Assing, Varnhagens Schwager#

Metadaten#

Herausgeber
  1. Wolfgang Rasch
Fassung
1.0
Letzte Bearbeitung
04.12.2019

Text#

17 Assing, Varnhagens Schwager.#

Brieflich an den Herausgeber.#

In Ihren früher zerstreuten, jetzt gesammelten Schriften, lieber Freund, haben Sie so oft verstanden, aus Ihrem Leben den Königsberger Kern herauszuschälen, daß ich neuerdings, diese Partie Ihrer Jugenderinnerungen wieder durchblätternd, nicht umhin konnte, recht lebhaft an mich heran eine Gestalt treten zu lassen, die nun dem Schattenreiche angehört, und die in jener Gallerie gesinnungsfester und eigenthümlicher Königsbergischer Stadtkinder einen Ehrenplatz verdient. J. D. Assing, Arzt in Hamburg, Gatte Rosa Marias, der Schwester Varnhagens von Ense, ist jetzt zwei Jahre todt. Der Egoismus unserer Zeit, den, wie Sie werden gelesen haben, so eben Jemand in Leipzig zum Mittelpunkt eines neuen gesellschaftlichen Systems gemacht hat, dieser Egoismus hat auch verhindert, daß bisher über diesen eigenthümlichen Mann einige öffentliche Worte zum Vorschein kamen. Um die Schuld Anderer abzutragen, sprech’ ich um so lieber von ihm, als Sie, theurer Freund, hier die Bekanntschaft eines Königsberger Landsmannes machen, dessen Eigenthümlichkeit alle die lebenswarmen Schilderungen bestätigt, die Sie uns vom Königsberger Wesen entworfen haben.

Des seligen Immanuel Kant kategorischer Imperativ scheint mir so recht aus Herzensgrunde das Prinzip der Königsberger Bildung zu seyn. Ist es nicht so? Ich habe meine Freude immer, wenn mir Menschen aus jenem hohen deutschen Norden begegnen. Ich finde immer eine so schöne Mischung von Gemüth und Verstand, kein hohles Räsonnement, sondern erfahrungstreue Gedanken, die in sichrer und bei Allen fast einstimmiger Form vorgetragen werden. Nirgends in Deutschland ist aus unsrer Literatur, fast möcht’ ich sagen, aus unserm Bücherleben so viel in die praktische Wirklichkeit übergegangen, als bei der Bildung des Königsbergers. Die Ferne vom Heerde der deutschen Gedankenerzeugung, der organischen 18 und der bloß künstlichen, diese Ferne hat den Königsberger zu allen Zeiten gezwungen, die Thatsachen eines schon in slavische Berührungen kommenden Lebens mit den fremdher genommenen Abstraktionen dringender zu vermischen. Gläubiger ist nirgends in Deutschland das Alles, was der Stolz unsrer Bildung ist, verehrt, als dort am Pregel. Rührend war mir oft, Königsbergern zu begegnen, die inniger, wärmer, treuer am Ueberlieferten, am Klassischen hängen, als wir Andern, die wir hier oben in dem „sausenden Webstuhl“ der Gedankenschöpfung mitten inne sitzen. Daher auch, aus dem Grunde dieser ehrlichen und redlichen Glaubensfähigkeit, dieser frommen und anhänglichen Unterordnung unter das einmal als wahr Erkannte, jener zähe Widerstand gegen Alles, was der einmal gefaßten Ueberzeugung entgegensteht. Die Liebe und Treue im Königsberger, die hohe Verehrung vor verbürgter Wahrheit, die man vertheidigt ohne Menschenfurcht, das Alles, lieber Freund, ist nur möglich durch den kategorischen Imperativ, ob den nun Kant seinen Landsleuten eingeimpft hat, oder ob er ihn als Königsberger seiner eignen Vaterstadt verdankt.

Assing war der Sohn israelitischer Eltern, die Vermögen genug besaßen, den ohnehin nur klein und schwächlich Gebauten Medizin studiren zu lassen. Er besuchte die Universitäten Halle und Tübingen und wandte sich zuletzt, zur größern Ausbildung seiner Kunst am Krankenbette, nach Wien. Beim Ausbruch des Befreiungskrieges folgte er von Berlin aus erst dem russischen, dann dem preußischen Heere als Militärarzt, siedelte sich nach dem Frieden dauernd in Hamburg an, wo er Varnhagens Schwester ehelichte und ist als geachteter Arzt kurz vor dem Hamburger Brande gestorben.

Die zerstreuten Gedichte Assings werden vielleicht in Kurzem von seinen beiden geistreichen Töchtern, Ottilie und Ludmilla, herausgegeben werden. Als noch mit jedem Herbst ein goldgeschnittener Musenalmanach erschien, fehlten Assings anspruchslose Poesien selten; auch im Morgenblatt wird man ihm in Gedichten, die sich zunächst an die Art seines Freundes Justinus Kerner anschlossen, oft begegnet seyn. Assing besaß keine vulkanische Dichternatur, die in gewaltigen Feuerströmen etwa sich entladen hätte. Seine Inspiration glich dem sinnigen Lustwandeln seiner Gattin, die im Felde immer den Blick zur Erde heftete und da und dort an einer Hecke, an einem Baume oder mitten auf dem grünen Rasen stille stand, um die Freunde auf eine Blume, eine Blüte oder Frucht aufmerksam zu machen. Lektüre und Erfahrung lieferten ihm die Stoffe, die er freilich nur dann bearbeitete, wenn sie ihm in der Seele wiederklangen und eine rein lyrische Stimmung geweckt hatten. Hamburgs Hafen rückte ihm See- und Matrosenleben nahe. Was er besang, mußte ihm zur gemüthlichen Thatsache geworden seyn, und mit dem Abschluß des Gedichtes hörte auch der Drang des Gefühls nach Außen auf. Rosa Maria und seine Kinder mußten ihn dann oft zwingen, seine Gedichte drucken zu lassen.

Wie es aber oft in geistigen Entwickelungen geschieht, daß die nach Außen sichtbare That hinter der ursprünglichen individuellen Geisteskraft zurückbleibt, so war auch Assings menschlicher Werth größer als die flüchtigen Erzeugnisse seiner Muse, und diese dichterische Persönlichkeit, diese oft an das Wunderliche streifende Eigenthümlichkeit des Mannes ist es, lieber Freund, die mich bestimmt, Ihnen zu Ihrer Königsberger Gallerie auch dieß Porträt zu geben.

Einen Theil der Eindrücke, die ich bei meinem Aufenthalte in Hamburg in dem kleinen Hause der Poolstraße, das diese Familie bewohnte, empfing, hab’ ich schon in meinen „Erinnerungen an Rosa Maria“ gesammelt.* Der Gatte der dort geschilderten seltnen Frau war eine kleine Figur von einem auffallenden Gesichtsausdrucke. Der obere Theil des von Falten durchfurchten Antlitzes hatte etwas Adlerartiges, das eine Auge war in Folge einer Verletzung beim Experimentiren fast ohne Augenlid, das gab dem Blick etwas Scheues, etwas Vogelartiges. Das Haupt war stets von allmählig grauwerdenden langen Haaren umwallt. Wenn aus Rosa Marias wohlwollendem Antlitz immer Sonnenschein leuchtete, so glaubte man bei ihrem Gatten immer in die Nacht zu sehen. Viele fürchteten diese düsteren Mienen und nahmen sie für menschenfeindlich 19 und doch, hätte man länger den Blick auf ihnen verweilen lassen, würde man gefunden haben, daß ein schmerzlicher Hauch auf ihnen lag, ein leidendes Etwas auf den Mundwinkeln, ja fast ein bittender Ausdruck. Assing isolirte sich selbst, er machte nicht Gebrauch von seinem häuslichen Vorrechte, sondern ließ die Seinigen walten, während er im engen Studirstübchen saß. Jede neue Bekanntschaft, die seine Familie machte, prüfte er mit fast mißtrauischer Kühle, und es währte oft lange, bis er mit einem von den Uebrigen längst wohl aufgenommenen und täglich gern gesehenen Gaste des Hauses sich selbst befreunden konnte. Selten griff er störend in das ein, was, ohne ihm selbst zu gefallen, den Seinigen Freude machte: ertrug er doch Jahre lang im Hause einen Hund, den er förmlich haßte und bei dem er sich, um der Kinder willen, die den Hund gern hatten, nur damit begnügte, so oft er ihn sah, zu seufzen und mit verhaltenem Grimm gegen ihn zu protestiren.

Der Grund zu Assings Bildung war in den Zeiten der romantischen Schule gelegt worden. Damals noch empfänglichen Gemüthes hatten auch persönliche Berührungen mit den Tonangebern der Romantik seinen Geschmack bestimmt. Vor allen andern war er Justinus Kerner nahe getreten, den er in Wien bei einem gemeinschaftlichen Ankaufe irgend eines zur Heilkunde gehörenden Instrumentes kennen gelernt hatte. Die wunderlichen Gegensätze Kerners zogen ihn an, die Mischung von gläubiger Poesie und verneinendem Humor, die Geisterseherei, möchte man sagen, am hellen lichten Tage. Bis zur Anerkennung dieser letzten Kerner’schen Richtung der Dämonologie hat Assing nicht ausgehalten, aber jene wunderlichen Gegensätze zwischen Dämmerungsliebe und gesunder Erkenntniß des Tages besaß er in reichem Maße: ja er besaß sie nicht einmal in jener Kernerschen Vermittelung, wo im Individuum doch originell genug zusammenzufließen scheint, was seiner Natur nach getrennt ist. Man hat deßhalb, besonders von Seiten rationalistischer ärztlicher Collegen, oft Assings Wahrhaftigkeit bestreiten wollen, doch Assing fühlte diese Widersprüche selbst und erklärte, daß er sich nicht ändern könne. Es gab gewisse Gränzen des Nachdenkens, über die er nicht hinausgehen wollte. Er bewegte sich immer in Kreisen, die er sich früher einmal gezogen hatte und überließ es jedem Andern, sich seine Welt, so viel er wollte, zu erweitern; er allein ging über das, was ihm seit lange zu glauben und zu meinen behagte, nicht hinaus.

Von seinen Freunden weiß Jeder, daß dieß den Umgang mit dem redlichen Manne erschwerte. Man hatte aber Unrecht, den Grund dieser unangenehmen Erfahrung, die man bei ihm machen mußte, in Egoismus oder angenommener Sonderlingsart zu suchen. Es war diese banale Einpferchung in einmal für ihn feststehende und oft sich widersprechende Thatsachen nur eine Folge jener Jugendeindrücke durch die romantische Schule. Er war im Stande, bei dem, was einst Kielmeyer in Tübingen über den Organismus der Natur gesagt hatte, stehen zu bleiben, selbst wenn alle Erfahrungen der neuen Chemie und Physik dagegen sprachen. Wenn jene Kielmeyer’sche Behauptung geistreich war, wenn sie damals, als er sie zum Erstenmale hörte, ihn glücklich machte, so blieb er ihr auch treu und überließ den Glauben an das Gegentheil Denen, die sich ihrer Seits davon beglückt fühlten. Bei einer so ganz auf der Willkür des Gemüthes beruhenden Denkmethode hätte Assing sich in den ärgsten Widersprüchen verfangen müssen, wenn er überhaupt gestritten hätte. Es war aber oft kränkend für den Gegner, wenn er bei einem Meinungsaustausche alle Prämissen des Andern zugab und doch hartnäckig in seine erste Behauptung zurückfiel. Er schien immer sagen zu wollen, es käme in dieser Welt der Sinnentäuschung auf objektive Wahrheit nicht an. Neue medizinische Theorien fanden bei ihm keinen Glauben; denn die alten hatten sich ihm in allen Hinsichten bewährt, und vom Tode hatte er ohnehin eine fast fatalistische Ansicht. Er besuchte die Kirche nicht, galt aber in vielen Kreisen für einen Mystiker und schloß sich allerdings den Gläubigen lieber an, als den Denkern. Die Bibel war ihm ein Gedicht, und da ihm Dichtung wahrhafter erschien, als alle eingebildete Wahrheit, so nahm er, bei aller Empfänglichkeit für das Gegentheil, bei aller Kühle und Indifferenz in praktischer Religionshinsicht, das Christenthum supernatural. Nur in einem Betracht dagegen wohnte in seinem Gemüth kein unvermittelter Dualismus, im Sittlichen. Die Läuterung seines Karakters und seiner 20 Sinne war rein und hier verschwanden alle innern Gegensätze.

Ich gestehe Ihnen, lieber Freund, daß die Bekanntschaft mit einer aus so eigenthümlich zarten Stoffen zusammengesetzten Natur von großem Eindruck auf mich war. Von Ihnen, Lewald, hab’ ich vor fast zwölf Jahren die erste freie Auffassung des Lebens, des Lebens in seiner bunten Mannichfaltigkeit, empfangen; durch Sie hab’ ich genießen und weise genießen gelernt, wenn Weisheit des Genusses darin besteht, erst sich den Genuß zu verdienen, dann ihn einzutheilen und, leicht gesättigt, die letzte Hefe zu verschmähen. Durch Assing dagegen ist mir zum Erstenmale im Leben etwas Andres klar geworden, nämlich die Gränze alles Meinungskampfes. Wie ich ihn zum Erstenmale sah, kam ich ganz erhitzt, ganz bestäubt, ja ich möchte fast sagen, verwildert aus einem Ideenfeldzuge, den ich Jahre hindurch hartnäckig geführt hatte. Mißgeschick hatte verbittert, Kummer war Galle geworden. Der Kampf war von den Gedanken auf die Personen übergegangen und fremde Rücksichtslosigkeit hatte die eigne erzeugt. Da lernt’ ich diese Sinnpflanze Assing kennen. Ich erschrak, daß es Naturen gab, die in geistigen Dingen so zart angefaßt seyn wollten. Seine Schonung gegen Andersdenkende, seine Geneigtheit, bei doppelsinnigen Gerüchten über die Menschen immer erst das Gute zu glauben, sein Aufschrecken bei jedem kränkenden, im Gegner die Persönlichkeit verletzenden Worte, alle diese Ausströmungen eines edlen und reinen Wesens zogen mich um so inniger zu ihm, als ich wohl fühlte, daß ihn die Wildheit der damaligen und noch jetzt üblichen Polemik und oft meine eigne Rücksichtslosigkeit beklemmen mußten. Ich schrieb damals den Telegraphen. Sie wissen, was für Späne fielen. Ein glückliches Geschick führte mich aber in Assings Nähe. Er wurde unwissentlich der Probirstein meines Styls, meiner Darstellung. Ich dachte immer, wie wird dieß auf ihn wirken, kann ich jenes ihm unter die Augen treten lassen? Gern hätt’ ich ihm jede Nummer unterschlagen, in der ich gezwungen gewesen war, in einen groben Klotz einen groben Keil zu treiben. Ja, ich schrieb mich in ihn hinein, wie in mein eignes Gewissen.

Ich führe dieß nur an, weil es für den Geschilderten selbst karakteristisch ist. Es beweist eine solche Hingebung, wie ich sie erzähle, die Möglichkeit derselben. Assing war im Urtheil und Umgang von einer Delikatesse, die man hätte weiblich nennen mögen. Sie ging zu weit diese ängstliche Rücksichtsnahme. Ich selbst sehe allmählig wohl ein, daß man wenigstens die Glocken der Zeit nicht mit Seidenfäden, sondern mit hanfenen Stricken ziehen müsse. Bei einer solchen Delikatesse konnte das Urtheil absterben, die Glut der Ueberzeugung gerieth in Gefahr, zu verglimmen. Aber für Assings Neigungen lag wenig an dieser Gefahr. Sein Blick war immer rückwärts gewandt. Neue Entwickelungen, gährende Zukunftselemente ließ er geduldig auf sich beruhen. Er schloß sich sogar methodisch gegen das erst Beginnende ab, es sei denn, daß ihn irgend eine Erscheinung plötzlich überrascht hätte. Dieß traf ihn aber selten, und so geschah es, daß seine Umgebungen dem Neuesten sich zuwandten, während er selbst nur dem Alten lebte. Man sprach um ihn her von Freiligrath: er antwortete mit Goethes römischen Elegien. Man stritt über die Romane der Sand, er las zum Zwölftenmale vielleicht schon die Wahlverwandtschaften. Seine Hausgenossen und ihre Freunde saßen unter sich des Abends zusammen und theilten sich die Eindrücke der neuesten Schriften des Tages mit, Assing kam aus seinem Studirzimmer, löschte sein Licht und erzählte, er hätte einmal wieder angefangen, die alten Historien des Livius zu durchblättern. Wenn das Gespräch über Strauß oder Ruge stockte, er knüpfte es wieder mit Homer oder Hippokrates an, von welchem letztern sein Lieblingscitat lautete: „Der Arzt aber sieht das Grauenhafte.“ Einen solchen Spruch war er im Stande, mit gestütztem Haupte, den tiefsten Schmerz im Tone, Zwölfmal hintereinander griechisch zu wiederholen. Rosa Maria sprach von Varnhagen. Assing seufzte griechisch im Stillen: „Der Arzt aber sieht das Grauenhafte.“ Ludmilla sprach von Mundt, der Vater benutzte eine Pause und wiederholte: „Der Arzt aber sieht das Grauenhafte.“ Während Alles um ihn her mit andern Debatten auf- und abwogte, er blieb im Stillen bei seinem Spruch, und noch, wenn er um elf Uhr Abends den Gästen hinausleuchtete, murmelte er griechisch auf der Hausdiele: „Der Arzt aber sieht das Grauenhafte.“

21 Sie lachen vielleicht, lieber Freund, und finden das von Ihrem Königsberger Landsmann sehr komisch. Ich möchte es lieber humoristisch nennen. Es ist mir selten ein so merkwürdiger Humorist vorgekommen, wie Assing war. Man hat diese seine Sitte, einen ganzen Abend über unbekümmert um seine Umgebungen bei einem Gedanken stehen zu bleiben, oft für egoistisch und unliebenswürdig erklärt, aber da er völlig ohne Ansprüche war, so hatte diese Art doch nichts Verletzendes. Er ließ dem Gespräch der Uebrigen freien Raum und benutzte nur die zufällig entstehenden Pausen, um den Lieblingsgedanken, den er sich für den Abend erwählt hatte, wie von Ungefähr hineinzuwerfen. Manchmal kam er aus dem Studirzimmer, grüßte herzlich Jeden, löschte sein Licht und begann, er hätte im Homer gelesen und es wäre abscheulich, daß Wolf den großen Homer in unzählige kleine Homere auflösen wolle! Nun konnte man reden über was man wollte, entstanden am Abend zwölf Pausen, Assing benutzte sie, um Zwölfmal zu sagen: „Und es hat doch einen Homer gegeben!“

Assing las sehr gut vor, besonders komische Sachen; er würde unstreitig ein großer komischer Schauspieler geworden seyn. Früher auch liebte er das Theater und konnte, wenn er von einem Wiener Freunde erzählte, der kleine Arbeiten für das Theater geliefert hat, von Stoll, Thränen über dessen unglückliches Schicksal vergießen, besonders über einen einzigen Vers von Stoll, den er den ganzen Abend im Munde behielt und an Alles, was nur irgend gesprochen wurde, anknüpfte. Assing war ein Humorist aus Lachen und Weinen zusammengesetzt. Ein einziges Glas Wein konnte ihn über die Alltagsstimmung des Lebens hinwegzaubern. Wenn er sich im freien Genuß des Rebenblutes ergehen durfte (natürlich geschah auch dieß mit der ihm in allen Dingen eignen Mäßigung), dann gab er auch das Haften an vereinzelten Gedanken preis, ließ alle Grillen flattern und war voll der närrischsten Einfälle und Schwänke. Bei Landpartien in grünen Lauben, unter blühendem Hollunder, in ungestörter Einsamkeit des Kreises, der traulich sich um ihn versammelt hatte, war er der ausgelassensten Dinge fähig. Die gefüllte Flasche redete er mit den witzigsten Huldigungen an; was Schrötter nur für Geister in seiner bekannten Zeichnung unter den Kork gebannt hatte, die alle sprachen aus Assing. Das Gefäß, das den Rebensaft einschloß, wurde ein lebendiges Wesen, die Flasche bekam Empfindung, menschliche Gestalt, menschliche Neigungen. Er befühlte ihr den Puls, er befragte sie nach ihren Wünschen, er erkundigte sich nach ihren Geheimnissen. Der Humor wurde poetische Phantastik, bis die Flasche im Kreise der Freunde leer war und er sie zum Begräbniß kopfüber rücklings in die Büsche warf. Wer Rosa Marias ängstlichbedächtigen und besorgtverständigen Sinn kannte, mußte an diesem Kontrast der beiden Naturen sein frohstes Behagen finden.

Auch im engern häuslichen Kreise daheim fanden sich zuweilen Stunden, wo Assings dichterische Natur in humoristischem Feuerwerk aufprasselte. Bis in die barockste Komik konnte er die Konsequenzen eines witzigen Gedankens durchführen. Einmal riß ihn das Unglück, das durch Druckfehler angerichtet werden könne, zu grauenhaften Phantasien hin. Neben dem kleinen Gärtchen der Wohnung befand sich die in Hamburg wohlbekannte Menck’sche Druckerei. Abends bei Licht, wenn drüben die Setzer arbeiteten, konnte er mit Schaudern die Gardine lüften und durch die Fensterscheiben blickend, ausrufen: „Gott, da werden nun all die schrecklichen Druckfehler gemacht!“ Sich entstellt, in seinem Willen betrogen zu sehen, war ihm das Peinlichste. Oft sagte er, er hätte Nachts Träume, man drucke drüben heimlich seine gesammelten Gedichte, ohne seine Anordnung, ohne seine Verbesserungen, ohne seine Korrektur. Er hätte seine Töchter wecken mögen, um sie zu fragen, ob sie ihm etwa hinter’m Rücken solche Streiche spielten? Ein Andermal verlor er sich in komische Jugenderinnerungen oder definirte Shakspearesche Karaktere. Seine Phantasien über Caliban im Sturm gingen bis zu schauspielerischer Darstellung. Rührende Züge von Gutmüthigkeit im Volke erzählte er eben so gern, wie ihn die Verworfenheit, die ihm beim Elend als Arzt oft begegnete, zu wahrhaft schmerzlichen Ausrufungen hinreißen konnte. Diese Mischung von Elend und Verworfenheit war mit das Dämonisch-Grauenhafte, das, nach seinem Hippokratischen Lieblingsspruche, der Arzt zu schauen 22 bekäme. Eben so lange aber auch konnte er bei freundlicheren Ereignissen und Karakterzügen verweilen. Eine seiner Lieblingsgeschichten war der Ausdruck jener Einigkeit des Hamburger Handelsstandes, als nach der großen englischen Krisis so viele Häuser fielen und auf der Hamburger Börse das Ausdauern- und Aneinanderhaltenwollen der noch fest Stehenden durch Thränen und Umarmung besiegelt wurde. Er war in dem deutschen Grundstoff des Hamburgers mit Liebe aufgegangen und würde auch den großen Brand, wenn er ihn erlebt hätte, nur mit brechendem Herzen verwunden haben.

Wenn eine Natur, die mit der Zeit nicht fortschritt und sich nur im Rückblick auf das Vergangene gefiel, an und für sich schon mit losen Banden am Leben hängt, so mußte Rosa Marias Tod diese völlig abschneiden. Die Lebensgefährtin so vieler Jahre, die weise Ordnerin seiner eignen unpraktischen Zerstreuung und Unanstelligkeit für die Anforderungen des Lebens, die leitende Hand, die ihm für sein oft wunderliches Wesen im Daseyn einen sichern Tummelplatz baute, diese starb plötzlich ab und erkaltete. Ein Uebel, das sich im Keim nicht mehr ersticken ließ, brach sich Bahn zum Herzen einer edlen Mutter, einer für Assing unentbehrlichen Gattin. Es ist sonderbar, man hatte Assing oft einen Egoisten genannt und wer erklärt in diesem Falle den psychologischen Widerspruch, daß er mit einer erschreckenden Aufrichtigkeit erklärte, ohne Rosa Maria nicht mehr leben zu wollen? Man muß es, von seinem letzten Lebensjahre überführt, einräumen, daß er diesen Entschluß wirklich vollzog. Assing hätte, Religion oder Philosophie zu Hülfe nehmend, sicher noch manches Jahr leben können, wenn er nicht vorgezogen hätte, sich in seiner Trauer, in seinem Schmerze zu vergraben. Er erwies dem Andenken seiner Gattin noch einige Liebesdienste und zog sich dann von der Welt, vorahnend, wie auf immer zurück. In keine Gesellschaft war er mehr zu bringen, keiner Freude mehr vermochte er sich hinzugeben. Der Arzt, der Kenner seines eignen Zustandes, der weise Beurtheiler des Zusammenhanges zwischen Seele und Leib, gab sich selber auf. Er entzog dem physischen Bau allen aus der moralischen Spannkraft zuströmenden Lebensäther, er nahm nicht mehr Natur, nicht Menschen mehr in sich auf, er führte fast absichtlich das Ende des Lebenskreises in den Anfang zurück. Er wollte nicht mehr weiter in eine Zukunft hinein, für die ihm Sinn und Neigung und seit dem Tode der Gattin auch der Führer fehlte. Seine beiden Töchter pflegten den immer mehr Absterbenden mit Liebe und Geduld, bis kurz vor dem Brande seine Augen erloschen und Assing mit dem festen Glauben an jenseitiges Wiedersehen Rosa Maria gefolgt war.

Dieß, lieber Freund, ist Ihr Königsberger Landsmann, dem Sie gewiß oft in den Straßen Hamburgs, als Sie selbst noch dorten lebten, begegnet sind! Assings verwandtschaftliche Verhältnisse rechtfertigen einerseits eine öffentliche Bekanntmachung dieser Erinnerungen, andrerseits kann dieses Gedenkblatt als Vorläufer einer demnächst zu erwartenden Sammlung seiner Gedichte gelten. Dem größeren Publikum wird die Bekanntschaft mit einem Originale um so erfreulicher werden, als die interessanten Ausnahmen von der allgemeinen Regel der Sitte und nivellirenden Bildung immer seltener werden und es doppelten Reiz gewährt, dem Karakteristischen nicht bloß im Romane, sondern zuweilen auch noch in der Wirklichkeit zu begegnen. - - -

Apparat#

Bearbeitung: Wolfgang Rasch, Berlin#

1. Textüberlieferung#

1.1. Handschriften#
1.1.1. Übersicht#

Es sind keine handschriftlichen Überlieferungsträger bekannt.

1.2. Drucke#

Gutzkows Erinnerungen an David Assing kamen Ende 1844 in der von August Lewald herausgegebenen Zeitschrift "Das neue Europa" heraus, einer Fortsetzung seiner 1835 gegründeten "Europa". Für die überwiegend sehr persönlich gehaltenen Aufzeichnungen über Assing wählte Gutzkow eine briefliche Form. Den Brief richtete er an August Lewald, mit dem er seit 1833 befreundet war und der ebenso wie Assing aus Königsberg stammte. Der im Brief mehrfach von Gutzkow direkt angesprochene Lewald lieferte im Anschluss an Gutzkows Ausführungen eine "Nachschrift des Herausgebers", in der er Gutzkows Erinnerungen und biographisches Miniaturbild um einige Nuancen und Details ergänzt (vgl. 5.1 Dokumente zur Rezeptionsgeschichte).

Schon einige Monate später nahm Gutzkow seinen Beitrag nahezu unverändert in den sechsten Band der Gesammelten Werke auf, wo er ihn mit seinem Artikel über Rosa Maria Assing aus dem Jahr 1840 unter dem Gesamttitel Rosa Maria und J. D. Assing zusammenstellte. Gutzkow griff später auf diese Arbeit nicht mehr zurück; weitere Abdrucke zu seinen Lebzeiten sind nicht nachgewiesen.

J Karl Gutzkow: Assing, Varnhagens Schwager. Brieflich an den Herausgeber. In: Das neue Europa. Chronik der gebildeten Welt. Karlsruhe. 1845, Bd. 1, Lfg., 2, (16. Dezember 1844), S. 17-22. (Rasch 3.44.12.16)
A1 J. D. Assing. (An den Herausgeber der Europa.) In: Karl Gutzkow: Gesammelte Werke. Vollständig umgearbeitete Ausgabe. Bd. 6. Börne's Leben. (Aus Börne's ungedrucktem Nachlasse reich vermehrt.) - Rosa Maria und J. D. Assing. - Friedrich von Hurter, K. K. Hofrath u. Historiograph. Frankfurt/M.: Literarische Anstalt, 1845. S. 303-316. (Rasch 1.2.6.2.2)

2.Textdarbietung#

2.1. Edierter Text#

J. Der Text folgt in Orthographie und Interpunktion unverändert dem Erstdruck. Textsperrungen werden übernommen. Silbentrennstriche (=) werden durch - wiedergegeben. Die Seitenzählung wird mit Klammern [ ] an den betreffenden Stellen in den Text eingefügt.

Die Liste der Texteingriffe nennt die von den Herausgebern berichtigten Druckfehler sowie die Emendationen. Fehlende oder überzählige Spatien im Erstdruck wurden stillschweigend korrigiert.

Die Seiten-/Zeilenangaben im Apparat beziehen sich auf die Druckausgabe des Beitrags im Band: Kleine autobiographische Schriften und Memorabilien. Hg. von Wolfgang Rasch. Münster: Oktober Verlag, 2018. (= Gutzkows Werke und Briefe. Abt. VII: Autobiographische Schriften, Bd. 3.)

2.1.1. Texteingriffe#

28,33 ihm ihn

33,25 antwortete antworte

5. Rezeption#

5.1. Dokumente zur Rezeptionsgeschichte#

A[ugust] L[ewald]: Nachschrift des Herausgebers. In: Das neue Europa. Chronik der gebildeten Welt. Karlsruhe. 1845, Bd. 1, Lfg. 2, (16. Dezember 1844), S. 22. (Rasch 9/2.44.12.16N)

Das Original, das Sie uns hier so interessant und liebenswürdig schildern, habe ich selbst gekannt. Schon in seiner Jugend zeigte sich Assing im gesellschaftlichen Verkehr auf sehr abnorme Weise. Ich erinnere mich, daß er einst, als er ein falsch gezeichnetes Hemd angezogen hatte, mit Dinte in die Ecke schrieb: Druckfehler: oben am Schlitz lies H. A. statt u. s. w. Das Buch „Ueber den Umgang mit Menschen“ warf er bei der Stelle: „Mit Verliebten ist vernünftiger Weise gar nicht umzugehen,“ unter den Tisch und schrieb diesen Satz, wie zur Warnung vor dem Lesen des Buches, mit Kohle an die Wand seines Zimmers. Auch in Göttingen wollte er studiren, allein es gefiel ihm dort nicht, weil die Studenten zu elegant gekleidet waren und weiße Kappen trugen. Er ging dort gar nicht aus, wie er mir bei seiner Heimkehr erzählte, und hatte sich so eingerichtet, daß Bett und Sopha an derselben Wand standen und er aus dem Bette auf das Sopha steigen konnte, wo er den Tag über liegen blieb und dann Abends wieder in’s Bett stieg. In seiner Jugend war er heiter, liebenswürdig und von einer unbeschreiblichen Herzensgüte. Im Jahre 1809 verließ er Königsberg. Im „Dichterwald“, den Uhland 1811 herausgab, las ich die ersten Verse von Assing, die in Königsberg großes Interesse unter seinen Bekannten erregten. Ein kleines Gedicht „die Wandnachbarin“ gefiel mir, wie ich mich noch erinnere, das Andere nicht. Während meines Aufenthaltes in Hamburg bewegte ich mich in Kreisen, denen er zu fern stand, als daß die alten Fäden sich wieder hätten anknüpfen lassen können. Auch sagte mir sein abgeschlossenes, menschenscheues Wesen nicht zu und ich besuchte das einsam-stille Haus in der Poolstraße nur ein Paarmal. Nur auf Spaziergängen sah ich ihn noch zuweilen, wenn er, seine beiden Töchter am Arm, mir begegnete und sich dann, mit dem freundlichsten Ausdrucke in den Zügen, nach meinem Befinden erkundigte.

Kommentar#

Der wissenschaftliche Apparat wird hier zu einem späteren Zeitpunkt veröffentlicht.