Theodor Mundt, Willibald Alexis und die Pommersche Dichterschule, oder über einige literar-historische Symptome#

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Herausgeber
  1. Wolfgang Rasch
Fassung
1.1
Letzte Bearbeitung
10.02.2020
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309 Theodor Mundt, Willibald Alexis und die Pommersche Dichterschule, oder über einige literar-historische Symptome.#

Die große politische St. Georgszeit und kritische Drachenkampfperiode ist vorüber. Ein märchenhafter Sagenkreis hat sich schon gebildet von den Rittern mit flammenden Schwertern, von Börne, dem schwarzen Paladine auf dem Verzweiflung wiehernden Rosse Witz, von Heine, dem tapfern und galanten Chevalier, dem Paris, Perzival und Mürat unsres Kreises, von Menzel, dem wahrhaften Landsknechte und Condottiere des Feldzuges, der den Kern der Schlachtordnung bildete. Und das Alles war eine Fabel, verklungen in die Luft, die der Osten regte. Man spricht nicht mehr von großen Kämpfen in Reih und Glied, von einer Entscheidung auf Leben und Tod. Die großen Schwerterflammen sind höchstens Flämmchen geworden, welche über Deutschlands Sümpfen und Nordpolnächten irrlichternd auf- und niederflakkern, wie bei Heine; oder wie bei den Andern, wo sie gänzlich erloschen sind. Nun wollen wir sehen, was jetzt geschieht. Wir wollen einige Erscheinungen signalisiren, welche auf dem deutschen literarischen Ozeane fern in den Nebeln des Horizontes klein und punktirt auftauchen.

Zuerst ist es auffallend, daß jetzt, nachdem die Sache vorüber ist, erst der Name dafür soll erfunden sein. Man hört überall von Bewegungsliteratur, von Bewegungspartheien reden und erstaunt, die Leute im offnen Visier zu sehen, welche jene Devisen führen. Sind es nicht dieselben, gegen welche die alte Bewegung gerichtet war? Sind es nicht die Berlinischen Doktrinäre, welche sich einst für den Ruhm der klassischen Periode, für die alten Marmorbüsten, zu Tode opfern wollten? Überall hört man von Vermittelung und Aussöhnung, die Champagnerkorke knallen, und schnell, ehe der Schnee der Gährung zerschmolzen ist, eilen sie zusammen, die alten Gegner, messen sich mit bittenden Augen, umschränken die Arme und nennen sich Brüder à la façon von Passendorf und vom Fuchsberg, bei Jena. Die Doktrine und der Tiersparti liegen sich in den Armen - schweigt einen Augenblick! Stört diese Scene nicht!

Ich muß gestehen, daß dies plötzliche Johlen, Beinausschlagen und Überschnappen zuerst einen wehmüthigen Eindruck macht, da es Gräber sind, auf welchen diese Art Bewegungsjünglinge tanzen. Immerhin! die Tarantel hat sie gestochen, sie können nichts dafür. Sie wissen auch nicht, wie lächerlich es ist, daß sie ihre alten Zöpfe zu sich herum gedreht haben nach vorn, und mit ihnen liebäugeln. Und was soll diese neue Berserkerwuth sagen, was wollen sie mit ihren ausgelassenen Geberden, was meint Theodor Mundt damit, wenn er im zweiten Hefte des Zodiakus die geheimnißvollen Worte ausstößt: Trarara! Trara! Trara? 310 Bei Gott, uns wird ganz närrisch zu Muthe, wenn man den Spektakel mit anhört. Wir haben doch ehemals auch recht lustige Dinge in Gottes freie Natur hinausgeblasen, aber bis zu „Trarara!“ haben wir es nicht gebracht. Soll dieses unartikulirte Wort die Devise der neuen Berlinischen Bewegungsliteratur werden? Trarara! Trara! Trara! Ich bekomme Angst, die Hunde heulen und fressen Gras, die Pferde schnuppern, die Vögel ducken sich, die Katze prauzt, was wird kommen? Trara! Leute, betet einen Abendsegen!

Ein zweites interessantes Symptom unsrer gegenwärtigen Literaturperiode gibt sich sehr oft in einem Räsonnement bloß, welches Willibald Alexis angehört. Welch eine Melancholie lastet auf allem, was dieser Autor in seiner eigenthümlichen Manier herausflockt und herauströpfelt! Es ist ihm Alles recht, und eigentlich doch nicht recht, und wenn man es so haben will, so hat er dagegen nichts, und will man es so, dann hat er auch nichts. Eine merkwürdige Toleranz! Dieser Mann ist von der Zeit und den Schlägen, die sie an ihn austheilte, so weich und mürbe geworden, daß er nichts übrig behalten hat, als nur noch ein resignirtes Lächeln, etwas Spott, etwas Ernst, etwas Zorn, aber Alles weit überwogen von Gleichgültigkeit und furchtsamer Toleranz. Und so Viele. Was ist Euch nur in die Glieder gefahren? Was habt Ihr? Wo sitzt es Euch? Liegt Euer Unglück da, wo Ihr angegriffen seid? Oder da, wo Ihr glaubtet, Rückhalt zu finden? Ich glaube, auf beiden Seiten.

Die Melancholie W. Alexis’ geht so weit, daß er von einem schlechten Buche manchmal ausrufen möchte: Gott, es ist doch geschrieben! Der Verfasser hat doch seine fünf Sinne zusammennehmen müssen! Es ist doch ein Buch! W. Alexis hat aus diesem Grunde die Lievländische Muse Raupach’s in Schutz genommen. Er räsonnirt so: Raupach schreibt doch: es ist doch „Was;“ und „um deshalb“ nehmt ihn in Schutz! Er dichtet im Thiergarten, beim Spazierengehen: er ist kein Shakespeare, kein Schiller und Göthe, aber er ist Raupach - kurz - o wie schwer ist das Schriftstellern! Wie schwer! Wie schwer! Gedanken zu haben kostet Schweiß, und nun gar Poesie zu haben kostet ein Russisches Dampfbad! Erfindet! Erfindet! Ach, es ist gar zu schwer! Wer hat das Erfinden erfunden! Das schwere Erfinden! - Dies ist W. Alexis’ ewiger Refrain. Eine Tragödie über die Schwierigkeit der Poesie!

Eine dritte Entdeckung endlich kann einem scharfen Auge nicht entgangen sein, die Lyrik betreffend. Ja, in der That, die deutsche Lyrik soll es sein, welche Deutschland rettet. Wäre hier noch von den schwäbischen Dichtern die Rede, von Geistern, welche nicht ohne Ausnahme ein wahrer poetischer Funke durchglüht; allein diese Lyrik meint die junge Bewegungsliteratur an der Spree und Oder nicht, sondern jene Märkisch-Pommersche Dichterschule, welche die stolzen Namen Ferrand, Kossarsky, Rebenstein, Brunold u. s. w. zu den Ihrigen zählt, und sich anheischig macht, die Welt in neuen Jubel zu versetzen, die Runzeln aus der Stirne Saturn’s herauszusingen, und Veilchenduft und Lerchensang zur Tagesordnung zu machen. Ich wollte das nur erwähnen; denn ich habe die Verpflichtung, in meinen Literaturberichten keine Thorheit, kein Kinder-Ei und keine Kinderei zu übersehen.

Darf ich den Schmerz und die Wunden läugnen, an welchen alle diese Männer leiden? Warlich nicht! Die Zeit ist ein schwerer Alp, der sie drückt. Die Zeit spinnt die widerstrebenden Geister in ihr Gewebe hinein. Sie ist Nemesis mit Harpyenkrallen, welche nicht loslassen. Die Zeit und die Geschichte reagiren gegen Alles, was sich ihnen früher abwandte und nun werden Kunst und Wissenschaft, ja selbst die Geheimnisse versteckter Situationen, Liebe und Freundschaft hineingerissen in den Strudel und mit dem Alltagsleben der Öffentlichkeit versprützt und verflüchtigt. Es soll ein Gesetz sein, daß namentlich die Literatur sich um die Sonnenaxe der Zeit zu drehen habe. Aber ich frage, ob dieses Gesetz denn so neu ist? Ich frage, ob es mit so vielem Geräusch darf proklamirt werden? Gewiß man hat dieses Hevreka! schon vor einem Dezennium gerufen und ihm ganze kritische Hekatomben geopfert, und ich glaube, man muß nachgerade anfangen, sich bestimmter über das Zeitgemäße in der Literatur auszusprechen; denn jenes nebelhafte Halloh! ist auch eine Tyrannei und die Tyrannei hat keinen Raum im Reiche der Wahrheit und Schönheit.

Ich will nicht näseln, wie ein Professor der Ästhetik; aber wo habt ihr die Kunst hingethan? Ehrbare Männer ziehen sich splitternackt aus, und baden sich - o, wär’ es in dem Blut des erlegten Drachen Zeit! Nein, sie tauchen unter in die Wellen, welche die leichte Zugluft des Tages aufkräuselt, sie rufen Trara! und treten Wasser, sie wollen nichts, als der Spielball der Zeit sein, sie wollen die Zeit nicht überwinden, sie stürmen nicht der Zeit voran. Immer mit im Zuge - das ist ein Marketenderschritt. Vorn im ersten Gliede sollt ihr stehen! Dort, wo die Entscheidung am nächsten ist und wo die meisten Opfer fallen! Theodor Mundt will unaufhörliche Emanzipation, fortwährendes Losringen von sich selbst, alle Tage ein neues Kleid, so wie es die Mode mit sich bringt, er will nur in Athem bleiben, um Trara! zu rufen. Das ist kein tiefsinniges Gesetz mehr, welches er der Analogie und Induktion verdankt, das ist eben so wenig das Entzücken, wenn man von einem bösen Traum erwacht und die aufgehende Frühlingssonne ihre glitzernden Lichter in’s Zimmer wirft, das ist Reue, und die Verzweiflung der Reue. Das ist das Übermaß eines Schuldbewußten, der für die Vergangenheit und Zukunft zugleich arbeiten will, und darüber die Gegenwart verliert. Das ist Gespensterfurcht, die vor der Stille des Waldes er-311schrickt und dem Vogel nicht traut, der mit einem Liede ruft, das ist Wahnwitz, Hohnlachen, Ohnmacht.

Und wenn diese Grimasse nur ein Opfer wäre! Wenn aus dem verströmenden Herzblute dieser Raserei nur Blumen sprössen, Lenzeshyazinthen, an welchen man Wohlgefallen habe! Aber weder Lust noch Nutzen wird der Zeit aus dieser Huldigung. Es ist ein neuer Egoismus, der, alsbald der Hahn der Frühe kräht und ihr eure alte Zeit verläugnet und die alten Meister, aus eurem Busen schlägt, und wenn ihr euch noch so tief in die Woge der Zeit stürztet, in jene blinde Allgemeinheit, in das Chaos, das so unwahr und so unschön ist! Wollt ihr schaffen? Nein, ich schwöre, ihr wollt nur leben: und das ist egoistisch. Die Zeit ist nicht allgemein und ist kein Atom; aber die Zeit zu fassen, muß man sich an ein Stück klammern. Nicht an die Meridiane ist es angeschrieben, was die Zeit gebietet, nicht am Äquator ist es zu lesen, sondern an der Landstraße, an einem Vicinalwege, welcher zwei Pfarreien verbindet. Auf den kleinen Geßlerhut, der an deinem Dorfe auf der Stange prangt, drücke deine Bolzen ab, dann wird man bald in den Alpen freier wohnen! Aber Schmach dem, der wie der Geyer von dem Schmerze des Prometheus mitzehrt, der aus der großen Verwirrung dieser Tage seinen speziellen Nutzen zieht, und Veranlassung nimmt, über sein Jahrhundert zusammenhanglose und unkünstlerische Bücher zu schreiben!

Es ist grundfalsch, daß unsere Zeit negativ sei. Sie ist so positiv, wie irgend eine. Von dem ersten Brausen, als die Ventile der Schöpfung losgelassen wurden, bis auf den heutigen Tag ist nie Stillstand gewesen; und die Kunst war immer positiv. Sie warf niemals ihr Winkelmaaß von sich, und spannte den Cirkel nie so weit aus, als sollt’ er die unendliche Luft umkreisen. War die ächte Poesie je etwas anders, als die Kraft, sein Zeitalter zu übersehen, wie es wacht, und an die Nachwelt zu verrathen, was es träumt? die Poesie darf nie von der Zeit überwältigt werden; denn noch der letzte Mensch wird höher stehen als die Schöpfung, der er nur zur Hälfte angehört. Wer hat ein klares Auge? Seht, seht, das Jahrhundert zittert ja vor euch, das Jahrhundert hat seine Haltung verloren und blickt euch wehmüthig in die Augen: es will lind und freundlich von euch angesprochen sein. Es wartet nur, daß ihr kommt; so fromm, so poetisch, so fröhlich kommt, wie ein Fußwandrer im Gebirge! Mephisto neckte nur: jetzt spricht er lachend: Wozu der Lärm?

Mein Glaubensbekenntniß!

Ich glaube an die Zeit, die allmächtige Schöpferin Himmels und der Erden, und ihren eingebornen Sohn, die Kunst, welche viel gelitten hat unter Pontius und Pilatus, von Crethi und Plethi, und doch die Welt erlösen helfen wird, und bis dahin glaub’ ich an den heiligen Geist der Kritik, welchen die Zeit gesandt hat, zu richten die Lebendigen und die Todten.

Apparat#

Bearbeitung: Wolfgang Rasch, Berlin#

1. Textüberlieferung#

1.1. Handschriften#
1.1.1. Übersicht#

Es sind keine handschriftlichen Überlieferungsträger bekannt.

1.2. Drucke#
J [Anon.:] Theodor Mundt, Willibald Alexis und die Pommersche Dichterschule, oder über einige literar-historische Symptome. In: Phönix. Literatur-Blatt. Frankfurt/M. Nr. 13, 1. April 1835, S. 309-311. (Rasch 3.35.04.01.1)

2. Textdarbietung#

2.1. Edierter Text#

J. Der Text folgt in Orthographie und Interpunktion unverändert dem Erstdruck. Textsperrungen werden übernommen. Silbentrennstriche (=) werden durch - wiedergegeben. Die Seitenzählung wird mit Klammern [ ] an den betreffenden Stellen in den Text eingefügt.

Kommentar#

Der wissenschaftliche Apparat wird hier zu einem späteren Zeitpunkt veröffentlicht.