Abwehr einer Verläumdung#

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Herausgeber
  1. Wolfgang Rasch
Fassung
1.0
Letzte Bearbeitung
04.03.2025
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Text#

Abwehr einer Verläumdung.#

In No. 43 dieser Zeitung sagt ein Anonymus, dem die Redaktion sogar die Ehre erweist, seine bösen Verdächtigungen in den Großdruck des politischen Textes aufzunehmen, der Unterzeichnete könnte schon deßhalb als „technischer Direktor“ des K. Hoftheaters nicht berufen werden, weil – ihm etwa die nöthigen dramaturgischen Kenntnisse mangelten? Nein. Oder weil von ihm bekannt wäre, daß er zwar kein republikanischer, aber doch sonst ein gar schlimmer und bedenklicher Autor wäre? Auch das nicht! Nun, warum denn sonst nicht? Er hat etwas viel, viel Aergeres begangen. Er wäre im Jahre 1848 von Dresden ganz besonders zu den „Märzereignissen“ herübergekommen. Zwar setzt der wohlwollende „Zuschauer“ schüchtern hinzu: „Wie es scheint.“ Verzwicktes „wie es scheint!“ Warum nicht sogleich dreister? Warum nicht sogleich gradezu gesagt, ich hätte Barrikaden befehligt? Im Mai 1849 hab’ ich in Dresden, wohin ich nicht erst zu reisen brauchte, wirklich eine Barrikade bauen sollen. Fünf Männer in Sensen hielten mir Steine entgegen und wollten mich zwingen, Hand anzulegen. Laßt mich! Ich bin kein Baumeister! mußt’ ich ihnen sagen. Es half nichts: „die Sense sollte michs schon lehren!“ Erst als ich, etwas unsanft, sagte: Leute, ich habe für die deutsche Einheit mehr mit dem Wort gethan, als ich hier mit Steinen thun kann! ließ mich die damals souveräne Insurrektion meines Weges ziehen. Freilich! Warum saß ich nicht, wird – mein „Zuschauer“ fragen, auch hier versteckt in irgend einem Keller? Warum war ich an jenem Märzsonntage 1848 vor dem Schlosse in Berlin und sah mir dies Wogen und Wüthen einer ungebundenen Menschenmasse an? Der schlimme „Zuschauer“ sagt, Herr Polizeipräsident v. Minutoli müßte darüber auch noch erst Bericht erstatten. Niemand kann, im geschichtlichen Interesse, mehr wünschen, als ich, daß der freundliche und um den milderen Verlauf jener Tage vielfach verdiente Herr v. Minutoli seine damaligen Erlebnisse erzählte. Aber ich wünschte doch, Felix Lichnowski lebte noch und bestätigte mirs, daß er mich aufforderte: „Freund, Sie müssen reden! Sie müssen! Ich lasse Sie nicht!“ „Worüber?“ „Ueber was Sie wollen! Ich bin heiser, ich kann nicht mehr! Nur reden, nur beruhigen!“ Nun denn, sagt’ ich, ich habe in jenem patriotischen, angeborenen, mark-brandenburgischen, vaterstädtischen Drange, von dem man damals noch nicht ahnte, daß man ihn später für revolutionären Fürwitz erklären könnte, das Wort des Königs: Kommt und rathet mir! so aufgefaßt, daß ich ihm einen Brief übergeben ließ, worin ich ihn bat, in die aufgelöste Ordnung irgend einen, die Massen nur legal zusammenziehenden, die Gemüther zerstreuenden neuen Gedanken zu werfen, am liebsten den der Bürgerbewaffnung! „Sprechen Sie darüber! Sogleich! Hier! heran! Ich lasse Sie nicht mehr fort!“ Ich sprach, und die Massen, die zu allen Koncessionen, die sie kaum verstanden, noch etwas Neues, Handgreifliches, Leichtverständliches hinzuempfingen, zerstreuten sich. Es ist bekannt, daß der König denen gedankt hat, die an jenem Sonntage Morgen zum Schlosse hielten. Freilich, sehr exaltirt, sich ohne Portefeuille für einen Politiker zu halten! Sehr exaltirt, nicht wie jener Feigling im „reisenden Studenten“ in den Mehlkasten zu springen und zu rufen: Brennt’s noch? Wer damals in den Mehlkasten sprang, der kam freilich für immer sehr weiß heraus. Einige Tage gährte das, Alle ergreifend, noch so fort. Und wenn mein „Zuschauer“ sagt: Vor dem 18. März schon hätt’ ich „Thätigkeit entwickelt“, so will ich ihm sagen, was ich vor und nach dem 18. März für „Thätigkeit entwickelte.“ Am 6. kam ich mit Weib und Kind nach Berlin, um meinen Urlaub dort zu verleben. Von da bis zum 18. schrieb ich im Hotel de Russie mein Schauspiel: Ottfried. Und vom 22. März bis 22. April, also während der vollen Blüthe der Revolution, saß ich am Krankenbette eines Kindes, am Sterbebette einer Frau. O, Du leidiger „Zuschauer“! Ich beantworte Deine böse Anklage so ausführlich, nicht wegen des „technischen Direktors“, (der nicht mir, nur jener Anstalt fehlt) sondern deßhalb, weil diese in Berlin eingerissene Enthüllungssprache, dies mystische: Der war gestern in der und der Straße! Man hat ihn da und dort mit dem und dem verkehren sehen, u. s. w., eine wahre Schmach unserer Zeit ist und an die trübsten Tage römischer Delatorenwirthschaft erinnert.

Wenn man von mir sagt, daß ich bei dem mir mannigfach eingeräumten Berufe, für die deutsche Schaubühne theoretisch und praktisch zu wirken und an jedem Hoftheater die ästhetische Initiative ergreifen zu können, doch immer noch so „taktlos“ bin, in politischen Dingen mehr links, als rechts zu stehen, so kann ich mich dagegen nicht vertheidigen und werd’ es nicht. Aber den Vorwurf, daß ich in meinem Leben je gewühlt, agitirt oder konspirirt hätte, weis’ ich mit Verachtung zurück.

Dresden, 23. Februar 1850. Dr. Karl Gutzkow.

Apparat#

Bearbeitung: Wolfgang Rasch, Berlin#

1. Textüberlieferung #

1.1. Handschriften#
1.1.1. Übersicht#

Es sind keine handschriftlichen Überlieferungsträger bekannt.

1.2. Drucke#
J Karl Gutzkow, Dresden, 23. Februar 1850: Abwehr einer Verläumdung. In: Königlich privilegirte Berlinische Zeitung von Staats- und gelehrten Sachen. [Vossische Zeitung.] Berlin. Nr. 52, 3. März 1850, 1. Beilage. (Rasch 3.50.03.03)

2. Textdarbietung#

2.1. Edierter Text#

J. Der Text folgt in Orthographie und Interpunktion unverändert dem Erstdruck. Textsperrungen werden übernommen. Silbentrennstriche (=) werden durch - wiedergegeben. Die Seitenzählung wird mit Klammern [ ] an den betreffenden Stellen in den Text eingefügt.

Die Liste der Texteingriffe nennt die von dem Herausgeber berichtigten Druckfehler sowie die Emendationen. Fehlende oder überzählige Spatien im Erstdruck wurden stillschweigend korrigiert.

2.1.1. Texteingriffe#

Die Textvorlage unserer Ausgabe (Exemplar der „Vossischen Zeitung“ aus der Staatsbibliothek zu Berlin, Zeitungsabteilung, Signatur: Ztg 1621 Mikrorollfilm; Digitalisat bei ZEFYS) weist ein paar Druckunregelmäßigkeiten auf. Einige wenige Lettern sind nur schwach oder nur ansatzweise, ein paar andere gar nicht ausgedruckt worden. Diese Fehlstellen werden hier als Texteingriffe dokumentiert:

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4. Entstehung#

4.1. Dokumente zur Entstehungsgeschichte#

4.1.1. [Anon.:] Vermischtes. Berlin. Die Nachricht, daß Hr. Gutzkow … In: Königlich privilegirte Berlinische Zeitung von Staats- und gelehrten Sachen. [Vossische Zeitung.] Berlin. Nr. 43, 21. Februar 1850, 1. Beilage, [S. 3]. (Rasch 9/4.50.02.21)

Berlin. Die Nachricht, daß Hr. Gutzkow zum technischen Direktor des Königl. Theaters berufen werden soll, dürfte wohl nicht nur für jetzt eine unbegründete sein. Sie könnte sogar eine unmögliche genannt werden, wenn man sich der Thätigkeit erinnert, die Hr. Gutzkow einige Tage vor dem 18. März, wo er von Dresden hierher gekommen war, hier entwickelte; über das, was er am 19ten gethan, dürften auch wohl erst Berichte des Polizeipräsidenten Hrn. v. Minutoli gefordert werden müssen. Wäre diese agitirende Thätigkeit schon für einen hiesigen Literaten sehr gravirend, so muß sie es noch mehr für einen sein, der damals in sächsischen Diensten stand, und, so scheint es, ganz besonders zu den Märzereignissen hierher kam.

4.2. Entstehungsgeschichte#

Zu Beginn des Jahres 1850 wurde in der Öffentlichkeit die Meldung verbreitet, Gutzkow würde am Berliner Hoftheater den Posten eines Dramaturgen oder technischen Direktors anstreben. Das Berliner Hoftheater steckte schon länger in einer Krise und galt als dringend reformbedürftig. Der seit 1842 als Generalintendant der königlichen Bühnen amtierende Karl Theodor von Küstner wirkte müde, seine Bühnenleitung, vor allem der Spielplan waren umstritten. Auch der preußische Kultusminister Adalbert von Ladenberg sah angesichts des Zustands der königlichen Bühnen dringenden Handlungsbedarf. Ein Berlin-Korrespondent (es handelte sich bei dem anonymen Beiträger um Feodor Wehl, einem Freund Gutzkows) berichtet am 3. Februar 1850 aus der preußischen Hauptstadt: „Seit lange ist von einer Reform der königlichen Bühne die Rede gewesen. Man weiß, daß der Cultusminister diese Angelegenheit mit einer Art von Neigung betreibt und von allen Seiten her sich Vorschläge und Pläne zu verschaffen gesucht hat, die sich auf eine Reorganisation des Theaters überhaupt beziehen. […] Wie wir vernehmen, sind Unterhandlungen mit Karl Gutzkow im Gange, welche bezwecken, diesem bühnenkundigen und dramaturgisch erfahrenen Autor in Berlin eine Stellung zu schaffen, die der ähnlich werden soll, welche jener vorhergenannte Schriftsteller [Heinrich Laube in Wien] vor kurzem angetreten hat. […] Inwieweit der hiesige Generalintendant v. Küstner geneigt ist, auf diese Sache einzugehen, ist uns unbekannt. Doch schien es uns für ihn das Gerathenste, wenn er geradezu die Initiative ergriffe und nach dem Vorgange Wiens sofort sich selbst in den Gang der ganzen Angelegenheit hineinmischte. Ein Dramaturg ist dem hiesigen Theater in jeder Beziehung nöthig.“

Tatsächlich interessierte sich Gutzkow, der 1847/49 Dramaturg am Dresdener Hoftheater gewesen war, schon länger für diese herausfordernde Aufgabe. Dem preußischen Kultusminister Adalbert von Ladenberg hatte er umfassende Exposés zur Reform der Berliner Bühnen vorgelegt, zuletzt in Schreiben an den Minister vom 4. und 22. Februar 1850 (vgl.: P[aul] A[lfred] Merbach: Karl Gutzkow und das Berliner Hoftheater. In: Mitteilungen des Vereins für die Geschichte Berlins. Berlin. Nr. 1, Januar 1920, S. 2-4; Nr. 3, März 1920, S. 11-12). Aussichtslos schienen Gutzkows Ambitionen, als Dramaturg in seiner Heimatstadt Fuß zu fassen, nicht. An Feodor Wehl schreibt er am 4. Februar 1850: Wittgenstein hat gesagt, er hätte gegen meine Berufung nichts, Küstner solle sie nur beantragen … auch mit Ladenberg hab’ ich mich in Verbindung gesetzt, eine andre einflußreiche Person, die ich nicht nennen kann, wird zu wirken versuchen und so zieht sich um Küstner etwas zusammen, daß er ein Thor ist nicht selbst die Sache in die Hand zu nehmen. (BrWehl1, S. 208). Wer die einflußreiche Person ist, wissen wir nicht. Aber mit Wilhelm Fürst zu Sayn-Wittgenstein-Hohenstein, der nach 1815 die treibende Kraft der Restauration in Preußen gewesen war und jetzt noch als Minister des königlichen Hauses am Hof großes Ansehen genoss, hatte Gutzkow eine hochgestellte Persönlichkeit auf seiner Seite. Oder zumindest nicht gegen sich. Denn in Berlin, vor allem im Dunstkreis der königlichen Bühne, musste Gutzkow mit zahlreichen Konkurrenten und Widersachern rechnen, die die Berufung des reformfreudigen Theatermachers, als auch anspruchsvollen und erfolgreichen Bühnendichters um jeden Preis verhindern wollten.

Etwa zwei Wochen später, am 19. Februar 1850, meldete die „Königlich privilegirte Berlinische Zeitung von Staats- und gelehrten Sachen“ („Vossische Zeitung“) in ihrem Nachrichtenteil: „Es wird versichert, daß Karl Gutzkow wirklich hierher berufen werden wird, um die Stelle eines technischen Direktors bei dem Königl. Theater einzunehmen.“ (Nr. 41, 19. Februar 1850, [S. 5].) Tags darauf dementierte die Zeitung diese Meldung jedoch ausdrücklich: „Aus zuverlässiger Quelle dürfen wir die in dem gestrigen Stück dieser Blätter […] mitgetheilte Nachricht, daß Hr. Gutzkow nach Berlin berufen werden solle, um die Stelle eines technischen Direktors beim Königl. Theater einzunehmen, eine völlig unbegründete ist. Dieselbe scheint seit einigen Wochen absichtlich in verschiedenen Blättern verbreitet zu werden.“ (Nr. 42, 20. Februar 1850, [S. 3-4].)

Die Zeitung hätte es bei diesem Dementi bewenden lassen können. Doch in der Ausgabe vom folgenden Tag setzte ein ungenannter Mitarbeiter des Blattes nach und behauptete unter der Rubrik „Vermischtes“, Gutzkow habe sich durch seine aktive Teilnahme an der Berliner Märzrevolution, zu der er mutmaßlich eigens aus Dresden angereist sei, dauerhaft für eine Leitungsaufgabe an den königlichen Bühnen disqualifiziert (vgl. den Text unter 4.1.1. des Apparates).

Mit Anspielungen auf Gutzkows vermeintliche „agitirende Thätigkeit“ im März 1848, speziell einer geforderten Berichterstattung des ehemaligen Berliner Polizeipräsidenten von Minutoli über die Vorgänge am 19. März, brachte der anonyme Beiträger eine politische Gesinnungsfrage ins Spiel, die in dem von Verdächtigungen, Denunziationen, Einschüchterungen beherrschten Klima des nachrevolutionären Berlin eine verheerende Wirkung entfalten konnte. Vermutlich las Gutzkow in Dresden diese Zeilen zwei Tage nach ihrem Erscheinen und zögerte nicht, umgehend auf die von ihm als Verläumdung empfundenen Anspielungen auf seine Revolutionsbeteiligung zu antworten. Seine am 23. Februar verfasste Gegendarstellung erschien eine Woche später am 3. März in der Sonntagsausgabe der „Vossischen Zeitung“. Möglicherweise hatte Gutzkow in der Zwischenzeit um eine Fahnenkorrektur seiner Erklärung gebeten.

5. Rezeption#

5.1. Dokumente zur Rezeptionsgeschichte#
1. Feodor Wehl, 25. Februar 1850#

5.1.1. [Anon.; Verf. vermutlich Feodor Wehl:] Wissenschaft und Kunst. * Berlin, 24. Febr. In: Deutsche Allgemeine Zeitung. Leipzig. Nr. 104, 25. Februar 1850, S. 440. (Rasch 9/4.50.02.25)

Wie sehr es mit diesen Unterhandlungen [über eine Berufung Gutzkows ans Berliner Hoftheater] Ernst ist, bewiesen uns seitdem am besten die Angriffe, die der genannte Dramaturg von gewissen Seiten her zu erfahren hatte. In ihnen zeigt sich die literarische Gemeinheit wieder in voller Blüte. Der Neid, die Misgunst, die bezahlte Rancune speien Gift und Galle. Selbst die Vossische Zeitung fließt in Verdächtigungen über. Sie erinnert an die Reden, die Karl Gutzkow damals hier im März gehalten hat. Wir wissen sehr genau, daß diese nicht eben verfänglicher Art waren. Aber wenn sie es auch wären, war die gute Vossische Zeitung damals nicht auch verfänglich? Und doch brüstet sie sich heute mit ihrer Loyalität! Warum sollte darum Gutzkow nicht Dramaturg werden dürfen? Er wird es auch gewiß werden, wenn er nicht eben selbst sich dieser Stellung entschlagen will. Daß man von Seiten des Cultusministeriums auf ihn reflectirt, scheint uns allein schon daraus deutlich hervorzugehen, daß selbst „Die neuesten Nachrichten“, bekanntlich ein officielles Organ des jetzigen Cabinets, ihn gegen die Anfeindungen in Schutz nehmen. Daß es die andern anständigen Zeitungen in Berlin nicht thun, ist unverantwortlich. Allein man ist hier leider in den literarischen Kreisen an die niedrigste Denunciationsweise schon so gewöhnt, daß man sich gar nicht mehr davon berührt und zu Abwendungen bewogen fühlt.

2. Neue Preußische [Kreuz-]Zeitung, 5. März 1850#

5.1.2. [Anon., Chiffren:] Berliner Zuschauer, Berlin, den 4. März 1850. In: Neue Preußische [Kreuz-]Zeitung. Berlin. Nr. 52, 5. März 1850. (Rasch 9/4.50.03.05N)

– Als Beitrag zur Anwartschaft des Hrn. Gutzkow auf die Stelle eines technischen Direktors an der königl. Bühne fragen wir den genannten Herrn, der sein Wirken in Berlin durch Inserat der Vossischen Zeitung zwar nicht so schwarz-weiß, aber doch so weiß brennt, – wer denn jener Versammlung im Thiergarten unter den Zelten präsidirt hat, in welcher beschlossen wurde, daß eine Constituante aus Urwahlen hervorgehen müsse? – Der Prediger Reinecke, der zugegen war und vor der fanatisirten Menge diesen Beschluß als einen „wahnsinnigen“ hinzustellen wagte, dürfte darüber interessante Mittheilungen machen können, wenn Hrn. Dr. Gutzkow sein sonst so vortreffliches Gedächtniß im Stich läßt.

? Gutzkow versichert, er habe auf den Märzbarrikaden die lieben Aufrührer blos auf einen bestimmten Gedanken bringen wollen, statt daß sie unnütz schrieen und tobten. Darum hätte er die Bürgerbewaffnung zu verlangen gerathen. Ist das denn etwa ein leeres Tönnchen, wie man es dem Wallfische zum Spielen hinwirft? – Nun wahrlich, aus dem Spundloche dieses Gutzkow’schen Tönnchens ist die bewaffnete Revolution hervorgegangen statt der blos brüllenden, die Plünderung des Zeughauses, die Ueberflüssigkeits-Erklärung der Garnison, die ganze organisirte Straßenregierung bis in den November 1848.

3. Dresdner Journal und Anzeiger, 6. März 1850#

5.1.3. [Anon.:] Tagesgeschichte. [Darin:] (Lith. Nachr.) In: Dresdner Journal und Anzeiger. Dresden. Nr. 65, 6. März 1850, S. 517. (Rasch 9/4.50.03.06.1N)

– (Lith. Nachr.) Karl Gutzkow rechtfertigt sich jetzt in Berliner Blättern gegen Verleumdungen und Verdächtigungen, die dort gegen ihn auf Veranlassung des Gerüchts, daß er zum technischen Director der Berliner Hofbühne berufen sei, verbreitet wurden. Alle solche Dinge, alles Das, was in die Kategorie der „Enthüllungen“ gehört, hat hier Eine Quelle, die Neue Preußische Zeitung mag es bringen oder nicht, alles Das hat Einen Urheber, „Ohm und Complicen“. Gutzkow sagt mit Recht von diesem in Berlin eingerissenen Enthüllungssystem, daß es eine wahre Schmach unsrer Zeit ist und an die trübsten Tage römischer Delatorenwirthschaft erinnert.

4. Neue Preußische [Kreuz-]Zeitung, 6. März 1850#

5.1.4. [Anon., Chiffre:] Berliner Zuschauer, Berlin, den 5. März 1850. In: Neue Preußische [Kreuz-]Zeitung. Berlin. Nr. 53, 6. März 1850. (Rasch 9/4.50.03.06.2N)

Herr Gutzkow, der gern technischer Direktor des Berliner Hoftheaters werden möchte, hat in der Vossischen Zeitung eine Vertheidigung losgelassen gegen einen in derselben erschienenen Artikel, der von der märzlichen Wirksamkeit des Dresdener (damaligen) Dramaturgen Notiz genommen. Der Selbstvertheidiger bedauert, daß der Fürst Lichnowsky nicht mehr lebe, denn dieser würde ihm das und das bezeugen können u. s. w. Nebenbei munkelt Herr Gutzkow von einem durch ihn mit Gänsefüßchen versehenen „Zuschauer!“ Diese Gänsefüßchen des Herrn Gutzkow sollen doch nicht am Ende gar auf den Zuschauer der Neuen Preußischen gehen? In diesem Falle könnten wir Herrn Gutzkow nur gratuliren, daß er plötzlich mehr Phantasie entwickelt, als er bis jetzt in seinen Dichtungen gezeigt hat – so viel Phantasie, um sich einzubilden: der Zuschauer der Neuen Preußischen werde um seinet- (Gutzkow’s) willen seine (des Zuschauers) Feder mit dem Besen der Tante Voß vertauschen. Besteht das große Kunststück der Selbstvertheidigung des Herrn Gutzkow darin: daß er den Zuschauer der Neuen Preußischen mit den Mitarbeitern der Vossischen Zeitung identifizirt – wir können Angesichts dieser tendenziösen Vertheidigung nur antworten: daß Hr. Gutzkow als Defensor seiner selbst nur der Stüber seiner selbst ist! Der Zuschauer bedarf keiner Tante Voß dazu, um eitle Komödienschreiber im Nothfalle als Dramaturgen von der Bank fallen und resp. durchfallen zu lassen!

5. Anon. Zeitungsinserat, Vossische Zeitung, 6. März 1850#

5.1.5. [Anon. Zeitungsinserat:] Du sollst nicht falsch Zeugniß reden! In: Königlich privilegirte Berlinische Zeitung von Staats- und gelehrten Sachen. [Vossische Zeitung.] Berlin. Nr. 54, 6. März 1850, 1. Beilage [S. 14]. (Rasch 9/4.50.03.06.3N)

Du sollst nicht falsch Zeugniß reden!

Wie sehr sich gewisse Leute vor einer Radikalreform ängstigen, wie man sie in Wien mit dem Burgtheater vornahm, als man den Doktor Laube zum Direktor desselben berief, und den schwachen Herrn von Holbein entfernte, beweisen die Angriffe auf Gutzkow, den ein Gerücht zum „technischen Direktor der Königlichen Schauspiele“ gemacht hatte. Daß man von Dresden vielfach Löbliches über seine dramaturgischen Scenirungen vernahm, bestreitet man nicht. Daß uns ein solcher Mann endlich von Stücken wie Swend Dürings Haus, Dschingiskhan, Genius und Gesellschaft erlösen, gute, neue, unterhaltende Stücke wählen, und dabei Schiller, Göthe, Calderon, Shakesspeare zu neuer, frischer Geltung bringen würde, das kann man auch nicht widerlegen. Weil demnach Gutzkow ein Mann von Thatkraft und beim Hoftheater wohl der rechte Mann sein wird, so will man ihm sogar die Möglichkeit einer Berufung abschneiden – durch politische Verdächtigung. Pfui, welche Mittel! Dies muß Jemand ausrufen, der dem gefeierten Dichter von Herz und Welt, Urbild des Tartüffe, Uriel Acosta, vom 6. März bis 22. April 1848 fast täglich nahestand, und ihm, wie damals Alle, wohl bewegt und erregt von der gewaltigen Zeit und zuweilen wider seinen Willen vom öffentlichen Vertrauen in Anspruch genommen sah, aber niemals sich fortreißen lassend zu Ungebühr oder Gesetzwidrigem. Wer des Schreibers Namen begehrt, frage bei der Expedition dieser Zeitung!

6. Dresdner Journal und Anzeiger, 7. März 1850#

5.1.6. [Anon., Chiffre:] Berlin, 4. März. In. Dresdner Journal und Anzeiger. Dresden. Nr. 66, 7. März 1850, S. 525. (Rasch 9/4.50.03.07.2N)

Es hat mich gefreut, als ich gestern von Gutzkow auf die perfiden Verdächtigungen, die hier gegen ihn auftauchten, in der Vossischen Zeitung eine Abfertigung fand. Solche specielle Fälle sind zwar an sich nicht werth, daß ein besserer Mann darum die Feder ansetzt, aber die Sache selbst. Die allgemein einreißende Sitte der Verdächtigung und schmuzigen Denunciationssucht, die sich ausbreitende und mit der Loyalität buhlende Corruption fordert wohl Jeden, der den edlern Geist und Charakter deutscher Nation durch Wort und Schrift vertritt, auf, solcher schmachvollen Entsittlichung unsrer Zeit entgegenzutreten.

7. Neue Preußische [Kreuz-] Zeitung, 7. März 1850#

5.1.7. [Anon.:] Berliner Zuschauer, den 6. März 1850. In: Neue Preußische [Kreuz-] Zeitung. Berlin. Nr. 54, 7. März 1850. (Rasch 9/4.50.03.07.3N)

– Die Lithographische Correspondenz meint bei Gelegenheit der Erinnerungen, die von allen Seiten über das Verhalten des Dr. Gutzkow im März 1848 laut werden – alle „Enthüllungen“ in Berlin gingen, selbst wenn sie nicht in der Neuen Preußischen ständen, doch einzig und allein von der Fabrik Ohm und Complicen aus. Da nun aber diesmal die erste „Enthüllung“ der Berufung Gutzkow’s als technischer Director an die königliche Bühne zu Berlin gerade von der L. C. ausgegangen und protegirend in’s Publikum gebracht ist, so bezweifeln wir zwar nicht, daß diese ehrenwerthe Firma für gute Bezahlung auch in Enthüllungen machen würde, können jedoch versichern, daß gewiß für dieses „Bubenstück“ die Herren Schneider und Wenzel höchstens durch Gutzkow’sche Versprechungen (Geld glauben wir selbst nicht) jugendlich verführt sind.

8. Levin Schücking, 7. März 1850#

5.1.8. [Chiffre für Levin Schücking:] Man verhandelt mit … In: Kölnische Zeitung. Köln. Nr. 57, 7. März 1850, [S. 3]. (Rasch 9/4.50.03.07)

Man verhandelt mit Karl Gutzkow wegen einer artistischen Direction des königlichen Theaters in Berlin; bis jetzt sollen sich jedoch Küstner, die Birch-Pfeiffer, Rötscher u. s. w. mit vereinten Kräften dagegen stemmen. Herr von Ladenberg hat indeß so bestimmt und laut etwas für die Reform der Bühne versprochen, und sich so viele Gutachten von allen Seiten kommen lassen, daß er unmöglich noch die Einbildung hegen kann, als dürfe irgend ein collegiales Institut, eine bureaukratische Verfassung oder ein gelehrter Regierungsrath oder Professor den alten Schlendrian fortsetzen! In Wien hat man kurzen Proceß gemacht, und, wir sich bisher gezeigt hat, nicht zum Nachtheil der Bühne. Aber während man um der Brauchbarkeit des Mannes willen in Wien an Laube’s kleindeutschem Liberalismus und seinen anti-österreichischen Abstimmungen in der Paulskirche sich nicht im Mindesten gestoßen, hat man in Berlin sich nicht geschämt, den wahrlich sehr geringen Antheil, den Gutzkow an den März-Ereignissen genommen, zur Waffe wider ihn zu benutzen. Das königliche Theater sei eine Hofanstalt, heißt es, dem Cultusminister kein Einfluß darüber zu gestatten, und die„Vossische“ und die Kreuz-Zeitung kämpfen heftig für die Bewahrung des Instituts vor einem Director, der nicht zum Treubunde gehört, sondern in den Märztagen eine roth-schwarz-goldene Rede hielt. Wenn man in diesem Geiste consequent sein will, so muß man nicht allein den„Tell“ und „Egmont“, wie man bereits gethan, vom Repertoire beseitigen, sondern, da die ganze Literatur vom Gift revolutionärer Ideen angesteckt ist, lieber gleich die Theater schließen. Warum auch nicht – das Publicum hat ja doch genug an den Komödien, die man seit zwei Jahren in Thronsälen und Kammern mit dem langmüthigen deutschen Michel spielt!

9. Willibald Alexis, 26. April 1850#

5.1.9. [Willibald Alexis:] Wie es auf dem Theater in Berlin aussieht. (Schluß.) In: Morgenblatt für gebildete Leser. Stuttgart u. Tübingen. Nr. 100, 26. April 1850, S. 397-398. (Rasch 9/4.50.04.26N)

Wie man das Königthum vom Volke getrennt hatte, indem man es mit dem Nimbus der göttlichen Herkunft umwob, hat man muthwillig das Theater, diese in ihren Wirkungen unberechenbare Bildungsschule für das Volk, von demselben abgesondert und getrennt. Man hat ihm die Pulsadern unterbunden, damit nicht das Blut zwischen beiden cirkulire. Man hat es verdammt, statt ein halbes Spiegelbild des Lebens zu werden, ein Guckkasten zu seyn für allerlei Willkürliches, für Farcen und Possen, oder für ein Pathos, das uns nicht berührt.

Man ist in Berlin sehr geneigt, dem Generalintendanten die ganze Schuld in die Schuhe zu schieben, und in seiner Leipziger Magisterängstlichkeit und beschränkten Anschauung der Verhältnisse den Grund des Uebels zu suchen, das doch wahrscheinlich weit tiefer liegt. Es ist allerdings richtig, daß unter seiner Direktion alles zurückgewiesen wird, wobei nur der entfernteste Gedanke ist, daß es der herrschenden Gewalt anstößig seyn könnte. […]

[398] Es ist nun einmal so und wird schwerlich geändert werden, und ich glaube fast, daß man dem Herrn v. Küstner zu viel Schuld in die Schuhe schiebt; denn er ist eben nur einer unter vielen, und wenn man sich auch hundert Anekdoten erzählt von der Beschränktheit seiner Ansichten, […] so wird mancher andere Theaterdirektor an manchen andern Mängeln der Kenntniß und Erkenntniß der Dinge und der Zeit leiden. […] Uebrigens haben seine ökonomischen Reformen, in denen er ein unbestreitbares Verdienst hat, ihm, wie sehr begreiflich, eine große Zahl von Feinden zugezogen, auf deren Rechnung manches, was ihm nachgeredet wird, gesezt werden mag.

Ob auch die verdrießliche Geschichte mit Gutzkow dahin gehört, lasse ich unentschieden. Ich weiß nicht, wer ihn genannt, oder auf wessen Veranlassung derselbe als Dramaturg für Berlin genannt wurde, als plötzlich fulminante Artikel gegen ihn in unsere Zeitungen gestreut wurden, als stehe Hannibal schon ante portas. Daß Gutzkow als Theaterdichter und Dramaturg sich zur Leitung der Berliner Bühne nicht eigne, das ward eben nicht behauptet, denn darauf scheint es wirklich jezt nicht anzukommen, sondern es ward untersucht, ob er nach seiner politischen Meinung Einfluß auf das Berliner Theater haben dürfe. Alberneres als diese Denunciationsartikel gegen Gutzkows politischen Charakter konnte man kaum lesen. Es lief ungefähr darauf hinaus, daß Gutzkow vor dem 18. März nach Berlin gekommen, um die Revolution zu machen. Schreiber dieses war damals nicht in Berlin, so viel er aber gehört, haben Gutzkows Reden nicht viel gemacht; und die ganze Anschuldigung möchte schon durch die Thatsache in sich selbst zerfallen, daß Gutzkow nach der Revolution augenblicklich vom Schauplatze abtrat. Wie viele haben vor dem 18. März und bis dahin auf der äußersten linken Seite gestanden, die jezt die Pfeiler des Conservatismus sind! – Wenn also der Angriff gegen Gutzkow von einer Theaterpartie ausging, die ihn durch dieses Mittel entfernt halten wollte, konnte er nicht dummer und alberner unternommen werden. Gutzkow selbst hat ihn in einer Entgegnung genügend zurecht gewiesen. Es ist nichts widerwärtigeres und schändlicheres als der Delatorenunfug, der nach der Revolution auftaucht und von dem unsere Staatsprokuratoren traurige Dinge zu erzählen wissen. – Daß dieser Angriff gegen Gutzkow von Herrn v. Küstner selbst ausgegangen, bezweifeln wir schon deßhalb, weil lezterer einer politischen Anschauung der Weltverhältnisse, wie aus dem obigen ersichtlich, ganz fern steht.

Ob Gutzkows mögliche Herbeirufung die Sache bessern würde, ist zweifelhaft, eben weil jeder überzeugt ist, daß die Persönlichkeiten nicht stark genug sind, die Gewohnheit zu ändern. Die Giganten, die in der Politik fehlen, um im Reformwege zum Bessern zu führen, sucht man in den Fächern der Kunst eben so vergebens. Darum ließ die Nachricht eigentlich gleichgültig. Auch hat Gutzkow, wir meinen nicht als Politiker, sondern in der Eigenschaft, die ihn zum Dramaturgen qualifizirt, Gegner. Von diesen hörte man das trostlose Wort: „Immerhin, er kann es nicht schlimmer machen als es ist.“ Mit seinen schlimmsten Eigenschaften würde er es noch besser machen. Wir haben seine Thätigkeit als Dramaturg der Dresdner Bühne nicht verfolgt, uns dünkt aber, daß etwas für ihn spricht, nämlich daß er während seiner Leitung die Bühne nicht mit seinen eigenen Stücken erdrückt hat, ein großes, ein heroisches Verdienst eines Dramaturgen, der selbst Theaterdichter ist.

Kommentar#

Der weitere wissenschaftliche Apparat wird hier zu einem späteren Zeitpunkt veröffentlicht.

Stellenerläuterungen#