Wir stellen die Gutzkow Gesamtausgabe zur Zeit auf neue technische Beine. Es kann an einzelnen Stellen noch zu kleinen Problemen kommen.

Vorwort zum „Literatur-Blatt“ des „Phönix“#

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Herausgeber
  1. Wolfgang Rasch
Fassung
1.1
Letzte Bearbeitung
16.07.2021
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21 [Vorwort zum „Literatur-Blatt“ des „Phönix“]#

Diese wöchentlich einmal wiederkehrenden Blätter beschäftigen sich damit, von unsrer zeitgenössischen Literatur ein treues Bild zu geben. Ein vollständiges Glaubensbekenntniß über Methode, Plan und Absicht, die bei unsrer Darstellung zu Grunde liegen, lassen wir bei Seite, treten mitten in die Verwirrung unsres Gegenstandes ein, und hoffen theils durch nachfolgende Ausführung, theils durch die Urtheile, welche über bestimmte vorliegende Erscheinungen gefällt werden sollen, das deutsche Publikum hinlänglich mit dem Tone vertraut zu machen, welcher hinfort in diesen Verhandlungen gelten wird.

Unsre Literatur befindet sich in einer Übergangsperiode. Die Literatur der Restauration, zum Tod verwundet, blutrünstig, verzweifelnd, irrt mit der letzten Anstrengung durch unsre Gauen; hie und da hören wir eins ihrer Glieder verenden, die Luft ist mit Verwünschungen erfüllt; wir leben in der grausen Stille, welche kurz nach der letzten Attake auf einem Schlachtfelde stöhnt; wir wollen nur erst abwarten, bis die Freundschaft ihre Todten begraben hat. Aber noch ist es nicht lange her, daß unsre kritischen Würgengel und Valküren über unsre Ebenen und Berge stürmten; wir leben noch Alle in einer frischen, ohrenklingenden Erinnerung der Vergangenheit; so schnell und unerwartet kam das Neue, daß es uns zuweilen noch ist, als lebten wir mitten drinnen im Alten. Wir haben Alles mitgemacht. Wir sahen, wie sich unsre Literatur einer wollüstigen Tendenz der Vernichtung hingab; ein unwiderstehlicher Trieb des Zerfallens, ein blasser Instinkt des Todes hatte sich unsrer vornehmsten Geister bemächtigt, und theilte sich denen mit, welche ohnedies nur Ephemere waren. Jene alte klassische Periode unsrer Literatur wurde statt fortgesetzt, angebetet. Man verwandelte ein Andenken, welches lebenskräftig auf den Nachwuchs der Generation wirken sollte, in Marmor; Göthe und Schiller wurden als Büsten ausgerufen, und eine Herrschaft begann, welche die demüthigendste ist, die Herrschaft des Ruhms. Die Schulen unterwiesen uns in deutscher Literatur, sie erzählten uns von unsern Vätern wie von alten Helden, welche längst dem Plutarch anheim gefallen waren, Alles wurde in eine nebelhafte mythische Ferne gerückt, und es blieb uns, der Jugend, der frischen, die alle Privilegien hatte, der Jugend voll Energie, Thatkraft, Prädestination, nichts zurück, als eine zitternde Andacht. Das haben wir Alle erlebt. Die Restaurationsperiode überlieferte uns eine abgeschlossene Vergangenheit, einen Despotismus des Ruhms, eine Religion Schiller und Göthe. Die Anbetung brachte die Nachbetung, die Nachbetung die Mittelmäßigkeit, die Mittelmäßigkeit den Plunder. Der Ruhm brachte die Bescheidenheit, die Bescheidenheit die Arroganz, die Arroganz verwirrte Alles. Mit Müllner standen Euch die Haare zu Berge; mit Houwald erschrackt Ihr; Ihr habt mit Clauren geliebt, Ihr habt mit Witschel geweint, mit Krug gefaselt! Man hat Euch gemißhandelt! Ihr flößtet Mitleid ein!

Die Restauration oder die Periode des marmornen Ruhms und des Elends endete mit den Folgen der Julirevolution. Die Opposition wurde die Majorität. In 22 den Gedanken, in das Gespräch, in den Druck kamen andre Tendenzen; das Ding mit unsrer Literatur nahm eine andre Wendung; das alte, dicke, kohlensaure Blut wurde durch frisches, übermüthiges, vom Born des Lebens erst abgezapftes ersetzt. Vaterland, Geschichte, Menschheit, waren Begriffe, welche jetzt tiefer in unsre Literatur eindrangen, als einst in Klopstock’s labyrinthische Oden oder in Herder’s humanistische Träume. Es bekam Alles, was geschrieben und gesprochen wurde, ein blankes, neues Gepräge, das Gepräge des Augenblicks, der Nothwendigkeit und der Wahrheit. Die Stunde der Emancipation von dem Ruhm und der Unbedeutendheit hatte geschlagen: sie ging vor sich mit etwas Schaam, aber lachend und keck; denn damals war viel Sonnenschein, Hoffnung und poetische Thatsache in Deutschland.

Aber wie schnell! auch diese Zeit ist vorüber. Die Segel unsrer Hoffnungen wurden eingerefft: unsre Sprache ist wieder einsilbig geworden, wir zucken mit den Achseln, die großen Entschlüsse waren nur die Embryone unsrer Mienen; Alles hat ein finstres, protokollarisches Ansehen gewonnen. Diese Zeit ist unser gegenwärtig laufendes Datum, von ihr leben wir. Wir haben jetzt Muße genug, in die stille Bücherwelt zurückzukehren, zu lesen, zu zanken, Partei zu nehmen, für und wider, geliebte Autoren mit heimlichen Wechseln und Tabacksbeuteln zu überraschen, zu kaufen, Bibliotheken anzulegen, und aus neuen Büchern sich schöne Stellen abzuschreiben. Wie man zu sagen pflegt, die sinnigen Frauen nehmen wieder holden Antheil. Der Winter ist da, die Soiréen beginnen, die Theemaschine murmelt, was bringen Sie zum Lesen, Hofrath? um des Himmels Willen, nur nichts Altes! - Was soll man dazu sagen? Mag man Thee trinken und Bücher lesen, wenn man nur die rechten wählt!

Die Physiognomie unsrer gegenwärtigen Literatur, wie sie aus der Restaurationszeit durch die politischen Stürme hindurchgedrungen, sich geläutert und durch ganz neue Elemente integrirt hat, in allen ihren Linien und Zügen wiederzugeben, ist die Aufgabe, welche ich in spätern von Büchertiteln unabhängigen Bülletins und leading Articles lösen will. Es handelt sich hier um Rückblicke auf die Vergangenheit, um Gruppirungen ganzer Tendenzen, um Ausscheidungen aus der Masse, um Charakteristiken alter ehrenwerther Überreste, welche noch kein Moos ansetzen, um Ahnungen und Seherblicke in die Zukunft, um den Jubel einer neuen Zeit, die uns mit glauen Kinderaugen aus der Wiege anlächelt, um einzelne Namen, welche ihre Apostel sind, und um viele Andre, welche nicht werth sind, diesen die Schuhriemen aufzulösen. Es gibt neue Prinzipien, welche in der klirrenden Rüstung ihrer Beweise zum Kampfe bereit stehen. Das Chaos lichtet sich. Die Räder, welche das übermüthige junge System schlägt, sind nicht ohne Kunst, Schema und methodisches Geschick. Wir haben Ziel und Ende; wo es liegt? soll Euch gesagt werden.

Wenn wir somit zum Programm unsrer kritischen Sitzungen das Geständniß ablegen, daß wir an die neue Schöpfung einer positiven, sich zusammenziehenden und ostensiblen Literatur glauben, so wollen wir zunächst bestimmen, welche Rolle der Widerspruch, die Kritik, bisher gespielt hat, und welche sie in Zukunft übernehmen muß.

Es ist bekannt, daß unsre literarische Revolution durch die Kritik eingeleitet ist. Alles was in den zu Grabe getragenen Zeiten Geist hatte, flüchtete sich in die Kritik. Sie übernahm einen ununterbrochenen Feldzug gegen die Herrschaft des Ruhms und die Prahlerei des Elends. Sie stürzte das Götzenthum, und zerrieb den Marmor, welcher auf das Genie so zerstörend wirkte. Sie deckte die Blößen der Nachahmung auf, und machte die Orgien der Mittelmäßigkeit lächerlich. Die Kritik nagte an Allem, sie war unbedingte Verneinung. Universell, Allem vertraut, mit dem Rückhalt einer imposanten Keckheit, einer frischen Gedankenfülle, und um gewandte Ausdrücke nicht verlegen, mußte sie überall siegen. Der Contrast machte sie witzig, die Zahl der Ermordeten grausam; sie hat vortrefflich aufgeräumt. Wir haben damals Erscheinungen erlebt, wie sie seit Lessing unerhört waren. Die Kritik wurde mehr als Nemesis: sie wurde das Vehikel unsrer Hoffnungen, die Jugend triumphirte; denn Vaterland, Freiheit, Vorliebe für einige Größen, welche den angetasteten das Gleichgewicht halten mußten, die ganze Zukunft flüchtete sich unter den Schutz der Kritik. Man lernte hassen und verachten.

Aber die Kritik blieb hiebei nicht stehen. Behangen mit den Schädelguirlanden der Erschlagenen, nahm sie von dem verödeten Felde der Literatur Besitz. Die Kritik wurde eine Integration der Literatur, bekleidete sich mit dem Scheine der Position, die Kritik wollte das ersetzen, was sie weggeräumt hatte. Es ist eine Literatur der Negation im Anzuge, welche Alles zerbröckelnd und auseinander schälend, die Schranken der Objektivität niederreißen will, und Alles auflöst in Reflexion. Das Urtheil und die Meinung sind an die Stelle der Kunst getreten. Hier ist der Punkt, wo die jüngere Generation die Fortführung unserer literarischen Interessen übernehmen wird. Bis hieher sind wir im Augenblick gekommen, bis zu dem Grundsatze: die kritische Periode ist vorüber.

Blicken wir um uns, so wird man gestehen müssen, daß in Sachen des literarischen Urtheils eine solide öffentliche Meinung verbreitet ist. Dies ist eine vortreffliche Wirkung der bisherigen Opposition gewesen. Es gibt nicht wenig Dinge, welche unwiderruflich feststehen, und andre, welche Niemand mehr zu behaupten wagt. Die kritische Meinung, welche sich im Niveau des Publikums findet, ist vielleicht zu kalt, zu zaghaft geworden, sie gleicht oft einem Vorurtheil. Man erwäge den Antheil, welchen die Masse und die Bildung an neuern Erscheinungen nimmt! Sie ist so vorsichtig, daß sie in allem Neuen eine Ähnlichkeit mit Dingen wittert, welche sie sich in Schutz zu nehmen schämt. Sie hat für Alles ein Stichwort, eine Kategorie, einen Witz, den sie der kritischen Periode verdankt. Sie lächelt über Namen; ganze Gegenden auf der deutschen Landkarte sind in Verruf erklärt, und nicht mit Unrecht. Dank jenen riesenhaften Anstrengungen der alten Opposition, daß gewisse deutsche Notabilitäten von ehemals nur noch Gelächter erregen! Es 23 ist unläugbar, die kritische Meinung im Volke ist frisch, nicht blind, nicht taub, sie läßt sich so leicht nichts mehr aufbürden.

Aber auf der andern Seite ist, wie wir schon sagten, das öffentliche Urtheil schlaff, indifferent, ein Zweifler ohne Sympathie, es ist altklug und voller Eitelkeit. Man hat so viel appellirt an die Natur, an das Haus, an den Staat, kurz an Dinge, welche Jedem bei der Hand sind, daß man überall auf Vorwitz und Bequemlichkeit stößt. Man begnügt sich mit einem kritischen Schiboleth, das in einer Strahlenbrechung von Patriotismus, Nationalität und Übermuth unantastbar ist, weil allerdings Niemand unpatriotisch, unnational und fromm sein will. Unsre große Opposition von gestern ist sehr philisterhaft geworden, sie macht es sich bequem, urtheilt hinein in Tabackswolken, und brüstet sich, vor Nichts die Mütze abzunehmen, diese Mütze, welche schon längst wieder eine Nachtmütze geworden ist. Gegen diese Titanen im Schlafrock, diese patriotischen Pinsel, welche ihren Kindern z. B. die Lektüre Göthe’s verbieten, diese Bilderstürmer, welche mit dem Ruhm auch die Erinnerung zerschlagen wollten, hat Niemand so vortrefflich debütirt als Heine in seinen Heften zur deutschen Literatur. Heine hat in dieser Art ein eignes Genre erfunden, die apologetische Kritik, Rettungen in Lessing’s Manier, welche wir nicht genug empfehlen können, da das Falsche daran nicht schadet und das Gute unverloren ist.

Man sieht, in welchem Sinne es sich wagen ließ, an die Spitze eines neuen Literaturblatts den Satz zu stellen, daß die kritische Periode vorüber ist. Aber wir gehen noch weiter und erklären, daß die Kritik, selbst wenn es eine neue Schule gibt, doch das geringste Geschäft derselben ist. Welche Aufgabe sie sich vorzüglich stellen muß, mögen zukünftige Auseinandersetzungen beweisen: wir gestehen offen, daß die Kritik immer mehr gedemüthigt und eingeschränkt werden muß. Kritik ist die untergeordnetste Branche der Literatur: es konnte nur unter besondern Constellationen geschehen, daß sie zu einem so tyrannischen Übergewicht gelangte.

Gute Kritik ist nichts, als der Ausdruck der Mittelmäßigkeit: gute Kritik ist die Durchschnittsmeinung der Denkenden unter einer Nation; sie soll nicht über und nicht unter dem Niveau stehen. Ein ächter Kritiker ist ein etwas ängstlicher Mann, welcher zu viel Geist hat, um das Ordinäre zu lieben, aber auch zu sehr Skeptiker ist, um dem Genie in allen seinen Himmel- und Höllenfahrten zu folgen. Ein ächter Kritiker ist der beste Hausvater bis auf einige kleine geniale Anflüge, welche seine Frau seufzen machen, aber den Kindern zu Gute kommen, weil sie auf ihre Phantasie wirken; er ist gewissenhaft, streng, pedantisch, obgleich er zuweilen den Muth hat, über sich selbst zu lachen. Ein guter Kritiker hat Studien gemacht, voll Gründlichkeit; die Fächer, in denen er nicht zu Hause ist, hält er sich vom Leibe; ja selbst seine eignen, die ihm nichts versagen, stehen ihm doch immer so fern, daß er unterläßt, sich selbst in ihnen zu versuchen. Ein guter Kritiker verachtet die Alltäglichkeit, aber er verschließt sich in sein Studierzimmer. Er zieht die Menschen bei weitem den Büchern vor, aber jenen weicht er aus, und diese häufen sich bei ihm zu Bibliotheken. Er greift mit Hast nach jeder neuen Erscheinung; und ist sie ihm unter den Händen, so macht sie ihn kalt. Ein guter Kritiker produzirt nicht, obschon er zuweilen ein treffliches Gedicht macht. Er liebt das freie Feld, den Wald, Alles, was Dichter lieben; und lächelt dazu, wenn er denkt, wie es nun Dichter in seiner Lage machen würden. Er hat ganze Pakete von Ideen und Material liegen, er verarbeitet auch Einiges, was brav gelingt, ihm aber kein Vergnügen macht. Ein guter Kritiker ist phlegmatisch, nicht ohne Witz, oft sarkastisch, immer ein vortrefflicher Mann, mit dem man eine Stunde reden und für ein halbes Jahr genug hat, darüber nachzudenken. Kurz ein guter Kritiker ist Etwas, was wir in Deutschland nur in einzelnen Exemplaren haben. Das Vaterland der ächten Kritik ist England.

In England ist die Kritik eine Zunft. Sie hat ihre Symbole, ihre Gebräuche, ihre Handgriffe, sie muß erlernt werden, wie ein Handwerk. Die englische Kritik ist in Folge einer Revolution entstanden; denn dies ist auch eine Revolution, daß man Kenntnisse haben muß, um zu urtheilen. Die Vorschule der englischen Kritik ist die Schule selbst, und ein englischer Kritiker besitzt einen höchst soliden Fond von Kenntnissen, er diente von unten auf, und hat in den Fächern, worin er urtheilen will, Alles durchgemacht von der Pike an. Warum praktisirt er nicht? Er ist zu träge und hat immer noch einen Anflug von Originalität und schriftstellerischer Anlage. Warum schreibt er keine Bücher? Weil er unsystematisch ist; weil er die Schule, die Oeffentlichkeit und das Angetastetwerden nicht leiden mag. So werden die englischen Kritiker die Plage des Genies, aber eine nothwendige, sie werden die Nemesis der Arroganz und die Furie der Dummheit. Sie hassen alles Extravagante, dem sie einst sich selbst so nah fühlten, oder belächeln es; sie sind der Widerspruch, nicht wie bei uns die Kritik um Taglohn und um des Katheders willen der Widerspruch des Dünkels, der Blindheit und des Cynismus; sondern der Widerspruch der Prosa, des wirklichen Lebens, einer Macht, welche nicht geläugnet werden kann und die von der Natur ein Recht hat an Alles. Ein englischer Kritiker ist ohne Eitelkeit; er tritt sein Lebenlang nicht aus der Anonymität hervor, er macht aus seinem Geschäft eine Profession. Man nehme die Englischen Reviews; sie sind der Ausdruck der soliden, beweisrichtigen Mittelmeinung, ihre gescheutesten Theilnehmer sind unbekannt, oder spuken im Lande nur durch Tradition bei den Gelehrten, die vor ihren Studien Respekt haben, und bei den Genie’s, welche sich vor ihrem Spott und ihrer Prosa fürchten.

Nachahmungen dieser Gattung Kritik finden sich in Deutschland schon früh; doch fielen die ersten Versuche in eine Zeit, wo die Autorität der Restaurationsliteratur noch zu wenig bestritten war, wo sich Alles in einige Tageserscheinungen, welche von der philosophischen und kirchlichen Seite her flutheten, auflöste, in einige Namen, die jedes Mittel gebrauchen, um ihr Uebergewicht geltend zu machen. Ich erinnere an den Leipziger Hermes. Jezt ist die Zeit für jene anonyme, weitläuftige und confortable Kritik weit 24 günstiger. Denn die kritische Schule hat sich der Gelehrsamkeit ungemein genähert, sie ist nahe daran, einen Bund mit dem Katheder und den Universitäten zu schließen. Die Gelehrsamkeit selbst ergänzte sich durch eine jüngere Generation, welche früh die Restaurationsliteratur verachten lernte, und sich theils offen, theils unter der Maske zu den Prinzipien der kritischen Schule hinneigt. Gewisse Fächer, die Staatswissenschaft, die Geschichte, die Naturlehre, ich möchte fast sagen, auch die Heraldik sind der leztern so verwandt geworden, daß eins auf das andre rechnet, sich wechselseitig Complimente macht und eine recht artige Einführung der englischen Kritik denkbar ist. Wir glauben sogar, daß uns in der That die geniale und subjektive Kritik mehr schadet, als nützt, daß Institute in Form der Quarterly Reviews vom Publikum bewillkommt würden, anonyme, solide Kritiken, in der Mitte schwebend zwischen dem Katheder und dem Parnaß, bürgerliche, beleibte Kritiken mit viel Belesenheit und Verstand, Kritiken mit etwas Resignation, wie die englischen. Einige unsrer zerblätterten Anstalten für das Rezensirwesen fangen schon an, sich zu englisiren. Sie treiben keinen Luxus mehr in Expektorationen, sondern legen sich statt auf die Kritik des Urtheils auf eine bequemere Gattung, auf die Kritik der Auszüge.

Wir gestehen, daß von unserer Seite in dieser lezten Gattung wenig geleistet werden kann, daß wir noch weit entfernt sind von jenem Alter, wo die Leidenschaften ebenmäßiger fließen, wo der Enthusiasmus uns Lächeln abzwingt, wo der Kopf es sich bequem macht. Wir zittern noch ängstlich vor Erscheinungen, von denen wir glauben, daß sie eintreffen müssen; wir legen noch auf vieles einen jugendlichen Werth, und sind selten mit dem, was Andern schon bewiesen scheint, beruhigt. Wir haben keine Schemata, keine Kategorien; nichts als Ahnungen, und noch mehr Erwartungen. Wenn wir von neuen Dingen sprechen, so können wir sie nicht aufzeigen; wir glauben nur, daß sie kommen müssen und wollen ihnen den Weg bahnen. Ja wir werden weniger von solchen Dingen sprechen, die wir von Andern zu erwarten haben, als von solchen, an denen wir selbst Theil nehmen. Die Zukunft, eine Hoffnung, welche, wir gestehen es, uns vielleicht täuscht, will in diesen Blättern die Hauptrolle übernehmen und es ist eine einzelne, persönliche Meinung, ohne zahlreichen Rückhalt, soweit sie wenigstens ihre Hülfstruppen in der Nähe hat, welche hier zu Euch von Geschichte, Literatur und von Euern Steckenpferden reden wird. Ihr habt keine Behauptungen, sondern Entwickelungen zu erwarten, weniger ausgewachsene Thatsachen, als Ideenembryone, es ist hier kein Katheder der Doktrin, sondern ein Dreifuß der Weissagung aufgestellt; vergebt mir, wenn ich Euch auffordere, mit mir zu schwärmen. Wir werden im Verlaufe zu Resultaten kommen; und die Beweise, welche wir heute vermissen, werden uns morgen zufallen. Jagt mich wie ein Roß durch die Rennbahn unter Euerm Zuruf; oder wo ich als Redner stocke, füllt die Pausen der Verlegenheit aus mit einem gutherzigen Hear! Hear!

Weil ich nur das Kommende im Auge habe, so tret’ ich ohne Drohung auf. Ich will mich forttragen lassen mit dem Neuesten, was die Literatur bringt. Ich habe keine alten Antipathien im Rückhalt oder geheimen Groll, selbst gegen Namen der Restaurationsperiode nicht, da die Zeit ein läuterndes Feuer ist, und Jeder der Geschichte folgt, wenn auch rücklings. Unsre junge Generation hat die Aufgabe, positiv zu verfahren, selbst zu schaffen; zu lärmen und zu perhorresciren würde ihr schlecht stehen. Da ich mich selbst zu ihr rechne, so schlendr’ ich als Kritiker gemüthlich fort, ohne viel Aufhebens zu machen, nur rechts und links meine Meinung sagend, und den, welcher mir im Wege steht, schon aus der Ferne ersuchend, bei Seite zu treten. Ich fühle, wie nothwendig es ist, daß die Literatur zusammenhält. Die Literatur ist zerstreut durch die Kritik, die Polizei, durch den Buchhandel und ein unschlüssiges Publikum: sie muß zusammenrücken, nicht encyklopädisch, realistisch, zum Pfennigspreise; sondern bunt, mannichfach, lärmend, wenn nur erreichbar und übersichtlich. Die Literatur ist zerstückelt genug: die Kritik hat jezt ein chirurgisches Geschäft zu übernehmen, sie soll heilen, wieder herstellen und ergänzen. Sie soll die panische Furcht, welche über die Autoren gekommen ist, beschwören, die Wildheit einfangen; sie soll Rath geben, Vorschläge machen und nichts so sehr vermeiden, als durch übertriebenen Lärm die Theilnahme des Publikums zu erkälten, durch Appelliren an eine Menge, welche man nicht sieht und hört, diese altklug und vornehm zu machen. In der That, es herrscht viel Mittelmäßigkeit im Lande; aber es ist unverantwortlich, selbst die Mittelmäßigkeit an den Indifferentismus, an Menschen zu verrathen, welche für gar nichts sind. Wenn schon dafür gesorgt ist, daß die Bäume nicht in den Himmel wachsen; wie viel mehr, daß sich die Sträucher nichts dürfen einfallen lassen!

Ich glaube auch, die Mittelmäßigkeit wird diese Worte zu gut verstehen, als daß sie auf Rechnung derselben sich zu brüsten und zu vernachlässigen wagen wird. Auch giebt es viele Dinge, nach welchen man nicht vergebens in diesen Blättern suchen wird: Zauberworte, deren Klang eine süße Musik für die Jugend ist; Sympathien, welche die Herzen Tausender erwärmen; große Thatsachen, welche elektrisch wirken. Gleichaltrige Jugend, du hast einem treuen Kastellan die Schlüssel deiner Luftschlösser übergeben, einem Freunde, der denen gleicht, welche du mit Liebe umfängst; einem ehrlichen Vertrauten deiner Wünsche, welche du nur in Feierstunden, in der Umarmung der Freundschaft ausgesprochen hast! Hier sind alle deine Geheimnisse niedergelegt; es spricht ein Mund zu dir, welcher mit dir sang, jubelte; ein Herz, das dich liebt, und eine Ahnung, welche Alles versteht, wenn sie mitten unter dich träte und die Worte auf Euren Lippen stockten! Ich verkünde nichts, als Eure Evangelien: Eure Götter sind die meinen; die Arbeit dieser Blätter ist ein Cultus, in welchem ich, als Priester, die Opfer verrichten will!

Apparat#

Bearbeitung: Wolfgang Rasch, Berlin#

1. Textüberlieferung#

1.1. Handschriften#
1.1.1. Übersicht#

Es sind keine handschriftlichen Überlieferungsträger bekannt.

1.2. Drucke#

Gutzkows leitet 1835 mit Ausführungen über Literatur und Kritik als eine Art "Vorwort" sein "Literatur-Blatt" zum "Phönix" ein. Der Beitrag füllt die ganze erste Nummer des "Literatur-Blatts" aus. Diese titellose Arbeit verwendete er 1836 in seinen Beiträgen zur Geschichte der neuesten Literatur , wo er den Text - ebenfalls ohne Überschrift - stark gekürzt und überarbeitet in den Abschnitt integrierte.

J Karl Gutzkow: [Vorwort zum "Literatur-Blatt" des "Phönix"]. In: Phönix. Literatur-Blatt. Frankfurt/M. Nr. 1, 7. Januar 1835, S. 21-24. (Rasch 3.35.01.07)
E Kritik. In: Karl Gutzkow: Beiträge zur Geschichte der neuesten Literatur. Stuttgart: Balz, 1836. Bd. 1, S. 23-28. (Rasch 2.13.1.3)

2. Textdarbietung#

2.1. Edierter Text#

J. Der Text folgt in Orthographie und Interpunktion unverändert dem Erstdruck. Textsperrungen werden übernommen. Silbentrennstriche (=) werden durch - wiedergegeben. Die Seitenzählung wird mit Klammern [ ] an den betreffenden Stellen in den Text eingefügt.

Die Liste der Texteingriffe nennt die von den Herausgebern berichtigten Druckfehler sowie die Emendationen. Fehlende oder überzählige Spatien im Erstdruck wurden stillschweigend korrigiert.

2.1.1. Texteingriffe#

9,5 Quarterly Quaterly

Kommentar#

Der wissenschaftliche Apparat wird hier zu einem späteren Zeitpunkt veröffentlicht.