König Saul#
Metadaten#
- Herausgeber / Herausgeberin
- Susanne Hesse
- Marianne Schröter
- Fassung
- 1.0
- Letzte Bearbeitung
- 07.2009
Text#
König Saul#
1
Erster Akt.#
Erste Scene.#
Ein dunkler, nur von einer Lampe erhellter Saal. Im Hintergrund eine Gallerie, durch welche allmählig die Morgendämmerung hereinscheint.
Zwei Wachen, darauf Offizier.
Erste Wache.
- Die dritte Stunde ruft’s vom Thurm.
Zweite Wache.
- Die Sonne
- Macht sich schon auf.
Erste.
- Noch eben sah ich drüben
- Den König durch den linken Seitenflügel
- Nachtwandeln.
2
Zweite.
- Ja, man glaubt, er schliefe wachend.
Erste.
- Das glaub’ ich nicht; denn wehe dem, der ihm
- Auf seinen nächtlich irren Fahrten je
- Begegnet! Manchen schlug er nieder, der,
- Wenn um die Eck’ er schleicht, nicht schnell entfloh.
- Er ächzt die Treppen auf und ab, und stößt
- Wehklagen aus, die Niemand deuten kann!
Zweite.
- Die Großen, mein’ ich, sterben schwer.
Erste.
- Still!
Zweite.
- Giebts was?
Offizier
(schnell auftretend).
- Der König kömmt! Fort, fort! Dort drüben hin!
- (Er drängt sie beide fort.)
3
Zweite Scene.#
Saul (tritt verstört im Nachtkleide auf).
Saul.
- Ich kann nicht schlafen – Träume, die des Leibs
- Erquickung sollten sein, ermüden mich –
- Ein frecher Zaubergeist umgaukelt sie
- Mit Bildern, denen nur des Narren Hirn
- Als guten Freunden sich vertrauen kann.
- Ringsum aus häßlichen Gespensterlarven
- Neckt trügerisch der ungebetne Gast,
- Der wie ein knurrend Thier bald in der Ecke,
- Bald wie ein Alp auf meinem Herzen liegt.
- O Saul, wo ist der Tag, da im Gebirge
- Von Ephraim der Hirtenknabe schlief,
- Von Bienen und von Engeln Gottes nur
- Umschwärmt: als Samuel, der Priester –
- Ich weiß nicht, lebt er oder ist er todt –
- Auf seines Hauses Dache, angeglänzt
- Vom Morgensonnenstrahl, das Knabenhaupt
- Mir salbte mit dem heil’gen Oel! Gift ward
- Das Oel; es wuchsen Schlangen draus, die ringelnd
- 4 Um meinen Leib, dem Herzen kaum zur Klage
- Noch Athem lassen. – Und was ringt nicht Alles
- In mir nach Luft! Lahm wird mein Schwert, die Krone
- Ist wie ein Dornenreif, ein Kerker eher
- Scheint mein Palast, die Diener sind wie Wächter;
- Was ich befehle, wird belächelt, überall
- Erblick ich eine Hand, die meinen Willen,
- Wie einem Pfeil die Spitz’ im Fluge biegt.
- Und gleich als wär’ ich bei lebend’gem Leibe
- Schon eine Leiche, theilt man meine Erbschaft,
- Setzt einen Sarg vor meine Thür und einen Knaben,
- Dem heimlich sie die Stirne salbten, drauf,
- Daß er mit falschen Thränen und mit Klimpern
- Auf seiner Harfe mir das Grablied sänge!
- Da wird gebuhlt mit Tugend und erlogner
- Hochachtung, mit Geduld und mit gesenkten
- Demüth’gen Augenliedern; ja es heißt:
- Ach, lebte hundert Jahre noch mein Herr
- Und schaukelte auf seinen Knien Kind
- Und Kindeskind und sähe noch, wie Israel
- Im Schatten seiner Herrlichkeit gedeihe!
- 5 Ich kenn’ die Mischung – es ist Priestergift,
- Das man in Bechern nicht, nein mit dem Kelch
- Der Augen, mit der hohlen Freundschaftshand
- Gleichwie aus heiligen Gefäßen reicht!
- So wie die Lampe dorten überflüssig
- Noch brennt, indeß die Sonne schon den Rand
- Des Horizontes küßt, steh’ ich ein Rest,
- Nicht aufgeräumt vom Mahle gestern, da –
- Und muß der eignen Tochter heut die Schlange,
- Die ich im Busen nährt’, als Eheweib
- Vermählen. – (Sinnend und grübelnd) Doch vielleicht gelang mein Plan –
- Von fünfzig Feinden mußte David erst
- Das Panzerhemd erbeuten, ehe Michal
- Sein Weib wird – Alles still noch – ha, vielleicht
- Frißt er im Sande Hochzeitskuchen – und
- Ein Haufen Steine ist sein Bräut’gamsrock.
6
Dritte Scene.#
Samuel (tritt durch die hintere Gallerie auf und hält sich während der ganzen Scene in der magischen Beleuchtung der Morgensonne). Saul.
Samuel.
- Du irrst! Den bösen Anschlag strafte Gott
- Durch zweimal fünfzig Eisenkleider, die
- Als Morgengab’ er Michal bringen wird!
Saul.
- Bist Du sein Geist, bist Samuel Du selbst?
Samuel.
- Ich bin die Hand des Herrn, die Dich gesalbt;
- Ich bin die Hand des Herrn, die Dich verflucht.
Saul.
- Du fluchst und segnest, wie es Dir gefällt!
- An einem unsichtbaren Seile läßst
- Du Deine Königskronen wie ein Spielwerk
- Von einem Kopf zum andern tanzen. Fluchen
- Wird Gott des Priesters Hand, die aus dem Schmuck
- Der Majestät ein bloßes Mährchen machte,
- Zu dem sie sich den Schlüssel rückbehielt.
7
Samuel.
- Ein blinder Löwe, der verspottet wird,
- Kann der noch König sein? Verflogen ist
- In Deinem Haar der Duft der Salbung, seit
- Ein Geist der Mitternacht Dich wirr umkreis’t.
- Längst hat der Herr die Stirne Dir gezeichnet!
Saul.
- Was ist Jehovas Zorn? des Priesters Zorn,
- Dem erst das Volk die Krone abgetrotzt,
- Und dem sie dann in seiner magern Hand
- Ein Stecken sollte sein. Der Stecken wuchs
- Ihm aber aus der Hand heraus zum Baum,
- Der seine Zweige stolz zum Himmel streckt.
Samuel.
- Bis ihn des Herren Blitzstrahl fällen wird.
Saul.
- Ha! Durch ein klein Insekt nur wird er sterben,
- Das in die Bork’ als Ei man ihm gelegt,
- Sein Mark, sein Herzensmark ihm auszufressen.
- Ich weiß wer mich verdrängen soll. Seitdem
- 8 Ich, wie Du predigst, böse bin, aß ich
- Vom Baum der Schlange Aepfel der Erkenntniß.
Samuel.
- Was Du erkennst, ist Deines Argwohns Frucht.
- Wer unrein essen will, dem ist zu blank
- Ein jedes Messer. So Tyrannenart
- Ist das, in eignen Uebermuthes Folgen,
- Wie sie die Ordnung der Natur verlangt,
- Den bösen Anschlag Anderer zu sehn!
Saul.
- Und Priesterart, Tyrannen die zu nennen,
- Die mit dem Scepter nicht wie an der Krücke
- Feig bettelnd schleichen. Weißt Du, wer ich bin?
- Ein Kriegsmann, früh gewöhnt, von meinen Heerden
- Den Wolf mit eigner Hand zu jagen, Feldherr,
- Der schnell im Siege, auch im Beten schnell,
- Am Knauf des Schwerts die Händ’ zusammenfaltend,
- Mit einem kurzen Blick gen Himmel Gott
- Um seinen Beistand in den Schlachten bittet.
- Womit ich Euch verletzt; ich weiß es wohl.
- Altäre baut’ ich nicht, ich gab den Priestern
- 9 Nicht sattsam Opfer, brauchte meine Beute
- Für die, die sie gemacht, zum Lohn des Kriegers
- Nach heißem Tag! Für Wittwen, Waisen, die
- Man nicht mit leeren Händen trösten kann.
Samuel.
- Ich laß Dir gern die Nahrung Deiner Habsucht!
- Doch statt die Heiden zu vernichten, ihre Sitze
- Der Erde gleich zu machen und die Schlange,
- Die uns umringelt, köpflings zu zertreten;
- Verhandelst Du mit ihr, kaufst ihr den Balg,
- Den sie gehäutet, ab, bist mit Tributen,
- Mit Friedensschlüssen und geschriebenen
- Artikeln hochzufrieden, treibst den Krieg
- Nur um der Fehde, nicht um Gottes Willen.
Saul.
- So schicke mir von Rama Deine Kutten,
- Die schwarzen Priester, als Würgengel zu.
- Dem Krieger stehet Kampf nur an, nicht Mord,
- Nicht blut’ge Metzelei; wir achten den,
- Der wehrlos, in die Knie gesunken, bittet,
- Daß ihn des Siegers Großmuth schone! Ja
- 10 Es liegt in Schwertern, die im Kampf sich messen,
- Im Funken, der dem heißen Stahl enthüpft,
- Ein geisterhaftes Band, ein stilles Werben
- Um Freundschaft, wenn besiegt der Eine weicht.
- Was kennt ein Priester von dem stolzen Herz,
- Das eines tapfern Mannes Busen schwellt!
Samuel.
- Die Waffen gab Dir Gott; der Priester Andacht
- Erflehte Dir den Sieg: Du möchtest gern
- Den Krieg zu einem Handwerk machen, gleich
- Der Katze, wenn sie Mäuse fängt und sich
- Am Haschen mehr als an dem Fraß erfreut!
Saul.
- Krieg stählt des Volkes Kraft; Dein Friede riecht
- Nach Opferduft und Priestern nur und macht mit Singen,
- Mit Klingeln, Beten, Fasten, Wallfahrtgehen
- Das Volk nur dumm!
Samuel.
- Dies Volk ist Gottes Volk.
- 11 Ich bin in sichtlicher Verkörperung
- Der Stellvertreter Gottes; Du nur bist
- Die eine Hand, die meinen Willen thut!
- Von wannen kam Dein weltlich Regiment?
- Beauftragt bist Du nur, nicht selbstberechtigt;
- Dein Herrschen kömmt und geht. Den Königszehnten,
- Die eitle Pracht der Krone, Irdisches,
- Besitz von Gütern; solches gab der Herr
- Den Königen und Kaisern; uns jedoch,
- Den Priestern, gab er die Gewissen, gab
- Die Opfer, gab die Ehe, alle Weihen
- Zur höhern Ordnung aller Ding’, die Pforten,
- Die sich zum Himmel, die zur Hölle öffnen!
- Und weil Du ändern wolltest an dem Lauf
- Der uralt göttlichen Geheimnisse
- Und Schwertesrecht an Gottesrecht gesetzt;
- Zerriß der Herr den Pact, den er mit Dir
- Einst schloß und läßt auf eines Andern Haupt
- Nun wieder – leider! – seine Salbung duften.
Saul.
- Du sprichst von David –
12
Samuel.
- Forsche nicht! Ein Blinder,
- Kannst Du nichts sehn ...
Saul.
- Doch meine Geister sind
- Nicht blind. Ich weiß, wer mich umschnuppert, wer
- An mir Gerüche der Verwesung sucht –
- Den habt Ihr Priester gut Euch ausgewählt!
- Ein glatter Bursche, immer roth die Wangen,
- Und süßlich wie ein Mädchen; hei, wie wird
- Nach seinem Saitenspiel die Klerisey
- Dereinst um Gottes Bundeslade hüpfen!
Samuel.
- Und dennoch kennt man einen bösen Gast,
- Der nächtlich, wenn mit sel’gem Frieden
- Die ganze Welt in ihrem Gotte ruht,
- Nicht schlafen kann und sich den Harfenspieler
- An seine Lagerstätte ruft und Tönen,
- Von eines Knaben Hand geschlagen, lauscht.
- Wie krümmt sich da der Dämon in der Brust,
- Und ächzt und duckt sich wimmernd, kreischt und weint,
- 13 Und kann nicht leben, kann nicht sterben, weil
- Die heilige Musik ihm möchte schier
- Die Eingeweid im Leib zerreißen!
Saul.
- Pfaffe!
- (Springt auf Samuel zu und reißt ihm den Oberrock ab, den er in der Hand behält.)
Samuel
(ergrimmt).
- So wie das Kleid Du mir vom Leib gerissen,
- So trennt sich ewig Juda, Israel
- Von Deinem gottverfluchten Haupte jetzt!
- Die Krone fällt Dir in den Koth und rollt
- Die Straß entlang. Auf Israel! Erwach
- Und lauf der feilen Königskrone nach!
- (Hinter der Scene ein Trommelwirbel. Samuel flieht vor Saul, der ihn verfolgt. Verwandlung.)
14
Vierte Scene.#
Heller, freier Platz.
Ein Trupp Krieger tritt auf und trägt im Vordergrunde einen Haufen erbeuteter Waffen zusammen.
Zwei Krieger.
Erster.
- Das ist ein hartes Hochzeitsbett, das sich
- Der Hauptmann erst zusammenlesen mußte!
Zweiter.
- Und allerwegen ist’s auch Sitte sonst,
- Daß von der Braut die Betten kommen!
Erster
(vertraulich).
- Ja,
- Auf Rosen hätt’ ihn ohnehin auch Saul
- Wohl nicht gebettet!
Zweiter.
- David lacht dazu
- Und sagt: Es stünde jedem Manne an,
- 15 Daß er der Braut erst vom Philister etwas
- Als Morgengabe bringt.
Erster.
- Da kömmt er her!
Zweiter.
- Mit ihm der Prinz. Der Vater sieht es nicht.
- (Treten zurück.)
Fünfte Scene.#
David. Jonathan (den Arm auf David’s Schulter lehnend). Die Krieger.
Jonathan.
- So hat Dich Gott beschützt, mein theurer Bruder!
- Da liegen sie die neuen Ehrenzeichen
- Des jungen Ruhmes, der Dich schmückt. Ach, Michal
- Durchweinte diese Nacht und ich war selber
- Recht ohne Trost!
David.
- Und Saul?
16
Jonathan.
- Er hat geahnt,
- Mein theurer Freund, daß Du den Lorbeer, hing’ er
- Auch noch so hoch, stets pflücken würdest. Finster
- Saß er mit uns zusammen gestern Nacht
- Im großen Saal und spühlte seinen Zorn
- In vielen Bechern Weins hinunter, fluchte
- Und schwur, sich hoch vermessend, warf die Becher,
- Wenn sie geleert, den Tisch entlang und sprach
- Mit seinem finstern Geist, der ihn so schien
- Zu quälen, wie noch nie. Die Nacht hernach
- Soll er den Pallast auf und abgeirret,
- Soll in das Aug’, wie uns vor Schmerz, so ihm
- Vor Zorn kein Schlaf gekommen sein.
David.
- Ich lag
- Derweil im Hinterhalt und traf, als hätte
- Sie Gott gezählt, zweimal fünfzig Mann,
- Von denen nicht einmal ein Bot’ entkam.
- Ach, Bruder, laß die Grillen! Sieh, die Sonne
- Begrüßt den langersehnten Ehrentag
- 17 Mit heiterm und erhabnem Lächeln! Ist
- Denn Michal nicht so vieler Mühen werth?
- Schätzt man doch höher nur, was man sich selbst
- Mit Fährlichkeit errungen hat!
Jonathan.
- Du bist
- Ein Dichter, David; kannst mit Sonnenstrahlen
- Dir jede Lust, ja selbst den Schmerz vergolden!
- Du zauberst Dir ein himmlisch Ideal,
- Zu dem Du fliegst mit kühnen Adlerschwingen!
- Du hängst Dir Deine Welt mit Teppichen,
- Die selbst die Trauer bunt bedecken, aus!
- Dir dienen Freud’ und Leid zu einem Zweck,
- Der Poesie Juwelen drin zu fassen;
- Doch wir!
David.
- Nein, Jonathan, Du siehst zu schwarz!
Jonathan.
- Ich sehe nur, was kommen muß und was
- Schon über Wolken, die sich dunkeln, rollt!
- O wär’ es Deine Liebe nur zu Michal,
- 18 Die, endlich mit Erfolg gekrönt, dem Streit
- Ein Ende machte! Nein, Du selber, David,
- Weißt, was noch Alles in Erfüllung gehen,
- Was für ein Räthsel sich noch lösen soll!
- Die Kirche salbte Dich?
David.
- Mein Bruder, laß!
Jonathan.
- Nein, David, nein, es liegt ein tief Geheimniß
- In Deiner Brust; ich weiß es – weiß auch, was
- Du leidest, Freund – da man den Willen Dir
- Gefangen nahm und in ein Herz voll Liebe
- Den Haß und Künste der – o zürne nicht –
- Verstellung senkte ... ja; Du bist gesalbt –
David.
- Mein Bruder, ist nicht Jedermann gesalbt,
- Der je in einer heil’gen Stund’ Etwas
- Ob seinem Haupt wie Gotteshand gespürt?
- Sind Jungfrau’n nicht gesalbt, wenn immerdar
- Um ihre unschuldsvolle Schläfe scheint
- Ein Engel an dem Myrthenkranz zu weben?
- 19 Sind’s Greise nicht, wenn ihre Silberlocken
- Ein rührend Bild vom Winter und vom Tod
- Der Leidenschaften geben; Knaben nicht,
- Die mitten in Gefahr, beim Spiel, am Abgrund,
- Wo schon die Mutter kreischend Hülfe ruft,
- Von einer Gotteshand ergriffen werden?
Jonathan.
- Nein, Du entgehst mir nicht! Was alle Welt
- Sich sagt, die Kirche so geflissentlich
- Sucht auszubreiten und Du selbst nur weigerst
- Einzugestehen; ich nehm’ es für gewiß
- Und freue mich des Opfers, das dem Freunde
- Ich mit Entsagung bringen kann. Die Krone
- Wird Dein; denn wem die Kraft ist, dem sei auch
- Die Herrlichkeit!
David.
- Du quälst mich! Nimmermehr!
Jonathan.
- O laß es, Bruder; dächte so, wie ich
- Mein Vater auch! – Ich denke mir, es muß
- So Menschen geben, die in schönen Bildern,
- 20 In herrlichen Gestalten Alles, was
- Die minder Gottbegabten ahnen, fühlen,
- Was unbewußt in ihrem Busen schlummert,
- Ans Licht des Tages bringen, groß und schön,
- Und stolz vom Sonnenlicht beschienen; Menschen,
- Die mit Bewußtsein ihres Daseins Meister
- Und Künstler in der Kunst des Lebens sind!
- Die müssen uns wie die Gestirne leuchten,
- Wegweiser sein auf dunklem Meer, müssen
- Dem Himmel gegenüber in der Erde Namen
- Zusammenfassen, was vom Menschengeist
- Vor Gott nicht gänzlich zu erröthen braucht!
David.
- Dich reißt Dein treues Herz zur Schwärmerei!
- Die Freundschaft drückt wohl gern die Augen zu;
- Doch schmeicheln soll sie nicht!
Jonathan.
- Der König kömmt!
- (Trompeten.)
21
Sechste Scene.#
Saul. Michal. Abner. Gefolge. Die Vorigen.
Saul
(schon im Hintergrunde).
- Wo ist mein Sohn? (vorn) Sei mir willkommen, David!
- (Den Haufen Waffen erblickend.)
- Der Teufelskerl, was führt er für ’ne Klinge!
- Wir schlafen und Der baut sich Monumente.
- Als wenn’s zum Tanze mit der Fidel wär’,
- So kratzt er auf Philistervolk herum!
- (Michal und David, die gute Laune des Königs hörend, stürzen sich in die Arme.)
- Nun sind wir quitt. Der Eigensinn des Alten –
- So flüstern sie – hat seinen Willen jetzt;
- Jetzt kömmt die Reihe an uns junges Volk!
David.
- So bin ich endlich denn am Ziele längst
- Erträumten Glückes?
Michal.
- Und Segen spricht mein Vater
- Dem Bunde, den der Tod nur trennen wird?
22
Jonathan.
- Des Vaters Herz neigt sich dem theuern Bruder
- Mit Liebe zu, so daß ein doppelt Band
- Ihn nun an meine Freundschaft fesselt?
Saul.
- Bist
- Du auch, Prinz Ueberflüssig, da? das lagert
- Sich all herum um Einen – kann man weichen,
- Wenn man bei jedem Schritt – sie sagens ja –
- Ein Herz zertritt! – Kos’t, mehret Euch, vermischt
- Euch alle drei in Eines, macht Musik,
- Und tanzt und treibt dreitausend Teufel aus!
- Ich will nichts hindern; bin zwar alt und streng,
- Doch ohne Liebe nicht und trink’ zu Haus
- Bei Gott! auf Euer Wohl ’nen Becher mehr.
Michal.
- Wie gütig kannst Du sein ...
Saul.
- So – kannst Du sein?
- Ich bin’s auch – und nun hier kein Firlefanz
- Von Seufzern und Allegorien gemacht!
- 23 Wär’ Alles nur im Reiche so, wie’s Herzen wohlthut,
- Wir glotzten uns nicht so verwundert an!
- Uns was die kleine (vertraulich) Waffenprobe anbetrifft,
- So nimm das nicht zu ernst, mein Sohn! Sie sollte
- Nur so ein Gleichniß sein, wie’s in der Ehe
- Oft bunt und sauer geht und überhaupt
- Wie man nicht immerdar auf seinem Knie
- Mit kleinen Kindern Reuters spielen kann.
- Es war kein Arg dabei, mein Sohn!
- (Giebt David die Hand.)
Abner
(spottend).
- Es war
- Nur so’n Versuch –
Saul.
- Still, Abner! Nicht geschürt!
- Mein Herz ist heiter, meine Stirne frei;
- Ich will, daß Alles heut vergessen sei!
David.
- So sollt Ihr Freude an dem Eidam haben!
- 24 Ein Eidam, theurer König, ist ein Vogel,
- Der sich in einem fremden Baume nistet.
- Aus weiter Fremde kommt er oft gezogen
- Und singt und zwitschert in dem alten Stamm,
- Der säuselnd mit neugierigen Blättern lauscht;
- Erzählt ihm von der Heimath, seinen Eltern,
- Von seiner Jugend, seinen Lehrern, führt
- Die Tugenden und kleinen Fehler auf,
- Die ihm schon früh sein eigen Wesen gaben.
- In langen Nächten unterhält er so
- Den alten Baum und wird dem neuen Kreise,
- In dem er sich vermählte, lieb und werth.
Michal.
- Und selbst das eigne Kind bekömmt den Eltern
- Ein neues Aussehn; reicher, voller blüht
- Ihr Gutes an ihr auf und was man oft
- Vergebens an ihr rügte, schwindet plötzlich.
- In Liebe erst erwacht, was Alles todt
- Bisher im Mädchenherzen schlummerte.
- Sie giebt uns Muth, giebt Welt, Erfahrung, giebt
- Ein durch sich selbst getragenes Gefühl
- 25 Von dem, was man vermag mit ernstem Willen –
- So wirst Du Freud’ erleben an uns beiden.
Saul.
- Nein – so mir Gott! Ich bin nicht bös – Ich hätte
- In Winternächten gern solch trautes Leben
- Um mich herum – ich – ich – für mich –
Abner.
- Die Kirche
- Wird diese schöne Eintracht segnen –
Saul.
- Abner,
- Sitzt denn der Teufel immer Dir im Nacken?
Jonathan.
(mit einem Seitenblick auf Abner)
- O ließest Du von Deiner Seite Menschen
- Doch treten, die am Hader Freude haben!
- Sie säen nur das Unkraut, das zuweilen
- Dein edler Theil im Herzen überwuchert.
- An David gieb die Ehren, die die Andern
- Zum Schimpf der Krone tragen; David führt
- 26 Das Schwert nicht nur, wie Keiner je zuvor,
- Es möchte selbst im Ordnen einer Schlacht
- Wohl schwerlich seines Gleichen geben ...
Saul.
- Singt
- Man’s doch auf allen Gassen –
David.
- Und in Tönen,
- Die wie Beschämung klingen. Was ich that,
- That immer nur des Augenblickes Weihe,
- Die plötzliche Erregung eines Geists
- Von Oben; denn weit eher furchtsam bin ich!
Michal.
- Mein theurer Freund, bedecke Deinen Werth
- Nicht mit dem Schleier der Bescheidenheit!
- Der Ein’ ist tapfer, las ich oft in Büchern,
- Durch trotz’gen Leibesübermuth, der Andre
- Durch ein begeisterndes Gefühl der Würde
- Und ernstes Sinnen über Mannesadel!
27
Jonathan.
- So wie die Jungfrau, wenn sie recht im Dufte
- Der Unschuld blüht, nicht weiß, was Unschuld ist,
- So ist auch Deine Tapferkeit.
Abner
(vertraulich und spottend zu Saul).
- Nicht wahr,
- Ein Gleiches sprach auch Samuel, als wir
- Den steh’nden Heerbann schaffen wollten – Lanzen
- Zu schwingen, lerne man im Spiel; es sei
- Die Tapferkeit die Frucht nur der Gefahr;
- Ein jeder schlüge sich, wenn man ihn drängt:
- Im Frieden soll der Krieger Gerste ziehen
- Und hinterm Pfluge das Commando lernen ...
Saul.
- Ha, ha, das ist die Art der Kirche; immer
- Holt sie aus göttlichen Gesetzen her,
- Was ihres Vortheils ist.
David.
- Mein Vater, höhnet
- Die Kirche nicht, die Alles fast erschaffen,
- Deß Israel sich freut! Sie gab Gesittung,
- 28 Gab mildre Formen uns und hob das Antlitz,
- Das wir dem Thiere gleich zur Erde neigten,
- Empor zur Himmelswölbung; sie
- Erschloß den Himmel und verlieh die Sterne
- Uns auf dem Meer des Glaubens und der Zweifel
- Als leuchtende Piloten! Ehrt die Kirche,
- Die unsrer höhern Heimath Schlüssel trägt!
Jonathan.
- Der Frömmste bin ich nicht; doch scheint es besser
- Auch mir, man schüfe durch ein stehend Heer
- Sich nicht ein Kriegsvolk, das im Frieden träge
- Und übermüthig wird durch Müßiggang.
Saul.
- Das laß Du mir, mein Sohn! Bin ich erst todt,
- Dann werde Davids Waffenträger, werde
- Sein Knabe, der ihm mag die Pfeile suchen,
- So er zur Uebung auf dem Feld verschießt!
Jonathan.
- Ein Ehrenamt, darf man’s bei solchen Helden
- Versehn – Er ist der erste Held der Welt.
29
Davids Gefährten.
- Heil unserm Hauptmann!
Saul
(auffahrend).
- Hat Euch wer gefragt?
- Seid Ihr bei Euern Weibern, daß Ihr Euch
- Mit Selbstlob übermalt?
Michal.
- Sie lieben ihn –
Saul.
- Vorlautes Knabenvolk! Das hockt zusammen
- Streicht sich heraus, nennt sich Propheten gar
- Und will die Gegenwart und Zukunft meistern!
Jonathan.
- Ein neu Geschlecht steht vor dem Thor – und Lüge
- Wird Manches werden, was jetzt Wahrheit scheint.
Saul.
- Das lacht und stößt sich an und dünkt sich klüger,
- Als Zeiten, die die größten Männer sahen!
- Was wir geliebt, belächeln sie; was uns
- Wie Tod verhaßt ist, lieben sie und sagen:
- 30 Es ändre sich der Zeitgeschmack! Ihr Knaben!
- Noch leben Männer, die des Flaumes spotten,
- Der noch an Euerm Kinn kein Messer sah!
David.
- Ich staune, was Ihr düstre Grillen all
- Auf einen Klagepunkt so sammeln könnt!
Saul.
- Genug der Posse! Sprich mir nicht hinein
- In meine Rede, Knabe! Grade Du
- Bist mir mit Deinem spitzen Ton verhaßt,
- Mit dieser reinen Kehle, die nie stockt
- Und jeden Satz wie Offenbarung spricht!
Michal.
- Wo ist der linde Ton der Liebe, Vater,
- Mit dem Du kaum versöhnt der Herzen Bund
- Zusammengabst?
Saul.
- Ich trag’ es nicht, ich kann
- Es nicht, beim Teufel; kirren sie mir erst
- Mein gutes Theil und streicheln mir das Kinn,
- 31 Und sprechen mir von meinem bessern Selbst.
- Sie schneiden mir die vollen Manneslocken
- Wie Simson ab und krauen mir im Kopf
- Und lähmen meine Sehnen. Aber noch
- Bin ich im Lande Herr und dulde nicht,
- Daß Einer hier sich gegen Andre mißt!
- Ich, König Saul, ich bin, daß Ihr es wißt,
- Ein alter, aber donnerstarker Mann,
- Der, wenn’s gebricht, –
- (Er entreißt seinem Waffenträger den Speer und schießt ihn nach David.)
- noch Blitze schleudern kann!
- Die Gefährten
32
Zweiter Akt.#
Erste Scene.#
Im Hain von Rama. Dichter Wald. Im Hintergrund ein verfallener Tempel. Im Vorgrund hängt an einer Eiche ein großes Schwert.
Es erfolgen hinter der Scene mehre heftige, schnell aufeinanderfolgende Metallschläge.
Ein Tempeldiener und ein Knabe treten aus dem Tempel.
Tempeldiener.
- Lauf schnell! Nur wer um Hülfe fleht, schlägt so
- Gewaltig an das Eisenthor!
- (Der Knabe geht. Noch einige Schläge.)
- Ich muß es
- Doch gleich an Samuel melden!
- (Geht in den Tempel zurück.)
33
Zweite Scene.#
David tritt eilig von der Seite herein und fällt aufs Knie.
David.
- Großer Gott;
- Hier kann ich rasten! Diese heil’gen Wipfel
- Verbergen gnädig das gehetzte Reh,
- Das von dem Feld vor Todespfeilen fliehend
- Im Mutterschoß des Walds zusammenknickt!
- (Ruht eine Weile. Erhebt sich.)
- In diesen großen Schauern, dieser Eichen
- Uraltem Säuseln, dieser Grabesstille
- Ist Gottes Lieblingssitz – O träten die,
- Die mich verfolgten, ein in diesen Dom,
- Wo mit erhabnem Schweigen Gott, der Herr,
- Beredsam spricht, wie würde matt der Arm
- Vom Griff des Schwerts, der Pfeil vom Bogen sinken!
- Hier glüht aus jedem Busch des Herren Antlitz,
- Der Wipfel zitternde Bewegung läßt
- Den nahen Odem seines Mundes fühlen!
- Hier Alles still und gut – und draußen Jagd,
- Verrath und Mord und tückische Verstellung –
- 34 Und Michal, armes Weib, der von dem Brautbett
- Der eigne Vater seinen Eidam jägt!
- Jetzt tritt erst Alles, was im Chaos sich
- Der dräuenden Gefahr zusammenwirrte,
- Der Folgereihe nach vor meinem Blick –
- Der Wurf nach meinem Leben und dennoch
- Das selige Vergessen der Gefahr
- In Michals Armen – mitten in der Nacht
- Der grause Mörderruf – der Fackelschein
- Im Hof; die Waffen blitzend; sel’gen Träumen
- Entrissen, stürz ich vom Altan des Hauses,
- Verfolgt vom Lärm der bösen Meute, fliehe
- Durch Gassen, Plätze, fliehe über’s Feld
- Die ganze Nacht, an Dornen blutig ritzend
- Die Schenkel und die Hände, immer lauschend
- Ob wo den Ruf der lärmenden Verfolger
- Der Wind herüberträgt – hier find’ ich Ruhe,
- Hier schützen Deine Eichen mich, o Herr!
- Dein Name sei gelobt in Ewigkeit!
35
Dritte Scene.#
Samuel (tritt aus dem Tempel). David.
Samuel.
- Sohn Isai’s!
David.
- Dein Sohn, mein Herr und Meister!
Samuel.
- Ich werd’ im Sehen schwach, mein Kind; tritt näher!
David.
- Nackt, Vater, hülflos steh’ ich da vor Euch –
Samuel
(bitter).
- Ich weiß; nun willst Du wieder Schafe hüthen.
David.
- Ein Hirtenknab ist reicher als ein Prinz.
- Aus seiner hohlen Hand schmeckt ihm der Quell,
- Der aus den Bergen rieselt, besser als
- Aus goldenen Pokalen Königswein.
36
Samuel.
- Und wer rieth Dir, den Wein kredenzt zu nehmen
- Von eines Königs Tochter – Warnt’ ich längst
- Dich nicht vor einem Kreis, der allzueng
- Geworden, schmählich Dich ersticken mußte?
David.
- Du meinst, im Staate gilt die Liebe nicht –
Samuel.
- Hier ist nicht Staatsweisheit, hier sind Gebote
- Des ew’gen Gottes nur zu achten – Kind
- Ein Weiser ist nicht klüger, als die Gemsen,
- Die ganz von selbst die gift’gen Kräuter meiden.
- Du mußtest, der Kirche Liebling, thun, wie diese,
- Zuwartend nur in einer Ecke stehn
- Und still verfolgen, bis die Zeiten kommen,
- Wo wir mit einem mächt’gen Griff den Fang
- In beiden riesenstarken Fäusten halten.
- Du aber hast Dich vorgedrängt, liebäugelnd
- Mit Deines Feindes schlechtem Saamen, buhlend
- Um Frauengunst und mit dem Narren schmachtend,
- 37 Der Dich mit eines Weibes Neigung Freund
- Benennt –
David.
- Mein Vater, redet Gott aus Dir,
- So beug ich mich in Demuth seinem Willen,
- Doch hab ich immerdar geglaubt mit meiner
- Verworrnen Dichterphantasie, der Himmel
- Beglänze wohlgefällig jeden Blick,
- Den man mit Liebe selbst auf Feinde wirft!
Samuel.
- Ein Andres ist des Einzlen Herz, ein Andres
- Ein Volk, das auf Dich sieht und Deiner harret!
- Wenn sich in der Geschichte immer nur
- Nach Herzensdrang die Federn schnellen sollten,
- Dann hätte Moses nimmermehr sein Volk
- Aus der Egypter Knechtschaft heimgeführt,
- Und Juda tanzt’ am Fuß des Sinai
- Um Aarons güldne Kälber noch! Nun stehst Du,
- Weil Du dem Licht rebellischer Gewalt
- Zu nah gekommen, mit versengten Flügeln –
- 38 Verloren ist die Frucht so vieler Jahre,
- Die kaum sich röthend an dem Baume hing –
- Ich weiß, was Dir geschah; was willst Du thun?
David.
- Die Augen schlag’ ich nieder, nicht aus Furcht,
- Und selbst aus Scham nicht, weil ich wo gefehlt;
- Nein, laß mich’s offen sagen – weil umstrickt
- Ich bin von einem Netz rathloser Mittel
- Und dunkler Ziele, weil ich selber wohl
- Das Eine thu’, indeß das Andre mir
- Unsichtbar eine fremde Hand vorwegnimmt!
Samuel.
- Fühlst Du der Ehren, die ich Dir geschenkt,
- Dich nicht für werth?
David.
- Ich fühls; sie sind dem Traum
- Des Dichters, seinem Werthe nicht zu hoch;
- Ich segne Deine Hand, die mir gegeben,
- Was meiner würdig ist; doch sage selbst,
- 39 Wie stünd’ ich größer da, wenn ich ein Dichter
- Auch meines Schicksals wäre, selber schüfe,
- Was mir geheime, unbekannte Kräfte
- Jetzt nur zu wahren, nur zu bergen geben?
Samuel.
- Du schwacher Knabe glaubst, es legte Gott,
- Was ein Pallast an Größe werden soll,
- Auf eine einz’ge Säule? Was der Herr
- Mit Dir bezweckt, ist mehr als eine Krone.
- Was willst Du thun?
David.
- Mein kleines Fähnlein tapfrer
- Aus allen Stämmen auserlesner Krieger
- Kennt für den längst vorausgeseh’nen Fall,
- Daß ich vom Hofe flöhe, einen Ort,
- Wo wir bei Nacht uns wieder sammeln werden.
- Mit dieser kleinen Schaar will in den Bergen
- Ich rasten, ziehn von Thal zu Thal, die Schluchten
- Und jeden Paß mit Wachen decken, fristen
- Mit wildem Honig unser Leben, bis
- 40 Den Dränger reut, was er gethan und wieder
- In seine Nähe er mich rufen läßt.
Samuel.
- So sollte der, den Gott zu seinem Liebling
- Sich auserkohr, mit Furcht und Zittern kauern
- In Bergeshöhlen, unter’m freien Himmel?
- Und sollte lauschen, ob Tyrannenzorn
- Vorübergeht, wie eines Trunk’nen Rausch?
- Die Krone, nein, ist jetzt so hart gelegt
- An Tisches Rand, daß, greifst Du schnell nicht zu,
- Herab sie fällt, wer weiß, ob nicht in Trümmern!
David.
- Was räthst Du mir?
Samuel.
- So hör’, die Kirche spricht:
- Als einst die Schlang im Paradiese sich
- Um der Erkenntniß Baum gewunden hatte,
- Und Eva brach, was ihr verboten war,
- Und Adam aß, was Eva pflückte; siehe!
- Da sprach der Herr zur Schlange: Lügenthier,
- 41 Weil Du einmal zerstört, was ich gepflanzt,
- So will ich Deine Ernte doch verkleinern,
- Will an dem höchsten Werth der Tugend mildern,
- Was allzustreng, und Deine Saat so mischen,
- Daß manchmal Gutes draus erwachsen soll!
- Da strich der Herr die reine Tugend aus
- Im Buch des Lebens, als seit Adams Fall
- Den schwachen Menschen nicht mehr ganz erschwinglich.
- Seitdem ist es vor Gott erlaubt, zu Zwecken,
- Die seines Namens Herrlichkeit berühren,
- Sich schlangenkluger Mittel zu bedienen.
- Nach Gath, zum König Achis, flieh! und harre,
- Bis dort in Zufall oder Offenbarung
- Dir Gottes Finger sichtbar werden wird.
- Die Heiden rüsten aller Orten sich
- Zum Streit. (Er nimmt das Schwert vom Baum.)
- Hier nimm das Schwert des Hünen, den
- Du einst geschlagen, Goliath! Was Du
- Mit ihm vollbringst, ist freilich minder gut,
- Als wär’s die Waffe Melchisedek’s; doch
- Die Stunde kömmt, wo man vor Gott sich sühnt
- Und mit dem Bösen seinen Pakt zerreißt. (Ab.)
42
David.
- Ich blicke schwindelnd auf dies rost’ge Schwert –
- Und folge, gleich als würd’ es angezogen
- Von einem Zaubersteine, blind und jach
- Ihm in des Zufalls Nebelfernen nach! (Ab.)
Verwandlung.
43
Vierte Scene.#
Am Hofe des Königs Achis von Gath. Ein Saal. Hinter der Scene ein Bankett mit Musik.
(Kurz nach Beginn der Handlung schweigt die Musik.)
Achis. Astaroth. Flach. Oberflach. Zeruja treten auf. Darauf Abner und Gesandte Sauls.
Achis.
- Nur für ein leidig Staatsgeschäft, Ihr Gäste,
- Den kleinen Augenblick! Dann gehn wir wieder
- Zu unsrer Lustbarkeit zurück.
Zeruja.
- So laßt
- Mich gehn, die unter Euern Staatsgeschäften
- Ein ebenso gequälter Fremdling ist,
- Wie unter Euern Trinkgelagen!
44
Astaroth.
- Bleibt
- Prinzessin; Frauennähe giebt das Maaß
- Im Trinken und im Unterhandeln an!
Achis.
- Man laß die Boten ein!
- (Abner und Gesandte Sauls treten ein.)
- Der Feldhauptmann
- Des Judenkönigs? Nun, dann seid entweder
- Ihr so zum Krieg gerüstet, daß des Ordners
- Ihr nicht bedürfet, oder Frieden wollt Ihr?
Abner.
- Von Beiden nichts! Entnehmt aus meiner Sendung,
- Wie Saul vor andern Heiden-Fürsten Euch
- Und gleicher Zeit auch meinen Auftrag ehrt!
Achis.
- So redet!
Abner.
- Kurz bin ich. Ich führe Worte
- 45 Nicht so geläufig, als, Ihr wißt’s, das Schwert!
- Mit höchlichster Befremdung bringt mein Herr
- Und König in Erfahrung, daß sein Todfeind,
- Den selbst die Bande der Verwandtschaft nicht
- Verhinderten, die Hand nach Kron’ und Leben
- Des edlen Vaters auszustrecken, jetzt
- An Eurem Hof verborgen weilt. Wenn Ihr,
- So ist die Botschaft meines Herrn, in Frieden,
- Den er aus Schonung Eurer Schwäche Euch
- Vor andern Heidenfürsten hat geschenkt,
- Wollt länger mit dem Schwerte Sauls verbleiben,
- So giebt er Euch die Warnung, Augenblicks
- Den Hochverräther zu ergreifen, ihn
- An seinen Herrn und Richter auszuliefern!
Achis.
- Nur Eure Frechheit ist das Eine, das
- Aus Euern Worten klar in’s Auge springt!
- Ihr wißt von meines Hauses Gästen mehr
- Als ich; und soll es David sein, den Ihr
- Hier sucht, so käm’ in meiner Nähe wahrlich
- Er aus dem Regen in die Traufe.
46
Astaroth.
- Fügt,
- Wenn Ihr zu Euerm König wiederkehrt,
- Noch dies hinzu, daß seitdem Astaroth,
- Der Fürst von Midian, an Achis’ Tafel
- Mit seiner ihm verlobten Tochter sitzt,
- In diesen Hallen kein Hebräer mehr
- Den Nacken höher tragen darf, als einem
- In unser Land gedrung’nen Räuber ziemt!
Achis.
- Euch schützt kaum Völkerrecht; doch geht und leckt
- Die Teller ab, die wir vom Mahl zur Küche
- Hinunterschicken werden!
Abner.
- Danken Euch.
- Herr König, haben unsre Ross’ im Hofe
- Nicht abgezäumt; auch ist ein Enkel Simsons
- In unsrer Schaar, der könnte leicht die Säulen
- Des Tanzsaals, lehnt’ er sich daran, erdrücken
- So lebet wohl! (Ab mit den Gesandten.)
47
Achis.
- Ein spitzig Volk, vermessen
- Und prahlerisch im Glück, im Unglück feige –
Astaroth.
- Doch lohnt’s der Mühe, Kundschaft auszusenden,
- Ob irgend David wo betreten wird.
- Ein solcher Fang, mag er als Geissel dienen,
- Als Opfer für die Tausend, die er schlug,
- Als Beute, um mit Saul zu unterhandeln,
- Ist immer wohlgethan.
Achis.
- So sendet Boten
- Im Lande aus! Doch kommt! Die Würfel könnt’
- Uns indeß ein böser Geist verhexen.
- (Ab mit den Uebrigen, ohne Zeruja.)
Fünfte Scene.#
Zeruja
(allein).
- Geht, geht, von Euern wüsten Spielen treibt
- Ein krankes, schmerzerfülltes Herz mich fort!
- Das Auge, von den grellen Lichtern all
- 48 Geblendet, sucht sich Schattenräume auf,
- Um unter dunklem Schleier zu verbergen,
- Daß Gram in seinen feuchten Wimpern hängt!
- O Liebe, warum nahtest Du so kalt,
- So traurig mir, mit weggewandtem Blick?
- Warum erfüllst Du bald mit heißem Beben
- Nicht meine Brust, bald kühlst Du linde sie?
- Warum erlischt die Flamme meiner Augen,
- Warum senkst Du, o heil’ge Liebe, nicht,
- Als frischer Thau Dich auf die heißen Wangen,
- Die unter Thränen welken? Träumte ich
- Doch einst so schön von eines Mannes Werbung –
- Und nun des Traums Erfüllung! ach, wie tritt
- Sie gegen ihn so matt und schaal zurück!
- Wie war das Bild, das ich im Herzen trug,
- So hehr und schön! Ein Jüngling, sanft und flammend
- Von edlem Zorne nur, ein Feuergeist,
- In zarte Locken sich verhüllend, wetternd,
- Und wieder doch, wie milder Maienregen
- Und Nachtigallenruf, so hold bestrickend,
- Daß ich in meiner Träume bunten Lügen
- Mir eines Engels Braut erschien!
49
Sechste Scene.#
David (von der Seite schüchtern auftretend). Zeruja.
Zeruja
(freudig betroffen).
- Wer bist Du?
David.
- Ein Gast –
Zeruja.
- Doch nicht zum Fest geladen –
David.
- Sieht
- Ein Weib gleich nach den Schmuck? Ich komme schlicht.
Zeruja.
- Und kämst in Bettlerkleidern Du; ich seh’s
- An Deinem Antlitz; solche Blicke sind
- Zu königlich, zu groß für unser Haus.
- (Ihr Auge fest auf David richtend, für sich.) Ihr Götter!
David
(forschend).
- Könnt’ ich wohl zum Fest so gehn,
- 50 Daß eine Weil’ ich, nur des Scherzes wegen,
- Verborgen bliebe?
Zeruja.
- Nein, ich warne Dich;
- Denn sieh’, es kommt mit zauberhafter Ahnung
- Mir auf die Zunge: Ja, Du bist mein Traum
- Und in der Wirklichkeit nennt man Dich David!
David.
- Du kennst mich?
Zeruja.
- (Für sich.) Herz zerspringe nicht! – (Laut.) Du bist
- Verrathen, so man Dich erkennt. Es waren
- Kundschafter hier von dem, der Dich verfolgt.
- Wenn Dich die Fürsten drinnen sahen, kühlen
- Sie einen längst gehegten Zorn an Dir;
- Und wenn’s nach meines Vaters Willen ist,
- So liefert er Dich Deinem Volke aus,
- Vor dem er trotz des Bunds in Aengsten lebt.
David.
- So muß ich fliehen –
51
Zeruja.
- Nein, so nicht! Sie kommen,
- Sie suchen mich – vertraue mir – gebehrde
- Dich wie ein Blöder, gieb auf Fragen nur
- Verworr’ne Antwort, denn sie fürchten die,
- So in verworr’ner Rede sprechen; sei
- Ein Narr, die Narren sind die Lieblinge
- Der Götter – wenn Dein Leben Dir und mir –
- Sie kommen!
Siebente Scene.#
Achis. Astaroth. Flach. Oberflach und andre Gäste. Die Vorigen. Ein Trabant. Zuletzt Samuel.
Achis.
- Bleibt Zeruja denn entfernt,
- Von Freuden, die zu Deinen Ehren sind
- Und die Du selber heiter schmücken solltest?
52
Astaroth.
- Dort steht ein Fremder, den beim Festgelage
- Ich noch nicht sah.
Zeruja.
- Ich traf ihn hier. Er scheint
- Ein Narr; denn, was er spricht, hat Klang und duftet;
- Doch ist’s wie eine abgepflückte Blume
- Der des Verstandes erd’ge Wurzel fehlt.
David
(ruhig lächelnd).
- Ich brauch euch nichts, als Verse wie
- Aus Scherz zum Kranz zu einen;
- Es wird ja stets die Poesie
- Philistern Wahnsinn scheinen.
Achis.
- Das klinget lustig, doch verrückt. Du Armer,
- Wo kommst Du her? Bist Du aus diesem Land?
David.
- Ich komm’ aus fernen, fernen Landen,
- Wo heiß die Sonn’ am Himmel glüht
- Und plötzlich doch vor Eisesbanden
- 53 Die glüh’ndste Mittagshitze flieht;
- Ich komm’ aus Schluchten, die in düstern
- Waldschatten sich erhellen nie;
- Und doch wie Rosenwälder flüstern –
- Mein Heimathland heißt: Phantasie.
Achis.
- Ein Narr!
Flach.
- Doch lustig anzuhören.
Oberflach.
- Nein
- Im Gegentheil, mich greift es an; denn Eins
- Ist so ins Andre hier gemengt, daß man
- Fast glaubt, es wär’ Was; dennoch ist es nichts.
Astaroth.
- Ich sah den Menschen schon: bei den Hebräern
- Sind das Propheten, die im Land herum
- Mit Harfen und mit Liedern ziehen.
54
Achis.
- Mach uns
- Was vor, Du armer Wicht! Zeig’ Deine Künste!
David.
- Der Eine singt in Liedern
- So lustig, daß im Feld
- Die Lerchen ihm erwiedern,
- Von Eifersucht geschwellt.
- Der Andre weiß mit Sagen
- Von alter Herrlichkeit
- Das Volk herauszutragen
- Aus dieser bösen Zeit.
- Ich muß die Saiten spannen
- Wie just die Wolken ziehn,
- Um Traurigkeit zu bannen,
- Ward mir Gesang verliehn.
Achis.
- Er spricht vom Singen –
Flach.
- Ohne Instrument!
55
Oberflach.
- Für einen Vogel, sagt er, hält er sich.
Zeruja.
- Sprich, hast Du, Armer, Träume nie gehabt,
- Die Dir die Zukunft so erfaßlich malten
- In Menschen und in Bildern, daß erschrocken
- Du wachend wiedersahst, was deutlich schon
- Der Gott des Traums im Traum Dich ahnen ließ?
Achis.
- Wer weiß; im Traum ist er vielleicht vernünftig!
David.
- Seid Ihr Philister je einmal
- Beim Weine aufgeräumt,
- So denkt Ihr, wird’s Euch wieder schaal:
- Ich hab’ einmal geträumt.
- Geht Ihr des Nachts vom Mahl nach Haus
- Und seht den Sternenraum,
- So macht Ihr gleich ein Wunder draus
- Und sprechet: Welch ein Traum!
- 56 Dem Dichter aber ist die Zeit,
- Wo er hienieden kaum,
- Recht erst die wahre Wirklichkeit;
- Das Uebrige ist Traum.
- Der Dichter schwelgt der Biene gleich
- Auf zarter Blüthen Flaum;
- Das ist sein waches Himmelreich:
- Das Uebrige ist Traum.
- (Alle außer Astaroth und Zeruja lachen.)
Achis.
- Beim ew’gen Moloch! das ist tolles Zeug;
- Es hat fast, straf’ mich Gott, Manier und Hand
- Und Fuß und könnte schier für Weisheit gelten:
- Doch wer wird klug daraus?
Flach.
- Da lob’ ich mir
- Doch meinen klaren Altverstand und meine
- Wie Leder zäh’ und durchgegerbte Weisheit!
Oberflach.
- Ein Glück für den, der sich Begriffe machen
- 57 Und Schlüsse zieh’n kann, dem die Schrauben alle
- Im Kopf so richtig sind, daß nicht das kleinste
- Zum klaren Denken nöth’ge Stiftchen fehlt!
Astaroth
(für sich).
- Ich trau’ dem Schelme nicht!
Achis.
- Nun sprich, wie hast
- Du Dich hieher verflogen, toller Kauz!
David.
- Wie die donnernde Lawine
- Hütten in das Thal entrückt,
- Und der Bergstrom, grauser Miene,
- Rasch die Alpenblume pflückt;
- Wie die Vögel jägt aus Eichen
- Eines Walds des Sturmwinds Lied,
- Und der Hirt vom Feld mit bleichen
- Wangen vor dem Löwen flieht,
- So flieh’ ich vor Ungewittern,
- Die aus bösen Augen drohn,
- Komme arm, doch ohne Zittern,
- Obdach flehend vor Deinen Thron.
58
Zeruja.
- Auch bleibst Du hier: die Götter lösen nicht
- Vergebens eines Menschen Sinne auf;
- Wer weiß, was Du ertragen müßtest, hätte
- Dir nicht ein gnädig Schicksal stilles Dulden
- Und freundliche Vergeßlichkeit geschenkt!
Achis.
- So bleib an meinem Hofe, armer Mann!
Flach.
- Als lust’ger Rath mag er Euch Späße treiben.
Astaroth.
- Ich trau’ dem Wesen nicht – Was meint Ihr, wenn –
- Doch seht, was trägt man da herbei?
- (Ein Trabant bringt Goliaths Schwert.)
Trabant.
- Dies Schwert
- Fand man im Hof versteckt – ein großer Stein
- War drauf gewälzt: es muß in Blut geschweißt sein,
- Denn Hunde witterten den Fund. (Ab.)
59
Achis.
- Das Schwert
- Des Hünen Goliath – ich kenn’s –
Astaroth.
- Und dieser
- Ist David, der ihn schlug!
Alle.
- Ha!
Achis.
- Greift ihn, legt
- In Fesseln ihn! Das Schwert verrieth’s, er spielte
- Den Thoren, um in besserm Hinterhalt
- Den böslichen Verrath und Ueberfall
- Zu bergen.
Astaroth.
- Mir war’s gleich wie Gaukelei!
Flach & Oberflach
(zu den Uebrigen).
- Ergreift ihn!
60
Zeruja
(hervortretend).
- Nein, zurück! die Götter führten
- Den Helden Israels vergebens nicht
- In uns’re Mitte; sandten ihn, verfolgt
- Von seinem eignen Volk als Hülfsbedürft’gen,
- Der nicht nach Euerm Blut, nach Euerm Rath
- Nur dürstet; nehmt ihn auf, des Sieges Liebling,
- Den Helden, der die Leier und die Schlacht
- Mit gleichen Zauberhänden schlägt, nehmt ihn,
- Den alles Volk in Ruhmesliedern preist,
- An Eurer Heere Spitze; laßt für Euch
- Ihn siegen, während Ihr ihm rächen helft!
- Er will es selbst – Was Ihr für Narrheit hieltet,
- War, nur in schönen Bildern, längst dies Alles,
- Zur Prüfung klug an Euer Ohr gelegt!
Achis.
- Ja, steht es so; dann bleibt!
Flach.
- Was hieltet Ihr
- Auch so zurück!
61
Achis.
- Nehmt wieder Euer Schwert!
- Ich rüst’ indessen den erneuten Kampf.
- Behaglich ist der Bund mit Feinden nicht.
- Wenn Euch dies drückt, so liegt die Schuld an Euch;
- Wir zähmen gerne unsern Groll und löschen
- Aus dem Gedächtniß, was Euch feindlich, aus!
- (Ab mit den Fürsten.)
Astaroth
(für sich).
- Ich wittre Gutes nicht und gebe nie
- Mein Heer in eines Feindes Hand. (Ab.)
Zeruja
(vor David auf die Knie stürzend).
- Verzeihe,
- Was ich gethan! Du bleibst und segnest mich!
David.
- Wie kam der Dämon über Dich? Wer gab
- Dir Worte ein, die, mich bestrickend, wie
- Von einem Geist Dir zugeflüstert schienen?
- (Ein dumpfer Donnerschlag.)
62
Samuel
(quer über die Bühne schreitend).
- Der Herr, Dein Gott, spricht aus Gewittern, spricht
- Aus Sonnenschein und Regenbogenlicht.
- Die Ernt’ ist reif, der Himmel so ergrimmt,
- Daß es ihm gleich, woher er Schnitter nimmt!
- (Vorhang fällt.)
63
Dritter Akt.#
Erste Scene.#
Bergigte Gegend. Im Hintergrund eine Höhle.
David, sein Waffenträger, Krieger treten auf.
Waffenträger.
- Das ist die Höhl’ Adullam.
David
(erschöpft).
- Rasten wir
- Denn eine kurze Weil’ und suchen schlafend,
- Was wir im Wachen sünd’gen, zu vergessen!
- Wir sind vom Lager hier wohl weit entfernt?
Waffenträger.
- Griff’ uns der Feind an, schwerlich wieder würden
- Wir uns auf unsre Massen werfen können.
64
David.
- Dann stürben wir – o wollte Gott die Stunde,
- Wo blutig Reugeld wir bezahlten, käme
- Herbei und schnitte ab das Band, so schmählich
- Uns kettend an den Feind des Vaterlands!
Waffenträger.
- Daß wenigstens in Deinen nächsten Reihen
- Dein Ohr nur vaterländ’sche Laute hört,
- Sind auf den Ruf der Werbetrommel wir
- Gekommen.
David.
- Und damit – vergiß dieß nicht –
- Wenn ich gefallen, mich doch Bruderhand
- In fremder Erde wenigstens bestatte! (Ab mit den Uebrigen in die Höhle.)
Zweite Scene.#
Saul. Abner. Krieger.
Saul
(sinnend).
- Es waren siebzig, sagst Du?
65
Abner.
- Siebzig Priester,
- Die nun an dem von ihnen oft entweihten
- Altar des Herrn in ihrem Blute schwimmen.
Saul.
- Ich hasse Blut – ein Kriegsmann haßt das Blut
- Im Frieden; grausam nur sind Feiglinge,
- Tyrannen, die nur hinter der Gardine
- Vom Tode hörten, nie in’s Aug’ ihm sahen –
- Doch waren’s Priester ...
Abner.
- Die den Tod verdienten;
- Was wandeln sie durchs Land und preisen David,
- Den wir befehden, mit verzückten Tänzen!
Saul.
- Nein – Davids wegen nicht – Gott sei mir Zeuge,
- Daß ich nur das an seinem Herzen hasse,
- Was Priesterlug hineingethan; er ist
- Bescheiden sonst, ein Kind mehr als ein Mann!
66
Abner.
- Nichts kann so frech sein als Bescheidenheit.
Saul.
- Das wohl – und die vermaledeiten Blicke,
- Die lächelnden, das dumme Achselzucken,
- Der stumme Blick zur Erde, der gleichsam
- Verrathen sollte: Ah, der Alt’ ist schwach,
- Wie lange wird er machen, tragt ihn noch
- Einstweilen mit Geduld; wir sind die Bessern,
- Die Edlen, die für Großes schwärmen, denen
- Die Priester Stimmen aus der Höhe melden!
- Dem Dinge sei ein End! wie stehn die Truppen?
Abner.
- Mir wird gesagt, daß David sich vom Kern
- Des Heers mit einigem Geleit entfernte
- Nach dieser Richtung her. Die Mittagshitze
- Drückt uns’re Männer; laß sie Schatten suchen,
- Daß wir ein Stündchen rasten!
- (Nimmt den Helm ab und giebt ihn seinem Waffenträger.)
- Da!
- (Die Krieger lagern sich rings.)
67
Saul
(giebt seinen Helm ab).
- Da nehmt!
- Man liegt im Gras’ ein wenig ruhiger,
- Seitdem wir siebzig Schlangen aufgeschreckt.
Abner.
- Nur ist’s ein Unglück; haut man Samuel
- Die Arme ab, sie wachsen doppelt wieder.
Saul.
- ’S ist wahr. Mit Waffen schlägt man Priester nicht.
- Sie reiten, nicht zu überwinden, hoch
- Auf Rossen in den menschlichen Gemüthern.
- Gedanken sind die Sporen, Träume die
- Gebisse und das trügerische Spiel
- Der Worte sind die Zügel, die sie führen.
- Wer die Gewissen koppeln kann, verachtet
- Mit seiner Meute Recht und selbst Vernunft.
Abner
(lachend).
- Einstweilen mag uns dies zum Troste dienen:
- Das Volk ist dessen, den’s zu fürchten hat!
68
Saul.
- Doch die, so furchtlos sind, die betet’s an.
- Durch Dulden, Seufzen, auf gen Himmel Blicken
- Weiß sich die Kirche die Gemüther so
- Zu fesseln, daß des Mitleids menschliche Erregung
- Der Glaubenswuth zu Hülfe kömmt, und wir,
- Die Kön’ge, nur ein frevelnd Uebermaaß
- Der an das Schwert gebundnen Rechte scheinen.
- Wo rasten wir?
Abner.
- Dort hat man eine Höhle
- Entdeckt.
Saul.
- So gehen wir hinein!
Abner.
- Sagte
- Nicht wer, sie schien ihm nicht geheuer?
Sauls Waffenträger.
- Ich
- War drin: Man kann mit Augen ihre Tiefe
- 69Nicht messen; doch ein Rascheln merkt ich wohl,
- Als huschte schnell was in die Nacht, auch blitzte
- Im Hintergrunde etwas Glänzendes.
Abner.
- ’S sind Füchse wohl.
Saul.
- Wie? Pfaffen überall?
- Mit diesen wag’ ich’s. Kommt; der Tag ist heiß. (Alle in die Höhle.)
Dritte Scene.#
Jonathan. Michal.
Michal.
- Das sind die Unsrigen!
Jonathan.
- Wie soll ich es
- Verstehn, daß Davids Spuren hieher auch
- Auslaufen?
70
Michal.
- Ach, der Berggeist neckt uns so
- Und giebt statt des Geliebten trauter Brust
- Uns nur des Echos spottende Umarmung.
Jonathan.
- So war die lange Wanderung vergebens,
- War Täuschung nur, daß öfters hinter Felsen
- Ich Davids Stimme deutlich hören konnte.
Michal.
- Und hört er uns, wer weiß, ob nicht sein Fuß
- Vor unserm Wiedersehen floh!
Jonathan.
- Ein Weib
- Spricht so. Die Freundschaft, wisse, zweifelt nicht;
- Ihr Glaube ist auf einen Fels gebaut.
Michal.
- Gab er uns irgend Kunde?
Jonathan.
- Konnt’ er es?
- 71Ist in dem Dienste, dem ein schmähliches
- Geschick ihn hat verkaufen müssen, nicht
- Der Arm gebunden? Weiber wissen nur
- Den Werth des Mann’s nach dem zu schätzen, was
- Bequem für sie. Wann gäbe wohl ein Weib,
- Wenn ihrem Freund die Wahl gelassen bliebe,
- Ob er an ihrem Busen feige heißen,
- Ob Mann von ihr getrennt er wolle sein,
- Den Ausschlag dorthin, wo Entsagung sich
- Mit ihres Freundes Lorbeern trösten muß?
Michal.
- O Bruder sei gerecht! Dich reizt der Schmerz,
- Von Deinem Freunde Dich getrennt zu sehen,
- Zum Zorne gegen Frauenliebe auf.
- Zerlegen kannst Du, wie das menschliche
- Gehirn des Weibes Herz, kannst Fasern, Nerven,
- Kannst alles zeigen, draus ein Frauenherz
- Besteht; doch was d’rin Lebensfunke ist,
- Was unsrer Liebe innerstes Gemüth,
- Das weist kein Messer nach, kein spottender
- Vergleich.
72
Jonathan.
- Mit Worten kannst Du viel versichern;
- Doch Thaten sind’s, die hier entscheiden. Männer,
- Die sich einander lieben, folgen nicht
- Dem Zug natürlicher und Thieren selbst
- Gemeiner Neigung, nein, der freien Wahl,
- Die aus des Menschen tiefstem Innern stammt!
- In Frauenliebe muß sich Thorheit mischen,
- Verliebte Schwärmerei und kindisch Tändeln!
- Des Freundes Liebe ist erkannter Werth
- Des Manns, ist Stolz, der uns zu Göttern macht.
Michal.
- Vernichte nur dies Herz! Gieß in die Flammen
- Noch Deines Zornes Oel! Ich trage still
- Und dulde –
Jonathan.
- Liebe schwächt, die Freundschaft stärkt.
- Wenn jene träumt, ist diese wach; sie hebt
- Die Fackel lauschend überm Freunde hin,
- Wenn er im Grase schläft, sie spähet rings
- Und setzt ein Leben für das andre ein.
73
Michal.
- Ans Grab des Gatten, es mit ihren Thränen
- Zu netzen, siedelt sich die Liebe an.
Jonathan.
- Den Todten rächt der Freund und stirbt.
Michal.
- Die Liebe
- Ist wie der Nachtthau, der mit Zephyrküssen
- Sich auf des Tages welke Blume senkt.
Jonathan.
- Zwei Freunde sind wie Feuerrosse, die
- Dem Sonnenwagen eingeschirrt, die Welt
- Mit diamantbeschlagnem Huf durchmessen!
Michal.
- Die Lieb’ entsagt, sie bricht das Brod der Armuth
- In lächelnder Genügsamkeit mit Ihm.
Jonathan.
- Die Freundschaft, Kind, geht betteln für den Freund!
- Doch laß! Ich will ihm Deine Liebe gönnen,
- Wenn sie auch mehr als halb sein Herz mir stiehlt!
74
Michal.
- Wir streiten uns, wer ihn besitzen soll;
- Und Gott, der ihn uns nimmt, giebt Beiden Recht.
Vierte Scene.#
Saul (tritt mit einigen Kriegern aus der Höhle). Die Vorigen. Darauf Abner.
Saul.
- Den Jäger stärkt ein kurzer Schlaf. Der Pfeil
- Harrt auf dem Bogen; mag das Wild uns bald
- Zum Schusse in die Richte kommen! Sieh’,
- Ein weißes Frau’ngewand.
Michal.
- Ich bin es, Michal.
Saul.
- Und Jonathan – Ihr lauert wohl auf eine Masche
- Im Netz, das David um uns aufgestellt,
- Um gleich hineinzuschlüpfen als Gefangene,
- Als Geiseln und gezwungne Ueberläufer,
- 75Als Einschlag für ein anzuknüpfendes
- Gewebe von Verhandlungen! Ihr irrt Euch;
- Ich geb’ um die, die meinem Herzen längst
- Entfremdet, keine Spanne meines Rechts!
Jonathan
(gleichgültig-ernst).
- Wir sehn dem Kampf als Todtengräber zu.
- Geschehe was da will! Wir schürfen dem,
- Der unterliegt, den Weg in’s Schattenreich.
Abner
(kömmt).
- Seid Ihr schon wach?
Saul
(auf die Kinder zeigend).
- Wer schläft, wenn Diebe schleichen?
Abner.
- Vernahmt Ihr in der Höhle nichts? Mir war’s,
- Als flüsterts drin aus allen Ritzen, lachte
- Und rutschte hin und her –
Saul.
- Ich schnarchte fest
- Im Ratzenloch.
76
Abner.
- Wahrhaftig, haben Euch
- Die Ratzen da ein ganzes Hinterviertel
- Von Euerm Rocke abgenagt. Seht her!
Saul
(sich betrachtend).
- Ich blieb wo hängen!
Sein Waffenträger
(laut rufend).
- Seht, den Felsen dort!
Fünfte Scene.#
David (erscheint mit den Seinigen auf dem Felsen über der Höhle). Die Vorigen.
David
(einen Fetzen zeigend).
- Hier, König Saul, hier ist, was Dir ein Dieb
- Vom Rocke stahl! Was schläfst Du auch so fest!
- Mein Schwert war zweifelhaft, sollt’ es den Hals
- Dir leise ritzen oder zur Erinnerung
- Von Deinem Rocke sich den Fetzen schneiden!
77
Saul.
- Ist das nicht Davids Stimme?
Abner
(zu den Kriegern).
- Auf! den Berg
- Besetzt! die Wege rings versperrt! Ihr drüben,
- Ihr rechts herum! daß dieser nächtlichen
- Vampyre Keiner kann entrinnen!
Saul.
- Halt!
- Zurück! senkt Eure Waffen! Hier zurück
- In diesen Kreis! (Halblaut.) Ich will nicht kleiner sein
- Als irgendwer, der Großmuth üben kann.
- (Ruft.) David, mein Sohn!
David.
- Mein Herr und König!
Saul.
- Du warst
- Der Fuchs, der in der Höhle Hintergrund
- Mit Augen, die Dich fast verriethen, stak?
78
David.
- Die Waffen waren’s, die so glänzten, Herr!
- Ich lag mit meiner ganzen Schaar am Boden
- Gekauert, kroch, als Du entschlummert, hin
- Zu Deinem Haupt und fragte Gott, warum
- Des Vaters Stirn so feindliche Gedanken
- Dem Sohn und treuen Diener bergen mag?
Saul.
- Ist es auch David? Spricht er wahr? Mein Sohn,
- Gott gab in Deine Hand mich und Du schontest
- Des Greisen, den ein rascher Streich des Schwertes
- Aus Deinem Pfade hätte fortgeräumt?
Michal.
- Er ist’s! Wär’ ich der Wind, der fröhlich ihm
- In seinen flatternden Gewändern spielt!
David.
- Willkommen all’ Ihr Lieben, Theuren! Flösse
- Doch zwischen uns ein wilder Bergsturz nicht
- Von jähem Haß und schäumender Verfolgung!
79
Saul
(sinnend).
- Mein Leben stand in seiner Hand und spielend
- Schnitt er von meinem Rock sich einen Zipfel
- Wie zur Erinn’rung ab!
David.
- Gebt mir die Harfe,
- Daß ich dies Wiedersehn, so schön und schaurig,
- Mit ihren klagenden Accorden feire!(Nimmt die Harfe und spricht mit Begleitung derselben:)
- Warum verfolgst Du mich?
- Den Frühling siehst Du blühen,
- Die Abendsonne glühen;
- Die Vöglein siehst Du springen
- Von ihrer Liebe singen –
- Und was verfolgst Du mich?
- Warum verfolgst Du mich?
- Im Wald die Blätter rauschen,
- Du kannst den Hirsch belauschen,
- 80Aus seinen frommen Augen
- Dir Lieb’ und Treue saugen –
- Und was verfolgst Du mich?
- (Saul verhüllt sein Gesicht.)
- Warum verfolgst Du mich?
- Gott gab der schönen Erde
- Doch darum nur Beschwerde,
- Daß wir zusammenrücken,
- Die warme Hand uns drücken –
- Und was verfolgst Du mich?
- Warum verfolgst Du mich?
- Wenn sie der Haß vertriebe
- Die treue Kindesliebe,
- Wer soll den Segen sprechen,
- Wenn einst die Augen brechen?
- Warum verfolgst Du mich?
Saul
(wehmüthig sinnend).
- Mir bricht das Herz entzwei; die Brust stürmt wie
- Das wilde Meer; mein Wille leidet Schiffbruch.
- 81(Laut) Mein Sohn! Du kannst die Wetter bänd’gen! Komm!
- An Deinem Herzen bricht die Welle sich
- Und Himmelsbläue deckt den klaren Spiegel!
(David stellt die Harfe zurück und kömmt allein vom Felsen herab und spricht:)
David.
- Der Jäger pfeift, der Falke fliegt zurück;
- Doch schneller noch flieg’ ich zu Deinen Füßen!
Saul
(ihn umarmend).
- Laß’, treuerfund’ner Sohn, an Deinem Busen
- Mich bergen meine Schaam und Reu! Vergiß,
- Vergiß die bösen Stunden, die mir Gott
- Und Deiner Harfe süßes Klingen wieder
- In Sonnenblicke umgewandelt hat!
- Hier ist Dein Weib! Hier Jonathan, der Treue!
- Da, stillt den Durst des lechzenden Verlangens,
- Das Euch verzehrte; nehmt mich alten Mann
- Mit Kindesliebe auf und laßt auch ihm
- Ein kleines Plätzchen in dem Freundeskreis!
82
David.
- Ich seh Euch wieder, Michal, Jonathan?
Michal.
- Von Todten stehst Du auf.
Jonathan
(mit zurückgehaltener Freude).
- Des Freundes Gruß
- Ist kurz; doch liegen Welten d’rin.
Saul.
- Nun kommt;
- Wir bleiben einig – dorten ist das Lager!
- Nehmt eine Zeder für das Königszelt;
- Spannt es so hoch wie’s Firmament! denn Sonnen
- Und Sterne – ja das seid Ihr mir fortan –
- Die wollen Raum für ihre Bahnen haben!
- (Ab mit Jonathan, Michal, David.)
Abner.
- Er sieht die blutigen Gespenster nicht
- Der siebzig Priester, die mit hohlen Augen
- 83Indeß aus allen Felsenspalten schielten.
- Was hat er sie getödtet, wenn die Saat,
- Die ihm aus ihren Gräbern sprießen sollte,
- Ein Harfenton erstickt! Mich trifft’s nicht – Kommt!
- (Ab mit den Uebrigen.)
Sechste Scene.#
Zeruja
(in männlicher Kleidung).
- Hier läuft das Thal in ein Gewirr von Wegen
- Zusammen – welchen wähl’ ich nun? Am Herzen
- Trag’ ich versteckt in wunderbaren Zeichen
- An den Geliebten eines Priesters Brief.
- Er wählte mich zum Boten, weil die Liebe
- Dem Fuß des Wandrers luft’ge Flügel giebt.
- Von Hirten hört ich, daß aus weiter Ferne
- Sie Davids Krieger mit dem finstern Saul
- Im Zwiegespräche angetroffen hätten.
- Vielleicht, daß ich in Feindeslager schleichen
- 84Und meinem Freunde dorthin gar des Priesters
- Geheimnißvolle Botschaft bringen muß.
- Hier ist im Sande Menschenspur. Wohin
- Mich auch der Liebe Engel führt; ich folge.
- (Nach der Richtung der Uebrigen ab.)
- Verwandlung.
85
Siebente Scene.#
Halle im Tempel von Rama. Dämmerung. Im Hintergrunde ein Vorhang. Hinter der Scene ein allmählig verhallender Grabgesang.
Samuel. Tempeldiener.
Samuel.
- Ihr blut’gen Märtyrer! Es kann die Kirche
- Euch nichts mehr geben, als ins dunkle Grab
- Des Liedes trauernde Begleitung noch –
- Und gold’ne Namen wohl, in Erz gegraben,
- Die durch der Menschen dämmerndes Gedächtniß
- In ferne Zeiten leuchten – doch wer wird
- Zukünft’gen Zeiten die Geschichte schreiben,
- Wenn siebzig Griffel (auf den Vorhang zeigend), die die Kirche spitzte,
- Vom Arm der Kön’ge werden abgeknickt!
- Wo bist Du, Isaschar?
86
Tempeldiener.
- Hier bin ich, Herr!
Samuel.
- Mein Auge wird schon schwach – hier nimm die Schlüssel
- Und geh’ hinunter in den Gang, der an
- Der Todtengruft vorüberführt ins Freie!
- Dort harre, bis zwei Jünglinge – vielleicht
- Nur Einer – nein, gewiß – zwei Jünglinge
- An dem versteckten Thore mit bekannten
- Gebetesformeln leis’ um Einlaß bitten!
- Der Eine mag verweilen; doch den Andern
- Führ’ zu mir her!
Tempeldiener.
- Dein Wille sei gesegnet! (Ab.)
Samuel
(allein).
- Warum bedarf es stiller Klostermauern
- Und heil’ger Haine einsamer Umzäunung,
- Um menschliche Gemüther für den Frieden
- Des Gottesreiches zu gewinnen? Spricht
- Denn auf der Flur, in Berg und Wald nicht Alles,
- 87Im Blick, der fragend an den Sternen hängt,
- Für eine Ordnung, die der Fürsten Arm
- Nur stört, für geistliche Gesetze nicht?
- Ich wollte herrschen, sagt die Eifersucht,
- Die uns nicht gönnt, daß nur bei Priesters Nähe
- Das Herz der Menschen selig überquillt;
- Ich wollte vom Gehorsam, den das Ganze
- Jedwedem auferlegt, die Kirche nur
- Befrei’n – O Herr, Dir ist es kund – ich hege
- Nicht weltliches Gelüst. Ich möchte nur,
- Da einen König über Israel
- Zum Schutz in Krieg und Frieden ich gesetzt,
- Nicht jedes Menschengut verrathen sehn
- An eine Hand, die ihre Wucht nur kennt.
- Mein Traum war schöner. Dacht’ ich doch,
- Es könnt in frommer Eintracht Weltliches
- Der Inhalt göttlicher Gefäße sein.
- Ich dacht’ an einen Garten, wo die Blumen
- Die aus dem Schooß der Erde weltlich sprießen,
- Sich geistlich ranken an’s Spalier des Himmels.
- Nun trennt das Eine sich vom Andern ab:
- Das bürgerliche Recht mit blankem Schwerte
- 88Tritt auf die eine Seite, trotzig pochend
- Auf Burgen, Gräben, einen Wald von Lanzen;
- Die Kirche aber flieht zur andern Seite,
- Sucht sich des Waldes Dunkel, birgt die Lade
- Des Bunds, den Gott mit diesem Volk gemacht,
- In mitternächt’ge Schatten, betet, stirbt.
- Und draußen weiß das Volk, von Angst gefoltert,
- Nicht, wo im Kampf des Herrn Gefieder rauscht.
- Die Opfer sind verdampft, die Reinigungen
- Und Fasten sind an Ordnung nicht geknüpft;
- In Blindheit tappt die Welt, ob hier, ob dort
- Ein Strahl von oben diese Nacht erhellt!
Achte Scene.#
David. Samuel.
David.
- Hier bin ich, Samuel; doch sag’ ich Dir,
- Du wirrst mein Leben wie in einen Knäul
- Zusammen; rufst mich vom Versöhnungsmahl,
- 89Wo ich dem Bechergruße Sauls Bescheid
- Will thun, rufst mich vom Schooß’ der Lieb’ und Freundschaft
- Zu Deinen dunkeln Wegen wieder ab!
Samuel
(bitter).
- Wie glücklich ist der edle Menschenfreund,
- Der abendlich mit dem geliebten Weibe
- In seiner Rebenlaube sitzt und heiter
- Sein Kind die blanken Sterne zählen lehrt!
- Sein Lanzenschaft dient als Gerüst für Bohnen,
- Im Helm bewässert er die Blumenbeete
- Und unter Rosen rostet ihm sein Schwert.
David.
- Bin ich auch solches Glückes nicht gewärtig,
- So will ich doch mit Sonnenblicken geizen,
- Die mir nicht oft ins dunkle Dasein fallen.
- Der Dränger ist versöhnt. Zu traulichem
- Verein, wo so viel Thorheit sich begrub
- In so viel Liebe, rückten wir zusammen.
- Nun trennt Dein Opfermesser wieder kalt
- Die Glieder, die zu einem Leib gehören.
90
Samuel.
- Mein Opfermesser? Was dem Herrn man opfert,
- Muß ohne Hehl und streng gesichtet sein.
- Das Freundschaftsthier, so Du dem Herrn willst bringen,
- Ist eine Mißgeburt, die den Altar
- Besudelt. Hörner, wie vom Ziegenbock
- Und eines Lammes wollig Fell und wieder
- Des Löwen Tatze und des Hundes Schweif –
- Mit sochen Gaben ist die Opferung
- Ein Gräu’l. Mein Sohn, die Zeiten sind zu schwarz,
- Als daß man, um darin zu wandeln, Fackeln
- Sich aus Johanniswürmchen machen darf!
- Ein Feuerzeichen will der Herr, so groß,
- Daß man es leuchten sieht durch alle Lande.
- Doch aus verbuhlten Liebesblicken nicht,
- Nicht aus des alten Sünders trockner Hitze,
- Die Saul ergreift, wenn seiner Eitelkeit
- Man fröhnt, bricht diese Opferflamme aus.
- Wer Großes will, darf sich an’s Einzle nicht
- An Vater, Mutter, Weib und Kind anklammern;
- Nichts hat er, daß ihm anverwandter wäre,
- 91Als den Gedanken, dem er sich vermählt,
- Um d’raus zu zeugen einen Sohn: die That!
David.
- Saul lebt; die Kron’ ist sein, so lang’ er lebt.
Samuel.
- Wer aber setzte sie zum Wettpreis aus?
- Wer machte, daß Du sagen konntest: Bin
- Ich nicht verfolgt?
David.
- Nun ist er ausgesöhnt!
Samuel.
- Weil Du gewollt. Nicht rieth ich Krieg, so lange
- Die Uebermacht auf seiner Seite war
- Und sich das Volk zu seinem Ruhme hielt.
- Doch riß er selbst die Wunde auf; was eilen
- Wir so geschwind, daß sie verharrschen muß!
- Zu allen Zeiten muß das Eine selbst
- Man thun, das Andre nimmt man vom Geschick,
- Und richtet es nach dem Bedarfe ein.
- Vernarben darf die Wunde nicht. Geschieden
- 92Ist immerdar Dein Weg vom Wege Sauls;
- Im Wald sollst Du die Lagerstatt von Laub
- Dem Sitz an seiner Seite vorzieh’n, sollst
- Ein Flücht’ger wandeln, bis sich das Geschick
- Zu Deinen Füßen huld’gend niederwirft!
David.
- Im Bunde mit dem Feind des Vaterland’s
- Soll ich verbleiben; ach, nicht Worte fassen
- Die Qual!
Samuel.
- Trägst Du des Volkes Krone einst,
- So schufst Du Dir ein so gerüttelt Maaß
- Der Gnade, daß des Einen leichter Du
- Entbehrst, da Du das Andre hast.
David.
- Ich kann
- Geheimnisse nicht wahren, kann nicht handeln
- In ihrem Auftrag, immer quillt mein Herz
- Durch die Verschwiegenheit hindurch.
93
Samuel.
- Vergiß
- Dich selbst, vergiß den Glanz der Krone, sieh
- Selbst auf den Willen Deines Volkes nicht!
David.
- Das Volk begehrt mich nicht.
Samuel.
- Das Volk! Begehren!
- Die Völker dämmern nur: das Gute selbst
- Muß ihnen aufgezwungen werden. Sieger
- Sind die, die öfters nur ein kleines Wort
- In ihrer Fahne, das da zündet, führten.
- Bedenk’ einmal (dringend und tief erschüttert), mein Sohn, was ist und war,
- Was kommen muß in Deines Volks Geschichte!
- Erwäge, was Dich rings umgiebt, und was
- Du täglich siehst, das sich im Reich entwickelt,
- Und sage selbst, ob unwillkürlich nicht
- Die Hand Dir nach dem Griff des Schwertes fährt!
94
David
(seufzend).
- Zum Aufruhr bläst Dein Wort die Geister wach.
Der hintre Vorhang geht auf und man sieht in magischer Beleuchtung eine Reihe von Särgen. Grabgesang in der Ferne.
Samuel
(mit tiefstem Schmerz).
- Sieh dort; Und trotze noch der fiebernden
- Empörung Deines zitternden Gebeins!
- Dies, von der Schlachtbank spärlich aufgelesen,
- Der letzte Rest von siebzig Gotteszeugen!
- Für Dich verbluteten die treuen Opfer!
- Für Dich der grauenhafte Leichenzug!
David
(sinkt in die Knie).
- Zermalmend über’s arme Menschenherz
- Fährt das Verhängniß hin und reißt
- Besinnungslos uns in den Wirbel fort.
- Dein Knecht gehorcht; Du rufst mich, Herr! Ich komme.
(Vorhang fällt.)
95
Vierter Akt.#
Erste Scene.#
Am Hofe Sauls. Eine Halle.
Saul. Jonathan. Abner. Michal. Gefolge. Ein Bote.
Saul.
- Nun sprich, wie David den Betrug vollzogen,
- Den er an heil’ger Gastfreundschaft beging!
- Vom Becher, den ich selbst mit Liebeszähren
- Benetzt, ihm bot, stahl er sich heimlich fort.
- Versöhnung war ihm eine harte Speise,
- Er kostete und ließ die Schüssel stehn!
- Wer Böses hegt, den mache man nicht roth
- Mit freundschaftlichem Gruß, er schlägt die Augen
- 96 Zu Boden, läuft wie blind vorüber; Böse
- Kränkt man mit nichts so sehr, als wenn man offen
- Den kleinen Grund aufräumt, wodurch sie etwa
- Ihr Bubenstück entschuld’gen könnten, wenn
- Man seine Schuld bezahlt und kleine Reste
- Vergess’ner Feindschaft von der Kreide wischt.
- Er wollte freie Hand, die Krone mir
- Vom Haupt zu stoßen; wollte nicht, daß ihn
- Bei seiner That ein Blick aus meinem Auge
- Mit ihn entwaffnender Beschämung träfe!
- Nun sprich!
Bote.
- Was ich erfahren, ist, daß David
- Auf’s Neue weilt an Achis Hof in Gath!
- Die Fürsten halten ihn in höchsten Ehren
- Und haben ihn zum Hauptmann aller Truppen
- Gemacht, die dort im Lager stehn. Beweises,
- Wie man ihn zu bestricken sich bemüht,
- Ist wahrlich schon genug, daß jener Bote,
- Der ihn zu rufen kam, des Königs Tochter
- In männlicher Verkleidung war.
97
Michal.
- Ein Weib,
- Das ihn entführt?
Jonathan
(mit Würde und Ruhe).
- Dein Urtheil greife nicht
- Der bessern Prüfung vor! Ein Mann, der Großes
- Bezweckt, ist nicht in Mitteln wählerisch.
Bote.
- Ihr sinnet, Herr?
Saul
(wie aus Träumen auffahrend).
- Und was nun noch?
Bote.
- Im Lager
- Der Feinde wieherts, Pferde reißen sich
- Vom Strange los, die Schmiede hämmern; Jeder
- Klopft sich die Beulen aus dem Harnisch aus.
- Der Trommler wirbelt, daß die Rosse sich
- Gewöhnen an den Klang, Trompeter blasen
- Sich die Fanfaren und Signale ein.
98
Saul.
- Ha, Lästrer, schweig!
Abner.
- Kömmst Du in unser Lager,
- Wird dies da alles nur wie Ohrensausen
- Dir klingen gegen unsre Rüstungen.
Bote.
- Ich melde, was ich sah. Auch im Gebirge,
- Das zwischen uns und unsern Feinden liegt,
- Regt sich das Volk und mahnt mit Feuerzeichen
- Von Berg zu Berge sich zur Wachsamkeit.
- Ich frug, was sie in Herrenfehden sich
- Zu mischen hätten? Rüste sich, gab man
- Zur Antwort mir, in dieser bösen Zeit
- Ein Jeder, der auch nur die Sense schwingen kann!
- Es gehen Sagen durch das Volk von Wundern,
- Die bei den Opfern vorgekommen wären,
- Am Himmel will man Zeichen sehen; Träume,
- Von den Propheten seltsam ausgelegt,
- Beängstigen das Volk.
99
Saul
(zornig).
- Das fehlte noch,
- Daß sich die alten Weiber, Hexenmütter,
- Und Zeichendeuter in den Hader mischten!
- Im Lande baue man ein Galgennetz
- Für die verfluchten Lug- und Zauberspinnen!
- Kein altes Weib soll fürder leben, die
- Ein katzenröthlich Aug’ im Kopfe trägt,
- Kein Faselhans, der Kröpfe will beschwören
- Und Träume dummem Bauervolk erklärt!
- Und wo ein Pfaff den Himmel offen sieht
- Und sich im Namen Gottes unterfängt,
- Von Stimmen aus der Höh’ zu reden; flugs
- Ein Scheiterhaufen angebrannt, dem Kerl
- Mit Theer das Prophezeien angestrichen!
Michal.
- Mein Vater, folge nicht dem bösen Geist,
- Der sich auf Deinen Unmuth finster lagert!
- Wem könnte wohl das arme Herz im Busen
- Von Schmerzen kläglicher zerrissen sein,
- 100 Als mir, die ich verlorne Treu’ und Liebe
- Verzweifelnd, aber friedlich tragen muß!
Saul.
- Aus meinen Augen fort, fort Alle, die
- Den Wurm so lang’ mit ihrer Liebe Blüthen
- Gesättigt, daß er nun mit Gift zum Dank
- Den Ort belohnt, wo man ihn hold gebettet!
- Der Traum ist hin! Die Küsse werden jetzt
- Mit Schwerterlippen eingetauscht! Ein Jeder
- Auf seinen Posten! Angeschirrt das Roß!
- Das Aug’ auf diesen Thurm gerichtet, bis
- Zum Aufbruch ich das Loosungszeichen gebe!
Jonathan
(ruhig).
- Komm Schwester! Sieh’, mein Glaub ist noch so stark,
- Daß ich ein Theil davon Dir kann als Tröstung
- In Deinen Zweifeln lassen. Männer sind
- Im Wollen stark und bräch’ die Welt auch ein!
- (Alle ab bis auf Saul und Abner.)
101
Zweite Scene.#
Saul. Abner.
Saul.
- Die Stunde der Entscheidung naht. Ich ahne
- Nichts Gutes, Abner!
Abner.
- Ahnen kann ich nicht;
- Ich leb’ im Augenblick und thue was
- Ich muß; doch Wissenschaft ist besser als
- All Ahnen und ich weiß – wir siegen ob.
Saul.
- Wie weißt Du das?
Abner.
- Habt Ihr noch nichts gehört?
Saul.
- Wovon?
Abner.
- Daß Euch ein Feind gestorben ist,
- Den man mit Wehr und Waffen nicht besiegt?
102
Saul.
- Was? Samuel?
Abner.
- Man sagt ihn todt ...
Saul.
- Todt wie
- Die Schlange, die im Winter starr erfroren
- Im Schnee liegt, bis der Frühling kommt.
Abner.
- Im Volke
- Geht das Gerücht, und wär es minder wahr,
- So hätt’s die Klerisey längst widerlegt.
Saul.
- Mir starb ein arger Feind und grade jetzt
- Bedaur’ ich seinen Tod.
Abner.
- Ihr nehmt mich Wunder!
Saul.
- Weil ich mit Donnerworten ihm ins Ohr
- Die Schande raunen möchte seiner Brut,
- 103 Die er mit Opferwärme ausgeheckt
- Und zum Symbol der Frömmigkeit erzog.
- Ich möcht ihn fragen: Nenn’ einmal ein Thier,
- Das, gut geartet, dem, der ihm den Hals
- Gestreichelt, tückisch mit den Zähnen lohnte?
Abner.
- Noch ist im Grabe Samuel nicht kalt;
- Ein Zaubrer rief ihn aus dem dunkeln Schooß
- Des Schattenreiches leicht noch einmal wach;
- Doch schwerlich wagt, seitdem auf schwarze Kunst
- Den Tod Du setztest, sich ein altes Weib
- Mit ihrem Spruch heraus!
Saul.
- Hier soll Vergebung
- Und selbst Belohnung sein: mein Ende naht,
- Ich fühl’s und eh’ der Hahn der Frühe kräht,
- Hätt’ ich noch mit Gespenstern viel zu reden.
Abner.
- Im Wald bei Endor wohnt ein altes Weib,
- Die Dein Verbot vielleicht noch nicht vernommen.
- Scheeläugig ist sie, triefend, lahm und krumm
- 104 Und von dem Säftekochen ausgedörrt;
- Doch soll ihr Wort den Geistern lieblich klingen,
- Sie kommen schnell, wenn sie die Formel spricht!
Saul.
- Noch diese Nacht, in Mänteln eingehüllt,
- Soll uns das Roß durch Sturm und Regen hin
- Zu ihrer Sudelküche führen.
Abner.
- Besser,
- Sie weiß nicht, wer wir sind.
Saul.
- Ist es der rechte,
- So nennt uns Samuel: doch komm; wir eilen,
- Um mit der Sonne Aufgang unser Schicksal,
- Wie auch die Zaubernacht es mag enthüllen,
- Zu Tod, zum Siege tapfer zu erfüllen. (Beide ab.)
- Verwandlung.
105
Dritte Scene.#
Eine Halle am Hofe des Königs Achis.
Zeruja. Astaroth (ihr folgend).
Zeruja.
- Ich hasse Dich! Verpeste nicht die Spur,
- Die meine Schritte lassen; hebe Dich
- Hinweg!
Astaroth.
- Du bringst den Zorn zum Sieden; sei
- Gewarnt, daß er nicht zischend überschäumt
- Und gegen Euch und Alles, was Ihr thut,
- In tödtlicher Verheerung wüthe!
Zeruja.
- Drohung
- Ist wahrlich Minnedienst! Nur Feige setzen
- 106 Auf Frauenliebe Preise aus und kaufen
- Mit Gold sich Herzen ein, die sie verachten!
Astaroth.
- Ich kam hieher, gerufen, nicht von selbst –
Zeruja.
- Ich rief Dich nicht, wenn Dich Dein Herz nicht rief –
Astaroth.
- Ich kam hieher, um einen alten Haß,
- Den ich von Ahnen gegen Euch geerbt,
- In Deinen Armen zu vergessen ...
Zeruja.
- O
- In meinen Armen singt man Wiegenlieder
- Dem Schmerz der Liebe nur, dem Hasse nicht!
Astaroth.
- Ich ließ die Feindschaft, knüpfte gar mein Heer
- An Deines Vaters Narretheiung an,
- An Kinderthorheiten und Träumerei,
- So Greise plagt, die sich noch Jüngling dünken.
107
Zeruja.
- Des edlen Wettstreits! Sah man Dich doch nur
- An unserm Hofe wie ein Pfau stolziren,
- Vergleichen, wie’s daheim und wie’s bei uns,
- Das Tuch erproben, d’raus man hier zu Lande
- Die Kleider macht, die Nase rümpfen, lächeln,
- Und in der Sonne mit dem eignen Schatten
- Liebkosen, was Du schöner seist als Andre!
Astaroth.
- Dein Uebermuth macht wahrlich Dich geschickt,
- Noch eines Juden Weib zu werden. Liefst
- Du im Gebirge nicht dem Schächer nach,
- Und hast in Deine feile Zärtlichkeit
- Ihn so verstrickt, daß er sein Vaterland,
- Sein Weib, den Freund und seinen König ließ,
- Um in treuloser Treue hier mit Dir
- Zu tändeln?
Zeruja
(freudig).
- Glaubst Du, sprich, hat es den Schein,
- Das ich es bin, der Alles dies gelang?
108
Astaroth.
- Wem anders, als dem dreisten Buhlerblick,
- Den Du von feilen Weibern stahlst, dem Schmachten
- Und stieren Haften an des Juden Mund,
- An seinem Thun und Lassen? Schande Dir!
Zeruja.
- O träfe mich die Schande nur für ein
- Gelungen Werk, wie gerne trüg’ ich sie!
- Ein Weib erträgt den Makel aller Welt
- Mit Freuden, weiß es sich geliebt!
Astaroth.
- Geliebt?
- Wie täuschst Du Dich? Er beutet Deine Lust
- Für seinen Ehrgeiz aus, das Hirtenkrönlein
- Sollst Du ihm stehlen helfen, – doch ich ziehe
- Von zehn vorwitz’gen Fingern, d’rauf er rechnet,
- Fünf wenigstens zurück, die meinen; denn
- Ich halte mich zu gut, Dir noch die Ehre,
- Im Land der Juden Königin zu sein,
- Mit meinem tapfern Heere zu erobern.
- Ich ziehe fort.
109
Zeruja.
- Du bleibst! Es steigen mir
- Wie Schatten aus der Erde Ahnungen
- Herauf; wir siegen – und durch Dich – Du bleibst;
- Der Theil, den Du gewinnst, soll nicht geringer
- Als Deine Hoffnung sein. Noch weiß ich nichts,
- Und doch – nur ist’s noch dunkel – Götter, helft
- Die Dämmerung zerstreun – ich ahn’s – vertrau’!
- Die Liebe siegt!
Astaroth.
- Entschließe Dich! Sie kommen!
Vierte Scene.#
Achis. Die Fürsten. David. Die Vorigen.
David.
- Wenn auf den Würfeln der Entscheidung denn
- Einmal die Augen blut’ge sollen sein;
- So müssen die vereinten Kräfte, die
- Hier lagern, wenigstens von einer Seele
- 110 Durchgeistet werden. Euer Heer, mein Fürst (zu Astaroth)
- Ist träg’ in Allem, was ich ihm befehle;
- Wenn Rosse in das Eisen beißen, das
- Sie zügelt, ist es ihre thierische
- Natur; doch folgt in Euerm Heer der Reuter
- Dem Rosse nach und Niemand achtet d’rauf,
- Was ich als Feldherr für Bewegungen
- Dem Heereskörper geben will.
Astaroth.
- Sie kennen
- Nur einen Herren; wie ich selber – mich.
David.
- Ein Wille lenkt die Welt, ein Wille lenkt
- Die Schlachten.
Achis
(zu Astaroth).
- Gebt Euch d’rein: er führt das Heer,
- Wir folgen, seiner Tapferkeit vertrauend!
Astaroth.
- So hab’ ich doppelt Anlaß, aufzusitzen
- Und wieder heimzuziehn in meine Marken!
111
Achis.
- Was hör’ ich! Laßt den Ehrgeiz fahren! Warum
- Hat immer uns bisher das Judenvolk
- Besiegt? Wir schlossen Bündnisse, wo Jeder
- Dem andern wollte gleich im Rathe sein;
- Indessen drüben alles einem Starken
- Sich unterwirft und blind ihm folgt zur That!
Astaroth.
- Ich achte eines Andern Weisheit nicht!
- Was selbst ich wage, davon trage ich, ohne
- Mich anzuklagen, stets auch den Erfolg.
- Das ist der eine Punkt; erwägt ihn, während
- Ich jetzt mit meinen Truppen aus der Stadt
- Und meinen Marken näher rücke; was
- Den andern Punkt betrifft, so könnt ihr leicht
- Ihn rathen, wenn ich sage: Macht zum Boten
- Der Antwort, die Ihr mir zu geben habt,
- Zeruja; so geht’s All’ in Einem hin! (Ab.)
Achis.
- Ich bin zu stolz, ihm nachzugeh’n, und doch
- Zu schwach, ihn wirklich zu entlassen.
112
David.
- Wunder
- Darf sich der Feldherr in des Schlachtplans Lücken
- Nie träumen und ein Wunder wär’s, ihn missen
- Und dennoch siegen.
Zeruja
(hervortretend).
- Nun, was rathschlagt Ihr!
- Ihr zweifelt da an Wundern, während sich,
- Indeß ich brütend hier gestanden, auf
- Die Erde that und dunkle Geister mir
- Aus schauerlich vertrauten Augen winkten.
Achis.
- Was ficht Dich an?
Zeruja.
- Habt Ihr es nicht gehört?
- Er will die Botschaft nur aus meinem Munde!
- Er kennt nur meinen Mund, in den er gern
- Die Küsse seiner eklen Leidenschaft
- Begrübe; ha, ich kenne meinen Arm,
- Den Arm, der sich an einen (ergreift Davids Schwert) solchen Zweig
- 113 Mit Schaudern hält, um über einen Abgrund
- Hinwegzuspringen! Vor mir lacht die Welt
- Mit ihrem schönsten Wonnegruß mich an:
- Noch trennt ein Abgrund mich von meinem Himmel!
- Ein letzter Sprung – und er ist ewig mein! (Ab.)
David.
- Was will sie thun?
Achis.
- Es ist so ihre Art,
- In wildem Feuer aufzulodern; mir
- Verdankt sie’s nicht; von ihrer Mutter kömmt’s,
- Die man in Tyrus auf dem Sklavenmarkt
- Mir angekauft; sie war aus fernen Landen,
- Nicht groß, doch schön und wie ein Pfeil so schnell,
- Auf ihren Willen hin; und hinterher,
- Wenn man ihn kaum erfüllt, so schoß sie schon
- Auf etwas andres Blankes hin, just wie
- Ein Rabe.
Flach.
- Ja, da weiß man prächtige
- Geschichten –
114
Oberflach.
- Einstmals –
David.
- Laßt es diesmal sein;
- Die Stunde drängt.
Achis.
- So kommt! Vielleicht bewirkt
- Von Eurer Seite Ueberredung, und
- Von mir ein bittend Wort, daß Astaroth
- Die jählings aufgestiegnen Zornesnebel
- Mit besserer Besinnung niederschlägt. (Alle ab.)
- Verwandlung.
115
Fünfte Scene.#
Ein dichter Wald. Im Hintergrunde eine matt erleuchtete Höhle. Nacht. Donner und Blitz.
Saul. Abner (im Harnisch, mit Mänteln treten auf).
Abner.
- Hier ist der Ort.
Saul.
- So muß der Teufel wohnen.
- Mir klammerten schon Fledermäuse sich
- Im Helmbusch ein. Die alten Eichen sind
- So dicht verwachsen, daß man hier kaum hört,
- Wie sich im tollen Strom der Wolkenbruch
- Auf ihre Häupter schüttet. Unsre Rosse?
Abner.
- Ich band sie dort an einen Baum. Sie zittern
- Vor Frost.
116
Saul.
- Wer weiß, ob wir sie wiederfinden!
- Der wilde Jäger wittert sie und jägt
- Mit ihnen in drei Teufels Namen fort.
Abner.
- Ihr seid bei guter Laune.
Saul.
- Sollt’ ich nicht,
- Wenn man im Kampfe der Natur sich selber
- Fast ein entfesselt Element erscheint!
- Die Eule und das wilde Heer der Geister
- Verbergen hier die Teufelsfratze nicht.
- Der Donner spricht, wie’s ihm zu Muthe ist,
- Und ohne Hehl erwiedern ihm die Blitze.
Abner.
- Soll ich zur Höhle gehn?
Saul
(hinausrufend).
- He, alter Drache,
- Von Deinem Lager auf! Verscheuche uns
- Des Sturmes Kinderwiegenlied, betäube
- 117 Den Donner, der uns viel zu flötenmäßig
- Noch klingen will. Bring etwas Bess’res auf!
- Mit kaltem Rieseln kitzle uns den Rücken,
- Laß Geisterhände uns im Haare krauen,
- Daß es sich sträuben muß, bewundernd,
- Was Deine Höllenkunst vermag!
Abner.
- Sie kommt.
Sechste Scene.#
Die Höhle erhellt sich.
Die Hexe (tritt heraus). Die Vorigen. Später Samuel.
Hexe.
- Was ruft Ihr mich um Geister an?
- Die Geister sind in Bann gethan;
- Die Flammen an den Kessel lecken,
- Der Spruch bleibt in der Kehle stecken.
118
Abner.
- Mach’ fort! Von uns befürchte nicht Verrath!
Hexe.
- Die Geister stehen vor dem Thor;
- Doch schiebt die Furcht den Riegel vor.
- Soll Euch das Harren draußen frommen,
- Muß eines Mächt’gern Stimme kommen.
Abner.
- Ruft Ihr! die Hexen haben fein Gehör.
Saul.
- Befürchte nichts! Wir haben Macht genug,
- Dich zu beschützen. Setz’ den Kessel auf!
Hexe.
- Kessel lodert schon;
- Eurer Stimme Ton
- Macht die Funken knistern;
- Denn die Geister flüstern,
- Daß Ihr höher steht,
- Als ein Galgen geht.
119
Abner.
- Sie ahnet, wer Ihr seid. Nun fordert laut,
- Wen Ihr zu sehn begehrt!
Saul.
- Ruf von den Todten
- Mir Samuel herauf, den Hohenpriester!
- Er starb, wenn uns die Sage nicht belog.
Hexe.
- In die Höhle an einen dampfenden Kessel zurücktretend.
- Bei Todten, die noch warm, vom Leben kaum
- Geschieden, wirkt der Spruch nur langsam. Gut Ding
- Will Weile haben; darum bilden sich
- Die Todten auch erst nach und nach zu Geistern.
- Doch sei’s! Ich poche an. Er kömmt vielleicht.
- Mächtigste hab’ ich entboten
- Aus dem Schattenreich;
- Samuel, es sind die Todten
- Sich im Tode gleich.
- Dieses Lodern, dieses Düften
- 120 Lockte schon aus tausend Grüften
- Leichen in die Welt herein!
- Samuel, erschein’, erschein’!
- Donnerschlag.
Abner.
- Er ist’s.
Saul.
- Sein Bart ist ihm im Grab gewachsen.
- Der seid’ne Rock, wie immer. Nur der Stab,
- D’rauf er sich stützt, ist neu. Ich dachte nicht
- Daß selbst im Grabe noch die Menschen altern.
Abner.
- Ihr seid bei bess’rer Laun’ als ich – er spricht.
Samuel.
- Saul, rufst Du mich?
Saul.
- Nun kann ich doch nicht sprechen.
Samuel.
- Du bleibst stumm? Und der, der todt ist, spricht?
- 121 Benutze Deine Kraft! Nicht lange mehr,
- So ist sie hin; die Stunden kannst Du zählen.
Saul.
- Die Geister lügen nicht. So muß ich sterben.
Samuel.
- Schon mit der nächsten Nacht verhallt in Bergen,
- Die ohne Mitleid sind, Dein letztes Ach!
- Mir ist die Zeit so nah, daß ich schon deutlich
- Ein Schwert in Deinem Herzen zucken sehe.
Saul
(verhüllt sich).
- Ich weiß genug.
Samuel.
- Doch wirst Du mehr erfahren,
- Wenn Du im Schattenreiche sitzen wirst
- Mit Zechern, die den Wein aus Schädeln trinken,
- Wo sich, was nur Du greifst, in Knochen wandelt.
- O komme dahin, wo im tiefsten Erdreich
- 122 Die Würmer selbst an Cederwurzeln nagen,
- Da kannst Du lernen, was die Kön’ge sind.
Abner
(zu Saul).
- Von David habt Ihr fragen wollen.
Saul.
- Laß
- Es Abner! Wer zum Tode gehen muß,
- Blickt mit Verachtung auf die Schergen hin.
Samuel.
- Was spielen Kön’ge in der Unterwelt
- Für eine Rolle, Saul! Sie sitzen da,
- Gewohnt, gehört zu werden und bedient,
- Und Niemand achtet ihrer, als die Schmeichler,
- Die sich in Lästerer verwandelt haben.
- Das wen’ge Gute, das sie thaten, knurrt
- Zwar wie ein kleiner Schooßhund neben ihnen,
- Doch was sie unterließen, besser noch,
- Als gut zu thun, umbellt wie eine Meute
- Von hungrigen Hyänen sie. Sie zittern!
- Kein Hermelin erschreckt die Wahrheit mehr,
- 123 Die ihnen rings aus Todtenschädeln grinzt;
- Und selbst der Witz kann ungehindert schwärmen
- Um ein Gehör, das nichts so bitter haßte,
- Als Freimuth einst und feingefügte Worte.
- Sie sagen etwas, und man lacht. Sie hatten
- Es einst im Leben tausendmal gesagt,
- Und jetzt erst hör’n sie, daß es albern war.
Abner.
- Von Priestern, wie die Todten die bedienen,
- Da sagst Du nichts –
Samuel
(mit einem finstern Seitenblick auf Abner).
- Mit Knechten red’ ich nicht.
Saul.
- Wenn denn die Kön’ge so verspottet sind,
- Was weihst Du David zu dem Elend ein?
Samuel.
- Auch er wird schaudern, kömmt sein Tag herbei,
- 124 Er muß die größten Dinge thun, soll’n ihn
- Die Todten einst als ihres Gleichen grüßen.
- Ich hielt’ ihn gern von seinem Pfad zurück;
- Doch will die Welt einmal ihr Wesen haben;
- Sie hört den Ruf des wahren Hirten nicht.
Saul.
- So dank’ ich Dir, feindsel’ger Geist, daß Du
- Noch bis zur letzten Stunde treu dem Hasse
- Geblieben bist und nichts verschwiegen hast.
Samuel.
- Weissagung hat kein Herz: Was sie erschaut,
- Das spricht sie aus. Mein Haß ward in der Erde
- So kühl, wie sie; doch werd’ ich nie bereuen,
- Daß ich Dir gab, was Dich verderben konnte.
- Niemand bestimmt, wie Einer nutzt, was man
- Ihm schenkt; Dein eigner Wille war’s, daß Du
- Dich bäumtest und das Gleichgewicht verlorst.
- Vollende nun, was Du Dir selbst beschieden!
- Doch nicht als König, rath’ ich Dir, tritt ein
- In’s Reich der Todten; nein, als Hirte komm’,
- 125 Als Knabe, wie Du einst gewesen, stark
- Und löwenmuthig, einfach, noch verdorben
- Durch den geschwollnen Kamm der Herrschsucht nicht.
- So stehn vielleicht die Todten auf vor Dir
- Und hör’n auf mich, wenn ich Dich feierlich
- In unserm Reih’n begrüße. Lebe wohl!
- (Donnerschlag, Versinkt.)
Saul.
- Komm, Abner, komm!
Abner.
- Ihr glaubt doch nicht dem Spuk?
Saul.
- Ich glaube d’ran: Ich zieh mein Sterbehemd
- Zum Schlachttag morgen an; Du bette mich,
- Bin ich verklammt, nur gleich auf frischer That
- Beim ersten besten Stein.
Abner.
- Die Alte ruft!
Hexe.
- 126 O tretet ein, nehmt so vorlieb! Ich backe
- Ein Böcklein Euch und ungesäuert Brod.
- Die Nacht ist keines Menschen Freund, verweilt,
- Ich leg’ ein neu Bund Stroh zurecht, d’rauf ruht,
- Bis uns die Vögel in dem Walde wecken.
Saul.
- Mit nichten, Weib, wir müssen fort.
Abner.
- Bleibt lieber,
- Wir stoßen zeitig noch zum Heer.
Saul.
- Nein, nein!
- Hier ist ein Ring, Du Alte! Trag’ ihn bis
- Du stirbst, und laß ihn weiter erben, daß
- Den König Saul, wenn ihn sein Volk vergißt
- Und seine Thaten dunkeln, wenigstens
- Die Zaubrer noch im Gedächtniß führen!
- (Wirft ihr den Ring zu.)
- 127 Nun komm! im scharfen Ritt, daß Funken sprühen,
- Vergessen wir die Schauder, die wir fliehen.
- (Beide ab. Die Höhle verdunkelt sich. Ein Donnerschlag.)
Siebente Scene.#
Zeruja
- (geschmückt im Brautkleide, mit dem blanken Schwert.)
- Ich bin des Sturmwinds Braut; er nestelt mir
- Aus meinem Haar mit wilder Freiershand
- Die Myrthen und die weißen Rosen ab;
- Auf meine glüh’nde Wange schmiegt der Regen
- Sich an mit feuchtem Kuß und preßt den Athem
- Mir in die tiefbeklomm’ne Brust zurück.
- Wie oft bist, Genius der Liebe, Du
- Selbst falschen Schwüren nicht gefolgt und gossest
- Auf einen nur erlog’nen Liebesbund
- Das Füllhorn Deiner Zärlichkeiten aus!
- So steh’ mir bei, Du holder Knabe; lächle
- Mir Liebe in den Blick und heiße Küsse
- 128 Streu’ auf den Mund mir, daß mein Buhle nicht
- Das Zucken meiner Hand spürt, nicht mich frage,
- Was ich auf seines Halses hüpfende
- Arterien so gierig blickte! Zaubre
- Ein Chor holdselig gaukelnder Dämonen
- Um unser Brautgemach, bis er entschläft,
- Und ich im Bund mit Göttern schnell die Sichel
- Mit kühner Hand zur blut’gen Ernte schwinge! (Ab.)
- Vorhang fällt.
129
Fünfter Akt.#
Erste Scene.#
Freies Feld.
Saul. Abner. Jonathan. Michal. Gefolge.
Michal.
- So lebe wohl und kämpfe, weil Du mußt,
- Mein Vater, Deinen Kampf in Ehren aus!
- Ich fliehe diesen Tag, wo mir die Freude
- Beim Sieg des Einen nimmer doch die Kraft,
- Den Fall des Andern zu verschmerzen, gäbe!
- Was Dir erfreulich, wäre mir verhaßt,
- Und was Dich kränkte, wär’s ja minder nicht!
- 130 Wie auch die Würfel fallen, geh’ ich hier
- Mit leerer Hand, mit leerem Herzen aus!
Saul.
- ’S ist besser, daß Du gehst, auch Jonathan
- Mag gehn! Er nimmt, trägt man mich aus der Schlacht,
- Von mir doch nur mit halbem Schmerze Abschied.
Jonathan.
- Ich bleibe; denn das größte Opfer wohl,
- Das ich dem theuern Jugendfreunde bringe,
- Ist, ihm im Kampfgewühl, zerriss’nen Herzens
- Begegnen müssen. Prüfen will uns Gott!
Saul.
- So gehe Kind! (Betrachtet sie.) So also siehst Du aus?
- Noch einmal will ich mir die lieben Züge
- In meine Seele drücken, daß im Tod’ ich
- Mir sagen kann: So war’s, was Du verlor’st,
- So war die Welt, so bunt, so schön ... Du gehst
- Zu meiner Vetterschaft im Lande Uz,
- 131 Dort hüll’ Dich in den Wittwenschleier ein,
- Den doppelt Du zu früh schon trägst und forsche
- Nach all den grünen Plätzen, nach den Eichen,
- Wo ich einst saß, die Heerde hütete
- Und nicht verstand, was mir die Wind’ im Baume
- Zuraunten von Geschick und großer Zukunft.
- Wie drängt an’s Grab des Menschen sich die Zeit
- Der Jugend doch heran und möchte gern
- Der Erste sein, der auf den Sarg die Erde streut!
- Nun lebe wohl mein Kind!
Michal.
- Begrüßt Dich Leben,
- Begrüßt Dich Tod, ich nehm’ Euch für geschieden!
- Du Jonathan, laß dies auch David wissen:
- Ich bin nicht mehr, seitdem in seiner Brust
- Der Ehrgeiz all’ die schönen Blumen, die
- Der Lieb’ ich d’rin gezogen, kalt zertreten.
Jonathan.
- Ein Weib liebt nur am Mann sich selbst, den Schein,
- 132 Den sie auf seines Herzens blankem Schilde
- Von ihrem eignen Ich läßt widerglänzen.
- Doch kränken will ich nicht in seinem Kummer
- Dein schwaches Herz; komm mit, ich führe Dich
- Zu den Begleitern Deiner Reise hin.
- (Ab mit Michal.)
Saul
(zu Abner).
- Nun sind wir frei! die volle Wucht und Schwere
- Der selbstbewußten Kraft des Körpers kehrt
- In meinen Arm zurück; ich fühle, eh’
- Die Ceder fällt, wie mächtig seine Streiche
- Das Beil des Feindes führen muß. Es ist
- Ein ander Ding, zu sterben auf dem Bett,
- Und in der Schlacht Gerassel seinen Tod
- Im Voraus rächen, daß die Stücke fliegen!
Abner.
- Ich hoffe mehr; ich hoffe, daß wir siegen. (Alle ab.)
133
Zweite Scene#
David. Sein Waffenträger. Truppen.
David.
- Wie im Gewühl des Markts man seines Orts
- Nicht Meister ist, so reißt mich unaufhaltsam
- Die Welle einmal angefangner Thaten
- Zu immer neuen fort. Ich laß es gehn,
- Wie man den Schneeball nicht, der von den Bergen
- Herabfällt, hemmt in seinem Wuchs und Lauf.
- Nicht alles, was man Schlechtes thut, geschieht
- Aus schlechtem Sinn; das Meiste wirkt der Stolz,
- Der vom Begonnenen und halb Bereuten
- Nicht lassen will, der Feigheit Vorwurf scheuend.
- Daß meine That ein Werk des Himmels ist,
- Das seh’ ich wohl. Mir liegt dabei die Hand
- Im Schooß; die Reihen schließen sich, die Winke
- Zum Kampfe kommen wie von Geisterhänden;
- Ich sehe zu und bin nur für die Räder
- 134 Die Axe, die sich um sich selber dreht.
- (Zum Waffenträger.)
- Und keine Hoffnung da, daß sich Astaroth
- Zu uns’rer Sache schlägt?
Waffenträger.
- Wie Todte liegt
- Das Volk in seinem Lager. Hochzeit, hieß es,
- Hätt’ Astaroth die Nacht gehalten.
David.
- Zeruja, zartes Blüthenreis, so hat
- Auch Dich der Sturm des Krieges knicken müssen!
- Man spricht von Sagen und Geschichten so
- Frischweg und spricht von Kriegen nur und Helden:
- Wer aber zählt schon die Herzen all,
- Die starben, weil des Bodens Nahrungskraft
- Von Riesenbäumen aufgesogen ward,
- Die nebenan wohl den Gewittern trotzen?
- Wie viel erstorben Moos von Lieb’ und Schmerz
- Kriecht dürftig auf den Marmortafeln hin,
- Die das Gedächtniß großer Thaten künden!
- Zertret’ ich selber nicht ein Herz, das draußen
- 135 Vielleicht vor Schmerz, wie mir es möglich ward,
- Sie preiszugeben, stirbt! Und bin ich selbst
- Nicht mehr ein Opfer, als ein Held, und kann
- Nur stummen Einspruch meinem Schicksal thun?
Waffenträger.
- Ihr träumt, indessen schon die Schlacht beginnt.
- (Trompetenfanfare.)
David.
- Wie Schiffe auf dem Flusse Furchen ziehn,
- So gehe, Finger Gottes, du voran!
- Ich folge; Dir, o Herr, den Weg befehlend.
- (Ab mit Gefolge.)
- Schlachtlärm hinter der Scene.
Dritte Scene.#
Jonathan (wird verwundet aus dem Kampfe getragen). Einige Krieger. Darauf David und Gefolge.
Jonathan.
- Hieher! der Ort ist still – zum Sterben weit
- 136 Bequemer als der Huf der Rosse; welch
- Ein Glück, daß ich schon etwas weiter bin
- Als ein Rekrut! So gleich vom ersten Pfeil,
- Der abgeschossen wird, durchbohrt zu werden!
- Für Muttersöhnchen wär’s kein Spaß. Niemals
- Schickt’ ich den zweiten Sohn zur Schlacht, fiel so
- Der Erste. Gleich der erste Pfeil! Und David –
- Wenn Du ihn selber gar verschossen hättest!
- Mein theurer Freund – der Tag fängt wacker an!
- Die Besten erst, dann hast Du leichte Arbeit!
- Und doch bewein’ ich meinen Tod – denn stirbt
- Mit ihm mein Recht nicht aus, das ich so gerne
- Dem Freund geopfert hätte, als Geschenk,
- Als Huldigung, die ihm gebührt ... Die Asche
- Kann nicht regieren, kann entsagen nicht.
- Zu leben, das ist schön und sich als Spreu,
- Als wäre man gestorben, in den Wind ausstreu’n
- Und sprechen: Siehe Freund, das schenk’ ich Dir,
- Geburt und Stand und Krone, Brief und Siegel!
- Nun hab’ ich nichts und die das Auge mir
- Zudrücken, lächeln zweifelnd über mich,
- Ob es auch wohl mein Ernst gewesen wäre ...
137
David
(tritt von der Seite schnell auf).
- Dort drüben weicht der linke Flügel! Vorwärts!
- (Truppen ziehen vorüber.)
- (Jonathan erblickend.) Hier stirbt sich’s lustig schon. (Lüftet sich den Helm.) Der Tag wird heiß.
Jonathan.
- Täuscht mich die Stimme nicht – die Augen dunkeln
- Es war sein Ton, sein Gang; wo bist Du, David?
- Mein Freund –
David.
- Wer ruft da? Himmel, so nur klingt
- Die Stimme Jonathans.
Jonathan.
- Ich bin es, David!
- Komm, drücke mir die Augen zu!
David.
- Im Tode
- Dich wiedersehn! Kann dieses Herz es tragen?
138
Jonathan.
- Nur Deine Hand! Ein warmer Druck von ihr
- Hält eine kurze Weile noch die Flucht
- Der Lebensgeister auf. Wie Deine Pulse
- Noch wild sich bäumen! Ha, was gäb’ ich d’rum,
- Wenn neben Dir der Schütze mich getroffen!
David.
- Ich träumt’ in deines Vaters Halle, träumt’
- Im Wald, wo wir das Lied der Vögel oft
- Belauschten, wohl ein schöner Wiedersehen!
Jonathan.
- Die Zeit ist hin, es schoben Wolken sich
- Als Riegel uns’rer Zukunft vor, und jetzt
- Nun gar die düsterste, der Tod!
David.
- Verfluche
- Die Hand, die in den Bund der Freundschaft Blumen
- Des Todes und des Hasses wand!
139
Jonathan.
- Mit Nichten
- Mein Freund! Dein ist die Welt der großen Geister,
- Die die Geschicht’ auf ihren Schultern tragen.
- Du schaffst und baust, wir sehen nur wie Kinder
- Dem Werke Deiner Hände staunend zu
- Und bieten gern, und wär’s das eigne Leben,
- Was Du zu Deinem Ruhm bedarfst, Dir an.
David.
- Verwirr’ in Deiner letzten Stunde nicht
- Das ewige Gesetz der Sitt’ und Tugend!
- Was in der Hütte gilt, gilt in Pallästen,
- Dem Großen opfert Gott die Tugend nicht;
- Was wär’ auch unter Menschen groß zu nennen,
- Dem Himmel gegenüber?
Jonathan.
- Einer müht
- Im Leben sich an fert’gen Gütern ab;
- Der Andre schafft sie neu, Gedanken schwellen
- Ihm seinen Busen, er ergänzt die Schöpfung.
- 140 Du konntest nicht, den hohen Winken folgend,
- Die Dir von Gottes Flammenfinger kamen,
- Dich fesseln an ein kleines Loos. Ein Held
- Muß frei und ohne Schlingkraut wachsen.
David.
- Der größte Baum, wenn er des Winters schläft,
- Freut sich an seinem Fuß der Epheuranken,
- Die immer grün wie Lieb’ und Freundschaft sind!
- Wie geht es Michal?
Jonathan.
- Wie dem Immergrün.
- Es welkt zwar nicht, doch bleicht es aus, wird matt,
- Und stirbt allmälig hin von unten auf.
- Sie lebt; doch brach ihr Herz, wie Glas, da sie
- Nicht fassen konnte, wie ein Held nicht immer
- Mit seines Weibes Locken spielt, der Ehre
- Drommetenrufe lieber folgt, statt im Geflüster
- Von Rosenbüschen zart zu tändeln. Laß
- Sie ziehn! Sie weilt im Lande Uz, gepflegt
- Von den Verwandten! Siehst Du sie dereinst,
- 141 Grüß sie von ihrem todten Bruder nicht!
- Geheimniß ist dem Weib des Mannes Herz.
David.
- Ich kann mit Deiner wunderbaren Liebe,
- Die Dich im Leben, wie im Tode noch
- Gleich reizend schmückt, nicht rechten!
Jonathan.
- Bald ist’s aus –
- Doch ruf’ die Seele, die nun scheidet, Freund,
- Manchmal zurück in Deiner Harfe Saiten!
- Der ist nicht todt, der einen Dichter liebt;
- Ich preise selig, wen in Sängers Nähe
- Ein holdes Schicksal führt; er haucht sein Leben
- In seines Freund’s Unsterblichkeit nur aus.
- Er wird mit Allem, was dem Dichter er
- Im Leben war, Mitstimmung seines Lieds.
- Ein Ton der Leier wird nach ihm benannt,
- Und wenn der Menschen dankbares Gedächtniß
- Dereinst von großer Dichter Freud und Leid
- Erzählt, dann fehlt sein Name nicht.
- (Erneuerter Schlachtlärm.)
142
David.
- Du stirbst
- Und mitten in den Kriegeswettern träume
- Ich mit hinüber in das Land der Sel’gen.
Davids Waffenträger.
- Von allen Seiten weicht der Feind.
David.
- Mein Volk
- Nennst Du den Feind?
Waffenträger.
- Saul ist auf einen Punkt
- So eingezwängt, daß selbst der Löwenmuth
- Mit dem er kämpft, ihm nichts mehr hilft. Der Tag
- Ist Dein!
David
(mit plötzlicher Besinnung).
- Nicht mein! Er ist des Herrn; man blase
- Den Rückzug!
Jonathan.
- Nein, das thust Du nicht, nein, nein!
- 143 Verfolg den Sieg und ernte reich und schwer
- Den Segen, der Dir blüht!
Waffenträger.
- Auch Astaroth
- Stößt jetzt mit seiner ganzen Heeresmacht
- Zu uns! Man sieht ihn dicht gepanzert, daß
- Auch nicht ein einzler Spalt wo offen wäre,
- An seines Heeres Spitze ziehen.
David.
- Nie
- Soll dieser Heide einen Schlag noch führen
- Auf meines Volkes Haupt, das schon genug
- Von Wunden trieft. Jehova ist die Loosung!
- Des Tages Wendung spaltet sich; zur Rechten
- Stirbt Saul und Jonathan in Frieden, links
- Wirft unsre Hand den Heidenbund zurück.
Waffenträger.
- Ich staune –
David.
- Geh, Du bürgst mir für mein Wort!
- (Waffenträger ab.)
144
Jonathan.
- Das war ein neuer Blitz von Gottes Hand!
- Dein Auge leuchtet wunderbar, war’s doch,
- Als wenn sich Offenbarung auf Dich senkte!
- In diesen Abglanz Deines Genius
- Verschwimm’ ich still und sterbend. Lebe wohl. (Stirbt.)
David
(küßt ihn).
- Den Kuß noch. Nie berührten wir die Lippen,
- Nur Händedruck war unsre stumme Sprache; –
- Und diese Thräne! Tragt ihn fort ... (Es geschieht.) Die Loosung,
- Die ich gegeben, laßt von Mund zu Mund
- Durch unsre Reihen fliegen: wie ein Keil
- Soll unser Heer sich zwischen Astaroth
- Und Sauls ohnmächtiges Verenden schieben.
- Wir halten Stand, dem Einen wie dem Andern,
- Und kaufen uns durch einen Tag von Saul,
- Den Gott verwarf, und von den Heiden los. (Alle ab, mehr nach dem Hintergrunde zu.)
145
Vierte Scene.#
Zeruja (gepanzert) mit Truppen. Astaroths Waffenträger.
Zeruja.
- Vorwärts! Mir nach! Das Feldgeschrei ist David!
Waffenträger
(wirft sein Schwert weg).
- Wir folgen länger nicht, Du zögest denn,
- Daß wir Dich sehen, das Visir herauf!
Zeruja.
- Hast Du in meinen Augen Zorneswetter,
- Die Dich zermalmen könnten, nie gesehn?
Waffenträger.
- Du bist nicht Astaroth. Wann wäre je
- Mein Fürst in vollem Waffenschmuck des Morgens
- Aus seinem Zelt getreten ohne mich?
Zeruja.
- Wie? Deine Flüche, wenn Du mir den Helm
- Und Harnisch schnallst, soll’n früh das zarte Weib,
- 146 Das diese Nacht sich mir vermählte, schon
- Aus ihrem Schlummer wecken?
Waffenträger.
- Hört die Stimme!
- Ist sie des Fürsten Ton? Hier ist Verrath!
Zeruja.
- Du Wurm, was zweifelst Du? Du bist gewohnt,
- Mich nur zu sehn mit übernächt’ger Laune,
- Des Morgens gähnend noch im Bett, indessen
- Dein schlechter Witz an meinen rost’gen Waffen
- Und meiner Laune putzt, sie blank zu machen.
- So kennst Du mich. Im Streite sahst Du nie
- Wie ich das Schwert, den Wurfspieß schwingen kann,
- Wenn mächtige Gedanken meinen Arm
- Beseelen und ein Held wie David ruft.
- Was weiß die Schnecke von des Adlers Schwung,
- Der seine Brust in Sonnenstrahlen badet?
- Bleib Du zurück; Ihr Andern folget dem,
- Der Euch zum ersten Mal bis in die Sterne
- Den Weg des Ruhmes aufwärts führt!
147
Ein Krieger.
- Mag’s sein,
- Wer will; es ist ein Engel.
Ein Theil der Krieger.
- Auf!
Die Uebrigen.
- Ihm nach!
- (Alle ab.)
Fünfte Scene.#
Saul (verwundet). Abner. Sauls Waffenträger.
Saul.
- Orakel lügen nicht, auch Priester nicht,
- Wenn sie im Tod vor Gott dem Herren stehn.
- Der sieht den Geistern auf die Finger.
148
Abner.
- Schont Euch!
- Die Wunde scheint nicht so gefährlich.
Saul.
- Sie
- Ist grade breit und tief genug, um so
- Ein Menschenleben abzuzapfen. Achtzig,
- Wenn’s hoch kommt – und ich glaube, siebzig kaum
- Hab’ in mein Jahreskerbholz ich geschnitten.
- Seit David um mich heuchelte, ließ ich’s
- Kalendermachen ...
Abner.
- Wären glücklich Eure Jahre
- Gewesen, könntet Ihr mit ihrer Zahl
- Zufrieden sein. Lehnt Euch in meinen Arm!
Saul.
- Das Reich ist hin! Auch Jonathan, der Erbe!
- Mit mir stirbt meines Volkes Heldenzeit.
- Nun werden kleine Menschen kommen, Zwerge,
- 149 Possierlich an Verstand, in Witz und Klugheit
- Behend und emsig trippelnd, hin und her
- Die Aeuglein werfend, sich durchs Leben zwängend.
- Sie werden morden, aber nur mit Gift –
- Sie werden auch den Priestern nicht gehorchen,
- Doch nicht wie ich, den Bannstrahl wenig achtend,
- Im off’nen Kampf. Wer weiß, verbinden sich,
- Die Fürsten mit der Kirche gar, die Massen
- Mit gleichgewicht’ger Uebermacht zu drücken!
Abner.
- Ein Rächer lebt in mir! Verzweifelt nicht!
Saul.
- Sieh, wie sich alles matter malt dem Auge,
- Das Grün der Bäume bleicht sich aus, der Himmel,
- Der unsres Jammers blau und harmlos lächelt,
- Verschwimmt in fahles Grau, die Dinge fallen
- Fast wie aus ihrer Form heraus, die sie
- Begränzt – so gehts auch mit dem leid’gen Trost,
- Dereinst von Deiner Hand gerächt zu werden.
- Des Menschen Zorn liegt, scheint mir fast, im Blut:
- 150 Je mehr es schwindet, lösen sich die Sinne
- In friedenvolle Dämm’rung auf und weichen
- Dem guten Geist, der keine Rache kennt.
Abner.
- Wie endet Ihr! So rieselt sanft und leise
- Das letzte Sandkorn durch die Stundenuhr,
- Und selbst die Bäume senken ihre Zweige
- Wehmüthig lauschend, stummen Mitgefühls,
- Auf diesen Heldentod herab.
Saul.
- Nur gut,
- Daß sie nicht aus der Schule schwatzen. Dir
- Rath’ ich das Gleiche an; erzähle Niemand,
- Wie ich versöhnt gestorben bin! Wenn Helden
- Auf ihrem Todtenbett mit nassem Auge
- Ausathmen, kömmt Fraubaserei und lügt,
- Daß man den Feind gesegnet und vom Priester
- Das letzte Werk des Trosts gefordert hätte.
- Verdammte Lügen! Stirbt der Löwe nicht
- Mit wehmuthsvollem Bruch des Augs und frägt
- 151 Mit einem Blick, der uns das Herz durchschneidet,
- Wie so viel Riesenkraft verenden kann!
- (Zum Waffenträger.)
- Nun, altes Wehrgehenk, Du stehst und starrst
- und lässest mir die Qual, daß eh’ ich todt bin,
- Der Leiche so viel trauernde Gedanken
- Schon das Geleite geben – nimm mein Schwert
- Und ende kurz das Ringen der Natur!
Waffenträger.
- Wie kann ich meine Hand an den Gesalbten
- Des Herren legen?
Saul.
- Auf die Salbung hin,
- Da wag’ es nur, mein Sohn! Die Priester schufen
- Die Unverletzlichkeit der Majestät;
- Doch manchmal schmücken sie auch Königsmord
- Mit grünen Himmels-Palmen aus. Stoß zu;
- (Waffenträger wendet sich ab.)
- Du weigerst Dich? Dir, Abner, ziemt es nicht.
- Das Sterben müssen hab ich immerdar
- 152 Gefürchtet. Sterben wollen hilft im Tod.
- Da Ihr ihn mir nicht rufen wollt, so komm
- Ich selber seinem trägen Gang zuvor.
- (Stellt das Schwert vor sich auf.)
- Ein wenig Sand vergeßt zu schaufeln nicht
- Auf meinen Leib, daß ihn nicht allzu früh
- Die Geier des Gebirges wittern! Nun
- Steh Du mir bei, mein wackres Schwert, und löse
- Mir schnell des Lebens räthselhaften Traum!
- (Stürzt sich in das Schwert. Abner und der Waffenträger beschäftigen sich mit dem Todten.)
Letzte Scene.#
David. Sein Waffenträger. Gefolge. Samuel. Vorige.
David.
- Zwiefacher Sieg und zwiefach Leid!
153
Waffenträger.
- Wie man
- Berichtet, hat es sich bestätigt. Achis,
- Des Königs Tochter, feierte die Brautnacht
- Mit Astaroth, wie Jael einst im Schlaf
- Den Sisserah erschlug zur Zeit Deborah’s.
- Noch blutend von dem grausen Werk nahm sie
- Des Buhlen Harnisch, täuschte alles Volk
- Und führte Dir die Kriegerschaaren zu.
- Du griffst sie an, weil Du dem Tage schnell
- Die neue Wendung gabst; Zeruja fiel.
- An ihren Locken, die dem Helm entquollen,
- Ward sie erkannt.
David.
- O, wohl ihr, daß sie todt.
- Und um die Wette mit der grausen That,
- Die sie beging, zum Schattenreich enteilte!
- Nun kann sie gleich von ihrer Hand das Blut
- Mit Reuethränen waschen und erschrickt
- Nicht mehr, wenn man die anmuthsvollen Züge
- 154 Der Mörderin geflohen wäre, wie
- Man einem Rosenstrauch nicht traut, in dem
- Sich Schlangen bergen. Schmerzlicher wohl nichts,
- Als wenn bewußt sich einer großen That
- Und des verscherzten Himmels man statt Dank,
- Nur grauenhafte Furcht der Menschen erntet!
- Seht dort, ein Todter!
- (Alle treten zu den Vorigen heran.)
Abner.
- Schone unsrer nur
- So lange, bis des Todtengräbers Amt
- An einem Bessern wir verrichtet haben;
- Dann rufe Deine Henker!
David.
- Abners Stimme
- Hör’ ich; wem kannst Du anders Todtengräber
- Als Deinem König sein?
155
Abner.
- Sieh her, hier ist
- Der Adler, dem das heutge Königsschießen
- Gegolten!
David.
- Mitten durch den Leib gebohrt –
Abner.
- Ja, wie ein Knabe Schmetterlinge spießt!
David
(zu den Seinigen).
- Senkt Eure Waffen, Männer! König Saul
- Ist todt; wir müssen still zum Himmel beten,
- Daß uns der Herr nicht führe ins Gericht!
Abner
(noch an der Leiche knieend).
- Ich drücke Dir die Augen zu, daß man
- Nicht sehen kann, wie sie in Liebe brachen.
David.
- Den Liebling unsrer Heldensage fällte
- 156 Der finst’re Tag. Was wird der Hirte klagen,
- Der im Gebirg’ den Reigen sang von Saul,
- Von seinem Heldenthum, daß selbst die Heerden
- Neugierig Eines auf des andern Kopf
- Sich lehnten und des Hirten Liede lauschten!
- Sagt’s nicht den Feinden, die vor ihm gezittert,
- Daß auch auf ihn des Herren Blitzstrahl fuhr!
- Du Berg von Gilboa, nicht Thau, nicht Regen
- Soll fürder sich auf deine Gipfel senken!
- Nie komme zum Altar des Herrn ein Scheit
- Von Deinem Wald, nie eine Frucht von Dir!
- Ihr Töchter Israel’s, wo sind die Spangen,
- Die Saul aus seinen Schlachten Euch gebracht?
- Hängt sie an Euer Ohr und weinet laut,
- Daß Eure Kinder nie den Tag vergessen,
- Wo auf die Leichen Sauls und Jonathans
- Die Strahlen einer Sonne scheinen mußten.
Samuel
(in schwarzem Harnisch, mit hohler Stimme).
- Die Geier störe auf durch Deine Trauer!
- Nicht Israel, dem dieser Grabgeruch
- 157 So lieblich nimmer duften wird, wie Dir,
- Deß Hirn nur allzuleicht von einem Herzen,
- Das nicht wie Stahl gehärtet, Feuer fängt!
David.
- Wer redet das?
Samuel.
- Ein Störenfried.
David.
- Ich sah
- Heut im Gefechte Deinen finstern Helmbusch
- Bald hier, bald dorten schwanken. Für die Hülfe
- Nimm meinen Dank, doch nicht für Losungsworte
- Des Hasses, die in meiner Brust nicht zünden!
Samuel.
- Ermanne Dich von weichlichen Gefühlen
- Und gönne Gott das letzte Wort, nicht Dir!
158
David.
- So redet Einer nur, und der ist todt!
Samuel.
- Gott salbte Saul, doch war das Oel schon lange
- Auf seinem Haupte ranzig; stinkend liegt
- Der Schächer da, der Gottes Priester schlug!
- Dein Ruf geht dort hinaus, wo Israel
- Der neuen Schöpfung harrt, die Du dem Staat,
- Die Du der Kirche geben sollst. Gedenke, was
- Du einst im Hain von Rama hast geschworen!
David.
- Bist Du des Samuel Gespenst, heb’ Dich hinweg!
- Die Geister sind wahrhaftig gute nicht,
- Die noch vom Jenseits mit den kalten Fingern
- Ins Menschenleben krampfhaft lüstern greifen!
- Uns ist die Sonne; Dein der Mond! Wir blicken
- Mit Freud’ und Leid in eine bunte Welt,
- Nicht kalt wie Du in grau Gewölk hinein!
159
Samuel.
- Im Hain von Rama hast Du einst geschworen!
David.
- Die Zeit ist um, wo ich Dein Knecht gewesen,
- Laß mich die Welt, wie ich sie mir erobert,
- Zum ew’gen Vorwurf meines Herzens mir erobert,
- Nun schlichten, sie begreifen, wie ich will,
- Und Staat und Kirche nach Gesetzen ordnen,
- Die Gottes Hand auf meine Stirn geschrieben!
Samuel.
- So spricht das Glück aus Dir, Verräther!
David.
- Glück
- Giebt Einsicht; Leiden dunkeln nur den Geist!
- Die Hoffnung nahm die Binde von den Augen.
Samuel.
- Gott wehrt Dir den Gebrauch der Kräfte nicht,
- Die er Dir lieh’; doch denke nur, er webt
- 160 Sich aus der Menschen Herzensfäden Tempel,
- In solcher Form, wie es sein Wille ist!
David.
- Die Lieb’ und seiner Allmacht Ahnung ist
- Dem Himmel schon genug; was willst Du mehr?
Samuel.
- O ruhig kehr’ ich in den Tod zurück;
- Ich weiß, daß Du mit Deinem Menschenwitz
- Nie auf die Dauer Formen schaffen wirst,
- Bei denen sich die Welt beruhigt; weiß,
- Daß stets die Creatur sich sehnt, in sich
- Des Himmels höh’re Ordnung abzuspiegeln.
- Du neuer König, bade Dich im Glanz
- Der Majestät, mit der Du Dich umzaubert!
- Benutze Deinen Sieg und greife frech
- Ins volle Leben ein, das Du Dir nicht
- Geschaffen; werde Ahnherr böser Plagen,
- Entwürdige die Menschheit, Gottes Bild,
- Zum Spielwerk Deiner königlichen Laune!
- Zerschneide nur mit Deinem Schwert das Band,
- 161 Das diese Erde an den Himmel knüpft:
- Es kommt die Zeit (mit prophetisch erhobener, gewaltiger Stimme), wo Gott Erlöser sendet,
- Und, ist der Becher überschäumend voll,
- Sich selber in den Menschensohn verbirgt.
- Dann wird die Welt aus einem Traume fahren,
- Die Erd’ in ihren Fugen angstvoll zittern
- Und die Tyrannen werden niederknien
- Vor Glorien und nie geahnten Wundern.
- (Donner. Versinkt.)
David.
- Fahr’ hin! Wir folgen nur der Offenbarung
- Die aus dem menschlichen Gemüthe spricht.
- Die Sonne lächelt mild zu diesen Worten
- Und löscht sie bald aus dem Gedächtniß aus.
- Wie könnte, selbst wenn wir das Beste thäten,
- Es gegen Gottes Kraft vollkommen sein!
- Vielleicht will er nicht Priester, will nicht Kön’ge;
- Nur Menschen schuf er, die in Liebe sich
- Umfingen, leicht versöhnt dem Feinde selbst
- Die Rechte schütteln. Könnte, Saul, die Deine
- 162 In meiner so zum Leben neu erwarmen!
- Im tiefsten, schwermuthsvollsten Tone soll
- Auf meiner Leier Dein Gedächtniß zittern;
- Denn dem, der Dich erschlug, sei dies die Strafe,
- Daß er der Sänger Deiner Thaten wird!
(Man greift nach Sauls Leiche.)
(Vorhang fällt.)