[Mephistopheles-Darsteller in Goethes „Faust“: Seydelmann, Döring, Hoppé, Grunert, Marr, Kaiser.]#
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- Herausgeber / Herausgeberin
- Wolfgang Rasch
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- 1.0
- Letzte Bearbeitung
- 26.03.2026
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2079 [Mephistopheles-Darsteller in Goethes „Faust“: Seydelmann, Döring, Hoppé, Grunert, Marr, Kaiser.]#
△ Dresden, 24. Aug. Die Darstellung des Mephistopheles ist eine Lieblingsaufgabe der deutschen schauspielerischen Virtuosität; eine misliche schon deshalb, weil bekanntlich der Erzeuger dieses Flammensohnes, Goethe selbst, an dessen handgreiflicher Vorführung wenig Freude und Antheil bezeugte. Goethe, der bei einer Privatvorstellung des Faust am Hofe von Weimar den Mephistopheles in schwarzseidenen Strümpfen, weißen Handschuhen und dem Clacque unterm Arme spielte, Goethe wollte in diesem Abgesandten der Hölle nur den Gedankenstoff festgehalten sehen, die Idee als solche, und mußte vor deren Verkörperung, überantwortet der massiven Schauspielwelt, allerdings ein Grauen empfinden. Indessen hat diese Schauspielwelt nach dem Proteste des Dichters wenig gefragt, wenig sich kümmern lassen, ob eine materielle Wiedergabe dieser Schöpfung ihren ätherischen Zweck zerstört oder nicht, und wir können jetzt eine förmliche Statistik unserer neuern und neuesten Mephistopheles-Auffassungen entwerfen.
Der Seydelmann’sche Mephistopheles war zu gleicher Zeit der geistigste und der materiellste. Der verständige Künstler fühlte, daß die Bühne eine starke sinnliche Wahrnehmung verlangt, und kam einer solchen um so mehr entgegen, als bei aller Ironie, aller ätherisch zarten und nur leise angehauchten Farbengebung dieses Charakters doch die öftern Rückfälle in die „Spottgeburt aus Dreck und Feuer“ ein für alle Mal einen grobmateriellen Grundton bedingten. Diesen hielt Seydelmann fest und schweifte nur von ihm spielend in jenes Gebiet der feinern Dialektik und Ironie zurück, aus dem Goethe seinen Teufel nicht gern herausgelassen wünschte. Seydelmann gab wirklich einen Dämon der Hölle, der irdischen und der geistigen Hölle, und, sei es nun, daß Jugendeindrücke entscheiden oder daß die bewunderungswürdige Consequenz dieses Künstlers bestach, oder daß die geistreiche Reproduction seiner Aufgabe, die den Mephistopheles wie ein von ihm selbst erschaffenes Wesen hinstellte, entschied, kurz, die Art, wie hier eine fast unmögliche Aufgabe wirklich gelöst wurde, scheint uns bis zur Stunde noch unübertroffen. Wir kennen gut und gern ein Dutzend unserer Mephistopheles. Döring besitzt für eine solche Aufgabe weder Tiefe noch Consequenz. Er will den Teufel als Schalk geben, als Grazioso der Hölle, und verliert bei seinem Tänzeln, Hüpfen, Scherzmachen, bei seinem Effectuiren im Einzelnen den Schwerpunkt einer Totalwirkung. Der Schauspieler ist als solcher in manchen Scenen, z. B. mit Frau Marthe, von der anziehendsten Wirkung. Im Uebrigen aber knickt die Leistung wie ein zu glatt und zu dünn geschältes Stäbchen unter der Wucht der Aufgabe zusammen. Hoppé steht als Mephistopheles noch hinter Döring zurück. Denn ersetzt bei diesem noch wenigstens das unverwüstliche komische Talent des Routiniers die denkende Tiefe des Künstlers, so besitzt Hoppé weder sehr das Eine noch das Andere und gibt nur eine hohlklingende Maske ohne Leben, ein Hinausrufen in den Wald ohne Widerklang. Da fehlt das interessante Ich, die Urkraft der Originalität, die mit klugen, blitzenden Augen aus der Maske herauslugt, ein Reiz, den Seydelmann trotz seiner geringern komödiantischen Anlage im höchsten Grade besaß. Grunert’s Mephistopheles ist ein ehemaliger Candidat der Theologie, der für den Himmel studirte und in der Hölle absolvirte. Dieser Mephistopheles predigt noch gern und hält sich überhaupt, seiner eignen Lehre zuwider, zu viel an Worte. Dem Mephistopheles Marr’s kommt der kurze, trockene Ton dieses Künstlers zu gute; doch hat auf die Länge seine Leistung etwas Bürgerliches, Knappes, Geiziges: sein Mephisto sieht aus, als wäre er von Molière oder Iffland gedichtet, und spielt in die Harpagons und Tartuffes hinüber. Das Einzelne trägt der kluge Verstand vortrefflich vor, aber manchmal wird der Verstand müde, Komödie zu spielen, geht spazieren ins Parterre, in die Logen, in die Coulissen, wird zerstreut, möchte gleichsam sagen: Was spiel’ ich kluger Verstand hier Komödie, wär’s nicht besser, ich baute Häuser, speculirte in Actien und überließe diese Narrenspossen Menschen von einer tollen, wahnsinnigen Einbildungskraft, die in ihrem Spiele ganz zu Grunde gehen und nichts hören und sehen als ihre Aufgabe? Und so könnten wir noch einige unserer Mephistopheles charakterisiren.
Einen neuen lernten wir gestern durch Hrn. Kaiser von Hannover kennen. Dieser Mephisto ist eine Art Centaur: nämlich voran Hr. Kaiser und hinten Seydelmann: ein sonderbares Zwittergeschöpf, das zu gleicher Zeit als warnendes Beispiel für die Gefahren der Nachahmung dienen kann. Hr. Kaiser gibt in alle Dem, was uns an seiner ungewöhnlich frischen, beweglichen, wirklich geistreich durchdachten Darstellung erfreute, sich selbst, in Allem aber, was in der That hindernd und störend war, eine Copie Seydelmann’s. Die Anfänge der Phrasen und Gedanken sprach Hr. Kaiser, die epigrammatischen Pointen sprach Seydelmann. So ein buntscheckiger Vortrag ist uns lange nicht vorgekommen. Wir hören den talentvollen Darsteller z. B. mit Vergnügen dem Schüler die Rechenkunst des Denkens auseinandersetzen, wir möchten Beifall äußern, wenn er vom Weberschifflein spricht, wie die Fäden hin- und wiederschießen, plötzlich aber mit dem Satze: „Dies preisen die Schüler aller Orten, sind aber keine Weber geworden“, kommt Seydelmann aus dem Grab und ruft uns die wohlbekannten Töne durch das vor uns stehende lebende Sprachrohr zu. So die ganze Rolle hindurch. Und diese Verirrung ist um so trauriger, als Hr. Kaiser alle Mittel besitzt, ein ganz vorzüglicher Mephisto zu sein. Er werfe doch beileibe alle Erinnerungen an Seydelmann über Bord und spreche seine Rolle aus dem eignen ihm angeborenen Tone, die Vorder- wie die Nachsätze, die Prämissen wie die epigrammatischen Pointen. Er besitzt Geist und Darstellung genug, sich ganz auf sich selbst verlassen zu dürfen.
Der Vollständigkeit wegen sei erwähnt, daß das kleine Lustspiel: „Ein Sonntagsräuschchen“, trotz seiner ziemlich verbrauchten Motive doch im Ganzen recht wohl gefallen hat.
Apparat#
Bearbeitung: Wolfgang Rasch, Berlin#
1. Textüberlieferung#
1.1. Handschriften#
1.1.1. Übersicht#
Es sind keine handschriftlichen Überlieferungsträger bekannt.
1.2. Drucke#
Der mit einer Chiffre für Gutzkows Theaterkritiken aus Dresden 1847 gezeichnete Artikel erschien in der „Deutschen Allgemeinen Zeitung“ unter dem Spartentitel „Wissenschaft und Kunst“. Gutzkow griff auf diese Arbeit später nicht mehr zurück. Nachdrucke des Beitrags sind nicht nachgewiesen.
- J [Anon., Chiffre:] △ Dresden, 24. Aug. [Mephistopheles-Darsteller in Goethes „Faust“: Seydelmann, Döring, Hoppé, Grunert, Marr, Kaiser.] In: Deutsche Allgemeine Zeitung. Leipzig. Nr. 238, 26. August 1847, S. 2079. (Rasch 3.47.08.26)
2. Textdarbietung#
2.1. Edierter Text#
J. Der Text folgt in Orthographie und Interpunktion unverändert dem Erstdruck. Textsperrungen werden übernommen. Silbentrennstriche (=) werden durch - wiedergegeben. Die Seitenzählung wird mit Klammern [ ] an den betreffenden Stellen in den Text eingefügt.
Die Liste der Texteingriffe nennt die von dem Herausgeber berichtigten Druckfehler sowie die Emendationen. Fehlende oder überzählige Spatien im Erstdruck wurden stillschweigend korrigiert.
Kommentar#
Der weitere wissenschaftliche Apparat wird hier zu einem späteren Zeitpunkt veröffentlicht.
Stellenerläuterungen#
1,8 Privatvorstellung des Faust am Hofe von Weimar]
Eine Privatvorstellung in Weimar, an der sich Goethe in der Rolle des Mephisto betätigt haben soll, ist nicht belegt.
1,19 Seydelmann’sche Mephistopheles]
Die Darbietung des Mephistopheles in Goethes „Faust“ gehörte zu den Glanzrollen des Schauspielers und Regisseurs Karl Seydelmann (1793-1843; ▄ Lexikonartikel in Arbeit. ▀). Er gilt bis heute als einer der bedeutendsten Mephisto-Darsteller des 19. Jahrhunderts. Gutzkow sah Seydelmann als Mephisto schon während seines längeren Aufenthalts in Stuttgart 1832. Seydelmann hatte als Regisseur der Stuttgarter Hofbühne den ersten Teil von Goethes „Faust“ inszeniert, in sechs Akte unterteilt und mit Musik von Peter Joseph von Lindpaintner erstmals am 2. März 1832 auf die Bühne gebracht. Als Seydelmann 1838 an das Berliner Hoftheater wechselte, brachte er auch hier seine „Faust“-Inszenierung auf die Bühne. Gutzkow sah ihn wiederholt als Mephisto während eines Besuchs in Berlin im April 1840 und schrieb darüber ausführlich in seinem Tagebuch aus Berlin (eGWB VI, Bd. 3, pdf 1.0, S. 4-9).
1,24 „Spottgeburt aus Dreck und Feuer“]
So bezeichnet Faust in Goethes Stück Mephisto und spricht ihn an: „Du Spottgeburt von Dreck und Feuer!“ (HA, Bd. 3, S. 112).
1,30 Jugendeindrücke entscheiden]
Bezieht sich auf Gutzkows eigene Jugendeindrücke: Als fast 21jähriger sah er in Stuttgart 1832 mit Seydelmann als Mephisto erstmals eine Aufführung von Goethes „Faust“ (vgl. → Erl. zu 1,19). Diese im jugendlichen Alter erlebte Darbietung wurde für ihn prägend und maßgebend für das Verständnis der Rolle Mephistos.
2,5 Döring]
Der mit Gutzkow befreundete Schauspieler Theodor Döring (1803-1878), der u.a. in Mannheim, Stuttgart und Hannover wirkte und 1845 als Nachfolger Karl Seidelmanns Mitglied der Berliner Hofbühne wurde (vgl. den Lexikonartikel über Döring).
2,8 Effectuiren]
Nach dem frz. Verb ‚effectuer‘ gleichbedeutend mit „verwirklichen, [...] ausführen, ins Werk setzen, [...] zu Stande bringen“ (Heyse 1848, 260).
2,10 mit Frau Marthe]
In den Szenen „Der Nachbarin Haus“ und „Garten“ treten Marthe Schwerdtlein, die Nachbarin der weiblichen Hauptfigur Margarete, und Mephisto gemeinsam auf (HA, Bd. 3, S. 93-96, 100-102).
2,12 Hoppé]
Der Schauspieler und Baritonsänger Franz Hoppé (1810-1849). Nach Engagements in Düsseldorf und Köln kam er 1838 an das Hamburger Stadttheater, wo Gutzkow ihn oft auf der Bühne sah. 1842 wechselte er zum Hoftheater in Braunschweig und wurde 1844 Mitglied der Berliner Hofbühne.
2,21 Grunert’s]
Der Schauspieler Karl Grunert (1810-1869) kam nach Engagements in Augsburg, Freiburg und Hannover 1842 an das Hamburger Stadttheater und war zuletzt an der Stuttgarter Hofbühne beschäftigt. Gutzkow sah ihn in der Rolle des Mephisto während eines Gastspiels am Hamburger Stadttheater im August 1840 und schrieb darüber im „Telegraph für Deutschland“ (Nr. 134, [21.] August 1840, S. 395-396, Rasch 3.40.08.21).
2,25 Marr’s]
Der Schauspieler Heinrich Marr (1797-1871). Nach Engagements in Lübeck, Kassel, Hannover und Braunschweig wurde er 1838 Mitglied des Wiener Hofburgtheaters (bis 1847). Später war er am Thalia-Theater in seiner Heimatstadt Hamburg beschäftigt. Eisenberg hebt hervor, dass Marr „der erste Darsteller des ‚Mephisto‘ auf deutscher Bühne war (Braunschweig 29. Juni 1829)“ (Eisenberg, S. 645).
2,29 Harpagons und Tartuffes]
Harpagon ist die Hauptfigur in Molières Komödie „L’Avare“ (dt. „Der Geizige“, zuerst 1668), Tartuffe die Hauptfigur in Molières Komödie „Le Tartuffe ou L’Imposteur“ (dt. „Der Tartuffe oder Der Betrüger“ 1664). Beide Figurennamen gingen schon früh in die deutsche Umgangssprache bzw. den deutschen Fremdwörterschatz ein: (Harpax oder) Harpagon als Inbegriff für „Geizhalz, Knauser, Filz, geldgieriger […] Mensch“ (Petri 1848, S. 359), Tartuffe als Ausdruck für „Heuchler, Scheinheiliger“ (Petri 1848, S. 810).
3,5 gestern]
Die Aufführung von Goethes „Faust. Dramatisches Gedicht in sechs Akten“ im Dresdener Hoftheater fand am 23. August statt.
3,5 Kaiser]
Der Schauspieler Wilhelm Kaiser (1813-1892) stammte aus Berlin, hatte dort zunächst den Kaufmannsberuf ergriffen und war 1836 Schauspieler geworden. Nach Engagements in Dessau, Glogau, Teplitz, Altenburg, Gera und Oldenburg wurde er 1846 als Charakterspieler an der Hofbühne in Hannover verpflichtet, wo er sehr erfolgreich (auch als Oberregisseur) wirkte. Ende der 1850er Jahre wurde er Mitglied der Berliner Hofbühne, 1869 Hoftheaterdirektor in Karlsruhe, schied zwei Jahre später aus und verließ die Bühne. (Vgl. Eisenberg, S. 494f.) Im Nachlass Gutzkows (Universitätsbibliothek Johann Christian Senckenberg Frankfurt/M.) sind fünf Briefe Wilhelm Kaisers aus den Jahren 1846-1857 überliefert. Während seines Gastspiels in Dresden trat Kaiser als Shylock in Shakespeares „Der Kaufmann von Venedig“ (12. August), als Präsident Lamoignon in Gutzkows Das Urbild des Tartüffe (17. August) und als König Philipp in Schillers „Don Carlos“ (21. August) auf.
3,16-17 dem Schüler die Rechenkunst des Denkens auseinandersetzen]
In der Szene „Studierzimmer“, in der Mephisto sich als Dr. Faust ausgibt und ein Schüler bei ihm Rat sucht (HA, Bd. 3, S. 61-66).
3,18 vom Weberschifflein spricht]
Vgl. „Faust“ Vers 1923-1933, HA, Bd. 3, S. 63.
3,19-20 „Dies preisen die Schüler […] Weber geworden“]
So Mephisto zum Schüler (Vers 1934-1935, HA, Bd. 3, S. 63).
3,31 „Ein Sonntagsräuschchen“]
Lustspiel in einem Akt des Braunschweiger Bühnendichters Wilhelm Floto (1812-1869). Das in Braunschweig am 20. April 1846 uraufgeführte Stück wurde im Dresdner Hoftheater erstmals am 22. August 1847 gegeben und kam hier insgesamt fünfmal zur Aufführung.