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Der Roman und die Arbeit#

Metadaten#

Herausgeber
  1. Wolfgang Rasch
Fassung
1.1
Letzte Bearbeitung
14.02.2020
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Text#

702 Der Roman und die Arbeit.#

Es ist Pflicht, gleich im Beginn ihrer Verbreitung falschen Begriffen entgegenzutreten; denn nur zu bald stehen sie fest und richten Verwirrungen an.

Ein solcher falscher Begriff ist die neuerdings so ausdrücklich hervorgehobene Verweisung des Romans auf die Arbeit. Nur da solle der Roman verweilen, wo das Volk arbeite! Läßt man diese Lehre aufkommen, so würde sie uns die Romanliteratur zum unerquicklichsten Genusse verwandeln.

Gewiß ist es wahr, daß der alte deutsche Roman und die beiden von Goethe gegebenen classischen Muster den Roman von der Arbeit zu sehr entfernt hatten. Man schilderte nur zu oft Menschen, die, ihren Träumen und Hirngespinnsten nachgehend, ihren Gelüsten und Empfindungen lebend, kaum der wirklichen Welt angehörten. Die erste Bedingung dieser Welt ist der Kampf des Einzelnen mit dem Allgemeinen, die Stellung des Geistes zur Materie. Jene Goethe’schen Gestalten aber und die meisten von Jacobi, Jean Paul und Andern, die bis auf den heutigen Tag die von Jenen aufgestellten Persönlichkeiten variirten, scheinen allerdings nur von der Luft zu leben. Sie sind nichts, thun nichts, sie reflectiren nur und folgen den Eingebungen, die ihnen der Dichter gibt, um irgendeine seiner allgemeinen Wahrheiten zu beweisen. Man hat schon oft gesagt und konnte es bis auf die neueste Zeit, z. B. bei den Romanen der Hahn-Hahn, wiederholen, hätten alle die von diesen Autoren aufgestellten Persönlichkeiten, so wie wir, ihre uralt hergebrachte Lebenssorge gehabt, sie würden nicht den Wirrwarr erlebt haben, in welchen sie als verwickelt dargestellt werden.

Von diesen idealen Flaneurs zur Anempfehlung der Arbeit als ausschließlichen Hebels der Romanenwelt ist aber ein gewaltiger Sprung.

Der Roman soll uns Menschen schildern, die dem Leben angehören, und da das Leben zum überwiegenden Theile nicht ohne Arbeit besteht, so soll man auch den Menschen des Romans ansehen, daß sie den allgemeinen Gesetzen unserer Lebensordnung nicht entrückt sind. Sie müssen in den Bedingungen unserer bürgerlichen Ordnung wurzeln; und haben sie nicht nöthig, sonst noch etwas Anderes zu thun, als wozu sie der Dichter im Interesse seines Themas verbraucht, so muß von ihnen diese Berechtigung bewiesen werden. Ungesagt aber darum bleibt, daß ihr Erwerb selbst der Gegenstand des Romans zu sein braucht; ungesagt, daß der Roman nur noch Berechtigung haben dürfe bei den Werkstätten des Schaffens, der Mühe und der Sorge.

Den Roman an die Welt der Arbeit verweisen heißt ihn in seiner ganzen Natur aufheben; denn es ist gerade das Wesen des Romans, die Wochentagexistenz des Menschen gleichsam beiseite liegen zu lassen und seinen Sonntag zu erörtern. Wir verstehen unter Sonntag die Offenbarung seiner poetischen Natur, sei es nun im Leiden oder im Handeln. Der ewige Sonntag jedes Menschen ist sein Lieben, sein Gefühl für Freundschaft, seine Religion, sein Geschick. Es 703 kann ihm dieser Sonntag, und wär’ es ein ihn nur verklärender Kummer oder die Märtyrerschaft der Noth manchmal aus und mit der Arbeit entstehen, aber die Arbeit kann ebenso auch nur ganz äußerlich neben seinem Empfinden, Wünschen und Hoffen herlaufen. Der Sonntag des Menschen, der dem Romandichter gehört, ist ein Drittes, das über dem allgemeinen Leben und der besondern Existenz schwebt; der Sonntag sind die Bezüge des Lebens. Schon daß das so wenig an der Arbeit unmittelbar betheiligte Weib die das Romangetriebe in Bewegung setzende Unruhe ist, beweist, daß der Romandichter vom praktischen Menschen nur ein Stück in Anspruch zu nehmen braucht.

Daß man in neuerer Zeit bei arbeitenden Menschen viel Poesie gefunden hat, kann nicht die Lehre aufstellen lassen, der Roman hätte nicht mehr den Menschen in seiner träumenden und idealen Neigung zu schildern. Wir würden das Feld der Poesie auf unverantwortliche Art begrenzen, wenn wir jeden Roman, der sich noch mit Glaube, Liebe, Hoffnung, mit dem Herzen und der Phantasie beschäftigt, jeden Roman, der die ideale Natur des Menschen vorzugsweise erörtert, discreditiren wollten mit dem Motto: „Der neue Roman soll den Menschen bei der Arbeit aufsuchen.“ Im Gegentheil, er soll zwar immer den arbeitenden Menschen im Allgemeinen schildern, d. h. den an die Bedingungen äußerer Existenz gebundenen, aber er soll an ihm Das hervorheben und zur Sprache bringen, was mit der Arbeit nichts oder nur sehr wenig zu thun hat.

Man ist auf diese Empfehlung der Arbeit nicht blos durch die Unwahrheit der idealen Wilhelm-Meister-Sphäre gekommen, sondern auch wahrscheinlich durch Das, was in neuerer Zeit vorzugsweise die „Dorfgeschichten“ für eine tiefere Anlage der Charakterzeichnung gethan haben. Aber gerade die „Dorfgeschichten“ beweisen die Gefahr des neuen Satzes. Solange sie genrebildliche Züge aus dem Leben der Bauern hervorhoben, solange sie den ewigen Sonntag aller Menschen, ob nun des Menschen im besternten Hofkleide oder im Bauernkittel, zum Gegenstande des Romans wählten, konnten sie fesseln, nicht aber, als sie den Roman der wirklichen Bauernarbeit anbahnen wollten. Solange die Dorfgeschichte eine allgemeinmenschliche Wahrheit ausdrückte, war ihr der Genius der Poesie nahe. Die Poesie aber würde verschwinden, wenn wir die höchstens episodisch zu verbrauchenden Zustände des Bauernlebens mit Selbstzweck geschildert sehen sollten z. B. da, wo es sich um Erbschaftstheilungen bei Bauergütern, um Brandversicherungen, um ihre Folgen und Aehnliches ganz und gar dem Bauernhofe und der Wirthshauschronik Zugehöriges handelte.

Nehmen wir den Kaufmannsstand. Auch er hat seine Poesie. Er hat eine negative Seite des Träumens, die Freiligrath einst unter Colonialwaaren zum Sänger von Länder- und Völkerkunde machte; er hat eine positive Seite des Ringens und des Erwerbs. Aber dies Gebiet ist für die Poesie sehr eng. Will man es erschöpfen, so wird man bald monoton werden. Glaubt man gar die Poesie des Kaufmannsstandes im großen Stile fassen zu können, so wird man in die Nähe Iffland’s kommen. Die Poesie des Handwerkers ist weiter; eine Spitzenklöpplerin, ein Steinschneider, eine Nähterin, ein Meister und Gesell in jedem Gewerbe bieten, da sie in freier Arbeit Werthe schaffen, mannichfache Abwechselung; ein Kaufmann aber, dessen Wirken Speculation ist, wird uns wol Mitleid abgewinnen können, wenn sich die ihm nothwendigen 20 Procent nicht ergeben wollen, aber dies Mitleid kann nie ein erhebendes werden. Der Kaufmann beutet die Verlegenheiten des Bedarfs aus und es liegt auch eine ganz hergebrachte Ehrlichkeit in seinem Gewerbe; man kann aber nicht ergriffen sein von seiner Rührigkeit, noch weniger, wenn ihm etwas mislingt, mehr empfinden als ein allgemeines Bedauern.

Die Arbeit in Ehren, aber zur Poesie dränge sie sich nicht ungestüm! Sie stoße nicht, Lastträgern des Packhofs gleich, den sinnenden Träumer an den Kopf. Der deutsche Roman vollends hat die erwiesenste Berechtigung, noch immer in seiner alten Sphäre der Idealität zu bleiben. Unser Volk wird sich seinen innersten Trieb zu einem höhern Culturleben nicht nehmen lassen, und mag auch die Materie sich mit Dampf, Elektricität und Börsenschwindel noch so geltend machen, Romane, die sich mit Gegenständen des Glaubens, der Liebe, des Hoffens beschäftigen, werden uns und allen Nationen immer berechtigt bleiben, vorausgesetzt, daß sich in ihnen die Schicksale solcher Menschen kreuzen, die wenn auch keineswegs ganz real sind, doch die Elemente der Realität in sich tragen. Denn auch diese Freiheit bleibe dem Dichter unbenommen, sich wie Prometheus Menschen zu schaffen nach seinem Bilde; d. h. Menschen, die nur aus den allgemeinen Grundstoffen der ewigen Menschennatur gewoben und keineswegs Daguerreotypen einer alltäglichen Wirklichkeit sind.

Apparat#

Bearbeitung: Wolfgang Rasch, Berlin#

1. Textüberlieferung#

1.1. Handschriften#
1.1.1. Übersicht#

Es sind keine handschriftlichen Überlieferungsträger bekannt.

1.2. Drucke#
J [Anon.:] Der Roman und die Arbeit. In: Unterhaltungen am häuslichen Herd. Leipzig. Bd. 3, Nr. 44, [4. August] 1855, S. 702-703. (Rasch 3.55.08.04.2)

2. Textdarbietung#

2.1. Edierter Text#

J. Der Text folgt in Orthographie und Interpunktion unverändert dem Erstdruck. Textsperrungen werden übernommen. Silbentrennstriche (=) werden durch - wiedergegeben. Die Seitenzählung wird mit Klammern [ ] an den betreffenden Stellen in den Text eingefügt.

Kommentar#

Der wissenschaftliche Apparat wird hier zu einem späteren Zeitpunkt veröffentlicht.