer und war eben erst angekommen …

Zuckte der Schmerz der gewissen Ueberzeugung in Bonaventura: Dein Vater lebt noch und entzog sich nur der Welt, weil unsere Kirche nicht scheidet – so stand er dem Manne gegenüber, der die Hand einer Frau besaß, die seine Mutter war und die vielleicht in Bigamie lebte … Noch mehr … Der Präsident sprach zum Onkel Levinus, zur Tante Benigna und zu Bonaventura zugleich gewandt:

Ich fürchtete ihre Aufregung und ließ drüben eines der geheizten Fremdenzimmer aufschließen … Gehen Sie zu ihr und begrüßen Sie sie lieber erst unter vier Augen!

Wen? konnte Bonaventura nicht mehr fragen; denn schon bestätigte der Präsident dem Ahnenden:

Ihre Mutter! Sie ist gestern Abend angekommen! Wir suchten Sie eben im Pfarrhause auf und hörten, daß Sie hier sind – Die Sehnsucht der vortrefflichen Frau kannte keine Grenzen mehr! Wir fuhren hieher! Sie verlangt nach Ihnen! Machen Sie sie glücklich!

Bonaventura verließ das Zimmer, geführt von Tante Benigna und dem Onkel.

240 8.#

Bonaventura’s Herz überfiel ein Krampf, der ihm die Unterstützung seiner Führer zur Nothwendigkeit machte …

Im Vorsaal stand einer der zur glänzenden Livree noch mit Emblemen der Trauer geschmückten Diener des Präsidenten … Er stand bereit, ihn in das Zimmer zu geleiten, wo ihn seine Mutter erwartete …

Weib, was hab’ ich mit dir zu schaffen! hatte es einst in des Sohnes Brust gerufen …

Wieder riefen ihm wilde Stimmen dies Wort, aber es waren nur noch Stimmen der Erinnerung … Seine Brust trug schon zu schwer an tausend, tausend Bürden des Lebens und des Urtheils, zu schwer, als daß ihm noch die alte rigorose Strenge verblieben wäre … Auf Paula vorhin sich niederwerfen, sie durch Küsse aus den Banden der dämonischen Mächte wach rufen – wenn er das gekonnt hätte! … Alles hatte ihn gezogen, es zu wagen – nun durfte er doch in die friedenbringenden Arme eines Weibes sinken …

Mit überströmender Rührung war er dem Diener 241 gefolgt, der ihn weiter auf den Corridor hinausführte … Die andern Begleiter, die heilige Weihe des Augenblicks erkennend, ließen ihn allein vorschreiten … Der Diener öffnete eine der Thüren, über denen alte Wappen und Jagdtrophäen hingen …

Bewußtlos, nichts von der Umgebung, selbst nicht sogleich die Mutter ganz wiedererkennend, lag Bonaventura an einem Frauenherzen … Er, der Mann, weinte wie ein Kind … die Stätte durfte er geweiht nennen, wo er die Thränen über all die Empfindungen niederlegte, die seit dem immer höher und höher sich steigernden Reichthum seiner schmerzlichen Lebenserfahrungen sich in ihm ansammelten …

Die Mutter selbst war fast befremdet von der Weichheit seiner Stimmung …

Sie hatte solche Begrüßung nicht erwartet nach der Abneigung und dem strengen Urtheil, das ihr vom Sohn über ihre zweite Vermählung bekannt war. Sie wußte eben nicht, wie im Menschenleben oft ein aufgesammeltes Bedürfniß sowol der Liebe, wie des Hasses demjenigen andern zu Gute oder zu Schaden kommt, der uns dann gerade zuerst begegnet und so begegnet, daß nur ein geringstes Wegnehmen von der schweren Last des Vorraths in unserer dafür zu eng gewordenen Seele das Nachstürzen auch alles übrigen bedingt …

Frau von Wittekind war eine Frau hoch und schlank wie ihr Sohn … Ihr Haar war noch dunkel … Ihr Auge besaß eine energische Schärfe … Beim Lächeln der Freude, das sich in die Rührung mischen durfte, 242 zeigte ihr Mund noch wohlerhaltene Zähne … Das Schwarz ihres Kleides stand ihr, wie wenn sie es auch zur Hebung ihrer reinen weißen Haut hätte gewählt haben können … Die Finger waren wohlgerundet … Die ganze Art hatte etwas Vornehmes und abgeschlossen Sicheres … Besaß sie etwas ursprünglich Kaltes, so wurde dies durch die ergreifende Situation jetzt nicht ersichtlich …

Sieben Jahre! … begann sie … Und du, mein Bona, mein Priester! … Und Domherr schon! … Und doch bist du immer, immer so kalt gewesen – deiner Mutter?!

Schon war Bonaventura gefaßter … Er setzte sich mit der Mutter auf ein kleines Kanapee … Es war ein rings mit alten Landschaftsbildern geziertes, behaglich enges Zimmerchen … Umher blieb es still und ohne Störung …

In jungen Jahren haben wir immer viel heroischere Ideen als im Alter! sagte Bonaventura niederblickend …

Nennst du dich alt, mein Sohn! erwiderte die Mutter und streichelte die Wange des Erröthenden … Zugleich wich sie dem von ihr angeregten Thema der bisherigen „Kälte“ wieder aus …

Vom Onkel Dechanten, von Frau von Gülpen, von der alten Renate, von Bonaventura’s Hausstand, von Benno war die Rede … Frau von Wittekind lebte in völlig neuen Verhältnissen, hoffte nun aber eine innigere Anknüpfung derselben wieder an das alte Vergangene …

243 Wird der Präsident auf seinen Posten zurückkehren? fragte Bonaventura …

Nein, mein lieber Sohn! sagte die Mutter. Die Güter, die der Vater hinterlassen hat, sind so umfangreich, die Bewirthschaftung ist in den letzten Jahren, wo die Wunderlichkeiten des Alten über alles Maß gingen, so vernachlässigt worden, daß es Wittekind’s ganzer Kraft bedarf, um alles auf der gebührenden Höhe zu erhalten …

Dann gibt er eine glänzende Aussicht auf Staatswirksamkeit auf! sagte Bonaventura. Oft hatte man geglaubt, gerade seine Hand würde stark genug sein, das Gubernium der aufgeregten westlichen Provinzen zu übernehmen …

Wir haben darüber ernste Berathung gepflogen! entgegnete die Mutter. Meinem Gemüthe widersprach schon lange die falsche Stellung, in die er seinem Glauben gegenüber gerieth! Mit dem Vorangegangenen wird er brechen und sich dem Geist anschließen, der in diesen Gegenden herrscht. Es liegt darin für mein Herz eine tiefe Beruhigung!

Soweit ich unsern Volksstamm kenne, wird es einige Mühe kosten, das gegen ihn herrschende Mistrauen zu widerlegen! sagte Bonaventura aufhorchend. Zumal, da Herr von Wittekind – Bonaventura konnte nicht „Vater“ sagen – in dem Rufe steht, seine frühere Stellung ganz mit Ueberzeugung ausgefüllt zu haben …

Wohl! sagte die Mutter. Wittekind ist eine praktische Natur, wie in gewissem Sinn es auch sein Vater war … Er liebt den Ruhm, vielleicht nur den Ruhm 244 als gerechte Belohnung seiner Thätigkeit. Doch gibt er, soweit es geht, in vielem mir nach. Schon lange litt ich unter seinem Eifer für Administration und Beamtenthum. Jetzt hat er eine entsprechende Beschäftigung und wird, soweit ich ihn kenne, mit Behutsamkeit einlenken auf die neue Bahn, die auch seinem Gemüth eine größere Ruhe geben muß. Denn ebenso gut und weich kann er sein, wie er großmüthig und aufopfernd schon zu allen Zeiten war …

In den letzten Worten lag eine rechtfertigende Erinnerung an Bonaventura’s Vater, an seine Flucht, seinen Tod …

Als Bonaventura schwieg, nahm die Mutter diese Erinnerung von selbst auf … Sie ergriff des Sohnes Hand und sprach mit einer Fassung, die, so schon nach der ersten Rührung des Wiedersehens kommend, überraschen konnte:

Du bist reifer geworden, mein Bona! Du hast die Welt schon in anderm Lichte gesehen, als damals, da der Eindruck meiner Wiederverheirathung dir so befremdlich war! O, nenne mich keine Schuldige! Beurtheile mich nicht so hart, wie der damalige Generalvicar, der gefangene Kirchenfürst, der Wittekind haßte, weil er zu den Organen der Regierung gehörte! Als wir von der nahen Auflösung des Kronsyndikus hörten und da schon hierher reisen wollten, besuchten wir den strengen Mann in seiner Festungshaft. Er war von einem Spaziergang auf den Wällen zurückgekehrt und eben wollt’ er die Tabackspfeife, die er unbekümmert um den Brand, den er in der Christenheit angezündet hat, immer noch frohgemuth fortraucht, wieder füllen, als ihm der Vater – 245 Wittekind und ich gemeldet wurden. Dieser Besuch mußte ihn nicht wenig überraschen. Ich hatte Sie in andern Beziehungen wiederzusehen erwartet, Herr Präsident! sagte er, als er unserm Beileid staunend zugehört. Dieser Schritt wird Sie in eine schiefe Stellung bringen, wenn anders Sie mich nicht als ein Bevollmächtigter der Regierung besuchen! Wir benahmen ihm diese irrthümliche Voraussetzung und erklärten, daß wir Frieden zu schließen gedächten mit denen, mit welchen uns Geburt, Abstammung und gleiche Ueberzeugung in eine Reihe stellten. Er erwiderte: Es wird vielen so gehen, daß sie zur Erkenntniß kommen, und darum preis’ ich mein Loos und will es gern ertragen! Ich bin zum Eckstein geworden! Die Bauleute wollten mich verwerfen; aber ein neues Gebäude wird über mir errichtet werden! Ein segensreiches und vielleicht für ganz Deutschland! Er entließ uns gütig. Deiner gedachte er mit der mein ganzes Mutterherz mächtig überwallenden Prophezeiung, daß Gott dich zu großen Dingen erlesen hätte … Schon wär’ es im Werke, dich als Gesandten der Curie nach Wien zum apostolischen Nuntius zu schicken … Du staunst darüber? … Das wußtest du nicht? … O, ich erkenne deine ganze Natur … in deiner Bescheidenheit! … Mein Sohn! Mein, mein Sohn! … So sei auch versöhnt und nimm die Vergangenheit so licht und rein, wie der schöne Sonnenstrahl dort drüben glänzt über dem blendenden Schnee!

So zart und doch wieder so klug und gewandt in ihrer Denk-, Rede- und Gefühlsweise stand für Bonaventura die Mutter gar nicht mehr in seinem Gedächtniß. 246 Wie hatte sich bei ihr das Vergangene verwischt! Ihm kam bei dem Bilde des Schnees, das sie brauchte, sofort die Erinnerung an den Tod seines Vaters … Mit Bezüglichkeit wiederholte er: Ueber dem blendenden Schnee! … Erst allmählich verstand die Mutter diese Wiederholung und Betonung, seufzte dann tief auf und fuhr fort:

Die gnadenreiche Mutter sei mein Zeuge, daß ich an einen Abgrund erst geführt wurde durch die Umstände, nicht durch meine eigene Schuld! Die Worte des heiligen Sakramentes der Ehe sagen: „Und er soll dein Herr sein!“ Dies Wort, mein lieber Sohn, ist nicht allein darum gesagt, daß die Gattin ihrem Gebieter gehorsame, es ist auch darum gesagt, daß der Gebieter ihr wirklich ein Herr sei! Jede Frau hat das sehnsüchtige Bedürfniß, in ihrem Manne auch wirklich den Führer, den berathenden Freund, ja selbst in zweifelhaften und schwierigen Fällen einen befehlenden Herrn zu haben. Mir war das dein Vater nicht. Im Gegentheil, ich, ein älternloses Fräulein – Besitzthümer hatten ja die Wehrförders, mein Geschlecht, nicht und meine Erziehung war unvollständig – ich wurde der Gebieter für ihn! Nicht durch Laune oder Neigung zum Herrschen, nur durch die Umstände, die ihn unfähig machten, das Ruder selbst zu führen. Diese Asselyns sind ein herrliches, edles Geschlecht gewesen; es ist schmerzlich, daß dieser alte Friesenstamm aussterben muß – Benno kann doch nur den Namen fortführen. Franz, der Dechant, ist die Herzensgüte selbst, aber wie leichtsinnig! In seiner Jugend war er fähig die Bahnen der Geistlichen zu wandeln, die in Frankreich den Untergang der Religion verschuldet 247 haben. Der zweite, Max von Asselyn, Benno’s Adoptivvater, war ein tapferer, ritterlicher Held, ein Offizier von seltener Bravour, aber ganz so abenteuerlich, wie dies in unserm träumerisch eigensinnigen Volksstamm liegt. Was er unternahm, war befremdend. Bracht’ er wol aus dem Kampf, wie andere, gerechte und nach Sitte erworbene Beute mit? Aus Spanien sah ich viele deutsche Offiziere, die dort unter Napoleon kämpfen mußten, mit mancherlei merkwürdigen Dingen heimkehren. Ein Wehrförder, Vetter von mir, brachte aus einem Kloster Bilder mit, aufgerollt wie Landkarten – er hat sie zu enormen Preisen verkaufen können. Max brachte entweder von einer Nonne oder einer – man sagt in seinen Armen gestorbenen – Geliebten einen Sohn mit – Benno, den er wenigstens sein nannte, wenn nicht in das Dunkel, das deinen Vetter umgibt, noch ein völlig anderer Lichtstrahl fällt und Max nicht einmal Benno’s Vater ist. Der dritte Asselyn, Friedrich, mein Gatte, glich den andern nicht an Leichtsinn, aber an leichtem Sinn. Die Verlockung der Welt that ihm nichts, aber die Zerstreuung alles. Nichts wurde bei ihm zum festen Vorsatz; eine Sorglosigkeit, die an sich ihm liebenswürdig stand, machte ihn zum harmlosesten Kostgänger der Schöpfung. Ja, mein Sohn, was Fritz sein nannte, gehörte sogleich auch allen. Jede Schuld, die ihn drückte, bezahlte er in dem Augenblick, wo er konnte, uneingedenk, daß ihn sein guter Wille in neue Verlegenheiten stürzte. Die drei Brüder thaten ihr geringes Erbe zusammen, damit es Max bewirthschaftete. Dieser verband sich dazu mit einem jungen Oekonomen, Hedemann, einem Bauern-248sohn. Die Nachwehen des Kriegs waren verderblich; 1817 war ein Hungerjahr. Max starb. Die Verlassenschaft wurde von den beiden Brüdern verkauft und damit nur ein Käufer, der sich fand (es war der jetzt so heruntergekommene Rittmeister von Enckefuß) dazu erschien, borgten sie wieder selbst für diesen bei andern! So geschah alles, um hier nichts zu haben und da nichts! Nun gehört alles Unsrige hier den Münnichs. Wie gesagt, gute Menschen, diese Asselyns, aber –! Sieh, dein Vater wurde Regierungsrath. Sein Gehalt war gering. Er verschwendete wol nichts, doch die Unregelmäßigkeit seiner Berechnungen stürzte ihn aus einer Verlegenheit in die andere. Der jetzige englische Oberst von Hülleshoven, gleichfalls ein Sonderling, jünger als dein Vater, schloß sich ihm damals an, theilte ihm Liebhabereien mit, wie sie noch jetzt sein Bruder hier in den Thürmen dieses reichen Schlosses nach Wohlgefallen verfolgen kann; denn hier bezahlen die reichen Dorstes seine Thorheiten. Dein Vater ging ebenso mit Begeisterung auf alles Neue ein; er würde sich und seine Familie zu Grunde gerichtet haben ohne einen endlich denn doch wohlthuender wirkenden Freund, als jene Hülleshovens waren. Dies war Friedrich von Wittekind. Bald wurde der der Zahlmeister des Hauses. Dein Vater verwies mich selbst an ihn, um mit ihm zu rechnen! Wie sie beide Friedrich hießen, so wurden sie fast Eine Person! Dein Vater war im Stande, eine Thür zu öffnen und zu sagen: Ah, ihr seid es! Ihr rechnet! Ich störe euch? … Wir saßen dann und rechneten in der That. Ehrgeizig war ich und mochte nicht, daß ein Makel auf unserm Hause haftete. Das, 249 das, mein Sohn, ist ein höchst gefahrvoller Zustand für ein weibliches Herz! Ein Weib ist bedürftig der Liebe, gewiß! Aber ebenso sehr will sie auch die Werthschätzung der Menschen. Und noch mehr, sie will Hochachtung empfinden vor ihrem Mann. Die geregelte Ordnung ist für ihren Sinn etwas Unerläßliches. Ich gestehe, daß ich wohlthuend berührt wurde, wenn ich Wittekind nur eintreten sah, ihn, der damals nicht viel hatte, der mit seinem damals geizigen Vater in Kampf lebte und selbst kaum das Nöthigste erhielt, während, wie nur leider jetzt zu erwiesen ist, die größten Summen auch schon damals fortgingen, um die Folgen des frühern Leichtsinns jenes Gewaltthätigen zu verdecken; die jetzt offen liegenden Papiere seines Nachlasses gewähren grauenhafte Einblicke in seine moralischen Verschuldungen … Kurz, mein Sohn, die Augenblicke, die ich im Anfang meiner Ehe, dich unterm Herzen, dann dich auf meinen Armen tragend, auf dem kleinen Hof Borkenhagen zubrachte, wo du geboren und getauft wurdest – Gott, noch immer steht mir der damalige Pfarrer Leo Perl, ein getaufter Jude, vor Augen! – diese Augenblicke, sag’ ich, waren die glücklichsten meiner Ehe! Als diese Besitzung in andere Hände kam, ich immer in der Stadt bleiben mußte, dein Vater aus Schulden, Wuchernoth nicht mehr herauskam, wurd’ ich moralisch das Weib seines Freundes, der ihm helfend zur Seite stand. Alles war Wittekind, alles entschied der. Der rechnete, der sorgte … Reisen, die dein Vater machen mußte – Dienstreisen, weil er die damalige Regulirung der Klöster, die Einziehung herrenlos gewordener geistlicher Bibliotheken und 250 Archive unter sich hatte – wiesen mich auf Monate ganz an Wittekind. „Laß dir doch von Fritz geben!“ hieß es in den Briefen … Guter Sohn, Asselyn erkannte diesen gefährlichen Zustand erst, als es zu spät war. Ich hatte mich an den Freund, der Freund hatte sich an mich gewöhnt. Nimm an, mein Sohn, du säßest im Beichtstuhl und hörtest das Bekenntniß einer beladenen Seele … Denn eine Last trag’ ich allerdings, eine schwere Last, eine kummervolle, die mir die Ruhe meiner Nächte raubt! … Ach, Asselyn entfernte sich ohne Zweifel doch nur deshalb – – um den Freund und die Gattin glücklich zu machen. Fast muß ich ja glauben, daß der Gute, um uns in unserm Bund nicht zu hindern, sich selbst den Tod gegeben hat!

Die vielleicht noch größere Strafe, der Mutter zu sagen: Und wenn der Vater noch lebte? Wenn ihn soeben Gräfin Paula im Thal von Castellungo als Eremiten und den Freund glücklicher Hirten und Ackerbauer gesehen hätte? … Bonaventura besaß nicht den Muth, diese Strafe der Mutter aufzuerlegen, so sehr ihn die klare, schneidende, vernunftbewußte Selbstrechtfertigung der noch jetzt anmuthigen Frau herausforderte, so sehr ihm wieder jetzt der Vater entgegentrat in der ganzen Liebenswürdigkeit seines träumerischen, von dieser Gattin gewiß nie verstandenen und sicher so nicht, wie verdient, beglückten Sinnes … Doch auch die Schwäche besaß er nicht, der Mutter die Vorstellung etwa von einem Selbstmord des Vaters ganz auszureden. Und sie schien es sogar gern zu hören, daß sein Vater, wenn auch durch Selbstmord – wirklich todt 251 war. Meinst du nicht? fragte sie halb zagend, halb zuversichtlich …

Ich glaube es! war seine Antwort …

Die Mutter stand auf. Ihre Haltung schien sagen zu wollen: So müssen wir uns Fassung geben, eine Genugthuung durch die Religion!

Die umsichtige Frau bat den Sohn, doch einige Tage auf Schloß Neuhof zuzubringen, sich inniger dem Präsidenten anzuschließen, ihre Aussöhnung mit dem Geist der Gegend zu bewirken, die Opferspenden zu vermitteln, die auch sie bereit wären überall zu geben, wo dadurch ihr guter Wille in das rechte Licht träte … Endlich sagte sie noch:

Wittekind wird mannichfachen Rath und Beistand in seinen verwickelten Angelegenheiten bedürfen. Er war zweifelhaft, ob er sich deshalb an Benno wenden sollte! Ich rieth ihm dazu! Dein Urtheil zöge er aber vor, sagt er … Wer ist hier dieser Herr von Terschka, von dem ich soviel reden höre?

Der Bevollmächtigte des Grafen Hugo von Salem-Camphausen, des Erben der Güter der im Mannsstamm ausgestorbenen Dorstes …

Ein geschäftskundiger, kluger Mann hör’ ich …

Ein vielseitiger, gewandter wenigstens …

Es rühmte ihn uns ein Jude, ein Gütermäkler … Ich höre, Benno macht den letzten Versuch, die Rechte des Grafen Hugo anzuzweifeln …

Nur möglich das, wenn eine Urkunde entdeckt würde, die dem Dorste’schen Familienstatut Kraft erst geben soll, wenn die Erben unsere Religion bekennen … Sie fehlt 252 und wahrscheinlich nur deshalb, weil sie niemals ausgestellt wurde …

Es sind viele Urkunden in jener Zeit verschleppt worden, als nach Uebergang dieser Lande in westfälische und dann in unsere Herrschaft, die geistlichen Stifter und so viele Klöster eingingen! War zufällig ein Pergament besonders schön geschrieben, so schickte es dein Vater in das Museum der Hauptstadt, in die Bibliothek des Königs … Dort fand ich schon manchen herrlichen Schatz wieder, den dein Vater uns vor Jahren gezeigt hatte, wenn er aus Witoborn oder sonst einer geistlichen Gegend heimkehrte …

Bonaventura’s Gedanken mußten jetzt wol auf Bickert gerichtet sein … Zwei drückende Vorstellungen: Die gefälschte, bei einem Brand vielleicht hier, auf diesem Schlosse einzuschleppende Urkunde und Lucindens Eroberung aus dem Sarge in Sanct-Wolfgang! Beichtgeständnisse, die er nicht verrathen durfte … Sie machten ihn zum Mitleidenden – zum Mitschuldigen …

Die Mutter sah seine Abwesenheit … Sie bemerkte mit gedämpfter Stimme:

Besonders ist Wittekind in eine Sache verwickelt, die nur innerhalb der geistlichen Sphäre bleiben soll! Ich kenne sie selbst nicht vollständig. Sie hängt mit einer großen Verirrung des Kronsyndikus zusammen und reicht in ihren Folgen sogar bis nach Rom. Auch der Onkel Dechant zu Kocher am Fall soll dabei eine Schuld zu tragen haben. Oft hab’ ich schon gedacht: Hinge wol Benno’s Herkunft damit zusammen? Aber wie er 253 als Kind schon nicht dem Onkel Max ähnelte, so noch weniger dem Onkel Franz – Wittekind schüttelt darüber vollends den Kopf … Nun, ich werde ja auch Benno wiedersehen und mit ihm plaudern! … Wir müssen wol jetzt zur Gesellschaft, Bona! Ich erbebe, die junge Gräfin zu sehen, die so seltsame Zustände hat! Sie lag eben jetzt, wie ich höre, im Hochschlaf? Ich zittere vor Beklemmung! Was sah sie nur?

Ein Bild der Phantasie! sprach Bonaventura mit stockendem Athem zu der schon ganz in das gewohnte Gleis ihres Lebens wieder zurückgekehrten Frau. In Gedanken verloren hatte er der letzten Rede seiner Mutter schon nur noch halbe Aufmerksamkeit geschenkt und nur zur Andeutung, daß Benno des Dechanten Sohn sein könnte, gelächelt … Mutter, hätte er fast gesagt, wie wenig würde Der Anstand genommen haben, Benno die frischen Wangen zu klopfen, ihm seinen schwarzen Bart und sein lockiges Haar zu zupfen und zu sagen: Junge! „Nichten“ haben wir genug in der Dechanei gehabt, aber noch nie einen so echten „Neffen“, wie du bist! Das ist eine falsche Fährte! … Nun aber gingen beide aus dem Zimmer und wandten sich nach vorn …

Die Mutter hing sich in den Arm ihres Sohnes. Man sah, daß sie äußerlich beide sich angehörten. Den Wuchs und die hohe Gestalt hatte Bonaventura von dieser klugen und vorsichtigen Frau; das Herz vom Vater …

Sie sagte: Mein Heiliger! zu ihm, lächelte und trat mit ihm in den Vorsaal.

254 Die Vorstellungen und Begrüßungen währten eine Weile und dann zerstreute sich alles …

Bonaventura blieb zum Mittag … Paula erschien wieder als wäre nichts gewesen … Onkel Levinus und Tante Benigna wurden inzwischen von einer andern Gedankenreihe in Anspruch genommen und thaten geheimnißvoll. Frau von Sicking hatte ihnen geschrieben. Sie hatten viel geflüstert und gerade am meisten, wenn Armgart nicht im Zimmer war. Diese merkte dann bald, daß etwas auf sie Bezügliches im Werke war. Als sie den Namen der Stiftsdame Tüngel-Appelhülsen flüstern hörte, die sich der Bekanntschaft mit ihrer Mutter rühmte – sie war die zweite Partie, die Jérôme von Wittekind hatte machen sollen und war damals nur durch den Calfactor „Türck“ und den Zorn ihrer Mutter über ein verdorbenes Kleid darum gekommen – sagte sie geradezu: Meine Mutter ist da! Die Tante fuhr sie darüber heftig an. Sie schwieg. Jetzt bekam auch Terschka durch einen Expressen aus Witoborn einen Brief und empfahl sich so rasch, daß er nicht einmal bis zum Ende des Mahls blieb. Armgart saß darauf wie besinnungslos. Noch ehe die Tante sich zu ihrem „Nicker“ eingerichtet hatte, war sie verschwunden. Lange nach ihr zu suchen war man nicht gewohnt. Fehlten ihr vielleicht noch zu ihren „Vielliebchen“ Nähseide oder Perlen, so ging sie, wußte man, zu Fuß nach dem Stift und scheute die einsamste Wanderung von fast zwei Stunden nicht. Onkel und Tante fuhren nach dem Kaffee in der That mit eigenthümlichem Geheimthun zu Frau von Sicking und ließen Bonaventura mit Paula allein …

255 Allein – Paula und Bonaventura –

Allein, allein – zwei Seelen, die sich lieben!
Allein, allein –! Wenn auch der Liebe Ja,
Wenn stumm der Liebe Frageblick geblieben –
Allein, allein – doch ist der Himmel da!

Bei allen andern würde es nach Jahren geheißen haben: Weißt du noch, damals an jenem Nachmittag – im grünen Zimmer? – Wir sprachen vom Wetter, besahen Kupferstiche – da rief ich plötzlich: Himmel, wie voll die Hyacinthen blühen! … Ich zählte ihre Glocken, weil ich Angst hatte, daß wir uns beim Besehen der Bilder zu nahe anstreiften! Und ich glaube gar, ich stellte mich dennoch kurzsichtig, nur um mit der Stirn dein goldenes Haar zu berühren! … O, wie Feuerglut war es in meinem ganzen Sein – und du, du wußtest, jetzt ist der Stoff erschöpft, jetzt ist die Unbefangenheit beim Gespräch vorüber – beim Gespräch über was nicht alles, ich glaube über die alten Krater feuerspeiender Berge bei Kocher am Fall, über die byzantinische Baukunst, über die Philosophie Püttmeyer’s! Gleich hattest du etwas anderes; auf die Musik die Bücher, auf die Bücher die Natur, auf die Natur die eben hereingebrachten Zeitungen! … Und du erschrakst nicht einmal, als vom Diener an die Thür geklopft wurde … So tändelten wir den Tag hin bis zum Abend, bis zur süßesten Dämmerstunde, wo endlich mein Auge kein anderes Licht begehrte, als das in deinen Augen strahle, endlich ich auch das so tollkühn sagte, ganz so vom „Licht in deinen Augen“ … Da erbebtest du, brachst zusammen und 256 trotz all deiner List und Fassung lagst du in meinen Armen! …

Armer Priester! … Diese Stunde schenkte dir wirklich der Himmel! Er gab sie in ganzer, seligster Fülle! Er rief auch an diesem Nachmittage Paula nicht in die Sterne zurück, ließ sie nicht wachend träumen, nicht mit geschlossenen Augen sehen … Sie blieb auf der Erde, in deiner Nähe, im lebendigsten, wärmsten Anhauch deines Athems – und du erstauntest sogar, daß Paula nicht entschlummerte, obgleich deine Hand an ihrem seidnen Kleide hinfuhr, oft auch – zufällig? – wirklich sie selbst berührte … Du durftest dir sagen: Dir, dir ist sie beschieden! Du würdest sie durch die Liebe erlösen können von den magischen Banden, die sie gefesselt halten! … Gott wollte die Ehe und gerade die Deine mit ihr! … Alles, alles traf zu … Auch bis zur Abenddämmerung, bis in die erste Stunde nächtlichen Dunkels hinein hattet ihr das volle selige Glück des Alleinseins …

Und dennoch, du armer Levit, was durftest du wagen? Was zu gewinnen hoffen? … Gingst du am Flügel vorüber und lehntest die Epheuranken zurück, die den goldgerahmten Spiegel beschatteten, so sahst du deinen langen Priesterrock! … Sahst du in die geöffnete Kupferstichmappe und prüftest das Zeichen des alten Meisters, das unter dieser Radirung, unter jenem Holzschnitt versteckt und unleserlich stand, so mußte dir erinnerlich werden, daß Paula an deinem vorgebeugten Haupte bemerkte, wie die Schere dir die Mitte deines schönen Haares geraubt! Dem Schicksal konntest du sprechen: Des reinen Herzens Natur ist es, nicht alles 257 zu wollen und viel entbehren zu können; aber auch zu grausam nimmst du, o Verhängniß, uns beim Wort und gewährst uns wirklich nichts! … Paula’s Wesen mußte Bonaventura ohnehin zu entweihen glauben durch eine zu stürmische Werbung. So unterblieb alles … Situation und Wille, Charakter und – die Liebe selbst schmiegte sich unter die Tyrannei des Gelübdes.

Und doch allein, allein – zwei Seelen, die sich lieben! … Wie bestrickend schon, wenn sich Paula selbst beurtheilte über das, was die Welt an ihr so voll Andacht bewunderte! Sie hätte eine Heuchlerin sein können und sie war es nicht. Sie hätte eine Despotin sein können und sie war es nicht. Sie war willenlos, eine durch sich selbst und andere Gefangene. Und so galt ihre Liebe Bonaventura auch nur, wie ein Priester sich lieben lassen darf – in Andacht, in geistiger Schwärmerei … Sie hatte – wie diese Erziehung ist, die von Schiller und Goethe nichts weiß – nicht viel gelesen, nicht viel gesehen. Sie konnte über ihren Kreis hinaus an schwierigen geistigen Dingen nicht lange theilnehmen; sie stand bescheiden zurück, allem Höheren im Zustand jungfräulicher Ueberraschung zugewandt. Aber diese Weise stand ihr hoheitsvoll. Zu ihren Füßen sproßten Lilien, ihr Haupt trug eine Himmelskrone, ihre Schultern bedeckte ein langer, himmelblauer Mantel mit goldenen Sternen. Sie wußte nur das alles nicht von sich selbst. Sie konnte lachen und weinen mit Armgart, sie konnte furchtsam sein wie Tante Benigna, sie konnte mit dem Onkel Levinus an die Möglichkeit, Gold zu machen, glauben. So lebte sie hin … Nun aber mit Bonaventura’s Nähe wuchs ihre Kraft. Sie 258 fing an, sich über sich selbst Rede zu stehen. Seit seiner Ankunft trat sie in allem und jedem mit festerm Willen auf. Das zu wissen beglückt ein zagendes Herz ohnehin und gibt ihm Muth, sich über das Geheimste wahr zu sein … O wie die Liebe so stark macht! … Paula fühlte es mächtig … Sie hätte heute vielleicht zu ihrer Absicht, ins Kloster zu gehen, gedankenlos nein und sogar – ja! sagen können. Sie konnte alles, konnte selbst ein Gelübde ablegen und vielleicht es – betrügen, wenn nur Bonaventura sie an sich gezogen und mit einem Kuß ihr den Muth – seines, seines Lebens gegeben hätte.

In diesem stillen Zimmer, durch dessen Scheiben eben das Abendgold floß, unter diesen Epheuranken, deren grüne und welke Blätter den Priester an einen andern Abschied, den von Lucinden, erinnern mußten, über die Saiten eines geöffneten Flügels hin, dessen Resonanz von jedem durch die Zimmerwärme noch am Leben erhaltenen Insekt leise erbebte – standen sich zwei Menschen gegenüber, die die Natur zum gegenseitigen Besitz bestimmt hatte. Gregor VII. hielt den Arm dazwischen. Wo ist denn nun bei dieser eurer Satzung des Cölibats die Verklärung der Weiblichkeit, sie, die doch die Marienbilder in der aufgeschlagenen Kupferstichmappe verherrlichten, diese Bilder, die Bonaventura, Lucinden gegenüber, selbst einst so begeistert gedeutet hatte! Verunreinigt wird der Priester vom Weibe? Sein Opferdienst am Altar in den gestickten Kleidern vergangener Jahrhunderte macht ihn geschlechtslos? „Die Eunuchen des himmlischen Hofstaates sind wir!“ sagte ihm oft schon der Onkel Dechant. „Trügen wir eine reine Liebe zu einem Weibe im Herzen, unsere Hand würde 259 ja unrein, den Kelch zu berühren! Unrein, um die Oblate zu segnen! Die Nähe des Weibes zerstört die Kraft des Opfers! Und wenn wir auch gestern beichteten, daß wir die thierische Natur mit aller Entfesselung der Leidenschaften in gemeiner Berührung austobten: diese Sünde ist uns heute vergeben. Nur keine reine, nur keine dauernde, offene Liebe zu einem Weibe im Herzen und so an den Altar getreten! Gatte, Vater – wie kann eine solche Hand noch die Geheimnisse der Wandlung vollziehen! Frauenwürde, so denkt – Rom über dich!“ …

Eines der Marienbilder nach dem andern vergegenwärtigte Bonaventura den Abschied von Lucinden … Paula hatte schon öfters nach ihrer frühern Gesellschafterin gefragt, Bonaventura hatte einsilbige Antwort gegeben … Benno, Thiebold und Terschka rühmten sie … Jetzt glich ihr eine der von den Künstlern meist so willkürlich erdachten Madonnen und Paula sagte dies auch …

Bonaventura blieb die Antwort schuldig …

Paula fuhr fort:

Denken Sie sich, wie ich damals nach Westerhof zurückkehrte und von Lucinden sprach, kannte sie ja hier jedermann! Ja ich selbst hatte sie schon als Kind gesehen, wie sie auf Neuhof wohnte und eines Tages dort auf einem goldenen Kahne ruderte! … Als die Leute lachten, flüchtete sie in einen Taubenschlag! … Sie wußte, daß ich aus dieser Gegend war, und nie verrieth sie ihre Bekanntschaft mit dem Kronsyndikus oder mit dessen Sohn oder mit dem Landrath oder mit dem Mönche Sebastus, dem jungen Doctor Klingsohr, der um ihretwillen, sagt man, die Religion wechselte und ins Kloster 260 ging … Sie ist jetzt in Ihrer Stadt und – Sie sehen sie oft?

Ich lebe nur für dich, Paula! … In Bonaventura’s Herzen riefen das tausend Stimmen … Die Lippen sagten nur:

Zuweilen seh’ ich sie!

Arglos fuhr Paula fort:

Auch sie war damals erst katholisch geworden! Alles das wußte niemand! Aber hatt’ ich Furcht und Angst vor ihr! Wissen Sie noch, als ich Italienisch mit ihr lernte, da konnte sie Latein –!

Du aber sprichst in Zungen der Engel! riefen wieder die Stimmen; Bonaventura nickte nur still bejahend …

In der Mappe sahen beide einen Holzschnitt der altdeutschen Schule, wo Jesus im Hause des Lazarus weilt und Maria Magdalena ihm die Füße wäscht … Dies kleine Bild, voll Wahrheit und Lieblichkeit, ließ beide eine Weile verstummen … Beim Umschlagen der Blätter ruhte ihre Hand dicht, dicht an der seinen … Er fühlte die elektrischen Tropfen, von denen Paula im Schlafe behauptete, sie glitten ihr aus den Fingern und verlöschten auf dem Boden. Ihm verlöschten sie im Blut seines Herzens. Warum ergriff er nicht die sanfte, weiche Hand? Warum stieg er nicht auch mit ihr in den goldenen Nachen des Ideals, auf dem sie würdiger ruderte, als Lucinde! In ein „Taubenhaus“ hatte diese sich geflüchtet!

Paula sagte:

Wissen Sie wol, daß ich oft Sehnsucht habe, Lucinden wiederzusehen? Ihr Geist war oft hart und grausam, aber stark. Sie konnte Muth einflößen, wie 261 ein Mann. Auch unterbrach sie mein Leiden und ließ mich dann sein wie andere sind …

Aber mit den größten Schmerzen! schaltete Bonaventura ein …

Ich litt dabei, das ist wahr! sagte Paula. Die Aerzte meinten: Sie hob die Nervenströmung auf. Ich hatte tödliche Schmerzen in ihrer Nähe! Alles that mir wehe – jedes Wort, jede Bewegung von ihr! Aber ich sehne mich doch – ach! – so heraus aus diesem – Doppelleben!

In das Eine, Eine Doppelleben der Liebe! …

Die Stimmen wieder sprachen auch das … Die Arme thaten sich auf, um Paula zu umfangen, sie an sich zu ziehen … Und doch sprach Bonaventura nur schüchtern:

Was bekümmert Sie jetzt daran?

Sonst schon war es Paula’s Klage: Der Hochmuth! Die Selbstüberschätzung! Auch jetzt wiederholte sie diese „Furcht vor sich selbst“ …

Bonaventura sprach:

Stolz sein auf das, was uns die Vorstellung einer größern Vollkommenheit unserer selbst gibt, das ist keine Sünde. Jesus nannte sich – den Sohn Gottes! Aber – auch Trübsale werden Sie haben! Wissen Sie, daß Ihre heutige Vision Anstoß erregte? Als ich mit meiner Mutter zur Gesellschaft zurückkehrte, war man befremdet, wie Sie mit Theilnahme bei einem Bilde verweilten, wo Sie einen Gottesdienst sahen, bei dem der Kelch – von Allen getrunken wurde! …

Was sah ich denn? fragte Paula träumerisch und erhob geisterhaft ihr Haupt …

Herr von Terschka behauptete, einen Eremiten, der 262 in der Nähe des Schlosses Castellungo die Landbewohner zu einem Gottesdienst versammelt, der dort wahrscheinlich unter dem Schutz der Gutsherrin, der Gräfin Erdmuthe, wirklich gehalten wird …

Ich verweile oft bei jenem Schlosse! sagte Paula … Man hat mich schon gefragt, ob ich nicht in Salem, nicht in Castellungo eine Urkunde entdecken könnte, die so emsig von den Feinden der Salems-Camphausen gesucht wird … Benno erzählte davon; auch Terschka, obgleich dieser es nur mit leicht erklärlicher Zurückhaltung that … Noch immer wird diese Urkunde gesucht … Der Procurator Nück hat an Benno geschrieben, er möchte in Gegenwart Terschka’s und des Onkel Levinus noch einmal die Archive von Witoborn und Westerhof durchsuchen lassen … Beide sind auch bereit dazu … Und so verläßt mich, seh’ ich, die Angst der Seele selbst in meiner Traumwelt nicht. Sie zeigt mir wider Willen die Gegenden, wo – mein Schicksal entschieden wird …

Ihr Schicksal? Paula! Welche Zukunft fürchten – Fürchten? Hoffen Sie? …

Diese Worte sprach Bonaventura wirklich. Sein Innerstes wogte im Brand der Liebe und – der Eifersucht …

Nichts, nichts mehr hielt er zurück von der Saat seiner Thränen, die aufgegangen war seit Jahren in den einsamen Stunden der Nacht und der Verzweiflung … Seine Augen leuchteten … Seine Arme hoben sich … Ein Frühling des reinsten, göttlichsten Menschenthums schien um ihn her zu blühen und zu sprießen … Er bebte … schwankte …

263 Und auch Paula zitterte … Eben noch waren ihre tiefblauen Augen aufgeschlagen und blickten gen Himmel, den Augen einer Seherin gleich … Jetzt senkten sich die langen schwarzen Wimpern …

Aber ach! nur Katharina von Siena war es, die Heilige, die vor Bonaventura stand … Sein zages, nazarenisches Herz erinnerte sich schon wieder: Dieser Blick gilt dem Himmel, dem Kloster! Er gilt deinem Stande! …

Doch nur einen Augenblick beherrschte er sich so … Bald fühlte er neubelebende Wonne … eine Wonne seltsamster Glut, seltsamster Gedanken, seltsamster – Verirrungen sogar! Franz von Sales, der Heilige, stand vor ihm, vor dem ja auch einst eine Frau von Chantal kniete … Eine Gattin, eine Mutter verließ ihre weltlichen Lebensbeziehungen, um dem Heiland zu dienen, dessen – einziger Apostel ihr dieser Bischof von Genf erschien! Und auch dieser nannte sie seine Philothea! Wo ist die Grenze der göttlichen Andacht und der Anfang menschlicher Liebe in den Briefen, die sie sich geschrieben haben? Ihr Gebet ging vielleicht wirklich empor zu Gott, doch sie beteten zusammen! Sie stiftete ein Kloster, er hütete es … Sie starb, Franz von Sales segnete den Sarg … sein Inhalt verweste nicht … nach hundert Jahren öffnete man ihn … da war alles Asche … nur das Herz war unversehrt geblieben … Dies Herz … Kann es geirrt haben in jenem Irrthum? … Gelogen in jener Lüge? Paula, Paula – meine Sinne schwindeln – solltest du mir wirklich vielleicht gehören können gerade, gerade – durch den geistlichen Stand? …

Das war ein furchtbarer, frevelnder, romgeborener 264 Gedanke … ein Gedanke der Sünde, der Lüge gegen Natur und Gelübde …

Aber dieser Gedanke – und sollten die Donner um ihn her rollen und Blitze zucken – durchzitterte ihn doch … Seine Pulse flogen, seine Lippen bebten … schon wagte er das bedenklichste aller Worte, das er in solcher Stimmung nur sprechen konnte:

Paula – wenn sich – die Urkunde – fände – wenn Sie dann, wie man allgemein glaubt – sich entschließen müßten – wirklich Ihre Hand – einem Manne zu geben – der doch nur – aus Standesrücksichten –

Paula hatte diese Worte eben abwehren wollen … Sie wollte sie abwehren fast wie verkörperte Wesen, die schon eine Handbewegung zurückstoßen konnte … Sie hielt, am geöffneten Flügel sich mit der Rechten haltend, die Linke dem Sprecher, dessen Athem schon ihren Mund berührte, bebend entgegen … ein Moment noch und der Bund der Herzen war geschlossen … ein Abgrund geöffnet, der Vorhang seines Allerheiligsten zerrissen, der „Bau der Kirche“ zertrümmert …

Da trat eine Störung ein … Draußen gingen lebhaft aufgerissene Thüren …

Jetzt erst erkannten beide, daß es um sie her völlig Nacht geworden war …

Armgart trat stürmisch herein … Sie kam im Hut, mit Pelzüberwurf, von der frischen Luft wie ein rosiger Apfel geröthet … Sie war zwei Stunden Weges nach Heiligenkreuz zu Fuß gegangen und schon wieder zurück …

Hinter ihr her kam Terschka … gleichfalls in einem Pelzrock, den ein grünes Schnurwerk zierte … Spo-265ren klirrten an seinen Füßen … er riß eine Jagdmütze ab …

Terschka hatte, das erfuhr man, Armgart auf Heiligenkreuz, wohin gerade auch ihn jener Brief aus Witoborn abgerufen hatte, angetroffen und sie wieder zurückbegleitet – zu Fuß – über den gefrorenen Schnee hinweg … Sein Roß mußte erst der neu angenommene Dionysius Schneid (dem sein Verkehr auf dem Finkenhof eine ernstliche Verwarnung zugezogen) aus Heiligenkreuz zurückholen. Terschka hatte es stehen lassen, weil er nicht neben Armgart reiten mochte, während sie zu Fuße ging. Sie erklärte, ihn unterwegs sprechen zu müssen; sie war in einer unbegreiflichen Aufregung. Auch das Fräulein von Tüngel-Appelhülsen war in der That bei Frau von Sicking … Es geht etwas vor! sagte sie sich … Es geht etwas vor! wiederholte sie drohend … Sie wollte wieder nach Westerhof zurück. Da hieß es, Thiebold wäre noch im Stift und könnte sie begleiten … Nun erst recht hätte sie nicht bleiben mögen … So ging sie mit Terschka, der gekommen war, mit dem Verwalter einige dringende Rücksprachen zu nehmen … Hätte Terschka gesagt: Setzen wir uns doch beide aufs Roß und jagen nach dem Schloß der Frau von Sicking! – sie hätte es gethan … Daß sie ermüdet wäre, unmöglich den Weg zu Fuß machen könnte, wollte sie nicht hören … Terschka erzählte alles das jetzt wieder, erzählte es dem überraschten Paar und war dabei in einer Aufregung, die beiden nicht entgehen konnte, und übersah die ihrige … Armgart verschwand auf ihrem Zimmer … Alles das bemerkte auch Bonaventura, begriff es aber nur halb; ihm fehlte jede Sammlung; selbst 266 mußte er entfliehen … Zwei Worte noch an Paula, die ihn mit holdseligst verlegenem Lächeln, mit jener Vertraulichkeit wie für alles, was ein Weib auf Erden und im Himmel dem Manne nur sein kann, ansah, und er war verschwunden.

Hinaus stürmte er in die schon hereingebrochene Nacht … Nichts von einem Wagen, dessen Anerbieten man ihm nachrief, hörte er … Schon war er unten an der Hauspforte … Wie die eisige Luft seine heiße Wange streifte! Wie er fast die Locken, die er sonst trug, noch im Winde flattern fühlte! … Ein Geist des Trotzes, der Herausforderung an die Ordnung aller Dinge war über ihn gekommen … Er hätte das Geländer der kleinen Brücke einreißen mögen, an das er sich halten mußte, als er den hartgefrorenen, glatten Weg beschritt … So flog er dahin … Erst allmählich wurde es in ihm ruhiger … Jetzt hätte er Musik hören mögen, rauschende, vollgestimmte – allmählich würde ein einziger süßer, sanfter und wenn den Tod bringender Accord seine ganze Empfindung ausgedrückt haben …

So kam er im Pfarrhause an. Es war tiefdunkel; sein Zimmer nicht erwärmt; Müllenhoff nicht anwesend. In dessen Zimmern wartete er so lange, bis oben bei ihm die erwärmende Flamme loderte …

Wie todt standen doch die Bücher da an den Wänden! Wo er hinsah, war von Strafe, vom Kirchenbann die Rede … Er hörte im Geist das schütternde Gelächter Müllenhoff’s, wenn er seinen eigenen Einfällen applaudirte, und lachte selbst … Er hörte, wie ihn sein College jetzt nennen würde: Salonschlupfer, Lavendel-267seele … Er lachte … „Lieber können sechs Straßenlaternen eingehen, als ein ewiges Licht in einer Kapelle!“ Das war heute früh ein Müllenhoff’sches Wort gewesen, das ihm beim Schimmer der ihm jetzt vorangetragenen Lampe einfiel … Er lachte … Und oben, oben in seinem Zimmer fand er zu seiner glückseligsten Ueberraschung dann einen Brief – aus Kocher am Fall – vom Onkel Dechanten …

Nie noch hatte er so nach den geliebten Zügen gegriffen … Nie noch war ihm so viel Musik entgegengerauscht und so viel Duft entgegengeweht, wie heute aus dem feinen Papier, aus den zierlichen halb arabischen Buchstaben dieser Handschrift, aus dem langen, reichen Inhalt … Wie beglückend stimmte das alles zu dem Bilde Paula’s, das nicht von seiner Seite wich … Die Magd brachte den Thee … Die Lampe verbreitete einen tieftraulichen Schimmer (Lampe, Service, Sofa, alles kam von Schlössern und Höfen der Umgegend und war von ausgesuchter Gediegenheit) … Paula saß neben ihm im Geiste und sprach mit ihm im Geiste und ihr Schatten huschte an den Wänden geschäftig sorgend hin und her; er hatte eine Geisterehe geschlossen … Als er allein war, sprach er leise mit seinem Weibe, redete es an und sagte: Paula! Meine süße, süße Paula! … Dann schlug er sich an die Stirn, aber so sündigte er fort und fort – er hörte nicht auf an sie zu denken, ihrem Athem zu lauschen, ihre Hand zu streifen, hinaus in die Luft, ins Leere Küsse zu geben – was sollte ihn denn erschrecken, jetzt wo er die Dechanei um sich hatte, des Onkels Devise hörte: „Ich mach’s doch so leicht!“ Die grünseidenen Decken und Gehänge in dem Arbeits-268zimmer der Dechanei sah er; die sanften Rollenthüren gingen, wie wenn Frau von Gülpen eintrat oder Windhack einen Besuch oder eine Constellation des Himmels meldete … Er las – las, wie wenn eine neue „Nichte“ ihm und dem Onkel Klavier spielte …

Lieber Alter! schrieb der Onkel. So bist Du denn auf dem Schauplatz Deiner ersten Jugend angekommen und grübelst vielleicht, ob in den alten Kirchenvätern das Schlittschuhlaufen verboten ist! Ich habe Dich sonst oft genug auf dem Ententeich zwischen Borkenhagen und Westerhof dahingleiten und unserm alten Friesenursprung durch graziöse Zickzacks Ehre machen sehen – Nun siehst Du, die Apostel wußten nichts von zwanzig Grad Kälte, wie konnten sie vorschreiben, ob ein junger Domherr Schlittschuhlaufen darf u. s. w. u. s. w. Sage nur: Wie platt, wie rationalistisch oberflächlich ist das wieder! Gut! … Ich beneide Dich zuvörderst um diese Triumphe, die deine Rechtgläubigkeit feiern wird, vorzüglich unter denen Weibsen! … Fühlst Du’s denn endlich, wie schön diese Veranstaltung Gottes ist, daß es Wesen gibt, die an der ganzen Weltgeschichte unbetheiligt bleiben und Alexander, Julius Cäsar und Innocenz III. nur auffassen unter dem Gesichtspunkt, ob solche Leute den Kaffee theurer machen, die Verlobungskarten seltener, die laufenden Moden durch plötzliche Trauergarderoben unterbrechen und dergleichen? Bewundere diese Geistesgegenwart, mit der mitten in unsern Schmerz hinein und während die Männer noch ohne jede Sammlung stehen, die Frauen schon wieder bei einem Sterbefall ihr schwarzes Seidenkleid bestellt haben! Sieh, so haben 269 mich die jugendlichen Regungen meiner Petronella in Erstaunen versetzt, die zwar von ihrer leiblichen – lies nicht etwa: lieblichen – Schwester nichts geerbt hat, aber dennoch „Schanden halber“ bereits in das zweite Stadium des äußern Schmerzes, in den grauen mit Violettschleifen eingetreten ist! Studire Weltgeschichte im Stift Heiligenkreuz! Zwanzig weibliche Wesen, die ohne Zweifel Deine Heiligkeit bewundern und vielleicht auch Dich endlich an die Wahrheit des Satzes erinnern werden: Mulier est hominis confusio!

Ich sehe Dich aber auch, lieber Sohn, wie Du Dich endlich aus Blumen und gestickten Tragbändern und Portefeuilles herauswindest und wieder Deinen feurigen Wagen des Elias besteigst, zunächst die Stufen des Altars und der Kanzel zu Sanct-Libori, dann wol auch die Treppen zu den Regierungscollegien, wo Du – „Gutes wirken“ willst! Ach, mag Dir’s dabei nur nicht so ergehen, wie mir damals, als ich wirklicher Dechant war und ein lutherscher Regierungsrath mir unter eine Rechnung für Oel, Wachs, Wein und Salz beim Salze regelmäßig beischrieb: „Ich frage wiederholt: Gehört denn in die Cultusrechnungen auch die Naturalverpflegung der Herren Pfarrer?“ Wußte der Kerl nicht, daß zu unsern Taufen Salz gehört! Er glaubte, die Rechnung der Köchin hätte sich in die für das Cultusministerium verirrt. Ich schrieb damals an den Rand: „Salz ist ein gutes Ding; so aber das Salz dumm wird, womit soll man würzen! Lucä 14, 34.“ – Du freilich wirst durch solchen „Druck“ auf unsere „arme“ Kirche nicht zum „Rechtgläubigen wider Willen“ gemacht werden; denn nur Römlinge sehen nicht ein, welche ver-270besserte, wahrhaft glänzende Lage gegen früher wir bei alledem in partibus infidelium haben … Doch nichts vom Kirchenstreit! Was sagst Du zu dem noch immer unter polizeilicher Aufsicht stehenden Hunnius? Neulich rief er vor einer Gemeinde, die leider nicht die zu Sanct-Hedwig in Berlin war, sondern nur die Stadtkirche in Kocher am Fall, sage die Stadtkirche in Kocher am Fall!: „Sanct-Paulus war seines Zeichens ein Teppich-, kein Schleier-Macher!“ Diese feine Anspielung auf Professor Schleiermacher in Berlin fiel natürlich bei uns ganz auf den Weg.

Bona, ich warne Dich nur, Deinem Diöcesanklerus nicht etwa in jugendlicher Begeisterung Conferenzen vorzuschlagen, schriftliche Arbeiten zum Circulirenlassen, Lesecirkel, eine Archipresbyteriatsbibliothek und ähnliche Reformphantastereien, die uns arme Einsamkeitsschlucker und Trübsalbläser erheben, zerstreuen und bilden sollen! Du dringst damit nicht durch! Stelle Dich blind und taub für alles, was Du sehen und hören wirst! Unsere Kirche bessert sich einst, aber nur durch große Revolutionen. Bis dahin emancipire sich ein jeder für sich, mache sich zu einem kleinen Privat-Pantheon der gesunden Vernunft und soll ich Dir rathen, suche Dir in Witoborn höchstens nur die allerältesten Priester heraus, alte säcularisirte Benedictiner, einen alten Kapitular, der vielleicht ein armseliges Zimmerchen im Seminar bewohnt, nur um seine Einkünfte für ein paar Schwestern zu sparen. Da wirst Du vielleicht noch einen oder den andern Menschen finden von Gemüth, von herzverklärtem Geist, von lieben alten plauderhaften Er-271innerungen an eine Zeit, wo Lessing seinen „Nathan“ auch für uns gedichtet hat und mancher junge katholische Priester lieber eine schöne luthersche Predigt von Spalding und Reinhard ablas, als selbst eine viel weniger schöne schrieb. Da ist im alten Jesuitenstift ein Gang, wo alle Generale der Jesuiten abgebildet sind! Sieh sie Dir an! Einer schaut pfiffiger aus, als der andere; die Spanier sind besonders schlau, die Deutschen von einer kläglichen Unverbesserlichkeit, sämmtlich, wie es scheint, aus der dümmsten Gegend Deutschlands, aus dem Innviertel; nur einen sieh Dir recht an, der hat eine furchtbar lange Nase, scheint mir jedoch der gutmüthigste von allen. Die Nase ist ganz nur die Ablagerungsstätte für die Schnupftabacksdose. So sah der alte Rector dort aus, als ich bei Witoborn lebte und ein alter lieber Freund von mir, ein ehemals jüdischer Gelehrter, den ich in Paris kennen gelernt hatte, dort convertirte und ins Seminar trat … A propos, solltest Du unsern harmonietrunkenen Herrn Löb Seligmann von hier sehen: die Hasen-Jette läßt ihn grüßen und von seinem Davidchen anzeigen, daß dessen Beine sich stärken und sein Geist von Tag zu Tag dem des jungen Samuel ähnlicher wird … Findest Du unter den Priestern einen solchen kleinen alten dicken Mann mit langer Nase und einer Schnupftabacksdose in der Hand, dann grüß’ ihn von mir, er kennt mich gewiß. Der alte Rector freilich ist jetzt todt …

Sonst – wenn Du arme Kaplane siehst, für die das Wort Stolgebühren bisher nur erst im Examen vorgekommen ist und die am „Freitisch“ bei ihrem Pfarrer 272 verhungern müssen, nun, immerhin, lege für mich aus, Bona, falls Du auf anständige Art einige ihrer drückendsten Schulden tilgen willst und wende ihnen Meßstipendien zu, soviel nur Seelen am Vorhof des Himmels schmachten, und laß die armen Tröpfe nicht herumlaufen und um Messen betteln und bei jedem Sterbefall lungern, ob auch für sie ein Knochen von den zweihundert gestifteten Erlösungsbitten à 10 Silbergroschen abfällt! Und findest Du am Münster in Witoborn auch so arme, blasse, heisere Vicare, die statt der bequemen Domherren Brevier singen müssen und schon um den letzten Ton in ihrer Kehle gekommen sind (könnte doch Löb Seligmann aushelfen!), so zeig dem Bischof die stummen Opfer Roms und seufze immerhin in meinem Namen vorläufig wenigstens um deutsche Sprache statt lateinischen Gesangs! … Lebt denn dort noch die Quart? Muß denn auch da jeder neuernannte Pfründner den vierten Theil seines Einkommens dem Bischof zinsen? O würde das Geld doch angelegt für eines Priesters alte Tage, wo er freudlos, ohne liebende Hand, die für ihn sorgt, ohne ein Herz, das seine grämelnde Laune erträgt, in das Eremitenhaus ziehen muß oder in einen alten Profeßhof kommt, diese Invalidenhäuser der römischen Armeen, wo es zwar keine Stelzfüße, aber arme unglückliche Seelenkrüppel genug gibt! Bona, Bona – nun komm’ ich doch in die Reformen! Man sagt, unterm Mikroskop wäre unser reinstes Quellwasser voll garstiger Infusorien – und Windhack behauptet das auch und verleidete sich dadurch schon zu lange das Wasser und trinkt fast zu viel vom Kocherer Wein –; aber an dem Sold, von dem der Priester sein Dasein bestreitet, läßt man ihn täglich zu schaudervoll sehen, 273 wo er herkommt, läßt ihn zu naß aus allen Taufbecken in unsere Hand gleiten, wo auch noch jeder Seufzer oder Fluch der Armuth frisch am Gegebenen klebt … Schule und Kirche möcht’ ich doch so lange, bis die Heiden oder andere Apostel kommen und eine neue Religion bringen, vom Kleinhandel des eigenen Erwerbs befreit sehen.

Priesterwürde! Das laß ich vorläufig gelten! Aber sieh’ Dich nur recht um und überzeuge Dich, wie jetzt nur ein ganz gewöhnlicher Unzufriedenheitsstoff, der in der Welt lagert und sich gern möglichst loyal und ohne zehn Jahre Festung austoben möchte, diesen neugepredigten Anhalt an Rom sucht! Der Jakobiner versteckt die rothe Mütze unter der Kapuze, der Provinzialgeist stemmt sich wider die Centralisation, den katholischen Plattdeutschen beschämt das vornehme Air des luther’schen Hochdeutschen, der Jurist vom Code Napoléon will nichts vom Landrecht, die Fürsten im Süden fürchten die Kraft der Fürsten im Norden; blos das, das, das gibt den feurigen Teig des jetzigen Umschwungs wie bei der Bildung der Erdrinde. Die Jesuiten und Jesuitengenossen kennen das alles und kneten den Teig und machen sie auch nur kleine Agnus Dei daraus, all ihre Süßlichkeit riecht nach Pech und Schwefel … Du wirst Geistliche bei Witoborn sehen, die so liebfromm sind, daß sie sich nicht mehr die Zähne putzen, blos, weil sie fürchten, dabei Morgens, ehe sie nüchtern Messe zu lesen haben, etwas Wasser zu verschlucken! … Und worauf beruht diese Dumpfheit des Geistes bei den Bessern? Auf dem Glauben, daß man – Vater, Mutter und Heimat kränke, wenn man irgendwie vom Althergebrachten abgehen wollte! Dem Gemüth schließen sich auch hierin Eigensinn und 274 Eitelkeit an. Man glaubt, daß man von der Aufklärung wegen äußerlicher Dinge verspottet werde, wegen seiner Aussprache, wegen seiner dürftigen Gegend, wegen der Zurückgebliebenheit seiner Städte … Nun trotzt man, doch auf seinen einsamen Höfen und Kampen die Lerche so gut trillern hören zu können, wie im schönsten Schweizerthal, trotzt, daß man in seinen dürftigen Städten doch manches liebe mit wildem Wein bewachsene Haus kenne, manches Fenster, wo Mädchenköpfe auch hinter Blumen herausschauen, wenn auch hier die Liebe nur plattdeutsch spräche … Und so hält man denn mit Zähigkeit gerade fest an seinem Zopf! Das ist mit unserer Kirche überall so, seitdem die Reformation in dem stattlicheren Gewand der Wissenschaft und Bildung einhergehen durfte. Ueberall erscheint die Ketzerei den Leuten als eine Verhöhnung nicht etwa des Glaubens, man gibt bedenkliche Schäden an ihm zu, sondern als ein Geringachten – der vielen anderweitigen Gemüthlichkeiten, die sich für den Menschen an seine Jugend, an – seine liebe alte Großmutter anknüpfen …

In Deutschland, laß mich in einem Briefe, wie ich ihn seit Jahren so lang nicht schrieb, fortfahren, in Deutschland sollte nun die Bildung und die gemeinsame Geschichte unsers Volks längst diesen Zwiespalt aufgehoben haben! … Aber jetzt sieh, wie gesorgt wird, daß der Bruch ein ewiger bleibt! … Du wirst im ganzen Stift Heiligenkreuz vielleicht nur ein einziges verstecktes und bestäubtes Exemplar vom Goethe, zwei oder drei Exemplare vom Schiller finden, dagegen alle Blumenlesen, alle nervenangreifenden Kräuterapotheken 275 unsers Beda Hunnius … Ich weiß nicht, ob es in Westerhof jetzt besser ist. Graf Joseph ging über Stolberg’s Horizont nicht mehr hinaus. Levin von Hülleshoven ist ein geistvoller, unterrichteter Mann, schrullenhaft jedoch und höchst afterklug. Die Sicherheit, mit der er sich schon vor vierzig Jahren auf den Bau der Pyramiden verstand, während ihm jeder Backofen, den er bauen ließ, zusammenfiel, wird sich bei seinem Leben unter lauter Frauen nicht gemindert haben. Abenteuerliche Gelehrsamkeit ist alldort ein besonderes Steckenpferd. In jedem Dorf wirst Du die rechte Stelle finden, wo Hermann den Varus schlug. Ist es zweifelhaft, wo das Midgard der Asen lag, wird man immer gegründete Vermuthung für ein Torfmoor bei Eschede oder eine Wiese bei Lüdicke haben. Dieser hinter Vaterlandsliebe sich versteckende Hochmuth ist – allen Deutschen eigen! Er kommt bei keiner Nation so vor, nur Levinus würde vielleicht hinzusetzen: „Bei den Tschippewäern“ … Noch immer sitzen gewiß die Frauen dort und lauschen solchen Orakelsprüchen und auch Männer genug gab es, die vor der Weisheit des Barons von Hülleshoven den Hut abzogen … Die Kunst ist bewunderungswürdig, mit der der Mensch versteht sich eine Gemeinde zu bilden! Selbst Windhack versteht das. Windhack und Levinus ziehen eben nicht die Gelehrten in ihr Vertrauen, sondern die Fischer, die Zöllner, die Teppichmacher, nicht die – Plato und Schleiermacher – doch genug von diesem Kapitel – –

Ich komme auf Westerhof zu sprechen, weil ich möchte, daß Du Deine liebevolle Versöhnlichkeit anwendest, um 276 eine Ausgleichung herbeizuführen zwischen dem Ehepaar Ulrich und Monika. Ich höre, daß die Comtesse Paula Wunder verrichtet und in die Zukunft sieht. Bisjetzt hab’ ich noch in allem, was ich davon erfuhr, zu viel Aberglauben der dort landesüblichen Sorte gefunden. Du wirst wol so gut sein, mich darüber ins Klare zu setzen; denn an und für sich hab’ ich allen Respect vor den geheimnißvollen Ein- und besonders den – Ausgangspforten aus unserm räthselhaften Dasein – Sonst würd’ ich Dich bitten, das schöne junge, Dir theure Wesen zu ersuchen, sich bei den Schicksalsmächten zu erkundigen, was über diese Verwickelungen beschlossen ist. Was wir hier so aus unsern sichtbaren Gestirnen entnehmen können, ist die kurze und bündige Absicht des jüngern, minder gelehrten, doch willensstärkeren Ulrich von Hülleshoven, nächster Tage nach Witoborn zu kommen, auf Westerhof ein kurzes und bündiges Wort zu sprechen und sein Töchterlein Armgart an sich zu nehmen. Zugleich flattert wie eine Taube um ihr vom Geier bedrohtes Nest auch die Mutter und wird, wie sie mir schreibt, nicht verfehlen, das zu beanspruchen, was ihr gehöre. Da könnten denn also diese zwei Menschen sich gegenübertreten und nach meiner Meinung die oft im Leben vorkommende Scene aufführen, daß sich zwei Leute gerade deshalb nicht verstehen, weil sie aus einem und demselben Stoff geschaffen und gerade füreinander bestimmt sind. Denn in der ersten Liebeszeit sucht man sein Gleichartiges – Du kennst das nicht – in der zweiten Liebeszeit sucht man sein Gegentheil und in der dritten Liebeszeit kommt man auf den richtigen Instinct der ersten Liebe wieder zurück und will nur das, was unserer 277 Natur gleichartig ist. So ging es diesen zwei Menschen. Ein Zufall verband sie und sie gehörten sich einander. Da kam eine Willensprobe und sie scheiterte an ihren harten Köpfen. Jetzt scheinen sie vollkommen reif, sich gerade so zu lieben, wie man sich eben noch liebt, wenn man Kinder hat, die schon selbst wieder von Liebe sprechen. Auch das trifft zu: Jede Liebe, die sich in spätern Jahren noch bewähren soll, muß eine andere Nahrung haben, als die der erste Jugendlenz schon allein in seinem schönen Blütenduft findet. Ein Drittes muß sie haben, um dessentwillen sie da ist, um dessentwillen sie sich bewährt, nicht blos die übliche „Brücke“ der Liebe zu den Kindern, sondern eine Idee und wäre es die Erziehung dieser Kinder, eine Erziehung höherer Art, eine mit Bewußtsein und Gedanken. Immer hab’ ich gefunden, daß zuletzt doch in den gleichen Ideen eine unendliche Bindkraft liegt. Zwei Feinde, die sich auch nur Einmal in einer gleichen Idee begegnen, können sich versöhnen.

Bis zu Mariä Verkündigung bleibst Du wol noch in der dortigen Gegend; zur Osterzeit werden sie Deine Schultern in der Kirchenresidenz brauchen. Ich werde bald meine dreijährige „schwere Arbeit“ antreten und auch meine „Visitation“ an der Donau halten. Frau von Gülpen zittert schon wieder, mich Windhack allein überlassen zu sollen, sich zu denken, daß ich bei meinen alten Kreuzsternordensdamen eines Abends sanft beim Whist einschlummere, ein à tout in der Linken, ein „ich passe“ auf den Lippen … So ging ich am liebsten heim! … Aber das kommt mir bei dieser Reise noch nicht, ich weiß es; ich habe die Ahnung, daß ich noch viel böse Ungewitterwolken 278 sich entladen sehen soll. Der Oberprocurator Nück bot mir eine Commission an, die ich ablehnte. Cardinal Ceccone kommt von Rom als apostolischer Nuntius an die Donau. Ihm und dem großen Staatskanzler will man die Lage des gefangenen Kirchenfürsten und die Zukunft Deutschlands ans Herz legen. Don Tiburzio Ceccone zu sehen wäre mir von Werth; aber von seinem Munde dann auch hören zu müssen, was geschehen soll, um in das Vaterland Leibnizens und Kant’s die Luft hinüberzuleiten, die man in den Hörsälen des Collegio Romano athmet – das könnte mein à tout beschleunigen. Uebrigens droht mir bei alledem eine gewisse Beziehung zu Rom. Auch Dir dürfte sie nahen, wenn Dich Dein Stiefvater in Vertraulichkeiten einweihen sollte – ich lese soeben, während ich dies schreibe – der Kronsyndikus ist gestorben! …

Ruhe seiner Asche! – – –

Sorge, daß bei allem, was jetzt etwa zur Sprache kommen könnte, nur Priester zugegen sind; denn darin hatte Benno Recht: Der Beichtstuhl – – –

Genug für heute! Grüße ihn von mir – meinen armen – Zigeunerknaben! Wer weiß, ob ich jetzt nicht endlich mit ihm beredsam werden muß, wenn er mir, so wie Du im letzten Sommer, aus Gräbern der Vergangenheit alte Erkennungszeichen – unserer Sünden bringt –! Hast Du nichts mehr von dem Leichenräuber vernommen? … Grützmacher und Schulzendorf sind recht verdrießlich – über verfehlte „Prämie“ …

Spät Abend ist’s geworden – – Musik hör’ ich schon seit lange nicht mehr – Die Tante correspondirt mit ihrer 279 „Familie“ und will mich durch eine noch immer nicht entdeckte Nachfolgerin ihrer letzten „Nichte“ überraschen. Diese letzte … kam, hör’ ich, um – Deinetwillen! … Bona, Bona, ich hätte die nicht von mir gestoßen … Drei Tage war sie bei uns und sie sind eingeschrieben in die Chronik der Dechanei wie mit Flammenschrift … Selbst den Tod des Lolo (von dem Du wol noch nichts weißt) schreibt die Tante auf Fräulein Schwarzens Rechnung … Mit Beda Hunnius correspondirte sie und die Regierungsräthe lasen – und belachten alle diese mit Beschlag belegten Briefe … Um so stolzer erhebt sie ihr Haupt … Ich höre, sie beherrscht das ganze Kattendyk’sche Haus und niemand mehr, als – den Oberprocurator …

Deine Liebe muß also – goldene Locken tragen? Muß – im Mondlicht wandeln? … Seltsam! Seltsam!

Zerreiß diesen Brief nicht, sondern – verbrenne ihn! Man hat Fälle, daß zerrissene Briefe immer noch gegen uns zeugen können, falls man auf den Gedanken käme, nach unserm Tode uns heilig zu sprechen … Ich glaube, Petronella setzt alles, was sie hat und doch noch zu erben hofft, daran, mir nach meinem Tode diese unverdiente Ehre zuzuwenden …

Ich habe seit Jahren nicht soviel geschrieben … Der Tod des Kronsyndikus versetzt mich – in wehmüthige Aufregung … Lebe wohl, Bona, und denke nur immer, auch wenn Du vielleicht – – in diesen Tagen nicht das Beste von mir vernehmen solltest, ich war schwach – schwach – um der Liebe willen – – Und so fortan wie bislang Dein treuer Onkel.

280 So erheiternd auch anfangs die Stimmung dieses Briefes auf Bonaventura wirken durfte, der Schluß regte zu Besorgnissen und befremdlichem Nachdenken auf …

Dennoch verweilte er nicht zu lange bei den trüben Schatten, die mit diesen Gedankenreihen in sein Inneres fielen. Zu sehr hatte er das Bedürfniß des Glücks und jede Vorstellung nahm bald wieder die holdeste, freundlichste Gestalt an …

So endete der glücklichste Tag seines Lebens.

281 9.#

In ähnlichen, doch zugleich vom tieflastenden Druck der Furcht beschwerten Stimmungen hielt sich auf seinem Zimmer ein Mann, in dessen Inneres wir zum ersten male einblicken wollen.

Nicht lange hatte Armgart in der schwebenden Pein der Ungewißheit über den Onkel und die Tante zu verharren brauchen … Einige Augenblicke später, nachdem Bonaventura gegangen, kamen sie von der Gegend auf Witoborn zurück …

Armgart’s stürmischen Fragen nach dem Ort, wo sie gewesen wären, nach den Nachrichten, die sie mitbrächten, wurden schroffe Antworten zu Theil. Als sie von einer Verabredung sprach, die hinter ihrem Rücken getroffen worden, um sie dem Vater zu überliefern, schwieg man … Aber auch sie verstummte plötzlich; denn Wenzel von Terschka sprach, um einen möglichen Zwist im Keime zu unterbrechen, von ihrer Mutter …

Er nannte Monika von Hülleshoven die Seltenste ihres Geschlechts, einen Edelstein in dem Bunde aller der vortrefflichen Menschen, in deren Nähe er hier zu 282 leben so glücklich wäre, eine Denkerin ohne die Runzeln der Stirn, die dem Gedankenleben zu folgen pflegten und die Leichensteine der Schönheit würden, eine Gelehrte, ohne daß man an ihren Fingern die Dinte sähe, eine Priesterin an den Altären einer noch unausgesprochenen Religion, die alle Menschen verbinden und glücklich machen würde …

Auf dies überraschend enthusiastische Wort ermunterte Paula, die selbst noch wie berauscht war von ihrem geschlossenen Bunde mit Bonaventura, den Sprecher fortzufahren …

Armgart unterbrach ihn aber und sagte aufwallend:

Meine Mutter wird in ihrem wiener Kloster keine andere Religion gefunden haben, als die des dreieinigen Gottes!

Auf diese entscheidende Aeußerung trat eine Stille ein und kein behagliches Gespräch ließ sich heute mehr anknüpfen …

Nach dem Thee trennten sich alle …

Als Wenzel von Terschka auf seinem Zimmer war, machte es ihm der Diener so zurecht, wie der „Rittmeister“ seither gewohnt war immer den Abend noch zuzubringen … Vor Mitternacht ging er nie zur Ruhe … Zwei Zimmer mußten erleuchtet sein … Auf drei, vier Tischen mußten Lampen stehen; denn auf jedem lag ein Actenstoß von diesem oder jenem Inhalt – zu verzweigt war die Geschäftsthätigkeit, der er sich zu widmen hatte …

Geschäftlich war ihm seither alles vortrefflich ge-283gangen … Er konnte seinem Gönner und Freunde Grafen Hugo, er konnte der Mutter desselben, jetzt auch schon an Monika Berichte voll erfreulicher Ergebnisse schicken. Die letzten Chicanen, mit denen Nück noch drohte, waren durch seinen Bevollmächtigten, Benno, gemildert worden. Benno verfuhr mit Entschiedenheit, vermehrte jedoch die Schwierigkeiten nicht. Die Parcellirung war von der Regierung genehmigt. Löb Seligmann hatte die einzelnen Bestandtheile taxirt und schon Angebote vermittelt. Seligmann war hin und her; für seine Geschäftsthätigkeit hatte er eine neue Provinz erobert; kehrte er nach Kocher zurück, so blies er sich schon jetzt das Horn einer Extrapost für die letzte Station, auf der er diese kleine Prahlerei sich gestatten wollte … Endlich wurde eine bedeutende Geldsumme sogleich flüssig durch die an Thiebold de Jonge verkauften Waldungen … Nach Ostern konnte der neue Besitzstand vollständig angetreten werden.

Anfangs war in diesem Kreise Terschka der, der er überall gewesen. Ein Mann von vierzig Jahren und doch noch jugendlich; eine Natur, unheimlich manchem, weil er niemanden Stand hielt, doch erweckte er auch niemanden Furcht oder Besorgniß. Man konnte ihn nur nicht festhalten. Etwas Unstetes lag in seinem ganzen Wesen. Gefällig war er gegen jedermann. Seiner schmächtigen, zierlichen, gewandten Gestalt stand es, da einen Strickknäuel aufzunehmen, dort einer Cigarre Feuer zu geben und dabei doch schon wieder einen Befehl zu ertheilen, den er halb schon selbst ausführte. Thiebold fand ihn sogleich superlativ. Terschka schoß einen Vogel im Fluge, 284 selbst im währenden Reiten. Seine Kunst, die Pferde zu zügeln, war der Gegenstand allgemeiner Bewunderung. Dennoch sagte Benno gleich, nachdem er ihn einige Tage lang beobachtet hatte: Dieser Mann ist nicht schlecht und doch hat er kein gutes Gewissen! …

Von der verfehlten Begrüßung der Gräfin Erdmuthe war Terschka ganz in der Aufregung zurückgekehrt, die der letzten geheimen Zwiesprache zwischen Monika und der Gräfin entsprach, die den Uebertritt derselben zum Lutherthum und eine Vermählung mit Terschka wünschte. An dem Abend bei Piter Kattendyk hatte er ganz wieder in das Innere dieser jungen Frau blicken können, die sich, wie Luther sich aus Rom die Reformation, so aus einem Kloster die Freiheit des Denkens geholt hatte. Er begleitete sie, noch vor dem Auflauf in den Straßen, noch vor dem militärischen Conflict mit den Vereinen, in ihr Hotel, mußte aber Abschied nehmen, da seine Rückreise eines Gerichtstermins wegen unerläßlich war … Nun schrieb er ihr … Sie antwortete … Es waren Briefe der Convenienz, wirkliche oder gesuchte Geschäftsanfragen … Monika antwortete kurz und wich Dem aus, was ihre Empfindungsweise hätte misdeuten können … Terschka hatte keine Berechtigung, auf das Herz dieser Frau zu rechnen … Eine Frau empfindet bald, ob eine Werbung aus dem tiefsten Bedürfniß des Herzens oder nur aus der Phantasie entspringt … Letzteres schien bei Terschka der Fall. Diese seltsame Naturerscheinung, silbergraue Locken auf einem halben Mädchenantlitz, körperliche Reize verbunden mit einem durchaus geistigen Leben – Terschka hatte sich in den Strudeln 285 der Welt genug umgetrieben, um diese Verbindung neu und anziehend zu finden. Wie Terschka auch jugendlich aussah, im Grunde war er ermüdet. Vielleicht hätte er eine edlere Ruhe finden mögen. Vielleicht hätte er gern die Waffen der List und der Kühnheit, die er zwanzig Jahre lang geführt, niedergelegt zu den Füßen einer Liebe, die ihn dann immerhin hätte tyrannisiren mögen. Vielleicht hatte er das Bedürfniß, gut zu sein oder sehnte sich nach Erhebung. Frauen, die in sich gefestet sind, vermögen viel. Schon Gräfin Erdmuthe, die Terschka und ihr Sohn, Graf Hugo, vielfach betrogen hatten, hatte ihn gemildert, gezähmt und als dann eine Monika in diesen Lebenskreis eintrat, empfand Terschka für sie wie für ein Wesen, das ihn, so sagte er auch schon in Wien, von sich selbst befreien könnte und neugeboren werden lassen …

Seit einigen Tagen kam in Terschka’s Wesen etwas, was Benno’s Wort vom bösen Gewissen zu bestätigen schien … Vollends seit der Rückkehr vom Leichenbegängniß, seit dem gestrigen Abend im Finkenhof war Terschka wie zerstört … Er unterzog sich seinen täglichen Geschäften, er rechnete unten im Rentamt mit den Beamten, sorgte für die Vorbereitungen der großen Jagd, war heute wieder früh in Witoborn, Nachmittags in Heiligenkreuz gewesen, besorgte seine Briefe, würzte das Gespräch mit Anekdoten, sprach über die Schweiz, Frankreich, Italien – in Rom war er mehr zu Hause, als er zu gestehen liebte – aber seine Sätze waren abgerissen, seine Uebergänge unvermittelt, seine Antworten zerstreut …

286 Gleich gestern Abend, wo er vom Finkenhof heimgekehrt war, hatte er sein Zimmer zugeschlossen, die Lampen, die er angezündet fand, ausgelöscht bis auf eine, hatte die Vorhänge niedergelassen, als könnten die Pappeln von draußen verrätherisch hereinlugen, hatte seine Kleider abgezogen, sich – vor den Spiegel gestellt, das Hemd zurückgeschlagen, den Aermel aufgestreift und – auf den linken Arm in dem Moment sein Auge gerichtet, wo es klopfte … Erbebend stellte er die Lampe nieder, ließ den Aermel herabgleiten und rief: Wer da? … Ein Diener brachte ihm den Brief, den Armgart hatte unterschlagen wollen …

Nur allein dieser Brief konnte ihn zerstreuen und beruhigen … Er erbrach ihn, las ihn, las ihn wieder … Es waren nur einfache Berichte über die Summen, die die Gräfin im Hotel zu bezahlen hatte … Mittheilungen über ihren Aufenthalt, den Monika nicht mehr verlängern wollte, obgleich sie ihn in einem bescheidneren Zimmer des Hotels genommen hatte … Nachrichten über die Ankunft der Gräfin in London und die erste Bekanntschaft mit Lady Elliot … Kleine Neckereien auch über Lucinde, die Monika näher kennen gelernt hatte und die sie ihm um so mehr empfahl, als ihre Schönheit und ihr Geist an jenem Abend ihn ja, wie sie schrieb, sofort gefesselt und an eine glückliche Vergangenheit erinnert hätte – an jenen Pferdeankauf im Holsteinischen für Hugo’s Regiment – Aber nicht ganz fand Terschka seine Heiterkeit wieder … Gestern und auch heute nicht … Der Bruder Hubertus konnte nicht erwähnt werden, ohne daß er erröthete … 287 Soviel er auch heute in der Gegend umherstreifte, er konnte ihm nicht begegnen … er wünschte das und fürchtete es wieder … Zum Kloster Himmelpfort zog es ihn und wieder jagte es ihn gespenstisch aus dessen Nähe …

Zu den Besorgnissen, die ihn erschreckten, kam die Entdeckung, die im Benehmen Armgart’s lag … Warum hielt sie ihn heute so fest nach Paula’s Vision? … Was wollte sie überhaupt schon seit lange mit ihm? … Errieth sie seine Liebe für ihre Mutter? … Mistraute sie dem Briefwechsel, von dem sie sich unausgesetzt erzählen ließ? … Heute war das auf der Wanderung von Heiligenkreuz mit ihm ein Ton gewesen, der ihn völlig befremden mußte … Daß Thiebold und Benno um Armgart warben, sah er, und ein keineswegs zu scharfes Auge gehörte dazu, sich zu sagen, daß letzterer der Bevorzugte war … Und dennoch, dennoch begann Armgart seit einiger Zeit ihm eine Theilnahme zu schenken, die ihn zu verwirren anfing … Was hat nur das seltsame Mädchen? sagte er sich … Auf der Wanderung heute kam sie von der Mutter ab und sprach wie im Traum, bis Terschka ihr geschworen hatte, er wisse nichts von der Nähe ihrer Mutter … Selbst heute Abend ihr: „Gute Nacht, Herr von Terschka!“ – wie klang das so süß und herbe zugleich, so innig und doch so beklommen, so absichtlich und doch so zurückgehalten! …

Heute wieder schloß sich Terschka ein, was er sonst nie that … Wieder konnte er erschrecken vor jedem unerwarteten Geräusch … Dem Diener, der ihm die Zurückkunft des Rosses von Heiligenkreuz meldete, sagte 288 er bei Gelegenheit des Namens Schneid: Ist das Der, der gestern auf dem Finkenhof unter dem Schutz des buckeligen Stammer erschien und falsch gespielt haben soll? … Er hörte aber nicht weiter auf die Mittheilung, daß Baron Levinus dem Vagabunden nur noch eine dreitägige Frist als Probe seiner Haltung gestattet hätte … Bonaventura hatte auf Bitten des alten Tübbicke selbst ein Fürwort für den ihm unbekannt gebliebenen, ja ihn vermeidenden Fremdling eingelegt …

An Monika hatte Terschka jetzt schreiben wollen. Er wollte ihr Vorwürfe machen, daß sie beabsichtigte, wie er von andern hören müsse, in die Gegend zu kommen, ohne ihn in Kenntniß zu setzen. Verdien’ ich Ihr Vertrauen nicht? hatte er sagen und sein ganzes Gefühl ausströmen wollen … O, ich ahne es, Sie werden sich mit Ihrem Gatten verständigen! Ihr liebliches Kind wird Sie beide verbinden! Die Hoffnung meines Lebens ist dahin! …

Nie hatte er so zu Monika gesprochen … Sollte er es heute wagen? … Heute? … In den Stimmungen, die ihn seit einigen Tagen erfüllten! … In diesen aufgeweckten Erinnerungen, in den quälendsten seines Lebens? … In Ahnungen, Schreckensaussichten, die ihm plötzlich gekommen waren bei Nennung des Namens – Bosbeck? Bei Erwähnung jener beiden Knaben, die Hubertus einst aus dem Feuer rettete?

Erzählen wir von Wenzel von Terschka die Wahrheit.

1798 war er geboren und in der That ein Böhme und in der That vom Adel, wenn auch vom ärmsten.

Sein Vater, einer herabgekommenen Familie angehörend, diente zur Zeit der französischen Revolutionskriege im 289 österreichischen Heere und stand bei Kinsky-Ulanen in jener Heerabtheilung, die anfangs unter Wurmser, später unter Erzherzog Karl gegen die französische Republik am Neckar, Rhein, an der Mosel mit abwechselndem Glücke focht. Seines Adels und Alters ungeachtet war seine Stellung nur gering. Er hatte Lieutenantsrang und bekleidete die Functionen eines Regimentsquartiermeisters. Ihm, der auf dem Marsche immer für die sichere Unterkunft der andern sorgen sollte, begegnete es, daß er bei einem Ueberfall selbst von seinem Regiment abgeschnitten und gefangen genommen wurde. Die französischen Armeen hatten sich damals in Nassau und bis nach Hessen hin festgesetzt, der Gefangene blieb am Rhein in der alten Stadt St.-Goar. Seine Lage war hart und zog sich in die Länge …

Es war die Zeit des Rastadter Gesandtenmords, der die Welt mit Entsetzen erfüllte – man fürchtete Rache an jedem gefangenen Oesterreicher … Der Quartiermeister von Terschka war verheirathet. Seine Frau gehörte dem niedern Bürgerstande an. Ursprünglich war sie eine wohlhabende Bäckerswitwe in einer böhmischen Stadt, die in zweiter Ehe ihr Geschäft verpachtet hatte. Die wenig gebildete, kaum halbwegs deutsch sprechende Frau besaß reichlich die Mittel, um dem, wie sie zu ihrem Schrecken in Erfahrung brachte, gefangenen Gatten zu folgen, setzte sich auf die Post, reiste an den Rhein, kam in St.-Goar an, verfiel jedoch, kaum im Wirthshaus abgestiegen, vor Anstrengung und Aufregung in eine Krankheit, die ihr und beinahe auch einem Kinde, das sie unterm Herzen trug, das Leben kostete … Obgleich sie schon in zwei Monaten Mutter werden mußte, hatte 290 sie sich dennoch diese Reise zugetraut… Sie erlitt eine Frühgeburt und sah ihren Gatten, der von der oberhalb der Stadt gelegenen Festung herbeieilte, nur wieder, um für dies Leben von ihm Abschied zu nehmen … Die Wache, die ihn begleitet hatte, stand voll Rührung. Es war ein herzzerreißender Anblick … Die schon an Jahren vorgerückte Frau erlag dem Opfer ihrer Liebe. Wenzel, wie die Nothtaufe das kaum athmende Kind nannte, war ein Siebenmonatkind. Daher die eigenthümliche Unfertigkeit und scheinbare Unreife in seinem ganzen Wesen … Die Hebamme nahm das halbtodte Kind an sich, besorgte das Begräbniß der Mutter, der Vater schrieb um Mittel nach Böhmen …

Eine schmerzliche Zeit verging dem Gefangenen auf der Festung Rheinfels, die oberhalb des Städtchens St.-Goar liegt. Der Rastadter Gesandtenmord schien die Aussicht der Ranzionirung zu vereiteln und ließ eine Abführung ins Innere Frankreichs erwarten. Die aus Böhmen erhofften Gelder blieben aus. Der Krieg wüthete am Main und bedrohte sogar schon Thüringen … Die Hebamme war keine besonders wohlwollende Frau. Sie hatte Noth mit dem schwer zu erhaltenden Kinde und drang auf eine Verpflegung bei andern Leuten, zu der dem Vater die Mittel fehlten …

Ein Mitgefangener hörte das Seufzen und die Klagen des unglücklichen Kriegers, hörte das Schreien seines Kindes, das man ihm zuweilen brachte, und schlug ihm durch die Wand, die ihn von seinem Nachbar trennte, eines Tages vor, das Kind an seine Frau zu übergeben, die heimlich unten im Orte wohne, selbst 291 nur ein Kind hätte und einem zweiten gewiß bis auf weiteres eine treue Mutter sein würde … Für die Heimlichkeit des Aufenthalts seiner Frau in dem Orte gab er Gründe an, die so stichhaltig schienen, daß der Tiefgebeugte kein Arg hatte … Terschka bewegte sich freier, als der Mitgefangene, der kein erwiesener Verbrecher war, sondern nur wegen mangelnder Legitimation, doch streng gehütet, gefangen saß …

Die Noth und die Hoffnung auf baldige Ranzionirung bewogen Terschka’s Vater, auf den Vorschlag einzugehen. Er erkundigte sich nach seinem Nachbar und nun erfuhr er freilich, daß es ein Mann war, den man für einen Gauner hielt. Es war ein Jude. Man vermuthete, daß sein angeblicher Name Sontheimer schwerlich sein rechter wäre, setzte aber hinzu, daß man sich auch irren könnte. Daß seine Frau im Orte lebte, wußte niemand und da Sontheimer zu dringend gebeten hatte, daß sie nicht genannt würde, schwieg der Kriegsgefangene und ließ sein kaum lebensfähiges Kind an den ihm von seinem Nachbar näher beschriebenen Ort, eine enge, dunkle Gasse dicht am Rhein, bringen … Wie die Umstände waren, war das ein Glück für den Kriegsgefangenen, der durch eine so traurige Verkettung von Umständen um seine Freiheit, um sein Weib kam und noch obenein die Sorge um ein Kind vom Schicksal auferlegt erhielt! … Haus und Herd gab es damals für Tausende nicht mehr … Mit den Armeen zugleich zogen die Bewohnerschaften zerstörter und geplünderter Ortschaften mit Weib und Kind und wo sich Waaren und Gelder hingeflüchtet hatten, da lauerte die Nachstellung und der 292 Ueberfall jener Verbrecherbanden, die wie giftige Pilze nach dem Regen aufschossen im ganzen verwüsteten nordwestlichen und südlichen Deutschland …

Der Kriegsgefangene erhielt noch immer seine Freiheit nicht und dachte oft, obgleich der dazu nöthigen Mittel entblößt, an Flucht … Auf der Festung hatte er freieren Aus- und Eingang, als die andern … Der Jude Sontheimer wurde nicht ins Freie gelassen, sondern wie der gefährlichste Verbrecher gehütet, ohne daß man ihm etwas vorwerfen konnte … Seine wilden Flüche erschreckten oft seinen Nachbar … Voll Entsetzen dachte er an die Aufbewahrung seines Kindes in solchen Händen … Besuchte er aber dann wieder Sontheimer’s Frau, so fand er ein schönes junges Weib, das ihn zwar nur halb verstand (sie war eine Holländerin); aber die Ermahnungen des Kriegers wirkten so lebhaft auf ihr Gemüth ein, daß sie oft Thränen vergoß … Da wurde ihm freilich klar, daß es mit Sontheimer nicht richtig stand; er forschte dahin und dorthin, suchte, ob sonst niemand sein Kind an sich nehmen wollte … Aber noch blieb ihm jede Hülfe vorenthalten … Die Spuren einer so weichen Gesinnung bei jener jungen Jüdin bestachen ihn … er ließ sein Kind um so mehr in ihrer Pflege, als sie auch die hingebendste war … Es kostete bei der schwächlichen Gesundheit des winzigen Knäbleins nicht wenig Aufmerksamkeit, sein Leben zu erhalten … Diese Pflege würde ihm in so wilder Umgebung, bei diesen Durchzügen und Einquartierungen von niemand anders gleich liebevoll und uneigennützig geleistet worden sein …

Allmählich entdeckte der Gefangene durch die Wand-293gespräche die wirkliche Gefährlichkeit seines Nachbars … Der Jude beschwor eines Tages den Krieger, den Gefängnißwärter niederzuschlagen und ihm die Schlüssel zu rauben … Würden sie auf diese Art frei, so wollte er ihn „fürstlich belohnen“ …

Nun begriff der Kriegsgefangene vollkommen den Verdacht der Sicherheitsbehörden … Die Welt war damals von Schrecken erfüllt vor jenen großen Verbrecherbanden. Durch die schlechte Justizpflege der Grenzgebiete Deutschlands und besonders der vielen geistlichen Regierungen hatten sich von Strasburg bis zum Niederrhein alle zerstreuten Elemente des Gaunerthums und der Heimatlosigkeit vereinigt und vorzugsweise durch die überwiegende Theilnehmerschaft der Juden wurde bewiesen, wie es sich an der christlichen Gesellschaft rächt, wenn sie die Juden in einem abgeschlossenen Druck, in der Verweigerung der Ansiedelung und freien Erwerbsübung erhält. Man zitterte vor Abraham Picard, der unter hundert Verkleidungen und täuschenden Entstellungen seiner Person immer den Händen der Justiz zu entschlüpfen wußte und von Holland bis zum Spessart mit seinen Genossen und überall versteckten Helfershelfern raubte und sengte .…

Mit sich kämpfend, was zu thun seine Pflicht war, stand der Kriegsgefangene verzweifelnd zwischen dem Verlangen, die Behörden auf die Gefährlichkeit seines Nachbars aufmerksam zu machen und zwischen der Sorge für sein Kind … Voll Vertrauen zum Herzen des jungen Weibes wollte er sie zu Rathe ziehen … Von seiner ihn immer begleitenden Wache geführt, kam er in die 294 Stadt und in jene dunkle Gasse. Er sucht die Pflegerin seines Kindes, tritt in ihr Zimmer und findet die Jüdin entflohen … Mit beiden Kindern war sie seit einem Tage verschwunden … Außer sich, hielt er jetzt mit keiner seiner Enthüllungen, wenigstens über die heimlich in der Stadt anwesende Frau des Gauners zurück. Sontheimer wurde mit ihm confrontirt. Er stürzte auf den Verbrecher zu, den er zum ersten mal in ganzer Gestalt sah, verlangte Auskunft über den Ort, wo sich sein Weib verborgen haben könnte und hörte nun, wie dieser kecke, wilde, trotzige Mensch, von dem er bisher nur den aus dem vergitterten Fenster gesteckten Kopf gesehen hatte, sich mit einer Verschlagenheit herauszureden wußte, daß er aus Furcht vor Rache an seinem Kinde Anstand nahm, noch alles Fernere zu gestehen, was ihm Sontheimer zugemuthet hatte. Listig sagte dieser: Es ist nicht mein Weib gewesen, sondern das Weib eines andern, der mir schuldig ist und den ich in Nimwegen verklagen muß, wenn ich auf freiem Fuß bin! Laßt mich ziehen! Ich heiße Sontheimer, bin ein ehrlicher Mensch und werde euch die Frau in Nimwegen zeigen, wo sie auf der Utrechter Gracht wohnt!

Geschrieben wurde nun freilich hin und her. Aber gerade dem Niederrhein zu und in Holland wüthete die Kriegsfurie. Städte geriethen in Brand; in nächster Nähe waren die Bauern der Lahngegend, Hessens, am Main bis zum Spessart hinauf als Landsturm organisirt, – mitten in die von der Batavischen Republik heraufziehenden Heere hinein konnte sich der österreichische Krieger noch weniger wagen, selbst wenn er entfloh. Aus Sontheimer war 295 nichts mehr herauszubekommen. Auch da nicht, als endlich der Kriegsgefangene frei und mit vorgeschriebener Reiseroute an die Oesterreicher zurückgegeben wurde. Er durfte nicht etwa in seine Heimat zurückkehren, er mußte nach Italien gehen, wo gerade Suworow die Russen und Oesterreicher gegen die Franzosen führte. Mit blutendem Herzen trat er seinen ihm vorgeschriebenen Weg an, ließ bei dem „Maire“ von St.-Goar die Erkennungszeichen des flüchtigen Weibes und seines Kindes zurück, bat einige freundlichgesinnte Herzen um Nachrichten, wenn ihnen eine Kunde käme oder wenn der Jude Sontheimer entlarvt würde, und ging über Mainz nach Baiern, von dort über den Vorarlberg nach Tirol und Italien, wo er in der blutigen, für Oesterreich siegreichen Schlacht bei Novi den Tod fand.

Abraham Picard, der gefürchtete Räuber war es selbst gewesen, der bald nach der Entfernung des unglücklichen Kriegers in seinem Gefängniß auf dem Rheinfels ausbrach und noch eine Reihe von Jahren hindurch der Schrecken des Landes blieb. Jene junge Frau war in der That nicht sein Weib, sie war seine Schwiegertochter. Ihr Mann, sein Sohn Heyum Picard, verschaffte ihm zuletzt die Mittel zur Befreiung, nahm aber schon vorher sein Weib zur Sicherung mit sich hinweg. Abraham starb auf dem Schaffot, als die gemeinschaftlichen Maßregeln aller Regierungen diesem Raubwesen ein Ende machten. In den Niederlanden bildeten sich Freiwilligencorps, um den in ihren Schlupfwinkeln verschanzten Räubern förmliche Treffen zu lie-296fern. Oft nach einer Gegenwehr, deren Heldenmuth einer bessern Sache würdig gewesen wäre, fielen die Häupter der Gefangenen bei den Franzosen unter dem Beil des Henkers, bei den Holländern wurden sie gehängt, manche kamen für Lebenszeit auf die Galeere. Den nur Verdächtigen oder den unzurechnungsfähigen Kindern der Verbrecher brannte man Erkennungszeichen auf die Haut, um sie controliren zu können und ihrer Verstellungskunst zeitlebens sicher zu sein. Die Kinder gab man unter die Obhut beaufsichtigter Familien.

Auf diese Art wuchsen Wenzel von Terschka und Jean Picard zusammen auf in einem holländischen Dorfe hart an der deutschen Grenze …

Die Mutter des letztern erlag den Anstrengungen und den Mishandlungen ihres Mannes Heyum Picard schon vor dessen Gefangennahme auf französischem Gebiet und seiner Abführung auf die Galeeren von Brest. Sie hinterließ ihren Pflegling sowol, wie ihr eigenes Kind der Aufsicht eines ältern Knaben, der bei einem Müller Namens Sterz in Arbeit stand – Hanne Sterz, die wir von den unterirdischen Gängen des Profeßhauses in der Residenz des Kirchenfürsten kennen, war einst das Weib eines Hehlers, der auf einer einsam gelegenen Mühle den Gaunern in die Hände arbeitete. Mittel zum Unterhalt fehlten nicht, sogar die reichlichsten gab es. Dieser ältere Knabe hieß Franz Bosbeck und gehörte jener Familie des Jehu Bosbeck an, eines Christen und ehemaligen Offiziers, den sein dissolutes Leben bis in die Berührung mit den verworfensten Kreisen der Gesellschaft führte 297 und der sogar seinen christlichen Glauben abschwur und Jude wurde. Als seinen und seines Bruders Jan Frevelthaten ein endliches Ziel gesetzt wurde, als eine mit beispielloser Kühnheit ausgeführte Flucht aus einem Thurm in Nimwegen, wo Jehu Bosbeck neunzehn Monate mit den Füßen in Wasser stand, das Signal zu einer gemeinsamen Verfolgung auf Tod und Leben wurde, zogen sich alle zerstreuten Familienglieder, die thätigen und die nur hehlenden, in einem Versteck zusammen, einem Meierhof, der einem Mitverschworenen gehörte. Hier wurden sie umzingelt. Es gab einen Kampf, wie im offenen Kriege. Von Kugeln durchbohrt sanken die Verbrecher, die sich mit Verzweiflung wehrten. Ueber Leichen hinweg stürmten die Corps der Freiwilligen. Die Flammen ergriffen das ganze Anwesen. Das Hauptgebäude, ein stattliches Wohnhaus, war durch die gefüllten, in Brand gerathenen Fruchtscheuern eine einzige Feuersglut. Da war es, wo der vierzehnjährige Müllerbursch Franz Bosbeck, ein Verwandter des Hauptführers, zwei Stockwerke hoch aus den Flammen sprang, in jedem Arm einen Knaben, Wenzel von Terschka im linken, Jean Picard im rechten … Wohlbehalten kam er auf den Boden; die rauchenden Trümmer verbargen ihn in ihrem dampfenden Gewölk, er entfloh, rettete sich zu jener Mühle zurück und als auch diese in Asche gelegt wurde, irrte er mit seinen beiden jammernden Pflegbefohlenen, abwechselnd bald den Einen, bald den Andern tragend, hinaus in Nacht und Verzweiflung … Terschka war damals fünf Jahre alt, Picard etwas älter …

298 Noch zuweilen schreckte Terschka die Erinnerung an diese frühesten Lebenseindrücke wie ein Fiebertraum. Heute waren es wilde, leidenschaftverzerrte Gesichter, wie sie Rembrandt und Honthorst malte, die er bei Laternenschimmer würfeln, Karten spielen, zechen sah … Dann wieder sah er Gold- und Silbergeräth aufgehäuft, Säcke mit klingender Münze getragen … Wieherndes Lachen schallte daher dahin. Plötzlich ängstliche Ausrufe des Schreckens über Verrath … Dann blinkende gezückte Messer, geladene Pistolen … er hörte fluchen aus einer Mischsprache von Holländisch, Deutsch, Jüdisch und Französisch … Nichts aber hatte sich unauslöschlicher ihm eingeprägt, als jener Schreckensaugenblick des Brandes, des Hülfejammerns, des Sprunges aus dem Fenster. Alles das stand noch oft vor seiner Seele und doch war es ihm schon lange, als könnte es nicht gewesen sein und wäre nur die mit der Wirklichkeit verwechselte Erinnerung einer Erzählung. Aber das Schreckenvolle dieser Erinnerungen wurde durch ein auch ihm eingebranntes Mal immer wieder neu bestätigt. Er erhielt dies Mal ein Jahr nach jener Flucht. Zwar hatte sie ein der Hehlerbande zugehörender Scharfrichter aufgenommen. Ein Jahr wohnten sie am Fuße eines Hochgerichts. Hier, wo die Gerippe todter Pferde im Hofe moderten, hier unter den abscheuerregenden Vorkommnissen des Abdeckens, hier unter den Zurüstungen von oft massenhaften Hinrichtungen lebten die drei Flüchtlinge, bis sie dem Scharfrichter zur Last fielen und von ihm der Regierung ausgeliefert wurden. Diese gab ihnen den Stempel und lieferte den ältesten zu Schiffe nach 299 Java; den zweiten gab sie nach Frankreich, wo sein Vater in Brest auf den Galeeren saß; den dritten gab sie einer zufällig in Rotterdam anwesenden Kunstreitergesellschaft. Auch diese Trennung von seinen beiden Gefährten war Terschka unvergeßlich. Der gutmüthige Franz Bosbeck weinte zwar nicht, wie er und Jean Picard thaten, aber er schied von seinen Pfleglingen mit dem Ausdruck des tiefsten Schmerzes.

Wenzel von Terschka war von seinem achten Jahre an bis zum funfzehnten Kunstreiter. Er kannte im allgemeinen seine Herkunft, sie wurde ihm sogar nach den Untersuchungsprotokollen und den Aussagen des Heyum Picard gerichtlich bescheinigt: aber noch lag die Welt in allgemeiner Kriegsnoth und eine Eroberung der Vater- und Heimatsrechte setzte damals, als Napoleon mit Oesterreich im Kriege lag, für ein unmündiges, so wenig empfohlenes Kind niemand durch. Halb Europa durchzog Wenzel von Terschka mit einer holländischen Kunstreitertruppe. Bald war der Knabe der Liebling der Gesellschaft des berühmten Jân van Prinsteeren und auch der Liebling des Publikums. Seine Behendigkeit und Gewandtheit übertraf alles. Im bunten Kleide auf dem Rosse, in Paris, in London, in den Seestädten erregte er Bewunderung, bis er einst in Amsterdam Unglück hatte und ein Bein brach …

Der große Völkerkrieg gegen Frankreich begann jetzt, die Truppe löste sich auf. Ein aus Java heimkehrender Schweizersoldat nahm den langsam Geheilten mit sich nach seiner Heimat, nach dem Canton Unterwalden …

Zu Stanz war es, am Vierwaldstättersee, wo 1816 für 300 die neue Befestigung der restaurirten italienischen Staaten schweizerische Mannschaft geworben wurde. Wenzel von Terschka, achtzehnjährig, nahm Handgeld von den römischen Werbern, die, wie dies für Neapel geschah, so auch für den Kirchenstaat, eine ansehnliche Truppenmacht zum Schutz für unzuverlässige, erst neu hergestellte Zustände zusammenbrachten. Als Lanzenreiter ging er nach Rom …

An Gelegenheit, sich auszuzeichnen, fehlte es dem äußerlich zwar unscheinbaren, aber mit einer wunderbaren Elasticität begabten Jüngling nicht. Seine Reitkunst übertraf alles. Auch Muth und persönliche Tapferkeit waren ihm nicht abzusprechen, obgleich seine Weise von der seiner fester und sicherer auftretenden überwiegend schweizerischen Kameraden abwich. Die Schweizersoldaten sind in der Fremde das volle Abbild der heimischen Cantonalzustände; ihre Mannszucht ist von einer unerbittlichen Strenge; der Verkehr der aus den alten Landesgeschlechtern gewählten Offiziere mit den Gemeinen ist ein streng geschiedener, das Hinaufrücken in höhere Stellen ein den letztern völlig unmögliches. Indeß wurde Wenzel von Terschka Instructor der Reitschule. Voll Unmuth über die Dienststrenge jedoch und von einem sein Gemüth durchwühlenden Ehrgeiz getrieben offenbarte er sich dem Geistlichen der Truppe. Dieser gehörte den Schweizern selbst als Feldprediger an und erwarb ihm keine Erhörung seiner Wünsche um höheres Avancement. In dem deshalb immermehr sich steigernden Unmuth verlebte Terschka auf dem schönen classischen Boden qualvolle Jahre. Die täglichen Uebungen auf der römischen Campagna, in der Sonnenhitze, auf den dürftigen, schon vom Rosseshuf so vieler Kriege und 301 Völkerwanderungen zerstampften und um jede Fruchtbarkeit gebrachten Heideflächen stimmten ihn oft zur Verzweiflung. Er versuchte den Uebergang zu den Truppen, die inzwischen von der päpstlichen Regierung selbst organisirt wurden; aber sein empfangenes Handgeld verwies ihn in die Reihen der Krieger, bei denen er nun einmal stand. Zuletzt reclamirte er seine Unterthanenschaft beim kaiserlich österreichischen Botschafter, durch dessen Kanzlei ihm auch die von ihm erbetenen Eröffnungen über seine in Böhmen befindliche Familie und sein mütterliches Vermögen zukommen sollten. Aber der strenge geregelte Gang des ganzen römischen Lebens, diese sich überall dort (wie in einem weitläufigen Palast, wo an jeder Treppe von Schildwachen uns eine strenge Zurückweisung wird, wo jede Thür ihre feierliche Aufschrift und ihr drohendes Wappen uns entgegenhält) beklemmend und angsterweckend gebende Geschäftsform verwies ihn immer wieder auf seine Kaserne, die nicht fern vom melancholischen Forum lag, unter den Trümmern der denkwürdigsten Vorwelt, nahe an jenen epheuumwucherten großen Thermen, die man nicht sehen kann, ohne an die grausamen Zeiten zu denken, wo unter dem Namen der Gladiatoren Hunderttausende in abgesteckten Lagern kostbar gemästet wurden, um als Fraß für die wilden Thiere oder, waren es Prätorianer, für den nicht endenden grausamen Krieg und die noch größere Grausamkeit der anstrengendsten Fußmärsche – von Indien nach Britannien zu dienen. Oft kam ihm unter den einsamen weidenbewachsenen Hügeln beim Fernblick auf die blauen Gebirge, beim Ahnen des hinter ihnen aufwogenden Meeres der Ge-302danke an Selbstmord, an Flucht, Desertion; denn zuletzt schreckte ihn selbst der gewaltsame Tod durch die strafende Kugel nicht mehr.

Da erlöste ihn von einem ihm immer qualvoller werdenden Schicksal der Monotonie, der Abhängigkeit im Dienstzwang und des unbefriedigten Ehrgeizes ein neuer Unfall. Nicht das Bedürfniß nach Vertiefung seines regen Geistes war es, das ihm Augenblicke des wildesten Einsetzens seines ihm verhaßten Lebens gab; nur vorzugsweise der gebundene Ehrgeiz, nur die gebundene Leidenschaft tobte sich aus, als er zum zweiten male ein Unglück zu Roß erlebte und von einem für unbezähmbar geltenden Neapolitaner in der That abgeworfen wurde und für todt auf dem Platze blieb. Sein Wagemuth war durch Umstände herausgefordert, die fast an die Zeiten seines Kunstreiterthums erinnerten. Die Schweizertruppen hatten sich 1821 ausgezeichnet bei Unterdrückung der Aufstände des Montferrat und Piemont. Don Tiburzio Ceccone, der jüngere Sproß einer Familie der Nobili, war als Vorsitzender der Prevotalhöfe gegen die carbonarischen Verschwörungen in kurzer Zeit zur höchsten Würde, zum Cardinalat, gelangt. 1819 war er, wie eine dunkle Sage ging, wie Holofernes von Judith, so von einem fanatischen Bürgermädchen Namens Lucrezia Biancchi fast ermordet worden und 1823 saß bei einem Besuche, den der Allgewaltige der Reitbahn der Schweizer-Lanciers zur Anerkennung ihrer geleisteten Dienste machte, neben ihm ein Kind von vier Jahren, bildschön – wie es hieß, seine „Nichte“, wie Andere sagten, sein eigenes, das Kind – jener Lucrezia Biancchi, die 303 noch im Kloster der „Lebendigbegrabenen“ lebte … Neben beiden in angemessener Entfernung, nahe genug, um auf keine Anrede des stolzen, üppigleidenschaftlichen, noch jugendlichen Herrn im schwarzen Kleide mit den rothen Strümpfen die Antwort schuldig zu bleiben, saß, zwar nicht mehr in erster Jugendblüte, aber immer noch in der Schönheit römischer Imperatorenmütter und wie eine gekrönte Heroine die Herzogin von Amarillas, eine frühere Sängerin Fulvia Maldachini … Ringsumher saßen Würdenträger des römischen Hofes, alle auf einer mit bunten Teppichen belegten, mit Blumen geschmückten Estrade und den Reitkünsten der Arena zuschauend … Die Gräfin Erdmuthe von Salem-Camphausen würde zu dem Anblick gesprochen haben: „Offenbarung Johannis 16: Und ich sahe das Weib sitzen auf einem rosinfarbenen Thiere und sie war bekleidet mit Scharlach- und Rosinfarbe und übergoldet mit Golde und Edelgesteinen und Perlen und hatte einen Becher in der Hand voll Greuel und ich sah das Weib trunken von dem Blut der Heiligen und von dem Blut der Zeugen Jesu“ –

Wie anmuthig aber, wie freundlich, wie unschuldig machte sich das alles in der Wirklichkeit! Lachen und fröhliche Lust auf den Mienen, so rein wie der tiefblaue Himmel über ihnen, in dem nur wenige rosige Wölkchen wie kleine Montgolfieren schwammen! … Die Trompeten schmetterten … Das störte eine Nachtigall nicht, die in den Syringenbüschen nebenan sich einsam glaubte unter ringsum liegenden zertrümmerten alten Säulenschaften … Wie schwatzte man durcheinander! … Sor-304betti gingen im Kreise, die der Koch Ceccone’s bereitete, dann und wann mit seiner weißen Tellermütze hervorlugend hinter einem improvisirten teppichbehangenen Verschlage … Terrassenartig stiegen rings die Hügel hinan und aus Villa und Kloster und hinter alten Tempelsäulen und Thermenbögen guckte die abgesperrte Neugier in das tieferliegende Bild der Arena, der schnaubenden Rosse und der Quadrille, die die besten Lanzenreiter ausführten auf Rossen, die zu tanzen schienen … Neue kleine goldene Scudis waren geprägt worden mit dem Bildniß des Stellvertreters Christi, zierliche kleine Halbdukaten, mit beziehungsreicher Inschrift auf der Reversseite für den neuen Triumph der Ordnung und des Glaubens … Eine ganze Büchse voll davon rüttelt die kleine Olympia, wie man die vierjährige Nichte nannte, und plaudert und plaudert, wieviel das Kriegsministerium jedem als buona manchia verabfolge, der die schöne Quadrille jetzt zu Pferde tanze … Kein Sirocco weht … Leichte milde Frühlingsluft nach langem Regen … Ein Duft ringsum, wie herübergefächelt aus den Gärten der Hesperiden … Und nun macht Ceccone sogar Witze und spricht, wenn die Rosse sich nicht nach Sitte aufführen, zu einem Mitglied des diplomatischen Corps – auch von Hesperidenäpfeln … Frägt dann rasch die Frau des spanischen Gesandten ihren Mann: Qu’est-il qu’il a dit? so citirt Eminenz selbst mit graziös lächelnder Miene und so, wie auch nur ein Cardinal lächeln kann, einen Vers – aus Guarini’s Schäfergedichten …

Luft, Sonne, Licht, Farbe – Glück und Wonne ringsum – aber Wenzel von Terschka’s Solo mislang 305 doch. Sein Neapolitaner war nicht so leicht gebändigt, wie die Revolution des Generals Pepe. Der kühne Reiter liegt auf dem Boden und alle halten ihn für todt … Dort herauf ragt das Coliseum, wo in solchen Fällen die alten Opfer ruhig aus den Schranken hinweggetragen wurden und der Römer gleichgültig zur Tagesordnung, einem neuen Kämpfer, überging. Ein Kreuz entsühnt jetzt die wilde Stätte und – was schuldigst du auch ewig nur Rom so ungebührlich an, du greise waldensische Herrin von Castellungo! – das Carrousel – hört auch hier sogleich auf … Man trägt den für todt Erklärten in das Ospizio de Benfratelli … Die halbe Büchse voll Paolis wird vorläufig sogleich für ihn allein bestimmt … Die andere Hälfte der buona manchia erhalten die andern ohne weitern Gladiatorenkampf … Die Herrschaften brechen auf und fahren von dannen … Ecclesia abhorret sanguinem – „Die Kirche will kein Blut“ …

Wie wurde der Instructor der Reitbahn bemitleidet! … Man erfuhr: Drei Rippen waren ihm gebrochen … das Uebrige zur Besinnungslosigkeit that die Erschütterung … Nun hörte man vollends noch, daß der Unglückliche einen adeligen Namen trug … Die besonderste Obhut nahm ihn in Schutz …

Drei lange, traurige Monate lag Terschka bei den Benfratellen und war endlich geheilt. Er erklärte, kein Roß mehr besteigen zu können … Er erbittet seinen Abschied und erhält ihn auch …

In der That schleicht er siech und elend in Roms Gassen am Stabe dahin …

306 Aus Böhmen hatte Wenzel von Terschka die Kunde erhalten, daß die Verlassenschaft seiner Mutter schon vor Jahren in Concurs gerathen war, Brand hatte ihr unversichertes Eigenthum entwerthet … auch dachte er nicht mehr gern an Verwandte, die Bäcker waren. So voll Ehrgeiz steckte er, daß es ihn fast ärgerte, als der Laienbruder der Benfratellen, der ihn spazieren führte, an dem kleinen deutschen Friedhofe, der dicht an der Peterskirche liegt, sagte: Sehen Sie nur, Herr, fast alle Deutsche, die hier begraben liegen, sind Bäcker gewesen! Das Backen haben die Römer erst wieder aus Schwaben und Baiern gelernt! Alle diese alten Bilder an den Grabmälern sind deutsche Bäckermeister!*) … Terschka sah kaum hinüber … Er blickte nur zu den Zimmern des Papstes hinauf, zu den Zimmern des Cardinals Ceccone, der im Vatican ein Stockwerk höher als der Papst wohnte … Den Priestern, die im Hospital dienen, erklärte er endlich, als er völlig geheilt war, mit zagender Schüchternheit, daß er wol Lust verspürte, in den geistlichen Stand zu treten …

Der Orden der Jesuiten war noch nicht lange wiederhergestellt und besonders zu ihnen zog es Terschka, da er sich die Kraft zu einem still beschaulichen Leben nicht zutraute. Er war nun fünfundzwanzig Jahre alt und hatte nicht viel gelernt, außer den lebenden Sprachen. Aber sein Geist war mächtig entwickelt gleich seinem Körper – er, der zwei Monate zu früh ins Leben gekommen! Sein Wunsch war ein Wagniß, das ihm mis-307lingen konnte; aber er zeigte sich listig. Er hatte den Muth, an die kleine Olympia zu schreiben und ihr in dem schnell erlernten Italienisch durch ein Sonett zu sagen: „Du süße himmlische Kleine! Sei mein Schutzengel! Erwirke mir die Sporen des heiligen Georg, die mich nicht wieder, wie irdische, im Stich lassen sollen! Ich will für dich beten bei Ignazius von Loyola, der ja auch ein invalider Krieger war und jetzt der Gottesmutter so nahe steht, hilf mir auch auf diesen Weg, du süßer Engel! …“ Olympia, die Tochter jener Lucrezia Biancchi, die sich opferte, um den „Haß des Menschengeschlechts“, wie die Carbonari den obersten Richter der Prevotalhöfe nannten, zu tödten, hüpfte mit diesen Zeilen zur Herzogin von Amarillas, ihrer Erzieherin, ihrer Hofdame, wie man sagen konnte – Tiburzio Ceccone lebte auf fürstlichem Fuß und erzog das Kind der im Kloster der Vivi sepulti lebenden Mutter, die den Tod verwirkt hatte, wie sein eigenes – was gab es da nicht alles zu verschweigen und mit Schleiern zu bedecken! … Die Herzogin zeigte dem Cardinal Abends beim Thee die in leidlichen Versen vorgetragene Bitte des jungen Schweizerlanciers, der Cardinal mit seinem feurigen Cäsarenkopf lachte und Wenzel von Terschka, dessen Antecedentien man noch nicht vollständig kannte, klopfte eines Tages – an die Pforte des Collegium al Gesu

Kommt ihr niederwärts vom ehemaligen Capitol, laßt zur Rechten jene Kapuzinerkirche liegen, wo eine kleine hölzerne Figur, in die Gewänder eines Wickelkindes eingeschlagen, „Bambino“ genannt, als Jesuskind gegen alle Anfechtungen des Lebens angerufen, ja 308 sogar aus der Kirche in Procession abgeholt wird zu Sterbenden oder zu Wöchnerinnen, so steht ihr an einem kleinen Platz vor einer Kirche, die die reichste in Rom, nicht die geschmackvollste ist … Die Façade, die innere Ausschmückung gehört der Kunstepoche Bernini’s. Wagen über Wagen rollen bei ihren Stufen vor, Bettler in langen Reihen berühren die seidenen Gewänder der vornehmsten Damen und reißen den Eintretenden an der Thür große lederne Decken auf, die Vorhänge bilden. Drinnen empfängt dich ein mystisches Dunkel, Weihrauch, Lichterglanz, eine stickige Luft von Tausenden. Nirgends wird so laut gebetet, so sicher gesungen, so feurig gepredigt in Rom wie hier. Marmor und Gold sind verschwendet, Grabmäler stehen mit Statuen von großen Meistern geschmückt, kostbare Kapellen laufen ringsum; sie haben die bequeme Einrichtung, daß sie unter sich durch Thüren zusammenhängen und als trauliche Winkel dienen, in denen man hinter einem Pfeiler flüsternd verweilen oder einer im Schiff zu laut daherschallenden Kanzelrede in aller Stille folgen kann. Am östlichen Ende liegt eine kleine Ausgangsthür. Sie führt den Durchgehenden auf steinernem Fußboden in einen Nebeneingang – man sieht einen düstern Hof, in welchen Fenster eines großen todtenstillen Gebäudes hinausgehen, das sich dicht an die Kirche anlehnt. Kein Gefängniß ist es, obgleich die Fenster vergittert, ja theilweise mit Bretern vernagelt sind; es ist das Colleg der Jesuiten …

Terschka’s Anmeldung wurde durch die Empfehlungen des Cardinals erleichtert. Ein Oberer empfing ihn, legte 309 ihm Fragen vor und – wiederholte diese Fragen noch einmal, nachdem sie schon beantwortet waren. Sonderbar, er fragte nach Dingen, die in vollem Gegensatz zu dem standen, was er ja soeben aus Terschka’s Antworten gehört hatte. Sonderbar, dieser hatte gesagt: Ehrwürdiger Vater, ich hatte bereits bemerkt –! Ein andermal: Wenn ich schon gestand, keine todte Sprache zu kennen, so kann ich doch nicht Griechisch wissen –! Terschka ging … Der Obere nickte ihm freundlich nach …

Niemand ließ sich aber bei ihm wieder sehen. Er wohnte noch immer bei den Benfratellen … Er war vergessen … Wochenlang …

Tag um Tag verging … Terschka gerieth außer sich. Die Benfratellen klärten ihn auf. Der Obere hat Ihren Charakter prüfen wollen! Sie sind ungeduldig! Nur deshalb stellte er sich Ihnen vergeßlich und schwachsinnig, um zu sehen, ob sich bei Ihnen eine heftige Selbstständigkeit Ihres Wesens zeigen würde …

Terschka verstand jetzt das Benehmen des Obern. Voll Verzweiflung über sich selbst wollte er wiederum an die kleine Olympia schreiben … Thun Sie das ja nicht! hieß es allgemein … So geh’ ich noch einmal zu dem Obern! … „Er wird Sie abweisen! Warten Sie in Geduld!“ … Vier Wochen wartete Terschka. Dann rief man ihn in der That wieder … Er hatte „Geduld“ bewiesen …

Ein anderer Oberer erschien und lobte Terschka, daß er sich beherrscht und nicht gemahnt hätte. Auch er fragte vielerlei und Terschka antwortete schon viel ruhiger 310 und mit größerer Vorsicht. Nur als der Obere sagte: So bleiben Sie denn jetzt gleich hier! und Terschka erwiderte: Ehrwürdiger Vater, ich habe erst meine Sachen zu ordnen! da veränderten sich die Gesichtszüge des Examinators … Wieder hatte Terschka nicht bestanden. Wieder hatte er einen andern Willen als man vorausgesetzt … Er ging, seine Verkehrtheit schon ahnend.

Und neue vier Wochen verstrichen, die er warten mußte!

Der Novize seufzte, aber er war schon demüthiger geworden. Sehnsüchtig ging er an dem Collegium vorüber, sah zu den Fenstern des riesigen Gebäudes auf; jede Wallung, anzuklingeln und sich in Erinnerung zu bringen, unterdrückte er und als man dann ihn endlich wirklich rief, schlich er ruhig und ergeben in das ihm angewiesene Zimmer …

Man gab ihm ein Neues Testament, den Thomas a Kempis und Rodriguez über die Gesellschaft Jesu. Er konnte kein Latein. Er mußte dies und alles ganz von vorn erlernen – in seinem fünfundzwanzigsten Jahre! Aber alle Besuche, die er von zwei zu zwei Stunden bald von diesem, bald von jenem Ordensgliede empfing, verließen ihn mit dem Zeugniß, das sie den Oberen ablegen konnten, der junge Noviz besäße Geist und seltene Welterfahrung. Außerordentlich schien er gefallen zu haben. Nach acht Tagen erhielt er ein gedrucktes Examen, das er schriftlich beantworten mußte. Er konnte es deutsch oder italienisch thun …

Schon in dieser Aufforderung zur vollständigen Darlegung seines Lebens lag für ihn ein Anlaß zu mancherlei Besorgniß. Sein Leben enthielt so gefahrvolle 311 Dunkelheiten! Das Mal am Arme! Sein erster Beruf war der einer schnöden Schaustellung seiner Person gewesen! Wie konnte er auf eine künftige Priesterweihe hoffen! Er verzweifelte; denn zum Erfinden von Ausreden und Verschleierungen der Wahrheit verlor er in diesen Mauern schon ganz den Muth. Fast war es ihm auch, als käme man hier am siegreichsten durch, wenn man sich in allen Lagen ein für allemal auf Gnade und Ungnade ergab und sich ganz so nackt und so bloß darlegte, wie man wirklich war …

Schon glaubte der Novize am Ziel seiner Wünsche zu sein, als er in dem gedruckten Formular auf eine Stelle stieß, wo es hieß, daß er sechs Monate noch außerhalb des Hauses der Gesellschaft leben müßte und erst sechs verschiedene anderweitige Proben durchzumachen hätte! Er traute seinen Augen nicht. Wieder ein halbes Jahr seines Lebens verlieren? Von jetzt an – es war zur Zeit der Sommermitte – bis zu Weihnachten wieder in einen halben Zustand zurückversetzt, wieder auf sich selbst angewiesen, auf die Unruhe und Ungeduld seines Herzens? Er hoffte auf Erlaß dieser Bedingung und glaubte an eine in diesem Statut nur so enthaltene und außer Uebung gekommene alte Förmlichkeit. Man holte dann das Blatt ab. Drei Tage vergingen. Schon nahm er am gemeinschaftlichen Mahle theil, schon hatte er sich manches einzelne Ordensmitglied, das ihm zusagte, herausgefunden, da wurde ihm mit freundlichster Miene angekündigt, daß er auf sechs Monate seine Zelle wieder zu verlassen hätte: einen Monat sollte er bei den Schülern des Collegium germanicum wohnen, einen Monat in San-312Michele Kranke pflegen, einen Monat sich als Wallfahrer kleiden und in Rom und auf zehn Meilen in der Runde seinen Unterhalt durch Betteln suchen; dann zurückkehrend sollte er im Collegium täglich einen Monat lang die Stuben reinigen und endlich in einer entfernten Kirche der Vorstadt Knaben in den Anfangsgründen der Religion unterrichten, im sechsten Monat sollte er allen Predigten beiwohnen, deren in den hundert Kirchen Roms drei oder vier täglich und zu verschiedenen Zeiten gehalten wurden und darüber Referate geben und bei allen diesen Proben zu gleicher Zeit auch noch die lateinische Sprache erlernen …

Aufschreien hätte Wenzel von Terschka mögen vor Verzweiflung, aber schon band er sein Bündel und schickte sich an, ruhig die Vorschrift zu erfüllen. Sein Auge blinzelte etwas; er hatte schon bemerkt, daß wie beim Opfer Abraham’s der Wille hier manchmal für die That genommen wurde; er hatte schon bemerkt, daß man allmählich auch unter dieser strengen Disciplin abzuhandeln und abzumarkten versteht. Und in der That, man ließ ihn zwar aus seiner Zelle schreiten, wies ihn aber doch nur zwei Stockwerk höher, um ihn zu jenen deutschen Knaben und Jünglingen gelangen zu lassen, die in Rom zu Priestern erzogen werden. In dem mächtigen Gebäude war auch für diese Platz. Ein Rector empfing ihn, lächelte seines Alters, sprach ihm Muth zu und alles das in deutscher Sprache; Pater Xaver war aus dem Innviertel. Ein rothes Kleid mit einem schwarzledernen Gürtel mußte Terschka anlegen, wie seine Genossen. Um fünf Uhr mußte er aufstehen, das Sakrament in 313 einer Kapelle besuchen, dann in einer Zelle Betrachtungen lesen, sie auswendig lernen, hierauf zur Messe gehen und erst um acht Uhr ein leichtes Frühstück nehmen, zu dem dann noch Matutine und Laudes aus dem Brevier zu sprechen waren; so ging es von Stunde zu Stunde weiter bis zur neunten des Abends, wo im Nu sämmtliche Lichter des Hauses erloschen sein und alle Schüler auf hartem Lager sich dem Schlaf empfehlen mußten. So erst acht Tage lang. Dann aber wurden die Vorschriften leichter. Glückliche Hoffnung, die ihn beseelte, er würde die fünf übrigen Monate erlassen bekommen! Sie erfüllte sich theilweise und in erfreulichster Art. Er brachte sie sämmtlich bei den deutschen Jünglingen zu, deren Unterricht er zu theilen hatte. Schon die Scham, unter Knaben ohne Bart verweilen und Latein von vorn beginnen zu müssen, beflügelte seinen Lerneifer. Er, der das Leben schon in allem kannte, was der natürliche Mensch mit Ungestüm zu fordern pflegt – saß hier auf der Schulbank, doch sein Kleid und sein physischer Bau ließen ihn dabei wenigstens äußerlich so jung erscheinen, wie die neunzehnjährigen …

Seltene, aber glückliche Stunden waren es, wenn die rothgekleidete Schar in den ihr eigenthümlich angehörenden Weinberg wandern durfte, um dort einen Nachmittag, meist ballschlagend und wettlaufend zuzubringen. Dieser Weinberg lag nicht weit von seiner ehemaligen Kaserne, auf den Höhen des Monte Cölio, dicht an einer Kirche, die von außen die merkwürdigste, von innen die abschreckendste aller römischen Kirchen ist. Gerade den deutschen künftigen Priestern hat man die Ro-314tunde des heiligen Stephanus gewidmet, einen alten, sehr denkwürdigen Bau, der mit Bildern grauenhafter Art geschmückt ist. Ausschließlich scheint sie dem Martyrium gewidmet. Da liegt die vom Henker abgerissene blutige Brust der heiligen Agathe auf der Erde; ein Tiger krallt seine Tatze in das Fleisch eines nackten Jünglings; der heilige Hippolyt wird, mit seinen Füßen an flüchtige Pferde gebunden, dahingeschleift – es ist eine blutige Anatomie, eine Morgue, in deren Anschauung gerade die deutschen Jünglinge in Rom – Erholung finden müssen! Wahrhaft erquickend war dann der zuweilen gewährte Besuch in den Gärten des Heiligen Vaters auf dem Quirinal. Die blauen, gelben, grauen Jesuitenschüler erfreuten sich damals dieser Gunst noch öfter, als die rothen; jetzt lernt man auch die Bedeutung dieser rothen Jünglinge schätzen. Wie berauschend, wie ewig an Rom fesselnd, bei Sonnenglut in diesen herrlichen, haushohen, kühlen Boskets von geschnittenen Myrten zu wandeln und da Trucco, ein Kegelspiel, zu spielen! Unter dieser Fülle von Oleandern, blühenden Aloes und Cactus! Unter diesen zahllosen Orangenbäumen, deren Blüten die Luft mit berauschendem Duft erfüllen! Ringsum tobt und wogt das lärmende Rom, die Wagen fahren, die Brunnen schäumen – auf diesem hochgelegenen Hügel verbirgt sich hinter einer chinesisch absperrenden hohen Mauer, dicht an dem Palast der zweiten Residenz des Heiligen Vaters (der Lateran, die dritte, ist ein Stiefkind der Päpste geworden), ein Garten, geschmückt mit allen Reizen der Natur. So dicht gezogen und beschnitten sind die edelsten Platanen, daß es unter ihnen bei glühender 315 Mittagshitze kühl ist, Springbrunnen plätschern, die Lacerten schleichen unter den großen, bis zum Boden wuchernden Feigenblättern dahin, Marmortische und Sessel laden zur Ruhe in den erquickendsten Schatten, den jene zwei Stockwerk hohen geschnittenen engen Myrten- und Ligusterhecken hervorbringen helfen – sie sind in der Breite so schmal, daß man fast nur allein, nicht im Selbander durch sie hindurchschreiten kann. Hier reinigte die balsamischste Luft alle vier Wochen einmal die Brust vom erstickenden Schulstaub. Terschka, der Mann, der schon auf einer ansehnlichen Höhe des Lebens Angekommene, der mit Erinnerungen schon für ein halbes Leben Ausgestattete, konnte hier eine Weile vergessen, daß er wieder zum Kinde geworden, konnte die marmornen Hermen bewundern, die rings von Epheu und Myrte umschlossen in den Boskets standen und oft Frauenbilder der alten Römerzeit von seltener Schönheit darstellten. Zwei dieser Hermen erklärte er in still unterdrückter, noch nicht abgeschworener Liebesglut für die Herzogin von Amarillas und das künftige Jungfrauenbild der Olympia. Sie sind noch jetzt von jedem zu finden vor dem kleinen Casino des Papstes, dicht in der Nähe der Treibhäuser, unter Gruppen von Aloes, zwei weibliche Köpfe voll Starrheit, Verwegenheit und jener Sphinxschönheit, die Terschka in seinem spätern Leben nur zweimal wiedersah, bei jener Angiolina in Dalmatien und bei Lucinden – unter den Offizieren in Kiel sagte er’s damals …

Nachdem Terschka nach zweijährigen Studien ins Collegium wieder hinunterzog, gaben seine Generalbeichten mancherlei Anstoß. Sein vergangenes Leben 316 widersprach den Ansprüchen, die die Kirche an die Unbescholtenheit ihrer Priester macht. Sie duldet keine Entstellung des Rufes wie des Körpers, keine schwächlichen, krankhaften Gestalten, nichts, was irgendwie dem Makel der Welt verfallen ist und etwa dem Geist das Uebergewicht verleiht – auch Pater Sebastus hatte nicht die Weihen empfangen. Aber Wenzel von Terschka bot alles auf, sich Erhörung zu verschaffen und eine Vergessenheit der Jahre, wo er als Kind und Knabe unter Räubern und Gauklern lebte. Eine thatkräftige Natur muß zu einem Ziele, das sie sich einmal gestellt hat, irgendwie hindurch. Sie bereut vielleicht später die Anstrengungen, die sie machte, um des nicht befriedigenden Lohnes willen; aber den Werth des Lohnes, wenn man auch schon seine Geringfügigkeit ahnt, erwägt der nicht, dem eine Laufbahn Mühen macht und dessen Kopf voll Ehrgeiz steckt. Selbst den schon unbedingt gegen ihn entscheidenden Anstoß des Brandmals auf seinem Arme, das durch nichts hinwegzutilgen war, das jeder chemischen Beize, jeder blutigen Operation widerstand, überwand seine Geduld, sein inbrünstiges Bitten, zuletzt seine Intrigue; denn so unmöglich es fast war, außerhalb des Collegiums einen Briefwechsel zu unterhalten, Terschka übersandte wieder einen Brief an die Herzogin von Amarillas und dichtete wieder ein Sonett an Olympia Maldachini …

Die Kleine, die als Italienerin von fünf Jahren schon so entwickelt und willensstark war, wie eine Deutsche von acht, setzte ihrem heiligen Georg Schild und Lanze durch …

Die Väter lächelten und schienen eigenthümliche Pläne zu haben …

317 Terschka erhielt die Sottane, den schwarzen Leibgurt, die schwarzen Strümpfe und Schuhe … sein Haupthaar wurde geschoren.

Ecco un nuovo fratello! rief eines Tages bei Tische der Novizenmeister den übrigen Novizen zu …

Gräfin Erdmuthens Ausruf hatte damals Recht gehabt … Terschka war Jesuit.

318 10.#

Fünf Jahre vergingen dann … Terschka zählte schon dreißig, als er Profeß der drei Gelübde wurde, der Armuth, der Keuschheit, des Gehorsams. Nun wurde er Priester aller Weihen. Zwei Jahre später, kurz nach der Julirevolution, legte er das vierte Gelübde ab, Gehorsam dem Heiligen Vater, unbedingtes Sichverwendenlassen für jeden ihm auferlegten Zweck. So stand er auf dem Gipfel seiner Wünsche.

Und keineswegs war er unbefriedigt. Der Autodidakt liebt sein Wissen, das er sich mühsam errungen hat. Er liebt es mit mehr Begeisterung, als ein von früher Jugend an dafür Geschulter. Und welche Bewährungen gab es nicht! Dienen mußte er unausgesetzt, knechtisch dienen, aber zugleich konnte er nach andern Richtungen hin oft auch schon souverän befehlen … Jede Stufe der Unterwerfung mehr auf der einen Leiter gab auch zugleich auf einer andern eine Stufe der Erhöhung. Er besuchte die Hörsäle der wenige Schritte vom Collegium entfernt liegenden Universität. Hier, wo Hebräisch und Physik nicht nur in demselben Auditorium, sondern oft auch von demselben Lehrer 319 vorgetragen wird, legte er den Grund zu einer Fülle von Thatsachen, die sein Inneres mächtig hoben. Und diese Erweckung, diese stete Gegenständlichkeit und Bewußtheit des Denkens! Schon die Anleitung zu den „Vorspielen“ des Geistes oder zur „Erleuchtung“! … Bonaventura kannte sie, diese Künste der „geistigen Lesung“ und der „Vorspiele“! …

Eine Betrachtung z. B. über das Verjagen der Wechsler aus dem Tempel mußte so geordnet sein:

Erst ist der einfache Stoff zu lesen; dann schlägt im Collegium plötzlich eine Glocke – mit dem ersten Schlag derselben stellt man sich rasch einige Schritte vom Betpult entfernt, denkt sich Gott und die Heiligen unmittelbar gegenwärtig, fällt auf die Knie, küßt die Erde und beginnt die lebendigste Phantasievorspiegelung eines Tempels, eines erhabenen Baues mit Säulen, mit einer, wie beim Pantheon halb eingebauten, halb in der Vorhalle aufgeschlagenen Reihe von Buden … Das Geld klimpert, die Wechsler, wie sie nur auf der Via Condotti oder auf dem Corso stehen mit ihren Napoleond’ors und Papierscheinen, Wucherer mit Habichtnasen, wie sie nur unter den Tuchhallen am Eingang des Ghetto zum Kauf einladen, bieten ihre Waaren an, übervortheilen, schreien – schreien in die Messe der Santa-Maria Monticelli hinein, in die Klingel des Ministranten … Nun erscheint der Heiland, das Haar von Lichtglanz umflossen, die Farbe des Rocks ist roth, der Ueberwurf blau, die Jünger stehen neben ihm … Niemand von den Schreiern weicht aus, niemand achtet die Andacht derer, die der heiligsten Procession sich schon verneigen … 320 Da ergreift Christus – vielleicht einem Tempelvogt (Ausmalung seiner Tracht) – die Geißel, wirft die Tische um, das Geld rollt weit auf die Straße hinaus, das Volk wagt nicht einmal es aufzuraffen, der heilige Zorn ist wie Donnerrollen, sein Auge wie Feuerlohe … „Mein Haus ist ein Bethaus und ihr macht es zur Mördergrube!“ Das schallt dann in die Welt hinaus … Nutzanwendung … endlich Gebet … So ist nach Jesuitenanleitung jeder Vorfall der heiligen Geschichte zu erfassen, so zu umschreiben, so in seine kleinsten Bestandtheile zu zerlegen und die Gedankenordnung nur innerhalb der Ruhestationen des sinnlichen Vorgangs zu wählen … Die Wechsler: das ist die Sünde; der Augenblick der Reinigung: das ist die Buße; der Zustand nachher im Tempel: das ist die Erlösung … Endlich die Vergleichung mit der Gegenwart und die Nutzanwendung auf das innere Herz … bis das Ganze im „Colloquium mit Gott“, mit Gebet, schließt … In dieser Weise wollte auch Müllenhoff versuchen, die Exercitien auf dem Schloß der Frau von Sicking einzurichten.

Für Wenzel von Terschka gab es immer mehr Bewährungen. Selbst seine ritterlichen Künste boten dafür Gelegenheit und wurden sogar absichtlich und ausdrücklich befördert. Die jungen Väter bestiegen zwar nicht selbst das Roß, aber sie voltigirten; Reck und Barren, wie bei den Turnern, fehlten nicht. Auch beaufsichtigten sie da und dort die Erziehungsanstalten. Hier besonders bewunderte man den „Pater Stanislaus“! … ,,Stanislaus“ nannte sich Terschka nach dem heiligen Stanislaus von Kostka, jenem jungen Polen, dessen erster Lebensschmerz damit 321 begann, daß er von seinem Hofmeister und seinem älteren Bruder 1564 gezwungen wurde, zu Wien im Hause eines Lutheraners zu wohnen. Dieser junge Heilige wurde vom Beten und Nachtwachen, wie der heilige Aloysius, das Beichtvorbild unsers Thiebold, elend, kam von allen Kräften und näherte sich dem Tode. Da konnte er die heilige Wegzehrung nicht erhalten, weil sie der lutherische Wiener nicht in sein Haus gebracht haben wollte … Nun erschien dem Knaben die heilige Barbara mit zwei Engeln zur Seite und brachte ihm die ersehnte Speise. Doch sollte er nicht sterben. Maria kam in jeder Nacht und setzte das Jesuskind auf die Decke seines Bettes und sagte ihm jedesmal, wenn er mit diesem gespielt hatte: Stanislaus, tritt in die Gesellschaft Jesu! Stanislaus von Kostka fand für seinen Wunsch in Wien nirgends Gehör. Der Provinzial der Jesuiten verlangte eine väterliche Bescheinigung. Der Vater, ein Senator der Krone Polens, schrieb von seinem Schlosse Rostkau im Posenschen, daß er diesen Beruf seines Sohnes nimmermehr wünschen könne. Stanislaus flehte den apostolischen Nuntius an. Vergebens. Er mochte klopfen an welche Thür er wollte, niemand erwies ihm damals in Wien die Gnade, ihn Jesuit werden zu lassen … Da rieth ihm der Provinzial: Wandere gen Rom zu Franz Borgia, unserm General selbst! … Also that er. Er entsprang seinem Hofmeister, seinem Bruder, zog Bettlerkleider an und ging über Augsburg zunächst nach Dillingen … Hier im Jesuitenkloster mußte er bei Tisch bedienen und die Stuben kehren. Canisius, der berühmte Morallehrer der Jesui-322ten, entließ einen seinem Vater entsprungenen Sohn völlig einverstanden gen Rom … Franz Borgia empfing ihn dort voll Güte und schützte ihn vor dem Zorn des polnischen Senators, der jetzt die Diplomatie zu Hülfe nahm, um sein Vaterrecht zu behaupten … Stanislaus wurde Priester. Er war ein Muster jener „süßen Andacht“, die ein Antlitz wie mit Rosen verklären kann. Ihm mußte befohlen werden, nicht zu lange zu beten. Das wiederholte sich und wurde sein Todesstoß … An den Folgen der Wehmuth, daß man so oft seine Andachtsglut unterbrach, starb der Jüngling, achtzehn Jahre alt. Man sprach den Märtyrer des verweigerten Betens heilig. Wenzel von Terschka hatte als Slawe ein Vorrecht auf seinen Namen, als es bei seiner Priesterweihe gerade drei Bewerber um den Namen Stanislaus gab. Dafür mußte er in der Kapelle San-Andrea, dicht in der Nähe der schönen Gärten des Quirinals, drei Nächte an dem Bild seines Heiligen wachen, an jener Statue, die den sterbenden Jüngling Stanislaus von Kostka darstellt, der Körper von weißem, die Kleider von schwarzem, das Bett von gelbem Marmor …

Eines Tags wurde Terschka zum General der Jesuiten, einem Holländer, gerufen und erfuhr dort in holländischer Sprache folgende, ihn mächtig ergreifende Anrede:

Pater Stanislaus! Die Stunde ist gekommen, wo Sie durch Bewährung im Dienste Ihres Ordens Ihre Schuld der Dankbarkeit abtragen können!

Der Pater verneigte sich … Er ahnte einen schon seit lange mit ihm bezweckten Plan …

323 Es sind Ihnen große Indulgenzen zu Theil geworden! fuhr der General fort. Sie haben Wohlthaten von der Kirche erfahren, die zu den seltensten Fällen gehören! Der Empfehlung Ihrer Gönner werden Sie zeitlebens verpflichtet sein …

Terschka verneigte sich tiefübereinstimmend. In den letzten Jahren war die besondere Protection des Cardinals Ceccone nicht mehr sichtbar gewesen, aber er bedurfte sie auch nicht, da seine Anschlägigkeit anfing, sich alle Wege zu bahnen, und er selbst mit seiner Lage zufrieden war …

Ich ließ einen Rath über Sie halten! begann der General aufs neue. Man sprach für Sie und auch, wie es das Gesetz will, gegen Sie! Eine Stimme gab den Ausschlag, die, daß Sie vermöge Ihres ganzen Naturells dem Orden am besten dadurch dienen würden, wenn Sie – in die Welt zurückkehren! Ein Redner – das würden Sie nicht; zur Gelehrsamkeit und zum Unterricht fehlte Ihnen die Ruhe; Ihr praktischer Sinn wäre es, in dem sich alle Ihre Vorzüge und – Ihre Fehler zu einer möglichst guten Nutzanwendung vereinigten!

Terschka’s schon gründlich jesuitisch gewordenes Naturell grübelte, wer wol sein Ankläger gewesen sein mochte … Dergleichen war schwer zu erforschen. Seiner schmiegsamen Natur gelang es vielleicht. Doch wußte er, diese Contra mußten ja bei einem Gericht stattfinden, Fehler mußten mit Gewalt aufgesucht werden, nur um der Gerechtigkeit nichts zu vergeben … Täglich wurde man so geübt im Beurtheilen der andern … Gingen zwei Jesuiten spa-324zieren, so mußte einer vom andern berichten, was sie unterwegs gesprochen hatten …

Fassen Sie keinen Groll gegen irgendjemand! fuhr der General fort, der die in Terschka’s Innerem sich entwickelnden Gedankenreihen übersah. Scheiden Sie von uns allen wie von Ihren Freunden! Auch nicht einer ist, der Ihnen nicht Gerechtigkeit widerfahren ließe; nur sind die Gaben mannichfach vertheilt und je mehr Ihnen der eine vom Einen nahm, desto mehr mußte er Ihnen vom Andern lassen! Vorzugsweise besitzen Sie Ein Talent – das Talent, sich beliebt zu machen! Viele versuchen sich darin. Nie aber sah ich so glückliche Erfolge, wie bei Ihnen! Sie werden in Wahrheit von uns allen vermißt werden …

Pater Stanislaus lächelte bescheiden und harrte voll Spannung …

Der Auftrag, der Ihnen ertheilt wird, hängt mit unsern Missionen zusammen …

Mit unsern Missionen! … Terschka erwartete ein Reiseziel – jenseit des Meeres … Seine Wünsche waren indifferent, doch schien die Aussicht, jenseit der Meere oft große Gefahren bestehen zu müssen, nicht besonders lockend … Dennoch beherrschte er sich …

Jetzt lächelte sogar der General. Er mußte Pater Stanislaus bewundern, der nicht eine Miene verzog oder sonstwie seinen Verdruß zu äußern wagte …

Ich meine die innere Mission, setzte der General hinzu, die Verherrlichung unsers Ordens in der Sphäre der Lüge und des Abfalls! Richten Sie Ihre Aufmerksamkeit auf den Norden, von dem Sie herkamen! Zunächst auf 325 den großen deutschen Kaiserstaat! Erinnern Sie sich, daß kurz nach dem Schisma, das die Kirche dem abgefallenen Augustinermönch verdankt, Oesterreich zu sieben Achttheilen – zu sieben Achttheilen! – von Rom abgefallen war! In Wien konnte ein Lutheraner sagen: In mein Haus laß’ ich nicht die heilige Wegzehrung bringen! … Durch uns ist das Kaiserreich in den Schoos der Kirche zurückgeführt worden! Die Mittel und Wege dazu waren mannichfach … Sei Ihnen vorläufig diese Mittheilung über Ihre künftige Verwendung – als Anlaß zur Prolusio empfohlen …

Damit war Pater Stanislaus für heute entlassen …

Zur Prolusio –! … Zum Vorspiel der Phantasie –! Aber wie nahm das Wort des Generals auch jetzt den ganzen Menschen gefangen! … Terschka war Mönch, Jesuit, Priester geworden, um sich aus einem Leben aufzuschwingen, das seinem Ehrgeiz nicht entsprach. Adeliger Geburt und dennoch mußte er dienen … dienen in einer Stellung, die ihm keine weitere Erhöhung für die Zukunft darbot … Er ergriff den geistlichen Beruf als einzige Rettung und er war nicht undankbar. Nichts hatte er gewußt, als fremde lebende Sprachen, er wurde durch den Orden ein Mann höherer Bildung. Daß es andere Bildungsformen in der Welt gab, als die ihm gerade hier zu Theil wurden, ahnte er, aber er mußte wol die vorziehen, die gerade das aus ihm machten, was er für jetzt anders nicht hätte geworden sein können. In der That besaß er keine Rednergabe. Selbst in der Schule bewährte er sich nicht. Aber in der Erziehungsanstalt, die durch das Collegium geleitet wurde, gab es vie-326lerlei von ihm glücklich beaufsichtigte Unterrichtsgegenstände; Reiten, Tanzen, Fechten wurde gelehrt. Das ja hat die Erziehung durch Jesuiten so begehrt gemacht. Eitle Schaustellung und Unterhaltung der Phantasie war von jeher und ist die Grundlage der Erziehungsanstalten, die Jesuiten leiten … Terschka lernte die wunderbare Moral des Probabilismus kennen, die ihn wahrhaft blendete. Was nur im Menschen über den schwierigen philosophischen Unterschied zwischen „Gut“ und „Böse“ schlummert, hier fand er Aussprüche dafür voll Kühnheit und blendenden Schimmers. Der Wille wurde in dem Grade von der That getrennt, daß beide in eins zusammenfallen konnten und dennoch unterschieden wurden. Der Wille konnte rein und schuldlos bleiben, er konnte die That unmittelbar hervorgerufen haben und dennoch war letztere nicht sein, sondern nur ein Ergebniß – der Natur. So haben nicht die Materialisten unserer Tage die Willensfreiheit geleugnet, wie die Moral der Jesuiten schon lange die That zum Ergebniß der Umstände macht. In den mislichsten Situationen deckt sie dem Willen immer noch den Rücken. Listig und verschlagen, wie Terschka’s Sinn von Natur war – wenn nicht so sehr aus Wohlgefallen am Bösen, doch aus dem Bedürfniß, seine Kraft zu üben, und um der Voraussetzung willen, daß eben Bildung, diese ersehnte Bildung, zur Wehr und Waffe des Geistes werden müßte und es mit sich brächte, überall Widerstand zu leisten – lernte er, Bildung wäre die Kunst, sich das Leben spielend und ohne den mindesten Schein einer Gewaltthätigkeit dienstbar zu machen.

327 Welche Vorstellungen weckte jetzt die „Prolusio“! Eine Mission nach Oesterreich! Der Abfall von der Kirche! Die verschiedenen Mittel und Wege, die einst eingeschlagen wurden, um sieben Achttheile einer großen Bevölkerung wieder in den alleinseligmachenden Schoos der Kirche zurückzuführen! Seine eigene Herkunft war vielleicht eine hussitische! Welche Studien weckte diese Anregung auf dem Gebiet der Geschichte, welche auf dem Gebiet der menschlichen Seele! Pater Stanislaus brannte auf die Enthüllungen, die ihm würden zu Theil werden. Ja er dachte sich einen tief angelegten Plan entweder auf Böhmen oder Ungarn, wo es noch Protestanten genug gab … Verstand mußte zu seiner Aufgabe gehören; denn das durfte er sich sagen, von seinem Namensheiligen hatte er nichts, was im mindesten auch seinem Antlitz einen rosigen Verklärungsschimmer gegeben hätte; wenn er betete – ihm war der Befehl, nicht zu lange zu beten, niemals gegeben worden.

Erst nach vierzehn Tagen machte der General der Ungewißheit des jungen Professen ein Ende …

Ihre Vorfahren, sagte er, eine Ahnung Terschka’s bestätigend, als beide wieder allein auf der einfachen, allen andern Wohnungen gleichen Zelle des Generals waren, Ihre Vorfahren waren Hussiten! Abtrünnige waren auch sie schon vor Luther! Wir haben aber deren in Italien noch frühere! Es sind die Waldenser! Sie leben noch jetzt mit immer wieder nachwuchernder, unzerstörbarer Kraft im Piemont! Eine Gräfin von Salem-Camphausen, die hinterlassene Witwe eines österreichischen hohen Militärs, Protestantin, beschützt sie von einem ihr angehörenden 328 Schlosse Castellungo aus! Es liegt zwischen Cuneo und Robillante, in dem blühenden Thal, das sich von der Alpenstraße des Col de Tende abwärts senkt! Die Umtriebe dieser Frau überschreiten alles Maß! Sie hat die Könige von Preußen, England, Schweden und Holland aufgerufen, den Waldensern größere Freiheiten zu gewinnen, als sie unter einer rechtgläubigen Bevölkerung in Anspruch nehmen dürfen! Gelang es schon in alten Tagen, das schöne Salzburg zu entvölkern und seiner reichsten Unterthanen zu berauben, die man zuerst mit dem Gift der kaum überwundenen Ketzerei verdarb und dann mit Geld und Gut in die protestantischen Lande lockte; gelang es erst in unsern Tagen, sogar aus dem altgläubigen, so gottgetreuen Tirol Colonieen nach dem uns gleichfalls wieder zurück zu erobernden Schlesien zu entführen: wie soll es werden, wenn mit Hülfe Englands immer weiter auch in das Herz Italiens hinein rechthaberisches Bibellesen und streitsüchtiges Dogma sich verbreitet? Dem Frevel dieser deutschen Gräfin ist ein Ziel zu setzen! Für ihre Dreistigkeit gebührt ihr ebenso eine Züchtigung, wie ein Vorbau den Erfolgen, die sie erringt oder erringen könnte …

Die Aufregung des Generals war so groß, daß er aus der italienischen Sprache wieder in sein heimatliches Idiom verfiel. Terschka konnte, wie er wußte, mit völligem Verständniß folgen …

Diese gefährliche Frau, fuhr der General fort, hat einen Sohn, der in diesem Augenblick bei einem kaiserlichen Reiterregiment noch als Lieutnant steht … Er wird aufsteigen. Sein Glaubensbekenntniß ist das seiner Mut-329ter. Sein Name ist ein hochgefeierter, wenn auch seine Mittel gemessen sind. Binnen kurzem dürften ihm bedeutende Reichthümer zufallen; denn eine zweite, rechtgläubige Linie, im Innern Deutschlands, ist im Begriff auszusterben. Es existirt nun zwar eine alte Urkunde, der zufolge die Bedingung, unter der die wiener Linie diese großen Besitzungen der andern Linie antritt, die Religion der aussterbenden sein müsse … Diese Urkunde findet sich leider nicht. Sie wird seit Jahren gesucht …

Terschka horchte nur immer … Ein eignes Urtheil zu fällen wurde er nicht aufgefordert und fällte selbst keines … Er wartete auf die genauere Angabe des Gegenstandes, auf den er zu achten hatte. Von der Weisheit der Väter seines Ordens war er vollkommen überzeugt …

Der General verweilte jedoch nicht bei der Urkunde, sprach nicht von der Kunst jenes deutschen Convertiten Caspar Scioppius aus der Pfalz, der sein ganzes Leben an die Verherrlichung der Kirche gesetzt hat und seinerseits einer der berüchtigsten Falsarien war. Unter der Autorität von Kaisern und Königen und mit dem Titel eines Grafen von Clara-Valle fälschte er im 17. Jahrhundert Stammbäume und Urkunden, veranlaßte Processe dadurch und entschied sie. Vierzehn Jahre lebte er in Padua bei verschlossenen Thüren, aus Furcht, von seinen Gegnern, die zufällig Jesuiten waren, ermordet zu werden … Er haßte sie und sie haßten ihn, nicht ihrer Moral wegen, nicht seiner Falsa wegen, sondern weil sie ihm sein Latein corrigirt hatten und er ihnen vorwarf, daß im Gegentheil sie keins schreiben könnten …

Terschka lauschte mit athemloser Spannung; aber 330 auch heute blieb die ihm gestellte große Aufgabe wiederholt nur im Stadium der Prolusio …

Der General sagte:

Findet sich die Urkunde, so ist ein Familienabkommen getroffen, daß die letzte Erbin der Dorste-Camphausen sich mit dem letzten Erben der Salem-Camphausen vermählt – eine Rechtgläubige mit einem Ketzer! Findet sie sich nicht, und alle Zeichen sprechen dafür, so fallen an eine ketzerische Familie unermeßliche Reichthümer, in eine rechtgläubige Provinz kommt ein ketzerisches Element, das Scandalum jener Vorgänge im Piemont findet reichere Nahrung und das alles von einer Seite her, wo sich die Kirche einer solchen Störung am wenigsten versehen sollte, aus einer Gegend, wo die Wohlthaten der Rechtgläubigkeit ein Gemeingut sind und Maria Theresia sich bis auf den letzten Augenblick sträubte, jene gottlose Vernichtungsbulle unseres Ordens, die That eines unglücklich Verblendeten, der glücklicherweise nur im Auftrag der uns schützenden und glorreicher wiederherstellenden Vorsehung handelte, auch in ihren Staaten zu vollziehen!

Mit dieser Anregung der Phantasie wurde Terschka aufs neue entlassen … Ueber die Andeutung jenes Widerstandes der Kaiserin Maria Theresia gegen die Bulle: Dominus ac redemptor kam er bald hinweg … Maria Theresia gab der Aufhebung der Jesuiten erst dann ihr Placet, als man ihr, um sie von der Gefährlichkeit, Wortbrüchigkeit und Ungeistlichkeit der Jesuiten zu überzeugen, von ihrer letzten einem Jesuiten gesprochenen Beichte – aus Madrid eine Abschrift schickte … Terschka wußte, 331 daß der Orden diesen Verrath auf eine Intrigue der über ihren Fall frohlockenden Dominicaner schob … Aber welche Fülle der Beziehungen doch! Welche Aussichten der Bewährung! Was sollte geschehen, was von ihm gefördert und unterstützt werden? Welche Hülfsmittel, welche Verbindungen gab es für ihn? Wohin hatte er die Reise zu richten? Zu jener so muthvollen, herausfordernden Gräfin? Zu jener jüngeren Paula? Sollte die Urkunde gesucht werden? Sollte die gemischte Ehe gehindert oder, wie so oft, in dem Sinne „dirigirt“ werden, daß der junge Offizier seine Confession änderte? … Allmählich trat in seine Combinationen immer mehr das Bild dieses jungen Kriegers ein. Er malte sich ihn aus in allen seinen Lebensbezügen. Es überkam ihn eine Ahnung, daß er vielleicht in dessen Nähe geschickt werden sollte …

Diese Ahnung betrog ihn nicht. Der General eröffnete ihm nach einiger Zeit, daß er in die Nähe des Grafen Hugo von Salem-Camphausen geschickt werden sollte. Mitwirkungen und Erleichterungen würden ihm genannt werden. Seine Aufgabe leitete sein Souverän in folgender Weise ein:

Wir wünschen, daß Graf Hugo katholisch wird! Die Rücksichten auf seine Mutter und ihre Umtriebe, auf jene Provinz und die Erbschaft, im eventuellen Falle auf die Ehe, sind die nächsten und dringendsten Aufforderungen, drohenden Gefahren zu begegnen. Zuletzt ist das Werk auch schon an sich ein wohlthätiges. Doch ist es nicht leicht. Wir haben über den jungen Krieger Nachrichten, die für eine große Verehrung seiner Mutter sprechen. Solange 332 sie lebt, würde er ihre Irrthümer schonen und schwerlich ihr die Strafe zufügen, die sie schon um ihrer Umtriebe willen gegen den Bischof von Cuneo und das Kapitel von Robillante verdient! Auch denkt der Orden nicht an ein plötzliches und schnell errungenes Resultat. Wir arbeiten in allem nicht für die Minute, sondern für das Jahr; ein Jahrhundert bedarf es, um durch Tropfen einen Stein auszuhöhlen – Sehen Sie die Statue des Sanct-Peter auf dem Vatican! Wer möchte glauben, daß man einen Fußzehen von uralter felsenfester Bronze so allmählich – hinwegküssen kann! Es gehört dazu eben ein Jahrtausend. Ihre Aufgabe geht in eine weite Fernsicht. Sie dürfen sich Zeit dazu nehmen. Sie dürfen Ihr ganzes Leben daran setzen und müssen es, um die Absicht nicht zu verrathen, die Sie mit Ihrer Handlungsweise verbinden – Sie legen Ihr geistliches Kleid ab! Der Orden dispensirt Sie von jeder Rücksicht auf Ihren Stand! Sie bleiben, was Sie sind – nie verwehend ist der Duft des heiligen Oels, das Sie salbte! Aber selbst das Zeichen der Demuth auf Ihrem Haupte müssen Sie schwinden lassen – Sie erhalten ein Patent als ein auf unbestimmte Zeit beurlaubter Rittmeister in päpstlichen Diensten! Denn gerade darin, daß Sie diesem Anschein, ein Krieger gewesen zu sein, auch wirklich zu entsprechen verstehen, lag – liegt der Grund, warum gerade Sie zu Ihrer Aufgabe gewählt wurden …

Wenzel von Terschka stand betäubt … Darum hatte man an seiner Vergangenheit keinen Anstoß genommen … Darum gleich anfangs keine Erinnerung an seine vergangene Laufbahn … Die Aussicht, mit der Erhebung, mit der Bil-333dung, die er jetzt empfangen, ein weltliches Leben aufs neue, wenn auch nur zum Schein beginnen zu können, machte ihn schwindeln … Der Stand, eine höhere gesellschaftliche Stellung, als die sein Vater bekleidete – alles wieder aufs neue, wenn auch in anderer Art, anerkannt … Gehoben und gehalten von unsichtbaren, mächtigen Händen – – Er vermochte kaum sich zu sammeln und dem in aller Würde, mit feierlichem Ernst, ja mit Fanatismus ihm geschilderten Plane in allen seinen Einzelheiten zu folgen …

Es ist unwahr, wenn man behauptet, Ignaz von Loyola oder seine Schüler hätten gesagt: Der Zweck heiligt die Mittel. Dies Wort findet sich nirgends in ihren Constitutionen. Aber der Dechant von Sanct-Zeno, Franz von Asselyn, sagte schon einst zu Bonaventura, als dieser über ein Pamphlet eiferte, das die „Geheimen Verordnungen“ der Jesuiten neu wieder abdrucken ließ: „Du hast Recht, mein Sohn, diese Schrift ist eine Lüge, die seit zweihundert Jahren entlarvt ist! Ich weiß es, ein polnischer Jesuit schrieb diese Monita secreta aus Rache an dem Orden, der ihn ausstieß, weil Hieronymus Zaorowski zügellos und unsittlich war und die Strafe seiner Obern verdiente. Nie haben diese Anleitungen zur Erbschleicherei, zur Verführung jugendlicher Gemüther, zur Bereicherung des Ordens, zur Verhetzung der Ehen, Verhetzung des Staatsfriedens, in den Gesetzen der Gesellschaft gestanden, aber – die Monita secreta sind ein Codex ex post! Sie sind die niedergeschriebene Praxis des Ordens! Sie sind die Tradition neben dem Grundtext! Der Talmud, wie mein alter Freund Leo Perl gesagt haben würde, die Mischna 334 und Gemara neben der Thora! Jener rachsüchtige Pole erzählte scheinbar als verlangte Vorschrift, was sich nur durch die Verderbniß des Ordens allmählich als selbstverständlich in ihm festgesetzt hatte. Ich nehme ja einige glänzende Erscheinungen des Ordens aus. Aber die Gefahr desselben ist darum dieselbe, die Gefahr, die schon in seinem eigenen Wesen liegt, sogar in einer an sich geistvollen und denkwürdigen Eigenthümlichkeit desselben … Die Jesuiten können für sich ein großes Verdienst in Anspruch nehmen. Sie können sagen: Ihr alle habt bisher nur den Christen im Auge gehabt; wir sind die ersten Priester gewesen, die auch dem Menschen ihre Aufmerksamkeit schenkten! Die Seele ist es, die ein Lieblingsstudium dieses Ordens wurde. Die Jesuiten, zu allen Zeiten von einem brennenden Ehrgeiz getrieben, wagten es, mit der Philosophie einen Wettkampf einzugehen. Sie wollten dem Christenthum die größten Glorien erwerben, selbst die, einen Cartesius überflüssig zu machen – Da mußten sie denn wol in die Arena des Denkens steigen! … Und nun dachten sie den Menschen. Sie dachten ihn in der ganzen Schwäche, die uns Priestern durch den Beichtstuhl geläufig wird. Sie dachten ihn mit jener unsaglichen Geduld und Liebe, die wir für die Ausübung unsers Amtes gerade nach dieser Seite hin stündlich empfinden müssen. Sie dachten ihn in jenen steten Momenten der Reue, der Halbheit, der innern Wehmuth, die Großes will und doch in der Ausführung wieder der Natur unterliegt, und so entstand ihr berüchtigtes System der Erwägung, der Rücksicht, der Entschuldigung, der halben und der 335 Viertel-Sünde, jener sogenannte Molinismus, der sich zuletzt noch unter dem Einfluß der von Paris und Versailles ausgehenden galanten Courtoisie und sentimentalen Veredelung früherer Roheit und Brutalität der Hofsitten in eine Moral der ewig lächelnden und achselzuckenden Duldung verwandelte und in die Absicht, in die Intention, in den Rückhaltsgedanken die moralische Verantwortlichkeit setzte, gänzlich die höhere und wahre Sittlichkeit preisgebend!“ … Für Wenzel von Terschka gab es kein anderes Denken, als das in den Formen dieses Molinismus … Daß die Absicht des Ordens, den Grafen Hugo von Salem-Camphausen katholisch zu machen, eine höchst löbliche war, bezweifelte er nicht. Er harrte der Anleitung, wie er gerade als päpstlicher Rittmeister en retraite ein solches Ziel fördern sollte …

Der General sprach:

Sie erhalten eine Liste von Affiliirten in Wien! Geldmittel – nicht im Ueberfluß; denn es wird sogar nöthig sein, daß Sie Schulden machen! Sie sollen eben suchen, sich dem jungen Grafen auf die natürlichste Art zu nähern! Sein Sinn ist offen und leicht. Das gemeinschaftliche Band könnte – Ihr altes Metier sein! Die gleiche Vorliebe für Pferde dürfte die Gelegenheit zur ersten Anknüpfung geben. Stellen Sie sich ihm nach kurzer Zeit als in Ihren Mitteln gebunden vor. Thun Sie das so, daß Sie dabei nicht allzu entblößt erscheinen, so wird er Vertrauen fassen! Sind Sie dankbar, so haben Sie sein Gemüth gewonnen. Ihre Vergangenheit war abenteuerlich genug. Sind Sie auch darüber zum Grafen Hugo leidlich aufrichtig, so bindet die 336 Offenheit. Von Ihrem Priesterstand darf natürlich nicht die Rede sein … sogar sehr, sehr selten von der Religion!

Terschka fand alles das in der Ordnung. Er fand, daß man auf diese Weise einen hochgestellten jungen Mann, von dem man eine Rückkehr zur Kirche wünschte, am besten beobachten ließ. Und als er nur noch zweifelnd aufhorchte, als er hörte, wie doch die Religion als Gesprächsstoff zwischen ihm und Grafen Hugo ausgeschlossen sein könnte – sagte der General:

Man kann die Rückkehr zu unserm Glauben mit Gewalt fördern, man kann sie aber auch von selbst entstehen lassen aus einem still sich meldenden Bedürfniß unsers Gemüthes. Aus welchen Stimmungen wählt man nicht das Gewand des Mönches! Sie, Bruder Stanislaus, traten in den Orden zunächst aus Ehrgeiz. Bei Gelehrten ist es oft der Ueberdruß an der Unfruchtbarkeit ihrer Forschungen. Fürsten und Standespersonen wechselten den Glauben infolge der Reue über ihr vergangenes leichtsinniges Leben. Graf Hugo liebt das Vergnügen. Vielleicht kommen Stunden der Erschöpfung, die dem Heil seiner Seele günstig sind. Diese benutzen Sie zu leichten und ganz wie zufälligen Erweckungen. Wir lassen Ihnen zu dieser Beobachtung Zeit. Leben Sie so harmlos mit ihm wie Sie wollen! Gehen Sie auf alle seine Verhältnisse ein! Geben Sie uns nur dann und wann Bericht; das Uebrige findet sich …

Mit diesen dunkeln, nur der Ahnung von einem zuckenden Streiflicht erhellten Andeutungen verließ der Pater die Zelle des Generals, in drei Tagen das Collegium, in acht Tagen Rom. Seine Vorbereitung zur 337 Rolle eines päpstlichen Rittmeisters machte er in dem Gasthofe der Croce di Malta.

Vorher hätte er sich gern noch dem Cardinal Ceccone empfohlen …

Er wagte deshalb beim General eine Anfrage, erhielt die Erlaubniß, bat im Vatican um eine Audienz und erhielt sie bewilligt bei der Herzogin von Amarillas, bei der der Cardinal jeden Abend nach englischer Sitte den Thee trank …

Die stolze Römerin, die einst in Rollen wie Semiramis geglänzt hatte, vor Jahren in Paris einen spanischen Herzog heirathete, der bald starb, und die dann in ihrer Vaterstadt anfangs mit gemessenen, späterhin reichen Mitteln ein Haus machte, empfing ihn allein und mit dem Stolz einer Frau, die allenfalls auch eine der Kaiserinnen hätte sein können, die sie ehemals spielte … Es war der Kopf jener Herme aus den Gärten des Quirinals …

Sie war in Deutschland bekannt und unterrichtete Terschka in der Art, wie man die Deutschen behandeln müsse … Fest und bestimmt! sagte sie. Denn dies Volk ist voll List und Verschlagenheit! Dies Volk ist um so gefährlicher, als es sich die Miene der Ergebenheit und Treuherzigkeit gibt! Nie hab’ ich eine falschere Nation gefunden, wie diese – und ich bin viel gereist –! Ohne Charakter ist sie in allem! Ich habe die schönsten und vornehmsten Frauen gesehen, die dem König Hieronymus den Hof machten und seine Gunst zu gewinnen suchten. Und dabei rühmen sich diese, besonders in der vorneh-338men Sphäre so gesinnungslosen, unpatriotischen Deutschen fortwährend ihrer Treue und Ehrlichkeit!

Terschka kannte Deutschland wenig und ließ sich belehren …

Die Herzogin gab ihm eine Reihe von Verhaltungsmaßregeln, ohne zu wissen, in welchen Aufträgen er nach Deutschland zu reisen hatte …

Erst jetzt, in den gegenwärtigen Stimmungen Terschka’s, kam ihm die Erinnerung, daß die Herzogin von Amarillas damals sicher von einer Gegend sprach, die mit der, in welcher er sich jetzt befand, die nämliche war … Sie hatte damals Namen genannt, die seinem Gedächtniß erloschen waren … Immer sinnender, immer vor sich hinbrütender hatte sie gesessen, das Haupt auf die vergoldete Lehne eines hohen Rococosessels gestützt, ja nicht einmal bemerkend, daß Olympia in einem seidenen Kleide durch die Zimmer rauschte, die „Nichte“ des Cardinals, ihre Schutzbefohlene … Dem jungen, inzwischen herangewachsenen, wenn auch nur kleinen Mädchen, das ihr dunkelschwarzes lockiges Haar mit einem goldenen Reifen umschlungen hielt und einen fast gehässigen, medusenhaften Ausdruck des Kopfes bekommen hatte, war die Erinnerung an den Tag in der Reitschule gänzlich entschwunden … Die Herzogin erinnerte sie daran … sie erwähnte nicht ohne Herzlichkeit die Gedichte, die ja Pater Stanislaus aus dem Collegium an sie geschrieben hätte … Olympia machte eine spöttische Miene und wandte sich kalt und gleichgültig ab …

Inzwischen wurde der Cardinal gemeldet …

339 Wenn in Rom ein Cardinal einem Privathause die Ehre seines Besuchs ertheilt, muß ihm die Herrin desselben mit zwei Wachskerzen auf silbernem Leuchter entgegengehen und ihn wie einen Fürsten schon an der Treppe empfangen …

Tiburzio Ceccone, der noch jugendliche, lebensmuthige Lenker der Gerechtigkeit im Kirchenstaat, erschien als ein noch immer schöner, imponirender Mann in der Tracht der Cardinäle, wenn sie außerhalb ihrer Functionen sind, im schwarzen Habit habillé mit rothem Vorstoß, rothen Knöpfen, kurzen schwarzen Beinkleidern, langen rothen Strümpfen, rothem Sammetkäppchen, darüber ein langer schwarzer Krämpenhut, auf dem Rücken ein schwarzes Abbémäntelchen …

Der Cardinal entsann sich vollkommen des Paters Stanislaus und erkundigte sich mit forschend zusammengedrücktem Auge nach dem Ziel seiner Reise … Die Befangenheit Terschka’s, der ihm ausweichend antworten mußte, mochte er sehen, doch machte ihn seine Liebe zu Olympia so zerstreut, daß Terschka reden konnte, was er wollte – er würde nur zu allem wie abwesend genickt haben … Offenbar war er über Terschka’s Mission im Unklaren. Er pries die Fortschritte der Gesellschaft Jesu, namentlich im Kaiserstaate, und sprach von einer Stadt an einem großen Flusse, wo ihre Hauptniederlassung sein sollte. Die Herzogin glaubte gleichfalls eine solche Stadt mit einem Kranz von Bergen zu kennen, nannte aber den Fluß nur klein. Sie verständigten sich beide in der Geographie Deutschlands wie über ein Land, das im Grunde ein einziger großer wü-340ster Wald wäre, bewohnt von einem Geschlecht von Menschen, die an Unbildung und dabei, wie die Herzogin wiederum hinzufügte, an Verschmitztheit ihresgleichen suchten. Sie ihrerseits schien Witoborn an der Witobach, der Cardinal Linz an der Donau im Auge gehabt zu haben – Deutschland war ihnen beiden ein und dasselbe Sibirien.

In Gnaden entlassen, empfahl sich Terschka, reiste ab und nahm bereits in Venedig seine neue weltliche Tracht an. Ueberall producirte er den Paß, der ihn als einen beurlaubten päpstlichen Rittmeister bezeichnete. Sein Talent, sich in seine neue Rolle zu finden, mußte bald sogar ihn selbst überraschen. Hätte er nicht annehmen müssen, daß, wie gewöhnlich, ihm ein Wächter gestellt wäre, der alle seine Schritte beobachtete, er würde seine Freiheit in vollen Zügen genossen haben.

Bald fand sich eine Gelegenheit, die Bekanntschaft des Grafen Hugo zu machen.

341 11.#

Die erste Begegnung mit dem damals schon dreißigjährigen Grafen Hugo fand in Bruck an der Leitha statt, wo dieser in Garnison stand.

Wir schildern sie nicht, da sie sich schon aus allem entnehmen läßt, was wir von Terschka’s persönlichen Talenten und aus den Erinnerungen der Gräfin Erdmuthe wissen.

„Das ist ja ein Jesuit!“ hatte der edlen Frau sofort bei der ersten Bekanntschaft mit diesem neuen Freunde ihres Sohnes eine innere ahnungsvolle Stimme gerufen. Ein Beweis auch zugleich, daß Terschka damals noch ganz die Weise des Paters Stanislaus hatte …

Damals war Terschka noch höflich bis zum Unterwürfigen, zart bis zum Süßen. Er sprach und hörte zugleich auf das, was neben ihm von andern gesprochen wurde, und billigte es zwischen seine eigene Rede hinein, wenn er sie auch doch inzwischen fortsetzte. Er vertheidigte nichts, was irgendjemand unangenehm berühren konnte. Er sprach von seiner Jugend mit einem verklärten Blick gen Himmel und folgte der Phantasie der Gräfin bis auf die Anfänge 342 der Hussiten, bis auf die Trommel aus Ziska’s Haut, bis auf den Kelch in der Fahne der Utraquisten – all diese Vielseitigkeit und Nachgiebigkeit lernt sich aus der Kunst der „Prolusio“. Geistig war er so biegsam, wie er nun auch wiederum körperlich werden konnte. Seine Reitkunst war die magische Kraft, die bald den jungen Offizier und dessen Kameraden an den päpstlichen Rittmeister außer Diensten fesselte.

Nach einem halben Jahr empfand Terschka wol die vielen Bedenklichkeiten, die sich aus dieser Verbindung – für seine Gelübde ergaben. Ueberhaupt welches war das Ziel, auf das er zusteuern sollte? Der Graf hing sich an ihn mit der ganzen Innigkeit, die jungen Männern in jener Zeit eigen ist, wo hunderterlei Vorkommnisse ihrer fröhlichen Lebenslust Rath, Beistand, bald Schmeichler, bald Warner bedürfen. Bald schon konnte Graf Hugo nichts mehr ohne Terschka unternehmen. Terschka wurde der Vertraute aller seiner Liebes-, Ehren- und Geldhändel. Terschka’s Klugheit, seine im Grunde schüchterne und maßhaltende Denkweise, seine Lebenserfahrung gaben in allen Lagen die Aushülfe. Dann sich aber dabei selbst freihalten von den Einflüssen eines solchen Umgangs, vermochte der Genosse nicht länger. Es gab Spiel- und Trinkgelage, Abenteuer, wie sie Boccaccio geschildert hat: wie sollte der Priester sich verhalten? Er bat seinen Vorstand in Rom um eine Beruhigung seines Gewissens.

Aus allem, was er erfuhr, trat ihm klar entgegen, daß ihn die oberste Ordensgewalt aller Rücksichten und Pflichten des Gewissens entband. Der Rittmeister Wen-343zel von Terschka sollte mit dem Grafen Hugo von Salem-Camphausen zwar nicht ganz nach den Worten des Mephisto verfahren:

„Umgaukelt ihn mit süßen Traumgestalten!
Versenkt ihn in ein Meer des Wahns!“ –

sollte ihn nicht absichtlich in die Verderbniß locken, damit er auf der letzten Stufe des erklommenen Tempels der Freude niedersinke mit erschöpfter Kraft und Terschka in der Gewalt hatte, dann das eroberte Opfer dem Schoos der Kirche zuzuführen (oft hatte die Kirche diesen Triumph erlebt) – aber begleiten durfte ihn Pater Stanislaus auf Tritt und Schritt, durfte leben wie er, lieben wie er; nur die Heiligung des Mittels durch den Zweck durfte nicht fehlen. Mitten in diesem Taumel sollten die Ruhepunkte, die schon für den Grafen zuweilen eintraten, dann und wann für harmlose Erweckungen benutzt werden; Erweckungen, die jedoch nur gelegentlich, ganz nur wie zufällig und absichtslos einzustreuen waren … So wenigstens beschied man ihn …

Wie jedoch der menschliche Geist einmal ist, so kann er, wenn auch noch so geschult, niemals für sich gutsagen, wo ihm das Glück der freien Bewegung zu Theil wird. Terschka lebte mit dem Grafen Hugo bald nicht mehr wie der ihn Dirigirende, sondern wie der von seinem Zögling Dirigirte. Vollkommen hatte er mit der Zeit verstanden, was er sollte; er hatte Winke und Anweisungen erhalten, die in zweifelhaften Fällen sogar eher das Schlimme, als das Gute zu wählen anriethen und so war er dem natürlichen Zuge seines fast gleichalterigen Freundes gefolgt, ergab sich ihm mit voller Anhänglichkeit, liebte ihn und 344 ließ sich von ihm beherrschen, statt daß er ihn beherrschte. Die Berichte, die er nach Rom einsandte, wurden unwahr. Terschka gab Zusicherungen über Richtungen des Gemüthes, in die sein Zögling verfallen wäre, die jeder Begründung entbehrten. Nun kam die Furcht der Obern, der junge Graf könnte in solcher Stimmung wol gar in die ascetische Richtung seiner Mutter verfallen. Kannte man auch ohne Zweifel im al Gesù das deutsche Sprichwort: „Der Weg nach Rom geht über Herrnhut!“ so würde doch die ganze Bemühung verfehlt gewesen sein, wenn der Graf sich zuletzt in die Leitung seiner Mutter begeben und deren separatistische Entschiedenheit angenommen hätte. Demnach ertheilte man die Zustimmung zu dem Bedenken, ob Terschka die Kraft des weiblichen Princips, das den Grafen in leichterer Weise beherrschen konnte, verstärkte. Damals war ein eigenthümlicher Collisionsfall im Leben des vornehmen Cavaliers eingetreten. Jene Angiolina, die er in der dalmatinischen Stadt Zara bei einer Kunstreitergesellschaft gesehen hatte, war von ihm in einem gemüthlichen Zuge seines Wesens, das von plötzlichen Einfällen beherrscht wurde, vor acht Jahren ihrer Truppe abgekauft und in eine Pension gegeben worden. Das elfjährige, bildschöne Mädchen hatte er dann und wann wiedergesehen, stets mit einer mächtigen Erregung seines Gefühls. Immer überraschender, immer reicher entfaltete sich die Bildung Angiolina’s. Einmal gab er sie weit fort aus seiner Nähe, nur um sich nicht hinreißen zu lassen und nicht seinem Gefühl zu folgen. Die Neigung Angiolina’s für ihren Wohlthäter war die gleiche. Auch sie floh die 345 Bestrickung ihres Herzens, wenn der schöne junge Mann im glänzenden Harnisch vor ihr stand, das sonst so feurige Auge in milder Dämpfung auf sie niedersenkend. Einige Jahre lang währte dieser Kampf. Terschka wurde der Vertraute. Er nahm zuletzt Partei für den Gedanken, ein so reines Bild nicht zu zerstören. Graf Hugo hegte ihn selbst und litt doch darunter. Oft warf er sich dem Freunde an die Brust und rief: Ich kann nicht ohne sie leben! Von Rom kam eine dunkle Weisung, die fast an das Wort der Schrift erinnerte, daß ein Sünder dem Himmel lieber wäre, als zehn Gerechte …

Pater Stanislaus sah das Maß der künftigen Reue sich mehren, wenn Verhältnisse eintraten, die nicht auf die Dauer so bleiben konnten. Die „Prolusio“ malte es ihm aus: Endlich verläßt doch ein so vornehmer Herr seine Geliebte wieder – vielleicht war es eine Verbindung wie die Ehe – die Gräfin Paula verlangt nicht nur ihre standesmäßige, sondern die volle, auch sittliche Höhe ihrer Rechte als Gattin – der im stillen gedemüthigte Gatte wird schwächer und schwächer und muß der Gattin zuletzt – ein Opfer bringen, jenes, das, wenn auch stumm, die Gattin und die Kirche verlangen … Aqua Toffana das der Jesuitenmoral! Gift aus einer nur zu vollkommenen Kenntniß unserer Natur gezogen! Wo ist da noch Sünde, wenn das Leben des einzelnen nur ein Theil einer großen Maschine wird, die wiederum nicht ein einzelner dirigirt, sondern ein großes Ganzes, das Anfang, Mitte und Ende immer zugleich im Auge hat! Damit die Olive das klare, fließende Oel wird, muß nicht nur ihre saftige Hülle, auch ihr Kern zer-346stampft, auf der Mühle zermalmt werden; was kümmert dich die zerstörte schöne Frucht, wenn aus ihr ein Höheres hervorgeht, das der Einzelne, haftend an der flüchtigen, wenn auch schönen Erscheinung, gar nicht ahnen kann? Und es gibt eine Linie, die, trotzdem daß sie nur Einem Pole zustrebt, doch schwankend ist wie die Magnetnadel, die Grenze zwischen „Gut“ und „Böse“. Die Uebergänge sind oft schroff; ganz deutlich unterscheidet sich das Oel vom Wasser; aber ebenso oft auch rinnen sie ineinander und das schwache Herz, der Sünde schon verfallen, glaubt immer noch unter der Herrschaft reiner und gerechtfertigter Instincte zu stehen! Shakspeare sah die Jesuiten erst entstehen. Sein Richard III., der im Stande war ein Weib am Sarge ihres ermordeten Gatten für sich zu gewinnen, hatte jenen Basiliskenblick, der erstarren macht und jede moralische Entschlußnahme tödtet. Klingsohr, der, eben von der Leiche seines Vaters kommend, in einer dunkeln Nachtstunde von einer wild tyrannischen, imponirend dämonischen, seinen Idealen vom alten Feudalgeist des Mittelalters entsprechenden Natur überredet wird, sie zu schonen – da gehen die schwindelnden Wege im Nachtleben des menschlichen Gemüthes, die niemand sicherer zu wandeln weiß über Dorn und Klippe, fest an der Hand haltend den, den sie führen, als die Jesuiten … Wie sollst du dich dem Menschen nahen? Der Orden sagt: Ut si non bene ei succedant negotia!*) Oder: Etiam optima commoditas est in ipsis 347 vitiis!**) Was hier zunächst nur vom Gewinn des Gemüths für die Gottseligkeit überhaupt gesagt worden ist, wurde es auch von jedem Gewinn für die Kirche selbst.

So lebte Terschka seit einer Reihe von Jahren als täglicher Begleiter, Secretär, Geschäftsführer seines wirklich von ihm geliebten Freundes, des Grafen Hugo von Salem-Camphausen. Sorglos durfte er auf alles eingehen, was zu dessen Lebensverhältnissen gehörte. Er durfte die Mutter des Grafen auf Schloß Salem und in Castellungo besuchen. Er durfte sich dem großen Proceß widmen, durfte reisen im Interesse desselben, durfte die Anhänglichkeit an seinen Freund ohne jeden Eigennutz zur Schau tragen. Der Orden rechnete nicht auf das fünf- oder sechsunddreißigste Lebensjahr des Grafen, er begnügte sich mit einem Schritt, den dieser vielleicht erst in seinem sechzigsten, siebzigsten that. Die Stunden kommen dann schon, wo ein alter Podagrist verdrießlich über die Welt wettert, die jung bleibt, während ihm selbst die Zeit das Haar gebleicht; die Stunden, wo man an einem kalten Winterabend bei Schneegestöber im warmen Zimmer sitzt, Anekdoten von der Vergangenheit durchspricht, die nicht mehr zünden wollen, und dann sagt: Terschka, Terschka, ich fange doch manchmal an zu moralisiren: was ist nun wol das Leben! Und dann zuckt ein solcher mit ihm altgewordener, nun auch weißhaariger Freund, der das Gnadenbrot des Protectors ißt, die Achseln, spricht mit feinem Lächeln von der Ruhe, die ihm denn doch zu-348letzt sein Glaube gewähre, und hat einen Kreis von alten Chorherren, von alten devoten Damen, wo er seine Abende behaglich zubringt und auf die der alte Freund eifersüchtig wird. Nun einmal das schon kühnere Wort hingeworfen: Wenn man denn doch einmal positive Dinge glauben will, lieber Graf, so soll man es auch ganz; lieber alles oder gar nichts! Und das wird dann oft entscheidend … Daraufhin schrieb einst die Gräfin Erdmuthe aus Castellungo, daß Lady Elliot sie besucht hätte und voll Verzweiflung aus Rom gekommen wäre: vierzehn Engländer hätten zu gleicher Zeit in der Katakombe San-Calisto das Abendmahl nach katholischem Ritus genommen – eben auch deshalb: „Will man einmal positive Dinge glauben, dann auch gleich ganz; sonst lieber gar nichts!“

Terschka genoß das wiener Leben wie dafür geboren und erzogen. Er war der Matador der Gesellschaft und heiterer, als Graf Hugo, der mit den Jahren trübsinnig, nachdenklich und nur noch stoßweise von seinem alten Humor erheitert wurde. Terschka hatte seine Rolle nicht vergessen, aber sie erschreckte ihn eher wie die Mahnung an ein leicht herauskommendes Verbrechen, an dem er betheiligt war, als wie an eine ernste und ihm werthe Pflicht. Er konnte erbeben vor einem Brief mit geistlichem Siegel. Oft war es ihm in Abendstunden, wenn er über die Plätze Wien’s eilte, als wenn in den dunkeln Schatten ihm eine verhüllte Person folgte. Die ganze Kette seines Lebens bis zu seinen ersten Anfängen lag dann vor ihm. Gedenke deines Mals am linken Arm! rief ihm einst Nachts im Novembersturm eine 349 Stimme an der uralten Kirche Maria zur Stiegen … Es war eine Gaukelei seiner erhitzten Phantasie. Er kam von Angiolina, wo es glückliche, unterhaltende Abendstunden gab … Dann stürzte er in den Beichtstuhl der Piaristen zu Maria-Treu, auf den er von Rom aus angewiesen war … Kehrte er von der Josephstadt ins Innere Wiens zurück, so war es ihm oft, als müßte ihm aus einem der Fiaker, die an einsamer Stelle hielten, unterm lachenden Sonnenschein ein Unbekannter plötzlich winken, ihn zum Einsteigen auffodern und ihn mit sich zurücknehmen geradeswegs nach Italien in die unterirdischen Kerker, die es im al Gesù gab … Oft auch wünschte er’s, wenn sein Gewissen zu heftig zu schlagen, seine Furcht zu heftig ihn zu erschüttern begann.

Für Terschka war der geistliche Stand nur das gewesen, was Andern die Schul-, Gymnasial- und Universitätsbildung überhaupt. Nur durch Sklaverei hatte er zu einer schöneren Freiheit gelangen können. Aber die Kette ließ ihn nicht. Er zog sie überall hinter sich. Er zog sie mit den Jahren schwerer und schwerer, unmuthiger und unmuthiger. Durch die ihm gestattete Freiheit trat er in eine lebhafte Welt der Discussion ein. Das war damals ein Geist der Freiheit, der Opposition gegen die Herrschaft des allmächtigen Staatskanzlers, eine Lust am Verbotenen und Versagten bis in die höchsten Kreise hinauf, ja bis in die der Unterdrücker selbst, die heimlich mit dem liebäugelten, was sie öffentlich verfolgten. Wie konnte er gegen die Mode des Tags Einspruch thun? Er scherzte mit den andern, lachte mit den Spöttern, ver-350theidigte nichts, was zumal, wär’ es gerade von ihm festgehalten worden, über seine wahre Lebensstellung hätte Verdacht erwecken können. Doch nicht ungestraft wandelst du unter den Palmen! Du lernst die süße Luft der Freiheit lieb gewinnen! Die erquickenden Schatten laden dich zum traulichen Hüttenbauen ein! … Terschka kämpfte mit sich, ob er die Fessel, die ihn hielt, nicht einst brechen, seinem Freund und der von ihm hochverehrten ehrwürdigen Mutter desselben ganz und für immer sich offenbaren sollte.

Die Bekanntschaft der „Frau in silbernen Locken“ vermehrte bis zur Unwiderstehlichkeit in seiner Brust den Drang, diesen Entschluß zu ergreifen. Die Liebe als reine, geläuterte Flamme des Herzens kannte er nicht. Er war ein Wildling gewesen, ein Wanderer der Heide, ein Gaukler, ein Zigeuner. Je schreckhafter er auf das zurückblickte, was er einst war, je gewissensbanger er an seine unwiderruflichen Gelübde dachte, desto ungestümer wuchs sein Verlangen, in allem und jedem das reinigende Feuer der Bildung auf sich wirken zu lassen und die Schlacken der Seele von sich zu werfen. Gerade Monika’s religiöser Freimuth durfte ihn fesseln. Frauen von Geist und Grazie kannte er genug, Allen war er werth; seine immer gleiche Weise war jeder weiblichen Natur willkommen, besonders da, wo sie im Mann vorzugsweise nur einen Ableiter ihrer Laune zu haben wünscht. Monika’s Geist aber war positiv. Sie hatte Ueberzeugungen und konnte Partei ergreifen. Die Menschen sind so dumm, so dumm! Mit einem Zorn konnte sie das ausrufen, daß ihre Augen Funken sprühten. 351 Terschka hatte nur immer zu beruhigen und in die Bahn des Hergebrachten zu lenken. „Sie sind der ewige Leimer und Versöhner!“ sagte sie dann wol. „Sie vermählen den Großtürken mit der Republik Venedig! Was wäre die Welt geworden, hätte es nicht Frauen von Gesinnung gegeben! Perikles lernte Reden erst halten von Aspasien! Die Kraft der Römer lag in ihren Gattinnen und Müttern! Die Frauen haben das Mittelalter vor dem Uebermaß der Barbarei bewahrt! An jeden großen Namen des siebzehnten und achtzehnten Jahrhunderts knüpft sich eine Frau, die für ihn kämpfte, mit ihm litt, seinen wankenden Muth befeuerte! Napoleon herrschte noch heute, wenn er einer Frau von Geist, vielleicht der Staël, die ihn liebte – sie haßte ihn wenigstens nur aus Liebe – hätte vergeben können, daß sie häßlich war!“ Graf Hugo sagte eines Tages in seiner trockenen und einfachen Art: „Das vergibt sich schon, meine gnädige Frau, wenn man nur eine solche häßliche Frau nicht dann auch sogleich wiederlieben soll!“ Die Mutter fand den Beruf der Frauen für große Eingriffe ins Leben vollkommen bewiesen durch die Schrift. Sie pries nicht die immerhin etwas zweideutige That der Judith, wol aber die der Deborah, die alles Volk zum Kampfe wider Sissera auffoderte, ja jene Jaël sogar, die dem Sissera, als er schlief, einen Nagel durch den Kopf trieb; nur hätten diese Frauen alle dabei Gott die Ehre gegeben, was man von den atheistischen Gönnerinnen der „Herren Rousseau und Voltaire“ nicht sagen könne. „Chère maman“, sagte Graf Hugo scherzend und voll Artigkeit den Dampf seiner Cigarre zum 352 offen stehenden Fenster hinausblasend, „il y en a encore beaucoup de femmes, die uns den Kopf – «vernageln»! Mais, chère maman, – sie müssen hübsch sein!“ Terschka vermittelte und kam auf Napoleon zurück, auf Josephine Beauharnais, auf die Liebe eines einfachen und rein – weiblichen Weibes – „Pah“, sagte Monika, „Josephine Beauharnais war empfindlerisch und verstand sich nur in türkische Shawls zu drapiren!“

Hätte Terschka, den Schwur vergessend, der ihn gefangen hielt, die Liebe Monika’s gewinnen können, er würde sich zu allem entschlossen haben, was zur vollständigen Erreichung seines Glücks gehört hätte. Traten Beide zur Confession der Gräfin Erdmuthe, ihrer Gönnerin, über, so war ihre Verbindung möglich. Aber Monika vermied seine Bewerbung. Sie verstand sie nicht oder gab sich den Schein, sie nicht zu verstehen. Sie wich den Beweisen seiner Gefälligkeit aus. Es gab etwas, was sie von ihm zurückschreckte. Nur die stete Rückkehr der Gräfin auf ein gewisses, wenn auch nur angedeutetes und erst kurz wieder vor ihrer Reise nach England offen behandeltes Kapitel fing an sie zu beunruhigen. Sie floh vor einer Aufregung ihres Innern, die ihr unheimlich wurde; sie floh der Gefahr entgegen, Armgart in die Gewalt ihres aus Amerika zurückgekehrten Gatten übergeben zu sehen. Terschka folgte. Er folgte sogar in der Absicht, Kocher am Fall zu besuchen. Er wollte diesen vielbesprochenen, noch in räthselhafte Nebel und Schleier gehüllten Ulrich von Hülleshoven kennen lernen. Aber die Erbschaftsfrage rief ihn zu bald nach Witoborn. Hier lebte er jetzt seit einem 353 halben Jahre, in dem ganzen, äußerlich mit bewunderungswürdiger Virtuosität verdeckten Zwiespalt seines zerrissenen Innern, in der steten Angst vor einer Mahnung aus Rom, im Kampf mit Entschließungen, die dann für ein ganzes Leben gelten mußten. Und wie war er jetzt so nahe gerückt allen maßgebenden Momenten seiner Vergangenheit; seiner nächsten in der außerordentlichen Katholicität der Gegend – seiner entferntesten in den plötzlichen Entdeckungen, die er über den Laienbruder Hubertus machen mußte! …

Hatte er eine Ahnung, daß sich ihm bald die mächtige Hand, der er nimmermehr glauben durfte entronnen zu sein, mit Riesenkraft nahen würde, so sollte sie sich in der That erfüllen …

Er verbrachte eine schlaflose Nacht …

Am folgenden Morgen begann er seine gewöhnliche Thätigkeit. Er klopfte an die Thür des Onkels Levinus, plauderte und rauchte mit ihm, ließ sich von seinen alten Zauberbüchern, an die der Onkel nicht glaubte und die er dennoch mit hoher Andacht studirte, von seinen chemischen Präparaten erzählen, scherzte sogar über einen Homunculus, den der Onkel am Ende doch noch in der Retorte als seinen Erben und Fortpflanzer des Namens Hülleshoven hinterlassen würde … er war dann einige Stunden im Rentamt, begrüßte die Damen nach der Toilettenzeit, begegnete auch schon wieder im Schlosse Thiebold, der wegen des inzwischen schon auf morgen angesetzten großen Jagdfestes gekommen war und mancherlei über seinen Ankauf zu besprechen hatte, später begegnete er Benno, der den Nicht-Einladungen der Tante zum Trotz doch ab und zu plötzlich auf dem 354 Schlosse erschien, da auch für ihn im Schreibamt des untern Geschosses Veranlassung zu Nachfragen genug gegeben war … Allen diesen Begegnungen zeigte Terschka seine gewohnte heitere und zuvorkommende Art und doch war sein Inneres in räthselhafter Unruhe …

Armgart, bleich und angegriffen, begegnete ihm wieder mit der Postmappe und ließ ihn selbst seine Briefe suchen …

Wiederum war ein Brief von ihrer Mutter darunter. Doch war das Couvert nicht mit ihrer Handschrift geschrieben. Der Poststempel zeigte auf einen Ort, der nur noch wenige Meilen entfernt war …

Als wenn Armgart die richtige Ahnung hätte, daß dieser Brief, den Terschka befremdet an sich nahm und betrachtete, die Ankunft der Mutter verdecken sollte, fixirte sie den Empfänger …

Oeffnen Sie ihn doch! sagte sie mit Bestimmtheit. Es ist doch wol nur ein Brief von meiner Mutter – nicht wahr?

Wie kommen Sie darauf? Sie sehen, die Handschrift –

Und jetzt freilich las Terschka am wenigsten …

Ich weiß alles! sagte sie und warf die Mappe auf einen Tisch, der in der Nähe stand, und eilte davon …

Terschka stand bestürzt. Ein Diener, der des Weges kam, hob einige herausgefallene Briefe und Zeitungen auf und trug die Mappe auf Terschka’s Geheiß zum Onkel Levinus …

Auf seinem Zimmer sah Terschka, daß Armgart recht hatte. Monika war in einer der nahe gelegenen kleinen Städte angekommen und deutete an, daß sie hoffte, in kurzem auf Westerhof zu sein. Sie machte Terschka nicht zum 355 Vertrauten ihrer Absichten. Sie schrieb ihm nur um einer Einlage der Gräfin willen, die diese ihr mit besonderm Couvert abzusenden aufgetragen hatte; es war eine unbedeutende Sache, in der die Gräfin schrieb – sie wollte eben nur Monika zwingen, mit Terschka in Verbindung zu bleiben; sie war in ihrer Art eine ebenso fanatische Proselytenmacherin, wie die Jesuiten auch. Monika’s Begleitschreiben wich allem aus, was ihr Terschka über das nächste Geschäftliche hinausgeschrieben hatte, ja es war förmlich …

Terschka ging im Zimmer auf und nieder. Er verbarg den Brief und sagte sich: Vergebens! Vergebens! Diese Hoffnung erfüllt sich nicht! Das ist ein Traum gewesen, der nur in meiner Phantasie gelebt hat! Dahin ziehen dich deine Sterne nicht! …

Nun mußte ihn Armgart’s Wesen befremden. Er hatte ihm anfangs nicht viel nachgedacht. Seit einigen Tagen bildeten sich ihm in seinem Innern Gedankenreihen darüber. Liebt dich denn wol gar dies seltsame Mädchen? sagte er sich schon seit längerer Zeit. Sie wollte von ihm reiten lernen. Er hatte damit auch begonnen und sich überzeugt, welche Geister sich in ihrem Innern befanden – gebunden und wie entfesselbar! Heute war ihr Benehmen wieder zu auffallend gewesen … Es flammte und brauste in seinem Innern … So kalt die Luft ging, er mußte das Fenster aufreißen … Träume, Wahngebilde der berauschendsten Möglichkeiten umgaukelten ihn …

Da klopfte es an sein Zimmer und Benno war es, der nur flüchtig hereinschaute …

356 Bester Baron, sagte er mit dem ihm eigenen ironischen Lächeln, das seine Lippen vorzugsweise Terschka gegenüber umzog; wissen Sie schon, das Obertribunal hat gestattet, daß Nück’s Verlangen, noch einmal die Archive von Westerhof in Ihrer und meiner Gegenwart untersuchen und nach seiner verdammten Urkunde kramen zu dürfen, genehmigt wird! Herr von Hülleshoven hat dafür den nächsten Montag bestimmt. Ist es wol da auch Ihnen genehm?

Auf sein: Mit Freuden, Herr von Asselyn! war Benno schon verschwunden …

Es lag in Terschka’s Charakter, nicht zurückzubleiben, sondern trotz der größten Aufregung einem Besuche zu folgen und ihm die Begleitung zu geben. An die Cadenz der Höflichkeit, die in der Jesuitenerziehung gelehrt wird, war er gewohnt …

Wie er hinaustrat, war Benno auf einer der kleinen Lauftreppen verschwunden …

Nun aber sah er am entferntesten Ende des Corridors eine seltsame Gruppe …

Dort stand Armgart und reichte eben Thiebold de Jonge die Hand …

Thiebold küßte diese Hand und sie ließ es geschehen …

Fast schien es, als hätte Thiebold auch einen bunten Gegenstand, den er in Händen hielt, mit Küssen bedeckt …

Armgart schien sogar zu weinen … Darauf deutete ein Taschentuch in ihrer Hand …

Schweigend standen beide eine Weile in sich verloren; dann raffte sich Armgart auf, winkte mit der Hand ein Lebewohl und verschwand …

357 Thiebold sah ihr lange nach, zog jetzt gleichfalls sein Taschentuch, trocknete sich – halb die Augen, halb trotz der Kälte, wie im heißesten Sommer, die Stirn und wandte sich, ohne aufzublicken, gleichfalls einer der Lauftreppen zu, die aus dem ersten Stock ins Erdgeschoß führten …

Was ist das nur? sagte sich Terschka und schritt weiter, als müßte er Armgart anreden …

Denn schon, schon faßten ihn die Geister der Versuchung. Eben noch hatten ihn die wenigen Worte Benno’s über die Urkunde mit furchtbarer Macht an den Augenblick erinnert, wo sein General vor ihm stand und ihm sagte: Fände sich die Urkunde, die für die Antretung der Erbschaft unsere Religion bedingt, so würde sich das ganze Verhältniß ändern, die Gräfin würde durch einen Familienpact den Grafen Hugo heirathen müssen und die Aufgabe für uns würde eine leichtere werden! Man riefe ihn dann vielleicht – nach Rom zurück …

Aber dieser wie Donnerton auf ihn einbrechenden Gedankenreihe konnte er nicht volles Gehör schenken, die Mittelstufen derselben wankten, Seligkeit und Qual rangen wie im Titanenkampf … Es zog ihn vorwärts und vorwärts … Was sollte dieser Abschied von dem jungen Thiebold sagen? Warum nur stand vor ihm der liebliche Engel so seltsam bewegt? … Wie verklärt diese Augen! Wie ganz dem Bild ihrer Mutter gleichend! Sie aber noch die wirkliche Jugend, das wirklich blühende Leben – kein Silberschnee des Haares, der die Jugend Lügen strafte … Und Terschka’s Abenteurernatur wurde entfesselter. Losgebunden regte sich die Seele des Emporkömmlings, 358 der sich an alles hält, was ihn erheben und fortreißen kann. Eine der Krallen des apokalyptischen Thieres nach der andern, der „Probabilismus“ und die siebenköpfige jesuitische Moral des: „Besser ist besser!“ packte ihn in furchtbarster Gewalt … Taumelnd folgte er …

Er kam an das Ende des Ganges, der, da das Schloß im Geviert gebaut war, hier nur der Anfang eines im rechten Winkel sich einsetzenden neuen war … Hier sah er, daß Armgart ein in den Hof gehendes Fenster geöffnet hatte und hinunterwinkte …

Dem ihm zunächstliegenden Fenster sein Auge zuwendend sah er, daß es nun auch Benno war, den sie mit schwacher, erstickter Stimme anrief …

Benno unten verstand sie nicht sofort …

Nun winkte sie ihm heraufzukommen …

Benno eilte auf die erste der kleinen Treppen, die in den Hof gingen …

Terschka zog sich zurück …

Offenbar, sagte er sich, hat sie mit de Jonge eben eine Scene gehabt, die sie mit Asselyn ganz ebenso wiederholen will …

Schon war Benno oben, schon hatte er dessen zwar leicht, aber doch ohne Zweifel tieferbebend Armgart dargebrachten Morgengruß vernommen … Armgart erwiderte nichts … Terschka hörte nur das Klappen einer Thür …

Er trat dann wieder vor … Armgart und Benno waren verschwunden …

Das Zimmer, in das sie hatten gehen müssen, kannte er. Es war dasselbe, in dem neulich Bonaventura seine Mutter wiedergesehen. Nichts hielt ihn, 359 am wenigsten die Moral seiner Bildung und Erziehung, zu versuchen, das Gespräch Benno’s und Armgart’s zu belauschen …

Die Schlüssel der Zimmer standen ihm zu Gebote. Mit wenig Sprüngen war er beim Onkel Levinus, schützte das Interesse an einem alten Stammbaum vor, der in einem großen Speisesaal hing, nahm die Schlüssel von der Wand, schloß etwa fünf bis sechs Thüren entfernt von der, hinter welcher jenes Gespräch stattfand, einen Saal auf, schloß wieder hinter sich zu und ging vorsichtig und langsam durch die entweder offen stehenden oder nur leise aufzuklinkenden Verbindungsthüren hindurch bis zu dem Nebenzimmer des Fremdenstübchens …

Auch dort trennte ihn von dem Gespräch nur eine Thür, an die er sein Ohr legte …

Es war kalt und schauerlich still in allen diesen alterthümlichen Räumen, von denen einige mit großer Pracht ausgestattet waren …

Ihn kümmerte nichts … Er horchte nur …

360 12.#

Schon tief in seinen Erörterungen mußte das junge Paar vorgerückt sein.

Dennoch staunte Terschka, eine scheinbar so ruhige Conversation zu vernehmen …

Nein, nein, sagte Armgart mit so leiser Stimme, daß auch nur Sein feines Gehör geschickt war folgen zu können – nein, nein, wissen Sie wol, lieber Freund, damals in Lindenwerth, als Sie uns zum ersten male besucht hatten? Es war ein Frühlingstag. Die Syringen blühten, die Nachtigall sang. Das Pensionat wanderte in die Sieben Berge. Sie, Asselyn, gingen mit uns und als wir in eine Schlucht kamen, die sich so wunderschön öffnete, ganz grün war sie und verlor sich dann in Felder mit goldenen Repssaaten – da hieß es, dies Thal wäre die Aue – und da sagten Sie blos: Hartmann von der Aue! … Wer ist das? fragte ich … Ein Minnesänger! sagten Sie und setzten hinzu: Kennen Sie das Gedicht vom armen Heinrich nicht –?

Eine Pause trat ein … Benno schien sich zu besinnen …

361 Vom armen Benno! sagt’ ich wol – warf er leise und bedeutungsvoll ein …

Nein, nein, erwiderte Armgart, diesem Tone ausweichend, vom armen Heinrich, dem zu Liebe sich einst eine fromme Jungfrau geopfert hätte … Sie wollten’s mir erzählen und die dummen Mädchen kamen dazwischen mit ihren Eseln – wissen Sie noch, sie wollten sämmtlich Esel reiten und die Steigbügel waren zu lang –?

Werden Sie denn morgen mit bei der Jagd sein? unterbrach Benno, der noch nicht zu ahnen schien, was Armgart Ernstes mit ihm vorhatte …

Ich weiß es nicht! antwortete sie. Die Tante sieht soviel Gefahren … Auch ist Paula heute wieder aufgeregter, denn je …

Benno schien nur zuzuhören …

Die Tante hatte den Münnichs versprochen, den Püttmeyer’schen Bildern beizuwohnen … Ich wenigstens könnte mit zu diesen trotz der Trauer … Aber ich weiß es noch nicht … Erzählen Sie mir von Hartmann von der Aue und vom armen Heinrich!

Liebe Armgart, begann Benno, dieser arme Heinrich war ein schwäbischer Ritter, der in den heiligen Krieg zog und das Unglück hatte, statt mit großer Beute nur mit einer schweren Krankheit heimzukehren, die kein Doctor heilen konnte! Man nannte die Krankheit die Miselsucht. Ritter Heinrich war nicht einmal jung, vielleicht nicht besonders liebenswerth, er war ein guter Guts- und Grundherr. Einem seiner Vasallen, seinem Meyer, wie das altdeutsche Gedicht sagt, blühte ein Töchterlein, den Namen hab’ ich vergessen – wollen wir sie – Armgart nennen?

362 Gewiß! antwortete Armgart und sprach dies ganz aus schwerem Herzen und voll ernster Zustimmung …

Nun gut! Des Meyers Töchterlein, Armgart, hört von dem Leid des guten Ritters, der nach Salerno gereist war, wohin man damals reiste seiner in medicinischen Angelegenheiten berühmtesten Universität wegen … Salerno liegt in Italien …

Ich weiß! sagte Armgart auf Benno’s nicht ganz harmlose Erklärung. Aber ihr: Ich weiß! war ohne jede Empfindlichkeit. Klärchen im „Egmont“ konnte, abschließend mit dem Leben, ihr elegisches: „Weißt du, wo meine Heimat ist?“ nicht ergebener sprechen …

Nun kommt eine Botschaft aus Italien! fuhr Benno fort, der Ritter könnte genesen, hieß es, wenn eine Jungfrau rein sich fände, die für ihn in den Tod ginge. Ich kann im Augenblick nicht sagen, liebe Freundin – Sie müssen den Domherrn fragen, der in diesen Gedichten heimischer ist, als ich – ob der Ritter das Blut der Jungfrau trinken oder in seine geöffneten Adern aufnehmen sollte … Letzteres ist auf der Universität Göttingen neulich, das heißt umgekehrt, vorgekommen; ein junger Student hat sich dazu hergegeben, sein Blut durch Transfusion in die blutleeren Adern einer jungen hinsiechenden Frau hinüberleiten zu lassen … Die junge kranke Frau wurde neubelebt durch Studentenblut … Wird sie ihn nicht ewig lieben müssen?

Scherzen Sie nicht, Asselyn!

Sie glauben nicht daran? Dann glauben Sie auch nicht, wie zwei Freunde es machen müssen, die scheiden und sich in der Ferne treue Kunde geben wollen? – 363 Gesetzt wir beide! Ich reise nächster Tage ganz aus Ihrer Nähe – und wer weiß, auf wie lange! …

Asselyn! unterbrach Armgart mit einem sanften Tone, setzte aber, sich sogleich beherrschend, hinzu: Wie machen es zwei Freunde, wenn sie sich trennen und sich voneinander Kunde geben wollen? …

Sie ritzen sich gegenseitig eine Wunde, füllen das tröpfelnde Blut einer dem andern in die seinige und lassen so sie heilen! Reist nun der eine gen Amerika und der andere gen Asien, so können sie sich ohne alles Briefporto, ohne alle Telegraphie im Nu verständigen. Der eine will dem andern sagen: Ich grüße dich von ganzer Seele! – da nimmt er nur eine Stecknadel und sticht auf die geheilte Wunde. Im Nu fühlt der andere an derselben Stelle den Stich. Jetzt gibt er Acht; dieser erste Stich war nur ein: Hab’ Acht! Nun nimmt er ein Blatt Papier, einen Bleistift und zählt die fernern Stiche, die er fühlt. So kommen bestimmte Buchstaben zusammen und zwei auf diese Art blutsverbundene Freunde können über tausend Meilen weit im Nu sich sagen: Es geht mir wohl! Ich liebe dich immer und ewig! Ich sterbe! …

Benno! …

Es dauerte eine Weile, bis Terschka Weiteres hörte … Sein Herz schlug so laut, daß es ihm selbst hörbar wurde …

Endlich schien Benno sich gefunden zu haben … Wenigstens hörte Terschka die Worte:

Zwanzig Meilen nach dem Westen, da gibt es ja noch Postverbindung! Oder wollen Sie etwa weiter noch – nach dem Osten?

364 Vielleicht …

Wohin?

Nach Wien!

Terschka horchte auf …

Mit Ihrer Mutter! sagte Benno gelassen …

Armgart schwieg …

Mit wem? fragte er dringender …

Erzählen Sie mir von der Tochter des Meyers! war Armgart’s ausweichende Antwort …

Mit wem? drängte Benno …

Wie ließ sie ihr Leben für den kranken Ritter?

Mit wem? wiederholte Benno und rief diesmal so laut, daß Armgart ihn um aller Heiligen willen um Ruhe bat …

Was that die Jungfrau? sagte sie dann …

Fragen Sie den Domherrn! antwortete Benno mit hörbarer Erregung und voll Bitterkeit. Ich glaube, sie sollte sich auf den Secirtisch der Anatomie legen und sich von den Professoren zerschneiden lassen! Das Mädchen, ein zweites Käthchen von Heilbronn, reiste richtig nach Salerno, bietet sich auf der Anatomie zu jedem Experimente an – Die Professoren erstaunen und, wie beim Opfer Abraham’s schon der Wille für die That gewirkt hatte, so wird auch hier der Ritter gesund und heirathet die Tochter seines Meyers …

Das ist dumm! wallte Armgart auf …

Wegen der Mesalliance? Oder erwarteten Sie den Opfertod?

Gewiß! … Das Schicksal ist auch wol so gnädig, wie ihr Poeten! Wo etwas Nothwendiges von den 365 Umständen vorgeschrieben wird, geschieht es auch! Das steht in den Sternen!

Armgart! Sie wollen so eigensinnig sein, wie manchmal denn doch – die Liebe Gottes nicht ist? Welchen Opfertod suchen Sie denn?

Armgart schwieg …

Sprechen Sie, Armgart –! Was wollen Sie in Wien –? Ich beschwöre Sie! …

Benno errieth nicht, welche Gedankengänge in Armgart schlummerten, welchen Opfertod sie meinte … Daß aber Wien und Terschka zusammenhing, das mußte ihm gewiß sein … Terschka hörte, daß er eine Rede abbrach, die aus seiner mächtigsten Aufwallung zu kommen schien. Wie mit einer sich beherrschenden Stimme sprach er:

Ich denke, Sie leben nur der Vereinigung Ihrer Aeltern?

Das thu’ ich auch! In wenigen Tagen werden sie verbunden sein!

Wer sagt Ihnen das?

Meine Ahnung!

Was der Mensch getrennt hat, kann kein Gott wieder zusammenfügen! Selbst Sie nicht, Armgart!

Atheist!

Können Sie wissen, was sich Ihre Aeltern vorzuwerfen haben?

Nichts haben sie sich vorzuwerfen! Und wenn –! Die Kirche scheidet nicht! Sagten Sie nicht oft, Vater und Mutter – beide sind Menschen voll Hochherzigkeit und Edelmuth? Und sie sollten sich nicht angehören? Nicht ewig?

366 Liebe erzwingt sich nicht! Das – – das seh’ ich ja!

Die Liebe ist ein Wahn!

Armgart!

Nur Gott ist die Liebe! Gott sagt, wen und was die Liebe wählen soll! … Ha, Sie sprechen von Glück, Benno? Thorheit, Thorheit menschlicher Schwäche, die nur in Befriedigung ihrer eiteln Wünsche Beruhigung findet! Wohl! Schön muß es sein, herrlich zu leben, das geb’ ich zu, wenn das Herz erreicht, wonach es verlangt … Aber auch stückweise es hinzugeben, wenn es die höhere Pflicht begehrt, die Prüfung unserer Größe es will – darin kann ebenso viel Freude liegen – oder glauben Sie nicht, daß Hedwig von Polen glücklich war, als sie dem Ferdinand von Oesterreich, den sie liebte, entsagte und den Heiden Jagello zum Manne nahm, der ihr seine Taufe, die Taufe eines ganzen Volkes, zur Morgengabe brachte? Wie sie ihren Brautschleier der Mutter Gottes von Krakau schenkte, muß ihr das Leben anfangs wie unter einem schwarzen Gewitterhimmel dahingezogen sein! Dann aber umsäumte es sich rosig und gewiß, gewiß – sie wurde glücklich!

Armgart! rief Benno außer sich voll Erstaunen … Und alles wurde jetzt still … Terschka sah im Geist seinen Schutzheiligen, den achtzehnjährigen Polen Stanislaus von Kostka, dem beim Gebet sein Antlitz von Verklärungsschimmer überleuchtet gewesen … Ebenso auch hörte er Monika, deren Methode, zu fühlen und zu denken, ganz dieselbe war, wie bei ihrer Tochter, wenn auch ihr Fühlen und ihr Denken andern Ergebnissen zugute kam … Sein Herz verstand, was er hörte … Dämonen raunten ihm zu: 367 Willst du mitleidig sein mit diesem jungen Mann, der seinen Abschied auf ewig – um deinetwillen erhält? Willst du thöricht sein und um einer solchen von Göttern zu beneidenden Hingebung willen gestehen, daß ihr Opfer – ihre Absicht, ihn – von ihrer Mutter zu trennen, auf einem Irrthum beruht? …

Armgart! Armgart! Ich beschwöre Sie, was geht in Ihnen vor? rief Benno …

Ich lebe – einem Gelübde! …

Himmel, kann denn irgendeine That Gott wohlgefällig sein, die Ihr Herz Gefahren aussetzt, für die keine, keine Himmelskrone Sie entschädigen wird?

Lästerung!

Wem wollen Sie Ihr Herz, Ihre Hand zum Opfer bringen? Warum, warum nur lieben Sie – Terschka?!

Kein Aufschrei Armgart’s erfolgte … Alles blieb still … Lange, lange blieb es still … Terschka begriff nicht, warum beide plötzlich schwiegen …

Allmählich begann Benno zu sprechen … Er sprach so leise, daß Terschka nicht folgen konnte … Dem Schlüsselloch Ohr und Auge zuzuwenden wagte er nicht, ungewiß, ob die nebenan herrschende Stille nicht jede seiner Bewegungen verrathen könnte … Vor seiner Phantasie stand Benno in diesem Augenblick, als müßte er Armgart an beiden Händen halten, müßte ihr tief in die Augen blicken, müßte mit ruhiger Ergebung ihr die ganze Wahrheit seines Herzens enthüllen und ihr sagen: So sollst du hinschwinden, schöner Traum meines Lebens, und wer, wer konnte dich fesseln! Wer konnte dir werther sein, als ich! – –

368 Die Worte, die Terschka allmählich dann unterschied, lauteten:

Armgart! Wenn irgendjemand die Stimmungen kennt, in denen man, wie wir so oft in den Gärten des Enneper Thals nach den schwellenden Früchten über uns nicht langten, ebenso auch sein Glück dahinziehen läßt unerstrebt, so bin ich es! … Aber bleiben Sie nur, Armgart! … Ich wurde schon ruhiger, seit ich wußte, daß auch ein Freund Sie liebt! … Denn wie wollen Sie es nennen, wofür die Sprache nur Ein Wort hat! … Sie erklärten vorhin dem Freund ohne Zweifel mit derselben Bestimmtheit, wie mir, daß Sie aus unserm Leben auszuscheiden wünschen und unsere Bewerbungen ferner nicht mögen … Nun denn! Ich nehme den Aschenbecher, wie er, der Fröhlichere – die Tasche für schnell verkohlende – Cigarren! … Wer Ihr Herz besitzt, ich sagte es vorhin … Herr von Terschka wird eine große gesellschaftliche Stellung einnehmen, wird Sie in das schöne Wien entführen, dort werden Ihnen Glück und Reichthum lächeln! … Fliegen Sie mit ihm zu Roß dahin in flatterndem Gewande! … Aber nehmen Sie ein Wort von mir zum Abschied! … Ich bin Ihnen nichts mehr und nun – nun bin ich mir noch weniger, als schon seit lange … Ihre Tante hat recht, mich wie einen Zigeunerknaben zu behandeln, den man nur aus Barmherzigkeit aufnimmt … Ich bin ein verflogener Vogel und passe für euere Käfige nicht … Doch ich werde Sie wiedersehen; das weiß ich … Wissen Sie, Armgart, daß ich auch Das sicher und fest weiß – daß ich Sie trotz Ihrer von unserm Glauben gebotenen Himmelskronen – ich weiß nicht warum! – unglücklich 369 finden werde? … Und Sie bejahen das –? … Aber auch Ihr räthselhaftes Martyrerthum wird Sie nicht befriedigen! Es gibt Naturen, die nicht aus Erdenstoff geschaffen scheinen und die dennoch mehr den Gesetzen der Erdenschwere unterliegen, als die gemeinen! Ihre Mutter schon rettete sich nur durch eine Flucht ganz aus der Welt heraus vor Gefahren, in die nun auch Sie sich begeben wollen; Ihre Mutter wird von Tausenden verurtheilt, ohne daß sie es verdient; sie wird verurtheilt und – sie leidet darunter … Auch Sie, Sie, Armgart – werden den Beifall der Menschen vergebens suchen, wenn Sie ihn nicht mehr finden können … Ich erschrecke vor Ihrer Zukunft!

Armgart erwiderte leise und sprach lange. Terschka konnte nichts verstehen, als daß sie nur vom Beifall Gottes und von ewiger Trennung sprach …

Endlich wurde alles still …

Die Thür ging … Noch hörte Terschka nur ein plötzliches, heftiges, aus tiefster Seele kommendes Schluchzen …

Armgart mußte allein sein … Ihr Weinen wurde zuletzt so heftig, daß es sein Innerstes durchschnitt …

Anfangs wollte er hinüberstürzen, sich ihr zu Füßen werfen, die Liebe, die wirklich nur ihm, ihm geweiht sein konnte, ablehnen, wollte die Wahrheit bekennen, daß er Priester wäre, ein gerade in ihren Augen todwürdiges Verbrechen begehen würde, schon an ihren Besitz auch nur zu denken – – Dann aber erschreckten ihn – erst die Thränen Armgart’s … er konnte ihr Weinen nicht mehr hören … Er verlor die Besinnung … Leise schlich er auf den Zehen durch die Zimmer zurück, kam zum großen Speisesaal, öffnete die Thür, die in 370 den Corridor führte … Alles war still … Niemand wol hatte ihn beobachtet … Durch ein Fenster in den Hof blickend, entdeckte er Thiebold und Benno, wie beide schweigend, vernichtet, erstarrt zur Erde blickend zum Portal des Schlosses hinausgingen, wahrscheinlich um gemeinschaftlich nach Witoborn – und in ein neues Leben zurückzukehren …

Die Mittagsglocke läutete, die alles in dem kleinern Speisezimmer vereinigte …

Tischgenossen, die der Zufall brachte, gab es in dem gastfreien Hause genug …

Nun schon trat Armgart hinter Terschka hervor … Tief verweint waren zwar noch die Augen … Doch rang sie schon nach Unbefangenheit …

Herr von Terschka, sagte sie mit leiser Stimme, ich will Nachmittag nach Heiligenkreuz …

Der Wagen ist schon für die Damen bestellt! sagte er … Wie mußte er sich beherrschen, nicht ihre Hand zu ergreifen … Nicht in die Augen konnte er ihr sehen …

Es sind mir ihrer zu viel …

So bestell’ ich zwei Wagen …

Ich will zu Fuß gehen …

Es wird Abend werden, ehe Sie fortkönnen …

So können – so können Sie mich ja – begleiten …

Damit stand Terschka allein …

Auf dies Wort „begleiten“ kämpften Himmel und Hölle …

Terschka begriff vollkommen, was in Armgart vorging … Sie hatte ein Gelübde gethan, um den versöhnten Aeltern anzugehören. Sie glaubte: Er wäre ein 371 Hinderniß dieser Versöhnung –! Die Mutter wäre im Begriff, ihn zu lieben –! Deshalb – Deshalb –! Wie Glühstrom fiel es auf ihn: Deshalb reißt Sie mich mit Gewalt von einer eingebildeten Liebe ihrer Mutter los und will mich selbst gewinnen – – – Die Möglichkeit, daß ein solcher Gedanke in ihr entstehen, dies Ertödten ihrer Neigung zu Benno möglich sein konnte, übersah er … Armgart war katholisch! …

Sollte er nun dies Wahngebild sich immer weiter ausbilden, immer verheerender im Herzen der lieblichen Jungfrau um sich greifen lassen? Um sich greifen lassen auf Grund einer Voraussetzung, die – das sah er ja beschämt – in Betreff Monika’s eine völlig unbegründete war und auf Verwickelungen hinausführte, die nie zu lösen schienen –?

Im Abenddunkel sah seine Aufregung ihn mit Armgart allein dahinschreiten durch die Winterlandschaft …

Im Geist sah er Armgart neben sich, im Pelz die Hände bergend, deren eine er vielleicht, von seinem Glück überwältigt, verwegen ergriff beim Eintritt in den dichtern Tannenforst …

Im Geist hörte er, was sein Uebermuth, sein Leichtsinn ihr zu sagen wagen würde: Wie hab’ ich Sie einst schon gesucht an jenem stürmischen Regentag, als die Jugend von Lindenwerth zur Villa in Drusenheim kam! Wie zog mich Ihre Flucht Ihnen nach! Den schnellsten Renner hätt’ ich satteln lassen mögen vor Eifersucht, nur um der Dritte sein zu können unter denen, die in Ihrer Nähe weilen durften …

Dann sah er Eulen auffliegen, die den Schnee 372 von den Aesten verschütteten, auf denen sie gesessen … Rehe, Hirsche – Unthiere, sah er aufgescheucht vom Vortreiben zur morgenden großen Jagd, durch die Gebüsche brechen … Der Mond stieg am äußersten Rand des Horizontes empor … Ausmalen mußte er sich, wie er würde Abschied nehmen müssen an der Allee, die nach Heiligenkreuz führt, und wie er würde zurückkehren, wenn sein alter, gewohnter Lebensübermuth ihn übermannt hätte … Toll, toll würde er in die Nacht hinauslachen, bis – – plötzlich aus den Büschen an jedem Seitenwege ein Bote seines vergangenen Lebens träte – Jean Picard, sein Gespiele – Franz Bosbeck, sein Lebensretter – van Prinsteeren, der ihn einst zuerst aufs Pferd gehoben – jener Schweizersoldat, der ihn mit in die Alpen nahm – er hörte das Stampfen der Rosse in der Kaserne der Lanzenreiter zu Rom – sah die Benfratellen, wie sie ihn in das Spital an der Tiber trugen – dann hatten sie alle, alle Todtenhemden an und Larven über dem Antlitz; es war die Bruderschaft della Morte …

So noch fiebernd, so in Jesuitenart schwankend, so im zagenden Begriff zur Gesellschaft einzutreten, erschütterten ihn zwei Thatsachen, die dann noch zu gleicher Zeit auf ihn eindrangen …

Um ihn her war es plötzlich seltsam lebendig geworden …

Er sah, daß es die Anzeichen einer neuen Vision der Gräfin waren …

Er hörte, daß Stimmen des Erstaunens durcheinander gingen …

Er sah Bonaventura kommen … sah diesen von 373 Tante Benigna, von Onkel Levinus in hastigster Aufregung begrüßt, sah das Erbleichen des Domherrn, als ihm die Mittheilung wurde, daß Paula im Hochschlaf läge und von den schmerzlichsten Anschauungen gefoltert würde …

Zu gleicher Zeit bemerkte er aber auch auf dem Corridor, der zu seinen Zimmern führte, im weitesten Hintergrunde und grell von einem Sonnenstrahl beleuchtet – einen Mönch …

Ein Lebender war das, der da herkam, aber seine funkelnden Augen schienen zwei Flammen aus den Höhlen eines Todtenkopfs zu sein … Die Kiefern des Mundes bewegten sich … Sie lächelten ihm von weitem so freundlich, daß die Grübchen auf den Wangen sich ausfüllten wie mit Blumen unter Leichensteinen … Ein langes, weites, braunes Gewand hing wie über einem Skelet, das lässig, doch absichtsvoll daherschritt …

Herr von Terschka? riefen Diener im Hintergrund … Ist dort! sagten andere und schossen an ihm vorüber …

Ahnend stand Terschka an der Schwelle des Eintrittsaales am Weihebecken …

Der Mönch näherte sich …

Zugleich sprach voll Schrecken Bonaventura, der neben Terschka stand: Um Gott, was sieht sie? …

Eine Feuersbrunst! riefen mehrere Stimmen vom grünen Zimmer her …

Unter Terschka wankte der Boden …

Der Mönch kam näher und näher …

Voll Schmerz und Verzweiflung liegt sie! erzählte 374 man durcheinander … Sie sieht ein Haus in Flammen! Sie fürchtet zu verbrennen! Kommen Sie! Helfen Sie, Herr Domherr!

Aber auch der, der einst Terschka aus den Flammen gerettet, kam näher und doch schien der Corridor sich weit, endlos zu erstrecken bis zu den Corridoren und Kerkern – des Al Gesu in Rom …

Jetzt hielt der gespenstische Bruder einen Brief empor, der nur an Terschka gerichtet sein konnte, denn auf ihn, ihn blickte unverwandt das freundliche Nicken des Todtenhauptes …

Es ist das Schloß, das brennt! berichteten neue Stimmen und riefen Bonaventura, dessen Hand Onkel Levinus ergriffen hatte, als sollte er Hülfe bringen und Paula beruhigen …

Das ist Hubertus! sagte sich Terschka und an seinem Arm brannte das Mal in lichterlohem Feuer …

Bonaventura war aus dem Vorsaal in das grüne Zimmer getreten wie ein Hülfebringender, wie ein Rettender vor dem Tod in Feuersgluten, die er um sich her, seiner Ahnungen eingedenk, durch die Fenster hereinbrechen, rings das Gebälk ergreifen, eine Welt in Asche legen sah …

Und auch Terschka sollte folgen … Onkel Levinus erwartete es und harrte .…

Doch der Mönch, was will – der Mönch? …

Bruder Hubertus! sagte Onkel Levinus, ihn erkennend und nach obwaltenden Umständen erfreut begrüßend. Sie kämen schon zurecht, um auch hier aus Flammen zu retten? Die Gräfin hat eine schwere Vision …

375 Bruder Hubertus trat lächelnden Mitleids näher, verbeugte sich, zuckte die Achseln, als wisse er gegen solche Offenbarungen der Gottheit keine Hülfe, und übergab an Terschka, diesen immer mit seinen Augen wie verschlingend, den Brief, den er ihm schon so lange entgegenhielt …

Terschka ergriff den Brief … Das Siegel war geistlich – – noch kam es nicht aus Rom … Pater Maurus, der Provinzial der Franciscaner, schrieb ihm nur unter dem großen Siegel seines Klosters …

Terschka erbrach und las …

Jetzt zog ihn der Onkel, um das ihm wichtiger Scheinende in den Zimmern drinnen nicht länger zu versäumen …

Ich werde kommen! hauchte Terschka – gelblichbleich war er geworden wie der von der Wintersonne gefärbte Schnee auf den Feldern …

Noch einmal wandte er sich zu dem an der Thürschwelle harrenden und mit glühenden Augen ihn durchbohrenden Boten und sagte:

Ein Brief – für mich – schreibt Ihr Guardian wäre im Kloster angekommen – wissen Sie nicht – woher?

Mit einer Miene, die das seligste Gefühl ausdrücken sollte: Bist du denn, Mann mit dem mir so theuren Namen, mit der ahnungsvollen seltsamen Gestalt, bist du denn wol gar verwandt mit dem Kinde – oder selbst –? sprach dieser ein Wort, das dann für Terschka’s Ohr erklang wie die Posaune des Weltgerichts:

Aus dem Kloster der Piaristen zu Maria Treu in Wien!

376 Terschka – verschwand jetzt … Nicht zusammenbrechend, nicht niedergeschmettert von einem Wort, das ihm lauten durfte: Deine Stunde ist abgelaufen! sondern wie mit einem Muth auf Leben und Tod … Er dachte an Armgart.

Der Mönch stand noch immer und sagte nur zu den Dienern staunend:

Wenzel von Terschka –!

Von den Vielbeschäftigten konnte dem Greise niemand Gehör geben.

Die Schlußkapitel dieses fünften Buchs erfolgen im Anfang des sechsten Bandes.

Fünftes Buch.#

Fortsetzung und Schluß.#

3 13.#

Noch in derselben Nacht schlug das Wetter um. Zum Schnee gesellte sich Regen. So begann die Jagd schon ganz mit Bestätigung der trüben Ahnungen, die Tante Benigna um die Nachtruhe gebracht hatten; Paula sah am Tag zuvor eine Feuersbrunst und zusammenstürzende Gebäude, die sie nicht zu nennen vermochte …

Terschka war heute schon in aller Frühe aufgebrochen und hatte zum Schloß Münnichhof, wo sich die Mehrzahl der Mitglieder des großen Jagdfestes versammeln wollte, einen Umweg über Kloster Himmelpfort gemacht …

Noch am Abend hatte er Armgart nach dem Stift Heiligenkreuz zurückbegleitet, war spät wiedergekommen, dann beim Thee nicht erschienen …

Bonaventura hatte sich unmittelbar nach der Vision entfernt … Mit leicht erklärlicher Aufregung hatte er Paula gefragt, welches Gebäude sie brennen sähe, und von ihr keine Antwort erhalten … Ja er magnetisirte sie, um ihr Auge zu schärfen … Sie verfiel dadurch in einen 4 desto sanftern Schlummer, aus dem sie Niemand mehr wecken mochte …

Onkel Levinus gehörte einer Familie an, die in den frühern geistlichen Zeiten die Landoberjägermeister der Fürstbischöfe von Witoborn gewesen waren. In jagdgemäßen Traditionen war er aufgewachsen. Aber von dem Ideal eines Nimrod stand er so weit entfernt, daß Tante Benigna vollkommen Recht hatte zu befürchten, man könnte statt der erlegten Hirsche und Rehe auch allenfalls ihn selbst, den weiland Candidaten des Erblandoberjägermeisteramts, auf dem Beutewagen nach Hause fahren. Wie sie ihm die Pelzkappe darreichte, den Fußsack seinem Leibschützen Soetbeer auf die Seele band, ja sogar diesem zuflüsterte, wenn der Baron einen feuchten oder zu langen Stand im Walde bekäme, den Fußsack bei der Hand zu behalten; wie sie das Lederfutter untersuchte, in welchem die prachtvoll damascirte Doppelflinte geborgen lag, da hätte nur die – frühere Armgart gefehlt, um diesen Abschied aus dem Tragischen ins Komische zu übersetzen.

Onkel Levinus bewegte sich in seinem Jagdcostüme, zu welchem sich noch die Wildschur gesellte, wie ein „Pelzmärtel“ zur Weihnachtszeit. Aus Bär und Zobel konnte man ihn kaum herausfinden. Das Gesicht war erkennbar nur an zwei Brillengläsern, ohne die er heute behauptete keinen Rehbock zu treffen. Bei seinen Fabrikationen von Berliner Blau, Stärkemehl, Pottasche und künstlichen Düngererden hatte er nie die Brille nöthig; nur auf die Jagd nahm er sie mit, um den Spott, der ihn als Abkommen so vieler fürstbischöflicher 5 Erblandoberjägermeister unfehlbar heute treffen würde, durch ein „kurzes Gesicht“ zu mildern. Und dann war Graf Münnich als ein „schußneidischer“ Cavalier in der ganzen Gegend bekannt. Der ist eifersüchtig auf jeden Schuß, der nicht aus seiner Büchse kommt! sagte der Onkel mit einem Ton, als fielen heute mindestens durch seine Kugel ein Dutzend Rehe …

Eine Jagd in einem Walde, der im Frühjahr nicht mehr sein wird! seufzte Paula beim Abschied …

Ja, alles wird weggeschossen, was Haar oder Federn hat! renommirte der Onkel …

Bitte, bitte, Baron! fiel die Tante ärgerlich über einen so gefährlichen und herausfordernden und noch dazu, sie wußt’ es ja, nur affectirten Ton ein; bitte, sehen Sie nur zu, daß man Ihre Pelzmütze schont!

Die Tante ließ es noch zweifelhaft, ob auch sie zu den Transparentbildern Püttmeyer’s, die Nachmittags den Damen der vornehmen Jäger gezeigt werden sollten, kommen würde … Sie wußte, es gab nachher ein stattliches Jagdbanket, und die Trauer Paula’s gestattete weder ihr, noch Paula, sich in diesem Grade in die Zerstreuungen des Weltlebens zu mischen … Von Armgart, sagte sie, ließe sich erwarten, daß sie mit den Stiftsdamen auf Schloß Münnichhof zu Püttmeyer’s Triumphen kommen würde; diese hätten drei Equipagen aus Witoborn bestellt … Zwei Stiftsdamen, Fräulein von Merwig und Fräulein von Absam, gehörten sogar zu den Jägerinnen und waren berühmt durch ihren Muth und ihre Fehlschüsse …

Mit der Versicherung des Onkels, daß man sich 6 verlassen könnte, er würde sich weder zu lange an dem Banket, noch an dem selbst in dieser frommen Sphäre nach den Jagdpartieen üblichen hohen Spiel betheiligen, entzog er sich endlich dem beklommenen Abschied … Das leichte, trotz des Schneeregens offene und freie Jagdwägelchen rollte von dannen.

Unterwegs pfiff der Wind nicht wenig. Die Brillengläser des kühnen Jägers beschlugen; oft verlor er den Athem, wenn der Wind umsetzte und Leibschütz und Kutscher, die vor ihm saßen, nicht mehr als Windfang dienen konnten. Dennoch wurde er nicht müde, Jagdanekdoten theils selbst zu erzählen, theils sich erzählen zu lassen, Anekdoten, die bis in die glänzendsten Zeiten seiner Familie hinaufreichten und dem Ausspruch: Ecclesia sanguinem abhorret! keineswegs entsprachen; denn immer handelte sich’s darum, wie Se. hochfürstbischöflichen Gnaden dazumalen entweder selbsten die Sau abgefangen oder sich von einem sichern Standorte aus Flinte auf Flinte, bereits geladen, hätten darreichen lassen und die herbeigetriebenen Rehe und Hirsche zum „Plaisir Serenissimi“ zusammengemördert hätten …

Gegen zehn Uhr war man auf Münnichhof …

Auf diesem stattlichen Herrensitze, der noch mit Zugbrücken und einer Anzahl Lünetten für noch vorhandene alte eiserne Böller, mit Wällen und in einem großen ringsumher gehenden Arm der Witobach mit vorgeschobenen Eisbrechern oder sogenannten Dücs d’Alba ausgestattet war und im Innern des Hofs in die Blüte und Herrlichkeit des siebzehnten Jahrhunderts zurück-versetzte, fand man den größten Theil der Gesellschaft 7 wieder, die neulich dem Freiherrn von Wittekind die letzte Ehre gegeben hatte …

Der Hof war belebt von dem Jagdzeug des Grafen, das mit den Contingenten der benachbarten Herrschaften, vorzugsweise dem großen Jagdpersonal der Dorstes vermehrt worden war. Da standen die Wagen für die Jagdtheilnehmer und für die gemachte Beute. Treiber und Jagdbursche hielten die Schweißhunde an der Leine und mancher von letztern trug noch am Halse die „Korallen“, einen Stachelring, nach dessen Abnahme man voraussetzen konnte, das gereizte Thier würde um so gieriger an die wilde Arbeit gehen. Der musikalische Theil der Jagd war durch einige horngeschickte Jäger, vorzugsweise durch die in Jagdcostüme gekleideten Trompeter der Husarengarnison von Witoborn vertreten, ja sogar ein Bajazzo fehlte nicht – der buckelige Stammer hatte sich vom gräflich Dorste’schen Oberförster ein Costüm erbettelt und blies aus Leibeskräften mit den übrigen. In seiner grünen Mütze mit einer Feder sah er aus wie ein Heusprengsel und die Gräfin von Münnich, eine fromme Dame, die ohne eine kirchliche Buße nicht ins Theater ging, mußte im Kreise ihres Besuchs wider Willen über ihn lachen, als sie auf einen Balcon hinaustrat, der in den Hof ging, angelockt von einem Hornsolo, das jedoch des Guten zu viel that und in Dissonanz verendete …

Zu der Blüte des Adels, zu jungen und alten im Bann der hiesigen Anschauungen lebenden Cavalieren, auch Offizieren der benachbarten Garnisonen, hatte sich schon jetzt eine nicht geringe Anzahl Frauen gesellt. 8 Amazonenhaft traten nur einige wenige auf. Mit Spannung erwartete man vorzugsweise die Damen aus dem Stifte … Die Fräulein von Merwig und von Absam blieben ohne Zweifel schon auf dem für den Beginn der Jagd abgesteckten Standorte zurück, an dem sie vorüberfahren mußten und wo sich alle diejenigen einfinden wollten, die erst über Münnichhof einen Umweg gemacht hätten …

Terschka war nicht zu sehen … Jeder fragte nach ihm … Fest stand, daß ihn seine Ritterlichkeit heute wieder zur Hauptperson des Tages machen würde … In der That schon mit „Schußneid“ sagte das Graf Münnich, ein schlanker, von Kopf bis zu Fuß jagdgemäß gerüsteter Herr, dessen Aufregung unter den zwanzig bis dreißig Cavalieren die lebhafteste war …

Benno und Thiebold sollten gleichfalls kommen … Letzterer als baldiger Herr des heute und bis zum Frühjahr zum letzten mal vom Jagdruf widerhallenden Waldes … Der auch an ihn ergangenen Einladung hatte er um so weniger widerstehen können, als er nach den gestrigen schmerzlichen Erfahrungen für Benno’s ihn „jetzt ängstigenden“ Trübsinn und den minder gefährlichen eigenen die erheiternde Wirkung eines solchen Vergnügens geltend machte, auch „nicht leugnen“ konnte, daß ihm ein vom jungen Tübbicke in Witoborn schleunigst nach dem Modejournal angefertigtes Jagdcostüm nicht übel stehen müßte …

In dem großen Ahnensaal, in welchem neben den bis weit über den Westfälischen Friedensschluß hinausreichenden Familienporträts die wunderbarsten Hirsch-9geweihe hingen, solche sogar, die mit Baumästen verwachsen waren, nahm man ein Frühstück ein. Dann wäre man, da die, welche noch fehlten, auf dem gewählten Schießstande im Warten ungeduldig werden konnten, unfehlbar aufgebrochen, wenn sich nicht die Scene auf eine eigenthümliche Art durch das Eintreten einer Persönlichkeit geändert hätte, deren Erscheinen hier Niemand erwartete.

Ein magerer Herr in mittlerer Statur, in der sogenannten Armeeuniform, die Brust mit Orden bedeckt, trat ein … Hinter ihm folgte ein Jäger, der, wie alle Leibschützen, die Flinte seiner Herrschaft trug …

Der Landrath! ging es mit einstimmigem Murmeln durch die Reihen der aus ihren schon wieder angezogenen Pelzröcken und Ueberwürfen kaum erkennbaren Physiognomieen …

Niemand war bestürzter, als der Wirth, Graf Münnich selbst …

Was ist das? rief er erstaunt und allen hörbar …

Bald stellte sich heraus, daß den Landrath von Enckefuß Niemand eingeladen hatte …

Noch mehr … Der feierliche Aufzug des in dieser Sphäre schon lange durch die Zeitereignisse Proscribirten hatte etwas Beängstigendes … Daß dieser weiland „schöne Mann“, ein alter Cavalerieoffizier, sich mit der größten Beflissenheit seinen Bart, sein Haar gefärbt, ja sogar die Runzeln seines fast fleischlosen und nur aus Haut und Knochen bestehenden Kopfes weggemalt hatte, überraschte Niemanden. Auch heute hatte er seine allbekannte Toilette, dieselbe Chevalerie mit den Damen, 10 dasselbe stramme Auftreten mit den hohen Stulpstiefeln, dieselben Scherze, die man an ihm gewohnt war … Aber in so seltsamer Uebertreibung kam alles an ihm zum Vorschein, daß man annehmen mußte, entweder hatte er bereits seinem vormittägigen Lieblingsgetränk, dem Cüração, stark zugesprochen oder er befand sich in allem Ernst in geistiger Unzurechnungsfähigkeit …

Sofort bildete sich eine Phalanx gegen den Vertreter der Regierung, gegen den Mann, der einen Bruder des Kirchenfürsten im Duell erschossen hatte, gegen den Freund des Kronsyndikus, gegen den Vater des Assessors, des jetzigen Rathes von Enckefuß … wiederum sah man die große Kluft des Vaterlandes und immer peinlicher wurde die Verlegenheit für den Jagdherrn … Allgemein stellte man ihm in ergrimmter Aufregung die Zumuthung, er solle den unberufenen Eindringling bedeuten, daß sein Eintreffen auf Schloß Münnichhof ein Misverständniß wäre … Sogar die Gräfin besaß den Muth, die Bedenklichkeiten ihres inzwischen zaghafter gewordenen Gatten zu überwinden und mit der Würde ihrer äußern Erscheinung, mit dem Hochgefühl ihres Zusammenhangs mit dem Träger der dreifachen Krone, den Landrath auf ein Misverständniß aufmerksam zu machen … sie wollte sagen, daß sie sich ein Gewissen daraus gemacht haben würde, den Herrn von Enckefuß „mit Elementen“ zusammenzuführen, „die ihm höchst unangenehm sein müßten“ …

Jetzt aber erfuhr sie durch die Dienerschaft, Herr von Enckefuß wäre durch die Nichteinladung zu einer Jagd, an der jeder Adelige der Gegend theilnähme, in einem 11 Grade beleidigt worden, daß man ihn seiner für nicht mehr mächtig halten könnte. Stündlich hätte er die Einladung zur Jagd abgewartet, hätte sein Schießzeug hervorgesucht, es selbst geputzt, seinen Hund angeredet: Sie danken dich ab, Caro! Sie werfen dir einen Knochen vor, Caro! Sie setzen dich außer Brot, Caro! Dann wäre seine Ungeduld gestiegen, immer hätte er gefragt: Keine Einladung vom Grafen? Keine von Baron Levinus? Keine von Herrn von Terschka? Seit gestern hätte er dann eine Miene angenommen, als wäre die Einladung wirklich erfolgt. Nun hätte er seinem Bedienten befohlen, sich als Jäger anzukleiden. Auf die Einrede, er irre sich, die Einladung fehle, hätten die heftigsten Zornausbrüche geantwortet, sodaß man zuletzt vorgezogen, zu schweigen und sich in alles zu fügen. In diesem Zustand erschien er und scheinbar nicht im mindesten stolz. Er sprach leutselig mit allen, wie wenn sie seine besten Freunde und Bekannte wären … Ein ängstlicher Waffenstillstand zwischen zwei feindlichen Lagern …

Hinein in die Unentschlossenheit, was nun zu beginnen wäre, in den unheimlichen Eindruck des so außerordentlich sichern, ja fröhlichen Benehmens des Landraths ertönten die Signale des Aufbruchs, die Rüden schlugen an, johlten und heulten vor Jagdungeduld, die Jäger klatschten mit den Peitschen, der Zug kam in Bewegung, noch ehe man den Landrath entfernt hatte. Auch jetzt folgte er wohlgemuth und setzte sich auf einen der Wagen, gerade wie wenn er dazu gehörte. Da sein Diener nicht jagdkundig war, blieb derselbe zurück. Es schloß sich dafür dem Landrath ohne 12 weitere Weisung einer der jedem Jagdtheilnehmer zum Beistand beorderten Jäger an …

Die Fahrt dauerte nicht allzu lange. Bald gelangte man in den von hohen Tannen und Buchen bestandenen Wald … Es war die letzte große Jagd in einem Walde, der hundert Jahre bedurfte, um das wieder zu werden, was er war …

An einer Eichenschonung stand unter zwanzig Männern, die hier schon zu Fuß und zu Wagen harrten, einer, der sich in stillem Träumen das auch sagte und rings um sich blickend nachfühlte. Wie wenig liegt ein feiner Sinn in den Auffassungen der Menschen! Wie gehen sie ruhig an Thatsachen vorüber, an denen ein anderer mit Schmerz verweilt!

Benno war es, der auch das sich sprach … In einen einfachen kurzen Militärmantel, grau mit rothem Kragen, war er gehüllt, einen Mantel, den er über seiner gewöhnlichen Kleidung trug. Fest an den Hüften war der Mantel zusammengeschnürt und hob gefällig seine schlanke Gestalt; ein schwarzer bürgerlicher Hut bedeckte sein blasses, leidendes Antlitz … Ueber Thiebold mußte er lächeln, der in einiger Entfernung einen Kreis um sich hatte, dem schon wieder in bester Laune von ihm seine amerikanischen Abenteuer und sein berühmter Sturz in den Sanct-Moritz erzählt wurden …

Für Benno’s Jugendträume gaukelten hier die kleinen Elfen des Waldes daher dahin … Noch einmal hielten sie unsichtbar ihren letzten Reigen unter den grünen Tannen, schwangen sich zum letzten mal auf den Nacken des Wildes, um ihm einen Weg durch 13 das Dickicht zu bahnen vor seinen Verfolgern … zum letzten mal waren die kleinen Seen, die sich hier und dort im Walde fanden und zu denen sonst im Mondlicht die Hirschkühe ihre Kleinen zur Tränke führten, von den Schatten hoher Bäume bekränzt … Bald sollten diese Lichtungen, die sich unter der schmelzenden Schneedecke so geheimnißvoll und traulich im Holze öffneten, dem Winde preisgegeben sein, der über die zurückgelassenen todten Stumpfe der verkauften Stämme fegte … In einem Wald, den ein leichtsinniger Verschwender vor der Zeit lichtet, glaubt man oft Banket gehalten zu sehen von Junkern und geputzten Damen bei musicirenden Eichhörnchen und brummenden Borkenkäfern und taktschlagenden Spechten in den Zweigen … Hier, da der Wald zu Eisenbahnschwellen benutzt wurde, brauste die Locomotive daher und schnaubte und pfiff so teufels- und aufklärungsgemäß, wie nicht blos Norbert Müllenhoff gesagt hätte, sondern selbst Onkel Levinus wiederholte, der, je besorgter er jetzt wurde, desto mehr zu sprechen anfing … Benno war von ihm aufs freundlichste begrüßt worden …

Levinus plauderte schon deshalb, um sich dem Jagdhumor zu entziehen, der auf der Fahrt vom Schloß Münnichhof und hier bei dem Halloh der ersten Begrüßung sich auf seine Kosten zu entwickeln begann. Man fragte ihn, welche Nummer seine Brille hätte, wie viel Wild er heute würde am Leben lassen, ob er es unter einem Sechszehnender thun würde und so fort in jenem jagdüblichen Schrauben, das bei allen schon in vollem Gange war …

14 Ich kenne euere Pfiffe! rief Onkel Levinus. Ihr wollt uns nur sicher machen durch euere schlechten Witze! So wild werd’ ich darum doch noch nicht, daß ich mich vor Zorn mit dem ersten besten Stand begnüge, der mir angewiesen wird! Das ist so eine Ihrer bekannten Finten, Graf Münnich, uns im Spaß alles übersehen zu lassen! Wir Landesoberjägermeister kennen das!

Man befand sich auf einer mitten im Walde liegenden Fläche, die auf einige hundert Schritte weit von Knieholz unterbrochen wurde und sich zur Aufstellung einer doppelten Schützenreihe, auf jeder Seite zwanzig, hinter Busch und Baum, vortrefflich eignete. Eine Freifrau von Stein, die schon vom Schloß mitgekommen war, ließ sich in einem Tragsessel von zwei Bauernburschen ins Holz tragen; eine schon bejahrtere Frau von Böckel-Dollspring-Sandvoß watete selbst durch den Schnee mit Wasserstiefeln, die ihr bis an die Kniee gingen …

Die Wagen waren inzwischen nicht weit vom Eingang in den Forst zurückgeblieben …

In der Ferne und immer näher kommend hörte man schon ein Rasseln und Schlagen in den Büschen und der Oberförster versicherte, es wäre die höchste Zeit, die Posten einzunehmen …

Noch war keine rechte Einigkeit da, denn Terschka fehlte. Alle spähten nach ihm; nicht blos Onkel Levinus, nicht blos Benno und Thiebold, die hinter zwei mächtigen Erlenbäumen, die gabelförmig aus der Erde geschossen, zusammenstanden, Platz genommen hatten … Terschka’s Jagdkunst schien allen bestimmt, den Preis zu gewinnen …

15 Da er ausblieb, wollte man beginnen …

Der Onkel bedeutete die Signalisten und rief:

Diese Eile ist wieder nur eine euerer verdammten Finten! Statt mit Vorsicht und Bedacht die Plätze anzuordnen, wird nun alles mit Hast übers Knie gebrochen! Schweigt! Schweigt! sag’ ich. Die verdammten Intriguanten haben alles abgekartet!

Endlich hörte man nur noch Ein Signal blasen; es kam aus der Ferne. …

Das wird Terschka sein! hieß es …

Terschka kam in der That auf einer Jagdchaise dahergebraust und schon vor ihm – allgemeiner Jubel! – zogen im erweichenden Schnee drei Wagen voll Heiligenkreuzer Stiftsdamen, die eben Terschka einholen wollte …

Das war ein Grüßen jetzt und Rufen und Lachen und Spotten … Aus dem Gewirr der Regenschirme und Pelze und Schleier entwickelten sich zwei Jägerinnen, Fräulein von Merwig und Fräulein von Absam … Und nun ertönte plötzlich noch eine Salve von Bravis und schallendem Händeklatschen … Noch eine dritte Amazone sprang vom Wagen … Es war Armgart von Hülleshoven.

Thiebold und Benno trauten ihren Augen nicht … Sie riefen zum Erstaunen des Onkels diesem hinüber und jetzt nicht im mindesten zu dessen Schrecken … Levinus dachte nur an sich … Seine Stimmung wurde immer wilder und (vor Furcht) kühner: er lobte Armgart und verdammte alle Stubenhocker …

Benno und Thiebold betrachteten sich mit stockendem Herzblut … Es war Armgart … Armgart, die trotz 16 ihrer gestrigen Thränen aus dem einen der drei großen offenen Omnibus, der mit den andern zum Schloß Münnichhof weiter fuhr, heraussprang und von Terschka’s Armen aufgefangen wurde …

Sie trug einen blauen engen, gefütterten Tuchrock über einem grauseidenen Kleide, einen grauen runden Hut mit wallendem blauen Schleier, dunkle Handschuhe und einen carrirten blau-grün-rothen Plaid rings um ihre Schultern geworfen …

Ihr Antlitz war geisterblaß … Ihr Ausdruck, ihr Lächeln ließ ihre zwei weißen Zähnchen blinken, wie immer, wenn sie träumerisch abwesend war … Sie grüßte Niemanden, blinzelte nur zu den beiden weißen Erlen hinüber, wo Benno und Thiebold standen, und ging wie ein Opferlamm willig dorthin, wohin sie Terschka stellte … Ihr ganzes Wesen war gebunden, ihr Wille, des Menschen edelste Kraft, lag vor dem Altar der Gottesmutter … Das ist die katholische Macht des „Gelübdes“.

Der Onkel rief ihr ein Willkommen zu und allerdings sprach er noch drohend:

Na ja! Ich dachte mir doch gleich so etwas! Das wird schön werden – mit der Tante! Jetzt nur Vorsicht! Vorsicht, Herzenskind!

Benno sagte voll Grimm und Verzweiflung zu Thiebold:

Eine förmliche Erklärung wird das heute! Eine öffentliche Vorstellung vor der Gesellschaft! Sehen Sie nur, wie alles flüstert!

Auch Thiebold „war im Begriff, außer sich zu ge-17rathen“; aber hinter jedem der Jagdtheilnehmer stand ein Jäger und bediente das Schießzeug – man mußte etwas vorsichtig sein und that besser, zu schweigen …

Pancraz! rief aber auch Terschka wild auf und ein Jägerbursche, in der grün und gelben Livree der Dorstes, sprang hinzu und bot Armgart die Flinte, offenbar schon im Einverständniß und nach gestern Abend mit ihr getroffener Verabredung …

Sie nahm sie, wie wenn ihre Hand aus einer Urne ein Todesloos zog …

Trara! Trara! Trara! begann es jetzt überall und Halloh! Halloh! An die Plätze! rief man …

Nun lief alles und stellte sich erwartungsvoll … Der mittlere Plan war leer … Zwei Jägerreihen zogen sich vierhundert Schritt entlang … Am äußersten Ende stand der immer laut perorirende Landrath … Ein Rascheln, ein Knacken hörte man jetzt … Siehe da! Fünf Hirsche brachen aus der rechten Flanke des Quarrés, das die Gesellschaft bildete … Die Hunde, die noch an der Leine gehalten wurden, winselten … Die Thiere standen noch Keinem schußrecht …

Da plötzlich ruft eine Stimme – es war die des Grafen: – Tire haut!

Tire haut? … Alles lachte …

Der Lärm der Treiber hatte die gefiederten Bewohner der Baumkronen in Aufregung gebracht, aber der Onkel hatte ganz Recht, als er heftig lospolterte:

Was sind das für Sachen! Dieser verdammte Münnich! Nur die Aufmerksamkeit will er vom laufen-18den Wild ablenken durch die Vögel, die heute gar nicht in Betracht kommen! Es sind nur Flederwische da oben!

Doch über ihn her fiel Schnee von einem abstiebenden Auerhahn …

Pancraz sagte: Herr Baron! Oben „steht Alles ein“!

Während Armgart über den technischen Ausdruck von „einstehendem“ Geflügel vom Onkel eine Belehrung zugeflüstert bekam, erscholl es Piff! Paff! … Von allen Seiten … Vier Hirsche lagen; der fünfte war durchgebrochen …

Aber auch der Auerhahn stürzte herab … Diesen hatte Terschka geschossen …

Darüber gab es Verwirrung genug. Man hatte nun die Hunde losgelassen. Verwundet war das fünfte Thier entflohen. Auf dem Schnee sah man die Schweißspuren. Einige Hundert Schritt von der andern Flanke der Pläne, die man bestand, stutzte der Hirsch, machte, von den Treibern der andern Seite empfangen, Halt und wandte sich zurück. Nun stellte ihn die Meute und der Zunächststehende war berufen, das Thier zu schießen …

Es waren gerade Benno und Thiebold … Thiebold, „vorwitzig, wie auch nur ich sein kann“, schoß – schoß fehl … Jetzt legte Benno an – wollte losdrücken … Paff! Im Nu schon sank das Thier, von einer Kugel getroffen, die vom äußersten Ende der Jagdreihe kam … Der Landrath hatte geschossen … Aus einer Entfernung, wo ihm zum Schuß jede Berechtigung fehlte …

Darüber gab es denn einen gewaltigen Lärm … 19 Diese Anmaßung war gegen alle Regel … Die Kugel hätte fehltreffen, Jemanden verwunden, tödten können …

Zornig schrie man durcheinander … Dem Onkel wurde es immer wirrer zu Muthe … Das fortgesetzte Knallen der Büchsen – an andern Orten brach neues Wild durch – die Nähe der Schießstände, das Pfeifen der Kugeln, Armgart’s ihm jetzt doch „tollkühn“ erscheinende Anwesenheit, alles mahnte zur Vorsicht und in leibhafter Gestalt sah er Tante Benigna neben sich, die mit den ängstlichsten Warnungen ihn beschwor, sich um aller Heiligen willen in keine Gefahr zu begeben … Jetzt auch bemerkte er die geheimen Instructionen, die sein Leibschütz Soetbeer mitbekommen … Hätte Soetbeer vor dem jetzigen Durcheinander etwas von „Fußsack“ merken lassen, würde der Onkel es ihm schön gegeben haben; nun, in dem Geknatter und dem Pulverdampf, ließ er alles zu seinem Besten geschehen …

Ein Rehbock kam mit zwei Riekchen und ging dicht an ihm vorüber … Der Rehbock kam erstaunt und nicht einmal besonders geängstigt „dahergestapelt“, wie Fräulein von Merwig rief – die Familie des Fräuleins hing nach dem Onkel unfehlbar mit dem Geschlecht der alten Merovinger zusammen – der Bock schien zu wissen, daß wenigstens die beiden Rieken, die ihn begleiteten, sonst vor dem Schusse sicher sind, da man Weibchen nicht schießt; es galt aber einen Vertilgungskampf. Unter dem Beileid der kunstgerechten Jäger brachen auch diese zarten Thierchen zusammen und mit so vielen Kugeln, daß sich darüber neuer Streit erhob …

Armgart war schon in fieberhafter Erregung gekom-20men … jetzt stand sie zitternd und hielt sich an Terschka, der nach dem Meisterschuß auf den Auerhahn nicht mehr schoß und nur links und rechts spähte, vorzugsweise hinüberschielend auf Benno und Thiebold … Benno gehörte plötzlich zu den wildesten Jägern … Jede Ladung suchte er so schnell wie möglich los zu werden … Thiebold bat ihn wiederholt, sich zu mäßigen … Nach seinem Fehlschuß hatte er die Courage verloren … Armgart kam ihm vor, sagte er, als wollte sie das Ziel aller Kugeln sein … Und doch schien sie ein überirdischer Geist, den keine Kugel treffen konnte …

Inzwischen fuhr der Landrath fort, eine Unvorsichtigkeit nach der andern zu begehen. Eine seiner Kugeln ging dicht am Handgelenk der Frau von Böckel-Dollspring-Sandvoß vorüber … Die Fräulein aus dem Stifte, ohnehin gegen ihn tendenzgereizt, sprachen über den „tollen Mann“ in Ausdrücken, die keineswegs verriethen, daß auch sie zu den Dichterinnen im Stifte gehörten …

Auf der Jagd, in der Hitze des erregten Blutes, wählt man die Ausdrücke nicht und so hörte der Landrath eine Beleidigung nach der andern …

Seltsam jedoch, er brach auf alles, was ihm von nahe und von fern zugerufen wurde, in Gelächter aus … Man würde ihn fortgewiesen haben, wenn nicht jetzt auf ein gegebenes Signal der Stand geändert worden wäre, um mehr ostwärts zu ziehen. Dem Oberförster kam des Wildes zu wenig … Auf Rechnung des Win-21des schrieb er’s … Nun trat alles aus den Büschen hervor und zog weiter …

Onkel Levinus aber war entschieden dafür, daß man erst den Mann entfernte, „durch den hier heute noch ein Unglück entstehen würde“ … Alle die, welche schlecht geschossen hatten, unterstützten seine Meinung …

Meine Damen! rief der Landrath im Dahinwaten über die Pläne, wo inzwischen schon das gefallene Wild von dem dazu bestimmten Jagdpersonal schnell ausgeweidet wurde … Amor schießt blind, immer blind und trifft doch! Haha! Hier soll man bei offenen Augen die Kugel im Lauf behalten? Korn und Visir! Ein Blinzeln von so schönen Damenaugen – und ich gehöre gleich zu den lumpigsten „Schneidern“, die’s nur geben kann – Meck! Meck! Meck! Meck!

Die Amazonen, selbst die hinter Terschka einherschleichende und Benno und Thiebold wie ihr Gewissen vermeidende Armgart nicht ausgenommen, waren Kennerinnen der Jagd genug, um zu wissen, wie von ihm dies Meck! Meck! spottweise gerufen wurde, weil schlechte Schützen „Schneider“ genannt werden. Fräulein von Merwig hatte den beständigen Beinamen des „Fräuleins von Anflicker“, den sie von ihrer Leidenschaft für die Jagd und ihrer geringen Trefffähigkeit fürs Leben zu behalten fürchten mußte. Doch schon aus dem Aerger, den sie über diesen Spottnamen empfand, konnte man sich denken, wie verletzend es wirkte, daß nun der Landrath allen Jagdgenossen unausgesetzt sein höhnisches Meck! Meck! nachrief …

Die gutmüthigsten Naturen können auf der Jagd, 22 besonders wenn die Füße kalt werden und die Hände lieber in den Pelzhandschuhen stäken, als harrend am kalten Lauf der Flinte, einen determinirten Anflug von Malice bekommen. Jetzt riefen sogar schon die früher schweigsamern Stimmen: Ungebetene Gäste wirft man zur Thür hinaus! Andere: Werft das Gescheite (das Eingeweide) in den Busch für die Füchse! Andere wandten sich zu den Damen: Meine Damen, Sie sprechen von Amor? Wir haben allerdings einen blinden Passagier unter uns!

Graf Münnich wollte keinen Eclat und bot alles auf, den Frieden zu erhalten …

Darüber kam man an den neuen Stand, den der Oberförster bereits angeordnet hatte. Es war wieder eine Pläne, hier rings nur von Tannendickicht umgeben …

Leider hatte sich der Oberförster verrechnet …

So lange man auch harrte, so lange auch die Treiber rasselten und mit ihren Knütteln an die Bäume schlugen, keine „Pfote kam heraus“ – zuletzt einen einzigen Hasen ausgenommen, dessen Erscheinen ein allgemeines Gelächter erregte …

Lampen schoß in natürlicher Großmuth als zu geringfügige Beute Niemand, sondern durch die Stände hindurch wurde der Geängstete hin- und hergewiesen, bis er den Damen fast so nahe zugetrieben wurde, daß sie ihn an den Ohren hätten fassen können …

Wieder störte der Landrath dies komische Intermezzo durch seinen aufgeregten Eifer. Er schoß den Hasen dicht vor den Füßen Armgart’s nieder und hätte diese, die sich nichts gewärtigte, leicht verwunden können …

23 Darüber brach der Unwille der ganzen Gesellschaft in helle Flammen aus …

Armgart lag halb bewußtlos an einen Fichtenstamm gelehnt; die Flinte, die sie, ohne zu schießen, in der Hand gehalten, war ihr entfallen; Benno und Thiebold waren auf halbem Wege ihr zu Hülfe gesprungen, ja setzten sich selbst darüber dem nächsten Schusse aus …

Ueber alles das entstand eine Scene der höchsten Aufregung …

Sie mehrte sich, als der Landrath vorsprang und rief:

Wer raisonnirt hier? Ruhe! Ich befehle! Ich!

Jetzt stand er wuthschäumend auf der Mitte der Pläne …

Ein gemeinsamer Ruf unterbrach ihn:

Er ist verrückt! Haltet ihn! Bindet ihn!

Wirklich schlug der tolle Mann um sich, drohte mit seiner Doppelflinte, deren einer Lauf wahrscheinlich noch geladen war, und würde ein Unglück angerichtet haben, wenn nicht Jemand hervorsprang, ihm die Arme zu halten. Man hielt Benno und Terschka zurück, auf die Jäger rechnend. Eine leicht erklärliche Scheu vor der ersten Verwaltungsbehörde der Gegend hielt die Nächststehenden noch eine Secunde ohne Entschluß –

Da theilten sich die Büsche und mit dem Rufe: Pax vobiscum! sprang mit auffliegender Kutte ein Franciscanermönch auf den Plan, hielt mit einem Arm die Flinte des Landraths und griff mit dem andern so geschickt beide durch die Luft fuchtelnden Hände des ungeberdig Drohenden und Rasenden, daß dieser zwar mit schaumbedecktem Munde sich fest und aufrecht erhielt, 24 aber auch bewegungslos verharrte, nur noch machtlos seinen Bändiger anstarrend …

Bruder Hubertus war es, der selbst weiland ein Jäger gewesen und den entweder das Gebell der Hunde, das Knattern der Flinten oder Terschka’s Anwesenheit angezogen hatte – im Kloster hatte er sich vor wenig Stunden ihm zu nähern gesucht und war von Terschka schnöde abgewiesen worden …

Die Gesellschaft, außer sich über den Vorfall, umringte die Gruppe und rief dem Mönch, der wie der bändigende Tod dastand:

Bewachen Sie ihn! Führen Sie ihn fort!

Ich will Ihnen Leute zurücklassen! rief Graf Münnich …

Der Mönch schüttelte den Kopf, sich verbürgend, er würde schon allein den Unglücklichen in Sicherheit bringen …

Inzwischen bliesen auf ein gegebenes Zeichen die Hörner … Schon zog sich die ganze Gesellschaft in den dichtern Wald … Armgart geführt von Thiebold – Terschka war im Augenblick, da Hubertus erschien, verschwunden …

Still und stiller wurde es ringsum … Die Signale nur hörte man, die den Treibern die Veränderung der Stellung ankündigten und die von diesen fernher wieder beantwortet wurden …

Ein einziger schreckenvoller Augenblick … Jedermann eilte, ihm zu entfliehen.

25 14.#

Wie in nächtlicher Waldeinsamkeit zwei kämpfende Hirsche sich ihre Geweihe so ineinander gebohrt haben können, daß sie sich nicht mehr auseinander zu winden wissen, die Kraft der Stirnen nachlassen fühlen und beide ermattet und zum Sterben bereit, ja wie im Tode zuvor noch versöhnt, zu gleicher Zeit hinsinken, so standen sich der Mönch mit dem Todtenkopf und ein Irrsinniger gegenüber …

Immer schwächer und nachgiebiger wurde der Widerstand des Wuthschäumenden, der barhaupt, ohne seine herabgefallene Mütze, dastand mit schweißbedeckter Stirn. Zuletzt begann er, wie aus einem Traum erwachend, in Ohnmacht zu sinken …

Der Mönch fing ihn mit ungeschwächter Kraft auf. Er hielt ihn unbeweglich in seinen Armen … Kein Laut, keine Anrede kam aus seinem Munde … Der Landrath brach zusammen und verlor die Besinnung …

Einsamkeit ringsum … Nur die düstern Tannen stille Zeugen des schreckhaften Auftritts …

26 Beide Männer auf dem schmelzenden Schnee stehend … Hubertus in Sandalen, der Nässe und Kälte nicht achtend, der Rittmeister mit Koth bespritzt bis zur Achsel … Ein Gegensatz zu dem sich weitab verziehenden Lärm der Jagd, zu dem Knallen der Büchsen, zu dem Bellen der Hunde, zu dem noch jeweiligen Durchbrechen des Wildes, das scheu und stutzend hielt, der den Muth und die Geistesgegenwart eines Helden herausforderte …

Den Arm des Landraths ließ der Mönch noch immer nicht. Er wollte ihn, wenn er zur Besinnung kam, verhindern, zu entfliehen und der Gesellschaft wieder nachzurennen; denn daß er mit einem Mann zu thun hatte, der das Licht der Vernunft verloren, hörte Hubertus bald an dem, was der Unglückliche allmählich zu sprechen begann …

Ich bin der Landrath –! sagte er erwachend …

Wohl! Wohl! Herr von Enckefuß! flüsterte der Mönch mit milder und beruhigender Stimme …

Nehmen Sie sich vor mir in Acht! Ich kenne Sie sehr wohl! fuhr der Rittmeister nach einer Weile fort …

Große Ehre, Herr Landrath!

Sie sind der Doctor Klingsohr!

Pater Sebastus jetzt!

Wie konnten Sie sich unterstehen, mich von meinem Freunde – Wittekind fortzuschicken? Das war ja mein bester, einzigster Freund! Und der – wollte doch sonst das Pfaffengesindel nicht! Laß mich, Kapuziner!

Der Mönch bedeutete den Rittmeister, der den Grafen Münnich mit dem Kronsyndikus verwechselte, auf 27 dessen Jagden er früher den Matador gemacht, mit nickenden Zustimmungen …

Nicht wahr? Ich bin eingeladen? fragte jetzt der Landrath kleinlaut …

Diese Worte wiederholte er öfter und mit Pfiffigkeit und fuhr dann stolz fort:

Mein Vater hat die Schlacht bei Belle-Alliance gewonnen! Sagst du auch: Wellington? Landesverräther! Man muß euch hier alle niederschießen! Alle! Eher kommt keine Ruhe und kein Patriotismus ins Land!

Beide gingen dabei schon fürbaß … Manchmal noch rangen sie, manchmal zankend, manchmal beruhigt still stehend … Der Mönch ermüdete nicht, durch Eingehen auf die Vorstellungen des kranken Mannes ihn zu besänftigen …

Der Tobende rief:

Ich werde euch zeigen, welche Verwandte ich habe! Ihr sollt euch wundern, wer meine Protection ist! Der König hat schon mehr als dreißigmal mit mir gesprochen! Betteln kann ich so gut wie andere, aber – ich gebe keine fünfzig Procent! Auf Spiel, da steht jetzt Strafe … Haha! Tangermann! Zimmer 15! Leutenant von Barnekow und Rittmeister von Enckefuß – nehmt euch in Acht! Rittmeister a. D. … Ade! … Soll ich denn mit Gewalt ein Müller werden?

Dies letztere Wort sprach der Verwirrte plötzlich fast weinerlich …

Ermuntert zur Nachgiebigkeit wurde er durch den Zuspruch des greisen Mönchs, der bald die Milde, bald die Energie selbst war, ihm in allem Recht gab, ihn in 28 dem Glauben bestärkte, daß er der vornehmste, geachtetste und arrangirteste Mann der Provinz wäre und doch wieder festhielt, wenn er ungeberdig um sich schlug … Hedemann, sagte Hubertus, das, das wäre ja der Müller, aber auch noch ein Oberst könnte hier ein Müller werden, setzte er plaudernd hinzu …

Fehlte irgendetwas, um dem in seinem Wesen einfachen, ja trotz seiner Kraft kindlichen Mönch das Vertrauen des Unglücklichen zuzuwenden, so war es die Erwähnung seines Sohnes …

Auf das Kichern und Lachen, mit dem der Landrath ein Dutzend mal auf die Erwähnung des Obersten hintereinander: Papiermüller! Papiermüller! rief, hatte er einen uneröffneten Brief hervorgezogen und stolz gerufen:

Na da kuck’ einmal! Das ist von meinem Sohn!

Von Ihrem Herrn Sohn? hatte kaum der Mönch wiederholt und von seiner letzten Reise her dessen hoffnungsvolle Carrière gerühmt, so leistete der Landrath keinen Widerstand mehr, sondern ergab sich ruhig, folgte und sprach, auf den Brief deutend, mit Behagen:

Ja, mein Sohn, der ist in drei Jahren Minister! Den Adlerorden, den hat er schon – er darf ihn nur noch nicht zeigen! Alles weiß mein Junge … Und wenn du schweigen kannst, Pfäffchen, sollst du hören, was mir mein Sohn geschrieben hat! Das ist die Handschrift, die an ihm der König so sehr liebt! Sein König! … Das kennt ihr hier zu Lande gar nicht, was es heißt: Mein König! … „Helft Leute mir vom Wagen ab“ (sang er mit leiser Stimme), „mein König trank 29 daraus!“ … Lies, Alter, und siehst du, der Bindestrich immer wie ein Grundstrich und der Grundstrich immer wie ein Bindestrich … Das hilft nun nichts! Etwas Apartes muß der Mensch haben!

Mit der feierlichsten Würde seine Autorität behauptend öffnete er den vielleicht kurz vor dem Verlassen seiner Wohnung empfangenen amtlichen Brief und ließ, während er ihn vorlesen wollte, den Mönch mit einsehen …

Nicht daß der Alte in der braunen Kutte neugierig war … Ihm genügte, daß diese Gedankenreihen den Wahnwitzigen zerstreuten und daß er hoffen konnte, ihn so allmählich zum Meyer von Borkenhagen, dem nächsten Ort, zu führen, wo er gedachte ein Fuhrwerk anspannen zu lassen, um den Kranken nach Witoborn in seine Wohnung zurückzubringen …

Plötzlich aber fiel ihm in dem Briefe, der eiligst und offenbar unter dem Siegel amtlicher Verschwiegenheit geschrieben war, ein Zeichen auf, vor dem ihn Schauder ergriff …

War in dem Briefe – von ihm selbst die Rede? …

Stammer (der als der Jagd unwürdig am fernen Waldrand bei der Wagenburg geblieben war) hatte an jenem Abend im Finkenhof Recht gehabt – Hubertus trug jenes bekannte Verbrecherzeichen auf seinem fleischlosen Arme … Was sollte das jetzt –? Er sah dies Zeichen abgebildet in diesem Brief …

Der Landrath hielt, wie ein Fernsichtiger, den Brief so weit von sich zurück, daß Hubertus während des Vorlesens mit einsehen konnte …

30 Aber merkwürdig, der Irrsinnige las etwas völlig Anderes, als was im Briefe stand …

Nur die Ideen las er aus ihm heraus, die in seinem Kopfe lebten, während Hubertus sogleich bemerkte, daß der Inhalt ein hochwichtiger und ihn persönlich betreffender war …

Der Landrath las: Lieber Vater – die Canaillen helfen einmal nicht – Dieser Kattendyk ist und bleibt ein Esel – Nück hat Dir den Tod geschworen – Deine Widersacher triumphiren! Halt’ aber aus, bis ich ans Ruder komme – Dann kann es mir und Dir nicht fehlen und Du zahlst es auch dem Präsidenten heim, gegen den Du viel zu lange zu stolz gewesen bist! – Warum lassest Du Dir Dein Schweigen nicht bezahlen? Warum schonst Du Räuber und Mörder und thust es umsonst? Weil Du zu stolz bist? Ha! Cavalier vom Tschako bis zum Sprungriemen! Lernt uns von Anno 13 kennen, einen Rittmeister von den braunen Husaren! Landfriedensbrecher! Ihr Römlinge! Die Cocarde erkenne ich euch ab! … Auf die Jagd bekommst Du Deine Karte so gut wie hier jeder andere von Distinction! Monsieur le Baron d’Enckefuss est invité à la chasse!

Mit dem Brief salutirte der Rittmeister an seiner wachsledernen Mütze, die Hubertus ihm von der Erde genommen, dann getragen und allmählich aufgesetzt hatte … Seine schwarzen Augen funkelten, die rothe Nase glühte, die Tusche seiner Gesichtsfarbe hatte sich im Regen verwischt und floß um den jetzt in seiner Grauheit sich verrathenden Bart. Jeder, der im Walde dahergekommen 31 wäre und hätte die beiden schreckhaften Gestalten gesehen, wäre bebend zurückgewichen …

Aber auch Hubertus hätte sich jetzt an dem Wankenden halten mögen … Sein Geist war mächtig in der Kraft des Willens, nicht in der Combination … Erst ohne Verständniß blickte er in die Schrift, die ihm der Landrath entgegenhielt, bald aber las er im klarsten Zusammenhange, die Pausen des Landraths nutzend, Folgendes:

„Lieber Vater! Eine Nachricht von Wichtigkeit, die ich Dir persönlich mittheile, damit Du Dir ganz allein das Verdienst dieser Entdeckung erwirbst und die Kränkungen, die der Parteigeist über Dich verhängt, durch Deine Thätigkeit beschämen kannst! Ein Verbrecher, der zwanzig Jahre in Frankreich auf den Galeren lebte, ist in unsere Gegend gekommen und hat sich sogleich bei seinem ersten Auftreten in seiner ganzen Gefährlichkeit gezeigt. Auf einem Kirchhof hat er einen Sarg erbrochen. Ein halbes Jahr hat er dann verstanden, sich in unserer Stadt an einem noch unbekannten Orte verborgen zu halten. Bei den Unruhen, die noch täglich in unserer Stadt über die Verhaftnahme des Kirchenfürsten sich wiederholen, wurde auch er bemerkt und ohne Zweifel steht er im Solde Nück’s, dieses verschlagenen, heimtückischen Menschen. Hammaker, der uns allerdings seit Jahren das Nück’sche Treiben beaufsichtigte, wollte erfahren haben, daß dieser Kerl in Eure Gegend gehen würde, um daselbst etwas auszuführen, was Hammaker nicht zu wissen behauptete. So viel weiß ich, daß Jean Picard oder Jan Bickert (Hubertus stockte im Lesen und 32 hielt sich an den vorstehenden Zweigen eines Busches) auf dem Wege in Eure Gegend ist, reich ausgestattet mit Geld. Suche auf Grund des nachfolgenden Signalements hinter eine mögliche Verkleidung zu kommen: Jean Picard ist gegen fünfzig Jahre, spricht schlecht deutsch, gut französisch, holländisch, hat mittlern Wuchs, röthliches Haar und eine stark orientalische Physiognomie. Auf seinem linken Arm befindet sich das Zeichen der französischen Galeren T. F.; auch soll sich, wie von der Verwaltung der Galeren in Brest geschrieben wurde, der holländische Verbrecherstempel (Hubertus starrte der Abbildung des Zeichens) auf ihm eingebrannt finden. Schließlich mach’ ich Dich aufmerksam, daß auch soeben in größter Eile von hier eine Dir vielleicht von früher her nicht unbekannte Dame Lucinde Schwarz auf Witoborn gereist ist. Beobachte die Schritte derselben! Um so mehr, als ich vermuthe, daß ihre plötzliche Abreise im Zusammenhang mit irgendeinem wahrscheinlich auf Nück’s Anstiften bezweckten Unternehmen des Jean Picard steht. Lucinde Schwarz wird Dir dicht in der Nähe sein und bei einer Frau von Sicking wohnen, an die sie von hier aus empfohlen ist. Beobachte sie und ihren Umgang und laß besonders das Schloß Westerhof bewachen, da ich eine Ahnung habe, daß sich gerade dort etwas ereignen könnte, was nicht in der Ordnung ist! Lieber Vater, in Eile … Dein treuer Sohn E.“

Schon auf eine bloße Anerkennung der vortrefflichen Handschrift des Briefes hin konnte der Mönch ihn ganz an sich nehmen und behalten … Seine knöcherne Hand zitterte, als er den Brief in seine Kutte steckte … Er, 33 der sonst so schnell Gefaßte, hatte die Besinnung verloren …

Denn seit Monaten suchte er ja zwei Menschen, deren Andenken ihm in dem Augenblick aufs lebhafteste entgegengetreten war, als er die Anzeige erhielt, eine ermordete Frau hätte ihm ein Vermögen von zwanzigtausend Thalern hinterlassen … Längst hatte er der Erinnerung an jene Entsetzliche sich entwöhnt … Sein Leben lag ihm nur noch im flüchtigen Augenblick … Nur in Gesprächen mit dem Pater Sebastus tauchte zuweilen ein altes buntes Bild verklungener Tage auf … Sebastus sagte noch kürzlich in seiner Krankenzelle zu ihm: Hubertus! Sie müssen in Java gelernt haben Liebestränke brauen! Gewiß hatte die Frau einen Trank von Ihnen gekriegt! Denn zeitlebens dachte sie nur an Sie und ich will nicht hoffen, fuhr Sebastus fort, daß Ihre Erbschaft das Ergebniß einiger Giftmorde ist, in denen ihrerseits Frau von Buschbeck ihre Force gehabt haben soll! … Hubertus, hocherstaunend, lehnte die Antretung der Erbschaft nicht ab … Die grausame Zerstörerin seines Lebensglücks war durch die Hand jenes Mannes gefallen, der ihn einst in jenen Convict begleitet hatte, wo er am Pater Fulgentius ein so ernstes Strafgericht gehalten, indem er den, der den Tod zu lieben vorgab, auch wirklich nicht verhinderte aus dem Leben zu gehen. Damals noch war dieser hingerichtete Jodocus Hammaker ein junger Mann von Bildung, von Talent gewesen, ein Mann von angenehmen, gefälligen Formen … Wie, hatte er gedacht, wie hatte ein solcher Mann so verwildern, so zum Mörder werden können! … Das weckte ihm sein eigenes ver-34gangenes Leben, eine Jünglingszeit, wo auch er am schaudervollen Rande des Verbrechens so gefahrvoll für seine Seele dahingeschritten … Gedenkend des Tages, als er dem Mörder Jodocus Hammaker im Klostergarten von seiner Vergangenheit, von seinem Sprung aus einem brennenden Hause erzählte, kam ihm mit wehmuthvollen Klängen die Erinnerung an die beiden Kinder, die damals seiner Obhut anvertraut gewesen, diese Kinder, die Gott durch ein Wunder, durch seinen Muth errettet wissen wollte, diese Kinder, von denen er sich, als man ihn nach Java schickte, mit so bitterm Kummer seines jungen Herzens getrennt hatte … Wo mochten sie wol sein? … Das beschäftigte den „seltsamen Heiligen“ in seiner Klostereinsamkeit wie schon sonst seit Jahren, so jetzt aufs neue und lebendiger denn je … Was war aus ihnen geworden? … Wie, wenn sie im Elend, auf dem Weg des Verbrechens lebten? … Er erhielt diese ansehnliche Summe! Er mochte sie seinem Kloster nicht geben, seitdem der ihm und allen verhaßte Pater Maurus Guardian und sogar Provinzial geworden … Wie, dachte er, wenn ich das Geld annähme, meine alten Pflegebefohlenen zu entdecken suchte und es ihnen zukommen ließe, falls sie’s bedürfen sollten oder dessen würdig wären? … Diese Vorstellung erfüllte den Greis mit solcher Lebhaftigkeit, daß er in der Einsamkeit der Klöster, auf den Wanderungen, die er im Auftrag des Provinzials zu machen hatte, stündlich darauf zurückkam: Wo lebt wol Wenzel von Terschka? Wo Jean Picard? … Vor einem halben Jahr hatte er auf einer dieser Wanderungen die Nachricht über jene 35 Erbschaft zuerst empfangen … Gerade war er in Ordensaufträgen in Belgien gewesen, ging nach Holland, kam eben aus Gröningen zurück, hatte von Jean Picard nichts vernommen, als daß er nach einer Reihe von Jahren von Brest fortkam und in Paris verschollen sein sollte; von Wenzel von Terschka nichts, als daß er nach seinem Unfall in Amsterdam nach der Schweiz und von dort nach Italien gegangen war … Nun begegnete er plötzlich vielleicht beiden! … Hier! Hier – dem einen in einer vornehmen, glänzenden Stellung! Dem andern auf dem längst von ihm geahnten Wege des Verbrechens! … Wenzel von Terschka war allerdings ein Name, der, wie er schon gehört hatte, in Böhmen so häufig war, wie die Namen Wilhelm von Schulz oder Heinrich von Schmidt in Deutschland sein könnten … Aber die seltsame Aehnlichkeit der Züge mit denen jenes Kindes, das er bis zum fünften Lebensjahre gekannt hatte, als er an der einsamen Mühle des Müllers Sterz, dann bei einem Scharfrichter zwischen Zütphen und Deventer mit den Knaben lebte … Allerdings, dieser vornehme Cavalier, der in so geheimnißvoller Weise heute mit dem Pater Maurus eingeschlossen war – im einsamen Bibliotheksaale des Klosters, der für diesen Zweck eigens hatte geheizt werden müssen – dieser stand ihm keine Rede, lehnte jede Frage nach seiner Geburt und Jugend und nach Angehörigen seiner Familie ab … Jetzt aber – wirklich Jean Picard! Der lebte! Lebte hier! … Ein Mann mit dem Verbrecherstempel, den er auf Terschka’s linkem Arm bei der Jagd hätte entdecken mögen … Und um so mehr! Diesem Picard gesellte sich der 36 Name jener Lucinde, die er auf dem von ihm gemiedenen Schloß Neuhof selbst zwar nie gesehen hatte, die er aber in allem kannte, was sie dem armen, gebrochenen Pater Sebastus, dem weiland Doctor Klingsohr, so werth gemacht hatte und noch machte … Auch sie in der Nähe! … Sie, um derentwillen Sebastus noch jetzt in seiner Strafzelle klagte … um derentwillen er, vor seiner Rückkehr aus Holland, mit einigen Fremden, die ihn besuchten, eine Flucht verabredet hatte … Sie in Verbindung mit Verbrechern! … Unmöglich, unglaublich! … War sie in der That bei jener vornehmen Frau von Sicking, so beschloß er, soweit ihm die Ueberraschung, soweit ihm die Sorge um den Kranken, den er führte, jetzt schon einen Entschluß, den er zu fassen hatte, möglich machten, zunächst Lucinden aufzusuchen, ihr diesen Brief zu zeigen, ihr nach Jean Picard Fragen vorzulegen, ihr die Pflicht vorzuhalten, ihn jetzt zu unterstützen, soweit seine Kraft reichte, Verbrechen zu hindern, in denen dieser Unglückliche nur zu heimisch zu sein schien …

In solchen Stimmungen, solchen Aufregungen und Ahnungen gewaltiger Conflicte mit seinem Klosterfrieden verlor er um den Kranken, den er führte, die Obhut und Sorge nicht aus dem Auge …

Das seltsame Paar hatte den Wald verlassen und entfernte sich von dem immer mehr verklingenden Lärmen der Jagd …

So manches Reh war an ihnen vorübergesprungen … In den kahlen Zweigen der Bäume rauschte es von den aufgescheuchten Bewohnern derselben …

Schon war es Ein Uhr … Die Jagd dauerte bis 37 gegen Untergang der Sonne. An einer bestimmten Stelle waren die Vorbereitungen zu einem Imbiß im Freien getroffen. Vor fünf Uhr rechnete man nicht auf die dann im Schloß zu genießenden Leistungen der gräflich Münnich’schen Küche, während bis dahin die sich ansammelnden Damen der Jäger von Püttmeyer’s Transparentbildern unterhalten werden sollten …

Immer ruhiger, immer stiller und hinfälliger wurde der Landrath. Hubertus mußte bedacht sein, den Frierenden, fieberhaft Zitternden unter Dach und Fach zu bringen … Der Regen mehrte sich. Auf dem an manchen Stellen spiegelglatten Boden war kaum noch fortzukommen … Kaum hielt sich der Landrath noch aufrecht … Hubertus mußte mehr ihn tragen als führen … Der Wille des Kranken, aus Ueberreizung zur Ohnmacht Zusammensinkenden, Zähneklappernden äußerte sich nur noch durch Zeichen … Ein so unendlich wehmüthiger Ausdruck war trotz der entstellten und beschmutzten Gesichtszüge aus ihnen herauszulesen, daß man wohl annehmen konnte, dem leichtsinnigen, ehrgeizigen Manne hatten die fortgesetzten Kränkungen seines Ehrgefühls, die er nun schon seit Jahren und besonders seit den letzten Monaten erfuhr, das Herz gebrochen.

Der dem Walde nächste Kamp war dem Mönche als der armseligste in ganz Borkenhagen bekannt …

Hier wohnten jene im Kirchenbann befindlichen Aeltern Hedemann’s …

Daß gerade auch der Landrath es gewesen, der diese mit ins Elend gebracht hatte, wußte Hubertus …

Er sah sich in der Gegend um … Niemand war 38 da, der ihm den ohnmächtigen Mann abnehmen und in ein Obdach tragen konnte, das er als Angehöriger der Kirche nicht betreten sollte …

Er wagte jedoch die Sünde auf Rechnung der vielen, die er bald zu beichten haben würde, wenn er fortfuhr nach den Eingebungen zu handeln, die nun plötzlich durch Nennung des Namens Terschka und den Brief, den er in seiner Kutte trug, seinen ganzen Menschen erfüllten …

Eine kleine Anhöhe ging es hinauf, die zu dem Erbe Hedemann’s führte, zu den Alten, die für die Bestellung desselben seit Jahren nichts mehr gethan hatten …

Da lag ihnen schon das Staket, das sonst das wie tief in die Erde gekrochene Haus einfriedigte, in einzelnen Theilen im Wege … Am Brunnen, den kein Stroh vorm Erfrieren des Wassers schützte, lagen die Eimer leck oder eingefroren … Eine Leine hing von einem der wenigen noch umstehenden Bäume zum andern; einige weiße Fetzen an ihr, aussehend vor Frost wie Vogelscheuchen, die gespenstisch im Winde flatterten … Aus dem Hause drang ein blauer stickiger Qualm. Die Thür stand offen; ein Birkenstamm versperrte den Eingang, der vor Rauch kaum zu gewinnen war … In der Küche am Herd saßen auf dem im Kamin brennenden Baum die beiden Alten. Hedemann’s Mutter spann, der Vater schnitt Dauben und Klammern – ein Erwerb, den er auf Drängen des Meyers ergriffen, als der Sohn in der Fremde nicht ahnte, wie übel es mit den Aeltern stand; ein Erwerb, den er fortsetzte, obgleich er nun es nicht mehr nöthig hatte; ein Verlassen oder Verbessern 39 ihres Kamps konnte Hedemann zwar ebenso wenig bewirken, wie ihnen eine Bequemlichkeit durch eine Magd oder einen Knecht anbieten … am Nöthigsten aber fehlte es ihnen nicht mehr …

Der Mönch wußte schon, daß er keinen Gruß bekam, daß ihn ein dumpfes Murmeln hinwies, sich das zu nehmen, was er begehrte …

Selbst der ungewohnte Anblick, ein Mönch, der einen kranken vornehmen Herrn, den Landrath selbst, hereintrug und auf einen Futterkasten setzte – der Landrath fieberte und war besinnungslos – nichts konnte diese Leute aus ihrer welt- und menschenscheuen Fassung bringen … Die Alte spann, der Greis schnitt seine Dauben …

Hubertus fand jedoch Hülfe …

Wie er an den Herd gehen wollte, um den großen Kessel abzuhenken, in dem sich immer in diesen Bauernhäusern das heiße Wasser befindet (er hoffte Butter und etwas Brot zu finden, um dem Kranken eine Suppe zu bereiten), bemerkte er in der gespenstischen Stille eine dritte Person in der Ecke des Kamins. Ein Mann saß da, über ein Buch gebeugt, in dem er las. Wie aus einem Traum erwachend fuhr der Leser auf und sah erst jetzt, was während seiner Zerstreuung geschehen war …

Den Landrath erkannte Remigius Hedemann sogleich; denn dieser war es, der hier bei seinen Aeltern gesessen und inzwischen in seiner Lectüre sich nicht hatte stören lassen … Er las in einer italienischen Bibel …

Was ist das? fragte er, sich erhebend und voll 40 Staunen den Rittmeister von Enckefuß betrachtend. Hat der Landrath ein Unglück gehabt?

Der Mönch erklärte in Kürze den Zustand des Leidenden und bat, sich seiner annehmen zu wollen … Er wollte indessen, nach weiterer Besinnung, lieber zurück auf Münnichhof und den Diener des Landraths rufen mit einem Wagen, der den Unglücklichen nach Witoborn in seine Wohnung führen könnte …

Nun half Hubertus dem unerwarteten Beistand, den er gefunden, um den Besinnungslosen auf ein Strohlager zu tragen …

Sein Auge fiel dabei auf das starke Buch in kleinem Format. Er hielt dessen Sprache für Latein und drückte sein Erstaunen aus über die Gelehrsamkeit, die Hedemann aus Amerika mitgebracht …

Da ist es kein Wunder, sagte er, daß Ihr in Witoborn Papier machen wollt!

Lächelnd erwiderte Hedemann:

Thut Buße und ihr werdet die Gabe des Heiligen Geistes empfangen!

Im Anordnen des Ruhelagers erwachte der Landrath, besann sich jedoch weder auf die Lage, in der er sich befand, noch auf die Personen, die ihn umgaben. Seinen Bedienten verlangte er und seinen Pudel. Den letztern sah er deutlich vor sich und lachte, wie kahl er den Kerl geschoren hätte … Er hielt die Finger spielend in die Höhe, als ließe er die Flocken durchgleiten, die er dem Thier kürzlich weggeschnitten … Es waren die bekannten Geberden eines Sterbenden …

Hubertus versprach, Hülfe so schnell wie möglich zu 41 schicken … Thut wohl euerm Feinde und so ihn hungert, speiset ihn! sagte auch er mit Bibelworten, das Verhältniß des Landraths zu dieser Hütte andeutend … Zu seinem eigenen Nachtheil hatte ja der leichtsinnige Landrath diese Leute einst in ihrem patriarchalischen Glauben an die Heiligkeit des geweihten Priesterthums irre gemacht …

Hedemann nickte diesem Wort, warf einen Blick auf die Kleidung des Mönchs und sagte, zunächst wol nur mit einer Andeutung des Kirchenbanns, in dem seine Aeltern lebten:

Darin sind wir ja einig! …

Der Landrath blieb bei seinen Feinden … Hedemann pflegte den Sterbenden und gedachte jenes Tags nicht mehr, wo ihn und Porzia Biancchi dessen Sohn beleidigt hatte im Wirthsgarten der Landstraße von Sanct-Wolfgang nach Kocher am Fall …

Seine Mutter spann; sein Vater schnitzelte Dauben …

Während Hubertus, beruhigt jetzt über das nächste Schicksal des Landraths, dessen Diener und Wagen auf Schloß Münnichhof zu suchen eilte und überlegte, wie er in Witoborn es versuchen wollte, sich bei Frau von Sicking einzuführen; während er überlegte, wie er Schloß Westerhof umspähen, Jean Picard entdecken, ihn vielleicht an einem Verbrechen hindern sollte – hatte sich auf Schloß Münnichhof immer zahlreicher jener Kreis der Damen gemehrt, die gleichfalls von Runen und von Zeichen, gleichfalls von Kreuzen und von Rädern sich ergreifen lassen wollten, freilich in einem andern Sinne, als der 42 unbekümmert um Schnee und Regen dahinschreitende, tief den Todtenkopf in seine braune Kapuze hüllende gute alte Laienbruder … Die Simultankirche, worin wir alle zu Einem Gott beten, war in einer Bauernhütte geweiht durch Nächstenliebe und vielleicht im Schloß des Grafen durch einen Denkergeist?

Doctor Laurenz Püttmeyer erschien gegen drei Uhr auf Schloß Münnichhof so feierlich, wie wenn er die erste Vorlesung auf dem endlich ihm überlassenen Lehrstuhl Hegel’s zu halten gedächte …

Noch kunstvoller als neulich hatten die Musen und Grazien von Eschede die Schleife seines weißen Halstuchs gebunden …

So gründlich rasirt war er, daß man der Meinung hätte sein können, die Natur hätte ihn in das Geschlecht der Blaubärte versetzen wollen; denn offenbar war er mit dem frisch rasirten Kinn in die Kälte gegangen, wovon der Mensch bekanntlich blau wird …

Auf der sauber gefältelten Hemdauslage strahlte eine echte Brillantnadel; die weiße Weste, obgleich etwas gelblich durch zu langes Kommodenliegen, war mit einer schweren Uhrkette garnirt … Die elegantesten gelben Handschuhe, die nur in Eschede waren aufzutreiben gewesen, saßen, wenn auch mit etwas zu langen Fingern, doch das Feierlichste versprechend, auf seinen Händen, die heute das Ewige, das Unergründliche hinter ölgetränktem Papierrahmen sichtbar und anschaulich machen wollten … Alles was der Doctor jener Curatel, unter der er stand, hatte abtrotzen können, schmückte ihn heute, auch der große Siegelring mit einem präch-43tigen Karneol, der freilich unter dem Handschuh etwas die Naht gesprengt hatte …

Von einigen zwanzig vornehmen Damen wurde er mit jenem ironischen Lächeln begrüßt, das die vornehme Weltbildung dem der höhern Lebensformen ungewohnten Gelehrten immer bereit hält. Indessen war dies Lächeln, wenn auch satyrisch, doch nicht boshaft. Man ließ die hohe Wissenschaftlichkeit des Doctors um so mehr gelten, als man ja in ihm eine eigenthümliche, unter den besondern Bedingungen dortiger Landschaft stehende Denkergröße besaß. Seine mathematische Philosophie interessirte Jung und Alt in den gewählten, hier die übliche Landstraße deutschen Dichtens und Denkens gänzlich vermeidenden Kreisen und er schätzte sich glücklich, heute einen kurzen Ueberblick seines Systems den vornehmsten und angesehensten Damen der sonderthümlichsten Gegend des deutschen Vaterlandes geben zu können. Die Gräfin Münnich versicherte dem Denker von Eschede, daß er in dem jenseit des hohen Ahnensaals liegenden Zimmer bereits alle Vorbereitungen getroffen finden würde, die er in einem umständlichen Kanzleischreiben an die Frau Gräfin sich erbeten hatte: Ein dunkles, ganz verhangenes Zimmer, ein Gerüst, einige Näpfchen mit Oel, eine große Flasche Spiritus. Das Uebrige brachte er selbst mit und bat sich nur die Erlaubniß aus, vorläufig die Vorbereitungen treffen zu können, bis er die hochgeehrten gnädigsten Damen abrufen würde …

Diese Spannung währte nicht lange. Bald wurden die Damen abgerufen und paarweise schritten sie dem 44 glücklichen Seher nach. Lachend und doch beklommen ging es durch den Ahnensaal, wo schon aufs einladendste die Tafel zum großen Jagdbanket gedeckt wurde …

Püttmeyer war so erfüllt von seiner Aufgabe, daß ihm völlig entging, wer unter den Damen zugegen war …

Es waren jüngere und ältere, hohe und kleinere Gestalten, alle in gewählter Kleidung, mit Trauerzeichen alle – um den Kirchenfürsten … Paula, Tante Benigna, Armgart – sie alle glaubte Püttmeyer zu sehen … So verwirrt war er, daß er eine Gräfin und Freifrau mit der andern verwechselte …

Noch brannten in dem Zimmer, das sie alle betraten, einige Kerzen … Man mußte sich wenigstens orientiren können, wo man Platz nahm …

Als dies geschehen, erloschen auch diese Kerzen und alles war stichdunkel …

Kichernd und scherzhaft um Ruhe zischend und sich räuspernd saßen die vornehmen Frauen … Püttmeyer rumorte, wie ein Puppenspieler, hinter einem großen transparenten Rahmen, der sich allmählich zu erhellen begann …

Zuweilen schien ihm eines seiner Lichtchen umzufallen … Die Gräfin rief dann, ob er nicht Beistand nöthig hätte? … Nein! nein! Meine Allergnädigste! antwortete er … Dennoch hörte man ihn entweder mit sich selbst oder mit einem Gehülfen sprechen … Eine zarte, schüchterne Stimme schien die des letztern zu sein … Himmel! hätte Armgart, wenn sie hier 45 gesessen hätte, gewiß gedacht, vielleicht – steckt Angelika hinten, die glückliche Angelika! Wenn sie diesen Augenblick, diese hohe Anerkennung ihres Geliebten erlebte!

Das Zimmer war überheizt und die Damen bekamen schon eine eigenthümliche Exaltation von den Ausströmungen des Ofens …

Nun mischte sich noch Weihrauchduft in den frühern, der etwas stark auf Verbrauch von Oel und Spiritus schließen ließ …

Die Stimmung wurde immer erregter … Man schwieg jetzt schon deshalb, nur um sich beherrschen zu können, und harrte der kommenden Dinge …

Endlich klingelte Püttmeyer und mit einer nach Festigkeit ringenden Stimme sprach er:

Meine hochgräflichen – hmhm! – und hochfreiherrlichen Gnaden! – Hmhm! – Ich bin glücklich – den Entwickelungsgang meines Systems Ihnen in einer Reihe von Bildern so anschaulich machen zu können, daß Sie selbst prüfen mögen, ob wol meine Lehre – hmhm! – Ihre überzeugte Zustimmung findet! Denken Sie dabei nur immer, daß das, was in Gott Ein Moment ist, im Denken – durch Raum und Zeit seine – hmhm – Ruhepunkte haben muß! Auch unser – hmhm! – christlicher Glaube zerlegt Gottes Größe in ein Vorher und Nachher; denn wie würden wir sonst die Lehre von den – hmhm! – sieben Schöpfungstagen haben?

Ein Murmeln der Zustimmung ging durch den Saal … Dann folgte tiefste Stille … Die Weihrauchdüfte mehrten sich und jetzt begann sogar zu aller 46 Ueberraschung etwas völlig Unerwartetes, eine ganz wunderbare Musik …

Wo kam diese Musik her? Leise anschwellend hoben sich die Töne wie auf Aeolsschwingen. Was hatte der Zauberer von Eschede für ein Instrument mitgebracht? Es war keine Flötenuhr, kein Klavier, keine Orgel … Es war von allen etwas … Das Zimmer bebte von Wohllautsschwingungen, die die Luft zur klingenden machten … Brausend schwoll es an, so mächtig und doch dann wieder so lind und lieblich, daß davon die ganze Seele erfüllt sein durfte …

Und Niemand war erstaunter, als die Gebieterin des Schlosses selbst, die nicht hoch genug versichern konnte, daß sie kein Instrument besäße von solcher Wirkung, ja das eben vernommene nicht einmal zu nennen wisse … Wenn Püttmeyer Orphische Urworte lehren wollte, konnte die Vorbereitung des Gemüths nicht mächtiger getroffen werden …

Als die Töne verklungen waren, einer immer sanft dem andern sich entwindend, da erblickte man plötzlich die ganze Transparenttafel azurblau und aus dem tiefsten Grunde sei’s des Himmels oder des Meeres entwickelten sich leise Schatten, die allmählich die Form einer Unzahl sich durcheinander rollender und sich einander durchschneidender Kreise annahmen …

Püttmeyer sprach mit erhöhter Begeisterung:

Musik ist das Leben des Alls! Denn – das All besteht aus zersprengten – Atomen, die – sich suchen, sich finden – sich abstoßen, verfolgen! – Sehnsucht 47 und Liebe, demzufolge auch Abneigung – hmhm! – und Haß – ist die Seele des Alls …

Die Kreise bewegten sich auch theilweise zurück und es entstand ein Chaos so flimmernder Schatten, wie wenn das geschlossene Auge im Blutandrang ein Durcheinanderwirbeln von zahllosen Staubatomen sieht … Dazu begann das seltsame Instrument in lebhaftern Rhythmen eine entsprechende Begleitung … Nicht schrill oder in mistönender Malerei – seinem Wesen entsprachen nicht so grelle Ausdrucksformen – wol aber in Klagelauten, wie aus der tiefsten Tiefe des Schmerzes und aus der wehmüthigsten Verkennung der Liebe empor …

Inzwischen schilderte Püttmeyer das aus dem Wirbeln der Atome sich ergebende Streben alles Geschaffenen und des Denkens über alles Geschaffene zum Kreise und die Transparenttafel verwandelte sich allmählich in einen lichten Kreis, die blaue Farbe ging in eine rothe über … Die Frauen beanstandeten nicht im mindesten, was Püttmeyer, in immer flüssiger gewordener Rede, über das Symbol der Liebe, über den Ring, über die Schlange, selbst über die Schlangeneier sprach … Das Auge sah in allem nur die herrlichsten Fata Morganen der Ahnung …

Ueber die Musik, die zuweilen schwieg, hatte sich jetzt von einigen Damen, die eingeweiht waren, herumgeflüstert, daß sie auf einer Ueberraschung beruhte, die man der Gräfin bereitet … Mit dem protestantischen Pfarrer Huber war jenes schöne alte Instrument, die Harmonica, nach Witoborn gekommen und, wie der Sinn 48 der Frauen nun einmal ist, bald hatte sich verbreitet, daß dies Instrument zwar in der Art, wie man es handhaben müsse, nicht eben schön zu nennen wäre, in seiner Wirkung aber nur höchstens von dem seelenvollen Schmelz des Violoncells erreicht würde … Jedermann begehrte es zu hören … Man wußte, der „Pfarrer“, die „Frau Pfarrerin“ – wenn diese heiligen Worte so zu gebrauchen nicht Entweihung war – die schon herangewachsenen – „Kinder“ desselben spielten jenes Instrument mit großer Fertigkeit; aber weder des Mannes Haus zu besuchen war den hiesigen Verhältnissen angemessen, noch auch der „Würde“ desselben zuzumuthen, daß er selbst oder seine Angehörigen sich mit seinen Leistungen bei ihnen hören ließen … Um so größer die Ueberraschung, daß Püttmeyer das Allersehnte möglich gemacht hatte … Schon erzählten die Flüsterworte, daß die Verehrerinnen des Doctors in Eschede diese musikalische Illustration der Philosophie ihres Schooskindes zu seinem größern Effecte durchgesetzt hätten, sie, die Armgart – in ihrer Voreiligkeit mit Kaffeekannen und Strickstrümpfen verglichen hatte! … Der „Prediger“, wie man hier zu Lande Herrn Huber lieber nannte, hatte zu dem Vorschlag gelächelt, als er an die ihm schon durch seinen frühern Pflegbefohlenen, den Freiherrn Jérôme von Wittekind, bekannte Philosophie der Drechselbank erinnert wurde; er hatte eingewilligt in den Transport des Instrumentes und es heute mit Püttmeyern in einem verdeckten Wagen und sogar mit seiner Tochter abgesandt, die in der Kunst dies Instrument zu spielen ihn und seine Gattin schon übertraf …

49 Püttmeyer empfand nicht die Genugthuung, die seinem verketzerten Werke: „Christus und Pythagoras“, durch diesen jetzt gern gesehenen Bund mit den Ketzern wurde. Ach, er war schon zu sehr in seiner steten Furcht vor Sakramentsentziehungen, dann auch in seinem Magisterium eingerostet, um von sich noch gegenwärtig zu haben, daß unter dem alten Schlafrock seines freudlosen verkümmerten Daseins doch noch immer die jugendlich schöne Psyche seiner Denkfreiheit mit bunten Schmetterlingsflügeln verborgen lebte … Nicht ganz paßte auf ihn ein Wort, das Onkel Levinus neulich mit stolzem Bewußtsein bei Gelegenheit einer muthigen That sprach, die von einem deutschen Professor gekommen … „Sind wir auch noch so verirrt in den Labyrinthen der Metaphysik, sind wir auch noch so vergraben im Sand, der die Eingänge zu den Pyramiden verschüttet, haben wir sogar als mit Orden umschnürte Geheimräthe uns ganz verloren in Scherwenzeln und Tellerlecken bei Diplomaten und reichen Glückspilzen, plötzlich ruft uns irgendein Signal an unsere stolze Fahne zurück und wir kämpfen doch wieder für die Freiheit und die Unabhängigkeit des Denkens, wir wissen selbst nicht wie!“ … Leider galt dies begeisterte Wort nur einer in diesem Kreise überraschenden großen That eines deutschen Gelehrten … Dr. Guido Goldfinger hatte aus Anlaß des Kirchenstreites (richtiger seiner nah bevorstehenden Hochzeit mit Johanna Kattendyk und des Wunsches der Mutter wegen, daß die Tochter bei ihr blieb) seine außerordentliche, ohnehin unbesoldete Professur niedergelegt …

50 Aber edler, viel höher stand Püttmeyer … Er empörte sich nicht gegen seine Unterdrücker, zu denen auch die Geistlichen gehört hatten; er liebte die Kirche, die ihn auf den Index zu setzen gedroht; aber stolz fing er denn nun auch von sich zu reden an … Wer würde seines Selbstvertrauens haben spotten mögen! … Auch die Frauen blieben im Bann seiner mystischen Zeichen und nahmen einen flammenden Triangel für die Dreieinigkeit, nahmen ein dunkelglühendes Kreuz für die Offenbarung der Liebe, sahen die Offenbarung des Alls im Atom, des Ewigsten im Zeitlichsten … Kommen und Gehen, Werden und Schwinden sind ja ohnehin Gedanken, die dem Frauendasein so urgegenwärtig sind … Sie umspannen jetzt wie immer ihre Herzen wie mit magischen Fäden … Und selbst Frau von Sicking, die frommste der Frommen, hätte nicht geahnt, daß diese Stunde sie ebenso feierlich stimmen würde, wie ihr nur je zu Muthe war im Moment der „Wandelung“ beim heiligsten der Opfer …

Andachtsvoll hörte man selbst manchem Scherz Püttmeyer’s zu, selbst dem, daß das doppelte Dreieck, Pentagramm genannt, den magischen Zeichen der Zauberer angehöre, auch dem Gotte Gambrinus, setzte er lachend hinter dem muthmachenden Oelpapier hinzu, der damit in Göttingen anzeige, wo gutes Bier feil wäre, „worin jedoch nur ein tiefes Symbol des Frühlingsanfangs läge, ein Hausthür-Gedenkzeichen des Hexensabbats auf dem Brocken, da ja am 1. Mai der Hexen Ausritt stattfände, und zwar“ – hier hätte den Doctor eine seiner Escheder Gönnerinnen allerdings ein wenig am 51 Frackschoos zupfen sollen – „auf dem Bock, welches Thier denn auch sothanerweise bis gen München hin im innigsten Zusammenhang geblieben wäre mit dem ersten Labetrunk am ersten Tage des Wonnemonds“ …

Püttmeyer erhob sich aus diesen Gedankenreihen, die den Onkel Levinus zu einem Streite über Bock und Eimbock oder Eimbeck und Eimbecker Bier veranlaßt haben würden, in eine reinere Höhe, als er, angeregt wahrscheinlich von Göttingen und der gerade pausirenden Harmonica und einem Blick auf die Pfarrerstochter von Eibendorf, mit stolzem Selbstbewußtsein fortfuhr:

Heureka! meine Damen, ich habe gefunden! rief einst Pythagoras, als er seinen berühmten Satz vom Quadratinhalt der Schenkel des Dreiecks entdeckte! Heureka! soll auch der Titel meines nächsten Werkes sein! Zu Gott hoff’ ich, daß sich mein Losungswort weiter verbreiten wird, als, wie ich heute erst erfuhr, in jene Berge drüben, wo ein treuer Anhänger meiner Lehre, Jérôme von Wittekind, den Dank für die ihm durch sie gewordene Anregung auf einen einfachen steinernen Würfel schrieb … Mit der Anerkennung neuer Ideen, meine Damen, ist es zu allen Zeiten gewesen, wie mit diesem Gedenkstein … In einem dichten, unzugänglichen Walde erschallt ihr erstes Echo, wie auch jenes Heureka! in der Nähe des Ortes Eibendorf sich jetzt nur noch ausjubelt ins Ohr der Einsamkeit, an einem nur von Schilf und Blumen umstandenen stillen See … Kein Nachen fährt dahin auf diesem See, kein Fischer steht an seinem Ufer … Ein solches einsames Heureka! ist nur anfangs für die Wildniß da, für einen Vogel, der 52 auf ihm sich ausruht, für eine Lacerte, die sich ihr Lager im Moose gesucht hatte, das seinen Sockel überwuchert … Die Zeit kommt dann aber doch, wo auch eine große und bequeme Landstraße zu einem solchen einsamen Steine hinführen wird! …

Die Frauen murmelten Beifall … Die Musik begann ihre anschwellenden Töne … Püttmeyer rüstete sich zu seiner Mystik der Kegelschnitte …

Vom Denkstein bei Eibendorf hatte ohne Zweifel die Tochter des Pfarrers ihm auf der Herfahrt erzählt … Von jenem Heureka!, das Jérôme von Wittekind einst auf den Würfel schrieb, den er an der Stelle errichten ließ, wo er sein Elfenkind, Lucinde, im Riedbruch gefunden …

Als Lucinde dort auf ihrer Flucht vor Oskar Binder ohnmächtig unter den Farrenkräutern und Glockenblumen zusammengesunken war, glitt allerdings eine Lacerte über sie hinweg, die sie damals nicht mehr fühlte …

Hätte sie aber das Thier noch über ihre Hand gleiten gesehen, sie würde ohne Zweifel so aufgesprungen sein, wie eben unter den Zuhörerinnen sich eine Dame erhob mit einem Ausruf, als wenn ihr der Athem versagte und wirklich eine Schlange sie stäche …

Die Dame hielt sich zwar an ihrem Sessel, beruhigte die erschreckenden Frauen mit einer Handbewegung, sprach, zum Sitzenbleiben auffordernd, ein: Bitte! Bitte! – schwankte jedoch der Thür zu und verließ das Zimmer …

Lassen Sie! sagte Frau von Sicking, als die Damen 53 und vorzugsweise die Herrin des Schlosses von einem nothwendigen Beistand sprachen … Es ist die Mamsell, mit der ich gekommen bin! …

Man glaubte sich auf die Versicherung der Dame, die sie eingeführt, verlassen und beruhigen zu dürfen …

Die seraphischen Klänge der Harmonica tönten indessen fort und Püttmeyer erläuterte …

54 15.#

Lucinde war es, die sich aus dem qualmenden dunstigen Zimmer so plötzlich entfernt hatte …

Sie floh in den großen, nun schon dunkelnden Speisesaal … gejagt von Empfindungen, die zu, zu krampfhaft an ein Herz sich preßten, von dessen lauten Schlägen sie fürchtete, sie könnten noch in der rings sie umgebenden Stille vernommen werden …

Nicht daß sie so überwältigend die Form des Vortrags, ihr Inhalt und die Andacht dieses vornehmen Auditoriums ergriff. Das sind Narren! sagte sie sich … Nicht daß sie von Wehmuth ergriffen war beim Anhören der Harmonica, die ihr einen doch immer holdverklungenen Jugendmärchentraum zurückrufen mußte. Sie war im Stande, in dem Herangewachsensein der Kinder des Pfarrers, dessen Namen sie einst angenommen hatte, als sie die Bühne betrat, verdrießlich nur den Gradmesser ihres eigenen Aeltergewordenseins zu sehen … Nicht daß sie Jérôme so rührte, der um ihretwillen Erschossene, Jérôme, der sie anbetete wie eine Heilige, Jérôme, der ihr, ihr jenes Heureka! der dank-55barsten Erinnerung im einsamen Walde gerufen hatte … Alles das waren Anwandelungen einer ihr fremden Sentimentalität … Sie lebte nur der verzehrenden Sorge um das Allernächste.

Schon mit klopfender Brust war sie auf dem Schlosse Münnichhof erschienen …

Schon mit dem größten Widerwillen war sie in jenes dunkle Zimmer getreten …

So gefaßt und ruhig sie erschien, als Frau von Sicking sie als eine ihr aus der Residenz des Kirchenfürsten Empfohlene einführte und der Herrin des Schlosses vorstellte, sie trat auf einem Boden hier auf, der unter ihr wankte …

Dennoch richtete sie sich hoch und majestätisch auf, als beim Vorstellen ihr Name genannt wurde und die Anwesenden die schlanke Gestalt, die in Trauer gehüllt war, musterten, das bleiche, erröthende Antlitz anziehend fanden, ein goldenes Kreuz, das unter einer Trauerecharpe von Spitzen auf der Brust blinkte, für ein Zeichen von Frömmigkeit nahmen. Jenes Mädchen, das in dieser Gegend vor längern Jahren, auf Schloß Neuhof, eine abenteuerliche Rolle gespielt und das gewiß einige unter den Anwesenden schon einmal gesehen hatten, erkannte niemand … Diese schwarzen Augen schienen die Glut der heiligsten Andacht zu bergen … Dieser etwas trotzige Mund schien nur im Beten geübt … Lucinde sprach wenig und setzte sich zu den in immer größerer Anzahl sich sammelnden Damen wie ein Wesen voll Bescheidenheit, eine Bürgerliche, die den Abstand ihrer Stellung von der der andern erwog, 56 obgleich diese gnädiglichst anzudeuten schienen, daß man auch durch Gesinnung geadelt sein könnte …

Die Namen Neuhof, Asselyn, Benno, de Jonge, Stift Heiligenkreuz, Paula, Armgart, Kloster Himmelpfort gingen an ihr vorüber, ohne daß Jemand ihren Antheil bemerkte …

Selbst wie sie die Lehne ihres Sessels ergriff, als die Stiftsdamen, die von Heiligenkreuz kamen, Fräulein Benigna von Ubbelohde und Gräfin Paula um ihr Fernbleiben von Püttmeyer’s „chinesischen Schatten“ entschuldigten und von ihrer gestrigen ängstlichen Flammenvision erzählten, bemerkte Niemand das Beben der zusammengepreßten Lippen, Niemand die Verlegenheit des Lächelns; auch nicht da, als Frau von Sicking sagte: Ja, ich hoffe Sie morgen auf Westerhof vorstellen zu können!

In dem luftleeren Zimmer, während der Bewunderung und des Lauschens auf die Orphische Weisheit des Sehers von Eschede, hielt es sie nicht länger … Sie mußte aufstehen, gehen, reden können … Als ihr Beispiel, wie dies der Nervenschwäche der Frauen geschieht, ansteckte, als bald eine zweite, bald eine dritte Dame entfloh, huschte sie noch aus dem dunkeln Speisesaal mit seinen blendend weißen Gedecken, seinen Gläsern, Schüsseln, Tellern, hinaus in das erste beste Zimmer, dessen Thür ihr zunächstlag …

So betrat sie ein bereits zum Kartenspiel hergerichtetes, behagliches, trauliches Cabinet …

Auch hier war es dunkel; aber sie hätte noch die Vorhänge herablassen, hinter sich zuriegeln mögen, so sehr fühlte sie das Bedürfniß, sich in der Einsamkeit zu den 57 Aufgaben zu sammeln, die sie auf diesen für sie so gefahrvollen Boden hergeführt hatten …

Jetzt, wo sie sich erschöpft auf ein Sopha niederwarf, jetzt knickte sie zusammen. Jetzt war sie so, wie sie schon seit einiger Zeit sich zu geben pflegte, ohne es zu wissen … Etwas Spinnenhaftes hatte sie bekommen, Mageres, Lauerndes, von „Schmerz Gekrümmtes“, wie sie’s nannte, wenn man deshalb ihr Vorwürfe machte … Ihr hoher Wuchs sowol, wie die religiöse Rolle, die sie mit immer größerer Uebung, Gewöhnung, ja sogar schon Einverständniß spielte, brachten es mit sich, daß sie zu den vielen mittlern und kleinen „erbärmlichen“ Wesen dieser Erde den Medusenkopf niederbeugte … Unter den dichten dunkeln Flechten ihres schwarzen Haares, die sie wie ein Turban umgaben, heute das Werk der Kammerjungfer der Frau von Sicking (hier hatte sie nicht Treudchen, die ihr schon zuweilen hochaufstaunend weiße Härchen auszog), spitzte sich ihr Ohr und lauschte so, wie ihr Nück ärgerlich einst gesagt hatte, „jung-hexenhaft, daß man mutatis mutandis“ – sie verstand ja diese Bedingung – „an die alte Frau Buschbeck denken könnte, wenn diese mit mir oder mit Hammakern vom Anlegen ihrer Kapitalien sprach!“ … Dann freilich konnte sie sich auch wieder aufrichten und sich besinnen auf ihre blühenden zwanziger Jahre …

Lucinde war zu Frau von Sicking empfohlen worden durch Nück und die hochvornehmsten Kreise der Devotion …

Sprach etwas gegen ihre Vergangenheit, so war sie ja eine Convertitin …

58 Auch Frau von Sicking war in gleicher Lage … Eine Nachkommin des tapfern Ritters, der mit dem Schwert, wie Ulrich von Hutten mit der Feder, gegen Rom sein Leben einsetzte, verließ sie den mit soviel Thränen und blutigen Opfern erkauften Glauben ihrer Väter … Sie gehörte jenem Kreise der Gottseligkeit an, der sich jetzt so weit über Europa verbreitet, einem Kreise, in den einzutreten Lucinde das unwiderstehlichste Verlangen trug, seitdem sie wußte, daß auch Bischöfe und Erzbischöfe auf weichen Teppichen dahinschreiten und mit Behaglichkeit die Freuden der Geselligkeit mit andachtsvollen Seelen genießen können … Frau von Sicking war reich … Sie hatte ein Haus bei Witoborn, eine Besitzung im Süden Deutschlands, Absteigequartiere in allen geistlichen Städten Deutschlands und Belgiens … Ihre Correspondenz erstreckte sich nach Rom wie nach den entferntesten Missionen des Sacré Coeur, nach Pondichéry und Guadeloupe … Ihr Reisen, ihr Kommen und Gehen, ihr Correspondiren konnte man Intrigue nennen … Dennoch lag auf allem, was sich an ihren Namen knüpfte, ein diesen Schein mildernder Duft von Andacht, von Beförderung des Menschenwohls, von Veredlung dieser Zeitlichkeit … Jetzt waren die „Exercitien“ ihre Parole … Der Andrang dazu war so groß, daß Frau von Sicking über die Aufnahme wie eine Ordensmeisterin schaltete … Der ostensible Grund, warum Lucinde Schwarz bei ihr erschien, war die flehentlichste Bitte der Frau Commerzienräthin Kattendyk, doch auch sie und ihre Töchter an diesen Exercitien theilnehmen zu lassen … Lucinde war autorisirt, im Namen der Commerzienräthin die größten 59 Opfer, die nur verlangt würden, in Aussicht zu stellen, wenn sie das Glück und die Ehre haben könnte, an dieser vornehmen „Andacht zum Kreuze“ theilzunehmen …

Seit gestern war Lucinde noch zu keiner Fassung gekommen über die Rückkehr in diese Gegenden, auf den Schauplatz, wo Bonaventura weilte, ohne Zweifel, wie sie ahnte, im glückseligsten Bunde mit ihrer frühern Pflegbefohlenen Paula …

Noch sah sie mit dumpfer Starrheit durch das Fenster die vom Abendroth beschienenen weißen Höhen, auf denen Schloß Neuhof lag, wo der Kronsyndikus nicht mehr lebte … Diese Kunde erschütterte sie nicht, lockte ihrem Herzen keine Rührung ab … Sie sah einen gewonnenen Vortheil mehr und wahrhaft tröstlich erklang es ihr zu hören, als Frau von Sicking sprach: Die Frau Präsidentin von Wittekind scheint die Rolle in Vergessenheit bringen zu wollen, die ihr Gatte seither als Beistand der Regierung gespielt! Man ist hier entschlossen, nicht sofort auf ihre Wünsche einzugehen! Nur die Rücksicht auf ihren edeln Sohn, den Domherrn, kann die Gesellschaft bestimmen, ihren Empfindungen nicht schon jetzt einen entschiedenern Ausdruck zu geben! … Selbst der blitzende Punkt dort in der Ferne, ein vergoldetes Kreuz auf der Kirche vom Kloster Himmelpfort, wo Klingsohr verweilte, beschäftigte sie nicht … Diese weiße, mit Abendschatten sich füllende Ebene, auf die sie einst so sehnsuchtsvoll von Schloß Neuhof herniedergeblickt hatte wie in ein Land der Freiheit und des ungebundenern Glückes, als das war, das sie dort in einer 60 nur scheinbar glänzenden Abhängigkeit hielt, bot nichts, was ihr Auge gesucht hätte, als das Schloß Westerhof, das indessen hinter den Wäldern nicht zu sehen war …

Bei Bonaventura’s Abreise hatte Lucinde den Vorsatz gefaßt, nur der Rache zu leben … Ohne daß sie den Oberprocurator, den allmächtigen Dominicus Nück, einweihte in alles, was dieser von ihrem Herzen theilweise selbst schon wußte, theilweise errieth, war sie mit ihm vertraut geworden, denn seine Huldigung gab sich so maßlos, daß sie den Ausbrüchen derselben schon deshalb entgegenkommen mußte, um sein Benehmen der Gesellschaft nicht zu auffallend erscheinen zu lassen … Er kannte ihre Liebe zu Bonaventura und mußte diese schonen … Sie duldete seine von unreinern Wünschen scheinbar plötzlich frei gewordene Leidenschaft unter der Bedingung, daß Nück sie wie eine anderweitig Vermählte betrachtete … Bonaventura wurde ihr bald wieder der alte Gott und nur noch die Tempel schwur sie zu zertrümmern, in denen andere ihm huldigten. Von jener Urkunde, mit der sie ihn sein ganzes Leben lang, wie sie gedroht, in Schach zu halten vermochte, sprach sie nicht zu Nück … Der Schmerz und die Zeit hatten ihre Rachegefühle gegen Bonaventura gemildert …

Nück wurde für sie ein psychologisches Räthsel … Sein Lebensüberdruß war jene Krankheit, die sich bei allen jenen Menschen findet, die etwas anderes thun, als sie denken … Könige haben wir gesehen, die geistesschwach wurden, weil sie eine Welt von schönen Gedanken, Plänen und Entwürfen in sich trugen und keine 61 Menschen fanden oder – suchten, die sie bei ihrer Ausführung unterstützten. Der Muth, der schon zum Brechen mit den Rücksichten, die uns binden, bei ihnen nicht vorhanden war, fehlte vollends für alles Uebrige, was das Leben begehrt; ein geknickter Genius spielt zuletzt mit Puppen, die er an- und auszieht … Und dann – dann wissen: Das ist unwahr! und es dennoch befördern – darum befördern, weil die Lüge einem andern zu Schaden kommt, den man haßt –! das untergräbt vollends die innerste Seele, wenigstens deren Ruhe …

Nück konnte zu Lucinden auf ihrem kleinen Cabinet oder wenn sie ihn selbst, scheinbar in Aufträgen, in dem Zimmer besuchte, das zum Garten der Seminaristen hinausging – wenn sie vor ihm auf seinem unheimlichen Sopha saß, unter dem verhängnißvollen Ringhaken an der Decke – ganz wie der verzweifelnde Serlo sprechen: Es ist nichts mit unserm Hoffen und Glauben! Erde wird Erde! Wir düngen die Zukunft! Apostel oder Mörder – omnes una manet nox! (alle erwartet eine und dieselbe Nacht!) …

Dennoch ging ein Mann mit solchen Ansichten in die Kirchen und Kapellen, bückte sich im Beichtstuhl und kreuzigte sich in der Messe …

Nück konnte spotten über die Priester, konnte in seiner cynischen Art von reichen, wohlgenährten Pfründnern, die Lucinde in seinem Vorzimmer antraf, sagen: „Sehen sie nicht aus wie die rothen Fettäpfel, die die gebratene Gans «Kirche» in ihrem Steiße trägt!“ … Sprang auch Lucinde bei solchen Worten auf, entfernte sich, so nahm sie doch das staunende Gefühl mit: Dennoch 62 kämpfst du wie ein Löwe, offen und heimlich, für die Wiedereinsetzung des Kirchenfürsten? …

Nück konnte so laut lachen über die Verlegenheiten der Regierung, daß es gellend dahinschallte in den Zimmern seiner Schwiegermutter, die er jetzt jeden Abend besuchte … Das wird die Lernäische Schlange! rief er. Einen Kopf hauen sie herunter und zwei wachsen wieder! Ha, ha! Die Zeiten sind vorüber, wo die Schusterjungen, wenn sie in Berlin in einem Winkel am königlichen Opernhaus ihre Bedürfnisse befriedigen wollten, von den Gensdarmen hören konnten: „Wozu ist denn da drüben die katholische Kirche?!“ …

Solche Cynismen milderte die Lokalsprache, deren sich Nück bei seinen Bildern bediente …

Die Frauen protestirten durch Aufstehen und heftigste Vorwürfe … Bald aber setzten sie sich wieder und lachten über den Sonderling, der dann in die süßeste Courtoisie verfallen und den Liebenswürdigen spielen konnte … Das graue Ungeheuer! nannte ihn, mit Wohlgefallen, seine eigene Schwägerin Johanna Kattendyk … Guido Goldfinger, ihr Verlobter, applaudirte ihm, wenn Nück in seinen seltnern politisch-conservativen Anwandelungen polterte: „Aufklärung! Aufklärung! Kaum hat der dumme Bauer gehört, daß die Sternschnuppen nicht von Gottes Lichtputze kommen, wenn der Alte, im Flurhypothekenbuch der Menschheit vertieft, sich nur deshalb die Sternenlichter putzt, um ihre Sünden in desto deutlicherm Lichte zu sehen, so denkt er ja gleich: Nun all’ gut, nun auch gleich Mistforke und Heugabel in die Hand genommen und auf die Zoll- und Rathhäuser gestürmt, 63 wo die unbezahlten Steuerrester und Schuldverschreibungen liegen!“ Bei alledem jubelte er jeder Nachricht von einem Pöbelauflauf, wenn er nur die „Neunmalweisen“ in Verlegenheit setzte …

Ein solcher Zustand der Seele wird zuletzt haltungslos, die Widersprüche heben sich auf, nichts bleibt übrig, als was Nück in seinen geheimsten Stunden war, ein Verzweifelnder, tief Lebensüberdrüssiger. Nächtlich konnte er umherrasen, in seinen grauen, alten Mantel gehüllt. Frau Schummel war dann die Vertraute der Phantasieen seiner entfesselten Sinne; Bedürfnisse hatte er, deren Befriedigung an einem Abend ein Vermögen kostete … Plötzlich aber stieß er wieder alles von sich und predigte Buße und konnte an Selbstmord denken … So überraschte ihn einst Hammaker und brachte ihn auf die uns bekannten Verirrungen des scheinbar sich Erhängenwollens … In vertrautester Stille konnte er um diesen Hammaker klagen: „Was war denn nun das für ein Unglück, daß er den bösen Drachen umgebracht hat? Die natürliche Vergeltung ist das ja hier schon auf Erden! Jene hatte andere auf der Seele, diese hatten wieder andere und den Hammaker hätte dann auch schon Einer gerichtet!“ …

„Mädchen, kannst du lügen?“ „Kannst du falsche Handschriften machen?“ „Kannst du Feuer anlegen?“

So hatte Nück zu Lucinden gesprochen an jenem Piter’schen Festabend. Aus ihrer unterirdischen Wanderung mit Jean Picard wußte sie etwas von einer gewissen That, für die dieser durch Hammaker war gedungen 64 worden. Nück war nie wieder auf diese Zumuthungen, ein Verbrechen zu unterstützen, zurückgekommen. Einiges hatte er von Lucindens Besuch im Profeßhause und von ihrer damaligen Todesangst in Erfahrung gebracht – die Erwähnung der „Spinozistin“ Veilchen Igelsheimer brachte sie darauf … Aber über alles Andere, was von ihm zum Gewinn des großen Processes der Dorstes verbrecherisch unternommen werden konnte, waren seit Benno’s Abreise nach Witoborn die Schleier der Vergessenheit gefallen …

So schien alles still und friedlich … Lucinde wurde die Vertraute des Hauses, die Freundin, die Tochter, wie oft die Commerzienräthin ihr zuflüsterte – vorzugsweise, wenn sie der Mesalliance gedachte, die ihr durch Piter drohte. Denn Piter ließ nicht von Treudchen. Au contraire – seit seinem verunglückten Abend war er entschiedener, denn je, darauf bedacht, sich durch gänzliche Nichtübereinstimmung mit dem, was die gesunde Vernunft von ihm erwartete, allen Menschen so gefährlich wie möglich zu machen … Der uns bekannte Entschluß Ernst Delring’s, aus dem Geschäft auszutreten und die Stadt zu verlassen, wurde auch durch ein Ereigniß erleichtert, dessen betrübender Verlauf von Tieferblickenden geahnt werden konnte … Lucinde war nach Witoborn in Trauerkleidern gekommen … Das Hauptmotiv, mit dem sie das Herz der Frau von Sicking im Interesse der Kattendyk’schen Bitte zu rühren hoffen konnte, war Mutterschmerz und Geschwisterliebe … Hendrika Delring war nicht mehr …

Die sanfte, gute, liebevolle Frau, die Treudchen 65 Ley einst so herablassend zu schmücken verstand; die so tief beklommen dem Gebet zugehört, als Treudchen niederkniete zur zurückgesetzten Madonna; die dann gleichfalls die Hände faltete – über der Hoffnung ihres Gatten, dem sie ihr Kind nach dessen ganzer Zukunft schenken wollte; Hendrika Delring, der von Piter tyrannisirte Flüchtling in den Beichtstuhl Bonaventura’s, hatte die Schmerzen der Geburt nicht überstanden … Ihr schon den Jahren nach auf solche Proben seiner Kraft nicht mehr angewiesener Körper leistete Widerstand; um die Mutter zu retten, mußte das Kind geopfert werden; bald darauf entwich auch ihr die Kraft, ein letzter Hauch des versagenden Athems und sie ging hinüber in ein Land, wo ihr die Taufe ihres Kindes keine Leiden mehr bereitete …

Das Leben ist so! sprach Lucinde zu dem in Thränen verzweifelnden Treudchen, das sich bis zum letzten Augenblick treu bewährt hatte, sich nicht hatte nehmen lassen, die Todte zu entkleiden, zu waschen, sie für die Bahre zu schmücken … Gerade das, worauf die meisten Vorbereitungen getroffen werden, gerade das, dessen Eintritt ins Dasein uns nicht hoch genug beschäftigen kann und an das wir all unsern Muth, all unsern Verstand, unser ganzes Herz setzen, das tritt nicht ein!

Lucinde sprach dies einem Urtheil in Serlo’s Papieren über eine Dichtung nach. „Der Held mußte sterben! Wie kann man denn soviel reden und handeln lassen, um dem Misgeschick vorzubeugen, wenn das Mis-66geschick nicht wirklich ein Ungethüm ist, das Menschenkraft nicht überwindet? Die Götter strafen jede Einmischung in ihre Rechte. Das ist traurig, aber gar nicht so niederdrückend, wie es scheint. Wenn der Vorhang fällt, wenn die Menschen wieder an ihren abendlichen Kartoffelsalat gehen und sie hochvergnügt scheinen, daß nicht Gott, sondern die Birch-Pfeiffer die Welt regiert und die guten Seelen zuletzt doch «sich kriegen», so glauben sie’s im Grunde nicht. «Romeo und Julia» kann kein Schauspiel sein. Der Tod – der ist zuletzt doch etwas Süßes für uns und die einzige Schönheit, die eine That ins Große verklärt. Wäre der Tod nicht, wir unternähmen nichts mehr, was unserm göttlichen Ursprung Ehre macht. Es ist, als forderte uns ein Preis heraus, je höher die damit verbundene Gefahr ist. Was wären wir, wenn das Schöne auf Erden sich halten könnte! Gerade der unterliegende Kampf gegen das Verhängniß zieht uns himmelan!“

Acht Tage nach dem Begräbniß Hendrika’s wurde der Edeln ein Opfer gebracht, das reiner gen Himmel stieg, als alle Seelenmessen für sie, die auf Jahre hinaus von der Mutter gestiftet wurden. Treudchen Ley, die noch nicht ihr Trauerjahr um ihre Mutter vorüber hatte, kehrte in die theilweise schon geminderte volle Trauerkleidung zurück. Tief verhärmt war sie schon lange; ihr schönes blondes Haar verrieth nichts mehr von der alten gefallsamen Pflege. Schon lange nagten die bittersten Schmerzen an ihrer Ruhe. Piter hatte einem geheimen Familienconvent nicht beigewohnt. Als er das Resultat desselben erfuhr, das Beziehen des obern 67 Stocks durch Goldfingers – Johanna sollte sich noch vor Beendigung der „Heiligen Botanik“ verehelichen – erklärte er das ganze obere Stockwerk für sich allein zu bedürfen, für seinen nächstens zu eröffnenden Hausstand, und niemand anders, als „ein einfaches, bescheidenes Mädchen aus dem Volke“, keine „Staatsdame“, würde er heirathen. Ein Widerstand dagegen war deshalb auch schwierig, weil die ganze Familie Treudchen liebte und sie schon lange wie eine Verwandte behandelte. Da verschwand eines Tages Treudchen. Sie hinterließ die Kunde, daß sie bei den Karmeliterinnen war. Man konnte annehmen, daß sie den Schleier nahm. Cajetan Rother, der Beichtvater der Damen vom Römerweg, kam selbst zur Commerzienräthin und erklärte, schon lange trüge das junge Mädchen die schwärmerischste Liebe zur seligsten Jungfrau im Herzen und würde der Majestät ihres göttlichen Sohnes jedenfalls die Huldigung bringen, eine Braut Christi zu werden …

Mitten in dem furchtbaren Revolutionsausbruch, den diese Nachricht im Kattendyk’schen Hause zur Folge hatte – Piter drohte nicht weniger, als die Kathedrale bis auf den letzten Stein zu schleifen – traten die Veranlassungen ein, die Lucinden bestimmten, sich selbst zur Dolmetscherin der Wünsche zu machen, die die Commerzienräthin in Betreff der vielbesprochenen neuen Unternehmung der Frau von Sicking hegte …

Eines Tages kam sie aufgeregt in das Toilettenzimmer ihrer Gebieterin und erklärte mit angstentstell-68tem Antlitz, sie wollte selbst nach Witoborn reisen, um jene Bußfrage zu ordnen …

Wally Kattendyk, hocherstaunt, weinte Thränen der Rührung über diesen edeln Entschluß, küßte Lucindens Stirn und Wange und drückte sie an die eben im Schnüren begriffenen Corsetverschanzungen ihres Herzens …

Noch am selben Abend wollte Lucinde abreisen, unmittelbar nach jenem Besuch des Herrn Cajetanus Rother …

Nück war Rothern auf der Treppe begegnet … Er kam mit einer Anzahl in den Bart gemurmelter Vermuthungen über die seltsam geheimen Zusammenhänge der dieser Flucht Treudchen’s zum Grunde liegenden Ursachen … Piter war noch auf dem Polizeiamt und requirirte eine Hülfe, die ihm nach der Bulle De salute animarum nicht werden konnte, wenn Gertrud Ley auf ihrem Willen bestand und von ihrem Vormund in Kocher am Fall, einem ehrlichen Handwerker, die Zustimmung zum Eintritt ins Kloster brachte …

Da hörte Nück von der Reise, die die nicht anwesende Lucinde beabsichtigte …

Nach Witoborn? fragte er staunend. Das ist ja seltsam! setzte er hinzu und suchte Lucindens Zimmer … Am Vormittag war sie zweimal bei ihm gewesen, ohne ihn zu finden … Er hatte gerade beim Gericht plaidirt …

Als Nück eintrat, fand er Lucinden vollständig zur Reise gerüstet … Erst wollte sie mit einem Wort aufwallen, dann beherrschte sie sich und sank auf einen der mehreren Koffer nieder, die rings um sie her standen …

69 Was ist denn, mein Fräulein? fragte er mit hoch aufgerissenen Augenbrauen …

Ich reise – nach Witoborn! … war die leise verhauchende Antwort …

Hör’ ich ja mit Befremden, erwiderte Nück … Und mit Extrapost noch dazu? … Im Hof unten steht Mutters Reisewagen … Joseph begleitet Sie doch? … Und nicht einmal das? … Nur die Pferde fehlen noch? … Liebste Freundin, welche Eile –? Alles das – der Exercitien wegen –?

Lucinde saß, die Hände aufgestützt … Ihre Hand hielt die Bänder eines Reisehuts, der beinahe auf der Erde schleifte … Allmählich hob sie von unten her den Blick und durchbohrte mit prüfender Schärfe die völlig ruhigen Züge des Oberprocurators …

Sie waren bei mir, um Abschied zu nehmen –? fragte dieser voll erhöhten Erstaunens …

Zweimal … antwortete sie scharf betonend und doch durch seine Ruhe in ihrer Elasticität schon nachlassend …

Gestehen Sie, wandte sich Nück ihr näher, es ist die Eifersucht, die Sie so mächtig ergreift! … Sie haben von den Erfolgen des Domherrn gehört … Tagelang ist er mit Gräfin Paula … Er magnetisirt sie …

Lucinde hielt die Hände über die Augen, als blendeten sie die Lichter, die auf dem Tische standen …

Haben Sie schon vom Tod des Kronsyndikus gehört? fuhr Nück fort. Ich hörte, daß er sterben wird! Fürchten Sie, von seinem Testament ausgeschlossen zu sein?

Lucinde schwieg …

70 Der Präsident von Wittekind ist nach Neuhof gereist … Hätten auch Sie noch so viel Theilnahme für den alten Tyrannen, ihn noch einmal sehen zu wollen?

Lucindens Erinnerungen liefen geisterhaft an ihrer Seele hin … Sie sah den Kronsyndikus in Hamburg aus dem Wagen steigen, als er sie, schon damals leichenblaß, bei den Geschwistern Carstens aufsuchte … Sie sah ihn in jener Nacht in Kiel, wo er gespenstisch mit dem Degen in der Hand von seiner zweiten Frau sprach … Dann aber drängte sich in die Theilnahme für ihn sein Schweigen, als sie mit Serlo’s Familie umherirrte, darbte und vergebens auf seine Hülfe hoffte … Sie zeigte sich zu seinem möglichen Tode ohne jede Theilnahme …

Nun, in Nück’s Benehmen keine Bestätigung ihrer Ahnungen findend, erhob sie sich und ging entschlußlos im kleinen Zimmer auf und nieder …

Wollen Sie Klingsohrn das Mittel mittheilen, das ich Ihnen neulich sagte, um ihn aus dem Kloster zu bringen?

Alle diese Namen berührten Lucinden nur schmerzlich und trugen ihm ein: O schweigen Sie! nach dem andern ein …

Ihr Reisegrund war in der That einer, den sie ihm nicht mitzutheilen wagte …

Am frühen Morgen, als sie in die Messe gehen wollte, hatte sie eine Entdeckung gemacht, die sie mit eisigem Schrecken überlief …

Am Posthof hatte sie vorüber müssen und war eines Briefes wegen in diesen eingetreten …

71 Da stand ein Eilwagen, der soeben bespannt wurde …

In Begriff einzusteigen sah sie in Pelzen, mit Handtaschen, Fußsäcken, sechs bis acht Passagiere harren …

Eine dieser Gestalten fiel ihr auf und noch mehr fiel sie, wie sie sogleich sah, diesem Reisenden selbst auf …

Kaum hatte sie einen prüfenden Blick auf einen Mann in einem wassergrünen Flausrock, mit einem rothen Comfortable um den Hals, geworfen, als sich derselbe auch sofort abwandte und die Hände schnell aus den Rocktaschen zog, in die er ruhig sie gesteckt hielt …

Sie sagte sich: Das ist ja Bickert! … Darüber konnte kein Zweifel sein … Wuchs, Gesichtszüge waren unverkennbar, nur das Haupthaar ein anderes … Sonst roth, war es jetzt dunkelschwarz und lockig …

Sie mußte stehen bleiben und wandte sich, um den Verbrecher näher in Augenschein zu nehmen …

Jetzt, sah sie, entdeckte er, daß auch sie ihn erkannt hatte, und immer mehr vermied er nun, ihr ins Angesicht zu sehen …

Einen Augenblick that sie, als entfernte sie sich; doch nur um wieder zurückkehren zu können und sich vor die auf den Thüren befestigten Tarife zu stellen und scheinbar diese zu lesen …

Jetzt wurde das Gepäck der Reisenden gebracht … Sie hörte: „Nach Witoborn!“ …

Ihre Brust klopfte … Sollte sie den Unglücklichen anreden, der ihr seine Nichtentdeckung, dem aber auch sie kürzlich eine große Hülfe und Rettung ihrer Ehre verdankte, ihn, der sie mit jenen Papieren aus dem Sarg des 72 alten Mevissen, wie sie wenigstens glaubte, zur ewigen Herrin über Bonaventura’s Schicksal gemacht hatte? … Sollte sie ihn fragen, ob er es wäre, der nach Witoborn reiste? …

Da fiel ihr seine Mittheilung über Hammaker’s Anträge, sein Wort vom „rothen Hahn auf ein Schloß“ ein, sein: Sapristi! als sie in dem unterirdischen Gang selbst von Westerhof, selbst von Nück begonnen hatte …

Noch wogte ihre Angst um ein Verbrechen, in das sich nun Nück doch noch einließ, noch wogte die Furcht, hier so länger stehen zu bleiben, als die Namen der Passagiere aufgerufen wurden … Der, der ihr Jean Picard schien, stieg mit der Bezeichnung: „Herr Dionysius Schneid“ in den Wagen … Sie hatte sich’s wohlgemerkt; der Name wurde zweimal gerufen …

Nun blies der Postillon … Der Verbrecher fuhr von dannen … Unter dem Eingang der Post drückte er sich in eine Ecke, um nicht beim Vorüberfahren ganz aus nächster Nähe beobachtet zu werden …

In erster Aufregung flog Lucinde zu Nück, um aus seinem Benehmen zu erkennen, ob sie sich wirklich ihn, ihn selbst im Zusammenhang mit dieser Reise denken mußte – im Postbureau wurde ihr bestätigt, daß Herr Dionysius Schneid aus Strasburg seinen Platz bis Witoborn genommen hatte –

Dann sagte sie sich: Nein, wie kannst du Nück an Dinge erinnern, die von seiner Seite nur ein einziges mal und auch da nur so flüchtig und scherzhaft hingeworfen wurden! … Sie wußte, um was es sich in jenem 73 zu Nück’s tiefstem Verdrusse verlorenen Proceß handelte, jenem Proceß, der Paula’s Lebensschicksal entschied. Sie wußte, daß mit dem Fund der Urkunde Paula zwar ihr Erbe erhielt, aber auch das von einer durch die ganze Verwandtschaft festgehaltenen Etikette gestellte Ansinnen, sich mit dem um seine Hoffnungen betrogenen Grafen Hugo zu vermählen … Ihrer Rache konnte an sich nichts Süßeres geboten werden als dieser schadenfrohe Hinblick auf – Bonaventura’s Schmerz, und dennoch – zu mächtig wirkte entweder noch die Liebe und Sorge für ihn in ihrem für alles Uebrige abgestorbenen Herzen, um nicht zu erschrecken bei dem Gedanken, daß um den grausamen, sie „mit Füßen tretenden“ Mann soviel Wildes sich begeben könnte, oder sie gedachte der Gefahr eines Frevels, der leicht dem Scheitern ausgesetzt sein konnte und sie selbst vielleicht in neue Wirren stürzte … Schon war wiederholt ihr Name bei der Veröffentlichung der Beda Hunnius’schen Briefe genannt worden … Sollte sich der Fluch ihres Daseins immer greller und greller erfüllen? … Sollte sie durch diese wirkliche Ausführung geheimer Thaten auf die Bahn des Verbrechens hinübergeführt, ihrer Bekanntschaft mit Bickert überwiesen, um ihrer Erlebnisse auf dem Profeßhause willen wol gar dem öffentlichen Gerichte preisgegeben werden? … Sie wünschte die Folgen der That mit heißester Begier, zitterte aber vor ihrem Mislingen … Und nun ergriff sie die ihr eigene namenlose Angst, die sie immer hatte vor jeder Katastrophe, ehe sie da war. Flügel hätte sie sich geben mögen, den Verbrecher einzuholen, ihm nicht von der Seite zu weichen, ihn von seinem 74 Vorhaben zurückzuhalten … Noch einmal ging sie zu Nück, fand ihn aber wieder nicht …

Die Ruhe des Nück’schen Hauses, die Ordnung des Geschäfts, der Reichthum, dem sie auf Tritt und Schritt begegnete, sagten ihr wol: Thörin, Thörin, wessen hältst du einen Nück für fähig! Für wahnsinnig würd’ er dich halten, sprächst du davon! … Und bin ich’s vielleicht nicht selbst? … Seh’ ich mich nicht ewig mit Hammaker auf dem Schaffot, seh’ ich mich da nicht mit meinen Brüdern, mit Oskar Binder, mit meiner Hauptmännin – alles so, wie ich’s so oft träume! … Die Stimmung einer wie von Furien Verfolgten und wie der höchsten Gewissensangst kam über die in sich haltlose und so tief ehrgeizige Seele … Und um nur etwas zu thun, was den Augenblick festhielt, betrieb sie ihre Reise, schützte Gründe der Eile vor, ließ alle Anstalten wie zu einer Flucht treffen … Sie glaubte wenigstens darin das Beste zu thun, daß sie, selbst wenn keine Verständigung mit Nück möglich war, doch in die Nähe des Verbrechers zu kommen suchte, um seinen Arm zu ergreifen und ihm zuzurufen: Die ewigen Mächte ziehen mich durch dich noch nicht rettungslos hinunter!

Das „Hessenmädchen“ – die halbe Bäuerin – das war sie geworden! … Geworden durch Schönheit, Ehrgeiz, Geist und – „Unglück!“ … Sie sah Nück in ihrem kleinen Zimmer jetzt an wie eine Verzweifelnde … Ihm aber erschien sie bei alledem eine Zauberin; nur die rothen Kleider, die phantastischen Zeichen fehlten um ihre Schultern, der goldene Stab in ihren Händen; er hätte 75 sie zur Priesterin welcher Religion sie wollte gemacht …

Schon sprach er, mit heißen Seufzern sich ihr nähernd:

Sie sind krank! Lucinde!

Sie fuhr zurück, als vergiftete sie sein Athem …

Sich sammelnd bat er sie, sich zu beruhigen und die Pferde abbestellen zu dürfen … Seine Augenbrauen zuckten hin und her … Er öffnete das Fenster, sprach in den Hof hinunter und bestellte die Pferde ab …

Lucinde ließ nun alles geschehen …