Liebesbriefe. Novelle von Heinrich Laube#

Metadaten#

Herausgeber
  1. Wolfgang Rasch
Fassung
1.1
Letzte Bearbeitung
14.12.2019
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Text#

598 79) Liebesbriefe. Novelle von Heinrich Laube. Leipzig, O. Wigand. 1835.#

Alphons schreibt an Blanka. Alphons ist von hoher Geburt; er darf es wagen, mit Prinzen und Grafen zu rivalisiren. Das Karlsbader Wasser muß eigne Wirkungen haben; unser Dichter pflegt alle seine Erfindungen, die auf freiere Ansichten des gesellschaftlichen Lebens sich gründen, nach Karlsbad zu verlegen. Vielleicht langweilt man sich zwischen den Bergen: kurz Alphons liebt Blanka; aber die Briefe, die er ihr schreibt, sind voll von Bouquets und Zärtlichkeiten, die er an andre Damen gibt und von ihnen nimmt. Alphons säuselt, ein gewissenloser Zephyr, von einer Blume zur andern, und bricht soviel Blüthe ab, als der Augenblick zuläßt. Die Comtesse lächelt ihm zu, Franciska darf er im Bade überraschen, die Baronin scheint sich ihm selbst anzubieten. Alphons beichtet an Blanka Alles, auch wie er selbst noch andre Göttinnen liebe neben Blanka. Arme Blanka! Sie girrt ihm die zärtlichsten Sendschreiben zu: Alphons ist so grausam, diese heimliche Correspondenz für die Anerbietungen der Baronin zu halten. Das Alter und die Erfahrung, in Gestalt eines Onkels, müssen dazwischen treten, um hier das Brechen eines Herzens, dort eine Thorheit zu verhindern. Eine List entfernt Alphonsen von dem Karlsbader Strudel: er hat den Venusberg im Rücken und macht seine Toilette, um mit Blanka vor den Altar zu treten.

Dies ist der einfache Rahmen eines Gemäldes, das Laube mit liebenswürdigen, leidenschaftlichen Farben, mit weltlicher Routine und mancherlei Thorheit ausgeführt hat. Wir sehen die Eigenthümlichkeit dieses Dichters immer deutlicher ausgeprägt. Laube ist die beste Repräsentation des Modernen, die wir in unsrer Literatur haben. Es ist ein Autor, der fortwährend auf jenem äußersten Rande, wo Wirklichkeit und Spekulation gränzen, in der Schwebe sich zu erhalten sucht: Laube, der noch im Ungewissen ist, wie die Griechische Nacktheit mit Pariser Mode verbunden werden soll; Laube, der in Gang, Miene, Haltung, in weißer Wäsche und den Schleifen der Cravatte die unverständliche Sprache des Weltgeistes entdecken möchte; Laube, so unendlich liebenswürdig und so abscheulich kokett. Wir haben in unsrer Literatur keinen Tirailleur, der so weit voran und verloren steht, der so wenig entscheidet und doch so viele treffliche Schüsse zielt. Wer in der jungen Literatur möchte es wagen, wie Laube so mit der blauen Luft zu parlamentiren, die kleinen Fäden einer kaum angesponnenen Zukunft künstlerisch zu verflechten, und von einer Revolution unserer socialen Verhältnisse nur das Zufälligste, Äußerlichste in der Form zu verarbeiten! Laube opfert sich einem Ideale, das Tausende mißverstehen und auf Rechnung seines Wesens bringen werden: ja er opfert sogar dem Ideale die Kunst auf, die er glühend sucht, und die ihn immer flieht, die Kunst, welche dieses Autors Lebensprincip ist, und sich in seinen wirren, stylistisch und der Anlage nach regellosen Schriften nur in kleinen Details, in Torsoresten offenbaren will.

Oder sollte die Mischung von Interesse und Mißbehagen, welche Laube’s Dichtungen in uns erzeugen, ihren Grund in jener Tendenz haben, welche Laube die Emanzipation der Liebe nennt? Sehet da, in welche Tiefen sich die Regungen des Gemüths verlieren. Wir schwärmen für eine Erlösung der Menschheit aus den Banden der Convenienz und des Vorurtheils, wir kämpfen gegen die Institutionen, welche den Gottesdienst 599 der Natur verdrängen, wir wollen die Liebe vom Gesetze trennen, und die Wahl bis zum Besitze ohne Zwischenraum lassen; und doch pausirt eiskalt der schlagende Puls, wenn eine solche Rücksichtslosigkeit, wie die Laube’s, mit Schmetterlingsflügeln an uns vorüberschwirrt. Man sieht, wie sehr diese Emanzipationsstudien doch immer nur der isolirteste Dilettantismus des Individuums sind. Man möchte Alle befreien, aber nur für sich. Der eine Despotismus scheint nur den andern ablösen zu wollen. Ach, auch diese beanstandete und verbotene Autorschaft ist ein Cultus, der über das Papier sich hinauslehnt, und seine Grundsätze immer mit Anwendungen verwechselt, welche uns aufbringen können, wenn sie von Andern gemacht werden. Bei allem Polytheismus in der Liebe wird man doch immer nur an eine Göttin glauben, wenn sie nämlich der Gegenstand fremder Bewerbungen wird.

Laube’s Vorzug in schönen Details bewährt sich auch in dieser kleinen Pièce. Seine Kosmetik, sein Emanzipationsevangelium wird bei Weitem von jenen Zufälligkeiten überboten, die zwischen den wilden und häkligen Gebüschen seiner Phantasie aufwuchern. Laube denkt und erzählt geläufig; überall steigen ihm aber Nebenbemerkungen auf, er kann keinen Ausdruck, keine Anschauung im hergebrachten Sinne adoptiren, ohne sie zu prüfen, und mit der stereotypen Phrase einzulenken: „Ich liebe solche - Ich hasse solche -“. All’ diese hübschen Beobachtungen über Geselligkeit, Benehmen, Gewohnheiten, über die Stände und ihre Vorurtheile ziehen das Interesse fast immer von der prekären Fabel ab, und entschädigen für die sonderbaren Touren und Verschlingungen seiner Dichtungen, die nur für den Interesse haben, welcher sie mitzutanzen Gelegenheit hatte.

Die Dedikation an den Fürsten Pückler-Muskau ist anständig und höflich.

Apparat#

Bearbeitung: Wolfgang Rasch, Berlin#

1. Textüberlieferung#

1.1. Handschriften#
1.1.1. Übersicht#

Es sind keine handschriftlichen Überlieferungsträger bekannt.

1.2. Drucke#

Gutzkows Rezension von Laubes Novelle "Liebesleben" wurde zuerst 1835 im "Literaur-Blatt" zum "Phönix" veröffentlicht. Für seine 1836 erschienenen Beiträge zur Geschichte der neuesten Literatur übernahm Gutzkow aus dieser Rezension nur eine kurze Passage, die er im Abschnitt Roman ohne Überschrift einfügte.

J [Anon.:] Liebesbriefe. Novelle von Heinrich Laube. In: Phönix. Literatur-Blatt. Frankfurt/M. Nr. 25, 27. Juni 1835, S. 598-599. (Rasch 3.35.06.27.2)
E Roman. In: Karl Gutzkow: Beiträge zur Geschichte der neuesten Literatur. Stuttgart: Balz, 1836. Bd. 1, S. 350-351. (Rasch 2.13.1.7)

2. Textdarbietung#

2.1. Edierter Text#

J. Der Text folgt in Orthographie und Interpunktion unverändert dem Erstdruck. Textsperrungen werden übernommen. Silbentrennstriche (=) werden durch - wiedergegeben. Die Seitenzählung wird mit Klammern [ ] an den betreffenden Stellen in den Text eingefügt.

Kommentar#

Der wissenschaftliche Apparat wird hier zu einem späteren Zeitpunkt veröffentlicht.