Wir stellen die Gutzkow Gesamtausgabe zur Zeit auf neue technische Beine. Es kann an einzelnen Stellen noch zu kleinen Problemen kommen.

Die gewandten Federn.#

Metadaten#

Herausgeber
  1. Christine Haug
  2. Ute Schneider
Fassung
1.0
Letzte Bearbeitung
08.2020

Text#

33 Die gewandten Federn.#

„Es ist zu bedauern, daß sich noch immer die rechten Köpfe nicht wollen finden lassen!“

Wilibald Alexis, dieser ehrliche Gefühlspublizist, knüpft in einer der neuesten Nummern des Stuttgarter Morgenblattes an einen vielbesprochenen Todesfall Betrachtungen, die, obgleich in ein ironisches Gewand gekleidet, doch von sehr ernster Natur sind. Die nachfolgenden Zeilen wollen sich diesen Betrachtungen anschließen und dabei weniger einen politischen, als einen allgemeinliterarischen Standpunkt im Auge behalten. Dem kundigen Zeitungsleser wird unser Thema nahe liegen; denn nahe genug ist es gerückt worden, hie und dort, in einer fast systematischen Aufeinanderfolge von Artikeln, die fast alle mit dem Refrain enden, daß wir keine „gewandten Federn“ hätten. Man wird sich dieser Aufsätze erinnern, man wird wissen, an welche Vorgänge sie sich anreihten, an welche Verlegenheiten einer bedeutenden norddeutschen Zeitung, an welche Mißgriffe in der Berufung von Männern, denen die Bestimmung, ewig in der Minorität zu bleiben, schon auf der beschränkten Denkerstirn geschrieben stand. Käufliche Federn, wie in Frankreich? Das wäre eine Frage der Moral. Gewandte Federn? Das ist ein unverfänglicherer Gegenstand und beinahe eine Frage der Ästhetik.

Keine gewandten Federn! Sonderbarer Vorwurf für eine Nation, die mehr schreibt, als spricht, und mehr spricht, als handelt. Ein Land, in dem so viel Papier bedruckt wird, in welchem auf zehn Personen, die ein Buch lesen, immer der Eilfte selbst eins geschrieben hat, eine Nation, die mit Federn schreibt aus den Flederwischen von Millionen fetten Martinsgänsen und keine gewandten darunter! Das ist ein Urtheil von so überraschender Härte, ein Vorwurf von so empfindlicher Neuheit, daß man verpflichtet wird, es zu prüfen, und über die, welche uns vielleicht mit Unrecht beschuldigt haben, Gericht zu halten.

Worin besteht die Gewandtheit, die man von den Federn verlangt? Vielleicht in jener schnellen Auffassung und eben so schnellen Wiedergabe von Gedanken, die nicht die unsern sind? Man blicke auf die Meßkataloge und zähle das Heer der Vielschreiber, zähle jene Masse von Schriftstellern, die jeden sogenannten „zeitgemäßen“ Gedanken aufgreifen und sich auf Bestellung eines Buchhändlers heute für O’Connell, morgen für Espartero, mit jedem abgeschlossenen Verlagscontrakte für eine andere „Idee,“ begeistern können. Diese gewandten Federn kann man in Leipzig und Stuttgart und seit der Erleichterung der Presse auch schon in Berlin bundweise haben.

Diese Federn meint man aber nicht. Man will schärfere, Eckposen, Stahlfedern, Schriftsteller, die eine gewisse Selbstständigkeit mit einem hinlänglichen Grade von Elastizität verbinden. Gut, da wird man wohl die originellen Stylisten meinen, Schriftsteller, die die Masse unterhalten, Raketengeister mit prasselnden Effekten, vielleicht einen Görres, der doch gewiß eine gewandte Feder ist, ein Schriftsteller, der trotz seiner Bilderfülle und mystischen Nebel immer sehr klar weiß, was er im Grunde will, der vom Paradies in der alten Asenwelt, von der Esche Ygdrasil beginnen und mit den allerneusten Nutzanwendungen enden kann. Können 34 Federn gewandter seyn, als die der literarischen Jongleurs? Oder wie ist es mit den humoristischen Jantches von Amsterdam, mit fahrenden literarischen Taschenspielern? Mit allen diesen Nichts? Auch diese nicht einmal gewandt genug?

Wir haben keine gewandten Federn! Wie dieser Vorwurf wehe thut, er schmerzt das Ohr jedes Freundes und Kenners unserer so überreichen Literaturgeschichte. Welche Fülle von Geist und Leben in unserer Vergangenheit, welche Talente in der Gegenwart! Und doch kann man noch immer nicht die rechten Köpfe finden? So gehe, Johann Gottfried Herder, und zahle dem Magus im Norden Dein Lehrgeld wieder! Gehe, Johannes von Müller, und bitte dem Cornelius Tacitus Deinen Styl ab! Gehe, Wolfgang Goethe, und bereue, daß Du der deutschen Nation nicht den Kanzleistyl Deines Vaters, des kaiserlichen Rathes, geschenkt hast, bereue, daß Du Werthers Leiden im Style Goldsmiths und Rousseaus, nicht im Aktenstyle des Wetzlarer Kammergerichtes schriebst! Was nützen uns unsere großen Dichter, unsere großen Historiker, was nützen uns Kant und Fichte, was Schleiermacher und Hegel! Das sind alles sehr achtungswürdige Bestrebungen gewesen, Ehre den wunderlichen Menschen, die sich da und dort, in Dachkämmerchen oder im Strome des Lebens, abmühen, ihnen nachzueifern, Ehre den jüngeren Themistoklessen, die die Lorbeern der großen klassischen Miltiadesperiode nicht schlafen lassen, Ehre allen denen, die darnach streben, nicht nur königl. bayrische, sondern wahrhaft hochpreislich allgemeindeutsche und bundestägliche Walhallagenossen zu werden! Aber die „rechten Köpfe“ sind’s noch immer nicht. Wir haben keine gewandten Federn.

Wenn ich nun wäre, wie andere „einseitige Liberale,“ so ging ich hin und sagte: Ich weiß sehr wohl, was man unter gewandten Federn versteht. Das sind die, welche Beinhauer und Comp. in ihrem Stahlfedern-Preiscourant als Cabinets Pens aufführen unter folgender Charakteristik: „Lange Spalte, feine Spitze, nachgiebig dem leisesten Drucke, sanft hinfahrend auf wohlgeglättetem Papiere, leicht einzuklemmen in einen versilberten Stiel.“ Als „einseitiger Liberaler“ würd’ ich die Geschichte der gewandten Federn mit dem Sophisten Carneades beginnen, den das alte Rom (nicht das neue) verbannte, weil er jede Sache von zwei Seiten und von jeder mit scheinbar gleicher Überzeugung darzustellen wußte. Ich würde erinnern an das englische Ministerium Walpole, wo man die Publizisten mit denselben Mitteln bestach, die noch jetzt in Cours seyn mögen, aber so offen und frei wie damals jetzt nur noch bei unsern Theaterrezensenten angewendet werden. Ich würde an das gegenwärtige Frankreich erinnern, wo dem Schriftsteller die Bälle in der großen Oper, die kleinen Soupers im Café d’or auf den Boulevards, die Caprisen seiner „Freundin“ so viel Geld kosten, daß er leichtsinnig, wie die Capo feuillides, die Granier de Cassagnacs, von einer Parthei zur andern springt, je nachdem die „leitenden Artikel“ (Premiers Paris) mehr oder weniger Honorar in die Tasche leiten. Allein ich weiß, daß man bei uns mit der Literatur edlere Vorstellungen verbindet, daß man unter den gewandten Federn nicht solche versteht, die sich wie weiche Polypen aufschneiden, umwenden lassen und mit verkehrten Eingeweiden dennoch fortleben; ich weiß, daß diese Frage wirklich bei uns mehr eine Frage des Talentes ist, als eine Frage des Gewissens. Der Irrthum und die Ungerechtigkeit liegen nur darin, daß bei uns erstens für jene Publizistik kein Feld ist und zweitens, daß das, was sich bei allmäligem Fortschritt unserer politischen Entwickelungen als deutsche Publizistik ergeben wird, einen sowohl vom Auslande wie von bisherigen irrigen Voraussetzungen im Inlande gänzlich abweichenden Charakter tragen wird.

Für die gewöhnliche Publizistik im französisch-englischen Sinne ist bei uns deßhalb kein Feld, weil die Bedingungen, unter denen sich bei uns „gewandte Federn“ für die Erörterung politischer Fragen ausbilden könnten, von den Ländern, wo ein großes Staatsleben herrscht, gänzlich verschieden sind. Nur da, wo ein gleichberechtigter Kampf gleichberechtigter Partheien herrscht, kann sich die Feder zu der allerdings sehr eigenthümlich bedingten politischen Polemik ausbilden. Der Publizist muß sich vor allen Dingen anlehnen dürfen an etwas Positives. Dieses Positive ist entweder eine mehr oder weniger bedingte Vertrautheit mit dem energisch ausgesprochenen Willen und Trachten der Regierung, oder eine Opposition, die sich innerhalb legaler Formen ohne Menschenfurcht bewegen darf, oder doch wenigstens eine Parthei, die es zum Allermindesten dahin gebracht hat, daß die ihr System, ihre Wünsche und Bestrebungen verfechtende Zeitung auf einem materiell gesicherten Boden beruht. Aber wie wenig erreichen unsere Zustände diese Grundbedingungen der Publizistik! Da wo die Regierungen wissen, was sie wollen, gerade da scheut man am ersten die Vertrauten dieses Willens zu vermehren, ja zieht es sogar nicht selten vor, um eben den Kampf mit der Masse zu vermeiden, ihren wahren Willen zu cachiren. Man hat da, wo es keine Verantwortlichkeit giebt, kaum das Bedürfniß, auch aller Welt im günstigen Lichte zu erscheinen. In dem plötzlichen Er-35öffnen einer publizistischen Arena, z. B. kurz vor Eröffnung einer Ständekammer, hat sich noch kein nachhaltiges Talent entwickeln können, im Gegentheil haben zwei süddeutsche Staaten noch jetzt die unangenehmen Erinnerungen an völlig nutzlos gebliebene „Engagements“ theuer genug durch nutzlos verzehrte Pensionen zu büßen. Steht irgend ein Publizist irgendwo der Regierung näher, so wird ihm selten mehr zu vertheidigen überlassen, als nur ein Prinzip. Über Thatsachen ununterrichtet, nur auf Vermuthungen, auf die Geschichte im Allgemeinen und die bonne foi seiner Überzeugung angewiesen, kommt er über leere Deklamationen und unpraktische Allgemeinheiten nicht hinaus, grübelt sich vielleicht gar in die Prinzipienfragen so hinein, daß er irre wird an sich selbst und froh ist, in Gnaden von einem Geschäft erlös’t zu werden, das ihn, einer gleichgültig zugaffenden und seinen Windmühlenkampf belächelnden Menge gegenüber, um alle Ruhe seines Innern bringt. Das ist und wird nie Publizistik. Zu einer solchen experimentirenden Discussion in lauter echolosen Monologen kann sich kein denkender und fühlender Mensch hergeben. Und mit der Publizistik der Opposition ist es im Grunde nicht besser. Auch sie bedarf, um sich zur rechten „Gewandheit“ zu entwickeln, Anlehnungen, die wir nicht besitzen. Es ist wahr, die Partheien thun jetzt viel für die Märtyrer ihrer Überzeugung, aber auch nur dann erst, wenn sie Märtyrer geworden sind. Man glaube nicht, daß es ein so großes Vergnügen macht, seine Heimath in den Gefängnissen aufzuschlagen. Die französische Presse ist es wohl müde geworden. Und Frankreichs Zeitungen sind Collektivexistenzen, nicht Buchdruckereiunternehmungen, wie der größte Theil der deutschen Zeitungen. Da, wo man ein Capital von 100,000 Fr. niederlegen muß, um eine politische Zeitung herausgeben zu können, ist man auch als Publizist sicher, sich auf mehr zu stützen, als z. B. bei uns auf jene luftigen „Concessionen“, die man heute geben und morgen wieder entziehen kann. Der Publizist ist der einzige Schriftsteller, der das Recht hat, sich zu wiederholen. Ja es ist eine der ersten Eigenschaften seines Talentes, daß er die Kunst besitzt, einen und denselben Stoff mit fast denselben Motiven Tage-, Wochen-, Jahrelang, nur in anderer Form, zu umschreiben. Aber nur im Gedränge einer wirklichen politischen Arena ist es möglich, daß der Schriftsteller und das Publikum an dieser ewigen Tautologie einer schlagenden Publizistik nicht den Geschmack verlieren. Endlich ist die Anonymität auf diesem Felde ein wesentliches Erforderniß, wie in England, wo man Menschenalter hindurch die Namen der einflußreichsten Federn nicht erfährt, und theilweise auch in Frankreich, wo nur Einzelne von der allgemeinen Regel der Anonymität eine Ausnahme machen. Wenn jetzt in Berlin Jemand durch die Zeitungen einen administrativen Mißbrauch rügt, so fordert ihn einige Tage später die oberste Behörde auf, seinen Namen zu nennen! Das ist das beste Mittel, den Sinn für Öffentlichkeit und den redlichen Freimuth im Keime zu ersticken. Denn wer wird sich unter so gefährlichen Umständen mit einer Rüge hervorwagen? Die Redaktion soll es seyn, die die Beichte hört, heilig bewahrt und so lange durchficht, als es sich eben dem Gesetz gegenüber nur möglich machen läßt. Politik ist Massengeist, nichts Individuelles: sie ist auf Sachen, nicht auf Namen begründet. Wer mit der Rüge eines Mißbrauchs in Gefahr kommt, sogleich seine bürgerliche Stellung beunruhigt zu sehn, der wird sich wohl hüthen, sein Licht dem Allgemeinen leuchten zu lassen. Er stellt es unter den Scheffel. Wie im Kleinen, so im Großen. Wir blicken auf den Freimuth und publizistischen Geist anderer Völker, sprechen von „den rechten Köpfen“ und „gewandten Federn,“ ermangeln aber aller Bedingungen, unter denen sie sich entwickeln könnten.

37 Ich gehe aber noch einen Schritt weiter. Ich glaube gerade, daß die deutsche Publizistik ihrer Natur nach von der Publizistik anderer Länder abweicht. Ich glaube, daß jene „Gewandtheit der Feder,“ durch welche sich schon einige Talente unter uns, z. B. Friedrich Gentz, zu großen Ehren und Glücksgütern aufgeschwungen haben, nimmermehr ein Ideal ist, dem unsere politischen und literarischen Voraussetzungen jemals Vorschub leisten werden. Blicken wir nur auf unsere Geschichte! Zufällige Erscheinungen, wie z. B. Fichte’s Reden an die deutsche Nation, haben mehr auf den Volksgeist gewirkt, als eigens bestellte, absichtliche Vorbereitungen. Ja, unsere Literaturgeschichte bietet uns in einigen ihrer Abschnitte die deutlichsten Fingerzeige auf Dasjenige, was von Publizistik überhaupt in unserer Natur liegt. Wir haben zweierlei Ausströmungen publizistischer Thätigkeit gehabt, die juristische durch Schlözer und Pütter und die belletristische durch C. F. von Moser und Justus Möser, und die letztere, die ich mit gutem Grunde, unterstützt von Gervinus und Schlosser, die belletristische nenne, war sogar früher da, als die erste.

Belletristik! Ein verrufener Name in unsern Tagen, und doch verdankt Ihr all Eure Denkfreiheit, Euern freieren Blick auf Sittlichkeits-, Volks- und Staatszustände, Eure Zeitungen und Eure Ständeversammlungen jener Morgenröthe des vom Aktenstaub und der Nacht des Perrückenthums erwachenden Deutschlands, jener Morgenröthe, die sich zunächst nur als eine Wiedergeburt des Geschmackes ankündigte! Der Schönheitssinn war es, der die erste Hand anlegte, in unsern schildaischen Zuständen aufzuräumen, jener höhere, sittliche Schönheitssinn, der von der Kunst ins Leben strömt und das Häßliche, Kleinliche, Entwürdigende überall bekämpft, wo er es antrifft. Um die poetische Schönheit unseres Volkes zu retten, die Erhabenheit unserer Geschichte wieder herzustellen, setzten sich die Nachahmer Gottsched’s, die Bewunderer Klopstock’s mit puristischem und religiösem Eifer in Opposition gegen das Deutschland von 1760. Der Kampf gegen die französische Sprache, gegen die Geschmacklosigkeit der damaligen Deutschen, gegen den Curialstyl, gegen Zopf- und Perrückenwesen der Form führte sogleich auf den Inhalt, auf die veralteten Zustände selbst, auf die Rechtlosigkeit des Volkes, die sybaritische Vergnügungssucht der Großen, auf die Anmaßungen eines Adels, der in jedem Weiler den souveränen Herrn spielte, und zündete so zuerst jenes Läuterungsfeuer unserer Nation, das noch immer brennt, und noch immer nicht alle Schlacken hat ausschmelzen können. Erst lange nach dieser ästhetischen Befreiung kamen die Bestrebungen der Juristen. Aber diese minder offen, minder ehrlich. Schlözer wagte die Opposition nicht im Interesse des Rechtes, sondern nur im Interesse einer neuen, die Politik bemäntelnden Wissenschaft, der Statistik. Der Statistik widmete er seinen Briefwechsel, seine Staatsanzeigen, zwei Organe, die im Kampf gegen das rotten borough-Wesen der deutschen großen und kleinen Dynastieen Dankenswerthes und Unvergeßliches leisteten, sich aber doch nicht auf jener ätherischen Höhe unbestechlicher Gesinnungsreinheit und 38 einer für Orden, Titel, Geschenke unempfindlichen Publizistenwürde erhalten konnten. Schlözer’s Weltblick wurde bei Pütter schon begränzter Aktenblick. Die Statistik erlag der Jurisprudenz, die Atmosphäre Englands verdumpfte zur Atmosphäre Göttingens. Pütter, der sich, obgleich mit redlichem Wohlwollen begabt, doch aus den Gränzen des deutschen Privatfürstenrechts nicht entfernen konnte, ist recht eigentlich der Ahnherr jener gelehrten Universitätspublizistik geworden, die zwar, bis heute noch, höchst ehrenvolle Beweise der tüchtigsten Gesinnung aufzuweisen hat, sich aber zuletzt doch in nur einseitige Abgabe von „Gutachten“ und von nicht selten nur durch Geld erkaufter Separatvota verloren hat auf der einen Seite, auf der andern in eine Politik, die die ganze Frage des Jahrhunderts nur nach den Grundsätzen eines willkürlich erdachten und in der Luft schwebenden „Staatsbürgerrechtes“ zu beurtheilen versteht.

Die wahre deutsche Publizistik, die sich aus diesen organisch verschmolzenen poetischen und juristischen Elementen gebildet hat und immer noch mehr bilden wird, kann allerdings nie eine Schule, nie eine Methode werden, sondern sie wird immer nur Blüthe des Talentes seyn. In dieser Art war Fichte ein ächter deutscher Publizist, war es 1815 Görres, war es Arndt und sind es hie und da noch manche „Köpfe,“ die wohl nur darum nicht die „rechten“ scheinen, weil das Wesen dieser einzigwahren deutschen Publizistik die innere Überzeugung ist. Diese Blüthe des Talentes ist eine Himmelsgunst. Diese Publizistik redet mit Feuerzungen, nicht im kühlen Tone gemachter Verständigkeit, sie ist leidenschaftlich in Liebe und Haß, nicht annähernd sich interessirend oder von sich weisend, sie ficht mit dem breiten Schwerte der Satyre, nicht mit dem kurzen Stoßdegen der Ironie. Die Publizisten von ächtem Schrot und Korn, wie sie nur wahrhaft auf die deutsche Nation zu wirken vermögen, sind freie, selbständige Charaktere, die „gewandten Federn“ nur schwache Pflanzen, die des Spaliers bedürfen, um sich halten zu können. Jene verschießen vielleicht mit einem einzigen Wort ihr ganzes Pulver, diese geizen mit ihrem kleinen Vorrath und mögen aus einem Hinterhalte wohl oft glücklicher treffen, als jene in ihrer blinden Ehrlichkeit. Die wahre, wirksame deutsche Publizistik wird aber nie ein bloßes Styltalent, nie ein bloßes Magazin von historischen, an sich achtbaren Kenntnissen seyn, sondern sie muß haben, was der Franzose entrailles nennt, Eingeweide, Herz und Nieren, den ungeduldigen Muth eines Rennpferdes, das da schnaubt und dampft und mit den Füßen scharrt und vor Verlangen, seine Kräfte zu messen, mit den Hufen die Planke einstampfen möchte, die ihn vom Schauplatz seines Ruhmes trennt. Wohl dann freilich jener Sache, die auf eine solche Natur verpfändet und verwettet ist! Ob ein Fürst oder ein Volk, sein Wohl wird gut berathen seyn. Ich sagte, wir hätten noch einige solcher Publizisten? Vielleicht viele, nur reden sie nicht; denn das ist auch ein Talent dieser wahren Publizisten, daß eine sehr tiefe, bedeutungsvolle Beredsamkeit in ihrem Schweigen liegt.

Wenn Ihr also wieder leset: Es wollten sich noch immer nicht die rechten Köpfe finden lassen, so lächelt darüber und denkt: die rechten Köpfe sind schon da, es fehlen nur die Augen, die sie sehen, und die Ohren, die sie hören wollen. Wenn in einem s das Echo des Zeitgeists widertönt, wenn die Staatskunst sich es zur Ehre rechnet, nichts zu seyn, als das Organ der intelligenten Majorität einer Nation, dann würden ihr auch die gewandten Federn von allen Seiten zufliegen. Sollen aber die Publizisten nichts seyn, als bloße gedankenlose Stylkünstler, die zu Mehl und Lebensbrod dasjenige Korn verwandeln sollen, was ihnen von fremder Hand zum Mahlen aufgeschüttet wird, dann hat man freilich das Recht, unsere Literatur talentlos und lückenhaft zu nennen. Nennt Ihr’s Armuth, wir nennen’s Reichthum.

Apparat#

Bearbeitung: Christine Haug, München; Ute Schneider, Mainz#

1. Textüberlieferung#

1.1. Handschriften#
1.1.1. Übersicht#

Es sind keine handschriftlichen Überlieferungsträger bekannt.

1.2. Drucke#
J Karl Gutzkow: Die gewandten Federn. In: Telegraph für Deutschland. Hamburg. Nr. 9, [15.] Januar 1844, S. 33–35; Nr. 10, [17.] Januar 1844, S. 37–38. (Rasch 3.44.01.15)

2. Textdarbietung#

2.1. Edierter Text#

J. Der Text folgt in Orthographie und Interpunktion unverändert dem Erstdruck. Textsperrungen werden übernommen. Silbentrennstriche (=) werden durch - wiedergegeben. Die Seitenzählung wird mit Klammern [ ] an den betreffenden Stellen in den Text eingefügt. Fehlende oder überzählige Spatien im Erstdruck wurden stillschweigend korrigiert.

Die Seiten-/Zeilenangaben im Apparat beziehen sich auf die Druckausgabe des Beitrags im Band: Schriften zum Buchhandel und zur literarischen Praxis. Hg. von Christine Haug u. Ute Schneider. Münster: Oktober Verlag, 2013. (= Gutzkows Werke und Briefe. Abt. IV: Schriften zur Literatur und zum Theater, Bd. 7.)

Errata#

Zur Buchausgabe (GWB IV, Bd. 7) sind folgende Textkorrekturen zu vermerken:

203,14 Waffe lies: Masse

206,28-29 rotten borough-Wesen lies: rotten borough-Wesen

207,20 Köpfe“, lies: Köpfe,“

Kommentierung#

Der wissenschaftliche Apparat wird hier zu einem späteren Zeitpunkt veröffentlicht.