Maha Guru. Geschichte eines Gottes#

Metadaten#

Herausgeber
  1. Richard J. Kavanagh
Fassung
1.1: Apparatergänzung mit Globalkommentar
Letzte Bearbeitung
01.2023

Text#

1 Erstes Capitel.#

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Um Maunie Pämi Um!

Mystische Sentenz des tibetanischen Cultus.

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Das Panorama einer wilden, zerrissenen Gegend liegt vor unsern Augen ausgebreitet. Wir befinden uns auf der großen tibetanischen Gebirgskette, welche die endlose, dem Reisenden noch immer unerforscht gebliebene asiatische Hochebene an das Dach der Himmelswölbung hinauf gefesselt hat. Das wechselnde Spiel der Wolken, welche die Häupter der ungeheuern Bergkolosse zuweilen umlagern, dann an ihnen vorüberstreifen, und die blauen Oeffnungen des beengten Horizontes verlegen, gewähren dennoch diesen einförmigen Gebirgsmassen den Reiz einer immer neuen Veränderung. So erblickt man neben den nacktesten Felsen, die in einen grauen Wolkenflor gehüllt sind, die üppigste Vegetation, die in demselben Moment dem Auge wieder verloren ist. Hier ein grüner Streifen, der sich um die Brust eines Felsen gelegt hat, ein dunkler Kranz von Fichten und Tannen, oder ein heller von Ahorn- und Weiden-Bäumen, und in demselben Augenblick ein weites, graues Nebelmeer, Alles bedeckend und dem Blicke 2 entziehend. Nur Eines bleibt sich ewig gleich in dieser todten Abwechselung: das fürchterliche Gebrüll erzürnter, reißenden Waldströme. Wo sind sie? Das Auge sieht sie nicht, und nur das Ohr vernimmt dieß ewige, gleichförmige, widerhallende Rauschen. Sie stürzen, von den dichtesten Urwäldern bedeckt, durch die tiefen Kessel, an denen sie Jahrtausende lang gehämmert: ein grauenvoller Anblick, da sich auf dieser weiten Lava-Decke des Tannenwaldes nirgends ein Krater zeigt, der dieß gährende, empörte Element dem Auge sichtbar macht.

Dem Tibetaner verbietet seine Religion – dieß seltsame Gebäude von Satzungen und Gebräuchen, mit denen wir noch genauer werden vertraut werden – die Thiere des Feldes zu tödten. So wenig auch dieses Jagdverbot von einzelnen Vornehmeren, die mit den Priestern und Castellanen des Himmels auf vertrauterem Fuße stehen, gehalten wird, so zieht die Ausnahme von der Regel doch immer weniger Folgen nach sich, als eine gänzliche Freilassung der Sitte. Daher sind die Gebirge und Wälder mit Gethier reich bevölkert. Die Adler nisten auf den höheren Felsenspitzen; der Fuchs gräbt sich ungestört seine Gruben; nur das Bisamthier und die wegen ihrer Seidenschwänze berühmten tibetanischen Stiere ziehen aufgeschreckt durch die Berge, weil die Gewinnsucht sie einer eifrigen Verfolgung aussetzt. Wenn jene Seidenschwänze nur dazu dienen, die weibische Eitelkeit der Chinesen zu befriedigen, so sollt’ es sich Europa nicht zu Schulden kommen 3 lassen, daß es ein asiatisches Volk zu Gesetzesübertretungen verleitet; denn hat der Moschus nicht einen ganz abscheulichen Geruch? Zur Heilung der europäischen Schwindsucht reichen America’s Bisamthiere gewiß hinlänglich aus.

Hat uns eine der vorüberziehenden Wolken bis jetzt nur bald einen nackten Felsen, dann eine wilde Pflanzung von blühenden Hambuttersträuchern aufgedeckt, so tritt jetzt hinter ihrem Schleier eine neue Erscheinung hervor. Ob wir gleich nirgends einen gebahnten Pfad entdecken, so weiß sich doch eines Menschen Vorsicht jede von der Natur geschlossene Pforte zu öffnen. Wie schwindelnd jene Höhe, von der sich allmählich ein langer Reisezug herunter bewegt! Wie trügerisch öffnen diese weiten Abgründe ihren verderbenschwangern Mund, um die Wanderer zu einem einzigen Fehltritt zu verlocken, und sie zerschmettert in ihre riesigen Arme zu schließen! Die Karavane nähert sich: sie steigt den steilen Pfad mit allem Bedacht herab: die Männer halten die Rosse, die von der Race der kleinen, muthigen Tangues sind, dicht am Zügel, und berechnen jeden Schritt, den sie selbst auf dem morschen, zerschieferten Stein wagen und ihre Thiere treten lassen. In der Mitte sind die Pferde, welche das Gepäck tragen, dicht eingeschlossen von den am Rande des Abhangs Gehenden.

Wir können jetzt deutlicher die Bestandtheile dieses Zuges unterscheiden. Der Pfad wird ebener und breiter, man nimmt seinen Platz auf den Rossen wieder ein. Es kann nur eine einzige Familie seyn, die sich 4 diesen Beschwerlichkeiten ausgesetzt hat; man sieht dieß aus der Achtung, die mehren Personen von den Uebrigen erwiesen wird. Ein Diener geht zu Fuß voran, mit einem Stabe, der ihm zum Untersuchen des Bodens dienen soll; eine verhüllte Gestalt, in einem langen Talar, folgt ihm zunächst: es ist der Priester, der für diese Reise Segen und Heil erflehen soll, und deßhalb beständig murmelnd an einem Rosenkranze kugelt. Der ganze Zug scheint nach einer sinnigen Symmetrie geordnet: denn die nächste Gruppe besteht aus einem Kreisausschnitte, dessen Sehne von einem grauhaarigen, aber noch rüstigen Alten gebildet wird. Der Bogen ist aus drei männlichen Personen zusammengesetzt, die mit dem vordersten eine seltene Aehnlichkeit haben. In der Mitte aber schließen sie alle vier ein Weib ein, das sich auf seinem Pferde mit vieler Gewandtheit erhält, und von allen mit der ängstlichsten Sorgfalt beobachtet wird. Den Schluß der Karavane bildet ein langer Troß von Dienern, die theils bewaffnet sind, theils das Gepäck und den sichern Schritt der es tragenden Thiere zu besorgen haben.

Die beiden Hauptpersonen sind unstreitig der Alte auf der Sehne und das ihm zunächst folgende Mädchen. Jener trug einen langen, roth und gelb gestreiften Mantel, der ihm bis auf die Knöchel herabging, und den Rücken des Pferdes, das er mit vieler Unsicherheit ritt, zum Theil bedeckte. Auf dem Kopfe hatte er einen hohen, spitzen Lederhut, der sehr glänzend lackirt, und mit manchen Verzierungen bedeckt war. Das Mädchen 5 hatte sich zu tief eingehüllt, als daß man ihrer Formen gewisser hätte werden können; die Kälte in diesen Bergen war empfindlich, und für nichts so schädlich, als die feine Haut der Schönheit. Der Wuchs der Dame, der sich durch das lange Seidengewand, das bis zum Haupte ging, und oben von zwei Federn abgelös’t wurde, nur noch mehr hob, war schlank und schien mit den herrlichsten Körperreizen gepaart zu seyn. Sie war die Tochter ihres alten Vordermanns, der sich oft mit besorgten Blicken nach ihr umsah, ihre freundlichen und ihn beruhigenden Mienen aber nie durch ein Lächeln erwiederte, sondern die Lippen so tief hängen ließ, daß man zweifeln konnte, ob man ihn für sehr dumm, oder für sehr traurig halten sollte. Und die Uebrigen? Sie waren die Brüder dieses Alten. Was heißt das in Tibet? Sie waren nicht minder die Väter des jungen Mädchens, obschon nicht so legitim, wie ihr erstgeborner Bruder.

Sonderbare Sitten der Völker! An welchen Quellen nahmt ihr euren Anfang? Die Zeit gibt den Gewohnheiten ihre Heiligkeit; wer gab ihnen aber den ersten Anstoß? Sind wohl die Formen des Staates, die Gebräuche der Religion, die Sitten des gesellschaftlichen Lebens verschieden je nach der Geschichte, dem Klima, dem Zufalle; wer würde sich überredet haben, daß auch die Bedürfnisse des Herzens sich so verschiedenartig befriedigen lassen, wenn sie doch dieselben sind? Wir haben oft die Liebe das gleiche Band genannt, das alle Zonen umschlungen hält; die Weltweisen haben auf 6 jeden Roman, der sich in unserm jungen Leben einmal entwickelte, ein tiefes Gesetz der Natur gegründet; die Dichter sangen von Beatricen, Laura, Ernestinen, Lotten, wie von den Schlüsselträgerinnen des Himmels. Das waren Täuschungen des Traumes. Sitte und Glaube heiligen auch die Neigungen, die eine Frau gegen vier Männer zu gleicher Zeit haben kann. Ist das eine Widersinnigkeit? Wir fordern den Husaren-Obristen, den wir in den Umarmungen unsers Weibes überraschten, als einen Elenden, dessen Blut uns allein Gerechtigkeit geben kann; wir erdolchen über die Zumuthung einer morganatischen Ehe, die der regierende Fürst unserer Tochter mit einem unterstützenden Präsidentenpatent für den Vater macht, lieber unser Kind: oder lassen uns, wenn wir für tragische Situationen nicht geeignet sind, auf dem einfachen Wege des gemeinen deutschen oder preußischen Landrechts von unserer treulosen Gattin separiren. Glückliche Tibetaner, eure Leidenschaften machen euch keine schlaflosen Nächte! Eure Dichter verfertigen keine Jamben-Tragödien, die in der letzten Scene zu einem ungeheuern Blutbade gerinnen! Ihr wechselt nach den Kalendertagen in den Umarmungen eurer Auserwählten ab, und geht euch dabei mit hingebender Entsagung hülfreich zur Hand! Bewohner der asiatischen Bergrücken, seyd ihr nicht weit idyllischer, als die Deutschen, die Geßner und Voß besitzen? Im Schoße der Familien wollt ihr die Freuden der Ehe genießen, und schiebt daher ein Geschlecht in das andere, ohne euch durch vielfache Hei-7rathen und Schwägerschaften zu zersplittern! Ein Bruder wird von den Augen einer tibetanischen Schönen tödtlich getroffen, die Flamme der Liebe lodert in ihm auf, aber er ist genügsam, und will sein Glück mit Andern theilen. „Meine Brüder!“ ruft er entzückt aus, „der Name Dalai Lama’s sey gesegnet! Ich bin ausgegangen, um einen Baum zu suchen, an dem sich tausend rankige Pflanzen schmiegen, und hab’ ihn gefunden.“ Und die Brüder verstehen dieß Symbol der Liebe, und stellen sich vier, fünf Mann hoch vor die sittige Jungfrau, und sie erröthet, leise das verschämte „Ja“ flüsternd. Welche Brautnächte! Welche Flitterwochen! Kömmt dann einst der Augenblick, da sich in ihr ein neues Leben regt, so lispelt sie dem ältesten unter den eifersuchtslosen Brüdern das süße Geheimniß ins Ohr, und das zweitemal dem nächstfolgenden, dann sofort bis zum jüngsten, bis sie bei dem ältesten wieder anfängt. Schenkt Dalai Lama, der große Gott, aber nur Einmal diese Freude, so haben alle Brüder ein Recht an ihr, obschon der ältere ein größeres, als die übrigen. Das sind die Sitten von Tibet.

Gylluspa, deren Mutter schon auf den Berg Sumnu, den Sitz der Götter, hinübergegangen, war ein Musterbild kindlicher Zärtlichkeit, was um so mehr sagen will, da sie vier Väter zu verehren hatte. Aber der älteste von ihnen, Hali-Jong, war vor allen jetzt des liebevollsten Zuspruches bedürftig; denn über seine gebräunte Stirn hatten sich tiefe Furchen gezogen, 8 und aus seinen Mienen sprach ein Gefühl der Trauer und des Schmerzes, dem er hätte unterliegen müssen, wenn ihn die Liebe der Seinigen nicht noch aufrecht erhalten hätten. Man sah es ihm an, daß er eine schwere Last zu tragen hatte, und nicht die Kraft dazu besaß. Was mochte ihm widerfahren seyn?

Dennoch sprach Hali-Jong sehr viel, wie alle Furchtsamen, die durch ihre eigenen Worte sich Muth einflößen wollen. „Beim siebenten Stockwerk des goldenen Tempels von Tassissudon!“ sagte er, und nahm bei diesem Schwur seinen lackirten Hut ab, „welch ein gefährlicher Weg zu einer Gefahr, die noch größer ist! Wir wandern wie durch ein Gehege von Löwenzähnen, um zuletzt in dem Zelt seines Rachen auszuruhen.“

„Nein, mein Bruder,“ entgegnete Heli-Jong, Gylluspa’s zweiter Vater, „die Schrecken dieser Reise werden hinreichende Strafe für die Verbrechen seyn, die man dir vorwirft. Der große Stellvertreter des größern Lama (ach, möchte er den Erdkreis würdigen, bald wieder in ihm zu erscheinen!) kann diese Pilgerfahrt nur für eine Läuterung deines Wandels ansehen. Er wird dir lassen, du frommer Waller, was der Himmel dir schon gegeben hat.“

„Du lästerst, mein Bruder!“ wies ihn Hali-Jong zurück, auf den kein Trost wirkte, „vergleiche mich nicht den heiligen Männern, die nackt durch das Gebirge laufen, und sich an Dornen blutig ritzen, die auf dem Schnee schlafen, und mit keinem Wassertropfen ihre Stirn netzen. Welcher Pilger hat noch auf einem 9 Thiere gewallfahrtet? Welcher Sohn des Lama zittert nicht vor Freude, wenn er seinen Tempel von Angesicht schauen kann, und wird die gefährlichsten Wege, die zu ihm führen, für einen Rosenpfad halten? Nein, theurer Bruder, ich werde die Strafe leiden, die auf mein Verbrechen gesetzt ist.“

Gylluspa weinte über den kläglichen Ton ihres Vaters, und ihre andern Väter konnten die Thränen nicht zurückhalten, wenn sie die ihren fließen sahen. Hali-Jong aber waren sie damit nicht willkommen; wie wenig er zu hoffen schien, so wollt’ er doch nicht, daß die Andern an seiner Zukunft verzweifelten. Er wandte sich also rasch um, so daß sein Pferd fast gestrauchelt wäre: „Habt ihr euch zu meinen Anklägern gesellt?“ rief er, die betende Avantgarde des Priesters überschreiend, „wer hat den Armen mehr Almosen gegeben, als ich? Wer hat sich ein Stück Fleisch, wie ich, aus dem Rücken schneiden lassen, und es den Göttern geopfert? Schick’ ich nicht Hunderte von Pilgern nach Jagarnaut und Alahabad, die heiligen Oerter, wasche mich mit den Fluthen des Ganges, die ich mir in blechernen Büchsen kommen lasse, und reibe meine Glieder mit Sand, der aus dem heiligen Flusse gefischt ist? Wer seyd ihr, daß ihr mich wie einen Todten beklagt?“

Hili-Jong, Gylluspa’s dritter Vater, wischte sich die Thränen aus den Augen und sagte: „Theurer Bruder, wir vermögen nicht dich betrübt zu sehen. Sey fröhlich, und unsere Angesichter werden glänzen! 10 Du vergällst uns die Freude unseres Lebens, die nur du bist und Gylluspa. Wer sagt, daß du zu fürchten hast? Deine Tugenden stehen im Buche des Himmels angeschrieben, das sie in Lassa ohne Zweifel lesen werden; deine Unschuld wird dich heim begleiten, wie ein köstliches Geschmeide, das man dir heimlich unter deinen Sattel legt!“

Hali-Jong versank in Nachdenken und schwieg.

Der Winterfrost, der auf diesen Gebirgen mit riesiger Hand liegt, zerstört den morschen Stein, und gibt ihm oft die wunderlichsten Gestalten. Diese spitzen Zacken und pyramidalischen Formen haben viel Aehnlichkeit mit Marterwerkzeugen, und sie mußten daher auf den abergläubischen und besorgten Hali-Jong alle die Eindrücke machen, die ein furchtsames Gemüth von bösen Vorzeichen erhält. Zuweilen wechselten die natürlichen Formationen mit künstlichen ab. So wie sich die Reisenden einem in den Fels gehauenen Tempel oder einem Götzen näherten, senkten sie ihre Häupter, hielten ihre Rosse an, und murmelten einige Gebete, die sie, wie die Christen das Vater unser, immer in Bereitschaft haben.

Die Karavane hatte ihre Richtung durch einen langen Hohlweg genommen, dessen Schlußpforte ein großes Felsstück bildete, dem von der einen, jetzt den Reisenden sichtbaren Seite eine künstliche Form gegeben war.

Hier haben wir die Anfänge der tibetanischen Plastik, die gegenwärtig auf einer ansehnlichen Höhe steht, 11 und die chinesische bei weitem übertrifft. Der furchtbarste aller Götzen, Mahamuni, saß da, aus einem riesenhaften Steinkolosse gebildet, mit steifem Haupte, verschränkten Armen und untergeschlagenen Beinen. Dieß Ungethüm würde uns Schrecken einflößen; diejenigen, welche an es glaubten, empfanden aber eine heilige Scheu, und neigten schon in der Ferne ehrfurchtsvoll ihre Häupter. In der Nähe des Bildes angelangt, stiegen alle vom Pferde, und warfen sich neunmal vor ihm nieder. Hali-Jong erhob ein klägliches Geschrei, setzte der kalten, todten Steinmasse alle seine Leiden und Besorgnisse auseinander, und schied von ihr, nicht ohne Hoffnung, bei den Richtern, vor die er in Lassa, dem Sitze des Dalai Lama, treten sollte, ihre gnädige Fürsprache erwirkt zu haben.

Als sich der Zug so weit von dem Koloß entfernt hatte, daß man wieder ein Wort reden durfte, das nicht Gebet war, begann Hali-Jong mit einer sichtlich erheiterten Miene: „der Anblick dieses großen Gottes hat mich wunderbar gestärkt. In Butan und den fernsten Provinzen unseres göttlichen Reiches sehnen sich Millionen nach diesem Wunder, das wir genossen haben. Ich küßte den kleinen Zehen am linken Fuße Mahamuni’s, und durch meine Adern rollte ein Strom von Seligkeit und Beglückung.“

Holi-Jong, Gylluspa’s vierter Vater, erfreut über des Bruders getröstete Rede, ritt einige Schritte vorwärts, schlug ihm auf die Achsel und strich ihm die bartlosen Wangen. „Dein gutes Auge,“ sagte er 12 dabei, „hat an dem Bilde noch mehr bemerkt. Hast du nicht die Entfernung der Nase vom Munde gemessen? Setze diesen Zwischenraum in die gehörige Verjüngung des Maßstabes, und deine verketzerten Bilder werden so allein seligmachend seyn, wie alle übrigen, die nur je als kanonisch gegolten haben. Nein, mein theurer Bruder, die Götter selbst werden die Zweige brechen, um dir die Krone der Gerechtigkeit zu verleihen.“

Die Uebrigen stimmten alle in die gewandte und tröstende Bemerkung des jüngsten Bruders ein, und Hali-Jong konnte diesen Ueberzeugungen nicht völlig widerstehen, um so mehr, da sie auf einen Augenblick auch die seinen gewesen waren. „Dalai Lama bezeug’ es mir!“ rief er aus; „ich wollte nie etwas Anderes, als die Gebote unsers großen Glaubens erfüllen. Ich bin unter Göttern auferzogen, habe selbst mehr Götter gemacht als nöthig waren, um unser großes Volk in den Tugenden zu erhalten und auf jeden Herd einen Schutzherrn des Hauses zu stellen, und man will mich beschuldigen, nicht an sie zu glauben? Ich kenne die weisheitsvollen Schriften nicht, die nur unsern heiligen Gylongs zugänglich sind, und weiß nicht, was das große Legendenbuch, das aus dem Monde auf die Erde gefallen ist, über Mahamuni’s Nasenproportion enthält, aber ich habe die Heiligkeit der Tradition verehrt, und mich an die Ueberlieferungen der Vorwelt gehalten. Das soll Atheismus, Neologie, Wahn- und Irrglauben seyn? Meine Brüder, ich habe nicht geahnt, als ich das erstemal die Metallspeise in die Form brausen 13 ließ und meinen ersten Gott auf die Welt brachte, daß mich der letzte von ihr bringen wird. Großer Lama, du bist höher als Alle, warum muß der Erdkreis so unglücklich seyn, daß du im Fleisch noch nicht wieder erschienen bist?“

Jetzt sind wir erst im Stande, die Absicht dieser Reise nach der Hauptstadt Tibets, und den Zusammenhang dieser ewigen Klage zu verstehen.

In Paro, einem Flecken hinter Tassissudon, nicht weit von dem festen Schlosse Dukka Jeung, blüthe seit lange eine Götzenmanufactur, deren Vorsteher in letzter Zeit Hali-Jong gewesen war. Schon von seinem Vater hatte er diese tibetanische Theogonie geerbt, und ebenso die Kunst, die in ihr betrieben wurde. Seine Brüder erhielten an der Fabrik den Antheil, der ihren Fähigkeiten gebührte. Der eine ciselirte und schuf die Modelle in Wachs und Thon, der andere besorgte die Mischungen des Metalls oder der Erdarten, der dritte leitete die Vergoldungen und die mannichfachen Zierrathen, die nicht nur die Wunderkraft der Talismane, sondern auch ihren Preis erhöhten. Hali-Jong stand Allem vor; praktisch und gewandt, hatte er für Alles ein Auge; er besorgte die Ankäufe des Metalls, der Farben, der Erden; er prüfte die bossirten Modelle, untersuchte den Guß, verwarf die mißrathenen Stücke, zeigte die Stellen, die sich am geschmackvollsten vergolden ließen, lenkte den Verkauf und führte die Bücher über Einnahme und Ausgabe, worin ihm seine geliebte Gylluspa, welche die trefflichste Erziehung genossen 14 hatte, mit Eifer beistand. Man vermuthet vielleicht, daß sich Hali-Jong bei diesem ununterbrochenen Verkehr mit Göttern eine gewisse Geringschätzung für sie zur andern Natur gemacht hatte, und deßhalb vielleicht von den Zionswächtern Tibets, den Mönchen, zur Verantwortung gezogen sey. So erwiesen die letzte Thatsache ist, so unwahrscheinlich ist die erste. Nein! Nur darin lag Hali-Jongs Unglück, daß er zu sehr praktischer Geschäftsmann und zu wenig Theolog war. Ich weiß nicht, ob man in Tibet die Religion mit der Zeit fortschreiten läßt; zweifle aber daran, und beklage den Vorsteher der Götzenmanufactur von Paro, daß er zu viel ästhetischen Sinn und Geschmack hatte. Denn diese für den Künstler unstreitig unschätzbare Tugend war ohne Zweifel die Schuld, warum er in der Bildung der Nasen bei seinen Göttern eine bedenkliche Neuerung einführte. Hali-Jong suchte sich zwar stets zu überreden, daß er der Tradition treu geblieben sey, und die Proportion zwischen der Nasenspitze und der Oberlefze immer so gebildet habe, wie sie die Götter seit ewigen Zeiten gehabt hätten; aber was weiß ich? Die Ketzerrichter bemerkten nun einmal seit einiger Zeit, daß namentlich an den Mahamuni-Bildern eine höchst verderbliche, dem Glauben der Völker gefährliche Veränderung vorgegangen war. Es wurde deßhalb in Lassa ein großes Concil berufen, wo man einige der bedenklichen Bilder in Untersuchung zog, und ihre Formation sowohl mit den bestehenden kanonischen Bestimmungen, als mit der in andern Werkstätten üblichen 15 verglich. Es war keine Bagatelle, um die es sich handelte, sondern um etwas Wesentliches, etwas Normales. Was bezeichnen die Nasen der Götter? Unstreitig, daß sie sie überall hineinstecken, also ihre Allgegenwart. Ist nun der Mund von jeher der Sitz der Allmacht gewesen, weil ein Gott nur zu sprechen braucht, um etwas dastehen zu haben: so folgt, daß die Zerstörung der alten Proportion zwischen diesen beiden Gesichtstheilen ein versteckter Kampf gegen die Dogmatik ist. Wird die Wirksamkeit der Götter nicht in Zweifel gezogen, wenn man ihre Nasen in eine zu weite Entfernung vom Munde bringt? Das Concil von Lassa war auch keinen Augenblick länger über diese Ketzerei unentschieden. Es verdammte einstimmig die Neuerung, und rief den Vorsteher der neologischen Fabrik als einen Gottesverächter, Spötter und Schänder der heiligsten Religion vor seine Schranken. Dieß war der Grund, warum der unglückliche Hali-Jong die beschwerliche Reise unternommen hatte. Wer die Geistlichkeit von Tibet kannte, durfte über sein Schicksal nicht länger in Zweifel seyn.

Wir sind nur gewohnt, die Religion mit der Kunst in der engsten Verbindung zu sehen. Wir suchen die eine durch die andere zu vervollkommnen, und haben oft die merkwürdige Erscheinung erlebt, wie die eine zur andern eine Brücke zog, die uns bald frömmer, bald geschmackvoller machte. Hali-Jong ahnte dieß Verhältniß, vermochte aber nicht, 16 ihm nachzuhängen, weil er sein Verbrechen nicht eingestehen wollte. Nur zuweilen dämmerte es vor seiner Seele; es blitzten einige Gedanken an ihr vorbei, als hab’ er den Göttern einen Dienst erwiesen, daß er sie schöner, gefälliger, einschmeichelnder, menschlicher geformt. Menschlicher? Er erschrack vor diesem Geständnisse, und vergaß auf einen Augenblick, daß ja auch der größte Gott, Dalai Lama, den menschlichen Körper anzulegen nicht verschmähte. Diese Vergessenheit überraschte ihn nicht weniger; es ward ihm dunkel vor den Augen; er war durch diese Reflexion auf den Weg gekommen, entweder ein scharfsinniger Theolog oder ein ungläubiger Atheist zu werden. Ihm schien nur das letzte möglich, und er versank deßhalb in völlige Apathie.

Es war inzwischen dunkler geworden; die Gefahr des Weges verlangte, daß man sich ihm nicht anvertraute, wenn man ihn nicht vollkommen kannte. Die kunstvollen Kettenbrücken, die zwischen den spitzen Felsen befestigt waren, ließen sich nur am Tage betreten, da jeder Schritt auf ihnen sorgfältig berechnet werden mußte. Die Gesellschaft war still und schweigsam; denn beim einbrechenden Zwielicht wagt kein Tibetaner auf dem Gebirge laut zu reden, weil um diese Zeit die Berggeister, die finstern Dewta’s, zu schwärmen beginnen, und den Reisenden durch Irrwege und schwarze Wolken necken und erschrecken. Ein zu lautes Wort macht, daß sich die schweren, hängenden Wolken sogleich entladen, und 17 Regengüsse auf die unvorsichtigen Schwätzer herabgießen.

Man war so glücklich, bald auf ein Dorf, wo man übernachten konnte, zu treffen. Es klebte dicht am Abhange einer riesenhaften Felswand, hatte aber die Aussicht auf ein geräumiges Thal, das nur durch zwei sich gegenüberstehende Pforten zugänglich war. Die Häuser lagen in ziemlicher Entfernung von einander, und waren dürftig aus Holzstämmen aufgeführt. Die tibetanische Bauart, so verschieden auch die Materialien und die innere Ausstattung seyn mögen, ist überall dieselbe. Die Häuser stehen auf einigen hölzernen, in den Boden eingerammten Pallisaden, die noch hoch über das erste Stockwerk hinausragen, und also erst im zweiten bewohnbar sind. Der untere Raum dient zum Aufbewahren der Früchte, der Geräthschaften, zur Stallung des Viehes, und in den obern begibt man sich vermittelst einer Leiter, die von außen hinaufführt.

Die Gastfreundschaft der Gebirgsbewohner ließ bald eine Herberge finden. Die ermüdeten Rosse wurden von ihrer Last befreit, gefüttert, und in das erste Stockwerk eines solchen von uns beschriebenen Hauses geführt, wo man sie sorgfältig in Decken einhüllte, um sie vor der empfindlichen Nachtkälte zu schützen. Die Diener verschmähten nicht, dieselbe Stelle einzunehmen, und die Brüder des Herrn hatten Lust, im obern Raume ihrem Beispiele zu folgen. Nur Hali-Jong, Speise und Trank zurückweisend, zog vor, noch auf dem grünen Platze vor der Herberge sich niederzulassen. Schon 18 seit vielen Nächten war seinem Auge der Schlaf geflohen, nur seiner Gylluspa gelang es zuweilen, ihm durch ihre Lieder und die Töne, welche sie kunstfertig der Guitarre, einem in Tibet eben so bekannten Instrumente, wie das Flageolet, zu entzaubern wußte, die Ruhe zu verschaffen, deren er so sehr bedürftig war. Sie setzte sich neben ihn auf einen ausgebreiteten Teppich, und wie die übrigen Väter vernahmen, daß sie die zarten Saiten ihres Instrumentes anschlug, da banden sie alle ihre schon sinkenden Kleider wieder fest, und eilten auf den grünen vom Mondschein beleuchteten Plan in ihre holdselige Nähe.

„Wie fühl’ ich die Allgegenwart Gottes,“ sagte Hali-Jong, nachdem Gylluspa den ersten Gesang beendet hatte; „ist es nicht, als zeigten alle diese wilden, großen Felsen aus tausend Ritzen unzählige Nasen, dieß symbolische Organ, an dem ich mich so frevelhaft versündigt haben soll? Meine Leiden machen mich zum Visionär; und dennoch muß ich, was Andere als eine himmlische Offenbarung schätzen würden, eine Pein nennen, die mich mit Schrecken verfolgt. Dem Unglücklichen, welcher das Rechte fehlte, wird es jetzt in unzähligen Modellen geboten, so daß es mir den Schweiß der Angst austreibt. Dieser Baum, jene Wolke, dort der Stein, du mein Bruder, und du, und du, Gylluspa, ja die Tastatur deiner Guitarre, Alles rinnt mir in jene Gestalt zusammen, gegen die ich so unselig verstieß. Welcher Fakir würde diese Vision nicht für einen gotterleuchteten Zustand, für ein Schauen in das 19 Jenseits halten, und deßhalb kanonisirt werden? Ich, der ich nun auch die Geisterwelt in die unsre hereinragen sehe, darf nur darauf rechnen, deßhalb verdammt zu werden. Ach, meine Brüder, das ist der Zustand der Unseligen jenseits im Grabe, daß sie die Seligkeit genießen, und doch Ekel an ihr empfinden werden.“

Die Brüder ehrten um so mehr den Schmerz Hali-Jongs durch Stillschweigen, als er wider seine Gewohnheit sich das Zugeständniß seiner Schuld entschlüpfen ließ. Gylluspa schlug wieder die Guitarre an, und sang ein Lied von Narrain, dem tibetanischen Krisna und Apollo, und seiner Liebe zu den Huli’s, den schönsten Mädchen des Paradieses.

Eine Veränderung der Scene unterbrach diesen Gesang, dem die Männer mit aufmerksamer Wonne gelauscht hatten. Aus dem Gebirgspasse, der dem von den Reisenden betretenen gegenüber lag, brachen plötzlich einzelne verworrene Laute, die allmählich immer stärker wurden. Es war ein Getös wie von metallenen Instrumenten, die von Trommeln und rufenden Menschenstimmen begleitet waren. Lichtstrahlen fielen durch die dunkle Oeffnung des Thales, und ein voransteigender dichter Rauch kündigte einen nächtlichen Fackelzug an. In tumultuarischem Anlauf brach jetzt eine dunkle Horde von Menschen in das Thal, in wildem Aufzuge einzelne verzückte Ausrufe ausstoßend, und sie mit den lärmenden, kupfernen Kesselpauken begleitend. Diese Menschen erschienen zum Theil nackt, zum Theil mit langen Röcken bekleidet, um welche endlose Stricke gebunden 20 waren. Mit den unbefestigten Enden dieser Stricke geißelten sie sich selbst und untereinander mit einer barbarischen Wuth und Erbitterung, deren Grund man in den Vergehungen suchen muß, die sie auf diesem Wege büßen wollten. Je beispielloser und blutrünstiger diese Liebkosungen waren, desto tiefer empfundener die Reue. Wenn man weiß, daß es für entnervte Körper eine Wollust ist, geschlagen zu werden, so wird man sich das Vergnügen erklären können, das die Gesellschaft über ihre schlagenden Unterhaltungen zu empfinden schien. Auf diese Weise durchstreifen die Sunneassers oder Fakirs die Gebirge, welche Indien und Tibet verbinden; die seltene Genügsamkeit, die sie sich auferlegen müssen, macht, daß ihre tumultuarischen Züge nicht denen der Heuschrecken gleichen, die ihre Richtungen nur mit Verwüstung bezeichnen. Im höhern Tibet werden diese Karavanen seltener, weil sie mit unüberwindlichen Schwierigkeiten des Orts verbunden sind, und aus der nur schwachen Bevölkerung sich nicht so vervollständigen können, wie in dem bevölkerten Süden. Sie stehen aber überall im Geruch einer großen Heiligkeit, und werden von allen Gläubigen beneidet, denen das Geschick nicht vergönnte, die heiligsten Wallfahrtsorte zu besuchen. Welcher Sunneasser hätte sich auch nicht in den Fluthen des Ganges gebadet? Dieß war eine Weihe, die einer Verjüngung zur Unsterblichkeit gleichkam.

Hali Jong und seine Brüder waren bei der ersten Annäherung der wilden Heiligen aufgestanden, und hatten sich, Gylluspa in ihre Mitte schließend, ein eine 21 demüthige Stellung begeben. Die Pilgrime schienen im Thale rasten zu wollen, würden aber ihr Gelübde frevelhaft überschritten haben, hätten sie sich zur Ruhe niedergelegt. Eine lange Gewöhnung gab ihnen die Fähigkeit, auch stehend zu schlafen, wozu sie sich aber, obschon der Mond im Zenith stand, noch nicht anschickten. Alle Bewohner des Dorfes hatte die Ankunft der heiligen Männer aufgeweckt, sie stiegen aus ihren Hütten herunter, und warfen sich, den Segen der Pilgrime erflehend, nieder. Diese selbst bildeten einen Kreis, und begannen unter der magischen Fackelbeleuchtung, in ihrem abenteuerlichen Aufzuge, einen geheimnißvollen, aber wilden und für uns unehrbaren Tanz, dessen Mystik die eleusinische noch zu übertreffen schien. Aber Hali-Jong verstand vortrefflich, daß sie nichts als die Menschwerdung Colis vorstellten: eine Scene, die er sehr oft in Kupfer ausgeführt, und sein Bruder Heli-Jong mit blauer und rother Farbe angestrichen hatte.

Jetzt öffnete sich der Kreis der Büßer, und eine Veränderung trat ein, die ohne Zweifel das Finale dieser asiatischen Moralität vorstellen sollte. Eine halbnackte, jugendliche, kräftige Gestalt stürzte aus dem Cirkel heraus, blieb dann plötzlich stehen, warf sich wieder zurück, drehte sich im Kreise, und in demselben Augenblicke zog sie Bogenwindungen, als sey sie Peripherie und Centrum zu gleicher Zeit. Dabei klirrten unzählige Schellen und Glöckchen, die auf langen ledernen Bändern befestigt waren und den Leib umgürteten. Eine 22 Krone von Federn saß auf dem Haupte, und schien die wunderbare Schnelligkeit dieser verzückten Bewegungen zu beflügeln. Die Augen leuchteten in einer Verklärung, die der Erde schon entrückt war. Die kleinsten Theile am Körper, die Fingerspitzen, die Fußzehen, waren wie von einer elektrischen Bewegung ergriffen. Alles regte sich an dem Tänzer, und die versammelten Tibetaner fühlten den Zauber nach, der in seinen phantastischen Wendungen waltete. Sie verstanden diese gestreckten Lagen, wo sich Arm, Rumpf und Fuß zu einer einzigen geraden Linie vereinigten, – die plötzliche Verschränkung dieser Gliedmaßen, die so schnell vor sich ging, daß man sie auf einen Augenblick aus dem Gesichte verlor, – diese Umarmungen eines Gegenstandes, der zuletzt Niemand war, als der Tanzende selbst, – diese wunderbaren Touren, die er im pfeilschnellen Fluge nach allen Seiten, und nach allen fast zu gleicher Zeit hinzeichnete. Und als dieser erleuchtete Seher in den Kreis der Uebrigen wieder zurückflog, und dieser unter lautem Geschrei, Fackelschwingen und Lärmen auf den großen Paukenkesseln geschlossen wurde, da warf sich Alles neunmal auf die Erde nieder, und erhob eine Anbetung, daß vor Inbrunst die Berge widerhallten.

Wie der Schall einer Glocke allmählich in leisere Luftschwingungen verhallt, so nahm auch der ungeheure Ausdruck der religiösen Begeisterung in einem immer schwächern Ton ab, bis nach und nach ein leises Murmeln eintrat, und zuletzt eine feierliche Stille, die um so mehr gegen das Vorangegangene abstach, als auch 23 die Fackeln verlöschten, und die Mondstrahlen sich hinter einer Bergspitze sammelten. Die Dunkelheit verbirgt das merkwürdige Schauspiel einer im Stehen schlafenden Menge. Die Dorfbewohner stiegen in ihre Häuser, und Hali-Jong nebst seinen Brüdern, heftig ergriffen von diesen wunderbaren Scenen, folgte ihnen, voller Seligkeit, heute gleichsam in den Vorzimmern der Göttersäle zu ruhen.

24 Zweites Capitel.#

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Wer nicht seine Gedanken in die Ferne trägt,

hat den Gram in der Nähe.

Khung-Fu-Dsii.

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Gylluspa’s Reize umschloß ein kleines Zimmer, das durch mehrere Vorhänge von dem Lager ihrer Väter geschieden war. Wir können jetzt zum erstenmale einem Wesen unsre ungetheilte Aufmerksamkeit schenken, dem wir im Verlauf dieser Erzählung noch oft, und zwar immer im Vorgrunde begegnen werden. Könnten wir eine schönere Stunde, als die der Nacht dazu wählen, um die seltene Schönheit dieses Zöglings der asiatischen Alpen, ihre Gefühle, ihre Träume und ihre Hoffnungen zu belauschen?

Tibet ist das Land der Weiber-Emancipation. Hat der berühmte Orientalist St. Martin die Religion dieses Volkes als eine überraschende Annäherung des Katholizismus empfohlen, so wundert es mich, daß die St. Simonisten diesen Staat noch nicht citirt haben, um einige ihrer, die Weiber betreffenden Lehren zu erläutern. In Tibet hört die Bevormundung auf, die die Männer fast überall über die Frauen ausüben. Die prüde Sittenrichterei über den Wandel einer Unverehelichten ist hier unbekannt; man gewährt sich unter ein-25ander die Freiheiten, die man sich selbst nimmt, und verlangt von dem Weibe erst dann Enthaltsamkeit und Beschränkung, wenn sie in eine Familie als Gattin eingeführt ist, – eine Ceremonie, die übrigens in den einfachsten, factischen Formalitäten, ohne alle Herbeiziehung priesterlicher Symbolik, besteht. Das abenteuerliche Institut der Vielmännerei kömmt allen Verirrungen entgegen, macht sie nicht nur unschädlich, sondern benimmt auch den ehelichen Verbrechen jeden Reiz, der in dem Verbote immer liegen wird. Allerdings sinkt dadurch die Liebe auf die niedere Stufe der Alltäglichkeit herab; aber erwägt man auf der einen Seite, daß einem Priesterstaate nichts willkommener seyn kann, als die Erstickung der Leidenschaften, die eine Uebertretung des gesetzlichen Cölibats herbeiführen, und auf der andern Seite, daß die Liebe an der Hand einer unerklärlichen Macht, der gegenseitigen Achtung und der Gewöhnung geht, und niemals ausbleiben wird, wo noch zwei Herzen in einem Freundschaftsbunde ihren Himmel sehen: so läßt sich nicht zweifeln, daß auch in Tibet der süße Quälgeist der Herzen seine Wunden schlägt, seine Siege und Triumphe feiert. Sollten die Frauen denn aufhören, warm und zärtlich zu lieben, wenn ihnen die Wahl unter den Männern erleichtert wird? Sollten sie gegen die Treue gleichgültig werden, wenn sich an die Untreue keine Strafen, nicht einmal die Verachtung mehr knüpfen?

Gylluspa war in der ganzen Freiheit und Unabhängigkeit einer National-Tibetanerin erzogen worden. Der 26 frühe Tod ihrer Mutter gab ihr die Zügel ihres eigenen Wollens und Wünschens in die Hand; und doch konnte sie zum Muster dienen, daß die Freiheit nicht immer mit dem Mißbrauch derselben verbunden ist. Die Liebe und Sorgfalt, mit der sich während der ganzen Zeit ihres jungen Lebens vier Väter befleißigten, sie zu überschütten, gewöhnte sie früh daran, alle Dinge mit einem eigenen Gefühl von Hingebung und Zärtlichkeit zu betrachten. Die Eindrücke, die sie selbst empfangen, war sie auch nur im Stande, Andern wiederzugeben. Sie gewöhnte sich bald an alle Tugenden, die sonst nur im Gefolge einer berechnenden Ueberlegung oder einer ernsten Erfahrung einzutreten pflegen.

Zu diesen Vorzügen des Charakters gesellten sich die Vollkommenheiten einer ausgezeichneten Erziehung. Wer hätte in ganz Klein-Tibet so kunstvolle Charaktere auf Seidenpapier zeichnen können, als des Götzenfabricanten Hali-Jongs geistreiche Tochter? In feine Baumrinde verstand Gylluspa mit einem silbernen Stifte die artigsten Gemälde von Vögeln, Blumen, Göttern zu ritzen; sie malte mit einem dreihärigen Pinsel auf geglättetes Holz, und hatte viele Bilder, die in den fernsten Gegenden wie vom Himmel gefallen angebetet wurden, mit ihrer seltenen Kunstfertigkeit geziert. Was soll ich von dem Scharfsinne ihres Geistes, von der Feinheit ihrer Rede sagen? Sie wußte die Sagen der Götter schon in ihrem zehnten Jahre zu erzählen, in ihrem zwölften zu besingen, und in ihrem vierzehnten war sie Meister in der Fertigkeit, die alten 27 Dichtungen eben so geläufig von hinten herzusagen, als sie es schon vor vier Jahren von vorne konnte. Auch die Gabe der Verse fehlte diesem seltenen Kranze von Tugenden nicht. Sie wußte mit dem Sloka, den die tibetanische Poesie aus Hindostan adoptirt hatte, so vortrefflich umzuspringen, als nur je Valmiki oder der bayerische Lieutenant Graf Platen. Ihre Bilder ließen an Präcision nichts zu wünschen übrig. Den Muth verglich sie mit einem großen wilden Hunde, die Nachgiebigkeit mit der biegsamen Pflanze Pia, den Anlauf des Kampfes mit der Angst der Geburtswehen, und die Stärke mit dem Felsen Fataufatau. Wann das Laub von den Aesten fiel, und das große Herbstfest Mullaum eintrat, dann sang man in Paro nach den althergebrachten heiligen Weiheliedern stets die Dichtungen, die aus Gylluspa’s kunstreicher Rohrfeder geflossen waren. Nie ist der Kampf des Durga mit Sumnu Sum, dem Haupte der Racusses, schöner beschrieben worden, als von ihr.

Was ist aber alles dieß gegen den Zauber ihrer äußern Erscheinung? Wenn die Jünglinge aus der Hauptstadt Tassissudon kamen und die Männer von Paro beneideten, daß sie in dem ewigen Anschauen einer solchen Schönheit leben konnten? Gylluspa besaß alle die Körperreize, die für den Mittel-Asiaten so unwiderstehlich sind. Das dunkle schwarze Haar in zwei mächtige Zöpfe geflochten, die tief herabhängend am untern Ende mit Korallenschmuck, Türkissen, Seemuscheln geziert sind. Oben verband sie ein scharlach-28rothes Tuch, das geschmackvoll auf dem schönen Kopfe befestigt war. Für die Augen einer Tibetanerin fehlt es den Europäern vielleicht an Empfänglichkeit, aber die künstliche Richtung, die ihnen früh nach dem Ohre zu gegeben wird, macht auf den Eingebornen einen um so stärkern Eindruck, je kürzer die Entfernung zwischen dem Augenwinkel und der Ohrtrommel ist. Vielleicht liegt in dieser Annäherung die symbolische Lehre, daß namentlich die Frauen auf nichts hören sollen, was sie nicht auch zu gleicher Zeit mit ihren Augen wahrnehmen.

In allem Uebrigen entsprach Gylluspa den Anforderungen, die der verwöhnteste Europäer an eine Grazie nur machen darf. Regelmäßig gezeichnete starke Augenbrauen, lange Wimpern über den Sternen, blendende Zähne, ein schlanker, unmerklich mit dem Nacken sich verschmelzender Hals, ein hoher Wuchs, und ein Fuß, der sich von der in Tibet einreißenden chinesischen Mode des mumienartigen Verkümmerns desselben gänzlich frei erhalten hatte. Würde man das Bild der jetzt auf einem Löwenfelle hingestreckten Nymphe gezeichnet haben, so durfte der Künstler hinter den Vorhängen die versteckten Amoretten nicht vergessen, die sich an dem Anblick dieser Formen, an dem leisen, schwellenden Athmen des hingegossenen Körpers lüstern und wonnetrunken weideten.

Ungeachtet Gylluspa nach der beschwerlichen Reise und dem ungewohnten Ritte der Ruhe bedürftig war, so umschlangen sie doch die Arme des Traumgottes nicht so fest, daß sie hätte einschlafen können. Gaukelnde 29 Bilder zogen an ihrer Seele vorüber, und verscheuchten die Genien, die sich auf ihren Augenliedern ruhen wollten. Die Erscheinung der Sunneassers und der Tanz des jungen Schamanen hatten den lebhaftesten Eindruck auf sie gemacht, und in ihr Erinnerungen geweckt, an die sich eine lange Kette von Klagen und Seufzern schloß. Sie richtete sich von ihrer Decke auf, und das Haupt in ihre Hand legend sann sie den Zufällen nach, die ihr junges Leben betroffen und die schönsten Hoffnungen desselben zerstört hatten. Dieser Tänzer ließ sie wieder einen Augenblick in das Paradies blicken, das sie auf ewig für sich geschlossen glaubte; sein leidenschaftliches Auge, seine kräftige Gestalt, die finstere Stirn, das Meisterstück seiner bewunderten Kunst erinnerten sie lebhaft an frühere verschwundene Tage, wo sie den Schaman in der Nähe eines ihr Theuren und nach seinem Verlust Unersetzlichen gesehen hatte. War es der nicht, den sie glaubte, so ließ sich jetzt die Geschichte der Vergangenheit, die in der stillen Einsamkeit der Nacht an ihr vorüberzog, nicht mehr dämmen, sondern eine Erinnerung erzeugte die andere; immer neue Hüllen sprangen ab, und zeigten neue, die sich wieder zu andern Betrachtungen lös’ten, und zuletzt ein schwaches, verwundetes, gepeinigtes Herz zurückließen.

Ein dämmernder, halbwacher Traum legte sich endlich auf Gylluspa’s brennende Augen, aus dem sie zuweilen durch die tiefen Seufzer ihres Vaters, die aus dem dritten Zimmer bis zu ihr drangen, geweckt wurde. 30 Sie träumte von den Tagen ihrer ersten Jugend, die sie auf dem hohen Schlosse von Dukka Jeung mehr verlebt hatte, als in den geräuschvollen Werkstätten Hali-Jongs. Sie träumte von den kindischen Spielen, die sie mit Maha Guru und seinen Brüdern getrieben, von den tausend Belustigungen, die sie als Kinder entzückten, und erst dann aufhörten, als Maha Guru nicht mehr in die Lieder einstimmen konnte, weil seine Stimme männlicher wurde, und in der Uebergangsperiode nur rauhe, unmelodische Töne von sich gab. Ihr Herz pochte stärker, als sie der einsamen Wanderungen in den Eichen- und Buchen-Wäldern um Dukka Jeung gedachte, und der trauten Gespräche, der Ahnungen einer künftigen heißen Leidenschaft; wie Maha Guru’s zweiter Bruder sie oft überraschte, wenn das zärtliche Paar sich an einen einsamen Ort begeben hatte, um sich von den Göttern, von den Thieren, den Pflanzen, Steinen, von den Theilen des menschlichen Körpers, von der Seele, von den Gefühlen des Herzens zu unterhalten. Wohin war jetzt Maha Guru, der geliebte Lehrmeister, gerathen? wohin seine Brüder? Sollte sich Gylluspa nicht getäuscht haben, wenn sie in dem jungen Schamanen eine Aehnlichkeit mit dem ältern Bruder finden wollte?

Diese Fragen konnte sie sich nur wachend aufwerfen, denn Hali-Jong hatte einen so unruhigen Schlaf, daß er sich im Traume wälzte und streckte, und zuweilen laut sprach. Ihre Phantasie führte ihr dann neue, und doch immer wieder die alten Bilder vor. Sie 31 träumte sich in der großen Götzenhalle von Dukka Jeung, wie sie mit Maha Guru vor das Bild des Dewta Tschugtschu die heilige Lotospflanze stellte, die er im Teiche gebrochen; wie sie sich niederwarf, wie es ihr dann däuchte, als sey Maha Guru an die Stelle des Dewta Tschugtschu getreten, und werde von ihr an seinen glänzenden Füßen mit andächtigster, liebeseliger Hingebung geküßt. Es rauschte der Vorhang, der vor dem Fenster hing und der Halle ihr geheimnißvolles Dunkel gab; sie wandte sich im Traume um, und erblickte den Schamanen, wie er das Gewebe zurückbog und durch die Oeffnung stieg, um den Götzen umzustürzen; da rief Hali-Jong seufzend: „um zwei Linien verfehlter Proportion den Feuertod!“ Sie erwachte. Sie hatte mit offenem Auge geträumt; denn bis auf Maha Guru, den Götzen Tschugtschu und die Lotospflanze hatte ihr die Phantasie nur Wirkliches gezeigt. In der That, an dem Vorhange des Fensters zeigte sich das dunkle Antlitz des Schamanen.

Ein Mädchen, im Schlafe von einem Manne überrascht, wird immer zusammenschrecken, sie mag am Orinoko, an der Spree, an der Hudsonsbai oder auf den Voralpen des Himalaya geboren seyn. Aber das Indecente eines solchen Besuchs kann man nur in Tibet so rasch vergessen. Der Fremde blieb auch dieß nicht länger für Gylluspa. Als er ihr zugerufen hatte: „fürchte dich nicht, du Taube von Paro!“ und der Mond seine Strahlen auf das blasse, ernste Antlitz des Besuchers fallen ließ, da erkannte sie die Wahrheit 32 ihrer Vermuthungen, folgte ungesäumt der Aufforderung des Schamanen, in die Mondnacht hinauszusteigen, und sprang, freudig über dieß unverhoffte Wiederfinden, von ihrem Löwenfelle auf. Einen langen persischen Shawl um ihre schönen Glieder werfend, stieg sie mit Hülfe ihres Begleiters die Leiter herab.

Der Schaman hatte seine abenteuerliche Tracht abgelegt, und sich in einen weiten dunkelrothen Mantel gehüllt. Wie ernst auch seine Züge blieben, so war die Freude des Wiedersehens doch in ihnen unverkennbar. Er schloß Gylluspa zärtlich in seine Arme, und hörte lange nicht, daß sie ihn schon mit tausend Fragen bestürmt hatte, die auf nichts zurückkamen, als auf Maha Guru. Der Bruder wich diesen Fragen aus, vertröstete sie auf baldigen Bescheid, und sagte: „Soll ich von Hoffnungen früher sprechen, meine Gylluspa, als von dem Wesen, das sie noch hegen kann? Was erwartest du in Lassa? Was wird dein Vater zu seiner Vertheidigung thun können?“

Gylluspa blickte den Schamanen betroffen an. „Du zweifelst an dem glücklichen Erfolge dieser Reise?“ sagte sie. „Du warst in Lassa, man kann des Verbrechen meines Vaters nicht größer machen, als es ist, und die Strafe nur im Verhältniß zur Geringfügigkeit seiner Schuld verhängen.“

„Du hältst deine Wünsche für die gewissesten Erfolge,“ war die wenig beruhigende Antwort.

„Die Feinde deines Vaters werden mächtig seyn, 33 wenn seine Freunde ihn auf einen Moment aus dem Auge verlieren“

„Was Feinde? Was Freunde?“ entgegnete ungläubig Gylluspa; „es ist der Vorwurf seines Verbrechens selbst, der ihn schützen muß. Die erleuchtete Weisheit der Hohenpriester von Lassa wird den Knaben nicht verdammen, wenn ihm sein Ball in einer andern Richtung fliegt, als die er beabsichtigte.“

„Diese Weisheit, meine kluge Freundin, ist dem Knaben um so gefährlicher, je erleuchteter sie ist.“ Doch setzte der Zweifler hinzu: „Ich will deine Besorgnisse nicht vermehren, weil in Einem Falle nichts zu fürchten ist. Denn so lange der Regent, der die Stelle des Lama bis zu seinem Wiedererscheinen im Fleische vertritt, noch unter den Lebenden ist, läßt sich nur eine billige Gerechtigkeit erwarten. Diesen Fall wird das gütige Schicksal binnen einem Monate noch nicht aufheben. Und kömmt er wieder, der Herr der Welten, und würdigt die Völker, ihre Gestalt anzunehmen –“

Der Schaman beendigte diesen Perioden nicht, sondern beschloß ihn mit einem leisen, fast spöttischen Lächeln. Gylluspa konnte darin nur eine Beruhigung finden; denn mußte sie nicht schließen, daß Niemand die bösen Gedanken von den unschuldigen besser zu trennen wüßte, als der Gott, welcher den Schlüssel zu allen Herzen hat? Sie ging einen Augenblick schweigend neben ihrem Begleiter, um die Frage nach dem Schicksale seines Bruders nicht zu rasch an das ihres Vaters zu reihen; aber dieser erleichterte ihr den Ueber-34gang. Sie standen hinter den Gärten des Dorfs, die von blühenden Himbeerhecken eingefriedigt waren, und einen würzigen Duft in die stille, nächtliche Gegend, die in diesem Thale, und unter der Beleuchtung des Monds, den wilden, schroffen Charakter gänzlich verloren hatte, ausgossen.

Der Schaman zog Gylluspa an seine Brust, küßte die nicht Widerstrebende, und begann sein Loos zu beklagen, das ihn und die Brüder von Dukka Jeung entfernt, und in eine von der alten Einsamkeit so verschiedene Laufbahn geworfen hatte. „Dennoch, Gylluspa,“ fuhr er fort, „haben wir dich nie aus den Augen verloren. Ich war oft in deiner Nähe und belauschte dich in den Beschäftigungen, die an die Stelle unserer frühern Spiele getreten waren. Ich suchte die Oerter auf, die alle durch deine Fußtapfen geheiligt waren, und brachte Kräuter, Gräser, Blumen zu den Brüdern zurück, die, wenn sie welk waren, von Maha Guru’s Thränen wieder erfrischt wurden.“

„Aber warum verbergt ihr euch? Warum verließet ihr plötzlich Dukka Jeung? Warum kehrte Maha Guru nicht wieder zurück?“

„Mein Bruder? Er kann in den irdischen Wohnungen nicht mehr wechseln, weil er sie alle verlassen hat.“

„Er ist todt?“

„Er lebt, und ist gestorben: erst dann wird er sterben, wenn er zu leben wieder anfangen wird.“

„Du sprichst in Räthseln, die ich nicht lösen kann.“

35 „Wer, meine Gylluspa, hat je die Windungen der Räthsel verfolgen können, die sich auf dem Simnu, dem Götterberge, angelegt haben? Maha Guru ist das Räthsel der Welt, Niemanden verständlich, als ihm. Du frägst, wo du ihn findest? Ich hab’ ihn in meine Arme geschlossen, ihn mit meinen Liebkosungen bedeckt; und lagen dann Hunderte von Felsenspitzen zwischen mir und seinem Nachtlager, da ich ihn in der Frühe gesehen, so hatt’ ich ihn noch immer in meiner Nähe. Die duftige Staude an der Felswand? Was ist sie? Ein süßer Hauch seines Mundes. Die sprudelnde Quelle, die sich durch die Steinritze drängt? Was trink’ ich an ihr? Das Athmen seines göttlichen, seligen Lebens. Der Vogel in der Luft, der Mond am Himmel, die Tag- und Nachtgleiche, ein Stück wollenes Zeug? Was hab’ ich daran? Alles, was da ist und seyn wird; ich bin der Zwillingsbruder aller Dinge. Gylluspa, deine Augen, deine Wangen, dein dunkles Haar? Sie sind nicht dein, sie sind Maha Guru’s, du selbst bist sein Ebenbild, das ich anbetete. Der Bruder sinkt vor dem Bruder in den Staub. O großer König, gib mir deine Liebe!“

Gylluspa erschrack vor dieser wahnsinnigen Irrrede, und wehrte den Schaman ab, der vor ihr niedergefallen war, und den äußersten Saum ihres Shawls berührte, als gält’ es den Pantoffel des Papstes zu küssen. Sie flehte und beschwor ihn, seine Besinnung zu sammeln, und seines enthusiastischen Irrthums mächtig zu werden. Der Niedergesunkene erhob sich, seine 36 Feierlichkeit war verschwunden, und er sagte: „Freundin, das ist das Räthsel Maha-Guru’s, das du selbst für unauflöslich erkennen wirst. Ziehe in Frieden mit deinen Vätern gen Lassa! Sind Hali Jongs Götzenbilder auch in der Form, die er ihnen eigenmächtig gegeben hat, göttlicher Kraft und Gewalt, so werden sie den Meister, der sie geschaffen hat, in ihren Schutz nehmen, und sich damit selbst den Stempel ihres göttlichen, unantastbaren Rechtes aufdrücken. Sey unbekümmert um die Zukunft deines Vaters und um die deinige, selbst dann, wenn die Priesterschaft für ihren Wahnsinn ein Opfer haben will! Maha Guru? Du wirst ihn wieder finden. Die Strahlen einer großen Sonne werden in Lassa dein Auge blenden.“

Gylluspa weinte, denn sie war unfähig, aus allen diesen verworrenen Aeußerungen, hinter denen eine unläugbare Wahrheit verborgen liegen mußte, einen Schluß zu ziehen, der ihr verständlich gewesen wäre. Ihr Scharfblick, der sich in so vielen Fällen bewährt, und ihr den Ruf einer Turandot verschafft hatte, scheiterte an der Rede und dem seltsamen Benehmen des Schamanen. Dieser geleitete sie wieder zur Leiter, die in ihre Kammer führte, zurück, brach eine Lilie, die am Wege stand, und verließ sie mit den Worten: „Ich habe nur einen Staubfaden aus dem Kelche dieser Blume gerissen. Befeuchte sie mit dem frischesten Thau, und dennoch wird sie morgen todt und welk in deiner Hand liegen.“

In dieser Art von Räthseln war Gylluspa erfahr-37ner, sie beschloß darüber nachzudenken, während schon der festeste Schlaf ihrer Erschöpfung zu Hülfe kam. Der Schaman kehrte unter die steif aufgepflanzte, schnarchende Horde der Sunneassers zurück; er allein durfte sich zu Boden legen, weil er weder Geistlicher, noch Büßender war.

Endlich brach der Morgen an, von dem Hali-Jong wohl wußte, daß mit ihm der jüngste Tag seiner Freiheit gekommen war. Mit dem Abend dieses Tages zog man in Lassa ein, und über Nacht schon konnte das peinliche Verfahren der tibetanischen Inquisition seinen Anfang nehmen. Er ließ Alles um sich geschehen. Sonst gewohnt, nichts unbeachtet zu lassen, jeden Sattelgurt zu prüfen, an jeder Arbeits-Verrichtung seiner Diener etwas zu tadeln, hier etwas höher, dort etwas tiefer geschnallt, hier etwas offen, dort etwas bedeckt zu wünschen, sah er heute in die Welt, die ihn verrathen hatte, mit gläsernen matten Augen hinein. Er bemerkte Alles und bemerkte Nichts. Er ließ minutenlang sein Auge auf Gylluspa ruhen, und hätte mit derselben Zärtlichkeit den Schweif seines Pferdes ansehen können; denn er unterschied nichts mehr. Die Dinge hatten ihre Umrisse, die Umrisse ihre Farben verloren; er war von einem grauen Nebel umhüllt, und sank in seine eigne Ohnmacht hin. Die Brüder mußten ihn auf den Sattel setzen, die Reitgerte in seine Hand legen, und ihm sogar ihren Mund leihen, um dem Pferde das Zeichen des Abmarsches zu geben.

Die Polizei ist nicht immer die nothwendige Folge 38 des Despotismus. Wo die Völker für Fesseln, die sie tragen, kein Gefühl und keinen Zorn haben, da bedarf es keiner Zwangsmittel, keiner Trabanten, die den Leib des Herrschers und den Geist seiner Gesetze bewachen. In Europa lodert die Freiheitslust am hellsten, und wir besitzen die organisirteste Polizei: die türkische steht schon auf einer niedrern Stufe, weil sie weniger zu thun hat: die tibetanische –? Diese existirt gar nicht, obschon der Despotismus der dortigen Hierarchie für uns unerträglich wäre. Wir sehen einen Verbrecher in ruhiger Ergebung und Erwartung einer Leibes- und Lebens-Strafe nach dem Orte seiner Verurtheilung hinpilgern, ohne vorgeschriebene Reiseroute, ohne Ablieferung an die Behörden, ohne Commissäre, ohne Gendarmen und requirirte Bauerwagen. Der Gedanke einer Flucht kann in einem tibetanischen Verbrecherkopfe nie entstehen, weil die Hand Gottes, der Priesterschaft, überall ist, weil Dalai Lama über dreißig Millionen Königreiche der Erde herrscht, und weil die Geographie in diesem Lande eine noch unbekannte Wissenschaft ist. Man hat gesagt: verbreitet die Aufklärung, und die Gerechtigkeit wird leichter verwaltet werden. Jetzt lernen wir, daß nichts so sehr zur Vereinfachung der Polizeipflege dient, als die Beschränkung des Unterrichts. Wer von einem Hamburg und dem Dampfboote nichts weiß, wird keine Extrapost nehmen, um sich dahin mit untergeschlagenen Geldern aus dem Staube zu machen. Ich predige so loyale Lehren, daß ich mit Vergnügen sehe, wie sich 39 die Polizei-Präsidenten beeilen, auf meine künftigen Schriften zu pränumeriren.

Hali-Jongs Stumpfheit rächte sich bald. Die Tanguns-Pferde mit ihrem starken Halse, kleinen Füßen und kurzem Leibe sind zu kühn, als daß sie einer schläfrigen Hand gehorchten. Sein Roß bäumte sich, warf sich auf die Seite, und lief dann mit einer Heftigkeit auf dem gefährlichen Pfade fort, daß sich jeden Augenblick ein Sturz in die Tiefe befürchten ließ. Sein Reiter verlor den Zügel, seinen spitzen Hut, seine Stellung und lag mit dem Rücken auf dem wilden Thiere, das die Zurufe und der Lärm der Nachfolgenden nur noch heftiger anspornten. Es war ein Anblick, der Lachen erregen konnte, wie der ungeschickte Reiter die erste Widerspänstigkeit zu zügeln versuchte, dann sich verloren gab, die Beine in die Luft streckte, die kläglichsten Schreie ausstieß, sich mit den Händen rückwärts am Schweif des Thieres zu halten suchte, und endlich, um seine Anstrengungen zu krönen, zur Erde fiel. Glücklicherweise geschah diese Trennung von dem wilden Pferde einen Augenblick früher, ehe es in die Tiefe stürzte und zerschmettert den Abgrund erreichte. Der bleiche, zitternde Hali-Jong blickte seine nachgeeilten Gefährten mit bewußtloser Miene an; auf der Gränze zwischen Tod und Leben befindlich, setzte ihn jede Gefahr in Zweifel, ob er dem einen noch angehöre oder dem andern schon verfallen sey. Nur die Bemühungen seiner Brüder, der Anblick des zerschmetterten Pferdes, die Zurichtung eines neuen, gaben ihm die verlorne Be-40sinnung wieder. Er faßte dießmal die Zügel fester, und begann wieder einige Worte von sich hören zu lassen, womit er seine besorgte Familie über Alles erfreute.

„Die Ereignisse dringen auf mich ein,“ sagte Hali-Jong; „ich kann mich allmählich daran gewöhnen, ihnen zu unterliegen.“

„Die Gnade der Götter muß groß seyn über dir;“ entgegnete der erste Bruder.

„Dein Glück ist mächtiger als alle die Zufälle, die es bedrohen,“ der zweite.

„Man konnte nicht dem Verderben näher seyn, wunderbarer nicht gerettet werden,“ der dritte.

Diesen Bemerkungen ließ sich nichts entgegen stellen; denn Hali-Jong fühlte sich gesund und wohlbehalten in seiner Haut. Er fühlte auch die Beziehung, welche die Brüder ihrem Erstaunen auf die bevorstehende Katastrophe von Lassa gaben; aber hier schien es ihm Vermessenheit, den Willen des Schicksals günstig deuten zu wollen.

„Nein, meine Brüder,“ sagte er; „ich bin den Göttern als ein Opfer bestimmt, das sie jetzt nur gerettet haben, um später seiner desto gewisser zu seyn. Ich trage mich nicht mehr mit schmeichelhaften Erwartungen. Mein Leben hat die göttliche Ordnung der Welt gestört, gleichviel ob die verbrecherische Proportion ein Werk meiner Blindheit, oder meiner Vermessenheit, oder meiner Unvorsichtigkeit gewesen ist; deßhalb muß ich durch meinen Tod dafür sühnen. Dieß ist ein 41 alter Brauch, den wir nicht antasten wollen, weder mit Werken, noch mit unsern unheiligen Worten.“

Die abergläubischen Brüder wagten gegen solche Schlußfolgen nichts einzuwenden; sie vermochten sich nicht in Hali-Jongs Seele zu versetzen, der alle seine Beweisführungen nur deßhalb machte, damit man sie widerlegen sollte. Und da dieß Niemand konnte, die Brüder vielmehr dumm und verdutzt schwiegen, so fuhr der Arme fort: „Ich habe mein Haus bestellt. In meinen letztwilligen Verfügungen ist nichts enthalten, das eines frommen Lamaiten unwürdig wäre. Mein Vermögen ist in zwölf Portionen getheilt, von denen ich acht für euch, meine Brüder, und für dich, Gylluspa, die Tochter eines unwürdigen Vaters zurück gelegt. Mit dem übrigen Drittel will ich mir die Gnade erkaufen, daß meine Seele nicht in die Luft verschwindet, sondern bei ihrer Wanderung erhalten wird. Ach! möchte mich der große Lama dessen würdigen, daß ich einst in einem fremden Leibe, und sey es in dem eines Hundes oder einer Katze, Ruhe finde! Alle meine Lämmerheerden opfr’ ich dem Kloster in Tassissudon, sollt’ es mir da nicht vergönnt werden, in die Wolle eines bis jetzt noch ungebornen Schafes zu wandern! Die Früchte meines Obstgartens bestimm’ ich für den Zempi von Bukadewar, für einen heiligen Mann, dessen Bitten die Götter noch nie etwas versagt haben. Meine Kleider vererb’ ich für zehn Pilgrime, die für mein Seelenheil sich im Ganges baden sollen, und für zehn andre, die neun Jahre und einen Tag auf einem 42 Bein stehen, und kein Wort von ihren Lippen verlieren sollen. Endlich setz’ ich eine Anzahl Lämmerfelle, persischer Shawls und chinesischer Seidenzeuge zu dem Zwecke aus, daß ein neues Handbuch für Ciseleurs in den Götzenmanufacturen geschrieben wird, um sie über die Distanzen einer dogmatischen Nase und eines kanonischen Mundes, kurz über ihr Seelenheil aufzuklären. Für dieß Alles verlang’ ich nichts, als daß die Götter, wenn sie auf dem Simnu über meine Seele Rath halten, sie nicht zur Verflüchtigung in den endlosen Aether verdammen; (ach, ich fühle die Pein einer solchen Strafe!) sondern ihr einen seligen Uebergang in ein neues Leben verleihen möchten, und sey es in den Körper einer Maus oder in das Gehäuse einer Schnecke.“ Auch den Brüdern lief es kalt über den Rücken, als Hali-Jong von der Verflüchtigung in den öden, leeren Raum sprach, und selbst Gylluspa legte flehend ihre Hände zusammen, und murmelte still ein Gebet, daß sie einst ein Vogel in der Luft seyn möchte, um vor Maha Guru’s Fenster zu singen, oder eine Schwalbe, um ihm die Fliegen aus der Stube wegzufangen. Dann aber richtete sie ihr schönes Haupt auf, und sprach in Worten, die süß an das Ohr ihres Vaters klangen: „Vor allen Dingen, du Guter, bittet dich die, welche unzweifelhaft die Tochter ihrer Mutter und nicht ohne Wahrscheinlichkeit auch die deinige ist, auf den Tritt deines Rosses zu sehen, und die Zügel, wenn die eine Hand müde ist, und die die andere nimmst, nicht immer zu lang zu fassen. Dann aber fordert sie dich auf, die 43 Wolken, die sich in den Furchen deiner Stirne gelagert haben, durch einen heitern, vertrauenden Blick in die Zukunft zu verscheuchen. Hätt’ ich dich zum Tode begleitet, so würdest du auf meinen Thränen nach Lassa geschwommen seyn. Aber ich folgte dir, um deinen Triumphzug zu genießen, der großen Rechtfertigung, welche dir geschehen wird, beizuwohnen. Nein, mein Vater, du stehst unter dem Schutze deiner Unschuld und einer Gerechtigkeit, welche sie anerkennen wird. Nicht auf deine Vertheidiger, sondern auf deine Richter vertraue! Die Weisheit des Regenten ist allen Ländern auf den Flügeln des Rufes bekannt, deine Sache hat, noch ehe du vor deinen Anklägern stehst, eine seltene Berühmtheit erlangt, und alle Welt sieht hin auf die Entscheidung, die eine weise Mäßigung ihr geben wird. Du hast die heiligen Schriften nicht gelesen, aber eine Ahnung ihrer Grundsätze hat mich durchdrungen. Glaubst du, daß ich es nur in meiner Demuth weiß, was sie über den Gebrauch der Gesetze lehren? Kleingläubiger Thor, der Stellvertreter des Lama führt die Wage der Gerechtigkeit; und wenn du in die eine Schale alle Beschuldigungen, die dich getroffen haben, und alle Vergehen, die ihnen einen Schein von Wahrheit geben, legst, so wird sie dennoch leichter seyn, als in der andern die Billigkeit und die Mäßigung, welche unsre alten Lehrer den Gesetzgebern zur Pflicht gemacht haben. Auf die Tugenden des Regenten baue deine Hoffnungen!“

Hali-Jong war gewohnt, die Worte seiner Gyl-44luspa wie die Weissagungen einer Seherin zu verehren. Die Erwähnung des Regenten öffnete ihm einen ganz neuen Kreis für seine Combinationen, und um darin völlig sicher zu seyn, suchte er noch den letzten Zweifel zu zerstören: „Meine Tochter,“ entgegnete er, „was ist die Mücke auf dem Ohre des Elephanten? Kann der, welcher das Auge des Weltalls vertritt, von einem Sonnenstäubchen geblendet werden? Die Gylongs von Lassa haben mich vor ihren Richterstuhl gezogen, sie werden meine Berufung auf den Regenten verwerfen.“

„Aber der Regent ist von deinem Handel unterrichtet, und es ist seinem Amte und seiner Tugend gemäß, darüber zu wachen, daß er nicht zu deinem Nachtheile geschlossen wird.“

Gylluspa’s Beredsamkeit konnte Hali-Jong unmöglich widerstehen; denn die Brüder schlugen die Hände über ihren Häuptern zusammen, sich hoch verwundernd über die Worte, die aus des Mädchens Munde kamen. Der alte Neuerer und Ketzer wider Willen setzte sich in aufrechte Positur, und stachelte sein Pferd mit sichtlichem Wohlgefallen über diese neue Ansicht seines bedenklichen Verhältnisses.

Die Weiterreise ging ohne Hindernisse von Statten. Lassa liegt in der Ebene. Die Reisenden würden diesen heiligen Sitz des verkörperten Gottes schon in der Ferne gesehen haben, wenn die einbrechende Dunkelheit sie nicht daran verhindert hätte.

Unter Hali-Jongs Dienern befand sich einer, der die 45 Gegend und Lassa selbst kannte und vor Jahren schon einmal die Seligkeit empfunden hatte, dreitausend Schritte vom Palaste des Dalai Lama die Erde mit seiner Stirn zu berühren. Dieser hatte seinem Herrn viel von dem Anblick, den die heilige Residenz in der Ferne gewähre, erzählt, daß Hali-Jong darin eine wehmüthige Vorbedeutung sah, es nicht so anzutreffen. Statt der goldnen im Sonnenscheine glänzenden Spitzen und Thürmchen, die in der Erzählung des Dieners die erste Spannung erregten, erschien unsern Reisenden nur eine finstere Nacht, in der sich nichts natürlicher zu verbergen schien, als das Verderben, der Tod. Hali-Jong war in solchen Auslegungen und Deutungen ein unübertrefflicher Meister.

„Täuschen mich meine Augen nicht“ sagte einer von seinen Brüdern, „so flimmert weit über diese rabenschwarze Finsterniß ein dämmernder, beweglicher Lichtstreifen.“

„Wo? wo?“ rief Hali-Jong, dem eine solche Erscheinung nur fehlte, um in seiner Symbolik günstigere Resultate zu finden; „ich sehe nichts. Das ist Alles schwarz ohne Unterschied: Schatten ohne Licht.“

„Hili-Jong hat wahr gesprochen,“ bemerkte Holi-Jong; Heli-Jong sagte auch, daß Holi-Jong dem Hili-Jong ein richtiges Zeugniß gegeben hatte.

„So will ich doch erblinden,“ rief Hali-Jong, der ein schwaches Auge hatte, und richtete sich dabei von seinem Sattel so in die Höhe, daß er bald übergestürzt wäre. „Ihr müßt durch weiße Gläser sehen, oder 46 Fries an euren Augen haben. Sagt mir nur nicht, daß das kein Schwarz ist, was verderbenschwanger vor uns liegt. Gylluspa, mein Kind, Falkenauge, was siehst du?“

Gylluspa, die sich in süße Träume und in die nahen Ueberraschungen von Lassa gewiegt hatte, bestätigte jetzt die Aussage ihrer übrigen Väter, von deren Richtigkeit sich auch zuletzt Hali-Jong überzeugen mußte.

Ein Lichtmeer wogte in der Ferne über dem dunklen Raum. Der Widerschein einer Flamme konnte diese Beleuchtung nicht seyn, weil sie ungeachtet eines heftigen Zugwindes sich nicht flackernd bewegte, sondern in derselben ruhigen, weder zu- noch abnehmenden Lage und Stärke verblieb.

„Wir haben vor Kurzem erst das Frühlingsäquinoctium gefeiert,“ sagte Hali-Jong, sich nachdenklich über die Stirne fahrend; „der Sommer kann nicht aus dem Kalender gestrichen seyn; aber es scheint fast, als feiere man in dem heiligen Lassa das Todtenfest früher als in Tassissudon. Wäre das nicht auch eine Neuerung?“

„Es müssen andere Ursachen zu dieser Beleuchtung seyn,“ sagten die Brüder, und Gylluspa fügte hinzu: „Wir stoßen in Lassa auf ein großes Unglück; die Stadt ist in Trauer. Hört, welche Klagetöne durch die Luft dringen!“

Den Reisenden war der Weg versperrt. Heulende Banden zogen über die Straße, schlugen mit entsetzlichen Gebärden auf ihre Rücken, zerrauften das Haar, 47 und stießen Töne aus, die mit dem schmetternden, zerreißenden Schalle ungeheurer Metallbecken in grausenerregender Disharmonie standen. Der Reisezug mußte sich dicht zusammen drängen, um von den schwärmenden Haufen nicht auseinander getrieben zu werden. Hali-Jong, der es seiner Frömmigkeit für angemessen hielt, in den Ausdruck eines so gränzenlosen Schmerzes auch mit seiner Stimme einzufallen, war in der peinlichsten Verlegenheit, weil er nicht wußte, über wen er dieß tiefe Wehe anstimmen sollte. Er fragte links und rechts; aber entweder hatten die Angeredeten vor dem entsetzlichen Lärm das Gehör verloren, oder sie verstanden den butanischen Dialekt nicht, oder sie hüteten sich, einen Augenblick in ihrem Geschrei inne zu halten.

Hali-Jong sah, daß es einer ungeheuern Klage galt, er besann sich nicht länger, sammelte alle Kraft, die in seinem ausgetrockneten Körper zu finden war, füllte die Luftröhre mit allem Winde, der sich nur in ihm auftreiben ließ, und stieß diese Masse mit einer so fürchterlichen Vehemenz von sich, daß sein Roß zusammen schreckte und mit ihm einige verdächtige Sprünge machte. Es war ein Instinct, der ihn trieb, in diese unbekannte Trauer mit einzufallen, und nur die besorglichen Bewegungen seines Pferdes hielten ihn ab, noch einmal auf diese Weise seinem tiefgefühlten Schmerze Luft zu machen.

Endlich hatte sich der Haufe verzogen, und die Reisenden gingen ungehindert durch das Thor der beleuch-48teten Stadt. Ueberall brennende Kerzen, Pechfackeln, Lampen; eine Illumination, wie sie an dem Geburtstage deutscher Fürsten nicht glänzender seyn kann. Aber in Tibet ist die Illumination noch nie ein Ausdruck der Freude gewesen, sondern noch immer der Dolmetscher eines Schmerzes, der sich in Worten nicht hinlänglich wiedergeben ließ. Das herbstliche Todtenfest wird auf diese Weise gefeiert, daß ein Jeder zum Andenken seiner Geschiedenen Kerzen anzündet und sein Klagelied dazu anstimmt. Was war in Lassa geschehen, das seine Bewohner in solche Trauer versetzte?

Hali-Jong hatte schon längst in dieser Verwirrung die Besinnung verloren. Seine Brüder mußten wieder an seiner Statt handeln. Der in Lassa bekannte Diener führte die Reisenden an einen zur Herberge schon vorher bestimmten Ort; aber erst in dem Augenblick, als die Thiere in den Stall gezogen wurden und Hali-Jong am Arme seiner Brüder, von seinem Gastfreunde längst bewillkommnet, auf die Schwelle der neuen Wohnung getreten war, wußte er, was mit ihm geschah. Mit den Händen um sich schlagend, sprang er auf die Straße zurück, und rief wie wahnsinnig: „Ihr Elenden! wollt ihr mich zu neuen Gesetzesübertretungen verführen? Ist euer Haus nicht unrein, wenn ich es mit dem Athem meiner verbrecherischen Seele verpeste? – Mein Nachtlager ist in dem Kloster der schwarzen Gylongs, und zugleich mein Sterbelager, wozu sich Lassa schon mit einer Illumination vorbereitet.“

Bis auf den Schluß war Vernunft in dieser Rede, 49 denn Hali-Jong hatte von seinen Anklägern den Bescheid erhalten, sich bei seiner Ankunft in Lassa augenblicklich in das Kloster der schwarzen Gylongs zu verfügen, und bei Todesstrafe keine andere Herberge zu wählen. Die Brüder erinnerten sich dieses Bescheids, und Gylluspa, die über Nacht in keinem Mönchskloster bleiben durfte, weinte, daß sie den Vater verlassen mußte. Sie schlossen alle einen Kreis um ihn, begleiteten ihn an die Pforte des genannten Conventes, durch die er nach tausend Umarmungen, tausend Wünschen und Versprechungen endlich verschwand. Die Uebrigen kehrten in die Wohnung des Gastfreundes zurück. Es war Hali-Jongs Commissionär, der auf seine Rechnung in Lassa den Götzenhandel trieb, und ihnen jetzt seine Ställe, seine Speisekammer und seine oberen Stockwerke, die für Fremde leer standen, mit innigstem Vergnügen öffnete.

Hali-Jong war in eine Vorhalle getreten, die er zwar prächtig erleuchtet, aber Niemanden darin fand. Da war kein Vorübergehender, kein Pförtner, an den er sich hätte wenden können, sondern nur der Widerhall einer religiösen Ceremonie, die, wie immer bei den Tibetanern, in einem übermäßigen, von den lärmendsten Instrumenten begleiteten Geschrei bestand. Er warf sich zur Erde nieder, um in dieser Stellung vielleicht einem Herantretenden aufzufallen, und um die Dinge befragt zu werden, die er sich scheute, selbst zu offenbaren. Wie sollt’ er sich auch ankündigen? Als einen Verbrecher, dessen That im ganzen Lande berüch-50tigt wäre? Oder sollt’ er von seiner Jugend, seinem Vater anfangen, um zuletzt bis auf sein jetziges Geschäft zu kommen? Aber Niemand redete ihn an. Er stand wieder auf und maß ängstlich seine Schritte, die er nun über den Hof zu setzen wagte. Dieser war rings mit Lampen erhellt, und in seiner Mitte brannten mehrere hochlodernde Pechschalen. Hali-Jong lauschte an der Thüre, die zu dem innern Heiligthume des Tempels führte. Der alte Mann war so erschrocken von dieser Art des Empfangs, den er sich vorher nur über ihn herfallend, harpyenartig gedacht hatte, daß er in diesem Augenblicke sich mit Mühe darauf besann, ob der Lamaismus einem Laien den Eintritt in das Allerheiligste eines Klosters gestatte. Er schlug sich vor den Kopf, als ihm einfiel, zu wie viel hundert Malen er vor Mahamuni’s Bilde im innersten Tempel von Tassissudon gekniet habe, und daß selbst den Frauen bei Tage erlaubt ist, in einem Mönchskloster zu verkehren. Er öffnete also unbedenklich die Pforte, bog den Vorhang, der das dunkle Vestibul von der Rotunde trennte, zurück, und schwamm jetzt in einem Meere von Licht und aufgeschreckten Tonwellen. Welches andächtige Geschrei! welches wehmuthsvolle Paukengelärm! Eine unabsehbare Menge von schwarzgekleideten Gylongs lag vor einem ungeheuren Götzenbilde, das blau und roth angestrichen, mit untergeschlagenen Beinen, und die Fingerspitzen an die beiden Nasenlöcher gehalten, auf die Schreienden herabsah. Rings um es herum brannten unzählige Opferschalen, und zwei erhöhete 51 Estraden standen für die Musiker an seiner Seite. Aus sechsfüßigen Trompeten klangen Töne, die das Weltgericht hätten ankündigen können; die Kesselpauken und die Metallbecken, Gongs genannt, wurden dazu mit einer Präcision geschlagen, die auf ein tiefes Studium dieser Instrumente schließen ließ.

Hali-Jong wagte es nicht, zu den Mönchen hinabzusteigen, sondern er hielt sich auf der hölzernen Balustrade, die sich rings an der Wand des Gebäudes entlang zog, und einem christlichen Chor ähnlich sah. Er trat nur mit den Fußzehen auf, und hätte doch den marmornen Schritt des Comthurs aus Don Juan haben können, ohne in diesem Gewoge gehört worden zu seyn. Jetzt stand er dicht bei dem Kolosse, der die Gefühle der zahllosen Menge elektrisirte. Ein Blick, ein Kennerblick, und Hali-Jong sank zu Boden, überwältigt von dem Gefühle, ein Kunstwerk von seiner Hand hier, in dieser Umgebung, unter diesen Umständen wiederzufinden. Ja, dieses Götterbild hatte er entworfen, er hatte die Proportionen gemessen und den Thon zu dieser Gestalt geknetet. Es war ein Tag der Erwartung, ein festlicher Tag gewesen, als die siebenfach im Feuer geläuterte Mischung aus dem glühenden Ofen in die harrende, gebrannte Form hineinzischte, und aus zwei Theilen geschaffen, das hehre Götterbild dastand, nichts mehr erwartend, als blau und roth angestrichen, verkauft und angebetet zu werden. Alle Bewohner von Paro waren damals in die Manufactur gekommen und vor dem noch ganz frischen, dampfenden Götzen nieder-52gefallen, eine Huldigung, die für den Meister zwar sehr schmeichelhaft war, ihm aber damals nicht behagen wollte, weil die Leute nichts dafür bezahlten, und er gewärtigte, daß die Anbetung den Gott abnütze und er dadurch als ein schon gebrauchter im Preise sinken könnte. Dieß Alles stand jetzt wieder vor seiner Seele, und er murmelte die stillen Worte vor sich hin: „Porungher, du treuer Freund deines Freundes, was muß ich dir danken für deine Sorgfalt, die mein schönstes Werk an diesen heiligen Ort verhandelte. Ach, hinfort wirst du meine Waaren nicht mehr zu so billigen Preisen – was sag’ ich? du wirst sie gar nicht mehr verkaufen können, denn ich werde den Austritt von diesen geheimnißvollen Hallen nicht erleben. Wie würdest du für mich gesorgt haben, wenn ich das freundschaftliche Anerbieten deiner Herberge hätte annehmen dürfen! Da lieg’ ich nun hier, wie ein zertretener Wurm, getrennt von meinen Lieben, die meines Rathes, meines Anblickes bedürftig sind. Wirst du auch für sie redlich sorgen? Wirst du ihnen nichts abgehen lassen? Wirst du ihnen nicht altes Mehl zu ihrem Thee geben? Werden sie Hammelfleisch so viel haben, als ihres Herzens Begehr ist? Meine Gylluspa, daß ich deinen Trost entbehren muß! Wo streckst du jetzt deine weißen Glieder? Ist dein Zimmer von Ungeziefer rein? Hast du ein Kohlenbecken, um dich zu wärmen? Geliebtes Kind, weht auch kein Zugwind durch deine Ruhestätte, und sitzen keine Motten in den wollenen Vorhängen?“

53 Eine plötzlich erneuerte furchtbare Explosion der frommen Andacht störte unsern alten Freund aus seinen grübelnden ungewissen Fragen; er richtete sich auf, drückte sich an die Wand, und sah, wie die Gylongs aufstürmten und sich eine Treppe zur Balustrade heraufdrängten. Dann wandten sie sich hinter dem Bilde weg und stürzten mit einem aufrührerischen Geschrei auf eine andere Stiege, die sie betraten, als gält’ es, sie im Sturm zu erobern. Doch blieb eine große Zahl im Tempel zurück, die übrigen schienen eine neue Ceremonie beginnen zu wollen. Hali-Jong war, wie die Natur des Alters es ist, neugierig, und ging mit Vorsicht den sich Entfernenden nach. Die letzte Scene hatte ihm Muth eingeflößt; ein gewisser Stolz über die Ehrfurcht, die man seinem Werke erwies, war sehr verzeihlich, und wir wünschen ihm denselben in einem solchen Grade, daß er anfinge, über sein Schicksal beruhigter zu werden. „Wie?“ dachte er bei sich selbst, „kann ich mich nicht jetzt ohne Umschweife zu erkennen geben? Ich bin der Schöpfer eures Allmächtigen, der noch vor Kurzem den Enthusiasmus dieser Männer in eine solche Wuth versetzte. Was hab’ ich zu fürchten?“

Unter solchen Betrachtungen, die sein Herzklopfen zur Ruhe brachten, bestieg Hali-Jong die zweite Treppe, die ihn wieder in ein Vorzimmer brachte, das durch einen Vorhang von einem großen Saal getrennt war. Hier bot sich ihm ein neuer Anblick dar. Die Beleuchtung dieses Saales ging von einer sonderbaren Vorrich-54tung aus, die in der Mitte desselben angebracht war. Ein Herd von Backsteinen trug einen ungeheuren Kessel, der aus einer Höhlung in der Unterlage geheizt werden konnte. Der Rauch des Feuers ging an die Decke des Gemaches, und fand durch eine Oeffnung an derselben, die den freien Himmel sehen ließ, seinen Ausweg. Der dämmernde Lichtschein, der sich von diesem einzigen Punkte aus über die Halle verbreitete, gab den versammelten Mönchen in ihren langen schwarzen Kutten, mit den todtenbleichen, von Kasteiungen zerstörten Gesichtern, ein gespenstiges, grausenhaftes Ansehen; dazu kamen die seltsamen Gebärden, die sie machten. Sie schlossen einen großen Kreis, gaben sich zu zweien die Hände, und liefen, tausend Verwünschungen und heilige Flüche ausstoßend, um den lodernden Herd herum. Endlich blieben sie stehen, hoben ihre Hände empor, und flehten alle Martern und Qualen auf einen Gegenstand herab, den sie mit euphemistischen Ausdrücken umschrieben und verdeckten.

Hali-Jong, in dem Dunkel, das sein Versteck war, begriff von dem Allem nichts. Das Räthselhafte dieses Schauspiels fesselte ihn, und er ließ keine der Bewegungen unbeachtet, deren Verständniß ihn über den Sinn dieser tumultuarischen Procession hätte aufklären können. Ein Gylong brachte jetzt einen großen Korb herangeschleppt, der mit unaufhörlichen Anklagen und Vorwürfen in die Mitte des Kreises an den Herd gestellt wurde. Was enthielt er? Hali-Jong strengte sich an, darüber Gewißheit zu erhalten. Er wagte sich einige 55 Schritte aus der schützenden Finsterniß hervor, und wie schwach sein altes, an der Feueresse ausgetrocknetes Auge war, so gab es doch gewisse Dinge, die er in der entlegensten Ferne erkannte, die ihm schon durch ein Fernfühlen verständlich wurden. Es war kein Zweifel, daß dieser Korb mit Götzenbildern angefüllt war. Eine feierliche Stille trat ein. Ein Gylong, an dessen Mütze sich die Zeichen eines höhern Ranges erkennen ließen, trat mit Würde hervor, hob einen Gott aus dem Korbe, hielt ihn in die Höhe, wurde von den verdammenden Kehlen acclamirt, und warf ihn in den siedenden Kessel.

Du unglücklicher Hali-Jong, wie grausam verfolgen dich die Wechselschläge des Schicksals! Noch von dem stolzen Bewußtseyn getragen, der Beglücker einer seligen Menge gewesen zu seyn, siehst du in demselben Augenblicke ein Strafgericht über die Werke ergehen, die von derselben kunstfertigen Hand geschaffen sind! Recke nur den Hals; ja, sie sind es, deine unheilvollen Fabricate, nach dem Willen der Priesterschaft auf dem ganzen Erdboden confiscirt, und hier demselben Feuer übergeben, das ihnen einst das Leben einhauchte!

Und Hali-Jong erkannte sie alle, die Octav- und Duodez-Götter, und die Götter im Taschenformat; er sah auf hundert Schritte den Stempel seiner Fabrik, der ihnen allen in einer hintern Gegend des Körpers eingedrückt war, und, ein Vater, der die eignen Kinder 56 vor seinen Augen schlachten sieht, stieß er einen herzzerreißenden Schrei des Entsetzens aus. Die Mitglieder dieses heiligen Autodafe’s würden ihn nicht gehört haben, hätten sie gerade einen in den Schmelztiegel fliegenden Gott mit ihren Flüchen begleitet. So aber entlud sich Hali-Jongs beklommene Brust in demselben Augenblicke, als der Ketzerrichter einen neuen Unangemessenen in die Höhe hielt und auf die Neuerung der Nasen- und Mund-Bildung zeigte. Die Versammelten stoben auseinander, Hali-Jong wurde entdeckt, ergriffen und an den Herd geführt, um des Frevlers, der eine kirchliche Handlung zu stören wagte, ansichtig zu werden. Man zerrte ihn, man frug ihn, was er wolle? wer er sey? warum er sich hier einschleiche? warum er geschrien hätte? und Hali-Jong, schon besorgend, daß der Meister seinen Werken in den Feuerpfuhl nachfolgen würde, fürchtete sich, auf alle diese Fragen zu antworten. Erst als der Oberpriester die unberufenen Schreier zurückgewiesen hatte, fielen aus Hali-Jongs Munde allmählich die Geständnisse in einzelnen, zerbröckelten Bruchstücken heraus. Er sagte mit erstickter Stimme, daß er der unwürdige Vorsteher der Götzenmanufactur von Paro wäre.

Dieß war genug, um die leidenschaftliche fanatische Menge in die äußerste Wuth zu versetzen. Die Priester fielen wie die Henkersknechte über den unglücklichen Mann her, rauften an seinem grauen Haare, zerrissen seine Kleider, und schleppten ihn nach dem Befehle des Ketzerrichters im Triumphe davon. Das 57 ganze Kloster war in Aufruhr, und begleitete den Gefangenen in ein finsteres Gefängniß unter dem tausendfach wiederholten Ausrufe: „Er ist gerichtet, der Ketzer, der die Autorität des Lama und der Concile verworfen hat! Er ist gerichtet, der Verfertiger falscher Propheten!“

58 Drittes Capitel.#

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Ki-Dsii-Dsching sagte: Es ist genug, daß der Weise Reinheit des Herzens besitze; was sollen die Complimente? Dsii-King antwortete: Wie beklag’ ich deine Aeußerung! Vier Pferde könnten sie nicht von meiner Zunge bringen. Entblöße das Fell eines Tigers oder Pardels von seinen Haaren, und es hat nicht mehr Werth, als das eines Hundes oder Schafes! Nein! ohne Complimente keine Reinheit des Herzens.

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Unsichtbar treffen der Leser und der Autor wieder zusammen in einer Halle, deren Anlage und Ausschmückung so bezeichnend für den Charakter ihrer Bewohner ist, daß wir uns einer genaueren Beschreibung derselben nicht überheben dürfen.

Dieser Raum ist weit, aber nicht zu hoch. Den Fußboden bedecken kunstvoll gewirkte blumenreiche Teppiche, deren Muster sich an den Tapeten, welche die Wände bekleiden, wiederfinden. Wunderliche Arabesken bilden die Zeichnung derselben Drachen von großen, riesenhaften Blumen umschlungen. Kleine, niedliche Federzeichnungen, die der Akademie von Peking Ehre machten, hingen in reicher Anzahl an den Tapeten. In der Mitte des Zimmers erhebt sich zwei Stufen hoch eine Estrade, die von vier, einen Thronhimmel tragenden Säulen begränzt wird. Die Vorhänge, welche die vergoldeten Pfeiler verbinden, sind aus Seidenstoffen 59 und mit reichen schweren Franzen besetzt. Die Estrade selbst bildete ein Sopha, auf dem sich nach orientalischer Weise bequem zwei Personen mit untergeschlagenen Beinen niedersetzen konnten. Vor diesem Gefäß standen auf kleinen Erhöhungen kupferne Rauchpfannen, die einen wohlgefälligen Geruch im Zimmer verbreiteten. Endlich hingen rings an der Decke eine bei uns nicht unbekannte Art von Laternen, ovalrunde Behälter aus Seidenstoffen, die die Flamme umschlossen halten, und durch die gefärbte Gaze ein sanftes Licht fallen lassen. Es war heller Tag, und dennoch brannten im bunten Farbenspiel diese Leuchter, die zwar bei der sonderbaren Gattung von Fenstern, welche wir, aus dünnen, durchsichtigen Muscheln bestehend, hier antreffen, nicht ohne allen Grund sind, aber den Europäer immer an Diogenes erinnern werden, welcher am lichten Tage mit der Laterne auf den Markt ging.

Diener sind beschäftigt, dieß Zimmer aufzuräumen, die Kohlen unter den Rauchbecken anzuschüren, den Staub von den Gemälden zu wischen und kleine runde Tische aufzustellen, welche in einem Gesellschaftssaale nicht fehlen dürfen. Es ist noch früher Morgen, die Diener räuspern und recken sich, und wie zänkisch sie sich auch untereinander begegnen, so unterließen sie doch nicht, bei der ersten Begegnung sich zu fragen: „Hast du schon Reiß genossen?“ und darauf zu antworten: „Ja, mein Bruder, und er hat mir wohl geschmeckt.“ In Hinterasien diese spaßhafte Begrüßungsformel zu vergessen, würde bäurische Sitte verrathen und dieselben 60 Vorwürfe zuziehen, als wenn wir unsern guten Morgen und guten Abend nicht über die Zähne bringen könnten.

Ein Oberhofmeister brachte in alle diese Beschäftigungen eine gewisse Ordnung. Die Erwartungen von hohen Besuchen trafen auch bald ein. Ein Tatar im kriegerischen Aufzuge überbrachte ein demüthiges Compliment und den Namen seines Herrn in einem Billet von rothem, in Form eines Schirmes gefaltetem Papier, wo auf dem letzten Blatte ein kleines dreieckiges Stück Goldpapier befestigt war. Der Oberhofmeister verbeugte sich mit Anstand, nahm das Billet und eilte damit in ein neben anstoßendes Zimmer, um es von dem Herrn des Hauses öffnen zu lassen. Er kehrte bald wieder zurück, verbeugte sich tief und sagte: „Mein Herr entbietet dem deinen seinen Gruß! Die Schwelle unsres Hauses wird frohlocken, wenn sie von den Zehen am Fuß deines Herrn nur die leiseste Berührung empfängt.“ Der Tatar verneigte sich mit Anstand und eilte, seinem Herrn die Annahme des gemeldeten Besuchs zu hinterbringen.

Da gab es keine Zeit mehr zu verlieren. Der Besuch war unmittelbar vor seinem Eintreffen angekündigt, und konnte in seinem Palankin jeden Augenblick vor der Thür eintreffen. Der Herr des Hauses folgte sogleich seinem Oberhofmeister, dem er sein Bewillkommnungsamt abnahm; denn die kleinste Verletzung des höflichen, für vornehme Leute passenden Ceremoniells, würde ihm eine schlaflose Nacht gebracht haben. Dieser Mann trug eine kleine Calotte von gesticktem, seidenem 61 Zeuge, die vorne mit einer weißen Perle verziert war, und ein kahles, mit einem mühsam gesammelten Zöpfchen versehenes Haupt bedeckte. Zwischen dieser Mütze und dem langen violetten Kleide, das aus schwerem Seidenstoffe zur Erde rauschte, saß ein Antlitz so beherrscht und abgeschliffen von der Welt, ihren Pflichten und ihren lebensklugen Lehren, daß sich hinter dieser todten Maske eben so gut die größte Weisheit wie die verschlagenste Ränkesucht hätte verbergen können. Auf dem Rücken des großblumigen Atlasgewandes war ein Quadrat eingestickt, in dessen Felde sich das sonderbare Symbol eines Storches befand. Kenner der chinesischen Kleiderordnung werden daran sogleich bemerken, daß wir die Ehre haben, mit einem Mandarinen der sechsten Classe Bekanntschaft zu machen. Dieselben Kenner werden dann auch bezeugen, daß dieser angesehene Mann einen Gürtel trug, den vier runde Schildkrötenplatten zusammensetzten, und vorn ein silberner Knopf zierte. Es folgte nicht nothwendig aus seinem Stand, daß schwarzseidene Stiefel seine Füße bekleideten, aber bezeichnend war es, daß er in ihnen (denn sie waren weit genug dazu) eine Anzahl Acten und ein vollständiges Schreibzeug versteckt hatte.

Schon seit einigen Minuten harrt in diesem Galla-Aufzuge der Herr des Hauses vor dem zweiten Portale seiner Wohnung, um abzuwarten, daß der angemeldete Gast endlich vor dem dritten erscheine. Da ist er. Unser Mandarin sechster Classe stürzt hinzu, hilft ihm aus seinem Palankin, ergreift seine linke Hand 62 mit der Linken, und schüttelt sie mit einer Grazie, die man gesehen haben muß, um sie beschreiben zu können. Aber was ist diese erste Begrüßung gegen die Artigkeiten, mit denen sich jetzt die beiden Leute überschütten! – Jedes Zimmer hat drei Eingänge, wer soll die Ehre, durch den mittleren zu gehen, erhalten? Unstreitig der Gast; aber dieser ist viel zu höflich und bescheiden, eine solche Auszeichnung anzunehmen, er sucht vielmehr seinen Wirth hindurchzuschieben, und die Gelegenheit zu benutzen, durch eine der beiden Seitenthüren den Eingang zu gewinnen. Das wollte der Wirth zulassen? – Unmöglich, dieß wäre eine Verletzung der Etiquette, die seiner Natur ganz zuwider ist. Im Gegentheil bedarf es nur einer geschickten Seitenwendung, um durch eine Seitenthüre zu schlüpfen, und in demselben Augenblick schon die Hand des Gastes zu fassen, um ihn durch die mittlere Thür hineinzuführen, eine Ehre, die nun der Besucher unter unaufhörlichen Verbeugungen und einer gewissen gemachten Scham annimmt.

Diese Scene wiederholt sich mit immer erneutem Wetteifer zu drei Malen, bis sich die Herren endlich in das Besuchszimmer hineinbekomplimentirt haben. Die Bedienten springen jetzt hinzu, um nichts zu thun, als einen einzigen Stuhl zu holen. Es ist chinesischer Ton, daß der Wirth diesen saubern, lakirten Sitz, auf dem die Sorgfalt des Oberhofmeisters auch wohl kein Sonnenstäubchen geduldet hätte, erst mit einem Tuche leicht abwischt. Jetzt eilt auch er zu einem Sessel, aber wer 63 wird sich auf den seinigen zuerst niedergelassen haben? Um hier das Richtige und die feine Sitte zu treffen, bedarf es eines jahrelangen Studiums des sich Niederlassens; man mußte so alt seyn, als die beiden hier zusammentreffenden Herren, um dieses Compliment in seiner gehörigen Präcision auszuführen. Das Ganze kömmt dabei darauf hinaus, daß der Eine die Kunst versteht, den Andern zu täuschen, und dabei doch den Schein anzunehmen, überlistet zu seyn. Die wechselseitigen Bewegungen werden mit Geyeraugen belauscht, die Entfernungen des sich setzenden Körpers von dem Stuhle gemessen, die Faltungen des Atlaskleides berechnet; der Eine gibt sich den Schein schon zu sitzen und steht doch noch, und der Andere, wenn er der Hauswirth ist, würde gegen allen feinen Anstand verstoßen, wenn er sich durch diesen Schein in der That überlisten ließe, und früher den Sessel erreichte, als der Besucher. In unserm Falle ist dieß Versehen durchaus nicht zu befürchten: denn hier stehen sich alte, im Ceremoniell unverwundbare Personen gegenüber, denen auch dieß schwierige Manöuvre, dieser glänzende Ausdruck gegenseitiger Hochachtung nur gelingen konnte. Jetzt sitzen sie, sie halten sich gerade, die Hände nicht herumwerfend, nicht damit an den Kleidern ordnend, nicht die Mütze rückend, sondern fest und unbeweglich auf den Knieen liegend, und die Füße nicht übereinander geschlagen, nicht auf dem Boden scharrend, nicht den einen hinter, den andern vor den Stuhl gestreckt, sondern beide in gleicher, abgemessener, unbeweglicher 64 Entfernung vom Körper, die Mienen ruhig, ernst, pagodenartig.

Das erste Wort gebührte dem Wirth, denn an ihm war es, sich über die Ehre dieses Besuches glücklich zu preisen. „In der Stunde der Mitternacht,“ sagte er, „stieg der große Gott San-Pao-Fo hernieder, und raunte mir in das entzückte Ohr: „Siehe, dir wird am heutigen Tage eine unermeßliche Freude widerfahren!“ Und als ich Ihren Brief, der mit akademischer Zierlichkeit zusammengelegt war, empfing, da schlug mir das Herz vor Freude, denn die Weissagung des Traumes war in Erfüllung gegangen.“

Das war eine Lüge; aber die Etiquette verlangte, daß der Besucher sie durch eine ähnliche erwiderte. Es war ein Mandarin der fünften Classe mit einem dunkelblauen Stern an der Mütze. Aus dem Schilde, das er auf dem Rücken trug, sah man, daß er eine Militärperson vorstellte; denn diese Decoration war bei ihm in Gestalt eines Tigers. „Sie erzählen nur die Hälfte des Wunders,“ antwortete er; „San-Pao-Fo ist auch mir im Traume erschienen, und rief mir zu: Reinige die Canäle deines Ohres, und stelle die Jonke deines Fassungsvermögens in Bereitschaft, denn du wirst sie mit den reichsten Ballen der Lebensphilosophie in dem durchbrochenen Korbgeflechte kunstvoller, sententiöser Rede anfüllen können, weil du die Schwelle meines Lieblings durch deinen Fuß entheiligen willst! Und siehe da, ich sitze auf dem Rohrstuhle der Erwartung.“

Dem Wirth stand es frei, diese Aeußerung für ein 65 Compliment, oder für mehr als dieß zu halten. Wir müssen gestehen, daß ihn zuweilen die Eitelkeit anflog, und er den Civilmandarinen der sechsten Classe doch immer noch höher stellte, als den Militärmandarinen der fünften, der einen Knopf von Bergkrystall tragen durfte. Aber er war zu vorsichtig, solche Ansichten auszusprechen. Er sagte also: „Khung-Fu-Dsii, unser großer Meister lehrte: Halte nichts auf deine Weisheit, denn sie ist oft nur der Widerschein deiner Umgebungen! Und wer sind Sie, mein Freund? Ein Stern am himmlischen Reiche, dessen Glanz meine Finsterniß erleuchtet. Die Nachricht, welche der gestrige Abend in mein Haus brachte, verlangt vor Allem, daß ich von Ihnen über mein künftiges Betragen belehrt werde.“

„Mit nichten, mein Freund,“ antwortete der Gast; „zwei Pfeile treffen sichrer, zwei Augen sehen weiter, und auf zwanzig Zehen steht man fester. Der Tod des Regenten gibt mir Gelegenheit, die Rathschläge Ihrer Weisheit zu hören; daß ich sie befolge, verlangt meine Freundschaft und mein geringes Maß von Klugheit, wenn ich anders auf meinen Wegen nicht straucheln will.“

„China ist die Blume des Weltalls,“ sagte der Wirth mit demüthigen Blicken; „von ihrem Dufte erfrischen sich die Königreiche der Erde, sie erquickt sie alle, und auch diesem Reiche, das heut seinen neuen Beherrscher empfangen wird, fließt ihr Wohlgeruch zu.“

„Ich fühle in meiner Hand nicht die Kraft,“ entgegnete der Gast, „Tibet unsern Schutz zu entziehen. 66 Ich handle nur im Auftrage dessen, den uns der Himmel sandte, und habe schon einen Courier nach Peking beordert, um für diesen neuen Fall meine Instructionen zu holen.“

Der Civilmandarin hatte längst dasselbe gethan, er bemerkte, daß der Gast damit sagen wollte, wie es keinem von beiden zukäme, eigenmächtig zu verfahren, und fuhr fort: „Aber wir können nicht warten, bis uns die Depeschen und die Hofzeitung zukommen; heut ist der Regierungsantritt des neuen Lama, und wir müssen Sorge tragen, bei den Feierlichkeiten in allem Glanz unserer Macht zu erscheinen.“

Das waren nun die großen Rathschläge, die der Besucher von dem Wirth verlangt hatte, Dinge, die sich von selbst verstanden, und über welche sie beide nur der Formalität wegen zu conferiren schienen.

Es trat eine Pause ein, in welcher Thee servirt wurde. Jedem der Herren stellten die Bedienten einen lakirten Teller mit kleinen Biscuits vor. Der Besuchende warf die Frage hin: „Wer ist der neue Lama: wie ist er?“

Der Civilmandarin zuckte die Achseln, er wollte nichts von ihm wissen: „Ich kenne ihn nicht,“ sagte er ausweichend; „auch unser Kaiser ehrt die Gottheit in ihm, und wir müssen uns freuen, daß das geistliche Regiment endlich wieder an die Stelle des weltlichen tritt.“

Der Militärmandarin sagte: „Ohne Zweifel!“ fing aber doch wieder von der Herkunft, der Erziehung, 67 dem Charakter des neuen Herrschers zu fragen an, worüber sich der Wirth so unwissend stellte, als der Andere überzeugt schien, daß er unterrichtet war. Als jedoch der Gefragte eine lange Tirade über die Unerforschlichkeit der Götter, über die Dunkelheit ihrer Wege begann, und sie endlich mit dem Ausrufe schloß: „Kann eines Sterblichen Auge in die geheime Werkstatt der Götterzeugung schauen! Wird es nicht erblinden an den Strahlen, die ihm entgegen leuchten!“ da verzweifelte der Gast, aus dem verschlossenen Manne etwas herauszubringen, schlürfte seine Tasse leer, steckte nach ächt chinesischer Sitte den nicht verzehrten Rest der Biscuite in sein Kleid und erhob sich von seinem Sessel. Unter Wiederholung des langwierigen Ceremoniells, begleitete der Wirth seinen Freund wieder zurück in seinen harrenden Palankin.

Wer waren diese Menschen? Wir werden ihnen noch oft begegnen, und müssen sie also kennen lernen.

Tibet liegt in der Mitte zwischen Indien und China, zwei Ländern, die auf es in religiöser und politischer Hinsicht mannichfache Einflüsse ausüben. Während in den südlichen Theilen des Landes die Religion den Annäherungen und Vermischungen mit hindostanischem Cultus ausgesetzt ist, steht der Norden in einer lästigen Botmäßigkeit, welche sich die Chinesen im Laufe der Zeiten über ihn angeeignet haben. Die Chinesen besitzen die schlaue Politik, welche wir nur im Alterthum, in den Eroberungen der Römer wieder finden, die religiösen Heiligthümer eines unterworfenen Landes unan-68getastet zu lassen, wodurch sie ihre Absicht, alle Fäden der bürgerlichen Einrichtungen in ihren leitenden Händen zu haben, um desto vollkommener erreichten. Der Dalai Lama, zu dessen Verehrern sich nicht selten die chinesischen Kaiser zählen, muß an seinem Hof chinesische Gesandte aufnehmen, die nicht die auswärtige Macht ihres Herrn repräsentiren, sondern befugt sind, sich in Tibets innere Verwaltung zu mischen. Es gibt in einer solchen Abhängigkeit keine Gränzen. Das erste Zugeständniß bahnt allen übrigen den Weg, und tausend scheinbare Gefälligkeiten können dazu dienen, einen lästigen Zwang, dessen man sich nicht erwehren kann, vorzubereiten. Die chinesischen Abgeordneten dürfen in einem fremden Lande nicht ohne Schutz gelassen werden, und es leuchtet ein, daß die Grundsätze des asiatischen Völkerrechts nicht hinreichen, um ihnen denselben zu gewähren. Welches ist die Folge dieser Nothwendigkeit? Eine fremde Kriegsmacht auf dem einheimischen Boden. Neben dem tibetanischen Militär ist fortwährend in Lassa ein chinesisches Armeecorps stationirt. Unter den Gründen, die für eine solche Erscheinung angeführt werden konnten, war der einfachste, aber nicht der wahrscheinlichste der Schutz, welcher dem chinesischen Gesandten von Hause aus mitgegeben werden mußte.

Die zwei wichtigsten Personnagen der Gesandtschaft haben wir bereits die Ehre gehabt kennen zu lernen. Es war der General der chinesischen, in Lassa stehenden Truppen, Ming-Ta-Lao,Mandarin der fünften Classe, welcher bei dem chinesischen Correspondenten 69 Leang-Kao-Tsu, der zufällig in seinem Mandarinenrange eine Stufe tiefer stand, aber als Civilbeamter und chinesischer Gesandter von dem General keine Befehle anzunehmen hatte, jenen nutzlosen, ceremoniellen Besuch abstattete. In jeder Stellung, wo sich Gleichberechtigte in demselben Geschäftsgange begegnen, werden Eifersucht und Verstecktheit die nächste Folge, zuweilen unvermeidlicher Reibungen seyn; aber bis zu dem äußersten Grade dieser Leidenschaft, die um so heftiger wird, je mehr sie sich unter der Maske der Höflichkeit und des Anstandes verbirgt, kann es nur ein chinesisches Gemüth bringen. Argwohn, Ehrgeiz und Betrug ist die unheilige Dreizahl der chinesischen Untugenden, und von dem Kaufmann an, der seine Waaren anfeuchtet, um sie schwerer zu machen, bis zu den Anfeindungen und Intriguen der Beamten wird die Mehrzahl dieses Volkes von ihnen beherrscht. Was konnte also natürlicher seyn, als daß aus dem Bestreben, sich gegenseitig den Rang abzulaufen, die beiden Repräsentanten des chinesischen Reiches am Hofe von Lassa in den treulosesten Verhältnissen standen? Der General hatte von seinem Stande einige Sitten angenommen, die die schlechte Richtung seines Charakters bei weitem milderten. Obschon er unter der Maske der Freundschaft seinem Collegen alle erdenklichen Nachtheile anwünschte, so war er doch wenigstens zu träge, sie ihm selbst zuzufügen. Er beschränkte sich darauf, über die mißrathenen Plane des Correspondenten zu lachen, und würde sich kein Gewissen daraus gemacht haben, ihm, 70 wenn er an einem unvermeidlichen Abhange der Gefahr ausgesetzt gewesen wäre jeden Augenblick zu stürzen, ohne weiteres den letzten dazu nöthigen Stoß zu geben. Der Civilcorrespondent andrerseits war nicht in der Lage, daß die Umstände seine Tugenden hätten begünstigen können. Ihm fehlte der Anhang einer Umgebung, die, Abwechselung gewährend, auch der Sucht zu herrschen eine unschädliche Richtung gab, und welche der General immer in seinen Truppen fand. Dem Correspondenten blieb nichts übrig, als sich an dem tibetanischen Hofe eine imposante Stellung zu sichern, und sich mit dem Hofe von Peking in lebhafter Verbindung zu erhalten. Da es in seinem Amte lag, über den Zustand, die Ereignisse, die Menschen von Tibet fortwährend an den Sohn des Himmels zu berichten, so konnte es ihm auch nicht schwer fallen, zuweilen seiner Eifersucht ein Opfer zu bringen, und über die in Lassa stationirten Truppen Bemerkungen anzufügen, die ein Unbefangener mit einfachem Namen Verleumdungen genannt hätte. Der General sagte aber, er fürchte sie nicht, an ihm ließe sich nie der Orden der Pfauenfeder verdienen, und die beiden Collegen waren die besten Freunde; sie hielten zusammen ein Exemplar der Pekinger Hofzeitung, schickten sich Thee- und Reißproben, und gaben Visiten und Gegenvisiten.

Wir haben Leang-Kao-Tsu, kaiserlich-chinesischen Correspondenten am Hofe von Lassa, nur von einer Seite seiner Häuslichkeit kennen gelernt, ja, ihn selbst schildern, heißt, ihn nur halb schildern. Seine Seele 71 glich der Frucht, deren Schale zwei Kerne verschlossen hält. Das zweite Moment seines Lebens war Niemand, als Schü-King, seine geistreiche, schöne, leidenschaftliche Schwester.

Soll ich Schü-Kings Reize schildern, wenn ich sie an der Toilette beobachte? Oder soll ich sie dir vorführen in jener behaglichen Stellung, wenn sie auf einem Sopha sitzend nach ächt chinesischer Sitte die Tabakspfeife zuweilen in den Mund führt, die weißgeschminkten Backen mit Rauch anfüllt, und ihn dann in bläulichen Wolken aus dem Munde herausziehen läßt? Oder endlich wenn sie geheimen Rath mit ihrem Bruder pflegt, und ihm mit Planen, Intriguen und krummen Wegen an die Hand geht?

Schü-King war stolz auf ihren schlanken, mittlern Wuchs, auf ihre kleinen, länglichen und gekrümmten Augen, auf ihren frischen glänzenden Teint, auf alle diese für eine Chinesin so wesentlichen Schönheiten. Aber was waren diese natürlichen Reize gegen die Kunst, mit der sie diese zu beherrschen wußte? Mit fertiger Hand zog sie die schwarzen Tusche in zierlichen Bogenstreifen über ihre Augenbrauen. Welches dämmernde Incarnat legte sie auf ihre Wangen, welche Purpurröthe auf ihre Lippen, auf denen sich nichts schöner ausnehmen konnte, als der blutrothe Farbenpunkt, der die Mitte der untern zierte? Den Kopfputz erwähne ich nur; denn die chinesische Haartour, die in einer Art von Chignon aufgekämmten und mit goldenen Haarnadeln befestigten Locken, die geschmackvollen 72 Verzierungen durch künstliche Blumen, haben längst vor dem Richterstuhle der Mode in Paris eine glänzende Rechtfertigung erlebt, haben den Lauf um die Welt gemacht, und tausend europäischen Engelköpfen vollendete Triumphe verschafft. Aber dieß sind nur Plagiate, ängstliche Copien, die weit hinter ihren Originalen zurückbleiben. Die Schönheit ist erst dann vollkommen, wenn sie von der Harmonie des Ensemble unterstützt wird. Schü-King war eine Chinesin, und sie besaß Alles, was sie hiezu stempelte. Sie lehnte sich nicht gegen die Sitte ihres Landes auf, sondern kokettirte selbst mit den Reizen, die wir abscheulich finden. Man erräth, daß ich von ihren unbedeutenden, unansehnlichen Füßen, von diesen sonderbarsten aller verjüngten Maßstäbe, sprechen will. Ihre Füße waren so klein, daß ihre Hände dagegen noch riesenhaft erschienen. Man rathe, wie lang und breit ihre Schuhe waren. Ich habe ihr nie dazu Maß genommen; aber eine Länge von einem Zoll und eine Breite von anderthalb ist schon das Aeußerste, was sich vermuthen läßt. Und dennoch fehlt allen diesen Vollkommenheiten ein Schmuck, den der Chinese mit Bedauern an Schü-King vermissen wird. Wir würden sogleich bereit seyn, diese Zierde eine garstige Unart zu nennen, aber das sind die Verschiedenheiten des Geschmacks. Wer so glücklich in China ist, den Nagel am kleinen Finger der linken Hand zu der Länge von 4 bis 5 Zoll zu hegen und zu pflegen, kann auf eine tief gefühlte Huldigung, die man seiner Schönheit darbringt, rechnen. Wer die-73sen Nagel gar zu einer Länge von 6, 8, 10 Zoll zu bringen im Stande ist, der ist auf dem Wege, unter die Götter versetzt zu werden; der Geruch der Heiligkeit ist ihm schon hienieden gewiß. Schü-King besaß diesen Schmuck nicht, und sie beklagte oft einen Verlust, der in ihren Augen nicht gering war. Sie bereitete sich selbst dieses Leid; denn ihr Charakter, ihre Leidenschaftlichkeit, das Feuer in ihren Bewegungen, waren für jene Nagelverlängerung, was die Raupe für ein junges Blatt. Wie konnte sie, die nicht gewohnt war, verschleiert im Hinterhause zu sitzen, und sich von Verschnittenen und alten Weibern Mährchen erzählen zu lassen, fortwährend mit einem Bambusfutteral am linken Finger versehen seyn, die Gesticulationen ihrer Hand ängstlich betrachten, und ihre Seele an diesen Nagel hängen? Wenn sie ihn auch einmal zwei Monate lang gepflegt und aufgefüttert hatte, so geschah es bei einer etwas lebhaften Demonstration, die sie ihrem Bruder machte, daß er in eine falsche Lage kam, und im Nu abknickte; dann weinte sie mit ihrem Bruder, aber der Nagel war verloren. Ach! Sie war so schön, so reizend; mußte ihr ein tückisches Schicksal nur diese Zierde mißgönnen?

Schü-King trat so eben aus einem Säulengange in das Gesellschaftszimmer, als ihr Bruder von dem Geleit, das er dem General gegeben, zurückkehrte. Welche zärtliche Bewillkommnung unter den Geschwistern! Wie süßlich Leang-Kao-Tsu, der Correspondent, die Fingerspitzen küßte, um die Freude an seiner Schwester zu er-74kennen zu geben! Sie erkundigte sich nach King-Ta-Lao’s Besuch und sagte, ihre böswilligen Absichten schlecht verbergend: „Mein Bruder, du hättest deine Brille statt am Ohr zu tragen, auf die Nase setzen sollen. Wie war er gekleidet? Trug er die gesetzmäßigen Farben? Hat er dich durch eine falsche Façonnirung, durch einen losen Knopf in deiner Eigenschaft und Würde nicht geringschätzig behandelt?“

„Sey versichert, meine Turteltaube,“ antwortete der zärtliche Bruder, „daß ich auch nicht eine Nath aus dem Auge verloren habe. Er ist schlau dieser Fuchs, und trägt seinen Schwanz, wie er nach der großen Kleiderordnung von Tschin-Song, aus der Dynastie Song, nur zugestutzt seyn kann.“

„Auch nichts von gelber Farbe, lieber Bruder, nur einen Faden gelber Seide auf seinem Körper, und wir haben Genugthuung.“

„Auf diese Hoffnungen wollen wir nicht bauen,“ entgegnete der Correspondent; „der kluge Mann befolgt drei Regeln, sagt ein weiser Lehrer. Er läßt keine Eisenstäbe vor sein Fenster bauen: denn sie locken den Dieb. Er verschmäht die Süßigkeit des Weines: denn den Wein haben die Advocaten erfunden, um die Processe zu vermehren. Er hütet sich vor der gelben Farbe: denn sie ist die Farbe des Kaisers, und in die Vorrechte des Himmels eingreifen heißt: seinen Körper um einen Kopf bringen. Der General versteht zwar nichts von diesen Lehren, aber der Instinct leitet ihn, ihren Inhalt zu befolgen.“

75 „Was denkt er über den neuen Lama? Kennt er ihn? Ich fürchte Bruder, du lässest dir eine Falle legen.“

„Du nennst mich deinen Bruder, Schü-King?“ antwortete der Correspondent mit lächelnder Miene, sich seinen kleinen Stutzbart streichelnd. „Was er denkt? Die Klötze denken nicht. Eine Falle? Die Füchse besitzen nur ihre Schlauheit bis zu dem Grade, daß sie die Fallen vermeiden. Nein, meine Schwester, in der Nacht ist kein Schlaf über meine Augen gekommen. Diese Veränderung der Regierung bietet meinen Planen die Hand. Ich umstricke sie alle, und werde mir ohne Mühe meine Auszeichnungen verdienen. Kannst du zweifeln, daß ich in einem Monate die Pfauenfeder, in zwei den Rubinknopf an der Mütze, und die Agatsteine am Gürtel, und im dritten den goldenen Pelikan auf dem Rücken habe?“

„Deine Aussichten auf die Zukunft solltest du,“ sagte die vorsichtige Schü-King, „eher noch weiter hinausschieben, als daß du den nächsten Augenblick unbeachtet lässest.“

„Was will deine Seele damit sagen?“

Schü-King trat auf den Bruder zu und erklärte sich: „Lassa ist in Bewegung, um sich zu dem Schauspiele vorzubereiten, das am heutigen Tage noch aufgeführt werden soll. In dem großen Pompzuge, der zu Ehren des neuen Lama gehalten wird, darf allerdings dem Abgeordneten des himmlischen Reiches nächst dem Heiligsten nur der ehrenvollste Platz angewiesen werden; aber wie wirst du mit dem General rangiren? Mein 76 Bruder, bedenke, wenn dein Palankin nur einen Zoll hinter seinem Pferde zu stehen käme?“

Nur auf einen Augenblick überflog den stolzen Correspondenten das Schreckliche, was für ihn in dieser Möglichkeit liegen würde, dann sann er darüber nach, ob eine Zurücksetzung seinem Ansehen und noch mehr seinen Planen schaden könnte; endlich aber ergriff er Schü-Kings Hand, lachte und sagte, das Mädchen am Ohrzipfel und an der Nasenspitze küssend: „Trag’ um die Ehre deines Bruders keine Sorge! Ich muß der heiligen Person am nächsten stehen, um ihre Bewegungen zu beobachten. Das verlangt meine Instruction, das verlangt die Hofzeitung, für die ich meine tibetanischen Zustände schreibe.“

Schü-King gab sich zufrieden, und bat den Bruder, ihr die Schminke nicht von der Nase zu wischen.

Auf die uns schon bekannte Art wurde jetzt ein neuer Besuch angekündigt, angenommen und bewillkommnet. Der Oberst Tschu-Kiang konnte für Schü-Kings Verlobten gelten, obschon es Augenblicke gab, da ihn die spröde, eigensinnige Schwester des Correspondenten nur auf sehr ungewisse Hoffnungen verwies. Er war nur noch Mandarin der neunten Classe, und trotz seiner schönen, einschmeichelnden Gestalt sagte sie doch zuweilen, daß er deßhalb ihrer unwürdig sey, und es blieb ihm dann nichts übrig, als den Moment abzuwarten, wo sie, erbittert und entmuthigt durch irgend einen fehlgeschlagenen Plan, wieder eines Gegenstandes bedurfte, der sie zerstreute, und den sie quälen konnte. Tschu-77Kiangs Zärtlichkeit ging noch weit über seine Eitelkeit. Es beglückte ihn, Schü-Kings Kleidessaum zu küssen, oder aus ihrem kleinen Schuhe lauwarmes Wasser zur Erquickung zu trinken. Diese Hingebung contrastirte seltsam zu dem Werthe, den der Oberst auf sich selbst legte. Wenn man ihn sah, wie er sein kleines Bärtchen an der Oberlippe schwärzte, die Enden sauber beschnitt, und die Entfernungen auf beiden Seiten nach der Linie abmaß; wie er die, auf dem Gesichte zuweilen wuchernden Härchen mit Seidenfäden umwickelte, um sie mit Stumpf und Stiel auszureißen; wie er seinen Zopf des Abends aus zwanzig Strähnen flechten ließ, und ihn in ein Futteral steckte, um ihm über Nacht seine Condensität nicht zu rauben; so schien es auffallend, wie ein Weib gegen diese Reize gleichgültig seyn konnte, und ihm selbst zwar am meisten.

Tschu-Kiang trat ein und spielte seine Rolle als chinesischer Stutzer vortrefflich. Er behandelte das Ceremoniell nur mit einer gewissen Oberflächlichkeit, die auch in dem affectirten Styl seines Ganges wiederkehrte. Der Körper wiegt sich, alle Theile an ihm hängen nur mit einer schlotternden, aufgeknüpften Nachlässigkeit zusammen, der Unterleib muß mit der rechten Schulter in einer correspondirenden, zuckenden Bewegung fortwährend abwechseln, und dem Gange ein Uebergewicht nach der rechten Seite hin geben. Die Kleidung entspricht diesem Benehmen, wenn man an die Stelle der graciösen Nachlässigkeit die übertriebene Sorgfalt und Zierlichkeit treten läßt. Welche präch-78tigen Kostbarkeiten waren über dem Helm, über die glatte Stirn und über den Gürtel gezogen! Welche Reichthümer an Edelsteinen hingen an den weißgemalten Ohrzipfeln! Tschu-Kiang glich einem Bräutigam, der zum ersten Male in die Kammer seiner Braut tritt.

Der Oberst unterließ niemals durch ein Geschenk oder sonst eine Gefälligkeit seine Besuche willkommener zu machen. So griff er auch heute zuerst nach seinen seidenen Stiefeln, aus denen er etwas Eingewickeltes hervorzog.

„Was bringen Sie, mein junger Freund?“ fragte der Correspondent.

„Nichts von Belang,“ antwortete der Oberst; „aber als ich mich gestern Abend, müde des Gelärms in den Straßen, zur Ruhe legte, klopfte es noch spät an die Thür der Caserne. Ich höre Pferdegetrappel, einen Wortwechsel mit der Schildwache, die späte Besuche nicht hereinlassen soll, und dabei zuweilen meinen Namen nennen, an den apellirt zu werden schien. Ich schickte hinunter, verschaffte dem Boten Einlaß, erhielt ein zärtliches Schreiben von meiner Tante und ein großes Stück geräuchertes Rindfleisch, das von einem der berühmten Ochsen in Wampu geschnitten ist.“

„Sie Glücklicher!“ konnte der neidische Correspondent, der einen guten Bissen nicht verschmähte, anzumerken nicht unterlassen.

„Mein väterlicher Freund! Sie beschämen mich,“ fiel der zuvorkommende Oberst ein, und wickelte das sau-79bere, in Seidenpapier geschlagene Päckchen aus einander. „Kann ich mit einer Probe, der auf einen Wink von Ihrer Hand mehr folgen wird, aufwarten?“

Einem solchen Anerbieten und dem kräftigen, würzigen Geruche, der es begleitete, vermochte der Correspondent nicht zu widerstehen; er griff hastig zu, und steckte die dargebotene Gabe, die in kleine Theile geschnitten war, in den Mund.

„Es ist unübertrefflich, dieß classische Vieh von Wampu,“ sagte er mit verstopfter Stimme, und fügte dann kauend hinzu: „Die heilige Sage hat den Ursprung der Kühe von Wampu erklärt. Sie erzählt von einem Gotte, der bei einem Mandarinen am grünen Fluß einst einkehrte. Dieser lebte in frommer Gottseligkeit, und mühte sich ab, seinem dürren Boden einen Ertrag abzugewinnen. Der Gott wollte ihm die Reinheit seines Herzens belohnen, und sagte zu ihm: In aber drei Jahren werden deine Kühe goldene Kälber werfen! Der Mandarin erstaunte, fuhr aber fort, sein Land zu bebauen, es mit Canälen zu durchschneiden, die grüne Weide zu schonen, kurz dieß Versprechen des Gottes ging herrlich in Erfüllung, denn seine Kälber wurden auf dem Markte mit Gold aufgewogen. Von diesem Mandarinen am grünen Fluß stammen alle Ochsen in Wampu. Ihre Tante wird Ihnen das erzählen können. Ihr Fleisch find’ ich delicat.“

Schü-King hatte sich beim Eintritt des Obersten zurückgezogen und ein zweiter Narcissus ihre Unterhaltung in einem Spiegel gesucht. Sie vertiefte sich im An-80schauen ihrer Schönheit, verfolgte die sanften Wellenlinien, mit denen die Natur nur in ihren Feierstunden zeichnet, und ging in dem glänzenden, schwarzen Abgrund ihres Auges unter. Der alberne Oberst mit seinem Rindfleisch! Auch Schü-King hatte Geruchs- und Geschmacks-Nerven; der würzige Geruch stieg ihr in die Nase, und den Heißhunger ihres Bruders verwünschend, ließ sie den metallenen Spiegel aus der Hand fallen.

„Herr Tschu-Kiang,“ sagte sie, um ihren Aerger zu unterdrü-cken, „sollte seinen Degen und Helm in das Depot abliefern, zu seiner Tante ziehen, die Landwirthschaft lernen, und sich endlich als Markt- oder Speise-Meister in Peking oder Kanton anstellen lassen.“

Der Oberst, immer noch vor dem schmausenden Correspondenten stehend, und ihm mit beiden Händen das Papier hinhaltend, ließ es über diese Anrede fallen, wandte sich zur holden Sprecherin und sagte mit süßlicher Stimme: „O Schü-King, Widerschein eines höhern Lebens, ich werde täglich gewisser in meinen Hoffnungen, die Sie einst Vermessenheit nannten. Wie Sie liebevoll für meine Zukunft Sorge tragen! Warum soll ich den Helm, der nächst dem Zopf die schönste Zierde meines Hauptes ist, warum soll ich den Degen von meinen Lenden legen, für die er geschaffen ist? Sie fürchten für mein Leben; denn die Gefahren des Kriegs sind unzählbar. Aber meinem Muth, meiner Tapferkeit, meinen bewiesenen Tollkühnheiten werden Sie die letzte seyn, Ihre Bewunderung zu versagen? Kriegeri-81scher Größe hält sich der zarte Sinn des Weibes am meisten verwandt.“

„Von welchen Gefahren sprechen Sie, lieber Oberst?“ fragte Schü-King lachend. „Die halbe chinesische Artillerie besteht aus papierenen Kanonen, und die andere Hälfte ist von den Tataren vernagelt worden. In den Schlachten sind die Cavalleristen durch ihre Regenschirme gesichert. Ich muß lachen, wenn Sie von Gefahren sprechen.“

„Schü-King, der Traum meiner Seele,“ antwortete Tschu-Kiang, „wird niemals im Stande seyn, einer grausamen Empfindung ihr fühlendes Herz zu öffnen. Nein, diese Regenschirme sind eine Erfindung der Humanität, und unser aufgeklärtes Zeitalter sollte die Ausgabe nicht scheuen, sie feuerfest zu machen. Das Wechseln der Kugeln ist im Kriege eine traurige Nothwendigkeit, die wir den tückischen und feigen Europäern verdanken; nur im Handgemenge zeigt sich die Kraft und die Gewandtheit eines Mannes.“

Der Oberst wollte von diesen Vorzügen, die ihn persönlich trafen, sogleich eine Probe ablegen, und fuhr mit der rechten Hand hinter die linke Seite des Rückens, um seinen Säbel mit Blitzesschnelle aus der Scheide zu ziehen. Man weiß, daß die Chinesen ihre Säbel mit der Spitze nach vorn und dem Griff nach hinten tragen, und demnach über den Rücken vom Leder ziehen. Aber der Oberst selbst hatte vergessen, daß außer dem Dienst die Klingen befestigt seyn müssen, und die Probe seiner Tapferkeit, die in der schnellen Ge-82wandtheit beim Herausziehen liegen sollte, konnte deßhalb nur einen komischen Erfolg haben, über den Schü-King in ein unmäßiges Lachen und Händegeklatsch ausbrach. Tschu-Kiang ließ beschämt die vernagelte Scheide fallen, und strich sich verlegen seinen gewichsten Knebelbart.

Endlich hatte sich der Correspondent von dem verführerischen Anblick der zerschnittenen Fleischstücke dadurch befreit, daß er sie aufgegessen hatte. Die chinesische Gefräßigkeit, die alle Gränzen überschreitet, machte jetzt seinen Speculationen wieder Platz, und es fiel ihm zuerst ein, daß ihm zur Verfolgung derselben der Oberst nicht günstiger hätte erscheinen können. „Vom Krieg redet ihr, meine Lieben?“ begann er, der von dem lächerlichen Gestus des Obersten nichts bemerkt hatte, „und könnt über einen so ernsten Gegenstand euch in Lachen ausschütten? Lao-Tse äußert sich darüber wie immer mit einer unübertrefflichen Wahrheit. Der Krieg, sagt er, ist ein Kaufmann, der seine Kunden betrügt. Er gibt ihnen Sand in goldnen Büchsen und Asche in versilbertem Seidenpapier. Der Krieg macht dich mächtiger und reicher, aber er verwildert deine Sitten, und macht dich stinkend vor den Göttern. Ich finde darin eine traurige Wahrheit, an der nichts Lächerliches ist.“

Schü-King gab dieß zu, erklärte aber: „das himmlische Reich hat vor einigen Lastern Ruhe, und der Krieg gehört dazu. Mit wem wollen wir Krieg führen? Wo soll sich die Tapferkeit Tschu-Kiangs bewähren? Warum ist der Oberst nicht in die Factorei nach 83 Kanton gegangen, um unter den holländischen Fahnen zu sterben?“

„Wir sind täglich den Gefahren des Krieges ausgesetzt,“ sagte der Verspottete; „die innere Ordnung des Staats ist nur die Folge kriegerischer Anstrengungen. China’s Polizei hat nichts von der Polizei in andern Ländern, sondern bei uns ist sie ein Krieg der Guten gegen die Bösen, der Wachsamkeit gegen die Verruchtheit. Es ist wahr, die Hälfte unsrer Artillerie sind papierene Kanonen, aber wir müssen sie bedienen, als seyen sie von Metall. Können Aufrührer, die nur zu oft die Ruhe des himmlischen Reiches stören, in der Ferne unterscheiden, ob die Lunte über einer fingirten, oder einer vernagelten oder einer dienstfähigen Kanone schwebt? Sie werden vor jeder zurückschrecken, und der Krieger muß also jede auf gleiche Weise behandeln. Nein, wir haben noch nicht aufgehört, auf dem Fuße des Krieges zu stehen.“

Es war jetzt an dem Correspondenten, seine Entscheidung zu geben; er aber zog sein Antlitz in sehr ernste Falten, nickte einige Male nachdenklich und ließ sich schweigend auf den Divan neben Schü-King, die ihren Spiegel nicht aus der Hand ließ, nieder. Die Diener ordneten die Mittagstafel an, und der Oberst erhielt seinen Ehrenplatz. Der Correspondent von seinem geräucherten Rindfleisch halb gesättiget, fand Zeit, seinen Mund auch zum Sprechen in Bewegung zu setzen. Nach dem ersten Gericht, das aus marinirten jungen Bambusstängeln, einer zarten Frühlingsspeise, bestand, er-84griff er ein Kelchglas mit Wein, hob es bis zur Stirn, setzte es an den Mund, trank in sieben langsamen Zügen auf das Wohl seines Gastes, und senkte es dann tief auf den Tisch, wie es chinesische Sitte ist, weil Jedermann sehen mußte, daß es auch in der That und Wahrheit geleert war. Dann begann er, in seine Rede unzweifelhaft eine versteckte Absicht legend: „Wenn ich auf das Wohl eines Freundes trinke, so denk’ ich dabei nicht nur an die Erhaltung seines Glückes, sondern auch an die Beförderung desselben. Sie, mein Theurer, stehen auf einer Stufe, die für Ihre Jugend außerordentlich ist. Ich erstaune, welchen Weg Sie noch machen können mit Ihren Empfehlungen, Ihren Talenten.“

Schü-King reichte dem sich stolz aufrichtenden Tschu-Kiang ein in China sehr geschätztes, kostbares Gericht, gebratene Hirschschwänze, und fügte die ironischen Worte als Aufguß hinzu: „Zwar ist der Hirsch ein schlechtes Symbol für einen Krieger, aber die Schönheit seines Geweihes übertrifft Alles. Der Hirsch ist ein umgekehrter Mandarin; je mehr Enden er an seinem Geweih hat, desto kostbarer sein Werth; der Mandarin, je weniger Grade er zählt, desto vornehmer sein Stand. Auf welcher Stufe stehen Sie doch Oberst?“

„Auf der neunten, Schü-King,“ antwortete Tschu-Kiang sehr ernst; „aber die Liebe zu Ihnen wird meinen Talenten Flügel geben; ich zweifle nicht daran, daß der Sohn des Himmels beim nächsten Avancement mich die achte Stufe überspringen läßt, und mich sogleich auf die siebente befördert.“

85 „Dann kommen Sie mir sehr nahe,“ sagte lächelnd der Correspondent, dem es ein bitteres Gefühl war, noch auf der sechsten Stufe zu stehen. „Aber lassen Sie die Erwartungen, die Sie auf ungewisse Zufälle richten. Man muß weiter reichen als das Schicksal. Das ist ein Grundsatz, der zwar irreligiös klingt, aber aus der tiefsten Lebensphilosophie geschöpft ist.“

„Mein Bruder hat Recht,“ sagte Schü-King, „das Terrain ist Ihnen nicht günstig, Tschu-Kiang. Zwei gleich harte Steine mahlen nicht gut; zwei Sonnen dürfen am Himmel nicht stehen. Was schadet Ihnen die Nebenbuhlerschaft des Generals? Verlassen Sie das kalte Lassa!“

Der Oberst wurde heute von dem Uebermuthe seiner Freundin grausam verwundet. „Der Wille des Kaisers bindet mich an diesen Ort,“ sagte er; „ich kenne nur seine Gesetze und die welche mir das eigne Herz vorschreibt. O Schü-King, verläßt die Eidechse den Ort, wo sie ihren Rücken sonnen darf? Pflanzt sich die Blume auf einen Felsen, wo sie nur im Stein wurzelt? Wie kann ich Lassa und Ihre Nähe verlassen?“

„Mein Freund!“ unterbrach ihn der Correspondent; „Sie kennen die Gesinnungen meiner Schwester, aber die meinen sind Ihnen noch verborgen. Auch diese werden Ihnen offenbar werden, wenn ich Sie mit den Aufträgen bekannt mache, die ich von Peking erhalten habe. Ihr Name steht unter den vornehmsten Personen, die zur Ausführung derselben bestimmt sind. Nach der heu-86tigen feierlichen Procession erwarten Sie darüber die nähern Aufklärungen.“

Tschu-Kiang war entzückt. Dieß Vertrauen überraschte ihn, obschon er nicht daran zweifelte, desselben im höchsten Grade würdig zu seyn. Die Erwähnung der Procession erinnerte ihn an die Erneurung seiner Toilette, er nahm noch einige Tassen Thee, sagte Schü-King einige Schmeicheleien über die liebenswürdige Art, mit der sie jetzt die Tabakspfeife in den Mund nahm, und empfahl sich, von dem Correspondenten bis zum Ausgang begleitet. Sie winkten sich einander zu, als wüßten sie das schon, was sie erst erfahren sollten. Nichts kann uns einen dümmern Anstrich geben, als die Affectation des Einverständnisses.

Schü-King begab sich in den Harem ihres Bruders, der Correspondent beeilte sich, für die heutige Festlichkeit seinen officiellen Schmuck anzulegen.

Diese Festlichkeit folgte in unmittelbarem Wechsel auf die gestrige Trauer-Ceremonie. Es ist die Pflicht des Lebenden, das Recht der Todten anzuerkennen. Freude und Leid reichen sich wechselseitig die Hände, um den Menschen in der größten aller Tugenden, in der Mäßigkeit, zu erziehen. Der während der Minderjährigkeit des jungen Lama an der Spitze der Geschäfte stehende Stellvertreter war kurz vor dem Ende seiner Regentschaft gestorben. Obgleich der Lama noch nicht völlig das gesetzmäßige Alter erreicht hatte, so war man doch in der Berechnung einiger Monate nicht peinlich, und zog den, welchem Jahre wie Stunden sind, aus 87 seiner Verborgenheit hervor, um ihm die Zügel der Weltordnung in die Hand zu geben. Man vermied die neue Wahl einer Statthalterschaft von zwei Monaten, und sah in dem Tode des Regenten den Willen der Gottheit, sich bald in Fleisch zu offenbaren. Deßhalb folgte auf das Trauerfest um einen weisen, besonnenen Mann, dem Tibet seine Erhaltung während zehn Jahren verdankte, sogleich das große Freudenfest der endlichen Erscheinung des Königs der sechszehntausend Welten, das Fest der Wiederkunft des Himmels auf der Erde.

Wir wollen die frohlockenden Bewohner von Lassa nicht verfolgen, wie sie ihre andächtigen Empfindungen in den Tempeln und Straßen zur Schau tragen, wie sie die Luft mit ihren Jubeltönen erfüllen, und mit sechsfüßigen Trompeten den Herrn des Himmels in die Welt einblasen. Wir begnügen uns den festlichen Zug zu beschreiben, welcher den Dalai Lama aus seinem frühern Sitze in die Burg der Götter geleitete, und daran nichts zu ändern, als die pompöse Langsamkeit durch einen mehr beschleunigenden, raschen, anapästischen Schritt.

So weit sich in einem Tage die Nachricht von dem neuen, der Welt erschienenen Heile hatte verbreiten können, waren die Einwohner an den Ort des Wunders zusammengelaufen. Neugier und Andacht hatte eine unabsehbare Menge von Zuschauern versammelt. Der Weg, den der Gott zu machen hatte, war in der Eile noch besonders zugerichtet worden. Zwei Spaliere, weiß angestrichen, bildeten eine Straße, durch 88 welche sich der Zug bewegte. Auf beiden Seiten lagen in kleinen Entfernungen aufgethürmte Steinhaufen. An den Spalieren entlang stand eine doppelte Reihe von Priestern, die eine wohlriechende, aromatische und musikalische Barrière bildeten; denn sie trugen angezündete Kerzen, die einen angenehmen Geruch verbreiteten, schwangen Rauchfässer und accompagnirten die gesungenen Hymnen mit Hoboen, Seemuscheln und den unerläßlichen Pauken.

Der Lärm wird schwächer, die Erwartung versagt der Kehle den Athem, der ängstlich zurückgehalten wird. Sie nahen, sie nahen, die Heiligen alle und der Heiligste in ihrer Mitte!

Die Hohenpriester und Schriftgelehrten sind wie immer die ersten Apostel eines Wunders. Sie zogen voran in beträchtlicher Anzahl, zwei und zwei, in der einen Hand eine Ruthe, in der andern ein Rauchfaß, das an drei metallenen Ketten am Ende eines langen Stabes hing, und einen dichten Rauch verbreitete. Sie waren in lange Röcke von gelbem Tuche gekleidet, und hatten eine kegelförmige Kappe von derselben Farbe auf dem Haupte, von der an den Seiten ein paar Läppchen zur Bedeckung der Ohren fielen. Es ziemt sich nämlich für die Verkünder eines neuen Cultus auf nichts zu hören, als die eigne Begeisterung.

Der Bund der Priester mit dem Machthaber ist so alt wie die Religion. Die Schergen der Souveraine sind die Krieger. Sechs- bis siebentausend Mann Cavallerie, die mit Köcher, Bogen und Gewehr bewaffnet 89 waren, folgten unmittelbar auf die fromme Avantgarde. Sie wurden von einem Manne befehligt, dem der Haufe abgöttische Verehrung erwies. Er trug ein gelb atlassenes Kleid mit Zobel gefüttert, und war um die Lenden gegürtet. Ein dunkel karmoisinrother scharlachartiger Mantel, der zum Theil sein Atlaskleid bedeckte, ging um den Leib herum, das Ende aber ruhte auf der linken Schulter, so daß der rechte Arm frei war. Er trug einen runden Hut, der mit einem gelben glänzenden Firniß bezogen war, und rothe Stiefeln von bulgarischem Leder. Dieß war der General der tibetanischen Truppen, die aus Kalmücken bestanden. Er hieß der Bruder des Dalai Lama, und war es in der That dem Fleische nach.

Wer hinter der Vorhut die erste Stelle hatte, konnte ihn für den Ehrenplatz halten. Es war billig, daß der chinesische Correspondent ihn behauptete. Unser Freund trat in einer angemessenen Umgebung auf, die den Stolz ihres Führers theilte. Ich erwähne hier nichts von der Garderobe; denn wäre dieß Häuflein in sackleinenen Kleidern aufgetreten, so würde es im Gefühl seiner Souverainetät dennoch das Haupt am kühnsten erhoben haben. Aus der Mitte des diplomatischen Corps ragte ein langer Bambusstab hervor, welcher die Vollmacht des Correspondenten als kaiserlich chinesischen Umba’s enthielt. Die Tibetaner sahen mit Scheu auf diese Acte ihrer politischen Abhängigkeit.

Der chinesische General hatte in Lassa scheinbar nur die Mission des Schutzes für den Correspondenten; es 90 war also natürlich, daß er ihm nachging. Er befehligte seine Cavallerie, die nach ihrer Art mit Feuergewehr, Säbel, Helm und papiernen Harnischen bewaffnet war. Der Oberst Tschu-Kiang ritt dicht hinter dem General, überall, wo er ein schönes auf ihn blickendes Auge vermuthete, sein Pferd zum Courbettiren stachelnd. Seine Person kennen wir, aber die Verzierungen seines Rosses sind uns neu. Das Thier, das er ritt, war mit großen karmoisinrothen Quasten und anderem prächtigen Geschirr geschmückt, und mit einer Menge Glöckchen an einem Halsbande behangen, die, so wie es sich in langsamen Schritten bewegte, harmonisch klangen. Uebrigens war der Körper des Pferdes von den vielen seidenhaarigen Kuhschwänzen, die auf beiden Seiten hingen, kaum zu sehen. Ich kann den Sonnenschirm nicht übergehen, der am Halse des Pferdes befestigt war, und den zarten Teint des Reiters gegen die bräunenden Sonnenstrahlen schützte. Selbst in der heißen Jahreszeit ist die Hitze in Lassa erträglich, aber der Oberst wußte, wie schön ihm die Bewegungen seines Armes standen, wenn er sich mit einem Fächer Kühlung zuwehte, und hatte also diesen Fächer nicht vergessen. In dieser Coquetterie ließ er sich nur stören, wenn er zuweilen einen interessanten Gegenstand, ein durch ein Fenster blickendes Mädchenauge belauschen wollte. Er hielt sich dann mit vieler Grazie seine Brille vor die Augen, die er nach chinesischer Sitte an einem Bande im linken Ohrzipfel trug.

Jetzt folgten verschiedene Gruppen, welche mancher-91lei Staats-Insignien, Fahnen und Standarten führten; nach ihnen kreischende Instrumente und zwei mit reichen Decken belegte Pferde, deren jedes zwei runde Wannen trug, die mit brennendem wohlriechendem Holze gefüllt waren.

Ein Priester-Senior trug in einem Kästchen die Gebetbücher und einige der vorzüglichsten Götzenbilder. Hinter ihm wurden neun prächtige Pferde geführt, die mit einem Gegenstande beladen waren, der ein sonderbares Attribut der Gottheit ist. Aber auch unsere Künstler sind von der unanständigen Nacktheit, mit welcher die Griechen ihre Götter bekleideten, zurückgekommen. Wir sind schon lange gewohnt, die bildlichen Darstellungen unserer Gottheiten nicht ohne Kleider zu lassen, und man wird es daher nicht auffallend finden, daß jene neun Rosse die Garderobe des Gottes der Tibetaner trugen.

Die irdische Hülle des Allerheiligsten ist jetzt an uns vorüber. Die Pulse stocken, die Herzen beben, die Kniee wanken, und mit heißen Thränen sinkt der Gläubige nieder. Er hat kein Auge mehr für die vielen hundert Diener, die zu der nächsten Umgebung des Herrn der Heerschaaren gehören, für die großen goldenen, mit sinnbildlichen Figuren geschmückten Gefäße, welche zwei Männer auf ihren Schultern tragen, und das gewöhnliche Geschenk des Kaisers von China an den neuen Lama bilden; kein Auge mehr für jene Seligen, die an den Stufen seines Thrones stehen, um die Bittschriften zu empfangen und die Almosen auszuthei-92len; denn in diesem Augenblicke theilen sich die Wolken-Vorhänge des Himmels, die Donner und Blitze rollen und zucken unter dem Fuße des Allmächtigen; die Heiligen mit goldenen Kronen stimmen den Lobgesang an, und die Schöpfung lauscht entzückt dem Preise seiner Herrlichkeit und großen Gewalt.

Du stehst auf von dem Boden, der deine leisen Seufzer und stillen Gebete gehört hat; eine wilde Menge drängt sich dem Zauber nach, den du nun empfunden und mit deinem geistigen Auge geschaut hast. Du weißt nichts von dem prächtigen Thronhimmel, der seinen Tragsessel beschattete; nichts von den sechzehn Chinesen, die zum Zeichen der Huldigung deinen Heiland auf den Schultern trugen. War er jung? War er ein Greis? Flossen Locken über seine Stirn? Strahlte freundlich sein Auge? Oder wurde Trübsinn und Wehmuth von seinen Wimpern beschattet? Hielt er die Hände gefaltet, oder hob er sie auf zum Lichte der Sonne? Dein Auge war geblendet, und dennoch hast du ihn von Angesicht geschaut. Dein Auge sah ihn, und dennoch legte sich auf deinen Mund ein geheimnißvolles Siegel, das weder die Neugier eines Andern, noch das Gelüst deiner eignen Erinnerung je lösen wird.

Die Barrièren der Priester lösen sich auf und drängen sich hinter den Queue der Procession her. Erst am späten Abend gelangt der Zug an den Palast des Lama. Die Menge harrt mit Sehnsucht, daß auf den Thürmen desselben die Fahnen aufgesteckt werden, welche den Moment bezeichnen, da sich der Herrscher 93 auf seinen Thron niederläßt. Ein donnerndes, weit in den Bergen nachhallendes Freudengeschrei wirbelt in der Luft, und bringt einem Thale nach dem andern die freudige Kunde von dem erschlossenen Jenseits.

Du aber, frommer, gläubiger Beter, schlägst dein Auge zu Boden und kehrst in Frieden zu deinen häuslichen Mauern zurück. Dein Mund zittert von inbrünstigem Gebet. Du versammelst deine Söhne und Töchter, und lehrst sie die Tugenden, die den Menschen zieren, die Weisheit, die der Anker seines Lebens ist, und die Hoffnungen, die einst über das brechende Auge und über die erblassenden Lippen eine schmerzlose, freudige Heiterkeit gießen!

94 Viertes Capitel.#

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Schüler.

Wer ist der, durch den der Geist thätig? Wer ist der, durch dessen Macht der ursprüngliche Lebenshauch wirksam? Was ist, durch dessen Macht die menschliche Rede sich gestaltet? Wer ist der Gott, durch dessen Macht Gesicht und Gehör ihr Amt verrichten?

Lehrer.

Das Ohr des Ohres, die Intelligenz der Intelligenz, das Wort des Wortes, der Lebenshauch des Lebenshauches, das Auge des Auges.

Kena-Upanischad des Sama-Veda.

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Es war an dem Morgen, der auf Tibets glücklichsten Tag folgte. Die Einwohner von Lassa kehrten zu ihren gewohnten Geschäften zurück. Die Straßen pflegten in der Frühe immer von ihrer theologischen Bevölkerung befreit zu seyn, denn die Priester waren des Morgens in ihren Klöstern mit mannichfachen Hanthierungen beschäftiget, und erst wenn die Sonne höher stand, trafen gewöhnlich die geistlichen Herren auf den Spaziergängen und Plätzen ein, um ihre reichlichen und kostbaren Mahlzeiten zu verdauen.

Aus den Werkstätten tönte der Hammer und das feilende Eisen; die Zimmerleute richteten Häuser auf, die Maurer füllten die Fugen, und die Steinmetzen 95 arbeiteten an dem Ehrendenkmale, das dem verstorbenen Regenten gesetzt werden sollte; denn in Tibet, einem Lande, ohne alle geschichtliche Erinnerung, und ohne die Materialien und Kenntnisse, welche eine solche nur erhalten können, konnte es nicht auffallen, daß man die Geschichte in solchen kostbaren Denkmälern, die die Stelle der Buchstaben und Declamationen vertreten, aufzeichnete. Es ist erstaunlich, daß das civilisirte Europa mit seiner historischen Kunst, seinen besoldeten Historiographen, seinen tausend Bibliotheken, den historischen Werken des In- und Auslandes, dennoch die Sitte der steinernen Denkmäler von den barbarischen Völkern fortwährend entlehnt. Thaten, die in den Annalen der Geschichte verzeichnet sind, bedürfen keines Marmors, um sie zu verewigen.

Nur in der Gegend, wo am gestrigen Tage die Procession ihren Weg genommen hatte, und über Nacht das weiße Spalier abgebrochen war, herrschte eine ungewöhnliche Unruhe. Neugierige Müßiggänger, verspätete Nachzügler trieben sich auf dem geweihten Boden herum, um ihr Mißgeschick zu beklagen, oder die Mildthätigkeit der Betenden in Anspruch zu nehmen. Tibet leidet, wie alle hierarchisch regierten Länder, an einer unzähligen Menge von Bettlern. Dieß ist die natürliche Folge einer zahlreichen Priesterschaft. Wo man eine ansehnliche Anzahl von Menschen beim Nichtsthun in den besten Umständen leben sieht, da gewöhnen sich auch die Fleißigen an eine gewisse Trägheit, und die Faulen an einen völligen Müßiggang.

96 Die größten, obschon privilegirten Müßiggänger sind bekanntlich in allen Staaten die Soldaten. Sie hatten ihre Casernen verlassen und einen Ort aufgesucht, der ihnen die meiste Abwechselung gewährte. Einige Rotten waren aber zu einer andern Absicht an diese heilige Stätte gekommen. An ihrer Kleidung und ihrer tatarischen Gesichtsbildung erkannte man die kalmückischen Reiter, welche von dem Bruder des Dalai Lama befehligt wurden, und den Kern der tibetanischen Truppen bildeten. Diese wilden Söhne der mittelasiatischen Hochsteppen sind die eifrigsten Anhänger des Lamaismus, und es ließ sich daraus ihre Verzweiflung erklären, daß sie, die den gestrigen Zug an der Spitze eröffnet hatten, durch Erfüllung ihres Dienstes um die höchste Seligkeit gekommen waren, um den Anblick des jungen Dalai Lama. Sie warfen sich jetzt, um doch etwas wenigstens von seiner Nähe zu empfinden, auf den Stellen nieder, die sie von seinem Baldachin beschattet glaubten. Wie ungewiß mußten die Armen seyn, ob sie die rechten gefunden hätten!

Unberufene Zuschauer mischten sich in diese Handlungen, indem sie den Kalmücken bei Auffindung der geweihten Fußstapfen beistehen wollten. Hier wollte der Eine den rechten Ort bemerken, hier ihn der Andere. Da sollte das Pferd mit den Pantalons des Dalai Lama gestanden haben, dort vermaß sich einer hoch und theuer, daß der erste der Baldachin-Träger seinen Fuß eingedrückt habe, und also zwei Schritte davon die Stelle seyn müsse, über welcher der Angebetete einen 97 Augenblick geschwebt habe. Besonders mischten sich die Chinesen, theils Soldaten, theils Diener von der Gesandtschaft in den Streit. Ihr Vorwitz war genug, ihnen den Beruf dazu zu geben, ihr Eigendünkel trat immer mit einer Autorität auf, die entscheiden sollte, und ihren hämischen, satyrischen Charakter konnten sie da am wenigsten verläugnen, wo sie ihn ungestraft zeigen zu können glaubten. Die chinesischen Cavalleristen, längst mit den kalmückischen in gespannten Verhältnissen, trieben offenbar mit den letzten, die jetzt in einer so demüthigen Stellung sich im Staube wanden, ihren Spott. Sie riefen die Kalmücken bald hieher, bald dorthin, wollten hier einen kleinen Flecken in der Erde bemerken, dort schrien sie, müsse der Lama Athem geholt haben, so daß sich der Fußboden davon aufgekräuselt hätte, kurz, sie trieben ihre mit vielfältigen Bemerkungen vermischten Spöttereien so weit, daß die Kalmücken derselben endlich überdrüssig wurden, und sie mit Schlägen erwiderten.

Die feigen Chinesen wußten diesen Angriffen nichts entgegenzusetzen als Schimpfreden, mit denen sie ihr ganzes von Herrn Klaproth herausgegebenes Wörterbuch erschöpften; dazu kam, daß sie im Handgemenge mit den kräftigen, nicht dickbeleibten Kalmücken wenig gewinnen und nur Alles verlieren konnten. Ein zerrissener Aermel hätte ihnen von ihrem Befehlshaber Stockprügel, der Verlust des Zopfes den Abschied zugezogen. Ihr Rücken war daher am meisten verwundbar, und 98 ihr Zopf zwang sie, ihn nicht zu kehren, und tapfer zu seyn. Die Kalmücken setzten den Religionsspöttern hart zu. Die Einwohner nahmen ihre Partei und die Chinesen ihre Zuflucht zu einem abscheulichen Geschrei. Obgleich sie damit ihre Cameraden nicht herbeiziehen konnten, von denen voraus zu sehen war, daß sie von dem Schauplatz der Verwirrung eilen würden, um ihre Zöpfe in Sicherheit zu bringen; so erreichten sie damit doch, daß sie sich selbst zum Widerstande anfeuerten, und ihn mit besserm Muthe leisteten. Aber die Kalmücken schwangen nur um desto kräftiger ihre siebensträhnigen Peitschen, die sie um den Leib trugen, und wurden darin von Lassa’s Lazaronis unterstützt. Der Tumult nahm zu, das Aufruhrgeschrei verbreitete sich durch die Stadt, Alles lief neugierig aus den Häusern, und der Auftritt würde die ernstlichsten Folgen nach sich gezogen haben, hätte eine neue Erscheinung ihm nicht ein wirksames Ende gemacht.

Ein Mann in langem, fliegendem Haare, mit Thierfellen nur halb gekleidet, warf sich unerschrocken unter die kämpfenden Parteien. Seiner gewaltigen Körperkraft gelang es, die Erbittertsten in die Reihen der Ihrigen zurückzudrängen, und jedem neuen Angriff in die Arme zu fallen. „Unverschämte Fremdlinge,“ rief er, „wer hat euch die Thore dieser heiligen Stadt geöffnet, um sie mit euern Worten und Gewaltthätigkeiten besudeln zu lassen? Habt ihr in euern Salzwüsten die Sitten zurückgelassen, die euern Eltern die Achtung ihrer Freunde erwarben? Und ihr, Chine-99sen, seyd ihr deßhalb hiehergekommen, um die Laster, welche die Luft um den grünen und gelben Fluß verpesten, in unsre Berge zu verpflanzen? Ihr zur Rechten, warum beschlagt ihr nicht eure Pferde? Ihr zur Linken, warum nehmt ihr nicht eure Schreibfedern zur Hand, schickt euern Tanten Grüße und den Pagodenvorstehern und Mandarinen euers Orts die Neuigkeiten, die euch verdächtig scheinen, und von euch ausspionirt sind? Stört die Ruhe dieser heiligen Gegend nicht, von der ihr eine Handvoll Erde nehmen solltet, um sie einst in euer Grab legen zu lassen!“

Die Menge wich ehrerbietig von dem kühnen Sprecher zurück. Die Kalmücken befolgten heulend den Rath, den er ihnen am Schlusse gegeben hatte, und verzogen sich; die unberufenen Zuschauer gingen an ihre Arbeit, und die Chinesen, lächelnd nach ihren Zöpfen fühlend, kehrten in die Casernen zurück, um ihre Cameraden mit Prahlereien und Lügen zu bedienen.

Die besänftigende Dazwischenkunft war von einem Manne ausgegangen, den wir schon einmal in einem nächtlichen Gespräch mit Gylluspa kennen lernten, und ihn von seinen wilden, phantastischen Tänzen, die er vor Hali-Jong und seinen Brüdern ausführte, Schamanen nannten. Wir wollen ihn auch ferner mit diesem Namen bezeichnen, obschon ihm Einiges fehlte, um denselben ganz zu verdienen. Er eilte, von den scheuen Blicken der Menge verfolgt, der Gegend der Stadt zu, in welcher die Burg des Lama lag.

Wir haben von Maha Guru, dem jüngern Bru-100der des Schamanen gehört, und mußten die sonderbare Ausdrucksweise bewundern, mit der der ältere Bruder von ihm sprach. War es nicht, als erwies er ihm eine göttliche Ehre? Diese Frage ist jetzt nicht mehr zweifelhaft, denn Niemand anders als Maha Guru war der neue Dalai Lama.

Die Lehre von der Seelenwanderung ist der einzige Erklärungsgrund für den merkwürdigen Cultus, der auf dem höchsten Gipfel der Erde herrscht. Die Annahme, daß die einen sich auflösenden Körper verlassende Seele wieder einen neuen Sitz zu suchen hat, um ihre Fortdauer zu sichern, erlaubte die Anbetung eines Menschen, auf den sich die Fülle des göttlichen Geistes herabgelassen habe. Der Dalai Lama ist kein Papst, kein Stellvertreter der Gottheit, sondern diese selbst, der Schöpfer und Erhalter der Welt, der Lenker der Himmelsbahnen, der Spender unserer Lebensloose, der Richter über böse und gerechte Handlungen. Die Tibetaner sehen die Hülle ihrer Gottheit geboren werden und sterben, aber in dem Augenblicke, da der Körper von dem Geiste bewohnt wird, der ihnen der Höchste ist, unterscheiden sie auch das Aeußere und Innere nicht mehr, sondern halten die vergängliche Kleidung der Gottheit wie von ihr selbst durchdrungen und untergetaucht in den Glanz ihrer unsterblichen Seele. Sie kennen die Eltern, Brüder und Verwandten ihres Gottes, aber wie zärtlicher Empfindungen sie fähig seyn mögen, so schätzen sie in dieser Rücksicht die Bande des Bluts für das Geringste. Die Priester lehren, daß die Geister 101 alle nur Ausflüsse einer und derselben Seele seyen, daß wir alle unsre Großmutter in dem Princip des Guten und Großen finden. Wer ist in dieser Kindschaft bevorzugt? Da gibt es keine Einschränkung auf Raum, Volk, Religion; sondern die Guten sind alle untereinander Brüder und Väter. Dieß ist nach der Weisheit von Tibet die wahre Aehnlichkeit und Verwandtschaft.

Wenn Gott seines Körpers überdrüssig wird, ihn verläßt und stirbt, so vertritt ein erfahrner Mann interimistisch seine Stelle, und sorgt für die Auffindung eines neuen Körpers, der sich zur Aufnahme der Gottheit eignen dürfte. Ich drücke dieß Geschäft nur von seiner praktischen Seite aus, während die metaphysische erhabener ist. Denn die Priester sollen ja nur lauschen, wo sich die entschwundene Gottheit hingeflüchtet hat; sie sollen die Geisteskräfte der Tausende von tibetanischen Kindern untersuchen, und überzeugt seyn, da die Weltseele wiederzufinden, wo sie die meiste Empfänglichkeit, Lebhaftigkeit, Geistesschärfe antreffen. Ein Kind, das in seinem ersten halben Jahre schon laufen konnte, mit einem Jahre alle Zähne hatte, und den Namen des Vaters und der Mutter aussprechen konnte; ein Knabe, der im dritten Jahre die vier Species begriffen hatte und im vierten eine leserliche Hand schreibt, der im sechsten Antworten gibt und Urtheile äußert, die eines Erwachsenen würdig sind – da finden wir den Gott wieder, der eines alten runzlichten Körpers müde, 102 sich in ein frisches junges Leben flüchtete, und von hier aus die Erkennungsscenen vorbereitete. Die Priester fallen vor einem solchen Kinde nieder, heben den Gott aus den Windeln, hüllen ihn in ihre weiten Kutten, und bringen ihn in eine einsame Gegend, wo er der ihm gebührenden Ehre und eines sorgfältigen Unterrichtes genießt. Hier bleibt er so lange, bis es ihm gefällt unter die Menschen zurückzukehren, oder bis der Augenblick erscheint, wo ihn das gesetzliche Alter zu seiner Wiederkunft verpflichtet.

Daß sich Gott aber zuweilen auch Rücksichten unterwarf, bewies sein Wiedererscheinen in Maha Guru. Wir wollen keineswegs seine Legitimität antasten, obschon damit in unserm Falle wenig Gefahr verbunden ist; aber wir sehen aus der Geschichte seiner Berufung, daß zuweilen eine Empfehlung auch in dieser schwierigen Aufgabe half. Tibet war lange in der betrübtesten Verzweiflung. Die Priester reis’ten vergeblich im Lande herum, um den heimlichen, verborgenen Gott zu entdecken. Sie legten den Kindern auf den Landstraßen verfängliche Fragen vor, die sie aus dem Stegreif beantworten sollten, erhielten aber zu ihrem Schrecken immer nur Antworten, die entweder sehr dumm herauskamen, oder deren Salz mit vieler Erde versetzt war. Da sagte der General der kalmückischen Cavallerie zu den obersten geistlichen Behörden, als die Boten von ihren Examinationsreisen mit wiederholten schlechten Erfolgen zurückkehrten: „Warum haltet ihr euch nur in den Umgebungen 103 von Lassa? Die Seele Gottes ist beflügelt; glaubt ihr, daß sie von einem dreistündigen Fluge schon müde ist? Geht nach Tassissudon, steigt auf die Mauern von Dukka Jeung, und lauscht dort nach dem, was ihr nicht finden könnt!“ Die Priester sandten an den bezeichneten Ort und trafen einen Knaben, der schon zum Jüngling reifend, von den gewöhnlichen Offenbarungen, in denen sich Gott zeigte, dem Wuchs und Alter nach sehr verschieden, dem Geiste und Verstand nach aber Niemand war, als der Heilige, den sie als verschollen schon beklagt hatten. Von Stund an wurde Maha Guru, dem jüngern Bruder des Kalmücken-Generals, göttliche Ehre erwiesen, ihm der Sitz auf einem Schlosse bei Lassa eingeräumt, und seiner reifen Bildung nichts mehr gegeben, als die ihm noch fehlende theologische Richtung. Man würde sich eines sehr falschen Ausdruckes bedienen, wenn man Maha Guru’s zunehmende Göttlichkeit ein sich Zurechtfinden in seiner neuen Würde nennen wollte. Nein, er war nicht der letzte, der an sich glaubte, er trat überall mit dem festen Bewußtseyn seiner Allmacht auf, und wenn ihn je ein Zweifel beschlich, so betete er zu sich selbst, und sein inwohnender Geist schlug den widerspänstigen Leib zu Boden.

Maha Guru’s Brüder waren seine eifrigsten Anbeter, obschon sie in ihren Wünschen sich trennten. Keiner von beiden zweifelte, mit dem wahren Schöpfer Himmels und der Erden einst Versteckens gespielt zu haben; aber während der General die ver-104storbenen Eltern und sich selbst am meisten deßhalb glücklich pries, beklagte der mittlere Bruder, daß ihm Maha Guru einen solchen Streich gespielt, und wünschte seinem Bruder die nackte sterbliche Menschheit wieder, die ihm einst so nahe stand, und deren Schicksal er theilen durfte. Er wußte, wie vergeblich diese Wünsche waren, und gerieth dadurch in einen Zwiespalt mit sich, der Welt, der Gottheit, den wir uns nicht erklären können, weil er auf für uns zu sonderbaren Voraussetzungen beruht. Er durchstreifte die Gebirge seines Landes, und suchte der Erinnerung an seinen vergötterten Bruder zu entfliehen, die ihm doch überall folgte, in den Gesteinen, den Quellen, den Sternen des Himmels, in den Werken dessen, dem er nirgends aus dem Wege gehen konnte. Auf Alles, was er sah und hörte, auf Alles, an das er seine Klagen richtete, hatte Maha Guru seinen Stempel gedrückt. Niemals können die beiden Pole der Liebe und des Hasses sich näher gelegen haben. Was er anbetete, das mußte er fürchten, und was er mit heißer Liebe umfing, das stieß er in demselben Augenblicke mit Unwillen von sich. Dieser Zustand gränzte an Verzweiflung. Er entzog sich Monate lang dem Anblicke seines Bruders, der ihn zwar zur tiefsten Anbetung aufforderte wie den General, ihn aber den leiblichen Bruder nicht vergessen machen konnte. Hier war Hingebung und Freundschaft ein Verbrechen geworden. Er irrte nach den Auftritten, in denen er seinem beklommenen Herzen Luft machte, in den Wäldern und Bergen umher, warf 105 sich in toller, fanatischer Entzückung unter die wilden Schwärme der wandernden Fakirs, in welcher Umgebung wir ihm zum ersten Male begegnet sind.

Der Schaman hatte seinen Bruder früher nur als Gott gesehen, heute sah er ihn als Dalai Lama. Er war unter den Dienern wohlbekannt und tief verehrt. Kein Hinderniß stand seiner Audienz entgegen.

Vor dem Audienzzimmer trat er in einen großen, hohen, länglichen Saal, der von einer Colonnade umringt war, und durch eine Oeffnung über dem Mittelpunkte erleuchtet wurde. Die Luft, das Licht und die Wärme der Sonne werden dadurch hereingelassen, daß man ein bewegliches, unmittelbar vor der Oeffnung befindliches Dach von ihr wegnimmt. Die Säulen der Colonnade waren karmoisinroth gemalt und reich mit Gold geziert, so wie auch die Spitzen der obern, sich schlängelnden Bogen mit verschiedenen symbolischen Wappen geschmückt. Die Wände waren blau gemalt, und mit zwei breiten, rothen Streifen eingefaßt, durch welche ein gelber hinlief. Der Fußboden bestand aus einer Composition von braunen und weißen Kieseln, die mit Erde vermischt war, und einen hellen starken Glanz annimmt.

Ich sagte, dieß Zimmer habe sich vor dem Audienzsaale befunden. Nein, er ist es selbst. Durfte ich mich in der Nähe einer solchen Erscheinung, wie sie vor unsern Augen steht, erst auf eine Beschreibung der vier Wände einlassen? Wir sind an den Stufen, die auf den Götterberg führen. Der Thron steht in einer Nische, 106 einige Fuß über dem Boden erhaben, umringt mit Kissen von gelbem Atlas, die auf jeder Seite mit seidenen Franzen von verschiedenen Farben und reichem Brocat geziert waren. Am Fuße des Thrones standen dünne Kerzen von der Mischung, wie sie in den Tempeln als Weihrauch zu brennen pflegten, und Vasen mit wohlriechendem Holze, das, langsam verbrennend, den Saal mit seinen Düften erfüllte.

Maha Guru? Wär’ er allein gewesen, dann hätt’ ich des Schamanen Eintritt in den Saal nur mit Farben schildern können, die aus dem Blau des Himmels, dem Weiß der Gestirne, dem Roth des Abends und Morgens gemischt seyn mußten; aber er war nicht allein. Maha Guru saß in menschlicher Gestalt auf den gelbseidenen Kissen, seinen Bruder, den frommen General, dadurch beglückend, daß er die allmächtige Hand auf seine Kniee legte. Der Schaman stürzte nieder, küßte die Stufen des Thrones, die er mit heißen Thränen benetzte.

Maha Guru war ein schöner, mannhafter Jüngling, mit einer blendend weißen, durch seine eingeschlossene Lebensart, zart erhaltenen Haut, dunkeln Augen und schwarzem, langgekämmtem Haare, das unter einer viereckigen Mütze in den Nacken floß. Er war in ein gelbseidenes, mit chinesischen Golddrachen durchwirktes Gewand gehüllt. In seinen Mienen wehte eine sanfte Milde, die Vertrauen erweckte, ja nach der Freude über das Wiedersehen seines lang vermißten Bruders machte sein Antlitz und sein Benehmen einer 107 Schüchternheit, einer Schamhaftigkeit Platz, die dem hochgestellten Jünglinge zur Ehre gereichte, ihm aber nichts mit der Majestät des olympischen Jupiters Gemeinsames gab.

Der Schaman hatte die in Tibet gewöhnliche Begrüßungsformel, welche in einem Auswechseln seidener Schärpen besteht, an diesem Ort für nicht anwendbar gehalten; aber sein Bruder kam ihm darin zuvor, ergriff eine weißseidene, neben ihm liegende Binde, und überreichte sie dem Verlegenen, der diese Höflichkeit nicht erwidern konnte. Der General gab dem, was der Schaman darüber empfand, Wort: „Wie glücklich sind wir, mein Bruder!“ sagte er; „die Hand des Himmels reicht sich uns durch die Wolken, daß wir den warmen Puls der Gottheit fühlen können.“

Der Schaman schwieg, aber Maha Guru entgegnete: „Du rühmst dich eines Vorzugs, Theurer, den der Himmel Jedem gewährt. Ihr seyd nur lebhafter von ihm durchdrungen, weil ihr mir näher steht. Aber gehet hinaus in die Welt und lauscht auf ihre Werke, ihr Thun und Treiben, und ich weiß, ihr werdet mich in Allem wieder erkennen. Dieß ist der ewige Verkehr, den ich mit meiner Schöpfung unterhalte. Ich bin zugegen, wenn die Mutter an der Wiege ihres Kindes Gebete in den Himmel sendet; ich begleite den Jüngling in die Welt, wenn sein Geist sich Nahrung sucht und sein Herz von großen Entschlüssen anschwillt; der Vater des Hauses, zu den Göttern auf seinem Herde betend, weiß, daß ich ihm die Kraft dazu verleihe, und 108 der sterbende Greis streckt die Hand nach mir aus, um seine Seele die Wege wandeln zu lassen, die ich ihr zeige. Nein, meine Brüder, ich bin keiner von den vornehmen Göttern, die sich durch den Umgang mit den Menschen besudelt glauben, die nicht selbst hinuntersteigen, um ihre Angelegenheiten ins Reine zu bringen, sondern ihre Gesandten, ihre Propheten, ihre Söhne schicken, unter deren unerfahrenen Händen sie immer schlechter gerathen müssen.“

„Du sprichst von dem Wunder deiner Allgegenwart,“ sagte der Schaman; „aber die Weisen lehren noch etwas Anderes. Sie zeigen auf die Pflanze, den Stein, das Thier, und nennen sie alle deine Offenbarungen. Aber wie? dann wärest du ja unterthan, nicht nur deinen eigenen Gesetzen, sondern auch denen, welche Menschen über dich verhängen. Wo ist die Gränze, mein Bruder, da ein Eichbaum noch ein todtes, blättertreibendes Holz ist, das ich fälle, und in den Ofen werfe, wenn du ihm sein Leben gibst und seinen Tod doch nicht hindern kannst?“

Maha Guru antwortete und sprach: „Ich bin der Herr der Schöpfung, ihr Meister, und kann nicht mein eignes Werk seyn. Aber wie der Künstler seinen Schöpfungen sich hingibt, ihnen Alles einprägt, was seine Seele erfüllt, wie ein Kenner sich vor sie hinstellt, und in ihnen den Geist des Schöpfers wiederfindet, nicht anders der, welcher die Erde wie einen Thonball in seiner Hand hält. Nur der Gute wird jedoch den Stem-109pel erkennen, den ich auf alle meine Werke gedrückt habe.“

„Aber wie soll ich es verstehen,“ fragte der General, „daß die Schöpfung ein vollkommnes Werk ist, und sich dennoch in ihr eine Abwechslung findet, die uns Neues und oft Besseres bringt? Welche Dinge führen uns nicht die Fremdlinge über die Gebirge zu? Daß ich nur von meinem Fache spreche, wie verschiedenartig sind die Bewegungen auf dem Pferde bei uns und ihnen, wie sonderbar sind die Handgriffe des Exercitiums! Sie haben sogar die beschwerlichen Lunten nicht mehr, mit denen wir unsre Gewehre abbrennen. Wenn ich dieß bedenke, so scheint mir die Schöpfung noch unvollendet. Wirst du sie vollenden?“

„Oeffne dein Ohr,“ sagte Maha Guru, „ich werde dich mit Wahrheit bedienen. Sage zuvörderst nichts von den unglücklichen Fremden, die meine Gebote verlassen haben, und falsche Götter anbeten. Ich verlieh ihnen einst Schärfe des Geistes, Beweglichkeit der Phantasie und schöne, grüne Thäler, die reizender sind, als mein treues Volk von Tibet auf seinen Bergen eine Vorstellung davon hat. Aber diese Gaben steigerten ihren Uebermuth, und dem Uebermuth folgte das Schicksal auf den Fersen. Sie sind eingegränzt in enge Städte, aus denen sich der Rauch nicht herausfinden kann; sie haben schlechte Nahrung, und das Bedürfniß der Kleidung können sie nur mit großen Opfern befriedigen. Ihr Geist strengt sich an, während ihre Herzen verwildern; sie machen Erfindungen, die die Vor-110welt nicht kannte. Sie lernten die Elemente bezwingen und den Himmel ersteigen; aber ach, die Erfolge ihrer Entdeckungen haben der Freude nie entsprochen, die sie empfanden, als sie ihnen zum erstenmale gelangen! Denn welches ist das Loos, das ihre Fortschritte unaufhörlich begleitet? Sie sind der Zahl nach weit geringer als wir und unsre Nachbarn; aber sie werden beherrscht von Königen und von den Brüdern der Könige und von ihren Schwägerinnen. Diese vernichten morgen Alles, was sie heute gewonnen haben; es ist eine alte Feindschaft, die eine Schlange in die Herzen der Könige gesäet hat. Das Elend in jenen Ländern ist groß, aber Alles, selbst die Erleichterungsmittel des Elends müssen dazu dienen, es zu vermehren. Ihre Vorfahren kannten nichts von den Fortschritten der Bildung, und die Laster, die auf ihnen lagen, waren geringer, als sie jetzt sind. Denn wenn die Feinde dieser Völker vernehmen, daß wieder ein großer Geist ein Element bezwungen hat, so bedrücken sie ihn, daß er von Stund an seines Fundes nicht froh werden kann; denn jede Erleichterung ist für sie nur ein Grund, die Zügel schärfer anzuziehen. Ach du unglückliches Volk, warum verließest du mich!“

Der Schaman küßte weinend die Füße seines Bruders; denn an diesem Bilde sah er die Folgen eines Zweifels an dem einzigen Gotte. Maha Guru aber fuhr fort: „Die Schöpfung ist nicht mein Leben, sondern nur eine Beschäftigung meines Lebens. Die Welt ist meine göttliche Thätigkeit. Nehmt das kunstvolle 111 Uhrwerk, das im Vorhofe dieses Palastes hängt! Der Zeiger und das Zifferblatt sind die Welt; wer wollte sagen, daß die Räder und Wellen auch zur Welt gehören? Aber das Eine schreibt dem Andern Gesetze vor, und keines besteht ohne das Andere. Die Welt wird auch niemals untergehen, wie Irrlehrer behaupten; denn kann ich jemals sterben? Können unsre Weiber aufhören, Kinder zu zeugen, in deren Leibern ich meinen Sitz nehme? Ich sage euch aber, die Welt ist vollkommen, weil sie keines Menschen Werk ist, und ich sage euch wiederum, die Welt ist unvollkommen, weil ich noch lebe und noch unzählige tausend Jahre zu leben gedenke.“

„Zu den größten Unvollkommenheiten dieser Welt,“ bemerkte der General, „gehören unter andern die kurzen Gewehrläufe meiner Cavallerie. Je länger sie sind, desto weiter tragen sie, du solltest sie abschaffen, mein Gott!“

„Wenn es nicht zu viel kostet,“ sagte der Herr des Himmels, setzte aber nach einer Pause hinzu: „dieß ist nicht die einzige Unvollkommenheit, es gibt deren in den sechszehntausend Königreichen der Welt noch unzählige; ja, in der Harmonie des Weltsystems ist noch Vieles nachzubessern. Tretet hinaus in die geheimnißvolle Stille einer Mondnacht. Dieß Flüstern in den Zweigen, dieß Säuseln im Winde, dieß Glühen der Käfer, diese wunderbaren Laute, die ich in den Tagen, da ich noch Mensch war, vernahm, hielt ich damals noch für einen seligen Traum der Schöpfung, für einen leisen 112 Monolog der Gottheit, die lustwandelnd sich in die Bewunderung ihrer selbst vertieft. Nein, daß ich euch nichts verschweige, diese Töne, diese Stimmen, die schallend durch die Luft klingen, kommen von dem sausenden Webstuhle der Zeit, und von den Schlägen, die auf das eherne Firmament des Himmels fallen. Einer frommen und reinen Seele wird es nicht entgehen, daß Gott in diesen Stunden an seinen Werken sogar feilt.“

Die Brüder staunten über diese Mittheilungen, und das Herz des Schamanen jubelte; denn er fühlte, daß ihm die Göttlichkeit seines Bruders immer näher rückte. „Dann geschieht es wohl auch oft,“ fragte der General, scheu zu Maha Guru aufblickend, „daß sich Gott von seinen Werken ausruht, da er sie ja im Nu vollenden könnte?“

„Du sprichst die Wahrheit,“ antwortete der, welcher über sich selbst unstreitig die beste Auskunft geben konnte. „Es gibt Menschen, die man die Ruhepunkte der ewigen Schöpfung nennen darf. Die Gottheit vergaß ihnen die Gaben zu verleihen, die sie allen Sterblichen schenkte; aber weil dennoch die Fülle der Allmacht auf ihnen ruhte, so erhielten sie einige Vorzüge, die sie im außerordentlichen Grade besitzen. Manche erhielten ein Herz ohne Tugenden, aber Gaben des Geistes, die Erstaunen erregen. Eben so scheint an der körperlichen Bildung Vieler vergessen zu seyn, daß sie zu den Menschen gehören sollten, aber in diesen mißgestalteten Formen wohnt oft eine unbeschreibliche Güte des Herzens, und noch öfter eine solche Fülle geistiger 113 Vermögen, daß jedem Bucklichten das Vorurtheil entgegen kommt, er sey der scharfsinnigste Denker. An diesen Menschen sieht man es, daß die Schöpfung ohne einen Plan angelegt ist.“

„Wie?“ rief der General, „dann wäre ja Gott planlos zu Werke gegangen.“

Man mußte dieß Wortspiel in der tibetanischen Sprache hören, um darüber lachen zu können. Die Brüder thaten es mit Wohlbehagen. Aber so schnell die beiden ältern ihre Lachmuskeln in Bewegung gesetzt hatten, so schnell blieben sie ihnen krampfhaft stehen; denn das Außerordentlichste, das sie nur geahnt, das sie als Lästerung von sich gewiesen hätten, hatte sich in diesem Augenblicke ereignet. War es möglich, daß Gott über den Witz eines Menschen lachen, daß er überhaupt lachen konnte?

Maha Guru sah das verlegene Erstaunen seiner Brüder, und wußte die Ursache davon, ohne sie zu errathen. „Ihr seyd betroffen, mich lachen zu sehen?“ fragte er mit einem liebenswürdigen Ausdruck von Milde und Leutseligkeit; „warum sollten die Götter über euch nicht lachen, da ihr ihnen so oft Gelegenheit gebt, über euch zu weinen? Ich habe gelacht, als auf mein erstes Wort eine Welt entstand; denn ich gestehe, diese erste Probe meiner Macht überraschte mich. Ich habe gelacht, als mich die Philosophen bald im Wasser, bald in der Luft, bald im Feuer suchten. Ich weinte, als die Menschen anfingen bös zu werden und sich von mir abwandten; aber lächerlich erschien es mir, als sie ein 114 Wesen erfanden, das sie seit dem Urbeginn der Tage mit mir in Kampf stellten und das böse Princip nannten, um ihr schlechtes Herz damit zu entschuldigen. Ach! wie lächerlich war es, als man mich mit dem Lichte verglich, das ohne Schatten gar nicht denkbar wäre, und daraus einen urweltlichen Gegner meiner Macht herleitete, von dem ich euch versichern kann, daß er nicht existirt. Wie vieles Andere hat mich nicht ergötzt! So wie mich überhaupt die Thorheiten meiner Feinde betrüben, so haben mir die Albernheiten meiner Freunde doch immer den größten Spaß gemacht. In meinem Namen sind Tausende getäuscht worden, und eben so viel haben sich selbst betrogen; man hat die schlechte Poesie in meinem Namen befördert, und in neuester Zeit hat man sogar eine gewisse Politik auf meinen Namen getauft. Aber am schallendsten schlug mein Gelächter immer an die Wölbung des Himmels, wenn es einem Sterblichen einfiel, mein höchst eigenes, wohlversichertes Daseyn zu läugnen. Dann rief ich alle meine Genien um mich her, versammelte die Wolken, die Winde, befreite die Nymphen aus ihren Bäumen und Quellen, und alles lärmte und tobte mit Spott und Neckerei; die Sphären fuhren lachend zusammen, der Erdboden schüttelte sich, daß es eine Freude war, bis der unglückliche Verfolger entweder in den lachenden Chor mit einstimmte, und von den Menschen in ein Tollhaus gesperrt wurde, oder sich verzweifelnd von einem Felsen ins Meer stürzte. Diese Seelen werden dann im Jenseits meine besten Freunde, sie schlagen sich über ihre Dummheit 115 vor den Kopf, seitdem sie Nektar und Ambrosia von meinen Realitäten überzeugt haben; sie schämen sich, wenn sie einst geglaubt hatten, mich durch ihr Läugnen zu reizen; ja die Atheisten bilden dort oben meine Leibgarde, die mich nie verläßt, und für eine launige Unterhaltung sorgen muß.“

Die Brüder sahen ein, daß man nicht besser umgehen könne, als mit Göttern; sie fingen allmählich an, in diesem Himmel einheimisch zu werden, sprachen ohne Rückhalt, und nur den General überfiel einige Male der Zweifel, ob diese Seligkeit nicht ein höherer, jenseitiger Zustand seyn könnte; ob sein Körper über dem vielen Sprechen nicht vielleicht unversehens gestorben, und er hinübergegangen sey in die Ewigkeit, ohne von seinem Tode etwas zu spüren. Aber diese Besorgnisse verschwanden gänzlich, als ein Diener mit einer großen metallenen Theekanne hereintrat, sich dem Dalai Lama demüthig näherte, einigen Thee vorher in seine eigene hohle Hand goß und sie hinunterschlürfte, zum Zeichen, daß dem himmlischen Meister und seinen Gästen nichts Vergiftetes kredenzt werden sollte.

Die Tibetaner trinken ihren Thee unstreitig von besserer Güte als wir, aber in einer Mischung, der wir kaum unsern Beifall schenken würden. Was soll man von einem Thee sagen, der mit Mehl, Butter und Salz versetzt wird? Diese abscheuliche Mixtur wird jedem in einer flachen, lakirten Tasse präsentirt, die der Empfänger auf seinen Fingerspitzen ruhen läßt, um sie allmählich auszuschlürfen. Es versteht sich von selbst, 116 daß die dem Trinken vorangehende Libation, die von einem langen murmelnden Gebete begleitet wird, nur von den beiden ältern Brüdern geopfert wurde. Maha Guru senkte, während sie zu ihm beteten, sein Haupt, und spiegelte es nachdenklich in der trüben Fläche des Thee’s.

Als diese Ceremonie beendigt war, und die Tassen durch eine geschickte Bewegung der Zunge gereinigt, mit seidenen Läppchen umwickelt wurden, begann der wißbegierige General wieder aus der vor ihm sitzenden Quelle alles Wissens zu schöpfen, und seinen Bruder um einige Erläuterungen seiner jüngsten Worte zu fragen. „Wie versteh’ ich es, mein großer Meister,“ sagte er, „daß du von den Werken der Lüge wie von einer Frucht sprichst, deren Samen aus Niemands Hand gestreut wird? Ich bin gewohnt, in den Dingen die Erfolge von ihren Anfängen herzuleiten. Wenn ich daran nicht unrecht thue, wer flüstert uns die Handlungen der Bosheit ein?“

Maha Guru mußte das wissen, und er antwortete: „Es ist eine alte lügenhafte Fabel, daß die Welt aus Liebe und Haß entstanden. Der Widerspruch ist niemals der Anfang der Dinge gewesen. Merk’ auf die Worte der Weisheit, die mein Mund dir verkünden will! Es gibt nichts Böses auf der Welt, sondern nur Verwirrung im Guten. Wo sollte der Gott seinen Ursprung genommen haben, welcher mit feindseligen Ansprüchen und widerwärtigen Handlungen gegen mich aufträte? Nein, es ist die Liebe selbst, die 117 zuweilen den Schein des Hasses annimmt, um ihre Werke zu befördern. Ihr könnt dieß nie begreifen, wenn eure Sinne an jener Liebe fest kleben, die ihr beschwört, um euer Treiben zu segnen; ich rede von derselben Liebe, welche die Leidenschaften des Menschen fesselt, ihm sein Bewußtseyn raubt, ihm die Augen des Geistes aussticht. Die Gottheit liegt noch immer in diesen alten Banden. Dieselbe Begierde, welche die Götter auf die Erde trieb, um sich mit den Töchtern derselben zu vermischen, währt noch fort, obschon die Freude an dem Anblick der Schönheit, als die Schöpfung noch jung war, als die Götter von den irdischen Wesen noch überrascht wurden, gegen eine lange Gewohnheit längst verschwunden ist. Aber Maja lebt noch immer fort, die alte Kupplerin des Himmels, welche die lodernden Liebesbrände auch in die Herzen der Götter warf. Sie ist die Göttin der Verwirrung, des Unverstandes, des Truges; sie nimmt dem Regierer der Welt die Zügel aus der Hand, oder blendet ihm so die Augen, daß er auf Augenblicke sie fallen läßt. Gibt es eine Liebe, welche die Schöpfung belebte, so gibt es auch ihre Thorheit, ihre Kopflosigkeit, ihre Schwärmerei, kurz die ganze süße Verwirrung der Leidenschaft, welche ein alter, von Propheten genährter Wahn Haß genannt hat. Nein, meine Brüder! laßt den Glauben an ein böses Princip, und fürchtet nicht, daß ein uralter Erbfeind auf meine Schultern steigen könne; nur ein Gegner droht dem Herrn der Welten, er sich selbst.“

118 Den Schamanen hatten diese Worte aus tiefem Nachdenken geweckt. „Lebt Gylluspa’s Bild noch in seiner Seele?“ fragte er sich selbst; „ist sie es, deren Macht er fürchtet?“ Er schwankte, ob er dem Allmächtigen die aufgetragenen Grüße bestellen durfte; ob er Erinnerungen wecken sollte, die dieser vielleicht schon verloren hatte, oder welche ihn in Kreise zurückzögen, von welchen er sich für immer getrennt haben mußte. Und ohne zu erwägen, daß ihm Niemand in dem Verlauf dieser Gedanken hatte folgen können, rief er aus: „Ach, es wird niemals eine Vergangenheit für ihn geben, die kürzer wäre, als der Anfang seines göttlichen Lebens. Er hatte nie eine Jugend, deren Widerschein sonnenhell in seinem Gedächtnisse leuchtete. Die Sphären-Harmonie ist jetzt sein Liebesgeflüster, das Leuchten der Sterne sein Liebäugeln, die Züge der Wolken seine Umarmungen.“

„Ja, du mächtiger Löwe,“ sagte der General zu Maha Guru, „wer könnte würdig seyn, dich in seine Arme zu schließen? Du hast dir die Natur zu deiner Braut gerichtet, und die weiten Räume der Welt als die Kammer, in welche du sie führen willst. Und wir, dem Leibe nach deine Brüder, stehen an der Pforte lauschend, wie du die Glücklichste umfängst, mit ihr kosest, und mit deinen Allmachtsküssen den Bund besiegelst. Die Sitte unserer Väter verlangt es, daß des einen Bruders Gattin auch das Bett der andern Brüder theile; du wirst es deinen sterblichen Freunden nicht wehren, daß sie den Saum vom Kleide deiner 119 hohen Braut küssen; daß sie die Stellen erblicken, wo du sie an deine Brust drücktest; daß sie wenigstens an uns vorüberrausche und einen Blick des Erbarmens auf die sündigen Anbeter deiner Herrlichkeit werfe. Dürfen wir diesen Theil an deiner Liebe nehmen?“

Maha Guru senkte das Haupt, legte die Arme unter die Brust und schwieg. Dann erhob er sie und streckte sie aus mit himmelwärts gerichteten Augen, und rief begeistert: „Sie kommen, die Boten der Liebe, die Vögel und Bäche des Waldes, die Blumen und Quellen der Gebirge, mit ihren klingenden, duftenden Grüßen. Hörst du ihren leisen Tritt über das schwellende Gras? Hörst du das Murmeln der Blätter im Walde, wie die Heilige an ihnen vorüberzieht? Siehst du das Leuchten dort weit in der Ferne, die goldenen Strahlen, den Widerglanz ihres Stirnbandes, ihres Gürtels? Sie ist es mit den dunkeln Locken, den funkelnden Rubinen, die auf ihr schwarzes Haar gesäet sind. Beflügle deine Schritte, geliebtes Mädchen; denn ermattet sinken mir die Arme, da sie sich nach dir ausstrecken! Verwehre mir nicht den Saum deines Kleides, die Spitzen deiner Finger; ziehe deinen Fuß nicht zurück, daß ich ihn auf mein gebücktes Haupt setze! Du fliehst mich, Geliebte? Du kennst ihn nicht mehr, den Freund deiner Jugend, seitdem er König der Welten geworden ist? Bei meiner Allmacht, bleib zurück! Gylluspa, gehorche deinem Gotte!“

120 Maha Guru lag mit ausgestreckten Armen auf seinem Polsterthrone. Der Schaman, jeden Ausdruck seines Bruders nachempfindend, berührte mit seiner Stirn den Boden, und stieß einzelne Worte aus, die seine zwischen Freude und Schmerz wechselnden Gefühle bezeichneten. Der General der Kalmücken endlich war, erstaunt über diesen Ausbruch der Begeisterung, aufgesprungen, um so mehr erschrocken, als in diesem Augenblicke ein Besuch in den Saal getreten war.

Es war der chinesische Correspondent, der mit seiner schönen Schwester Schü-King vor den Thron des Lama getreten, und ihm das Opfer seiner Huldigung darbringen wollte. Maha Guru kehrte sogleich wieder in die Lage zurück, die seiner Würde gebührte, und hörte, während noch der Schaman in leisem Murmeln dem Fußboden seine Gedanken anvertraute, die Anrede, die der Correspondent in den zierlichsten Ausdrücken an ihn richtete. Wir ersparen uns die Pein, sie hier wieder zu geben. Es war ein Gemisch von den unverschämtesten Schmeicheleien, die gegen die beigefügten Erklärungen des chinesischen Kaisers, dem Lama seinen Schutz zu sichern, und gegen die Anerbietungen seines Gesandten, auffallend abstachen. Bei aller Lüge, die in dieser langwierigen Rede herrschte, war aber dennoch eine gewisse Scheu vor dem Glauben, welcher ein ganzes Volk an den Angeredeten kettete, nicht zu verkennen. Wie leicht konnte hinter diesem Glauben eine Wahrheit stecken, 121 die sich an dem Läugner derselben empfindlich hätte rächen können?

Schü-King spielte bei dieser Audienz eine Rolle, die ihrem Charakter entsprach. Sie drehte, auf einem seidenen Kissen sitzend, ihren bunt gemalten Fächer in tausend Wendungen und setzte den jungen Gott durch ihre Coquetterie nicht wenig in Verlegenheit. Sie empfand ein sichtliches Wohlgefallen an Maha Guru’s frischem Ansehen, an seinen bescheidenen Sitten, seinem sanften und milden Ausdruck in der Rede, und wenn sie gegen das Ende der Audienz aufhörte in ihren eiteln, gefallsüchtigen Bewegungen, so dürfen wir mit Recht schließen, daß der junge Mann einen tiefern Eindruck auf sie gemacht hatte.

Die Höflichkeiten des Correspondenten waren nur die Präliminarien weiterer Verhandlungen gewesen, in denen er gleichsam andeuten wollte, unter welchen Voraussetzungen ein Dalai Lama sich wohlbefinden und der Duldung des chinesischen Kaisers gewärtigen könne. „Ich höre mit Bedauern,“ fuhr er fort, auf den Kalmückengeneral die giftigsten Blicke schießend, „daß vor kurzer Zeit in den Straßen dieser Hauptstadt die Söhne des himmlischen Reiches einer Mißhandlung ausgesetzt gewesen sind. Es ist beklagenswerth, daß Tibet die Fremdlinge der Wüste in seine Thäler ruft, um von ihnen einen Thron vertheidigen zu lassen, dessen Schutz nur dem Sohne des Himmels gebührt; aber es ist eine sträfliche Vermessenheit, die Diener des mächtigsten 122 Kaisers angreifen zu lassen, und ihn zu beleidigen, indem man seine Gnade mit Undank belohnt.“

„Was ist geschehen, das die Gränze des Gesetzes überschritten hätte?“ fragte bestürzt der General.

Der Correspondent erzählte den am Morgen stattgehabten Auftritt, wurde aber von dem Schamanen unterbrochen, der seine falschen Angaben berichtigte und seine Uebertreibungen milderte.

Der Kläger behauptete, die Verletzung des Rechtes sey so weit gegangen, daß es ihm schwer ankomme, darüber zu schweigen. „Wie,“ sagte er zum Schamanen, „du willst das Uebertreibung nennen, was du selbst für so wichtig gehalten hast, dich hineinzumischen? So viel ich höre, ist bei der Rauferei ein Zopf verloren gegangen und ein anderer schwebt noch in der Gefahr, abgenommen zu werden. Man muß einen solchen Verlust zu würdigen wissen, um darüber Worte zu verlieren. Ich werde den Ausgang des zweiten Zopfes abwarten, und unfehlbar darüber an den chinesischen Thron berichten, wenn er verloren geht.“

Maha Guru, der die Tyrannei der Chinesen wohl fühlte, seufzte, und Schü-King war entzückt, wie schön dem Jünglinge sein schwermüthiger Blick stand.

Der Correspondent konnte in seinen Beschwerden kein Ende finden. Er hatte sie alle auf einer Papierrolle verzeichnet, die er im linken Rockärmel versteckt hielt, und immer noch weiter hervorzog, obwohl sie schon lang auf der Erde lag. Sein ganzer Leib schien mit diesem Verzeichniß umwickelt, das bis auf das letzte 123 Ende mit Erinnerungen, Klagen, Vorwürfen bedeckt war. Seine letzten Bemerkungen faßte der gefürchtete Mann in diese Worte: „Ich beklage den Herrscher dieser Lande, gleich bei seinem Regierungsantritt in einer Umgebung zu stehen, die sich seiner Autorität bedient, um eigenmächtige Handlungen zu beschönigen. Im Kloster der schwarzen Gylongs sind, wie ich höre, höchst gesetzwidrige Unordnungen vorgefallen. Ein Gottesläugner, ein Religionsspötter wird aus den südlichen Gegenden dorthin citirt, und bis zu seiner Verurtheilung in gefängliche Haft gebracht. Wie weitläuftig ich dieß dem Allwissenden erzählen muß! Am Morgen nach der Ankunft jenes Elenden und vor seiner verdienten Hinrichtung, erscheint jener Mann, welcher durch die Ehre neben dem Dalai Lama zu sitzen, auch Verbrechen entschuldigen will, die er vorgibt, in Gottes Namen zu begehen. Ich frage dich, kecker Knabe (er meynte den Schamanen), warum du den schwarzen Gylongs ihr Opfer geraubt hast? Im Namen meiner Mission, wohin hast du den grauen Sünder verborgen? Gib ihn heraus, oder du ladest den Rachezorn eines Mächtigen auf dich!“

Die Unverschämtheit des Correspondenten ging weit. Er mischte sich in Dinge, die ihn nicht berührten. Wie von einem heiligen Feuer ergriffen, loderte Maha Guru auf und donnerte mit mächtigen Worten auf den unberufenen Unterhändler, den geistliche Angelegenheiten nicht betrafen, ein: „Wer sind die schwarzen Gylongs? Diener, die meinen Befehlen gehorchen! Wer bist du, 124 chinesischer Correspondent? Ein Narr, der mit seiner irdischen Weisheit den Himmel erklettert, um vom Glanz der ewigen Sonne geblendet, in die Tiefe zu stürzen. Wer ist der Gottesläugner? Ich kenne sie nicht, die mich nicht kennen, und dürste nicht nach dem Blute derer, denen ich Verzeihung gewähre, daß sie mich an meiner Liebe verstehen lernen. Weiche zurück, du lästiger Rabe, den ich nie mehr in diesen Mauern krächzen hören mag. Glaubst du, Schwachkopf, den Himmel in deinem Sacktuch zu fangen? Wehe, wehe über den Lästerer, der dem ewigen Gesetz Gesetze geben will!“

Und der Donner rollte über dem bebenden Zimmer, und Blitze zuckten schlängelnd vom Dache herunter, das sich öffnete und den Himmel in rothen Zornesflammen leuchtend zeigte. Ein geisterhaftes Flüstern rauschte durch den Saal, und die Wände fingen an, sich zu bewegen. Die Umstehenden fielen zitternd vor dem zornigen Gotte zu Boden, und als sie die Augen aufschlugen, hatte ihn eine Wolke umhüllt, daß er ihrem Anblick entzogen war.

125 Fünftes Capitel.#

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Eines Morgens riß sich mein Pferd vom Pfahle los, und floh in die Ebene. Ich lief ihm den ganzen Tag nach, und als die Sonne verschwunden war, hört’ ich noch nicht auf, zu laufen, sondern ich lief drei Tage und drei Nächte, und wie ich den Schwanz meines Pferdes in der Hand hatte, zog es mich in die Wohnung der Götter. Ich ruhte meine Glieder in einem Stalle des Himmels. Was waren da für Pferde!

Erzählungen aus der Wüste.

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Wir sind jetzt endlich auf den Punkt gekommen, zu unsrer ersten Bekanntschaft, den Schicksalen Hali-Jongs, wieder zurückzukehren.

Wir verließen ihn im Gefängnisse, kaum dem tumultuarischen Ausbruch eines priesterlichen Fanatismus entronnen. Wenn solche Menschen, wie sie ihn empfangen hatten, seine Richter seyn sollten, so blieb für ihn nichts mehr zu hoffen übrig.

Hali-Jong befand sich in einem finstern Kerker, der am Tage nur durch einige spärliche Oeffnungen an der obern Wand erleuchtet wurde. Die erste Nacht, die er hier auf einem Strohlager zubrachte, schwand ihm unter Vorstellungen über seine Lage, welche jetzt gerecht zu werden anfingen. Erst am frühen Morgen lös’te ein erquickender Schlaf die Brust von ihren lastenden Ketten.

126 Am folgenden Tage wachte er über einem Wortwechsel auf, der in der Nähe seines Kerkers geführt wurde. Er unterschied sehr bald die in Streit begriffenen Stimmen, und hoffte aus dem sich Nähern der ihm wohlbekannten, auf einen für ihn so wohlthätigen Besuch seiner Brüder und Gylluspa’s schließen zu dürfen. Aber da es wieder still wurde, und er nur noch in der Ferne ein Klagen und Schluchzen hörte, so wußte er, was ihm ein eintretender Mönch, sein Kerkermeister, hernach bestätigte. Seine Lieben hatten ihn begrüßen und sich nicht eher wieder von ihm trennen wollen, bis der hereinbrechende Abend sie aus den heiligen Mauern vertrieb; aber die grausame Strenge der ersten Vorsteher des Klosters hatte sie daran verhindert. Einige Speisen mußten die Stelle der besorgten Ueberbringer derselben vertreten.

Das Fest des neuen Lama verhinderte die schwarzen Gylongs, noch an diesem Tage ein solennes Ketzergericht zu veranstalten. Hätte Hali-Jong darum gewußt, so würd’ er nicht jene knarrende Thürangel für den Boten seines entschiedenen Looses gehalten haben. Gegen Abend hörte er hastige Tritte seinem Aufenthalte nahen, der Riegel vor der Thüre wurde zurückgeschoben, und eine Person trat ein, die zu erkennen die Dämmerung verhinderte.

„Rüste dich eiligst, diesen Ort zu verlassen,“ sagte der Fremde, und Hali-Jong, der diese Wände nur zu seinem Tode zu verlassen gewärtigte, zögerte, seinen Winken zu folgen.

127 „So mögen mich die Götter behüten!“ sagte der Gefangene, als ihm der Andere deutlich von Flucht gesprochen hatte; „entweder ist dein Rath nur eine Falle, die mir die Väter legen, oder die Gefahr wird um so größer, wenn wir ihr entrinnen wollen und auf der Flucht ergriffen werden. Wer bist du auch, daß mein Schicksal dich erbarmte?“

„Wir entweichen,“ entgegnete eilig der Fremde, „ohne deßhalb zu fliehen, weil deine Wächter dich diesen Ort verlassen sehen werden. Säume nicht länger, damit wir die Rückkehr der Vorsteher vom heutigen Feste vermeiden.“

Hali-Jong besann sich jetzt nicht länger, raffte seine Kleider zusammen und folgte seinem Führer, in dem er und wir den Schamanen erkennen. Der Weg ging durch dichtgedrängte Straßen, in denen sich Hali-Jong ohne Begleiter verirrt hätte. Sie folgten dem Zuge, der über das Gebiet der Stadt hinausströmte und den Palast des Dalai Lama belagerte, um die endlich auf seinen Zinnen erscheinenden Fahnen mit einem donnernden Geschrei zu empfangen. Sie wandten sich aber von der Fronte dieses großartigen Gebäudes, das selbst einer kleinen Stadt glich, ab, und verfolgten eine Reihe von Seitengebäuden, an deren äußerstem Ende sie innehielten und durch eine kleine Thür in das Innere der großen Wohnung des Dalai Lama traten. Hier wies der Schaman seinem Schützling ein abgelegenes, aber bequemes Zimmer an, das er unter keiner Bedingung verlassen zu wollen versprechen mußte.

128 Der Schaman hatte Alles an die Rettung Hali-Jongs, die er Gylluspa versprochen, zu setzen, wenn er sie gegen eine so mächtige Partei, als die Priester waren, durchsetzen wollte. Obschon ihm seine Würde, als Bruder des Höchsten, alle Wege öffnete, die er einschlagen mußte, um Hali-Jong einstweilen zu sichern, so durften ihm doch überall die Fanatiker folgen und zuletzt ihr Opfer wieder zurückfordern, wenn es der Spruch des Lama ihnen nicht entzogen hatte. So war die Rettung, die er dem Ketzer angedeihen lassen konnte, nichts mehr als ein Aufschub der Strafe, die nur durch höchsten Spruch abwendig gemacht werden durfte. Wie vieler Verantwortung er sich dabei aussetzte, bewies ihm der jüngste Vorfall mit dem Correspondenten. Sey es nun, daß das System der Spionage, welches dieser Mensch über ganz Lassa verbreitet hatte, ihn von den kleinsten Abweichungen der gewöhnlichen Ordnung der Dinge, in Kenntniß setzte, oder daß ihm die Gylongs von den eigenmächtigen Eingriffen des Schamanen in diese Ordnung, Nachricht gegeben hatten, so war es ferner unumgänglich, den Dalai Lama von diesen Verwicklungen zu benachrichtigen. Der Schaman hätte dieß gern vermieden, weil er wohl einsah, wie schwer es dem Bruder ankommen würde, gleich durch seine erste Regierungshandlung den Eifer der Zeloten gegen sich aufzuwiegeln. Aber was ließ sich Anderes thun?

Den Laien ist der Dalai Lama nur zu gewissen Stunden des Tages zugänglich. Alle übrigen muß er im Gebete und Regieren mit den höchsten geistlichen 129 Würdeträgern zubringen. Selbst dem Bruder war es dann unmöglich, zu dem ängstlich bewachten Gotte Zutritt zu finden. Dieser Umstand mußte seinen Planen sehr ins Licht treten. Was er befürchtete, traf auch zu.

Die geistlichen Herrn drangen auf Maha Guru mit Verwunderungen über die im Namen Gottes begangene Befreiung eines Gottesläugners ein. Der Lama wußte aber selbst von der Angelegenheit nicht mehr, als daß sein Bruder diese Befreiung vorgenommen habe, und wie entrüstet er darüber war, daß ihm dadurch die Geistlichkeit mit ihrem Argwohn und ihrer immer regen Verdächtigung auf den Rücken kam, so war er doch begierig auf die Umstände, die seinen Bruder zu solchen Eingriffen in die Vorrechte der Inquisition bewogen haben mochten. Selbst wenn er von diesen mehr gewußt hätte, so würde er zwischen den Wünschen des Herzens und des Mitleids und den Forderungen der großen Kirchenlichter einer schwierigen Wahl nicht ausgewichen seyn. Da er aber von dem Urheber des himmelschreienden Verbrechens nichts wußte, nach seiner Person und Herkunft sich nicht erkundigt hatte, so hatte er, um die harte Zurückweisung der chinesischen Anmaßungen wieder gut zu machen, noch an demselben Abend den drängenden Priestern versprochen, dem Gange der Gerechtigkeit freien Lauf zu lassen und von seinem Bruder die Auslieferung des entführten Verbrechers zu verlangen. Er hatte damit mehr versprochen, als er leisten konnte. Denn wenn er die Person erfuhr, um deren Leben es sich handelte, wie konnte er sie denen 130 ausliefern, unter deren Händen man bald sein Leben aushauchte!

Die ersten Augenblicke, da es den Laien gegönnt war, den Lama zu sprechen, hatte der Schaman schon benutzt. Jetzt verließ er ihn, und Maha Guru blieb mit einem zerrissenen Herzen und mit unsicheren Entschlüssen auf dem Throne seiner Herrlichkeit zurück. Welche Dinge hatte er vom Bruder erfahren! Derselbe Verbrecher, dessen Schicksal er preisgab, wenn er sein Versprechen wegen der Auslieferung erfüllte, war der Vater eines Wesens, das ihm über Alles theuer und werth war. Gylluspa selbst, ein Gedanke, der sonst nur schwache Fäden in seiner verwickelten, wunderbaren Laufbahn zog, trat jetzt wieder mit der ganzen Macht, die in der Erinnerung und in der Ueberraschung der Nähe liegt, vor seine Seele. Er fürchtete das Wiedersehen und sann darüber nach, wie er es für Hali-Jong zu einer Abwendung seiner Gefahren machen sollte. Wie Gylluspa begegnen? Darüber fand er bei sich nur dämmernde Beschlüsse, und wir sehen in ihm einen Gott, der etwas auf die lange Bank der Zukunft schiebt, um davon nicht in Augenblicken gedrängt zu werden, da er zu Mißgriffen vielleicht sehr empfänglich war.

Der Schaman kehrte von seinem Bruder ohne einen andern Erfolg zurück, als den, ihn durch seine Mittheilungen überrascht zu haben. Weil er wohl einsah, daß Maha Guru zu willenlos war, um in dieser Sache einen festen Entschluß zu fassen, so beschloß er so auf 131 ihn zu wirken, daß er in einer Uebereilung sich dem Clerus gegenüber stellte, und diese Uebereilung so zu machen, daß er sie nicht widerrufen konnte. Er gab daher dem Wunsche Hali-Jongs nach einer Audienz beim Herrn der Heerschaaren nach, und führte ihn vor den Lama, von dem sein Schutzbefohlener aber nicht wußte, daß er an ihm einen ehemaligen Bekannten wieder finden würde.

Hali-Jong trat vor Maha Guru mit aller Zerknirschung seiner Lage, seines Verbrechens, seiner Anbetung vor dem Heiligsten. „Wehe mir!“ rief er aus, „ich hoffte noch einst in meinen alten Tagen vor den Löwen des Weltalls zu treten; aber ich ahnte nie, daß ich statt der erwarteten Belohnung meiner Tugenden mich im Staube meiner Verbrechen winden müßte. Ich liege wie ein Wurm vor dir, der nichts zu erwarten hat, als von dir zertreten zu werden.“

Maha Guru erkannte die Züge des alten Herrn wieder, dem er oft bei seinen wunderlichen Fabricationen mit kindischer Neugier zugesehen hatte. Hali-Jong scherzte damals gern mit dem jungen Buben, gab ihm hundert sonderbare Namen, und lief zuweilen, um ihn zu schrecken, mit einem glühenden Eisenstabe hinter dem Schreienden her. Wie oft hatte er die Streitigkeiten geschlichtet, welche zwischen Maha Guru, seinem ältern Bruder und den vielen Kindern der Fabrik oft mit blutigen Köpfen ausbrachen. Wie oft hatte er in der Art eines spaßhaften, gutmüthigen alten Vaters die früh keimende Neigung zwischen Gylluspa und Maha Guru 132 zu einer Heirath ausgelegt, und bedauert, daß der wilde Störenfried, der ältere Bruder, gegen sein Verdienst durch die hergebrachte Sitte, dann an diesem glücklichen Bunde Theil nehmen durfte. Und dennoch hatte die Zeit und sein Schicksal alles aus seinem Gedächtnisse, was das Bild des jungen Maha Guru zurückrufen konnte, verwischt. Seine Erinnerung reichte nicht weiter, als der Anfang seiner entdeckten Strafbarkeit. Am wenigsten konnte er seinen jungen Freund in dieser göttlichen Eigenschaft, an diesem Orte, in dieser Umgebung wieder zu finden erwarten.

Nachdem sich der Lama über die nähern Umstände des in Frage stehenden Versehens unterrichtet hatte, frug er Hali-Jong nach vielen Dingen, von welchen dieser nie geahnt hätte, daß sie einem Fremden bekannt seyn könnten. „Wie groß bist du in deiner Herrlichkeit!“ rief er erstaunt aus; „dein Auge reicht weit über die Länder und Meere, und nichts bleibt ihm verborgen. Du kennst meine Niederlassung (ach, daß sie mich wieder hätte!) ohne sie gesehen zu haben. Du weißt die Anzahl der Schornsteine, die den Rauch aus meinen Feueressen leiten. Sogar die Sprossen auf den Leitern, die zu meinen Taubenschlägen führen, hast du gezählt!“

Maha Guru lächelte über die Täuschung, die den Alten blendete. „Wie leben deine Brüder?“ fragte er; „kann sich Hili-Jong noch immer nicht an die Schafsfelle gewöhnen? Wie ist’s mit HoliJongs linkem Auge, das er sich einst durch glühendes, spritzendes Metall ver-133brannt hat? Er verschmähte es damals, sich heilen zu lassen.“

„Großes, unendliches Wesen!“ stammelte der Gefragte, den diese Kenntniß seiner häuslichen Angelegenheiten erstaunen machte; „was darf ich dem Allwissenden sagen, das er nicht schon weiß? Jetzt darf ich hoffen, daß du meinem gerechten Wandel Glauben schenkst. Du wirst die Büchsen kennen, die ich, mit heiligem Gangessande gefüllt, unter meinem Haupte des Nachts liegen habe. Du wirst die frommen Amulette, welche mir heilige Waller von Jagarnaut gebracht, in meiner Behausung wohl gesehen haben; ja es kann dir auch nicht unbekannt seyn, um wie viel leichter meine Geldtruhen geworden sind, seitdem ich unermeßliche Summen darauf verwandt habe, in Alahabad für meine Rechnung jährlich zehn Büßende zu kasteien.“

Maha Guru ließ diese Anpreisungen eines gottheiligen Wandels, den er zu würdigen wußte, und fragte: „Du sprichst aber nicht von Gylluspa. Wie viel Zoll braucht sie noch, um so groß zu seyn wie du?“

Hali-Jong riß die Augen auf. Er stand wie versteinert über die Kenntnisse, die sein König und Meister von seinen Angelegenheiten hatte. Gylluspa’s Name konnte für ihn nicht besser erwähnt werden. Er glaubte durch eine Schilderung ihrer Tugenden seine Verdienste in ein besseres Licht zu stellen, und schickte sich zu einem endlosen Redeschwall an. „Daß ich Euch ein Bild dieses Weibes entwerfen könnte!“ rief er aus. „Soll ich von ihrer Mutter und ihrer Wiege und den glücklich 134 überstandenen Kinderkrankheiten anfangen? Nein, man muß ihre Tugenden und Vollkommenheiten kennen, um die Verdienste ihres Vaters zu würdigen. Die Erziehung ist ein Werk des Beispiels und der Unterweisung. Gebt Gylluspa eine Cither in die Hand, welche Lieder wird sie singen? Lieder, die sie selbst verfertigt und nur den Preis der Mäßigung, der Natur und der Götter besingen. Daran erkennt man den Umgang, den sie gepflogen. Ihre Stimme im Gesang hat nichts von der weltlichen Frechheit, welche die chinesischen Komödianten über unsre Berge verbreitet haben, sondern sie ist nach Grundsätzen modulirt und nur der Ausdruck einer für das Schöne in der Kunst empfänglichen Seele. Allerdings ist dieses Alles nur durch dein Zuthun, großer Meister, so herrlich ausgeschlagen; aber ich habe verhindert, daß sie deine Wirkungen mißkannte; ich war es, der sie lehrte, nur deinen Preis zu erheben und in Liebessehnsucht zu dir zu vergehen. O kann die Tugend einer Tochter nicht die Schuld eines Vaters tilgen?“

Maha Guru empfand nichts von dem Lächerlichen, das in den Schlußfolgen und Beweisführungen des Alten lag. Es genügte ihm, daß sie im Zusammenhange mit Gylluspa, der unvergeßlichen Freundin seiner Jugend, standen, und er hörte mit Entzücken auf die kleinlichen Ausführungen ihrer Vorzüge im Munde ihres Vaters. Er würde noch länger sich der Wonne dieser Erinnerungen hingegeben haben, hätte nicht ein neuangekündigter Besuch die schnellste Entfernung Hali-135Jongs, der von keinem Priester gesehen werden durfte, verlangt. Er winkte mit der Hand, und der Ketzer verließ nicht ohne einige Hoffnungen den Saal.

Hinter dem Palaste des Lama liegt ein umfangreicher Garten, und hier sehen wir Maha Guru einige Stunden später im Schatten der Bäume wandeln. Wie rauh und abwechselnd auch das Klima dieser hochgelegenen Gegend ist, so trifft man hier doch auf Pfirschen und Granatäpfel, ja selbst auf Orangen und Limonen. In der Mitte des Gartens stand ein großer Mangobaum, dessen Zweige von den reifenden Früchten herabgebogen waren.

Ein lustwandelnder Gott! Das ist eine Scene aus den ersten Tagen der Schöpfung. Freudig müssen dem Herrn der Welten die Augen geglänzt haben, als sein erstes Meisterstück vollendet vor ihm lag. Damals, als sein Bart über den vielen Kummer, den ihm die Erde verursacht hat, noch nicht grau geworden war, oder, wie die Juden und Heiden lehren, als die Götter noch Wohlgefallen hatten an den Töchtern dieser Erde, gingen sie wohl unter den Bäumen und labten ihr Auge an den Blüthen und Früchten, die an den Zweigen herunterhingen. Die Weiber kamen dann oft zu ihren Männern und die Jungfrauen zu ihren Vätern, wonnetrunken, daß sie hinter einem blühenden Gesträuch einen Gott erblickt hatten, oder daß er ihnen auf einem grünen Wiesenplan begegnet, sie mit kosenden Worten verführt, und in einer heimlichen Grotte unsterblicher Umarmungen gewürdigt habe. Die Vä-136ter und Männer jauchzten über diese Botschaften freudig auf, errichteten einen Altar und opferten Brandopfer des Dankes und der Anbetung. Die Söhne und Enkel aber wuchsen heran, und ragten mächtig im Volke als unverwundbare Helden hervor, beschützten und vertheidigten Troja, stahlen das goldene Vließ, gründeten Städte und Königreiche, und säuberten die Erde von giftigen Ungethümen. Das waren die alten Götter und ihre lustwandelnden Spaziergänge. Die neuen Götter sind alt und mürrisch; sie legen keine Sorgfalt mehr auf ihren Bart, seitdem er grau geworden ist, sie leiden an Hypochondrie und scheuen das Tagslicht. Die Menschen haben sich auch längst daran gewöhnt, sie auf ihren Ausfahrten nicht mehr zu sehen. Denn als ein Unglück, der Tod, damit verknüpft war, daß man einen Gott erblickt hatte, da hatte man auch das Auge für diese Erscheinung verloren, und seitdem sind die Götter nicht mehr von Angesicht geschaut worden. Aber sollten sie nicht zuweilen noch auf die Erde herabsteigen, und sich in den Räumen, die sie geschaffen, ergehen? Es gibt Augenblicke, im Leben des Alls, da man an eine solche göttliche Erholung glauben möchte. Aber ach, daß sie immer seltener werden! Die Räder der alten Maschine rosten immer mehr ein; wir hören die schreienden Töne, wenn sie einmal heftiger in Bewegung gesetzt werden. Das große Weltenauge wird je älter, je schwächer. Es wird noch dahin kommen, daß sich das Auge der Vorsehung einer Brille bedienen muß. Die große Schlange, deren Ring die Welt umgürtet, 137 häutet sich nur noch mit den größten Anstrengungen, und der Erdball hat auf dem Rücken der Schildkröte, die ihn trägt, sehr tiefe Eindrücke gemacht. Schon seit vielen Jahren sehen wir Gott in der größten Arbeit, die Vorsehung hat alle Hände voll zu thun, und das Amt der Gerechtigkeit ist wegen überhäufter Geschäfte gänzlich den Richtern der Erde überlassen worden. Wie ist das auch anders möglich? Die alten Götter wechselten unter einander ab, und wer nicht die Wache hatte, ging auf die Erde zur Erheiterung, die ihm der langweilige Olymp nicht gewähren konnte. Wir haben alle Sorgen des Weltregimentes auf einen einzigen Gott übertragen: wann kann er Zeit finden, fertig zu werden und ein Stündchen der Erholung zu widmen! Darum leben wir auch ein Leben, so traurig, so umwölkt, während unsre Vorfahren sich im Glanz ihrer Götter sonnen konnten! Wann werden wir wieder die Geister der Natur in freudiger Aufregung sehen, weil ihnen der Besuch des Höchsten angekündigt ist? Wann wird meine Seele wieder untertauchen in die ganze, volle, wonnige Lust einer dämmernden Mondnacht? Und wann wird an das entzückte Ohr der Wonneschauer klingen, wie der Gott lustwandelnd unter den Zweigen vorüberzieht?

Maha Guru lag unter dem duftenden Mangobaum, und verfolgte die Aussichten, welche sich seinem Auge darboten. Der Garten lag tiefer als seine Umgebung. Es führten terrassenförmige Stufen, die in den Felsen ringsherum gehauen waren, von mehre-138ren Seiten in ihn hinein, so daß er ohne Einfriedigung Jedem zugänglich war. Die oberhalb der Terrasse führende Landstraße war mit Fußgängern, Reitern, Fuhrwerken belebt. Welcher Reisende hätte sich so in der Nähe seines Gottes geahnt?

Dort wagte Jemand, vom Wege in den Garten herabzusteigen. Es war ein Weib, tief in weite Kleider gehüllt, doch nicht verschleiert. Sie maß besorgt ihre Schritte, blickte zuweilen ängstlich um, stand dann wieder still, und mußte daher Maha Guru’s Neugierde auf das lebhafteste spannen. Er stand auf und ging der Kommenden, deren Absicht er nicht begreifen konnte, entgegen.

Dieser majestätische Wuchs, diese schönen trotz der Verhüllung erkennbaren Glieder, dieser vorsichtige, aber doch eigene Gang, waren dem Gotte nicht unbekannt. Es bedurfte nicht einmal der Nachricht, daß Gylluspa in Lassa sich befände, er würde sie in der Fremden erkannt haben. Gylluspa erschrack, als ihr ein Mann den Weg vertrat. Sie war hieher gekommen, um den Aufenthalt ihres Vaters, der in dieser Gegend liegen sollte, aufzusuchen.

Die Liebe hat ihre Erkennungszeichen, die auch nach vielen Jahren noch untrüglich sind. Ein scharfer Blick, ein Erstaunen, ein halber Zweifel und zuletzt die süßeste Gewißheit! Die Liebenden lagen sich in den Armen, ehe sie noch sicher seyn konnten, sich nicht getäuscht zu haben. Dem Pizzicato der ersten Umarmung folgte ein trunkener Staccatokuß, bis sich die Freude des Wieder-139sehens, die Wonne der Ueberraschung, die Seligkeit der heitersten Hoffnungen in die langaushaltende Fermate auflös’ten. Gylluspa sah in Maha Guru nur den Freund ihrer ersten Jugend wieder, dessen Nähe für sie in dieser Gegend nichts Auffallendes hatte, da sie den Schamanen hier wußte. Maha Guru selbst aber vergaß, was er sich und dem Himmel schuldig war; die Erde hatte ihn wieder; nur der Mensch kann eine jauchzende Freude empfinden.

Jede Europäerin würde ihrem wiedergefundenen Liebhaber den Vorwurf gemacht haben, warum er wenigstens bei seiner langen Abwesenheit nicht an sie geschrieben habe? In einem postenlosen Lande geschah das nicht, und Gylluspa unterließ es, von der Vergangenheit zu reden, mit Entschlossenheit der Gegenwart in die Zügel fallend.

Sie setzten sich im Schatten des Mangobaumes nieder, mit verschlungenen Händen, den Sehkreis nur in dem engen Raume des wechselseitigen Auges suchend. Gylluspa erhob ihre melodische Stimme und fragte Maha Guru, warum nur sein Bruder in die Herberge gekommen sey, und nicht auch er, der ihr unzählige Male willkommener?

Jetzt erst fühlte Maha Guru, in welche Lage er gekommen. Wenn ihm auch die stumme Sprache des Blicks, der Umarmung des Kusses nicht fremd war, weil der Mensch, wo er sich ihrer bedient, immer an das Gebiet des Himmels streift, so überraschten ihn doch diese naiven Fragen, die eine lauschende Priester-140schaft, an den Dalai Lama gerichtet, für blasphemische Ketzerei erklärt hätte. Was sollte er antworten?

Zum Glück behandelt die Liebe das Gespräch immer nur sehr geringschätzig. Sie wirft oft drei Fragen mit Einem Male auf, und wartet die Antwort so wenig darauf ab, daß sie dieselbe, wenn sie wirklich erfolgt, für eine ihr vorgelegte Frage hält. Darum konnte Gylluspa eine Frage auf die andere stellen, ohne daß es ihr auffiel, wie ungenügend die Antworten waren, die Maha Guru darauf gab. Als sie aber auf die Schicksale ihres Vaters und die Hoffnungen kam, welche Maha Guru’s Wiedererscheinen für die Zukunft in ihr rege gemacht hatte, da war es ihr um unumwundene, leserliche Ausdrücke zu thun, die sich bis jetzt in seinen Reden noch nicht gefunden hatten.

„Dein Bruder,“ sagte Gylluspa, „will meinen Vater durch den Schutz des größten aller Götter, den er für sich in Anspruch nehmen muß, retten. Er hat ihn auch deßhalb in den Palast des Dalai Lama verborgen, wo ich ihn aufsuchen wollte. Du wirst mich zu ihm führen, und wenn ich auch nur unter seinem Fenster einige Worte sprechen darf: sie werden genügen, um ihm auf Augenblicke einen Trost zu verschaffen. Dein Bruder hat doch den Ort vor dir nicht geheim gehalten?“

„Meine theure Gylluspa,“ antwortete Maha Guru, „mir ist nichts verborgen. Mein Auge sah Alles, meine Hand war bei Allem zugegen; du wirst 141 den unglücklichen Mann wiedersehen, den du nicht mit Unrecht deinen Vater nennst.“

So konnte noch immer ein Gott sprechen, ohne sich etwas zu vergeben.

„Dürfen wir hoffen,“ fragte Gylluspa, „daß sich der Herr des Himmels seiner schlechtbestellten Sache annehmen wird? Dein Bruder sagte, daß von deiner Verwendung Alles abhänge!“

„Nichts kann hierin gegen meinen Willen geschehen,“ entgegnete der Gott. „So groß das Verbrechen ist, dessen Hali-Jong bezüchtigt wird; so streng der Gang der Gerechtigkeit, den er ohne Widerrede machen muß: so wird doch die Einsicht seine Unschuld erkennen, oder die Gnade ihm seine Schuld vergeben. Gylluspa, habe Vertrauen zu deinem Freunde, und lege die Sache ganz in seine Hand!“

Die besorgte Tochter konnte mit dieser Erklärung sich zufrieden geben. Alle Hindernisse auf der luftigen Bahn der Träume und Erwartungen, die Maha Guru’s Liebe in ihr weckte, waren damit aus dem Wege geräumt. „Noch ehe der Schnee die Thäler verschüttet,“ sagte sie, ihre Arme um den Geliebten schlingend, „wird das dumpfe Gemurmel des Pa-Tschieu wieder an unser Ohr schlagen. Du kannst an diesem Ort nicht zurückbleiben wollen, da ich nichts von einer Würde höre, die du hier bekleidest. Du bist weder Zumpun, noch Zempi, noch trägst du Waffen, daß ich den Krieger in dir vermuthen könnte. Warum wolltest du nicht in die verödeten Hallen deines väterlichen Wohnsitzes 142 nach Dukka Jeung zurückkehren? Die rauhen Wintertage würden dich nie abhalten, deinen Weg nach Paro zu nehmen; von grauem, Alles verhüllendem Nebel umgeben, würden wir nur Muße finden, unsre Augen auf uns allein fallen zu lassen. So wahr ich diesen Kuß von dir auf meine Stirn empfangen habe, du kannst in Lassa nicht bleiben, und wirst mit meinen Vätern zu den Gräbern der deinigen zurückkehren!“

„Ich bin überall,“ sagte Maha Guru, „wo dein Athem die Luft belebt!“

„Wir suchen die Oerter wieder auf, welche die Heiligthümer unserer Erinnerung sind.“

„Sie sind meinem Gedächtnisse noch nicht entschwunden. Die Liebe ist die Ewigkeit, und im Reiche der Unsterblichen gibt es nur den Frühling.“

„Was werd’ ich dir Alles zu zeigen haben,“ fuhr Gylluspa mit kindischer Freude fort; „Vorhänge hab’ ich gewebt, welche die Thaten der Götter darstellen, und du sollst mir das Zeugniß geben, daß ich die rechten Momente wählte und in den Gruppirungen mit Geschmack verfuhr. Auch in der Kunst der Verse hab’ ich Fortschritte gemacht, obschon sie den deinigen nicht gleich kommen werden. Eine Reihe von Oden ist an den zukünftigen Dalai Lama gerichtet, die andern an dich, von dem ich sicher weiß, daß er die Mängel in der Form auf die Rechnung des Herzens setzen wird.“

„Du solltest diese beiden Reihen,“ fiel Maha Guru ein, „in einen Band leimen.“

Sey es nun, daß Gylluspa dieser hingeworfenen 143 Bemerkung nicht nachdenken wollte, oder daß sie ein Geräusch hinter den Blättern des Gebüsches davon abbrachte, sie fuhr in ihren Schwärmereien ungestört fort: „Auf einem großen Gemälde hab’ ich Narrain, von seinen Freundinnen umgeben, gemalt, wie sie den Anfang des Frühlings feiern. Es stellt eine Scene des Himmels dar, aber die Personen sind dem Feste entnommen, wie wir es oft zusammen gefeiert haben. Du selbst bist der jugendliche Gott, der Meister der Musik und des Tanzes, der Spender der Freude und der Schönheit, wie du mit den aus der Blume Julba zusammengekugelten Blättern auf mich, als die Göttin deiner Wahl, wirfst. Alle andern Huli’s zeigen lachend auf die scharlachrothen Flecken, welche die Kugeln auf mein Gesicht gefärbt haben.“

In demselben Augenblicke wurden die traulich Kosenden durch ein lautes Geschrei aufgeschreckt. Der älteste Bruder Maha Guru’s, der Kalmückengeneral, sprang auf sie ein, trat schützend vor den Lama, und drängte ihn in das Gebüsch hinein. Zu gleicher Zeit zog am obern Rande des Gartens ein Detaschement chinesischer Cavallerie vorüber, der Oberst Tschu-Kiang an der Spitze, und der Correspondent in einem Palankin in der Mitte. Die zärtliche Gruppe unter dem Mangobaum war von dort oben vollkommen sichtbar, und in der That streckte sich der Correspondent aus seinem Tragsessel mit langem Halse hervor, die Brille an die Augen drückend, und eine im Garten des Dalai Lama so auffallende Erscheinung mit unbeschreiblicher Neugier fixirend. Hatte 144 er Maha Guru in dieser Lage erkannt, so ließ sich von einer solchen Entdeckung leicht eine Anwendung erwarten, die selbst ein Gott zu fürchten Ursache hatte.

Der General war in Begleitung mehrerer hohen Beamten erschienen, die zwar nicht Zeuge der göttlichen Umarmungen, aber nicht wenig erstaunt waren, in diesem Bereiche auf ein Weib zu stoßen. Gylluspa begriff von diesen Auftritten nichts; sie erschrack vor der geheimnißvollen Art, wie man Maha Guru begegnete; kein anderes Gefühl würde in dieser Lage ihre Scham über die plötzliche Dazwischenkunft zurückgedrängt haben; aber diese augenblickliche Umgebung, diese Zwei- und Dreideutigkeit der Mienen, der Bewegungen hatte für sie etwas so Auffallendes, daß sie regungslos die Blicke wiedergab, welche die Männer verwundert auf sie warfen. Es ließ sich wohl nicht umgehen, daß sie endlich durch die sie umgebenden, zuletzt in Andacht sich auflösenden Umstände, auf eine Vermuthung kam, die zu tödtlichem Schrecken ihr bald bestätigt wurde. Mit einem Schrei des Entsetzens sank sie zu Boden; ihr Auge rollte, die Haare lös’ten sich flatternd am Winde, und ein phantastisches Gemurmel legte sich wie Schaum vor den Mund einer Wahnsinnigen.

Die griechischen Heroinen, welche in grauer, mythischer Vorzeit der Ehre einer göttlichen Liebe gewürdigt wurden, standen mit den Göttern längst auf dem Fuße einer weitläuftigen Schwägerschaft, oder in sonstigen Beziehungen, die ihnen die Zärtlichkeiten des Himmels nicht so schrecklich machten. Die Götter erschienen auch 145 nicht im glänzenden Gefolge ihrer Heerschaaren; sie zogen sich die Flügelschuhe von den Füßen, nahmen die Gestalt eines Dritten an, oder huschten in allerhand spaßhafte Verwandlungen. Danaë sah ihren Gott als goldenen Regen, Leda als einen wollüstigen Schwan, Europa als einen schwanzwedelnden Stier. Diese Incognitos waren selbst in jener, an göttliche Erscheinungen gewöhnten Zeit so nothwendig, daß Semele, als ihr Jupiter einmal nicht durch das Hinterpförtchen, sondern mit sechs Pferden in glänzender Carrosse, mit betreßten Mamelucken, seine Aufwartung machte, wie sie es wünschte, augenblicklich des Todes erblich. Was soll man daher von einer Lage sagen, wo ein Mädchen in ihrem Freunde nicht nur den Abgott ihrer Schwärmerei, sondern in der That den Gott ihrer Andacht wiederfindet! Wenn das Weib in Europa an einem glattgescheitelten, hagern, verklärten Candidaten der Theologie schon sehr wenig hat, was hatte Gylluspa an einem Wesen, das die Theologie selbst war? Ich brauche wohl nicht hinzuzufügen, daß eines Dalai Lama der Umgang mit dem weiblichen Geschlechte gänzlich unwürdig ist.

Gylluspa erwachte aus ihrer Bewußtlosigkeit in den Armen des Schamanen.

146 Sechstes Capitel.#

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Der blaue Gott floh auf einen Kokosbaum; aber der rothe folgte ihm, und legte Feuer darunter an.

Ceylonesische Mythe.

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An einem schönen milden Tage versammelten sich die Bewohner von Lassa zu den Vorbereitungen einer Abendunterhaltung. Die Eingänge eines befestigten Hauses waren von dichten Haufen belagert, die, so neugierig sie sich an die Thüren drängten, doch für den Augenblick, da sie geöffnet wurden, auf dem Sprunge standen. Endlich hörte man ein dumpfes Brüllen hinter den hohen Portalen, dann das Zurückschieben großer eiserner Riegel, und die Menge wich schleunigst denen, die durch das Thor gelassen werden sollten, aus dem Wege. Ein langer Zug von wilden, die Erde stampfenden, brüllenden Stieren kam jetzt zum Vorschein. An dem kleinen Kopfe, den gekrümmten Hörnern, dem starken Halse, der tiefen Brust und den kurzen Vorderschenkeln erkannte man indische Race, die für öffentliche Belustigung vom Staat unterhalten wurde. An dem muthigen Springen, den rollenden Augen, dem wedelnden Schweife sah man die Kampflust, mit welcher sich diese Thiere zu durchbohren drohten. Nach vielen von den Führern überstandenen Fährlichkeiten kamen diese 147 Gyalstiere an dem Orte an, wo sie Proben ihrer Kühnheit, Gewandtheit und Körperstärke ablegen sollten. Im Bereich eines großen Zirkels wurden sie, an Pfählen befestiget, durch die Neckereien der Matadore zur Kampflust gereizt. Rings um diesen innern mit lockerer Erde belegten Raum erhoben sich Estraden, welche von einer unabsehbaren Zuschauermenge besetzt waren.

Dieß war keineswegs eine Belustigung für den Pöbel, sondern die vornehmsten Chargen von Lassa hatten sich in angemessener Umgebung zu dem bevorstehenden Schauspiele eingefunden. Auf einem hervorstehenden, mit Vorhängen bedeckten Erker, finden wir auch den chinesischen Correspondenten, seine Schwester Schü-King und ihren schmachtenden Anbeter, den Obersten Tschu-Kiang. Sie beherrschten die ganze Umgebung, die scheu und ehrfurchtsvoll zu den Gewalthabern dieser Loge heraufblickte. Alle drei nahmen mit der vornehmsten Herablassung die Huldigungen an, welche ihnen durch demüthige Verbeugungen und unzählige andere Complimente dargebracht wurden. Zu den Gründen, welche den Obersten bestimmten, sich nach aufgeblähter Pfauen-Art in die Brust zu werfen, kam insbesondere noch das Wohlgefallen, das er an sich selbst empfand. Er warf die Oberlippe weniger aus despotischer Laune, als in der Absicht sich von der wohl erhaltenen Schwärze seiner gefärbten Barthärchen zu überzeugen. Er saß unbeweglich mit dem untern Körper, um die anmuthigen Falten seiner reichen Gewänder nicht zu verwischen; nur den Kopf setzte er in eine unaufhörliche Bewegung, 148 damit sein Zopf recht oft an den Rücken schlug und die Aufmerksamkeit eines Kunstkenners und Geschmackverständigen errege.

Der Correspondent stand in einem beständigen Verkehr mit seinen Stiefeln. Bald hatte er einen Bericht zu lesen, bald eine kleine Note niederzuschreiben, und hiezu mußte seine Fußbekleidung als Bureau dienen. Die Dinte ging ihm aus, und er bat den Obersten, ihm aus seinem Stiefel etwas vorzuschießen. Dieser freute sich, seinem ersehnten Schwager gefällig seyn zu können.

Schü-King sah diesem Vorschusse lachend zu, und sagte dann zu Tschu-Kiang: „Ihr seyd ein Gelehrter, Oberst, wie würdet ihr sonst Dinte im Stiefel tragen? Sagt mir doch gleich, wo das Vaterland dieser abscheulich wilden Stiere zu finden ist!“

Dem Obersten fehlte nichts als Anerkennung. Er zupfte nicht verlegen an den Aermeln, strich sich nicht mit der Hand über die Stirn, sondern fuhr dreist mit einer Antwort heraus: „Sie wissen, Schü-King,“ sagte er, „daß ich in frühern Jahren Reisen gemacht habe. Ich spreche nicht davon, daß ich in Su-Tscheu war. Meine Sitten verrathen es, daß ich an dem Sitz der feinsten Moden, des besten Geschmackes, der zierlichsten Sprache und der geistreichsten Theater gewesen bin. Was soll man von Su-Tscheu Andres sagen, als daß ein junger Mann von gutem Ton dort gewesen seyn muß, um sich mit Anstand in glänzenden Zirkeln zu bewegen?“

149 „Aber die Stiere?“ fiel Schü-King ein.

„Ich werd’ Ihnen Alles sagen, was ich weiß,“ entgegnete der Oberst, „und Sie werden finden, daß man nicht mehr wissen kann. Auf der Insel Haian, im Flusse Tha, traf ich schon auf eine Sorte, die mit dem vorstehenden Vieh einige Aehnlichkeit hat; aber die Milde des Klima’s benimmt ihr jenen Muth, jene verwegene Tollkühnheit, die sich hier findet und mich immer –“

Der Oberst stockte, denn obschon er sonst gleich bei der Hand war, wo es Eigenlob galt, so besann er sich doch einen Moment, ob es in dieser Verbindung auch angebracht war. Schü-King benützte daher diese Pause, und ergänzte seine abgebrochene Rede mit den Worten: „Und welche Sie immer so lebhaft an Ihre eigenen Vorzüge erinnert. Aber Ihre Reisen interessiren mich, Tschu-Kiang.“

Jetzt nahm der Oberst den Mund voll. „Von Ngao-Men aus,“ fuhr er fort, „kam ich in ein Land, was zu meiner Verwunderung noch von keinem Bürger des himmlischen Reiches gesehen worden. Welche Dinge traf ich da an! Die Ströme sind dort so reißend, daß man vergebens über sie Brücken schlägt. Man kann nur durch Schwimmen über sie wegsetzen. Bedenkt, mit welchen Anstrengungen ich Meilen weit geschwommen bin, um ein jenseitiges Ufer zu erreichen! Laßt mich von den Unthieren, von den Schildkröten und Seekrebsen, welche diese Ufer so unsicher machen, 150 schweigen, denn ich würde Euch nur das Geringste sagen von dem, was mir noch begegnet ist.“

„Sie spannen meine Neugier, Oberst,“ bemerkte der Correspondent, der seine Feder hinters Ohr steckte, und wie Schü-King aufmerksam zuhörte.

„Der Reiz der Neuheit,“ fuhr Tschu-Kiang fort, „liegt nicht so sehr in den Erlebnissen, als in der Schilderung. Man muß dergleichen darzustellen wissen, um es anziehend zu machen. Das Land, wovon ich eben sprach, wird von dem neuen, das ich darauf betrat, durch eine Mauer getrennt, die weder von Holz noch von Backsteinen, sondern von glänzend polirtem Stahl und riesenhoch ist. Sie werden mich nach der Ursache dieses sonderbaren Materials fragen, und ich bin im Stande, Ihnen darüber befriedigende Auskunft zu geben. Weil dieses Land von den dichtesten Wäldern bedeckt ist, so können die Sonnenstrahlen es wenig erreichen. Es ließe sich deßhalb eine pechschwarze Finsterniß und eine unausstehliche Kälte erwarten, wenn durch jene, in schräger Richtung gebaute Stahlmauer, nicht die Sonnenstrahlen aufgefangen und durch riesenhafte Reflexe über das Land verbreitet würden. Ich bewunderte, daß die Menschen in jenem Lande schon auf diesen gescheidten Einfall gekommen waren, da ich unfehlbar durch die Angabe einer ähnlichen Vorrichtung mir ein unsterbliches Verdienst erworben hätte. Dennoch fand ich vielfache Gelegenheit, die Einwohner durch meine Kenntnisse, durch meine scharfsinnigen [151] Bemerkungen und meine feinen Sitten in Erstaunen zu setzen.“

„Warum umgehen Sie aber nur die Weiber?“ fiel Schü-King ein, „auf die Sie doch gewiß unvergeßliche Eindrücke gemacht haben?“

„Ich kann nicht sagen,“ antwortete der Oberst lächelnd, „daß ich in dieser Rücksicht unglücklich gewesen bin. Die Frauen haben in jenem Lande das auffallende Vorrecht, bei dem Anblick einer Mannsperson, die ihnen gefällt, sich augenblicklich öffentlich vom ihrem Manne loszusagen und dem, welcher sie bezaubert hat, die Ehe anzutragen. Sie können sich leicht vorstellen, was bei solchen Sitten durch mein plötzliches Erscheinen herbeigeführt wurde. Ich war vor Liebkosungen meines Lebens nicht mehr sicher. Summende Bienenschwärme von verliebten Weibern folgten mir über die Straßen, durch die Städte und Felder. Ich versichere Sie, daß ich niemals in diesem Grade die Uebelstände, die mit der Schönheit verknüpft sind, empfunden habe. Es war auch in Folge eines allgemeinen Aufruhrs, daß ich jenes Land verließ. Kein Mann war seiner Frau mehr sicher; die Weiber brachen mit Ungestüm aus den Häusern, sobald ich mich nur in den Straßen blicken ließ; alle Geschäfte und Handwerke blieben stehen, den König hatte sein ganzer Harem im Stiche gelassen, und ich war nahe daran, als ein Opfer der Erbitterung und der Eifersucht zu fallen, als ich glücklicher Weise die Gränzen dieses Landes erreicht hatte. Auf der Gränze blieb die ganze Weiblichkeit stehen, blickte mir hände-152ringend nach, und ich schwöre Ihnen zu, daß viele vor meinen Augen am gebrochenen Herzen starben und andere sich selbst den Tod gaben. Sie hatten Recht; denn was war ihnen das Leben ohne mich?“

„Wie verändern sich doch die Umstände,“ sagte Schü-King spottend: „In jenem fabelhaften Lande liefen alle Weiber Ihnen, und in Peking liefen Sie allen Weibern nach!“

„Angebetete Schü-King,“ erwiderte der Oberst, „ich berichte nur, was ich erlebt habe. Als ich das Land der unglücklichen Liebe verlassen hatte, kam ich in das Gebiet der sogenannten Schwanzmenschen. Ja, sollte man wohl glauben, daß es Leute gäbe, welchen die Natur wie den Affen hinten Schwänze ansetzte! Es sind erstaunliche Dinge, die mir begegnet sind. Wenn Sie erwägen, daß sich bei jenen Menschen alle Lebenskraft in ihren Schwänzen concentrirt, daß der Verlust derselben für einen Unglücklichen dieser Art tödtlich ist, so können Sie die Sorgfalt abmessen, mit welcher sie ihre Heiligthümer behandelten. Sie trugen Futterale darüber, und mußten, wenn sie sich setzen wollten, immer vorher ein Loch in die Erde graben, um ihren Schwanz da hineinzustecken. Lesen Sie die Reisebeschreibungen der ausgezeichnetsten Mandarinen, Sie werden nie etwas von diesen Menschen bei ihnen antreffen. Ich kann aber sagen, daß es sonst Leute waren von wissenschaftlicher Bildung; sie wußten die Talente nach Würden zu schätzen, und sie waren bald darüber einverstanden, daß ich in meiner Heimath zu den Meistern gehörte. 153 Ich denke noch mit Vergnügen an die Lobsprüche, welche sie meinem Styl und meiner Handschrift ertheilten.“

„Wie?“ rief der Correspondent, „diese Schwanzmenschen redeten chinesisch?“

„Nein,“ antwortete vornehm der Oberst; „sie besaßen keineswegs die Sprache des Himmels. Man hat keine Vorstellung von diesem wunderbaren Volke, wenn man es nicht gesehen hat.“

„So reden diese Menschen also gar nicht?“ meinte ächt chinesisch Schü-King.

Der Oberst schwamm in Entzücken, daß er um Dinge gefragt wurde, die so gescheidten Leuten, wie er vor sich hatte, unbekannt waren. Er sah nachlässig auf die Frager herab, maß sie mit geringschätzigen Blicken, brachte dann seine Kleider in Ordnung, und begann nun erst mit wichtiger Miene die verlangte Aufklärung zu geben. „Man muß dieß gesehen haben,“ sagte er, „um darüber so zu sprechen, wie ich es thun werde. Die Schwanzmenschen haben allerdings dieselben Redewerkzeuge, wie die Chinesen, ja ich muß sogar zugeben, daß sie sich derselben wie wir bedienen, obschon die wenigen Worte, die in ihren Dictionnären stehen, nicht die entfernteste Aehnlichkeit mit der Sprache des himmlischen Reiches haben. Wo bekommen sie also die Worte her, die ihnen noch fehlen? Ich bin in dem Lande gewesen, ich kenne die Schwanzmenschen wie sie sind. Es ist lächerlich zu glauben, daß sie sich die Worte entgehen lassen, für welche sie keine Laute haben. Behüte! Sie haben eine andere Sprache, die in stummen Gesten besteht, und 154 in welcher man es zu einer seltenen Vollkommenheit bringen kann. Ich kann mich davon selbst als Beispiel anführen. Es ist hier nicht davon die Rede, daß man die nothdürftigsten Wünsche und Gedanken in einigen unbeholfenen Fingerzeigen ausspricht, daß man um Brod zu haben, auf eine Aehre, um Fleisch zu haben, auf einen Hammel zeigt. Nein, es gibt darin Stufen, die zu einer unbeschreiblichen Präcision führen. Sollte man es glauben, daß man durch Schnellen der Finger, durch Umkehren der Hand, durch Berühren der Nasenspitze eine Rede halten kann, die von den Gebildeten als vortrefflich beklatscht wird? Allerdings muß dieß Alles mit einer seltenen Gewandtheit und gewissen feinen Kunstgriffen geschehen, deren Auseinandersetzung mich zu weit führen würde. Ich kann nur so viel sagen, daß ich den Ruhm einer phantasiereichen und numerosen Diction, der mich noch nie verlassen hat, auch hier zu behaupten wußte. Alle Welt war erstaunt. So tiefsinnig, so gedankenreich, so blühend war noch nie mit Fingern gespielt worden.“

Ein Freudengeschrei unterbrach die Lügenberichte des eitlen Gecken. Die Matadore und Picadore hatten sich mit großen, beschlagenen Stöcken rings um das Schlachtfeld herumgestellt, und die Stiere wurden jetzt von entgegengesetzten Seiten losgelassen. Sobald sie ihre Freiheit fühlten, bohrten sie mit ihren Hörnern den Rasen auf, schlugen aus und schienen von den stärksten Symptomen der Wuth befallen. Sie griffen sich nicht sogleich an, sondern gingen an einander vor-155bei, betrachteten sich seitwärts; und wie ein ins Wasser fallender Tropfen immer größere Kreise zieht, so näherten sie sich immer mehr dem Mittelpunkte, den es zu erobern oder zu erhalten galt. Wenn sie sich so gewendet hatten, daß sie sich gerade gegenüber standen, so rannten sie ungestüm mit den Köpfen aneinander; die Hörner verwickeln sich, alle Muskeln treten an den ringenden Thieren hervor, der Boden zittert unter ihren Füßen, und es kracht entsetzlich, wenn sie mit ihren felsenharten Stirnen zusammenstoßen. Hier und da sinkt einer der Kämpfenden, die Wärter springen hinzu, fangen den Sieger mit Seilen, ziehen ihn zurück und retten den bedrängten Schwächern. Es kam in allen diesen Anläufen niemals zum Aeußersten; denn diese Stiere, so schwer aus dem Süden zu transportiren, wollen erhalten seyn, und Tibet ist ein kirchliches Land, das nicht nach Blut dürstet.

Diese Scene erneuerte sich zu wiederholten Malen. Die Chinesen, die langweiligsten Geschöpfe der Welt, werden nicht so bald durch das Einerlei einer solchen Belustigung gelangweilt, sondern sie hatten Lust bis auf den letzten Mann und den letzten Stier auszuharren, als hätten sie Geld für ihre Sitze gezahlt.

In der ersten verschnaufenden Pause hätte der Oberst sehr gern seine fabelhaften Reisen weitergelogen; aber wie begierig auch seine beiden Zuhörer darauf gewesen seyn mochten, so verhinderte sie doch alle am Sprechen und Hören ein neues Geschrei, das an einer andern Seite ausgestoßen wurde. Man lachte, klatschte 156 mit den Händen, und dazwischen hörte man eine laute gellende Stimme: „Wo geht der Weg nach Peking?“ Das Getümmel kam der Loge des Correspondenten näher, und spie endlich einen kleinen, vom Kopf bis zum Fuß rothgekleideten Mann aus, in dessen spaßhaften Begrüßungen und auffallender Kleidung die Bewohner von Lassa sogleich einen Lustigmacher aus den südlichen Provinzen erkannten. Der religiöse Norden von Tibet muß solcher Freuden und Würzen des Lebens entbehren, während man im Süden des Landes bei allen theologischen Disputen, Casteiungen und Ceremonien, noch immer einige Stunden fand, in denen man sich gern den Späßen eines gutmüthigen alten Narren hingab. Doch kannte ihn Jedermann, wenn sich ein so seltener Vogel ins Hochgebirge verflogen hatte.

Der Anstand verlangte, daß der Lärm abnahm, als sich der Ankömmling dem Sitze des Correspondenten näherte. Die drei Inhaber dieser Loge erschracken aber nicht wenig, als der bestäubte, unheimliche Gast unter beständigem Ausruf: „Wo ist der Weg nach Peking?“ zu ihnen über Bänke und Barrièren sprang, und ohne weitere Förmlichkeiten meldete, daß er Peking hier gefunden zu haben glaube. „Nein, mein guter Freund,“ konnte sich der Oberst doch nicht enthalten zu bemerken, „Sie finden hier weder Peking noch Nanking. Dieser große Stern am himmlischen Reiche, der Correspondent des Sohnes, zeichnet sich durch seine Weisheit aus, und man hat die Weisheit bis jetzt immer nur in Koang-Tscheu-Fu gesucht; und was mich anbetrifft, so hoffe 157 ich durch mein Benehmen und meinen Anstand zu beweisen, daß ich in Su-Tscheu gewesen bin!“

„Der Herr Oberst sprechen die Wahrheit,“ fiel der Correspondent ein; „wenn Euer Weg nach Peking geht, so wendet Euch an jenen Mann dort zu Pferde, der sich General der chinesischen Garnison nennt. Einen Mandarin und einen Lümmel aus Peking erkennt man schon an dem Ungeschick, mit dem er die Theetasse hält.“

„Was kümmert’s mich,“ antwortete der Rothrock, „daß Ihr in Eurem Lande erst Reisen machen müßt, um Verstand zu bekommen? Ich seh’ an dem Staube, der in der Blume der Mitte sitzt, daß ein Körnchen dem andern gleicht. Eure Kleider sind alle von Seide, Eure Kerzen von Wachs, Eure Löffel von Horn, und Eure Reichthümer bestehen aus Worten. Was kümmert das mich? Ich suche einen Mann, der sich den Correspondenten des Mittelpunktes der Erde nennt.“

„An Euren gewaltthätigen, ungewogenen Worten,“ sagte der Gesuchte, „hör’ ich, daß Ihr niemals die Khnien-Meng-Tse-Tschu-Hi’s, des Königs der Wissenschaften, gelesen habt; was wollt Ihr von mir?“

„Zieht einmal die Falten Eures Gedächtnisses auseinander!“ entgegnete der grauhaarige Schalk; „wo leben in der Welt Eure Freunde? Kann ich aus Wampu kommen? Nein, ich bring’ Euch kein Rindfleisch! Kann ich von Luk-Tscheu kommen? Nein, ich bring’ Euch keine Zobelpelze! Kann ich vom Vorgebirge Lessep kommen? Nein, ich habe für jene Dame, in der ich Eure Schwester erkennen möchte, weil sie, wie Ihr, auf der rechten 158 Seite stärker ist, keine Perlen zu Ohrringen mitgebracht, um damit die linke Seite zu beschweren, und die Gleichmäßigkeit der Schönheit herzustellen. Ihr würdet mir dieß Alles, und unter Andern meine Grobheit vergeben, wenn mich Euer bester Freund, der Sohn des Himmels schickte, um Euch eine Pfauenfeder zu überbringen.“

Es konnte für den Correspondenten keinen wohlgefälligeren Klang geben, als den Orden der Pfauenfeder. Alle seine Gedanken hingen an diesem Symbol der höchsten Auszeichnung. Er hatte sich schon tausendmal auf den Moment vorbereitet, wo ein Abgeordneter des Kaisers vor ihn treten und seine Mütze mit dem schönsten Schmucke zieren würde. Es war einleuchtend, daß in dem angekommenen Fremden dieser Augenblick noch nicht erschienen war; aber dennoch hob sich der Correspondent unwillkürlich von seinem Sitze; ein schamhaftes Roth fuhr über seine Wangen, er senkte bescheiden das Haupt, als würd’ ihm die Pfauenfeder in der That an die Mütze gesteckt.

„Nein, so würdig Ihr jetzt schon solcher Auszeichnung seyn möget,“ sagte der Kleine, „so komm’ ich doch jetzt in Angelegenheiten, die erst zu Ende gebracht werden müßten, um Euch jene zu sichern. Ich bringe Euch Grüße aus einer Gegend, die Ihr nie gesehen habt, und überbringe Euch Freundschaftsversicherungen von einem Manne, den Ihr noch besser werdet kennen lernen, als Ihr ihn bereits kennt. Ich bin Dhii-Kum-159muz, und trage die Kleider, welche mein Herr, der Statthalter von Teschulumbo, ablegt.“

Diese Nachricht machte auf den Correspondenten einen sehr angenehmen Eindruck. Und während er sich nun in einen Schwall von Höflichkeiten gegen den Abgeordneten eines so ehrenwerthen Mannes vergaß, fragte Schü-King den Obersten, ob auch Teschulumbo auf der Charte der von ihm besuchten Länder läge?

Tschu-Kiang war überall gewesen. „Es dürfte schwer fallen,“ sagte er, „ein Land zu entdecken, das von mir nicht besucht wäre. Teschulumbo! Was soll ich nicht Teschulumbo kennen!“

„Wie sind die Menschen dort?“ fragte die Angebetete, „haben sie nur Einen Kopf? Sitzen ihnen die Hände am Rücken? Tragen sie Kleider mit zwei Näthen? Reden Sie, Oberst, ich höre Sie gern von Ihren Erfahrungen sprechen.“

„Es liegt Alles in der Darstellung,“ entgegnete der eitle Chinese; „die Frauen besitzen in jenem Lande eine kolossale Leibesbeschaffenheit, während die Männer sich durch ihre unbedeutende, schwächliche Statur auszeichnen.“

„Wahr gesprochen,“ fiel Dhii-Kummuz ein, der mit dem Correspondenten in vertraulichen Unterhandlungen begriffen war, aber doch zuweilen sein Ohr für die neben ihm geführten Gespräche hinhielt. „Daher rühren auch in unserem Lande die unehelichen Mißverhältnisse. Die starken Weiber haben an ihren Män-160nern noch lieber, daß sie einige Schwächen besitzen, als daß sie schwach sind.“

„Nun, Schü-King, können Sie sich denken,“ fuhr der Oberst fort, „welche Triumphe ich in Teschulumbo gefeiert habe.“

„Ich hörte einmal von Ihrem Stallmeister,“ sagte Schü-King, „daß Sie einst eine Prinzessin vom Tode errettet, und sich dann tödtlich in sie verliebt haben. War das in jenem Lande?“

„Dieß Ereigniß hat einen Schein von Wahrheit, doch sind die Verhältnisse anders,“ antwortete der vorsichtige Liebhaber, der bald durch seine Rodomontaden Schü-Kings Gunst verscherzen konnte. „Nein, ich betete alle an, und daher im Grunde keine.“

„Es gibt eine Leidenschaft mit untergeschlagenen Beinen,“ ergänzte Dhii-Kummuz, der rothe Schalk von Teschulumbo.

„Was Ihr mir da für Dinge erzählt!“ rief Schü-King unwillig. „Ich will von den Merkwürdigkeiten, die Euch aufgestoßen sind, hören; von Affen, die ihre Schwänze am Kopfe haben; von Bäumen, die dreierlei Früchte tragen; von Mauleseln, die sich selbst begatten. Tschu-Kiang, Ihr seyd ein starker, tapferer Held, aber wenn es in einem Lande Frauen gibt, so habt Ihr für Alles den Kopf verloren.“

„Einem Löwen, der sich verliebt, hängt man leicht eine Schelle ins Maul,“ sagte Dhii-Kummuz, und unterbrach damit den Obersten, der sich eben anschickte, mit einigen extravaganten Unwahrscheinlichkeiten die 161 Neugierde der gelangweilten Dame zu befriedigen. Die Verhandlungen des Correspondenten mit dem Boten des Statthalters waren zu wichtig, als daß sie hier unter freiem Himmel weiter fortgeführt werden durften. Die Gesellschaft brach daher noch vor Beendigung des Stiergefechtes auf, und Dhii-Kummuz begleitete sie.

In der Wohnung des Correspondenten angekommen, übernahm es der Oberst, den Gegenstand seiner Anbetung durch improvisirte Länder- und Völker-Kunde zu unterhalten, während Leang-Kao-Tschu mit seinem wichtigen Gastfreunde in ein abgelegenes Zimmer sich begaben, und ihre Unterhandlungen zu Ende pflogen.

„Ich wiederhole dir,“ begann der Correspondent, „daß meine Absichten den Planen deines Herrn in die Hände arbeiten.“

„Das Interesse schließt die Freundschaften,“ bemerkte Dhii-Kummuz.

„Nein, mein Alter,“ fiel jener ein, „ich fühle Hochachtung für den Statthalter, und schätze die Einsichten, die ihn meinen Werth erkennen ließen. Mein großer Lehrer Yong-Tschu sagte aber schon: Willst du rasch fahren, so halte deinen Pferden ein Brod vor; willst du schneller, so halte ihnen zwei, und willst du aus zehn Stunden eine machen, so gib dem einen die Aussicht auf Heu, dem andern auf Hafer.“

Solche Redensarten fielen in Dhii-Kummuz Handwerk, und er sagte deßhalb: „Das sind Worte der Weisheit. Man erkennt in Euch den Lebensphilosophen.“

162 „Ich versichere dich, alter Kauz,“ fuhr der Lebensphilosoph fort, „daß meine Weisheit noch von meiner Vorsicht übertroffen wird. Ich habe ein sehr feines Auge für falsch gewobene Rathschläge, und sehe es schon am Rollen der Würfel, ohne sie zu berechnen, ob sie falsch sind.“

„Der Statthalter besitzt sehr viel kluge Leute in seiner Umgebung,“ sagte der Abgeordnete; „was ich zuerst zu ihm sprach, ist ihm von diesen Allen bestätiget worden. Ich sagte: unser Freund und Gönner, der chinesische Correspondent in Lassa, kann durch unsere Aufrichtigkeit vielleicht gewinnen, und sollt’ es nur die Pfauenfeder seyn; durch unsere Treulosigkeit wird er aber nichts verlieren. Darum rath’ ich zur Ehrlichkeit. Und diesen Rath hat man befolgt. Das sind die schlausten Füchse, die ihre Gruben mit zwei Eingängen versehen. Ihr gehört zu ihnen.“

„Ich bin ein Sohn des Mittelpunktes der Erde,“ erwiderte der Correspondent; „ich kenne die feindseligen Absichten, welche die herumgezogenen Kreise gegen ihr himmlisches Centrum beseelen. Die Bosheit der Tibetaner gegen ihre großmüthigen Beschützer zeigt sich in Spuren, die nie vernarben, weil sie durch frische immer wieder ersetzt werden. Was wir als Gnade euch schenken, das nehmt ihr wie ein Joch, welches euch aufgedrungen wird. In meinen tibetanischen Zuständen, die einen fortlaufenden Artikel der Pekinger Hofzeitung bilden, hab’ ich alle diese Elemente auseinandergesetzt, die China bei euch zu beobachten, damit ich 163 nicht sage, zu fürchten hat. Leset jene Muster publicistischer Ausführungen, und ihr werdet sehen, daß ihr in mir keinen Mann trefft, der sich in Dinge einließe, ohne zu wissen, wen sie alles interessiren. Auf wen darf der Statthalter rechnen? Wer leitet in Lassa die Gemüther, die ihm zugewandt sind?“

„Wo denkst du hin, Weisester?“ rief der schlaue Dhii-Kummuz; „welcher Kaufmann wird dir einen Mantel verhandeln und dir die Löcher zeigen, die er heimlich zugeflickt hat? Aber noch mehr, wird er Dem einen alten Rock für einen neuen verkaufen, von dem er weiß, daß er so gut wie er ein Schneider ist? Nein, einem so alten Fuchs den Pelz abzugewinnen dürfte den Hühnern wohl schwer fallen. Lassa ist Lassa, und Teschulumbo Teschulumbo. Der Statthalter drückt hier Niemandem die Hand, als dir und denen, die ihm von dir empfohlen werden.“

„Darin ist kein Arg,“ sagte befriedigt der Correspondent. „Nun ich weiß, worauf ich mich verlassen darf, werd’ auch ich mit dem nicht zurückhalten, was dein Herr von mir zu erwarten hat. Aber ich seh’ es dir grauköpfigem Schelm an, daß du in den Schuhsohlen, unter deinem Mützendeckel, auf dem Rücken, oder sonst wo noch Briefschaften versteckt hast, die an einen Mann gerichtet sind, den einige unglückliche Menschen für höher halten als mich, ohne zu wissen, daß sie damit einen gelinden Grad des Hochverraths begehen, und es wenigstens durch zehnjährige Gefängnißstrafe und Abbitte vor dem Bilde des Kaisers büßen 164 müssen; an einen Mann, der, wenn man ihm zehn Fragen aus Lao-Tse vorlegt, nicht eine beantworten kann; an einen Mann, der seine Weisheit in seinen Sporen zu sitzen hat, und sie Niemanden einprägen kann, als einem alten Gaul, den er obenein noch schlecht reitet; an einen Mann, was sag’ ich? – ist es denn ein Mann? Die Weiber sind ihm alle aus seinem Harem entsprungen. Einen Mann? Was nennt er denn einen Mann? Ja, und wo blieb ich denn stehen? So oft ich an einen Esel denke, fangen mir selbst die Ohren an zu wachsen.“

Wir wissen, daß der Correspondent von Ming-Ta-Lao, dem General und Mandarinen der fünften Classe, spricht. Wie er selbst sagte, der Gedanke an diesen Mann konnte ihn um seine eigenen bringen.

Als aber Dhii-Kummuz den Namen des Mannes, um den es sich handelte, erfahren hatte, sagte er: „Von wem sprichst du? Ming-Ta-Lao? Nennt sich so in Lassa vielleicht eine Blattlaus? Soll dieser Hund erst geboren werden, oder fallen ihm schon die Haare aus? Oder heißt vielleicht ein Zwitter so, der des Nachts den alten Weibern die Betten wärmen muß?“

„Vortrefflich, mein Freund,“ rief die Hände zusammenklatschend, der entzückte Correspondent. „Du schilderst jenen Unwürdigen in lebensgroßen Zügen. Du kennst ihn, und kannst ihn doch nicht aufsuchen wollen; denn der Weise spricht: Die Dummen pflegen sich zwar oft der Klugen zu bedienen, aber die Klugen können die Dummen nie zu etwas brauchen. Wische 165 dir aber jetzt dein Ohr rein, damit du meine Rathschläge vernimmst! Wenn auch das Ei selten klüger ist als die Henne, so findet es sich doch oft, daß es brauchbarer ist, als die zähe Mutter, die es legte. Mein guter Freund, ich bin mit dem Henkel an einem Topfe zufrieden, und nenne den Deckel eine Anmaßung. Jenes Unwesen, das sich hier den General der chinesischen, für mich bestellten Ehrengarde nennt, und zwar um so leichter, als er es in der That ist, ist auch für uns unwesentlich. Wir bedürfen dieses Menschen nicht. Aber sein Regiment hat allerdings einen Ehrenplatz, wie vor meiner Thür, so jetzt in meinen Absichten. Der Oberst desselben wird für uns die Stelle des Generals vertreten. Ich werde von demselben tapfern Degen, welchen du vorhin –“

Ein Klopfen an der Thür unterbrach den Correspondenten.

„Der Herr Oberst Tschu-Kiang,“ hieß es im Munde eines Dieners, der den Kopf halb zur Thür herein steckte, „sind plötzlich von so heftigen Ohnmachten befallen worden, daß Fräulein Schü-King augenblicklich befohlen haben, ihn nach Hause zu bringen."

„So, so,“ brummte der zukünftige Schwager, der den geschnürten Obersten eben als einen löwenartigen Helden schildern wollte, und das ironische Lächeln des Dhii-Kummuz wohl bemerkte. „Ich kann die Versicherung geben, daß der Oberst trotz seiner Ohnmachten ein Ehrenmann ist. Die Truppen lieben ihn seiner Leutseligkeit wegen, und würden jedem Befehle 166 Folge leisten, den er mit Energie zu geben weiß. Kömmt es auch nicht zum offenen Kampfe, so erlangen wir durch unsere Truppen doch, daß die kalmückischen Reiter in Schach gehalten werden. Das Ding mit der Ohnmacht ist doch sehr verdrießlich. Wir müssen uns morgen weiter besprechen. Du sollst in meinem Hause wohl aufgenommen seyn.“

Dem Dhii-Kummuz kam die Einladung nicht gelegen. „Wollt ihr mir meinen Mantel bezahlen, wenn er mir in der Herberge gestohlen wird?“ fragte er. „Ich kann in Eurem Hause nicht wohnen, weil Ihr mich zu großmüthig behandeln werdet. Ihr werdet mich auf seidene Kissen betten, und ich habe sehr viele Vorliebe für einfaches Stroh. Außerdem ist Euer Haus klein, und den Harem hat man von allen Seiten in der Nähe. Einen Tibetaner, einen Gläubigen, der die herumschweifende Liebe für die wahre Liebe hält, müßt Ihr von dem Ort der Verführung entfernen, selbst wenn er auf dem Kopfe schon verschimmelt ist. Ich gehe in die Herberge.“

Der Correspondent wollte das nicht zugeben, und erklärte offen: „Ich lasse dich, so lange du in Lassa bist, nicht aus meinen Augen. Ich muß die Gewißheit deiner Ehrlichkeit haben, die du mir erst dann gibst, wenn du hier Niemanden als mich kennst.“

Dhii-Kummuz mußte nachgeben, um jedem Verdachte auszuweichen. Als er dem Correspondenten in das für ihn bestimmte Gemach folgte, schnitt er hinter dem Zopf seines Wirthes ein sehr saures, böses Gesicht. 167 Wie geräumig und wohnlich das Zimmer war, in welches der Correspondent seinen Gast führte, so wenig schien doch dieser Lust zu haben, die Anweisung desselben zu acceptiren. Als Dhii-Kummuz mit dem grünen Schimmer, welcher durch eine Taftlaterne von dieser Farbe im Gemach verbreitet wurde, allein war, bog er die aus Meermuscheln bestehenden Fenster zurück, maß die Entfernung derselben vom Fußboden, die nicht bedeutend war, und warf in den dunkeln Hof seine spähenden Blicke. Nur in einem abgelegenen Hinterhause brannten noch einige Lichter; es war der Harem des Correspondenten.

„Kann ein Bekenner des großen Lama,“ sprach Dhii-Kummuz zu sich selbst, „in dem Hause eines Mannes Wohnung machen, der die Rolle eines Weibes spielt? Welch lästerliches Volk, das chinesische! Diese Menschen machen ihre Männer zur Jagd für ihre Frauen. Ich besitze sehr viel Anhänglichkeit an meine Berge, und behaupte, daß meine Frau, die vier Männern neben sich im Bett einen Platz einräumt, sich selbst und diese Vierzahl auf das trefflichste bedient, daß aber vier Frauen auf einen Mann nur des letztern Untergang seyn können.“

Durch eine Halle, die zum Hofe führte, ließen sich Fußtritte vernehmen. Der Hof wurde hell. Der Chinese ging in seinen Harem, von Bedienten begleitet, welche Fackeln vor ihm hertrugen. Auch zur Begattung bedurfte er seines Pompes, auf welchen er, nach der Lehre der Weisen, allen Werth legte.

168 Selbst, wenn Dhii-Kummuz ein weniger feines Ohr gehabt hätte, so würde er den Aufruhr gehört haben, welcher bei Ankunft des Weiberdespoten in dem Bereich seiner Sklavinnen ausbrach. Tausend Stimmen schienen lebendig zu werden. Die Jungen zwitscherten, die Alten belferten, die Aufseher fuhren mit Schimpfreden und dem Stocke darunter. Dann lachten die Einen, die Andern heulten und riefen den Schutz ihres gemeinschaftlichen Ehemannes an, oder bedeckten ihn mit Vorwürfen. Hier ruft man nach Limonen, dort quält man um einen neuen Shawl, die Eine will Rosinen, die Andere Stecknadeln; die letzte nennt den Correspondenten Herzväterchen, indem sie seine Taschen untersucht, und als sie diese leer findet, verwünscht sie ihn als einen alten Papa, dem man den Zopf abschneiden müsse. Und ihn selbst den Vielgeliebten, wer konnte ihn verkennen, an den zärtlichen Verkleinerungswörtern: mein Töchterchen, mein Schneckchen, mein Himmelchen! und an den moralischen Sentenzen, welche er aus allen Philosophen citirte, um damit seine süßen Artigkeiten zu würzen. Endlich nahm der Lärm ab. Der Haushahn schien seine Wahl getroffen zu haben. Alles wurde still.

Dhii-Kummuz hielt es jetzt für die angemessenste Zeit, sich aus der Wohnung des Correspondenten zu stehlen. Ein herzhafter Sprung aus dem Fenster brachte ihn in den Hof, den er mit leisen Tritten durchschritt. Am untern Ende führte ein Säulengang zu Nebengebäuden, die von einer hohen Mauer begränzt 169 wurden. Die daneben aufgesteckten Pallisaden erleichterten es dem Boten von Teschulumbo, die Mauer zu überschreiten.

Wir sind in Lassa schon so orientirt, daß wir trotz der Dunkelheit die Richtung angeben können, welche Dhii-Kummuz einschlug. Er suchte den Palast des Lama auf, und war darin, obschon Fremdling, so bewandert, daß er sich weder durch die Unsicherheit bei der Wahl der Scheidewege, noch durch das Bellen der herumstreifenden großen Wachthunde, von dem richtigen Pfade abbringen ließ. Zuletzt war ein fernes Licht in den Hintergebäuden des Palastes der göttlichen Regentschaft sein Führer. Er stand vor einem Fenster, trat auf den Stein, welcher unter ihm lag, und sah durch das ölgetränkte Papier, welches die Stellen unserer Glasscheiben vertritt, in das Innere einer matt erleuchteten Wohnung.

Es befanden sich drei Personen in dem Zimmer und bildeten eine stumme Gruppe, wenn man die zuweilen anschlagenden Töne einer Guitarre nicht hören wollte. Dieß Instrument lag in dem Schoße eines Mädchens, dessen Schönheit mit der Trauer, die aus seinen Mienen sprach, einen wehmüthigen Contrast bildete. Sie hielt das dunkellockige Haupt in dem weißen Lilienarm, den sie auf einen steinernen Altar setzte. In einen solchen trüben Schleier kann sich die Anmuth nur hüllen, wenn durch die geheimen Flügelthüren der Seele ein scharfer, eisiger Zugwind weht.

Zu den Füßen des jungen Weibes saß auf dem glat-170ten Fußboden ein greiser Alter, um dessen Scheitel, wie eines Trauernden, das Haar in langen Schneeströmen fluthete. Er verwandte kein Auge von seinen geschäftigen Händen, die mit einem wahnsinnigen Eifer an kleinen Figuren arbeiteten, von denen schon ein großer Theil fertig vor ihm aufgepflanzt stand. Nur zuweilen hielt er den halbvollendeten Klotz, den er gerade unter dem Messer hatte, mit der linken Hand in die Höhe, betrachtete ihn von allen Seiten, und schien das Ebenmaß durch die Prospective der Fernsicht zu prüfen; dann verzog sich seine Miene in ein freundliches Lächeln, das ihn aber nur unwillkürlich zu überfliegen schien, weil er, so wie er sich darauf ertappte, wieder die jämmerlichsten Gesichter schnitt, und in seiner Arbeit mit derselben Angst und Bedächtigkeit fortfuhr.

Im Hintergrunde des Gemachs lag auf einem Ruhebette eine männliche, in einen weiten Mantel gehüllte Gestalt, welche stumm in die geheimnißvolle Scene sah, und abwechselnd ihre Blicke auf dem Mädchen oder am Fenster ruhen ließ, als erwartete sie einen Besuch. Dieser war auch in Dhii-Kummuz unstreitig eingetroffen; denn nach einem leisen Klopfen sprang der dritte auf, und begrüßte den Ankommenden durch das Fenster. Dhii-Kummuz wünschte vor der Thür eine Fortsetzung der Bewillkommnung, weil er die Umgebung dieses abgelegenen Häuschens für verdächtig hielt. Der Schaman (denn dieser war der Heraustretende) wunderte sich über diese Aeußerung seines alten Freundes, konnte aber nicht läugnen, ein Flüstern hinter den Wänden ge-171hört zu haben, das er bei so tiefer Windstille doch unmöglich für das Schrillen des Zugwindes halten konnte. Die beiden Freunde gaben sich aber bald darüber zufrieden, weil ihnen die Freude des Wiedersehens nicht Zeit zu Untersuchungen ließ, und den Boten aus Teschulumbo ohnehin die Kürze der Nacht drängte, in den Mittheilungen, die er dem Schamanen zu machen hatte, kurz zu seyn.

„Dein Brief,“ sagte Dhii-Kummuz, indem sie sich allmählich von der Wohnung des Schamanen entfernten, „hat mich in Erstaunen versetzt, aber zugleich auch so sehr erfreut, daß ich den ehrgeizigen Planen des Statthalters gern die Hand bot, und gegen den Correspondenten wenigstens zur Hälfte ehrlich seyn werde. Ich habe daraus zwar wieder gelernt, daß die Freundschaft uns besser macht, aber ich fürchte, man wird uns desto ärger mitspielen, je aufrichtiger wir sind.“

„Worauf du dich immer allein verlassen willst,“ antwortete der Schaman, „deine Afterphilosophie des Trugs hat im Grunde nur dich betrogen; denn bist du bei all deinen scharfsinnigen Planen und verschlagenen Gedanken mehr geworden als ein Narr? Du befindest dich vielleicht wohl dabei, aber weil du nun schon seit Jahren nichts mehr getragen hast, als rothe Kleider, so haben deine Sinne einen ganz verkehrten Gang genommen. Du scheinst zu verlangen, daß wir Narren sind, aus dem Grunde, weil du die Hosen dazu trägst! Was gefällt dir an meinen Rathschlägen nicht?“

172 „Wenn ich einen schwarzen Rock weiß nenne,“ sagte Dhii-Kummuz, „und es darauf wieder läugne, daß er weiß ist, so kann er so viel Farben haben, als ein Chinese deren am Leibe trägt, nur nicht schwarz. Nein, mein Freund, aus zwei Widersprüchen wirst du niemals etwas schaffen, am wenigsten das, worauf du die Fäden ausspanntest. Vergiß jedoch nicht, daß ich nur prophezeyen will. Meine Dienste stehen für dich überall in Bereitschaft, und deine Schuld ist es, wenn sie dir nichts nützen."

Dhii-Kummuz schwieg, und nach einer Pause nahm der Schaman das Wort: „Ich kenne das Mißliche dieser Angelegenheit,“ sagte er; „aber weil wir auf so viele Nummern setzen, so ist es über allen Zweifel gewiß, daß wenigstens eine nicht fehl schlägt. Wir befördern einen schlechten Plan, um einem bessern dadurch Vorschub zu leisten. Wir geben zu, daß der Eine auf das Unglück des Andern sinnt, und führen die unglücklichste Katastrophe herbei, um sie alle zu beglücken.“

„Du willst jedem Etwas nehmen,“ entgegnete Dhii-Kummuz, „und sie alle zufriedenstellen. Gegen diese Maxime kann der nichts einwenden, welcher die Ereignisse beobachtet hat; aber du mußt deine Menschen kennen, ob sie die Geschenke aus deiner Hand nehmen, und die ihrigen zum Dank dafür hineinlegen werden.“

„Was glaubst du von deinem Bruder, unserm Hochheiligsten? Wann waren deine Gedanken die Seinigen? Wann hat die Schwäche eines Menschen auf die Kraft-173losigkeit eines Gottes speculirt? – Ach, du Guter, wie kannst du deine Wünsche einem himmlischen Wesen unterschieben, weil du glaubst, es sey in seinem eignen Willen nicht entschlossen! Du willst die Sehnsucht eines Allmächtigen erfüllen, und Wünsche befriedigen, die er sich gleichsam selbst nicht zu gestehen wagt. Man sieht, daß du der Tage nie vergessen kannst, wo du Maha Guru um Fleisch betrogst, oder ihn mit Schlägen bewillkommnetest, wenn er deine Tauben zu füttern vergaß.“

Die Zumuthung solcher Frevel mußte für den frommen Schamanen schrecklich seyn. Er hielt dem Sprecher die Hand vor den Mund und rief erschrocken aus: „Sprich in meiner Nähe nicht solche Lästerung! Bleibt uns denn mehr übrig, als die Rathschlüsse des Himmels zu erforschen? Ich will dem Höchsten einen Dienst erweisen, den er sich selbst leisten könnte, wenn er an den Opfern der Liebe nicht Wohlgefallen hätte. Ist die Frucht unsrer Anstrengungen reif, so mag er sie brechen, oder sie mit dem Stamme in den Pfuhl der ewigen Strafe werfen.“

Darauf folgte dann eine genauere Besprechung der im Werke befindlichen Umtriebe, die auf den sonderbarsten Plan hinausliefen.

In dem Leben des Dalai Lama streift das Göttliche sehr oft an das Menschliche. Wir haben früher gesehen, wie die Wahl und die Erziehung des künftigen Herrn des Himmels mit Machinationen und Intriguen jeder Art verknüpft seyn kann, und es wird nicht auf-174fallend erscheinen, daß namentlich die Priester weit weniger von der wahrhaften Göttlichkeit ihres Zöglings durchdrungen sind, als der gemeine Haufe der Laien. Der Clerus sieht den Gott in Windeln, im Pohlrock, er corrigirt die Sprachfehler, die er machte, ruft den Schneider, der ihm Maß nehmen muß, und sorgt dafür, daß seine Schuhe stets zu rechter Zeit besohlt werden. In den Antichambres ist von jeher die wahre Größe der Helden nicht gesehen worden. Hier schrumpften sie zusammen zu den ordinärsten Menschen, und selbst von den christlichen Priestern wissen wir ja, daß sie von ihrem Gott ganz andere Geheimnisse erzählen können, als wir dummen Exoteriker in den Büchern lesen. Um wie viel mehr ist der Dalai Lama den Verwechselungen seiner Würde ausgesetzt; er, den ein Oberpriester alle Tage aus- und ankleiden muß! daher ist es allein erklärlich, wenn in dem Kopfe eines ehrgeizigen Beamten der Kirche der Gedanke entstehen konnte, den gegenwärtigen Schöpfer der Welt von seinem ewigen Throne zu stoßen, sich für die wahrhafte Incarnation der Ewigkeit auszugeben, und einen Plan zu offner Empörung einzuleiten. Dieser Geistliche war der Statthalter von Teschulumbo.

Der chinesische Correspondent setzte alles an die Pfauenfeder. Er kannte die Politik des Cabinets von St. Peking, und verstand auf das vollkommenste die Absichten, welche der Sohn des Himmels schon seit einem Jahrhundert mit dem Lande Tibet hegt. Es fehlte diesem nur an einer Gelegenheit, das über Tibet ausge-175legte Netz anzuziehen, und als eine willkommene Beute dem Mittelpunkt der Erde einzuverleiben. Dieß war der Grund, warum sich der Correspondent auf die Plane des Statthalters einließ; denn entweder gelang es, den Thron des Himmels in dem Augenblicke, da sein Besitzer dafür kämpfte, für China in Beschlag zu nehmen, oder sich dem siegreichen Usurpator so sehr zu verbinden, daß er die ihm gewordene Hülfe nur mit einer an völlige Unterwerfung gränzenden Erkenntlichkeit erwidern konnte. Solche geschickte Machinationen mußten aber dem Correspondenten von seinen Behörden reichlich belohnt werden.

Die Verrätherei des Chinesen mußte für den Statthalter von Teschulumbo in so weit erwiesen seyn, als dieser aus der Revolution Nutzen zog, der sich gleich blieb, gleichviel, ob sie fehlschlug oder wenn sie gelang. Dhii-Kummuz war ein schlauer Kopf, der im Durchschauen von Betrügereien ein geübtes Auge hatte. Wie gern er auch seinem Herrn folgte, selbst um eine verrätherische Handlung zu unterstützen, so suchte er doch den Antheil, welchen der Chinese an den künftigen Erfolgen haben wollte, so ungewiß als möglich zu machen; wie sehr mußte er aber erstaunen, als auch der Schaman, der leibliche Bruder des Dalai Lama, in die Reihe der Verschwörer trat, an die Absichten des Statthalters und den Sturz des Regenten Interessen knüpfend, die selbst für das Land der Sonderbarkeiten, für Tibet, auffallend waren! Er wollte Maha Guru den Donnerkeil und die Blitze seiner Allmacht entreißen, ihn 176 auf seine Schultern nehmen, und den Menschen wieder zurückgeben. War dieß die Handlung eines Atheisten? Der Unglaube wurzelt immer in dem Egoismus, und das persönliche Interesse bestimmte den Schamanen zu dem gewagten Schritt, den er vorbereitete.

Gylluspa war der Preis, um den ein Frevler den Himmel erstürmen wollte. Den Besitz eines Weibes schätzte der Schaman höher als die Verwandtschaft mit dem Weltenschöpfer. Er gab den Blick in alle Sterne des Firmamentes für das Auge einer Angebeteten. Gylluspa aber, welche durch den Anblick ihres Gottes nur heftiger daran erinnert wurde, mit wie heißer, sterblicher, menschlicher Liebe sie ihn umfing, würde niemals den Wünschen seines Bruders Gehör gegeben haben, ohne Maha Guru zu besitzen. Sie war zwar nicht in der Lage, wie die Europäerin, den minder Bevorzugten als einen Vermessenen mit etwas gemachtem Pathos zurückzuweisen; aber diese kleine tibetanische Prüderie wollen wir an ihr entschuldigen, daß sie dem Schamanen erst dann einen Finger ihrer Hand geben wollte, wenn sie auch Maha Guru zu den Abwechslungen ihres Ehebettes zählen konnte. Was blieb dem Schamanen übrig? Er mußte seinem Bruder das Scepter der Weltregierung entreißen, ihn in eine irdische Hütte führen, den Glanz der Gottheit von ihm streifen, und ihn in jener menschlichen Nacktheit zeigen, die unter andern auch das Zeugniß seiner Heirathsberechtigung enthalten wird. Erst dann konnte er der Umarmungen Gylluspa’s gewiß seyn, wenn ihm Maha Guru darin voran-177gegangen war. Wir berichten eine Geschichte, die sich weder an der Themse, noch an der Newa, sondern in Tibet zugetragen hat. Eine legitime Hahnreischaft ist das mittelasiatische Duell, und die Entsagung der Europäer würde in Tibet verlacht werden.

Während Dhii-Kummuz und der Schaman noch in vertrautem Gespräch auf- und abgingen, wiederholten sich jene verdächtigen Zeichen eines irgendwo gestellten Hinterhaltes, dessen Absicht sich wohl errathen ließ. Als jetzt in der Ferne Feuergewehre durch die Nacht blitzten, blieb ihnen kein Zweifel mehr, daß es auf einen Ueberfall der friedlichen Wohnung, welche Hali-Jong und seine Tochter beherbergte, abgesehen war. Der Schaman stürzte auf den Eingang zurück, den er aber schon besetzt fand. Wie er im Innern des Hauses Gylluspa’s Hülferuf hörte, suchte er sich durch die Schergen der priesterlichen Gewalt den Weg zu bahnen; aber die chinesischen Soldaten, welche sich an ihren Zöpfen sogleich erkennen ließen, und von einigen Mönchen angefeuert wurden, fielen über ihn her, und nahmen ihn fest. Dhii-Kummuz traf dasselbe Schicksal.

Diese Scene machte Lärm. Die Chinesen müssen sich ohnedieß durch übermäßiges Geschrei erst zur Tapferkeit begeistern, und die Vorschriften der anführenden Priester, die das geräuschloseste Verfahren bezweckten, waren bald überschritten. Die im Palast des Lama aufgestellten Wachen mußten aufmerksam werden, und in demselben Augenblicke, da Hali-Jong 178 mit seiner weinenden Tochter gefesselt aus dem Hause geführt wurde, kam ein Piket kalmückischer Reiterei herbeigesprengt, um diese nächtlichen Ruhestörungen zu untersuchen und sie beizulegen.

Der Schaman wandte sich sogleich an den Anführer dieses Trupps: „Du treuer Sohn des Höchsten!“ rief er, „dein Muth muß ein Verbrechen deines unwachsamen Auges wieder gut machen. Welche Dinge geschehen in dem Palaste der ewigen Gnade? Gib mir dein Schwert, daß sich der Bruder des Lama aus den Händen der unreinen Fremdlinge rette!“

Der Befehl des Anführers verschaffte dem Schamanen und Dhii-Kummuz augenblickliche Befreiung; als sie aber jene auch für Hali-Jong und seine Tochter verlangten, trat der Ketzerrichter der schwarzen Gylongs hervor und schrie mit kreischender Stimme: „Ihr unreinen Blattläuse auf dem Baume des Lebens, wage Niemand der ewigen Gerechtigkeit in den Arm zu fallen! Sind eure Pallasche so weise, daß sie künftighin das wahre Dogma von den sectirerischen Neuerungen unterscheiden sollen? Ich rathe euch, euren Degenscheiden die Klingen und der Kirche ihre Ketzer zu lassen!“

Die erneuerten Versuche des Schamanen, dem dumpfheulenden, wahnsinnigen Hali-Jong die Freiheit zu verschaffen, fruchteten nichts; denn der geisterbleiche Großinquisitor hob seinen Knochenarm so hoch, wie seine Stimme, und begleitete mit den furchtbar-179sten Gesten diese Worte: „Gegen die Löwen wollen die Wassermäuse zu Felde ziehen? Ihr müßt noch nie gehört haben, welche Stufe in der Ordnung des Himmelreichs die schwarzen Gylongs einnehmen. Als die Welt geschaffen wurde, und sich der große Werkmeister von seiner Arbeit eine Stunde ausruhen wollte, da übergab er Gya, seinem obersten Engel, das angefangene Werk zur Hut, und Gya ist der Stammvater der schwarzen Gylongs. Unsre Arme können sich in Schlangen verwandeln, unsre Zunge gleicht dem Stachel einer Viper, und mit den Augen vermögen wir zu tödten, wie der Basilisk; warum seyd ihr so lüstern, uns in flammenden Zorn zu versetzen? Ja, ihr kalmückischen Cavalleristen, unter den dreißigtausend Königreichen der Erde waren eure unfruchtbaren Steppen von Gott die verfluchtesten. Kein Halm wehte in eurem Lande, kein Vogel flog durch eure verpestete Luft, kein Quell rieselte aus euren Bergen, ehe ihr euch zu dem großen Gott wandtet, der mit seinem Haupte an die Sterne reicht, und mit seinem Fuße einen Büchsenschuß weit von hier wurzelt. Seit ihr auf dem Wege, von ihm jetzt wieder abzufallen? Haben eure Vettern daheim die Götzen zerschlagen? Habt ihr den Ganges-Sand in eure unheilige Fläche vergossen? Was seyd ihr in die Partei eines Sectirers übergetreten, der die Heiligen an ihren Nasen beleidigte, und ihren Oberlippen nach eigener Erfindung eine ketzerische Verlängerung anbildete? Weicht zurück, Cavalleristen, oder eure See-180len werden einst vergeblich einen leeren Sitz finden, in den sie hineinfahren könnten.“

Schon bei den ersten Worten dieser imposanten Anrede waren die Kalmücken von ihren Pferden gesprungen und in ein so lautes Geheul ausgebrochen, daß die Zureden des Schamanen nichts mehr fruchteten, und Hali-Jong ungehindert von den geistlichen Vätern und ihren Helfern abgeführt wurde. Gylluspa war nicht zu vermögen, sich von dem unglücklichen alten Manne zu trennen.

Dhii-Kummuz hatte sich längst entfernt. Es mußte ihm Alles daran gelegen seyn, von den Chinesen nicht erkannt zu werden. Er kehrte ungehindert auf dem Wege, wie er das Haus des Correspondenten verlassen hatte, wieder in dasselbe zurück. Er hätte nur von Einem Wesen bemerkt werden können, von der Schwester seines Wirthes. Schü-King war ein starkes Weib, aber im Kampf mit männlicher Schönheit konnte sie auf Augenblicke unterliegen. Wir können es, ihrem Charakter vertrauend, auf das bestimmteste voraussagen, daß die beim Anblick Maha Guru’s in ihr auflodernde Leidenschaft einer baldigen Einsicht weichen wird; aber noch befand sie sich in dem süßen Traum der Erinnerung an jenen göttlichen Jüngling, den sie im Zorne noch reizender fand, als in dem ruhigen Genusse der ihm dargebrachten Huldigung. Sie war auf einen kurzen Zeitraum, der noch währte, aus ihrem Charakter gefallen. Sie konnte die geheimen Unterhandlungen ihres Bruders ertragen, ohne sich um deren 181 Inhalt zu bekümmern. Sie konnte sich von Tschu-Kiang ethnographische Vorlesungen halten lassen, ohne dabei zu bemerken, daß sie abscheulich von ihm belogen wurde. Ja, sie konnte sogar drei Fliegen in ihrem Zimmer leiden, ohne für jede dem Oberhofmeister eigenhändig ein Dutzend Bambusprügel aufzuzählen. Kurz, sie war sehr nachgiebig und duldsam geworden, ging früh zu Bette, schlief spät ein, und stand auf, wenn die Sonne schon im Zenith war. Sie hätte den an ihrem Fenster vorüberschleichenden Dhii-Kummuz wohl hören können, aber sie hörte ihn nicht.

182 Siebentes Capitel.#

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Kauft bei meinem Nachbar keine Shawls; sie sind so schlecht gewebt, daß man Erbsen durchwerfen kann.

Scene auf dem Markte von Kaschemir.

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Um Hali-Jongs Seele hatte sich der Schleier eines leidenden Trübsinns gelegt, den auch die neue Veränderung seiner Lage nicht von ihr zog. Keine Hoffnung belebte dieß gedrückte Gemüth, das auch keine Furcht mehr kannte. Das Ungewisse seines Verhältnisses war so weit in den Hintergrund getreten, daß er auch von der plötzlichen Wendung desselben zu einem unglücklichen Ausgange keine Vorstellung hatte. Die Schnitte, welche er ohne zu ermüden, in unzählige Holzblöcke machte, waren die Furchen, in welche er seine matten Sinne versenkte. Er lebte in jenen Gestalten, die unter seiner kunstreichen Hand geboren wurden, und empfand unausgesetzt nicht nur die Freude eines alten Meisters, dem seine Werke noch immer trefflich gelingen, sondern auch die Wonne seiner jungen Schöpfungen selbst, in welchen er mit Leib und Seele aufging.

Die erste Wohnung, welche den Vorsteher der Götzenmanufactur von Paro aufgenommen hatte, das-183selbe alte Gefängniß, dem Hali-Jong durch die fruchtlosen Bemühungen des Schamanen auf einen kurzen Zeitraum entzogen worden, öffnete sich jetzt wieder diesem unglücklichen Opfer des Fanatismus. Gylluspa konnte durch nichts vermocht werden, eine bessere Lage zu suchen; ja selbst die Drohungen der Priester, deren Gesetz dem Frauenzimmer im Kloster den Aufenthalt über Nacht verbietet, hielten sie nicht zurück, mit ihrem Vater das Gefängniß zu theilen. Sie sah ein, wie wohlthätig der Trübsinn Hali-Jongs auf ihn wirkte, weil er durch ihn verhindert wurde, das Mißliche seiner Zukunft zu fürchten. Sie wußte aber auch, daß dieser schlummernde Zustand des alten Mannes ihn sogleich verlassen würde, wenn er außer dem Kreise einer kurzen Gewöhnung versetzt werden sollte, wenn sie aufhörte, seine tägliche Umgebung auszumachen. Die Unglückliche! In welche Welt war sie getreten. Sie war nicht nur in ihren Erwartungen, sondern selbst in ihren Ahnungen getäuscht worden. Das Schicksal ihres Vaters hatte eine Wendung genommen, welche ihr niemals erklärlich geschienen hätte. Die Aufopferung des Schamanen fruchtete nichts. Ihre Liebe zu Maha Guru stand auf der Gränze zwischen einer religiösen Tugend und einem Verbrechen. Sie fühlte nur zu gut, daß die Wünsche ihres Herzens sie auf die letzte Seite zogen.

Die hölzerne Götterwelt, welche Hali-Jong um sich her gezaubert hatte, belebte seine Phantasie mit den seltsamsten Illusionen. Diese Heiligen schienen ihm 184 oft im Vollgenuß ihrer Göttlichkeit zu leben, sie sprachen mit ihm und dankten ihm für die Mühe, die er sich gäbe, um ihnen anständige Kleider zu verschaffen. Hali-Jong sprang dann auf und verbeugte sich tief, unaufhörlich die Danksagungen zurückweisend, und sich auf seine Pflicht und Schuldigkeit berufend. Zuweilen schien es ihm auch in Folge einer merkwürdigen Verwechselung, daß das Schnitzmesser nicht in seiner Hand läge, sondern daß der halbvollendete Gott im Gegentheil ihn zwischen den Beinen halte, und ihn aus dem Groben herausschneide. Dann pflegte er zu Gylluspa’s großem Entsetzen zu rufen: „Jeder Schnitt eine Stufe höher auf den Berg des Himmels! Was fährt mir da unter die Arme? Coli legt den Finger in meine Seite, und spricht den Zaubersegen über mein Gedeihen. Was hab’ ich mir ein Pferd gekauft? Ein Thor, der dafür hundert Schafe ausgab, und jetzt an den Füßen geschnitten wird, daß er wie eine Wolke über alle Berge fliegen kann! Hinein, ihr kunstreichen Dewtas, mit euren lebenschaffenden Messern, hinein in die Haut eines alten Esels, die von euch geritzt bald ihre Furchen ausglätten wird, und jugendlich, götterkräftig, frühlinggeboren die alten Runzeln Lügen straft! Die Oberschenkel nicht zu dünn, mein großer Schöpfer, damit ich in deinem Himmel die Schritte länger nehmen kann! Die Haare auf dem Scheitel nicht zu stolz, damit ich nicht am Giebel der hohen Pforte einen Schaden stifte! Ach, welch ein Glück, unter der warmen Hand eines Gottes von den Fesseln der irdischen Materie erlös’t zu 185 werden!“ Konnte Hali-Jong bei diesen großartigen Täuschungen sich nicht einmal mit sich selbst verwechseln? Wer hemmte das Eisen, wenn es statt in die Fasern eines werdenden Götzen in seine eigene Brust fuhr? Ja, konnt’ er im Uebergenuß seines Entzückens nicht plötzlich aus seiner Haut herausfahren, und todt in Gylluspa’s Arme zurücksinken?

Eines Tages saß Hali-Jong wie gewöhnlich auf dem Fußboden, phantasirend über seine Hölzer, die er mit zärtlichen Blicken betrachtete. Er hatte seinen Schöpfungen jetzt wieder eine ganz neue Seite abgewonnen. Er führte in Gedanken eine große Schlacht auf, welche den guten Göttern von den bösen geliefert wurde. Die Waffen, deren sich die Geister bedienten, und die Wunden, die sie damit schlugen, waren wiederum aus seiner Sphäre entnommen, und erinnerten an die Dinge, welche in seinem Gedächtnisse doch jetzt so weit zurückgedrängt waren. Aus dem Kampfgeschrei, das er selbst ausführte, ersah man, was in seiner Seele vorging. „Wir haben das große Welt-Ei gelegt,“ rief er im Ton der guten Götter; „wir haben den zehntausend Elephanten, welche die Erde tragen, ihre Rüssel gegeben, und lassen das Mennigkraut wachsen, womit sich die Tugendhaften bemalen. Nennt eure Verdienste, die ihr euch um die große Sylbe Om erworben habt. Ha, ihr schweigt, die Gebirge sind vor euern Mund getreten, daß Niemand eure Worte hört.“

Es wurde im Gemache gesprochen. Hali-Jong glaubte, die bösen Geister wollten nicht Ruhe geben, 186 und er fing daher wieder an: „Eure Lästerzungen, mit denen ihr des Nachts auf den Bergen unsre Gläubigen beschwatzt, sind noch nicht verstummt? Was habt ihr an uns auszusetzen? Kennt ihr jene Bücher, in welchen die Lehre von der Symbolik des heiligen Antlitzes der wahren Tradition gemäß behandelt wird? Nimmermehr, denn in euern Gesichtsbildungen liegt der Stempel der Neuerung und der Bosheit. Ihr werft die Oberlippe auf, und versteckt eure Unterlippe wie die Schlange ihren Stachel. Eure Nasenlöcher weiten sich auf, wie zwei furchtbare Abgründe, aus denen Pest und Krieg und Unglaube heraufschlängeln. Eure Nasenspitze ist von ihren Winkeln so weit entfernt, daß man einer Reise bedarf, um von dem einen in den andern zu kommen. Was sagen wir guten Götter von den Augen der bösen? Liegen sie nicht so tief, als wollten sie sich in euer Gehirn verkriechen? Hat man je solche Augen gesehen, die eher zum Hinterkopfe gehören! Naht euch nicht denen, welche approbirt sind! Schon euer Hauch könnte die Regelmäßigkeit unserer Formen in Unordnung bringen!“

Es waren drei Personen in das Zimmer getreten, in denen die weinende Gylluspa ihre drei übrigen Väter begrüßte, Hali-Jong aber seine Brüder nicht erkannte. Seine Einbildungskraft war im Gegentheil von dem Kampfe der guten und schlechten Formen so sehr ergriffen, daß er in den theuern Ankömmlingen nur für die Vertheidiger der letzten einen Succurs sehen wollte. Er wehrte sie mit beiden Händen zurück, und über-187schüttete sie wegen ihrer verbrecherischen Absichten mit entrüsteten Vorwürfen. „Gelobt sey diese Stunde!“ rief er, „denn jetzt hab’ ich jene Riesen, welche den Berg Simnu unterwühlen, vor mir. Seyd ihr gekommen, um die Verhältnisse der von mir entworfenen Gesichtsbildungen zu zerstören? O, ich kenne euch längst! Ihr seyd mir Tag und Nacht erschienen, und habt meine Sinne durch Gaukeleien blenden wollen, damit ich abweiche von meinen alten Thonknetungen, und auf eure ruchlose Proportionenlehre schwöre. Ihr waret es, die ihr falsche Modelle in meine Manufactur brachtet, und auf der That ertappt, kaum mit heiler Haut davon kamt. Ich habe das Geheimniß erfunden, die Kunst in Einklang mit der Tradition zu bringen! Sehet her, hier stehen jene Gebilde, welche bestimmt sind, für den Erdkreis einst normal zu werden!“

Inzwischen hatte sich kurz nach dem Eintritt der Brüder von Neuem die Thüre geöffnet, einige Priester im schwarzen festlichen Aufzuge mit gelben viereckigen Mützen traten ein, und näherten sich dem wahnsinnigen Hali-Jong mit feierlichen Schritten.

Durch die offene Thür sah man lange Reihen von Mönchen, die sich weit durch die Gänge zogen, und ein Spalier bildeten, das von murmelnden Gebeten widerhallte. Mit einem Schrei des Entsetzens gewahrte Gylluspa diesen Anblick; die Brüder fielen zu Boden, und selbst Hali-Jong schien von der auffallenden Zurüstung betroffen. Es schien, daß jetzt der Augenblick 188 herangekommen, der über Hali-Jongs Schicksal entscheiden sollte.

Der erste unter den hereingetretenen Mönchen wandte sich an den ihn anstierenden, auf dem Fußboden sitzenden Verbrecher. „Ich preise mich glücklich,“ sagte er, „den Göttern zur Sühne jenen Elenden zuzuführen, der sie so unverzeihlich beleidigt hat. Stehe auf und folge den Dienern der ewigen Gerechtigkeit.“

Der Angeredete, welcher von den ihm gemachten Vorwürfen nichts begriff, erhob sich mechanisch, und folgte den Priestern, von Gylluspa und seinen Brüdern unterstützt. Er sah befremdet auf die langen Reihen, die er passiren mußte, lachte über die Verwünschungen, welche zuweilen ausgestoßen wurden und die er für einen andern als ihn bestimmt hielt. Die Mönche schlossen sich hinten der Gruppe an, und begleiteten sie über mehrere Gemächer, Höfe und Stiegen, bis zu jenem großen, unterm Dache befindlichen Saale, in welchem Hali-Jong einst dem grausamen Gerichte, das über seine verfehlten Statuen gehalten wurde, beigewohnt hatte.

Der eiserne, uns wohl bekannte Kessel bildete den concentrischen Mittelpunkt für zahlreiche Peripherien, welche sich rings bis zur Wand und dem Dache terrassenförmig herumzogen. In der Mitte befanden sich einige Erhöhungen, welche für die Ankläger, die Richter und den Angeklagten bestimmt waren. Der Großinquisitor nahm den höchsten Sitz ein, Hali-Jong den tiefsten; auf den ersten Stufen, die zum Kessel führten, ließen 189 sich Gylluspa und ihre drei trübseligen Nebenväter nieder. Die unabsehbare Anzahl der neugierigen und fanatischen Mönche nahm hinter den Schranken des Gerichts auf den Sitzen der Estrade ihren Platz.

Diese Einnahme der Sitze geschah mit dem lautesten Schreien und Toben, wie es der Würde der Handlung wenig angemessen war. Erst als sich der Sturm etwas gelegt, und die Neugier der Mönche über ihre Schwatzhaftigkeit gesiegt hatte, ja nachdem mehrere der überlauten Geistlichen von ihren Vorstehern mit scharfen Verweisen notirt, oder wohl gar mit kleinen Disciplinarstrafen belegt waren, konnte endlich die feierliche Sitzung ihren Anfang nehmen. Der Großinquisitor hob die Hand in die Höhe, und Niemand wagte noch einen Laut von sich zu geben. Man hörte nur das unterdrückte Schluchzen Gylluspa’s und das ängstliche, beklommene Seufzen ihres Vaters, der von allen diesen Zurüstungen noch keinen Begriff hatte.

Die Verlesung der Anklageacte bestand in nichts Anderm, als dem Vorzeigen eines blauen Götterbildes. Die Priesterschaft machte den Schluß, daß man dieß nur zu sehen brauchte, um zu wissen, um welches Verbrechen es sich handelte. Der Vorsitzer des Gerichts hob die Statue in die Höhe, hielt sie dem Angeklagten vor, und fragte ihn mit feierlicher Stimme, ob er dieß ketzerische Wesen in seiner rechtgläubigen Hand wohl erkenne?

Hali-Jong bedurfte nur dieses Anblicks, um aus seinen starren Träumen aufzuwachen. Obschon mit ihm 190 das Licht der Vernunft nicht wieder zurückkehrte, so erhielt er doch für die Dinge, welche um ihn her geschahen, ein haltendes Bewußtseyn; er konnte an ihnen Theil nehmen. Die blaue Statue in der Hand des Anklägers war ihm keinen Augenblick fremd; er entriß sie ihm, drückte sie an seine Lippen, und umschloß sie mit beiden Armen. „In einer so glänzenden Versammlung,“ rief er mit einem Complimente aus, „soll ich dich, mein Pozio Cenresi, wiederfinden? Als du in die Welt kamst und den Namen Geia-Thrix-Thengo annahmst, lehrtest du deinen Völkern die schönste aller Künste. Hab’ ich dich nicht so ciselirt, daß deine Kunst sich dir zur Huldigung darbringt? Kann man dich immer nur in der Gestalt eines männlichen Affen darstellen? Nein, ich gab in dir den schönen Knaben wieder, auf dessen Ruf sich die Erde mit Menschen bevölkerte, der ihnen Gesetze verlieh und die Geheimnisse der Kunst erschloß. Wo find’ ich eine Pyramide von eilf Schädeln, auf welcher du nach deinem alten Wunsche nur stehen wolltest? wo das Geschmeide und den grünseidenen Mantel, der nach derselben Vorschrift stets um deine Schultern gehängt seyn soll? Du verdienst diese Ehre; denn es ist kein Fehl an dir.“

„Deine Zunge lästert,“ fiel der Ankläger ein; „wer lehrte dich, daß aus dem geschwänzten Affen ein schöner Knabe zu bilden sey? Die Tradition. Wer erlaubt dir aber, von den Bestimmungen des zehnten Kanons im siebenundachtzigsten allerheiligsten Concile abzuweichen, und an der Nase Pozio’s die aufgeworfene Formation, 191 den Stempel der alten Geschichte seines Cultus mit einer glatten, auslaufenden, schönen, aber unheiligen, untraditionellen, pseudokanonischen Nase zu vertauschen?“

Hali-Jong hob sein weißes Auge gen Himmel, blickte dann wieder auf die Umgebungen, welche erwartungsvoll seinen Worten horchten, drückte den Gott, welcher den Stempel seiner Fabrik trug, an die Brust, und sagte feierlich: „Ja, mein Pozio, aus dem Kopfe dieses alten Mannes, der dich mit seinen Küssen bedeckt, bist du entsprungen! Ich höre da, daß man an deinem jugendlichen Körper die Nase des Affen vermißt. Solche Worte sind aus dem Munde eines begeisterten Freundes der Götter nicht gekommen. Das ist noch der alte Wahn jener Barbaren, welche die Kunst zu einer Dienerin der Religion, nicht zu ihrer Freundin und Schwester machen. Die Zeit der Fratzen und des Götterschreckens ist vorüber. Wir leben durch die Wohlthat des Himmels; aber nicht um Furcht zu erregen, sondern um Liebe zu gewinnen, spendet man seine Gaben. Wer für den Himmel, wie ich, eine geheime Leidenschaft empfindet, wird ihn mit lang auslaufenden, von der Wurzel bis zur Spitze und dem Knorpel wohlgemessenen, nicht mit aufgestülpten Nasen bevölkern."

Hali-Jong hatte früher, wie wir wissen, im Zustande ausreichender Besinnung nichts so sehr zu seiner Rechtfertigung vermieden, als sich auf die Interessen der Kunst zu berufen. Im Gegentheile hatte er entweder die Thatsache seiner plastischen Neuerungen ge-192läugnet, und sie auf die Rechnung des Zufalls geschoben, oder er hatte jede böswillige Auslegung derselben durch die Aufzählung seiner Verdienste um die Religion, durch seine bezahlten Pilgrimsfahrten zu hintertreiben gesucht. Wie viel Ganges-Sand hatte er nicht sonst in die Augen seiner Ankläger gestreut. Jetzt war darin die auffallendste Veränderung eingetreten. Er ging nicht nur auf sein Verbrechen ein, sondern entschuldigte es auch durch Gründe, welche ihm jede Rechtfertigung vor seinen Richtern abschnitten. Es schien, als wollte er untergehen, ein Märtyrer der Kunst und des guten Geschmacks.

Die Zeichen des allgemeinen Entsetzens hinderten den Götzenfabricanten nicht, in seinen artistischen Rettungen fortzufahren. Er äußerte Grundsätze, die eines Reformatoren würdig waren. „Ihr staunt über den Inhalt meiner Reden?“ rief Hali-Jong; „nur Die können staunen, welche vom Geiste nicht ergriffen sind. Als die erste Menschengeneration auf die Erde gepflanzt war, gingen die bösen Geister daran, sie den guten zu rauben, und von ihren Früchten ihren nimmersatten Leib zu nähren. So fuhren die Seelen aller ersten Menschen in das verfluchte Leben der abtrünnigen Engel. Was hatten nun die guten von ihren Geschöpfen? Es mußte ihnen Alles daran gelegen seyn, die ausgeflogenen Vögel wieder einzufangen. Sie mußten auf Mittel sinnen, sich bei der Menschheit ihrer Zukunft zu versichern. Sie mußten sich in Donner und Blitz hüllen, in Schlangengewinden mit pestträufelnden Fingern un-193ter die Empörer treten, um durch Schrecken diejenigen wieder zu gewinnen, welche sie durch ihre Güte und Milde verloren hatten. Von diesem Augenblicke zeigten sie sich auch nicht mehr in den Lüften und Wolken, sondern ließen sich in den rohesten Stoffen darstellen, um als ungeheure Erzmassen, Holzblöcke, Steinkolosse auf den Gehorsam der Ihrigen zu wirken. Daher schreiben sich die mißgestalten Formen, welche Jahrtausende lang die Phantasie der Völker mit Ungethümen, ihr Herz mit Schreckbildern, ihren Geist mit furchtsamen Gedanken befruchtet haben. Kahle Schädel sollen jugendlichen Göttern stehen! Fürchterlich rollende Augenräder glotzten auf den Untertheil des Antlitzes herab, der bald einen abscheulichen Vorsprung bildete, auf dem ein Priester bequem sitzen konnte, bald so tief eingebogen war, daß man im Zweifel stand, wo das Kinn aufhörte und der Hals anfing. Was soll ich von dem Fundament dieser mißgebornen Köpfe sagen, von denen Jedermann weiß, daß sie einen Bauch, zwei verschränkte Arme, und zwei übereinandergeschlagene Beine vorstellen sollen? Auf allen Wegen erblickten wir diese grauenhaften Bildungen, die wie zusammengeronnene Glieder aussehen, und im letzten Falle noch den Anblick mehrerer, in einander verwickelter Schlangen darbieten. Die Priester, immer gewohnt, das Wahre zu verfehlen, legten in diese Zufälligkeiten einen scheinbar tiefen Sinn, und nahmen die Auswüchse der Natur für dasjenige, was sie am meisten bezeichne. So ist eine Symbolik entstanden, welche sich noch da erhalten hat, als schon 194 lange die Götter von ihrer alten Maxime, durch Furcht auf die Liebe zu wirken, zurückgekommen waren. Ihr fragt, wie ich hinter diese Inconsequenz gekommen bin?“

„Wir fragen nichts, du Elender!“ schrie die ganze Versammlung, und von den hintersten Bänken sprangen schon die Eifrigsten herüber, um den Frevler in Stücke zu zerreißen. Aber der Großinquisitor hob seine Hand, und Hali-Jong, die entstandene Pause benützend, fuhr mit unerhörtem Gleichmuth in seiner Vertheidigung fort. Es ist merkwürdig, daß die Tibetaner, wenn sie wahnwitzig werden, fast wie die Europäer sprechen.

„Die Götter haben ihr Schicksal in unsere Hände gegeben,“ sagte Hali-Jong. „Sie waren es, die unsern Seelen den feinen Sinn des Geschmacks, und unsern Händen die künstlerische Fertigkeit verliehen. Was sprachen sie damit aus? Ihren Wunsch, sich würdiger Darstellungen zu erfreuen. Sie können nie gewollt haben, daß sich die Schönheitsformen nur auf den Wellen finden, die über die Flußbetten hingleiten. Sie haben die Schwäne nicht deßhalb geschaffen, damit nur an ihren Hälsen die Zauberlinien der Anmuth lebten. Sie bauten die Himmelsveste nicht, um die Sterne nur in der gelungensten Wölbung schweben zu lassen. Sie gaben Allem seine eigenthümliche Form, um ihre eigene Größe dadurch zu feiern. Ja, würden sie den Menschen als ein Muster der regelmäßigen Schönheit hingestellt haben, wenn sie nicht gewollt hätten, daß ihre eigene Herrlichkeit durch diese Formen widerstrahle? 195 Lag die Frömmigkeit, auf welche die Götter rechneten, nicht von jeher darin, daß man sein Theuerstes daran setzte, um ihnen zu gefallen? Wird der ein wohlgefälliges Opfer bringen, welcher vor den Altar seines Hausgottes ein Lattichblatt stellt, und doch die Mittel besitzt, ihm eine Lotosblume zu reichen? Wer eines Rosses entbehren kann, wird keinen Hund verkaufen, um seinen Heiligen mit einem neuen Kleide zu beschenken. Wer sich auf die fünfzeilige Strophe versteht, wird die Götter nicht mit dem eintönigen Versmaß der vier Glieder besingen. Das ist auch in der Kunst die neue Lehre, für welche ich sterben will. Soll ich darüber weitläuftig seyn? Ich kenne einen Allmächtigen, vor dem sich Millionen im Staube beugen wollen. Diese Millionen beschwören meinen Thon, meinen Bossirgriffel, meine Steinkohlen, daß ich ihnen das Bild dieses Großen zaubere. Meine Seele erbebt vor der Wonne dieser Schöpfung; sie fühlt die Nähe des Darzustellenden, der nur noch geträumtes, geahnetes Bild, ein flüchtiger Gedanke meiner Phantasie ist; ich verschließe mich in tiefe Einsamkeit, und trete erst nach dem Kreislauf vieler Monde wieder hervor. Ich ziehe den Schleier von meiner Schöpfung, und die Millionen halten die Hand vor ihre geblendeten Augen. Würd’ ich meinem Gott den Schädel eines Affen gegeben haben, wenn ich sein Haupt mit den Mähnen des Löwen bedecken konnte? Soll ich ihm die schwarzen Augen des Kalbes geben, wenn ich die Farbe dazu den lieblichsten Blumen entnehmen kann? Ruchloses Beginnen! Von deinen Ga-196ben gib ihm die reichste, die theuerste, die du für Alles nicht verschenken würdest! Das schönste Kleinod aber ist das, was wir an uns besitzen; wer vermöchte sich selbst in einen Schrein zu verschließen! Lasset uns Götter schaffen nach der Menschen Ebenbild! Wenn es keine Gränzen mehr zwischen dem Himmel und der Erde gibt, dann wird die Frömmigkeit ihre reinsten Opfer darbringen!“

Hali-Jong stand mit emporgehobenen Armen da, wie ein verklärter Seher. Der Gott Pozio Cenresi war ihm entfallen, und das Gericht mit seinen zahllosen Beisitzern blickte ihn einen Augenblick mit stummer Bewunderung an. Als er aber am Schluß seiner ekstatischen Peroration dem Atheismus das offenbarste, unumwundenste Wort geredet hatte, da brach der Sturm mit erneuerter Wuth los, und nur die seltene Mäßigung des Großinquisitors verhinderte es, daß jene Aeußerung für ein Geständniß seiner Schuld, und deßhalb für seine Verurtheilung gehalten wurde. Die Gewissenhaftigkeit verlangte, daß derselben noch einige nähere Erörterungen vorangingen.

Der Großinquisitor begann diese mit folgenden Worten: „Die Kirche ist unveränderlich. Alles, was diese Eigenschaft beeinträchtigen könnte, muß sie unterdrücken. Aus den Reden dieses Unglücklichen vernahmen wir alle, wie frevelhafte Folgerungen die sogenannte Vollendung der Kunst nach sich zieht. Was verstehen diese Neuerer unter Verbindung der Religion mit der Kunst? Sie wollen der einen ihre Würde ent-197ziehen, um damit die Blöße der andern zu bedecken. Sie setzen die Wahrheit der Ewigkeit in die Schönheit des Augenblicks, und machen die Götter zu einer Sache des Geschmacks.“

„Den Menschen wollen sie als das Maß aller Dinge anbeten,“ fuhr ein Oberrichter fort; „zwar ist der Mittelpunkt der allein seligmachenden Lehre die ewige Menschwerdung Gottes; der große Lama würdigt den Leib seines unsterblichen Geistes, aber wer hätte je die Sünde begangen, diese flüchtige Hülle eben so zu schätzen, als das ewig in Gott Wiederkehrende? Nein, das allein Anbetungswürdige liegt in Dingen, die wir nicht sehen, also auch nicht nachbilden können.“

„Wir sind die spätgebornen Enkel einer alten Zeit,“ sagte ein zweiter Beisitzer des Gerichts. „Wir schaffen die Götter selbst nicht, sondern die Vergangenheit überliefert sie uns mit den Formen, welche ihnen einst gefielen, mit der ganzen Geschichte ihrer alten Verehrung, an welcher nur die Lüge etwas ändern kann. Die Tradition ist das heiligste Buch unsers Glaubens, auf dessen Blättern in unvergänglichen Zügen die Gebote der Frommen stehen. Wer könnte von ihnen abweichen, ohne Schaden an Seele und Leib zu nehmen?“

„Die Kunst,“ fiel ein Dritter ein, „ist nur ein schwacher Nothbehelf der Religion; man kann ihr keinen schlechtern Rath geben, als ihrer Meisterin Gesetze vorzuschreiben. Das ewige Dogma steht unerreichbar. Die Rücksichten eines sonderbaren Geschmacks, den die 198 Neuerer geltend machen wollen, verschwinden vor den Bestimmungen, welche die Religion darüber ertheilt. Kann die Nachahmung der Natur mehr seyn, als das tiefsinnige Symbol, welches der Künstler nur nach der Angabe des Priesters zu fertigen hat? Ja, der Priester ist allein jener wahrhafte Künstler, welcher den Göttern wohlgefällt.“

Der Großinquisitor nahm wieder das Wort: „Diesen Aeußerungen meiner hochweisen und demüthigen Collegen,“ sagte er, „geb’ ich meinen ungetheilten Beifall. Sie halten die beiden Sphären, die erhabenste und die aufrührerische, mit entschiedener Festigkeit auseinander. So muß es seyn, wenn Tibet sich des Schutzes seiner Götter ferner noch erfreuen will. Unsere Wohnhäuser werden schon seit langer Zeit bequemer und annehmlicher gebaut, als die Tempel, welchen wir ihre ehrwürdige alte Bauart lassen. Hierin Geschmacklosigkeit sehen zu wollen, ist eine Blasphemie, für die man eine neue Kirchenstrafe erfinden sollte. Warum bleiben wir bei den alten Stockwerken, bei den auslaufenden Runddächern, bei den Kuppeln und vergoldeten Säulen? Weil wir den Wohnungen der Götter ihre schönste Zierde, die Bedeutsamkeit der kleinsten Einzelheit, nicht entziehen wollen. Durch einen Vorhof drücken wir den ersten Grad der Wiedergeburt aus, durch einen Vorhang die verborgene Wunderkraft des Allmächtigen. Eine Gallerie mit acht Nischen sind die acht Stufen der Läuterung. Die Seitenfenster in dem Vorzimmer bedeuten die sündhaften Rückblicke auf die 199 irdische Vergangenheit; die Dachfenster in den innern Gemächern sind die sehnsüchtigen Hinneigungen nach dem Jenseits. Dieß ist die tiefe Symbolik unserer Tempel; und alle Baumeister des Erdkreises sind gehalten, von derselben nicht abzuweichen!“

Derjenige Richter, welcher dem Großinquisitor zunächst saß, führte diese Auseinandersetzung so fort: „Dieselbe Bewandtniß hat es mit der heiligen Götterplastik. Hier ist nichts ohne eine Erklärung, nichts ohne praktische und dogmatische Anwendung. Jedes Haar auf dem Haupte eines Gottes hat die Kirche gezählt; denn an ein jedes knüpft sich eine Reihe der lehrreichsten Erfahrungen aus der Geschichte des Dargestellten. Willst du, Abtrünniger, deinem Durga zwei Ohren geben, wenn die Tradition dich lehrt, daß ihm im Kampfe mit den Racusses das linke abgehauen ist?“

Dieß Beispiel war so schlagend, daß die für das verlorne Ohr Durga’s begeisterte Menge in Verwünschungen ausbrach, welche Hali-Jong mit theilnahmlosen Blicken aufnahm. Der Oberrichter, den Eindruck seiner Beispiele verfolgend, fuhr fort, deren mehrere zu geben: „Wie willst du die Fußsohlen des mächtigen Tschuptschu bilden?“ – rief er; „du wirst sie glatt und eben ciseliren, Unverschämter, und unsre Nachkommen um die Erinnerung des glorwürdigen Factums betrügen, daß Tschuptschu’s Fuß auf seiner Flucht aus Butan hinter Bukadewar eine tiefe Kluft hinterließ, weil er einer Schlange den Kopf zertreten wollte. Wärest du nicht im Stande, den Biß der Schlange 200 durch deine künstlerischen Grundsätze ungesehen zu machen?“

„Er hat den Schlangenbiß von Bukadewar geläugnet!“ schrien tausend Stimmen durcheinander, und Manche zerrissen vor Entsetzen ihre Kleider.

„Ein Schwanz am Leibe eines Menschen,“ fuhr der Oberrichter fort, „ist freilich ein Ding, das man vergeblich suchen möchte. Würde nach diesem Grundsatz ein Atheist nicht immer bereit seyn, dem Gott Perampor seinen Schwanz zu nehmen, den er wie die Tradition meldet, mit so wohlgefälliger Freude getragen hat? Unsre Nachkommen werden dann nichts mehr wissen von den zehntausend frommen Affen, welche Perampor aus einem Walde zu Hülfe kamen, als ihn die Racusses in einem Hinterhalt angriffen. Sie werden es nicht mehr hören, daß der Gott zum Andenken dieser Rettung einen Schwanz zu tragen sich entschloß.“

„Wehe, wehe dem Mörder unsrer heiligen zehntausend Affen!“ war das Klaggeschrei, das an Hali-Jongs Ohr, ihm unverständlich, drang.

„Der menschlich schönste Gott ist unstreitig Narrain,“ begann aufs Neue der Oberrichter; „aber die heilige Legende weiß, daß er dicht unterm rechten Ohrzipfel ein Muttermal hatte, das in seiner Geschichte eine große Rolle spielt. Nimmt man ihm aus falschen Rücksichten dieses Zeichen, woran soll ihn nach tausendjähriger Abwesenheit seine Mutter Nazzim wieder erkennen?“

„Wenn sich die Götter untereinander selbst zu er-201kennen aufhören,“ rief eine Stimme, „wie sollen die Menschen mit ihnen bekannt werden?“

Die Menge gab dieser Logik Beifall, und verlangte den Tod eines Menschen, dessen Leben nur eine Kette von groben Gottesläugnungen gewesen sey. Die Miene, welche Hali-Jong zu diesem bösen Spiel machte, konnte nicht besser seyn. Er schien sogar zuweilen zu lachen, als wäre das Ganze der Verhandlung eine Farce, die ohne Zweck aufgeführt würde und am wenigsten ihn beträfe. Der Großinquisitor besaß Einsicht genug, diese Apathie zu bemerken und sie zum Theil richtig zu erklären. Was hatten alle die Bemerkungen des geschwätzigen Oberrichters mit Hali-Jongs Verbrechen zu thun? Sie hielten sich nur auf der Oberfläche der Geschichte, und trafen nicht einmal auf die begangenen Versehen zu. Hatte denn Hali-Jong je die Attribute seiner Gottheiten, ihre Hörner, ihre Warzen, ihre Muttermale, ihre Schwänze, ihre Ziegenfüße außer Acht gelassen? Nein, gegen die Proportionen war er eigenmächtig verfahren. Auf den kleinen Flecken des Gesichts zwischen der Nase und der Oberlippe concentrirten sich die Verbrechen, mit denen er den Hals verwirkt hatte. An dieser Stelle war Hali-Jong empfindlich, und von ihr mußte man reden, um von ihm Antworten zu erhalten.

Der Großinquisitor übernahm es, die Ausschweifungen des Oberrichters wieder auf die fragliche Gegend zurückzulenken: „Weil die Priesterschaft die heiligen Bücher bewahrt,“ sagte er, „so dürfte es trotz der 202 Vermessenheit ketzerischer Bemühungen dennoch möglich seyn, daß die alte Legende, der Mythus der Ueberlieferung, erhalten wird. Aber was durch dieselben unendlich größern Gefahren ausgesetzt ist, bleibt die Symbolik des übersinnlichen, unerklärlichen Dogma’s. Ich gehöre nicht zu jenem, auf dem hundert und neunzehnten Concil verdammten Schisma, welches die Irrlehre verbreitet hat, daß der Kopf allein schon hinreiche, einen würdigen Begriff von den Göttern zu geben, sondern ich glaube im Grunde meines Herzens an den Rumpf, wie an die Wesentlichkeit des Kopfes. Dennoch ist es über allen Zweifel gewiß, daß die Extremitäten der Götterleiber nur zur Versinnlichung ihrer mystischen Zufälligkeiten, ihrer geringfügigen Abenteuer, ja ihrer kleinen Inconsequenzen bestimmt sind. Das Antlitz aber ist der Spiegel ihrer höchsten Vollkommenheit. Hier knüpft sich an jeden Zug eine Reihenfolge der ernstesten Betrachtungen. Hier etwas ändern, heißt die Nägel ausziehen, welche den Himmel über der Erde festhalten. Die Götter wissen Alles. Was heißt das? An ihren Augen darf sich nicht die entfernteste Beschränkung zeigen. Wie? wenn es dem Frevler dort zu meinen Füßen einfiele, das Auge der Götter mit dem Augenliede halb zu überziehen, oder sie mit den Wimpern der Menschen zu überschatten? Kann Pozio nur in die Werkstätte der Tischler sehen und nicht auch in die der Posamentirer? Wenn die Hulis dem Narrain den Rücken zukehren, kann er dann nur ihren schönen Nacken bewundern, und nicht auch die Busen, die sich 203 vorne wölben? Nein, es heißt die Allwissenheit läugnen, wenn auch nur eine Linie des Augenliedes aus der Höhle hervorsieht. Es ist uns allen bekannt, daß den Göttern die Allgegenwart in der Nase steckt. Perampor macht den Weg durch die dreizehntausend Königreiche der Erde früher, als ich einmal „Hui“ sage. Es ist also einleuchtend, daß hier Alles auf die Kürze ankömmt. Eine verlängerte Nase würde an Perampor ausdrücken, daß er in der That einige Zeit braucht, um diese Reise zu machen. Nicht weniger würde das Wunder der Allgegenwart durch eine Nase in Zweifel gesetzt werden, an der beide Flügel schlaff herunterhängen. Was soll ich von den Verhältnissen sagen, in welchen die einzelnen Theile des Antlitzes zu einander stehen müssen? Es hat Irrlehrer gegeben, welche behaupteten, daß die Allmacht niemals ein Werkzeug des göttlichen Zornes seyn könnte. Heißt es nicht diesen falschen Propheten Vorschub leisten, wenn man die Zähne der Götter durch den Mund, die Drohung durch die Kraft Alles ins Werk zu setzen, verbirgt? Wenn das Kinn die Liebe, die Stirn aber die Gerechtigkeit bezeichnet, so darf in der Proportion dieser Theile nicht die kleinste Eigenmächtigkeit herrschen, da unsre heiligen Bücher sehr genau das Maß bestimmen, wie weit die Geduld und die Nachsicht der Götter reichen. Es ist eine alte Streitfrage, ob die Allgegenwart die Folge der Allmacht ist. Die heiligen Lehrer Tibets haben sie längst bejaht, und deßhalb verordnet, daß der Mund der Götter immer mit vollen Backen gebildet werde, 204 weil auf diesem Wege die Nasenflügel anschwellen und gleichsam einen leichten Schwung bekommen. Gegen dieses tief berechnete Gebot hast du, unglücklicher Vorsteher der Götzenmanufactur von Paro, am meisten gefehlt, ungerechnet, daß seit zehn Jahren aus deiner Fabrik physiognomische Neuerungen kamen, die zuletzt den Zorn des Himmels herausforderten. Sieh her, du falscher Prophet, dieß sind die abscheulichsten Vorboten des Vernunftgottesdienstes, welchen du einführen willst! Die wahren Urbilder dieser Jammergestalten fordern Rechenschaft und dein religionsspöttisches Leben als gerechte Sühne.“

Bei diesen Worten trugen die Klosterdiener eine Reihe von Standbildern in den Saal, die wir für etruskische Ausgrabungen gehalten hätten. Sie machten dem Geschmack Hali-Jongs Ehre. Unter rauschendem Gelärm wurden sie vor ihren Verfasser hingestellt, und der Großinquisitor fragte ihn, ob er sie als die seinen anerkenne? Hali-Jong gerieth, wie immer, beim Anblick seiner Schöpfungen, in überschwengliche Freude. Er umarmte sie, wischte den Staub aus den Fugen, hielt sie gegen das Licht, um sie in der Fernsicht zu prüfen, brachte sie dann in einen Kreis zusammen, und sich selbst in die Mitte stellend, antwortete er auf die wiederholte Frage des Großinquisitors mit folgender Erklärung: „Bin ich aus meiner eigenen Haut geboren? Der Fromme wird daran zweifeln, obschon er mich immer den Sohn meines Vaters nennen mag. So erkenn’ ich zwar in allen diesen For-205men mich selbst als den Werkmeister an, welcher sie gebildet; aber sind sie mehr als Eingebungen eines höhern Willens? An diesen Bildern ist kein Fehl!“

„Zerschlagt sie, siedet sie, macht sie dem Erdboden gleich!“ war die tausendstimmige Erwiderung auf dieß freie Selbstlob.

„Ihr seyd für die Schönheit nicht empfänglich,“ sagte Hali-Jong; „man muß euch eine Süßigkeit zu kosten geben, um auf immer euren Gaumen darnach zu reizen. Ich will euch nichts von den tiefen Gesetzen, die über das menschliche Angesicht walten, verschweigen, und sie erklären, wie sie dem empfänglichsten Forscher, dem Freunde der Natur, erschienen sind. Die Bildung des Kopfes ist die erste Folge der Zeugung, deßhalb ist seine Gestalt die des Anfangs: er ist eirund. Alle Dinge der Anschauung, alle Ereignisse des Lebens, kommen auf die heilige Dreizahl zurück: Geburt, Leben, Tod; Anfang, Mittel, Ende. Deßhalb wurde das menschliche Antlitz in drei Theile gelegt, von denen ein größerer oder kleinerer Theil ein Zeichen der Unschönheit ist. Vom Scheitel der Stirn bis zum Auge ist das erste Drittel. Die Stirn ist die weite öde Fläche, auf welcher noch kein Gras der Erkenntniß wächs’t, kein Berg der Erfahrung sich erhebt, kein Thal der Erholung von gehabten Anstrengungen liegt. Nur das Auge wölbt sich in der Tiefe, der Spiegel einer menschlichen Seele und das Symbol der ersten Lebensregungen, des Empfängnisses fremder Eindrücke. Die Welt geht dem Bewußtseyn auf. Die zweite Lebens-Anfangsstufe 206 drückt sich durch das zweite Drittel des Gesichts aus. Zwischen den Augen erhebt sich die Nase, und scheint unter der Oberfläche tief in der Seele zu wurzeln. Sie ist es, welche keck die Heimath verläßt und den ersten Ausflug in die Welt macht. Diese liebenswürdige Unverschämtheit, mit welcher das Kind die Dinge der äußern Erscheinung betrachtet, und weit über seinen Verstand in Alles die Nase steckt, kehrt nie wieder; es sey denn, daß bei einzelnen Personen das Kinn eben so weit hervorragt, ja wohl noch weiter geht, als die Nase. Diese Menschen mit den ungeheuern Kinnbacken werden deßhalb auch allgemein als lieblose, dreiste, hinterlistige Gesellen gefürchtet. Sie erinnern lebhaft an die Physiognomie der Affen. Wir sind noch auf dem zweiten Drittel des Gesichts, und kehren von unsrer Excursion dahin zurück. Das Vordrängen der Nase ist nur Frühreife, nur die Anregung zum eignen Denken, und daher der beständige Sitz der Phantasie. Das Innere dieses Knorpels ist hohl, es ist am äußersten Ende nicht einmal mehr durch einen Knochen unterstützt. Vielmehr wird durch das Nasenbein der Weg in die Thalgegend, welche sich um den Backenknochen verbreitet, gebahnt, und eine weite Fläche zieht sich zu der wichtigsten Partie in dem zweiten Drittelfelde. In der ersten Region lernten wir sehen, in der zweiten hören. Die frühe, vorschnelle Weisheit der Nase wird durch die geschärfte Thätigeit des Ohres wieder gut gemacht. Es ist nicht ohne Grund, daß sich von diesem Gliede immer ein Doppelexemplar findet; denn über-207haupt sind die auf die Bescheidenheit, die Belehrung, das Walten der innern Thätigkeiten, berechneten Gliedmaßen zwiefach vorhanden, wie das Auge und das Ohr, die beiden Hauptorgane der leidenden Zustände. Nach der vollendeten Ausbildung dieser beiden ersten Gesichtsdrittel, sollen wir erst wagen, in das letzte Drittel herabzusteigen, und uns dem Mund und unserm Kinn anzuvertrauen. Die wahrhafte Symbolik des menschlichen Antlitzes drückt sich darüber folgendermaßen aus: Der Mund wird von der Nase beschattet. Er sieht an den Nasenlöchern die innere Hohlheit des rücksichtslosen Hineintappens in die Welt; er hat zur Warnung dieß beständige Beispiel vor sich, wie weit die Vermessenheit gehen kann, wenn er durch wohlerwogene Worte den Ausschweifungen nicht Einhalt thut! Das Kinn endlich ist der Ausdruck der höchsten menschlichen Vollendung. Um diesen Hügel spielen alle Verhältnisse, die im Leben nur zusammentreffen, an seiner Wölbung unterscheidet der Unterrichtete die Charaktere früher, als am Auge. Die Bedächtigkeit im Reden und Handeln, die Abgeschliffenheit des Betragens, alle Tugenden des geselligen Umganges lassen sich am Kinn absehen. Man kann eine gewölbte Stirne für das Zeichen eines tiefen Denkers halten; man kann an dem kleinen Ohr die verschmitzte Laune des Schalks erkennen; man kann endlich aus den Falten, die sich um die Nasenwinkel bergen, auf gewisse Eigenthümlichkeiten im Umgange schließen; aber nichts ist für den Menschenkenner bezeichnender, als das Kinn. Hier lagern sich alle Tugenden und La-208ster im seltensten Vereine. Nichts ist hier offen, frei, hingegeben, sondern alles zugerichtet für das gewöhnliche Bedürfniß des Lebens. Die Tugend hat hier ihre Anspruchlosigkeit zwar nicht aufgegeben, aber sie will nicht als solche gelten, sondern nur um des schönen Scheins willen, der dadurch auf die Gewohnheit der Gesellschaft fällt, ihre Werke üben. Am Kinn ist die Tugend nicht mehr ihrer Güte wegen, wie am Auge da, sondern um ihrer Schönheit willen, und das Laster, das sich an der Nase offen gibt, ist hier verbannt, weil es häßlich ist. Beim Kinn beschwört man das Mitleiden, eine Tugend, die auf den geselligen Umgang einen so blendenden, wohlgefälligen Schein wirft. Die Folge der Convenienz ist die Protection, die Gefälligkeit, die Dienstbereitwilligkeit, kurz die Grundlage aller gesellschaftlichen Höflichkeit, und deßhalb wird man immer bei dem Barte, welcher das Kinn bedeckt, seine Versprechungen geben. Weil man nur durch ein empfehlendes Kinn einen tüchtigen Ritt durch die Welt macht, so ist es ganz natürlich, daß die Kinnbacken die Form eines Sporns haben. Was läßt sich nach diesen Erläuterungen noch von den Bestandtheilen des Mundes Triftiges sagen? Die Ober- und Unterlippe gehören zweien Welten an, die wie Himmel und Erde auseinander liegen. Die Oberlippe liegt fast noch in jenen Reichen der Unbefangenheit, wo das Auge nur zu sehen, das Ohr nur zu hören hat; wo man ihre Weisheit der Nase darum verzeiht, weil sie der Sitz der Phantasie ist. In der Oberlippe ist noch Jugend, un-209gefesselte Begierde, die ganze Ansteckung des Gliedes, welches über ihr liegt, und weil sie noch ohne Gesetz und Regel verfährt, und mit sich selbst nicht im Klaren ist, so hat die Natur ihren Zwiespalt auch dadurch bezeichnet, daß sie aus zweien, durch ein verführerisches Grübchen getrennten Theilen besteht. Der eigentliche Reiz des Kusses liegt in der Berührung der Oberlippen, und nur die erste, stürmische, geschlechtsüberraschte Jugend vermag überhaupt aus dem Kusse die höchste Seligkeit zu trinken. Die sentimentale, entsagungsselige platonische Liebe ist auch nur bei weit auseinander stehenden Lippen möglich. Hier hat sich das Herz noch nicht zu dem Verstande gefunden, das Gefühl ist noch in der Gährung begriffen, die Rücksichten legen noch kein Gewicht in die Wagschale der Entschließungen, und man sollte sich nicht eher verheirathen, als bis man die Lippen zu schließen versteht; denn die Unterlippe fesselt das Gefühl an die Umstände, unter denen es ihm erlaubt ist, sich zu äußern. In ihr liegen die Uebergänge zu der kalten Berechnung des Erlaubten und Schicklichen, zu den Geboten, welche die Sitte, die Mode und der gute Ton vorschreiben; zu den Grundsätzen, welche man entweder selbst annehmen muß, oder man gezwungen ist, an Andern zu berücksichtigen; kurz zu der weltlichen Klugheit des Kinns. Bei jenen Menschen, welche über ihre Leidenschaften zu siegen wissen, wird auch die untere Lippe die obere beherrschen; sie wird nicht schlaff herunterhängen, und noch weniger von der obern nach der Sitte sinnlicher, unerfahrener Gefühls-210menschen überbissen werden. So liegt in den unscheinbarsten Einzelnheiten ein tiefer Zusammenhang. Dieß ist die wahre Mystik der Gesichtsbildung, für welche ich mit Freuden untergehe. Sie auch auf die Götter anzuwenden, was hinderte mich daran? Da ist kein Unterschied als der der Unsterblichkeit; denn auch die Götter wurden jung geboren und gesäugt an den Brüsten einer Ziege oder einer Hirschkuh oder einer Wölfin. Auch sie zogen auf Erfahrungen aus und ließen sich in Abenteuer ein, zu denen sie ihrer ganzen Götterkraft bedurften, um aus ihnen mit unversehrter Haut herauszukommen. Auch zu ihnen traten die Leidenschaften, und die Liebe warf sie zu Boden. Ihre Küsse waren schneller als ihre Ueberlegung. Der Eine erfreute sich nicht immer der Vorzüge des andern. Zorn und Milde wechselten hier schneller ab; da verdrängten sie sich, dort blieb nur für eines derselbe Raum. Ich kenne die Geschichte meiner Götter, und nach ihr hab’ ich eines jeden Gesichtszüge modellirt. Konnt’ ich anders? – Nein. Hier stehe ich; ich bin bereit, mit meinen Werken zu Grabe zu gehen.“

Der arme Hali-Jong! Mit dieser langwierigen Begeisterung für eine Lichtseite der Kunst, glaubte er die Anklagen des Fanatismus zurückzuweisen. Seine Sache war verloren. Die Mönche begleiteten jede seiner Auslegungen mit einem Zetergeschrei, das immer mehr anwuchs, und ihm zuletzt ein nothwendiges Schweigen auferlegte. Die Wahnsinnigen, welche die Ansteckung fürchteten, waren von ihren Sitzen auf-211gesprungen, stürmten die Schranken und fielen über den überwiesenen Verbrecher her, dem seine Götterwelt nur einen schwachen Schutz gewährte. Der Großinquisitor konnte der Erbitterung keinen Einhalt mehr thun; Hali-Jong hatte sich durch seine Rede über die drei Drittel des Gesichts selbst verurtheilt; und es war nur eine leere Förmlichkeit, daß er noch über den Ketzer den Stab der Verdammung brach.

In dieser merkwürdigen Verhandlungsscene gaben Gylluspa und ihre übrigen Väter stumme, regungslose Zuschauer ab. Die Vertheidigung, deren sich Hali-Jong bediente, war für sie so unverständlich, daß die Zeichen des Erstaunens über seine seltsamen Reden durch die Hoffnung, er möchte durch sie vielleicht seine Unschuld erweisen, gemildert wurden. Die entrüstete Art jedoch, wie man seine Auseinandersetzungen allgemein aufnahm, konnte ihnen den Erfolg derselben schon unzweifelhaft machen.

Niemand mußte von dem drohenden Ausgange Hali-Jongs mehr ergriffen seyn, als Gylluspa. Sie hatte den Vater am äußersten Rande des Verderbens gesehen, als sie ihn gegen Alles geschützt glaubte, um wie viel weniger konnte sie auf Rettung hoffen, wo Alles schon verloren schien. Mit Recht dachte sie an die Anstrengungen des Schamanen, von dem sie wußte, daß er nichts unversucht lassen würde, wenn es sich um die Erhaltung eines ihr theuren Kleinods handelte. Aber sie hatte Ursache, auf die Fruchtlosigkeit derselben zu schließen, nachdem die vorangegangenen Bemühungen alle 212 fehlgeschlagen, und selbst der Schutz des Dalai Lama ohne Erfolg beschworen war. Was blieb Gylluspa von dem Dalai Lama selbst zu denken übrig? Sein sterblicher Theil war derselbe Freund, der Alles für sie gewagt hätte. Und selbst in der Fülle seiner Gottheit hatte er nicht verschmäht, sie mit der alten Liebe zu umfangen. Konnte ihre bedrängte Lage ihm verborgen seyn, dem Allwissenden? Konnte dem Allmächtigen die Macht gebrechen, ein rathloses, unschuldiges Opfer, das zuletzt doch nur ihm dargebracht wurde, vom Tode zu retten?

Die Lage Gylluspa’s war aber noch eigenthümlicher, als wir es beim ersten Anblick errathen können. Ihre Liebe zu Maha Guru blühte mit frischen, leidenschaftlichen Farben in ihrem Herzen. Sollte man glauben, daß diese Neigung mit den Wünschen, welche ihre kindliche Hingebung für das Wohl Hali-Jongs hegte, im vollsten Widerspruche stand? Das Wiedersehen Maha Guru’s hatte ihrer lange unbefriedigten Sehnsucht verständliche Worte gegeben, sie mußte sich in den Armen ihres Jugendfreundes gestehen, daß in ihm ihre Träume und Gedanken lebten. Aber die Umstände, unter denen sie ihn wieder sah, sein himmlisches Avancement, seine entschiedene Geschlechtslosigkeit, mußten sie in eine Verzweiflung stürzen, welche mit dem Maße ihrer Liebe wuchs. Es war ein Verbrechen, daß Gylluspa ihren König und Meister mit sinnlicher Liebe umfing? Was stand ihr also mehr im Wege, als Maha Guru’s Lamaität? Es war hier nicht von unwesentlichen Standes- 213 und Ranges-Verhältnissen die Rede, nicht von dem sogenannten Urtheile der Welt, über welches sich Liebende bald hinwegsetzen, ja vielleicht nicht einmal von dem festen Gedanken an die Möglichkeit Maha Guru zu besitzen; sondern Gylluspa, ihrer tibetanischen Bildung folgend, schien sich über die Sündhaftigkeit einer solchen Neigung Rechenschaft ablegen zu wollen. Sie schauderte vor einem Herzen, das sich dem Höchsten, Allerheiligsten mit sinnlicher Inbrunst nahte. Was mußte daraus folgen? Ihre Liebe ließ sich nicht wegläugnen, wohl aber die Hindernisse, die ihr entgegenstanden. Gylluspa’s Seele wurde von Zweifeln zerrissen. War Maha Guru in der That jener Träger des Erdballs, der allen Ursachen und Wirkungen seine Gesetze gibt? Warum vermochte der, welcher das Haar auf den Häuptern aller Menschen gezählt hat, nicht das Leben eines Einzigen zu retten? Warum konnte es Anmaßungen geben, für die er keine Blitze hatte, um sie zurückzuschmettern? Hier brachen sich die Interessen, welche für den Vater und den Geliebten nicht mehr dieselben waren. Die Rettung Hali-Jongs schien seiner Tochter die Götterprobe, von welcher die Unglückliche bald wünschte, daß sie Maha Guru bestünde, bald, daß sie gegen ihn zeuge. In jenem Falle war ihr Vater gerettet, in diesem ihre Hoffnung auf Maha Guru. Der Preis, um welchen ihr dann das Leben ihres Vaters erkauft schien, war die Entsagung einer glühenden Leidenschaft und die Verzweiflung des Schamanen; der zweite Preis, um welchen sie ihre Liebe rettete, war 214 der Tod des Vaters. Blieb ihr in diesem fürchterlichen Dilemma etwas Anderes übrig, als aus dem Kampfe der schrecklichsten Momente zu fliehen, und ihre zitternde Seele in die dunkle Kammer der regungslosesten Apathie zu bergen?

Es war Nacht um Gylluspa. Dämmernde Gestalten gaukelten an ihren gefangenen Sinnen vorüber. An ihr Ohr schlug es, wie das dumpfe Gemurmel eines fernen Stromes. Wenn sich ihr Auge öffnete, entluden sich die Strahlen als Blitze, welche durch die schwarze Finsterniß fuhren, und im Vorüberflug eine theure Gegend erhellten. Gylluspa war in dem Thale von Paro, mit ihren Blicken die fernen Zinnen von Dukka Jeung verfolgend. Eine Fahne wird auf der höchsten Kuppe aufgesteckt, ihr Herz pocht in freudigeren Schlägen. Ein Nachen fährt über die blauen Wellen des Pa-Tschieu, er landet, und eine Schaar von Jünglingen entsteigt ihm, der herrliche Maha Guru an ihrer Spitze. Die Mädchen von Paro versammeln sich, und die Tänze des Hulifestes beginnen. Die rothen Kugeln verfolgen die jauchzenden Mädchen, aber Maha Guru’s Blätter färben nur Gylluspa’s Wangen. Wo blieben die Gespielen? Sie verschwinden lachend, und die Liebenden wandeln einsam an dem Ufer des Pa-Tschieu. Weiße Lotosblumen schwimmen auf den stillen Wassern, sie entwurzeln sie dem schlammigen Boden. Sie knien in der Götzenhalle von Dukka Jeung. Die schönste Lotosblüthe duftete vor dem ehernen Bilde Mahamuni’s. Wer zählt die stillen Seufzer, welche 215 den jugendlichen Herzen entquillen! Wer die frommen Gelübde, welche sie mit ihren Lippen besiegeln! Die Thränen in Gylluspa’s brennenden Augen brechen die Bilder, und verrücken sie ineinander. Der Götze Mahamuni ist entschwunden, und in dem Kelche der Lotosblume schlummert ein göttergleicher Knabe. Soll sie den Traum der Pflanze stören? Ihr Auge ruht mit Entzücken auf den blendenden Gliedern des Knaben, sie spielt in seinen dunklen Locken, und Maha Guru erwacht aus dem betäubenden Blüthendufte. Warum lös’t aber das Entzücken des Wiedersehens die Fesseln der Zunge nur zu Schmerzenslauten? Hat sich je die Ueberraschung ringender Umarmungen bedient? Gylluspa träumte von einem Kampfe mit Maha Guru. Ihre Küsse waren nur Eroberungen, die sie bald machte, bald zurückschlug. Ihr Busen hob sich mit einer Heftigkeit, die für Wonneschauer der Liebe zu stürmisch, ja eine Anstrengung der Verzweiflung war. Sie sah ein Schwert zucken. Führte der Geliebte den Griff? Lag es in ihrer Hand? Wehe! ein blitzender Schein war der Vorbote eines purpurrothen Blutstrahls, der aus Maha Guru’s durchbohrtem Herzen fuhr.

Gylluspa lag in den Armen ihrer klagenden drei Nebenväter. Mit einem Schrei des Entsetzens und dem gebrochenen Auge war sie zurückgesunken. Das ferne Rauschen, das sie im Traume gehört, war zu einem mächtigen Strome angewachsen, der sich über ihre betäubten Sinne ergoß. Die sechsfüßigen Trompeten stießen ihre zerschmetternden Disharmonien aus; 216 die Paukenschlägel wirbelten auf den unermeßlichen Kalbsfellen, und die metallenen Becken wurden zusammengeschlagen, daß die Wölbungen des Saales zitterten. Die Priester aber erhoben ihre Stimmen zu einem unsäglichen Freudengeschrei, und riefen sich über die Schranken wechselseitige Grüße zu, und beglückwünschten die Götter, daß sie ihnen einen Tag des Wohlgefallens bereitet hatten. Ein blutiger Rumpf diente ihren entzückten Fingerspitzen zur Zielscheibe. Hali-Jong war nicht mehr.

Ende des ersten Theiles.

Apparat#

Bearbeitung: R.J. Kavanagh, Cork; Martina Lauster, Exeter#

1. Textüberlieferung#

1.1. Handschriften#
1.1.1. Übersicht#

Es sind keine handschriftlichen Überlieferungsträger bekannt.

1.2. Drucke#

Vor der ersten Buchausgabe von Maha Guru erschien unter dem Titel Genrebilder aus der chinesischen Welt zwischen dem 11. und 17. Oktober 1833 in Cottas „Morgenblatt“ der Anfang des dritten Kapitels, gefolgt vom kompletten ersten Kapitel unter dem Titel Eine tibetanische Scene zwischen dem 1. und 4. November 1833. Die Buchausgabe in zwei Teilen wurde bei Cotta im November 1833 veröffentlicht. Gutzkow nahm den Roman mit leichten stilistischen Änderungen, neuer Kapitelpräsentation und -zählung sowie mit einigen Streichungen 1845 in den fünften Band seiner Gesammelten Werke auf. 1874 integrierte er Maha Guru in den sechsten Band der erweiterten Gesammelten Werke und unternahm dafür beträchtliche Änderungen in Stil und Umfang. Die Abweichungen der beiden späteren Auflagen von der Erstausgabe sind im Abschnitt 2.2. beschrieben.

Die folgenden Angaben beziehen sich auf Wolfgang Rasch: Bibliographie Karl Gutzkow (1829-1880). Bielefeld: Aisthesis-Verlag, 1998. Bd. 1.

J Genrebilder aus der chinesischen Welt. (Aus dem in Kurzem erscheinenden Roman: Maha Guru, Geschichte eines Gottes, von Carl Gutzkow.) In: Morgenblatt für gebildete Stände. Stuttgart u. Tübingen. Nr. 244, 11. Oktober 1833, S. 973-974; Nr. 245, 12. Oktober 1833, S. 978-979; Nr. 246, 14. Oktober 1833, S. 981-982; Nr. 247, 15. Oktober 1833, S. 986-987; Nr. 248, 16. Oktober 1833, S. 990-992; Nr. 249, 17. Oktober 1833, S. 993-995. (Rasch 3.33.10.11) – Eine tibetanische Scene. (Episode aus dem nächstens erscheinenden Roman: Maha Guru, von K. Gutzkow.) In: Morgenblatt für gebildete Stände. Stuttgart u. Tübingen. Nr. 262, 1. November 1833, S. 1046-1047; Nr. 263, 2. November 1833, S. 1050-1051; Nr. 264, 4. November 1833, S. 1053-1055. (Rasch 3.33.11.01)
E Maha Guru. Geschichte eines Gottes. Theil 1-2. Stuttgart u. Tübingen: Cotta, 1833. (Rasch 2.3)
A1 Maha Guru. Geschichte eines Gottes. In: Karl Gutzkow: Gesammelte Werke von Karl Gutzkow. Vollständig umgearb. Ausgabe. Bd. 5. Frankfurt/M.: Literarische Anstalt, 1845. S. 3-288. (Rasch 1.2.5)
A2 Maha Guru. Geschichte eines Gottes. In: Karl Gutzkow: Gesammelte Werke von Karl Gutzkow. Erste vollständige GesammtAusgabe. Erste Serie. Zweite vermehrte und verbesserte Auflage. Bd. 6. Jena: Costenoble, [1874]. S. 141-412. (Rasch 1.5.6.2)

2. Textdarbietung#

2.1. Edierter Text#

E. Der Text folgt in Orthographie und Interpunktion unverändert dem Erstdruck. Textsperrungen werden übernommen. Silbentrennstriche (=) werden durch – wiedergegeben. Die Seitenzählung wird mit eckigen Klammern [ ] an den betreffenden Stellen in den Text eingefügt.

Die Liste der Texteingriffe nennt die vom Herausgeber berichtigten Druckfehler sowie die Emendationen. Fehlende oder überzählige Spatien im Erstdruck wurden stillschweigend korrigiert.

Die Seiten-/Zeilenangaben im Apparat beziehen sich auf die Druckausgabe des Romans: Maha Guru. Geschichte eines Gottes. Hg. von Richard J. Kavanagh. Münster: Oktober Verlag, 2020. (= Gutzkows Werke und Briefe. Abt. I: Erzählerische Werke, Bd. 2.)

In E finden sich zahlreiche Abstandserweiterungen zwischen Absätzen. Diese wurden nicht übernommen, wenn sie rein satztechnischer Art sind (wie bei Dialogen, um die Rede eines Sprechers von der des anderen abzusetzen). Übernommen wurden sie jedoch, wenn sie semantische Einschnitte oder Übergänge im Text markieren.

2.1.1. Texteingriffe#

7,32 und uud

15,10 eine ein ausgefallene Letter am Zeilenende

16,32 Hali-Jong Heli-Jong

20,19 zu zu zu

21,18 Sumnu Sumne

25,5 „Du Du

30,12-17 In E ist die direkte Rede, wenn sie sich über einen Zeilenumbruch hinaus erstreckt, jeweils am Beginn der neuen Zeile mit einleitenden Anführungszeichen versehen. Diese werden hier nicht reproduziert.

32,9 ihrer deiner Emendation nach A1 und A2

35,4 mit mi

44,29-32 In E ist die direkte Rede jeweils am Beginn der neuen Zeile mit einleitenden Anführungszeichen versehen. Diese werden hier nicht reproduziert.

48,9 Khung-Fu-Dsii Khung-Ju-Dsii

48,27 „Ich ,Ich

48,31 holen.“ holen.

49,27 da Da

53,5 aufgekämmten aufgekämmter

53,5 befestigten befestigter

53,10 Aber dieß Aberdieß

54,27 behandelt?“ behandelt?

59,31 „Schü-King Schü-King

60,25 „und und

62,3 Sie sie

62,29 Lassa!“ Lassa!

73,3 von vor

79,5 müssen.“ müssen.

79,15-16 Schöpfung Schöpfuug

79,21 der Gute der gute

80,21 ist st ausgefallene Letter am Zeilenanfang

87,12 Gotte!“ Gotte!

90,2 dich!“ dich!

92,19 „entweder entweder

95,16 wieder wie der ausgefallenes Trennungszeichen am Zeilenende

96,15 Herrlichkeit!“ Herrlichkeit!

96,22 „kann kann

101,32 rege ege

111,12 Frager Fragen

114,7 Ihr ihr

115,14 Dhii-Kum-[159]muz Dhii-Kum-[159]muz

116,8 Ihrem ihrem

117,3 begaben begeben

118,27 versteckt versteckst

120,4 Schü-King Tschü-King

124,26 nützen.“ nützen.

130,30 Tschu-Kiang Tschü-Kiang

136,19 und die er und er

138,34 bevölkern.“ bevölkern.

164,20-21 seine Verwunderung seineVerwunderung

165,13 ausgesogene ausgesogeue

174,25 „kann kann

178,11 welchen welche

179,14 Vernunft Vernuuft

198,12 Schü-King weidete Schü-King, weidete

204,5 niederzuhalten. niederzuhalten ausgefallenes Satzzeichen am Zeilenende

207,32 unzählige.“ unzählige,“

214,4 General; „gib General;“ gib

214,33 das Geleite dasGeleite

219,10 in der in die

227,10 können?“ können?

235,9-10 Muschelhörnern Muschelhörner

235,15 „steht steht

237,10 zuwider war? zuwider war?“

249,34 Uebungen?“ Uebungen?

250,18 gerecht?“ gerecht?

251,7 Narren. Narren,

255,29 Beschaffenheit Befchaffenheit

256,34 Unternehmen Unter nehmen ausgefallener Trennstrich am Zeilenende

268,3 Reihen Rei hen ausgefallener Trennstrich am Zeilenende

276,7 Seite Seile

276,26 ihrer Ihrer

281,17 erschlaffenden erschaffenden Emendation nach A1 und A2

293,8 zwei und zwanzig Jahren zwei- und zwanzig Jahren falscher Trennstrich

2.2. Abweichungen späterer Auflagen von E#
2.2.1. Exemplarische Darstellung der Varianten in Orthographie und Interpunktion#

c, k, ck:

Capitel E, Kapitel A1 und A2; Caserne E, Kaserne A1 und A2; America E, Amerika A1 und A2; Castellan E und A1, Kastellan A2; erschrack E und A1, erschrak A2; Tabak E und A1, Taback A2

ß, z, s:

dieß E, dies A1 und A2; Franzen E, Fransen A1 und A2; bloß E, blos A1 und A2

ey, ei, i, ie:

seyn E, sein A1 und A2; gibt E und A1, giebt A2; widerhallend E und A1, wiederhallend A2; erwiderten E und A2, erwiederten A1

d, t, th:

Dinte E und A1, Tinte A2; Parteien E und A1, Partheien A2

Umlaut:

hülfreich E und A1, hilfreich A2; Gränze, begränzt E und A1, Grenze, begrenzt A2; Gebärden E und A1, Geberden A2; kömmt E, kommt A1 und A2

Dehnvokal:

wohl E und A1, wol A2; Schooß E und A1, Schoß A2. Der Doppelvokal ,ii‘ im Namen Dhii-Kummuz wird in A2 zu ,ü‘: Dhü-Kummuz.

Apostroph:

America’s E, Amerika’s A1, Amerikas A2; Colis E und A1, Coli’s A2; Schü-Kings E, Schü-King’s A1 und A2; ins E und A1, in’s A2; durch’s E und A1; durchs A2; lies’t E und A1, liest A2; verwais’t E und A1, verwaist A2

Komposita; Getrennt- und Zusammenschreibung:

sechszehn E und A1, sechzehn A2; nichts desto weniger E, nichts destoweniger A1, nichtsdestoweniger A2; hinunterwerfen E, hinunter werfen A1 und A2; herbei zu rufen E, herbeizurufen A1 und A2

Die Kontraktion von Adjektivendungen in E und A1 findet sich nicht mehr in A2:

ältern E und A1, älteren A2, die Andern E und A1, die Anderen A2

Das Relativpronomen welch- in E und A1 ist in A2 in der Regel durch der, den, die etc. ersetzt:

128,13 Wohnung, welche E und A1; Wohnung, die A2

Die Setzung von Kommata ist in A1 und A2 wesentlich reduziert, vor allem vor ,und‘:

7,2-4 Ihr wechselt [...] ab, und geht E; Ihr wechselt [...] ab und geht A1 und A2

7,5-6 idyllischer, als E; idyllischer als A1 und A2

2.2.2. Exemplarische Darstellung von Abweichungen im Vokabular#

Correspondent passim E und A1, oft: Gesandter bzw. chinesischer Gesandter oder Chinese A2

210,19 Concierge E und A1, Portier A2

6,33 separiren E, scheiden A1 und A2

6,25 Husaren-Obrist[en] E und A1, Husaren-Rittmeister A2

19,13 Weiber-Emancipation E und A1, Frauen-Emancipation A2

2.2.3. Exemplarische Darstellung stilistischer Änderungen vor allem in A2#

Zu den Verbesserungen von Stylnachlässigkeiten in A2 (4.2.2. Zur dritten Ausgabe, 1874), zählt eine ganze Reihe von Änderungen.

Häufig sind Adverbien und Pronomina umgestellt:

212,33-34 Ehe zwei Bekannte [...] noch von ihrer Verbeugung sich aufgerichtet hatten E und A1; Ehe sich noch zwei Bekannte [...] von ihrer Verbeugung aufgerichtet hatten A2

7,23 Schenkt Dalai Lama, der große Gott, aber nur E und A1; Schenkt aber Dalai Lama, der große Gott, nur A2

Substantivische Komposita, Adjektive und Adverbien sind nach Bedarf entfernt oder ersetzt:

3,27 Lava-Decke E, Lavadecke A1, Decke A2

7,27 Musterbild E und A1; Muster A2

27,9 dieser wahnsinningen Irrrede E (Irr-Rede A1); dieser wie wahnsinnigen Rede A2

7,5-6 weit idyllischer E und A1; idyllischer A2

113,3 verschnaufenden Pause E und A1; Pause A2

152,33 wie man seine Auseinandersetzungen allgemein aufnahm E und A1; wie man zuletzt seine Auseinandersetzungen aufnahm A2

Die Syntax ist (oft in der Verb-Konstruktion) deutlicher:

114,5-6 Einen Mandarin und einen Lümmel aus Peking erkennt man schon an dem Ungeschick, mit dem er die Theetasse hält E und A1. In A2 lautet der Nebensatz: wie beide die Theetasse halten

125,16 zu füttern vergaß E und A1; zu füttern vergessen hatte A2

161,14 hätten herausgeben sollen E und A1; herausgeben sollten A2

168,24 geschlossen hätten E und A1; hätten schließen können A2

152,15-16 glaubte er [...] zurückzuweisen E und A1; glaubte er [...] zurückweisen zu können A2

Auf die Sperrung von Eigennamen wird in A1 und A2 in einigen Fällen verzichtet, und in anderen Fällen wird Sperrung neu eingefügt.

So sind die Väternamen Heli-Jong, Hili-Jong und und Holi-Jong bei ihrer Ersterwähnung nicht mehr hervorgehoben, dagegen (wie bereits in A1) die Zahl und Reihenfolge der Väter durch Sperrung augenfällig gemacht (z.B. Gylluspas vierter Vater). Insgesamt weisen beide späteren Auflagen zur Orientierung im Text oder zur Betonung von Begriffen bzw. Inhalten eine häufigere Sperrung auf:

115,15 Statthalter von Teschulumbo in A1 und A2 gesperrt

6,7-8 Sie waren nicht minder die Väter des jungen Mädchens in A1 und A2 gesperrt

53,15 mit den Reizen in A1: mit den Reizen in A2: mit solchen Reizen

105,24-25 daß eines Dalai Lama der Umgang mit dem weiblichen Geschlechte gänzlich unwürdig ist in A1 und A2 gesperrt; gänzlich in A2 gestrichen, aber sowohl in A1 als auch in A2 nach unwürdig innerhalb der Sperrung der Zusatz: und ihm verboten

Fehler im Satzbau, die auch in A1 noch unbehoben waren, wurden in A2 korrigiert:

182,3-5 Er kostet die Suppe [...] je nachdem, ob sie mager oder fett sind (E und A1); Er kostet die Suppen [...] je nachdem, ob sie mager oder fett sind (A2)

190,21-22 insofern an seinen Verbrechen Theil haben, als sie es nicht verhinderten (E und A1); in A2 ist an seinen Verbrechen korrigiert zu: an seinem Verbrechen

2.2.4. Strukturelle und inhaltliche Änderungen#
2.2.4.1. Kapitelgestaltung und Kürzungen#

Die auffälligste Abweichung der beiden späteren Auflagen von der Erstausgabe ist eine neue Gliederung des Textes, bedingt durch die Zusammenlegung der beiden Teile von E. Die Kapitel- und Seitenzählung setzt also nicht nach Kap. 7 neu ein, sondern wird fortgeführt, so dass der Roman in A1 mit einem Fünfzehnte[n] und letzte[n] Kapitel und in A2 auch mit einem fünfzehnten, aber nur Letztes Kapitel benannten endet. Gutzkow behielt in beiden Folgeauflagen die Epigraphen am Kapitelbeginn bei, bildete aber aus dem Schluss des zweiten Kapitels (37,1–42,14-15: Hali-Jong war in eine Vorhalle getreten [...] Er ist gerichtet, der Verfertiger falscher Propheten!“) ein eigenes drittes Kapitel, das ohne Epigraph blieb. Außerdem versah er die Kapitel mit Überschriften:

Erstes Kapitel. Der Götzenfabrikant.

Zweites Kapitel. Der Schamane.

Drittes Kapitel. Das Kloster der schwarzen Gylongs.

Viertes Kapitel. Die chinesische Gesandtschaft.

Fünftes Kapitel. Der junge Gott.

Sechstes Kapitel. Gylluspa.

Siebentes Kapitel. Der Bote von Teschulumbo.

Achtes Kapitel. Das Gericht.

Neuntes Kapitel. Eine geheime Reise.

Zehntes Kapitel. A1: Opium. A2: Die Frauen.

Elftes Kapitel. A1: Nahende Katastrophe. A2: Die nahende Katastrophe.

Zwölftes Kapitel. Das Exil.

Dreizehntes Kapitel. Der Angriff.

Vierzehntes Kapitel. A1: Die Menschwerdung. A2: Menschwerdung.

A1: Fünfzehntes und letztes Kapitel. Der Heilige. A2: Letztes Kapitel. Der Heilige.

Während Gutzkow für A1 in der Regel noch der Absatzgestaltung und Satzstruktur von E folgte, nahm er für A2 durchgehend eine Neugliederung des Textes sowie beträchtliche Kürzungen vor, so dass das Erzählte eine straffere Gestalt erhielt:

Übergänge zwischen Absätzen wurden geglättet; so etwa änderte sich der Absatzbeginn von E und A1: Der Correspondent wollte das nicht zugeben (120,28), in A2: Das wollte der Correspondent nicht zugeben. Häufig verzichtete der Autor in A2 auf das Herausstellen der direkten Rede in Dialogen durch einen jeweils neuen Absatz am Redebeginn und reduzierte generell die Zahl der Absätze. Selten wurde im Interesse einer besseren Textuntergliederung ein Absatz eingefügt, wo E und A1 durchgängigen Text aufwiesen, z. B. beim Einsatz der direkten Rede „Es müßte gar keinen neunten Himmel geben (200,34) oder zwischen verlaute und Der Schaman (213,2), nachdem der bestehende Absatzeinschnitt bei Das auffallende Verschwinden (212,32) getilgt wurde. Detaillierte oder handlungsdehnende Beschreibungen fielen in A2 mehrfach einer ersatzlosen Streichung zum Opfer, so z. B. die Abschnitte von Solche nächtliche Zufälle bis in der Umgegend zu berichten (248,3-25). Auch wurden ,jeanpaulisierende‘ Ausschweifungen des jungdeutschen Textes in der späten Ausgabe zurückgedrängt. Gutzkow strich oder kürzte z. B. Stellen, die den Erzähler in seinem Verhältnis zum Leser ins Spiel bringen. Dazu gehört der Passus direkt nach der Eigenbezeichnung des – wie der Leser bereits zur Genüge weiß – selbstherrlichen chinesischen Gesandten als Correspondenten des Mittelpunktes der Erde (114,13-14): Wir glauben in dem Frühern diesen Mann so kenntlich gemacht zu haben, daß in dieser Angabe für uns nichts Auffallendes mehr liegen wird. (171,27-29) Diese Stelle findet sich noch in A1, ist aber in A2 gestrichen. Eine das Erzählen thematisierende Stelle, die sich auf die wiederholte Gefangennahme Gylluspas und ihrer Väter bezieht, wird schon in A1 und dann nochmals in A2 gekürzt. Hier zunächst die Version von E:

Wir wollen den Leser nicht durch eine weitläuftige Spannung hinhalten. Es ist grausam, die Wahrheit der Schilderungen so weit zu treiben, daß man auch in des Lesers Seele alle die Eindrücke zu erzeugen sucht, welche die peinigendsten Situationen auf die Gestalten des Autors machte. Kann man nach dem kaum Erwähnten anders schließen, als daß dieß Capitel mit der erneuten Gefangennahme Gylluspa’s und ihrer Väter enden muß? Warum eine sorgfältige Ausmalung aller scheuen Blicke, welche die Reisenden um sich herwarfen? Warum alle Klagen und Verwünschungen aufzählen, welche sie über die neue Täuschung ihres Schicksals ausstießen, noch ehe sie eingetroffen war? Um das Unglück wahrhaft rührend zu machen, kann man es nicht einfach genug schildern. (220,28–221,6)

Daraus wird schließlich in A2:

Wir wollen den Leser nicht hinhalten. Kann dies Kapitel anders schließen, als mit der erneuten Gefangennahme Gylluspa’s und ihrer Väter? Warum eine sorgfältige Ausmalung aller scheuen Blicke der Reisenden? Warum alle Klagen und Verwünschungen aufzählen, welche sie über die neue Täuschung ihres Schicksals ausstießen, noch ehe sie eingetroffen war?

Ein redundanter Erzählerkommentar wie Welch’ ergreifender Kontrast! (261,33-34) entfällt bereits in A1.

2.2.4.2. Erzählerkommentare und inhaltliche Gewichtungen#

Gutzkow unternahm für die Neuauflage von 1874 nicht nur Kürzungen, sondern fügte auch eine Anzahl neuer auktorialer Kommentare ein. Sie erklären Wendungen der komplexen Handlung, streichen das vom europäischen Standpunkt Fremdartige der in Tibet herrschenden Sitten noch stärker heraus und werfen ironische Seitenblicke auf europäische Gewohnheiten.

Erklärende Einschübe finden sich in folgenden Beispielen:

E und A1: Der Schaman [...] küßte die nicht Widerstrebende und begann [...] (26,6-7); A2: Der Schaman [...] küßte die nicht Widerstrebende – liebte sie doch seinen Bruder – und begann [...]

E und A1: Weil der Teschu-Lama jetzt Alles zu fürchten hatte, blieb für den Correspondenten wenig mehr zu hoffen übrig. (186,26-28) Hiernach Zusatz in A2: Warum war er im Incognito gereist! Für den Thron von Peking war er spurlos verschwunden.

E: Der Schaman war auf alle Fälle entschlossen, seinen Bruder von einem Throne zu entfernen, den er nicht länger behaupten konnte ... (260,30-31) Bereits in A1 findet sich hiernach der Zusatz: und wegen Gylluspa nicht sollte. In A2 sind die drei Punkte durch einen Gedankenstrich ersetzt, auf den folgt: und wegen Gylluspa auch nicht sollte.

Kommentare beziehen sich auf die tibetanische Kultur und den Kontrast zu Europa, verkörpert z. B. durch den dozierenden Engländer Dickson:

E: Das sind die Sitten von Tibet. (7,25) In A1 Satzschluss mit !; in A2 stattdessen Nebensatz: [...], wo nicht die Vielweiberei, sondern die Vielmännerei herrscht.

E: für uns unerträglich wäre (29,1); A1: für uns unerträglich wäre; A2: für europäisches Freiheitsgefühl unerträglich wäre.

E und A1: das Fest der Wiederkunft des Himmels auf der Erde. (64,7-8) Danach Apposition in A2: [...], des Regierungsantritts des Gott-Menschen oder Mensch-Gottes, wie Ihr wollt.

E: Dhii-Kummuz fiel aber dem gequälten Docenten [...] ins Wort (231,3-4). Daraus wird in A1: Dhii-Kummuz fiel aber dem Docenten, der dem [sic] Asiaten eben so barbarisch vorkommen mußte, wie sie ihm, [...] ins Wort und schließlich in A2: Dhü-Kummuz fiel aber dem europäischen Logiker, der den Asiaten eben so barbarisch vorkommen mußte, wie sie ihm, [...] ins Wort. Im selben Zusammenhang finden sich in A2 noch der amüsante Kommentar: Dhü-Kummuz entgegnete dem nach Hochasien verschlagenen Hegelianer als Änderung des ursprünglichen Dhii-Kummuz aber sagte (231,29), sowie die Wendung dieser langen europäischen Radomontade statt ursprünglich: dieser langen Exposition (235,10-11).

Auch wird die Darstellung der chinesischen Macht in Tibet in A2 pointiert:

E und A1: Die Unverschämtheit des Correspondenten ging weit. Er mischte sich in Dinge, die ihn nicht berührten. (90,3-4) A2: Die Unverschämtheit ging weit. China’s Diplomatie mischte sich in Dinge, die sie nicht berührten.

Die Charakterisierung des dandyhaften chinesischen Obersten Tschu-Kiang wird zu der eines Narzissten:

E und A1: [...] er hatte nur noch Sinn für seine eigne Person, zog einen Spiegel hervor und fing an, seine durch den Kampf in Verwirrung gerathene Toilette wieder in Ordnung zu bringen. In der Fortsetzung des Gefechts verlieren wir ihn auch ganz aus den Augen. (259,8-12) A2: er zog einen Spiegel hervor, um vor dem nicht unmöglichen Verlust seines Kopfes noch einmal seine schönen, mongolischen Züge zu betrachten.

Zu weiteren signifikanten Änderungen in A2 gehört ein ,aktualisierender‘ Kommentar, der einen zeitgenössischen Bezug zum späteren 19. Jahrhundert ermöglicht:

E und A1: Diogenes [...], welcher am lichten Tage mit der Laterne auf den Markt ging. (44,6-7) A2: Diogenes [...], der am lichten Tage mit der Laterne Menschen suchte und nur Darwin’s erste Zuchtwahl der Affen gefunden zu haben scheint.

Die Denkmals- und Monumentkultur des späteren 19. Jahrhunderts kommt ebenfalls kritisch zur Sprache:

E und A1: Thaten, die in den Annalen der Geschichte verzeichnet sind, bedürfen keines Marmors, um sie zu verewigen. (70,4-5) Der Satz endet in A2 mit einem Ausrufezeichen, worauf folgt: Nicht die Hälfte der Denkmäler, die Europa errichtet, ist verdient.

Außerdem war Gutzkow in A2 offenbar bestrebt, den Erzählduktus durch eine größere Distanz von der Göttlichkeit des Menschen Maha Guru zu gestalten.

Schon die in E noch nicht gesetzte Kapitelüberschrift Der junge Gott weist auf das Irdische an Maha Guru hin. A2 betont es: So wird der Begriff Wiederkunft (74,32) in Anführungszeichen gesetzt und klarer formuliert, dass zur Auswahl eines neuen Dalai Lama weltliche Mechanismen eingesetzt werden müssen. Maha Guru ist seinen eigenen Brüdern gegenüber denn auch weniger durch göttliche Inspiration, sondern durch diesseitige theologische Übung imstande, den unter die Menschen getretenen Gott zu verkörpern. Auf: schlechter gerathen müssen.“ (79,5) folgt innerhalb der Rede bereits in A1 der rhetorisch geschickte Zusatz Maha Gurus: Ich bin selbst gekommen.“, den A2 dann kommentierend fortsetzt: [...] lautete der Schluß seiner Rede, die uns staunen machen muß, obschon die Sprache Roms und seiner Bischöfe nicht anders zu lauten pflegt. Frappierend ist die Änderung der bibelsprachlichen Formulierung: Maha Guru antwortete und sprach: [...] (79,15, E und A1) zu: Maha Guru war auf die Widerlegung des Pantheismus geschult und sprach: [...]. Die übernatürliche Kraft des Gottmenschen, die in E und A1 als Faktum geschildert wird (vgl. den letzte Abschnitt des vierten Kapitels in E, 90,19-25), lässt sich in A2 als Erdbeben interpretieren, das Maha Guru zu Hilfe kommt. Dagegen findet sich in A2 eine verstärkte Äußerung der Erzählersympathie mit Gylluspas Hauptvater Hali-Jong, der wegen seiner ,ketzerischen‘, die Götter vermenschlichenden Statuen das Leben verliert. Der lakonische letzte Satz von Teil 1 in E und Kapitel 8 in A1, Hali-Jong war nicht mehr (156,11), lautet in A2: Der Götterbildner, dem hellenische Ahnungen gekommen, war nicht mehr.

Ein zweiter wichtiger Aspekt der Distanzierung ist beiden späteren Auflagen gemein. Dies betrifft zunächst das ,Ich‘ des Erzählers. So wird die verallgemeinernde erste Person Plural in der Aussage: Wir fordern den Husaren-Obristen, den wir in den Armen unsers Weibes überraschten (6,25-26), in A1 und A2 zur zweiten Person: Ihr fordert [...]. Das autobiographische Einsprengsel in E: Ich stand einmal in dem Vorzimmer eines Ministers [...] schickte ich an Herrn Campe in Hamburg meine Narrenbriefe (209,31-211,6), erhält in A1 und A2 ein Subjekt in der zweiten Person du / dich / dein etc. (A1) bzw. Du / Dich / Dein (A2) sowie in A2 einen Abschluss, der nicht mehr auf die ,Narrenbriefe‘ verweist. Von dem jungdeutschen ,Ich‘ der Erstauflage findet aber vor allem in libidinöser Hinsicht eine Distanzierung statt; dies sehr deutlich bereits in A1 und erklärbar aus dem Wally-Skandal von 1835 sowie seinen Folgen für Gutzkow.

Alle Anspielungen auf Geschlechtsverkehr, die in E zum Teil sehr explizit waren, fielen in A1 und A2 der Streichung bzw. Umschreibung zum Opfer:

E: Welche Brautnächte! (einer Tibetanerin mit mehreren Männern, 7,18); A1 und A2: Welche Hochzeiten!

In der Erstauflage wird die sinnliche Erfüllung einer solchen Brautnacht – hier Gylluspas mit Maha Guru und seinem Bruder – in ,eindeutiger Zweideutigkeit‘ geschildert:

Wenn wir die Sitten Tibets nicht vergessen haben und die Bedürfnisse liebender Herzen kennen, so wissen wir, welche sonderbare Hochzeit jetzt in diesem Hause gefeiert wird. Zum Lauschen an der Brautkammer wird kein Raum seyn, da abwechselnd das Schlüsselloch von einem der beiden Brüder in Besitz genommen ist. Erst als das Heraus- und Hineingehen ein Ende hatte, würden wir an die Thür heranschleichen dürfen, aber nichts mehr sehen und vernehmen, als den tief athmenden Schlaf dreier in seliger Umarmung Verschlungener.

Erwachet ihr Lieben, zur Erfüllung der schönen Träume, die über Eurem lächelnden Antlitze schweben! (282,16-26)

In A1 ist der Passus von Zum Lauschen bis schweben!: gestrichen und wie folgt ersetzt:

Die Morgensonne überraschte den athmenden Schlaf dreier in seliger Umarmung Verschlungener!

A2 bricht dagegen ab mit [...], welche sonderbare Hochzeit in diesem Hause gefeiert wurde. Selbst die ursprüngliche Gegenwart der Handlung ist unter Streichung von jetzt in die Vergangenheit gerückt.

Weitere Beispiele für die Streichung bzw. Milderung von sexuellen Andeutungen:

197,1-2 als sie eine Befriedigung ihrer Sinnlichkeit darin fand - in A1 und A2 gestrichen: ihrer Sinnlichkeit

198,2-3 und seit einigen Tagen eine merkliche Verengerung ihrer Unterröcke spüre in A1 und A2 gestrichen

198,14-15 vor ihrer Erfüllung aber wollüstig zu erschrecken - in A1 und A2 gestrichen: wollüstig

105,11-12 Danaë sah ihren Gott als goldenen Regen, Leda als einen wollüstigen Schwan, Europa als einen schwanzwedelnden Stier - in A2 gestrichen: wollüstigen; in A1 statt schwanzwedelnden: wedelnden, in A2 ganz gestrichen

210,26-27 zwei Hunde untersuchten wechselseitig, zu welchem Geschlechte sie gehörten in A1 und A2 gestrichen

225,13-15 Seitdem ich die Gewißheit habe, daß meine Frau in Calcutta wirklich gestorben ist, haben die Gespräche für mich den Reiz der Begattung in A1 und A2 gestrichen

3. Quellen und Folien  #

3.1. Quellen#

Samuel Turner: An Account of an Embassy to the Teshoo Lama, in Tibet; containing a Narrative of a Journey through Bootan, and Part of Tibet. London: Nicol, 1800.

Deutsche Übersetzung: Samuel Turners, Capitains in Diensten der ostind. Compagnie, Gesandtschaftsreise an den Hof des Teshoo Lama durch Bootan und einen Theil von Tibet. Aus dem Englischen übersetzt [von Matthias Christian Sprengel]. Hamburg: Benjamin Gottlob Hoffmann, 1801. Ein weiterer Druck ohne Verlagsangabe erschien in Berlin und Hamburg 1801; dieser diente Gutzkow als Quelle. 

Chrétien-Louis de Guignes: Voyages à Peking, Manille et l’Île de France, faits dans l’intervalle des années 1784 à 1801. 3 Bde. Paris: Treuttel et Würtz, 1808.

Deutsche Übersetzung: Reisen nach Peking, Manila und Isle de France in den Jahren 1784 bis 1801. Von Herrn de Guignes, Französischem Residenten in China. Aus dem Französischen von K. L. M. Müller. Leipzig: Hinrichs, 1810. 

Joseph Görres: Mythengeschichte der asiatischen Welt. 2 Bde. Erster Band: Hinterasiatische Mythen. Zweiter Band: Vorderasiatische Mythen. Heidelberg: Mohr und Zimmer, 1810. 

Werke des chinesischen Weisen Khung-Fu-Dsü und seiner Schüler. Zum ersten Mal aus der Ursprache ins Deutsche übersetzt, und mit Anmerkungen, von Dr. Wilhelm Schott. 2 Theile. Erster Theil: [untertitelt:] Lün Yü. Halle: Renger, 1826. Zweiter Theil: Berlin: Jonas, 1832. 

Schi-King. Chinesisches Liederbuch, gesammelt von Confucius, dem Deutschen angeeignet von Friedrich Rückert. Altona: Hammerich, 1833. 

3.2. Folien#

Aus dem Englischen und Französischen übersetzte zeitgenössische Romane mit chinesischer oder arabischer Thematik 

Der Aufschwung asiatischer Landeskunde, Philologie und Mythologie in Europa seit Beginn des 19. Jahrhunderts 

Der jungdeutsche Diskurs zur Humanisierung der Religion, zur Sinnlichkeit und zur Frauenemanzipation

 

4. Entstehung#

4.1. Dokumente zur Entstehungsgeschichte#
4.1.1. Aloys Clemens, Ehen in Thibet, 26. Januar 1833 #

A[loys] Clemens: Ehen in Thibet. In: Zeitung für die elegante Welt. Leipzig. Nr. 19, 26. Januar 1833, S. 75.

Thibet ist vielleicht das einzige Land, wo Vielmännerei in den Ehen herrscht. Der Grund davon liegt in der physischen Constitution der Männer, die im ganzen viel zarter und schwächlicher als die der Weiber ist. Die schwersten Arbeiten werden daher gewöhnlich den Weibern zu Theil, und aus demselben Grunde nehmen drei oder vier Brüder einer Familie nur eine Frau und theilen sich nach Belieben in die aus dieser Ehe entspringenden Kinder. Eifersucht ist ihnen ein durchaus unbekanntes Gefühl. Verbindet sich eine verheirathete Frau mit einem Fremden, so erklärt sie ohne Umstände ihrem Manne, dies sey ihr Geliebter (Yugdon), ohne daß die Harmonie der Ehe dadurch gestört wird.

 4.1.2. Karl Gutzkow, Rezension von Morier, 8. März 1833#

[Karl] G[utzkow]: Zohrab, der Geißel. Aus dem Englischen Morier’s, des Verfassers des Hadschi Baba, von Johann Sporschill [recte: Sporschil]. Drei Bände. Braunschweig, Vieweg, 1832. In: Literatur-Blatt. Stuttgart u. Tübingen. Nr. 26, 8. März 1833, S. 103-104; Nr. 27, 11. März 1833, S. 105-106. (Rasch 3.33.03.08)

[103] Morier legt in der Vorrede sehr gewissenhafte Rechenschaft darüber ab, was in diesem vortrefflichen Romane ächte Silberwährung der Geschichte, und was die Kupferzuthat seiner eignen Erfindung ist. Mehrere der im Vordergrund stehenden Hauptcharaktere sind der neuern persischen Geschichte entnommen. Wir treffen auf den grausamen Vorgänger des jetzigen Königs von Persien, Aga Mohamed, bei dessen Namen sich noch jezt vom kaspischen Meere bis zum persischen Busen die Augen, Nasen und Ohren nicht sicher fühlen, auf Hadschi Ibrahim, den weisen Minister dieses Ungeheuers, der oft mit Gefahr seines Lebens den wüthenden Ausbrüchen seines Herrn eine minder schädliche Richtung gab, und den jetzigen Schach von Persien, Feth Ali, der als ein muthiger, sorgloser und bescheidener Jüngling auftritt. [104] Die Fabel des Romans ist eine Erfindung, die die Wahrscheinlichkeit der Sitte und des Lebens für sich hat. Diesen Stempel der Wahrheit konnte nur der aufdrücken, der sich hier einer eignen Erfahrung und Anschauung rühmen durfte. [...]

[...] [106] Diese Anlage ist einfach genug, um den Schilderungen persischer Sitte und Denkungsweise noch einen ansehnlichen Raum zu lassen. Vortrefflich gezeichnete Nebenpersonen geben dem Ganzen ein höchst charakteristisches Gepräge. Alle Tugenden und Fehler der Nation sind durch sie repräsentirt. Neben persischer Tapferkeit, Zuvorkommenheit und gefälligem Benehmen finden wir den persischen Lügner, Stutzer, Poltron, Bombastdreher. Die Menge kleiner Züge, mit denen diese Charaktere gezeichnet sind, beweisen die feine Beobachtungsgabe und den treuen Blick, der dem Verfasser während seines Aufenthaltes im Lande Firduses zu Gebote stand. Es ist eine auffallende Erscheinung, wenn man die Früchte vergleicht, die England, und die Deutschland von seinen Reisenden zieht. Es reisen so viel Deutsche in fernen Gegenden auf Kosten des Publikums und der Regierungen herum, und wir besitzen verhältnißmäßig eine sehr geringe Ausbeute von Erfahrungen, die wir ihnen verdanken könnten. Das Publikum interessirt sich wenig für fossile Knochen, die man auf den Kordilleren gefunden, für eine neue Gattung von Würmern, die man in den Binnengewässern Afrikas bemerkt haben will. Aufklärungen über exotisches Leben und fremde Sitte haben wir bis jezt meistens nur noch von den Engländern und Franzosen erhalten. Diese Nationen sind auf dem Wege, uns mit ihren Reiseerinnerungen, ihren Seebildern, diesen meist so reizenden Miniaturgemälden, (ich erinnere an Jal, Hall, Miß Trollope und Andere) weit hinter sich zu lassen. 

4.1.3. Gutzkow an Menzel, 8. Juni 1833#

Karl Gutzkow an Wolfgang Menzel, München, 8. Juni 1833. In: Briefe an Wolfgang Menzel. Für die Litteraturarchiv-Gesellschaft hg. von Heinrich Meisner und Erich Schmidt. Mit einer Einleitung von Richard M[oritz] Meyer. Berlin: Verlag der Litteraturarchiv-Gesellschaft, 1908. S. 75. (Rasch 7.1908.1 N)

Der erste Theil meines Romans ist fertig, der zweite soll es im Anfang des nächsten Monats sein. Der Titel ist: „Maha Guru. Geschichte eines Gottes“. Ich will zuerst bei Cotta anfragen, der sich hier in München sehr zuvorkommend gegen mich benommen. Beißt dieser nicht an, so werf’ ich auf Hallberger aus, wo ich mir Ihren Beistand ausbitte. Ist auch hier nichts, so muß ich auf Campe zurück, von dem ich nichts höre und nicht das Beste vermute.

 4.1.4. Gutzkow an Cotta, 17. Juni 1833#

Karl Gutzkow an J. G. Cotta, München, 17. Juni 1833. (Rasch 7.1934.1)

DLA Marbach, Cotta-Archiv, Briefe, Gutzkow

Die Theilnahme, deren ich mich seit meinen ersten Federproben von Ihrer Seite immer zu erfreuen hatte, giebt mir den Muth, Ihnen das Anerbieten eines Verlagsartikels zu machen, von welchem ich beifolgend Ihnen den ersten Theil zur Ansicht vorlege. Ich bevorworte dabei, daß ich es für die schönste Auszeichnung, die einen jungen Autor nur treffen kann, halte, wenn seine Schriften den Namen Ihrer Firma auf der Stirn tragen dürfen.

Ich nenne mich auf dem Titel des in Antrag stehenden Romans als den Verfasser eines Buchs, das beim Lesepublikum einiges Glück gemacht hat. Der Grund, warum ich vom Verleger desselben (Hoffmann & Campe) zurückkomme, liegt darin, daß ich es gern vorzöge, meinen ehrlichen Namen auf den Titel zu setzen. Dann bedarf ich aber eines Verlegers, dessen Name schon ein Buch von nicht alltäglicher Art erwarten läßt. Sollten Sie sich entschließen, bei meinem Kinde Hebammendienste zu verrichten, so würd’ ich mich statt nach der Autorschaft eines andern Buches zu bezeichnen, lieber mit meinem Namen nennen.

Der zweite Theil ist in der Mitte des nächsten Monats vollendet und liegt, da der Abschreiber mit mir um die Wette arbeitet, um dieselbe Zeit auch zum Druck bereit. Meine Honorarforderung besteht in der Summe von sechzig Louisd’or, von denen ich mir die erste Hälfte bei Ablieferung des zweiten Theils u die zweite nach Vollendung des Drucks ausbitte.

Schließlich bitt’ ich um baldige Resolution. Sollte sie verneinend ausfallen, so ersuch’ ich Sie, das übersandte Manuscript auf einige Tage noch in Ihrem Schutze zu behalten, und es dann, wenn ich Sie davon benachrichtigt habe, es meinem Freunde, dem Dr. Menzel, zu übergeben. 

4.1.5. Gutzkow an Cotta, 24. Juli 1833#

Karl Gutzkow an J. G. Cotta, München, 24. Juli 1833. DLA Marbach, Cotta-Archiv, Briefe, Gutzkow

Wenn Ew. Hochwohlgeboren die Bedingung der definitiven Annahme meines Romans an die Vermeidung politischer oder moralischer Verstöße knüpfen, so kann ich Ihrer Entscheidung mit Gewißheit entgegensehen. Meine erste Schrift, die Narrenbriefe, hat sich zwar mit jugendlicher Keckheit einigen mir als solchen erschienenen Irrthümern entgegengestellt; doch hab’ ich in der vorliegenden Schrift gerade einen Gegenstand gewählt, der mich vor dem wirren, unklaren Kampf der Zeit entfernt halten sollte. In moralischer Rücksicht kann ich ebensosehr selbst einem strengen Urtheile entgegensehen. Allerdings schildre ich die Sitten eines Landes, wo eine Frau vier Männer nacheinander in’s Brautbett führen darf; aber nichts ist heiliger, als das Herkommen. Ich habe überall das Unzarte, das nach unsren Begriffen in diesem Verhältnisse liegt, vermieden, u. bin gewiß, daß die Tendenz des ganzen Romans eine erhebende ist. Ich schldre an dem Leben eines Gottes, wie wahr der alte Spruch ist, daß es ein Glück ist, ein Mensch zu seyn.

Ich beginne morgen das letzte Capitel des zweiten Theils, der ebenso stark wie der erste in einer saubern Abschrift am ersten August zum Drucke bereit liegt. In den letzten Tagen der nächsten Woche befindet sie sich in Ihren Händen.

Das gefällige Anerbieten, welches mir Ew. Hochwohlgeboren in betreff eines Vorschusses machen, nehme ich dankbar an. Ich scheue mich nicht, Ihnen in dieser Hinsicht aufrichtig mein Bedürfniß und eine weitere Berechnung, deren Erfüllung in Ihrer Hand liegt, mitzutheilen. Ich trage mich mit der Absicht einer Erholungsreise, der ich zuletzt die Richtung nach meiner Vaterstadt, Berlin, wohin ich mich sehne, geben möchte. Ich will Tyrol, Steiermark, Wien u Prag auf diesem Wege besuchen, sowohl zur Stärkung meines Körpers, als zu Bereicherung meiner Erfahrungen, von denen ich das Interessanteste im Morgenblatte niederzulegen gedenke. Zu diesem Zweck rechnete ich darauf, bei Ablieferung des zweiten Theils meiner Schrift eine Summe von dreißig Louisd’oren, ohne welche ich München nicht verlassen kann, von Ihnen zu erhalten. Dürft’ ich mich vielleicht desfalls Ihrer gütigen Gewährung gewiß halten? Am Schluß der ersten Woche des nächsten Monats verließ’ ich gern den hiesigen Ort. Auf jeden Fall ersuch’ ich Sie aber, wenn Hindernisse sich der Erfüllung meiner Bitte entgegenstellen sollten, mir einen Vorschuß von zehn Louisd’oren gefälligst anweisen zu lassen.

 4.1.6. Gutzkow an Cotta, 31. Juli 1833#

Karl Gutzkow an J. G. Cotta, München, 31. Juli 1833. (Rasch 7.92.1; 7.1934.1)

DLA Marbach, Cotta-Archiv, Briefe, Gutzkow

Ew. Hochwohlgeboren

bin ich für die überwiesene Summe zu Dank verpflichtet. Ich würde es gern hören, wenn Sie selbige als Vorschuß auf meinen Roman ansähen; auf jeden Fall schick ich Ihnen beifolgend den zweiten Theil u bitte Sie, dem Ganzen recht bald ein paar Mußestunden u ein günstiges Auge zuwenden zu wollen. Ich bin schon fast daran gewöhnt, den Zögling meiner Muse bei Ihnen in sicheren Händen zu wissen.

[...]

Meine Narrenbriefe hab’ ich in Stuttgart im Januar 1831 [rechte: 1832] geschrieben, u in ihnen Alles geleistet, was man von einem 20jährigen jungen Manne verlangen kann. Die Kritiker sind mir günstig gewesen, ich habe mir Freunde dadurch erworben u nun ich auch von meinem Verleger erfahre, dß der Absatz namentlich im Norden recht reichlich ausgefallen ist, ärgert es mich, daß ich meinen Namen verschwieg. Ich muß dies Versäumniß einholen u überhaupt darauf bedacht seyn, einige Zeit hindurch mein werdendes Renommée zu poussiren, oder zu deutsch: es mit einem Keile zu treiben. Daher mein Maha Guru, daher mehre andre Pläne, die mich einige Jahre beschäftigen sollen. Man kann sich einen soliden Ruf nur durch Bücher begründen.

4.1.7. Gutzkow an Cotta, 14. September 1833#

Karl Gutzkow an J. G. Cotta, München, 14. September 1833. (Rasch 7.92.1; 7.1934.1)

DLA Marbach, Cotta-Archiv, Briefe, Gutzkow

Haben Sie meinen Roman gelesen? Ist die moralische u politische Tendenz desselben, an welche Sie die Annahme knüpften, angemessen? Darf ich recht bald auf eine entschiedene Zusage rechnen? Mir würde damit sehr viel verloren gehen, wenn das Buch nicht noch im diesmaligen Meßkatalog aufgeführt wäre. Die in den Journalen üblich werdenden Revues des Meßkatalogs sind vorläufige Rezensionen. 

4.1.8. Gutzkow an Menzel, 20. September 1833#

Karl Gutzkow an Wolfgang Menzel, Berlin, 20. September 1833. In: Briefe an Wolfgang Menzel. Für die Litteraturarchiv-Gesellschaft hg. von Heinrich Meisner und Erich Schmidt. Mit einer Einleitung von Richard M[oritz] Meyer. Berlin: Verlag der Litteraturarchiv-Gesellschaft, 1908. S. 77. (Rasch 7.1908.1 N)

Was wissen Sie von meinem Roman? Hat ihn Cotta genommen? Ich weiß nichts davon, aber ein bekannter schreibt mir, daß in Augsburg daran gedruckt werde.

4.1.9. Gutzkow an Menzel, 11. Oktober 1833#

Karl Gutzkow an Wolfgang Menzel, Berlin, 11. Oktober 1833. In: Briefe an Wolfgang Menzel. Für die Litteraturarchiv-Gesellschaft hg. von Heinrich Meisner und Erich Schmidt. Mit einer Einleitung von Richard M[oritz] Meyer. Berlin: Verlag der Litteraturarchiv-Gesellschaft, 1908. S. 79-80. (Rasch 7.1908.1 N)

Mit Cotta glaub’ ich auf dem Reinen zu sein. Die Hälfte des Honorars hab’ ich weg, die andre will ich mir nächstens ausbitten, weil ich davon Gläubiger, die mir zur Reise vorschossen, zu bezahlen habe. Die ersten Bogen meines Romans hab’ ich schon u. sehe eben, daß im Meßkatalog der 1 te Theil sehr schwerfällig angekündigt ist. Cotta schreibt mir, daß er das Buch als Vorläufer andrer Sachen ansehe, die ich ihm auch würde zukommen lassen. Das war mir sehr willkommen.

4.1.10. Gutzkow an Cotta, 16. Oktober 1833#

Karl Gutzkow an J. G. Cotta, Berlin, 16. Oktober 1833. DLA Marbach, Cotta-Archiv, Briefe, Gutzkow 

Ich weiß nicht, ob mein Roman schon zu Ende gedruckt ist, u ich die zweite Hälfte des Honorars ansprechen darf. Aber soviel weiß ich ganz gewiß, daß ich mich schon seit einem Monate mit Zahlungsunfähigkeiten hinschleppe, u daß der erste November, wo ich eine bedeutende auf der Reise verbrauchte Summe an einen Leipziger Bankier, der sie mir borgte, zahlen muß, heranrückt. Darf ich Sie also bitten, mir sobald wie möglich die Summe von 30 Louisd’or zukommen zu lassen? Eh’ ich meine Einnahme u Auszahlung nicht in ein rechtes Gleichgewicht gebracht habe, wird es mir schwer werden, den Anschein zu vermeiden, als könnt’ ich die Zeit nicht erwarten.

[...]

Mein Buch wird doch nicht den weitläuftigen Titel haben, den es im Meßkatalog führt? Ich bitte ja, ihn so einfach wiederzugeben, als ich ihn stellte. Ich bin begierig, welche Miene die hiesige Kritik zu dem Ganzen machen wird.

4.1.11. Gutzkow an Cotta, 2. November 1833#

Karl Gutzkow an J. G. Cotta, Berlin, 2. November 1833. (Rasch 7.92.1; 7.1934.1)

DLA Marbach, Cotta-Archiv, Briefe, Gutzkow

Ew. Hochwohlgeboren

bin ich für die schleunige Zusendung des erbetenen Wechsels sehr zu Dank verpflichtet.  [...]

Das ist ein langer Brief geworden. Ich behalte nicht einmal mehr Raum übrig, Ihre Besorgnisse, daß ich in Erfüllung meiner Versprechungen nachlässig werden könnte, durch eine Erklärung zu beschwichtigen, wie sie der ehrenvolle Werth, den Sie auf mich legen, verdient. Sei es genug, dß ich die früheren Ausdrücke meines Vertrauens auf Ihren Schutz u Ihre Theilnahme wiederhole! Ich habe alle meine hiesigen Verbindungen abgebrochen, u. mich entschlossen, mich unter die zahllose Menge von Schriftstellern zu begeben, welche gänzlich von der Gunst des Publikums abhängig sind. Kann mir eine glücklichere Vermittlung meiner Versuche u der Lesewelt geboten werden, als die Ihrige? Ich will ganz allein von meiner Feder leben, u rechnete, als ich mich dazu entschloß, vor allen Dingen auf meine Verbindung mit der J. G. Cotta’schen Handlung.  

[...] Den Exemplaren meines Romans seh’ ich erwartend entgegen.

4.1.12. Karl Gutzkow, 1875#

Karl Gutzkow: Rückblicke auf mein Leben. Hg. von Peter Hasubek. Münster: Oktober Verl., 2006. (Gutzkows Werke und Briefe, Abt. VII, Bd. 3)

[...] Inzwischen war „Nero“ von Lewald als vollständig bühnenunmöglich verurtheilt und in den Hintergrund getreten. Aber Billaud Varennes, der sich den Indianern zum Gott gemacht hatte durch seine Kunst, Vögel zu fangen, abzurichten und zuletzt auszustopfen, verwandelte sich mir in den Dalai Lama von Tibet, dessen Würde als Gott mich zu dem Roman: „Maha Guru, Geschichte eines Gottes“, veranlaßte. Damals gab es chinesische und arabische Romane genug, die aus dem Englischen übersetzt wurden. Karl Spindler hatte noch nicht das Lesebedürfniß allein in Beschlag genommen. Noch gab es eine gebildete Gemeinde, die das Neueste von Tieck und Steffens gelesen zu haben für unumgänglich hielt. Noch zwinkerte der berliner vornehme Judenkreis verächtlich mit den Augen, wenn von einer Literatur die Rede war, die nur auf Leihbibliotheken berechnet schien. Den Muth, eine Arbeit dieser Art, die den Unterhaltungszweck ganz ausschloß, zu beginnen, und den andern vom jungen Georg von Cotta gezeigten Muth, einen solchen Roman zu verlegen, würde man in Autoren- und Verlegerkreisen jetzt nicht mehr häufig antreffen.

4.2. Dokumente zu späteren Auflagen#
4.2.1. Karl Gutzkow, Vorwort zur Ausgabe von 1845#

Karl Gutzkow: Maha Guru. Geschichte eines Gottes. Vorwort zur neuen Ausgabe. In: Gesammelte Werke. Vollständig umgearbeitete Ausgabe. 13 Bde. Frankfurt/M.: Literarische Anstalt, 1845-1852. Bd. 5 (1845), S. 5-8. (Rasch 1.2.5.1)

Wenn ich in dieser Sammlung meiner Schriften hätte chronologisch zu Werke gehen wollen, so würde dem nachfolgenden Roman unmittelbar der Platz nach meinen Narrenbriefen gebührt haben. Er wurde zu München im Sommer 1833 geschrieben; eine Bemerkung, die ich deßhalb mache, weil ich ihn dem schonenden Urtheile des Lesers als die erste objektiv gehaltene Dichtung eines jungen Mannes von zwei und zwanzig Jahren vorlegen muß.

Es hat diesem Roman bei seinem ersten Erscheinen geschadet,daß man in ihm eine Tendenz vermuthete, die nicht in ihm lag. Die Einen nannten ihn einen philosophischen Roman, der nach dem Vorgange Voltaire’s und der Schriftsteller des vorigen Jahrhunderts irgend eine Wahrheit, irgend eine moralische Thatsache zu allegorischer Anschauung bringen sollte. Die Andern nahmen ihn für eine direkte Satire auf europäische Verhältnisse, auf unsere Religions- und Sittenbegriffe, besonders auf Christen- und Priesterthum und Theokratie.

[6] Beide Auffassungen mußten sich aber durch das vorliegende Werk nur halb befriedigt fühlen. Dem Philosophen ist diese Arbeit nicht philosophisch genug; dem Satire Suchenden fehlten da und dort die Vergleichungspunkte; wo er Scherz erwartete, fand er Ernst; wenn hier eine Satire war, so fehlte ihr zwar in Einzelnheiten nicht, aber doch im Großen und Ganzen die Anwendung.

Einem einigermaßen belohnenden Genusse kamen Diejenigen schon näher, welche den nachstehenden Roman als Sittenbilder aus einer andern Hemisphäre betrachteten. Zehn Jahre früher waren sogar die chinesischen Romane Mode gewesen. Geschmacksliebhabern gefiel das asiatische Rococo des Buches um so mehr, als im Anfang der dreißiger Jahre das poetische Genrebild fast als eine neue Kunstgattung sehr beliebt und in der Mode war. Diese Kritik hielt sich an einzelne Scenen und Charaktere und erklärte das Ganze nur für eine Verknüpfung von genrebildartigen, auf heitre Betrachtung berechneten fremdländischen Sittenmalereien.

Bei der letzten Auffassung möchte sich vielleicht dieser Roman vor der Kritik am Besten stehen, und doch, auf die Gefahr eigner Benachtheiligung, muß der Autor erklären, daß seine ursprüngliche Idee eine poetische Uranschauung gewesen ist. Immer angeregt vom Zusammenhang der Welt mit Gott, verfolgt von einer oft quälenden Unruhe, sich in Gott und göttliche Dinge zu versenken, oft beglückt von einem milden Hauche der Gläubigkeit, viel öfter aber noch zerrissen von Zweifeln und ergrimmt über die irdischen Entstellungen des Ewigen, erfaßte er mit Liebe den Gedanken, in profaner Weise die Inkarnation Gottes in einem Menschen zu schildern. Da ist dieses sonderbare Institut des Dalai [7] Lama in Asien, diese göttliche Anbetung eines Menschen, dieser verkörperte aufgelöste Widerspruch zwischen dem Diesseits und dem Jenseits! Wer kann sich in diese Möglichkeit hineindenken, hineinfühlen? Wer kann begreifen, daß ein Mensch sich göttliche Ehre erweisen läßt? Ist dieser Mensch ein Betrüger oder ein Wahnsinniger? Glaubt er an sich ebenso, wie eine Nation an ihn glaubt? Wie muß das sein in jenem sonderbaren Lande, wo sogar das merkwürdige Institut der Vielmännerei, d. h. der Ehe eines Weibes mit einem ganzen Brüderstamme herrscht? Aus solchen Träumereien entstand die Idee dieses Romans.

Wenn etwas polemisch und satirisch in ihm ist, so sind es Zufälligkeiten. Der Verfasser hat keine Satire, sondern ein metaphysisches Gedicht schreiben wollen. Er wollte das wirklich Göttliche im Menschen schildern und das schöne Menschliche in unsern Begriffen von der Gottheit. Er ließ den Gott in Maha Guru sich entwickeln, wie wir göttliche Begriffe in uns selbst entwickeln, und führte die Unzulänglichkeit derselben darauf hinaus, daß er Maha Guru um vieles göttlicher dann erst sich zeigen läßt, als er wie der Mensch geworden ist, schwach, irrthumbefangen, hülflos und leidend. Die Grundidee seines Gedichtes ist eine metaphysische und die satirischen Streiflichter, die dabei auf Europa, auf Priesterherrschaft, Theokratieen, Mönchthum, Jesuitismus, auf unsere gesellschaftlichen Institutionen, ja sogar auf enge Begriffe von der Liebe fallen, ergeben sich nur zufällig aus einer weiteren, einer umfassenderen Tendenz, die – das will der Verfasser nicht in Abrede stellen – vielleicht nicht gelöst wurde.

Denn ein Sittenbild, ein Roman sollte diese Phantasie dabei denn doch auch werden. Man sollte glauben, eine Anekdote, [8] eine Begebenheit, eine Geschichte zu lesen. Und gerade hier mag es sein, wo die Kräfte des jungen Autors nicht ausreichten. Alle lyrischen Stellen des Buches flossen aus seinem Gemüthe, die dialektischen aus seinem Verstande, aber das, was der Objektivität dabei angehören mußte, das mußte der Kunst entnommen sein, die bei solchem noch gährenden Jugenddrange nur gering sein konnte.

So ergibt sich denn, mit aller Aufrichtigkeit ausgesprochen, folgendes Resultat: Für den, der hier nur einen Roman zu lesen gedenkt, ist die Schrift nicht unterhaltend genug. Für den, der nur eine sublime Idee gelöst zu haben wünscht, ist das romanenhafte Beiwerk störend. Der, welcher nur lachen und eine schlagende Satire lesen will, wird am allerwenigsten in dem Werke heimisch werden. Und endlich nur der, welcher an Sittenbildern, Charakteristik und poetischer Genremalerei Gefallen findet, möchte nach der Lektüre des Buches der Zufriedenste sein.

4.2.2. Karl Gutzkow, Vorwort zur Ausgabe von 1874#

Karl Gutzkow: Maha Guru. Geschichte eines Gottes. Zur dritten Ausgabe. Wieblingen bei Heidelberg, Juli 1874. In: Gesammelte Werke. Erste vollständige Gesammt-Ausgabe. Erste Serie. 12 Bde. Jena: Costenoble, [1873-1876]. Bd. 6 [1874], S. 145-149. (Rasch 1.5.6.2.2)

Es war ein stürmischer, regnerischkalter Frühling, als ich im Jahre 1833 zum ersten Mal München sah, um daselbst zu bleiben und juristische Studien, die ich in Heidelberg angefangen hatte, fortzusetzen. Obschon bereits zum Doctor graduirt, mußte ich mich doch noch, um die Vor-[146]lesungen besuchen zu dürfen, als Student immatrikuliren lassen. Ich wollte Puchta’s Pandekten hören. Aber das Wetter, das im April und Mai regnerisch blieb, klärte sich auf, ein wunderbar schöner Sommer währte von Mitte Mai bis September. Die herrliche Umgebung Münchens reizte zu Ausflügen in’s Gebirge, hin an die erfrischenden Seeen, auf die näher gelegenen, waldgrünen „Schwaigen“. Der Besuch der unendlich monotonen, höchst langweiligen Puchta’schen Vorträge wurde immer seltener. Ohne mir die Pandekten „testiren“ zu lassen, arbeitete ich dennachfolgenden Roman aus.

Es sollte keine eigentliche Satyre sein, was ich schrieb, weder eine auf den Rabbi von Nazareth noch eine auf den Statthalter Christi in Rom. Wie war auch Satyre möglich in einer Zeit, wie die damalige, von deren Knechtschaft man jetzt kaum eine Vorstellung hat! Um damals in München am 8. oder 9. April immatrikulirt zu werden, mußte ich erst der Polizei den Beweis liefern, wo ich am 3. und 4. April in der Welt gewesen war. Denn es erschien auffällig, daß ein Student gerade am 4. April von Heidelberg abreiste, gerade vierundzwanzig Stunden nach einer großen Staats-Begebenheit von damals. Am 3. April hatte in Frankfurt das Attentat von sechzig verbündeten Polen und Studenten auf die beiden Hauptwachen der Stadt, eine Schilderhebung zunächst zur Befreiung von Gefangenen, stattgefunden. Fünf Mann vom Linienmilitair waren gefallen. Die Bauern von Bonames, einem Dorfe zwischen Frankfurt und Homburg, hatten Zuzug gebracht. Bis zum 4. in der Nacht konnte ich als allenfallsiger Theilnehmer bis Heidelberg geflohen sein. Es währte einige Zeit, bis die Alibis festgestellt wurden. Aber die Frohnveste, die mürrisch patzigste Schreiberei der Actuare, das brüske Commando der Gensdarmen war und blieb lange Zeit wie für alle Lebensverhältnisse so auch gerade für die Literatur und für einen Theil der Kunst ständig und fest eingeführt. Heine und Börne schrieben „Satyren“ vom sicherstellenden Paris aus.

Eine Unterstufe der Satyre ist die Ironie. Der Zug [147] der Ironie mag durchweg durch die nachfolgenden Blätter gehen, die ursprünglich ihren Stoff vollkommen ernst zu behandeln beabsichtigten. Die Beschäftigung mit der Fremde, mit Asien und Afrika, hat in unseren Tagen an Gründlichkeit zugenommen; doch war der Antheil, den man früher am „Ausland“ nahm („Ausland“ nannte Cotta seine damals blühendste Zeitschrift), ein allgemeinerer, sozusagen modischer. Man las des Engländers Morier arabische Romane, Cooper und Irving ohnehin. Jetzt ist ja die blasirte Lesesucht nur auf das Allernächste, das mit Händen zu Greifende, die  sogenannte „Actualität“ („Bismarck reichte Laskern eine Cigarre“ u. s. w. –) versessen!

Auch die Darstellungsweise im Roman hat sich seit Jahren verändert. Wenn Goethe wirklich die „Erzählungskunst“ besessen, die Auerbach in einem zu Berlin vor einigen Jahren gehaltenen Vortrage ihm zuerkennen wollte, so würde diese wenigstens vor dem Forum des jetzigen Geschmacks nicht mehr Stand halten. Es ist zum Lachen (oder vielleicht zum Weinen), wenn sich alte Schriftsteller, die sich nicht für ausgeschrieben erklären wollen, diesem veränderten Geschmack gegenüber anstrengen, im Styl der Colportageromane zu schreiben! JedeMittheilung muß da in Handlung, jede Handlung in Dialog umgesetzt werden! „Hussa!“ riefen die Stürmenden und schwangen ihre Fackeln, daß ringsum die Funken in Gegenstände flogen, die einer leichten Verbrennbarkeit ausgesetzt waren. „Halt!“ donnerte ihnen eine Stimme entgegen, deren Besitzer noch nicht gesehen wurde; aber ihr Vorläufer, ein ungeheurer Hund mit ausgereckten Pranken wie zum Sprunge – u. s. w. In dieser Art hätte z. B. am Schluß unseres Buches die Erstürmung von Lassa geschildert sein müssen, um moderne Leser zu befriedigen. Und schon vorher mußte der Verlauf des Ganzen in nichts als Gesprächen, in nur mit Wortwechsel abgemachten Situationen bestehen. Die Ermüdung, die Europas Nerven befallen zu haben scheint, bedarf dieser Aufstachelung. Zusammenfassung einzelner Geschehnisse, Berichte über inzwischen Stattgefundenes und nun gar erst Reflexionen über solche Mo-[148]mente der Erzählung, wo die Geschichte und der Autor gleichsam zwei getrennte Begriffe sind, sich der Autor auch einmal wie ein aus den Coulissen heraussprechender, seine Acteurs mitunter ohrfeigender Puppenspieler gerirt, das würde in unsern Tagen weder von Lesern noch von Kritikern ertragen werden. Und doch hat Goethe diese Puppenspielerei, diese Trennung des Autors von der Sache, dies Schweben über dem Stoff, dies Zusammenfassen langer Handlungssituationen in einfachen Bericht, die Abkürzungen der Perspective, die der Realismus unserer Tage ganz verwirft, stets befolgt. Der Realismus will nur Action, dramatische, wie vom Leben abphotographirte Handlung, woraus aber auch die Abspannung zu erklären ist und die Nichtbefriedigung, in welche man bei der realistischen Nachgaukelei des wirklichen Geschehens auf der letzten Seite der als classisch gerühmten Erzählungen zu verfallen pflegt. Man erkennt dann an dem Bestreben, immer nur die Wahrheit geben zu wollen, plötzlich etwas wie Lüge.

Kritikern, die nur überall das Unvollkommene oder Talentlose an der nachfolgenden Arbeit eines Zweiundzwanzigjährigen bewiesen sehen wollen, muß ich natürlich dieselbe ohne Widerrede preisgeben. Denn keineswegs liest sie sich wie die „Mystères de Paris“. Sollte aber Jemand schon hier die Keime einiges Talentes, das ich später in meinen Büchern gezeigt habe, liebevoll suchen wollen und dabei nicht ohne Interesse an der Fabel sein, so verweise ich auf zwei Bemerkungen, die der objectivste Leser, ich selbst nach vierzig Jahren, in der Wiederlectüre und Verbesserung mancher Stylnachlässigkeiten gemacht habe: Erstens tritt zuweilen eine nicht zu verachtende dramatische Kraft ein, die sich sogar bis zum Charakter des bessern tragischen Ausdrucks steigert, z. B. in dem Aufstand der Kalmücken, in den Anreden an die Chinesen; für’s Zweite ist die Detaillirung, obschon in der Regel zugestandenermaßen zu weitläufig, doch nicht ganz zu unterschätzen. Die Redeweise ist nicht die der Abstraction, sondern das Ergebniß nur concreter Anschauung. [149] In der That, wie viel besser würde der Autor mit seinen Anfängen gefahren sein, hätte er z. B. diese Manier, beim Schildern und Charakterisiren stets die Phantasie mitwirken zu lassen – sie ist bekanntlich die poetische – auf die Geschichte eines schlesischen Gutsbesitzers angewendet, seine Gylluspa Valeska oder Wanda getauft und die Schicksale derselben an einen Criminalproceß über vereitelte Erbschaftshoffnungen geknüpft!

4.3. Entstehungsgeschichte#

Seit dem Sommer 1833 trug sich Gutzkow mit dem Gedanken, freier Schriftsteller zu werden, statt eine Laufbahn als Oberlehrer im preußischen Schuldienst einzuschlagen. Die endgültige Annahme des Romans Maha Guru. Geschichte eines Gottes durch Cotta im September 1833 und die Zusicherung weiterer Unterstützung durch den Verleger besiegelten Gutzkows Entscheidung zum Schriftstellerberuf (5.2.1.1.).

Geschrieben wurde Maha Guru im Frühjahr und Sommer 1833 in München, wo Gutzkow sich an der Universität eingeschrieben hatte, um sein in Heidelberg begonnenes Zusatzstudium der Rechtswissenschaft fortzuführen (4.2.1., 4.2.2.). Die Motivation, ein längeres erzählerisches Werk zu schreiben, kam ihm durch den Wunsch, sich nach der günstigen Aufnahme seines anonym publizierten Erstlings, der Briefe eines Narren an eine Närrin, einen literarischen Ruf zu schaffen (4.1.6.). Die republikanisch kühnen ,Narrenbriefe‘, mit jugendlicher Keckheit (4.1.5.) geschrieben, waren in Preußen dem Verbot zum Opfer gefallen. Hätte Gutzkow wiederum bei Hoffmann und Campe publiziert, dem Verlag der ,Narrenbriefe‘, so wäre er weiterhin anonym, aber publikumswirksam als der Verfasser der Briefe eines Narren aufgetreten (4.1.4.) und hätte Erwartungen auf einen politisch gespickten Text geweckt, die sein neues Werk über einen Dalai Lama wohl kaum erfüllt hätte. Um sich in der belletristischen Welt einen Namen zu machen, nutzte Gutzkow seine gute Beziehung zum Stuttgarter Klassiker-Verlag Cotta, den der junge Georg von Cotta nach dem Tod seines Vaters 1832 führte. Gutzkow war Mitarbeiter Wolfgang Menzels am „Literatur-Blatt“, der Beilage zu Cottas „Morgenblatt für gebildete Stände“, für das er ebenfalls Beiträge schrieb. Er setzte auf den prestigeträchtigen Verlag, um mit Maha Guru, einem Buch von nicht alltäglicher Art, literarisch zu reüssieren. Am 17. Juni 1833 schickte er Cotta den ersten Teil des Romans und stellte, im Fall einer Zusage, die Ablieferung des zweiten Teils bereits Mitte Juli in Aussicht (4.1.4.). Obwohl Cotta die Zahlung eines Vorschusses anbot, zögerte er mit der definitiven Annahme (4.1.5.) und machte sie davon abhängig, dass die moralische u politische Tendenz des Werkes den Ansprüchen seines Hauses angemessen sei (4.1.7.). Am 24. Juli, als Maha Guru kurz vor der Vollendung stand, versicherte Gutzkow dem Verleger, dass brenzlige politische Inhalte in dem neuen Buch vermieden würden, und dass es auch in moralischer Hinsicht bedenkenlos sei, selbst wenn der Schauplatz Tibet die Sitten eines Landes behandle, wo eine Frau vier Männer nacheinander in’s Brautbett führen darf. Cotta zahlte nach der Ablieferung des zweiten Teils Ende Juli eine Summe, von der Gutzkow nicht wusste, ob er sie als Publikationszusage verstehen sollte (4.1.6.). Erst einmal begab er sich mit Heinrich Laube und dem Leipziger Bankier Lion Alexander Axenfeld im August-September 1833 auf eine Reise nach Österreich und Oberitalien (4.1.5.), deren Kosten er durch Cottas Zahlung und ein Darlehen Axenfelds bestritt. Bei der Rückkehr nach Berlin im September war Gutzkow immer noch nicht sicher, ob Cotta seinen Roman angenommen habe, und schrieb ihm deshalb beunruhigt (4.1.7.). Dass er sich vor allem wegen der Darstellung von Sinnlichkeit in Maha Guru fragen musste, ob dem Verleger nicht inzwischen doch Bedenken gekommen seien, ist nicht verwunderlich. Etwas später erkundigte sich Gutzkow auch bei seinem Mentor Menzel, ob dieser etwas zum Stand der Dinge wisse; ihm selbst sei nur indirekt zu Ohren gekommen, dass Cottas Augsburger Druckerei den Maha Guru in Arbeit genommen habe (4.1.8.). Erleichtert konnte Gutzkow Menzel am 11. Oktober berichten, dass er die ersten Korrekturbögen erhalten, Cotta die volle erste Hälfte des Honorars gezahlt und ihm zur Veröffentlichung weiterer größerer Werke seine Firma angeboten habe (4.1.9.). An diesem 11. Oktober war auch der auszugsweise Vorabdruck des Romans im „Morgenblatt“ angelaufen (dazu Gutzkows Vorbemerkung 5.1.1.1.). Am 16. Oktober fragte der Autor bei seinem Verleger nach, ob der Buchdruck inzwischen abgeschlossen sei, und erbat sich die Zahlung der zweiten Honorarhälfte, da er Schulden abzuzahlen habe (4.1.10). Mit Empfang der Summe schrieb Gutzkow am 2. November zurück, dass er der Ankunft seiner Druckexemplare erwartend entgegensehe (4.1.11) und teilte Cotta außerdem seine folgenschwere Entscheidung mit: Er habe mit Berlin als Ort seiner Zukunft gebrochen und wolle ganz allein von seiner Feder leben. Zu diesem Schritt hatte ihn zweifellos Cottas Zusicherung weiterer verlegerischer Unterstützung bewogen. Diese Aussicht war Gutzkow, wie er Menzel schrieb, sehr willkommen (4.1.9.), denn welchen besseren Förderer hätte sich der angehende Berufsautor hinsichtlich des Renommés und der Finanzkraft wünschen können als Cotta, der auf den jungen Mitarbeiter Menzels große Stücke hielt – Gutzkow spricht von dem ehrenvolle[n] Werth, den Sie auf mich legen (4.1.11)?

Wie ein Signal für Gutzkows Zukunft wirkt es, dass er bereits beim Überschreiten der Schwelle zum Berufsschriftsteller zwei Dinge anspricht, die für das ,Leben von der Feder‘ existentiell sind und die Kooperation zwischen Autor und Verleger z. T. schwer beeinträchtigen können (4.1.10). Das eine ist der finanzielle Unterhalt: Gutzkow schuldet Axenfeld noch einen Teil des Reisedarlehens und drängt Cotta höflich zur Zahlung der noch ausstehenden Honorarhälfte. Das andere betrifft die Außendarstellung: Mit der schwerfällig[en] Verlagsankündigung seines Romans im Leipziger Messkatalog ist der junge Autor nicht zufrieden (4.1.9., 4.1.10).

In den Rückblicken auf mein Leben spricht Gutzkow voller Anerkennung vom Muth des jungen Georg von Cotta, einen Roman wie Maha Guru zu verlegen, der den Unterhaltungszweck ganz ausschloß (4.1.12.). Der sperrige Stoff eines tibetanischen Dalai Lama, eines Menschen, der als Gott verehrt wird (wie der in die Karibik verbannte französische Revolutionspolitiker Billaud-Varenne, 1756-1819), habe zuallererst ihn selbst als beginnenden Schriftsteller genügend Muth gekostet. Zugleich aber stellt Gutzkow seinen Maha Guru in den Kontext beliebter China- und Arabien-Romane aus dem Englischen und gibt zu verstehen, dass unterhaltende Literatur über die Sitten anderer Weltteile sozusagen seinen Publikumsköder bildete. Motivierend für die Stoffwahl war daher auch der Erfolg von Autoren wie dem Engländer James Morier, den Gutzkow im Vorwort von 1874 erwähnt (4.2.2.) und dessen Persien-Roman „Zohrab, der Geißel“ er im „Literatur-Blatt“ vom 8. März 1833 rezensierte (4.1.2.). Dabei lobte er den Stempel der Wahrheit, den englische und französische, auf Weltkenntnis beruhende Literatur über ferne Länder trage.

Im Vorwort von 1845 verweist Gutzkow auf seine in den dreißiger Jahren (und im jungdeutschen Umkreis generell) ausgeprägte Beschäftigung mit dem Thema der Göttlichkeit des Menschen bzw. der aufgehobenen Grenze zwischen Welt und Gott; dies sei der gedankliche Hintergrund für Maha Guru gewesen (4.2.1.):

Immer angeregt vom Zusammenhang der Welt mit Gott, verfolgt von einer oft quälenden Unruhe, sich in Gott und göttliche Dinge zu versenken, [...] erfaßte er mit Liebe den Gedanken, in profaner Weise die Inkarnation Gottes in einem Menschen zu schildern. Da ist dieses sonderbare Institut des Dalai Lama in Asien, diese göttliche Anbetung eines Menschen, dieser verkörperte aufgelöste Widerspruch zwischen dem Diesseits und dem Jenseits! [...] Wie muß das sein in jenem sonderbaren Lande, wo sogar das merkwürdige Institut der Vielmännerei, d. h. der Ehe eines Weibes mit einem ganzen Brüderstamme herrscht? Aus solchen Träumereien entstand die Idee dieses Romans.

Gutzkows Interesse an der Polyandrie als Aspekt der tibetanischen Kultur könnte erstmals durch eine kleine Journalnotiz vom 26. Januar 1833 angeregt worden sein. Sie erschien in der „Zeitung für die elegante Welt“ unter dem Titel „Ehen in Thibet“ (4.1.1.). Darin wird betont, dass unter den mehreren Brüdern einer Familie, die mit derselben Frau verheiratet sind, „Eifersucht“ ein „durchaus unbekanntes Gefühl“ sei. Der Verfasser Aloys Clemens war ein Frankfurter Mediziner und Freidenker, mit dem Gutzkow sich einige Jahre später anfreundete. Den jungen Autor könnte diese Notiz über tibetanische Ehesitten, die das Fehlen eines männlichen Besitzgefühls hervorhebt, so stark berührt haben, dass sie in seinem Roman eine fast eine wörtliche Spur hinterließ. Die Zuweisung der Vaterschaft fällt unter den eifersuchtslosen Brüdern (7,20) nicht unbedingt auf den Kindeszeuger, sondern wird von der Frau bei jeder neuen Schwangerschaft reihum, vom ältesten bis zum jüngsten Ehemann, vergeben.

Die Quellen, die Gutzkow für den tibetanischen Stoff studiert und benutzt hat (3.1.), werden im Globalkommentar (6.2.) ausführlich dargestellt. Unmittelbar wichtig in entstehungsgeschichtlicher Hinsicht ist das Erscheinen des chinesischen Liederbuches „Schi-King“ in der Übertragung durch Friedrich Rückert im Sommer 1833. Gutzkow entlieh daraus sogleich Verse für die Epigraphe des zweiten Teils von Maha Guru, an dem er gerade arbeitete.

5. Rezeption#

5.1. Dokumente zur Rezeptionsgeschichte#
5.1.1. Erklärungen Gutzkows und Verlagsanzeigen#
 5.1.1.1. Gutzkow im „Morgenblatt“, 11. Oktober 1833#

Karl Gutzkow: [Vorbemerkung zu:] Genrebilder aus der chinesischen Welt. (Aus dem in Kurzem erscheinenden Roman: Maha Guru, Geschichte eines Gottes, von Carl Gutzkow.) In: Morgenblatt für gebildete Stände. Stuttgart u. Tübingen. Nr. 244, 11. Oktober 1833, S. 973-974. (Rasch 3.33.10.11)

[973] Das Feld des philosophischen und satirischen Romans ist in unserer Novellenzeit ein sehr sparsam angebautes. Die Gründe davon liegen ziemlich zu Tage, und ein Buch, wie das vor uns liegende, erregt darum schon an sich Aufmerksamkeit. Wir lösen aus dem Roman, in welchem Lamaismus und chinesische Kultur den Spiegel abgeben, ein Bild in der Art ab, daß es, indem es den Leser auf das Ganze aufmerksam macht, im Stande ist, selbstständig zu unterhalten. 

5.1.1.2. Anzeige des Cotta-Verlags, 14. Juni 1834#

[Werbeanzeige des Cotta-Verlags für Maha Guru.] In: Allgemeine Zeitung. Augsburg. Außerordentliche Beilage, Nr. 233 und 234, 14. Juni 1834, S. 933.

In der Unterzeichneten ist erschienen und durch alle Buchhandlungen [...] zu haben:

Maha Guru,

Geschichte eines Gottes.

Ein Roman in 2 Theilen

von

Carl Gutzkow.

8. Velinpapier. Preis 3 fl. 24 kr.

Das gebildete Publikum erhält hier einen Roman aus einem Genre, das es ziemlich aus den Augen verloren hat, dessen Wiedereinführung aber insofern zeitgemäß erscheint, als der bisher beliebte historische Roman, troz des Aufwandes von Malerei im Detail, und vielleicht eben deßhalb zu einer trokenen und nicht selten prosaischen Ansicht von Welt und Geschichte stimmt. Die Art, wie der Verfasser den philosophischen Roman aufgefaßt hat, ist übrigens eine ganz originelle, wie denn überhaupt seine Individualität als eine sehr eigenthümliche erscheint. Lamaismus und chinesische Sitte bilden in diesem Buche die Elemente zu einem ebenso umfassenden als mannichfachen Gemälde menschlicher Zustände, und auch der Leser, dem diese Dichtungsart fremd geworden ist, wird sie schnell liebgewinnen, und poetischen Genuß dabei finden.

Stuttgart und Tübingen.

J. G. Cotta’sche Buchhandlung.

5.1.2. Rezensionen#
5.1.2.1. Gustav Schlesier, 20. Februar 1834#

G[ustav] S[chlesier]: Maha Guru. Geschichte eines Gottes von Karl Gutzkow. In: Zeitung für die elegante Welt. Leipzig. Nr. 36, 20. Februar 1834, S. 142-144. (Rasch 14/3.34.02.20)

Einer der bedeutendsten Köpfe der jüngsten Generation, eine schöne seltene Treibhauspflanze der Juliusbewegung ist der Verfasser dieses Romans und jener weichen, bunten, phantastischen, poetischen Briefe, die als „Briefe eines Narren an eine Närrin“ manch unzugängliches Herz für die Ideen unserer Zeit gewonnen. Den vollen Gehalt des Gemüthes schüttete er in künstlich gebauten Briefen über uns aus und regte eine so schöne Begeisterung an, die nach den Mitteln, wodurch sie hervorgebracht war, nicht fragte und den Mangel natürlicher Mittheilung gern übersah. Hat sich jetzt die Begeisterung noch einmal versteckt? Ist Gutzkow aus Furcht vor der Polizei bis nach Tibet geflohen? Wegen der entschiedenen Fähigkeit des Autors kennt die Kritik keine Schonung für ein Talent, das auf falschen Wegen wandelte. Der Roman „Maha Guru“ ist mißlungen.

Dieser Roman, wie die frühere Arbeit, trägt einen lyrischen Charakter an sich. Lyrisch wird die gegenständliche Darstellung, in welcher der Stoff nicht mit plastischer Einfachheit seine Schönheit enthüllt, sondern wo sie erst durch die Art der Behandlung hinzutritt, wie in manch phantastischem Mährchen, in den humoristischen Romanen Jean Paul’s. Es herrscht die Mittheilung, das freie Geschwätz vor, dessen natürlichen, genialen Einfluß der oft durchbrechende Ton wahrhaft lyrischer Begeisterung und subjectiver Einmischung erhöht. Das bloße Gelüste, den künstlerischen Charakter Tieck’s nachzuahmen, in diesem Geiste zu dichten, reicht nicht hin. Wer durch geistreiche Mittheilung in Briefen und Satyren eine Hinneigung zum Rhetorischen bekundet wie Karl Gutzkow, schreibt leicht nur einen schulgerechten Roman. Conception, Zusammensetzung, Behandlung und Styl des Maha Guru athmen Wohlredenheit und künstlich berechnete Zusammenfügung. Es wurde jedoch eine Fülle poetischen Details verarbeitet.

Die einfache mittheilende Rhetorik erzeugt selbst mit lyrischen, poetischen Gaben nicht leicht ein dichterisches Werk. Warum strömt man den poetischen Gemüthsgehalt nicht in Werken und Formen aus, deren Wesen die Rhetorik nicht zerstört, worin die natürliche Mittheilung durchbrechen kann, Phantasie und lyrische Mittel wünschenswerth sind? Es ist ein altes Schulgeschwätz, man solle keinen poetischen Gedanken, keinen poetischen Erguß in prosaische Erzeugnisse fließen lassen, der Styl, welcher ein poetisches Colorit habe, sey verwerflich. Das sind Thorheiten vor aller Erfahrung erkünstelt und bei Beurtheilung der geistreichsten Autoren, eines Platon, Tacitus, neuerer Mystiker, eines Herder und Heine unanwendbar. Diese Sätze waren für die kleinen Fähigkeiten jener Leute erfunden, die sich ein halbes Leben lang abmühen, um einen schulgerechten Styl, eine nüchterne Wohlredenheit zusammenzubringen. Diese Prosaisten schrieben auch unsere Aesthetik, es waren Kritiker vom Fache. Da kam Jean Paul mit seiner herrlichen Vorschule, und obwohl selbst kein Stylist ersten Ranges, gab er doch die kostbarsten Bemerkungen über den Styl. Seine Nachfolger durchbrachen die alten Schranken, ohne die Herren Eberhard, Gruber und Pölitz um Erlaubniß zu fragen.

Der Autor des Maha Guru ward von Interessen angeregt, die den Geist angenehm beschäftigen, Stoff zu vielseitiger Betrachtung geben, aber durchaus nicht poetische Bearbeitung anregen können, weil das Interesse kein poetisches ist, deshalb auch nicht Grundlage für Poesie. Die Interessen dieses Buches sind die tibetanische Vielmännerei, die Fabrication der Götzenbilder und ein dabei begangenes Verbrechen, und vorzüglich die Schicksale des Gottes Maha Guru. Wo liegt die Poesie in diesen Verhältnissen? Der Hauptgedanke des Romans knüpft sich an die tibetanische Sitte, durch die Priester aus den Reihen der Menschen einen Gott zu erküren und diesen zu seiner Würde zu erziehen. Der Gottesgeist geht nach dem Tode eines Himmelsfürsten in einen neuen Menschenleib über. Von seinen Jugendjahren an verharrt Maha Guru in einem beschaulichen Gottesleben, er entsagt selbst der Liebe. Als aber der Gott seine Ohnmacht und Abhängigkeit unerträglich, das irdische Glück aber benei-[143]denswerth findet, begibt er sich bei einer großen Umwälzung mit seinen Brüdern und der geliebten Jugendfreundin in einsame Verborgenheit. Hier wird er Mensch, lebt friedsam, seine Liebe stirbt, er stirbt, vorbereitet als ein ächter Fürst des Himmels. Daraus springt die Idee klar in die Augen: Um ein Gott zu werden, müsse erst eine wahrhafte Menschwerdung vorausgehen. Dieser Stufengang bildet den Verlauf des Romanes. Ist der Verlauf, die Idee irgend poetisch? Ich zweifle nicht, daß ein philosophischer Gedanke darin liege. Aber der Autor gibt poetische Erfindung, er verspricht Poesie. Mußte er nicht Wort halten?

Auch die poetische Erfindung ist nur Schein. Das Poetische, das man in diesen Verhältnissen auffinden konnte, wird zusammengetrieben, eine Menge localer, geistreicher, satyrischer Staffage, mannichfaches Romanmaterial zusammengehäuft, es gruppiren sich mehrere Nebenpersonen, es blüht Intrigue, Kampf, Gericht und Umwälzung, kurz es wird ein solches Potpourri von Beziehungen hineingeworfen, aber dem Ganzen mangelt der Reiz der Einheit, der Poesie. Es führt die Phantasie keine Entwickelung, kein Bild vorüber, das mit unwiderstehlicher Gewalt das Auge fesselt. Es ist eine nach Romanweisen aus vielerlei Material zusammengesetzte, mehr mit Scharfsinn berechnete, als durch Phantasie geschaffene Composition. Es ist die Poesie des Calcul, eine phantastische Algebra. Den Personen werden psychologische Merkmale umgehangen, sie tragen auf ihren Achseln diesen oder jenen Gedanken, sie thun dies und das, aber sie sind nur schattenartig, haben kein Gesicht, kein Blut, geben kein Bild. Man kann nicht sagen, daß sie verzeichnet sind, aber sie sind nicht ausgezeichnet, es sind Umrisse, bei denen man an das Verschiedenste denken kann. Sie interessiren nicht, am wenigsten Maha Guru, dieser luftige Held, er ist so wenig bedeutsam wie die Composition des Romans. Das meiste Interesse erregt Hali-Jong, der Götzenfabricant, die Umrisse werden stärker, die Verwickelung ist größer, doch ich fühle an den Puls, es ist kein Pulsschlag, kein Leben darin. Kein Charakter, keine Person steht lebendig vor dem Auge. Bezeichnet dies nicht genügend den rhetorischen Autor? Der Roman wurde aus Poesie, Philosophie, Geschichte geknetet – eine Mischung, die nichts befriedigt, eine veraltete, verfehlte Weise, mit deren Abweisung die Literaturgeschichte seit Xenophon’s Cyropädie beschäftigt ist. In tausend Formen kehrt sie wieder. Wenn der witzige, feine Voltaire seine Candide schreibt, so nimmt man die Form hin. Man weiß, daß er in dem leichten Gewande die lebhaftesten Interessen der Zeit behandelt. In diesen Compositionen, denen man launige, rasche, poetische Erzählung nicht absprechen wird, gab er seinen Landsleuten den Geist und das Gift seines Jahrhunderts. Der Witz rauschte in glänzenden Brillantfeuern, wie kecke Schwärmer zuckten die Launen und Satyren des feinen Arouet umher. Er war ein Mann der Bewegung, der niemals sein Ziel verfehlte. In Westindien ließ er seine Helden agiren, um der Macht gegenüber einen Deckmantel zu haben, die fremdartigsten Sitten und Gebräuche bilden den Hintergrund, er zeigte seinen Mitbürgern die Verschiedenheit und machte sie für die Veränderung empfänglich. In den Narrheiten der Ausländer spiegeln sich die Vorurtheile der Franzosen. Und das schrieb er stets scharf, kurz, witzig. Es war nicht Poesie, es war nur poetisch-speculative Production. Damals herrschte der Witz, mit dem Verstande erkünstelte man die Abfassung, aber Geist war darin und poetische Fülle, mit genialer Gewalt strömt dieser Geist durch die Adern dieser matten, unbedeutenden Formen. Ich vertheidige diese Formen nicht, aber der Geist, der Witz, das Leben, welches darin ist, vertheidigt sich selbst. Voltaire hat eine halbe Welt damit entzündet. Die neuere Zeit setzte den Humor auf den Thron, doch die heutigen Männer der Bewegung bleiben in subjectiven Formen der Poesie. Allmälig ringt sich eine Novelle ab, deren Form so schneidend ist wie ein Schwert. Der Witz calculirt leichter, er verträgt sich mit rhetorischen Gewändern, er legt den Domino an. Der Humor aber ist nackt, der Geist des Humors duldet die Maske nicht, er besiegt das Gemüth mit eigenen Kräften. Der Verf. des Maha Guru hat keinen Humor, wohl aber humoristische Laune, Satyre und Witz – die lyrische Stimmung erhält ihn weicher, desto leichter calculirt er und benutzt seinen Detailreichthum. Die Form aber drückt den Geist darnieder, die Rhetorik überspannt das Ganze, er verfehlt auch den Zweck der Bewegung. Wo bleibt die Leichtigkeit, die Grazie, die wirksam offenkundige Absicht das Ganzen? Zu einem künstlerischen Romandichter fehlt der Poet, und zu einem Producte der poetisch-kritischen Bewegung mangelt die Schärfe, die Entschiedenheit in Stoffeswahl und Behandlung. Er zielt, aber er trifft nicht. Diesen Fehlschuß vergibt ihm die Kritik nicht.

Gleichfalls rhetorisch ist die Behandlung. Wo die Erzählung plastisch werden will, wird sie dürr und trocken, wo das lyrische Geschwätz vorwalten soll, übt die rhetorische Darstellung all ihre künstlichen Gänge, läuft allen Gedankenwendungen nach, das Material und die Außenwelt wird wie im Würfelspiele herumgeschüttelt. Man sieht nicht natürliche Eindrücke, nicht Erfahrung, man meint einen Autor zu lesen, der die Welt nur den Worten und den Begriffen nach [144] kennt, der all seine Erfahrung aus Büchern und Phantasmen genommen. Dies sind bare Mängel an einem Dichter. Man kann ohnedies ein recht guter Schriftsteller seyn, aber in Dichtungen wird alle Färbung bleich, rhetorisch, buchgelehrt. In den lyrischen Theilen findet sich viel Satyre, viel geistreiches Spiel des Verstandes und der Phantasie, man hört manch unmittelbares Wort des Verfassers. Das ist die glänzende Seite des Buches, im weiten Romane wirkt sie jedoch störend, und als Einzelnes wird es allzusehr von der unschönen Erzählung auseinandergehalten. Soll ich noch einen Hauptzug dieses Geistes aussprechen, so mache ich auf die Sophistik der Rede, der Behandlung aufmerksam. Gutzkow wird sogar dialektisch. Er geht jeder Gedankenwendung nach, er versetzt sich dahinein und behandelt sie mit glänzender Redekunst. Die Gerichtsscene des Hali-Jong am Schlusse des ersten Theiles kann deshalb als ein Meisterstück der Wohlredenheit gelten.

Der Styl Gutzkow’s hat sich den übrigen Anlagen gemäß ausgebildet, er ist kunstreich, glatt, eben und gebildet, er hat die ganze Leichtigkeit eines französischen modernen Schriftstellers. Maha Guru imponirt sogar durch die Gleichheit der Behandlung. Doch Alles ist absichtlich und gekünstelt, die natürlichsten, piquantesten Worte schmiegen sich in die weite Fläche, die keinen Reiz, keine Erhöhung, keine Formen duldet. Wer ohne poetisches Interesse solch reich durchwebte Schriften lesen kann, findet genugsam Anregung und Beschäftigung. Viel geistreiche Ideen und Anschauungen wenden sich in dem Buche herum. Das natürliche Talent des Verfassers hat sich vielleicht auf ein fremdes Gebiet gewagt. Wer so viel Laune, Geist, Satyre und Witz beherrscht, wen ein so glückliches Redetalent unterstützt, der vermag weit mehr als rhetorische Romane zu erkünsteln. Möge ihm das Glück lächeln!

5.1.2.2. Literarisches Wochenblatt der Deutschen National-Zeitung, 23. Februar 1834#

▄[Anon.:] Maha Guru. Geschichte eines Gottes. Von Karl Gutzkow. In: Literarisches Wochenblatt der Deutschen National-Zeitung. Braunschweig. Nr. 7, 23. Februar 1834, S. 60-61. (Rasch 14/3.02.23)▀ 

5.1.2.3. Wolfgang Menzel, 24. Februar 1834#

[Wolfgang Menzel:] Maha Guru. Geschichte eines Gottes. Von Karl Gutzkow. In: Literatur-Blatt. Stuttgart u. Tübingen. Nr. 20, 24. Februar 1834, S. 77-80; Nr. 21, 26. Februar 1834, S. 81-83. (Rasch 14/3.34.02.24)

Der geistreiche Verfasser der Briefe eines Narren an eine Närrin hat in diesem neuen Werke sein großes Talent auf eine noch glänzendere Weise beurkundet. Seit Ludwig Tieck gab es keinen, der so jung an Jahren, schon so reif an Geist und Phantasie gewesen wäre. Wir fragen nicht, ob er die Klippen und Strudel vermeiden werde, die dem jungen Genius von allen Seiten drohen; wir sind schon jezt überzeugt, daß er unter den Schriftstellern deutscher Nation eine bedeutende Rolle übernehmen und behaupten wird.

Maha Guru ist der beste Roman, der seit langer Zeit geschrieben wurde; er erinnert entfernt an die Romane von Tieck und Steffens, aber von denen Tiecks unterscheidet er sich durch das ganz eigenthümliche Kolorit, und die von Steffens übertrifft er durch seine epische Ruhe und edle Einfachheit. Die Buchhändler-Annonce rechnet diesen Roman unter die philosophischen. Wie kalt das gleich klingt. Wahrlich dann ist die Sakuntala und dann sind Crebillons Werke auch philosophische Romane, so sehr sie auch unter einander verschieden sind. Wir haben in Maha Guru überall nichts von philosophirender kühlender Altklugheit gefunden, überhaupt nichts, was man subjektiv nennt, Auskramen der eignen Gefühle und Meinungen. Wenn darin hin und wieder philosophirt wird, so sind es Chinesen, Tibetaner, so ist es der sich selbst für den lebendigen Gott haltende Dalai Lama, welcher philosophirt, und das ist so originell und fremd unsern Begriffen, daß jeder Leser wohl an der Wirkung, die das Buch auf ihn macht, empfindet, die Philosophie diene hier nur der Poesie, wie bei Shakespeare.

[Es folgt eine teils wörtliche, teils zusammenfassende Wiedergabe des Romananfangs bis die beschwerliche Reise unternommen hatte. (13,9)]

Unsere Reisenden übernachten unterwegs. Da gesellte sich unter einem Zuge fanatischer Pilger ein junger Schaman zu ihnen, der die schöne Gylluspa von Jugend auf gekannt und geliebt hatte, aber nicht so glücklich war, als sein jüngerer Bruder Maha Guru, auch wieder von ihr geliebt zu werden. „Wer hätte in ganz Klein-Tibet so kunstvolle Charaktere auf Seidenpapier zeichnen können, als des Götzenfabrikanten Hali-Jongs geistreiche Tochter? [...] Vielleicht liegt in dieser Annäherung die symbolische Lehre, daß namentlich die Frauen auf nichts hören sollen, was sie nicht auch zu gleicher Zeit mit ihren Augen wahrnehmen.“ Sie fragt zärtlich nach dem Schicksal ihres Geliebten, von dem sie lange nichts gehört hat. Der eifersüchtige Schaman spricht in räthselhaften Worten von ihm.

Sie kommen in Lassa an. Der arme Hali-Jong geht sogleich in das Kloster der schwarzen Gylongs. Eben wird Gottesdienst gehalten. „Er öffnete unbedenklich die Pforte, bog den Vorhang, der das dunkle Vestibul von der Rotunde trennte, und schwamm jezt in einem Meere von Licht und aufgeschreckten Tonwellen. [...] Aus sechsfüßigen Trompeten klangen Töne, die das Weltgericht hätten ankündigen können; die Kesselpauken und die Metallbecken, Gongs genannt, wurden dazu mit [79] einer Präcision geschlagen, die auf ein tiefes Studium dieser Instrumente schließen ließ.“ Welche Wonne für Hali-Jong, da er seine eignen selbstgemachten Götzen wiedererkannte, vor denen das Volk in Andacht lag. Aber seine Freude währt nicht lange. Das Ketzergericht beginnt [...].

Nun werden wir in die Wohnung des chinesischen Korrespondenten oder Gesandten oder Beaufsichtiger am Hofe des Dalai Lama in Lassa versezt. „Dieser Mann trug eine kleine Calotte von gesticktem, seidenem Zeuge, die vorne mit einer weißen Perle verziert war, und ein kahles, mit einem mühsam gesammelten Zöpfchen versehenes Haupt bedeckte. [...] Es folgte nicht nothwendig aus seinem Stand, daß schwarzseidene Stiefel seine Füße bekleideten, aber bezeichnend war es, daß er in ihnen (denn sie waren weit genug dazu) eine Anzahl Akten und ein vollständiges Schreibzeug versteckt hatte.“ Er empfängt so eben einen diplomatischen Besuch, es handelt sich um den neuen Lama. Auch seine kluge Schwester hilft mit regieren. [Es folgt ein Langzitat zur Charakterisierung Schü-Kings von Wir haben Leang-Kao-Tsu, kaiserlich-chinesischen Korrespondenten (52,13-14) bis [80] dann weinte sie mit ihrem Bruder, aber der Nagel war verloren. (54,13)] Neben dieser Schönen erscheint ferner noch ein junger chinesischer Stutzer, Tschu-Kiang, Oberst der Truppen, den sie wie einen Pudel zu ihrer Belustigung dressirt hat, da er nach ihrer reichen Hand trachtet.

Man bereitet sich zu einer Prozession und zum feierlichen Empfang des neuen Gottes. „Die Menge harrt mit Sehnsucht, daß auf den Thürmen desselben die Fahnen aufgesteckt werden, welche den Moment bezeichnen, da sich der Herrscher auf seinen Thron niederläßt. Ein donnerndes, weit in den Bergen nachhallendes Freudengeschrei wirbelt in der Luft, und bringt einem Thale nach dem andern die freudige Kunde von dem erschlossenen Jenseits.“ Niemand anders aber, als der schöne Jüngling Maha Guru ist der Glückliche, in dessen Leib die allmächtige Gottheit einkehrt, und der den Thron des Dalai Lama mit liebenswürdiger Unschuld einnimmt. Welch heitre Religion, die den Gott im Kindes- und Jünglingsalter sucht, während der christliche Papst immer ein finsteres Greisenalter besitzen muß!

Maha Guru glaubt an seine Göttlichkeit und spricht darüber mit seinen Brüdern, dem schon bekannten Schamanen und dem Kalmuckengeneral, der seine Leibwache befehligt. Sehr artig ist die Naivetät, mit welcher er über die Unvollkommenheit dieser Welt zur Rede gestellt wird und dieselbe entschuldigt. Er lustwandelt im Garten mit den wonnevollen Empfindungen eines Gottes, der in dem eben erst von ihm geschaffnen Paradiese wandelt. Da erblickt er die schöne Gylluspa und vergißt den Gott, oder läßt sich vielmehr als ein echter heidnischer Gott zu der schönen Erdentochter gnädig herab. Sie weiß noch nicht ein Wort davon, daß er ihr Gott ist. Endlich, da sie überrascht werden, erfährt sie es, und fällt für todt nieder.

Mittlerweile wird der wahnsinnig gewordene und an sein Verbrechen selbst glaubende, sich für den ärgsten Gotteslästerer haltende Künstler, Hali Jong, von der Geistlichkeit verurtheilt und trotz Maha Gurus Rettungsversuche hingerichtet, denn der Gott ist oft schwächer, als die, die ihm dienen. Der Wahnsinn Hali Jongs ist sehr geistreich geschildert. Auch Gylluspa wird in ein Kloster eingesperrt, da man ihr Verhältniß zu dem Gotte muthmaßt. Da überlegt der Schamane, daß er nie zu ihrem Besitz gelangen könne, wenn nicht zuvor sein Bruder in demselben sey, und daß auch dieser ihm für immer würde entsagen müssen, falls es nicht gelänge, ihn von seinem göttlichen Thron wieder in die gewöhnliche Menschheit herunterzuziehen, denn dem Dalai Lama ist Umgang mit Weibern aufs strengste untersagt. Der Schamane läßt sich also in eine Verschwörung ein, welche den Thron von Lassa an den Dalai Lama von Teschulumbo (einen Nebenpapst von einer abweichenden Sekte) verrathen soll. Auch der Korrespondent wird ins Komplott gezogen und reist mit seinem possierlichen Diener Ho-Po nach Teschulumbo, wo wir unter andern auch einen Engländer, Namens Dickson, als Befehlshaber der Artillerie kennen lernen, den einzigen Europäer, der in diesem mit der dankbarsten Oekonomie behandelten Roman vorkommt. Neben ihm glänzt Dhii-Kummuz, der geistliche Hofnarr des dortigen Lama. Da sich übrigens der chinesische Korrespondent hochmüthig benimmt, wird er eingesperrt, versucht die Flucht und kommt in den Gebirgen um. Seine Schwester hat unterdeß die Zügel der Regierung an seiner Statt ergriffen und beherrscht den Gott, den sie heimlich liebt.

[81] Einmal besucht sie den Harem ihres abwesenden Bruders. Diese Scene ist äußerst originell: [Es folgt ein Auszug aus der Opiumszene von Alle Weiber drangen auf sie ein (197,19) bis und waren bald von balsamischen Rauchwolken umhüllt. (199,2)] Nun berauschen sie sich in den Dämpfen und bekommen Phantasien. [Es folgt ein weiterer Auszug von Die Entzückungen wurden anhaltender (199,28) bis daß ich meinen treuen Freund, den Doctor, in meine Arme schließe!“ (200,32)]

Die Katastrophe naht. Der Teschu-Lama rüstet sich. Dickson hält tiefsinnige Vorlesungen über die Artillerie: [Es folgen Zitate aus Dicksons Tiraden von „Die Hauptsache bleibt Folgendes: Artillerie ist Alles (230,11) bis Verwirrung, und man muß in diesen Sachen über alle Maßen deutlich seyn (231,13) und [83] der Schilderung von der Ankunft feindlicher Truppen in Lassa, Auf dem Berge Botala (252,23) bis als der General athemlos hereinstürzte (253,11).] Maha Guru, im Gefühl seiner Gottheit, lächelt nur über die Gefahr und kehrt ruhig zu seinem Buch zurück, aber der Feind kommt wirklich, und es gelingt dem Schamanen, bis ins Schloß zu dringen und seinen göttlichen Bruder zu entführen. Unterwegs rettet der Gott selbst seine Geliebte Gylluspa aus den Flammen des brennenden Klosters, und alle drei entkommen.

Der Teschu-Lama besteigt den göttlichen Thron. Schü-King heirathet ihren Obersten. In einem fernen Thal verborgen aber lebten die beiden Brüder mit ihrer gemeinschaftlichen Gattin Gylluspa nach tibetanischer Sitte. Der Schaman hatte seinen Zweck erreicht, starb aber bald und mußte dem gestürzten Gotte den Alleinbesitz der Heißgeliebten überlassen. Maha Guru drückte in hohem Alter seiner treuen Gefährtin die Augen zu und ging dann, seinen Diener zurücklassend, ins Gebirge. [Es folgt ein Zitat aus dem Romanschluss von Als der Diener von der Höhe des Berges verschwunden war (288,3) bis daß das innere warme Leben noch nicht ausgehaucht ist. (288,32)].

5.1.2.4. Allgemeine Literatur-Zeitung, Dezember 1834#

▄[Anon.:] Schöne Literatur. Stuttgart u. Tübingen, b. Cotta: Maha Guru. Geschichte eines Gottes von Carl Gutzkow. 2 Theile. In: Allgemeine Literatur-Zeitung. Halle u. Leipzig. 1834, Bd. 3, Nr. 212, Dezember 1834, Sp. 480. (Rasch 14/3.34.12.1)▀ 

5.1.2.5.  F. Marlow, 9. Juli 1835#

F. Marlow [d. i. Ludwig Hermann Wolfram]: Maha Guru. Geschichte eines Gottes. Von Karl Gutzkow. In: Blätter für literarische Unterhaltung. Leipzig. Nr. 190, 9. Juli 1835, S. 781-783; Nr. 191, 10. Juli 1835, S. 785-787. (Rasch 14/3.35.07.09)

Ich habe wol zuweilen, als ich noch vor vier Jahren auf der Hochschule zu Berlin war, gegen Abend oder gegen Morgen bei Stehely am Gendarmenmarkt gesessen, halb trübselig und in mich gekehrt bei einer Tasse schwarzer Chocolade und habe nachgesonnen, die Hände auf der Brust, die Stirn gerunzelt und die Lippen wie zum saugenden Kuß halbgeschlossen, was deutsches Schriftstellerthum sei. Vor mir wandelten und saßen im Zwielicht, welches die französische Kirche, das Schauspielhaus und die Jalousien veranlassen, ein ganzes Dutzend deutscher Schriftsteller, dicke und dünne, alte und junge, ernsthafte und ironische, backenbärtige und schnurrbärtige; der eine trank Thee, der andere aß Brottorte, der dritte schlürfte Orgeade, der vierte nippte Bischof, der fünfte nippte gar nichts; der eine las das „Militairwochenblatt“, der andere durchstöberte den „Freimüthigen“, der dritte suchte den „Consitutionnel“ und der vierte studirte den „Gesellschafter“; der eine ging schwarz, der andere grau, der dritte hellgrün, der vierte in einer andern lichten Farbe, der fünfte wäre lieber gar nicht gegangen, wenn er zu Hause Ruhe gehabt hätte; der eine blickte behaglich, der andere gutmüthig, was zwar eine Seltenheit ist, aber sich doch in Berlin vorfindet; der dritte sah hypergenial und unternehmend aus, der vierte speculirend wie ein Staatsschuldschein, der fünfte ganz monoton wie ein Glas Wasser. Ich studirte sie alle, ich pikirte mich auf sämmtliche Physiognomien vom ersten bis zum zwölften; ich belagerte ihre Mienen, die Bollwerke ihrer Gesichter so systematisch und weitschweifig wie der Artilleriegeneral Dickson in Gutzkow’s „Maha Guru“; ich ließ es mir mein Geld kosten; ich setzte mich meinen Lieblingen zu Gefallen über so manches grauliche Gesicht hinweg, das verletzend, versteinernd an mir vorüberstarrte; ich versäumte Theater, Bostonkränzchen und meine Bekanntschaften, aber es hat mir dennoch nichts geholfen. Ich bin zwei Jahre lang bei Stehely aus- und eingegangen, im staubigen wie im schmuzigen Wetter, und bin noch immer ebenso sehr im Dunkeln über deutsches Schriftstellerthum wie damals, als ich zum erstenmal, ein stiller, blöder Gast, im letzten orientalischen Zimmerchen am bunten Marmortischchen meinen Sahnenkuchen verzehrte. Ich bin mittlerweile selbst wo nicht ein Schriftsteller, doch ein Recensent geworden und weiß dennoch zu meinem Kummer heute nicht mehr als damals.

Es ist mir schon beigefallen – und kostet mich manche Verstimmung –, ob ich mir meinen Unverstand nicht selbst vorzuwerfen habe. Ich bin von Kindesbeinen an von weichem Haar und weichem Sinn gewesen, und das hat mich frühzeitig schon zur Poesie hingezogen. Schon als Knabe von acht Jahren wandelte ich einsam mit Kosegarten’s Gedichten unter dem Arm am kreidefelsigen Ufer der Saale hin und las, mit in die Abendsonne getauchten Blicken, auf einem Felsenvorsprung von fast 6 Fuß Tiefe, das lange Gedicht: „Arkona“, welches mir damals in der Seele herumgrollte wie ein Ungewitter. Als ich nun, so von der Poesie großgesogen, in späterer Zeit erkennen lernte, daß es deutsche Schriftsteller gebe, da beging ich den Fehler der Empfindsamkeit, daß ich mir diese zweideutigen Wesen nicht anders denn als Poeten denken konnte. Meine Reflexionen über diesen Gegenstand gingen ungefähr nach folgender Methode: Muß man nicht, so fragte ich mich, wenn man schreibt, denken? Muß also ein Schriftteller nicht Gedanken haben? Und was sind Gedanken? Sind Gedanken nicht die Blüte des Geistes? Ist aber nicht die Poesie des Geistes herrlichste, lieblichste, erschlossenste und doch tiefste Blüte? Ein Blumenkelch, in dessen Innerstes kein Auge blickt und aus dessen farbendunkelm Abgrund es nur herzinnig herausduftet? Muß mithin nicht der Schriftsteller, welcher Gedanken hat und sie auf das Papier bringt, ein Dichter sein?

Jeder heutige Mann von der Feder, sei er auch vom leichtesten Caliber, sieht aus dieser Schlußfolge deutlich, wo mich eigentlich der Schuh drückte. Und dieser empfindliche Druck war nichts Anderes als die Einheit des Traumes und Denkens, in welcher ich, mit entschiedener Anlage dazu bereits geboren, großgezogen ward. In den Garten deutscher Poesie mich verstohlen und schüchtern in ein Winkelchen setzend, sah ich über diesen grünen Bäumen, zwischen diesen dichtbewachsenen Felsen, über diesen spiegelhellen Seen die Sonne auf- und untergehen; ich saß in [782] Mondnächten und sonnte mich an stillen Betrachtungen; ich sah unglückliche Traumgestalten an mir vorüberziehen, ich träumte, ohne ein Poet zu sein, von nichts als Poesie, und in diesen aufwärts und abwärts schwebenden Phantasiewolken glaubte ich lichte und ewige Gedanken zu schauen und das Räthsel der Welt gelöst zu sehen. Daß das Leben ein Traum war, habe ich schon in meinem zwölften Jahre gemerkt, als einst im leipziger Stadttheater Calderon’s Schauspiel vor meinem entzückten Auge aufgeführt ward; aber die höhere Potenz, daß dieser trübe Lebenstraum wieder zum lichten Gedankenreich werden sollte und müßte, dies grübelte ich Ungeschickter, ich Phantast aus jeder noch so wüsten Erscheinung heraus, die mir poetisch vorkam.

Es war schlimm, daß ich ein Narr war, und noch schlimmer, daß ich in meiner Narrheit selig war.

Daß ich mich nicht zu weit verliere und zu weit gegen mich zeuge: ein einziges Buch in der ganzen deutschen Literatur hat mich belehrt, was deutsches Schriftstellerthum sei, und ich glaube nun wenigstens im Klaren darüber zu sein, und auf dieses Glauben, im Klaren zu sein, kommt ja eben Alles an, denn der Glaube macht selig. Der Glaube, geistreich zu sein, hat alle deutsche Schriftstellerinnen selig gemacht von der Karschin an bis auf Therese Huber und weiter herab. In diesem Glauben haben sie Wunder gethan, Hände aufgelegt, Kranke geheilt, Todte auferweckt, Geister aus dumpfiger Erde heraufbeschworen, die gern weiter geschlafen hätten; in diesem Glauben haben sie gelitten Spott und Schmach der Literaturblätter, haben sich verhöhnen lassen vor ganz Deutschland und dennoch weiter geschrieben. In diesem Glauben sind sie eingegangen zu ihres Herrn Freude; und wer weiß, ob sie nicht dereinst in diesem Glauben auferstehen werden mit einer Velinpapierausgabe ihrer sämmtlichen Werke. Der Glaube macht selig, und wer mir zu solchem Glauben an mich selbst verhilft, der ist mein Erlöser. Und zu ihm hat mir, wie gesagt, ein einziges Buch in der deutschen Literatur verholfen, und dies Buch ist: „Maha Guru, Geschichte eines Gottes“, von Karl Gutzkow.

Ich weiß nicht wer Karl Gutzkow ist; man kann es auch von mir nicht verlangen, daß ich es wissen soll, denn ich habe die größten Weltbegebenheiten im Garten der deutschen Poesie verträumt und bin ein Neuling in der Welt und in Süddeutschland. Ich weiß nicht, wer Karl Gutzkow ist, ob er mein Freund oder Feind, ob er ein Christ oder Heide, ob er jung oder alt ist (wiewol ich das Letzere glaube); ich weiß nicht, ob ich einmal an table d’hôte mit ihm gespeist oder im Postwagen mit ihm gereist bin; ich weiß nicht, ob ich ihn im ersten oder zweiten Rang gesehen, ob ich ihn noch sehe oder jemals sehen werde: aber das weiß ich, daß er ein Genie ist. Ich weiß auch, daß er einst, etwa vor vier Jahren, die Welt im Licht erblickte und daß die Welt ihn im Licht erblickte. Begreift man nun das Licht nach der indischen Weltanschauung als das Ebenbild der Emanation des göttlichen Geistes, als das Gleichniß der Götterwelt selbst, so muß man sagen, daß nie ein Dichter sich größer angekündigt hat als Karl Gutzkow. Denn was liegt nicht Alles in dem herrlichen Ausspruch: Er wandelt im Lichte.

Es ist Schade, daß Karl Gutzkow seine Novellen später geschrieben hat als den „Maha Guru“; denn was ist eine Novelle, was sind sechs Novellen gegen die Geschichte eines Gottes! Eine Novelle ist nichts als die Leidensgeschichte der armen Menschen in nuce auf 15-20 Bogen, welche mit zwei Louisdor oder drunter bezahlt werden. Eine Novelle ist die Jammerhistorie der Gegenwart, der armen, zerrissenen, verworrenen, zerfleischten, skalpirten, skelettirten Gegenwart; eine Novelle zeigt, welche Blütenbäume in Deutschlands Literatur verwelkt und eingegangen sind seit Vater Gleim und Hagedorn; eine Novelle führt uns mit anscheinender Behaglichkeit und Gemächlichkeit in einen anscheinend kleinen Cirkel, in welchem sich anscheinend gewöhnliche Menschen bewegen; sie zeigt uns die alte Tante mit ihren alten Gedanken und Skrupeln, den guten Onkel mit seinen seligen Eigenheiten, die junge Braut und den jungen Bräutigam, Beide nach der neuesten Mode zugestutzt; sie zeigt uns einen Cavalerieoffizier, einen katholischen Geistlichen, einen reichen Grafen, einen hellen Salon, einen Ball, einen effectuirenden Pistolenschuß, einen melancholischen Seufzer, ein Mädchen im Sarge, und endlich eine übernächtige Verzweiflung, welche sich am Spieltisch und bei der Grisette zu trösten weiß. Dieß Alles ist gewöhnlich, ist alltäglich, ist wohlbekannt; aber was drüber ist, was die Novelle nicht zeigt, das ist vom Uebel. Die Novelle zeigt nicht den unglücklichen Poeten, der sie bei einem Lichte, bei einem Glas Wasser, bei seinen verzehrenden Erinnerungen aus dem wüsten Gehirn um Mitternacht herausquälte; sie zeigt nicht die schreckliche Monotonie der Empfindung, welche Allen gemeinsam ist, denn jede will ja originell sein; sie zeigt nicht die Gefühle, unter welchen sie von dem einsamen, schwindsüchtigen Mädchen bei Mondschein gelesen wird; sie zeigt nicht die verführten Jungfrauen alle, welche zu spät in der Darstellung des grausamen Novellisten erkennen, daß und wie sie sich hätten ein Beispiel nehmen sollen; sie zeigt nur das Eine, daß alle Reue zu spät ist, und daß es für leichtsinnig verlorene Ehre keine helle Zukunft mehr gibt; und auch Das zeigt sie nicht, denn das untergegangene Individuum der Wirklichkeit muß ja selbst erst diese Folge qualvoll aus ihr herausschöpfen.

Es ließe sich über diese Ohnmacht der Novellen so Vieles sagen, wenn nicht das Wort über diese Sache so unerfreulich und herzbrechend wäre. Wohl dem Dichter, der über die Leiden der Menschheit, über die Karls von Karlsberg der Gegenwart sich hinwegsetzt und aus den Himmeln des Brama sich einen Gott stiehlt, um ihn göttlich leiden zu lassen. Denn an dem Leiden eines Gottes kann sich der Mensch erwärmen, weil er fühlt, daß solch Leidwesen nicht von dieser Welt ist. Aus der Welt hinausgerückt muß der Mensch werden und will es, dann wird es ihm erst wohl. In der Welt ist es ihm übel, [783] denn die Welt ist alltäglich und das Alltägliche ekelt. Hundert Millionen Menschen, kann man annehmen, ekeln sich vor der Welt, in der sie leben; sie suchen nur einen Punkt, um hinauszuschweben, wenn auch nur auf Stunden; sie dringen ins Meer, in die Wüste, in den Himmel, nehmen Flügel der Morgenröthe bis zur Achse des Erdballs, meinend, dort seien sie aus der Welt; aber sie sind es nicht, denn es gibt ein ungeheueres, unsichtbares Band, das immer zurückhält und das ist die Erinnerung. Und die Erinnerung ruft Jedem höhnisch zu, welch Leid er auch tragen mag, sei es das allerentsetzlichste: O Gott, das Leben ist doch schön!

[785] „Maha Guru“ ist die Geschichte eines Gottes, eines Wesens, das zwar in die Welt gesetzt erscheint, aber aus dem ewigen Himmel des Dalai Lama, mithin nicht in die Welt gehört; denn daß Gott in der Welt sei, ist ja der Glaube der Pantheisten, und die Pantheisten sind verketzert von Göttingen aus, von Halle aus und von Berlin aus. In diesem Novellistenproceß, der Gott in die Welt setzt, in die er nicht gehört, ist der Lesen eo ipso aus der Welt genommen.

Und worin besteht nun die Leidensgeschichte dieses Gottes, der die Leser so freundlich der Welt enthebt? Hier ist sie:

Gylluspa, die Schwester Hali Jony’s, Heli Jony’s, Hili Jonys und Holi Jonys, lange getrennt von ihrem alten Geliebten Maha Guru, befindet sich auf der Reise. Ein Schaman erklärt ihr seine Liebe. Aber Gylluspa, das herrlichste Wesen des Orients, eine Jungfrau ohne allen Tadel, will von solcher Liebe nur dann wissen, wenn auch Maha Guru, der Einzige, Unvergeßliche, ihr eigen bleibt. Da erfährt sie, daß Maha Guru, ihr Einziger, eben als Dalai Lama in Lassa auf den Thron gelangt ist. Es hat sich also erwiesen, daß er ein Gott ist. Beide Liebende finden sich in Lassa wieder und ihre frühe Neigung wird durch dies Wiedersehen zur vollkommenen Glut gesteigert. Aber Maha Guru’s Göttlichkeit stellt sich als die unüberwindliche Scheidewand entgegen. Die Verzweiflung ist groß und der Untergang für die Liebenden alle Drei gewiß. Aber der Schaman, Maha Guru’s Bruder, ist kräftig und erfinderisch; er findet Gelegenheit, seinen Bruder vom Throne zu stürzen, und führt ihn, der in allen Händeln der Welt ganz unerfahren ist, in ein einsames Thal, wo Beide mit Gylluspa zusammentreffen und sie zum Weibe nehmen. Maha Guru, der als ein Gott ein zäheres Leben hat, sieht den Bruder und die Gattin sterben und besinnt sich in dieser abermaligen Vereinsamung wieder auf seine Göttlichkeit. Er nähert sich wieder dem Himmel, seiner Heimat, stellt sich auf einen hohen Berg, richtet den rechten Arm in die  Höhe und läßt den linken in grader Linie bis in die Hüften herabsinken. Die Finger beider Hände ballt er fest zusammen und bleibt so, ein Ewigstrebender, der himmlischen Heimat zugewendet:

[Es folgt ein Zitat des Romanschlusses von Und so steht der Andächtige (288,20) bis der Himmel hat einen seiner ersten Fürsten wieder. (289,15-16)]

Alles Ernstes sei es gesagt: Was ist gegen dieses ungeheuere Bild des auf einem Beine, gleich einem Nagel stehenden und himmelaufstrebenden Maha Guru jede andere verwandte Sage der spätern oder frühern Zeit? Was ist dagegen die Mähr von dem berühmten Stiliten, der 30 Jahre lang auf einer Säule, aber doch auf zwei Füßen stand? die Sage vom alten Friedrich Barbarossa auf dem Kyffhäuser, dem der Bart schon längst durch den steinernen Tisch gewachsen ist, von dem grauen Rip van Winkle, der 25 Jahre lang auf dem Gebirg schlief und zu einer neuen Generation endlich heimkehrte. Was ist dagegen die Sage vom reitenden Küster, der von der güldenen Aue auf einem schwarzen Roß bis nach der Wüste Sahara in 87 Viertelstunden ritt, oder die noch furchtbarere von dem Hol-[786]länder, der sich ein Bein hatte machen lassen, das von einer Maschine in Bewegung gesetzt ward und welches nun mit ihm durch ganz Holland lief, bis er verschieden war, und auch dann lief das Bein noch fort und machte einen Abstecher nach Belgien, bis der Holländer auf seinem grausamen Beine schon verwest war. Was ist gegen diese gewaltige Mähr von Maha Guru selbst die traurige Wirklichkeit des unglückseligen Hölderlin, der seit 30 Jahren und drüber lebt, seinem Bewußtsein entfremdet? Maha Guru’s Schicksal ist größer als dieser Aller, denn es enthält eine geistige, entsetzlichere Wirklichkeit, und darum ist auch dieser Schluß des Buchs von Karl Gutzkow das Einzige, dem die Betrachtung sich zu widmen wünscht.

Denn wer ist dieser Maha Guru, der auf dem Berggipfel sonnaufgewandt auf einem Beine steht, zwischen dessen Füßen Bienen Honig bereiten und unter dessen Armhöhle Vögel ihre Nester bauen; dieser sehnsüchtig immer schwächer und schwächer athmende Maha Guru, auf den die himmlischen Heerscharen in weißen Gewändern vergeblich warten? dieser bald über den rechten, bald über den linken Flügel seiner Nase emporstarrende Gott (?), den das Irdische, nein, das Erdenhafte zwar matter und matter, aber doch ewig bindet (denn mit der unsäglichen Erwartung schließt ja doch das Buch!) Wer ist dieser ewige Dalai Lama, gräßlicher als der ewige Jude, weil er auf einem Beine stehen muß? – Wer dieser Unselige ist? O lächle nicht, lieber Leser, bei solchem Ernst! es ist Niemand anders als der deutsche Poet selber.

Wir kennen Alle den Mythus von Ganymed, welchen Zeus, der olympische, zu sich hinaufzog an seine breite Götterbrust. Einst war die Poesie ein solcher Ganymed. Niemand fodere, daß dies Einst als Wann und Damals näher bezeichnet werde. Wer nur einmal im Haine der Dichtung gewandelt ist, sei es auch im Traum, in der Weinglut oder im wollüstigen Liebeszittern gewesen, der wird wissen und erkennen, daß es einst ein solches Einst gegeben. Damals schritt die Poesie wie ein heiterer, herrlicher Jüngling mit vollem Haar und offnem Busen für den einwühlenden Morgenwind, mit glühendem, suchendem Auge durch die Gefilde hin, schiffte über Seen, durchstrich dunkler Wälder Nacht, bis sie auf ihrem heiligen Berge Zion nicht ermattet, aber freudig anlangte. Dort breitete der Jüngling seine kräftigen Arme aus[,] bog den ambrosischen Leib vor- und aufwärts, nicht wie Vestris und Taglioni, wenn sie ein Balancé riskiren, sondern wie der Adler, der seine breiten Schwingen über der lauen und blauen Luftschicht entfaltet. Verlangend blickte er hinauf nach den goldenen Wolken, der Wohnung des Donnerers, nicht zweifelnd, sondern gewiß und froh, daß sie sich öffnen würden; und Abschied nahm er, den letzten von der Erde in feierlich-heiterm Gesang und Hymnus, und was er verließ, war nicht die kalte, feuchte, dunkle Erde, vor der einem graut, sondern das farbengrüne, sonnige Irdische, das man auch im ewigen Himmel nicht vergißt. Und in diesem Abschiednehmen öffnete sich schon die blaue, goldene Wölbung, und Zeus sandte seinen Adler – die Poesie war bei dem Vater:

Willst du in meinem Himmel mit mir leben,

So oft du kommst, er soll dir offen sein!

Das war Damals. Es gibt aber auch ein Jetzt der Poesie. Um uns aus dieses vorzubereiten, dazu diene folgende Stelle aus dem Buch des Gottes:

[Es folgt ein Zitat des autobiographischen Einschubs von Ich stand einmal in dem Vorzimmer eines Ministers (209,31) bis schickte ich an Herrn Campe in Hamburg meine Narrenbriefe. (211,5-6)]

Und dies wäre denn der poetische Ganymed von heute. Wie anders sieht er aus als damals; er hat keine Gesänge, lebendig und gesund, um freudig Abschied zu nehmen von der Erde; er hat nur eine Reitpeitsche. Er hat keine Brust voll wahrhaftiger Sehnsucht; er hat nur die Tasche, worin zwei Orangen. Er hat kein vollbewegtes, überreiches Herz, das auch dem höchsten Gott des Himmels zu genügen vermag; er hat nur Eckposen und einen Uhrschlüssel – einen Uhrschlüssel, um zu sehen, wie lange es noch dauert, bis das Weltall ohne Gott sei. Armer Ganymed, ich sehe dich wandeln über die Poststraße und über den Mühlendamm; ich sehe deinen steifen, abgelebten Schritt, ich sehe das junge Alter deiner entmarkten Züge, ich sehe deine feine Cravatte, deine leidlichen Manschetten, dein zierliches Backenbärtchen, und ich weine darüber, daß in ihm kein freudigeres Gesicht steckt; ich sehe auf deine silberbrocatne Weste, aber ich vermisse da die goldne Glut, von welcher Heine einst sang, daß sie ihm das Gilet durchbrenne; ich sehe auf das Papier, das du unter dem Arme trägst, ich kenne seine Bestimmung, ich weiß, daß nur acht Tage dazu gehören, um es beschrieben zu machen (denn, Ganymed, du besitzest Geist!); ich weiß ferner, daß du es zeitig genug an den [787] Mann bringen wirst, der dir so viel dafür zahlen wird, als hinreicht, um dich mit Bequemlichkeit auf eine neue Novelle zu besinnen. Das ist gut und schön; aber wenn du, lieber Ganymed, nur nicht mit solchem Thun dem Teufel deine Seele verbrieftest! Du gewinnst Gold, aber was soll dir das Gold? Hast du nicht schon ohne dies zu dünne Beine und schwächliche Waden? Du gewinnst Ehre? Was ist Ehre? Ein Leichenstein, nein, mehr als ein Leichenstein, ein Vampyr ist sie, – der dein Herzblut trinkt. Was hilft dir die Verlängerung eines so unersprießlichen irdischen Daseins? Endlich mußt du doch den Qualm der Städte, deinen Schreibtisch, deine Weinstube, deine Theaterloge verlassen und fortpilgern nach dem Berge des Maha Guru, denn du hast ja doch auch ein Herz, ein Gefühl für Ewiges und für den alten Kroniden, dessen Liebesruf dir durch das Morgengewölk herabtönt. Und so pilgerst du durch blühende Gefilde hin nach deinem heiligen Berge, aber die Blüte dieser Gefilde ist dir nichts als eine ewige Wüstenei; du schiffst hinüber über das Wellenkühl der Seen gleich dem alten Ganymed, aber es kühlt dich nicht, es freut dich nicht, denn dein Dichten, Glauben, Lieben und Hoffen ist gestorben. Du bekommst auf dem schwanken Nachen die Seekrankheit und mußt vomiren. Endlich stehst du ermattet, halbentseelt, zusammengesunken bis in deine knöchernen Knie auf dem Ararat deiner Hoffnung. Aber wie stehst du dort? Wie Maha Guru, wie der unglückliche Dalai Lama. Siehe, wie lieblich bricht das Morgenroth im Osten herauf, röther und röther, dann blasser und blasser, zur hellen Sonne werdend und dann wieder sich in den uralten Westen tauchend mit noch purpurfarbnerer Glut; siehe, wie lieblich kühlt dich der Morgenwind, ruft nach dir aus dem Blütenthal die Nachtigall! Hast du noch Gefühle – o aus allen Poren deines welken Leibes müssen sie hinaus- und hinaufströmen bei diesem Liebesseufzer. Aber umsonst, du kannst nicht rufen: Ich komme! nur sehnsüchtig ächzen: Wohin, ach wohin!

Und kein Dahin öffnet sich dir jemals; denn erinnere dich, daß du Maha Guru selbst bist! In der That bindet dich nur noch ein leises Athmen an die Erde; deine Seele möchte den Weg zur Unsterblichkeit hinaufschweben, aber ewig muß sie zurückschweben in ihren irdischen Sitz, der, obwol verwelkt, zermorscht, elend und krank, doch nimmer zusammenstürzt, denn der Erdgeist mit seinem Rechte siegt. Die Götter sitzen im Glanz ihrer Herrlichkeit und winken dem jungen Greise, aber keiner sendet seinen Adler, dich hinaufzutragen. Alle Genien des Himmels stehen in weißen Kleidern mit Palmen in den Händen und großen Seligkeiten – es bedarf nur des letzten Athemzuges –, aber die schwächlichen Lungen sind zu zähe und kein Athemzug will der letzte sein.

Und so hätte denn dieser Schluß des Büchleins das Räthsel deutsch-modernen Poeten- und Schriftstellerthums gelöst. Darum wende sich Niemand gedankenlos von diesem Buche, denn in ihm ist die literarische Gegenwart zu ihrem Bewußtsein gekommen. „Maha Guru“ steht höher als tausend Novellen, denn er zeigt die Richtigkeit und die unendliche Qual nicht der Schöpfungen, sonder der Schöpfer auf, zeigt es in einer Darstellungsweise, die in ihrer Art nicht vollendeter sein und werden kann.

Und so verlasse ich diesen „Maha Guru“, nicht spottend und scherzend, sondern mit heiligem Ernst, und Niemand glaube, daß ich nicht dem seltenen Talent seines Schöpfers volle Gerechtigkeit widerfahren ließe. 

5.1.2.6. Saint-René Taillandier, 1844#

Saint-René Taillandier: De la littérature politique en Allemagne. I. Les Romanciers et les Publicistes, la jeune Allemagne et la jeune école hégelienne. In: Revue des Deux Mondes. Paris. Jg. 15. Nouvelle série, Bd. 5, 1844, S. 995-1040; zu Maha Guru S. 1008-1009. 

[1008] [...] «Maha Guru, histoire d’un dieu», est un livre fin et spirituel, où l’ironie est douce et conduite avec art. Il y a là plus d’une intention comique, plus d’une fine satire, et M. Gutzkow, en persévérant dans cette voie, pouvait se créer une originalité véritable que l’art n’eût point repoussée. Je connais peu d’inventions aussi plaisantes que celle-là: ce pauvre statuaire indien, ce directeur de la manufacture d’où sortent les images du culte du Lama, accusé d’hérésie et d’athéisme, parce qu’il a un peu changé le type consacré, parce qu’il a raccourci ou allongé le nez d’un dieu; le concile de Lassa qui délibère sur ce crime, et se décide à condamner sans miséricorde une atteinte si grave portée aux dogmes; les plaintes résignées du pauvre Hali-Yong, c’est le nom du statuaire; l’horreur qu’il a lui-même de son crime, le voyage qu’il entreprend avec une obéissance [1009] passive pour subir la sentence de ses juges et se faire brûler à Lassa: tout cela compose un tableau fin et comique, où la part est habilement faite à la satire du présent. Rappelez-vous, si vous voulez, quelqu’une des chinoiseries de Voltaire. La seconde partie du roman est moins heureuse. L’auteur y développe, sous le voile de sa fable, son opinion particulière sur les destinées du christianisme, et ces idées, qu’il emprunte aux théories saint-simoniennes, ont souvent porté malheur à son imagination. Maha Guru, élevé pour être dieu, pour succéder au grand Lama, est éperdument épris de Gylluspa, la fille de Hali-Yong. Gylluspa l’aime aussi; mais quoi! aimer son dieu, aimer d’un amour si ardent le dieu suprême, l’intelligence infinie! Maha Guru est-il dieu véritablement? est-il bien l’incarnation du grand esprit? C’est de cela qu’il s’agit. S’il est dieu; il sauvera Hali-Yong; s’il n’est qu’un homme, Gylluspa pourra l’aimer sans crainte, et ce que la fille désire, l’amante le redoute. Mais non: Maha Guru ne sauve pas Hali-Yong; au lieu d’être une divinité, il aspire à être un homme et à pouvoir aimer Gylluspa. Quand il l’aura aimée, quand il aura pris sa part des joies de cette terre, quand il aura vécu enfin, il sera bien temps pour lui de reprendre sa divinité et de remonter au ciel. Maha Guru, pour M. Gutzkow, c’est le christianisme qui doit sortir des voies ascétiques, entrer dans le monde, se marier enfin avec la terre, et bénir toutes ses joies. Il est facile de reconnaître là le roman de 1834, la prédication saint-simonienne ; mais l’audace n’est pas heureuse. Ce mélange de doctrines sociales et d’inventions souvent bizarres, l’enchevêtrement de la théorie avec la fable où l’auteur s’amuse, embarrassent singulièrement cette dernière partie; le prédicant fait tort au spirituel conteur, et lui enlève la grace malicieuse de ses premiers chapitres.

5.1.2.7. Revue critique des livres nouveaux, 1845#

[Anon., möglicherweise Joël Cherbuliez:] Maha-Guru, Geschichte eines Gottes von Karl Gutzkow (Maha-Guru, histoire d’un Dieu, par Charles Gutzkow); Frankfurt, 1 vol. in-16. In: Revue critique des livres nouveaux. Genève, Paris. [Nr. 11], November 1845, S. 381-402. (Rasch 13/2.45.11.2 N)

[Im wesentlichen eine ausführliche Wiedergabe des Inhalts mit einem knappen Urteil am Ende (S. 402)]:

L’auteur offre l’alliance bien rare du savoir profond avec l’imagination la plus féconde, et l’on ne peut qu’admirer l’art qu’il déploie dans ces peintures de moeurs si étranges, d’usages tellement en dehors de toutes nos idées, et auxquels cependant il nous fait trouver un si vif intérêt. A ces qualités précieuses, M. Gutzkow joint encore le mérite d’un style plein de charme et l’absence de toute prétention pédantesque.

5.1.2.8. Bibliothèque universelle de Genève, 1848#

Maha Guru, par Karl Gutzkow. Traduction libre de l’allemand. In: Bibliothèque universelle de Genève. Genf u. Paris. Bd. 7 (1848), S. 68-114, 224-250, 363-388, 479-503. (Rasch 19.48.1 N)

[Freie, stark gekürzte Übersetzung von Maha Guru auf der Grundlage der Werkausgabe von 1845, mit folgender redaktioneller Bemerkung nach der dritten Fortsetzung:]

[250] Nous donnerons dans notre prochain numéro la fin de ce roman qui [...] nous a paru digne, par son originalité piquante, d’intéresser nos lecteurs.

 5.1.2.9. Magazin für die Literatur des Auslandes, 1848#

[Anon.:] Gutzkow’s Maha Guru. In: Magazin für die Literatur des Auslandes. Berlin. Nr. 32, 14.03.1848, S. 128 (Rasch 14/3.48.03.14 N)

▄[Zu der Übersetzung des Romans in der „Bibliothèque Universelle de Genève“, 5.1.2.8.)▀

 

 5.2. Weitere Zeugnisse zur Rezeption#
 5.2.1. Autobiographische und briefliche Äußerungen Gutzkows#
5.2.1.1. Karl Gutzkow, 1875#

Karl Gutzkow: Rückblicke auf mein Leben. Hg. von Peter Hasubek. Münster: Oktober Verl., 2006. (Gutzkows Werke und Briefe, Abt. VII, Bd. 3) 

Die Examina an sich fürchtete der Gewinner eines akademischen Preises [Gutzkow selbst] nicht; aber der bewegte Horizont der Zukunft ließ ihm den Athem nicht frei. Nur noch auf die anbrechende große Zeit war sein Sinnen gerichtet, auf häusliches Arbeiten, Lesen, Excerpiren Selbstversuchen im Schreiben, lyrisches und dramatisches Dichten. Unregelmäßiger wurden die Collegia, die er „belegt“ hatte, besucht. Bücher, Zeitschriften ersetzten das ermattende Studium der Brotwissenschaften. Ging auch das letztere immer noch auf eine Oberlehrerstelle, die in der That im Jahre 1833 ambirt wurde [...], so war doch schon von mir „Maha Guru, Geschichte eines Gottes“ (und sogar beim Schiller-Goethe-Verleger Cotta) erschienen, worauf dann Examinandus seine Meldung zur mündlichen Prüfung zurücknahm. (S. 13-14)

Eine Anerkennung für meinen „Maha Guru“, der für Jeden langweilig sein mußte, dem nicht sein Bildungsstandpunkt das aufgewendete Material von Interesse machte, hatte ich nicht gesucht. Als Wolfgang Menzel das Buch besprach [vgl. 5.1.2.3.], wählte er unter den Vignetten, die auf den einzelnen Nummern seines Blattes abzuwechseln pflegten, einen Lorbeerkranz und ließ zweimal meinen Namen hineinsetzen. Das konnte mir bei dem Ansehen des Morgenblattes genügen. (S. 132)

Dieser scharfsinnige Kopf [Gustav Schlesier, vgl. 5.1.2.1.] nun [...] sagte mir eines Tages, als ich in Leipzig war und sogar bei Laube selbst wohnte: „Uebrigens sind Sie in Ihrer Production auf dem Holzwege! Sie ahmen Voltaire und Diderot nach! Voltaire und Diderot haben sich als ästhetische Muster überlebt; Sie brauchen ja nur an Wieland zu denken. Ihr „Maha Guru“ liest sich wie Zadig oder Candide. Herzblut müssen Sie zeigen! Den Charakter der Gegenwart treffen! Sich Ihre Brust aufreißen! Nur „modern“, specifisch „modern“ muß der Schriftsteller von heute sein! Die deutsche Literatur darf nur noch den Weg wandeln, den allen Literaturen Europas die Baronin Dudevant, Georg Sand, vorgezeichnet hat!

Sprach’s – und sein Wort schmetterte mich nieder. [...] Mein mächtig mich fortreißendes „Herzblut“ kannte ich vollkommen, es wallte und wogte bei jeder Gelegenheit, wo die Ideen der neuen Zeit im Spiele waren. Hatte ich aber einen nur darstellenden Zweck, die Aufgabe einer Erzählung, eine künstlerische Absicht, so dämmte ich die Wallungen des Herzens zurück, legte seinem mächtigen Pulsschlage Mäßigung auf [...]. Nicht aus Kälte des Gemüthes beschränkte ich mich. Es war die nachhaltige, von mir so oft den Andern empfohlene Scheu vor den Gesetzen der Kunst. [...] Dennoch muß ich gestehen, daß Gustav Schlesiers Auslassung meine Vorrede zu Schleiermachers Briefen über die Lucinde und die Wally veranlaßte. (S. 18-19)

 5.2.1.2. Karl Gutzkow, 1834#

Karl Gutzkow: Vorrede. In: Novellen. Hg. von Gert Vonhoff. Münster: Oktober Verl., 2017 (= Gutzkows Werke und Briefe. Abt. I, Bd. 3). S. 6-7.

Es ist sehr dunkel und unanständig auf den Gassen Deutschlands. Alles macht sich durch die Göttin der Gelegenheit. Diese trat einst zu einem jungen blonden Manne und sprach zu ihm also:

„Du gabst Narrenbriefe heraus, welche selbst für Kluge zu gescheut waren. Du schriebst eine Göttergeschichte, und die Welt ist zu ab- und gegengöttisch, als daß Du Dich damit bei ihr empfehlen könntest. Du brütest schon über neuen Plänen, welche an Unpopularität die frühern noch überbieten dürften. Sieh Dich vor! Verscherze Dein Talent nicht! Zu den Bedürfnissen steige herab, laß Deine Götter Menschen werden, gleich uns! Gieb Dir um keinen Preis den Anstrich der Neuheit, sondern wirf Dich in die abgetragenen Kleider Deiner Vorgänger! Erfinde Dir allerhand kleine Anekdoten, lüge Dir Zeit, Ort, Stunde, Menschen zusammen, schreibe Novellen! Laß Deinen kalmückischen Namen immer mit gothischen Lettern drucken, sprich im Lapidarstyl von Dir selbst, und laß Dich an allen Orten und Ecken erblicken. Dann wird man sich nicht mehr vergessen über die Stirn fahren, wenn man Deinen Namen nennt. Sondern mit unauslöschlichen Zügen wirst Du dann in dem Gedächtniß einiger tausend Menschen leben, welche über die Unsterblichkeit zu Gericht sitzen.“

 5.2.1.3. Gutzkow an Gustav Schlesier, 16. Januar 1835#

Karl Gutzkow an Gustav Schlesier, Frankfurt/M., 16. Januar 1835. (Rasch 7.1911.5)

UBFM, Nachlass Karl Gutzkow, A 2 I, Nr. 35,16 (H)

Meine Narrenbriefe wurden doch geboren in einer aufgeregten Zeit, wo man überall hörte Qui vit? u seine Parole sagen mußte: aber später schickt’ es sich doch, einzulenken, in die Form, in die Einheit, in die Kunst: Mein Maha Guru mag so arg sein, wie Sie ihn geschildert haben, aber er verrätht doch die Sehnsucht nach dem Ganzen u Abgerundeten. 

5.2.1.4. Gutzkow an Gustav Schlesier, 10. Juli 1835#

Karl Gutzkow an Gustav Schlesier, Frankfurt/M., 10. Juli 1835. (Rasch 7.1911.5)

UBFM, Nachlass Karl Gutzkow, A 2 I, Nr. 35,190 (H, maschA)

In den Blättern f. l. Unt. steht eine Kritik über Maha Guru [vgl. 5.1.2.5.]. Daß Schufte, Weiber u Magister an den Blättern arbeiten wußt’ ich; aber jezt lern’ ich auch einen Wahnsinnigen kennen. Kann ein Vernünftiger das geschrieben haben, was dort über mich conjekturirt wird? 

5.2.1.5. Karl Gutzkow, 1839#

Karl Gutzkow: Vergangenheit und Gegenwart. 1830-1838. In: Jahrbuch der Literatur. Erster Jahrgang. 1839. Mit H. Heine’s Bildniß. Hamburg: Hoffmann u. Campe, 1839. S. 1-110. (Rasch 4.39.1)

Kap.: Gedanken im Kerker (Wörtlich aus meinem Tagebuche entnommen, als ich hörte, daß meine Schriften von Preußen für immer verboten wären). (= eGWB, Abt. IV, Bd. 6.2, pdf 1.0, S. 49).

Noch einmal aber überschlich mich der schöne Traum einer gesellschaftlichen Wirksamkeit. Ich gebe Alles auf, ich fange wieder von Vorn an, werde Jurist und setze mich zu den Studenten in Heidelberg und München, aber ich hatte zu tief den Becher der Freiheit gekostet; den Tag schenkt’ ich Justinian, die Nacht den Musen. Die Nacht verzehrte den Tag; ich versank in eine Subjektivität, die nur eine einzige objektive Grundlage hatte, das Unglück. Ein Vorhang darüber! Die mein Herz getödtet haben, tragen die Schuld, daß ich mit todtem Herzen denken, dichten konnte. Ich bin wieder in Berlin. Mich versteht Niemand. Alles, was in meinen Knaben- und Jünglingserinnerungen verflochten ist, rennt der Krippe des Staates zu; jedes Wort, das ich höre, ist knapp, kurz, zugemessen, ganz in der herzlosen Art, die man am Rhein die preußische nennt. Maha Guru existirt nicht, selbst bei denen nicht, denen ich das Buch in die Hand gab. Ich werde verwildern; ja schon hass’ ich die Bildung, der ich mein Denken verdanke. 

5.2.2. Zeitgenössische Zeugnisse#
 5.2.2.1. Eduard Beurmann, 1837#

Eduard Beurmann: Vertraute Briefe aus Preußens Hauptstadt. 2 Thle. Zweiter Theil. Stuttgart u. Leipzig: Rieger, 1837. S. 239-240.

[239] [...] Man hat Gutzkow mit Voltaire verglichen und seinen Schriften die giftigsten Folgerungen entnommen. [...] Sind sie wirklich der Art, wie man sie bezeichnet hat, so hat Deutschland vorzüglich von ihnen nichts zu fürchten; denn gewisse Dinge liegen dem deutschen Volke fern. [...] Die Intelligenz wird sich nicht durch sie bestimmen lassen, für die [240] Einfalt der Menge sind diese Poesieen nicht faßlich genug, an der Nichtswürdigkeit ist endlich nichts zu verführen.

Die „Lucinde“ Schlegels, die „Candide“ Voltaire’s [...] und unzählige andere Schriften der Art haben in Deutschland keine Resultate hervorgerufen, trotz dem, daß man ihre Vorzüge würdigte. Und die meisten jener Schriften waren weit populärer, weit faßlicher für die Menge gehalten, als die „Wally“. Jezt erst sucht man die Wally zu lesen [...]. Aber Gutzkow’s „Maha-Guru“, der doch im Grunde nichts Anderes, als die „Wally“ enthält: eine Verspottung der socialen Verhältnisse und der Offenbarung ging spurlos an seiner Zeit vorüber, weil die Kritik, statt mit dem Schwerte der Vernichtung diese Erscheinung zu bekämpfen, sie mit dem Lorbeer poetischer Weihe umkränzte. Wolfgang Menzel, der das Anathem über „Wally“ aussprach, war eben jener Kritiker, der dem „Maha-Guru“ nur Preis und Ruhm zu spenden hatte [vgl. 5.1.2.3.]. Dort, oder hier muß Einseitigkeit, oder Persönlichkeit im Spiele gewesen seyn; denn wie lassen sich zwei so entgegengesezte Urtheile über dieselben Tendenzen in Einklang bringen?

5.2. Rezeptionsgeschichte#

Maha Guru schlug im Gegensatz zu den viel schwieriger zu lesenden ,Narrenbriefen‘ beim Publikum wenig bis überhaupt nicht an. Möglicherweise ahnend, dass der Roman aufgrund seines gedanklich anspruchsvollen Inhalts nicht gerade zum Renner würde, versuchte Gutzkow, die Leseerwartung zu steuern, indem er dem ersten Vorabdruck im „Morgenblatt“ (11. Oktober 1833) eine Vorbemerkung beifügte (5.1.1.1.). Er betonte neben dem unterhaltsamen Charakter eines Tibet-Romans vor allem den satirisch-philosophischen Ernst, der in einer auf reine Unterhaltung ausgerichteten Novellenzeit eine Seltenheit darstelle. Mit der Erwähnung des Lamaismus wird der Hinweis auf den philosophischen Charakter des Romans in eine theologische Richtung weitergeführt. Der auf diese Notiz folgende Auszug aus dem dritten Kapitel rollt als Anreiz ein satirisches ,Sittenbild‘ der chinesischen Welt auf.

Die Verlagsannonce, die Cotta in der ersten Jahreshälfte 1834 in einigen Tageszeitungen und Zeitschriften drucken ließ, und die im Juni 1834 dann auch in der „Außerordentlichen Beilage“ zur verlagseigenen „Allgemeinen Zeitung“ erschien (5.1.1.2.), betonte ebenfalls, der Verfasser habe einen seit Wielands Zeiten aus der Mode gekommenen „philosophischen Roman“ vorgelegt. Diesen habe er aber durch seine ganz „eigenthümliche“ Darstellung von „Lamaismus und chinesischer Sitte“ zu einem „mannichfaltigen Gemälde menschlicher Zustände“ gemacht. „Das gebildete Publikum“ sei durch dieses Werk angesprochen – eben jenes, das Gutzkow viel später in den Rückblicken die gebildete Gemeinde der 1830er Jahre nennt, und dazu habe etwa der berliner vornehme Judenkreis gehört, wo man bei der Erwähnung von Leihbibliotheken-Literatur verächtlich mit den Augen zu zwinkern pflegte (4.1.12).

Die Reaktion aus diesen erhofften Leserkreisen blieb jedoch dürftig. Der im November 1833 erschienene Roman des noch wenig bekannten Jungautors wurde spärlich rezensiert; Raschs Bibliographie verzeichnet zwischen 1834 und 1836 insgesamt sieben Besprechungen im deutschen Sprachraum. In Frankreich gab es, hauptsächlich aufgrund der zweiten Ausgabe, Mitte der 1840er Jahre eine eigene kleine Rezeptionswelle. Was Deutschland betrifft, sei im folgenden exemplarisch auf drei Kritiken eingegangen, die sich in der Bewertung deutlich unterscheiden.

Die Rezension von Wolfgang Menzel im „Literatur-Blatt“ (5.1.2.3.) reiht Maha Guru unter jene Werke ein, die den (vom Kritiker vergebenen, als Vignette über der Rezension gedruckten) Lorbeerkranz verdienten. Gutzkow war noch im Alter auf diese Ehrung ebenso stolz wie auf das Erscheinen des Romans bei Cotta (Rückblicke, GWB VII, Bd. 2, S. 13 und S. 132; auch Dokumente zur Rezeptionsgeschichte, 5.2.2.2.1.). Außer dieser Ruhmesgeste enthält Menzels Kritik aber nur allgemeine Äußerungen des höchsten Lobes: Der junge Autor habe „sein großes Talent auf eine noch glänzendere Weise beurkundet“ als in den ,Narrenbriefen‘, erinnere in diesem Roman an Steffens und Tieck, unterscheide sich aber von letzterem durch „das ganz eigenthümliche Kolorit“ und habe entgegen der Verlagsannonce keinen „philosophischen“ Roman vorgelegt, sondern einen, bei dem die „Philosophie [...] nur der Poesie [dient], wie bei Shakespeare“. Die Messlatte für literarische Leistung könnte nicht höher liegen. Ansonsten besteht die Rezension aus Inhaltsangabe und Exzerpten. Darunter findet sich kurioserweise ein sehr langes, das die Opiumszene im Harem (197-202) wiedergibt (→ Globalkommentar, 6.6.). Derselbe Kritiker, der 1835 die Wally moralisch in Grund und Boden verdammte, findet hierzu nur die einleitenden Worte: „Diese Scene ist äußerst originell.“

Die negative Bewertung Gustav Schlesiers in der von Laube redigierten „Zeitung für die elegante Welt“ (5.1.2.1.) löste im literarischen Schaffen Gutzkows eine Wende aus (5.2.1.1.). Die Kritik kam aus einer ideellen Richtung, die als ,sensualistisch‘ bezeichnet werden kann und zu der Gutzkow sich seit seiner Reise mit Laube im Sommer 1833 immer mehr hingezogen fühlte. Laubes „Elegante“ löste bei ihm die Funktion des literarischen Richter-Organs bzw. des Parnaß ab (Rückblicke, GWB VII, Bd. 2, S. 20), die Menzels „Literatur-Blatt“ bislang für ihn gehabt hatte. Deshalb traf ihn diese Rezension tief, wie auch die spätere mündliche Kritik Schlesiers, die er in den Rückblicken (S. 19, auch 5.2.1.1.) überliefert. Schlesier äußert gleich zu Beginn seiner Besprechung, dass Gutzkow als „[e]iner der bedeutendsten Köpfe der jüngsten Generation“ eine schonungslose Kritik verdiene, um der Gefahr eines weiteren literarischen Abirrens zu begegnen. Kategorisch wird konstatiert: „Der Roman ,Maha Guru‘ ist mißlungen.“ Begründet wird das Urteil dadurch, dass der Autor in diesem Werk zwar gedanklich, aber nicht künstlerisch kreativ gewesen sei. Er habe sich durch ideelle „Interessen“ leiten lassen. Die Übermacht des Gedanklichen gebe rhetorischen Darlegungen Vorschub, die zwar glänzend ausfallen könnten wie in der Verteidigungsrede Hali-Jongs vor dem Tribunal, aber weder im Leser noch im politischen Leben insgesamt „Bewegung“ auslösen könnten, wie es Voltaire vermochte. Beim ebenfalls durch Ideen geleiteten Voltaire habe eine Handlung, die in ferne Weltgegenden versetzt war, durch Witz ins Herz der zeitgenössischen Verhältnisse Frankreichs getroffen und die revolutionäre Gärung in Gang gebracht. In Maha Guru sei weder die witzig-schlagende noch die romanhaft-poetische Seite befriedigend ausgebildet. Fazit ist, dass das Werk aus Stubengelehrtheit, aber nicht aus dem Leben geschaffen und daher undichterisch sei:

Man sieht nicht natürliche Eindrücke, nicht Erfahrung, man meint einen Autor zu lesen, der die Welt nur den Worten und den Begriffen nach kennt, der all seine Erfahrung aus Büchern und Phantasmen genommen. Dies sind bare Mängel an einem Dichter.

Gerade als ,Dichter‘ hatte Gutzkow sich doch zu platzieren gehofft; der Maha Guru, so schrieb er 1835 an Schlesier, verrate ganz im Gegensatz zu den politisch bekenntnishaften ,Narrenbriefen‘ eine künstlerische Sehnsucht nach dem Ganzen u Abgerundeten (5.2.1.3.). Es wurde ihm aber aus dem eigenen Laube-Schlesierschen Lager bescheinigt, dass er mit einem solchen Werk dichterisch nichts bewegen werde. Die Wende, die sich daraufhin in ihm vollzog, war, Herzblut zu zeigen wie die höchst ,moderne‘ George Sand in ihren Romanen (5.2.1.1.). Damit ging die innere Lösung von Menzel und seiner puritanisch-patriotischen Kunstauffassung einher. Gustav Schlesiers Auslassung, schreibt Gutzkow in den Rückblicken, habe ihn zu der Vorrede zu Schleiermachers Briefen und der Wally veranlasst: eine wahrlich folgenreiche Kritik.

Eine erst 1835 erschienene Besprechung in den „Blättern für literarische Unterhaltung“ (5.1.2.5.) stellt in der Rezeption des Romans ein Kuriosum dar. Verfasser war Ludwig Hermann Wolfram, der unter dem Namen F. Marlow schrieb und wohl eine Existenz am Rande der bürgerlichen Gesellschaft führte (Houben, Jgdt. St. u. Dr., S. 28). Für ihn ist außer der Gestalt des Maha Guru der Roman eigentlich unwesentlich; er liest die Hauptfigur, und speziell ihre yogihafte Erwartung des irdischen Endes am Romanschluss, als Ausdruck für das Leiden des modernen Poeten. Einst, so Marlow, sei die Poesie wie Ganymed zu den Göttern emporgehoben worden. Die Erinnerung an das göttliche Urbild, „ein Gefühl für Ewiges“ beseele auch den echten Poeten von heute, der sich aber in jeder Hinsicht an die prosaische Wirklichkeit verdingen müsse. Der Rezensent erwähnt den nur noch als körperliche Hülle lebenden Hölderlin, „seit 30 Jahren [...] seinem Bewußtsein entfremdet“. Was sei dieser tragische, einst Göttliche unter den Poeten aber gegen die Symbolfigur, die Gutzkow am Ende seines Romans zeichne? 

Wer ist dieser ewige Dalai Lama [...]? – Wer dieser Unselige ist? O lächle nicht, lieber Leser, bei solchem Ernst! es ist Niemand anders als der deutsche Poet selber.

In stetiger Hinwendung auf das Ewige, in Sehnsucht nach dem göttlichen Ursprung der Poesie, gefesselt aber an das stets materialistischer werdende Dasein, friste dieser Erbe der deutschen Klassik sein Leben. Marlow bemerkt daher eine autobiographische Passage in Maha Guru, die sonst eher rätselhaft oder unbedeutend scheinen könnte, die aber in der Tat die unwürdige Existenz eines deutschen Schriftstellers, der sich sein Brot mühsam verdient und um Gehör bei einem Minister ersuchen muss, veranschaulichen kann (209,31-211,6; → Globalkommentar, 6.5.) Gutzkow zeige ja nur zu deutlich durch das, was er seit Maha Guru publiziert habe, nämlich die Novellen, in was für ärmlichen, alltäglichen, trivialen Niederungen ein so inspirierter Dichter wie er sich umtreiben müsse. Diese Ausführung scheint teilweise wie ein Echo auf die Vorrede Gutzkows zu den Novellen (5.2.1.2.), wo der Autor sich selbst ironisch den Rat gibt, keine anspruchsvollen, unverstandenen Göttergeschichten mehr zu schreiben, sondern zu den Bedürfnissen hinabzusteigen und Novellen auch für das Lesepublikum von Leihbibliotheken zu liefern, wohlgemerkt, um dies unbemerkt den höheren Ideen zuzuführen. Ins Zentrum der jungdeutschen Schriftsteller-Problematik trifft Marlow mit der Bemerkung, der zu Hohem befähigte schreibende junge Mann von heute sei wie ein vorzeitig gealterter, schwächlicher Greis, der Welt überdrüssig, aber noch viel zu zäh dem Leben verhaftet. Die Figur Cäsar in Wally, die Zweiflerin verkörpert eben diesen Typus. Daher sollte Gutzkows Kommentar zu Marlows Rezension, sie sei wohl von einem Wahnsinnigen verfasst (5.2.1.4.), nicht ganz wörtlich genommen werden.

In Frankreich erfuhr Maha Guru in den vierziger Jahren eine eigene, positive Rezeption. Sie begann mit einer Interpretation des ,homme de lettres‘ und Germanisten Saint-René Taillandier, die zuerst 1844 in der „Revue des Deux Mondes“ erschien (5.1.2.6.). Taillandier betont die Originalität der Einfälle und die Finesse von Gutzkows Ironie vor allem bei der Darstellung des Götzenfabrikanten Hali-Jong. Im Witz dieses Orientbildes fühlt sich der Kritiker, wie zuvor Schlesier, an Voltaire erinnert. Dagegen kann er sich mit der – für ihn saint-simonistisch gefärbten – Botschaft, die den zweiten Teil dominiere, nicht anfreunden. Hier tue der Prediger dem geistreichen Erzähler unrecht und nehme ihm die boshafte Anmut der ersten Kapitel: „le prédicant fait tort au spirituel conteur, et lui enlève la grace malicieuse de ses premiers chapitres.“ Die zweite Ausgabe des Romans in den Gesammelten Werken 1845 veranlasste eine Inhaltswiedergabe mit einer kurzen Besprechung in der in Genf und Paris erscheinenden „Revue critique des livres nouveaux“ (5.1.2.7.), die sich lobend über die Kunst des Autors aussprach, sein profundes Wissen mit lebhaften Schilderungen von Sitten zu verbinden, die dem europäischen Horizont so fern lägen. 

1848 erschien in einem Periodikum, der „Bibliothèque universelle de Genève“, fortsetzungsweise eine stark gekürzte Übertragung von Maha Guru ins Französische auf der Grundlage der zweiten Ausgabe (5.1.2.8.). Diese Publikation eines übersetzten Werkes stand im gebildeten Kontext der revueartigen Zeitschrift. Nach der dritten Fortsetzung findet sich folgende redaktionelle Anmerkung: „Nous donnerons dans notre prochain numéro la fin de ce roman qui [...] nous a paru digne, par son originalité piquante, d’intéresser nos lecteurs.“ Interessanterweise meint die Redaktion, ihre Leser würden durch das Originelle und Pikante, also nicht so sehr durch das Gelehrte und Informative, angesprochen; ein Hinweis vielleicht auf den Einfluss von Saint-René Taillandiers Kommentar zu Maha Guru. Die französische Übersetzung wurde wiederum in Deutschland durch das „Magazin für die Literatur des Auslandes“ angezeigt (5.1.2.9.).

Gutzkow war von der mangelnden unmittelbaren Rezeption des Maha Guru zutiefst enttäuscht. Bei allem durchgearbeiteten Bildungsstoff, freien Spiel des Gedankens und tatsächlich auch literarischen Geschick hätte er den Roman ebenso gut nicht schreiben können: Maha Guru existirt nicht, selbst bei denen nicht, denen ich das Buch in die Hand gab, schrieb er 1839 über die Aufnahme des Werkes (5.2.1.5.). Auch Eduard Beurmann konstatierte schon 1837 nüchtern: Maha Guru „ging spurlos an seiner Zeit vorüber“ (5.2.2.1.).

6. Globalkommentar#

Mit den Briefen eines Narren an eine Närrin war Karl Gutzkow 1832 ein politisch wie literarisch frappierendes Debüt gelungen. In ,närrischen‘ Gedankenketten überblendete er Geschichte und Zeitgeschichte, Politik und Philosophie, Theologie und Revolutionserwartung. Dagegen wirkt sein nächstes, rein erzählerisch gestaltetes Werk Maha Guru. Geschichte eines Gottes geradezu brav und unauffällig, jedenfalls auf den ersten Blick. Hinsichtlich seiner dargestellten Genderverhältnisse sowie sensualistisch-erotischen Wagnisse ist es beträchtlich kühner als Wally, die Zweiflerin (1835). Jedoch wurde Gutzkow 1833 als der Autor der ,Narrenbriefe‘ wahrgenommen, und vor dem Hintergrund der 1832 verschärften staatlichen Repressionen gegen liberale und nationale Strömungen fragte sich der Kritiker Gustav Schlesier (5.1.2.1.), ob Gutzkow seine republikanische Begeisterung in dem neuen Buch nun verstecken wolle, und ob er „aus Furcht vor der Polizei bis nach Tibet geflohen“ sei. Anders sah Gutzkow selbst dieses Werk eines Zweiundzwanzigjährigen, seine erste lange erzählerische Leistung. Er brachte Maha Guru beim renommierten Klassikerverlag Cotta erstmals mit seinem Autorennamen auf den Markt und konnte den Roman als sein Eintrittsbillet in die Welt der Literatur betrachten; seine berufliche Entscheidung zum Schriftsteller fiel in diesem Zusammenhang. Ein Indiz dafür, dass er Maha Guru als frühes Zeugnis seines literarischen Talents sah, ist die Tatsache, dass er den Roman in beide Ausgaben der Gesammelten Werke aufnahm und für diejenige von 1874 sogar gründlich überarbeitete (→ 2.2. Abweichungen späterer Auflagen von E). Die ,Narrenbriefe‘ dagegen betrachtete er als künstlerisch bedeutungslos und nahm sie nur rudimentär, sozusagen zur Dokumentation seines Werdegangs, in die Werkausgabe von 1845 auf.

In seinem Vorwort von 1845 (4.2.1.) nennt Gutzkow Maha Guru ein Sittenbild, andererseits aber auch ein metaphysisches Gedicht; das Ganze sei einer poetische[n] Uranschauung entsprungen. Was an dem Werk Sittenbild ist, d. h. die Darstellung tibetanischer Verhältnisse, musste aus der Verarbeitung von Quellen gewonnen werden. Was als metaphysisches Gedicht bezeichnet wird, kam aus eigener Anschauung. Den ehemaligen Studenten der Theologie beschäftigte ein theologisch-anthropologischer Gedanke: die Vorstellung von der Inkarnation Gottes in einem Menschen, vom verkörperte[n] aufgelöste[n] Widerspruch zwischen dem Diesseits und dem Jenseits im Lamaismus (294,10-14). Das Thema der Menschlichkeit Gottes bzw. der Göttlichkeit des Menschen lag gegen Mitte der 1830er Jahre ,in der Luft‘. In Heines 1834 erschienener Schrift „Zur Geschichte der Religion und Philosophie in Deutschland“ wird ein pantheistischer Grundzug im deutschen Denken und Dichten gesehen. Hier ist z. B. zu lesen: „Am herrlichsten manifestirt er [Gott] sich in dem Menschen, der zugleich fühlt und denkt“. Strauß’ „Leben Jesu“ und Gutzkows Bekenntnisse über Religion und Christenthum (Teil von Wally, die Zweiflerin), eine Bloßlegung der Evangelien als Mythen und Fiktion und damit eine Historisierung und Vermenschlichung Christi, wurden 1835 nahezu parallel veröffentlicht. Hatte Gutzkow in den Briefen eines Narren an eine Närrin das Göttliche mit der menschlichen Geschichte verkoppelt, indem der ,Narr‘ vor allem die Zeit seit 1815 durch Kapitel der  Johannesoffenbarung auslegt und witzig im Sinne einer republikanischen Umwälzung deutet, so ist das Anliegen des Autors in Maha Guru nicht so sehr die Geschichte, sondern der Mensch als möglicher Kreuzungspunkt des Irdischen mit dem Transzendentalen. Die Begriffe ,Inkarnation‘ und ,Verkörperung‘ weisen auf die den Jungdeutschen zugeschriebene Befürwortung einer ,Emanzipation des Fleisches‘ hin, ein Schlagwort, das Gutzkow für sich aber nicht im engen sexuellen Sinn verstanden wissen wollte, sondern im geistlich-philosophischen als Wiedereinsetzung des Natürlichen (Rückblicke, GWB VII, Bd. 2, S. 157). Dennoch umfasst diese Restituierung in entscheidender Weise das körperliche Dasein, und daher ist auch Gutzkows Wahl Tibets als Romanstoff durch die Möglichkeiten begründet, welche in der Verbindung von Lamaismus und Polyandrie lagen. Die Ehe mehrerer Brüder mit derselben Frau hat insofern eine spirituelle Dimension, als nach der Weisheit von Tibet alle Menschen nur Ausflüsse einer und derselben Seele sind, und wie im Dalai Lama, der der eigene Bruder sein kann, die göttliche Seele verehrt wird, so gilt auch in der Vielmännerei jeder Partner, obwohl blutsverwandter Bruder, als spiritueller Verwandter (73,32-74,7).

Wie Gutzkow 1845 einräumt, seien die beiden Stränge des Romans, der metaphysisch-philosophische einerseits, der sittenbildlich-satirische andererseits, poetisch nicht genügend vermittelt, so dass Leser in Maha Guru entweder das eine oder das andere suchten und sich durch keines befriedigt sähen. Heutige Leser können Interesse finden an der Detailfreude des Autors bei der Behandlung der orientalischen Thematik, seiner Aufmerksamkeit für den Gegensatz von Kultur und Natur, seiner Kritik politischer und sozialer Machtverhältnisse und nicht zuletzt an seiner Sensibilität für das Verhältnis zwischen Geist, Körper, Eros, Gender und Religion.

6.1. Handlung#

Der Roman spielt im für Gutzkow mehr oder weniger zeitgenössischen Tibet. Seine Hauptquelle für die Verhältnisse dieses Landes, Samuel Turners Reisebericht (→ Globalkommentar, 6.2.), beschreibt die Zeit 1783-84, war aber durch seine Veröffentlichung im Jahre 1800 noch ,aktuell‘, was das in Europa weitgehend unbekannte Tibet betraf. Die Geschichte eines Gottes handelt vom Lamaismus, der im sterblichen Lama das göttliche Prinzip verehrt, bevor es nach dem Hinscheiden des Lama, gemäß der Lehre von der Seelenwanderung, in einem neuen Körper erscheint.

Nach dem Tod des Dalai Lama wird Gott vom suchenden Klerus schließlich aufgefunden in Maha Guru, der damit zum Nachfolger des höchsten Lama bestimmt und herangebildet wird. ,Maha Guru‘ ist kein Eigenname, sondern bedeutet ,Großer Lehrer‘ und bezieht sich somit auf das göttliche Amt der Titelfigur, mehr aber noch auf den geliebte[n] Lehrmeister (23,24-25), der Maha Guru vor seiner Isolierung von den Menschen war, und auf den ,Weisen‘, zu dem er als Mensch am Ende wieder wird.1 Die gesellschaftlichen und politischen Spannungen, die die Handlung vorantreiben, sind zunächst einmal religiöser Art. So wird der in der Provinz Butan schaffende Fabrikant buddhistischer Götterbilder, Hali-Jong, von den mönchischen Kultuswächtern in der Hauptstadt Lassa, dem heutigen Lhasa, der Blasphemie angeklagt: Er hat sich die Freiheit genommen, Götter mit einer menschlicheren, schöneren Physiognomie darzustellen, als die Tradition erlaubt. Wegen eines veränderten Abstands zwischen Nase und Oberlippe bei seinen Statuen wird der eigenwillige Künstler – nach seinem Tribunal vor der aufgebrachten Ordensmenge – von den Mönchen hingemetzelt. Hali-Jong ist der Erste Vater Gylluspas, der Kindheitsfreundin Maha Gurus, und dass letzterer als Dalai Lama nicht einschreiten kann, um das drohende Verhängnis abzuwenden, haben dieselben Intriganten im Kloster der Schwarzen Gylongs sichergestellt, die die ,Hinrichtung‘ verüben werden. Zweifel an Maha Gurus göttlicher Gewalt sind damit unter seinen Nächsten und letztlich auch bei ihm selbst gesät.

Eine zweite Konfliktebene ist politischer und militärischer Art; diese wird im zweiten Teil des Romans ausführlich behandelt. Die seit dem 18. Jahrhundert herrschende Dominanz Chinas über Tibet sowie die Einflüsse der englischen Kolonialmacht in Indien bilden den Hintergrund, vor dem sich die tibetanischen Verwicklungen abspielen. Ein Konkurrenzverhältnis herrscht zwischen dem Dalai Lama in Lassa und dem Teschu-Lama, der als Gouverneur seinen Sitz in Teschulumbo hat (nach heutigen Begriffen ist dies der Penchen Lama im Kloster Trashilhünpo). Der Teschu-Lama führt einen kriegerischen, in vielerlei Hinsicht verweltlichen Hofstaat, der in äußerstem Gegensatz zu dem religiösen Regime des Dalai Lama steht, also Maha Gurus, der noch dazu von sanfter Natur und unerfahren ist. Der einzige Europäer im Roman, der englische Deserteur Dickson, arbeitet als Militärfachmann bezeichnenderweise im Dienst des Teschu-Lama. Ein Übergriff der Macht in Teschulumbo auf die Herrschaft in Lassa zeichnet sich ab. Im Interesse des Teschu-Lama operiert Dhii-Kummuz, eine zwielichtige Gestalt, die in Teschulumbo zugleich den Polizeipräsidenten und den Hofnarren abgibt. In diese tibetanische Konfliktsituation mischen sich nun Privatinteressen. So ergreift der chinesische Gesandte in Lassa die Gelegenheit, mit der Seite des Teschu-Lama gegen den Dalai Lama vorzugehen, weil er hofft, seinen Rivalen, den chinesischen General, dadurch auszustechen. Der Bruder Maha Gurus, vom Erzähler der Schaman genannt,2 agiert letztlich ebenfalls auf der Seite des Teschu-Lama, weil er Maha Guru aus seinem göttlichen Amt entfernen und wieder zum Menschen machen will. So nämlich wird das Bedürfnis des Schamanen nach Bruderliebe erfüllt, vor allem aber sein Wunsch nach einer brüderlich geteilten, polyandrischen Ehe mit Gylluspa. Der Plan gelingt durch die Macht der äußeren Umstände. Dem Teschu-Lama steht die zwar auf „archaischem Entwicklungsstand“3 befindliche, aber durch Dickson schlagkräftig gemachte nepalesische Armee zur Seite. Bei der Einnahme Lassas durch die Truppen des Teschu-Lama muss Maha Guru fliehen, um nie wieder an den Ort seiner Göttlichkeit zurückzukehren. Die prosaischen Verhältnisse haben im Gottesstaat Tibet gesiegt. Lakonisch stellt der Erzähler fest, dass der Teschu-Lama gerade dadurch, dass er eine pragmatische Regierung führt und weder alte Gewohnheiten noch materielle Verhältnisse antastet, von der Bevölkerung sofort als legitimer Herrscher akzeptiert wird (270,1-11).

Der zentrale Konflikt- und Handlungsstoff liegt im Prozess der Säkularisierung, und in Bezug auf das Romanthema bedeutet dies vor allem: in der Humanisierung des Göttlichen. Aus diesem Prozess entspringen die Inspiration des Künstlers Hali-Jong, die ihn das Leben kostet, das transgressive Handeln des Schamanen, der in die Göttlichkeit des Dalai Lama eingreift, und – wie der Untertitel des Romans besagt – die Geschichte bzw. Vergänglichkeit eines Gottes, der auf Erden institutionalisiert ist. Der Schamane spielt in der Säkularisierungs-Thematik eine wichtige Rolle. Er ist benannt nach seinem ersten Auftritt im Roman, als er bei einem dämonischen, eine Menschwerdung darstellenden Tanz mitwirkt (17,12-19), und ihn treibt das Verlangen nach der Liebe Gylluspas und des Bruders. Da er mit seinen Handlungen Erfolg hat, siegt im Roman wenigstens vorübergehend auch die Poesie der Liebe.

Die Handlung endet in Stillstand, nämlich in einer ironisch durchsetzten Apotheose Maha Gurus als yogiartiger lebender Statue zwischen Diesseits und Jenseits.

6.2. Gutzkows Quellen und das Spiel der Phantasie#

Gutzkow war zur Schilderung orientalischer Sitten und Gebräuche durch zeitgenössische, aus dem Englischen und Französischen übersetzte Literatur dazu angespornt, seinerseits ein ,Sittenbild‘ aus der morgenländischen Welt ohne direkte eigene Beobachtungen zu versuchen. Seine Wahl des Landes Tibet war allerdings pikant. Es galt im europäischen Bewusstsein weitgehend noch als mysteriös und war wegen Lamaismus und Polyandrie von besonders reizvoller Exotik. Gutzkow musste sich zur Darstellung tibetanischer Sitten – wie kaum anders zu erwarten – auf einen Engländer, Samuel Turner, verlassen, der eine umfangreiche Schilderung seiner Reise durch Tibet publiziert hatte.4

Auch ein Franzose, Chrétien-Louis de Guignes,5 diente ihm mit einem landeskundlichen Werk, und zwar zur Darstellung chinesischer Kultur, Gebräuche und Kleidung. Gert Vonhoff hat unter Heranziehung zeitgenössischer Lexikonartikel darauf verwiesen, dass Europäer über China im Unterschied zu Tibet ein negatives Vorurteil besaßen. De Guignes erzeugt bzw. bestärkt dies gleich zu Beginn seines Buches durch Bemerkungen zur Eigennützigkeit, Geldgier, Prellerei, Betrügerei, Arroganz, Grausamkeit und Feigheit der Chinesen (De Guignes, Reisen, S. 7-20) und führt später aus, dass sie „unter einer glatten und artigen Außenseite einen falschen und heuchlerischen Charakter verbergen“ (S. 65). Er betont aber, dass diese Eigenschaften Folgen eines Lebens unter „immerwährendem Drucke“ durch die kaiserliche Regierung seien (S. 20), und dass dieser von oben ausgeübte Zwang, der sich durch ein System von Klassen und Rängen fortsetze, die Menschen „furchtsam und mißtrauisch“ mache. Misstrauen und Falschheit gingen Hand in Hand (S. 65). Gutzkows fiktive Chinesen sind nach diesem Katalog negativer Eigenschaften modelliert; explizit benennt der Erzähler die unheilige Dreizahl der chinesischen Untugenden, nämlich Argwohn, Ehrgeiz und Betrug, welche die Maske der Höflichkeit und des Anstandes verbirgt (51,9-12). Das Versteckspiel, das die glatte zivilisierte Oberfläche ermöglicht, bietet reichen Stoff für entlarvendes Erzählen. Andererseits liefert die chinesische Kultur dem Roman auch viele seiner poetischen und aphoristischen Epigraphe. Gerade um die Zeit, als Maha Guru entstand, wurde die erste deutsche Übersetzung von Weisheiten des Konfuzius (Kung-Fu-Dsü) abgeschlossen, und eine Übertragung des Liederbuches Schi-King durch Friedrich Rückert erschien; aus beiden entlehnte Gutzkow Zitate.

Mit der buddhistischen Lehre und speziell dem Lamaismus mag Gutzkow durch Hegels geschichts- und religionsphilosphische Vorlesungen vertraut gewesen sein (Vonhoff, S. 43); durch die im früheren 19. Jahrhundert aufgekommene Orientalistik erhielt er jedenfalls wichtige Anregungen. Namentlich erwähnt werden im Roman der berühmte Orientalist Antoine-Jean St. Martin (19,13-14), Mitbegründer der Pariser „Société Asiatique“ (1822), der im Vorjahr an der Cholera gestorben war; Julius Klaproth, Sinologe, der sich auf dem Gebiet der Kartographie, Literatur und Sprache Chinas Verdienste erworben hatte: der Text erwähnt sein Wörterbuch (71,26); sowie Karl Friedrich Neumann, Sinologe und wegen seines Lehrstuhls an der Universität München Herr Professor betitelt (242,27). Die Professur erhielt er 1832 anstelle einer Geldsumme, die der bayerische Staat ihm zum Ankauf chinesischer Bücher für die Hofbibliothek hätte zahlen müssen, und somit bezeugt diese Stelle die Aufmerksamkeit, mit der Gutzkow nicht nur die Wissenschaft, sondern auch ihren gesellschaftlichen Kontext zur Kenntnis nahm.

Schon als Schüler las Gutzkow in der Fundgrube für die Geschichte der wissenschaftlichen Forschung seit 1806, d. h. der Reihe „Studien“ des Philologen und Orientalisten Georg Friedrich Creuzer und des Theologen Carl Daub, Professoren an der Universität Heidelberg (Aus der Knabenzeit, GWB VII, Bd. 1, S. 259). Als Student beschäftigte er sich bei der Abfertigung seiner Schrift über die antiken Schicksalsgottheiten (De diis fatalibus) mit Friedrich Schlegels „Ueber die Sprache und Weisheit der Indier“ (ebd., S. 262). Zur wichtigsten mythologischen Quelle des Maha Guru wurde schließlich ein Werk aus der Heidelberger romantischen Schule, das Creuzer gewidmet war: Joseph Görres’ „Mythengeschichte der asiatischen Welt“.

Die Quellen, auf die Gutzkow zur Darstellung der Verhältnisse Tibets, der chinesischen Kultur und der ostasiatischen Mythologie zurückgriff, wurden von Werner Bauer in einer Dissertation von 1924 akribisch nachgewiesen.6 Dass Gutzkow seinen Vorlagen nach Willkür ganze Sätze und Passagen entnahm, wertete Bauer als Beleg für die Minderwertigkeit des Schriftstellers, über den er promovierte. Diese Arbeit ist für die heutige Forschung immerhin noch wegen ihrer positivistischen Materialsammlung von Wert.7 Wie Gutzkow mit den Entlehnungen im fiktionalen Kontext aber umgeht, und welche Bedeutung sie dadurch erlangen, hat Gert Vonhoff an Beispielen untersucht.8

Der Reisebericht Turners, ein Markstein im europäischen Wissen über Tibet9 und noch immer in modernen Ausgaben zugänglich, wurde im Jahr 1800 veröffentlicht und war bereits eine Grundlage für die Asien-Forschung des früheren 19. Jahrhunderts, die Gutzkow zur Verfügung stand, einschließlich popularisierender geographischer Schriften.10 Es ist daher zu vermuten, dass er von diesem wichtigen Werk schon vor seiner Arbeit an Maha Guru Kenntnis hatte. (Auf Turner bezieht sich beispielsweise Friedrich Schlegel in „Ueber die Sprache und Weisheit der Indier“ bei der Diskussion des asiatischen Pantheismus.) Turner beschreibt eine Reise, die er, Cousin des britischen Generalgouverneurs Warren Hastings und in Kalkutta stationiert, im Auftrag der East India Company in den Jahren 1783-84 unternahm. Zweck war, nach dem Wechsel des Penchen Lama eine Fortsetzung der guten Beziehungen der Kompanie mit Tibet im Interesse ungehinderten Handels zu sichern. Nach der Veröffentlichung des Berichtes ließen Übersetzungen nicht lange auf sich warten; diejenige ins Deutsche, von der gleich zwei, nahezu identische, Drucke publiziert wurden, datiert von 1801.11 Gutzkow, der zu jener Zeit keine ausreichenden Englischkenntnisse besaß, muss die Übersetzung benutzt haben. Vonhoff (S. 62-63) weist wörtliche Entsprechungen des Romantextes und der Übertragung von Turners Bericht ins Deutsche nach.

In Fortführung der Untersuchung Vonhoffs lässt sich sogar angeben, welchen der beiden Übersetzungsdrucke Gutzkow benutzte. Am Ende des ersten Kapitels heißt es, der Tanz der Pilger stelle die Menschwerdung Colis dar (17,13). Bei Turner ist die Rede von „incarnations of Cali“ (Account, S. 259); die Übersetzung, die bei Hoffmann in Hamburg erschien, gibt dies richtig wieder als „die Menschwerdung Cali’s“ (S. 257-258), dagegen steht in der Hamburger und Berliner Ausgabe ohne Verlagsnennung „die Menschwerdung Colis“ (S. 297). Letztere muss also Gutzkows Quelle gewesen sein. Und gerade diese Stelle bietet ein gutes Beispiel für seinen Umgang mit der Vorlage. Turner bezieht sich auf Wandgemälde im Mausoleum des verstorbenen Teshoo Lama, in dem sich auch „Pilgrime“ aufhalten. Unter den Fresken wird seine Aufmerksamkeit gebannt durch „zwey Hauptfiguren, von ungeheurer Größe, die scheußliche Gesichter hatten“, „blau und scharlachroth angestrichen waren“ und die „Menschwerdung“ Calis bzw. Colis darstellten (S. 297). In Maha Guru handelt es sich dagegen um einen wilden Tanz der Pilgrime, dessen Thema den europäischen Augen geheimnißvoll und unehrbar erscheint (17,10-11). Dem Götzenfabrikanten Hali-Jong ist das, was die heiligen Männer (17,6) vortanzen, jedoch bestens vertraut: Es stellt nichts als die Menschwerdung Colis vor, eine Scene, die er sehr oft in Kupfer ausgeführt, und sein Bruder Heli-Jong mit blauer und rother Farbe angestrichen hatte (17,12-15). Aus Turners eher beiläufiger Erwähnung von Bilddarstellungen des Dämonen Kali, der Menschengestalt annimmt, macht der Roman eine ausführliche szenische Vorführung, eine getanzte Moralität (17,17), die in die Handlung verwoben wird: Hali-Jong hat das Thema schon oft als plastischer Künstler ausgeführt, und sein Sachverstand in religiöser Ikonographie, in die er ,vermenschlichend‘ eingreift, soll ihm zum Verhängnis werden. Des weiteren stellt sich der Solo-Tänzer, der die Darbietung der Pilger in eine Sphäre spiritueller Entrückung führt, als Maha Gurus Bruder heraus: der Schaman, der im Roman eine Schlüsselstellung bekommt. Und schließlich ist der Tanz mit dem zentralen Thema des Romans, der Menschwerdung, verbunden (diesen Titel gab Gutzkow dem vierzehnten Kapitel ab der zweiten Ausgabe). Gutzkow entnimmt der Quelle also Einzelheiten, die im erzählerischen Zusammenhang eine völlig andere Bedeutung gewinnen als im Reisebericht, wo sie nur das Faszinierende und Befremdliche der anderen Kultur registrieren.

Turners Bericht lieferte Gutzkow aber nicht nur stoffliche Details, sondern auch Anregungen darstellerischer Art; stammte er doch von einem englischen Reisenden, der – bei Gutzkows positivem Vorurteil – einen Blick für die Sitten ferner Länder haben musste. Wenn Gutzkow am Romanschriftsteller Morier die feine Beobachtungsgabe lobte, mit der er Charaktere wie den persischen Lügner, Stutzer und Bombastdreher aufzufassen wusste (4.1.2.), so fesselte Turner seine Aufmerksamkeit mit der Charakterisierung eines tibetanischen Fabulierers am Hof des Raja von Tassisudon:

Der merkwürdigste unter den Bootanern, die uns zuweilen besuchten, war ein kleiner alter Mann, der rothe Kleider trug, wie sie die Religiosen tragen; einige nannten ihn den Mährchen-Erzähler des Raja, andere einen Spaßmacher. Er spielte die Rolle eines Hofnarren, und sein täglicher Unterhalt schien ganz von dem Glücke seiner Possen abzuhängen. [...] Er war eins von den unschädlichen, gutmüthigen Geschöpfen, wie man sie zuweilen unter den niedern Volksklassen findet, die ihre Nachbarn durch ihre sorglose Lebhaftigkeit, Possen und drolligen Einfälle belustigen, und die ohne die geringste Reizbarkeit, die Püffe derer, die sie unterhalten, ruhig vertragen und von deren Gnade leben. (Turner, Gesandtschaftsreise, S. 158-159)

Es ist schon darauf verwiesen worden, dass Gutzkows Figur Dhii-Kummuz, der rothe Schalk (116,16), grauhaarig und von kleinem Wuchs, Züge dieses „Spaßmachers“ trägt.12 Im Unterschied zu Turners „drolligem“ Alten ist Dhii-Kummuz aber gerade nicht harmlos, sondern unter der spaßigen Oberfläche verbirgt sich ein kontrollierender, berechnender Verstand. Nicht zufällig vereinigt diese Figur die Ämter des Polizeipräsidenten und Hofnarren (224,20), und durch listiges Handeln hinter den Kulissen ist er – wie der Schamane – am Sturz des Dalai Lama beteiligt. Eine Parallele aber besteht zwischen Turners und Gutzkows Figur: die des Schauspielens, der geradezu charakterdefinierenden, mühelosen Dissimulation. Turners alter Mann mag aus einer armen Volksschicht stammen, ist auf sein unterhaltsames Auftreten als Einkommensquelle angewiesen, wird durch „Püffe“ vertrieben, erscheint aber unbeschadet in seiner Narren- und Unterhalterrolle wieder vor seinem Herrn und vor den Leuten. Die rote Gewandung der Mönche scheint bei ihm ein schrulliger Kontrast zu seinen Possen und daher ganz mit der Narrenrolle vereinbar. Gutzkows Figur trägt ebenfalls rote Kleidung, die aber etwas anderes signalisiert: Ich bin Dhii-Kummuz, und trage die Kleider, welche mein Herr, der Statthalter von Teschulumbo, ablegt. (115,14-16) Zynisch-witzig definiert sich dieser alte Mann bei seinem ersten Auftritt im Roman in seiner wirklichen Funktion jenseits aller Narrenpossen: Er ist Diener und Interessenvollstrecker des Teschu-Lama, dessen Sekte rote Gewänder trägt. Dass er zur Vorstellung seiner Person die Metapher der abgetragenen Kleidung seines Herrn benutzt, gibt seinem kecken Selbstbewusstsein als Rollenspieler und Verkleidungsträger eine weitere witzige Note. An diesem Beispiel lässt sich besonders gut erkennen, wie Gutzkow Elemente der Quelle aufnimmt und in der eigenen Phantasie weiterentwickelt.

Im übrigen ist der Antagonismus zwischen den Sekten der Gelbmützen und Rothquäste (271,4-7), d. h. den Parteien des Dalai Lama und des Teschu-Lama, freie Erfindung des Autors, allerdings mit einem Anstrich von Wahrscheinlichkeit. In der Geschichte Tibets hatte es tatsächlich eine Rivalität zwischen dem Penchen Lama und dem Dalai Lama gegeben. Dieser Gegensatz war aber durch die allmähliche Durchsetzung der ,reformierten‘ Richtung der Gelbmützensekte13 inzwischen obsolet. Auch die Hali-Jong-Episode mit ihrem schrecklichen Ende im Kloster der Schwarzen Gylongs ist Gutzkows Erfindung. Allein schon die Tatsache, dass Turner auf seiner Reise nicht in die Hauptstadt Lhasa kam, Gutzkow seine Handlung aber über weite Strecken dort spielen lässt und Turners Beschreibungen, falls sie verwendbar waren, in das Lassa des Romans verpflanzt, ist Indiz für die Rolle, die der Imagination zukommt.

Was Gutzkow zur Schilderung chinesischer Figuren und Umgangsformen aus De Guignes’ Darstellungen entnimmt, betrifft oft kleine Details in der Quelle, die der Roman genüsslich satirisch ausbreitet. Beispielsweise gilt dies für die Angabe, dass Chinesen, die einander einen Besuch abstatten wollen, „erst ein Compliment“ machen, dass sie ihren Namen auf einem gefalteten Papier schicken, und dass dieses Begrüßungszeremoniell sich anfänglich auf die drei Türen des Hauses konzentriert (Reisen, S. 67). Aus den zwei sachlichen Abschnitten der Vorlage wird im Roman eine lange Szene von theatralischer Komik (44,20-46,14). Ein einziger knapper Satz De Guignes’, der auf die Köstlichkeit des Rindfleisches aus Wampu hinweist (Reisen, S. 77), wird dem Romanautor zum Anlass, seinen chinesischen Correspondenten ausgiebig beim gierigen Verschmausen von Wampu-Rindfleisch darzustellen (58,11-60,20).

Görres’ „Mythengeschichte der asiatischen Welt“ hat im Vergleich zu der Hauptquelle des Turnerschen Reiseberichtes und auch zu De Guignes’ Ausführungen eine eher punktuelle Funktion. Gutzkow borgt Passagen aus diesem Werk besonders konzentriert im dritten Kapitel des zweiten Teils, als sich die Netze um Maha Gurus göttlichen Thron zusammenziehen. Dies ist der Moment für Reflexionen über den religiösen Kosmos, der die Herrschaft des Dalai Lama beschirmt; durch die orthodoxe Lehre der Gylongs, der großen Kirchenlichter (94,11-12), wird diese Herrschaft aber auch untergraben.

Das Gespräch der beiden Brüder, bei dem der Schamane den inzwischen von Selbstzweifeln angegriffenen Maha Guru von den Vorteilen eines Schrittes zurück ins Menschenleben zu überzeugen versucht, weist auf beiden Seiten wörtliche Entlehnungen aus Görres auf. Der Schamane fleht den Bruder an, eine unerhörte Freveltat zu begehen, nämlich sich von den Fesseln des Gottesamtes zu lösen, selbst wenn das große Chaos der Weltenschöpfung dadurch heraufbeschworen würde, wie es die asiatische Mythologie darstellt: Die vier großen Welten werden sich von dem All losreißen [...] (207,17-23). Maha Guru aber beharrt trotz der Schwierigkeiten, die ihm die Welt entgegenstellt, auf dem Mythos von Kio, dem Gott des Gesetzes, der als Xaka in die Welt trat: Der Wanderungen, welche die Gottheit zu machen hat, sind unzählige. (207,28-32) Im Pro und Contra des Gesprächs werden Mythen entzaubert. Abgesehen davon integriert Gutzkow aber als ironischen Höhepunkt, der nur Kennern völlig einsichtig gewesen sein kann, ganze Passagen aus Görres’ „Mythengeschichte“ in die Vorlesungen über das tibetanische Göttersystem, welche Gylluspa und ihre verbliebenen drei Väter inzwischen von dem Obergylong des Klosters zu hören bekommen (215,3-27). Dies ist eine Anspielung auf Görres selbst, den Lehrer der Mythologie (218,25). Görres war vom einstigen Jakobiner zum Kuttenträger und Vorkämpfer des politischen Katholizismus geworden. Die „Mythengeschichte“ gehörte seiner Heidelberger Übergangszeit an, als er ihren Stoff vor Hörern an der Universität vortrug. Gutzkow besuchte 1833 in München einen Vortrag des dämonisch wirkenden katholischen Reaktionärs (Rückblicke, GWB VII, Bd. 2, S. 97-98), konnte also wohl auch frische Eindrücke in Maha Guru einfließen lassen.

Gutzkows Bezug auf Görres als Quelle eines eigenen Werkes ist daher nicht nur kritisch oder gar satirisch. Aus der „Mythengeschichte“ stammen auch zwei Epigraphe im zweiten Teil des Maha Guru, so der des dritten Kapitels, der aus einem Zitat des Vendidad, einer zoroastrischen Textsammlung, besteht (203,2-9). Das Poetische der Sprache rückt diese Zeilen, wie alle Motti des Romans, in eine Distanz vom Prosatext, die durch die ungewöhnlichen zweifachen Abgrenzungslinien des Buchdruckes (eine über, eine unter dem Motto) noch hervorgehoben wird. Dasjenige des hier angesprochenen Kapitels handelt vom Geist Ahriman, und hier findet sich ein verschlüsselter Hinweis auf Maha Guru, der als ,Gott‘ inzwischen nur noch aus sich selbst lebt und ohnmächtig ist. Wenn ihn erst glühende Metallströme ausgebrannt, die Leidenschaft des Lebens ihn erfasst und erschöpft hat, kann er auch heilig werden, das heißt, als Mensch, der gelebt hat.

Zu den anderen Quellen, die Gutzkow für seine Epigraphe verwendete, gehören zwei Übertragungen aus dem Chinesischen: Werke des Weisen Konfuzius (Khung-Fu-Dsü) sowie das Liederbuch Schi-King.14 Beides waren Neuerscheinungen: der zweite Band von Konfuzius’ Weisheiten, übersetzt von Wilhelm Schott, war 1832 erschienen, und die Lieder des Buches Schi-King in der Übertragung durch Friedrich Rückert gerade erst im Sommer 1833. Die aktuellen Übersetzungen aus dem Chinesischen verdeutlichen die zeitgenössische europäische Beschäftigung mit der fremden Kultur jenseits der negativen Vorurteile, und Gutzkow schaltet sich als Romancier in diesen Diskurs entschieden ein. Die aus dem Chinesischen stammenden Epitaphe üben einen ebenso fremdartigen poetischen Reiz aus wie die aus den anderen fernöstlichen Quellen. In ihrer herausgehobenen Stellung zu Beginn jedes Kapitels bilden sie eine Konstante der ,Fremdheit‘ im Roman. Was die chinesische Kultur betrifft, so wurde schon darauf hingewiesen, dass die Figurenzeichnung in Maha Guru mit dem gängigen Negativ-Stereotyp arbeitet. Die aus dem Chinesischen übertragenen Epigraphe steuern diesem Bild jedoch direkt entgegen. Wolfgang Menzel bemerkt in seiner Rezension des Schi-King, die chinesischen Lieder zeigten, „wie dieses wunderliche und so ganz eigenthümliche Volk [...] unter seiner steifen Schaale noch den Kern des Menschlichen bewahrte“;15 die Mehrzahl der Gedichte seien „Klagen und Protestationen gegenüber dem strengen Gesetz oder der willkührlichen Handhabung desselben“, „Herzenserleichterungen der Malcontenten“ und in einigen Fällen „sogar offenbar revolutionär“.16 Gutzkow schloss sich seinem Mentor in diesem Urteil sicher an.

 6.3. Der beobachtende Erzähler der ,Sittenbilder‘#

Am glücklichsten bei der Lektüre von Maha Guru, sagt Gutzkow im Vorwort von 1845 (4.2.1.), seien wohl diejenigen, die das Werk als Sittenbilder aus einer andern Hemisphäre läsen, als Zeichnungen gesellschaftlicher Verhältnisse in einem fernen Teil der Welt. Die Erzählperspektive dieser in den 1830er Jahren so populären ,Sittenbilder‘ ist eine der Beobachtung. Ein neugieriger Blick beschreibt, kommentiert und durchdringt das Gesehene. Dieser Beobachterstandpunkt distanziert den Erzähler vom Erzählten. Gutzkow spricht im Vorwort zur Auflage von 1874 (4.2.2.) vom Schweben über dem Stoff. Ausdrücklich ist hier auch nicht vom ,Erzähler‘ die Rede, sondern vom Autor, der von der erzählten Geschichte getrennt sei. Diese auktoriale Souveränität äußert sich nicht nur in den diskursiven Passagen des Romans (z. B. über die unterschiedlichen Sitten der Völker (6,10-7,25), sondern auch in der Führung des Lesers: Unsichtbar treffen der Leser und der Autor wieder zusammen heißt es zu Beginn eines Kapitels (43,12). Die beobachtende, überschauende Grundeinstellung geht mit dem exotischen Stoff einher und markiert den erzählerischen Blick als europäisch. Damit ist dem Roman die Distanz zum Stoff eingeschrieben, aber auch Spielraum für selbstreflexive Perspektivierungen gegeben. Wenn der Beobachterstandpunkt voyeuristisch wird, enthält der Text deutliche Zeichen, dass hier mit europäischen Augen geblickt wird (→ Globalkommentar, 6.6.).

Satirische bzw. kritische Beleuchtungen des Beobachterblicks sind ebenfalls möglich. So dient der chinesische Gesandte in Lassa, im Roman meist der Correspondent genannt, mit seiner Berichterstattung über tibetanische Sitten für die Pekinger Hofzeitung als Beispiel für gesellschaftliche Überwachung, die in der Form scheinbar harmlos unterhaltender Journalbeiträge daherkommt. Der beobachtende Erzähler kritisiert hier den Beobachter, und zwar ironischerweise mit den Worten eines weiteren Spähers, des Schamanen. Dieser sagt über den Correspondenten:

Es ist seine Gewohnheit, alle Jahre einige Reisen im Umkreise von Lassa zu machen, und sich über die Verhältnisse zu unterrichten, welche er tibetanische Zustände nennt. Er schreibt dann jeden Namen auf, wo er glaubt, nicht mit gebührender Achtung empfangen zu seyn, und schickt endlose, mit Namen bedeckte Papierrollen nach Peking, wo sie in die Liste der Verdächtigen eingetragen werden. Er kostet die Suppe in den Bauernhäusern, und beurtheilt, je nachdem sie mager oder fett sind, den Wohlstand Tibets, den er zuletzt immer als eine Wohlthat des chinesischen Schutzes zu schildern weiß. (181,30-182,6)

Hier gehen gesellschaftliche Beobachtungen Hand in Hand mit Spionage und politischer Dominierung. Gutzkows Hauptquelle, Turners Reisebericht, verdankte sich ebenfalls ökonomisch-politischen Interessen, und es ist bezeichnend, dass bei Gutzkows Übernahme von Details aus der Quelle ein Wechsel des Beobachterstandpunktes stattfinden kann: vom Reisenden mit einem diplomatischen Auftrag (Turner) zum involvierten Zuschauer (Gutzkows Erzähler).

Dieser Erzähler setzt sich aus verschiedenen Beobachtern zusammen: Auf eine dreifache Art des Sehens und den „Beobachtergestus“ in Maha Guru hat Gert Vonhoff hingewiesen.17 Das erste Kapitel, auf das sich auch er bezieht, zeigt einen Wechsel von dem überblickenden, in die Fremde einführenden Panorama (3,4) zu einer wesentlich weniger distanziert gesehenen Scene (so der Titel dieses Kapitels im Vorabdruck). Der Erzähler wandelt sich vom ,wissenden‘ Beobachter, der die Reise Hali-Jongs und seiner Familie aus der Vogelperspektive verfolgt und den Leser z. B. in die Sitte der Polyandrie einführt, zum ,verstehenden‘ Zuschauer. Der Pilgertanz und vor allem die verzückten Bewegungen (17,25-26) des Schamanen werden durch die Augen des tibetanischen Publikums gesehen. Wenn die Beobachtung auch nicht dem Zauber (17,30) dieser Darbietung verfällt, so wird dennoch mit den Zuschauern verstanden, dass sie eine magische Menschwerdung darstellt. Der gefesselte Blick des tibetanischen Publikums und die Erzählperspektive liegen nahe beieinander, ohne identisch zu sein.

Die Zuschauerperspektive kann aber auch mit dem genauen Gegenteil eines verstehend-einfühlsamen Blicks verbunden sein: mit kritischer Durchdringung. Dies könnte als ,analytisches‘ Schauen bezeichnet werden. Das Analytisch-Soziologische der Erzählweise traf Gutzkow selbst ziemlich genau, als er 1874 die Figuren des Romans als Acteurs beschrieb, die ab und zu von ihrem Puppenspieler geohrfeigt würden. Das Handeln der Personen findet auf der vom Autor aus den Coulissen überschauten Gesellschaftsbühne statt (299,8-9). Ihn interessieren nicht so sehr die Individuen, sondern ihre Auftritte nach Rollen und Spielregeln. Große Aufmerksamkeit widmet er Phänomenen wie sozialer Etikette, Gebräuchen und Zeremonien. Ein wegen seiner extremen Ritualisierung dankbares Satire-Objekt bietet das Verhalten chinesischer Mandarine: Der Correspondent empfängt den anderen wichtigen Vertreter Chinas in der tibetanischen Hauptstadt, den General Leang-Kao-Tsu. Ihre übergroße Höflichkeit zueinander maskiert Neid und Konkurrenz, zumal der Diplomat in der Rangabfolge der Mandarine zufällig eine Stufe niedriger steht als der Militär. Sobald der Gesandte dem General einen Stuhl anbietet, beginnt die Komödie der Etikette. Der Gastgeber darf nicht vor dem Gast Platz nehmen; der Gast aber will dem Gastgeber die Ehre des Zuerst-Sitzens erweisen, und einer muss den anderen übertrumpfen:

Die wechselseitigen Bewegungen werden mit Geyeraugen belauscht, die Entfernungen des sich setzenden Körpers von dem Stuhle gemessen, die Faltungen des Atlaskleides berechnet; der Eine gibt sich den Schein schon zu sitzen und steht doch noch, und der Andere, wenn er der Hauswirth ist, würde gegen allen feinen Anstand verstoßen, wenn er sich durch diesen Schein in der That überlisten ließe, und früher den Sessel erreichte, als der Besucher. (46,30-47,3)

Den lauernden Geyeraugen dessen, der dies schildert, bleibt ebenfalls nichts verborgen, und der Leser wird explizit in die Position des analytischen Beobachters einbezogen, der mit dem Autor gewissermaßen hinter der Szene steht. Die Maske der feinen Sitten wird durchdrungen, um sowohl Eigennutz als auch politische Interessen zu entlarven.

Eine wichtige Facette des analytischen Erzählens bildet die auktoriale Selbstbeobachtung. Diese zielt nicht auf Demaskierung, sondern auf Erkenntnis des eigenen sozialen Rollenspiels. Der Autor bringt sich im Romankontext explizit als der Verfasser der Narrenbriefe ein (211,6). Dies geschieht am Schluss einer autobiographischen Passage, die dem Gestus eines nach Regeln strukturierten Auftritts folgt:

Ich stand einmal in dem Vorzimmer eines Ministers. Die Thür öffnete sich und der gnädige Wink des Kammerdieners rief mich zu dem allmächtigen Manne hinein. Ich ließ es an Höflichkeit nicht fehlen, meine Verbeugungen waren eben so abgemessen, als der Zwischenraum, in welchem ich mich von der rechten Hand des Fürsten hielt. (209,32-210,2)

Das nicht-fiktionale Ich ist hier selbst Romanfigur, handelt analog zu den Acteurs der Romanpersonen und unterliegt damit wie sie dem auktorialen Puppenspieler hinter den Coulissen, d. h. der übergeordneten soziologischen Perspektive. Als Autor hat dieses Ich allerdings die Freiheit der Selbstanalyse und, gesellschaftlich gesehen, die Freiheit der Selbstbestimmung. Die Passage endet mit der Selbstbehauptung des Autors, der sein Manuskript an Herrn Campe in Hamburg schickt (211,5). Dies ist ein Triumph über die Rolle, welche die preußische Beamtenhierarchie von ihm erwartet. Gutzkow signalisiert hier mitten im Romankontext die soziale Bedeutung des Schreibens als freier Autor.

Der Beobachterstandpunkt besitzt also vielfache Möglichkeiten des Sehens, und diese sind keineswegs scharf voneinander getrennt. Aus dem Zuschauen bei ,Szenen‘, die in der dritten Person erzählt werden, kann beispielsweise das Betrachten einer zweiten Person (,du‘ oder ,ihr‘) werden, das wiederum mit dem auktorialen Ich in Berührung steht, selbst wenn dieses nicht genannt wird. Alle Varianten der Beobachtung aber ordnen das Geschehen einer gesellschaftlichen Bühne zu, auf der ,Akteure‘ spielen.

 6. 4. Metaphysik#

Auch das metaphysische Gedicht, das Gutzkow mit Maha Guru geben wollte, untersteht der souveränen Beobachtung. Der Erzähler wird hier vom überschauenden Autor in die Reihe der Beobachteten gestellt. Hier zeigt sich die ganze Komplexität dieses Jugendwerkes.

Der beobachtende Erzähler steht bei dem Festzug zur Inauguration des neuen Dalai Lama mitten in der gläubigen Zuschauermenge. Gutzkow entnimmt dem Bericht Turners die Schilderungen des Gewandes, das dort der Lama-Regent trägt, und des Schmuckes, mit dem sein Pferd behängt ist. Bezeichnenderweise überträgt er diese Beschreibungen aber nicht, wie zu erwarten wäre, auf die Figur seines Maha Guru, sondern auf die militärischen Repräsentanten in der Prozession: Das prächtige Gewand trägt der tibetanische Kalmückengeneral, das geschmückte Pferd wird vom chinesischen Obersten geritten.18 Die Hauptfigur der Feierlichkeit bleibt selbst vollkommen ungeschildert; das Augenmerk des Beobachters liegt stattdessen auf dem äußeren Prunk der Prozession. Dass der Roman seine Titelfigur sozusagen als erzählerische Leerstelle einführt, ist ein Meisterstück, da so zwei Aspekte betont werden: das Gewicht der politisch-sozialen Umstände, auf denen Maha Gurus Thron beruht (und die ihn letztlich zu Fall bringen), und die mystische Eigenschaft seiner Gottheit, welche die Gläubigen ergreift. Die Erzählweise teilt diese Mystik mit. Sobald die höchst weltliche und höchst umfangreiche Garderobe des Gottes auf neun prächtige[n] Pferde[n] vorbeigezogen ist, hat auch schon die irdische Hülle des Allerheiligsten den Zuschauer-Erzähler passiert. Bei dieser irdischen Hülle handelt es sich nicht mehr um die Kleider des Dalai Lama, sondern um ihn selbst, die zeitweilige sterbliche Hülle Gottes. Nicht sein Anblick, sondern dessen Wirkung wird erzählt:

Die irdische Hülle des Allerheiligsten ist jetzt an uns vorüber. Die Pulse stocken, die Herzen beben, die Kniee wanken, und mit heißen Thränen sinkt der Gläubige nieder. (67,9-11)

Die einschließende erste Person (an uns vorüber) differenziert nicht zwischen dem Erzähler und den Einzelnen in der Zuschauermenge. Dieser Unterschied wird zunächst jedoch halbwegs wiederhergestellt: Da dem überwältigten Gläubigen die Augen fehlen für alles, was um ihn her vorgeht, muss die Erzählung für ihn ,sehen‘ und Prozessionsgegenstände in der unmittelbaren Umgebung des Gottmenschen erwähnen. Dann brechen Donner und Blitze aus dem Himmel, die die Nähe der göttlichen Gewalt bezeugen, d. h. die Erzählung ist für einen Moment mit der Wahrnehmung des mystisch Ergriffenen vollkommen identisch. Danach wird der Gläubige durch verstehendes, einfühlendes Erzählen in der zweiten Person geschildert:

Du stehst auf von dem Boden, der deine leisen Seufzer und stillen Gebete gehört hat; eine wilde Menge drängt sich dem Zauber nach, den du nun empfunden und mit deinem geistigen Auge geschaut hast. Du weißt nichts von dem prächtigen Thronhimmel, der seinen Tragsessel beschattete, nichts von den sechzehn Chinesen, die zum Zeichen der Huldigung deinen Heiland auf den Schultern trugen. War er jung? War er ein Greis? [...] Dein Auge war geblendet, und dennoch hast du ihn von Angesicht geschaut. (67,24-68,1)

Der Heiland, Gott in Menschengestalt, wurde gesehen, kann aber in seiner Göttlichkeit weder vom Gläubigen noch vom Erzähler, der nur die prächtige Sänfte und ihre Träger beschreibt, geschildert werden; das Göttliche ist allein dem geistigen Auge zugänglich. Dass Maha Guru, der Göttliche in der Sänfte, nicht das Geringste von der Heiligkeit an sich hat, die der Gläubige ,schaut‘, nimmt dem mystischen Erlebnis nichts. Es ist ebenso wirklich wie der Pomp, der es umgibt. Die so geschaut[e] heilige Substanz überträgt sich als ,blinder Fleck‘ auf die Erzählung; der Gläubige ist ein vertrautes ,Du‘ des Erzählers, aus dessen christlicher Wahrnehmung der Begriff Heiland auf den Dalai Lama übertragen wird. Als religionsübergreifende Erfahrung wird auch das Weitere erzählt – und hier trennt sich die soziologische Perspektive von der religiösen: Mit inbrünstigem Gebet sucht der Gläubige die häuslichen Mauern wieder auf und unterweist die eigenen Kinder in den Tugenden, die den Menschen zieren (68,15-17). Diese Einkehr in den häuslichen Raum erscheint als etwas Typisches in mystisch (bzw. pietistisch) orientierten Formen der Religiosität. Durch diese soziale Typik bleibt die Distanz zwischen Erzähler bzw. Gläubigem einerseits und souveränem Autor andererseits gewahrt, d. h. die eigene religiöse Erfahrung reiht sich in die soziale Beobachtung ein, über die der Autor verfügt.

6.5. Autobiographisches#

Die in den Roman eingeflochtene Betrachtung der eigenen sozialen Herkunft muss nicht unbedingt in der Ich-Form gehalten sein. In einer Passage mit autobiographischem Hintergrund bringt Gutzkow sein durch pietistische Erziehung geprägtes Empfinden zur Sprache, welches an gewissen Menschen etwas Überirdisches, Himmlisches wahrnimmt (276,16-277,28). Diese stillen Herzen seien wie Träume, die über den Erscheinungen der Alltäglichkeit schweben. Sie sehnten sich nach einem Ausgang aus all den Errungenschaften der Zivilisation, aus den Genüssen, die den Reiz des Lebens erhöhen. Die Assoziation mit dem tibetanischen Gläubigen, der Gott mit geistigem Auge gesehen hat und dann der Menge des Festzuges fern bleibt, liegt nahe. Der erwähnte Passus weist auf solche Menschen nicht nur im fernen Tibet hin, sondern auf ihre Präsenz in der europäischen Großstadt, wo sie sogar eine Art Typus bilden; es gebe ihrer unzählige, und nun spricht der Autor die Leser in der vertraulichen zweiten Person an: Kennt Ihr diese treuen Menschen? Bei letzteren handelt sich um Einzelne, die aus der Welt auch des bescheidensten bürgerlichen Wohlergehens herausfallen und ihr Los tragen.

Hier wendet sich das fremdländische ,Sittenbild‘ der heimischen Umgebung zu. Gutzkows zeitgleich entstandene Berliner Studie Die Sterbecassirer behandelt das Milieu der ärmlichen pietistischen Handwerker, die nach dem sonntäglichen Kirchgang in mystischen Träumen schweben (Novellen, GWB I, Bd. 3, S. 77). Man finde weltentrückte Individuen dieser Art beispielsweise im eigenen Familienkreis. In seiner Autobiographie Aus der Knabenzeit von 1852 erhellt Gutzkow, dass in jener Passage des Maha Guru sein eigener Onkel charakterisiert ist, ein verarmter, meist arbeitsloser Weber, ein stille[r] und sinnige[r], zutiefst frommer, durch Lektüre gebildeter Mann, von der Familie Vetter Wilhelm genannt (GWB VII, Bd. 1, S. 48-52, Zit. S. 52). Schon in Maha Guru scheint der autobiographische Bezug durch:

In Euern Familien ist es vielleicht der ältere Bruder Eurer Mutter, an dem Ihr in Eurer Jugend mit zärtlicher Hingebung hinget; dessen Weisheit Euch mit edlen Vorsätzen erfüllte; an dem Ihr niemals bemerktet, daß auf seinem Rocke sich die Fäden zählen ließen; daß seine Wäsche nicht rein war, wenn die Mutter nicht dafür sogte; [...] an dem Ihr dieß Alles nicht bemerktet, weil Ihr ihn niemals klagen, nie eine Thräne vergießen sahet. (277,5-13)

Mit Hinweis auf den Typus des entbehrenden Menschen, dem die irdischen Dinge reine Äußerlichkeiten sind, wird das Ende des Romans vorbereitet. Maha Guru beschließt seine Tage als ein solcher Mensch. Das Göttliche, das er amtshalber verkörperte, ist von ihm abgefallen; was bleibt, ist die Hingebung an sein Schicksal (281,7) und eine intensive Spiritualität, ein Verkehr mit dem Jenseits, der mit wachsendem Alter und in der Einsamkeit zunimmt.

Die irdische Wiedergeburt (281,11) Maha Gurus, also sein Wiedereintritt ins Menschenleben, vollzieht sich jedoch ganz und gar nicht unter dem Zeichen des Entsagens, sondern unter dem der Sinnlichkeit. Ihr Befürworter, der Schamane, spielt gegenüber seinem Bruder eine bewusst zweideutige Rolle (211,21) zwischen geistlicher Loyalität und Rebellion. Seine sinnlichen Motive sind aber nicht rein egoistischer Art, sondern haben einen halbwegs reflektierten Hintergrund. Er versucht Maha Guru von den Ketten zu lösen, die ihn an den Himmel geschmiedet halten (207,10-11), und durch die Aussicht auf die Seligkeit zu gewinnen, die ihn, den Menschgewordenen, in Gylluspa’s überraschte Arme zurückführen würde (208,21-22). Als Advokat dieses befreiten Menschseins spricht der Schamane gemeinsam mit dem jungen Autor, der sich dann in der bereits mehrfach erwähnten, explizit autobiographischen Passage zu Wort meldet (209,31-211,6).

Dieser Passus schildert ein Schlüsselereignis im Werdegang des jungen Schriftstellers Karl Gutzkow, das er nirgendwo sonst in seinen autobiographischen Schriften erwähnt. Dass es in einen fiktionalen Kontext eingebettet ist, weist bereits auf die Engführung von Leben und Schreiben hin, die für den Berufsschriftsteller charakteristisch werden sollte. Auch bietet dieser Abschnitt einen Beleg dafür, dass Gutzkow auch als Autobiograph, wie Wolfgang Rasch bemerkt, in der Rolle des „Beobachters“ bleibt, „eines Chronisten, Geschichts- und Geschichtenschreibers“.19 Die Passage erzählt von einer Audienz bei Karl Albert Freiherr von Kamptz, derzeit preußischer Justizminister und seit langem berüchtigter Demagogenverfolger. Diesen ersuchte Gutzkow 1832 um eine Anstellung im Staatsdienst, ohne jedoch – wie von ,oben‘ erwartet – seine Tätigkeit als liberaler Journalist aufgeben zu wollen: ich sprach [...] von einer gewissen Unabhängigkeit der Meinung, welche die einzige Fessel wäre, welche ich mir anlegen ließe (210,4-7). Der schriftstellerische Debütant hatte das Manuskript seiner Briefe eines Narren an eine Närrin, fertiggestellt in Stuttgart, absendebereit mit in Berlin und hoffte noch auf ein sicheres Unterkommen im preußischen Staatsdienst, mit dem er seine Schriftstellerei verbinden könnte. Der gefürchtete von Kamptz war Förderer des Gymnasiasten Gutzkow gewesen, hatte sich ihm als gemüthvoll herablassender Mann gezeigt und ihm u. a. zu einer ansehnlichen Büchersammlung verholfen, um die ihn ein Privatdocent beneiden konnte, wie es in der Erinnerung Das Kastanienwäldchen in Berlin heißt (GWB VII, Bd. 3, S. 88). Es handelt sich also um eine Situation aus dem Leben des Autors, die analog gedacht ist zu der soeben im Roman erzählten. Der freiheitlich denkende Bittsteller steht vor einer Art Vaterfigur, vor der er die zweideutige Rolle eines der Staatsmacht zugewandten oppositionellen Intellektuellen spielt. Die Hoffnung ist, dass der Mächtige seinen eigenen Impulsen statt der Staatsräson folgt und der Bitte Gehör schenkt. Er tut aber das Gegenteil und versucht seinerseits, den glänzenden jungen Mann für die Sache des preußischen Staates zu gewinnen, ihn also von seiner Schriftstellerei abzubringen. Gedemütigt durch die Reden des Ministers, verlässt der Autor die Szene. Im Roman richtet der Schamane mit seinem Wunsch nach einer Ehe zu dritt bei Maha Guru eben so wenig aus. Der Gott zieht sich auf seine religiöse Würde genauso zurück wie von Kamptz auf seine Position als ,Amtsgott‘. Dennoch obsiegt die subversive Gewalt der Sensualität. Im autobiographischen Passus überwindet der junge Autor seine ministerielle ,Deckelung‘ im freien Getriebe und in den sinnlichen Eindrücken des Straßenlebens, die ihm den besten Fingerzeig in Richtung einer freien Existenz als Schriftsteller geben. Der Schamane behauptet sich einige Zeit später beim Angriff auf die Residenz Maha Gurus, als ihm die Umstände zu Hilfe kommen, um seinen Bruder von einem Throne zu entfernen, den er länger nicht behaupten konnte (260,30-31).

Die Vorbereitung zur sensualistischen Wende Maha Gurus geschieht, als er die in einem brennenden Gebäude gefangene Gylluspa befreit; dies übrigens in einer Passage voller erzählerischer Selbstironie: Eine solche alte Geschichte, die in Romanen schon hundertmal vorgekommen ist, werde hier nacherzählt, weil sie in Tibet spiele und daher noch für wahr gelten könne (267,5-7).

 6.6. Eros und Gender#

Das orientalische ,Sittenbild‘ bietet mannigfach Gelegenheit, enge Begriffe von der Liebe (294,34-295,1), wie sie die christliche Kultur ausgeprägt hat, in Frage zu stellen. So hält sich der chinesische Gesandte in Lassa einen Harem (dessen Frauen, wie noch auszuführen sein wird, ihren erotischen Bedürfnissen auf eigene Art nachgehen), während die tibetanischen Gebräuche durch die Polyandrie das andere Extrem aufweisen. Das Modell der Monogamie, so der auktoriale Kommentar, werde von Europäern zu Unrecht als tiefes Gesetz der Natur (6,20) verabsolutiert.

 Der Roman baut vor allem in der Schilderung weiblicher Sensualität einen wichtigen Unterschied der asiatischen Kultur zum Westen auf: Tibet ist das Land der Weiber-Emancipation (19,13), und dies in Bezug auf die Freiheiten in der Liebe, die unverheiratete Frauen genießen. Man könnte meinen, Gutzkow verfalle damit einem orientalistischen Klischee. Der Erzähler betont aber die Eigenständigkeit des weiblichen Begehrens, indem er den Filter des europäisch-maskulinen Blicks thematisiert. Der Anblick des hingegossenen Körpers, den die ruhende Gylluspa bietet, könne von einem Künstler nur dann vollständig erfasst werden, wenn er auch die hinter den Vorhängen versteckten Amoretten abbilde, die sich lüstern und wonnetrunken daran weideten (22,10-14). Besonders im Hinblick darauf, dass Gylluspa als Tochter des Götzenbildners Hali-Jong selbst über viele künstlerische Fertigkeiten ihrer eigenen Kultur verfügt, wirken die Amoretten auf den ersten Blick fehl am Platz. Sie sind ein Import aus der europäischen Bildkultur. Diese voyeuristischen kleinen Liebesgötter stehen aber stellvertretend für den europäischen Blick, stellvertretend auch für den in den Coulissen oder Vorhängen verborgenen europäischen Beobachter / Leser. Gylluspa dagegen ist von ihrer eigenen erotischen Sehnsucht nach dem seit Jahren verschwundenen Maha Guru erfüllt, einem Verlangen, das der Tanz des Schamanen kurz zuvor in ihr geweckt hat. Der Tänzer erscheint dann in ihrem Schlafgemach, sie erkennt ihn als Maha Gurus Bruder, nimmt als Tibetanerin das Indecente eines solchen Besuchs kaum zur Kenntnis (24,17), und in der zärtlichen Umarmung des Schamanen unter freiem Himmel scheint der geliebte Maha Guru, nach dessen Verbleib Gylluspa den Bruder pausenlos fragt, sowohl anwesend als auch schmerzlich abwesend. Gylluspas starkes Verlangen, das der Schamane kennt und ausnutzt, bildet den eigentlichen Antrieb für seine Unterminierung von Maha Gurus Göttlichkeit. Deren Versagen zur Rettung von Hali-Jong ist der moralische Hebel, den der Schamane bei seinem Bruder ansetzt, um ihn für die Liebe zu gewinnen. Der Schamane weiß, dass er selbst in Gylluspas erotischer Gunst immer nur den zweiten Platz einnehmen wird, und ist damit zufrieden. Ihr Bedürfnis regiert; das Glück der Liebenden folgt, und darin ist der Schamane als Dritter einbezogen.

Der Harem des Correspondenten spiegelt dagegen die Kontrolle von Frauen in der chinesischen Hochkultur. In diesem von Eunuchen, d. h. verschnittenen Aufseher[n] (196,4) bewachten Areal leben die Frauen mit ihren künstlich verkümmerten Füßen wie Zuchtweibchen. Die effektivste Kontrolle über ihre Sinnlichkeit ist die Verweigerung der Einsamkeit und des Müßiggangs. Stets müssen sie gesellig und beschäftigt sein: Auch für die Abwesenheit des Correspondenten blieb es das strengste Verbot, von dieser gewohnten Ordnung der Dinge abzuweichen. (195,24-33) Aber weibliche Bedürfnisse haben sich ein System des Ausbruchs aus dieser Ordnung geschaffen. In der Abwesenheit des Weiberdespoten (121,27), der auch zur Begattung [...] seines Pompes bedarf (121,23) und daher seine Ankunft mit vorangetragenen Fackeln ankündigen lässt, werden die Regeln laxer gehandhabt oder ganz aufgegeben. Die Vorsteherin des Harems ist die Schwester des Correspondenten, Schü-King, die ihre durch Ehrgeiz und Machtspiele auferlegte Selbstkontrolle ab und zu auch gern verliert und sich den Ausschweifungen im Harem anschließt, wenn der Haushahn (122,8) auf Reisen ist. Pikanterweise versetzt sie der junge Dalai Lama, in ihren Augen der menschlichste Gott (195,6-7), in einen Zustand der sinnlichsten Erregung (195,14-15), der sie dann in den Harem treibt:

Schü-King sympathisirte mit jeder Licenz, welche über gezogene Schranken und Befehle sprang. So lange sie in den Unordnungen des Harems nur das Lüften einer pressenden lästigen Kleidung sah, so lange in ihr die erste Gebieterin des weiblichen Lagers noch verehrt wurde, gab sie gern den Ausbrüchen der Ungebundenheit und Freiheit nach. Sie warf den Mantel ihrer Nachsicht um die Ausschweifungen des weiblichen Sansculottismus. Dieß that sie um so mehr, als sie eine Befriedigung ihrer Sinnlichkeit darin fand, an ihnen Theil zu nehmen. Zuweilen gab sie sich den äußersten Anregungen hin, die auf die Phantasie und die verstecktesten Gefühle nur wirken können. (196,28-197,4)

Als Medium dieses sinnlichen Eskapismus, der – wie Schü-King berechnet – letztlich nur die Ordnung stabilisiert, dient Opium. Der aktuelle weltpolitische Hintergrund, der den Zeitgenossen bewusst sein musste, war die Zuspitzung der Opiumkrise in China: Die East India Company ließ seit dem 18. Jahrhundert gegen die chinesischen Gesetze große Mengen des indischen Rauschgifts nach China einschmuggeln, um die gedrückte Bevölkerung süchtig und das Land vom britischen Handel abhängig zu machen (der erste Opiumkrieg brach 1839 aus). Im Harem des chinesischen Gesandten wiederholt sich also auf geschlechtlicher Ebene, was handelspolitisch geschieht: die Bestärkung von Macht- und Abhängigkeitsverhältnissen.

Obwohl der Drogenkonsum Teil des chinesischen Systems ist, bezieht der Roman den Rausch der Haremsfrauen auf sein zentrales tibetanisches Thema, die Durchmischung von Diesseits und Jenseits, und zwar mit der zusätzlichen Dimension sexueller Entzückungen. Das Gewagte dieser Szene liegt in der Schilderung eines orgiastischen Kollektiverlebnisses:

[D]ie Intervalle zwischen den Pausen und der leisen, athmenden Musik dieser in Seligkeiten aufgelös’ten sechszehn Weiber [verkürzten sich]. Die Entzückungen wurden anhaltender, die innere Wollust machte sich mit lauten Worten kund, der Tabak in den Pfeifen verglomm, die Chinesinnen lagen mit ausgestreckten Armen und geschlossenen Augen auf ihren Polsterkissen. [...] die tollsten Phantasien schwirren durch den Saal; Nord und Süd, Feuer und Wasser, Liebe und Entsagung verwirren sich in einander; es gibt keine Wünsche, keine Hoffnungen, keine Träume mehr; die Götter steigen von ihren Wohnungen herab, und öffnen alle Seligkeiten aller Himmel. (199,26-200,3)

Jede der Frauen scheint im Rausch einen Liebesakt zu erleben, und die sechzehnfache Verstärkung wirkt auf die Gruppe zurück, so dass die Auflösung des Individuums in einem glückseligen All-Zustand eintritt. Die Ekstase, in die der Rausch versetzt, wird zuerst von der jüngsten Haremsfrau Yeg-Jeg ,verstanden‘ und in Worte gefasst: Sie phantasiert sich bei ihrem fernen Geliebten in China, der aber, so wird bald deutlich, die Eigenschaften eines europäischen Akademikers besitzt. Wie bei den Amoretten in der bereits erwähnten Passage wird der Kulturzusammenhang gebrochen, hier durch die Vermutung, dass der fleißige Freund, der sich Tag und Nacht wie ein Wurm durch Bücher fresse und alle classischen Schriftsteller kenne, jetzt wohl sein Examen bestanden und die Würde eines graduirten Doctors erlangt habe (200,21-22). Der plötzliche satirische Ton und der Kontrast des gelehrten Bücherwurms mit dem soeben geschilderten erotischen Schwelgen der Frauen weisen wiederum auf den auktorialen Kulturzusammenhang hin. In der Tat vebirgt sich hier Selbstbiographisches: Gutzkow hatte im Sommer 1832 „als Externer in Jena“20 mit seiner 1830 an der Berliner Universität verfassten Schrift über antike Schicksalsgottheiten promoviert und bereits als Gymnasiast den größten Studienfleiß gezeigt. Ironischerweise gilt Yeg-Jegs Leidenschaft also einem besessenen Kopfarbeiter, und es ist eine wiederum ironische Phantasie des intellektuellen Autors, die chinesische Haremsdame als eine Geliebte darzustellen, die ihn, den Doctor, in ihrer Imagination selig umarmt (200,31). Es ist ja auch für sie nur eine Liebesphantasie, welche sie zeitweilig ihrer sklavischen Existenz entführt.

Gylluspa dagegen findet den Abgott ihrer Schwärmerei Maha Guru leibhaftig wieder, nur entdeckt sie zu ihrem tiefen Erschrecken, dass dieser inzwischen auch zum Gott ihrer Andacht, also zum Dalai Lama, geworden ist (105,19-20). Die freudetrunkenen Küsse der beiden Liebenden im ersten Moment des Wiedersehens sind also sowohl von der Seite des Gottes als auch von der Seite der gläubigen Frau blasphemisch. Auktoriale Kommentare machen deutlich, dass das Göttliche aber gerade in den Umarmungen der Liebenden liege, in der jauchzende[n] Freude der Menschen (101,4), dem letzten Zufluchtsort der Götter, nachdem die Welt sich von ihnen fortentwickelt habe. Gylluspas wieder angefachte Sehnsucht nach Maha Gurus Liebe erhält zunächst den empfindlichsten Dämpfer:

Wenn das Weib in Europa an einem glattgescheitelten, hagern, verklärten Candidaten der Theologie schon sehr wenig hat, was hatte Gylluspa an einem Wesen, das die Theologie selbst war? Ich brauche wohl nicht hinzuzufügen, daß eines Dalai Lama der Umgang mit dem weiblichen Geschlechte gänzlich unwürdig ist. (105,20-25)

Die Maskulinität Maha Gurus unterliegt noch stärkerer Zügelung als die eines Anwärters für das Amt eines pietistischen Geistlichen in Preußen (diese Spitze gegen die Glattgescheitelten der protestantischen Theologie und Prüderie sollte Gutzkow 1835 in seiner Vorrede zu Schleiermachers Lucindenbriefen um vieles verschärfen):21 Die Potenz des Dalai Lama hat sich einzig und allein in seiner göttlichen Allmacht zu erweisen. Maha Guru zweifelt auch nicht an seiner Kraft, kam ihm doch bei der Zurechtweisung des Correspondenten ein erderschütterndes Gewitter zu Hilfe, das er sowie die Anwesenden nur als Bestätigung seines heiligen Zornes verstehen konnte (die Ausgabe von 1874 macht dies klarer; vgl. 2.2.4.2.). So versichert er auch Gylluspa, sie solle die Errettung Hali-Jongs ganz in seine Hand legen (102,23-24). Doch auch in dieser Beziehung wird sie mit ihren verbleibenden drei Vätern bitter belehrt. Erst auf der Flucht vor den feindlichen Truppen wachsen dem gestürzten Gott geradezu übernatürliche Kräfte zu. Hat er als Dalai Lama bei der Rettung Hali-Jongs versagt, so gelingt ihm, der seit Jahren keine körperliche Anstrengung gewohnt ist, die wundersame, einem Romanklischee entsprechende Rettung der Geliebten aus den Flammen. Gylluspa, deren Name „die goldene Verheißung“ bedeutet, hat in Maha Guru tatsächlich den Gott fortgeküsst und den Mann gefunden.22 Zum ,Supermann‘ wird er jedoch nicht; die Erzählung belässt ihn in der passiven Haltung, die für seinen ganzen Lebensweg charakteristisch war. Ihn kennzeichnen Akzeptanz, sanfte Rede und zärtliche Hingebung an seine beiden treuen Gefährten (279,12-13). Erst spät spürt er Leidenschaft. Dieser Moment wird als eine spirituelle Erweckung geschildert, wobei an die Stelle der alten Religion die Liebe getreten ist. Das Erzählen wird an dieser Stelle zum überschwänglichen Hymnus auf die von der tibetanischen Kultur gestattete Form die Liebe:

Ja es trat zuletzt eine Stunde ein, da Frohlocken und jubelnde Freude in die Kleeblattherzen der Liebenden einzog. Maha Guru feierte mit verklärtem Auge seine irdische Wiedergeburt; er fühlte das Glück, an Herzen zu ruhen, wo jeder Pulsschlag sich ihm zum Opfer brachte; er stimmte einen Triumphgesang an, daß die lebensfrohen Wonnen des Menschen die todten Entbehrungen des Gottes in ihm besiegt hatten, und umarmte seinen Bruder, der ihn aus der Heimlichkeit eines unverständlichen, ihm dunklen und erschlaffenden Daseyns in das volle, freie, das Herz erhebende Leben der Menschen gerettet habe. (281,8-18)

Die Kleeblatt-Liebe zwischen zwei Männern und einer Frau ist auf den ehemaligen Gott als spirituelles Zentrum bezogen: jeder Pulsschlag Gylluspas und des Schamanen bringt sich ihm zum Opfer, während die beiden in den vom Liebespriester angestimmten Triumphgesang seiner irdische[n] Wiedergeburt einfallen. Brüderlich-mitmenschliche und erotische Liebe gehen ineinander über. Da dieses ,Modell‘ einen deutlich symbolischen, poetischen Charakter hat, kann es auch nicht in die Prosa des alltäglichen Lebens übertragen werden. Die drei verbringen ihr kurzes Glück in der idyllischen Abgeschiedenheit eines der Liebe geweihten häuslichen Raums, bei dessen Betreten Gylluspa und der Schamane beten, während Maha Guru, zu dem früher gebetet wurde, dieser Gebrauch noch fremd ist. Der Roman überspringt dieses poetisch-sakrale Dasein, das nicht sein Stoff ist, mit Ausnahme der hochzeitlichen Liebesnacht:

Wenn wir die Sitten Tibets nicht vergessen haben und die Bedürfnisse liebender Herzen kennen, so wissen wir, welche sonderbare Hochzeit jetzt in diesem Hause gefeiert wird. Zum Lauschen an der Brautkammer wird kein Raum seyn, da abwechselnd das Schlüsselloch von einem der beiden Brüder in Besitz genommen ist. Erst als das Heraus- und Hineingehen ein Ende hatte, würden wir an die Thür heranschleichen dürfen, aber nichts mehr sehen und vernehmen, als den tief athmenden Schlaf dreier in seliger Umarmung Verschlungener.

Erwachet ihr Lieben, zur Erfüllung der schönen Träume, die über Eurem lächelnden Antlitze schweben! (282,16-26)

Das Ende eines für Nicht-Tibetaner unziemlichen Liebesakts wird imaginiert (würden wir [...] sehen und vernehmen). Hier steht das inklusive wir für die europäische Außenperspektive. Unmöglich und ungehörig sei die Bespähung der Liebenden durch solche Augen; eine Erlaubnis dazu würde erst bestehen, wenn der Akt vorbei sei. Dennoch gestattet sich der Erzähler den voyeuristischen Blick, indem er das Imaginierte verschlüsselt wiedergibt (der doppeldeutige Begriff ist in der Tat Schlüsselloch). So ist statt jeweils eines der beiden Brüder der Erzähler der Zuschauer beim abwechselnden Geschlechtsverkehr der beiden Männer mit Gylluspa. Der Sex zu dritt endet in einer Verschlingung aller Körper im Schlaf, um beim Erwachen von neuem zu beginnen.

Die Darstellung körperlicher All-Einheit nimmt das Thema des Ich-Verlustes in der Opiumszene wieder auf, und dieses bereitet das Ende des Romans vor, als Maha Guru seinen Übergang ins Jenseits erwartet. Der erotischen Dimension der Ich-Auflösung folgt die spirituelle.

6.7. Das metaphysische Gedicht#

Der Roman befasst sich nur kurz mit dem Moment der Menschwerdung Maha Gurus und mit seinem langen Leben danach nur in einem erzählerischen Rückblick zu Beginn des letzten Kapitels. Denn auch als Mensch ist der frühere Gott nicht von dieser Welt, und über ein solches Leben ist nicht viel zu erzählen: Nachdem die Dreierzahl der metaphysisch-sinnlichen ,Kleeblattliebe‘ durch den baldigen Tod des Schamanen gebrochen ist, verfällt Maha Guru trotz Gylluspas Vitalität und Entschlusskraft in Traurigkeit (284,19) und lässt sich nicht zu einem Schritt ins rauschende Treiben des geschäftigen Lebens bewegen. Es widerstrebt seinem Bedürfnis nach geistlichen Uebungen und Gesprächen mit sich selbst (284,29-33). Nachdem auch die geliebte Frau nach Jahren in gemeinsamer Abgeschiedenheit gestorben ist, führt Maha Guru das ziellos-stumpfe Leben eines Einsamen. Schließlich setzt er die Hieroglyphen in dem Buche seines Lebens (285,19) zu einem Sinn zusammen:

Maha Guru stand jetzt als Mensch so allein, wie er’s einst als Gott. Der Kreislauf seines Lebens schien vollendet; von wo er ausgegangen, was hielt ihn noch zurück, dahin wieder zurückzukehren? (287,8-11)

Nicht nur die Romanfigur, sondern auch der Roman selbst vollführt die Schließung eines Kreises. Die Epigraphe des ersten und des letzten Kapitels enthalten die Silbe ,Om‘ (auch als ,Aum‘ oder ,Um‘ transkribiert), im Hinduismus das namenlose, ungeteilte Absolute, das innere Wesen des Universums. Das tibetanische Mantra, das den Roman einleitet, Um Maunie Pämi Um! (3,2),23 wird in Umschrift heute wiedergegeben als „Om mani padme hum“ und kann im übertragenen Sinne das Entstehen und das wieder In-sich-Zusammenstürzen des Kosmos bedeuten. Durch stetige Selbstläuterung des Menschen, der das „Om“ in der Vielheit irdischer Manifestationen findet, wird der Weg ins Nirwana gesucht.24 Die ungeteilte Einheit des „Om“ liegt im hinduistischen Glauben den Figuren der Zweiheit und Dreiheit zugrunde. Das Motto des zweitletzten Kapitels zitiert den Mythos des in zwei Hälften zerbrechenden Welt-Eies, aus dem Himmel und Erde hervorkommen: In diesem Kapitel scheiden sich bei Maha Guru Himmel und Erde durch seine Rückkehr ins irdische Leben. Das Motiv der Dreiheit wird in der ,Kleeblattliebe‘ des zweitletzten Kapitels aufgenommen. Das Motto des letzten Kapitels verweist auf die schließliche meditierende Versenkung Maha Gurus ins „Om“, aber dies wird nur klar, wenn es mit dem Eröffnungsmotto in Verbindung gebracht wird. Dieses ist eine mystische Sentenz zur Meditation, während das abschließende in den Worten des indischen Gesetzgebers Menu das Unvergängliche der Sylbe Om (283,3) konstatiert:25 Ein Gläubiger möge alle vorgeschriebenen Opfer befolgen, aber diese seien vergänglich, also unwesentlich gegen die einzige mystische Silbe, deren Laut für so ewig gilt wie das kosmische Wesen selbst. Mit dieser Silbe beginnt das erste Motto, und mit ihr endet das letzte. Die Romanhandlung, die in diese schließende Geste eingespannt ist, wird gegen Ende immer spärlicher und schließlich ganz zurückgenommen; eine weitere formale Spiegelung des buddhistischen Glaubensinhalts. Das Erzählen verdichtet sich also zeichenhaft: Übrig bleibt vom ganzen Roman nur noch der Heilige auf dem Berge.

Als diesen inszeniert sich Maha Guru selbst: als den zum Menschen gewordenen Gott, der dem Göttlichen als lebende Statue wieder nah ist. Der völlig vergeistigte, regungslose Körper, der dem Sonnenaufgang zugewandt ist und auf seinen letzten Atemzug wartet, lebt bereits halb im Jenseits. Seine Haltung auf einem Bein mit gerade erhobenem Arm wirkt wie eine Linie, die sich in den Himmel streckt. In erzähltechnischer Hinsicht ist dies eine Reminiszenz an das Thema der vermenschlichten Götterstatuen Hali-Jongs sowie an das des Schamanentanzes, bei dem sich Dämon und Mensch verschlingen: Variationen der Menschwerdung des Überirdischen. Jedoch ist das Standbild, zu dem sich Maha Guru abtötet, immer noch ein Mensch und damit ein Sinnbild des Göttlichen im Menschen, eine lyrische Symbolfigur, in die die Erzählung ausläuft.

So stilisiert allerdings lässt der Autor sein metaphysisches Gedicht nicht enden. Schließlich ist der Roman ja doch ein ,Sittenbild‘ mit beobachtendem Erzähler, und das Fremdartige sowohl der Epitaphe als auch des buddhistischen Kultus wird nicht aufgehoben. Eine lange kritische Reflexion über die Unterschiede der asiatischen zur europäischen Kultur geht dem Romanende voraus. Sie betont die relative Leichtigkeit eines tugendhaften Lebens in Asien und die Schwierigkeit eines solchen in Europa. Der eine Weltteil weist (noch) keine so komplexen Gesellschaftsverhältnisse auf wie der andere, wo Seelenläuterung durch ständige Hindernisse und Ablenkungen ein viel mühsameres Geschäft ist (die mystischen Sonderlinge der Großstädte wie Vetter Wilhelm kommen in den Sinn; vgl. Globalkommentar, 6.5.). Und kann asiatische Tugendhaftigkeit im Hinblick auf die materiellen Ungleichheiten, die ihr vorausgesetzt sind, überhaupt so hoch veranschlagt werden? (Vgl. 285,23-287,3). Selbst die Höhe von Maha Gurus Läuterung (im wahrsten Sinne, da er sich auf einem Berggipfel aufstellt) ist nur mit Nahrungszufuhr durch andächtige Diener zu erreichen. Sie verehren Maha Guru als Bergheiligen (288,33-34). Bei der Darstellung der lebenden Skulptur bleibt die Ironie nicht aus:

Das Augenlied senkt sich halb über den Stern, der Blick richtet sich ab von Allem, was er bis jetzt noch gesehen, und hat seinen Sinn nur noch für die Nase, einen Gegenstand, den man ohne Zerstreuung betrachten kann. Die einzige Lebhaftigkeit, die in diesen unverwandten Blicken liegt, ist das schielende Wechselspiel, wie bald der linke, bald der rechte Nasenflügel von dem ermatteten Auge wahrgenommen wird. (288,13-19)

Hali-Jongs korrekte Positionierung der Nase, um seinen Göttern ein menschlicheres Gesicht zu geben, machte ihn einst zum Ketzer. Nun erlangt der zum Standbild erstarrte Maha Guru seine Heiligkeit über Betrachtungen der Nase, des tiefsinnigsten Körpergliedes (289,2-3). Diese Stelle schließt an einen früheren Erzählerkommentar an: Die Nasen der Götter bezeichneten deren Allgegenwart, da sie sie überall hineinsteckten (12,19-32). Mit diesem Anklang an die derben Scherze der großen humoristischen Literatur Europas (Sterne, Rabelais) verabschiedet sich der Beobachter von seiner Figur, die gleichsam auf dem Berg allein gelassen wird: Maha Guru könne dort noch immer stehen, inzwischen zur Mumie vertrocknet und von der Natur in Besitz genommen, und noch immer atme er, und seine Seele, die schon so oft zum Flug angesetzt habe, sei dem Körper noch immer nicht entwichen.

Genau in diesem verewigten Zustand zwischen Diesseits und Jenseits ist Maha Guru jedoch bei aller kulturellen Fremdheit seiner Askese als Apotheose zu verstehen. Somit trifft die Lesart des Kritikers F. Marlow (5.1.2.5.), der den Schluss als Symbol interpretierte, völlig zu. Es handelt sich aber nicht um ein Bild des deutschen Dichters von 1833, der das Göttliche für immer suchen muss, sondern um ein Bild des menschlichen Verhältnisses zur Ewigkeit überhaupt. Da Maha Guru sich einst als Verkörperung des Ewigen erlebte und in seiner nachgöttlichen Phase zu einem aufrichtigen ,Jenseitsmenschen‘ wurde, gebühre ihm im Jenseits ein Thron: Mit dem Blick auf einen festlich vorbereiteten Götterhimmel, der seinen Sinn ja nur in Beziehung auf das Göttliche im Menschen haben kann, schließt der Roman. Es mutet angesichts des Beobachterstandpunkts vielleicht nicht so seltsam an, dass dieser Himmel ausgesprochen europäisch gestaltet ist, obwohl doch der geläuterte Maha Guru ins Nirwana strebt, das gestaltlose Nichts. In dem von Göttern und Genien bevölkerten Raum scheint es ironischerweise auch Rangunterschiede zu geben, denn Maha Guru wäre dort wegen seiner außergewöhnlichen Menschengeschichte einer der ersten Fürsten (289,16). Dieses Jenseits erscheint als eine sorgfältig organisierte Bühne, die den Auftritt einer ihrer Hauptfiguren erwartet; allerdings sind dort die Akteure ewig. Vielleicht lässt sich die Himmelssphäre, die der Roman wie einen Epilog aufruft, als Gegenstück zu Goethes auch nicht so ganz ernsthaftem, aber mit Ernst befrachtetem „Prolog im Himmel“ lesen. Dort schaut der Herr anerkennend auf Faust, den Strebenden, seinen „Knecht“. Gutzkows menschliche Götter könnten einen Kosmos der Suchenden darstellen, und das wäre dann auch (im Sinn von Goethes ,Weltliteratur‘) ein Raum der ,Weltreligion‘, der die jeweiligen Glaubensinhalte überspannt.26

Im Globalkommentar zitierte Forschungsliteratur#

Werner Bauer: Gutzkows Maha Guru. Geschichte eines Gottes. Diss. masch. Tübingen 1924.

 Ernst Bergmann: Die ethischen Probleme in den Jugendschriften der Jungdeutschen. (1833-1835.) Leipzig: Schmidt, 1906.

 Christmas Humphreys: Buddhism. Harmondsworth: Penguin, 3. Aufl. 1978.

 Trevor Lipscombe: The First British Book about Bhutan: A Publishing History of Turner’s “Account of an Embassy”. In: Journal of Bhutan Studies. Thimphu, Bhutan. Bd. 35 (Winter 2016), S. 1-19.

 Wolfgang Rasch (Hg.): Karl Gutzkow. Erinnerungen, Berichte und Urteile seiner Zeitgenossen. Berlin, New York: de Gruyter, 2011

 Wolfgang Rasch: Nachwort. In: Karl Gutzkow: Kleine autobiographische Schriften und Memorabilien. Hg. von Wolfgang Rasch. GWB VII, Bd. 3, S. 297-329.

 Nicholas Saul: Karl Gutzkow: Literatur zwischen Religion und Politik. Probleme der Säkularisation. In: Literatur im Religionswandel der Moderne. Studien zur christlichen und jüdischen Literaturgeschichte. Hg. von Alfred Bodenheimer, Georg Pfleiderer und Bettina von Jagow. Zürich: Theologischer Verlag Zürich, 2009. S. 109-125.

 Gert Vonhoff: Vom bürgerlichen Individuum zur sozialen Frage. Romane von Karl Gutzkow. Frankfurt/M., Berlin, Bern: Lang, 1994.

 Gert Vonhoff: Gutzkows Ästhetik und das Berufsschriftstellertum. In: Karl Gutzkow (1811-1878). Publizistik, Literatur und Buchmarkt zwischen Vormärz und Gründerzeit. Hg. von Wolfgang Lukas und Ute Schneider. Wiesbaden: Harrassowitz, 2013. S. 21-33.

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