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Menzel’s Geist der Geschichte#

Metadaten#

Herausgeber
  1. Wolfgang Rasch
Fassung
1.1
Letzte Bearbeitung
30.11.2019
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Text#

261 Menzel’s Geist der Geschichte.#

Zwischen der französischen Literatur des achtzehnten Jahrhunderts und der unsrigen, wie sie seit der classischen Periode bis auf heute sich entwickelte, läßt sich eine zutreffende Parallele ziehen. Auch wir haben unser Siecle gehabt, einen ideellen Louis XIV., eine Periode der poetischen Offenbarung, Alexandriner, Sentenzen, und eine Unsterblichkeit, welche von den Zeitumständen begünstigt wurde. Darauf kam, wie einst in Frankreich, die geflügelte Schaar kleiner Novellen, die Toilettenliteratur der Boudoirs, theils sehr keusch, sehr empfindsam und von alten Mütterchen, der Scudéry, der Agnes Franz, der Sevigné und Friederike Lohmann geschrieben; theils frivol, elegant und satyrisch. Dann kam das Zeitalter der Encyklopädie, das große realistische ABC des Conversationslexikons. Die gebundene Rede wurde aufgelöst, die Kritik tastete den alten Ruhm an, Universalgenies bemächtigten sich zu gleicher Zeit der Poesie, Geschichte, Politik und Theologie. Es kam die Periode des Esprit. Man schrieb jenen leichten, classischen Styl, in welchem so viel Wahrheiten gelehrt und so viel Geheimnisse profanirt wurden; denn man spottete wie Luzian. Dieselbe Erscheinung in Deutschland. Wir machen keine Verse mehr, weil es an Glauben fehlt; aber wir schreiben eine Prosa, wie sie unsre gute Großmuttersprache früher nicht kannte. Wir dehnen uns auf ziemlich viel Fächer aus, die Mathematik ausgenommen, von welcher die junge Literatur nichts versteht; wir nehmen dem Räsonnement über Politik seine Gefährlichkeit, indem wir es als Interesse der lieben, herzigen, noch nicht confiscirten deutschen Literatur, welche in unsern Glasschränken steht, zu bezeichnen wagen. Wir werden höchst wahrscheinlich noch viel Bücher über Gegenstände der Geschichte und Cultur erhalten, welche man kurzweg mit dem Namen: geistreich charakterisiren wird, und wem wir diese Erscheinung verdanken, das ist Menzel und die kritische Schule.

Wer den Geist dieser Blätter versteht, wird begreifen, wie wir in dieser Parallele nur eine Merkwürdigkeit, keinesweges aber ein Gesetz unsrer Literatur erblicken können; denn wir behaupten die Nothwendigkeit, daß sich das Genie isoliren und nicht an den großen Elias-Mantel der Weltgeschichte hängen soll; allein gleichviel, wie schön hat sich Menzel durch seine Metamorphosen hindurchgearbeitet! Zuerst nichts, als ein Turner, ein Bonnenser Bursch, mit Eichenlaub um das altdeutsche Barett, relegirt aus Jena, weil er zum Hohn der Fakultät eine Fledermaus an das schwarze Brett genagelt hatte, dann in der Schweiz bei Görres, Bentzel-Sternau, Troxler, immer kämpfend mit dem Geschick, schwebend zwischen einer angebornen Scheu vor der Partheiung und den Ansprüchen, welche die Genossen an seinen energischen Charakter machten. 262 Dabei ein Mann von feinem Nervengeflechte, fatalistisch im Umgange, eine Erscheinung, die man weniger Person, als Atmosphäre nennen möchte; denn ein unsichtbares Netz ist um ihn gesponnen, feine elektromagnetische Seidenhärchen, so daß man in den Gliedern geschlagen ist, noch ehe man ihn anrührt. So kam Menzel zu dem, was er brauchte, nämlich Ruhe um sich her und Sicherheit vor Zumuthungen, welche ihn immer kalt fanden. Er warf sich mit seiner ganzen verdächtigen und polizeilich beobachteten Gesinnung auf die schöne Literatur und die Geschichte, und machte, schon geraume Zeit vor seiner spätern Opposition, sein Urtheil über Göthe in den Europäischen Blättern bekannt, das ohne seinen Namen in die deutschen Journale überging. Wir erwähnen diese biographischen Züge nur, um zu beweisen, daß sich wenig Genies in ihren Metamorphosen doch so treu geblieben sind, als Menzel. Er wußte jede neue Hülle, welche ihm die fortschreitende Entwickelung seiner Ideen gab, sauber über die alte zu legen. Er brachte alle Erinnerungen seiner Jugend, das ganze theure Vermächtniß seiner ersten Ideale mit Gewissenhaftigkeit unter, ehe er in einem neuen Gebiete sich arrondirte. Es kam die kritische Stellung des Literatur-Blatts, es kam die Julirevolution, der Sieg des Liberalismus in der öffentlichen Meinung, es kamen die Würtembergischen Parlamenter, es kam die Reaktion und der Überdruß des deutschen Volkes an der Polemik, es kam die Liebe zu räsonnirender Politik und populärer Geschichtsdarstellung, und alle diese Momente hat Menzel, als ein gelehriger Schüler seiner Zeit, in sich aufgenommen, aber ohne Tumult, mit den leisesten Übergängen, ohne Ungerechtigkeit gegen die alten Gräber in seiner Brust, es ist eine abgerundete, plastische Vollkommenheit in Menzel, welche immer ihre wunderbaren Melodien in sich fortspielen wird, wenn man nur nicht allzuneugierig und naseweis in ihre Claviatur hineinblickt. Menzel hat mit seiner Vergangenheit einen heiligen Cultus. Er bewegt sich langsam, aber gediegen: es sind Wurzelbewegungen, welche er macht, organische, welche ihn nicht behender forttreiben, sondern fester und sichrer fundiren. Menzel sehnt sich schon darnach, das Resultat seines Lebens zu ziehen; er beruft sich schon auf seine Erfahrung und auf ein Publikum, das er doch jetzt erst kennen lernt; nachdem er seit etwa drei Jahren angefangen hat, es zum größeren Theile wirklich zu besitzen. Er ist umschwärmt von jungen Panduren, welche nicht daran denken, das Publikum erobern, sondern nur daran, es beschäftigen zu wollen: von jungen Köpfen, welche an seiner Opposition literarisch schlußfolgern und kombiniren lernten, und sie als eine Styl- und Verstandesübung eine Zeitlang mittrieben, von Leuten, die gar keinen Cultus kennen, den ausgenommen, der sich von selbst versteht, die Ehre. Menzel ist betrübt von dieser seit zwei Jahren aufschießenden Literatur, deren Mängel er meisterlich durchschaut, sie aber bis jetzt öffentlich zu rügen unterlassen hat, weil es ihn verdrießt. Drum läßt er sein Literaturblatt untergehen in Realismus und Auszügen, und wendet sich der Geschichte, der Astronomie und der Völkerkunde zu, worin er Ausgezeichnetes zu leisten gewohnt ist.

Der vorliegende Genius der Geschichte ist ein Musterstück für diejenige Thätigkeit unserer Literatur, welche Menzel am liebsten eingeschlagen wünscht. Hier ist kein Jean-Paulismus der Streckverse mehr anzutreffen, keine poetische Dialektik mehr, wie in den sinnigen, die suchende und die fliehende Liebe verherrlichenden Mährchen Rübezahl und Narzissus: hier ist nichts, als Thatsache, Sympathie, Grille, ein bescheidener Styl, ein Styl im Negligee, und am Schlusse des Buches eine Rührung, welche hinreißend auf den Leser wirkt, und bei einer Aussicht auf die Geschichte so schön an ihrer Stelle ist. Menzel gibt die theologischen, mythologischen, genealogischen Probleme der Geschichte an, und belauscht das geheime Geäder der Begebenheiten, das innere Hämmern des Naturgeistes mit feinem Ohr, und ist reich an Combinationen, Ahnungen und Parallelen, an mancherlei schönem illusorischem Detail, worin Menzel bekanntlich Meister ist, und wo er sein Auge fromm senkt, wenn er davon zu reden kömmt. Menzel vertraut auf die Geschichte: nicht, weil er sie wie Hegel konstruiren kann und ihre Perioden zusammenzurechnen wagt, wie die beiden Sätze einer logischen Assertion; sondern weil sie ihm eine Offenbarung des Lebens ist; eine Zusammensetzung von Materie und Geist, ein naturphilosophischer Prozeß, bei welchem der Zufall und die Leidenschaft ein eben so großes Spiel hat, überhaupt der Mensch, und der Mensch in seiner Schwäche, wie die Laune oder das Gesetz einer Gottheit.

Nur dann wird Menzel von der Construktionssucht befallen, wenn er von der Zukunft spricht. Hier will er immer schon Alles vorhergesehen haben, er wirft sich einen Priestermantel um, reckt seine Hand und spricht, dreist in die blaue Luft sehend, kecke, interessirte und apokalyptische Worte aus. Alles, was Menzel gern zur Hand hat, Somnambulismus, Magnetismus, Mystik, alte Prophezeiungen aus dem vierzehnten Jahrhundert, Dinge, an die er gar nicht glaubt, die ihn aber interessiren, müssen dann ihre Rolle spielen. Das Fatalistisch-Dämonische in Menzel’s Natur kehrt sich dann heraus, er sitzt im Faustischen Schlafrock, umflattert von den darin hausenden Grillen und Libellen, er erschrickt vor der kleinsten Regung in der Luft und träumt sich sogar in eine Furcht hinein, welche rein fatalistisch erfunden und improvisirt ist, und an welche dieser dreiste Titan niemals im Ernste denkt. Wenn Menzel von der Zukunft hört, so zittert er; wahrhaftig nicht aus Furcht, sondern weil er ein origineller Mensch ist, und so zart empfindet, daß man wirklich glauben 263 möchte, er sei ein spätgeborner Bruder der Kassandra. Menzel sieht nichts, als Blut in der Zukunft, Menschen, welche wie losgelassene Bestien sich zerfleischen, Krieg, und immer Krieg, und er lächelt darüber, wenn unser humaner Glaube eine friedliche Beilegung der großen Weltfrage ahnt. Nur im Streite sieht er Leben, nur eine Welt, welche vulkanisch sich in sich selbst aufreibt und dann als Asche im großen Nichts verweht. Das mag wahr sein, aber man sollte nicht davon reden. Man sollte keinen Geist der Geschichte schreiben, ohne nicht auch statt immer von Racen, Völkerunterschieden, von Geologie und Reisebeschreibungen zu reden, einmal auf die Frage der Ideen zu kommen und zu untersuchen, ob die Geschichte denn in der That kein neues Problem, das die alte nicht hatte, entdeckt hat, nämlich das Problem der Humanität. Liegt in der Idee nichts, was zähmt, und Tiger zu Menschen macht? Ist Alles Frage der Existenz, der Farbe und der Erdrevolution? Ist, wenn die Herrschaft der Ideen eine Täuschung ist, dennoch ihre Proklamation nicht ebenso gerechtfertigt, als die apokalyptischen Combinationen, in welchen sich Menzel gefällt? Nein, man zeige den Zeitgenossen die Zukunft lachend und voller Ersatz für die Mühe des Augenblicks! Wer wird noch die Tyrannei hassen und die Freiheit lieben, wenn unsre Enkel nichts von uns erben sollten, als eine Zeit, die ewig blutet? Die Wahrheit hat hier gar keine Rechte; denn ob du so glaubst, oder ich so, der Weltgeist ist originell und erfinderisch, und muß die Mittel besitzen, Einen so gut wie den Andern Lügen zu strafen.

Apparat#

Bearbeitung: Wolfgang Rasch, Berlin#

1. Textüberlieferung#

1.1. Handschriften#
1.1.1. Übersicht#

Es sind keine handschriftlichen Überlieferungsträger bekannt.

1.2. Drucke#
J [Anon.:] Menzel's Geist der Geschichte. In: Phönix. Literatur-Blatt. Frankfurt/M. Nr. 11, 18. März 1835, S. 261-263. (Rasch 3.35.03.18.1)

2. Textdarbietung#

2.1. Edierter Text#

J. Der Text folgt in Orthographie und Interpunktion unverändert dem Erstdruck. Textsperrungen werden übernommen. Silbentrennstriche (=) werden durch - wiedergegeben. Die Seitenzählung wird mit Klammern [ ] an den betreffenden Stellen in den Text eingefügt.

Kommentar#

Der wissenschaftliche Apparat wird hier zu einem späteren Zeitpunkt veröffentlicht.