Unsere gegenwärtige Literatur#

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Herausgeber
  1. Wolfgang Rasch
Fassung
1.1
Letzte Bearbeitung
14.02.2020
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Text#

399 Unsere gegenwärtige Literatur.#

Bei aller gereiftern Formvollendung, die man unserer neuern deutschen Poesie auf manchen Gebieten einräumen darf, hat man ihr doch den entschiedenen Vorwurf einer auffallenden Inhaltlosigkeit zu machen.

Ein Rückblick auf die vergangenen Zeiten beweist, was wir meinen. In der classischen Periode sowol wie in der romantischen war die schöne Literatur die Vermittelung eines für die Nation im Großen und Ganzen wichtigen Inhalts. Es wurden durch die großen Talente nicht nur neue Formen der Darstellung gewonnen, sondern auch Thatsachen zum lebendigsten Ausdruck gebracht; Thatsachen, die mit dem öffentlichen Geiste, seinem Gähren, Entwickeln, Kämpfen und Sichbewähren im innigsten Zusammenhange standen. Man kann Namen wie Klopstock, Lessing, Herder, Goethe und Schiller nicht nennen, ohne nicht damit auch zugleich Capitel der Culturgeschichte zu bezeichnen. Noch die romantische Periode drückte in ihren Romanen, Dramen, lyrischen und epischen Gedichten einen innigen Zusammenhang mit dem allgemeinen Geiste der Zeit aus. Man wandte sich damals von französischem und antikem Geschmack zu einem germanisch-mittelalterlichen, man wandte sich vom deistischen Glauben zur Philosophie, ja zum Christenthum selbst zurück; man huldigte auch in der Literatur der Geschichte und den Erinnerungen unsers Volks, die nach Bau-, Bild- und Schriftwerken gesammelt wurden. Mit dem Sturze der Fremdherrschaft begann aber schon 1815 jene Inhaltlosigkeit einer sich gleichsam nur selbst befruchtenden Literatur. Der starke, volle Ausdruck einer ringenden Gedankenwelt hörte auf dem reinpoetischen Gebiete auf. Die Talente wurden immer schwächer und ihre Leistungen für die Nation im Großen und Ganzen bedeutungsloser. Man nennt jene Zeit einer auslaufenden größern Periode und eines keineswegs neu wieder nachwachsenden Ersatzes die Restaurationsliteratur. Sie wurde von der Bewegungsliteratur, die in mannichfachen Erscheinungen mit dem Jahre 1830 anbrach, in ihrer innern und äußern Haltlosigkeit mit allen Waffen der Kritik und des Spottes bekämpft; ja man versuchte auch schon wieder, die Poesie zum Ausdruck der allgemein die Zeit bewegenden Ideen zu machen (Tendenzpoesie); indessen theils die mangelnde Unterstützung durch große Talente, theils die Kraft noch vorhandener älterer Literaturreste, theils die Verfolgung der Regierungen und die immer schwieriger sich gestaltende Lage des gedruckten Buchstabens, den öffentlichen Thatsachen gegenüber, hinderte, daß die Poesie wieder in jener alten Kraft und Stärke sich offenbarte, die sie einst zu einem nothwendigen und nicht zu umgehenden Dolmetscher des allgemein Bindenden in der Zeit und der Bildung gemacht hatte. Die Folge dieser immer mehr zunehmenden, von kritischen, abgünstigen Organen noch geförderten Isolirung und Vereinzelung der neuen Literatur ist nun die, daß wir nachgerade zwar in formeller Hinsicht sehr viel Schönes auf allen Gebieten der poetischen Darstellung geleistet sehen, aber im Ganzen genommen eine bis zur Armuth gehende Inhaltlosigkeit unserer neuesten Poesie nicht verschweigen können.

Sehen wir uns nur um und fragen wir in allen Gebieten der Dichtkunst nach dem so zu sagen auf ihnen verarbeiteten Stoffe. Es ist der willkürlichste und zufälligste. Was ist die Richtung unserer Zeit im Drama? Man würde in Verlegenheit kommen, wenn man für alle die hier und da auftauchenden Talente, die für die Bühne dichten, ein charakteristisches Merkmal angeben wollte. Im Allgemeinen kann man sagen, die meisten dieser Poeten wollen eben nur Poeten sein. Das ist die Stereotype des Tages geworden. Ein ursprünglicher, naturwüchsiger Dichter, eine hohe Begabung, eine Urkraft u.s.w., das sind die Kennzeichen, die man in den Zeitungsberichten und Feuilletons zu verbrauchen pflegt, wenn es sich darum handelt, Werke von einer gewissen Bedeutsamkeit der Absicht, einer gewissen Frische und Wärme der Ausführung anzukündigen und im Uebrigen hinzufügen zu müssen, das Gegebene wäre eben doch nur der Anfang eines noch Kommenden, der Vorschmack eines noch zu Erwartenden. Im Roman erlebten wir die erquickende, reizende Erscheinung der „Dorfgeschichte“. Man erwartete einen Umschwung der Literatur von ihr und es ist nur ein Genre zurückgeblieben; ja, es ist noch weniger zurückgeblieben, nur eine Mode, die nur noch bei den Meistern und ersten Tonangebern dieser Darstellungsweise und auch bei diesen 400 nur bei wirklichem Verdienst der Erfindung*) gefällt, bei Nachahmern aber nicht mehr zu genießen ist. In unserer Lyrik hat jede nähere Bestimmung des Inhalts aufgehört, wenn man nicht den forcirten Ruf einiger Reimereien im Geschmack des „Westöstlichen Divan“ für den Anklang eines neugefundenen reellen Inhalts nehmen will. Kurz wir würden in Verlegenheit gerathen, wenn wir von Dem, was unsere gegenwärtige schöne Literatur in Deutschland ausdrücken will, bestimmte Kennzeichen angeben sollten.

Man kann die Schuld dieser, mit dem allgemeinen hochpoetischen Gebahren in so auffallendem Widerspruch stehenden Gedankenleere nicht auf das Publicum allein werfen, so sehr dies auch an ihr mit betheiligt ist. Die Furcht vor dem Gedanken ist nur Parteisache und zwar immer nur Sache der entgegengesetzten Partei; wo der rechte Gedanke der Partei getroffen wird, entzieht sie sich der Anerkennung keineswegs. Die conservative Partei hat sich mit großer Begeisterung auf Alles geworfen, was der Inhalt ihrer eigenen Strebungen auch innerhalb der Poesie geworden ist. Da gibt es Soldatenlieder von Zedlitz, Schlachtenbilder von Scherenberg, absolut reactionäre Harmlosigkeiten wie die Gedichte von Geibel, die Märchen von Putlitz; da gibt es ein gefeiertes und fast zum Ausdruck unserer ganzen weichlichen Epoche gewordenes Werk: „Amaranth.“ Wie sieht es aber schon mit den Gegensätzen dieser Parteien aus? Rudolf Gottschall und Karl Beck haben leider ihre eigene Partei ästhetisch nicht so befriedigen können, um sie mit dem vollen, ganzen Mandate einer poetischen Anwaltschaft huldigend betrauen zu dürfen.

Speculation, originelle Erfindung, muthiges Behaupten und Verkünden einer eigenen Welt- und Lebensanschauung ist in unserer Poesie jetzt sehr wenig vorhanden. Ein leider, wie wir hören, nicht befriedigend ausgefallenes Gedicht „Demiurgos“ von W. Jordan steht ziemlich allein. Das Wählen dramatischer Stoffe z. B. ist nicht im mindesten neu und überraschend. Man greift nach einer Episode aus der Bibel, nach einer Mythe des Alterthums, nach einer alten Sage, wie Agnes Bernauer, u. dergl., stutzt diese Aufgaben mit an sich achtbarem Talent auf, ohne daß darum auch nur die leiseste Strömung der Zeit bedingt wird. Von eigener Erfindung ist auf diesem Gebiete selten noch die Rede. Man ahmt Shakspeare in der Aufstellung irgend einiger ungeheuerlicher Charaktere nach und sucht von seinem ursprünglichen, meist lyrischen Dichtergemüth in die Reproduction der überlieferten und adoptirten Stoffe so viel Reiz und Haltung wie möglich zu bringen. Reicht aber das Alles, so Achtbares dabei jeweilig zu Stande kommt, aus? Kann noch so viel vereinzelte Sinnigkeit mancher Idee und hier und da der Ausführung jene gewaltige Wirkung der Individualität ersetzen, die z. B. bei Schiller und Goethe uns immer erst die Dichterkraft selbst vergegenwärtigt und dann fast an zweiter Stelle erst das Thema, das sie gerade gewählt hatten? Wer als objectiver Dichter wirken will, muß erst eine Periode der starken Subjectivität gehabt haben, und einer jedenfalls bedeutendern Subjectivität, als die sich im lyrischen Gedichte allein zu erkennen geben kann.

Dem zur Dorfgeschichte verklärten Genrebild verdanken wir eine große Umwälzung unserer zu abstract gewordenen Poesie. Aber das fortwährende Anlehnen an das Gegebene, das im Gefolge der Dorfgeschichte eintreten mußte, kann die Gefahr bringen, die Poesie auch an das Gegebene so zu binden, daß ihr die Idealität verlorengeht und sie statt Erfindung nur noch Verknüpfung bringt.

Eine Literatur bekommt nur erst dann Inhalt, wenn die Dichter die Werke, die sie liefern, als nothwendige Fortsetzungen ihrer Entwickelung geben und wenn sie die Stoffe nicht aufzugreifen scheinen, um an ihrer Wirkung eben nur ihr Talent zu zeigen, sondern um mit ihnen etwas zu beweisen, was ganz außerhalb des gewählten Stoffs an sich eine Nothwendigkeit entweder für die Welt oder wenigstens für sie und ihre eigene Individualität ist. Solcher Autoren, mit denen, wenn sie heute stürben, der ganzen Nation, wenn auch nur auf einen Augenblick, eine Ader ihres eigenen Lebens zu stocken scheinen würde, haben wir sehr wenige.

Apparat#

Bearbeitung: Wolfgang Rasch, Berlin#

1. Textüberlieferung#

1.1. Handschriften#
1.1.1. Übersicht#

Es sind keine handschriftlichen Überlieferungsträger bekannt.

1.2. Drucke#
J [Anon.:] Unsere gegenwärtige Literatur. In: Unterhaltungen am häuslichen Herd. Leipzig. Bd. 1, Nr. 25, [18. März] 1853, S. 399-400. (Rasch 3.53.03.18)

2. Textdarbietung#

2.1. Edierter Text#

J. Der Text folgt in Orthographie und Interpunktion unverändert dem Erstdruck. Textsperrungen werden übernommen. Silbentrennstriche (=) werden durch - wiedergegeben. Die Seitenzählung wird mit Klammern [ ] an den betreffenden Stellen in den Text eingefügt.

Kommentar#

Der wissenschaftliche Apparat wird hier zu einem späteren Zeitpunkt veröffentlicht.