Ein Besuch bei Göthe#

Metadaten#

Herausgeber
  1. Wolfgang Rasch
  2. Madleen Podewski
Fassung
1.2: Korrektur
Letzte Bearbeitung
12.05.2021

Text#

9 Ein Besuch bei Göthe.#

Nicht beim lebenden, sondern bei seinem Grabe, bei den welken Herbstblättern, die im Park von Weimar liegen, bei seinen Münzen und optischen Täuschungsvorrichtungen, bei dem verrostenden Ehrenbecher, den ihm Frankfurt vor Jahren schickte, bei den aus Tiefurths Wiesen dampfenden Herbstnebeln und dem Ufer der gutmüthigen Ilm, an welches einst Göthe seine unglücklichen Gelegenheitsdichtungen anknüpfte. Aus Busch und Baum, von jeder Höhe, aus jeder architektonischen Verzierung der öffentlichen Gärten um Weimar brannte mir Göthe’s Geist entgegen. Wo ist hier etwas, das er als Künstler nicht mitschaffen half, oder als Geschäftsmann nicht wenigstens begutachtet hätte? Schon bei der ersten Einfahrt in Thüringens Berge mit rothem Fuß und grünem Tannenwipfel, in Eisenach und überall, wo man weimarische Husaren trifft, konnt’ ich mich nicht enthalten, in Allem Göthe’s grabende, messende, nivellirende Hand, seine Gärtnerhand zu entdecken, oder wenigstens die Eindrücke zu vergleichen, die Frankfurts stolzvornehme Lage am Maine einst auf den Patriziersohn machen mußte, als er den üppigen italiänischen Horizont seiner Vaterstadt mit den Höhen und Thälern Thüringens vertauschte und gen Weimar hin Gesichtspunkte bekam, die immer enger und begränzter wur-10den, einen so kleinen, beängstigenden Horizont. O wie lange schwimmt über die Umarmung des Rheines mit dem Maine hin die Sonne, ehe sie dem Andächtigen auf der Brücke in Frankfurt untergeht; und wie schnell ist sie in Weimar verschwunden! Sie duckt sich hinter eine Fichte, und ist fort. Und in diesen Schranken war Göthen so wohl. Hier hatte er überall eine kleine Felswand, um seine Phantasmagorieen daran zu gaukeln, eine kleine Quelle, die er zum Niagarasturze dichten konnte, überall einen Bach, der ihm das Weltmeer scheinen durfte, Duodeztempel, die er sich auf klassischen Boden träumte, kleine Laubgänge im Belvedere, die ihm Belriguardo dünkten und ein Naturtheater aus gestutzten Baumhecken, aus dem er sich einen dramatischen Dionysostempel Griechenlands entnehmen durfte. Göthe war so an diesen kleinen Horizont mit den Jahren gebannt, daß er eines Tages, im höchsten Unwillen über eine vermeintliche Zurücksetzung des Hofes, ein Glas nach dem andern herunterstürzend, mit seiner Gigantenfaust auf den Tisch schlug, alles darauf zittern und klirren machte und ausrief: Kommt das noch einmal vor, so bin ich des hiesigen Treibens satt, setze mich in meinen Wagen und reise – wohin denkt ihr wohl? Nach Rom, Neapel, nach irgend einem Tomi in der Schweiz? Nein, Göthe’s Riesengeist war so von diesen kleinen Verhältnissen umsponnen, daß er nur sagte: – und reise nach Jena.

Indessen giebt es wohl zur Stunde noch keine Stadt in Deutschland, wo die Literatur so frei und behaglich Athem schöpfen dürfte, als Weimar. Die Luft ist hier mit den klassischen Namen der Nation geschwängert. Die Lohnbedienten und die Gasthöfe leben von dem Tafelabhub, der vom frühern Göttergastmahl der Literatur hier übrig geblieben ist. Könnten wir nur wieder einen berühmten Mann hierherziehen! sagte mein Lohndiener, und ich schlug ihm vor, Subscribenten zu sammeln und etwa Männer wie Raupach oder Rellstab einzuladen. Er schrieb sich die Namen auf und betreibt vielleicht schon im Geheimen meinen guten Rath. Die Literatur ist in der That in Weimar Etwas, das zum Ganzen, zum Staate, mitgehört. Der Hof selbst ist noch unschlüssig: soll er’s machen, wie alle andern Höfe und seine Begriffe in zwei nackte Gegensätze auflösen: Legitimität und Demagogie; oder soll er der Göthe’schen Schule Ehre machen und 11 die Literatur mit ihren kleinen poetischen Blumenkränzen und großen Etikettenverstößen wieder zum Handkuß lassen? Noch ist Göthe’s Name mit einigen Würdeträgern des Hofes verwandtschaftlich verbunden. Noch lebt Stephan Schütze in Weimar! Noch arbeiten Staatsminister am Taschenbuch der Liebe und Freundschaft mit. Ohne Scherz, die Fürstin ladet alle vierzehn Tage bei sich ein, was sich in Weimar und Jena von Literatur nur auftreiben läßt. Novellen werden vorgelesen und Theorien über das Schöne. Von Weimar kommt die Produktion, von Jena die Kritik und das System. Stoff zu einem geistigen höhern Wirken, das sogar die Freude hätte, sich an Gegebenes lehnen zu dürfen, ist genug in Weimar da; wer ihn nur zu bemeistern wüßte!

Viele Schriftsteller haben eingestanden, daß sie zitterten, als sie Göthe besuchten. Ich gestehe aber, nur Willibald Alexis in dieser Lage begriffen zu haben; denn dieser kehrte bekanntlich auf dem Wege zu Göthe vor Angst wieder um, und sah ihn nicht. Wer aber einmal das schlichte Haus, das Göthe bewohnte, und die auffallend kleinen Dimensionen, in welchen die Treppe und die obere Hausflur gehalten sind, sahe; wie kann der nicht Muth gefaßt und sich gestanden haben, daß diese Umgebungen ganz nach der petite ville eingerichtet sind? Beängstigend für Besuchende sind große Treppen, weite Vorsäle, glattes Parquet; aber die Verhältnisse, die sich bei Göthe darboten, sind durchaus klein, die Decke des obern Stockes ist auffallend niedrig, die Zimmer haben eine beschränkte Ausdehnung, der Hof ist dunkel und mit fünf Schritten durchmessen, altes verfallenes Bauwerk lehnt sich daran; wie kann dies Alles nicht Muth machen, wenn es denn doch der Geheimerath seyn soll, und nicht der große Geist, vor dem man so besorgt ist! Ich wußte zwar, daß Göthe schon todt ist, war aber doch darauf gefaßt, ihn plötzlich aus einem Nebenzimmer treten zu sehen. Recht trotzig wär’ ich gleich in sein Inneres eingestiegen und hätte ihn da gefaßt, woran auch die Muse sich bei ihm halten mußte. Alles Uebrige, die Dekoration, Hinter- und Vordergrund, ist kleinlich.

Herr Kreuter zeigt jetzt die Göthe’schen Sammlungen und das Arbeitszimmer. Er war der letzte Sekretär des Seligen gewesen, und hatte am Zelter’schen Briefwechsel tüchtig mitge-12arbeitet. Er scheint Autodidakt, und erinnert ganz an jene Naturen, die Göthe in seiner Art tüchtige zu nennen pflegte. Zunächst zeigt dieser Mann, was Göthe an Knochen und Schädeln, Ehrengeschenken, Münzen, Gypsabgüssen, Zeichnungen, bunten Porzellanschüsseln, Mineralien und Autographen besaß. Eine Siegel- und Schmetterlingssammlung vermißt’ ich. Van Dyks Schädel steht neben dem eines Verbrechers, um den Adel der menschlichen Seele selbst noch in den Knochen nachzuweisen. Der Farnesische Stier ist öfters vorhanden, ein Bild der strotzenden Manneskraft. Ich weiß nicht, dieser prächtige Stier kam mir immer wie der verzauberte Göthe selbst vor. Nun Medaillen aller Art, um die Weltgeschichte darnach zu erklären; Zeichnungen von Göthe’s Hand, wo es mir auffiel, Dinge wiedergegeben zu finden, die Vielen gleichgültig erscheinen werden. Unter andern stellt eine Zeichnung nur ein schlichtes Gartenthor vor; und dennoch muß man gestehen, daß gerade nichts heimlicher auf den poetischen Sinn wirkt, als eine solche Einfahrt zu Räthseln und romantischen Abentheuern, die wir nicht lösen können, weil wir den Thorschlüssel nicht haben. Eine Zeichnung stellt Schiller’s Garten in Jena vor, und wenn es wahr ist, was Herr Kreuter behauptet, daß Göthe von einem dazu gehörigen Gartenhause, zu dem Schiller selbst den Riß entworfen, gesagt hätte: Es wäre Schillers bestes Werk; so ist dies eine jener aphoristischen Nüsse, welche die alten klassischen Herren so leicht hinwarfen, um das Publikum sich daran die Zähne zerbeißen zu lassen. Hätten wir, die wir nichts sind, das gesagt, man würde es trivial genannt haben.

Unter allen diesen mineralischen und ästhetischen Schätzen muß man gewesen seyn, um das zu verstehen, was Göthen die Welt und ihre Geschichte war. Würdet ihr es nicht möglich finden, daß ein Mann, der anerkannt den ersten und größten Diamanten in der Welt besäße, sich um alles Andere nichts kümmerte und seinen Stolz darein setzte, daß man, um etwas vollständig zu haben oder nur zu kennen, und wär’s auch nur die Edelsteinkunde, zu ihm kommen müsse? Habt ihr nicht Personen gekannt, deren ganze Wichtigkeit, die sie für Andere und sogar für sich selbst hatten, in irgend einer zufälligen Berührung mit Napoleon, in einer Verwandtschaft mit Werthers Lotten bestand? So giebt es Men-13schen genug, die ein ganzes Leben hindurch von der Notiz erhellen, daß sie etwa Nachkommen jenes Müllers sind, der Friedrich dem Großen den Effekt seines Sanssouci verdarb, oder daß sie diejenige Person sind, die Schiller unter seiner Laura verstand. So hatte Göthe um sich die kostbarsten Reliquien, Münzen, die bei Eckhel fehlten, Gemmen, die Lippert nicht kannte, Uralsteine, wo Alexander v. Humboldt erklärte, Loder, der sie geschickt, hätte sich damit „die Seele aus dem Leibe“ genommen. Konnte da Göthe nicht immer in der Illusion bleiben, daß trotz aller Zurückgezogenheit doch die Welt durch seine Sammlungen ergänzt werden müßte? Was Krieg und Friede, was Napoleon und der Zeitgeist, was Philhellenen und spanische Prätendenten; was selbst Rationalismus und Supernaturalismus – Göthe hatte seine Welt um sich, ein Gewühl von Beziehungen und Auslegungen, ein Chaos von Erinnerungen, Alterthum, mittlere, neuere Zeit. Was war ihm Wellington, was der Kreis der berühmtesten Heerführer der neueren Zeit! Er hatte ja von allen die Handschriften. Was Papst Gregor! Er hatte ja eine Münze von ihm. Ja, was war ihm der Regenbogen draußen in der nassen Luft? Er hatte ja in seinem Zimmer einen kleinen künstlichen sich machen gelernt, von Pappe, einer Glaskugel und einigen von seinem Garten hereinfallenden Sonnenstrahlen!

Auch dies Arbeitszimmer hab’ ich gesehen. Es ist allgemein bekannt, daß es ausnehmend einfach ist, ohne Sopha, nur mit eichnen unpolirten Stühlen und Tischen besetzt; aber weniger bekannt ist es, daß auch in dieser Einfachheit ein großer Luxus liegt. Wenigstens muß es für einen vornehmen Geist Genuß seyn, in einer solchen Umgebung nur sein Innerstes als das Kostbarste aufzustellen. Sind wir in unsern Wohnzimmern abgespannt, der Erregung bedürfend; ja dann mögen die glänzenden Möbeln und die Goldleisten an den Wänden für uns geistreich seyn. Dann mag die schimmernde Astrallampe das sagen, was uns nicht einfällt, und die seidene Tapete reden, während wir stillschweigen. Wer kann schaffen, wenn man rings mit Schöpfungen umgeben ist! Die geistige Leere und Oede der französischen Schriftstellerwelt hat mir nie etwas so versinnlichen können, als die Eleganz, mit welcher sich diese berühmten Herren umgeben. Vielleicht sind die kostbaren Schilderungen der Umgebung, 14 in welcher die französische Romantik dichtet und lebt, nur Erfindungen der Phantasie, oder um den Gläubigern dieser Dichter zu imponiren. Zu Balzacs Ehre glaub’ ich, daß ihm seine Schreibfeder nur deßhalb auf einem goldnen Teller präsentirt wird, damit die, welche ihm borgen, wissen, daß es in seiner Wirthschaft noch etwas einzuschmelzen giebt. Nein, der ächte Dichter wohnt wie Göthe, und findet es sogar pikant und jedenfalls am anregendsten, in einem Zimmer zu schaffen, wo nichts als nackte Wände, ein eichener Stuhl, ein gleicher Tisch ihm zu Gebote stehen. Das Uebrige wird schon die Phantasie hinzuthun.

Göthe schrieb auch im Stehen, und merkwürdigerweise gegen das Licht. An einem solchen Orte grübelt man über Alles, und so führ’ ich dies an, weil ja Jedem unwillkürlich einfallen wird: In der That, er schrieb gegen das Licht. Er ließ sich die Sonne auf den Rücken, nicht aufs Herz scheinen. Sonst ist Alles, was man in dem Zimmer anrührt, todt und kalt. Es scheint zu verwesen, seitdem der Herrscher darüber nicht mehr ist. Ich dankte Gott, als ich draußen auf der Straße wieder frische Luft schöpfte. Ich war wieder ein freier und eigner Mann, und hütete mich wohl, ob ich gleich auf heiligem Boden stand, der mir unter den Füßen brannte, mathematisch und wörtlich mit Eckermann und Riemer zu untersuchen, wo wohl noch Spuren von Göthe’s Fußtapfen auf der Treppe oder an dem Kratzeisen vor dem Hause zu finden wären.

Apparat#

Bearbeitung: Madleen Podewski, Berlin#

1. Textüberlieferung#

1.1. Handschriften#
1.1.1. Übersicht#

Es sind keine handschriftlichen Überlieferungsträger bekannt. 

1.2. Drucke#

Gutzkows Anfang 1838 im „Telegraph für Deutschland“ erschienener Beitrag über einen Besuch in Weimar, der im Oktober 1837 stattgefunden hatte, wurde anderthalb Jahre später von den „Monatrosen“ in München nachgedruckt. Diesen Nachdruck hat Gutzkow sicher nicht autorisiert, so dass er für die Textgeschichte irrelevant ist. Gutzkow selbst übernahm die Arbeit 1839 unverändert in seine Sammlung Skizzenbuch. Lediglich den Anfang, der im Journalerstdruck etwas unvermittelt ansetzt, glättete er leicht und ergänzte ihn um wenige Worte: Ich erzähle einen Besuch nicht beim lebenden Göthe, sondern [. . .] (Skizzenbuch, S. 131). Etwa 35 Jahre nach dem Journalerstdruck griff Gutzkow für die Niederschrift seiner Rückblicke auf mein Leben noch einmal auf diese Reiseskizze zurück. Er integrierte den Text hier auszugsweise und zum Teil stark überarbeitet (vgl. Rückblicke auf mein Leben, GWB VII, Bd. 2, S. 194,8-197,10). Weitere Veröffentlichungen zu Gutzkows Lebzeiten sind nicht nachgewiesen.

J1 K[arl] Gutzkow: Ein Besuch bei Göthe. In: Telegraph für Deutschland. Hamburg. Nr. 2, 3. Januar 1838, S. 9-14. (Rasch 3.38.01.3)
J2 Ein Besuch bei Göthe. (Von Gutzkow, aus dem Telegraphen für Deutschland 1838). In: Monatrosen. Eine Erheiterungsschrift für alle Stände. Beigabe zum Münchner Tagblatt. München. Nr. 34, 29. Mai 1839, S. 137-139; Nr. 35, 2. Juni 1839, S. 143-144. (Rasch 3.39.05.29N)
E1  Ein Besuch bei Göthe. In: Karl Gutzkow: Skizzenbuch. Cassel u. Leipzig: Krieger, 1839. S. 131-142. (Rasch 2.19.60)
E2  Karl Gutzkow: Rückblicke auf mein Leben. Berlin: Hofmann, 1875. S. 168-170. (Stark bearbeiteter Teildruck nach E1; Rasch 2.46)

2. Textdarbietung#

2.1. Edierter Text#
J1. Der Text folgt in Orthographie und Interpunktion unverändert dem Erstdruck. Textsperrungen werden übernommen. Silbentrennstriche (=) werden durch - wiedergegeben. Die Seitenzählung wird mit Klammern [  ] an den betreffenden Stellen in den Text eingefügt. Fehlende oder überzählige Spatien im Erstdruck wurden stillschweigend korrigiert.

Die Seiten-/Zeilenangaben im Apparat beziehen sich auf die Druckausgabe des Beitrags im Band: Ueber Göthe im Wendepunkte zweier Jahrhunderte. Mit weiteren Texten Gutzkows zur Goethe-Rezeption im 19. Jahrhundert hg. von Madleen Podewski. Münster: Oktober Verlag, 2019. (= Gutzkows Werke und Briefe. Abt. IV: Schriften zur Literatur und zum Theater, Bd. 3.)

Kommentar#

Der wissenschaftliche Apparat wird hier zu einem späteren Zeitpunkt veröffentlicht.