Laubes neue Reisenovellen#

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Herausgeber
  1. Wolfgang Rasch
Fassung
1.1
Letzte Bearbeitung
14.12.2019
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393 Laubes neue Reisenovellen.#

Mit dem fünften und sechsten Bande der Reisenovellen will Laube eine Dichtungsweise abschließen, welche man nicht von Heine allein, sondern von Thümmel hätte ableiten sollen. Bei diesem geistreichen Herrn von Thümmel findet sich schon das ganze Wesen, in welchem Laube sein nun geschlossenes Werk mit abwechselndem Glücke schrieb. Laube hätte sich mit dieser Ahnenschaft gegen den Vorwurf, daß er Heinisire, vertheidigen sollen. Seine Nachrede zu den Reisenovellen ist nämlich eine Rechtfertigung für seine Dichtungsweise. Er gibt seine geistige und nicht selten technische Verwandtschaft mit Heine zu und bedient sich, um jedoch das nähere Verhältniß dieser Verwandtschaft auszudrücken, des schönen Gleichnisses: Heine führte uns zwar in die Schlacht; aber im Getümmel derselben mußte Jeder für sich selbst stehen. Laube sagt: uns; er bezieht sein Gleichniß auf alle die Schriftsteller, welche mit ihm zusammengenannt werden. Dagegen möchten aber wohl Alle Widerspruch einlegen. Von mir wenigstens gesteh’ ich, daß ich in früherer Zeit keinem neuern Dichter sowenig Geschmack abgewinnen konnte, als Heinen, daß selbst seine Gedichte mir wie Tafftblumen, in welche wohlriechendes Wasser geträufelt war, vorkamen und daß ich nur der geschlossenen und gedrungenen Abrundung eines Börne mit Andern das Geschick, zu früh zu Hervorbringungen gereizt worden zu sein, verdanke. Die Theilnahme für Heine auch bei Wienbarg und Mundt ist nur kunstkennerische Ueberredung, allmälige Gewöhnung und die Folge der außerordentlichen stylistischen Reize, welche Heine, abgesehen von seinem ihn zu allen Zeiten kenntlich machenden Witz, in den französischen Zuständen zum ersten Male als ein neues Heureka! für die Prosa entfaltete. Laube allerdings ist durch Heine entzündet worden; aber nur er. Was Laube in seinem Nachworte zu den Reiseno-394vellen als richtschnurgebend hinstellt, gilt nur individuell für ihn. *)

Diese neue und letzte Sammlung der Reisenovellen zeichnet sich vor der ersten durch eine größere Ruhe, vor der zweiten durch eine wiedergewonnene Beweglichkeit aus. Waren die beiden ersten Bände dieses Werkes zu hastig abgefaßt, waren die persönlichen Erlebnisse so grell hervorgehoben, daß sie Ursache des Vorwurfs der Schönthuerei, den man Lauben zu machen anfing, wurden: waren andrerseits Band 3 und 4 in eine heillose Diplomatisirung der Ausdrücke und Empfindungen hineingerathen, glaubten wir hier einen jungen Gesandschaftsattaché zu sehen, der bei dem Fürsten von Metternich Diplomatie und bei Herrn Varnhagen von Ense correkte Schreibart lernen wollte; so mildern sich in dem Schlusse des Buches die beiden vorschmeckenden Elemente und stellen eine ruhige, besonnene und doch hinlänglich poetische und originelle Mischung vor. Diese beiden letzten Bände des Werkes sind unstreitig die besten und werden dadurch in diesem Eindrucke höchstens beschränkt, daß diese Dichtungsweise den Reiz der Neuheit verloren hat und die Behandlung sich nicht ändert, ob Berg oder Thal, Fluß oder Meer, die Insel Rügen oder Thüringen, der Rhein oder der Neckar vom Verfasser bereist werden.

Ueber Berlin spricht sich Laube mit wärmster Theilnahme aus. Man muß sich verbinden, aus allem das Reizendste hervorstöbern können, hinlänglich beweglich sein und mit Hülfe einer Droschke die langweiligen Striche der nordischen Hauptstadt überspringen können, um so herzlich an dem Leben und Treiben 395 derselben Theil zu nehmen, wie es Laube thut. Laube hält sich an das geistige Interesse Berlins und sucht sogar den Eckenstehern ein solches abzugewinnen. Er faßt den ganzen breiten Stoff vom Standpunkte der Intelligenz. Er räumt Glaßbrennern so viel Rechte ein, als Hegeln. Von letzterm hätt’ er freilich mehr entlehnen dürfen als von ersterm. Ich glaube nicht, daß es Berlin Ehre macht, wenn man von der Schilderung seiner geistigen Leistungen auf die der Eckensteher übergeht. Ich erlaube mir hierüber ein Wort.

Diese ekelhaften Menschen haben durch Glaßbrenner, der allerdings ein muntrer und witziger Kopf ist, eine traurige Berühmtheit erlangt. Einmal muß man annehmen, daß die gäng und gäben berliner Eckensteher, sowie sie geschildert werden, nur die baare Erfindung Glaßbrenners sind, und sodann den lächerlichen Eindruck dessen, was sie sprechen sollen, nur auf Rechnung der Sprache bringen, die der Ausländer für drollig hält, da er sie nur halb versteht. Ich gestehe, daß ich, als geborner Berliner, die Eckensteher und was damit zusammenhängt, in dem Grade für die partie honteuse Berlins halte, daß ich den Erfolg beklage, den Glaßbrenner mit seiner, wie Laube sagt, „Einführung der Eckensteher in die Literatur,“ gehabt hat. Weder den Berlinern noch den Ausländern machen die zahlreichen Auflagen der kleinen Heftchen Glaßbrenners Ehre. Wiener Possen haben etwas Gemüthliches; Nefflens Vetter aus Schwaben ist eine Salzsoole von Witz und guter Laune; aber Eckensteher Nante - er stinkt so nach Fusel, daß, wenn man ihm mit einem Fidibus zu nahe käme, er in blauen Flammen aufgehen würde. Ich will nicht läugnen, daß Berlin’s Volkszustände in ihrem eigenthümlichen Idiom dargestellt werden können; allein Glaßbrenners dahin einschlagende Versuche scheinen mir mißglückt. Die Gemüthlichkeit der Berliner untern Volksklassen ist nirgends bei ihm anzutreffen, und doch ist die Beschränktheit, die Glaßbrenner in den politischen Gesprächen derselben zu verspotten sucht, lediglich die Folge jener Gutmüthigkeit. Alle seine Figuren reden wie im Rausche, und zwar in dem Rausche der gebrannten Wasser, der allerdings etwas Blasirt-Raffinirtes absetzt. Das mag für Nante Nro. 22 passen; aber nicht für ganz Berlin. Glaßbrenner’s Berlin ist nur geneigt zu Prügeleien; aber schon der Ausdruck: Sich keilen für sich raufen ist ganz falsch, um etwas für Berlin Allgemeines auszudrücken. Die Schulknaben und vielleicht jene 396 schmutzige Gilde von verwahrlosten lüderlichen Burschen, die ihr Brod damit verdienen, die Wagentritte bei Hochzeiten und Kindtaufen herunterzulassen, bedient sich jenes Ausdrucks. Für die Eckensteher ist er zu kindisch. So verfehlt es Glaßbrenner in den meisten, eigentlich kenntlichmachenden Nebenumständen und Bezeichnungen. Seine Bilder sind hochdeutsch gedacht und dann in das Berliner Patois übersetzt. Dieser Mangel ist mir darum so anstößig, weil ich in Berlin gesehen habe, wie gefährlich er den Sitten und der Bildung jener Stadt ist. Wären Glaßbrenners Skizzen ächt d. h. verfolgten sie nur die Ideenkreise des untersten Berlins, so würde der Mittelstand ihnen nicht die Zoten nachsprechen, selbst der Gebildete (denn leider hört man in dessen Munde oft genug jene abgeschmackten Redensarten) würd’ es nicht können, weil die Sphäre nicht die seine ist. Allein Glaßbrenners Erfindungen sind so raffinirt, so hochdeutsch gedacht und nur schlecht Berlinisch vorgetragen, daß junge Männer und Frauen aus den Mittelklassen ihm alles nachsprechen und sich jenes Witzeln und Stichreden angewöhnt haben, welches man in Berlin mit den Worten bezeichnet: Die oder der ist recht Königsstädtisch d. h. die oder der sagt statt Ja, Allemal, statt: Recht gerne: Ei warum denn dieses nicht? statt Oho: Nefschandeller! statt: das wäre fatal: Pfui Spinne! statt Geld: Kies u. s. w. Dieß Witzeln und Nachsprechen der Königstädter Theater- und sogenannten Berliner Witze ist in Berlin bei manchen Klassen z. B. jungen Kaufleuten und Handwerkern, namentlich jenen Leuten, die in Berlin auf der Höhe des Elysiums- und Colosseumsbesuches stehen, so eingerissen, daß für einen gebildeten Mann, dem die höhern Zirkel nicht zugänglich sind, Berlin unerträglich geworden ist. Ich wenigstens gestehe, daß dieses Uebel meiner Vaterstadt, wenn ich täglich ihm ausgesetzt wäre, mir eine physische Unbehaglichkeit zuzöge. Dies aberwitzige Wesen war doch 1780 und 1806 dort nicht zu Hause. Wie kommt es jetzt in die Berliner hinein? Ich will es aufrichtig sagen: durch den erbärmlichen Geist der Journalistik und des Königsstädter Theaters, die beide seit etwa 1826 Hand in Hand giengen um den Geschmack in Berlin zu verderben. Die alten Institute: Gesellschafter, Freimüthige sanken in ihrer Geltung. Eine neue Generation brachte den grimassirten Unsinn auf. Ladendiener geben in Berlin Journale heraus! 397 Wie konnten diese anders ihr Glück machen als dadurch, daß sie der Gemeinheit eine gewisse anständige Form gaben? Die Blätter und die Theaterstücke der Angely, Rösicke und Beckmann überboten sich in Dummheiten. Haben doch die Chorführer dieses Treibens, Saphir, „Dumme Briefe“, und Oettinger „fashionable Dummheiten“ herausgegeben! Wahrlich man spricht vom Einfluß, den der Staat auf die Literatur haben soll. Hier wäre ein Feld, nicht bloß, um das Unkraut auszujäten, sondern gesundes Korn einzupflanzen. Warum gewinnen nicht edlere Naturen, die das Talent außerdem haben, populär zu sein, Raum für eine anständige, Deutschlands und Europas würdige berliner Journalistik? Dürften sich Mundt, Kühne, Laube, H. Marggraff u. A. in Berlin mit Behaglichkeit so, wie sie es zu wünschen scheinen, ergehen; die Gefahr der raffinirten Verwilderung, die zwei Drittheilen in Berlin droht, würde bald überwunden sein. Die Regierung hat Einiges gethan; sie hat studierte Leute für die Redaktionen verlangt. Sie muß aber noch mehr thun.

Laube darf mir nicht übel nehmen, wie ich von seinen Reisenovellen auf die Eckensteher abschweifen konnte. Was braucht’ er auch diese Sphäre zu berühren!

Der letzte Theil seines Buches enthält quellengemäße und hier zum erstenmale gedruckte Briefe Göthes an F. A. Wolf und viel Merkwürdiges über Weimar und den Inhalt der dortigen Mausoleen. Süddeutschland wird sehr im Fluge und bei Novemberregenwetter bereist. Die Nebel, die die Fernsichten decken, veranlassen den Autor zu hübschen Novelletten, die er bunt auf die Fenster des Postwagens malt. Wo die Natur nichts bietet, läßt Laube die Geschichte sprechen. So fehlt es hier an Abwechslung nicht.

Laube will mit diesem Buche nicht bloß eine Dichtungsweise, sondern selbst einen Lebensabschnitt schließen. Sein „junges Europa“ wird in kurzer Zeit, gleichfalls vollendet, dem Schluß der Reisenovellen nachfolgen. Was uns der neue Lebensabschnitt bringen wird, erfahren wir wohl zu seiner Zeit. Erscheint der Rest des jungen Europa, so werden wir alle Hülfsmittel beisammen haben, um einen vollständigen Rückblick auf die bisherigen Leistungen eines Schriftstellers zu werfen, der durch sein Talent wie durch sein Schicksal dem öffentlichen Interesse gleich merkwürdig geworden ist.

Apparat#

Bearbeitung: Wolfgang Rasch, Berlin#

1. Textüberlieferung#

1.1. Handschriften#
1.1.1. Übersicht#

Es sind keine handschriftlichen Überlieferungsträger bekannt.

1.2. Drucke#

Gutzkows Rezension von Laubes "Neuen Reisenovellen" (2 Bde., Mannheim, 1837) erschien zuerst 1837 in "Beurmann's Telegraph". Gutzkow übernahm die Arbeit im Jahr darauf in seinen Sammelband Götter, Helden, Don-Quixote, wo sie den letzten Textbaustein des aus drei Rezensionen zusammengesetzten Beitrags H. Laube bildet, der sich im zweiten Abschnitt des Buches unter Helden (S. 235-270) findet. Die Rezension wurde nahezu unverändert übernommen. Nur der Schlußabsatz wurde fast vollständig umgearbeitet und für die Buchfassung ergänzt und aktualisiert.

J K[arl] G[utzkow]: Laubes neue Reisenovellen. In: Beurmann's Telegraph. (Neueste Folge.) Frankfurt/M. Nr. 50, [25.] September 1837, S. 393-397. (Rasch 3.37.09.25)
E H. Laube. In: Karl Gutzkow: Götter, Helden, Don-Quixote. Abstimmungen zur Beurtheilung der literarischen Epoche. Hamburg: Hoffmann u. Campe, 1838, S. 256-268. (Rasch 2.17.2.9)

2. Textdarbietung#

2.1. Edierter Text#

J. Der Text folgt in Orthographie und Interpunktion unverändert dem Erstdruck. Textsperrungen werden übernommen. Silbentrennstriche (=) werden durch - wiedergegeben. Die Seitenzählung wird mit Klammern [ ] an den betreffenden Stellen in den Text eingefügt.

Die Liste der Texteingriffe nennt die von dem Herausgeber berichtigten Druckfehler sowie die Emendationen. Fehlende oder überzählige Spatien im Erstdruck wurden stillschweigend korrigiert.

2.1.1. Texteingriffe#

1,12-13 Verwandtschaft Verwandschaft

4,18-19 übersetzt. übersetzt

6,14-15 "junges Europa" junges Europa"

Kommentar#

Der wissenschaftliche Apparat wird hier zu einem späteren Zeitpunkt veröffentlicht.