Vorläufer oder Nachzügler? 1850#
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- Herausgeber
- Wolfgang Rasch
- Fassung
- 1.0
- Letzte Bearbeitung
- 08.03.2025
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Text#
214 Vorläufer oder Nachzügler?#
1850.#
Anzuerkennen sind bei der theils natürlich, theils künstlich nun hereingebrochenen Reaction alle Standpunkte, die von einem klaren, charakterfesten Urtheil über die Menschen und Dinge ausgehen; aber unbedingt verwerflich ist der Standpunkt der Erschöpfung und Blasirtheit, verwerflich für jede Meinung.
Ich lese irgendwo:
,,Die badener Bluturtheile rühren Niemanden, sie sind verdient, sie erregen nicht einmal Interesse, es sterben dort nur die Nachzügler der Bewegung, keine Vorläufer, ebenso wie die Wiedertäufer nur Nachzügler der Reformation waren; ihr Blut wird keine neuen Saaten düngen. Die Trauerbilder um Kinkel mögen in künftiger Zeit die elegische Literatur bereichern, in der politischen Atmosphäre von heut verhallen sie.“*)
Ich gestehe, daß mir die Sprache des Blasé in der Politik die widerlichste ist. Er selbst ist erschöpft, darum soll es die Geschichte auch sein? Ihm selbst 218 schwinden seine Anknüpfungen, seine Standpunkte werden unsicher, so ergreift er die Flucht und läugnet deshalb die Erscheinungen, weil er sie nicht mehr sehen will? Freilich wol, die Erscheinungen fangen an, auf neue Wurzeln hinzuweisen! Von der Oberfläche wird man bald nichts mehr abschöpfen können, um täglich seinen Leitartikel für eine Zeitung zu schreiben. Diese Zeit fängt an eisern zu werden und erfodert Männer. Da soll sich ein solcher blasirter Publicist auf seine Ottomane werfen dürfen? Die Feder bleibt ihm in der schreckgelähmten Hand! Er soll jetzt aufflammen mit neuen Rathschlägen, er soll der hoffenden, zagenden, verzweifelnden Menschheit einen Lichtschimmer durch die dunkle Gegenwart in die Zukunft zeigen – Der Trommelwirbel der Hinrichtungen dringt an sein Ohr und von Entsetzen ergriffen schreibt er:
„Die Bewegung hat sich überlebt, kein Mitleid, keine Thräne, höchstens eine Bereicherung der künftigen elegischen Literatur!“
O, ich glaube nicht, daß dieser Sprecher, der mit den Trauerweiden der Gegenwart wenigstens den Park der elegischen Literatur der Zukunft geziert sieht, zu den Seelen gehört, die Schiller Lavendelseelen nannte. Unsere Zeit kann keine Lavendelseelen mehr haben. Unmöglich! Wir haben zu Vieles erlebt. Zu wild stürmte es durch die große Windharfe der Zeit. Wer will fliehen? Wer will nicht sagen, daß mit dem Trommelwirbel 219 der Hinrichtungen eine ganz neue Melodie in unsere gegenwärtige Bewegung kommt? Es mag still werden, einsam, schauerlich still, so gespenstisch, wie es Morgens vier Uhr da drüben in Rastatt gewesen sein mochte, als zwischen dem Knall der Büchsen nur die Hähne der Frühe krähten; aber diese Stille im deutschen politischen Leben scheint mir viel bedenklicher, als der frühere schwatzhafte Lärm der berliner und wiener Straßenbewegung. Es ist eine Stille, die jenen Blasé zum Nachdenken hätte auffodern sollen, wenigstens zur aufrichtigen Beantwortung der Frage: Ob wir jetzt wol in der rechten Erkenntniß sind, Deutschland zur Ruhe und zur Einheit zu führen?
Im höchsten Grade anerkennenswerth ist es, wenn ein ästhetisches Gemüth in diesen vergangenen Tagen der Irrung und Verwirrung sich nicht in eine souveraine Verachtung der Gegenwart zurückzog, nur den Tasso und Ariost noch lesend. Es haben sich Viele, die gewohnt sind, mehr in der Welt des Scheines als der Wirklichkeit zu leben, leider so zurückgezogen in ihre archimedischen Cirkel oder trophonischen Höhlen. Hat doch selbst Gervinus, gewiß ein Mitsprecher schärfster Zunge, als er nicht genug gehört wurde, der Paulskirche seinen „Shakspeare“ als Paroli geboten! Ehre Dem, der den Muth behielt, dem Zeitgeist Rede zu stehen und im Chor der hunderttausend Narren die Schellenkappe seiner Ueberzeugung, wenigstens nicht die 220 Nachtmütze der Resignation, über das Ohr zu ziehen. Aber wenn der dumme Materialismus, der die ganze Bewegung verdorben hat, müde würde zu hören, sollte da der Idealismus auch müde werden zu sprechen? Der wahre sollt’ es nicht. Dem Denker ist seine Wahrheit dieselbe, ob er vor Hunderten oder nur vor den Dreien spricht, die bekanntlich ein Collegium bilden. Die Form der Debatte kann sich ändern, wenn Belagerungszustände neben das Dintenfaß den Schlüssel der Gefängnisse legen oder gar die Kugeln des Standrechts sausen; aber auch nur die Form. Im Wesen, in dem Umfang der erstrebten Grundsätze muß der Anwalt der öffentlichen Meinung so lange sich gleichbleiben, bis der ihm anvertraute Proceß gewonnen ist.
Der blasirte Publicist erklärt die Demokratie für erschöpft, für erloschen und bewundert nur noch die schnelle, zauberhafte Entwickelung militairischer Kräfte, die uns so imposante kriegerische Schauspiele aufgeführt haben. Wer kann allerdings die Demokratie nach der Art, wie sie sich toll genug gebehrdete, als ein Dauerberechtigtes anerkennen? Wenn sich aber eine Idee von ihren Schlacken reinigt, ist sie darum erloschen? Wenn eine Flamme, deren Nahrung ein mit Wasser gemischtes Oel war, aufhört zu knistern, so hat das Oel das Wasser überwunden und die Flamme wird reiner brennen. Gerade jetzt, im Angesicht des Treubundes, im Angesicht des gedankenlosen Rückfalls in den alten 221 beschränkten Unterthanenverstand und die alte soldatische und bürgerliche Sondereitelkeit der Stämme, beginnt die schöne Aufgabe eines freien und selbständigen Publicisten. Wer jetzt ausruft: Alles ist verloren, Alles ist eitel, und sich die Dinge gefallen läßt, wie sie sind, der war entweder nicht berufen, während des allgemeinen allerdings wüsten Lärmes mitzusprechen und der Nation eine Beachtung seiner Meinung zuzumuthen, oder er hat sich für immer eine zu große, zu schwere Aufgabe auf seine schwachen Schultern geladen.
Die Demokratie war leider fast überall eine in den Märztagen zu rasch aufgeschossene Wucherpflanze. Berlin war im März 1848 völlig unreif, Politik zu treiben. Die Beamten sogar wurden dort demokratisch, weil es ihnen der König zu werden schien. Man gab von obenher Zugeständnisse an einen Geist, der nach unten hin mit solchen Foderungen gar nicht vorhanden war. Die Minister und Rathgeber des Königs verriethen sehr wohl, daß sie die französischen Ideen kannten, sie von geheimen Umtrieben auf Schulen und Universitäten wußten, sie die verbotenen Zeitungen gelesen hatten, und bewilligten Dinge, die man im Volk kaum dem Namen nach kannte. Da kam denn eine demokratische Gährung zu Stande, deren traurigen Niederschlag wir jetzt sehen: Entmuthigung, nach dem Schein des Charakters haschendes Grollen und Schmollen mit dem Staate, der wieder seine Kraft aus der 222 Neubelebung und Modificirung der alten Elemente nothdürftig herstellen mußte. Man entzieht sich den Wahlen! Man läßt die Dinge mit Minoritätsansichten fortschreiten und bildet sich ein, die Geschichte nähme bei ihrem Gericht diese Proteste der schweigenden Majoritäten zu Protokoll! Als wir die Censur hatten, durften wir denn da die Feder aus der Hand legen? Konnten wir denn damals sagen: Wir schweigen, bis wir Preßfreiheit haben? Und wenn die Reaction die Preßfreiheit genommen haben wird, werden wir da wirklich auch verstummen und uns der Presse für unsere Meinungen nicht mehr bedienen?
Wir wissen nicht, bis wie weit die Reaction gehen wird. Eine Reaction gibt es, die gerechtfertigt und natürlich ist. Es ist dies die Reaction der im Kreise, aber aufwärts gehenden Spirallinie. Jedes ausgetretene Wasser kehrt naturgemäß in sein Bett zurück. Noch keine Idee hat die Welt im ersten Anlauf umgestalten können. Wer Staatsmann war in diesen letzten beiden Jahren hatte unverkennbar die Pflicht, diese natürliche Reaction anzubahnen, die eben darin besteht, daß man mit der Gesellschaft und ihrer nächsten Ordnung keinen andauernden Zustand des Experimentes dulden kann. Ob aber für die Reaction, die über dies natürliche Maß noch hinaus will und sich einbildet, die Februarrevolution und ihre Folgen wären das Werk eines Versehens, eines tollen unbegründeten Misver-223ständnisses gewesen, ob für diese Reaction die wilde geballte Faust des Jahres 1849 nur das ohnmächtige Höhnen der Nachzügler gewesen, muß die Zukunft lehren. Der Anwald der großen Zeitfrage darf nicht vor Dem furchtsam zusammen schrecken, was allerdings das Menschenherz erzittern läßt. Er muß das Schreckliche prüfen, nicht mit dem Riechfläschchen fliehen und in der eigenen Ohnmacht, die ihn wol bei dem Rückblick auf das schreckenvolle Jahr 1849 befallen kann, auch die Ohnmacht eines Princips sehen. Wir nennen die handelnden Personen des verflossenen Jahres keine Vorläufer und auch keine Nachzügler; wir wollten nur Einspruch thun gegen die blasirten Publicisten, die von einem Schicksale, wie das Gottfried Kinkel’s, nichts Anderes zu sagen wissen, als: „es gehöre der künftigen elegischen deutschen Literatur an“!
Apparat#
Bearbeitung: Wolfgang Rasch, Berlin#
1. Textüberlieferung#
1.1. Handschriften#
1.1.1. Übersicht#
Es sind keine handschriftlichen Überlieferungsträger bekannt.
1.2. Drucke#
Gutzkow veröffentlichte Vorläufer oder Nachzügler? erstmals im vierten Band seiner Vermischten Schriften, der im April 1850 unter dem Haupttitel Vor- und Nach-Märzliches herauskam. In diesem Sammelband mit acht Arbeiten aus unterschiedlichen Bereichen seines literarischen und kritischen Schaffens nimmt der Beitrag die achte bzw. letzte Stelle ein. Er trägt als Titelzusatz die Jahreszahl 1850 und ist der einzige Text des Buches, der im engeren Sinne auf die im Bandtitel vorkommende Wendung Nach-Märzliches zutrifft. Alle anderen Arbeiten stammen aus dem Vormärz bzw. der Phase der Revolution 1848/49.
Zeitgenössische Nachdrucke in Zeitungen, Zeitschriften oder Sammelwerken sind nicht nachgewiesen. Gutzkow nahm die politische Betrachtung 25 Jahre später in die Sammlung Zur Geschichte unserer Zeit auf, den zehnten Band seiner Gesammelten Werke. Dieser Veröffentlichung unterscheidet sich nur unwesentlich vom Erstdruck. Gutzkow hat lediglich kleine stilistische Retuschen vorgenommen (wenige Wortstreichungen, -ersetzungen, -umstellungen), ein paar Stellen umformuliert, die Absätze von zehn auf acht reduziert. Der Inhalt bzw. die Aussage des Beitrags von 1850 sind von diesen sprachlichen Modifikationen nicht betroffen.
2. Textdarbietung#
2.1. Edierter Text#
E. Der Text folgt in Orthographie und Interpunktion unverändert dem Erstdruck. Textsperrungen werden übernommen. Silbentrennstriche (=) werden durch - wiedergegeben. Die Seitenzählung wird mit Klammern [ ] an den betreffenden Stellen in den Text eingefügt.
Die Liste der Texteingriffe nennt die von dem Herausgeber berichtigten Druckfehler sowie die Emendationen. Fehlende oder überzählige Spatien im Erstdruck wurden stillschweigend korrigiert.
2.1.1. Texteingriffe#
Es wurde keine Texteingriffe vorgenommen.
3. Quellen, Folien, Anspielungshorizonte#
3.1. Quellen#
Gutzkow bezieht sich in Vorläufer oder Nachzügler? auf einen anonym erschienenen Artikel aus der Augsburger „Allgemeinen Zeitung“ vom 14. August 1849, der mit „Erlöschen der preußischen Demokratie“ überschrieben ist. Er zitiert wörtlich daraus und tadelt den anonymen Verfasser scharf als einen blasirten Publicisten. Gutzkow konnte nicht wissen, dass es sich bei dem ungenannten Beiträger um seinen Berliner Schriftstellerkollegen Willibald Alexis (Pseud. für Wilhelm Häring) handelt, mit dem er in gelegentlichem Briefkontakt stand. Beide Autoren waren sich nach früheren Reibereien und kritischen Auseinandersetzungen inzwischen näher gekommen. Zwischen Gutzkow und Alexis knüpfte sich zu Beginn der 1850er Jahre ein persönlich und (veranlasst durch den Roman Die Ritter vom Geiste) auch poetologisch engeres Band.
Die Verfasserschaft von Alexis ist belegt durch das Redaktionsexemplar der „Allgemeinen Zeitung“, das im Cotta-Archiv des Deutschen Literaturarchivs Marbach aufbewahrt wird und bei dem die Namen der Autoren/Honorarempfänger am Zeitungsrand handschriftlich notiert sind. (Auskunft vom Leiter des Cotta-Archivs Prof. Dr. Helmuth Mojem an mich vom 27. Januar 2025.) Der Beitrag von Alexis wird nachfolgend vollständig wiedergegeben.
3.1.1. [Willibald Alexis:] Erlöschen der preußischen Demokratie. In: Allgemeine Zeitung. Augsburg. Nr. 229, 14. August 1849, Beilage, S. 3190.
Erlöschen der preußischen Demokratie.
– Berlin, 9 Aug. Man fragt, was wird das vergossene Blut in Baden wirken? Ein Martyrium weckt neue Märtyrer. Doch nur, je nachdem die Zeiten sind. Blutzeugen für eine neue Ueberzeugung, für eine Idee, die blitzartig das Dunkel durchzückt, haben noch immer Nachfolger gehabt; nicht aber die welche das Schwert des Nachrichters traf, nachdem ihre Ueberzeu[gu]ng durch Tumulte, Empörung und eine zeitweilige Machtherrschaft sich geltend gemacht, und die Welt wird nicht von dieser Ueberzeugung ergriffen und fortgerissen, sondern kam zu der andern daß die neue Idee nur Gedanken brüte. Die Vorangänger der Reformation die auf dem Scheiterhaufen starben, entzündeten die Flamme, die Reformation folgte nach; der Tod der Wiedertäufer, so grausam ihre Hinrichtungen waren, hat keine Nachfolge erweckt. Man war des Unfugs satt. Der Vergleich reicht für die gegenwärtigen Verhältnisse nicht aus, das gebe ich zu; aber sie sind sich doch verwandt. Die Demokratie, wie sie zur Erscheinung gekommen, hat sich schnell überlebt, die Nation ward ihrer satt. Ohne diese Uebersättigung, diesen Ueberdruß wäre es den Regierungen nicht gelungen so schnell damit fertig zu werden. Auch daß die bewaffnete Macht in solcher Raschheit, Eintracht und Kraft sich entwickelte um das Drama aller Orten zum Schluß zu bringen, war nicht sowohl die Frucht der Anstrengung einzelner geistvoller Führer, sondern eben die allgemein gewordene Ueberzeugung daß dieß der einzige Ausweg sey aus dem bodenlosen Wirrsal. Nicht ein Genius, keine neue mächtigere Idee, auch keine besonders schlauen Machinationen haben die Demokratie niedergeschlagen, es ist die Masse, die träge Masse zum Bewußtseyn der Selbsterhaltung gebracht, worin die irren Zuckungen des socialen Treibens untergegangen sind. Ob auch erstickt, ist eine andere Frage, die uns für den Augenblick nicht berührt, deren Entscheidung allein davon abhängt wie die Sieger ihren Sieg benutzen. Aber für jetzt ist kein Mitleiden da für die Untergegangenen; sie haben es selbst verscherzt, gründlich verscherzt. Der Ueberdruß und der Widerwille in den Massen, die den Sieg auf ihren trägen Wellen trugen, ist so groß daß selbst die gewöhnlichste Theilnahme für die einzelnen immer bedauernswerthen Opfer fast erstickt scheint. Ich lobe es nicht daß sie halb höhnisch ihnen zugerufen: Sie habens ja verdient! es ist das nicht die Sprache edler Sieger; aber die Stimme tönt laut und vernehmlich, und gerade unter denen die unter den Schrecken kleinlaut schweigen. Diese rührt nicht die Jugend, nicht die Bildung der Opfer, nicht die Gewißheit daß dieß harte Loos zumeist Fanatiker trifft welche ohne Eigennutz ihr Alles einer Idee geopfert, während die Speculanten der Revolution bei Zeiten ihr Heil in der Flucht gesucht. Es ist der brutale Grimm in der Masse, brutal wie der Uebermuth ihrer Feinde war als sie die Fackel schwangen. Wie diese der Weltbrand nicht kümmerte der alle edlen Reime unserer historischen Bildung zu verzehren drohte, so kümmert es diese nicht wenn mit der Fackel auch das Licht verlöscht. Darum geringes Mitleid, und keine Hoffnung auf die neue Saat aus dem Märtyrerblut. Die Partei hat das Thema allzu abgenutzt nach den Füsilladen von Wien. Daß in Baden edlere, wenigstens ein edlerer Geist fällt als Robert Blum, hilft ihrer Sache nichts. Die Trauerbilder um Kinkel mögen in künftiger Zeit die elegische Literatur bereichern, in der politischen Atmosphäre von heut verhallen sie. Es ist zu dicke Luft. Die Demokratie ist nicht todt, aber schlimmer als das, todesmatt. Sie hatte sich in ihren äußersten Anstrengungen selbst überboten, in ihren Hoffnungen und Prophezeihungen selbst getäuscht. Sie ist in einem Zustande daß sie wie der Vogel Phönix sich selbst verbrennen muß, will sie in neuer Gestalt die Welt erobern. Wie hinken alle ihre Anstrengungen, ihre stolze Resignation, ihr neuer passiver Widerstand. Sie fühlt den eisernen Druck des weltlichen Armes, und mit Schrecken wenn sie gedenkt wie hart ihr eigener Druck war. Sie hatte auf die Menge gerechnet, und dieser Troß folgt dem glücklichen Sieger. Die sich als Schweif anhängten an die Straßendemagogen folgen ebenso bereitwillig dem Treubunde. Endlich was ist die Menge gegen die Masse die den Sieg der Materie feiert? Uhlich war einst ein großes Licht. Man sollte glauben dieses müsse nach wie vor leuchten, denn die Lichtfreunde sind doch geblieben. Aber auch sein Ansehen ist verkümmert, sein Ruhm im Erlöschen seit er den Agitator spielt und von Dorf zu Dorf zieht um Volksversammlungen zu halten, die selbst bei der Menge schon Geruch un[d] Duft verloren haben. Man hatte sich vor dem Protest gegen die Minoritätswahlen gefürchtet. Wie wirkungslos ist er ausgefallen, trotzdem daß nicht zu läugnen ist daß die neue Kammer nur aus einer Minoritätswahl hervorging. Die herrschende Masse kümmert es nicht, das ist ein anderes Nichtkümmern als es die Organe der Demokratie affectiren. Diese organisirt sich jetzt in neuer Weise, sie will den Namen, der anrüchig wird, abwerfen, und sich als Verein für Volksrechte constituiren. Unter den Augen der gereizten Polizei, und gegenüber der grimmerfüllten Masse! Die letzte Berliner Demonstration zu Waldecks Geburtstag hätte die Partei sich ersparen sollen. Das wagen zu wollen und es nicht besser ausführen zu können war das sicherste Zeichen der Unsicherheit und Ohnmacht, die umhertappt nach was es ist, um den Schein der Lebenskraft sich anzulügen. Und doch, wie krank sie ist, hat sie noch Hoffnungen, noch Aussicht da wo die klügeren Köpfe unter ihr sie suchen, und darum schweigen wo wir alle mit ernster Besorgniß hinblicken. Es ist nicht die Martyrerglorie um ihre gefallenen Opfer, nicht die Zahl der Besitzlosen, nicht die rationelle Kraft ihrer Gründe, es ist die dämonische Macht des Selbstvertrauens, der Ueberschätzung – die Macht die sie zu Fall gebracht, die im Hohnlächeln sich umwendet von den Gestürzten zu ihren Ueberwindern.
Kommentar#
Der weitere wissenschaftliche Apparat wird hier zu einem späteren Zeitpunkt veröffentlicht.