Wir stellen die Gutzkow Gesamtausgabe zur Zeit auf neue technische Beine. Es kann an einzelnen Stellen noch zu kleinen Problemen kommen.

Der Zauberer von Rom. Erstes Buch#

Metadaten#

Herausgeber
  1. Kurt Jauslin
  2. Stephan Landshuter
  3. Wolfgang Rasch
Stellenerläuterungen
  1. Kurt Jauslin
  2. Wolfgang Rasch
Fassung
1.2: Rezeptionszeugnisse hinzugefügt
Letzte Bearbeitung
24.08.2023

Text#

Der Zauberer von Rom.#

Roman in neun Büchern.#

V Auf seiner Harzesfeste jubelte Heinrich der Löwe, als Friedrich Barbarossa, wie schon einmal vor ihm selbst in Chiavenna, so in Venedig vor Alexander dem Dritten die Kniee beugte und der Stellvertreter Christi die Worte der Schrift über den gedemüthigten Kaiser sprechen durfte: „Ueber Nattern und Vipern will ich deine Schritte führen!“

Jetzt freilich, und in diesem Jahre erst, sah der Verfasser einen erlauchten ritterlichen Prinzen des österreichischen Kaiserhauses unter demselben Baldachin, der des Patriarchen Haupt bedeckte, in Venedig friedlich dahinschreiten am Tage des Fronleichnam. Die schmetternden Klänge der Hörner, Posaunen und Ophiklëiden der deutschen Regimenter hallten an den Wänden des Marcusplatzes wider. Schlachtengebräunte Generale, den Hut unterm Arm, folgten dem Zuge, den ein weißes, vor wenig Tagen geworfenes Lamm, mit rothen und blauen Bändern geschmückt, eröffnet hatte. Ein blonder Knabe in weißen, schleifenbesetzten Atlasschuhen, angethan wie VI einer jener spanischen Infanten, die auf fürstlichen Familienbildern Tizian malte, führte das Symbol der Kirche an einem rothen Gängelbande.

Und dennoch ist der Streit der Welfen und Ghibellinen noch unbeendet!

Unausgefüllt die Kluft der deutschen Einheit und der lateinischen und germanischen Welt überhaupt!

Diejenigen Cabinete kennen wir, denen wenig damit gedient gewesen, als die „Schlacht von Bronzell“ nur eine traurige Caricatur wurde!

Wir haben die Liga, haben die Union! Was verbürgt uns, daß nicht das Vaterland eine zweite Schlacht von Mühlberg erlebt, die einst gefahrvollste Stunde unserer Geschichte … Nur selbstverständlich wird der Kaiser, der beruhigend den knieenden Fürsten zuruft: „Nicht Kopf abe!“ kein Spanier sein.

Das alte blut- und thränenreiche deutsche Vermächtniß, die Spaltung in Süd und Nord, kann noch immer die Bresche werden, über welche hinweg unsere Heiligthümer, Sprache, Bildung, Nationalität, Volkswohl, im Völkersturm genommen werden, und früher oder später ist die Stunde da, wo entschieden wird, ob die Welt den Slawen, Celto-Romanen oder Germanen gehört.

Die nachfolgende Dichtung will, soweit dem Worte eine Wirkung zukommen kann, beitragen helfen die vaterländische Einheit zu fördern. Sie will war-VIInen, will ermuntern. Sie will die Gefahren aufdecken einer trügerischen Lockung. Sie will den „lieblichen Ton der Pfeife des Vogelstellers“ nachweisen selbst in dem Busch, wo Tannenzapfen, nicht Orangen reifen. Sie will einem großen, sehnsüchtigen, auch von ihr heilig gehaltenen Hang und Drang der christlichen Völker würdigere Ziele zeigen, als sie sich bisher in der fernen Fata-Morgana spiegelten. Sie will für jene heraufziehende Entscheidung den germanischen Kampfesmuth schüren, tausendjährigen Siegerstolz nähren helfen, will den Verräthern unsers eigenen Heerlagers auf ihren geheimsten und nächtlichsten Pfaden folgen. Sie will –

Doch spreche die Absicht des Buches aus ihm selbst!

Der Verfasser widmet es seinem Volke und seiner Zeit.

Er stellt diese Widmung mit ruhiger Ergebung in die Aufnahme, die von einer Seite aus nur die feindseligste werden kann. Häufe sie Schimpf und Schmach – ein Theil der angestrebten Wirkung wird dann erreicht sein.

Wohlwollenden aber, Uebereinstimmenden, Gerechten den innigsten Gruß zuvor! Der Verfasser kennt aus schöner Erfahrung das Glück, für Gemüther zu schreiben, die den Autor gleichsam nur bevollmächtigten das zu sagen, was schon lange ihnen selbst auf dem Herzen brennt. Eine der seligsten Wonnen – Uebereinstimmung! Ein nur leise ange-VIIIschlagener Ton und die Hingebung und Liebe führen ihn weiter! Wissen: hier lächelt der Leser wie du: hier feuchtet sich sein Auge wie dir: hier erräth er dein Räthsel, noch ehe du zu Ende warst es zu stellen: hier könnte er deiner einfachen Andeutung eine Fülle eigener Erfahrung an die Hand geben: welche Kraft entströmt diesem sichern Bewußtsein! Findet ihr zu viel grelles Licht, ihr seid gewiß, der Schatten wird nachkommen; dunkelt es zu lange, ihr vertraut, daß es bald am Licht nicht fehlen wird! Was ist hier Gutes, was Böses? rufen wol schon im Beginn die, die gewohnt sind nur sich selbst zu hören. Ihr ermüdet nicht, die Anklage oder Vertheidigung der Charaktere allmählich erst sich aufsummen zu sehen. Nur schwarze oder weiße Menschen haben wir Engverbundene in unserm Erfahrungsbuche nie finden können und … stelle doch, du gefallenes Titanengeschlecht, Menschheit genannt, dem Weltenrichter einst große Aufgaben! Sprüche urtiefer Weisheit fallen am Jüngsten Tage, nicht Schulcensuren …

Das erste der neun Bücher ist nur ein Vorspiel, der erste, schwere Jugendtraum eines in solcher Art „gemischten“ Charakters. Der Roman selbst, sowol in Form wie Bedeutung nach den Anforderungen an einen Roman des neunzehnten Jahrhunderts, wie ihn der Verfasser in seinen „Rittern vom Geist“ zu definiren wagte, beginnt erst mit dem zweiten Buche. Die kleinen Funken, die dort erst zu zünden bestimmt sind und die in den Vorgängen IX des ersten Bandes, dem jungen Dämmerleben einer weiblichen Seele, nur spielend auf- und niederhüpfen konnten, wird des Kenners Auge leicht herausfinden. Sei ihre Irrlichtsnatur auch dafür Bürge, daß jetzt wie früher der Verfasser nichts um der nächsten Deutung willen schrieb oder mit grober Absichtlichkeit dem freien Schwebegang der Muse Zwang anthun wollte! Wie sonst wird auch hier das Gesetz des Lebens walten und jede freie Lust am Dasein, jede Regung der natürlichen Empfindung den Keim ihrer höhern Deutung in sich selbst oft völlig unbewußt tragen. Denn in solchem Humor leben wir. All unser Denken und Handeln ahnt die Schatten nicht, die es im Licht der Wahrheit wirft.

Dresden, im Juli 1858.

Erstes Buch.#

3 1.#

Langen-Nauenheim ist eines jener nordhessischen Dörfer, die mitten im Herzen Deutschlands liegen und denen dennoch nicht so warm gebettet ist, wie es an der Brust einer so großen Mutter, wie das Vaterland, sein sollte.

Sieht man die verfallenen Hütten mit ihren Stroh- und Schindeldächern, die dünngesäeten wie frierenden Halme auf den Feldern, das spätreifende Steinobst an den wenigen Bäumen oberhalb eines der vielen Bäche, die da- und dorther von den rothen Felsen des Gebirges so behend niedereilen, als suchten auch sie, wie andere Murmelquellen, blumengeschmückte grüne Matten, so begreift man nicht, wie noch all der Kummer und das Elend es hergeben, daß in der Landeshauptstadt jeden Mittag Schlag zwölf Uhr eine so prächtige Wachparade mit goldgestickten Uniformen und stolzberittenen Husaren aufziehen kann.

Aber Langen-Nauenheim ist darum auch so gut regiert wie Klein-Bockenheim und Ober-Heddersheim, und hat am Eingang und Ausgang seinen bunten Pfahl mit den Landesfarben und den Namen des Regierungs- und 4 Steueramtsbezirks, zu dem es auf Gottes Erdboden gehört, hat sein Amthaus, seine Spritzenordnung, seinen Feuerversicherungszwang, seinen Büttel, seinen Nachtwächter und seinen sogar landesherrlich salarirten Schulmeister.

Letzterer heißt Gottlieb Schwarz.

Gerade jedoch sein Häuschen ist keines von den schmuckern.

Es lehnt sich fast an die Kirche an, die selbst so grau und geflickt zwischen zwei kleinen Hügeln liegt wie ein großes Storchennest zwischen den Hörnern eines Strohdachgiebels. Es hat sogar Fenster, wo die Scheiben mit alten Schulheften geflickt sind; der Regen corrigirte die Schreibfehler und falschen Grundstriche der bildungsbeflissenen Jugend. Ein Gärtchen liegt dicht in der Nähe mit einem Staket von dürrem Reisig, zwischen dem im Juni manchmal einige Erbsen blühen, falls man im April sie zu säen nicht vergessen hat, was auch schon vorgekommen ist.

Vor Jahren … ja, damals war es noch anders.

Damals war Gottlieb Schwarz selbstverständlich noch jung, noch mit rosigen Hoffnungen aus einem hochlöblichen Landes-Schullehrerseminar hervorgegangen. Wie herrlich hatte sich das ausgenommen, wenn die jungen Volks-Lehramtscandidaten im Seminargarten Rosenstöcke veredelten und süße Birnen auf sauere Quitten pfropften! Auch Seidenzucht trieb man, versandte auch – wenigstens im Geiste – den köstlichsten Honig an die Lebküchler von Frankfurt am Main und Nürnberg! In der Theorie bewährte sich alles prächtig und vielleicht 5 auch einige Jahre in der Praxis, wenigstens zu Langen-Nauenheim, am Diemel-, Demel-, Donners- und Dustersbach … die Geographen haben unter vier Bächen, an denen sie Langen-Nauenheim liegen lassen, die Auswahl … dann aber … ja dann folgte vorzugsweise ein Weib, das nicht richtig gewählt war, folgten Kinder, sieben „lebendige“, nächstdem keine Beförderung, keine „Aufbesserung“, immer die aschgraue Zukunft und das vielbesprochene Leid eines deutschen Schullehrers, eines Berufes, den plötzlich eines schönen Morgens in Deutschland, dem Vaterlande des Gedankens, der Buchdrucker- und Buchmacherkunst, niemand mehr gewählt haben wird, weil allerdings bei der Locomotive den Ofen heizen einträglicher ist.

Gottlieb Schwarz erntete, vollends als Witwer, Brennesseln, wo er einst von oculirten Rosen geträumt hatte … von jenen saftigen, länglichen, so schön, so schön röthlich angesprenkelten Birnen, die man beim Dessert eines frankfurter Bankiers Tafelbirnen nennt und die selbst die eingeladenen Diplomaten nicht verschmähen in die Tasche zu stecken und sie ihren Kindern vom Diner mit heimzubringen …

Doch um von Kindern zu reden …

Gottlieb Schwarz wird soeben von seinen sieben „Lebendigen“ eines „los“.

Das ist die Lucinde, die Aelteste! Dies mit der damals noch nachschimmernden Romantik des Seminars getaufte Kind Maria Ludovica Lucinda ist eben dreizehn Jahre alt und im Begriff die „Kinderlehre“ zu absolviren. Ein nach dem unpoetischen Vergleich eines Fuhr-6manns wie eine „langhalsige Flasche“ aufgeschossenes Mädchen steigt in eine Kutsche zu einer vornehmen alten Dame, die sie nach der Residenz entführen will.

Maria Ludovica Lucinda, die mit solchem Staatsnamen Getaufte, die hätte der Vater eigentlich lieber behalten sollen. Sie war in seiner spät geschlossenen Ehe das erste spätgekommene Kind gewesen (als eines den Anfang gemacht, ging das Niederkommen rascher, die Natur hat ihre wunderlichen Gesetze); sie war noch, wie ihr Name zeigte, von leuchtenden Hoffnungen begrüßt gewesen, und Ida, Clara, Estrella, Balduin, Hugo, Achilles, Patroklus, was sollte nicht noch alles ihr nachfolgen! Doch blieb der hoffnungsvolle symbolische Aufschwung nur bei der Erstgeborenen, und die Spätern hingen schon alle von den Namen derer ab, die ihnen ein Pathengeschenk ins Tauftuch binden konnten. Lucinde, die Romantische, ein Nachhall verklungener Jugend-Zaubertöne, – goldenes Morgenroth des Lebens, daß wir dein Bild einst nur noch einmal wiedersehen, im Abendroth! – Lucinde verwerthete sich dem Witwer noch am besten von seinem reichen Kindersegen. Die „Lange“ hatte Neigung zum Schulmeistern. Sie konnte zwar keinen Eierkuchen backen ohne ihn anzubrennen, aber sie stand dem Vater in seiner schon sogenannten „Schulfuchserei“ bei. Sie sprach gerade nicht englisch, nicht französisch, aber an einer alten Wandlandkarte, die sich staatsinventariumsmäßig im Langen-Nauenheimer Schulhause erhalten hatte aus einer Zeit, wo man noch einige Inseln der Südsee und das Innere Afrikas nicht entdeckt hatte, konnte sie stundenlang stehen und ihrer 7 Zuhörerschaft Wunder vortragen von den Pyramiden, die sie nach Amerika, von den Porzellanthürmen, die sie nach Afrika versetzte. Alle die Gegenden, wo es noch Bären und Wölfe gab, wurden der Langen-Nauenheimer Jugend von ihr im hintersten Indien gezeigt, womit freilich im Widerspruch stand, daß der Revierförster der zwei Dörfer weiter wohnenden Herrschaft dann und wann noch einen von „da drüben herüber“, dem Rhöngebirge, kommenden Wolf gegen Weihnachten geschossen hatte.

Gottlieb Schwarz war schon lange in der Stimmung, zu allem, was ihm das Leben bescherte, nur zu lächeln. Die wilden Verzweiflungen, wo der Mensch sich in die Haare fährt und „Gott! Gott! Gott! ist’s denn möglich!“ oder dergleichen dumme Redensarten ausstößt, hatte er hinter sich. Er lächelte zu dem Abschied seiner Lucinde. Mußten die Kinder einmal „versorgt“ werden, so fängt man ja von oben mit der „Latte“ an. Die Nächste nach der „Latte“, ein Kind, das schon mit irdischerm Namen nach der Frau jenes Revierförsters Luise hieß, verstand sich zwar nicht so gut auf Geographie wie Lucinde, aber sie rechnete besser und ihre Eierkuchen brannten nicht an; Hannchen vollends, die Dritte – wieder nichts Mythologisches – war erst zehn Jahre alt, hatte aber mehr Sinn für die Wirthschaft als die beiden Aeltesten zusammengenommen; sie ließ sich nie die Mühe verdrießen, nach den geheimen Orten zu suchen, wohin die Hühner ihre Eier legten, sie pflanzte gern und hielt ihre kleinern Geschwister zum Kleiderschonen und Nasenputzen an. Endlich bestand der Rest der Nachkommenschaft des früh gealterten Männleins aus 8 Knaben, und von denen konnten sich erst zwei die Hosen zuknöpfen.

Das Rathsame, warum erst Lucinde weggegeben werden mußte, lag besonders darin, daß sie sehr hübsch und etwas hoch hinaus war. Sie hatte kostspielige Liebhabereien. Schwarz von Namen und von Haar und Augen, pflegte sie sich gerade gern mit irgendeinem zinnober- oder purpurrothen Stück Zeug zu putzen, mit Bändern und Lappen, und hätten diese ringsum die Pachterstöchter oder die Frau Pfarrerin selbst schon nahe am Wegwerfen gehabt; die flocht sie in das dunkle, schwere und etwas rauhe, ja roßmatratzenmäßige, weil ungepflegte Haar. Sie hatte ferner die Liebhaberei, unendlich träge, gerade herausgesagt faul zu sein, sich den Sonnenschein so in den offenen kleinen, rothlippigen Mund scheinen zu lassen, daß dabei die weißen Zähne wie Perlen blitzten. Sie hatte die Liebhaberei, sich in einer Luke des verwitterten Hausdaches einen Taubenschlag zu halten. Kurz, der Vater ließ die Lucinde ziehen, und sie ging gern: ihre Leidenschaft war die Geographie und ihre Träume spielten „jenseit der Berge“.

Das halbe Dorf umsteht den Wagen, mit dem Lucinde in die Residenz fährt.

Man sieht, was ihr auf ihre Lebensbahn mitgegeben wird … Zwar nicht die vier Hemden, die sechs Taschentücher, das Dutzend Strümpfe, ihr Sonntagskleid, die ein zugeknöpftes Bündel machen; aber den selbstgefertigten Seidenhut, für dessen Form ein urweltliches Modell von der Frau Pfarrerin, für dessen Besatz 9 Bänder und Lappen von allen Honoratioren, die hier im Bereich der vier Bäche wohnten, entlehnt worden waren. Ihre Toilettegeräthschaften waren in einem wunderlichen Korbe beherbergt, dessen Erscheinen ein allgemeines Gelächter hervorruft. Es ist ein drahtgeflochtener Bienenhelm, in dem Gottlieb Schwarz, ehe er sich verheirathet hatte, in seinem damals erfreulichern Gartenwesen noch nach dem Leben und Weben in seinen Bienenkörben geschaut und Verwirklichung seminaristischer Ideale getrieben hatte. Manche von den Aeltern, die herumstehen, wissen noch, daß das „Klima“ bald äußerlich bald innerlich für Bienenzucht hier zu Lande zu rauh wurde. Dann hatte Lucinde oft diesen Helm benutzt, um der Schuljugend poetische Schauer und Schrecken einzujagen. Als praktische Erläuterung ihres Geschichtsunterrichts über das Mittelalter rannte sie mit vermummtem Kopfe den Kindern nach und veranlaßte Turnierschauspiele, bei welchen mancher Ente der Fuß verrenkt wurde. In diesen dorfbekannten Helm hat Lucinde alle ihre Geheimnisse verpackt, auch ihre Näh-, Strick- und Stickapparate, die ihr leider in jeder Beziehung zu sehr Geheimnisse geblieben waren. Dann kommt ein Sack mit gedörrten Zwetschen von jener Langen-Nauenheimer Art, die erst sechs Stunden im Wasser quellen muß, bis sie ans Feuer kommen darf, und auch dann noch wie ein Gericht Kieselsteine schmeckt; ferner ein Kober voll Eier, die sehr behutsam im Innern des Wagens untergebracht werden, und zuletzt auf die Höhe des Gefährts, über dem Verdeck, ein großer Waschkorb, den Lucinde sehr feierlich zurückzuschicken versprechen muß. In ihm 10 gurrt, gluckst und gurgelt es durcheinander. Es ist ihr Taubenschlag. Ohne ihre Tauben mochte Lucinde nicht mit in die Stadt, und die vornehme Dame hatte gerade für diese die bequemste und passendste Unterkunft versprochen.

Die Abreise Lucindens war gewiß etwas Merkwürdiges und Seltsames. Sie erregte Staunen genug, jedoch nur Staunen. Keine Thräne floß, beim Vater nicht, bei den ältern Geschwistern nicht; die jüngsten weinten nur, weil sie nicht „mitgenommen“ wurden. Die Hauptsorge des Vaters war das baldige Zurückschicken des Waschkorbes; er schlug den Nacht-Eilwagen, die Fahrpost, die Briefpost, die Diligence und mehrere landeskundige Hauderer als auszuwählende beste Retourgelegenheit vor. Die Tauben gab er leichter hin; die kosteten ihm ein „Schreckliches“ an Erbsen und dem ganzen Hause an Zeit. „Wer sich Tauben hält, ist immer ein verdorbener Millionär“, war einer von den Sätzen, wie er dergleichen vor dreißig Jahren in sein Tagebuch zu schreiben pflegte.

Die Kutsche fährt ab; die Leute sehen ihr nach wie der Thurn und Taxis’schen Post. Das Fremde kommt, das Fremde geht … Gottlieb Schwarz steht vielleicht am längsten. Dann nimmt aber auch er erst nachdenklich noch eine Prise, die er sich „auch noch zu seinem Verderben“ angewöhnt hat, und geht nun – es ist Sonnabend Nachmittag, die seligste Zeit des Schullehrerlebens – in die am Ende des Dorfes, vor dem großen Berge liegende Fuhrmannsausspannung. Da pflegten die Fuhrleute und mehrere Conducteure der Thurn und 11 Taxis’schen Postcurse Vorspann, geistigen und leiblichen, zu nehmen. Es war immer eine muntere Welt dort; auch eine frankfurter Zeitung lag auf, die Lucindens Vater eifrig studirte, um auf den Ausbruch besserer Zeiten gerüstet zu sein. Die Zeiten, wo er im „Beiwagen“ derselben gesucht hatte, ob nicht endlich seine letzten Einsendungen, die „Ferienphantasieen eines deutschen Dorfschullehrers“, seine „Jubel-Vorschläge zur Verbesserung der Volkserziehung“, seine „Beobachtungen über die merkwürdige Entwickelung eines Hagebuttenpfropfreises zur Erzielung veredelter Dornröschen“, sein „Aufruf an die deutsche Nation zur Abschaffung des überflüssigen Dehnbuchstabens H“, zum Abdruck gekommen waren, die lagen weit schon, weit, weit … hinter ihm … Um die Erinnerungen zu stopfen und sich gleichsam über die Versorgung seines Kindes zu freuen, trinkt er wol heute einen Schoppen mehr von dem etwas schweren Bier, das die Fuhrleute lieben, ehe sie über den großen Berg machen … Wol war es bedenklich, daß Gottlieb Schwarz unter ihnen mehr verkehrte, als seiner Stellung und besonders dem späten Heimwanken gut war, wenn Nachts die lieben Sterne blinkten und die vielen Brücklein von vier Bächen beachtet werden mußten, die da alle so still und kühl mit dem Leid der Menschen dahinfließen.

12 2.#

Und nun, da sitzt sie denn, die „lange Latte“, die „Aufgespillerte“, die „Dreege“ (Magere), mit ihren um den kleinen Kopf gewundenen schwarzen Zöpfen, ganz das Abbild ihrer Mutter, einer Feldwebeltochter, deren Vater in der Residenz ein silbernes Porteépée hatte tragen dürfen und der sich unter dem „dummen Bauernvolk“ als civilversorgter Kreissteueramtscontrolschreibereiassistent einen Steuerrath selbst gedünkt hatte. Trotzig und scheu, ängstlich und fest, nicht mit Absicht, sondern von Natur so gemischt, hockte das halbreife Mädchen in einem verwaschenen ehemals röthlich gewesenen Kattunkleide, das ihr schon lange zu kurz und zu eng geworden war, in der Ecke der Kalesche, die langsam die Anhöhen hinaufschleicht, geführt von einem halbwüchsigen Burschen, der die Gäule – sie waren gemiethete, wie der Wagen – schonen soll.

Die alte Dame, die ihr zuspricht sich nicht zu fürchten, sondern der glänzendsten und besten Schicksale gewiß zu sein, ist einem „Nachtmahr“ nicht unähnlich. Wenigstens hat sie eine Nase, die in einer beständigen Neigung 13 scheint auf das vorgestreckte Kinn einen zärtlichen Kuß zu drücken. Zwischendurch ist nach den allgemeinen Gesetzen der Natur, insoweit sie sich auf die Bildung eines menschlichen Antlitzes erstrecken, bei dieser edeln Frau ein Mund anzunehmen; doch suchte man vergebens nach etwas, was wie zwei Lippen ausgesehen hätte. Sind wirklich die Versinnlichungen solcher Begriffe zwischen der liebevollen Nasen- und Kinnbegegnung der fremden Dame vorhanden, so preßt sie doch die glückliche Inhaberin derselben so zusammen, daß sie nach oben in der Nase, nach unten im Kinn gleichsam mit aufgegangen scheinen. Versucht die Dame ferner, was sie oft thut, über die Oeffnung, die man Mund nennt, ein Lächeln zu zaubern, so sieht man einige Zähne, die wie die einsamen, geköpften Weidenstumpfe an den Bächlein standen, die man hier zu passiren hatte. Die Sprache der Dame ist hochdeutsch, soweit ein gewisses Röcheln und Schnurren unartikulirter Zwischentöne es erkennen läßt, sonst sogar was man gewählt nennt und „nicht frei von Bildung“. Leider kommt diese Sprache aber so seltsam zu Gehör, als wenn jeder Satz sich in den innern Gängen der Brust verliert. Wie die herabgelassene Eimerkette eines großen Ziehbrunnens verrollten die hübschesten Anfänge ihrer Reden für das aufmerksame Ohr des sie zuweilen ebenso unheimlich anschielenden Kindes in dunkle und unverständliche Abgründe.

Den Namen ihrer Wohlthäterin und ihren Stand kannte Lucinde, die bereits hinter Langen-Nauenheim der Bequemlichkeit wegen kurzweg in Henriette und hinter dem ersten Nachbardorfe schon noch kürzer in 14 Jette umgetauft wurde. Sie fuhr mit der verwitweten Frau „Hauptmännin“ von Buschbeck. Die Dame behauptete in der Nähe auf irgendeinem Rittergute Kapitalien liegen zu haben, welches „Liegen“ sich Lucinde (oder müssen wir nun auch sagen Henriette?) ganz figürlich vorstellte. Beim Vorbeifahren an Langen-Nauenheim wollte die Frau Hauptmännin sich über den Dorfsegen ergötzt haben, der gerade aus dem Schulhause strömte, an den lachenden, fröhlichen Kindern, und am meisten hätte ihr „Lieb-Jettchens“ Erscheinung gefallen, die die Kinder gerade aus der Thür entließ und jedem, der nicht Ordre parirte, tüchtig – sie erzählte das soeben lebendig und mit manchem wohlwollenden, leider im Husten erstickenden Hi! Hi! wieder, – einen „Starnicksel“ mit auf den Weg gab. Denn Ordnung muß sein! röchelte die Hauptmännin, als der Eimer ihrer Stimme wieder aus dem Brunnen herauskam, und fügte dann nach und nach hinzu:

Sitz aber gerade, Kind! Schlag nicht die Beine so übereinander, du langes Ding! Ja, sauge doch nicht an den Nägeln, Kerl! Guck mir doch nicht zum Schlag hinaus, wenn ich dir’s nicht befohlen habe, du –! Ach was, ach was! Nenne mich meine liebe gnädige Frau! Hm, Hm! Lieb-Jettchen! Zieh mir einmal die Schuhe aus, ich glaube, es ist mir ein Stein hineingekommen! Kind, kratz mir ein bissel den Rücken, ich glaube, ich habe was aufgegriffen, unter euch verfluch – oder s’ist mein gewöhnlicher Rhevmatismus! So, Jette! So! Ha! ha! Ein solcher Name! Lucinde! Wer soll das aussprechen! Solche Schullehrermucken! Halt dich 15 gerade! Sitz nicht so krumm! So! Brav! Wir werden schon einig werden!

Lucinde that mit Ergebung alles, was ihr befohlen wurde.

Die gnädige Frau von Buschbeck hatte bei ihrer letzten Bewunderung des Langen-Nauenheimer Kindersegens dem Vater den Vorschlag gemacht, diese unter allen hervorragende Erscheinung in die große Stadt mitzunehmen, sie wie ihr Kind zu behandeln, sie ausbilden, erziehen, in Musik und Sprachen, schönen Künsten und Wissenschaften unterrichten zu lassen.

Lucinde hatte dem überraschten und geschmeichelten Vater gelobt, dieser wunderbaren Frau, die auf den Feldern hier Kapitalien „liegen“ hatte, unbedingt zu folgen und sich zu fügen, in allem, in jedem, und so ihr Glück zu machen, „was man in Langen-Nauenheim bekanntlich nicht machen könne“, wie er dann selbst hinzusetzte. Lucinde hatte dabei gedacht: „Wie weit Amerika ist (wo manche Langen-Nauenheimer schon versucht hatten ihr Glück zu machen) weiß ich!“ Sie dankte daher auch, nach dem Ausdruck ihres Vaters, „ihrem Schöpfer“, daß eine solche Frau sich gefunden, die sie so ohne weiteres und geradezu innerhalb fünf Stunden aus dem Nest mit sich heraus und in die Welt nahm. Um elf Uhr hatte die fremde Dame den oft bewunderten „Kindersegen“ wieder bewundert, um ein Viertel auf zwölf Uhr die Vorschläge gemacht, um vier Uhr kam sie von den Gütern zurück, auf denen sie Kapitalien „liegen“ hatte, die Bedenkzeit, die sie gelassen, war verstrichen, der erste Widerstand Lucindens nicht hartnäckig, aus-16genommen was ihre Tauben anbelangte. Diese, wie gesagt und wie wir auf dem Verdeck hören können, nahm sie mit, und so hatte Lucinde nicht einmal vorher noch dem Pfarrer, bei dem sie in „Kinderlehre“ ging, oder der Frau Pfarrerin Abschied gesagt, ja nicht einmal gegessen und getrunken. Das Letztere war vorläufig das Schlimmste. Sie suchte der gnädigen Frau den Stein aus dem Schuh, sie kratzte ihr den Rücken, sie hörte nicht blos auf Jettchen, sondern sogar schon auf Jette, nun aber bekannte sie auch, daß sie nichts gegessen und getrunken hätte. Na, das war ja gerade das, wonach die Frau Hauptmännin schon lange hatte fragen wollen, denn ihrerseits behauptete sie auch, zwar nicht Hunger, aber Durst zu haben, doch im nächsten Orte gäbe es ein vortreffliches Wirthshaus, und daselbst ein vortreffliches Bier; und als sie näher kamen, entdeckte sie, daß sie einen andern Ort gemeint hatte … das Wirthshaus da, das kenne sie, – da wäre alles schlecht, das Bier, die Milch, und da ihr selbst der Durst inzwischen vergangen war, so schickte sie die Jette blos an den Brunnen. Die hatte nun wieder kein Gefäß und trank aus der hohlen Hand. Daß sie auch Hunger hatte, war in der liebevollen und gründlichen Erörterung über ihren Durst vergessen worden.

Es war schon Abend, als die Kutsche endlich in der Residenz anlangte. Die Laternen brannten schon; nach Ansicht mancher Opponenten der Communalverwaltung düster und sparsam; für Lucinden war es Feenbeleuchtung. Der arme Tropf sah sich wirklich an den himmelhohen Gebäuden, an den Lichtern, an den Carrossen und vielen 17 Menschen „satt“, wenn auch die Frau Hauptmännin, als die müde Kalesche so schlaftrunken über das Straßenpflaster hintaumelte, jetzt ein Nachtessen, das sie sogar ins Französische übersetzte und Souper nannte, in glänzende Aussicht stellte.

Die Passagiere hielten dann in einer der lebhaftesten Straßen an. Lucinde und der junge Wagenlenker luden das Gepäck ab, auch die Eier, auch die Zwetschen, auch den Bienenhelm, und vor allem den Taubenschlag. Alles kam durch gemeinschaftliche Anstrengung drei Treppen hinauf. Niemand oben empfing sie. Lucinde mußte vor einer verschlossenen Thür die Herrlichkeiten hüten, bis die Frau Hauptmännin nachgekommen war. Sie kam mit den heftigsten Verwünschungen über die Höhe des Trinkgeldes, das der kleine Knirps von Kutscher gefordert hatte. Dazu die drei Treppen; sie brauchte Zeit, bis sie sich sammeln und das Vorlegeschloß ihrer Wohnung prüfen konnte. Nachdem dies geschehen, genug gerüttelt und gerasselt war, schloß sie auf. Lucinde trat in einen kleinen Gang, zu dessen Rechten die Küche lag. Hier machte die vornehme Dame Licht und beaufsichtigte den weitern Transport des Mitgebrachten. Beim Verschließen der Eier im Küchenschrank beleuchtete sie einen steinhart gewordenen Laib Brot. Ja so! sagte sie. Unser Souper! Da, Jettchen, rasch! Flink! Drüben im Laden! Wo ist denn meine Börse! Hole – hier!

Lucinde sollte rasch hinunterspringen und gegenüber in einem Laden frisches Brot holen, auch von nebenan Butter und von noch weiter nebenan aus einem Keller Rettiche, die sehr delicat schmeckten, wenn man, sagte 18 Frau von Buschbeck, einen Salat draus machte mit Essig und Oel …

Wie das alles so wonnig mundete!

Als aber Lucinde schon im Gehen war und noch einmal zurückkam, weil sie ja das Geld vergessen hatte, sagte die freundliche, liebevolle Dame:

Kindchen, bist doch wol zu müde, auch zu fremd, und wirst es nicht finden!

Und nun schnitt sie schon von dem alten Brote vor und holte aus einem andern Schranke mit kostbarem Porzellan von buntgemaltem meißener Rococo ein allerliebst geformtes Näpfchen, freilich nur mit Salz gefüllt. Aber „Salz und Brot macht die Wangen roth!“ sagte sie, und – Lucinde aß Salz und Brot.

Aber da purren und gurren ja noch die Tauben in dem Waschkorbe! Den armen Dingern muß drinnen recht bang geworden sein und verschmachtet sind sie gewiß auch. Morgen sollte der Tischler kommen, hatte es auf der Landstraße geheißen, und sollte auf dem Dache eine wundervolle Vorrichtung treffen, einen Taubenschlag, der nie einen Marder zulassen würde. Einstweilen aber wurde jetzt die Höhlung unter dem Feuerherde ausgeräumt und eins nach dem andern von vierzehn der trefflichsten veredelten Feldflüchter in diese unbequeme Wohnung eingelassen. Einen Vorbau machte man aus umgekehrten Schemeln, Besen, ausgebreiteten Scheuerlappen. Die „gnädige Frau“ lachte ganz vergnüglich über die lieben Thierchen, nahm den Sack mit Zwetschen und ging erst jetzt in ihre vordern Zimmer. Auch hier die Prüfung der vorgelegten Schlösser. Auch hier ein behutsames Auf-19schließen und ebenso sorgfältiges Wiederanziehen der geöffneten Thür. Lucinde wurde nicht aufgefordert zu folgen.

Da stand sie nun, todmüde, in der linken Hand ihr hartes Brot, in der rechten eine Küchenlampe. Sie durfte nicht näher kommen, weil erst gestern gescheuert worden war, und die Decken lagen noch nicht wieder, die kostbaren, zusammengerollten, über die Lucinde einigemal im Vorsaal schon gestolpert war. Es verging wol eine Viertelstunde, bis die Frau Hauptmännin zurückkehrte und Licht gemacht hatte. Wie sie sah, daß Lucinde so im Vorsaal stand und unnützerweise den leeren Wänden leuchtete, sagte sie:

Donnerwetter, das Oel ist theuer! Du kannst jetzt zur Ruhe gehen!

In der Küche gab es noch einen gemüthlichen Verschlag in die Mauer hinein. Dort öffnete die gnädige Frau und zeigte Lu­cinden etwas, was wie ein Bett aussah. „Jettchen“ allerdings war so müde, daß sie nicht einmal ihre Bewunderung vor diesem Bette, das man wieder unsichtbar machen konnte durch zwei Thürflügel, aussprach. Sie war nur froh, den mitgenommenen Vorrath von Erbsen, den sie vorhin ausgeschüttet hatte, unterm Feuerherde verknuspert zu hören; ein paar ihr sehr liebe Kropftauben gurgelten ihre Atzung ganz hörbar hinunter.

Na, und nun kleide dich aus! Gute Nacht! Schlaf nicht zu lange! Träume gut! Sage: Ich wünsche Ihnen wohl zu schlafen, meine liebe gnädige Frau! Na, wird’s? Nein, ordentlich! Ich – wünsche – Ihnen – wohl – 20 zu – schlafen, – meine – liebe – gnädige – Frau! So! Das war recht! O, wir verstehen uns schon! Wir passen zusammen! Um fünf Uhr aber Reveille! Verstanden? Gute Nacht!

Ahnend, was Reveille sagen wollte, und etwas ungewiß, ob sie wirklich am Ziel der verheißenen Seligkeiten war, ging Lucinde, sich reckend und dehnend, barfuß und im Hemde noch einmal nach vorn und sah durch die Glasthür. Der Vorhang ließ ein Ritzchen offen, durch das sie hindurchschielte. Ei, kaut nicht die gnädige Frau gerade ihre Zwetschen frisch aus dem Sack heraus? Es muß doch wol sein, wenn’s auch ein Anblick war, als wenn zwei concentrische Mühlräder sich umeinander drehten, nur jedes nach entgegengesetzter Richtung hin … Und wie die Zwetschen auch schwierig zu schroten waren, so mundeten sie der gnädigen Frau doch vortrefflich, sodaß sie schon einen Haufen Steine vor sich hin und zwar sehr sauber auf ein Papier gelegt hatte. Sie hielt offenbar ihr „Souper“ und blinzelte dabei so listig mit den Augen ringsum wie eine Katze, die sich auf ihre nächtliche Wanderung nach Mäusen freut, und sonderbar – auch mit den Steinen liebäugelte sie, als wenn sie der lockendste Speck wären, an den jemand anderes noch anbeißen sollte. Und endlich gar noch sonderbarer! Wenn die schwarzen Augen der gnädigen Frau einen recht stechenden Glanz bekamen, dann schien sie ganz blind zu werden. Lucinde wußte das schon aus Vorkommnissen der Reise; auch sie beobachtete scharf. Jetzt bewegte sich der Vorhang. Rasch schlich sie zur Küche zurück, wo 21 sie sich ihren Bettkasten heraustappte und zusammengekrümmt auf einen Strohsack sich niederwarf. Die Lade war zu kurz für ihren aufgeschossenen Wuchs. Doch entschlummerte sie und hatte sogar die angenehme Ahnung – morgen in der Frühe doch noch Wonnen des Paradieses zu entdecken.

22 3.#

Von dem Morgen an, wo Lucinde erwachte und im Auffahren fast lebensgefährlich an die spitze Nase der Frau von Buschbeck stieß, die sie ein für allemal bedeutete: So lange dürfe sie niemals schlafen! (es schlug eben eine Uhr mit heiserm Tone, nicht unähnlich dem Bellen eines alten asthmatischen Mopses, fünf!) – von diesem Morgen an blieb Lucinde ein Jahr, neun Monate, funfzehn Tage und drei Stunden bei der Frau „Hauptmännin“ von Buschbeck und in den seltsamsten Verhältnissen.

Schon von der Frau, die fünfeinviertel Uhr die Milch brachte, hörte Lucinde ein lautes Lachen:

Wieder einmal eine in die Falle gegangen!

Weiter war die Milchfrau nicht gekommen, denn schon schlorrte die Frau Hauptmännin im „Nachtjoppel“ und mit einer Haube, deren Spitzen sich in die uns schon bekannte liebende Umarmung von Kinn und Nase als Drittes im Bunde einzumischen suchten, aus der vordern Stube heraus und verwies Lucinden jeden unnützen Aufenthalt mit den Leuten, die „ins Haus kämen“. ,,Ins Haus“ nannte sie ihre Wohnung, bestehend, wie 23 Lucinde sah, aus der Küche, einem dunkeln Entrée mit Guckloch durch die Thür zur Hausflur, einer Schlaf-, einer Wohn- und Putzstube. Ueberladen aber war die Möblirung der kleinen Etage allerdings. Für ein zweistöckiges Haus würde sie ausgereicht haben. Was am ersten Abend Lucinde schon beim Beobachten des Zwetschenmahles befremdet hatte, waren eine Menge ausgestopfter großer Vögel, einige aus Steinen gemeißelte häßliche Köpfe, die Götzen vorstellten, ein Porzellan-Chinese mit einem großen Pfauenwedel, auch eine Lanze, die quer an der Wand hing, mit einem Köcher voll Pfeile, die, wie sie später erfuhr, vergiftet sein sollten. Alle diese Dinge hatte der Herr von Buschbeck aus Indien mitgebracht. Er war Hauptmann in niederländischen Diensten gewesen, und seine Witwe lebte von einer Pension, die sie, wie sie sagte, aus dem Haag bezog … die Gelder ausgenommen, die sie auf dem Lande „liegen“ hatte.

Diese vergifteten Pfeile beschäftigten Lucinden so sehr, daß sie gleich in der zweiten Nacht von der gnädigen Frau träumte, die ihr im Schlaf erschien und einen dieser Pfeile gerade aufs Herz setzte. Sie schrie im Schlaf auf, und wie sie aus ihrer Bettlade in die Küche blickte, huschte auch etwas dahin und klappte nach der Entréethür zu. Sie horchte länger, entdeckte aber nichts. Als sie am Morgen erwachte und nach ihren Tauben sah, – der Tischler war noch nicht bestellt worden, weil Lucinde nicht früher ausgehen sollte, als bis ihre „Garderobe“ ganz in Ordnung war; sie hatte daran den ganzen Tag nähen müssen – da lag ja eine von ihnen 24 todt! Das Opfer war glücklicherweise keiner ihrer Lieblinge. Frau von Buschbeck bedauerte den Unfall, fand es aber angemessen, daß man die Taube nicht ganz „umkommen“ ließ. Sie wurde zu Mittag von ihr selbst, wie sie’s nannte, au gratin zubereitet. Daß Lucinde von einem ihrer Täubchen selbst nichts essen mochte, that ihr leid, denn sie sagte, sie hätte darauf gerechnet. Lucinde mußte sich deshalb mit einer einfachen Milchsuppe begnügen.

Schwerlich würde Lucinde von der Milchfrau ein ferneres überraschendes Wort, daß wir gleich berichten wollen, vernommen haben, wenn sie nicht die Schlauheit gehabt hätte, schon durch das Guckloch zu beobachten, wann diese kam. Denn kaum hatte im glücklich erspähten Moment, als sie ohne zu klingeln geöffnet bekam, die Milchfrau gesagt: Was? Sie sind noch da? und dies Noch höchst scharf betont, als auch schon wieder Frau von Buschbeck in Halbnégligé, Joppel und Spitzenhaube erschien und eine weitere „Conversation“ unterbrach. Lucinde war eine Gefangene. Die gnädige Frau besorgte die inzwischen nothwendig gewordenen Ausgänge selbst und schloß ihren Pflegling ein. Glücklicherweise glaubte dieser, solche Vorsicht wäre in der Ordnung, da ihr die Stadt als eine Höhle aller Laster und Verbrechen geschildert worden war. Nur daß sie ausschließlich in der Küche und auf dem Entrée verbleiben mußte, wurde ihr zu schwierig. Sie rüttelte wenigstens an dem Eingang zur Wohnthür, aber die vordere Herrlichkeit mit den Erinnerungen an die Wilden fand sie immer verschlossen.

25 Der Taubenschlag, der auf dem Boden hergerichtet werden sollte, kam nicht. Die Tischler wären viel zu theuer, hieß es, und vor Mardern blieben die Thierchen unterm Küchenherde gesicherter. Es war ein trauriger Anblick, die armen Luftbewohner in dem engen Raume sich drängen und einer dem andern auf die ohnehin bei Tauben schon so schwerfälligen Füße treten zu sehen. Lucindens liebste Freude war sonst gewesen, an der Dachluke zu sitzen und die kreisenden Bewegungen ihrer Pflegebefohlenen mit ihren scharfen Augen, die sie bis in die weiteste Ferne verfolgen konnten, zu beobachten. Sie verbrachte eben damit die Zeit, die besser für die Erlernung des Eierkuchenbackens wäre angewendet gewesen. Einzig den paar Kröpfern, die sich Lucinde aufgezogen, that die Ruhe wohl. Die häßlichen Thiere saßen wie die Puterhähne und vergruben die Schnäbel in ihre Kröpfe. Leider aber mußten sie hungern, was diese vornehmen Prälaten am wenigsten vertragen können. Es starben aber – fast konnte man sagen „glücklicherweise“ – in nächster Nacht noch zwei von den armen Gefangenen. Es war eine Taube darunter, deren Verlust Lucinden unendlich nahe ging; eine halb braun und weiße Taube von ganz besonderer Zierlichkeit, mit einem Halse, dessen Federn auf die wunderbarste Art in sämmtlichen Farben des Regenbogens spielten, ohne daß man eigentlich unterscheiden konnte, wo die grünen und die blauen Schattirungen anfingen; es sind die Farbenspiele der Taubenhälse eben Wunder, die noch kein Chemiker hat erklären können. Lucinde wußte wohl, daß zu ihrer Wirkung das Licht des blauen Himmels gehörte, von dem 26 in die nach einer Brandmauer hinausgehende Küche leider sehr wenig hereinfiel.

Auf dem Boden, das entdeckte sie dann allmählich auch, war gar kein Platz, um daselbst einen richtigen Taubenschlag bauen zu können. Sie entdeckte das, wenn sie von dorther Holz holen mußte. Es war das für sie immer eine große Entdeckungsreise, auf der sie vielerlei Neues sah. Es schmerzte sie daher auch nicht zu sehr, als eines Tages die Alte mit einem ganz besonders charakteristischen Tone sagte:

Sackerlot! Die Tauben fressen einem ja das Hemd vom Leibe weg! Das sind theure Kostgänger! Wir wollen sie verkaufen! Was sie einbringen, leg’ ich zu deiner Toilette an für den Winter, Jettchen!

Lucinde hatte aus dem Fenster, wenn sie vorn rein machte und nähte – letzteres mußte sie jeden freien Augenblick – und wenn es in der Küche zu finster wurde, in der Vorderstube, schon manche wunderschöne Frau auf der Straße gesehen und träumte dann, wenigstens einen neuen Hut tragen zu können, wenn auch ohne Federn. Sie gab also ihre Einwilligung zum Verkaufe. Die Alte brachte einen Koch aus einem der vornehmen Gasthäuser mit, der sämmtliche Tauben an sich nahm. Wie viel sie dafür löste und wie viel für ihren Winterstaat verbraucht werden konnte, erfuhr Lucinde nicht; denn der Koch kam gerade in dem Augenblick, als ihr die gnädige Frau befohlen hatte auf dem Boden zu bleiben und zwei Trachten Kleinholz zu machen.

Daß sie nur eine „Magd“ bei der gnädigen Frau war, das hörte sie dort oben denn endlich auch. Auf 27 dem Boden trafen sich die Mägde aus dem ganzen Hause zusammen, und da erfuhr sie desgleichen, daß Frau von Buschbeck in der ganzen Stadt den Namen hatte, keinen Dienstboten mehr, aber absolut auch keinen mehr, bekommen zu können. Sie plage und quäle ihre Leute so sehr, daß niemand länger als einige Tage bliebe. Die „Miethweiber“ schickten niemand mehr, vor der Polizei bekäme sie gegen keine Anklage mehr recht; sie wäre verurtheilt gewesen sich selber zu bedienen, wenn sie nicht auf den Einfall gekommen wäre –

Bei dieser Eröffnung mußte Lucinde schon wieder hinunter. Frau von Buschbeck rief sie selbst ab und fuhr die Magd an, die in einem Nebenboden Holz spaltete und wol „ihre Dienstboten verführen“ wolle? Vor ihren Augen mußte Lucinde zwei Trachten Holz aufpacken und in die Küche tragen. Jetzt war Platz wieder unterm Feuerherd. Die Tauben waren fort. Die gnädige Frau behauptete, schlecht bezahlt worden zu sein; sie gab von dem, was sie von dem Koch empfangen, nur die Hälfte an, und Lucinde hörte es kaum; sie überlegte sich nur, was sie gehört: Frau von Buschbeck hatte in der Stadt keine Magd mehr bekommen können und holte sich deshalb – eine doch wol vom Lande? Ihr Räthsel war gelöst.

Ehe sie dabei mechanisch das Holz verpackte, wollte sie doch erst die vielen kleinen Federchen wegnehmen, die von ihren Tauben zurückgeblieben waren. Sie waren so blau, so weiß, so goldbräunlich, und jede Feder erinnerte sie gerade an die Verschwundene, der sie angehörte …

28 Das gibt ein schönes Nadelkissen! sagte die Frau Haupt­männin. Es war eine dieser Frau eigene Kunst, daß sie die Phan­tasie ihrer Pflegebefohlenen immer anzuregen wußte. Erst der Winterstaat, nun das Nadelkissen! Was sind dem Kinderherzen nicht alles Eingänge zu den herrlichsten Feenschlössern!

Allmählich aber kam Lucinden das Vollgefühl ihres traurigen Looses. Da hatte sie schon in einer Nacht vor dem letzten Braten, den sie gehabt (Taubenbraten), selbst gesehen, daß die gnädige Frau, die an Schlaflosigkeit zu leiden schien, an ihre Bettlade kam, sie überleuchtete, das Licht auf den Feuerherd stellte und eine der Tauben nahm und ihr mit raschem Griff eigenhändig den Hals umdrehte. Dann legte sie sie wieder ruhig zu den übrigen und stellte, als wäre nichts geschehen, die Zuber vor. Lucinde glaubte zu träumen. Aber es war ganz wirklich so gewesen. Der Augenschein des Morgens bestätigte es. So gingen anfangs die Tauben fort, so gingen die Eier, so die Zwetschen. Auch den Korb schickte sie nicht an den Vater zurück, worüber Lucinde sie zum ersten mal etwas trotzig zur Rede stellte. Aber die Alte wußte zu zähmen; vorzugsweise durch Hunger. Abends, als auch Lucinde zum ersten mal ihre Krallen gezeigt, brachte die Hauptmännin einen Haufen trockener Zwetschensteine. Lucinde bekam die Anweisung, sie mit einem alten Ziegelsteine, der vom Feuerherd losgegangen war, aufzuschlagen und sich die „kostbare“ Mahlzeit der Kerne für den Abend munden zu lassen. Ein Trunk Wasser dazu würde die Kerne besser aufquellen lassen …

29 Lucinde gehorchte wol, doch in den schwarzen Augen der Schulmeisterstochter brannte mehr als nur Gehorsam. Sie mußten sich nur immer erst orientirt haben, und dann geriethen diese Augen in eine Glut, die von seltsamen Gedanken geschürt werden konnte. List weckt Gegenlist, Tyrannei Widerstand. Und wer weiß, ob Lucinde ein Wesen ist, daß sich überhaupt nach sanfter Rede, Güte des Herzens, Liebe und schonender Obhut sehnt! Schon können wir sagen, daß ihr nie die Zähne weh thaten, daß ihr nie ein Schnupfen Fieber machte, nie eine Zurücksetzung Thränen kostete. Sie half sich immer gerade so weit durchs Leben, als sie das Leben verstand, und ihre Waffen waren in frühester Zeit schon die geballte Faust, dann die spitze Rede, jetzt die Verschlagenheit … Sie fängt mit der gnädigen Frau, die sie nun „bald weg hat“, wie sie den Mägden des Hauses, die sie aufhetzten, eingesteht, einen Kampf an, nicht etwa auf Leben und Tod, sondern einen Guerrillakrieg innerhalb der von der gnädigen Frau selbst gezogenen Schranken. Sie hat allmählich dabei die schöne Stadt sich „herausgeluchst“, die herrlichen Gärten, die großen denkmalgeschmückten Plätze, die Soldaten, die Offiziere, die schönen Umgebungen und die bezaubernden Fernblicke in sonnenbeschienene Ebenen und nach neuen blauen Hügelrändern hin; sie erwischt aus dem Bücherschranke des, wie sie gehört hatte, noch gar nicht verstorbenen niederländischen Hauptmanns Bücher; sie dringt darauf, daß sie, noch immer nicht eingesegnet, wenigstens in die Kirche gehen darf; sie schreibt seitenlange Briefe nach Langen-Nauenheim, worin sie freilich das Ausbleiben des Korbes entschuldigen und 30 eine Menge Erfindungen mittheilen muß, weil die gnädige Frau die Briefe erst liest, ehe sie sie abgehen läßt. Und nun macht es ihr gerade Spaß, die komischsten Erdichtungen zu schreiben, nur damit die „Alte“ sich ärgert oder in jene Blindheit verfällt, die sie überkommt, wenn ihre unruhigen und gespenstischen Gedanken ganz nach innen gehen. Lucinde schreibt von Bällen und Gastereien, und die Alte liest es, als hörte sie die Geigen rauschen und die Schüsseln klappern. Sie läßt den Brief abgehen und ist sogar milder als sonst, weil sie dann stundenlang nicht aus einem wie somnambulen Zustande herauskommt.

Um so gräßlicher ihr Erwachen! Dann war’s doch, als beschuldigte sie Lucinden, der „schwarze Teufel“, wie sie sie nannte, wolle sie erwürgen. Dann hatte die menschenfeindliche, geizige Frau Blicke so voll Gift wie ihre javanischen Pfeilspitzen. Wie der Taubenfalk schoß sie hinter Lucinden her, wenn diese nur einmal gelacht hatte; sie krallte mit ihren dürren Fingern in sie ein wie jener, wenn er aus Himmelshöhen niederschießt. Die böse Frau hatte keinen Schlaf. Sie fürchtete entweder Gespenster oder sich selbst. Sie leuchtete um Mitternacht in die Winkel. Kam sie an die Bettlade Lucindens, so hielt sie das Licht über die Halbschlummernde und schrie sie an: Das kann schlafen! Das kann die Augen zuthun! Oft mußte Lucinde aufstehen und ihr um zwei Uhr Morgens vorlesen, Reisebeschreibungen, Erzählungen von den Wilden, zuweilen auch Legenden. Frau von Buschbeck ging jährlich einmal zur Kirche; sie war katholisch. Wenn aber Lucinde um ihre Ein-31segnung drängte, nahm sie alle Bücher fort und sagte: Unser Herrgott ist der Satan! Sie war so geizig, daß sie sich eine alte Guitarre, auf der sie in den Abendstunden klimperte, nicht einmal neu mit Saiten beziehen ließ. Auf zwei Saiten spielte sie alte sentimentale Lieder und pfiff dazu. Da sie dies ohne Lippen thun mußte, so klang es wie leiser klagender Nebelwind auf der Heide. Der Anblick dieser grotesken Scene war Lucinden nicht vergönnt, denn Frau von Buschbeck schloß sich ein, wie sie fast immer that, besonders nach jedem Ersten im Monat, wo der Postbote eine ansehnliche Summe in einem mit adeligem Petschaft versiegelten Briefe brachte. Da mochte sie zählen, was ihr Geiz aufhäufte. Oft lauschte Lucinde und hatte die listigen Augen an die Fensterscheiben der Stubenthür gedrückt. Sie unterließ aber auch das, als eines Tages auf der entgegengesetzten Fläche der Scheibe das volle Antlitz der plötzlich hinter dem Vorhang auftauchenden Hauptmännin sie angrinste. Sie war von dem Anblick so entsetzt, als hätte ihr eine Fledermaus auf der Nase gesessen. Sie bebte so, daß sie nicht einmal entfliehen konnte, sondern ruhig geschehen ließ, daß die Thür sich öffnete und sie zur Strafe ihre gewöhnliche körperliche Züchtigung erhielt.

Dabei liefen Tag und Nacht zusammen. Hatte Lucinde bis drei Uhr nach Mitternacht vorgelesen, so meinte die Hauptmännin, bis vier wäre nur noch eine Stunde und man könnte gleich aufbleiben und ans Tagewerk gehen, worunter sie Nähen und Stricken verstand. Die Hemden und Strümpfe, die Lucinde lieferte, gingen und kamen: sie behauptete, für eine Anstalt, die gut zahle; 32 sie spare alles für Lucindens Zukunft. Oft wurde sie, wenn gar zu böse Stunden kamen, so tückisch, daß Lucinde manche Arbeit dreimal thun mußte, nur damit ihre Peinigerin über dies und jenes ihren Willen hatte.

Eines Tages klingelte ein Polizeiagent und verlangte Einlaß.

Er erklärte rundweg, Frau von Buschbeck sollte auf dem Amte erscheinen und sich wiederum rechtfertigen wegen unmenschlicher Behandlung ihrer Dienstboten, wie schon öfters.

Eine Menge Menschen aus dem Hause und der Nachbarschaft drängte nach. Beinahe wäre ein Act der Volksjustiz ausgeführt worden, denn man fand wirklich Lucinden an Händen und Füßen gebunden in einer dunkeln Seitenkammer der Küche, in welcher Frau von Buschbeck ihr altes Geräth aufbewahrte. Dort lag sie schon seit zweimal vierundzwanzig Stunden und bekam nur Wasser und Brot, weil sie, wie sie beschuldigt wurde, aus „Bosheit“ zwei chinesische Tassen zerschlagen hätte mit der Drohung, alles Zerbrechliche auf der Servante zu zertrümmern, wenn sie noch ferner jedes kleine Mißgeschick, das sie beim Abstäuben oder Putzen beträfe, mit „künftigem Abzug von ihren Ersparnissen“ büßen müsse … Im Hause hatte man das Jettchen der Frau Hauptmännin zwei Tage lang nicht bemerkt, Anzeige gemacht, und so kam es zum Durchbruch.

Lucinde machte auf dem Amte dem Polizeirichter, Stadtamtmann genannt, einen wunderlichen Eindruck.

Sie war trotz Kasteiung und Entbehrung jeder Art fast vollkommen entwickelt. List und Verschlagenheit 33 waren unverkennbar der Ausdruck ihres Wesens, der ihr aber schön stand, wenn ihre dunkelbeschatteten Augen glühten, ihre Lippen trotzig sich aufwarfen und dabei ein ständiges scheues und ironisches Lächeln um den kleinen zierlichen Mund spielte. Das schwarze Haar war in Flechten geordnet, die voll und schwer um die Stirn gingen. Selbst die Hände, die doch soviel schaffen und „schanzen“ mußten, waren nicht eben rauh. Sie sagte, da die in einem Fiaker folgende Frau von Buschbeck sich auf die Feinheit und Schonung derselben berief, daß sie es bei ihrem Vater „nicht nöthig gehabt hätte“. Nur ihre Haltung entsprach nicht dem schlanken Wuchse. Sie senkte den Kopf … so aber, wie wenn eine schwere Aehre sich an einem langen Halme wiegt.

Der Stadtamtmann sprach von ihrer Familie. … Erst jetzt erfuhr sie ein schreckliches Unglück aus Langen-Nauenheim.

Drei ihrer Geschwister, und das liebe Hannchen darunter, waren schon seit Jahresfrist todt! Im Zeitraume von drei Tagen hatte sie das Scharlachfieber, das in der Gegend wüthete, hinweggerafft … Die Alte hatte den Brief des Vaters aufgefangen und den Inhalt verschwiegen, weil sie die Wirkung des Kummers auf den Fleiß und die Arbeit fürchtete!

Wie Lucinde diese Nachricht hörte, stürzten ihr seltsamerweise keine Thränen aus den Augen … Nur schrecklich erblaßte sie … Der Stadtamtmann ließ das wankende Mädchen sich auf einen Stuhl setzen; man konnte eine Ohnmacht befürchten … Der Blick, den Lucinde bei dieser Nachricht auf die böse Frau warf, 34 war furchtbar … Ihre sonst so dunkeln Augen sahen in diesem Moment weiß aus, und die böse Zunge der stadtberüchtigten Frau, die der Verzweiflung nahe war, kein Mädchen bekommen zu können, und in diesem Fluche fast mit wirklichem Schmerz eine angezettelte Verschwörung sah, war gegen sie völlig verstummt.

Als der Stadtamtmann Lucinden erstens einen Lohn und die Auszahlung ihrer Ersparnisse gesichert, dann die Frau Hauptmännin, die er indessen sonderbarerweise immer nur Fräulein von Gülpen nannte, aufs entschiedenste ermahnt hatte, die Lang­muth der „überhaupt gegen sie so duldsamen“ städtischen Behörden nicht zu erschöpfen, wurde Lucinde von ihm befragt, ob sie nicht zu ihrem Vater und zu ihren Geschwistern zurück wolle?

Sie saß starr und antwortete nicht.

Dann erwähnte der Stadtamtmann unter den Unterlassungssünden, die sich „Fräulein von Gülpen“ gegen sie hatte zu Schulden kommen lassen, auch die unterbliebene und doch von ihr versprochene anständige Confirmation. Gleichsam aber, als wenn sich Lucinde fürchtete, nun in Langen-Nauenheim noch erst confirmirt und dort unter die ihr wohlbekannten Buben und Mädchen gesetzt zu werden, antwortete sie auf die wiederholte Frage, ob sie mit der immerhin beträchtlichen Summe von nahezu funfzig Thalern, die ihr zuerkannt wurde, nach Langen-Nauenheim zu ihrem Vater und ihren auf drei zusammengeschmolzenen Geschwistern zurückkehren wolle, mit einem ernsten, bedachtsamen und fast kalten Kopfschütteln: Nein!

Das ist’s ja! brach die zitternde Tyrannin aus. 35 Das Leben auf der Straße, die Promenaden, die Offiziere, das Schlendern, das Gaffen …

Ruhe, Fräulein! unterbrach der Stadtamtmann.

Frau von Buschbeck oder Fräulein von Gülpen mußte sich entfernen, nachdem sie mit zitternden Händen einen Revers zur Zahlung von funfzig Thalern und Auslieferung aller Sachen Lucindens unterschrieben hatte. Sie ging mit krampfhaftem Zusammenschlagen ihrer Ober- und Unterkiefern, doch nicht ohne eine Art von Würde und Vornehmheit. Man hatte ihr da, wo man ihre Lebensverhältnisse näher zu kennen schien, zwar den Titel einer Frau geraubt, den einer Adeligen aber lassen müssen.

Draußen empfing sie das Hohngeschrei zusammengelaufener Menschen. Sie war die Bekannte, Stadtkundige, die Frau: bei der niemand dienen wollte!

Sie stürzte in ihren Fiaker, doppelt schwer aufseufzend; denn ihr Geiz sagte ihr wieder: Himmel, du hast den Fiaker vorher zu bezahlen vergessen! Nun rechnet dir der auch noch die halbe Stunde an, die er vor dem Stadthause hat warten müssen!

36 4.#

Der Stadtamtmann war in der Lage, gerade ein Mädchen zu bedürfen.

Er bot Lucinden an, zu seiner Frau zu ziehen. Für die Confirmation versprach er unverzüglich Sorge zu tragen.

Sie nickte einfach: Ja! saß bis auf weiteres im Nebenzimmer des Amtssaales eine halbe Stunde allein, setzte im Geiste einen Brief auf, den sie an ihren Vater schreiben wollte, und folgte dann dem Stadtamtmann, als er sein Vormittagsgeschäft hinter sich hatte, in einiger Entfernung in seine Wohnung.

Die Polizeidiener ersparten ihr die Gefahr, noch einmal zur gnädigen Frau, wie sie lachend titulirt wurde, zurückzukehren, und versprachen ihr alles Ihrige abzuholen und nachzubringen.

Lucinde schaute und hörte hinein wie in eine fremde Welt. Daß sie einer schrecklichen, abscheuerregenden, wie es hieß und auch später im Wochenblatt unter der Rubrik Polizeibericht zu lesen war, „zuchthauswürdigen“ Behandlung entronnen war, … das fühlte 37 sie eigentlich selbst nicht so lebendig. Sie ließ sich’s von den Leuten nur sagen und nahm’s dann hin, wie die es wollten.

Die Frau Stadtamtmann hatte nichts gegen die Anordnungen ihres Gatten einzuwenden. Nur schien ihr die Zumuthung, das neue Mädchen erst confirmiren lassen zu müssen, umständlich. Indessen sagte sie zu. „Henriettens“ Anblick – dieser veränderte Name blieb auch hier – that ihr wohl. Die Frau Stadtamtmann war gerade in der Hoffnung und sorgte dafür schönen Formen zu begegnen. Der Anblick des anziehenden, schlanken und gesunden Mädchens that ihr wohl.

Es kommt oft vor, junge Confirmandinnen zu sehen, die nur gleich am Altar stehen bleiben sollten, um sich den Ehesegen geben zu lassen. Auch Lucinde war auf besondere Bitte des Amtmanns schon nach vier Wochen ein solcher Spätling unter den lieblichen weißgekleideten Kindern mit ihren Rosaschärpen und Myrtensträußchen. Der Superintendent gestattete die schnelle Beförderung, da er von der Schulmeisterstochter religiöse Bildung voraussetzte. Er wußte wol nicht, daß man sich nirgends mit dem lieben Gott weniger Sorge macht als in Pfarr- und Schulhäusern. Da steht man mit dem Himmel auf dem Fuß des Empfangens im Négligé. Gebetet hatte Lucinde außer vor und nach der Schule nur beim Eierkochen. Pflaumenweich liebte der Vater die Eier und dafür genügten zwei Vaterunser.

Der Wildling stand nach vier Wochen unter den Confirmandinnen.

38 An Wuchs ragte sie hier nicht mehr vor allen hervor; es gab ebenso aufgeschossene Blondinen und Brünetten wie sie, zu denen sich der Herr Superintendent nicht gar zu sehr zu bücken brauchte, wenn er ihnen Sonntags darauf den Kelch reichte; aber Lucinde war schon voll, kräftig in den Schultern, stark in den Hüften, und wenn auch im allgemeinen ihr scharfgeformter Kopf selbst noch nichtssagend war, so reizte sie das kindliche Wesen ihrer Umgebungen doch zu einem Umblick in der Kirche, der ihr ganz vorwitzig und weltlich stand. Manchem mußte sie auffallen. Sie stand wie ein Heidenkind, zerstreut und ohne Andacht, obgleich ihre schwarzen Bänder auf Trauer deuteten. Zugegen war niemand, den sie kannte, außer einer alten Magd aus dem Hause, das der Stadtamtmann bewohnte. Diese hatte ihr ein vergoldetes Gesangbuch geliehen und sie auf ihrer Kammer geschmückt, sodaß sie hernach zur Frau Stadtamtmann hintreten konnte und deren ganzen Beifall erntete. Diese neue „gnädige Frau“ schenkte ihr ein schwarzes Halsband von Sammt mit einer Stahlschnalle, die auf dem brünetten Halse funkelte wie eine Broche von Diamanten. Ja, als sie aus der Kirche zurückkam, wurde sie sogar mit Chocolade empfangen. Man war gut und freundlich gegen sie.

Es war eine sonderbare Welt, in die das nun fast funfzehnjährige Mädchen hier stündlich einblicken konnte. Die Gensdarmen gingen ab und zu, und der Stadtamtmann, der zwar ein für allemal im Hause und wenigstens bei Tisch mit den Vorkommnissen seines Berufes verschont sein wollte, konnte es nicht dahin bringen, 39 daß er ohne Behelligung bis zum Dessert kam. Lucinde bediente; auch wenn Gäste geladen waren. Sie besaß zwar nicht viel Geschick und machte vieles verkehrt, doch wurde das alles nicht mehr mit der früher erlebten Strenge gerügt. Zerstreut mußte sie schon dies ewige Rapportiren machen von dieser Dieberei und jener Gewaltthat. Ihre Phantasie, die sehr lebhaft war, sah ringsum – sie brauchte schon nur an die doppelten Namen der ihr vorerst entschwindenden „Frau Hauptmännin“ zu denken – die Welt voll Lug und Trug, und da sich’s dabei doch so behaglich essen und trinken ließ, so erschreckte sie keine Thatsache, selbst kein Diebstahl, kein Mord mehr; sie schüttelte den Kopf darüber, daß die Dinge des Lebens alle so glatt, so höflich und vergnüglich vorwärts gingen, während tausend Hände daran arbeiteten sie zu verwirren, man sah’s nur so nicht auf den Promenaden, wenn sie mit den Kindern des Stadtamtmanns ausging und die Leute stillstanden und die Kinder bewunderten, d. h. sie selbst und ihre auffallende Erscheinung.

Eines Tages erlebte sie aber auch auf der Promenade, daß ein junges Mädchen, das halb bäuerisch, halb städtisch, aber schwarz gekleidet war, auf sie zustürzte.

Es war ja ihre nächstälteste Schwester Luise!

Sie trauerte. Um die Geschwister noch?

Um den Vater! Das liebe, freundliche, immer lächelnde Männ­lein war nicht mehr … Luise weinte so laut, daß es ihr Lucinde verbot, „weil ja die Leute still stünden“ … Sie selbst war wieder nur erblaßt wie damals, als sie plötzlich nicht mehr ihre drei Geschwister 40 hatte. Indem kamen noch zwei andere beflorte Kinder von der andern Seite. Es waren August und Gustav, ihre Brüder. Die hatten das Haus des Stadtamtmanns aufgesucht, dort gehört, ihre Schwester wäre auf der Promenade mit zwei Kindern; nun hatten sie sich vertheilt, und eins hatte von hier, das andere von dort gesucht. Der Vater war todt … Und wie schmerzlich hatte er geendet! … Er war in einen der vier kleinen Bäche gefallen, mit denen Langen-Nauenheim gesegnet ist … Spät von dem Vorspann war er heimgekommen … Kein Stern blinkte … es war ein großer Nebel gewesen, und da hatte er eine von den Brücken verfehlt. Erst Morgens hatten sie ihn gefunden, wie er dalag im kühlen Grunde, aufgehalten von den Wurzeln eines alten Weidenstamms.

Lucinde schüttelte düster den Kopf. Dann rief sie mechanisch des Stadtamtmanns Kindern, die sie führte, ein scheltendes Wort; darauf fragte sie, ob die Geschwister schon gegessen hätten. Luise versicherte es und kam auf das schmerzliche Ende des Vaters zurück. Lucinde fragte, was aus dem Hause, aus dem Garten, aus dem Geräth, den Hühnern, der Ziege, der großen Wandkarte geworden wäre! Sie erfuhr, daß alles das theils dem Staate, theils dem Dorfe, theils dem Wirth zum Vorspann und einer alten Frau gehörte, bei der sie schon lange oft ihre Betten in Versatz gegeben hatten, wenn sie auf ein paar zusammengerückten Schulbänken hatten schlafen müssen. Luise die wollte nun auch dienen, und die Kinder brächte man vielleicht in einer Fabrik unter. So hatte es der Gemeindevorstand in Langen-Nauenheim 41 gesagt; sie sollten’s einmal so versuchen, und „ging’ es nicht, so würde wol anders gesorgt werden“. Gustav war acht Jahre. In einer Spinnerei vorm Thore suchte man Kinder schon von acht Jahren an; es hatte das in der Zeitung gestanden, in derselben Zeitung, die der Vater immer auf bessere Zukunft zu studiren pflegte, und in deren Beiblatt einst seine Phantasieen über den Beruf eines deutschen Volksschullehrers gestanden hatten.

Nec impavidum ferient ruinae

Latein konnte Lucinde nicht, aber der Stadtamtmann übersetzte so etwas einmal bei Tische, und sie glaubte, es hieß: „Was schadt’s!“

Es war ein Wahlspruch gewesen, den ein alter Ritter gehabt. Sie nahm ihn schon oft an, und heute nun mußte sie schon. Sie nahm die Kinder, die alle zunächst doch noch Hunger und Durst genug hatten, mit sich; der Schwester sagte sie gleich die Miethsfrau, wo die wohnte, und wie sie mit der sprechen müsse. Die Frau Stadtamtmann war noch nicht am Ende ihrer Hoffnung, die zwei kleinen Buben vom Lande waren prächtige Jungen, sie gefielen ihr. August und Gustav blieben einen Tag und kamen dann nicht in die Fabrik. Der Stadtamtmann sorgte dafür, daß sie ins Waisenhaus aufgenommen und „gut erzogen“ wurden.

Und nun sind kaum drei Jahre von dem Langen-Nauenheimer Auszug vergangen, und welche Veränderungen haben wir!

Lucinde fand sich in alles. Sie hatte etwas Wühlendes, Unruhiges und beherrschte jede Situation. Bei Tische wartete sie nicht mehr auf. Der Stadtamtmann 42 fand, daß es kaum noch schicklich war. In die Höhe wuchs sie nicht mehr, dafür that es ihr Geist, und sie regierte eigentlich das Haus, das sie aufgenommen. Selbstverständlich da, als die Frau Stadtamtmann eines Jungen genesen war, aber auch später. Durch ihre sichere, herausfordernde Ruhe, ihr spöttisches Lächeln, ihren Flunkergeist nur verdarb sie sich zuweilen ihre Autorität. Lange Ruhe um sie her ertrug sie nicht, und übermäßiges Glück oder allzu frohe Selbstzufriedenheit verdarb sie gern, indem sie Schicksal spielte. Der Amme gegenüber lobte sie das schöne Aussehen anderer Kinder, eine Handlung, für die man bekanntlich von jeder Amme vergiftet werden kann. Einem Bedienten, der etwas schwach von Begriffen war und seine Bestimmung verfehlt zu haben glaubte, weil er eine leserliche Hand schrieb, gaukelte sie bald diese, bald jene glänzende Aussicht vor. Hager! rief sie, wenn sie die Zeitung gelesen hatte, in Amerika ist ein Vetter Ihres Namens gestorben, man fordert alle Hagers auf sich zu melden! Mußte Hager gerade die Schuhe oder Messer putzen, so hatte sie, wenn er frei war, die Zeitung verlegt und jagte den beschränkten Menschen wochenlang mit seinen Vermuthungen, welcher von seinen Anverwandten jener in Amerika verstorbene Hager gewesen sein konnte, im Kreise umher. Von ihrem Koboldgeist blieben dann selbst die bei einem Kaufmann dienende Schwester und ihre Geschwister im Waisenhause nicht verschont. Ihr bei aller äußern Ruhe innerlich unruhiger Sinn wuchs mit dem Besuch des Theaters, das sie durch den Stadtamtmann frei hatte, jedoch nur im dunkeln Hintergrunde einer Loge dritten Ranges, 43 während die Herrschaft im zweiten saß. Immer mit leuchtenden Augen kam sie vom Theater heim. Man glaubte natürlich, daß es die Stumme von Portici gewesen, die sie so außerordentlich aufgeregt hatte; aber es waren die Zuschauer, die Logen, die glänzenden Toiletten, die fürstlichen Herrschaften. Die Tischgespräche berichteten dann nach wie vor von vornehmen Spielern, von zanksüchtigen vornehmen Herrschaften, von allem, was sich nur zur Kenntnißnahme des Polizeirichters einer so ansehnlichen Stadt drängte, und dergleichen Leute sah sie dann wieder fröhlich und wohlgemuth und mit Lorgnetten spielend in den elegantesten Logen.

Eines Tages that sie einen tiefen Einblick in das innerste Lebensgetriebe …

Das glänzendste Waarenmagazin der Stadt war ein sogenannter Bazar, in welchem alle Modeartikel und Bedürfnisse einer eleganten oder auch nur comfortablen häuslichen Einrichtung, soweit sie Stoffe betraf, verkauft wurden. Ein unternehmender Kaufmann im Anfang der mittlern Jahre leitete dies Geschäft, wie man sagte, nicht ganz mit seinem eigenen Gelde. Sein Savoirfaire kam ihm jedoch zu statten, um die ganze höchste, hohe und mittlere Gesellschaft an sich zu ziehen. So gefällig die Formen des Mannes waren, der in seinem schwarzen Frack mit weißer Halsbinde die Honneurs seines mit mindestens einem Dutzend Commis ausgestatteten Geschäftes machte, so entschieden wußte er doch ebenfalls in geeigneten Fällen aufzutreten. Schon oft war in seinem großen und schwer zu beaufsichtigenden Geschäft gestohlen worden, sogar während des Verkaufs, und 44 oft schon hatte er, wenn entweder der Stadtamtmann bei ihm oder er bei jenem zu Tische war, erklärt, er würde niemand schonen, wenn er einen jener eleganten Diebe beim Handverkauf entdeckte, und sollte es der Vornehmste sein. Schicken Sie nur sofort zu mir, hatte der Polizeirichter erwidert. In solchen Fällen muß man der Schlange gleich auf den Kopf treten!

Und eines Tages schickte der Kaufmann; der Stadtamtmann möchte eiligst, aber selbst kommen, hieß es, er möchte einen seiner Gehilfen, aber vorläufig nur in der Ferne, bereit halten …

Der Stadtamtmann war nicht gegenwärtig. Und da auch Hager, der Diener, nicht zugegen war, so mußte Lucinde die Mantille umwerfen und auf das Amthaus laufen.

Aber auch dort fand sie ihren Herrn nicht.

Da sie ihn auf dem Casino vermuthete, so eilte sie ins Casino und nahm sofort einen der Polizeidiener mit.

Ihr Weg führte sie aber an dem großen Magazin des Kaufmanns selbst vorüber, in dessen obern Räumen dieser auch wohnte. Da ihre Herrschaft in die letztern beschieden war, so glaubte sie sehr vernünftig zu handeln, wenn sie die Stiege hinaufging und dem Kaufmann wenigstens den Polizeidiener anbot, der ja so lange unten, wie zufällig, bei einer glänzenden Carrosse, die am Hause stand, warten konnte …

Da das ganze Haus nur allein von dem Kaufmann bewohnt wurde und oft der Verkehr in den obern Räumen 45 mit dem Magazin, das zwei Stockwerke einnahm, der lebhafteste war, so konnte es Lucinden nicht wunder nehmen, den Eingang der Wohnung offen zu finden. Auch stand auf der Treppe ein Bedienter in Livree, der auf seine Herrschaft zu warten schien und nicht unmöglich der unten harrenden Carrosse, die ein Wappenschild schmückte, angehörte.

Aber noch mehr Thüren standen offen, und augenscheinlich herrschte in der Wohnung die größte Verwirrung, wie sie wol nach aufregenden Entdeckungen stattzufinden pflegt.

In dem hintern Zimmer glaubte Lucinde einen Wortwechsel zu hören. Niemand war zugegen, außer einigen Kindern des Kaufmanns, die sorglos umherrannten. Ist der Vater da? fragte Lucinde. In seinem Bureau! hieß es. Die Bedienung schien ausgeschickt zu sein; auch die Mutter war nicht anwesend.

Lucinde kommt näher; die Teppiche dämpfen ihren Tritt, und schon übersieht sie im Geist, was drinnen vor sich geht. Sie zieht die Thüren hinter sich zu und steht unentschlossen, ob sie klopfen soll oder nicht …

Nein! ruft der Kaufmann. Sie wieder, Frau Baronin! Sie sind es jetzt fünfmal gewesen! Ich schwöre Ihnen, daß ich keine Rücksicht mehr kenne! Eine Dame Ihres Standes! Schämen Sie sich! Aber ich schone Sie nicht mehr, mögen Sie auf ewig gebrandmarkt sein! Nicht fünf Minuten noch, so werden Sie vor dem Richter stehen! Einen Kaufmann systematisch zu bestehlen, wie Sie es jetzt schon seit Jahren thun! Pfui der Schande!

46 Inzwischen hört man eine weibliche Stimme Beschwörungen und Betheuerungen ausrufen, die von Thränen erstickt werden …

Lassen Sie! Ich habe kein Mitleid mehr! ruft der Kaufmann. Seit Monaten beobachte ich Sie! Seit Monaten bemerk’ ich, daß jedesmal nach Ihrem Besuch im Magazin ein Packet Spitzen, eine Lage gestickter Taschentücher oder Seidenzeuge oder Foulards fehlen. Ich habe die Discretion gehabt, den Verdacht meiner Leute von Ihnen abzuwenden! Nur allein ich habe mit Ihnen verkehren wollen, so oft Sie das Magazin betraten! Heute endlich seh’ ich die rasche Handbewegung, als Sie eben einen Ihrer maskirten Käufe abschließen! Ich folge Ihnen, Sie verlassen den Laden, ich begleite Sie und am Wagen entdeck’ ich, was Sie inzwischen unter Ihrem Mantel verbargen! Pfui der Schande! Aber ich kenne keine Schonung mehr!

Lucinde hörte, daß der ungeduldige Kaufmann sich näherte, um zu sehen, ob nicht endlich der requirirte Stadtamtmann kam. Jetzt aber auch vernahm sie plötzlich ein heftiges Fallen und die herzzerreißende Klage einer Schluchzenden:

Auf meinen Knieen beschwör’ ich Sie, Herr Guthmann! Ich werde alles erstatten! Machen Sie mich nicht unglücklich!

Es währte der Auftritt noch eine Weile fort, bis sich die Vorwürfe und Drohungen milderten, das laute Schluchzen der Dame sich legte, zuletzt alles still wurde … Es wurde sogar so still, so unheimlich still, daß es Lucinden vor Schreck kalt überrieselte. Sie konnte nicht 47 ganz den Vorgängen mehr folgen und dachte sich irgendeine Gewaltthat. Leise, athemlos, unsicher auftretend zieht sie sich an die Thür, klinkt sie wieder leise auf und schleicht sich durch die Zimmer nach vorn auf den Vorplatz zurück, wo der galonirte Bediente wartet.

Eine so anziehende Erscheinung wie Lucinde brauchte hier nicht zweimal zu fragen, um den Namen seiner Herrschaft zu erfahren. Der Diener nannte eine der ersten Damen der Stadt.

Nicht lange dann währte es, so kam der Kaufmann mit der Herrschaft des Bedienten aus seinem Bureau zurück. Es war eine schlanke, magere, noch junge Dame, die Lucinde schon oft im Theater gesehen hatte, eine Frau, noch von Jugendreiz und Anmuth überstrahlt. Sie lächelte verlegen … Auch der Kaufmann lächelte … Sie schienen etwas verabredet zu haben, etwas besprochen, was vielleicht nicht ganz erledigt war. Die Dame zögert … Der Kaufmann beruhigt sie mit einem süßen Bitte! Bitte! … Dann steigt die Dame die Stufen nieder. Lucinde wird jetzt kurz und barsch befragt, was sie wolle? Der Kaufmann kennt sie doch sonst, sah sie oft, war immer sehr artig gegen sie … in diesem Augenblicke ist er wie abwesend.

Als Lucinde in stotternder Unsicherheit die Meldung macht, daß der Stadtamtmann nicht zugegen gewesen wäre, daß sie aber vom Amte jemand mitgebracht hätte, der unten warte, entschuldigte sich Herr Guthmann mit sich findender Artigkeit wegen „vergeblicher Bemühung“. Mit einem auszurichtenden Gruße an ihre Herrschaft und dem Auftrag, einen stattgehabten „Irrthum“ anzu-48deuten, steigt Lucinde die Treppe nieder. Unten rollt eben die prächtige Carrosse ab. Den mitgebrachten Gensdarmen muß Lucinde gehen heißen.

Diese Scene veranlaßte in ihr Aufregungen, die sie kaum beherrschen konnte. So hatte ihr noch nie das Herz geschlagen, so war ihr noch nie das Blut durch die Adern gerollt!

Sie verschloß das Erlebte in sich. Nicht Schonung oder vielleicht eine angeborene Discretion war es, was sie zu dieser Verschwiegenheit bestimmte. Entweder fürchtete sie, zu verrathen, daß sie schon trotz ihrer Jugend eine solche Scene verstanden hatte, oder man darf glauben, daß sie einen Genuß darin fand, ein so wunderbares Erlebniß ganz allein für sich zu besitzen, ganz allein für sich zu genießen und überhaupt Dinge zu kennen, die die Nacht mit Grauen bedeckt.

49 5.#

In jedem Leben ist der Augenblick entscheidend, wo uns die Dinge anfangen objectiv zu werden.

Unsere Kraft fängt von dem Augenblick an, wo wir etwas wissen, was endlich einmal feststeht, endlich einmal fixirt ist wie der Schmetterling unter der Nadel, nicht mehr auffliegen, nicht mehr wieder lebendig werden, uns widerlegen, irren, wieder zu Anfängern machen und in alle Weiten treiben kann.

Die Leute nannten Lucinden allmählich stolz. Ihr Stolz bestand darin, daß sie sich selber emporhob, es versuchte mit ihrer mangelhaften Bildung ihrer immer reichern Erfahrung gleichzukommen. Sie wußte so vieles mehr und besser als viele andere, und da sie doch an formeller Bildung zurückstand, auch zu träge und zu unstet war, vielerlei noch zu lernen und nachzuholen – ihre Herrschaft würde ihr dazu, wenn sie’s begehrt hätte, die Mittel geboten haben –, so trug sie geistig den Kopf mit Bewußtsein ihrer Lücken hoch und erfand sich allerlei Ersatzmittel und Beschönigungen für das, was ihr fehlte.

In diesen Erfindungen war sie so glücklich, daß man sie bald das poetische „Hessenmädchen“ nannte und sie 50 bewunderte. Sie war naiv mit Bewußtsein. Sie konnte den Blick so senken, wie die Andacht selbst. Sie konnte ihn aber auch wieder aufschlagen, wie jene Medusen, die gerade darum so grausam mit ihren Blicken tödten, weil sie so anziehend sind, so regelrecht in ihrem Antlitz alle Linien der Anmuth haben. Lucindens Kopf wurde immer mehr ein Gemmenkopf, den ebenso der blumendurchflochtene Aehrenkranz der Ceres wie das Schlangengeringel einer Phorkyde schmücken kann. Der Stadtamtmann, der zu den eigenthümlichen Naturen gehörte, die eine wahre Cerberusbissigkeit im Amte mit einer häuslichen träumerisch weichen und fast lyrischen Art verbinden können, erklärte es für einen „radicalen Unsinn“, als auf dem Casino davon die Rede war, sein vielbesprochenes schönes Kindermädchen sollte er die Tracht annehmen lassen, in der Van Embden seine berühmten blumenzupfenden Dorfmädchen gemalt hat. Er hätte sie, wenn’s nach ihm gegangen wäre, in eine Pension schicken mögen, soviel Respect hatte er vor ihren Gaben. Nur seine Frau theilte den Enthusiasmus nicht. Sie hörte seit lange nur auf die vielen Klagen, die über Lucinden einliefen. Alle jungen Mädchen der Bekanntschaft oder Verwandtschaft des Stadtamtmanns waren eine Zeit lang von ihr entzückt; kaum aber hatten sie einen Vertrauensbund mit ihr geschlossen, so nannte man sie treulos, verräterisch und warnte vor ihr die, die sie empfohlen hatten, und die, die sie noch beschützten. Die einen hoben sie zwar dann in den Himmel, die andern verwünschten sie aber schon. Sie war oft in dem Grade der Gegenstand der allgemeinen Discussion, daß sich der 51 Stadtamtmann die Ohren zuhielt, seine Gattin aber, „um dem Dinge ein Ende zu machen“, ihre Entlassung beantragte.

Nichts ist so verderblich für die Jugend, als ungestraft böses Beispiel hingehen sehen.

Lucinde sah die vornehme Dame, die eine Diebin war, sehr oft wieder. Sie sah sie auf der Promenade, im offenen Wagen, sie sah sie, von Cavalieren umgeben, im Theater; ja, eines Tages, eine halbe Meile von der Stadt entfernt, sah sie in einem öffentlichen Lustgarten des Fürsten, nach dem man Partieen zu machen pflegt, die schöne Frau in der Begleitung eben desselben Kaufmanns, der sie hätte vernichten können. Sie bedauerte damals, das seltsame, die dunkeln Alleen suchende Paar nicht genauer beobachten zu können, denn der, der sie selbst begleitete, war gerade ein junger Mann aus dem Geschäftspersonal des Herrn Guthmann und schien gerade seinen Principal hier am meisten vermeiden zu wollen. Kaum hatte der junge Mann die vornehme Dame mit dem in den Formen höchst gewandten Herrn Guthmann durch die grünen Laubgänge des Parkes daherkommen sehen, als er auch Lucinden sofort in eine Nebenallee zog und den Tag über vermied, sich draußen im Freien zu zeigen. Oskar Binder wußte nichts von den Ursachen dieser so auffallend intimen Annäherung, und Lucinde erröthete noch, wenn sie darüber nachdachte, wie sie es anstellen sollte, zu verrathen, was sie belauscht hatte, und den Preis zu nennen, um den die Baronin ihre äußere Ehre gerettet hatte …

Der schöne Oskar Binder selbst aber gehörte einer 52 achtbaren Familie an und war, wie man behauptete, der zuverlässigste und anstelligste unter sämmtlichen Commis im Bazar Guthmann. Das Vertrauen seines Principals überließ ihm die Verwaltung der Kasse. Durch sein Aeußeres ebenso empfohlen wie durch Namen und Herkunft, kam er in die Kreise des Stadtamtmanns, und viele der jungen Mädchen, Töchter von Räthen und angesehenen Beamten, zeichneten ihn aus. Dennoch warf er sein Auge nur auf die halb schon als Pflegekind im Hause des Stadtamtmanns befindliche „Henriette“. Daß sie eine Schwester hatte, die noch diente, hatte schon aufgehört; Lucinde verschaffte ihrer Schwester eine Stelle in einer großen, von einem Verein unterstützten Nähanstalt; ihre Geschwister im Waisenhause sollten zum Militär gebildet werden. So den Uebrigen fast schon ebenbürtig, ergänzte sie, was ihrer Stellung mangelte, durch die Geltendmachung ihrer Persönlichkeit. Der junge Buchhalter hörte, was allmählich alle jungen Männer von den andern Mädchen über Lucinden hörten, daß sie die Störerin des allgemeinen Friedens, eine gefährliche, zu jedem Mittel greifende Kokette wäre. Da sie aber den Reiz des Eindrucks für sich hatte und überdies im Gegentheil kein Wasser zu trüben schien, zog sie alle an. Sie hatte eine Art, bei gemeinschaftlichen Spaziergängen allein zu bleiben, irgend nach einer Blume zu suchen, einen Kranz zu winden, die jeden, den sie mochte, in ihre Kreise zog. Wenn sie den Schein des Dienens annahm, so half man ihr; wünschte sie selbst etwas, so vollzog man es. Die noch ländliche Betonung ihrer Worte stand ihr besonders naiv; sie war anziehend in 53 ihren Aeußerungen, und wenn sie lachte, so konnte sie, wenn sie gerade nicht zu weit darin ging, alles mit sich fortreißen. Nur zu weit durfte sie nicht gehen. Schüttete sie sich vor Lachen, wie man zu sagen pflegt, so hatte es den Ausdruck böser Schadenfreude, und all die jungen Mädchen schienen dann recht zu haben, die zuweilen wünschten ihr geradezu „die Augen auskratzen“ zu können.

Der junge Buchhalter folgte an jenem Tage, der ein auf die Woche fallender Feiertag war und ihm wie dem sonst sehr fleißigen Principal Urlaub gegeben hatte, lieber Lucinden als den übrigen Theilnehmern und Theilnehmerinnen einer großen Partie, die einige Verwandte des Hauses, in dem sich Lucinde befand, veranstaltet hatten.

Ihre Gegnerinnen behaupteten, daß sie die Kunst, sich in einem Parke plötzlich zu verirren, weidlich verstünde; aber die, die für sie als Naturkind und „Hessenmädchen“ schwärmten, nannten sie einen Elfen, ein romantisches Wesen, das die gewöhnlichen Gleise des Alltäglichen nicht zu wandeln brauche.

Heute hatte sie es auf Eichkätzchen abgesehen, deren sie mehrere schon aufgehuscht hatte. Die jungen Männer folgten fast zu stürmisch, fast zu auffallend. Lucinde hatte ebenso das Talent, die Männer für sich allein zu haben, wie das andere, wenn sie wollte, niemand aus der großen Ringkette des gemeinschaftlichen Vergnügens herausfallen zu lassen; sie sagte dann jedem etwas, was ihn zur Anknüpfung eines Gesprächs ermuthigen konnte. Schon war der junge Buchhalter darüber eifersüchtig, 54 und eben, als er seinen Principal entdeckte, hatte er es wirklich durchgesetzt sie zu isoliren. Als er nun doch zu den andern zurückkehren mußte, fragte sie:

Warum fliehen Sie denn nur vor dem Herrn Guthmann?

Der junge Buchhalter blieb die Antwort schuldig, worüber sie theils aus Neugier, theils aus Laune in Verdruß gerieth. Aber rings gab es nun Augen, die wußten, daß Lucinde zu den Naturen gehörte, die ihr Gefühl da, wo sie zanken und Vorwürfe machen, mehr offenbaren als da, wo sie schmeicheln und gut scheinen. Jetzt sah man aus ihrem Schmollen, daß Oskar Binder, der schöne Buchhalter, der Bevorzugte war. Als Lucinde sechzehn Jahre geworden, sprach man von ihrer Verlobung mit ihm.

Der junge Mann schien eine glänzende Situation zu besitzen. Er überhäufte Lucinden mit Geschenken, und dennoch versicherte er seinen nächsten Freunden (auf Dinge, die ihm und ihnen sehr heilig waren, in der Form, z. B. „auf Taille“ oder „Ich will hier nicht gesund stehen!“) daß er von Lucinde noch nie auch nur die Hand gedrückt bekommen hätte. Auch der Stadt­amtmann erfuhr diese Versicherungen und rüstete sich alles Ernstes auf eine Aussteuer seines geliebten Findlings, auf den er einen Theil der Sympathieen für Glaube, Liebe und Hoffnung übertrug, die er sich in einem Beruf voll Mistrauen und Verfolgung als seine geheimste Lebenspoesie doch zu erhalten suchte. Da aber kam eines Tages seine Gattin und war über die „teuflische“ Natur eines Mädchens im Reinen, das die Neigung ihrer Nichte, der Hofraths-55Eveline, zu irgendeinem andern jungen Manne, dem Lieutenant Wallbach, durchkreuzen konnte und mit diesem einen ganzen Abend lang in der Schützengesellschaft in einem Winkel gelacht haben sollte. Die Hofräthin kam, der Hof­rath kam, Eveline wurde krank, der Lieutenant fühlte sich über die vom Hofrath für ihn zur Verheirathung zu stellende Caution und durch die Erwähnung derselben in einem Wortwechsel beleidigt und nahm seine Werbung zurück; kurz, der Stadtamtmann, Evelinens Onkel, mußte diesem „Familienunglück“ eine Satisfaction bieten: sie bestand in der endlichen Verabschiedung Lucindens.

Lucinde, die sich, wie man bitter genug gesagt hatte, „einen andern Dienst suchen“ sollte, machte einige Versuche, den Ernst in Humor zu verwandeln. Sie gelangen nicht. Der Stadtamtmann mußte den Schein vermeiden, selbst von ihr bezaubert zu sein. Seine Gattin sagte, „ihr Maß wäre voll“.

So zog Lucinde zu ihrer Schwester, der Nähterin …

In dem Behagen ihrer eigenen Interessen that es ihnen allen nichts, ob da ein Leben in seiner Entwickelung unterbrochen wurde oder nicht.

Acht Tage darauf war aber Lucinde für die ganze Stadt verschwunden.

56 6.#

Wir finden sie in einer Extrapostchaise wieder, die eines frühen Morgens in jene zaubervolle, sonnenglanzverklärte Ebene niederfährt, die man von einer großen Terrasse der Stadt aus nur mit dem Hochgefühl der Sehnsucht und des Entzückens betrachten kann.

Berge ringsum; aber nichts mehr, was bedrückt oder beengt, wie daheim, wo die vier verhängnißvollen Bächlein niedergingen. Ein großer freundlicher Strom schlängelt sich durch Wiesen und Felder hin, und erst die äußersten Ränder desselben sind mit waldigen Höhen umkränzt. Ueber das ganze große Panorama hin die bunteste Abwechselung. Hier grüne junge Saaten, dort die gelben großen Tücher der nordischen Oelpflanze; dann ein dunkler Eichenforst, hinter dem wieder die blauen Wogen des Stromes aufblitzten; die Häuser so schmuck mit rothen Ziegeldächern, die Herrschaftssitze mit langen Pappelalleen, die in mäßiger Verwendung jeder Gegend einen ganz besonders vornehmen Ausdruck geben, und so auf Stunden und auf Meilen hin.

Die Berge da, sagte Lucindens Begleiter, sind die Weserberge! Dahinter geht’s nach Bremen und dann – nach Amerika!

57 Es war ein wunderschöner Junimorgen. Die Sonne brann­te, und gern hätte Lucinde die Glasfenster des Wagens geöffnet.

Ihr Begleiter wollte erst die nächste Station abwarten. Auch dort noch bat er, die Schwüle des engen Raumes lieber noch eine Weile zu ertragen.

Erst gegen zehn Uhr, als sie wol schon fünf Meilen von der von ihnen verlassenen Stadt entfernt waren und es eine waldige Anhöhe hinaufging, öffnete er und ließ das Fenster ganz zurückschlagen.

Viel lieber hätte Lucinde die Aussicht genossen, die sich früher dargeboten hatte, Fernblicke auf die rothgedachten Meiereien, altersgraue, aus Busch und Baum hervorblickende Thürme alter Edelsitze und Abteien, Mühlenwerke und Fabriken, deren hohe Schornsteine die blaue Luft mit kräuselnden Nebelwolken erfüllten, wunderliche Kirchthürme, die bald den Minarets der Moscheen glichen, bald aber auch ganz verbuttet aussahen, wie alte Büchsen und Flaschen für Pferdemedicamente … Jetzt lag nur zur Rechten ein fast undurchdringlicher Tannenwald, zur Linken ging es eine kleine Anhöhe mit niederm Gehölz hinauf, an das sich zuletzt eine Buchenwaldung lehnte. Belebt war’s ringsum. Fink, Drossel und Pirol ließen ihren frischen Waldruf ertönen. Aus dem Tannendickicht zur Rechten hörte man dann und wann ein hallendes Geräusch, das die Nähe von Holzschlägern verrieth. Zur Linken fiel die Sonne so günstig über die grünen Baumkronen, daß sich ganz jene lieblich magischen Lichtwirkungen erzeugten, die eben auch nur den Buchenwäldern eigen sind.

58 Nach Amerika!

Das war weit von diesen summenden Käfern, diesen um die Rosse des Postillons schwärmenden Brummfliegen, weit von diesem selbst, der die Anhöhe zu Fuß nebenher ging und mit einem aus dem Vorholz zur Linken gebrochenen Birkenzweige über das lichtbraune Glanzhaar seiner schweißgebadeten Thiere hinfächelte!

Bei so fernem Reiseziel mochte wohl gerechtfertigt sein, daß der junge Buchhalter – denn Oscar Binder ist Lucindens Begleiter – schon seit fünf Uhr Morgens, wo sie ausgefahren, so außerordentlich nachdenklich ist und immer nur eine kleine Kassette betrachtet, die er auf dem Schoose hält.

An und für sich war er fast gekleidet als ging’ es zum Balle …

Als Lucinde vorm Thore, wo sie seiner Weisung zufolge ohne irgendein anderes Gepäck, als das sie selbst in der Hand tragen konnte, an zwei einsam am Wege stehenden Pappeln erscheinen sollte, seiner in einem harrenden Wagen ansichtig wurde, erkannte sie ihn kaum. Er blickte hinaus und winkte heftig, daß sie rasch auf den Tritt der Chaise und durch die von ihm gehaltene Thür einsteigen möchte. Er hatte sich von gestern, wo sie kurz und rasch erklärt hatte, es wäre sicher am besten, wenn sie sich ihm zur Reise nach Amerika anschlösse, bis heute früh seinen schönen Bart sowol um Mund wie Kinn und Wange abnehmen lassen, und hatte eine ganz curiose Physiognomie bekommen, die früher aus der Bartwaldung heraus kaum erkennbar gewesen war.

Hätte sie nicht ihr Wort gegeben und wäre des 59 „nun doch verpfuschten“ Lebens in der Residenz überdrüssig gewesen, so hätte sie umkehren mögen, so wenig gefielen ihr jetzt die Nase, der Mund und die Ohren des jungen Buchhalters, denn auch diese hatten früher nicht so grell hervorgestanden, als seit heute früh, wo auch seine schönen langen, zierlich über den Hemdkragen in einem einzigen Strich herabfallenden dunkelbraunen Haare von der Schere vertilgt worden waren. Die gelben Glacéhandschuhe trug er wie immer. Für den schwarzen trug er einen grünen Reitfrack mit goldenen Knöpfen, dazu elegante carrirte Beinkleider, eine hohe Mütze von schottischem Zeuge mit einer Troddel, und einen Plaid, den er sofort, als fröstelte ihn in allen Gliedern, über seinen ganzen Körper ausbreitete, sorgfältig aber dabei der Knöpfe seiner Glacéhandschuhe achtend und diese selbst ab und zu ungeduldig niederstreifend wie beim Anprobiren …

Dafür, daß auch Lucinde sich, nach seinem ausdrücklichen Wunsche, ja Befehl, gänzlich metamorphosirt hatte, schien er im ersten Augenblick kaum ein Auge zu haben, und doch bot sie eine phantastische Erscheinung dar.

Ein kleines kurzes Strohhütchen nahm sie ab, und da fielen ihr die vollen Haare, die sie sonst nur in Flechten getragen, in langen dunkeln Locken über die Schulter bis in den Nacken herab. Von gestern Abend sieben bis neun Uhr hatte sie von ihrer Schwester, die in diese Reise eingeweiht war, sich ihr Haar so ordnen lassen, hatte die Nacht geschlafen mit funfzig Papilloten um den Kopf, die von Luisen mit einer großen, über zwei Talglichtern 60 glühend gemachten Ofenzange gebrannt worden waren. Alle Liebesbriefe, die beim Ausrangiren der so „leicht wie möglich“ herzustellenden Bagage auf dem Boden der kleinen Dachstube ausgebreitet lagen, waren zu diesen Papilloten benutzt worden.

Zu dem reizenden Kopfschmuck gesellte sich fast eine Balltoilette, ein luftiges, bauschiges, weißes Kleid, das schönste, das sie hatte, bestehend aus einem geblümten Musselinstoff. Die vor Eile fast athemlos klopfende Brust bedeckte eine rothe Florecharpe mit langhängenden seidenen Fransen. Dazu zwar hohe Schnürstiefel aus Seidenzeug, keine Schuhe, wohl aber helle Handschuhe und Manschetten von langen weißen Spitzen. Es hätte zu dieser Erscheinung ein mit Seide ausgeschlagener offener Landau, nicht die auf jeder Station gewechselte schmuzige Postchaise gehört.

Aber sowol für diese Toilette wie für das dagegen auffallend genug abstechende Bündel, das Lucinden beim Tragen bis zum Thor fast zu schwer geworden war, hatte der junge Mann stundenlang keine Augen. Ueber seine eigene Metamorphose lächelte er mit gezwungener Leichtigkeit, und befahl dann immer nur mit einer seine Begleiterin mehr erschreckenden als ihr imponirenden Barschheit dem Postillon die größte Eile.

Jetzt erst, um zehn Uhr, als Lucinde doch auch einmal aussteigen und sich etwas dehnen und recken wollte, bemerkte er, wie sie seine Weisung, sich vornehm und anders als gewöhnlich zu kleiden, bis zum „Auffallenden“ misverstanden hatte; er bat sie, lieber im Wagen zu bleiben. Sie hatte gedacht, er würde endlich sagen: Nein aber 61 wie schön! Wie entsprechend der gegebenen Anweisung! Und vollends waren jetzt sogar die Locken aufgegangen und hingen ihr, wie einer Genoveva, lang über den Nacken herab, ein wildromantisches Aussehen gebend … Aber Oskar Binder zankte sogar.

Die Vögel werden nicht vor mir erschrecken! sagte sie spitzig, als er sich dabei ängstlich umsah. Sie ließ sich nicht abhalten und stieg aus.

Wie wohl that ihr’s, endlich im Walde die beklommene Brust ausdehnen zu können!

Oskar Binder gefiel ihr heute nicht. Sie wußte nicht, wie sie so schnell und unüberlegt in diese „Gelegenheit nach Amerika“ hatte einwilligen können. Sah diese Reise doch einer Erhörung seiner Huldigungen nicht unähnlich, und doch hatte sie Oskar’n bisjetzt keine Zärtlichkeit gestattet. Wäre er ihr heute früh fünf Uhr bei den beiden Pappeln gleich um den Hals gefallen, dann hätte es mit ihrer Zukunft seine Richtigkeit gehabt, der Augenblick hätte sie überwunden, sie hätte sich liebkosen lassen und nach Gefühl erwidert; jetzt aber war der Augenblick verfehlt, und wenn bei den beiden Stationen, die sie hinter sich hatten, jedesmal beim Weiterfahren der junge Mann einen Anflug von Zutraulichkeit bekam und ihre Hand ergreifen wollte, zog sie sie zurück. In dem zornigen Temperament, das ihrem Blute eigen schien, bei dem schwachen „Talent zur Treue“, wie sie es selbst nannte, überlegte sie schon bei den ersten ahnungsvollen Blicken in die nächste Ferne, ob denn in der That nicht Amerika auch zu weit liegen möchte; denn nach ihrem Princip mochte sie hier in jedem Dorfe 62 gleich halten und in jedem Schlosse gleich die Leute kennen lernen.

Den Bitten des nur mit seiner Kassette beschäftigten Oskar, im Wagen zu bleiben, gab sie kein Gehör. Der Weg ging bergauf, der Postillon schritt auch zu Fuß und sie wollte sogar noch weiter links in den Buchenwald hinein. Das dort noch gehäufte Laub vom vorigen Jahre lockte sie. Das raschelte so gleichförmig zu ihren Füßen hin, und sie wollte dabei an Amerika und das große Weltmeer denken, das sie mit dem jungen Manne und seiner thörichten Liebe zu ihr zu durchschiffen hatte. Und wie gebieterisch er schon wurde! Er rief einmal über das andere in englischer Betonung: Mary! Mary! Als wenn auch er ihren Namen Lucinde zu verleugnen hätte! Sie staunte dabei, daß Oskar, wie sie bei den zurückgelegten Stationen schon bemerkt zu haben glaubte, sich mit den Posthaltern und Wagenmeistern in gebrochenem Deutsch unterhielt. Mehr aus gereiztem Spott als aus guter Laune war es, daß sie von ihrem Laubmeer, das ihr bis an die Knöchel ging, zur Landstraße hinüber antwortete:

Yes, my dear! Yes, my dear!

Die englische Conversation that Oskar’n wohl und schien zu seiner Beruhigung zu dienen. Während der Postillon horchend mit seinem Birkenzweig die Gäule kitzelte, fing jener laut einen englischen Discurs an, der im Walde hüben und drüben nachschallte.

Lucinde verstand ihn freilich nicht mehr als der Postillon; sie sagte immer nur: Yes, my dear! Yes, my dear! Ihr Augenmerk war auf Eichkatzen gerichtet, deren sie 63 nicht wenige aus dem Laube, unter dem noch manche vorjährige Buchecker lag, aufschreckte.

Wie sie so hin- und herrannte und die Thierchen die Stämme hinaufschossen, mußte sie sonderbarerweise der längst vergessenen und aus der Stadt entschwundenen Frau Hauptmännin von Buschbeck gedenken. Diese stand ihr plötzlich in dem Nachtkamisol mit der großen Haube über der Nase und dem aufgebundenen Unterrock vor Augen und vergegenwärtigte ihr besonders den Moment, wenn sie auf den Mäusefang ging. Fand nämlich Frau von Buschbeck auf ihrem Boden der Kartoffeln zu viele zernagt, so hatte die seltene Frau auch das Talent, Mäuse aus freier Hand zu fangen. Lucinde war ihr oft nachgeschlichen, wie sie auf der Hühnersteige, die zum Dache führte, auf der Lauer lag, listig um sich blickte und mit raschem Griff sich eines ihrer Opfer bemächtigte. Hing dann am Morgen in der Küche immer ein halb Dutzend Mäuse an den Schwänzen aufgereiht und hätte die Jägerin gesagt, es wäre ein Vorurtheil, so reinliche und leider von den besten Dingen sich nährende Thierchen nicht zu speisen, in den ersten Wochen, wo Lucinde von Langen-Nauenheim zu ihr gekommen war, hätte sie voll staunender Bewunderung und in ihrer „damaligen Dummheit“ nicht widersprochen, sondern sie auf Befehl gegessen, gesotten oder gebraten, wie die Frau Hauptmännin nur gewollt. Warum ihr aber das gerade jetzt so entgegenkam? Hier im Walde? In dieser Einsamkeit? Sie sah die Alte deutlich, sie sah sie zwischen den Bäumen hinhuschen und Mäuse fangen; sie mußte sich schütteln; sie kannte sich noch darauf nicht, 64 was es ist, vom Fieber durchschauert zu werden. Sie war vor Aufregung seit gestern Abend mit dem Lockenbrennen und Frühaufstehen und „nach Amerika Reisen“ nicht zur Ruhe gekommen und eine Krankheit drohte.

Der junge Anglo-Amerikaner merkte nicht, wie gespenstisch blaß sie sah, als sie mit hängenden Locken über das raschelnde Buchenlaub zu ihm zurückkehrte und in den Wagen stieg, der jetzt bergab und schneller fuhr. Nur wieder seine Kassette, sein gedrucktes Reisehandbuch und die Entfernung bis zur nächsten Station hatte er im Kopfe.

Eine wundervolle Gegend! sagte er dann einmal ganz gedankenlos und bemerkte kaum, wie sich Lucinde in die Ecke des Wagens drückte, seinen Plaid um sich zog, den er ihr schon nach der zweiten Station übergelegt hatte, als es sie dort schon trotz der Schwüle des geschlossenen Wagens fröstelte.

Ich will schlafen! sagte sie jetzt und zog den Plaid bis über die Stirn.

Hätte der Entführer eines den wunderlichen Widerspruch von Gescheidt und in vielem noch völlig Beschränkt verbindenden Mädchens Gefühl gehabt für irgendetwas anderes als die Sorge, für seine Reise einen großen Vorsprung zu gewinnen, so hätte er bemerken müssen, wie ihr Antlitz in Wachs sich verwandelt hatte, ihre Lippen bebten, ihre Hände schlaff hingen, das Kleid sich verschob und die Schultern marmorkalt hervorsahen. Es war auch wol ein solches Fieber, wie man es nach geistigen wie leiblichen Geburten hat. Sie begriff allmählich, wie es doch mit dieser schnellen Reise zusammen-65hängen mochte. Oskar Binder hatte Ursache zur Eile. Lucinde war, einfach in die Sprache der täglichen Welt übersetzt, erstens von ihm entführt, und zweitens war sie es von einem Diebe.

Daß sie in ihrem Zustande keine Erquickung, keine Mittagsrast begehrte, kam dem Flüchtling ganz genehm. Er eilte nur und wetterte auf allen Stationen im geläufigsten Englisch oder gebrochenen Deutsch. Gegen Mittag kaufte er kalte Küche, sie im Wagen zu verzehren.

Lucinde wollte nur einen Trunk Wasser.

Jetzt bemerkte er erst ihren Zustand …

Ich bin das Fahren nicht gewohnt, hauchte sie.

Ihre Zunge war trocken. Wenige Tropfen Wassers löschten den Durst nur auf einen Augenblick; und doch schauderte sie, mehr zu trinken. Sie drückte sich wieder in ihre Ecke.

Da sie die Versicherung gab, daß ihr nichts fehle, beruhigte sich der Flüchtling.

Es war zwei Uhr, und man hatte wol schon acht Meilen zurückgelegt. Die Gegend nahm einen neuen Charakter an. Oskar Binder fing an zu trällern; er pfiff sich einige Arien, die er sonst wol auch mit einer schönen Tenorstimme zu singen verstand. Er bekam die unternehmende Haltung wieder, die ihm sonst geläufig war, strich sich das Gesicht an den Stellen, wo sonst sein Bart gestanden hatte, und lachte einmal über das andere laut auf.

Jetzt interessirten ihn kleine Dinge am Wege, ein Dorf, ein bellender Hund, dem er nachahmte und ihn 66 damit nur noch heftiger reizte, die Landestracht. Auch den falschen Engländer hielt er nicht mehr so consequent fest und gegen Lucinden wurde er aufmerksamer. Er setzte sich rücklings und lehnte die Halbschlummernde über den Rücksitz bequemer aus, schlug ihre Füße in seinen ausgebreiteten Plaid, strich die langen Haare von der kalten feuchten Stirn zurück, küßte die Hände, deren Handschuhe schon abgezogen waren, und kniete sogar nieder, um von dem Glück seiner Eroberung, von der Zukunft, von der baldigen Ruhe in einem guten Hotel und den Bequemlichkeiten eines ersten Kajütenplatzes auf einem deutsch-amerikanischen Dampfer zu sprechen.

Lucinde hörte allem in träumerischer Abwesenheit zu. Die Küsse, die ihr Begleiter auf ihre Hände drückte, schien sie nicht zu fühlen. Ruhig ließ sie ihn auch ihre Locken streicheln. Zu lange auch verweilte er bei seinen Zärtlichkeiten nicht; immer wieder fuhr er auf, das kleinste Geräusch konnte ihn erschrecken. Kehrte er dann von einem Blicke aus dem Wagenschlage zurück, so griff er erst nach seinem Reisehandbuche und verglich das, was er las, mit dem was er eben draußen gesehen.

Seltsam genug mochte ihm sein, in seinem „Guide“ vielleicht zu lesen: Nun öffnet sich das große Becken, wo einst die Römerwelt mit den Germanen zusammenstieß, Varus seine Schlachten verlor, Arminius das Schwert des Rächers über die vernichteten Legionen schwang, bis dann um achthundert Jahre später die Römer wiederkehrten, mit dem Kreuze voran, dem Schwerte Karl’s des Großen hintennach. Hier an diesen Strömen vollzogen sie an den Sachsen die Bluttaufe …

67 Von den Wonnen des Geschichtskundigen, der hier zwischen diesen Bergketten und Längenthälern die ersten deutschen Klöster errichtet weiß, die damaligen ersten Pflanzstätten der Bildung, der das Auge dort nach einem sagenreichen Hügel, hier nach einer waldverlorenen Kapelle richtet und sieht, wie zwischen Katholicismus und Protestantismus das Land getheilt wellenartig dem grünen Landmeere, Westfalen genannt, und von dort den großen geschichtsmaßgebenden Strömen und Meeren zu sich windet … davon hatte nach Bildung und Gefühl das starre Auge des jungen Verbrechers keine Ahnung.

Um drei Uhr war es wieder eine Waldung, in die die Reisenden einfuhren …

Diesmal eine von Birken. Geisterhaft standen die blendendweißen schlanken Stämme, die Zweige hingen nieder wie an den Trauerweiden. Kein Herbstlaub war von den dürftig geschmückten Kronen mehr auf dem Boden sichtbar, Moos und Flechtengewächse zogen sich, von blauen Blumen unterbrochen, weithin zwischen den sonnenbeschienenen, feenhaft winkenden Stämmen. Hielt der Wagen, so flüsterte es von den Espen, die zwischen den Birken standen, wie ein Säuseln der Allnatur, und Wässerchen sickerten da und dort aus dem Moose hervor und benetzten die ihrem Laufe schon folgenden Vergißmeinnicht wie in der Idylle eines Traumes.

Lucinde lag in Betäubung … Ihr Auge war geschlossen, doch schlief sie nicht. Sie fühlte wohl, daß die immer gewecktere Laune, immer fröhlichere Stimmung ihres Begleiters angefangen hatte nur ihr allein sich zu 68 widmen; sie duldete es, um nur Ruhe zu haben. Sie wußte und fühlte wol etwas von der Berührung ihrer Lippen. Sie war machtlos, geistig und körperlich ohne Willen.

So ging es eine Weile wie im Traume fort …

Da plötzlich springt sie auf, wie von einer Natter gestochen. Der Muth des jungen Mannes hatte mehr gewagt. Krampfhaft stößt sie ihn zurück und sieht ihn mit starren, weit aufgerissenen Augen an …

Aber auch ihm war gerade in demselben Augenblicke mehr geschehen als nur der Widerstand eines ihm zu hülflos geschienenen Opfers.

Die fünf Finger jeder Hand streckte er krampfhaft vor sich hin, wie einer, der eine Scene unterbricht mit plötzlicher Anstrengung seines Gehörs, und kaum hatte diese Bewegung eine Secunde gedauert, kaum Lucinde ihr eigenes Entsetzen vor dem starren Schreck des Frevlers vergessen, als dieser nach einem Griff auf seine immer zur Hand stehende Kassette den Schlag geöffnet hatte, Halt! donnerte, ohne Mütze aus dem Wagen sprang und für sie verschwunden war.

Lucinde sank vor dem plötzlich haltenden Wagen in den Sitz zurück, erhob sich aber wieder, wickelte sich aus dem Plaid heraus und machte Miene, instinctmäßig dem Flüchtling zu folgen.

Indem schlug ein Geräusch an ihr Ohr wie von Pferdehufen.

Sie blickte zum Schlag hinaus, den der Postillon voll Erstaunen über das Benehmen seines Passagiers auch auf seiner Seite, der linken, geöffnet. Man sah 69 zwei Gensdarmen mit klapperndem Seitengewehr in noch ziemlicher Entfernung daherjagen. Lucinde, wie in der Ansteckung des Augenblicks, springt hinunter, die Pferde halten aber nicht recht, scheuen und wollen auf den Fußweg. Dadurch gibt ihr der Instinct des Moments den Gedanken, nicht zur Rechten, wo Binder verschwunden war, zu entfliehen, sondern nach der linken Seite. Ein Fluch der Verwunderung von Seiten des Postillons folgt ihr. Sie rennt das niedrige Gestrüpp quer hindurch. Haselgesträuche und Brombeerhecken biegt sie zurück, läuft, wie von Furien verfolgt, in der ganzen athemlosen Hast der fieberhaftesten Erregung, mit Kräften ausgerüstet, die sie im Augenblick hernimmt, sie weiß nicht woher, läuft durch Heck’ und Moos, durch weiche, versinkende Stellen, Sträuche zurückbiegend und keinem Verstecke, der sich darbietet, vertrauend. Wie von der Luft getragen, fliegt sie dahin, und erst, als sie nicht mehr kann, reicht das Entsetzen über Gefahren, die sie sicher nicht zu groß sich ausgemalt, nur noch so weit aus, auf die Zweigstämme eines rings von hohen Büschen umgebenen Baumes zu klettern, die Zweige des Umwuchses zurückzudrängen, die höhern Wipfel an sich zu ziehen, sich fest an sie anzuklammern und mit einem einzigen kühnen Sprunge auf die Astgabel des Baumes zu springen, wo sie dann leichtere Mühe hat höher zu klimmen und athem- und kraftlos, mit herabhängenden Händen und niedergebeugten Hauptes zusammenzusinken.

So lugt der Luchs mit starren Augen aus grünen Zweigen und harrt des nahenden Jägers.

70 7.#

In dieser Stellung blieb Lucinde wol eine Stunde.

Sie hatte oft schon auf Bäumen gesessen, aber so in Angst und Kraftlosigkeit noch nie. Mit den über einen gewaltigen Ast ausgelegten Armen hing sie mehr, als sie auf einem untern mit den Füßen stand. Der Schweiß, der ihr von der Stirn troff, mußte ihr gut thun; sie behielt wenigstens die Besinnung, und diese lieh dem Körper Kraft.

Lang hingen die Haare, das weiße Kleid war zerfetzt, ihr rother Shawl war irgendwo hängen geblieben. Ihr ganzer Sinn spitzte sich nur auf das Gehör zu. Wenn ihr Auge über etwas funkelte, war es ein Blatt, das rauschte, ein Käfer, der summte.

Sie besann sich sogleich darauf, daß sie ungewiß sein konnte, ob sie mehr vor den Häschern als vor ihrem Begleiter so geflohen war.

Als sie nichts hörte, keine Menschentritte, kein Geräusch von Waffen, konnte sie endlich die Miene so verziehen, daß die weißen Zähne eine Weile hervorstanden, wie immer, wenn sie spöttisch lachte … Es war ein Lachen, das allmählich in ihrem Innern so platzgriff, 71 daß es sich auch äußerlich geltend machte. Sie lachte, wie die Verzweiflung pflegt, wenn sie nicht mehr aus noch ein kann. Sie überlegte, was nun alles kommen konnte! Wenn sie aus dieser Lage nichts Neues und Unerwartetes erlöste, sah sie Demüthigungen entgegen, die grauenhaft waren.

Alles blieb still …

Sie traute sich die Kraft zu, niederzusteigen …

Der Gedanke: Wie, wenn sie durch die Nacht so hinwandern könnte, durch die Wälder, die Berge, über die Meere – bis Amerika! der stand ihr so lange bei, bis sie wieder auf ebenem Boden war und dann freilich vor Erschöpfung bald zusammensank. Sie hatte seit dem gestrigen Tage keine Nahrung genommen. Nun lag sie kraftlos und griff nach den Zweigen der Sträucher über sich und beugte sie zu sich nieder, hoffend auf Erquickung. Nirgends eine Frucht. Erdbeerbüsche sah sie etwas weiter, aber die Früchte waren abgestreift Dies bewies ihr wenigstens Menschennähe. So lag sie lange; sie legte den Kopf über die gekreuzten Arme und schmachtete so hin …

Seit lange hatte sie solche Einsamkeit auch ihres Innern nicht gefühlt.

Doch mit Thränen konnte ihre Natur sich nicht helfen. Vor acht Tagen – da hätte sie „beinahe“ geweint, als sie das Haus des edeln Mannes, des Stadtamtmanns, verließ. Sie weinte auch wirklich, als die alte Köchin über ihr tröstend und doch kopfschüttelnd gesagt hatte: Jettchen, Jettchen, Sie werden noch Traurigeres in der Welt erleben, als das ist! 72 Sie hatte schon seit lange nicht mit der Alten gesprochen, weil sie zu stolz geworden war. Aber lange hatte die Rührung nicht gedauert. Sie wühlte schon damals nach einer Genugthuung. Da sich keine fand, da ihr überall der Weg versperrt war nach der Seite hin, wo allein ihrem Stolze genügt werden konnte, so war sie bereit gewesen, das Netz, das sie überspann, zu zerreißen und mit Oskar Binder in die weite Welt zu gehen. Wie das so war und werden konnte, hatte sie nicht viel überlegt. Nun sah sie’s und neu genug waren die Folgen … Jetzt blickte sie in einem Walde einsam hinein in Moos, Farrnkräuter, Sträuche mit Blüten und Beeren, die zum Herbste reiften … Was dieser ihr wol bringen wird!

Die kleinen Käfer und Insekten um sie her konnte sie noch verfolgen, wie sie sprangen und sich kugelten und auf Halme kletterten, die am Gewichte derselben zusammenknickten …

Es regt sich doch alles, es nährt sich doch alles! Das zu denken, auch jetzt zu denken, war längst ihre Art, und so elend ihr zu Muthe blieb, aufstehen würde sie doch, wenn nicht gleich jetzt, doch noch vor Abend; und zurückdenken mochte sie am wenigsten; aufrichtig beklagen, sich etwas vorwerfen, bereuen, das hatte sie nie vermocht, und wenn sie sonst gestraft worden war, Thränen kannte sie auch da nicht. Ihr Vater weinte wol dann statt ihrer und seufzte: Die Mutter!

Nach einer halbstündigen Ruhe raffte sie sich wieder in die Höhe. Sie ordnete ihr Haar, soweit es ging, erschrak zwar über den Zustand ihres Kleides, versuchte aber weiter zu kommen.

73 Sie hielt sich an die Zweige und Stämme. Einen Weg fand sie nicht. Sie war ganz im Dickicht, und doch war ihr’s manchmal, als läutete von irgendwoher eine Glocke. Dann war’s blos wieder ein Summen im Grase oder im Ohre. Einige hundert Schritte brachte sie so vorwärts; weiter trug sie ihre Kraft nicht mehr …

Es war an einem wunderschönen Platze, wo sie zusammensank. Der Wald wurde lichter, die Birken ragten wieder, Erlen, auch Weiden kamen. Sie sah sogar in der Ferne Schilf, dicht verwachsen; nun mußte doch ein Wasser kommen. Sogar Schwalben schossen daher, die sonst im Walde nicht wohnen. Auch eine Lerche wirbelte ein Abendlied in der Luft. Aus dem Schilfe blickte manche dunkelblaue Blume ihr entgegen. Weiße Nymphäen sah sie auf kleinen Wässerchen. Das Gras um sie herum war von Vergißmeinnicht gezeichnet …

Immer müder und müder wurde ihr. Rings der große schweigende Kranz des Waldes, hier ein kleines Wassereiland, drüber der blaue Himmel mit einigen wie durchsichtigen Rosawölkchen in allerhöchster Höhe. Sie blickte noch einmal empor, dann faßte sie, wie um sich zu halten, einen Büschel blauer Glockenblumen, und lag dann so, diese in der Hand haltend, ohne Bewußtsein. Eine grüne, behend dahinschlängelnde Eidechse, die sie im Sinken unter einem feuchten, moosbewachsenen Steine aufscheuchte, sah sie wol noch, aber fürchtete sie nicht mehr.

Als Lucinde erwachte, war es dunkler Abend.

74 Ihre Ohnmacht war in Schlummer übergegangen. Sie erwachte an derselben Stelle.

Obgleich sie schwer geträumt hatte und im Traume weit entrückt gewesen war in ferne Lande, so erkannte sie doch sogleich den Ort wieder trotz der Dunkelheit.

Nur Gesellschaft hatte sich eingefunden. Es saß ein Mann neben ihr.

Es war ein ihr völlig Fremder, und doch erfüllte er sie nicht im mindesten mit Schrecken.

Seine Geberde war auch zu sprechend für die Gefahrlosigkeit seiner Nähe und seiner Absicht. Er lag auf den Knieen, faltete die Hände, die er lässig niedergleiten ließ, und betrachtete die Erwachende, wie wenn er eine überirdische Erscheinung angebetet hätte.

Ihr Erwachen schien den Fremden mit großer Freude zu erfüllen.

Er war hoch und stark, ein Mann eher noch in jungen als in mittlern Jahren.

Sein Antlitz, soweit es der schon nächtlich gedunkelte Abend erkennen ließ, war voll, geröthet, beides fast im Uebermaß.

Die Art und Farbe der Augen ließ sich vor dem Schirm einer leichten Sommermütze, die er trug, nicht erkennen.

Auch seine übrige Tracht war von leichtem, hellem Sommerstoffe, bis zu Gamaschen hinunter, die er trug.

Das Halstuch war mit einem Ring zusammengebunden, dessen weiße Steine wunderbar funkelten. Eine schwere goldene Kette hing über die offene Brust hinweg über ein sauber gefälteltes Hemd. Von der grünen 75 Waldeseinsamkeit stachen die weißen Glacéhandschuhe ab, die auch dieser Fremde wie Oskar Binder trug und trotz seines Knieens und seiner wie anbetenden Geberde nicht ausgezogen hatte.

Noch ehe Lucinde sich in diesen seltsamen Anblick gefunden, wurde sie von dem fremden Manne angeredet. Es war in einer fremden Sprache, die aber einige deutsche Laute untermischt hatte, und das so richtige und volltönende, wie wenn ihm jene doch nicht recht geläufig war.

Die sich gleichbleibende Stellung und ehrfurchtsvolle Anrede des Fremden überraschte Lucinden jetzt so, daß sie sich erhob und einige Worte sprach:

Wer sind Sie? Wo bin ich?

In diesem Augenblicke kamen aber auch schon aus dem Walde einige Leute und brachten einen großen Tragsessel.

Ein älterer, schwarzgekleideter Mann führte sie und näherte sich mit Anweisung der Stelle, wohin sie ihm mit dem Sessel folgen sollten. Da er Lucinden schon aufgestanden und jetzt wie auf der Flucht fand, rief er ihr entgegen:

Mein junges Kind! Fürchten Sie sich nicht! Sie sehen hier nur die Sorge des Herrn Kammerherrn! Wir waren im Begriff, Sie auf diesem Stuhl in meine Wohnung zu bringen!

Lucinde war sich ihrer eigenen Abenteuerlichkeit zu gut bewußt; wie hätte sie von den Männern, statt Aufklärungen zu geben, welche verlangen können!

Sie müssen ermüdet sein! Setzen Sie sich! Diese Leute sind stark genug, Sie den Weg, der nicht zu kurz ist, in meine Wohnung zu tragen!

76 So sprach wiederholt der Neuhinzugekommene, ein hagerer, langer Mann, von gelassenem Wesen. Sie mußte nach Tracht und Haltung in ihm einen Dorfgeistlichen vermuthen.

Der als Kammerherr Bezeichnete war aufgestanden und hielt sich immer nur in einiger Entfernung, faltete die Hände und betrachtete Lucinden wie ein Wunder, das sie in dieser Umgebung, in ihrem wilden und doch eleganten Aufzuge allerdings auch war.

Ermüdet und schwach bis zum Umsinken, ließ sie sich die Dienstleistungen der Leute gefallen, duldete, daß man sie auf den Sessel hob, diesen dann kräftig erfaßte und sie so aus dem jetzt schon vom Monde beschienenen und von Leuchtkäfern und schwärmenden Phalänen belebten Schilfmoor in den dunkeln Wald zurücktrug.

Die Träger sprachen nichts als was zur Verständigung des bessern Handhabens des Stuhles gehörte; auch die beiden andern, der Kammerherr und der, den sie für einen Geistlichen hielt, folgten schweigend.

Lucinde, so dahingetragen den schmalen düstern Waldweg, glaubte noch immer zu träumen, und doch war alles Wirklichkeit. Diese geisterhaften Lichter, die der Mond zwischen die hohen Stämme warf, waren zu natürliche.

Aber das Gefühl, einer Gefahr entgegenzugehen, konnte hier nicht aufkommen. Die beiden Männer blieben zwar in lebhaftem, wie sie hörte, jetzt in vollkommenem Deutsch geführten Gespräch zurück, aber die gutmüthigen Mienen ihrer Träger ließen auf ehrliche Dorfbewohner schließen.

77 Lucinde war so angegriffen, daß sie mit sich geschehen ließ, was man thun wollte. Sie lehnte den Kopf an die Rückenlehne des Sessels und hörte nur. Endlich vernahm sie das Schlagen einer Thurmuhr und Hundegebell. Sich ein wenig aufrichtend, sah sie einige Lichter blinken, auf die man in gleichmäßiger Bewegung zuschritt.

Der kleine Zug kam in ein stilles, schon in nächtlicher Ruhe sich wiegendes Dorf. Die hintern Begleiter hatten eine Straße abgeschnitten und waren den Trägern voraus. An der Kirche lag ein stattliches Haus, dem letztere durch ein zur Seite liegendes großes Hofthor schneller beikommen wollten; doch der Kammerherr sprang heran und rief ein gellendes: Nein! indem er auf den Haupteingang des Hauses selber zeigte. Seine Gestalt und Stimme bot in diesem Augenblicke einen ängstlichen Eindruck. Lucinde hätte gewünscht, von ihm minder geräuschvoll geehrt zu werden.

Daß sie sich in einem evangelischen Pfarrhause befand, bemerkte sie bald an der Umgebung, die immer lebhafter und zahlreicher wurde. Eine freundliche Frau beklagte sie, erklärte sie ohne Zweifel für verirrt, für krank, und rühmte den Kammerherrn, der die Unglückliche entdeckt hätte, die an jener Stelle im Walde unfehlbar die Nacht würde haben verbleiben und sich vollends verderben müssen.

Man trug Lucinden eine Treppe hinauf, in ein zwar niedriges, aber freundliches und sehr geräumiges Zimmer, neben welchem ein Cabinet mit Bett sich befand. Alles war schon hergerichtet zu ihrem Empfang. Jeder 78 griff zu, jeder bot ihr Hülfleistung; nur der Kammerherr stand unausgesetzt von fern und betrachtete, was er sah, wie eine Märchenerscheinung. Jetzt übersah Lucinde die ganze lange, starke, breitschulterige Persönlichkeit, deren zartes, fast süßes Benehmen mit diesem Aeußern in einem fast komischen Contraste stand.

Ihre Erklärung, daß sie sich verirrt hätte, genügte vorläufig und verhinderte alle weitere Nachforschung. Man war bedacht, sie mit Speise und Trank zu versorgen und ihr die Ruhe eines weichen Lagers zu gönnen. Sie unterwarf sich auch jedem, was man zu ihrer Stärkung und Bequemlichkeit ersann. Sie war nur das willenlose Echo jedes gesprochenen Wortes bis auf das: Gute Nacht! das man ihr zurückließ und das sie ebenso erwiderte. Sie hörte noch etwas wie den gezogenen Ton eines Wächterhorns und entschlief.

Die weniger kräftige als zähe Natur Lucindens hatte sich am folgenden Morgen vollständig wieder erholt. Von einem wohl­thätig über Nacht ausgebrochenen Schweiße merkte sie jetzt kaum noch etwas, als die gewonnene Stärkung. Sie richtete sich, wie die Sonne hell in die sehr niedrigen, aber wohnlichen Zimmer schien, hoch auf und lachte schon wieder über die Situation, in der sie sich befand. Man war schon um sie her beschäftigt gewesen. Sie fand schon Kleider, Wäsche, Hülfs­mittel ihre Toilette zu machen, erfrischendes kaltes Wasser. Sie konnte annehmen, daß sie mit Oskar Binder in den von ihm so hochgerühmten Hotels der Seestadt Bremen angekommen und eine Gräfin war, als welche er sie überall behandeln zu wollen versprochen hatte. Bei dem 79 Gedanken, ob der junge Mann nicht schon auf dem Wege ins Zuchthaus war, überlief sie eine peinliche Furcht. Sie erwog indessen ihren Antheil an seiner Schuld und durfte sich freisprechen bis auf den verlorenen Ruf. Letztere Betrachtung störte sie nicht zu lange: ihrer Natur widersprach es, sich um irgendetwas allzu viel Sorge zu machen.

Die Kleider, die sie vorfand, entsprachen freilich der Vorstellung von einer reisenden Gräfin sehr wenig.

Es waren leichte, vielfach gewaschene und von der Sonne ausgebleichte Kleider der Frau Pfarrerin.

Sie zog einen der Röcke an und lachte über sich selbst, als sie in den Spiegel geblickt, von dem sie erst zwei sich kreuzende Pfauenfedern und eine Anzahl Visitenkarten und geschriebene Einladungen zu Mittagessen und Kaffeegesellschaften in der Umgegend wegnehmen mußte.

Wie eine Großmutter! sagte sie, von diesen Familienbezügen angeregt, zu sich selbst. Sie sann hin und her, wie sie sich helfen konnte, denn vollkommen gegenwärtig war ihr die Anwesenheit eines Mannes, den man Kammerherr genannt und der ja vor ihr anbetend auf den Knieen gelegen und sie wahrscheinlich spanisch oder arabisch begrüßt hatte. Leise hatte sie auch schon die an den Fenstern dicht herabfallenden gemusterten und roth umsäumten Musselingardinen gelüftet und richtig schon ihren Verehrer in dem kleinen Garten vor dem Hause auf- und abwandelnd erblickt.

Lucinde war eitel genug, die glänzende Toilette, in der er erschien, auf ihre Veranlassung zu setzen. Er trug eine hellblaue Uniform mit goldgesticktem Kragen, mehrere 80 Orden auf der Brust und einen dreieckigen Tressenhut auf dem schon wieder sehr rothen Antlitz. In gravitätischer Würde ging der Kammerherr durch die zierlichen Wege des kleinen Blumengärtchens auf und nieder und brach nur dann und wann zu einem Bouquet, das er schon in Händen hielt, noch eine Rose oder aus den Einfassungen der Beete eine Federnelke.

Zunächst ordnete sie ihr verwildertes Haar. Sie legte es wie sonst wieder in Scheitel und Flechten. Um Locken zu machen, fehlte die Feuerzange ihrer Schwester.

Diese Umwandlung dauerte lange. Sie wurde ihr aber angenehm durch eine ganz wunderbare Unterhaltung, die plötzlich durch das Haus ertönte. Eine Musik erfüllte die nicht unansehnlichen Räume desselben, und zwar mit einem Wohllaut, der höhern Sphären angehörte. Jedes Glas auf dem Tische, die Fensterscheiben, die Bilder an der Wand, ja, die klappernde Thür eines gußeisernen Ofens, alles schien von dieser Musik mit ergriffen, so mächtig brausten die Accorde durcheinander, ob sie gleich nur von einem einzigen Instrumente, etwa von einer riesigen Flötenuhr, zu kommen schienen.

Was ist das? fragte Lucinde die Magd, die sie in seltsam fremder, ihr nicht geläufiger, plattdeutscher Sprache um das Frühstück anging, das sie zu haben wünschte.

Der Herr Pfarrer spielt! hieß es.

Ja, aber was? worauf?

Die Magd lächelte verlegen; ihr guter Wille, Aufklärung zu geben, scheiterte an einem schweren fremdartigen Namen.

81 Die Töne schwollen indeß und lösten sich ab mit einer Weihe und Erhabenheit, die der feierlichsten Kirchenmusik gleichkam. Bald waren es Flöten, bald Oboen, bald die Töne eines Violoncells. Nur einmal hatte Lucinde ähnliche Eindrücke gehabt, damals, als sie zur Osterzeit gelegentlich die kleine katholische Kirche der Residenz betreten, um zu belauschen, wie sich die Frau Hauptmännin anstellte, im Beichtstuhl zu sitzen. Sie erfuhr später, daß die geizige Frau, die den Satan ohnehin für den wahren Herrgott hielt, nur deshalb alle Jahre einmal zur Beichte ging, um ein monatliches gänzliches Fasten zu motiviren, das sie darauf als eine ihrem Hause für ihre Sünden dictirte Strafe einführte. Lucinde dachte auch bei dieser Musik an jene Zeit der bittersten Entbehrungen.

Da ihr schönes Kleid einer gründlichen Ausbesserung bedurfte, wenn es nicht gar ganz verdorben war, so blieb ihr nichts übrig, als für ihr Costüm sich den Umständen zu ergeben. Sie bat um eine Haube und erhielt sie. An dem Schnitt ihres Antlitzes, an dem Reiz ihrer Formen war nichts zu entstellen, sie konnte den Eindruck einer eben verheiratheten jungen Frau machen. Sie nahm dann ein leichtes Frühstück von Milch und eilte an die Quelle der berauschenden Töne, die das ganze Haus verzauberten.

Man empfing sie unten sehr freundlich und wünschte ihr Glück zu ihrer schnellen Erholung. Ihre Toilette fand man erfindungsreich und entschuldigte sich, ihr nicht mehr bieten zu können. Die Musik hatte denselben Augenblick aufgehört. Auf ihr Befragen, welchem Instru-82ment man verstanden hätte diese wunderbaren Töne zu entlocken, zeigte der Pfarrer auf einen Kasten, in welchem eine Reihe von Gläsern, eins ins andere gesteckt, an einem Bande in der Schwebe gehalten lagen. Durch eine mechanische Vorrichtung bewegten sie sich, geriethen durch ständiges Drehen in Schwingungen und wurden nun mit den Fingerspitzen je nach ihrer Stimmung berührt. Diese Art des Spielens schien anstrengend: Man mußte die Gläser durch Friction in Umschwung erhalten. Der Anblick selbst war lange nicht so poetisch wie die Wirkung. Es war eine, jedenfalls verbesserte, jener alten und echten Harmoniken, die Benjamin Franklin erfunden haben soll, und die schon lange aus dem Gebrauch des Virtuosenthums gekommen sind und nur hier und da noch von einem Freunde ernster und weihevoller Musik gespielt werden. Der Pfarrer und die Pfarrerin, beide waren gleich geschickt darin.

Das nächste Gespräch, an welchem in bescheidener Zurückhaltung einige freundliche Kinder, zwei Mädchen und zwei Knaben, theilnahmen, betraf natürlich das gestrige Finden der Verirrten.

Der Pfarrer hatte mit dem Kammerherrn, der immer noch im Garten, harrend und seinen Strauß vervollständigend, auf- und niederging, kurz vor Sonnenuntergang noch einen Spaziergang gemacht. An dem Riedbruch, wie die bezeichnete Gegend benannt wurde, hatte man Lucinden überraschend genug und im Schlummer hingestreckt gefunden. Ihr zerrissenes Kleid, die aufgelösten Haare hatten keinen Zweifel gelassen, daß es sich um eine Kranke handelte, und schnell war der Pfarrer zum Dorfe 83 geeilt, während der Kammerherr zur Aufsicht zurückgeblieben war.

Zwei fast gleichzeitige Fragen, die ihrerseits nach der wunderlichen Art des letztern, und die Frage der Pfarrersleute, wie und woher sie denn in diese misliche Lage gekommen, durchkreuzten sich eben, als man vorm Hause einen fürchterlichen Lärm hörte, Schimpfreden und Drohungen wildester Art.

Ja, was ist wieder? sagte ruhig der Pfarrer und ging hinaus.

Lucinde sah, daß sich der Kammerherr wie ein Tobsüchtiger geberdete und in einige Entfernung hinausschrie:

Schlingel, nichtswürdiger Schurke, Tagedieb! Wo bleibt mein Degen? Wie lange soll ich nach meinem Degen rufen? Bin ich der Kammerherr von Wittekind oder nicht?

Da auch die Pfarrerin auffallenderweise sehr ruhig in den Garten ging, so nahm Lucinde keinen Anstand zu folgen. Sie hatte schon die Thür in der Hand, als ihr auffiel, wie schnell das älteste der Mädchen an die Harmonica sprang und einige der Gläser mit dem mühsam ausgebreiteten Spann ihres kleinen Händchens zu reiben sich mühte.

Was ist das alles? fragte sie sich und war um so mehr betroffen, weil der Name Wittekind sie an die monatlichen Geldsendungen der Frau von Buschbeck oder des Fräuleins von Gülpen erinnerte. Auf den fünf Siegeln hatte sie einmal die Worte: „Freiherrlich Wittekind’sche Kameralverwaltung“ gelesen …

84 Die Kleine spielte wohlgeordnet einen Choral. Der Kam­merherr riß dazwischen sein Blumenbouquet auseinander, rannte über die Beete, zertrat alles und schlug sogar gegen den Pfarrer, der ihm zuzureden und ihn ins Haus zurückzuführen sich bemühte, mit geballter Faust. Leuten, die draußen am Staket gaffend stehen blieben, winkte der Pfarrer zu gehen.

Meinen Degen! Meinen Degen will ich haben! rief der Ungeberdige unausgesetzt und drohte nach einer Seite hin, wo sich jemand zu befinden schien, der diesen zu bringen von ihm beauftragt war.

Aber den Degen? rief die Pfarrerin, jetzt doch auch erregter ins Haus zurückkehrend. Wie kann man ihm einen Degen lassen!

Lucinde begriff nun, daß der Kammerherr geisteskrank war. Nie hatte sie Menschen in diesem Zustande gesehen und fürchtete sich, trotzdem daß man versicherte, die Musik würde allmählich seine Tobsucht mildern. In wunderbaren Tönen spielte auch jetzt die Frau Pfarrerin, eine kleine, zarte, aber geistig durchleuchtete und willensstarke Frau.

Wie Lucinde nun auch auf dem Sprunge war auf die Treppe zu eilen und sich in den obern Stock zu flüchten, traf sie durch die noch geöffnet gebliebene Hausthür der Blick des Tobenden. Kaum war er ihrer ansichtig geworden, als er augenblicklich in seinen Schimpfreden innehielt, die Hände nach ihr ausstreckte und halb die Knie beugte.

Diese Aenderung der Scene war das Werk eines Augenblicks. Die zaubervollen Accorde, die die Pfarrerin 85 dem Instrument entlockte, hoben eine Situation, deren Feierlichkeit von dem Schrecken und Staunen der Näherstehenden unterstützt wurde; die entfernter Lauschenden freilich lachten.

Lucinde blieb eine Weile unbeweglich.

Dann aber faßte sie sich Muth und ging auf den Kammerherrn zu, ihm einen freundlichen: Guten Morgen! wünschend.

Er erhob sich, sprach nichts und lächelte voll Ehrfurcht.

Daß Sie mich noch wiedererkennen! fuhr Lucinde wie in unbefangenster Laune fort. Ich habe mich seit gestern verändert, nicht wahr?

Sie gehören jetzt der Erde an! sprach der wie in einem Bann Befindliche feierlich, langsam, mit sonderbar hochliegender, fast weiblicher Stimme.

Nicht wahr, fuhr Lucinde scherzend fort, Sie glaubten gestern, ich wäre vom Himmel gefallen?

Und nun suchte sie die zerstreuten Blumen auf, wobei ihr der Kammerherr behülflich sein wollte.

Aber diese steife Uniform! fuhr sie fort. Pfui! Pfui! Wie garstig dieser hohe Kragen! Das mag sich wol bei Hofe schön ausnehmen, aber hier … Die armen Rosen und Nelken! Nein, kommen Sie, Herr Kammerherr von Wittekind! Ziehen Sie Ihre gestrige leichte Kleidung an, und wir richten den Garten wieder in Ordnung!

Ich wollte Ihnen meine Ehrfurcht bezeugen! sagte der Kranke und verbeugte sich wie vor einer Fürstin.

Nun gut! So denken Sie nur, daß ich auch ganz 86 incognito hier lebe und wir uns eines dem andern nichts vorwerfen wollen!

Der Kammerherr verbeugte sich und ging, ohne weiter nach dem Degen zu fragen, ins Haus, um sich umzukleiden. Er bewohnte die andere Seite des Erdgeschosses.

Alle standen in Verwunderung vor diesem unerwarteten Besänftigungsmittel. Der Pfarrer besonders schien sehr erfreut und sagte leise:

Die Musik war bisjetzt das Einzige, was die zuweilen ausbrechende Tobsucht des geistesschwachen Mannes mildern konnte. Nun kommen Sie und schon ihr Anblick entwaffnet seine Wuth! Sie sind uns ja wie ein Geschenk von Gott gegeben!

Lucinde erfuhr, daß der Pfarrer von Eibendorf, dem das trauliche Nest von Kindern sich füllte, vom Ertrag seiner Pfarre aber kaum die Scheuer, sich erboten hatte, einen geisteskranken vornehmen, sehr reichen Mann in Obhut zu nehmen. Es war, er gestand es aufrichtig, eine ganz einfache Speculation auf die Besserung seiner eigenen Existenz. Er wollte diese Ersparnisse anlegen für die künftige Ausbildung seiner Kinder. Offen sagte er das; aber man sah wohl, sein eigener redlicher Wille und die Herzensgüte seiner Frau konnten sich nicht entschließen, diese Pflege wie das Amt eines Miethlings auszuführen. Sie unterzogen sich ihrer schweren Aufgabe, die sie in diesem mislichen Umfange, wie sich bald herausstellte, kaum geahnt hatten, mit aufrichtiger Hingebung, wachten Tag und Nacht über den launischen, oft bösartigen und in der großen Welt in vielen Dingen 87 gründlich verdorbenen Mann, der schon an die Vierzig gerückt schien und doch kaum dreißig zählte.

Freiherr Jérôme von Wittekind entstammte dem Geschlechte, das sich für die Nachkommen jenes edeln und tapfern Wittekind hielt, der in diesen Gegenden, tiefer abwärts nach Westen zu, lange Jahre Karl dem Großen die Spitze geboten. Einem Geschlechte der Hünen schien auch noch immer dieser entartete Enkel anzugehören. Der Kammerherr war der jüngere Sohn des großen Landbesitzers und eines der ersten Glieder hierländischer Ritterschaft, des Kronsyndikus von Wittekind; der ältere stand in Diensten des nordwärts liegenden großen Staats. Dieser jüngere, von früh beschränkt und schwachsinnig, hatte sich den Kammerherrnschlüssel eines der kleinen Höfe geben lassen, die in der Gegend der Externsteine liegen. Seine Reisen und Aufenthalte in großen Städten waren die Veranlassung zu so vielen Thorheiten und Verschwendungen geworden, daß der Vater seinem Wesen Einhalt thun mußte. Die Beschränkung, die er erfuhr, reizte seine Wildheit noch mehr, und als der Vater, der selbst ein determinirter Mann war und im Nothfall, wie Lucinde später kennen lernte, mit geschwungener Hetzpeitsche drein fahren konnte, ihn vollends einengte und, um den Geisteszustand seines Sohnes nicht zu verrathen, ihn gar wie einen zweiten Kaspar Hauser einschloß, ließ die Elasticität dieser schwachen Geisteskräfte immer mehr nach und ein oft bösartiger Blödsinn war die Folge, die nur noch die gewohnte Art der Haltung und der hochgetragene Nacken des adeligen Stolzes in der stattlichen Erscheinung des Kammerherrn verdeckte.

88 Obgleich Katholik, hatte man ihn, um seinen Zustand ganz aus dem Bereich der Controle der ihm ebenbürtigen Adelsgeschlechter zu bannen, zu einem protestantischen Geistlichen, zehn bis zwölf Meilen von den großen Gütern des Vaters entfernt, gegeben. Den Vorwand dafür gab seine Liebe zur Malerei. Er besaß ein wirkliches Talent zum Copiren und streifte durch die Gegend meist mit der Zeichenmappe. Sein Diener sagte dann jedem, sein Herr halte sich deshalb beim Pfarrer auf, weil nichts der Umgegend von Eibendorf gleichkäme. Wald, Berg, Wiese und Grund schmückten das Thal allerdings mit den reichsten Farben; die Malerei und Musik wurden zu Hülfsmitteln, den Zustand des Kranken zu mildern.

Von dem Augenblick an, wo der Kammerherr in seinen Sommerkleidern zurückkehrte und mit Lucinden, die sich einen Strohhut gegen die Sonne entliehen hatte, die Beete zu ordnen und die Pflanzen wiederherzustellen begann, entspann sich ein Verhältniß, das ein Jahr dauerte und mehr als Lucindens sechzehntes Lebensjahr füllte.

89 8.#

Lucinde blieb auf der Pfarrei, hier „Pastorat“ genannt.

Man fragte sie allerdings nach ihrer Herkunft, ihrem Namen und dem Stande ihrer Aeltern. Sie gab auch dem Pfarrer und dem Schulzen (dem „Meier“ des Dorfes) einen Namen an. Erst war sie Johanna Stegmann, aus dem Thüringischen gebürtig. Kam der Pfarrer und drohte lächelnd mit dem Finger und sagte, er hätte nach Vacha, das sie als Wohnort angegeben, geschrieben und die Nachricht bekommen, daß man dort nichts von einer Johanna Stegmann wisse, so nannte sie sich Luise Starkin, aus der Gegend von Fulda über die Rhön hinaus, wo ihr Vater ein Oberförster des Königs von Baiern wäre. Schüttelte man nach vier Wochen wieder den Kopf, so erwiderte sie:

Will man, daß ich bleibe, so quält mich doch nicht so!

Man mußte nämlich wirklich wünschen, daß sie blieb. Sie war dem Frieden des Hauses fast nothwendig geworden. Was zur Besänftigung des Kammerherrn die 90 Harmonica nur annähernd erreicht hatte, das löste Lucinde vollständig. Der Kammerherr wurde durch sie ein Kind, das an ihrem Leitseile unter Blumen spielte; er zeichnete, malte, sprach leidlich vernünftig und verhieß eine wirkliche Heilung.

Ohne phantastisches Uebermaß und manche Wunderlichkeit ging es dabei freilich nicht ab.

Es blieb dem Kranken von Lucinden die Vorstellung wie von einer in der That feenhaften Erscheinung. Er ließ sich den Wahn nicht nehmen, daß Lucinde eine Tochter der Waldeskönigin, vielleicht sie selbst wäre, und Lucinde that nichts, ihm diesen Glauben zu nehmen. Sie ließ sich von ihm ganz so schmücken, wie er sie sehen wollte, wenn er sie malte. Es waren dies diese wunderlichen Malereien der Geisteskranken, die durch ihre technische Vollendung oft überraschen und doch immer etwas nur mechanisch Wiedergegebenes und Seelenloses darstellen. Es waren in seinen Landschaften immer derselbe Eichbaum, immer derselbe Felsengrund, immer dasselbe Haus, derselbe Kirch­thurm, derselbe Bach und dieselbe Mühle wiederzufinden, nur wechselte die Vermischung und die Beleuchtung. Auch seine Porträts drückten, er mochte den Pfarrer oder den Meier im Dorf oder den einzigen Bekannten, der ihn zuweilen besuchte, einen Grafen Hans von Zeesen wählen, immer denselben Charakter aus, eigentlich ihn selbst. Nur für Lucinden suchte er Abwechselung, bald in dieser Situation, bald in jener. Er verschwendete Summen Geldes, um sie bald als Griechin, bald als Zigeunerin, bald als Salondame oder Amazone malen zu können. Von 91 jenem Residenzstädtchen, wo er sich einst den Kammerherrnschlüssel gekauft hatte, waren beständig Cartons mit kostbaren Stoffen unterwegs. Selbst theuere Schmucksachen wurden angekauft. Und der Kronsyndikus, der Vater, der zuletzt doch auch von diesem Treiben hören mußte, widersprach diesmal nicht. Einmal drückte ihn der geheime Vorwurf, das Uebel des Sohnes selbst durch seine Erziehung gemehrt zu haben, dann nährte er die Hoffnung, ihn wieder in die Gesellschaft zurückzuführen. Es wurde sogar eine Adelige genannt, die nach einem Familienstatut mit ihm vermählt werden sollte, nachdem eine Verbindung mit einem Fräulein Monica von Ubbelohde vor geraumen Jahren gescheitert war.

Lucinde genoß diese Lage eine Zeit lang mit der ganzen Behaglichkeit ebenso eines sichern und geschützten Aufenthalts wie geschmeichelten Selbstgefühls … Eibendorf lag dem Winkel zu, wo sich das Eggegebirge mit dem Teutoburger Walde kreuzt; es war umgeben von jenen Waldzügen, die so dichtbelaubt, so frei und urstämmig sich sonst nur im Süden Deutschlands wiederfinden. Von mancher aufsteigenden Anhöhe aus sah man in das ganze Tiefthal der Weser hinab. Ein entzückender Anblick! Jeder Hügel bewaldet und umgeben von unabsehbaren Feldern und Wiesen, denen sich in frischen Farben Dörfer, weiterhin ansehnliche Städte entwinden. Die schroffern und die Seele mit mächtigen Ahnungen erfüllenden Partieen mußte man im Gebirge suchen; diese Ebene hier bot den Charakter der Milde und Lieblichkeit. Nach Osten hin sah man an besonders lichthellen Tagen in dunkler Färbung die Nadelholzcon-92touren des Harzes. Dabei waren die Volkssitten lebhaft, ja keck und herausfordernd. Es gab Aufzüge und Feste aller Art, sogar ein Schützenfest für Frauen. Morgens in erster Herbstfrühe ziehen die Ehefrauen der Gemeinde, unter ihnen manche Anmuthige, von irgendeinem Hofe aus, in goldenen landüblichen Häubchen und Stirnbinden, mit Bändern und Blumensträußen geschmückt, mit den Gewehren ihrer Männer in den Händen. Der Kammerherr hatte verlangt, daß Lucinde die Schützenkönigin spielte, die mit dem Zeichen ihrer Würde, den Säbel an der Seite, vorausmarschirte. Da sie nicht verheirathet war, so setzte man die äußerste Anstrengung daran, ihn von diesem Verlangen abzubringen. Sie begnügte sich dann auch mit der Rolle des Fähnrichs. Die Fahne aber, die er sie tragen ließ, war eine wunderliche Curiosität, die er selber erfunden hatte. Er beschäftigte sich nämlich mit der hier landesüblichen gelehrten Spielerei, in den Nachrichten der Alten über den Aufenthalt der Römer in Deutschland Thatsachen und Namen aufzufinden, die mit den Sitten und Namen der Gegenwart noch in irgendeinem Zusammenhange stehen. Der Kammerherr wußte genau, wo Varus von Hermann dem Cherusker geschlagen war, er behauptete, dicht bei Neuhof, dem Schlosse seines Vaters. Er war auch selbst in Rom gewesen und vermeinte, dort in den Alterthumsschätzen des Vatican Dinge gesehen zu haben, die die Römer nur auf der heiligen rothen Erde Westfalens gefunden haben konnten. Dortige alte Trinkgefäße wären nur aus Glashütte gekommen, einem Vorwerk seines Vaters, alte Wurfgeschosse nur aus einem 93 ganz bestimmten Holze, dem Düsternbrook hinter Neuhof, geschnitzt, alte Waffen aus einer uralten Schmiede hervorgegangen, die seit Jahrhunderten die Hufe der Rosse seines Hauses beschlug. Nur in einem wich er von dem Urtheil seines Vaters ab. Er las den Tacitus ziemlich geläufig und hatte die besondere Ueberzeugung, daß der der Tempel der Tanfana, wo die alten Deutschen angebetet haben sollten, nicht etwa die große Dämpfpfanne der Saline Hallenstein seines Vaters war, wie dieser selbst und alle Pastoren der Umgegend glaubten, sondern nur eine Tannenfahne, nämlich der alte deutsche, weiland heidnische, dann so gründlich getaufte, bekehrte und christlich gewordene liebe Weihnachtsbaum, den in der That Lucinde mit bunten Bändern geschmückt und mit allerlei zierlichen Vergoldungen bei jenem Schützenfeste als Fähnrich tragen mußte. Da auch in diesem Weihnachtsbaume, Tanfana, Tannenfahne, dem Palladium der alten Deutschen, goldene Ringe, Ketten, Schaumünzen hingen, die die Siegerinnen im Schießen gewinnen sollten, so ließ man sich diese Verbindung des alten heidnischen Rom mit Deutschland und dem überwiegend protestantischen Eibendorf (katholische Einwohner waren in einem Nachbardorfe eingepfarrt) gefallen. Es waren Geschenke von dem sogenannten „tollen Kammerherrn“.

Auf die Länge mußte freilich den Pfarrer die unsichere Herkunft und das längere Verweilen Lucindens beunruhigen. Er hatte dem Kronsyndikus nach Neuhof, dem Stammsitze der Wittekinds jenseit des Gebirges, wiederholt seine Bedenken mitgetheilt. Da aber die Wirkung der Abenteurerin eine so vor­theilhafte für den 94 Kammerherrn war, so befahl der Vater, an diesem Erziehungsplane, den der Zufall an die Hand gegeben, vorläufig nichts zu ändern. Seine Briefe waren kurz und bestimmt, wie die Art des Mannes überhaupt sein sollte. So duldete man das, was nach und nach anfing auch seine Mislichkeiten nach sich zu ziehen. Denn weder die vom Gewöhnlichen abweichende Situation des Geisteskranken, seine einsamen Wanderungen mit der Fremden, seine Ausbrüche von Eifersucht, noch Lucindens mehr zum Zerstören als zum Schaffen geneigte Natur blieben lange unverborgen … Schon fing sie an, als es zum Winter ging, sich an dieser sich gleichbleibenden Lage nicht zu genügen: selbst der Bann einer solchen Huldigung, wie sie sie hier, allerdings ohne die geringste intimere Belästigung fand, wurde ihr zu enge, der Gang der Tage wurde zu gleichförmig, die Welt, in der man hier seine Befriedigung gefunden hatte, brachte selten eine andere Unterhaltung als eine Thorheit des Kammerherrn mehr. Die Menschen, die es da und dort noch zu gewinnen gegeben hätte, hielten sich in scheuer Ferne, selbst Graf Zeesen, der alle zwei Monate einmal von seinen nahe liegenden Gütern kam, um einige Stunden lang die sonderbarsten Gespräche mit dem Kammerherrn zu pflegen. Wäre Graf Zeesen nicht ausgesprochen katholisch gewesen und im Pfarrhause dieser Punkt des Kammerherrn wegen mit großer Zurückhaltung behandelt worden, die Familie hätte vielleicht auch den Grafen mindestens tiefsinnig genannt.

Dieser noch junge Cavalier war nach den Aeußerungen des Kammerherrn zu Lucinden, die von ihm alle 95 seine Familienbeziehungen erfuhr (nur nie etwas über die Frau „Hauptmännin“ von Buschbeck oder das Fräulein von Gülpen, eine Persönlichkeit, die er nicht zu kennen behauptete), sein zweitbester Freund. Der erstbeste hieß Doctor Heinrich Klingsohr. Doch fügte er regelmäßig mit einem Kreuze, das er dabei in die Luft malte, hinzu: Klingsohr ist mein bester Freund, aber er hat mich verrathen! Vom Grafen Zeesen, mit dem er studirt hatte und in Rom gewesen war, ließ er eine aufrichtige Hingebung gelten, beklagte aber ein unglückseliges Geschick desselben, das er nie genauer angab. Die Pfarrerin verrieth es eines Tages Lucinden, indem sie erzählte:

Der Graf hat sich mit einem Freifräulein von Seefelden verlobt, leidet aber darüber an Gewissensscrupeln, seitdem er ein altes Familienstatut in Erfahrung gebracht hat. Vor hundert Jahren hat nämlich ein Ahn seines Hauses die Bestimmung gemacht, daß, wenn ein ältester Sohn der Nachkommenschaft sich entschließen sollte, nicht zu heirathen, die von ihm und seiner später geisteskrank gewordenen Frau reich vermehrten Güter der Zeesen dazu angewendet werden sollten, ein großes Landes-Irrenhaus zu begründen. Hundert Jahre lang haben die Nachkommen vorgezogen zu heirathen. Erst dieser Hans von Zeesen, der viel Frömmigkeit besitzt, wurde über jene nun hundertjährige Unterlassung eines guten Werkes stutzig, und sonderbarerweise ist seine Braut, die ihn ebenso heiß liebt wie er sie, von gleicher Seelenstimmung. Ich zweifle gar nicht, daß der Graf seinen kranken alten Freund nur deshalb so oft besucht, um sich in dem heroischen Vorsatze des Entsagens zu bestärken.

96 Lucinde horchte hoch auf. Hier kamen Ideen, die sie an sich vollkommen verstand, in eine Verbindung oder in Conflicte, die sie noch nicht fassen konnte. Doch hörte sie aufmerksamer zu, wenn der kleine blasse, schmächtige Mann, der Graf, in schlichter, fast priesterlicher Tracht kam und sich mit dem Kammerherrn unterhielt. Nie hatte sie so viel von Gedanken, Meinungen, ideellen Beziehungen gehört wie in den Gesprächen eines Halbirren mit einem Manne, der so fromm war, daß er selbst unter der protestantischen Pflege seines Freundes zu leiden schien.

Wie eigenthümlich nach dem Wunderbaren und Fremdartigen hier zu Lande fast überall ausgegangen wird, erfuhr Lucinde bei vielen Gelegenheiten, unter andern bei einer Erinnerung an den alten Bienenhelm ihres Vaters, den dieser nie zurückbekommen hatte; die Hauptmännin hatte ihn, scheinbar zu Gunsten Lucindens, an einen Trödler verkauft. Sie besuchte nämlich aus alter Neigung oft die Dorfschule und gab in ihr Unterricht auf ihre Weise. Beim Schulmeister fand sie ein geregelteres Hauswesen als bei ihrem Vater, und in der Gartenwirthschaft auch einen Bienenhelm, den gerade ein Knecht aus dem Orte vom Schulmeister borgte, um den Bienen das Leid vom eben verstorbenen Herrn anzusagen. Ueber den sonderbaren hierländischen Gebrauch, daß man mitten in die Bienenstöcke hinein den Tod des Hausvaters anzeigen und den Knecht den Bienen melden läßt: „Einen schönen Gruß von der Frau und der Herr wäre todt!“ konnten sich der Kammerherr und der gerade anwesende Graf in Mittheilungen verlieren, die 97 alle Seiten der Geschichte und der Philosophie berührten. Lucinde staunte über den Glauben, der annahm, daß ohne diese Leid-Ansage die Bienenstöcke in Jahresfrist ausgehen würden; aber der Kammerherr und der Graf, beide warfen verklärt ihre Blicke empor und sprachen jetzt sogar anerkennend von dem früher gemeinschaftlichen verrätherischen Freunde, Heinrich Klingsohr, der auf die Darstellung des Zusammenhangs der Bienen mit den Staats- und Rechtsbegriffen der Menschheit in Göttingen Doctor geworden war.

Und so dunkel es nun auch in des Kammerherrn Begriffen aussah, so wurde er doch auf diese Art Lucinden ein Lehrer. Auf Partieen, die er in einem von seinem Diener geführten Einspänner machte, sprach er mit Lucinden, ob sie es nun verstand oder nicht, nur französisch, ein andermal nur englisch, ein drittesmal, wenn er gerade auf Tacitus und die alten Germanen oder auf eine Sammlung alter Marienlieder, die Graf Zeesen zum Druck vorbereitete, kam, nur lateinisch. Sie erwiderte mit dem Wenigen, was sie früher von Englisch und Französisch aufgegriffen hatte, und bewundernswerth war die Geduld, mit der der Kammerherr sich mühte, einer der Erde nicht angehörenden Erscheinung allmählich die Sprachen derselben beizubringen. Die Sprache, die er an dem Riedbruch damals im Walde beim ersten Finden an sie gerichtet hatte, war ein Gemisch von Lateinisch und Plattdeutsch gewesen.

Diesen Gewinn an Kenntnissen ließ sich Lucinde, die unter all dem Düster ihre Heiterkeit nicht verlor, wohl gefallen. Der Gewinn mehrte sich, als die langen Abende 98 kamen und der Pfarrer sich gleichfalls geneigt erklärte, die Civilisation des Wildlings zu unterstützen. Auch im Klavier, dessen Grundlagen Lucinde schon im Hause des Stadtamtmanns gelegt hatte, vervollkommnete sie sich unter Leitung des musikalischen Mannes, der seine Kinder, ja selbst noch seine an sich hierin geringer talentirte Frau unterrichtete. Der Herbst und ein langer, schnee- und frostreicher Winter wurde auf diese Art für Lucinden eine Studienzeit, die bei der Leichtigkeit ihrer Auffassung und der geringen Zerstreuung dieses Aufenthalts reiche Früchte trug. Der Kammerherr selbst, dem es an wissenschaftlichem Material nicht mangelte und dessen liebstes Thema sich immer an die Erinnerungen von Rom oder Göttingen hielt, docirte ihr oft Geschichte und Philosophie, die er mit der Mathematik und, sonderbar und für die Schrullen jener Provinz unsers Vaterlandes kennzeichnend genug, auch mit der Kunst des Drechselns verband.

Wie die Adeligen Westfalens in ihrer Erziehung und ländlichen Beschäftigung an den Hofbällen von Berlin und in Münster nicht zu erkennen sind, so wird man seltsam finden, daß es berühmte Geschlechter unter ihnen gibt, die neben ihrem angeblichen Berufe, die unerschütterlichen Erben Karl’s des Großen zu sein und in Demuth vor Gott, dem Papst und dem Landesherrn ihre Renten zu verzehren, auch ein Handwerk lernen. Manche, die nicht gut schreiben können, aber schon in Potsdam ein Porteépée führen und in Verlegenheit kommen zu bekennen, daß sie nicht viel mehr wüßten, als was auf ihren düstern, einsamen Kampen der „Hauspape“ ihnen zu lernen zugemuthet, verstehen sich vor-99trefflich auf den Hufbeschlag der Pferde oder arbeiten sich das Sattel- und Riemzeug derselben selbst aus. Das Drechseln aber in grobem und feinem Holze ist eine so weit verbreitete Kunstfertigkeit des westfälischen Adels, daß Lucinde sich nicht hätte zu verwundern brauchen, neben dem Maleratelier ihres Freundes auch eine Kammer anzutreffen, die zu einer vollständigen Drechslerwerkstatt eingerichtet war. Ihr aus Kirschbaumholz allerhand Büchsen und Ringe zu drehen, war selbstverständlich seine liebste Aufgabe; aber er drehte auch Bälle, Kegel, Pyramiden, konische Ausschnitte und Figuren aller Art, von denen er nicht nur mathematische Auslegungen gab, sondern auch philosophische und religiöse. Oft sprach er dabei von einem in der Nähe seiner väterlichen Güter wohnenden Philosophen, der aus den einfachsten Grundbegriffen unserer mathematischen Anschauungen die tiefsten Wahrheiten der Religion hergeleitet hätte.

Je geheimer diese Gespräche vor dem Pfarrer geführt wurden, desto reizvoller wurden sie für einen Verstand, der sich aus den verworrenen Begriffen eines Narren manches Körnlein Vernunft entnehmen konnte. Dennoch wünschte Lucinde diese Lage geändert. Das Aufsehen, das sie in der ganzen Gegend mit dem „tollen“ Kammerherrn machte, war nicht gering. Auch hatte der Pfarrer erleben müssen, daß ein Brief, den Lucinde an ihre Schwester geschrieben und eine Meile weit erst von ihr auf die Post gegeben war, zurückkam, mit der vollständigen und wahren Adresse seines Schützlings, ja, daß der Meier von Eibendorf ihm Mittheilungen machte, 100 die jetzt den Zustand, wie man Lucinden im Riedbruch gefunden, vollkommen erklärten.

Eine scheue Besorgniß des ganzen Hauses vor Lucinden hatte sich schon längst gesteigert, sie wurde zur Abneigung, als man sie bei Ueberreichung des von der Post geöffnet gewesenen und wieder von der Post verschlossenen Briefes wol aufs äußerste über die offene Angabe ihres Namens erschrocken fand, weniger aber über den von einer ungebildeten Hand gekritzelten Zusatz: „Ist vor vier Wochen am Nervenfieber gestorben.“

Der Tod ihrer Schwester Luise, einer einzigen, wie sie öfter gesagt hatte, erschütterte sie weniger als die richtige Angabe ihres Namens! Daß mit so viel Schönheit, jeweiliger Liebenswürdigkeit, immer mehr sich herausstellendem Geist und zunehmenden Kenntnissen so viel Gefühllosigkeit verbunden sein konnte, als sich jetzt erst offenbarte, nahm vorzugsweise die Pfarrerin gegen den längern Aufenthalt Lucindens ein, und offen wurde dem Kronsyndikus von Wittekind nach Neuhof die Anzeige gemacht, daß sie ohne Lucinden den Kammerherrn nicht mehr bei sich behalten könnten, mit ihr aber länger nicht mehr mochten.

Lucinde übersah das alles. Ihrem wühlerischen Umblick entging selten etwas, während sie alles an sich zu verbergen wußte, selbst den Schreck und ihr wirkliches geheimstes Erschüttertsein durch den Tod der Schwester. Trotzig warf sie die Lippen auf und erklärte, sie ginge jeden Augenblick, wenn man’s wünschte. Man irrte sich keineswegs, wenn man voraussetzte, daß sie auch vom Kammerherrn sich trennen wollte, wenn nicht eine andere 101 Festsetzung ihres Verhältnisses zu ihm stattfände. Die Aussicht sogar, die Gattin desselben zu werden, schien ihr keineswegs zu hoch. Sie besaß einmal die Formel, die diesen verdunkelten Geist einigermaßen zu erhellen vermochte. Sie sagte sich, daß der vornehmen und stolzen Familie wenig daran liegen konnte, sich bei einer doch schon aufzugebenden Persönlichkeit auch noch gegen diese Ausnahme von der Regel zu stemmen.

Darin irrte sie sich aber, wie sie von der hierin entscheidenden Persönlichkeit selbst erfuhr.

In den ersten Tagen des April erschien der Kronsyndikus, der Vater des Kammerherrn.

102 9.#

Freiherr von Wittekind-Neuhof, Kronsyndikus des ehemaligen Königreichs Westfalen, setzte durch seinen Namen schon das ganze Pfarrhaus in Furcht und Schrecken.

Als der Kammerherr den am Wirthshause haltenden väterlichen Reisewagen gesehen, der über und über bespritzt, langsam durch die morastigen Straßen des Oertchens zog, fuhr er wie ein wildes Thier auf, das seinen Wärter am Käfig vorüberstreifen hört. Er rannte im Hause hin und her, rollte die Augen, hielt den Mund geöffnet, wie in seinen Wuthanfällen, packte, als wollte er sich mit seinem Theuersten schützen, seine Farben, seine Pinsel, seine philosophischen Kugeln, Kegel, Dreiecke zusammen, griff nach einem Crucifix, das er sich selbst geschnitzt und nach vielen kunstgeschichtlichen Controversen mit dem Grafen Zeesen und einem eingeholten Gutachten der Verlobten desselben, des Freifräuleins von Seefelden, selbst bemalt hatte, rief den Diener und schien sogar Lucinden vergessen zu haben.

Die Kinder im Hause liefen ebenfalls auf und ab. Die Pfarrerin suchte nach Lucinden, die sich versteckt auf 103 ihrem Zimmer hielt, zugeriegelt hatte und keine Antwort gab.

Der Pfarrer griff in die Gläser der Harmonica. Der ganze alte Zustand der Wildheit schien beim Kammerherrn wieder zurückgekehrt, dieser Zustand, der seit fast einem Jahre, so oft er sich während dessen gezeigt hatte, durch einen einzigen Ruf, durch ein geträllertes Liedchen der von der Treppe herabspringenden Lucinde schon aus der Ferne sich besänftigen ließ.

Die ängstlichen Kinder riefen vom Garten aus zum Fenster: Fräulein! Fräulein! Sie klopften, als keine Antwort kam, an die Thür. Lucinde ließ nichts von sich hören. Mit ängstlicher Unruhe blieb sie in ihrem Versteck, trat leise mit den Zehen auf und hörte mit listig ans Fenster gehaltenem Ohr das Toben des Kammerherrn. Dieser entfaltete seine sonst gewohnte Art, die die eines wilden, auf der Universität alt gewordenen Burschen war, die Natur eines nie anders als mit einem riesigen Neufundländer das Trottoir der Straße beherrschenden Pauk-Senioren alten Stils – er konnte stundenlang von seinen Suiten und den Paukereien auf der Mensur und dem besten, aber verrätherischen Freunde Klingsohr erzählen –; johlend rief er über den Garten, schlug die Thüren, rüttelte am Fensterkreuz und redete die Rosse und die Kutsche seines Vaters höhnend und herausfordernd an.

Bald erschien der Kronsyndikus selbst. Es war eine Gestalt von gleichem Wuchse wie der Sohn, hünenhafter Höhe und trotzigfesten Schrittes, so weiß auch schon sein Haar schimmerte.

104 Er trug einen grünen Jagdrock, hohe Stiefel mit Sporen und ließ eine Reitgerte schon in der Ferne bedenklich in der Hand hin- und hertänzeln. Doch lachte er, am Gartenzaun schon vom Pfarrer empfangen, zum Fenster empor und schien besserer Laune als sein Sohn, den er schon draußen, zum Parterrefenster zu, mit folgenden Anreden seiner väterlichen Huld versicherte:

Pinselheld! Ha! ha! ha! Stubenhocker! Trifft man dich endlich einmal? Farbenkleckser! Schäm’ er sich! Treibt sich in der Welt herum! Muß ihn ’mal wieder mit Gewalt holen!

So tändelte er mit fingirter Ueberraschung, den Sohn hier zu finden, und als wenn der Kammerherr hier aus freien Stücken lebte. Dieser ging auch auf den Spaß ein. Der Vater tändelte mit dem Sohn, wie mit einem Hunde, den man zum Wedeln und Springen reizen will. Und im Hause wurde es nun ängstlich stiller; die Furcht des Sohnes vor dem Vater war die des Thieres. Man behauptete, daß der Kronsyndikus von Wittekind-Neuhof trotz seiner Jahre noch im Stande war, den baumstarken, jüngern Mann niederzuwerfen und ihn auch schon oft mit beiden Händen eine Viertelstunde lang auf der Erde gehalten hatte Auge in Auge, Mund gegen Mund den Trotz desselben bändigend.

Mit einem kurz zusammengeschleiften, liebkosenden Hui-hu! Hui-hu! Hui-hu! trat der Kronsyndikus ins Haus.

Die Verständigung im Erdgeschoß, die Begrüßungen und Auseinandersetzungen hörte Lucinde nicht. Aber das 105 vernahm sie, daß es nicht sanft herging, daß die Kinder, der Pfarrer, die muthige Frau Pfarrerin wie immer thätig sein mußten, die Vermittler und Beruhiger zu machen. Zuletzt kam der Diener des Kammerherrn, mit dem Lucinde schon lange conspirirte, auf den Zehen zu ihr geschlichen und theilte ihr flüsternd mit, daß es sich um die Abreise des Kammerherrn, seine alte doch noch beschlossene Vermählung mit einem Freifräulein handelte, aber auch von seiner Weigerung und dem unwiderruflichen Entschluß, nur Lucinden zu seiner Gemahlin zu erheben …

An dem wilden Lachen des Vaters, das dann und wann heraufschallte, merkte man den Eindruck dieser Eröffnungen des Kammerherrn, der immer stiller wurde und zuletzt sogar in das gewöhnliche Schlußstadium seiner Wuthanfälle fiel, in ein an diesem starken und mächtigen Manne ganz besonders schreckhaftes feiges Verzagen, das sich bis zum Weinen und lauten Wehklagen steigern konnte.

Wie dies stoßweise Schluchzen schon vernehmbar wurde, hörte man von unten heraufkommen.

Fort! rief Lucinde dem Diener zu und stand auf dem Sprunge, die Thür zu schließen.

Der Diener ging und that, als wär’ er im Begriff gewesen eben auf den Boden zu steigen.

Die Pfarrerin aber war’s, die kam. Sie klopfte leise an und bat Lucinden mit weicher Stimme herunterzukommen, der Vater wünschte sie zu sehen.

Er kann heraufkommen! antwortete sie in beklommener Angst.

106 Ich bitte Sie, Fräulein Schwarz! sagte die Frau und drängte.

Nein! Nein! Ich komme nicht!

Damit verschloß sie auch noch ihre Thür. Verriegelt hatte sie sie gleich beim ersten Hineinschlüpfen.

Nach einer Weile, während die Pfarrerin seufzend gegangen war, hörte Lucinde den schweren, sporenklirrenden Tritt eines Mannes auf der Stiege.

Eines der Kinder zeigte ihm den Weg; und bald hörte sie ein Klopfen, das unfehlbar mit keinem menschlichen Finger, sondern mit dem Knopfe der Reitpeitsche erfolgte.

Zitternd stand sie und wagte nicht zu öffnen.

Als das Klopfen mit einigen freundlichen Worten wiederholt wurde, öffnete sie und mußte staunen, den Kronsyndikus ohne Stock oder Reitpeitsche zu sehen; wirklich waren es nur seine Finger gewesen, die geklopft hatten.

Die große Gestalt trat ein.

Auffallend war die Aehnlichkeit mit dem Sohne, nur hatten Wuchs und Kopf nichts Gedunsenes wie bei diesem. Wettergebräunt, mit leisen Pockennarben überlaufen und hier und da mit Warzen besetzt war das Antlitz; rothe Flecken um die stumpfe Nase und die knochigen Wangen verriethen die Liebe zum Wein; die dicken Augenbrauen waren gelbweiß, die Haare noch stark und von gleicher gelbweißer Farbe. Man sah das Bild eines auf seinen Namen, seinen Rang, seine Verbindungen, vielleicht auch auf seine eigenen Meinungen und Entschließungen sich 107 mit unerschrockener Festigkeit stützenden Adeligen, das Bild eines Mannes, den Widerspruch erbitterte.

Lucinde hatte aber kaum einige Worte von ihm gehört, so bemerkte ihre Klugheit auch sogleich, daß diese Art Menschen dann ungefährlich, ja sogar zuvorkommend und liebenswürdig werden kann, wenn man allen ihren Gedanken nachgiebig folgt und sie ganz für etwas ebenso Großes und Vorzügliches nimmt, als wofür sie gehalten sein will …

Auf die ersten von ihm statt drohend sogar im Gegentheil schmeichelnd ausgesprochenen Begrüßungen des schönen Mädchens, auf seine Versuche zur Courtoisie und sogar eine Befangenheit, die von Lucindens Erscheinung geblendet war, gewann sie bald den Muth, seinen Worten Stand zu halten.

Sie war in der gewählten Tracht, die der Kammerherr, der sie noch nie unzart berührt hatte, und sie nur anschauend und bewundernd liebte, an ihr besonders gern hatte. Sie trug ein schwarzseidenes Kleid, hatte in ihr geflochtenes, offenes Haar einige bunte Bandschleifen gesteckt, die ihr weit bis in den Nacken hingen, und benahm sich mit der ihr eigenen und, wie alle, die sie näher kannten, es nannten, ihr siegreich zu Gebote stehenden träumerischen Kindlichkeit, die den Eindruck eines Wesens sogar voll Poesie und Unschuld machte.

Der wilde Freiherr war sogleich gewonnen und rühmte den Geschmack seines Sohnes mit vielen humoristischen Donnerwettern, Sackerlots und zudringlichen à la bonne heures.

Ohne viel Umschweife zu machen, erklärte er, daß 108 der Kammerherr eine Baronesse von Tüngel heirathen müsse; er wisse sehr wohl, und auch seiner künftigen Gemahlin würde es nicht verborgen bleiben, daß der Junge seine tollen Stunden hätte, doch lasse er sich leiten, wie ja dieser Aufenthalt hier in Eibendorf bewiesen hätte. Ferner: Er wisse auch, daß ihm selbst die Kunst abginge, mit einem Menschen, der ganz aus der Art geschlagen, richtig zu verkehren; daß Jérôme das Pulver nicht erfunden, sei bekannt; der Titel eines Kammerherrn wäre die Gnade eines benachbarten Fürsten gewesen, in dessen Gebiete einige seiner Güter lägen; sein älterer Sohn, der Regierungsrath, hätte dafür des Verstandes nur zu viel; die Natur gliche gern aus, und ein Unglück wär’ es nicht, wenn der Bund mit den Tüngels zur Ausführung käme; Kinder würde es schwerlich geben; wie viel eine richtige weibliche Behandlung zu thun vermöchte, hätte ja Lucinde bewiesen, und er wäre ihr von Herzen dankbar dafür. Daß er seinen Dank, wie er gleich aufrichtig hier bekennen wollte, bis zur Adoption einer solchen Schwiegertochter, wie sie wäre, steigerte, davon könnte natürlich keine Rede sein. Der große Narr weine zwar und wolle nicht von ihr lassen; es würde sich aber auch das bei ihm geben. Einstweilen möchte er selbst nicht allzu lange in dem Hause hier verweilen: er müsse bekennen, weder allzu viel Weihrauchduft noch luthersche Pfarrhausluft wäre sein besonderer Geschmack; leider hätte er einen katholischen Pfarrer nicht wählen können, da es ja den „armen Käuzen“ an einer Pflegerin und zerstreuenden Kindern fehle. Das Beste wäre, sie folgten ihm einmal vorläufig alle beide, der Kam­merherr und 109 Lucinde. Schloß Neuhof wäre sehr groß, hätte nicht nur zwei Seitenflügel, sondern im Park auch noch ein paar Pavillons, von denen sie den einen ganz allein beziehen könne und zwar so lange, bis das Arrangement mit den Tüngels getroffen wäre und sie sich dann in aller Stille eines Tages entfernen oder sonstwo auf seinen Gütern etabliren könne. Für ihre Existenz „so oder so“ solle schon gesorgt werden; denn die Undankbarkeit wäre einer der letzten von den alten Fehlern der Wittekinds …

Und nun schloß er, auch von der Bündigkeit seiner eigenen Darstellung geschmeichelt, mit einem Gelächter, daß die ganze Stube schütterte. Er zog dabei Lucinden an sich, um sie zu küssen, was auch erfolgt wäre, wenn ihn in seinem gewaltigen, selbstzufriedenen Lachen und dem Versuch, seinen rauhen Backenbart an der Sammtwange des Mädchens zu reiben, nicht ein Husten überkommen wäre, den er auf die verdammte Witterung, das heurige zu späte Eintreffen des Frühlings und „allerlei sonstigen niederträchtigen Aerger“ schob …

Lucinde hatte keine Veranlassung, diesen Anordnungen Widerstand zu leisten. Sie selbst sehnte sich aus einem Hause hinweg, in dem sie die frühere Werthschätzung vermißte. Die Schraube mit dem Kammerherrn und der Möglichkeit, sich in eine glänzende Lebensstellung zu versetzen, ging ja noch fort. Vorläufig standen die neuen Verhältnisse, die der Kronsyndikus in Aussicht stellte, schon so lebhaft vor ihrer Phantasie, daß sie den Gedanken, in einem großen schönen Park einen eigens für sie eingerichteten Pavillon zu be-110wohnen, sich schon ganz mit allen möglichen Farben ausmalte.

Ihre ängstliche Schüchternheit aber legte sie nicht ab. Diese war auch vielleicht nicht ganz gemacht. Noch hatte überhaupt das Leben die wirren Stoffe, die in ihrem Innern lagen, nicht verarbeitet bis zur klaren Unterscheidung von Gut und Böse. Ihr Instinct sagte ihr jetzt, daß sie sehr anspruchslos und ungefährlich erscheinen müsse, wenn sie die gute Meinung, die der Kronsyndikus von ihr gefaßt zu haben schien, behaupten wollte. Daß sie sich mit dem, was er in Aussicht stellte, nicht ganz zufrieden geben würde, wußte sie schon. Damit sie aber dahin gelangte, mehr zu gewinnen, war es nothwendig, alles mit sich geschehen zu lassen, was der Kronsyndikus vorschlug. Sie erkannte gleich seine Art, als sie ihm wegen dieser weisen Anordnung ganz besonders innig gedankt und ihn damit noch wohlwollender gestimmt hatte. Sein ganzes Leben war, nach der gewöhnlichen Vorstellung solcher Charaktere, eine einzige große Erfahrung von Undank. Lucinde gefiel ihm immer mehr, und er sagte auch unten, daß in ihren schwarzen Augen etwas läge, was ihn, so alt er wäre, selbst noch thöricht machen könnte.

Der unruhige und stürmische Geist des Mannes verlangte die allgemeine Abreise schon vor Ende des Tages.

Der Kammerherr ließ alles geschehen, was man anordnete, blieb ihm doch sein Liebstes auf Erden, das Ideal seiner Träume, die ewig gleiche Belebung seiner Bilder, seine Schülerin, seine Heilige.

111 Wie ein Kind nahm er Abschied von dem Hause des Pfarrers und den nächsten Umgebungen. Noch an den Riedbruch in dem Walde war er, bis an die Knöchel versinkend, gegangen und hatte an derselben Stelle, wo er einst Lucinden gefunden, einige schon sprossende Gräser und Schneeglöckchen gepflückt. Schon lange verkündete hier ein Würfel aus Sandstein mit einigen Emblemen des Philosophen jener kleinen Stadt, dessen System er an der Drechselbank und auch aus einigen bei demselben persönlich nachgeschriebenen Heften so bewunderte, und auf diesem Würfel das eingegrabene griechische Wort: „Heureka!“ (Ich habe gefunden!) allen Blumen und Vögeln und Schmetterlingen und Käfern sein Glück – diesen wol allein, denn Menschen verirrten sich des sumpfigen Weges nicht.

Der Pfarrer selbst, dem eine bedeutende Einnahmequelle versiegte, sah den oft so unholden Gast mit Rührung scheiden. Die Pfarrerin meinte: Man gewöhnt sich so bald an das, was tägliche Pflicht geworden, selbst wenn Plage und Qual damit verbunden ist. Den Verlust der Einnahme mußte man zu verschmerzen suchen, mischte sich doch auch das angenehme Gefühl in den Scheideaugenblick, erlöst zu sein von einem Alp wie Lucinde. Einen Misbrauch ihrer Schönheit, ein übles Beispiel, das sie den Kindern im Genuß ihrer Triumphe gegeben, konnte man ihr nicht nachsagen. Da sie aber die gewohnten und allgemeinen Wege in keinem Dinge gehen mochte und an kleinen Verwirrungen, die sie schon genug in den nächsten Beziehungen des Hauses angerichtet hatte, förmlich Freude zu empfinden schien, so sah 112 man sie mit erleichtertem Herzen ziehen. Lucinde wußte das und machte von ihrem Gehen keine Umstände. Nur den Kindern im Hause und manchem Fleißigern in der Schule ließ sie zurück von ihrem Ueberfluß an Kleinigkeiten und hunderterlei Bagatellen, die ihr der Kammerherr verehrt hatte.

Die Reise ging über das Eggegebirge der westfälischen Abdachung zu.

Obgleich der Kronsyndikus mit der Mehrzahl seiner Güter der großen norddeutschen Monarchie angehörte, schien sein Herz doch mehr an Hannover, an Braunschweig, an Lippe, Bückeburg, Detmold zu hängen, in deren Gebieten er gleichfalls angesessen war. Ja, bis in den höhern Norden hinauf, bis Hamburg, bis Kiel hin besaß er einzelne, durch Verschwägerungen und alte Familienbeziehungen ihm zugefallene Güter.

Der Kammerherr schien dabei trotz alledem sein Lieblingssohn. Des ältern, des Regierungsraths, wurde nur mit Gereiztheit gedacht, ja, in den Spott, in den er zuweilen über die Welt, in welcher jener lebte, ausbrach, stimmte der Kammerherr mit ein, sodaß man beide dann in ein mit ganz gleicher Tonart gesetztes Lachen sich ausschütten hören konnte.

Die freie, ungebundene, ja zügellose Art des Vaters fiel Lucinden bald genug auf. Der Kammerherr war viel sittsamer. Sein Vater gab ihm das Zeugniß, daß der „alte Schafskopf“, wie er ihn nannte, immer nur Hunde und seine sogenannten guten Freunde geliebt, immer nur vor den Damen wie ein Duckmäuser gestanden hätte und zu seinem höchlichsten Erstaunen nun doch noch 113 in den Apfel der Erkenntniß beißen wollte … Wenn er eine solche Vergleichung brauchte, lachte er sich selbst Beifall, und Lucinde wußte schon, wie gern er sah, wenn sie darüber auch den Mund in Lächeln verzog. Sie erntete dafür über ihren Verstand und ihre Zähne Schmeicheleien so derber Art, wie sie der Kammerherr nie auszusprechen gewagt hatte.

Diese Reise währte eine halbe Nacht und einen halben Tag. Man fuhr mit vier Pferden Extrapost. Am Wege sah man dann und wann Crucifixe und Heiligenbilder. Die an historischen Erinnerungen so ahnungsreiche Gegend war jetzt gemischter Confession. Bei der Frage nach Lucindens Herkunft, sonderbarem Vornamen, religiösem Bekenntniß kam es zu einigen Erörterungen über die Stadt, aus der sie entflohen war. Und nun fragte der Kronsyndikus von Wittekind selbst, ob Lucinde dort nichts von einer gewissen Gülpen oder Buschbeck, wie sie sich nenne, gehört hätte. Und trotzdem, daß sie ja auch dem Kammerherrn schon diese Namen ausgesprochen hatte, antwortete sie: Nein! Sie fürchtete weitere Fragen über ihre Herkunft und die Ursache der Bekanntschaft mit jener unheimlichen Frau.

Der Kammerherr hätte sich der frühern Frage Lucindens nicht erinnert, aber er war auch in dem Augenblick gerade beschäftigt, mit einem Perspectiv die Fenster eines Herrensitzes zu fixiren, an dem sie in einiger Entfernung vorüberfuhren. Er entdeckte dort seinen zweitbesten Freund, den Grafen Zeesen, der trotzdem, daß es erst April war, schon Fliegen zu jagen schien. Lucinde brauchte das Glas nicht, um zu sehen, daß der 114 Graf alle Fenster im ersten Stock seines „Hofes“ offen hatte und mit der Fliegenklatsche die dort demnach ganz unglaublich frühzeitigen Störenfriede hinausjagte …

Der Kronsyndikus war offenbar über seine eigene Frage nach der „Hauptmännin“ in Gedanken verloren, sonst hätte er um einige Meilen weiter nicht so unbefangen von einer jungen Dame gesprochen, die sie auf den Wiesenwegen, die einen kleinen Edelhof umgaben, einsam und, wie es schien, tief nachdenklich spazieren gehen sahen. Es war dies Therese von Seefelden, die Verlobte jenes Grafen Zeesen …

Kaum begann der Kammerherr von den vortrefflichen Eigenschaften seines Freundes, des Grafen, und hatte eine Parallele zwischen ihm und dem „Verräther“, dem Doctor Klingsohr, zu ziehen angefangen, als der Kronsyndikus mit dem Fuß aufstampfend rief:

Schweig! Nenne mir den hundsföttischen Namen nicht!

Man erfuhr jetzt, daß der leidenschaftliche Mann in diesem Augenblick nicht nur von der Zukunft seines Sohnes, sondern von vielen andern Dingen, vorzugsweise aber von seinen Beziehungen zu dem Vater jenes Klingsohr, seinem Generalpachter, auf das heftigste gereizt war.

115 10.#

Immer und immer schon war ein gewisser „Deichgraf“ genannt worden, ein Titel, nach dessen Bedeutung Lucinde nicht fragen mochte.

Wie sicher sie zwar in allem, was zur Bildung gehörte, jetzt schon Stand hielt und einen über Geldangelegenheiten vom Vater in französischer Sprache begonnenen Discurs mit der endlos belachten Bemerkung unterbrach, ob sie nicht lieber polnisch sprechen wollten, was sie weniger verstünde als französisch, so hütete sie sich doch, auf Gebiete einzugehen, wo sie in keiner Weise heimisch war. Sie bildete sich da jenes bekannte aufmerkende und geheimnißvolle Schweigen aus, das bei Leuten, denen Bildung überhaupt zugestanden werden muß, immer annehmen läßt, daß sie über jeden vorliegenden Fall, und beträfe er die Inschrift einer ägyptischen Pyramide, vollkommen au fait sind.

Bald merkte Lucinde aus den Drohworten, die der Kronsyndikus ausstieß, daß es mit dem Deichgrafen eine besondere Bewandtniß hatte. Dieser „Graf“ schien nur ein Bürgerlicher zu sein. Es war der erste Pachter des 116 Freiherrn von Wittekind. Der Kronsyndikus nannte ihn unausgesetzt bald einen Hund, bald einen Schurken; ja, er erklärte, daß er ihm bei erster Gelegenheit und, wie er sagte, stanta pe eine Kugel vor den Kopf brennen würde. Der Kammerherr wünschte neue Vorkommnisse des Zwistes zu wissen, aber der Vater schien von denselben so ergriffen zu sein, daß er zuweilen die an ihn gerichteten Fragen ganz überhörte …

Das Terrain war eine Zeit lang nur eben gewesen. Auf den Gütern des Freiherrn, die von der Straße ostwärts lagen, wurde es wieder von Anhöhen unterbrochen, und auf der höchsten Höhe lag Schloß Neuhof wie eine leuchtende Krone der ganzen in Saatengrün, Wald und Wiese prangenden Gegend. Diesem Schloß, diesen reichen Fluren nach zu schließen, mußte der Kronsyndikus fürstliche Einnahmen beziehen, womit freilich sein Dingen und Zanken mit den Postillonen und Wirthen in Widerspruch stand. Lucinde hatte den Muth, ihn seines Geizes wegen aufzuziehen, wozu er ganz beistimmend schmunzelte und ihr in die Wangen kniff mit den Worten, daß er von solchen hübschen Kindern wie sie in seinem Leben leider nur zu oft solche Wahrheiten hätte hören müssen.

Ehe man auf die bedeutende, aber sanft aufsteigende Anhöhe gelangte, von welcher das im vorigen Jahrhundert gebaute Schloß herniederleuchtete, hatte sich in die jeweiligen Auseinandersetzungen des Kronsyndikus über die Ernte, die neuen Wegebauten, die Kirchen und Klöster, die man in der Ferne aufragen sah, über einen oft citirten Landrath von Enckefuß, den sein Auge da 117 und dort zu erspähen glaubte, dann wieder über den Reichthum und die hohe gesellschaftliche Stellung der Tüngels und über die Vorzüge der freilich nicht mehr ganz jungen Baronesse Portiuncula, die Jérôme heirathen sollte, wieder der Zorn gemischt auf jenen „Deichgrafen“. Man sah, aus den heftigen Rügen über diesen Acker, jene Hecke oder Anpflanzung, überall die Schöpfungen dieses Mannes, der seit einer langen Reihe von Jahren mit dem Freiherrn aufs innigste befreundet gewesen, jetzt aber, wie sein Sohn mit dem Kammerherrn, in Bruch gekommen war. Der Kammerherr suchte die Neigung seines Vaters zu gewinnen durch beständiges Schüren dieses Hasses, durch Uebertreibungen und Flüche, die die des Vaters zuweilen noch an Kraft und Umfang übertrafen. Zwei verwöhnte, durch ihren Namen und Besitz sich für unantastbar haltende Männer scheuten sich nicht, dem Deichgrafen im Geiste bald die Peitsche zu geben, bald sämmtliche Hunde ihrer Förster auf ihn zu hetzen.

Lucinde erfuhr jetzt, daß der Generalpachter Klingsohr den altüblichen Namen eines Deichgrafen von einer frühern Anstellung bei den Deichen der hannoverischen Niederelbe führte, dort die Bekanntschaft des zuweilen nach seinen mecklenburgischen und holsteinischen Gütern durchreisenden Freiherrn machte und von diesem bereits vor beinahe dreißig Jahren in diese Gegend als sein Pachter berufen worden war. Lange hätten sie in dieser Lage freundschaftlich verkehrt, sogar die Söhne des Freiherrn und des Deichgrafen wären zusammen aufgewachsen und erzogen worden, der Kammerherr hätte mit Heinrich Klingsohr, dem jetzigen Doctor, in Göttingen studirt, 118 und bei alledem war eine Feindschaft ausgebrochen, wo einer denn doch noch, wie der Kronsyndikus sagte, „dran glauben“ würde.

Die Ursache dieser Feindschaft lag in einer neuern Ernennung des Deichgrafen. Der alte Klingsohr, der sich als großer Pachter im landwirthschaftlichen Verein, ja als Kenner der Volkszustände auf dem Provinziallandtage einen Namen gemacht hatte, war Commissar der Regulirung bäuerlicher und grundherrlicher Verhältnisse geworden. Erst jetzt wurden in dieser Gegend die letzten Reste der Leibeigenschaft aufgehoben. Die Regierung bestimmte Theilungscommissare, denen sie ihr Vertrauen schenk­te, um jedes streitige Recht zwischen Bauern und Grundherren, zwischen den Gemeinden und Einzelpersonen zu prüfen und schließlich nach bester Ueberzeugung die Ablösungen zu schätzen. Man konnte nicht bemessen, daß ein Macchiavellismus darin lag, zu einem unter Umständen so unpopulären, ja gefährlichen, der Bestechung wie der Anfeindung ausgesetzten Posten einen Oppositionsmann zu wählen. Im Gegentheil ließ sich annehmen, daß gerade in der gesunden, offenen und ehrlichen Politik des Deichgrafen, die der Regierung schon viel zu schaffen gemacht hatte, eine Bürgschaft gefunden wurde für die Gerechtigkeit, mit der er sich seinem schwierigen Amt unterziehen würde. Er kannte die Gegend seit beinahe dreißig Jahren, hatte die Interessen derselben mannichfach studirt und war unstreitig der geeignetste, der die Unparteilichkeit einer so wichtigen Procedur verbürgte. Lucinde gewann diese Einsicht in ihr keineswegs fremde Verhältnisse vollständig erst von 119 ihrem Pavillon im Schloßpark zu Neuhof aus. Jetzt war es nach des Kronsyndikus Meinung eine teuflische, höllenmäßige und bis an die Throne diesseits und jenseits zu verfolgende Undankbarkeit des Deichgrafen, auf seinem neuen Posten fortwährend seinem Pachtgeber, langjährigen alten Freunde, ja Wohlthäter, wie er sagte, in fast allen streitigen Fragen Unrecht zu geben, ihm Rechte zu entziehen auf Wald und Flur, die er seit Urgedenken besessen haben wollte, die Summen, die er von seinen frühern Lehnsassen zu empfangen, gering, die aber, die er selbst an die Gemeinden zu zahlen hätte, hoch anzuschlagen. Durch diese nun schon seit zwei Jahren dauernde Ablösung, die den Deichgrafen zum Wohlthäter des ganzen Kreises machte, waren beide in Streitigkeiten gerathen, die leicht auf Thätlichkeiten übergehen konnten, denn auch der alte Klingsohr war, wie Lucinden aus dem plattdeutschen Examen, das der Kronsyndikus bald mit Postillonen, bald mit Gensdarmen über „etwa Vorgefallenes“ oder Vorkommnisse des Feldbaues anstellte, vernehmlich wurde, eine heftige Natur, zäh und eigensinnig in seinen Ueberzeugungen. Der Pacht, der nur noch einige Jahre lief, war ihm vom Freiherrn gekündigt worden … Und gib Acht, Jérôme, schloß der Vater in seinen Anklagen, wir werden erleben, daß er uns noch allen als Zuchtruthe gesetzt wird, denn Enckefuß will und muß versetzt werden! Geschieht das, so kauft sich Klingsohr ein Eigenthum, läßt sich wählen, und unter den drei Candidaten angesessener Bewohner des Kreises, die wir vorzuschlagen das Recht haben, wird von oben her kein anderer zum Landrath 120 gewählt werden als der erprobte Herr Theilungscommissar!

Lucinde hörte allen diesen Gesprächen mit der Erwartung zu, im Verlauf derselben würde vielleicht der Name der Schreckgestalt, der Mäusefängerin und Giftpfeilbesitzerin genannt werden. Doch war der Umfang an Lebensbezügen und Erinnerungen des Kronsyndikus so außerordentlich groß, daß er unausgesetzt Neues aufs Tapet brachte und zum Alten, wo es nicht den Deichgrafen betraf, selten zurückkehrte. Der Kammerherr setzte dabei seinen gewohnten Unterricht Lucindens durch Erklärungen fort. Auseinandersetzen, erläutern, dociren war sein Steckenpferd. Fürsten, Grafen, Bischöfe und Erzbischöfe wurden dabei wie die gewöhnlichsten Menschen sogar einfach mit Vornamen genannt. Alles, was Lucinden bisher hoch und unerreichbar geschienen, zeigte sich ihr hier ganz menschlich und von den allgemeinen Leidenschaften aller beherrscht. Für ihre Bildung und Lebensauffassung mußte daraus, wie durch die Erfahrungen im Hause des Stadtamtmanns, sich mancherlei ergeben. Wer den ersten Blendzauber, den die Großen der Erde verbreiten, auszuhalten oder ihn allmählich in nächster Nähe erblinden zu sehen Gelegenheit gehabt hat, wird leicht für alle Lebensverhältnisse eine Entschlossenheit und Thatkraft bekommen, die vor keinem Ziel des Ehrgeizes mehr zurückschreckt.

Schon lange, ehe man, langsam die sanft aufsteigenden Anhöhen zum Schlosse emporfahrend, an diesem angekommen war, hatte man zur Rechten den zwar noch laublosen, aber schon von Spatzen, Amseln, Gold-121ammern belebten großen Park neben sich liegen. Die Umwandelung eines Waldes in diese regelrechte und kunstmäßige Zierlichkeit, mit zuweilen durchschimmernden Erlenbrückchen, kleinen von Hängeweiden bestandenen Inseln, künstlichen Felsgrotten, Wasserfällen, stammte schon aus dem vorigen Jahrhundert. Auch die erwähnten Pavillons mit Galerieen und chinesischen Dächern wurden sichtbar. Ein solcher, der auf der andern Seite lag und im untern Geschoß von einem alten Schloßdiener bewohnt wurde, sollte ganz für Lucinden eingerichtet werden, falls sie nicht vorn bei Vater und Sohn im Schlosse wohnte. Die sittlichen Vorstellungen des Kronsyndikus schienen von sogenannten Vorurtheilen völlig frei zu sein. Selbst wenn sein Sohn zu Lucinden in Verhältnissen gestanden hätte, in denen dieser nicht stand, würde er darüber mit Unbefangenheit gescherzt haben.

Schloß Neuhof bot in seinem Hofe und in den Seitenbauten ein großes Oekonomiewesen. Den einen Theil seiner Besitzungen verwaltete der Freiherr selbst. Da gab es Ställe voll Rinder und Schafe, in der Ferne Ziegelöfen, eine Branntweinbrennerei, eine Brauerei, deren Grundstoffe und Erträge im beständigen Verkehr um das Schloß herum kamen und gingen und die nächsten Räumlichkeiten desselben so unschön wie möglich erscheinen ließen. Menschen umgaben den Besitzer von allerlei, aber durchgehends untergeordneter Art. Ihm mußte man nur dienen, nur gehorchen; Weisungen von andern anzunehmen war seine Sache nicht. Von jeher hatte er auch deshalb Frauen lieber um sich leiden mögen als Männer. Gleiches, Ebenbürtiges, Höheres, 122 zu dem er aufblicken mußte, duldete seine hohe Meinung von sich selbst nicht. Seine tyrannische Art schlug mit einer Handbewegung um sich und scherzte mit der andern. Ihm kam nichts auch nur, wie er’s zu nennen pflegte, „bis an den Nabel“. Er hatte immer recht, ob nun eine andere Fütterung für verkommene Schafe oder der Bau eines neuen Ofens für die Ziegelei beantragt wurde. Die Mägde, die Knechte, die Verwalter der vielen Zweige, in denen gearbeitet und Gewinn angestrebt wurde, alle standen in der Regel in den Fällen, wo’s, wie er sagte, „auf Grütze im Kopf“ ankam, „wie die Hornochsen“ und waren die Dummköpfe selbst. Er nur wußte alles und entschied alles. Und dann, wenn Er den „rechten Zapfen“ eingeschlagen hatte, Er „den Nagel auf den Kopf getroffen“, Er irgendeinmal „den Karren wieder aus dem D. geschoben“ hatte, mußte alles den Kopf schütteln und ohne viel Worte gleichsam nur ein: „Aber man muß sagen, unser gnädigster Herr –“ mit den Augen andeuten. Wer das verstand, traf den Ton, in dem er die Menschen mit sich verkehren haben wollte. Es war dann schon vorgekommen, daß er in solchen Fällen, wo Er allein „dem Ding auf die Beine geholfen“, die Börse zog und einen Thaler austheilte, nur damit sich die Ochsen, die Esel, die Rindviecher dafür, daß sie sich ihm gegenüber als solche bewährt und bekannt hatten, einen guten Tag machten.

Lucinde wurde unter zahlreichen neuen Menschen eingeführt als eine durch Familienbekanntschaft Empfohlene, der das Land nützen und die wiederum auch dem Lande 123 nützen sollte. Da der Kammerherr nicht aufhörte, seine Liebe mit einer niemand an sie heranlassenden Eifersucht zu schützen und seine Sorgfalt, Obhut und Zartheit gegen sie die gleiche blieb, so durchkreuzte er die Plane des Vaters, der nicht wenig Lust bezeugte, der Rival seines Sohnes zu werden. Lucinde wohnte im Schlosse selbst nur bis zu dem Tage, wo mit dem mächtig hereinbrechenden Frühling eine Menge benachbarter Adelsfamilien erschienen und sie in den für sie bestimmten Pavillon des Parks zog. In dieser Zeit der Besuche mußte sie sich vom Schlosse sogar ausdrücklich fern halten.

Vom Pavillon aus beobachtete sie die vornehmen Gäste, die kamen und gingen. Liebliche junge Mädchen, auch Kinder umschwärmten einige Stunden lang, während der Hof sich mit Livreen füllte, einen Weiher im Park. Besonders anmuthig war eine Comtesse Paula von Dorste-Camphausen, eine zarte, schlank aufgewachsene und, wie es schien, kränkelnde Blondine mit langem goldenen Haar, kaum zwölf Jahre alt und schon zur Reife entwickelt. Ihre treueste Begleiterin war ein kleiner schwarzer Lockenkopf, den man Armgart von Hülleshoven nannte. Auch flüchtig sah Lucinde jene Portiuncula von Tüngel, aus dem Geschlecht der Tüngel-Appelhülsen, die in diesen Tagen und bei diesen Berathungen und Bewillkommnungen durchaus die Kammerherrin von Wittekind, die Gattin eines Geistesschwachen, werden sollte. Sie sah sie eines Tages wieder, als sich der Park plötzlich mit Menschen gefüllt hatte. Sie war nicht auf diese Ueberraschung gefaßt gewesen. Sie hatte sich in träumender und verdrieß-124licher Langeweile für sich allein in ihrem Pavillon geschmückt und mußte an den Parkweiher, weil der Kammerherr, wie sie von den alten Leuten, bei denen sie wohnte, erfuhr, ihr im Vogelhause alle ihre Nähapparate versteckt hatte. Dorthin wagte sie sich. Sie hatte sich in einem vom Kammerherrn mit Goldlackfarbe bemalten schöngeformten Kahn, zu dem ein zierliches mit Goldfarbe gleichfalls überzogenes Ruder gehörte, an das in der Mitte befindliche Haus voll türkischer Enten, Tauben und Schwäne, die in drei Stockwerke vertheilt waren, hinrudern wollen, indem gerade die ganze Gesellschaft vom Schlosse kam. Alles eilte voll Staunen näher. Es war die phantastischste Ueberraschung, die man sehen konnte. Der Teich, der goldene Kahn, die schöne Schifferin … Und der Kammerherr selbst konnte, da der Vater nicht sogleich in der Nähe war, dem Drange nicht widerstehen, der Welt seine wahre Liebe genauer zu zeigen. Lucinde erschrak und flüchtete sich in das Vogelhäuschen. Es bestätigte dieser Anblick die Sage, daß sich der Kammerherr Jérôme auf Schloß Neuhof ein Elfenkind hütete.

Es folgte aber eine heftige Scene mit dem hinzukommenden Kronsyndikus. Die phantastische Schifferin stieg über den Lärmen in die Pagode hoch hinauf und kletterte bis an die obere Spitze, die in einem buntgemalten Taubenschlage endigte. Da flatterte es, als sie dort richtig ihr Nähzeug entdeckte, von allen Oeffnungen heraus, während der Kahn, den sie nicht befestigt hatte, inzwischen ans Ufer schwamm. Nun wollten die Herren der Gefangenen zu Hülfe eilen; aber der 125 Kronsyndikus machte dem Vorfall durch kurze und entschiedene Befehle ein Ende. Er kündigte auch die eben erfolgte Ankunft seines ältesten Sohnes an.

Alles mußte jetzt den Park verlassen und den Regierungsrath von Wittekind begrüßen …

Lucinde bekam so die Freiheit.

Bis die Bediente den Kahn zurückgerudert hatten zur Insel, saß sie unter den Tauben, die allmählich wiederkehrten, und konnte Betrachtungen anstellen über alles, was zwischen ihrem Taubenschlag auf dem geflickten Schindeldach in Langen-Nauenheim, dem Taubenschlag unter dem Küchenherd der Frau Hauptmännin und dem hier auf der chinesischen Pagode im Park von Schloß Neuhof für sie an Erlebnissen in der Mitte lag.

126 11.#

Schon war für Lucindens Ehrgeiz eine Zurücksetzung, wie sie sie jetzt erlebte, wenig geeignet. Manchmal, wenn sie bei of­fenem Fenster in ihrem Pavillon saß, war es ihr, als wenn sie sich in der That doch nur eine aufs Land hin vermiethete Näh­terin erschien. Sie saß und besserte wirklich nur Wäsche aus. Es war allerdings ihre eigene. Sie hatte um ihre Schwester fortgesetzt noch Trauer anlegen wollen und begehrte neue schwarze Kleider; der Kronsyndikus hatte sie ihr abgeschlagen, da der Anblick seinen Augen nicht wohlthäte, eine Aeußerung, die sie den alten Leuten wiederholte, bei denen sie wohnte, und die von diesen mit einem tiefen Seufzer aufgenommen wurde … Ueberhaupt fiel ihr der Druck, unter dem hier auf dem Schlosse und in seiner nächsten Umgebung alles lebte, immermehr auf. Ja, sie selbst empfand ihn schon. Als sie wegen der verweigerten Garderobe wollte zu schmollen anfangen, rief der Kronsyndikus ein so starkes und drohendes Halloh! daß sie erbebte und diesen Ruf, dies Zusammenziehen der gelbweißen buschigen Augenbrauen nie wieder heraufbeschwören mochte.

127 Während auf dem Schlosse eines Tages wieder eine glänzende Gasterei stattfand, trieb es Lucindens Ungeduld und verletzte Eitelkeit ins Freie.

Hinter dem Park gab es erst ein Feld und eine Reihe von Obstbäumen zu durchstreifen, dann öffnete sich ein grüner Grund, und tief hinab ging in allmählicher Abdachung eine enge Berg­spalte, die sich erweiterte zum schattenreichsten Waldesgrün, wieder dann enger wurde und sich so in gleicher Abwechselung fortzog bis zur Ebene hin, aus der zunächst die Thürme eines Franciscanerklosters, Himmelpfort genannt, herübersahen, dann die des Stifts Heiligenkreuz und der Dom der uralten Stadt Witoborn.

In diesem Einschnitt zwischen zwei oben ganz wie in der Ebene liegen bleibenden Saatfeldern wucherte die Pracht des Waldes. Im Winter mußte diese Spalte mit Schnee überfüllt sein. Auch jetzt im Frühjahr, wo überall der Boden schon trocken, glänzte hier noch alles feucht. Von den Felswänden tropfte es zwischen Moos und Farrnkräutern hin. Ein Bächlein bildete sich unversehens. Es rieselte unter Haselnußbusch und Schlehdorn über ein verworren steiniges Bett. Mancher Felsblock schien den Lauf des Bächleins ganz zu versperren, doch plötzlich brach es irgendwo mit stiller, sich gleichbleibender Stärke wieder hervor. Dann aber wurde die Spalte weiter, die Bäume wurden höher und höher, Tannen ragten mit geradlinigem Wuchse, tiefer ab kamen Eichen, die von einer kurzen Strecke des weißesten Sandes, dann Buchen, die von kurzem Grase umgeben waren. Querdurch gingen Fußwege von da und dorther 128 und zuletzt ein schmaler Reitweg dicht vor dem Eintritt in eine riesige Gruppe uralter Eichenstämme, die man den „Düstern Bruch“ oder den Düsternbrook nannte. Von hier aus konnte man bequem wieder die Seitenwände des Grundes emporklimmen und kam dann wieder in der Hochebene an, wo über grünen Saaten die Lerchen stiegen und die Gegend sich hinzog, so gleichförmig, so eben als wenn dieser Grund gar nicht vorhanden war. Und doch führte er allein, wie die große Hauptstraße, die vorm Schlosse vorbeiging, auf das allgemeine Niveau des Landes zurück. Ueber dem fernen Tiefland lag das Schloß wol gegen tausend Fuß hoch. Fünf Regierungen besaßen hier Enclaven; nur nach Westen zu gehörte alles ausschließlich jener Krone, in deren Diensten der älteste Sohn des Freiherrn, der Regierungsrath, stand und sein, wie es schien, einziger nächster Freund, der Landrath, ehemalige Husarenrittmeister von Enckefuß, gewöhnlich „der schöne Enckefuß“ genannt.

Vor der stechenden Nachmittagssonne boten die Schatten des Düsternbrook heute den erquickendsten Schutz. Es rieselten zwar noch die kaum geschmolzenen Schneereste, die sich in den Felsspalten festgefroren hatten, jeder Schritt war glatt und gefahrvoll; aber Lucinde hielt sich an den schon allmählich ihr Laub treibenden Büschen und suchte das von würzigen Kräutern duftende niedere Thal zu gewinnen. Belebt war es von allem, was nur in den ersten Frühlingstagen auf den Bäumen mit Gurgeln, Zwitschern, Schnabelwetzen der allernärrischsten Art wieder die Wonne erprobt, sich von dem Nochvorhandensein seiner alten Stimmittel überzeugen zu können.

129 Lucindens Sinn ging dabei brütend auf irgendeinen zu fassenden Entschluß. So wie sie jetzt da war, den runden Strohhut mit schwarzem Band in der Hand, in die Weite zu gehen und gar nicht zurückzukehren, war noch das Leichteste, was sich ausführen ließ gegen eine Lage, in deren Erwartungen und Aussichten sie sich betrogen hatte. Daß ihr Sinn Gedanken der Rache nicht unzugänglich war, wissen wir. Düster zogen sich ihr die dunkeln Augenbrauen zusammen, manche rasch gebrochene Blüte zerriß, ja zerbiß sie, manches junge, kaum ganz entrollte Blatt zerkaute sie, so bitter es schmeckte … Immermehr gerieth sie in einen Zorn, wo die bei dunkeln Augen eigenthümlich schon vorhandene leichte Entzündlichkeit der obern Wangen sich immermehr steigerte und den heißen Lichtern noch dunklere Schatten gab.

Vom Düsternbrook her störte sie jetzt Geräusch. Bald waren es Axtschläge, bald der gleichmäßig klingende Ton einer Säge.

Als sie näher kam, bemerkte sie einen Arbeiter vom Schloßhof. Sie neckte sich zuweilen mit ihm. Es war ein fremder Arbeiter vom Westen her, ein gelernter Küfer, der auch für die Brauerei, Brennerei und die Milchwirthschaft des Kronsyndikus mit Fleiß und Geschick große Gefäße baute, Bottiche von gewaltigem Umfang, Tonnen in allen Größen. Rüstig arbeitete er vom Morgen bis zum Abend und zog sich seine Hülfsgesellen selbst; er hieß Stephan Lengenich und war landeinwärts einer der eifrigsten Kirchenbesucher. Auf dem Schlosse selbst gab es eine Kapelle, doch wurde in ihr nie die Messe gelesen, obgleich der Kronsyndikus von sieben 130 Pfarreien und dem Kloster Himmelpfort selbst Patronatsherr war. Seit Jahren stand er mit seiner Kirche auf gespanntem Fuß und duldete auch z. B. nie, daß die Franciscaner Schloß Neuhof betraten, eine Maßregel, die durch die Auslegung der Polizeigesetze über das Terminiren der Bettelorden von seinem Freunde, dem Landrath, dem „schönen Enckefuß“, nach Kräften unterstützt wurde.

Ei, Herr Lengenich! rief Lucinde mit ihrer etwas tiefliegenden, nicht starken Stimme; schon wieder eine von den heiligen Eichen des Bonifacius umgehauen? Wenn Ihnen nur nicht einmal so ein alter Heidengott dabei erscheint und Ihnen was anthut!

Stephan Lengenich sah auf und meinte in der That:

Machen Sie keine Scherze, Mamsell Schwarz! Aber es muß ja sein! Die alten Fässer faulen und es geht mit dem Brennen der Kartoffeln ins Weite …

’S ist recht, sagte Lucinde in der treuherzig derben und ruhig sichern Art, die den ihr geläufigen Volkston jetzt schon mit Bewußtsein festhalten konnte, ’s ist recht! Man soll nicht neuen Most gießen auf alte Schläuche!

Stephan Lengenich horchte …

Lucinde zeigte, daß sie eine Schulmeisterstochter war, auch ein Jahr bei einem Pfarrer gelebt hatte, und fuhr weiterschreitend mit künstlichem Pathos fort:

Niemand flicket auch ein altes Kleid mit einem Lappen von neuem Tuche, denn der Lappen reißet doch wieder vom Kleide und der Riß wird ärger. Adjes, Stephan! Betet ihr einmal ein Ave Maria für eine andere arme Seele als die der Lisabeth, so schließt auch unsereins ein!

131 Damit ging sie, ohne die Antwort des Arbeiters abzuwarten, den sie an ein allbekanntes Verhältniß mit der ersten Beschließerin des Hofes erinnert hatte.

Lucinde schlug den kürzern Weg jetzt wieder zur Anhöhe ein. Es war ein steilerer, aber von Steinen unterstützter Pfad, der zur obern Anhöhe der Schlucht führte.

Sie war auf der Hälfte dieses etwas mühseligen Weges, als sie hinter sich laut reden hörte.

Sie wandte sich und sah, daß Stephan Lengenich mit einem nach ihr Gekommenen in einem lebhaften Gespräch begriffen war. Widerhallte so schon in dieser Stille an den Bergwänden jedes gesprochene Wort, wie viel mehr noch ein Zank, der allmählich heftiger geführt wurde.

Eine schlanke Gestalt in schwarzem Sammetkittel, weiten Som­merbeinkleidern und einem grauen, mit einem Zweig geschmückten Hut konnte von ihr nicht im Gesicht betrachtet werden, da der Sprecher rückwärts stand. Aber der Stimme nach war es ein junger Mann, nicht, wie sie im ersten Schreck über den Lärm vermuthet hatte, der Deichgraf selbst, der als Theilungscommissar, wie sie wußte, über den Düsternbrook und die dortige Baumfällberechtigung mit dem Kronsyndikus in Streit war.

Hat es der Freiherr befohlen? Ausdrücklich befohlen? fragte der Hinzugekommene mit heftiger Entrüstung.

Guten Morgen! war Stephan Lengenich’s Antwort, während er weiter sägte.

Gestern noch stand die Eiche! Das muß erst die Nacht geschehen sein! Sie haben keinen Auftrag dazu gehabt!

132 Guten Morgen! sagte der Küfer und sägte weiter.

Will man uns mit Gewalt aufs Aeußerste bringen? Antwort! Red’ Er!

Herr! richtete sich jetzt der Arbeiter zornfunkelnd auf und deutete auf den rothen Strich einer Mütze, die er trug, womit er andeuten wollte, daß man einen noch in der Landwehr befindlichen Soldaten nicht mit Er anredete. Sich aber beruhigend, fügte er dann weiter arbeitend spöttisch hinzu:

Guten Morgen!

Vom Düsternbrook gehört nicht eine Eichel der Herrschaft! Es ist Gemeindewald und seine Privatnutzung ein Misbrauch, der nicht fortbestehen kann!

Nicht eine Eichel? Suchen Sie hier Eicheln?

Stephan Lengenich sprach diese Anzüglichkeit auf Thiere, die man mit Eicheln füttert, ganz im boshaften Geiste seiner Herrschaft.

Im ersten Augenblick trat der junge Mann einige Schritte vor und rief: Kerl! Dann besann er sich wol auf den ungleichen Kampf und sagte sich langsam entfernend:

Nehmt euch vor meinem Vater in Acht! Er legt nächstens den Grenzstein und dann werden ihn die Gensdarmen zu bewachen wissen!

Damit schritt er, verfolgt von einem Hohnlachen des Arbeiters, langsam weiter.

Bei der Gewißheit, endlich des mehrfach besprochenen frühern Freundes und Studiengenossen des Kammerherrn, der durch eine Abhandlung über das sogenannte Bienenrecht Doctor der Rechte geworden war, ansichtig 133 zu werden, wandte sich Lucinde, ihn doch nun auch deutlicher zu sehen.

Dabei glitt einer der Steine aus, die sonst das Aufsteigen erleichterten.

Der Fall weckte die Aufmerksamkeit des Doctors, wie er gewöhnlich im Gespräch auf Neuhof genannt wurde. Auch er wandte sich und bemerkte die Nähe eines jungen, in dieser einsamen Umgebung überraschend auftauchenden Mädchens.

Er zog den breiten Krempenhut und grüßte.

Beide schritten weiter, er den Weg, den sie eben zurückgelegt, den Grund hinauf, sie den parallelen, aber oben auf der Hochebene.

Sie hatte den Eindruck keines schönen Mannes empfangen. Der Doctor mochte wenig über einige Zwanzig zählen, hatte aber schon das Ansehen eines Dreißigers. Der Kopf war ausdrucksvoll, aber das kurzlockige, etwas röthliche Haar war an den Schläfen und der Stirn schon ausgegangen. Der Bart war gepflegter, aber noch röther als das Haar. Er hing über Lippe und Kinn herab wie bei einem Soldaten; und an entstellenden Schmarren fehlte es auch nicht auf Wange und Stirn, ja sogar auf der Nase, Schmarren, deren Ursprung sie gleich hinzubringen wußte. Nach den Erzählungen des Kammerherrn waren es Duellnarben.

Die Tracht des Doctors war die leichteste; kaum daß um den magern Hals ein dünnes Tuch gelegt war. Die Brust stand fast offen. Handschuhe fehlten ganz.

Lucinde hatte seit den Erinnerungen an Oskar Binder und dessen Freunde in der Residenz einen Abscheu 134 vor allen Stutzern und geschniegelten Männern. Viel Aeußerlichkeit war überhaupt bei den Herren nicht Sitte, die auf Schloß Neuhof kamen; die Gewohnheiten der reichsten Leute hier waren in diesem Punkte einfach. Grafen gingen wie Bauern. Nur der Landrath, der „schöne Enckefuß“, hielt die Erinnerung an die Zeiten, wo er wirklich schön gewesen sein mochte, durch eine gesuchte Toilette, festgeschnürte Taille, gefärbte Haare, Bart, Augenbrauen, ja, wie man behauptete, gemalte Wangen und Schläfe aufrecht … er konnte seine Triumphe als Rittmeister der Husaren nicht vergessen und blieb, ob er gleich schon einen großen Sohn hatte, der Beau der Gegend, der Petit-maître von der Stadt Witoborn an bis auf Schloß Neuhof.

Die studentische Art der Erscheinung des Doctors paßte vollkommen in den Rahmen der verworrenen Erzählungen, die der Kammerherr, wenn er in seinen renommirenden Erinnerungen kramte, von dem akademischen Leben desselben zu geben pflegte.

Bald gingen Lucinde und der Doctor in ganz gleicher Linie.

Lucinde konnte sich oben nur am schmalen Rande des Grundes halten, denn zu ihrer Linken hin gab es kaum einen Weg; die junge Getreidesaat ging bis dicht an den Rand des Abhangs.

Es entspann sich trotz der ansehnlichen Distanz ein Gespräch über das Misverhältniß der Ansprüche, die sich bei der Regulirung der bäuerlichen und grundherrlichen Verhältnisse ergeben hatten. Der Doctor fragte, als Lucinde darüber sich ganz unterrichtet zeigte, ob sie 135 denn zu den auf Neuhof oben versammelten Herrschaften gehöre?

Nicht zu den Herrschaften! Zu den Dienern! antwortete sie und balancirte auf dem schmalen Pfade hin, wohl wissend, daß sie nicht wie eine Dienerin aussah.

Sie sind doch nicht etwa gar das Elfenkind, das mein alter Freund, der Kammerherr, jenseit der Wälder an einem Schilfteich gefunden hat?

Ja freilich! Das bin ich! sagte sie und sprang nun mehr als sie ging.

So werden Sie, sagte der Doctor, trotz der Tüngel’schen Familie, deren Appelhülsener Linie zurückgekommen ist, Frau von Wittekind werden! Ich gratulire! Einen bessern Mann kann sich eine Frau nicht wünschen! Dann müssen Sie aber zu uns nach Göttingen ziehen! Lernen Sie reiten! Oder können Sie’s wol gar schon? Um so besser! Wir machen Sie zur Conventsseniorin, falls Ihr Mann nicht aus Rücksicht auf die göttinger Fensterscheiben sofort wieder relegirt wird! Denn er bekannte Ihnen doch wahrscheinlich seine alte Leidenschaft, in Göttingen keine ganzen Fensterscheiben und Laternen sehen zu können? „Nacht muß es sein, wo Wittekind’s Sterne strahlen!“ Die göttinger Laternen, ohnehin nicht die hellsten, kosteten ihm einen Theil seiner glücklicherweise guten Wechsel.

Diese Liebhaberei, erwiderte Lucinde, ist noch immer nicht so schlimm gewesen wie die einiger seiner Ahnen, die keinen Dachdecker auf einem Thurm sehen konnten, ohne nicht das Gelüst zu haben, ihn herunterzuschießen.

136 Aha! rief der Doctor. Sie sind eingeweiht! In deutsche Staats- und Rechtsgeschichte!

Lucinde verschwieg, daß es der Kammerherr mit Vögeln noch so machte. Man ließ ihm deshalb nur eine Windbüchse; in schlimmen Anfällen richtete er auch mit dieser die grausamsten Verheerungen an.

Der Doctor schien aufmerksamer geworden und suchte Lu­cinden näher zu kommen, was ohnehin durch seinen aufsteigenden Weg von selbst geschah …

’S wäre ganz gut, sagte er, wenn einmal in diese Menschenrasse frisches Blut käme! Ich bin an und für sich ganz für diese alten Geschlechter und mag sie leiden, aber sie sollten sich nicht untereinander kreuzen, sondern zur Inoculation des Volks benutzen; das gäbe einen Nachwuchs wie der der alten Angelsachsen und Normannen, der jenseit des Kanals noch immer so stattlich ist. Wenn wir Deutsche ein Princip haben, das vernünftig ist, wie die Adelsidee, so reiten wir’s leider auch immer gleich zu Tode!

Lucinde erwähnte ganz dreist seine Abhandlung über die Bienen.

Was? Wie? Wissen Sie davon? rief der Doctor. Nun ja! Im Bienenstaat liegt mehr Weisheit als in Dahlmann’s „Politik“, zu der er keinen zweiten Theil schreiben kann. Auch die Bienen pflanzen sich mit vernünftiger Aristokratie fort. Ein Ei, aus einer schlechten Arbeitszelle in eine Königinzelle gebracht, gibt eine Königin. Wir werden erst die Probleme der Geschichte dann lösen, wenn wir ein Mikroskop erfunden haben, groß genug, das Leben und Weben eines durchsich-137tigen Bienenkorbs zu gleicher Zeit zu beobachten. In China, in Indien ist es mir manchmal als wenn man das Bienenleben schon seit Jahrtausenden besser kennt als bei uns.

Da Lucinde von dem schmalen Rasen immer ausglitt, rief ihr der jetzt ganz Nahegekommene:

Sie gehen schlecht da oben! Ich biege hier die Zweige zurück, so kommen Sie herunter!

Dann müßt’ ich wieder wie Sie steigen! sagte sie und blieb.

Bei dem Versuch, den der Doctor machte, ihr zum Niedersteigen das Gestrüpp der Büsche wegzubiegen, fiel von oben her das Licht auf ihn günstiger. Der Hut wurde ihm gerade von einem zurückgehenden Zweige weggenommen; so sah sie einen scharfen, durchgeistigten Kopf. Daß in ihm Leidenschaften zuckten, daß in dem großen wie luftblauen Auge eine Unbestimmtheit schwamm, so groß und weit, wie eben die Luft und das Meer selbst, konnte sie mit ihren jungen Jahren noch nicht unterscheiden, aber das Gefühl einer außerordentlichen Kraft strömte ihr aus diesem an sich harten und unschönen Antlitz, aus diesen unabsehbar weiten, hellen und wie schwimmenden Glaskugelaugen entgegen.

Warum sind Sie aus Göttingen hier? fragte sie. Stehen Sie Ihrem Vater in seiner undankbaren Arbeit bei?

Schon daß Lucinde fragen konnte, schien ihren Begleiter hoch zu erfreuen. Mit den meisten Mädchen dieser jungen Jahre kann man ja stundenlang gehen, und sie wissen nichts als ein empfindsames Ja! oder Nein! 138 Sie lächeln halberschrocken zu allem und jedem und nennen auch späterhin noch die eigentlich eitelste Versunkenheit in sich selbst ihr schweigsames Gemüth.

Der Doctor erzählte, daß sein Vater aus dem Pachtverhältniß zu dem Kronsyndikus sich zu lösen und ein eigenes Gut zu kaufen beabsichtigte. Zu dem Ende glaubte er des einzigen Sohnes Beistand nöthig. Leider, fügte dieser hinzu, bin ich kein so fermer Advocat geworden, wie er hoffte. „Grau, Freund, ist alle Theorie, und grün des Lebens goldener Baum“, nämlich der, auf dem die vollwichtigen Pistolen wachsen!

Lucinde wußte schon von Eibendorf und Neuhof her, daß man hier zu Lande die Goldstücke Pistolen nennt. Jeder Gegenstand, den der Kammerherr taxirte, wurde nach Pistolen berechnet.

Vielleicht könnten Sie den Streit zwischen dem Kronsyndikus und dem Deichgrafen beilegen? sagte sie.

Unmöglich, mein Fräulein! erwiderte der Doctor. Das sind Gegensätze, die uralt sind. Schon an dem öden Strand der Elbe, wo sich beide kennen lernten, soll mein Vater sich durch das Abzählen der hannoverischen Sandkörner gegen die holsteinischen als Deichgraf unmöglich gemacht haben. Es gibt solche große Charaktere, die gerade zwei Minuten vor halb sieben und zu keiner Secunde anders einen Gegenstand abgemacht sehen wollen. Sie halten die Hand aufs helle, lichte Feuer wie Mucius Scävola, nur um ihren Muth zu beweisen. Versöhnung? Mein Vater konnte sehr leicht von Napoleon eine Kugel vor den Kopf bekommen, denn er fing die Befreiungskriege nach seiner 139 Uhr an. Gerade zwei Minuten vor halb sieben! Der Tugendbund hatte gesagt: Zwei Minuten vor halb sieben steht jeder Patriot an der Spritze, und mein Vater hielt sich an die Ordre. Ob nun die Umstände bewiesen, daß die Schlacht bei Dresden ganz unzweifelhaft für Napoleon gewonnen war, ob es noch ganz im Unklaren blieb, ob die Oesterreicher in die Allianz treten würden – mein Vater nahm die Schlacht bei Leipzig schon für geschlagen und gewonnen an. Der Deichgraf sammelte Mannschaften, bewaffnete sie und stürmte die Zollhäuser der westfälischen Regierung. Zwei Tage lang war Deutschland frei vom Tyrannenjoch; dann aber eine Gewehrsalve von bückeburg-westfälischen Grenadieren, die Napoleon’s Arrièregarde bildeten, und die Patrioten waren auseinander gesprengt. Mein Vater hinkte mit verwundetem Fuß in den Teutoburger Wald, wo er jede Stelle kennt, an der einst Arminius bivouakirt hat und sich an dem Meth erquickte, den ihm Thusnelde bereitete. Da irrte er proscribirt umher. Auf hundert Thaler hatte man seinen pünktlichen Kopf angeschlagen. Glücklicherweise half ihm aber der Geist des alten Arminius und Mutter Thusnelde. In den Schluchten blieb er unentdeckt und war dann wieder der Erste, der nach der Schlacht bei Leipzig auf die Externsteine zum Aufruf des ganzen westlichen Deutschland eine blutrothe Fahne steckte. Mein Vater machte trotz Weib und Kind den Krieg mit und soll die Lieder von Max Schenkendorf in unserm alten burschenschaftlichen Commersbuch auswendig gewußt und überall vorgesungen haben, wie auch ich, als ich noch etwas grün zuerst in Erlangen studirte. Später hat er 140 nicht mehr viel davon wissen mögen und von Versöhnung ist bei ihm in principiellen Gegensätzen nie die Rede!

Ueber diese Mittheilungen waren beide Wanderer oben zusammengekommen. Sie gingen unter den blühenden Obstbäumen hin dem Park zu.

Da Lucinde durch die akademischen Reminiscenzen des Kam­merherrn in vielen der von ihrem Begleiter angeregten Verhältnissen heimisch war, so konnte dieser auf ihren wiederholten Vorschlag, eine Vermittelung zu versuchen, in der Charakteristik seines Vaters fortfahren.

Nein, mein Fräulein! sagte er. Mein Vater ist trotzdem, daß er nicht mehr den Schenkendorf singt und wir jetzt 1832 schreiben, in der Exaltation von 1813 stehen geblieben. Schwarzrothgold kam er aus Frankreich zurück und mußte 1817 wieder etwas anzetteln da drüben im Teutoburger Walde bei dem großen Christoph, den sie jetzt dort auf die Höhe stellen wollen, das germanische Rächerschwert in Händen. Für den deutschen Kaiser und dessen Wiederherstellung saß er drei Jahre in Magdeburg. In dieser Zeit war der frühere westfälische Kronsyndikus, d. h. Vertreter der Krone des ehemaligen Weinreisenden und spätern Königs Hieronymus bei der westfälischen Landschaft, d. h. den Ständen und Deputirten der ihm unterworfenen Provinzen, Freiherr von Wittekind-Neuhof, immerhin so zu sagen unser Wohlthäter. Das Pachtverhältniß ging fort, ohne daß der Vater damals die vollständigen Summen auftreiben konnte. Der rüstige Grundherr trieb sie sich eben selber ein. Meine Mutter starb darüber, der Vater kam aus Magdeburg zurück und warf sich jetzt in die ergrimmteste Provinzialoppo-141sition. So hat Demosthenes nicht über Philipp von Macedonien gedonnert wie mein Vater – lieber Gott, noch dazu bei verschlossenen Thüren! – über Brücken und Vicinalstraßen. Harry Heine spricht von einem Mirabeau der Lüneburger Heide. Mein Alter war einer von der witoborner. Und wirklich, er allein mit seinen zwei Minuten vor halb sieben war’s, der hier Großes durchsetzte in Ermangelung von Größerm. Ueberall, wo Sie hier einen Hemmschuh an einen Pfahl gemalt sehen und einen Finger darüber mit dem Avis: Bei einem Thaler Strafe! überall, wo an einem Kreuzweg ein Pfahl mit vier Armen steht: Hier geht’s nach Mölln, nach Schöppenstedt, Schilda oder Krähwinkel! bei jeder Verbesserung in Luft, Feuer, Wasser und Erde ringsum kann er mit stolzem Bewußtsein wie ein „Sattelmeier“ aus Karl’s des Großen Zeit vorübergehen. Und nun ist er denen, an welchen er sich eigentlich für Magdeburg rächen wollte, der Regierung selbst, zum Bedürfniß geworden! Der vielbefähigte unruhige Mann, dem sein nächster Beruf schwer genug aufliegt, übernimmt die Regulirung der grundherrlichen Verhältnisse und führt diese richtig wieder nach dem Maßstabe: Zwei Minuten vor halb sieben! durch. Nichts schont sein Zollstock. Er zerstört den schönsten Ameisenbau, wenn die eine Seite an Hinz, die andere an Kunz gehört. Er steckt den Spaten gerade mitten durch, er trennt die Blüte vom Ast, den Schwanz der Kuh vom Kopf, es ist und bleibt der alte Deichgraf, der Mathematik und Wasserbaukunst studirte, bei Stade die Sandkörner zählte, die sich ins hannoverische Fahrwasser verloren und Holstein gehörten, 142 und der jetzt noch Landrath werden wird, ja, zu alledem vielleicht einen Orden bekommt und zur Anerkennung für den friedlichen Verlauf aller seiner patriotischen Landstürme und schwarzrothgoldenen Revolutionen eines Tages in Sanssouci zu Mittag speist!

Lucinde wußte nicht, wie sie dazu kam, auf diese im Grunde unkindliche, aber offenbar gleichfalls aus einem Ueberzeugungs­eifer (nur für andere, ihr unbekannte Auffassungen) herzuleitende Auslassung fragend zu erwidern:

Sind Sie katholisch?

Der Doctor schwieg erst erstaunt und sagte dann:

„Du sprichst ein großes Wort gelassen aus!“ Nein, wir sind es nicht, mein Fräulein!

Am Ende des Parks durchkreuzten sich einige Wege und ein steinernes Christusbild hing über einer Ruhebank.

Lucinde war ermüdet. Sie setzte sich.

Der Doctor lehnte sich an einen Baumstamm ihr gegenüber.

Sie nahm den inzwischen wieder aufgesetzten Hut ab. Schon lange trug sie wieder ihr Haar in Flechten. Eine davon war losgegangen. Es machte ihr gar nichts, so vor einem Fremden ihre Toilette zu machen, ja sogar eine Haarnadel im Munde, zwischendurch zu sprechen:

Nein, Sie schüren nur noch den Haß! Das ist aber unrecht! Sie sollten Versöhnung stiften!

Heinrich Klingsohr war jetzt verstummt und weidete sich an dem Anblick. Lucinde sah nicht älter aus als sie war. Sechzehn Jahre und eine solche Reife des Urtheils! Fast kindische Bewegungen, die Beine übereinander geschlagen, im Schoose den Hut, die Nadel im Munde, 143 ein Kamm aus der Kleidestasche zu Hülfe genommen, um losgegangene und verworrene Härchen im Nacken hinten zu einer kleinen Welle zu runden, und, als der Strohhut dabei zur Erde fiel und Klingsohr hinzusprang ihn aufzunehmen, den Hut ruhig auf die Füße des Steinbildes über sich gehängt … Alles das allerdings mit bestimmtem und bewußtem Wohlgefallen an der immermehr erglühenden Theilnahme der neuen Bekanntschaft und doch ganz wie zufällig und absichtslos.

Klingsohr hatte sich jetzt gleichfalls auf die Bank gesetzt, so aber, daß er, bald das Steinbild, bald sie betrachtend, elegisch improvisiren konnte:

Hängt ihr pariser Hut –
Und ihre dunkeln Locken
Netzt heil’ger Wunden Blut …

Kennen Sie Heine? unterbrach er seine Parodie …

Gewiß! sagte sie. Der Kammerherr kann ihn auswendig!

Der Kammerherr! fuhr Klingsohr, jetzt hingerissen von der Schönheit und Lieblichkeit der Erscheinung, auf: Ist es denn möglich! Jérôme –

Er stockte in seiner Rede, ergriff Lucindens Hand, zog sie an sich und sah ihr mit seinen jetzt weit geöffneten großen Augen ins erröthete, von der Wanderung und dem Schreck über sein Benehmen doppelt erglühende Antlitz …

Und nun ein ganz kokett strafendes, kindisch mädchenhaftes: Aber Herr Doctor! womit sie aufsprang und in rascher Handbewegung den Hut ergreifend weiterging.

144 Klingsohr folgte wie bebend. Er konnte annehmen, daß Lucinde ihm entfloh und die Nähe des Parks benutzte, vor den Gefahren einer Fortsetzung dieser einsamen Begegnung sich zu sichern …

Wie aber, als wenn nichts geschehen wäre, wandte sie sich plötzlich und lenkte auf das frühere Gespräch zurück mit den Worten:

Ja! Lassen Sie uns beide Frieden stiften zwischen Neuhof und – wohnen Sie auch auf der Buschmühle?

Klingsohr, über dies Vergeben und Vergessen selig und von den Künsten, die eben auch so nur Lucinde kannte, schon umstrickt, wie alle, die ihr bisher begegneten, wiederholte, wie wenn er sich auf nichts besinnen konnte:

Frieden? Was? Buschmühle?

Ja, half sie nach, zwischen Ihrem Vater und …

Unmöglich! fuhr er sich besinnend und wild auf. Die Welt muß in Flammen stehen! Krieg! Krieg! Aller Dinge Vater ist der Krieg! singt Pindaros. Und ich respectire sogar diese alte Hünennatur des Kronsyndikus! Dies Geschlecht ist schon seit dem Tage, da Karl der Große seine Vorfahren gebunden in die Weser jagte und mit Gewalt taufte, Hadern und Streiten gewohnt und hat eine Natur dafür, auch den alten reichsunmittelbaren und kaiserebenbürtigen Dünkel, der immer hoch zu Roß sitzt und sich in seinen Rüstkammern sogar noch die Schwerter aufbewahrt, mit denen ihre Ahnen gelegentlich in Regensburg, Gotha oder Soest drüben als Landfriedensbrecher hingerichtet wurden! Die haben solche Aufregungen nöthig! Nur wir Plebejervolk verlieren immer gleich den 145 Athem, sind zu kurz, zu dick, zu untersetzt stämmig für solche Fehden … Kennen Sie meinen Alten?

Lucinde hatte den Deichgrafen oft reiten und fahren sehen und erkannte aus des Doctors Schilderung die kleine, corpulente Persönlichkeit eines Charakters, der, wie sie sah, vom Sohne selber aufgegeben wurde …

Aber dürfen Sie denn drüben überhaupt sagen, daß Sie mit mir gesprochen? fragte er.

Sein Ton war wieder so zärtlich, daß Lucinde sich seiner Annäherung entzog. Und jetzt hatte er zwei Blütenzweige von einem Obstbaum über sich abgebrochen und legte den einen stumm in ihre Hand, den andern senkte er ohne ein Wort zu sagen in die Erde. Er bezeichnete damit eine Stelle, wo Lucinde seitwärts vom Wege eine Weile gestanden hatte. So redete er fast die Sprache seines Freundes, des Kammerherrn.

An dergleichen demnach gewohnt, widersprach sie gar nicht, sondern ließ ihrer neuen Eroberung ruhig lächelnd auch diese Huldigungsform. Der Doctor pflanzte den Zweig und schwieg bewunderungsvoll.

Als die Procedur vorüber war, kamen sie an die kleine Pforte des Parkes, zu der Lucinde den Schlüssel hatte.

Ringsum war alles still, niemand kam des Weges …

„Das Schweigen ist der Gott der Glücklichen!“ flüsterte Klingsohr rings um sich blickend, und dann wieder seufzend rief er:

Jérôme! Jérôme! Wie ist es nur möglich, Jérôme!

Verdrießlich über die Anspielung auf ihr Verhältniß zum Kammerherrn erwiderte sie kurz:

Ich verstehe Sie gar nicht! Adieu!

146 Klingsohr folgte, blieb dann plötzlich stehen und sprach laut:

Die Sonne lachte mit freundlicher Lust;
Da küßtest du mich und dein Arm mich umschlang,
Da preßtest du mich an die schwellende Brust!
Die Blätter fielen, der Rabe schrie hohl,
Die Sonne grüßte verdrießlichen Blicks;
Da sagten wir frostig einander: Lebwohl!
Da knixtest du höflich den höflichsten Knix!

Lucinde erwiderte lachend:

Ein so gelehrter Mann und fremde Citate?

Hüten Sie sich, mein Fräulein, rief Klingsohr, wenn ich Original werde!

Dabei streckte er wild die Arme aus. Es war eine Geberde, wie wenn er den Himmel auf die Erde herabziehen könnte.

Sie erschrak und entschlüpfte.

Am Gitter, wo sie aufschloß, wendete sie sich noch einmal …

Ihr Begleiter war nicht mehr weiter gefolgt. Auf sechs oder sieben Schritte blieb er zurück, wie wenn er seiner Kraft nicht traute weiter zu gehen. Nur leise lispelte er ihr nach:

Engel! Seh’ ich Dich wieder?

Dabei hob er die Hände empor, wie anbetend, gerade so wie der Kammerherr einst gethan.

Sie winkte, daß er gehen möchte …

Aber es war ja ihre Sache, zu gehen …

147 Klingsohr rief wieder:

Heilige!

Dann sprach er leise und innig:

Bitt’ für mich! …

Erlöse mich! setzte er dringender und fast feierlich hinzu.

Das die Umzäunung bildende geschnittene Zwergholz des Parkes verbarg sie jetzt. Sie schritt unter den hohen, noch fast durchsichtigen Ulmen, die sich über sie mit ihren halbbelaubten Zweigen wölbten, hin gleichsam wie in Lüften. Auf so ergreifende Worte, wie ihr da eben nachklangen, Erwiderungen zu geben hatte sie noch keine Schätze des Geistes, des Herzens und der Phantasie in sich.

Es war die erste Begegnung ihres Lebens mit einem Manne, die sie vernichtete.

148 12.#

In ihrem Pavillon fand Lucinde den schon ängstlich auf sie harrenden Jérôme.

Er hatte ihr Wunderdinge zu erzählen und sie blieb aus!

Nun aber auch bestürmte er sie mit seinem Lachen, das er in der Gewohnheit hatte, wenn ihm irgendetwas nach seiner Voraussetzung besonders Kluges gelungen war.

Der Versuch, ihn bei dem großen Familien- und Nachbarsessen, das um vier Uhr begonnen hatte, und in Gegenwart des Re­gierungsraths, seines ältern Bruders, der Welt als einen zurechnungsfähigen Menschen vorzustellen, war vollständig gescheitert.

Nach der Mittheilung, die er von dem übeln Verlauf eines seiner gewohnten Streiche erzählte, merkte man wohl, daß sein eigener Bruder, der Regierungsrath, ihm die Gelegenheit erleichtert hatte, aus der erzwungenen Rolle zu fallen, die er unter den stechenden Augen und der zusammengezogenen Stirn seines Vaters spielen mußte.

149 Für Lucinden, die kaum die Besinnung hatte zuzuhören, war auch noch die Ueberraschung aufgespart, daß, wie es schien, in fröhlicher Weinlaune und im Triumph eines eroberten Sieges der Regierungsrath selbst erschien und zum ersten mal sie zu sehen verlangte.

Der von der Tafel angeregte Mann, der mit dem Vater und Bruder wenig Aehnlichkeit hatte, kam in Begleitung des „schönen Enckefuß“, der in weinseliger Laune den Arm um den Regierungsrath geschlungen hielt und der Verwilderung seiner künstlichen Verjüngungen nicht mehr zu achten schien.

Beide kamen die schmale Stiege des Pavillons herauf und reizten die Eifersucht des Kammerherrn nicht wenig durch ihre verfänglichen Grüße und Reden.

Ihren Paß, mein – Fräulein –, lallte der Landrath mit galanten Verbeugungen, die das Mobiliar des kleinen Zimmers in Gefahr brachten. Ihre Legitimation –! Carte du séjour! Ich bin –

Der Regierungsrath analysirte schon die Bestandtheile des fehlenden Passes, der für Lucinden bereits einige male lästig genug zur Sprache gekommen war …

Augen schwarz, unterbrach er selbst den Landrath und mit staunender Ueberraschung – Nase mittel – Mund klein – Zähne – allerliebst –

Der Landrath wollte die Beschaffenheit der Zähne untersuchen und griff nach den Lippen des ängstlich sich in eine Ecke drückenden Mädchens …

Der Kammerherr stimmte zwar scheinbar in diese Lucinden dargebrachte Huldigung ein, wehrte aber denn doch die Hand des Rittmeisters jetzt mit einer Ent-150schiedenheit zurück, die diesen zu dem Ausruf veranlaßte:

Sacre bleu! Herr, das ist grob!

Der Regierungsrath kam in diesem Augenblick zur Besinnung. Der Landrath war in jungen Jahren einer der wildesten Offiziere gewesen und hatte namentlich den Stolz des Landes, einen jungen Grafen von Truchseß-Gallenberg, kurz nach der Besitznahme dieser Provinzen durch die jetzt über sie herrschende Krone im Duell erschossen. Zum Landrath hatten ihn die Umstände, sein bei aller alten Husarenwildheit höchst leutseliges Wesen gemacht; sein Ehrgeiz war aber gerade jetzt um so empfindlicher gereizt, je mehr seine hervorragende Stellung durch seine Neigung zur Galanterie, seine geringen Kenntnisse von administrativen Dingen, seine Schulden und vorzugsweise die zunehmende Abschließung des Provinzialgeistes in der adeligen Sphäre auf Schwierigkeit über Schwierigkeit stieß …

Kommen Sie, Rittmeister! sagte der Regierungsrath ablenkend. Mein Bruder ist zu beneiden! Aber er hat sein Glück verdient! Sein Genie hat sich heute die Krone aufgesetzt! Kein Trauring, Jérôme, nein, für Türck ein goldenes Halsband!

Ha, ha, ha! brach der Landrath beschwichtigt aus und konnte sich vor Lachen kaum fest auf der Treppe erhalten, die man wieder niederstieg. Während er auf Lucinden fortwährend Kußfinger und schmachtende Blicke warf, wie sie auch nur ihm, dem ewigen Jeune homme und sechzigjährigen Adonis zu Gebote standen, verhütete der Regierungsrath durch kräftige Haltung der 151 andern Hand des Schwankenden ein Unglück, wie es beim „schönen Enckefuß“ oft schon vorgekommen. Er war für seine Jahre immer noch so unternehmend, sein Reiten war von solcher Kühnheit, daß der Effect seiner stundenlangen Toiletten ihm alle Augenblicke einmal durch ein schwarzes Pflaster auf Nase oder Stirn verdorben wurde.

Die Lust und Freude im Kammerherrn war zu groß, um nicht nach Entfernung der beiden Neugierigen ganz zu ihr zurückzukehren. Er hatte während der Tafel einen Bindfaden aus der Tasche genommen gehabt, diesen heimlich um einige in seiner Nähe befindliche Flaschen geschlungen, dann Türck, einen der Hunde des Vaters, die immer in der Nähe des Mittagessens schnupperten, an sich gelockt, an den Faden ein Stückchen Fleisch befestigt und dies dann dem Thiere heimlich zugesteckt. Türck würgte daran, blieb aber noch ruhig auf seinem Platze, in Hoffnung auf mehr. Endlich aber vom Kronsyndikus aufgejagt, riß er alle Flaschen und Gläser um, übergoß das elegante neue Seidenkleid Portiuncula’s von Tüngel-Appelhülsen mit Roth­wein und machte, daß ihre Mutter, die hineingriff, um das theuere Kleid zu retten, sich mit den Scherben einer zertrümmerten Flasche empfindlich in die Hand schnitt. Die Verwirrung war so groß, daß nicht viel gefehlt hätte, der Kronsyndikus wäre seinerseits aus der Rolle gefallen und hätte nach dem ihm der Hunde wegen immer nahe liegenden Kantschu gegriffen und den Sohn vor allen Leuten durchgebläut. Denn daß dieser der Anstifter, war sogleich erkannt … Die Tafel war zu Ende. Die Tüngel-Appelhülsens reisten ab, die Tüngel-Aus-dem-Winkel folgten, dann die Hülles-152hoven, die Ubbelohdes, Graf Münnich, die vornehmsten von allen, die Dorste-Camphausens, eines nach dem andern …

Lucinde, die von ganz andern Gedankenreihen bewegt war, hatte zu alledem noch die lästige Aufgabe, die Furcht des Kammerherrn, der sich nun nicht getraute ins Schloß zurückzukehren, zu beschwichtigen. Der Vater ließ sich nicht sehen, ein Omen, worüber der Schuldbewußte in Angst gerieth. Zuletzt mußte sie sich selbst entschließen, in der schon eingebrochenen Dunkelheit den weiten Weg nach dem Schloßhof ihn zurückzubegleiten und ihn unter vielen Umständlichkeiten und gewagten Scherzen ihrerseits mit dem Alten auszusöhnen.

Glücklicherweise war aber der Kronsyndikus nicht allzu heftig ergrimmt. Bei solchen Familienconventen gab es immer Zank; ihm kam jede Lebensäußerung der ihm doch Gleichgestellten anmaßend vor. Da wurden Erinnerungen durchgesprochen, die ihn verstimmten; alte Wunden riß man auf, die kaum nach einer Generation ganz vernarbt waren; wieder sah er, wie alles ihn haßte und fürchtete. Dann beschäftigte ihn mit Meldungen aller Art die „Regulirung“, die schon zu einem Schreckgespenst für ihn und das ganze Schloß geworden war, da sie ihn in Sinnen und Brüten bis zur Abwesenheit mehr treiben konnte als die Narrheit seines Sohnes.

Die gute Stunde, von dem Doctor Klingsohr zu sprechen, war noch nicht gekommen, wenn auch der Abend leidlich vorüberging und die Aeußerungen des Kronsyndikus: „Ja, Lucinde, mit Portiuncula ist’s nun nichts!“ öfter wiederholt wurden und ganz harmlos herauskamen.

153 Klingsohr jedoch erschien wieder und wieder …

Noch mehr, er machte seine Drohung wahr, sich „auch als Original“ zu zeigen.

Welches die geistige Verwandtschaft zwischen ihm und dem Kammerherrn war, begriff Lucinde nicht: aber seltsam genug, daß auch bei dieser ihr dargebrachten neuen Verehrung ein Bedürfniß zu Grunde zu liegen schien, in ihr mehr zu sehen, als sie sich selbst erscheinen konnte. Auch Klingsohr schmückte sie phantastisch aus und überhäufte sie mit dem Reize von Schönheiten, die sie trotz ihrer Eitelkeit als reine Erdichtung erkennen mußte. Auch ihm wurde sie zur Erscheinung, die bald dem Reiche der Luft, bald dem Wasser angehörte. Bald war sie Sylphe, bald Undine. Sie sollte wol glauben, daß es ihr eigener Werth war, der sie den Männern so erscheinen ließ.

Es brach die Zeit eines wunderbaren Rausches für sie an, eines Zustandes, den sie in dieser Art noch nicht gekannt hatte. Sie hatte die üble Wirkung beobachtet, die schon die Nennung des Namens Heinrich Klingsohr im Schlosse hervorbrachte. Der Kammerherr lohte in Eifersucht auf, der Kronsyndikus sprach nur von der „undankbaren Bande“ und bestätigte nicht nur alles, was Heinrich ihr von der Vergangenheit über ihn und den Vater gleich beim ersten Zusammentreffen erzählt hatte, sondern was sie auch aus dunkeln Andeutungen des verschwiegenen alten Paares, bei dem sie wohnte, von vergangenen und vielbewegt gewesenen Tagen entnehmen konnte.

Ja! ich habe den Schlingel auf meinen Knien ge-154schaukelt! sagte der Kronsyndikus, als vom Doctor die Rede war. Ich habe auch die Frau erhalten, als der Elende in die Wälder lief und Aufruhr predigte. Ich habe den Pacht mir durch meinen Eifer selber verdienen müssen. Und dieser Hund will jetzt Herr über das ganze Land werden? – Fritz – er meinte den Regierungsrath – Fritz nimmt ihn auch noch in Schutz! Alle die Leute hier! Mein eigener Schwager, Graf Joseph! Aber im Düsternbrook, das sag’ ich, lass’ ich mich nicht um eine Hand breit aus dem alten Nutzen bringen, das schwör’ ich, oder ich will in alle Ewigkeit nicht aus dem Lutterberg bei Witoborn herauskommen!

Er meinte damit: aus dem Fegfeuer; denn man glaubt in jener Gegend, daß in diesem Berge für den westfälischen Adel der Eingang zum Fegfeuer liegt.

Die Begegnung mit Stephan Lengenich war ihm natürlich auch sogleich bekannt geworden. Dieser arbeitete aber täglich frisch unten fort, fällte Stämme nach wie vor und hatte in dem Düsternbrook eine ganze Werkstatt eingerichtet. Planken und Bodeneinsätze lagen ringsum, frisch erst aus dem Walde herausgehauen und gesägt.

Da Lucinden, die einige Geständnisse gemacht hatte, jede fernere Begegnung mit dem Doctor, der „zu allem nun auch noch seinen gelehrten Senf hinzugäbe“, verboten wurde, so konnte sie mit ihm nur geheim zusammenkommen. Leider fand sie unter der Aufsicht der Alten, die mit ihr den Pavillon bewohnten und im allgemeinen mürrische und strenge Leute waren, Schwierigkeiten. Diese wuchsen so, daß sie ihren Entschluß, von allen 155 diesen Fesseln, möchten sie für die Zukunft versprechen welches Glück sie wollten, sich frei zu machen, immer mehr reifen ließen.

Ist denn das nicht die eigentliche und wahre Natur des Mannes? sagte sie sich, wenn sie sich im Geiste Klingsohr’s Bild entgegenhielt. Sind denn die Männer, die das Leben zu bezwingen verstehen, wirklich solche, wie sie uns in schönen Bildern begegnen?

Klingsohr war nicht schön; er vernachlässigte sich in seiner Kleidung, er hatte etwas Sorgloses, sogar Verwildertes. Sie erfuhr, daß sein Gang durchs Leben unregelmäßig gewesen, kometenartig; sie erfuhr, daß er die Hoffnungen des immer rührsamen Vaters täuschte und sich der Uebereinstimmung mit demselben und seines Beifalls nicht rühmen konnte. Aber, was sie sogleich bei der äußern Unähnlichkeit dieser Natur mit der eines Oskar Binder gefühlt hatte, daß das Auge hier geistige Schönheiten finden würde und diese dann auch allmählich das Aeußere heben, traf immermehr zu. Wenn dieser seltsame junge Mann im Mondenschein an der Parkpforte mit ihr auch nur einige Minuten verweilte – die Eifersucht des Kammerherrn war jetzt aufgeregt und sein heimtückischer Sinn gefiel sich in den hinterlistigsten Anschlägen –, das Bild, das sie von ihm empfangen, verklärte sich immermehr zu der Vorstellung von dem Muthe, der Thatkraft der Männer überhaupt und der auch die Frauen hebenden heroischen Bestimmung derselben. Und wie verstand auch Klingsohr sein ganzes Sein mit einem poetischen Nimbus zu umgeben! Mitten in den kurzen Begegnungen, die sich allein möglich machten, 156 brach er in Verse aus und verband dann mit der Wildheit eines Titanen, der noch die ganze Welt zusammenzurütteln gedachte, etwas Naives, Träumerisches, Kindliches wieder. Manches, was die gemessene Zeit zu sagen verbot, sprach er in geschriebenen Blättern aus, die er ihr in die Hand drückte, und schon häufte sich ihr durch Bauernknaben, Bettler und fahrende Musikanten ein geheim besorgter Briefwechsel. Daß sie auf seine Hülfe und Befreiung aus ihrer gegenwärtigen peinlichen und unbestimmten Lage rechnete, das stand damals fest, als er ihr das unwürdige und schimpfliche Loos schilderte, welches zuletzt denn doch noch ihrer im Schlosse Neuhof warten würde; Vater und Sohn, sagte er, würden zuletzt um ihren Besitz streiten und der Alte würde siegen. Sie schauderte. Klingsohr versprach, sie mit nach Göttingen zu nehmen, um sich dort, wenn der Vater die Mittel gäbe, als Docent zu habilitiren. Sie sollte sein Weib sein.

Es war gegen Ende Juni. Schon lange war die erwünschte Regenzeit angebrochen und dauerte anhaltender, als sie der Landmann nun wieder haben wollte. Die auch durch strömenden Regen nicht zu tilgenden Reize des Landlebens, der Anblick der grünen und gelb gefärbten Fluren und der berauschende Duft der Linden und Tannen blieben sich gleich; besonders von dem Schlosse Neuhof selbst aus; nach vorn bot der volle Anblick in eine Landschaft voll Mannichfaltigkeit und Schönheit malerische Fernsichten, in nächster Nähe dufteten der Park und die nahe liegenden Wälder. An dem offenen Fenster, in der linken Eckspitze des Schlosses, im ersten Stock, saß Lucinde des Tages jetzt fast ununterbrochen 157 und suchte sich in ihrer wunderlichen Lage, die der der „Sklavin in goldenen Fesseln“ nicht unähnlich war, zu beschäftigen, so gut es bei ihrem geringen Arbeitstriebe und den aufgewühlten Stimmungen ihres Innern gehen wollte. Wieder war sie ganz auf die Unterhaltung des Kammerherrn, auf seine Pflege angewiesen, denn der geistig Leidende kränkelte auch körperlich. Er gehörte dabei ganz zu den Kindern, die eine Tasse Milch nur von dieser Schwester, einen Teller Suppe nur von jener Magd wollen gereicht erhalten. Er nahm nichts als nur von Lucinden. Sonst trieb er sein altes Wesen. Er zeichnete, malte, porträtirte Köpfe, die ersten besten vom Oekonomiehofe oder aus der Brennerei, sogar Hunde und vor allen jetzt Türck, den nun von ihm besonders Bevorzugten. Mishandelte er nicht die schönen Künste, so drechselte er, und wiederum verband er damit die stereometrische Philosophie des Sehers und Zukunftsphilosophen Laurenz Püttmeyer zu Eschede, einem kleinen Städtchen nördlich von Witoborn, rechtsab vom dem sogenannten großen nach dem Westen führenden „Hellwege“, der auch in der That in manchen Dingen der einzige helle Weg, die Straße des Lichts, durch eine große ägyptische Finsterniß genannt werden kann.

Das Eckzimmer gehörte zu einer Suite von Zimmern, die dem Reichthum und den gesellschaftlichen Ansprüchen der Wittekinds entsprachen. Das Schloß war geräumig, aber nicht eben luxuriös gebaut. Die nüchterne Stimmung des vorigen Jahrhunderts hatte in baulichen Dingen nur das Nützlichkeits­princip im Auge. Desto gewählter war aber theilweise die Ausstattung. 158 Einige dieser Zimmer waren geradezu fürstlich, sowol in der Tapezirung wie in der übrigen Ausschmückung durch Marmor, Bronze und Glas. Nicht nur die Spiegel, auch die Tische, die auf geschweiften Füßen standen, boten die reichste Vergoldung; die Platten waren von köstlichen Marmorarten und spiegelblank. In den Ecken standen Spieltische mit getäfelter und ausgelegter Arbeit von seltenem Geschmack und hohem Werthe. Das Schnitzen in Holz und Elfenbein ist von jeher in diesen Gegenden mit Meisterschaft getrieben worden. Die alten Bilder, wie die gelbsammtenen Ueberzüge der Möbel waren mit Staubvorhängen bedeckt. Diese Zimmer, wol fünf bis sechs an der Zahl, jedes in einem andern Geschmack, verzweigten sich nach den Seitenflügeln und nach der Hinterfronte mit Corridoren, die an den Wänden in ganzer Höhe, von der Erde bis an die Decke, mit Spiegeln bekleidet waren. An den Plafonds waren Malereien angebracht von einem keineswegs nazarenischen Geschmack. Einzelne Vasen, die auf Marmorgestellen die Einförmigkeit dieser Corridore unterbrachen, zeigten vortreffliche Malereien aus der Schule Albano’s. Daß diese Corridore an den Wänden von rings hinlaufenden Divans, die gleichfalls mit gelbem, blumenartig gepreßtem Plüschsammt überzogen waren, begrenzt wurden, bewies, wie sie einst zu großen Gesellschaften gedient hatten. Auch fehlten alte Kronleuchter von langhängenden Krystalltropfen und Glasberlocquen nicht. An den Wänden waren Vorrichtungen angebracht zu Girandolen, immer zu fünf und fünf Flammen. Man sah es, daß hier einst ein regierender Minister eines der 159 nahe gelegenen Fürstenthümer, dann ein quiescirter österreichischer Feldzeugmeister gewohnt hatten, dann und wann ein Erzbischof zu längerm Besuch gekommen war, alles Vorvordere, Angehörige und Verwandte des Hauses, zunächst bis auf die Mitte des vorigen Jahrhunderts zurück. Der jetzige Stammhalter liebte nicht mehr den Luxus. Doch hatte es auch bei ihm einst Zeiten gegeben, wo alles im Lichterglanz schwamm. Es waren nicht die Zeiten gewesen, wo noch die frühverstorbene Mutter des Regierungsraths und des Kammerherrn lebte, wohl aber unmittelbar darauf, wo es zuweilen hieß, die Damen, die eine Zeit lang hier hausten, wären Cousinen des regierenden Stammherrn oder Tanten und Nichten desselben. Meist aber waren es über Kassel gekommene Französinnen oder Italienerinnen, die eine Zeit lang blieben, mit Freudenfeuern empfangen wurden und plötzlich über Nacht verschwanden, ohne daß man je wieder von ihnen erfuhr. Gewöhnlich hörte man kurz vor diesen Abreisen in den eleganten Zimmern oben eine Scene, deren Charakter, um ihn volksthümlich zu bezeichnen, Mord und Todtschlag war. Dann wurde es plötzlich still; aber auch so plötzlich, wie mit Geistern im Bunde. Zuweilen zuckte noch irgendein Laut auf, irgendwo in einem der düstern Pavillons des Parks, in irgendeinem der tiefgelegenen Keller des Schlosses; dann war’s für immer still. Verschlossene Wagen entfernten Nachts die von ihrem Glanz Herabgestürzten. Mit diesen Vorgängen stand, wie Lucinde im Pavillon erfahren hatte, der Name des Fräuleins von Gülpen oder der Frau von Buschbeck in Verbindung. Diese Räthselhafte war unver-160hei­rathet geblieben, war allerdings die Verlobte eines in Java dienenden Kriegers gewesen, lebte aber von keiner niederländischen Pension, sondern von einer Rente des Kronsyndikus, bei dem sie vor vielen Jahren mindestens ebenso viel gewesen war wie jetzt die Lisabeth, die von allen mit Respect behandelt wurde, obgleich sie nur eine Bäuerin war und vollkommen für Stephan Lengenich paßte. Der Kronsyndikus hatte sich nach den erinnerungsreichen Verirrungen der Vergangenheit ganz den Kreisen zugewandt, die nur unter ihm standen.

Was Lucinde von allen diesen Dingen allmählich herausbekam, verdankte sie theils Klingsohr’n, theils den alten Stammers, bei denen sie wohnte, vorzugsweise aber, da auch diese von der Vergangenheit bitter berührt zu werden schienen, dem selbst schon grauhaarigen Sohne derselben, einem buckeligen Musikanten, der im Lande herumstrich und der vorzüglichste Bote war, dessen sich Klingsohr für seinen Briefwechsel bediente.

Der Kronsyndikus wohnte im Parterre, wo sein unruhiger Sinn gleich ins Freie konnte, wenn er bei den vielen Rathschlägen und Hülfen, die er leisten mußte und die auch Er nur allein leisten konnte, rasch zur Hand sein wollte. Manchmal blieb er des Nachts ganz aus. Seine Güter erstreckten sich weit, und obgleich bei einem Theil derselben die unmittelbaren Beziehungen durch das Pachtverhältniß des Deichgrafen unterbrochen waren, so ließ er doch als eigentlicher Herr sich seine Laune, da und dort hineinzureden, nicht nehmen; bald kehrte er dann hier, bald dort ein, auf eigenem oder fremdem Gebiet.

Eines Tages war er wieder einen weiten Weg 161 ausgeritten. Es handelte sich darum, gegen den Deichgrafen, der, um vielleicht wirklich Landrath zu werden, schon einen kleinen Gutskauf abzuschließen suchte, zwei maskirte Gegengebote zu veranlassen. Die Regierung unausgesetzt um Beförderung oder Versetzung anzugehen, drängte den „schönen Enckefuß“ eine von Jahr zu Jahr sich mehrende Schuldenlast. Nun gab’s Hin- und Herritte, Verhandlungen mit der Geistlichkeit, den Advocaten im nahen zum Kreis gehörenden Städtchen Lüdicke, Umtriebe, um, wenn es zum Wählen eines neuen Landraths kommen sollte, den Wahlmodus durch Zusammenlegung dieser oder jener heterogenen Districte zu paralysiren, und was sonst dergleichen Künste des Regierens und Politisirens jetzt geworden sind, von der Wahl eines Gemeindeschulzen auf dem Dorfe an bis zum Landstand und Mitglied eines Herrenhauses. Zunächst den Gutskauf des Deichgrafen rückgängig zu machen, war ein Ziel „des Schweißes der Edeln werth“. Der Haß des Kronsyndikus gegen seinen alten Freund kannte keine Grenzen, und die Vorfälle im Düsternbrook, wo der Deichgraf inzwischen mit Gensdarmen einen Grenzstein aufgestellt hatte, den jedoch der Kronsyndikus schon wieder hatte wegnehmen lassen (wofür ihm eine Citation in die Kreishauptstadt geworden), hatten das Feuer immer noch mehr geschürt.

Es war vier Uhr. Der Kammerherr aß und porträtirte seinen Hund, seinen Retter von der wie der Tod gefürchteten Ehe. Türck war von den vielen Hunden, die auf dem Schlosse knurrten und bellten, gerade derjenige, den Lucinde nicht leiden mochte. Sie nannte ihn gerade 162 so, wie der Kronsyndikus zuweilen den Deichgrafen nannte, einen „Calfacter“, ein Wort, dessen Ursprung ihr der Kammerherr im Begriff war mit dem ganzen ihm eigenen Aufwand seiner noch haften gebliebenen Schulkenntnisse zu erklären.

Calefacio, calefeci, calefactum, calefacere, wiederholte er und fing an, indem er malte, mit sich selbst, wie er sagte, zu „certiren“ und sich gleichsam von diesem oder jenem seiner alten Mitschüler übertreffen zu lassen.

Imperfectum zweite Person Singularis! rief er mit befehlender Stimme.

Dann mit lispelnder und schüchterner: Calefixis!

Falsch! donnerte er. Klingsohr, Sie!

Calefaxisti!

Falsch! Plüddemann, Sie!

Calefeceritis!

Falsch! Wer kommt! Der Folgende! Der Folgende! Herr von Wittekind, Sie!

Calefaciebas!

Bravo, Herr von Wittekind! Setzen Sie sich über Plüddemann, Klingsohr, Katerkamp und Vincke!

Diese Selbstgespräche und Selbstlobeserhebungen war Lu­cinde schon lange gewohnt. Oft mußte sie Zumpt’s Grammatik nehmen und ihm überhören. Sie lernte selbst dabei. Früher that sie es sogar ganz gern. Jetzt aber, seit Klingsohr in ihrem Herzen lebte, unterhielt es sie wenig. Da auch Klingsohr zu den Mitschülern gehört haben sollte, die ein wie es schien doch geborener Dümmling immer übertraf, so sprach sie heute ihre Verwun-163derung darüber aus, erntete jedoch für die Anerkennung des Doctors eine Flut von Beschuldigungen gegen den alten Kameraden; er wisse gar nichts, er hätte auf der Universität nachholen wollen und sich nun erst recht lächerlich gemacht, da die Andern schon ihre Freiheit genossen hätten; dann hätte ihm der Deichgraf kein Geld mehr geschickt, allen wäre er verschuldet gewesen und hätte sich, wenn er nicht bezahlen konnte, nicht anders loskaufen können als durch Wetten, zum Beispiel: Zwölf Maß Goslarer Bier an einem Abend zu trinken und dann doch noch in eine Gesellschaft zum Justizrath Bauer oder zum Pandektisten Hugo zu gehen und mit den elegantesten Damen dort über den Begriff des Romantischen oder „Die bezauberte Rose“ von Ernst Schulze zu streiten.

Das Bild einer wüsten Vergangenheit war Lucinden schon lange an Klingsohr nicht fremd; aber er klagte sich ja selbst an! Und zu hell leuchteten seine klugen Augen im letzten Mondenschein, zu süß war seine Rede in dem flüchtigen Augenblicke gewesen neulich, wo er zum ersten mal leise ihre Stirn geküßt hatte, zu tief und anregend war alles, was sie schriftlich von ihm durch den verschmitzten Musikanten besaß und auf dem Herzen trug, um es in jeder unbelauschten Minute zu durchfliegen. Heute hatte Klingsohr versprochen, Abends gegen sieben Uhr einen solchen Umweg zur Wohnung seines Vaters zu nehmen, daß er, heimkehrend von der Kreisstadt, wo er den Gutsankauf zu betreiben helfen sollte, am Schloß vorüberreiten mußte. Einige Blumen, die sie in demselben Augenblick, wo er an ihrem Fenster 164 vorüber mußte, ihm entweder zuwerfen oder, wenn dies nicht möglich wäre, wenigstens an die Lippen drücken wollte, standen schon, frisch aus den Beeten des Vorparks genommen, in einem Glase bereit vor ihr.

Ihre sich kreuzenden Gedanken nicht zu verrathen, unterbrach sie den immer noch fortcertirenden Kammerherrn mit der Frage, wie denn nur sein Vater einen doch immerhin so rüstigen, thätigen, energischen und charaktervollen Mann wie seinen Pachter, den Deichgrafen, so oft „Calfacter“ nennen könnte?

Plüddemann! Was ist ein Calfactor? fiel der Kammerherr zur Antwort ein.

Mit veränderter Stimme antwortete er:

Calefactor, Warmmacher, ist ein Pedell –

Pudel! unterbrach er sich selbst …

Pudel? Wer sagt das? Klingsohr! Wer nannte hier den Pedell einen Pudel?

Große Untersuchung … (immer spricht der Kammerherr). Kein Resultat …

Ein Calefactor ist ein Ofenheizer, ein Mann, der’s statt cale, welches bekanntermaßen nicht kalt, sondern warm heißt, warm macht, id est im Ofen …

Katerkamp flüstert: Auch an andern Orten …

Allgemeines Gelächter. Auch der Conrector lacht. Sintemalen vor kurzem erst sieben Quartaner übergelegt worden sind und ab calefactore warm gemacht bekamen cum Bim – Bam – Bam – Bum – Baculo!

Nun sang der Geistesschwache Studentenlieder … mit dem Refrain des Crambambuli

165 Wie paßt das aber alles auf den Deichgrafen? fragte Lucinde, an dergleichen gewöhnt und durch das offene Fenster forschend.

Calfactor, sagte der Kammerherr, am Türck wieder fortmalend, Calfactor ist ein Subject, ein dienendes Instrument, ein Farbenreiber, ein Pinsel, eine Drechselbank, ein Pudel, der apportirt …

Nein, nein, nein! unterbrach Lucinde. Einen Calfacter nennt man bei uns zu Hause einen Hund, ganz wie Ihren Türck, den man jeden Augenblick daran erinnern muß, wer sein Herr ist, der an jedem Stein stillsteht und schnuppert, was unter ihm stecken mag, der, wenn man ihn freundlich anredet, den Schweif zwischen die Beine klemmt und wie mit bösem Gewissen davonläuft, einen elenden Ueberläufer, der im Stande ist, nach einem halben Jahre seinen eigenen Herrn nicht mehr zu erkennen und ihn anzufallen …

Bravissima! rief der Kammerherr. Recht, meine Heilige! So handelte der Deichgraf am Vater! So vergalt er seine Wohlthaten! Heinrich muß mir mindestens noch hundert Pistolen schuldig sein oder er hat sie wenigstens nur mit einer ausgetrunkenen Tonne Goslarer Bier bezahlt, die ich dann auch wieder auf meine Rechnung habe nehmen müssen! Sind das keine Calfacters? Der Alte war sonst ein Demagog und nun will er Landrath werden. Sind das keine Calfacters?

Lucinde erwiderte Partei nehmend:

Die Regierung ist aufgeklärter geworden; sie braucht die Unterstützung der Vernünftigen gegen die Unvernünftigen. Die Gensdarmen machen es dabei nicht allein, 166 und wie ich gehört habe, Ihr eigener Bruder, der Regierungsrath, soll ja ganz ebenso denken und dem Deichgrafen einen Besuch gemacht haben …

Was? Wie? Mein Bruder? schrie der Kammerherr und sprang auf.

Ich höre es wenigstens, lenkte Lucinde ein.

Man hätte erwarten sollen, der Kammerherr würde nach einer Flinte, mindestens nach seiner Windbüchse gesucht haben. Jetzt zeigte sich der schwachwillige Charakter des Kranken in dem bloßen Verweilen bei der Thatsache, in der bloßen Freude, dies dem Vater – anzeigen zu können! Lachend rief er:

Schöne Zeiten das! Ein Wittekind unter den Gensdarmen! Aber – Roma nondum locuta est! setzte er feierlich hinzu.

Was heißt das? fragte Lucinde ärgerlich.

Der Kammerherr wollte wieder Plüddemann und Vincke und seine andern detmolder Schüler diese Phrase übersetzen lassen, als er vom Hufschlag eines in galoppirender Eile dahersprengenden Pferdes unterbrochen wurde. Lucinde sah schnell zu dem nach der Fronte des Schlosses führenden Fenster hinaus, denn von daher kam das Geräusch. So verwegen durfte von den Leuten des Schlosses niemand in dessen Nähe reiten!

Es war aber Klingsohr nicht, sondern der Kronsyndikus selbst.

Wie kam der heute schon so früh heim? Wie kam er von einer Gegend heim, die keinen andern Zugang bot als den nach dem Düsternbrook? War er wol gar den Grund selber hinaufgeritten?

167 Das Pferd schäumte, und fast flog dem Reiter die grüne Mütze ab, als er mit einem gewaltigen Ruck in das offene Seitenthor des Schlosses schwenkte.

Nach dem ersten Augenblicke des Erstaunens, wie der Kronsyndikus diesen beschwerlichen Weg hatte wählen können, wollte man zur Arbeit und Uebersetzung der Worte: Roma nondum locuta est! übergehen, als Türck voll Unruhe an die geschlossene Thür sprang, die Schwelle bekratzte und hinaus wollte.

Der Calfacter! murrte Lucinde, während ihm der Kammerherr schmeichelte, um ihn zum Bleiben zu bringen.

Man mußte aber öffnen; das Thier heulte vor Ungeduld, hinauszukommen.

Bald vernahm man ein Rennen und Laufen im Hause, ein Rufen durcheinander.

Man erfuhr, daß der Kronsyndikus befohlen hatte, einen Wagen anzuspannen.

Darin lag an und für sich nichts Auffallendes, es kam oft vor. Aber die Eile war nie so dringend wie eben. Lucinde ging in ein Zimmer, das in den Hof führte. Sie sah den Kronsyndikus, bis an den Hals zugeknöpft, in seinem grünen Reitrock und in den hohen, schweren Stiefeln im Hofe stehen und mit stummen Geberden zur Eile winken. Sonst pflegte er solche Befehle mit einer Flut nicht eben gewählter Commandowörter zu unterstützen; heute ging alles still, mit Winken und nur zuweilen mit einem ungeduldig aufgestoßenen Fuße zu. Er wandte, im Hofe stehend, dem Schlosse den Rücken. Den Hirschfänger, ohne den er 168 nie ausritt, selbst in Zeiten, wo es keine Jagd gab, mußte er schon abgeschnallt haben, und doch tastete er immer nach demselben hin und schüttelte den Kopf, wie wenn er erstaunte, vergessen zu haben, daß er schon abgelegt war.

Nun wandte er sich und schritt wie taumelnd wieder zum Schlosse zurück, wo er in seinen Zimmern schon gewesen zu sein schien.

Lucinde erschrak. Das sonst so geröthete Antlitz des Greises war so auffallend bleich, daß die rothen Flecke, die es immer hatte, wie Wunden aussahen. Die Mütze war ihm entweder bei dem Schwenken in den Thorhof wirklich noch entfallen oder auch schon abgelegt worden. Grell stachen die weißen Haare von der Luft ab; sie schienen sich zu bäumen; der weiße Backenbart ging grauenhaft auf und nieder, wie wenn die Kinnladen fröstelnd aneinanderschlugen. Das weibliche Personal der Bedienung und ganz besonders die Lisabeth, immer voll Umsicht und großer Rührigkeit, war ängstlich um ihn her beschäftigt. Wie er wieder auf die wenigen Stufen, die zum Schloßeingang führten, treten wollte, glitt er fast aus; er hatte, da die Hände immer an der obern Klappe seines Frackes knöpften, vergessen sich am Geländer zu halten.

Lucinde eilte jetzt selbst hinunter.

Als sie ankam, hieß es, der Kronsyndikus hätte sich in seinem Zimmer eingeschlossen.

Was ihm wäre? fragte sie.

Er ist mit dem Pferde gestürzt!

Ist er den Grund hinaufgeritten?

Man wußte keine Antwort. Manche sagten:

169 Das doch wol nicht!

Inzwischen donnerte die gewohnte Stimme gleichsam wie mit jetzt erst hervorgelassener, bisher zurückgehaltener Kraft:

Wird’s mit dem Wagen?

Schon zog man die Kalesche heraus. Und wie er ihrer ansichtig wurde, befahl dieselbe Stimme:

Der Kammerherr soll mitfahren! Nach Eggena!

Es war eines seiner Vorwerke, auf dem er gern in der Jagdzeit verweilte.

Damit schlug er die Fenster so heftig zu, daß eine Scheibe zerklirrte.

Alles das konnte allerdings an sich nicht anders als Lucinden sehr erwünscht kommen. Es war über sechs Uhr; gegen sieben Uhr sollte sie Klingsohr’n erwarten, mit dem sie nun vielleicht sprechen, ihn eine Strecke begleiten konnte, so sehr auch jeder ihrer Schritte von den Spionen des Schloßhofs oder des Parks bewacht wurde …

Dem Kammerherrn kam der Befehl höchst ungelegen. Da dieser Befehl jedoch von einer der Mägde wiederholt wurde – die sogenannte Dienerschaft, auch der Diener des Kammerherrn, arbeitete in den verschiedenen Branchen der Wirthschaft und legte nur bei besonderer Veranlassung Livree an –, so half kein Widerstand. Am Hufschlag des Rosses hatte der Furchtsame schon vernommen, wie sein Vater in einer Stimmung war, bei welcher ihm Stock oder Peitsche nicht zu entfernt lagen. Er sah ängstlich nach dem Wetter. Es hatte sich leidlich mit dem Regen beruhigt, aber düster hingen die grauen Wolken und weit, weit über der ganzen Gegend hin.

170 Während der Kammerherr sich nun im Nebenzimmer ankleiden mußte und Lucinde ganz schon nur dem Wunsche lebte, daß die Minuten doch lieber langsamer verrinnen möchten, nur damit Vater und Sohn erst auf dem Zweispänner säßen und weiter auf dem Wege nach Eggena voraus wären, hörte man plötzlich den allgemein ausgestoßenen entsetzlichen Schrei:

Feuer! Feuer! Feuer!

Lucinde stürzte wieder hinunter und fand den ganzen Hof in Verwirrung.

Die Ursache des Rufes mußte ihr beim Herabspringen von der steinernen Treppe selbst sogleich begreiflich werden an einem brandigen Geruch, der sich im Hofe verbreitete und verbunden war mit einem leise aus der zerbrochenen Scheibe des Wohnzimmers des Kronsyndikus hervordringenden Rauche …

Man schlug heftig an die von innen verschlossene Thür des Parterre und wiederholte den Ruf:

Excellenz! Es brennt ja!

Keine Antwort.

Er ist erstickt! hieß es.

Die Beschließerin war außer sich und rief nach den Knechten. Ihr erster Ruf galt dem Stephan Lengenich, jenem Küfer, der von ihr begünstigt wurde. Von diesem aber hieß es, er arbeite irgendwo im Walde, vielleicht im Düsternbrook.

Nach einer Weile machte der Kronsyndikus das Fenster auf und sagte mit matter Stimme, sie sollten sich alle – alle zum Teufel und an ihre Arbeit scheren. Er hätte ja nur – er hätte Papiere verbrannt … 171 Wo der Kammerherr wäre? … Es ginge nach Eggena! … Ob der Wagen bereit stünde? … Wo das Fräulein Schwarz wäre?

Lucinde meldete sich, indem sie von den Stufen des Eingangs sich vorbeugte …

Ein erzwungenes Lächeln begrüßte sie von einem Kopfe, den man kaum wiedererkannte.

Vom Verbrennen der Papiere im Ofen mußte ihm der Ruß ins Gesicht geschlagen sein.

Der Contrast des geschwärzten Antlitzes, der weißen Haare, des Bartes, der Augenbrauen und des Hauptes mit einem vornehmen Staatskleide, das der Aufgeregte plötzlich wie in der Zerstreuung angezogen, mit einem Kleide, auf dem beständig das goldene, achtspitzige Kreuz des Welfenordens haftete, wäre burlesk gewesen, wenn nicht die Situation selbst etwas Schreckhaftes gehabt hätte.

Ich komme noch hinauf, sagte er. Gehen Sie, Liebe! Gehen Sie! Ich bitte!

So artig hatte der Tyrann nie mit ihr gesprochen. Durch seinen Paroxysmus war er wie umgewandelt.

Lucinde hatte nur die siebente Stunde im Kopfe …

Der Kammerherr, der an Ordrepariren gewöhnt war, kam schon mit Regenschirm, Hutschachtel und sogar einem Pelze …

Lucinde fragte ihn lachend, ob er nach Sibirien reisen wollte?

Sie holte dem Halbweinenden einen Ueberzieher und behielt den Pelz zurück.

Der Brandgeruch zog sich inzwischen durchs ganze Haus. Es war ein Geruch weit mehr von verbrannten 172 Haaren oder Tuch als von Papier. Daß der Dampf so groß sein konnte, um durch alle Oefen zu dringen, mußte aus dem Verschütten von Wasser auf die Flammen entstanden sein.

Zuletzt kam der Kronsyndikus wirklich in den ersten Stock und schloß, wie sie erstaunend bemerkte, alle Staatszimmer auf.

Welches Bedürfniß konnte er haben, eine gestickte Uniform, seinen liebsten Orden zu tragen und seine Staatszimmer zu öffnen und hin und her zu durchschreiten?

Alle Läden riß er auf. Er lüftete vielleicht nur. So kam er in das Eckzimmer, wo Lucinde schon am Nähtisch stand, so stand, als müßte sie ihre Blumen bewachen. Der Greis bot den seltsamsten Anblick. Das Gesicht war jetzt gereinigt. Aber zu seiner Landstandsuniform mit dem hannoverischen Orden der Welfen stand im sonderbarsten Contrast der Hirschfänger, den er wieder umgeschnallt hatte. Die Hände waren mit den weißesten Handschuhen geschmückt, als wenn er zu Hofe gehen wollte. Voll Unruhe blickte er um sich und stotterte:

Lüftet doch! Lüftet doch! Wie erstickend! Wie dumpf! Wie rauchen die Oefen! Verbrenne nur ein bischen Papier und es riecht gleich wie der lebendige Satan!

Dabei zuckten ihm seine ohnehin schon unheimlichen Augenbrauen krampfhaft auf und nieder …

Der große, baumstarke Mann stand wie von einer Ohnmacht bedroht. Und indem er mit den Fingern der linken Hand immer in seinen Bart, bald da, bald dort, 173 wie in einer kreisenden Bewegung griff, sagte er, als wollt’ er Gleichgültigkeit zeigen:

Hab’ mich wieder ’n mal geärgert! Ueber den verd– Landrath; nein – ja – den – Rittmeister! Und diese Briefe vom Fritz … In den Ofen damit! … Immer Aerger! Immer Aerger! …

Lucinde, die kaum merkte, daß er die Gründe seines Aergers offenbar fingirte, war ihm, um ihn nur zu beruhigen, so zuthunlich, wie er sonst wünschte. Sie bewunderte die prächtige Uniform, besah das wunderschöne Comthurkreuz mit seinen goldenen Kugeln, seinem welfischen Löwen, seinem weißen Roß und seinen Eichenzweigen; sie wußte schon, was die alte deutsche Geschichte zu erzählen hatte von dem Löwen des mächtigen braunschweiger Herzogs Heinrich Welf und dem Kniefall des Hohenstaufen vor dem Löwenherzog und von den Römerzügen und der gespaltenen Einheit des deutschen Vaterlandes …

Der Alte lächelte jetzt zu all diesem „Kram“, wie er’s eben nannte, und suchte über das zu scherzen, was ihm in seinen jeweiligen Wuthanfällen auf die Regierung und den Deichgrafen sonst ein „blutiger Ernst“ war. Welfen und Ghibellinen! rief er oft. Ihr Ghibellinen mit euern Kaisern, wir Welfen mit unserm Rom! … Heute aber hielt er das Nächste fest. Wieder und wieder rief er mit äußerster Ungeduld: Ob nun bald gepackt wäre, der Koffer auch, Kleider für ihn und den Kammerherrn? Dabei sah er nach der Uhr, brummte vom „Landrath heute in Lüdicke“, „Eggena nach Lüdicke drei Stunden“ und ähnliche Berechnungen. Dann starrte er 174 in die Gegend hinaus, nahm ein Fernglas, dessen sich sein Sohn zu bedienen pflegte und das auf dem Nähtisch Lucindens lag, und zog es auf und nieder.

Dies that er eine Weile wie gedankenlos, wie mechanisch. In dem mehrfach hervorgestoßenen Namen Enckefuß schien eine große Beruhigung für ihn zu liegen.

Plötzlich aber rief er:

Was? Wie? Wer kommt denn da?

Er deutete auf einen leichten Wagen, den man bei einiger Aufmerksamkeit auch mit bloßem Auge sehen konnte.

Lucinde blickte erschreckend hinaus.

Es war erst wenig vor halb sieben, ja gerade die Stunde, die der Deichgraf nach dem Urtheil seines Sohnes im Handeln immer einzuhalten pflegte, zwei Minuten vor halb sieben. Der Wagen ging bergan, und die Strecke von unten herauf war lang und steil, der Wagen fuhr langsam; gegen sieben konnt’ es sein, wenn er endlich auf der Höhe war. Sollte Heinrich, statt zu Roß, im Einspänner kommen? Und durch den kleinen Taschen-Frauenhofer hatte der Kronsyndikus schon erkannt, daß es wirklich der „Doctor“ war.

Die Wirkung dieser Entdeckung war bei dem Greise die allerauffallendste.

Lucinde hätte noch deutlicher bemerken können, wie der Kronsyndikus krampfhaft sich am Nähtisch hielt und, da dieser leicht war, fast mit ihm umstürzte. Um ihre eigene Unruhe und Verlegenheit zu verbergen, hatte 175 sie sich nur in diesem Augenblicke selbst zum Seitenfenster gewandt.

Was will denn der Doctor? sprach der Kronsyndikus immer tonloser und kürzer athmend … Der Junge – der Junge – der – was will denn der? Was soll denn der? Wozu kommt denn schon der?

Es schienen ihm Gedanken durch den Kopf zu schießen ganz anderer Art, als die er gewöhnlich über das „Volk da unten in der Buschmühle“ aussprach.

Der Wagen kam näher. Es war ein Einspänner, den wirklich der junge Klingsohr führte.

Was will er denn? Was hat er denn? fuhr der Alte auf und wandte sich dabei nicht an Lucinden, die ganz nur mit ihrer eigenen Besorgniß beschäftigt war und sich abwandte, um ihr Erröthen zu verbergen.

So nur konnte es geschehen, daß sie die zunehmende Unruhe des Greises nicht bemerkte, nicht sein Hin- und Wiederrennen, nicht sein Oeffnen des nach der Seitenfronte gehenden Fensters, nicht sein erneutes Blicken durch das Fernrohr, das er zitternd aus- und einzog.

Endlich, als er in das Pfeifen eines Liedes ausgebrochen war und in den geöffneten Prachtzimmern die Decken von den gelben Sammtmöbeln riß und wieder kam und wieder ging, lachte er plötzlich laut auf, rief Lucinden in die Staatszimmer und sagte mit der ihm eigenen faunischen Miene:

Lucinde! Lucinde! Höre, Kind! Ich sag’ dir etwas!

Herr Kronsyndikus! rief diese und eilte näher.

Satan, schwarzer –!

Excellenz –

176 Engel! Schlechte Person – liebst den Kerl, den Doctor!

Er lachte dabei convulsivisch.

Hast recht! ließ er sie kaum zu Worte kommen und umarmte sie. Hast recht! Er kann’s einem schon anthun!

Aber Excellenz –

Weiß alles, verdammte Hexe! Ihr saht euch in dem gottverfluchten Grunde, saht euch im Park … hinterm letzten Pavillon … am Fasanennetz … im Mondschein … Glaubst du, der buckelige Stammer geigt mir nicht auch um funfzehn Silbergroschen oder eine Tracht Hiebe die Wahrheit? … Aber … aber hast recht … sollst recht haben, Kind … Wie kann man einen Narren lieben? Da … den … Und … einen … Greis dann noch dazu? Halt ihn fest … den Doctor mein’ ich … Gleich auf der Stelle! Hier ist der Schlüssel zum Keller! Eßt, trinkt! Laß deine Künste los, Zigeunerin! Ich gönne ihn dir … Sieh, Kind, wie er das Roß zügelt! Daß dich … Seine Mutter war schön … Lucinde, höre – aber leise – sag’ ihm was … hier, da … auf dem Sopha … sag’ ihm was … Hol’ ihn dir … halt’ ihn dir fest und plausch’ ihm ins Ohr … hörst du … ob er’s denn noch nicht weiß … nie gehört hat … nie erfahren … daß … daß … Na, was? … Ha, ha, ha! … Wer ihm den Riegel aufschob … als er in die Welt gekommen … Hm? Verstehst du … Lucinde, sag’s ihm beim fünften, sechsten Glas Champagner … Lisabeth! Lisabeth! Küche, Keller, alles geöffnet! … Sag’s ihm … drei Söhne hatte der alte Wittekind, einer ist Candidat zum 177 Premierminister, einer Candidat zum Tollhaus … und der da? … „Der Gott, der Eisen wachsen ließ“ sangen sie damals – ha, ha! – als sie den Tugendbund schlossen und in den Teutoburger Wald geheime Reisen machten und die Weibsen zurückließen … ha, ha, ha! … Verstehst du, kleine schwarze unschuldige Schlange?

Ein tolles Lachen, ja, das ihr bekannte Lachen der Selbstzufriedenheit über seine plötzlichen Lichtblitze der Klugheit und Verschmitztheit, erstickte die Rede des wie wahnsinnigen Greises.

Lucinde stand sprachlos und konnte um so weniger zu Worte kommen, als der Kammerherr, der seither unten gewartet hatte, jetzt zurückkehrte und eine Aenderung der ihm gegebenen Befehle zu hoffen schien.

Lucinde verstand vollkommen das schreckliche Geständniß, das der Kronsyndikus gemacht hatte.

Die Dazwischenkunft des Kammerherrn hinderte eine weitere Erörterung. Der Vater zog Lucinden mit sich hinunter. Wie er auf der Treppe sich auf sie stützte, raunte er ihr immer heimlich und mit emporgestreckten, zitternden Fingern Worte der frivolsten Enthüllungen zu … Auf der Treppe noch, wo er sich am Geländer festhielt, sagte er der Beschließerin:

Lucinde kriegt die Schlüssel! Was die von jetzt an befiehlt, geschieht! Verstanden! Was hab’ ich gesagt?

Lisabeth, mit einem überraschten Blick voll Gift und Zorn, mußte wörtlich wiederholen, was ihr Herr gesagt hatte; erst wollte sie’s nicht und betrachtete Lucinden erstaunend, dann mußte sie ihr Verstandenhaben der Verfügung laut wiederholen und feierlich Unterwerfung geloben. 178 Hierauf sah er fast mit Mitleid auf den wartenden Kammerherrn, drehte den Hirschfänger vor sich hin und stieg in die Kalesche. Lucinden flüsterte er noch aus dem Schlage ans Ohr:

Sag’ es ihm! … Aber schweigt beide … so wahr ein Gott im Himmel lebt!

Zur Lisabeth sich wendend, wiederholte er:

Zeig’ auch du, was ich dich lernen ließ bei Wessel in Hannover! Brate, koche! Haltet ihn fest! Trinkt auf mein Wohl! „Um acht Uhr ist Verlobung oder sieben Schüsseln!“ ’s war ein altes Stück zu meiner Zeit! Lustig! Ich will die Augen zudrücken … über alles … will Frieden haben mit dem – Deichgrafen … Frieden … Jesus aber, jetzt fort, Hannes!

Der letzte, fast tonlose Ruf galt dem Kutscher.

Die Pferde zogen schon an, und nach der entgegengesetzten Seite hin, wo Heinrich Klingsohr herkam, rollte der Kronsyndikus aus dem Seitenthor und den Berg hinunter.

Sein Sohn ahnte glücklicherweise Klingsohr’s Nähe, die entscheidende Gefahr für seine Neigung nicht. Nur die äußere hatte er jetzt im Auge – den Hemmschuh, den der Kutscher anlegen sollte! Von allen Schrecken war ihm der des Bergabfahrens einer der haarsträubendsten. Türck, der Calfacter, lief nicht, wie er sonst pflegte, dem ankommenden Wagen bellend und wedelnd entgegen, sondern schloß sich der Kalesche an, der er mit eingezogenem Schweife nachlief. Betrübt und zaghaft waren die Mienen, die der Kammerherr Lucinden noch beim Abschied zuwarf. Morgen! sagte er kleinlaut; aber der große 179 Kasten fiel ihm auf, den noch der Kronsyndikus wie für eine längere Reise hatte in der Vache unterm Kutscherbock einschließen lassen. Nur daß sein Bedienter zurückblieb, schien ihm einige Hoffnung zu geben.

Zum Besinnen über die Wahrheit dessen, was der Kronsyndikus ihr zugeraunt hatte, blieb Lucinden keine Zeit … Heinrich Klingsohr, der natürliche Sohn des mächtigen Mannes, grüßte schon, da er zu seinem Jubel die davonfahren sah, denen er hier zu begegnen fürchten mußte.

Bei einer plötzlichen Lebensgefahr, sagt man, schösse wie an einem elektrischen Leiter blitzesschnell die ganze Vergangenheit eines Menschen an seinem letzten Bewußtsein vorüber …

Umgekehrt übte die Fülle von Vorstellungen, die sich für Lucinden auf wenig Augenblicke jetzt zusammenzudrängen hatte, die Wirkung, daß sie ihr das Bewußtsein völlig nahm, ja, sie in einen traumähnlichen, bacchantischen, von höchster Freude, von Lust und Schmerz ebenso gehobenen wie wieder vernichteten Zustand versetzte.

Diese räthselhaften Vorgänge mit dem Kronsyndikus, diese Feuersgefahr, sein Benehmen am Fenster, der verzweiflungsvolle Humor und die Furcht vor Heinrich Klingsohr, dann sein mit den dunkeln Gerüchten über ihn und eine große Anzahl illegitimer Kinder übereinstimmendes Geheimniß, die plötzliche Versöhnungslust, die sich beim Besteigen des Wagens auch noch in dem ausdrücklichen Befehl gezeigt hatte, daß die Lisabeth die Diener in Livree stecken und augenblicklich die ganze Größe des Wittekind’schen Hauses entfalten sollte … dann der heranrollende Wagen des wiederum seinerseits mit den un-180glaublichsten Ueberraschungen Erwarteten, alles das verursachte in seiner schnellen Aufeinanderfolge ihr einen fast physischen Schmerz, wie wenn sie wirklich den Tod des Ertrinkens erleiden sollte.

Und doch rief auch wieder zu gleicher Zeit alles in ihr – wie die ersten rauschenden Accorde einer Ballmusik – zu Lust und Freude.

181 13.#

Während Lucinde das Staunen der Lisabeth auf die natürliche Voraussetzung einer Versöhnung mit dem Deichgrafen verwies, lief sie schon über den marmorgetäfelten Estrich des untern Schlosses an die hohe, schwere Thür, schloß diese mit dem immer von innen steckenden Schlüssel auf und trat auf den Perron hinaus, um Klingsohr’n anzurufen.

Dieser hatte auch seinerseits einen Blumenstrauß in der Hand und suchte sie, langsam fahrend, am Fenster. Wie erstaunte er, als sie selbst erschien, ihn anredete und aufforderte auszusteigen!

Sie werden alles erfahren, kommen Sie nur! sagte sie. Der Kronsyndikus ist eben abgereist, der Kammerherr mit ihm, ich bin allein und ausdrücklich beauftragt, Sie zum Bleiben einzuladen!

Da geht ja die Welt unter! sagte der Doctor, sprang vom Wagen und übergab sein Gefährt einem schon in Livree, die er eben noch zuzuknöpfen im Begriff war, herbeispringenden Gehilfen der Branntweinbrennerei.

Es war auch inzwischen Feierabend. Der Hof war in voller Bewegung. Die Inspectoren und Arbeiter 182 aller der verschiedenen hier zu beaufsichtigenden Branchen begriffen nicht, wie sie den Sohn des Deichgrafen konnten auf Schloß Neuhof einkehren sehen. Aber Lucinde zog den verwunderlichen Gast die große steinerne Stiege hinauf in die Staatszimmer, wo man bereits anfangen wollte einen Tisch zu decken, Lucinde sollte nur bestimmen welchen. Sie wählte einen der glänzendsten mit einer Decke von Lapis Lazuli, achteckig, mit geschweiften, vergoldeten Füßen, dicht vor einem Kanapee, das in der Nähe eines Kamins stand …

Dazu läuteten von allen Tiefen her die Glocken das Ave Maria … der trübe Regenhimmel ließ im Westen vom Sonnenlicht einige rothe und blaue Streifen hindurch …

Klingsohr kannte aus seiner Knabenzeit alle diese Zimmer …

Wie konnte es geschehen, daß er seit Jahren und bei der jetzigen Lage der Dinge hier wieder so wie einst aufgenommen, ja, gerade von Lucinden, dem Wettpreis zwischen Vater und Sohn, ohne alles Hinderniß so empfangen wurde!

Er ahnte einen Hinterhalt und sprach sich auch dahin aus, daß er der bösen Tücke des Kronsyndikus alles zutraue. Ich wäre der Erste nicht, sagte er, den er wie ein Ritter des Faustrechts behandelt hat! In seinen Kellern saßen schon Männer und Frauen aus aller Herren Ländern, und ich wette, daß es da unten aussieht wie in der Blaubartskammer!

Wie es in seinen Kellern aussieht, erwiderte Lucinde, werden sie bald erfahren! Sie sollen bewirthet werden wie … wie ein Sohn des Hauses.

183 Behandelt ihr mich hier, parodirte Klingsohr mit Stellen aus Shakspeare, nach „Verdienst“, so bin ich vor Schlägen nicht sicher! Aber bitte, keine Unarten! Das Mittelalter hat einige Schattenseiten, die ich nicht vertheidigen werde!

Lucinde suchte ihm die Furcht zu nehmen und zog ihn in ein Zimmer, wo sie unbelauschter waren. Wie im Traume folgte Klingsohr. Zum ersten male sah er auch seine Liebe in so prächtigem Rahmen. Sie trug ein leichtes dunkelblaues Kleid; seidene Bänder von gleicher Farbe senkten sich in den braunen Nacken. Schwarze Florspitzen zierten das Haar und bedeckten ebenfalls, zu halben Handschuhen geformt, die jetzt sehr gepflegten Hände. Auf der Brust hatte sie sich den Rosenstrauß befestigt, den Klingsohr mitgebracht, während sie ihre eigenen Blumen theilte, seinen Rock, seinen Hut damit schmückte und noch für den Tisch übrig behielt, um eine kostbare Vase damit zu füllen.

Sie erzählte ihm auf sein staunendes Schweigen alle soeben erlebten Vorgänge bis auf die letzte Enthüllung, die sie sich, weil sie ihr noch schwer zu formuliren war, vorbehielt. Sie kamen überein, daß der Kronsyndikus in dem Doctor einen Verbündeten gegen den Vater gewinnen wollte, einen Vermittler und Beileger des Streites. Lucinde unterstützte vorzugsweise diese Annahme und hatte die Freude zu hören, daß Klingsohr versicherte:

Nun, was ich thun kann, dieser Voraussetzung zu entsprechen, soll geschehen! Sie kennen meine Abneigung gegen meines Vaters Lehre vom Zollstock und der geraden 184 Schnur, Lucinde! Das Leben wird schon ohnehin täglich immer mehr so regelmäßig wie die manchmal recht monotone Natur! Ihm Freiheit abzugewinnen, die Tyrannei des Gesetzes abzuschütteln, das ist unser schönes Ziel, und wenn ich ganz sicher wäre, daß nicht diese Thüren plötzlich aufgingen und einige Geharnischte hereinträten und mich als Geisel festhielten, so würde ich meine Sympathieen für den wilden Freiherrn ganz offen aussprechen. Darauf hin und vorausgesetzt, daß es bald alles, nur nicht Prügel gibt, will ich auf sein Wohl trinken und geloben, den Alten von der Buschmühle soweit es irgend möglich zur Raison zu bringen.

Sie standen jetzt beim Durchschreiten der prächtigen Zimmer gerade an der Stelle, wo der Kammerherr den Türck gemalt hatte. Noch hing das Bild an der Staffelei und Klingsohr brach in komische Bewunderung des neuen „Hondekoeters“ aus, wie er ihn nannte.

Der ist mit verreist? rief er aufs neue kopfschüttelnd. Und man weiß, daß Sie mich aufnehmen? Was ist hier nur vorgefallen!

Der Kammerherr weiß nichts! Nur der Vater! Machen Sie sich’s bequem! Sie werden noch mehr erleben …

Noch mehr?

Lucinde antwortete nur dadurch, daß sie hin und wieder rannte, ordnete und befahl. Nicht umsonst hatte der Kronsyndikus von einem Festgelage gesprochen. Sie ließ nun ein solches für den Doctor mindestens ebenso herrichten wie für die adeligen Gäste. Der Kronsyndikus selbst war im Essen mäßig, aber die häufigen Besuche 185 des „schönen Enckefuß“ hatten das Haus mit den Nothwendigkeiten eines schnellen und einladenden „Tischlein deck’ dich“ eingerichtet.

Geliebte Lucinde, sagte Klingsohr, wie er sie dann wieder plötzlich still stehen und über ihre eigentliche Aufgabe grübeln sah, es gibt eine Erbsünde und es gibt eine Erbtugend! Man spricht davon, daß jene uns um unser Seelenheil gebracht hat und verketzert die vernünftigen Unvernunftslehrer, die diese tiefste und humanste aller Lehren vertheidigen!

Welche Sünde? fragte Lucinde und dachte nur an das Ordnen des Tisches, über dessen acht Ecken längst ein blendend weißes Damasttuch gebreitet war, das sich schon mit Tellern, Gedecken, Gläsern, Flaschen, einem Champagnerkühler und Dessertaufsätzen füllte.

Die Erbsünde, die mit dem ersten nicht verschmähten schönen rothwangigen Apfel in die Welt gekommen! sagte Kling­s­ohr. Wir können ja die Nichtigkeit dieser Erde gar nicht schöner erklären als durch unsere eigene Schuld! Ihr jammert, daß der Frühling seine Blüten verwehen sieht, daß Blüte, Frucht und alle Schönheit der Erde, der Schmetterling und der Mensch, zu Staub verwehen! Ist nur unsere Sünde Schuld daran, so hat ja die Vergänglichkeit dieser Erde ihren erklärlichsten Grund in uns und nicht in der Schöpfung selbst! Man kann ja dann immer noch hoffen auf die Sonne, auf die Gestirne, auf etwas, was jenseit dieser Bezirke, „von wannen niemand wiederkehrt“, liegen wird, Lucinde, und wären es nur Ihre Augen, die als Sterne an den Himmel versetzt werden sollen!

186 Lucinde sagte zu allem: Ja! Ja! Ja! Ja!

Sie hörte kaum; zu schön wollte sie alles machen. Der Doctor sollte wenigstens hinter dem Landrath nicht zurückstehen.

Klingsohr musterte die nach französischer Auffassung in Ala­­­baster ausgeführten griechischen Statuen des Zimmers, die Landschaften aus der Schule Claude Lorrain’s und Berghem’s

Kein anderes Gnadenbild hier, sagte er, als Sie selbst, Lucinde!

Lucinde bestätigte, daß auf Schloß Neuhof die Religion nur in den Wirthschaftsgebäuden und den hintern Wohnungen vertreten sei, den Kammerherrn ausgenommen, der noch immer mit dem schwermüthigen und gewissenskranken Grafen Zeesen in Briefwechsel stand …

Beide reisten in Italien! sagte Klingsohr. Jérôme hoffte schon lange durch Beten ein großer Maler zu werden wie Frâ Fiesole!

Nun waren alle Vorrichtungen des Abendimbisses aufs prächtigste getroffen.

Klingsohr streckte sich mit Behagen in einem Fauteuil, vor dem eben von zwei über alles wie verblüfften Dienern angerichtet werden sollte. Bei jeder Gelegenheit, wo diese Zeugen fehlten, ergriff er Lucindens Hand, diese an sich ziehend, mit Küssen bedeckend und seine Unmöglichkeit, sich in die Märchenwelt zu finden, aufs neue versichernd.

Eben kamen die Diener zurück, lauschend, horchend …

Lucinde fragte, nur um zu sprechen:

Jetzt aber Ihre Erbtugend? Was ist das?

187 Erbtugend, sagte Klingsohr in einem ihm beim Aussprechen von Gedanken und Versen eigenen singenden Tone; Erbtugend! Die ist der ewige Rückschlag des Geistes gegen die Natur! Sie ist die Flut, wenn die Sünde die Ebbe! Sie ist vielleicht auch nur das ewige Philisterium, an dem selbst die Titanen litten, wenn sie zu viel Kaukasuswein getrunken hatten! Möglich, daß dieser Erbtugend jene eingeimpfte Furcht vor der Hölle zum Grunde liegt oder die Furcht vor einer Tracht Prügel, jene Furcht, von der bekanntlich die romantischsten Liebhaber Boccaccio’s und Bandello’s nicht frei sein konnten … Ja! Lucinde! Ich weiß doch, daß ich hier ein Romeo bin, auf den plötzlich „zehntausend Tybalts“ eindringen werden mit einigen Doubletten der altbekannten neuhofer Hundepeitsche!

Lucinde widerlegte jetzt ungeduldig werdend seine erneuerte Furcht und erklärte das festere Schließen aller Thüren durch das Wetter, da es unheimlich dunkel wurde. Der Abend schien ein Gewitter zu bringen. Dunkelbraune und rothe Wolken zogen immer dichter von Westen her. Zwischen dem Läuten der Abendglocken hörte man schon die fernher rollenden Donner.

Klingsohr ergriff Lucindens Hand und sprach, da sie jetzt allein waren und nur noch das zu servirende Mahl fehlte, mit dem eigenen Aufschlag seiner großen, wenn er wollte, festen und bestimmten Augen:

Wol gar einem Eheweib sein Herz verschenkte,
Dem geschah’s, daß man ihn manchmal briet
Oder an einen neuen Galgen henkte!
188 So hört sich noch jetzt, minnt man ein schönes Weib,
Besonders vom Nachbarn Herrn Philister,
Selbst im holdseligsten Zeitvertreib
Ein feurig Geknatter, ein flammend Geknister.
Gibt sie ein Löcklein zum Liebespfand,
Und steckst Du’s zu bergen zur Tasche,
Fühlst Du doch dabei was wie Henkershand
Und um den Hals die vergeltende Masche!

Das ist das Gewissen! sagte Lucinde scharf betonend. Da er sie küssen wollte, hielt sie ihn zurück.

Nein, Erbtugend – wollte Klingsohr in seiner gewohnten Phantastik fortfahren –

Aber indem wurde das Nachtmahl hereingetragen. In dem noch allgemein nachdauernden Schreck vor dem Benehmen des Kronsyndikus geschah dies mit denselben Förmlichkeiten wie bei dem vornehmsten Besuche.

Was ist das nur alles? rief Klingsohr aufs neue, wie irr sich an die Stirn greifend …

Lucinde versicherte, daß allerdings irgendetwas Großes geschehen sein müsse, um den Kronsyndikus so für ihn einzunehmen. Nicht nur, daß er diesen Empfang angeordnet hätte, auch für die Entdeckung, daß beide schon lange sich sähen und sprächen – der buckelige Stammer hätte geplaudert – wäre seine Milde bewundernswerth gewesen. Er dächte daran, setzte sie hinzu, sie ganz so glücklich zu machen, wie er … wie sie … selbst es zu werden wünschte.

Lucinde! rief Klingsohr voll Entzücken und warf Gabel und Messer fort. Wann wirst du mein? Bald! Bald! „Balde auch du!“ singt Goethe. Warum kommt 189 mir das traurige „Ueber allen Wipfeln ist Ruh“ in diesem Augenblick! Nicht wahr? Die Speisen – sind vergiftet?

Als Lucinde ein Ja! nickte und dabei auffuhr, um nach der Fortsetzung des Mahles zu klingeln, verfolgte er sie.

Hexen, sagte er, Giftmischerinnen gab es von je auf Neuhof! Du selbst bist eine von diesen alten Alraunen, diesen Zauberweibern … gerade so eine Hexe, wie meine Mutter von einer erzählte, die sie das Fräulein Gülpen nannte …

Au! unterbrach er sich selbst mit einem leisen Schrei.

Was ist? fuhr sie doppelt betroffen zurück. Klingsohr hatte den Namen der Hauptmännin in dem Augenblick ausgesprochen, wo er seine röthlichen kurzen Locken an ihr Brusttuch drückte … Er antwortete:

Wenn ich dich küssen soll, mein Kind, was soll es taugen,
Daß du mit Nadeln dir besteckst die Brust!
Den Liebenden war immer nur bewußt:
Gott Amor sticht ins Herz und keinem in die Augen!

O! rief Lucinde und sah ihr Vergehen … An der Wange, dicht neben einer seiner vielfach schon zwischen ihnen besprochenen Narben, hatte eine Nadel ihm eine leichte Schramme gerissen.

Lucinde riß die Nadel vom Tuche, griff nach der Krystallflasche voll Wasser auf dem Tische, goß Wasser in die hohle Hand, tauchte ihr Taschentuch ein und drückte es ihm auf die wunde Stelle.

190 Dabei war ihr das Brusttuch entfallen und ihr langer dunkler Nacken schimmerte unbedeckt bis zu den Schultern, ihr bräunlicher Hals bis zu den hohen Wölbungen ihrer Brust.

Eben brachte man zwei Leuchter, je drei brennende Kerzen.

Als dann Klingsohr und Lucinde wieder allein waren und sich, auch um ruhiger zu werden, aufs neue zum Mahle gesetzt hatten, richtete sie eine Frage an ihn über Klingsohr’s Mutter, über die Gülpen, ob er diese gekannt hatte und was er von ihr wisse …

Er beantwortete sie mit einer Apostrophe an die Speisen:

Fräulein von Gülpen? Ich kannte sie nicht. Aber sie nennen und fragen: Was mag in dieser Spargelsauce enthalten sein, ist eins! Recht so, Lucinde! Nehmen Sie nichts davon! Diese jungen Erbsen haben eine grünliche Farbe, die über das Pflanzenreich hinaus sich in das Mineralreich verliert; ich wette, man kochte sie in derjenigen kupfernen Pfanne, die seit dem letzten der unerklärten Todesfälle auf Schloß Neuhof noch immer nicht verzinnt worden ist. Diese Hühner hört’ ich noch vor einer halben Stunde im Hofe gackern! Sie erwecken unwillkürliche Mordgedanken, und nur der Champagner weckt mir kein Jugendmärchen auf von der alten westfälischen und Tugendbundzeit, in der ich 1809 geboren wurde. Da gab es hier, während mein Alter im Walde geheim mit den Rächern dingte, Corinnen in griechischen Gewändern, die über Kassel aus den Spielhöllen Venedigs und Neapels kamen, Spanierinnen, die wie Ama-191zo­nen ritten, Creolinnen, deren Männer ihren Kopf auf den Schaffoten der Französischen Revolution gelassen hatten und mit dem ihrigen doch noch den Bruder Bonaparte’s, was sag’ ich, ihn selbst verrückt machten …

Aber die Gülpen?

Die soll an diesem Minnehof nur die Ceremonienmeisterin ge­wesen sein! Der buckelige Landstreicher mit der Geige hat geplaudert? Laß dir von dem erzählen oder von seinen Alten hinten … nein, die sind seit den grauen Tagen stumm geworden …

Worüber?

Die Gülpen, oder wie sie sich von einem Jäger, der sie heirathen wollte, nannte, Buschbeck –

Einem Jäger?

Jetzt einem Mönche! Drüben im Franciscanerkloster Himmelpfort! Hast du nie vom Bruder Hubertus gehört?

Die Mönche dürfen nicht auf Neuhof …

Der Jäger war ein Soldat in holländischen Diensten …

Hauptmann …

Feldwebel, Kind! Vielleicht als Lieutenant entlassen! Er ist Laienbruder drüben …

Und war nie verheirathet …

Mit wem?

Der Hauptmännin – Was sag’ ich …

Der Bruder Hubertus kam von den Wilden und ging zu den Wilden! Hier galt keine Ordnung und kein Gesetz und kein Priester! Hast du nicht gehört, daß der Kronsyndikus noch eine Frau am Leben hat?

192 Wie? Wer? Noch eine Frau? Der Kronsyndikus?

In Italien! Man sagt es … Kinder gibt es aller Orten genug von ihm … oder er spielte wenigstens ohne zu wissen den Landesherrn, in dessen Bildniß auf den Groschen sich alle Frauen in gewissen Umständen versehen müssen!

Sie essen ja nicht, Doctor! lenkte Lucinde erröthend ein.

Ich trinke! antwortete Klingsohr. Stoß’ an, sagte er, wie immer je nach der Stimmung abwechselnd mit Du und Sie; stoß an, Lucinde! In Italien schickte er an Jérôme plötzlich einen Kurier, daß er nach Hause kommen sollte … Graf Zeesen, sagte man, hätte ihn bereden wollen, in ein Kloster zu gehen … Der Musikant meint, seine Alten hätten als Grund des Zurückmüssens immer etwas von der zweiten gnädigen Frau gemunkelt!

Die noch lebe? Nein, der Freiherr ist nur einmal verheirathet gewesen!

Ganz recht! unterbrach Klingsohr. Die Schwester vom Grafen Joseph drüben, dem Letzten des Hauses Dorste-Camphausen auf Westerhof! Sie starb früh, nachdem sie zwei Söhne geboren; sie starb, sagt man aus Gram über die Aufnahme jener Gülpen ins Haus. Diese regierte. Als die Baronin starb, genoß der Witwer seine Freiheit, bis plötzlich Ruhe kam mit dem Sturz Napoleon’s. Doch bei alledem ist landbekannt, daß die Klöster und Beichtstühle hier ringsum über den Kronsyndikus die tiefsten Geheimnisse verschließen … Auch mein Vater weiß manches, hält sich aber stumm drüber wie die alten Stammers hinten über die Gülpen.

193 Lucinde wagte nicht, über letztere weiter zu forschen. Sie fürchtete, daß sie hätte sagen müssen, woher und aus welcher Situation sie die „Hauptmännin“ kannte. Aber mit spähendem Blick stellte sie jetzt die Frage:

Und Ihre Mutter?

Klingsohr erwiderte:

Ich kannte sie wenig! Sie starb, als ich sieben Jahre alt war. Nur daß sie ein Bild des Leidens gewesen sein soll, weiß ich. Als der Vater in Magdeburg saß, wurd’ ich in dies Schloß genommen und mit Jérôme erzogen.

Lucindens Unruhe mehrte sich, je näher sie ihrer Eröffnung kam. Sie wußte nicht, was sie that, als sie fortwährend den Champagner trank, den ihr Klingsohr einschenkte.

Unsere Zukunft, Lucinde! Der Traum einer Sommernacht! rief er.

Die Gegend war inzwischen nachtdunkel geworden. Rabenschwarze Schatten hatten sich niedergesenkt, ein immer näher rückendes Gewitter entlud sich …

Das Nachtmahl war bald zu Ende. Nur dem schäumenden Weine sprach noch Klingsohr immer erregter zu. Er weckte da­durch in Lucinden die Erzählungen des Kammerherrn von seiner Unmäßigkeit und den Trinkwetten.

Erzählen Sie von Ihren Knabenjahren! sprach Lucinde.

Klingsohr betrachtete lange die aufsteigenden Perlen des Schaumweins und erwiderte mit dem ihm eigenen halb künstlich, halb natürlich elegischen Tone:

194 Wo seid ihr hin, ihr heilig hehren Tage,
Wo mir ein Stern noch wie ein Engel sprach!
Wo ich geglaubt, ein Regenbogen sage,
Daß immer noch des Himmels Langmuth wach!
Wo in dem Blitze, in der Donner Rollen
Nur eines Vaters Zürnen lag, – der Liebe Grollen!

Der Regen schlug an die Scheiben. Der Sturm tobte … Fenster und Thüren, die nicht geschlossen gewesen, schlugen klirrend und krachend an …

Aber Lucinde drängte:

Nein! Beginnen Sie anders! Ihre Mutter …

Ha, ich weiß, sagte er, du willst von meiner ersten Liebe hören, Lucinde! Ja,

Wenn sie leicht und zierlich
Mir vorüberflog –
Und ich hübsch manierlich
Meine Mütze zog –

Nichts, nichts von dem – sagte Lucinde …

Das Lied ist nicht lang, Lucinde! unterbrach er sie. Nur den Schluß will ich dir sagen. Diese Liebe endete, als Amanda eines Tages keine Hosen mehr trug; das hübsche Ding war in dem Augenblick fünf Jahre älter geworden und kannte mich nicht mehr. Schülerliebe!

Gut! Gut! Aber wo sind Sie geboren?

In der Buschmühle!

Und Ihre Mutter? Erzählen Sie von ihr!

Ein Donnerschlag erschütterte in diesem Augenblicke das Schloß, daß es bis auf den Grund erbebte. Die Diener kamen nicht mehr … Klingsohr rückte seinen Sessel dem Divan näher und zog Lucinden an sich und 195 streichelte ihr Haar und sah ihr in die scheu und ängstlich umblickenden Augen und hielt die Hand über ihre dunkeln Brauen, gleichsam als wenn er das Rollen der schwarzen Sterne in dem weißen Emailgrunde beruhigen, das Zucken der Wimpern beschwichtigen wollte.

Jetzt begann er von seiner Mutter …

In einem langen weißen reinen Gewande, sagte er, muß diese Edelste ihres Geschlechts aus der Welt emporgestiegen sein! Ringsum lag die Sünde – sie allein erhob sich aus ihr, sie, die einzig Reine! Eine Natter klammerte sich noch an ihren Fuß, die zertrat sie! Wie ich geboren wurde, verlor jene Gülpen die Herrschaft im Schlosse –

Schon 1809? unterbrach Lucinde … Sie sah, wie viel Jahre es gebraucht hatte, ihre Peinigerin so geistig und körperlich zu zerstören, wie sie sie gefunden hatte!

Wie das alles zusammenhängt, fuhr Klingsohr fort, weiß ich nicht …

Lucinde faßte sich jetzt Muth und sprach:

Ich will es Ihnen sagen!

Klingsohr horchte auf. Lucinde erzählte noch umständlicher den Vorfall, den man heute mit dem Kronsyndikus erlebt hatte. Sie er­zählte das Verbrennen von Papieren, seine Unruhe, seine eilige Ab­reise, den Eindruck, den ihm die Ankunft des Doctors gemacht, seine Eröffnung über die Art, wie sie ihn aufnehmen sollte …

Eben zuckte durch das Zimmer ein Blitzstrahl.

Klingsohr erhob sich und wurde aufgeregter …

Wie Lucinde fortfuhr und das Ziel ihrer Eröffnungen immer leiser sprechend schon völlig verständlich angedeutet hatte, ergriff er ein Glas, schleuderte es wild zu Boden, 196 daß es zersplitterte, rieb sich die Stirn und rannte zum Fenster, als müßte er mit dem Kopfe durch die Scheiben hindurch in die tobende Nacht und die Donner hinaus.

Ihr seid wahnsinnig! schrie er. Alle, alle hier seid ihr’s!

Lucinde nahte sich, bat ihn, sich zu mäßigen; sie sagte ihm, er möchte sich fassen, möchte ruhig hören …

Nein! rief er und schleuderte nun auch sie zurück mit den Worten:

Circe! Machst du Menschen zu Eseln? Zu Mauleseln? Bin ich verrückt?

Jetzt riß er das Fenster auf, daß der Regen nur so hereinströmte.

Lucinde ließ ihn erschreckt erst gewähren …

Ich liebe meinen Vater! rief er, und sog die Tropfen ein und bestrich sich mit dem Regen Stirn und Wange. Ich liebte ihn von jeher dann, wenn ich mich hassen mußte. Und nun vollends … meine Mutter!

Lucinde schloß das Fenster.

Klingsohr rannte auf und nieder …

O ich weiß jetzt, wozu ich hergelockt bin! Zur Rache gegen meinen Vater! Geistigen Rache! Zur Demüthigung unsers Namens! Schändung einer Asche unter der Erde!

Ihr Vater ist der Kronsyndikus! sagte Lucinde mit einer Festigkeit, als spräche sie von Dingen, die ihrer Jugend völlig angemessen waren.

Ein convulsivisches Gelächter erstickte den ersten Aufschrei des zu seiner übrigen Erregung nun auch noch halb Berauschten.

Ruhig fuhr Lucinde fort:

Darum sorgt er für unsere Zukunft!

197 Ha, ha! Und nun sprach Klingsohr plötzlich wie sich und die ganze Situation parodirend, plattdeutsch, dem ohnehin schon eine komische Wirkung beiwohnt. Er parodirte ihren feierlichen Ernst. Sie wandte sich zum Schmollen ab und ließ ihn stehen.

Klingsohr warf sich in seinen Sessel und blickte geisterhaft vor sich hin …

Das in der Natur tobende Wetter hatte sich etwas gemildert. Man hörte nur den gewaltig strömenden Regen. Dann setzte er sich ruhiger zu Lucindens Füßen auf eine Fußbank und das Haupt auf beide Hände stützend sprach er dumpf:

Bastard! Glaube das nicht, du innerer, allzu eitler Dämon! Ja eitel! Wir werden die Ursachen dieses tollen Spukes erfahren! Nur allzu sehr fühl’ ich in mir – das dienende Blut! Altes Sachsenblut? Auch ich? Wie wurden die großen athletischen Gestalten mit den hängenden rothen Haaren unter dem Bärenkopf in die Weser getrieben, um von ihrem Odin und von ihrer Freyja zu lassen! Wie saßen sie hoch zu Roß, als sie dem Banner ihrer Herzoge folgten! Wie dingten sie mit dem Kaiser und den Bischöfen um ihr Recht und loderten auf um einen „Strohhalm“, der ihrer Ehre im Wege lag! Und selbst noch im brocatenen Kleide mit der Perrüke und dem steifen Degen an der Seite, wie sie da unten den Westfälischen Frieden schlossen, schritten sie gravitätisch einher, langsamer, schwerfälliger, aber fester auch auf ihre grüne Hufe vertrauend als irgendwer im übrigen Deutschland! Dem englischen Lande gaben sie die rechte Volksmischung und tausend Jahre später einen König. Und wie haben 198 sie diese vier- und sechsspännig fahrende Weise bewahrt bis auf den heutigen Tag! Ob sie platt- oder hochdeutsch reden, sie lispeln nur und jedes Wort ist Schießpulver, wie Heinrich Percy’s! Schlank ist ihr Wuchs, behend ihre Haltung! Wenn auf der Universität alle andern deutschen Stämme durcheinander fahren, der Bayer phlegmatisch, der Franke windig, der Schwabe der andern Stichblatt, der Thüringer von ewiger Wehmuth durchdrungen ist trotz des allerdünnsten Biers, der Obersachse schwätzt, der Märker aus Blödigkeit, die er nicht eingestehen will, grob und maliciös wird, … stehen wir Niedersachsen und Westfalen da wie die schlanken Tannen am Bergesrand, fest und sicher wurzelnd; ein Wort ein Mann, von einer Vornehmheit, der kein deutscher Stamm sich gleichstellen kann! Man muß uns handeln sehen um ein Roß! Kurz und bündig! Sechzig Pistolen ohne Halftergeld! Spitz, scharf, weich der Ton! Fest die That! Ach, vergib mir, Geist meiner guten, vielgeprüften Mutter, daß ich dich Arme, die Witwe eines mit dem Geist der Zeit Vermählten, der dich einsam daheim ließ am Spinnrocken, lästere! Loreley, nein! Hörtest du’s? Ich würde mir leider, leider nichts draus machen! Mag ich immerhin um eine Minute vor halb sieben statt zwei zu früh auf die Welt gekommen sein, aber es ist ein schlechter, elender, gemeiner Spaß deines frevelmuthigen Alten, und du thust recht, arme Gläubige, daß du entschlummerst. Die Bürde dieser Lüge war zu schwer für dich!

Ermüdet vor Aufregung, eingelullt durch den Wein und die gespenstische Weise des wie immer dergleichen 199 im Prophetenton vor sich Hinsprechenden, ließ Lucinde es geschehen, daß der düstere Träumer, in dessen Seele es gleichfalls schon lange mehr zur Nacht als zum Lichte sich zu wenden schien, ihre Hände ergriff, diese küßte, näher und näher seine Wange an die ihrige schmiegte und sie in ganzer Länge auf den schwellenden Divan ausstreckte.

Eine Weile betrachtete er sie mit gefaltenen Händen …

Dies sah sie noch … ihr Auge blieb offen oder blinzelte doch … Ihre Mienen waren in ein Lachen wie erstarrt …

Jetzt ein Epheukranz um dein Haupt, flüsterte Klingsohr, der Thyrsusstab mit Weinlaub in deiner Hand, ein Pardelfell unter dir, und die Bacchantin erwartet ihren Praxiteles!

Lucinde verstand nichts. Sie hauchte nur:

Doch! Doch! Doch!

Doch hat der Kronsyndikus recht! war ihre Meinung.

Klingsohr verstand, was sie sagen wollte, und gerieth in Sinnen. Seine Phantasie malte sich die Möglichkeit aus – und wie bei solchen Naturen dann geschieht, sah er allmählich die Wirklichkeit. Jetzt als wenn ihn Furien peitschten, er müßte und sollte glauben, erhob er sich und sprach unausgesetzt, wol ein halb Dutzend mal, vor sich hin:

Wär’ es denn möglich? Wär’ es denn möglich?

Indem meldeten die Diener das Nachlassen des Regens …

Spannt ein! rief Klingsohr wild und erhob die Flasche.

Und wieder schenkte er voll und nicht mehr in die kleinen spitzen Gläser, sondern in Wassergläser. Er credenzte 200 ebenso Lucinden, die trank, weil sie Wasser zu nehmen glaubte …

Drei Späne aus dem Thor der kleinen Buschmühle! lallte Klingsohr und zog den Ton wie durch die Zähne, sodaß es schneidend hämisch und bitter erklang. Ich wette, daß ich sie unten finde, du alter Freigraf der Feme! Am nächsten besten Baum kann der Freirichter Wittekind keinen jetzt mehr henken, so hat er dem Vater einen andern Streich spielen wollen! Ist nicht eine Schlange das Wappen der Wittekinds? Nein, ein Lindwurm! Aber ich will Feindschaft säen unter den Samen der Schlange, spricht der Herr! Ich werde mich nach diesem Schurkenstreich mit meinem Alten aussöhnen. An der Mühle wollen wir sitzen und wenn das Rad klappert, nehmen wir das Gesangbuch zur Hand, wo die Mutter deutlich eingeschrieben: Den 13. August 1809 geboren mein Heinrich Otto Alexander! Alexander! Mein Alter hoffte auf Rußland damals! Heil von Moskau! Und warum nicht auch! Nur – „Gott ist groß und der Zar ist weit!!“

Seufzend wankte er zu Lucinden, beugte sich über sie und sprach jetzt leise und wie singend:

Träume! O träumtest du:

Wer regt sie der Winde so mannichfalt?
Nur Einer!
Es blitzen die Farben im hellen Krystall,
Sind’s tausend der Strahlen vom Sonnenball?
Nur Einer!

201 Ich, ich, ich erwidere dir, Mädchen:

Es klopfen viel tausend Schläge der Brust,
Wer führt sie, die Hämmer in Schmerz und in Lust?
Nur Eine!
Was hebt dir die Seele, was sprengt dir das Sein?
Ist’s Himmel? Ist’s Erde? … Allein, allein
Nur Eine!

So sprach Klingsohr.

Fiebernd, im Taumel der entfesselten Sinne hatte er sich über die Halbschlummernde gebeugt … zurückgesunken und halb auf dem Divan ausgestreckt, hielt sie den linken Arm rückwärts unter das Haupt gelehnt … mit dem rechten wehrte sie kraftlos stürmischere Zärtlichkeiten ab … das Bewußtsein verging ihr … die Augen schlossen sich, müde wie damals im Walde mit Oskar Binder.

Sie träumte schon, ehe sie ganz entschlummert war.

Selbst eine heftige Erschütterung, die sie annehmen lassen mußte, daß Klingsohr plötzlich aufsprang, erweckte sie diesmal nicht.

Sie hörte ein fernes Brausen wie an einem Wasser. Es konnten Thüren, Schritte, Stimmen durcheinander sein … sie träumte von bunten Wolkenwagen, von Farben des Regenbogens … sie sah ihre Tauben wieder, die den Wolkenwagen zogen, sie sah alle die glänzenden Shawls, Teppiche, Kleiderstoffe aus dem Magazin des Herrn Guthmann rings drapirt über dem Regenbogen und kleine Gnomen trugen alles ab und zu, und wieder waren es doch die lächerlichen Modegecken im 202 Bazar Guthmann, und ein langes Maß von Papier zog der eine und dem andern wurde unter der Hand eine Reihe von Sternen daraus … und dann waren es die Blumenbüschel und blauen Glocken, die sie im Walde am Fuße des Eggegebirges einst im Sinken am Riedbruch in der Hand gehalten, und alles um sie her wurde dann grün und immer grüner und mit zwei funkelnden Augen lag plötzlich jene Eidechse auf ihrer Brust, die damals unter dem moosbewachsenen Steine aufschlüpfte …

Nun erwachte sie.

Um sie her war es still. Die Lichter waren ausgelöscht bis auf eines, das fast niedergebrannt war.

Sie mußte so schlummernd, erst heiter, dann angstvoll träumend, mindestens schon eine Stunde gelegen haben.

Sie richtete sich empor. Was war geschehen? Hatte sie Klingsohr verlassen, ohne sie zu wecken?

Nichts war zu hören als das Klappern einer fernen nicht geschlossenen Thür.

Die Reste der Mahlzeit, die leeren Flaschen und halbgefüllten Gläser standen unabgeräumt, wirr durcheinander. Sie boten jenen Anblick, der nach einer Orgie die Sinne so ernüchtert, die Empfindung so beschämt und empört …

Unendlich müde, wie zerschlagen an allen Gliedern, durchfröstelt von der kühlen Luft des Zimmers, das geöffnet gewesen sein mußte, suchte sie nach Menschen, die noch wach waren. Alles war wie ausgestorben … Von Klingsohr war ihr doch gewesen, als hätte sie im Traum 203 gehört, wie er laut über sie hinweggerufen, an ihr gerüttelt hätte, und Menschen mußten im Zimmer gewesen sein, alle Stühle standen ja in Unordnung, der getäfelte Fußboden knirschte sogar von förmlichem Schmuz … Sie sah zum Fenster hinaus … Es war tiefe, stille Nacht … Die große Wölbung der fast unermeßlichen Fernsicht über Wiese, Wald und Feld hin eine einzige schwarze Finsterniß, die kein Stern erleuchtete … Die Regenwolken hingen trüb und schwer. Sie öffnete, streckte die Hand hinaus; sie fühlte, daß die Luft kühl war, doch nicht mehr tropfte …

Sie gedachte jetzt deutlicher Klingsohr’s, gedachte erschreckend seiner letzten Zärtlichkeiten, die sie mit schon geschwundenem Bewußtsein hingenommen, seiner wilden, vermessenen, wie ein schneidender Luftzug noch durch ihre Seele gehenden Reden. Ihr war nur am Muthe des Mannes gelegen, an seinem Trotz, an seiner Herausforderung gegen Menschen und Geschick, und in dem, was sie heute und schon oft von Klingsohrn gehört, lag doch eher eine Thatkraft, die sich nur künstlich aufstachelte … Sie gedachte schreckhaft des Kammerherrn; sie glaubte die Thür sich öffnen zu sehen und das kratzende Scharren eines Hundes zu hören. Nun faßte sie den Gedanken, ob sie noch zu dem Pavillon in den Park könnte, wo sie doch eigentlich wohnte. Hatte man sie vergessen? Sie nahm das Licht, um auf die Treppe und dann über den Hof zu schreiten.

Erst mußte sie durch die langen Corridore, wo rings an den Wänden die Spiegel ihre eigene Gestalt wiedergaben. Wie sah sie aus! Wie aufgelöst hing das Haar! 204 Wie lag das Kleid von den Schultern herab! An die Spiegel mit dem Lichte tretend, bebte sie zurück, weil sie plötzlich der Sage gedachte, daß es mit dem Glockenschlage zwölf unheimlich wäre mit einem Licht sich im Spiegel zu sehen

Doch bis zum Hofe kam sie nicht, nicht einmal bis zur Treppe; die offen stehende Thür machte einen Zugwind, der ihr das Licht ausblies.

Nun stand sie vollends erschreckt. Sie rief:

Lisabeth! Lisabeth!

Keine Antwort, als das Echo des langen Corridors …

Sie tastete sich zurück zu den vordern Zimmern. Hier aus dem Fenster zu rufen war den Sternen gesprochen …

Nun wankte sie dem Divan wieder zu und hielt sich an der kalten Marmorbekleidung des Kamins … verwünschend die Rücksichtslosigkeit, die sie hier so preisgeben konnte.

Als sie sich aber niederlassen mußte, weil es sie fieberisch fröstelte, fühlte sie etwas wie einen Mantel. Erschreckt fuhr sie zurück. Es war eine Decke, eine der gesteppten, die unter die Federbetten gebreitet werden.

Man hatte also doch an ihre Ruhe gedacht und vorausgesetzt, daß sie hier und auf dem Divan die Nacht zubringen würde.

Ihr Fuß stieß auch an ein Federkissen, das hinuntergeglitten war. Sie konnte es unter ihren Kopf legen und that es.

205 Sich in ihr Loos ergebend, streckte sie sich, um zu schlafen, drückte den Kopf in das untergelegte Kissen und zog die Decke über sich.

Es wurde ihr wärmer; aber die Bilder der erregten Phantasie wichen noch lange nicht … Immer sah sie Leben und Bewegung um sich her. Jede zufällige Berührung weckte eine Vorstellung. Klingsohr’s Gestalt konnte sie nicht sehen, aber hörbar blieb ihr seine Stimme. Immer noch glaubte sie ihn reden zu hören und zwischendurch öffnete der Kronsyndikus die Thür und fragte: Schläfst du? … Auch den Deichgrafen sah sie durchs Zimmer schreiten und die Ahnenbilder in den goldenen Rahmen stumm betrachten … dann wurde die Reihe der Gestalten immer ferner, nebelhafter wurden ihre Umrisse … Sie sah die Frau Hauptmännin Tauben morden und Mäuse fangen aus freier Hand und vor schönen Prinzessinnen knixen und sie dann in den Keller sperren, wohin sie ihnen in der Nacht Besuche machte, mit der Lampe über ihnen hinwegleuchtend und lachend, wenn eine Ratte an ihnen nagte … gerade wie sie ihr einst gethan … Die eine Schlummernde war ihre todte Schwester; die erhob sich aber und setzte sich an ihren eigenen Nähtisch, kleine Hemden zu nähen, die wol den beiden noch lebenden Geschwistern im Waisenhause gehören sollten … auch diese erschienen und winkten so seltsam und so abwärts … und die drei andern kleinen Geschwister, die am Scharlach gestorben, sah sie mit Blumen bekränzt und eine wundervolle Musik begann … es waren die Flötentöne der Harmonica … es war die Kirche in Eibendorf … die Kirche der Residenz 206 dann wieder … das Gesangbuch der Magd im Hause des Stadtamtmanns blitzte in seinem Goldschnitt und schlug sich hell auf … sie las Warnungen, Mahnungen, unterdrückte und hier offen ausgesprochene Vorwürfe ihres Gewissens … bis sie dann fester einschlief, aber doch immer noch in der Vorstellung, den Vater zu führen, alle die schmalen Brückenstege von Langen-Nauenheim entlang, und dem schwer dahintaumelnden kleinen Mann, der seinen Hut verloren und, mit den weißen Haaren im Winde, immer nach dem Kopfe griff, zuzurufen: Vater hier! Vater hier!

So war ihre letzte Erinnerung …

Am folgenden Morgen weckte sie die Lisabeth und brachte die schreckliche Kunde, daß man gestern Nacht im Düsternbrook den Deichgrafen in seinem Blute schwimmend und – ermordet gefunden hätte.

207 14.#

Als Lucinde dies grauenvolle Wort hörte, sprang sie empor.

Sie verstand nicht einmal gleich, was sie hörte.

Sie wußte anfangs kaum, wo sie war.

Die Mägde hatten schon aufgeräumt und über dem gelben Plüschsammt hingen schon wieder die grauen Ueberzüge. Nur sie hatte man den erquickenden Schlaf noch genießen lassen.

Die Lisabeth wiederholte die grauenvolle Mittheilung:

Der Deichgraf ist todtgestochen! Gestern! Im Düsternbrook!

Aber der Doctor? fragte Lucinde erblassend und sich auf alles Gestrige jetzt erst besinnend.

Sie schliefen gerade, hieß es, als die Leute, die auf der Buschmühle arbeiten und den Weg über Neuhof nehmen, wenn sie nach Hause wollen, die Nachricht brachten. Es war um neun Uhr.

Ermordet! wiederholte Lucinde schaudernd und sich auf das, was damit zusammenhängen konnte, besinnend …

Abgestochen mit einem Messer, gerade wie man einen 208 Karpfen absticht, dicht am Kiemen! fuhr die Lisabeth fort. Im Regen lag er hart am Grenzstein bei der großen Eiche. Mit dem Menschen, der’s gethan hat, muß er gerungen haben auf Leben und Tod!

Aber wer war es denn?

Die Lisabeth wußte niemand zu nennen, erzählte aber von der Bewegung auf dem Hofe und in der ganzen Gegend …

Und der Doctor?

Dem hätte man’s gestern Abend sogleich gesagt. Er hatte wie versteinert gestanden, sie erst wecken wollen, dann wäre er hinuntergeschlichen in seinen Wagen, wie ein Schatten. An den Glaswänden hätte er sich wie ohnmächtig gehalten und wie er sein Antlitz drin gesehen, hätt’ er sich an den Kopf geschlagen und einigemal gelacht, gelacht nämlich vor Schmerz …

Die Lisabeth erzählte, wie es auch ihr immer ginge, daß sie vor Schmerz lachen müßte und daß sie schon einmal drum einen Doctor gefragt hätte. Die Aerzte wissen, was sie alles dem Volke leisten sollen! Sie werden gefragt, ob sie nicht Tränke hätten, daß man gerade nur dies oder das träume, und zu manchem Arzt schon kam eine Mutter und verlangte ihrem Kinde etwas verschrieben, weil es so leicht „schrecke“.

Von den Nerven Lucindens wissen wir schon, daß sie gegen den Schreck gestählt sind.

Was aber sagte denn nur der – Doctor? fragte sie.

Der wollte Sie nur wecken, hieß es weiter, und als Sie nicht hörten, schlich er davon und in den Wagen war er und sein Gaul zog ihn fort, wir wußten selbst 209 nicht wie. Hernach sagte Stephan, der spät aus dem Wirthshaus kam, es wäre besser gewesen, es hätte ihm eins sein Roß geführt: er hätte auf die Nacht ein Unglück haben können … es geht schroff ab bis zur Busch­mühle.

Dort fand er schon den todten Vater? fragte Lucinde kopfschüttelnd.

Stephan, fuhr die Lisabeth fort, war der erste, der den Deichgrafen gefunden hat. Es fehlte ihm ein Stemmeisen. Da war’s ihm doch, als ob er’s im Grund hätte liegen lassen an der großen Eiche. Nun ging er hinunter und im Schummer schon. Gleich sah er, wie da alles durcheinander lag an seinem Werkplatz. Der Stein mit dem Adler war weggeschoben, rundum alles zertreten, und wie wenn es Streit gegeben. Und nun, Marie Joseph! da fand er denn auch den Deichgrafen gerad’ auf dem Gesichte liegend. Hier, sehen Sie, hier am Hals, da wo schon manche ein neugeboren Kind mit einer Stecknadel umgebracht hat, gerade da hatt’ er’s weggekriegt; nicht drei Zoll tief war der Nickfänger hineingefahren, sagte Stephan.

Der Nickfänger? fragte Lucinde. Woher weiß man denn von …? Was wird der Kronsyndikus sagen? fügte sie jetzt noch ganz harmlos hinzu.

Die Lisabeth sah Lucinden groß an. Sie schien zu erstaunen über eine Frage, die geringe Menschenkenntniß verrieth. Lucinde war in der That von den sonstigen Dingen, die in ihr lebten, so erfüllt, daß sie kaum noch an die auffallende gestrige Rückkehr des Kronsyndikus dachte.

210 Die Lisabeth erklärte zunächst das späte Ausbleiben Stephan Lengenich’s. Er hätte im Wirthshaus den Vorfall wol zehnmal wiederholen müssen. Die Leiche war in die Buchmühle getragen worden und jetzt säße schon ein Actuar ans dem Amte Lüdicke unten und im Düsternbrook würde alles nach Befund aufgenommen. Daß es in dem ganzen Kreis eine nicht geringe Zahl von Menschen gab, die mit dem Theilungscommissar in Streit lagen, und daß man ihm gerade an dem einsamen Düsternbrook hatte aufpassen können, stand fest. Ein Verdacht auf diesen oder jenen, der der Thäter hätte sein können, wurde nicht ausgesprochen; die Lisabeth selbst war zu klug, die Gedanken, die der ganze Hof schon über den Kronsyndikus theilte, Lucinden mitzutheilen.

Es war eine dumpfe Schwüle, die den Vormittag über Schloß Neuhof und allen seinen Bewohnern lag. Die Arbeiten gingen lässig. Jeder hatte die schreckensvolle Thatsache zu wiederholen und zu erörtern. Lucinde begriff dann allmählich, daß die sonderbare, allen ersichtlich gewesene Aussöhnung des Kronsyndikus mit dem Sohn des Deichgrafen allgemein in einen Zusammenhang mit dem Vorgefallenen gebracht wurde. Die Unruhe und das Geheimnißvolle wuchs, als Stephan Lengenich, der allerdings im offenen Kriege mit dem Deichgrafen gelebt hatte, auf gerichtliche Requisition abgerufen wurde und am Abend nicht wiederkam. Die Vorstellung, die schon auf dem ganzen Schloß feststand, daß der Kronsyndikus der Mörder gewesen, theilte sich endlich auch Lucinden mit, und als erst der Inspector der Brennerei, die wichtigste Person 211 auf der Oekonomie, erklärte, es würde doch wol nothwendig sein, daß der Kronsyndikus auf Eggena durch einen Expressen von dem Vorgefallenen in Kenntniß gesetzt würde, und dabei die Miene eines Mannes machte, der wie von etwas an sich ganz Ueberflüssigem sprach, wandte sie sich erblassend ab und ging dem Parke zu, überlegend, ob sie nun nicht selbst zur Buschmühle sollte. Die Wege dorthin waren aber übermäßig vom Regen aufgeweicht und Beistand mochte sie nicht begehren. Schon war ihr, als wäre sie eine Mitschuldige, die vor allem den Kronsyndikus zu schonen hätte! … Darum war Heinrich sein Sohn! Darum wollte er ihm gleichsam die Hände binden! So sprach sie mit sich im Pavillon und blickte gedankenvoll in den düstern Park. Der Sturmwind peitschte wieder die Zweige der hohen Ulmen und bog selbst die Stämme. In ihrem Innern sah es nicht anders aus.

Einer Nachricht von dem Doctor harrte sie mit jeder Minute entgegen. Diese kam aber nicht. Der Tag ging über das grauenvolle Ereigniß hinweg, auch eine aufgeregte, halb schlaflose Nacht. Von dem Doctor war nichts zu hören und zu sehen; selbst dem gewöhnlichen Boten, dem buckeligen, grauhaarigen Sohn der Alten, bei denen sie wohnte, dem Musikanten, hätte sie seinen Verrath verziehen, wenn er nur eine Mittheilung gebracht hätte. Als dieser aber kam, den Vorfall wiederholte und obenein noch hämisch lachte und seinen nun auch wie aus ihrer Lethargie erwachenden und grinsenden Alten von einem Schaffot sprach, über das erst ein Sammttuch gebreitet werden müßte mit 212 einem geflügelten und gekrönten Lindwurm – dem Wappen der Wittekinds – da ergrimmte sie aufs heftigste, verbot ihm im Pavillon zu bleiben, riß, da er nicht gehen wollte, das Fenster auf, warf seine Geige weit in die Nacht hinaus, zwang ihn, seinem Instrumente, das er auf allen Kirchweihen und an jedem Sonntage in den Schenken um Witoborn strich, nachzulaufen und schloß indessen, mit einigen Sätzen von der Treppe ihm nachspringend, die Thür des Pavillons. Die Alten vergegenwärtigten sich inzwischen, welchen „Stein im Brete“ Lucinde vorn im Schlosse hatte, und ließen sie aus Furcht gewähren.

Auf dem Hofe fehlte das Auge des Herrn. Der Bote hatte vom Vorwerk Eggena die Nachricht gebracht, der Kronsyndikus würde in der Frühe zurückkommen. Er kam aber noch am Mittag nicht. Am Abend traf er dann endlich ein. Er allein, ohne den Kammerherrn. Lucinde hörte das von den Alten, die beim Hofkehren ihn hatten aussteigen und vom Landrath, der ihn begleitete, Abschied nehmen sehen … noch immer war er in seiner glänzenden Uniform. Jetzt drängte sie’s, zu ihm zu eilen, und doch fürchtete sie sich, dem Entsetzlichen entgegenzutreten. Auch mußte sie nach dem Vorgefallenen, nach dem Beweise des höchsten Vertrauens, das er ihr geschenkt, glauben, er würde bald aus eigenem Antriebe entweder selbst kommen oder um sie schicken.

Da es endlich dunkel wurde und sich niemand bei ihr sehen ließ, auch vom Doctor immer noch keine Kunde kam und nur erzählt wurde, am folgenden Morgen würde auf einem der nächsten Kirchhöfe, der zu einer kleinen evangelischen Gemeinde gehörte, der Deichgraf bestattet werden, 213 und als dann auch Abends von dorther klagend und fast wimmernd zwei kleine Glöcklein aus dem Thale heraufklangen, hielt sie es so nicht länger aus. Sie wagte sich über den großen Weiher des Parkes, dessen gefiederte Bewohner schon längst die Stockwerke ihres Thurms bezogen hatten, hinaus, sie wollte sich in den Zimmern des Kammerherrn zu schaffen machen und so den Vater an ihre Gegenwart erinnern.

Wie erstaunte sie aber, als sie dasselbe Gefährt, in welchem vor zweimal vierundzwanzig Stunden Heinrich Klingsohr angekommen gewesen, an der hintern Aufgangstreppe des Schlosses stehen sah und erfuhr, der Sohn des Deichgrafen wäre oben mit dem Kronsyndikus allein und niemand dürfte sie stören!

Sie traute ihrem Ohre kaum. Jetzt sah sie jedenfalls die Bestätigung erst der Unschuld des Kronsyndikus überhaupt, dann aber auch wieder, aufs neue grübelnd und die Vorgänge vergleichend, die so nahe Verwandtschaft zwischen beiden.

Von den Leuten erfuhr sie, daß die Aussichten auf Entdeckung des Mörders sich gemehrt hatten. Theils behauptete man, daß von einem Morde überhaupt nicht die Rede sein konnte, sondern nur von den Folgen eines Wortwechsels. Hatte der Deichgraf beim Streite sich gewandt und war ein gezücktes Messer (ein gezogener Hirschfänger, wagte schon niemand mehr hinzuzusetzen) so unglücklich gewesen, gerade im selben Augenblick in den Nacken zwischen die Halswirbel zu fahren, so drehte er sich noch einen Augenblick ein wenig um und „weg war er“, wie Kenner versicherten. Man erzählte, daß so die 214 Jäger mit dem Nickfänger dem Todeskampfe eines erlegten Hirsches im Nu ein Ende machen. Alle aber wußten, daß sich die Umstände, wie es hergegangen, immer mehr lichteten, seit man einem Fetzen Tuch, den sicher im Ringen das Opfer seinem Mörder vom Kleide gerissen, diese einstimmige Erklärung gab. Man wußte auch, daß der Tuchfetzen von Farbe grün gewesen. Allen stand freilich, ohne daß eine Silbe laut wurde, dabei der Kronsyndikus vor Augen, der so ängstlich vorgestern seinen grünen Jagdrock bis oben hin zugeknöpft gehabt hatte, allen war begreiflich, daß der Geruch, der sich so pestilenzialisch im Schlosse nach seiner Rückkehr aus der Gegend des Grundes her verbreitet hatte, nur von einem verbrannten Kleide herrühren konnte … aber niemand verweilte dabei ersichtlich, die einzige Lisabeth ausgenommen, die wie sinnlos hin- und herrannte, seitdem Stephan Lengenich aus Lüdicke nicht wiederkam.

Indem klingelte es beim Kronsyndikus aufs heftigste … jeder glaubte, dort wäre Hülfe nöthig … Lucinde bebte … die Lisabeth suchte nach Fassung … sie schickte einen Diener, um die Befehle des gnädigen Herrn zu holen.

Nach wenig Augenblicken kam der Diener zurück … Das Roß sollte ausgeschirrt werden!

Ausgeschirrt? war nur ein Ton, den alle zugleich sprachen. Man zerstreute sich kopfschüttelnd. Auch Lucinde zog sich zurück, dem Vorpark zu.

Wieder aber klingelte es …

Der Diener kam aufs neue und brachte die Nach-215richt, man hätte Licht verlangt und – zwei Flaschen Burgunder!

Jetzt wußte Lucinde nicht mehr, woran sich halten. Sie fragte nach dem Kammerherrn, von dem niemand etwas wußte, dann schwankte sie, da nach ihr nicht begehrt wurde und sie auch nicht wußte, wie sie in eine so geheime Zwiesprache eintreten sollte, ihrem Häuschen zu, jetzt sich selbst mit ihrer Jugend und Lebensunerfahrenheit bescheidend. Sie sagte sich, daß sie bei ihren Jahren alles das schon zu verstehen – „zu dumm“ wäre.

Im Pavillon war es düster und gespenstisch. Der Sturm tobte, Zweige brachen. Die Mitbewohner schliefen schon. Sie glaubte immer noch, man würde sie nun wol nach vorne rufen. Es geschah aber nicht. Es verging die zehnte Stunde. Endlich suchte sie fiebernd das Lager …

Das Lied der Prinzessin Ilse aus dem „Liederbuch von Heine“, in dem sie eine Weile gelesen, rauschte ihr noch lange im Ohr:

Es bleiben todt die Todten,
Und nur das Lebendige lebt;
Und ich bin schön und blühend,
Mein lachendes Herze bebt
Und bebt mein Herz dort unten,
So klingt mein krystallenes Schloß,
Dort tanzen die Fräulein und Ritter
Und jubelt der Knappentroß.

Bilder wie vom Hause im einsamen Tannenwald, Bilder vom ledernen Großvaterstuhl und der am schnur-216renden Spinnrad sitzenden Großmutter, Bilder vom wilden Jäger und seinem Liebchen, vom Mondschein, vom Galgen, von Gretchen in ihrem Wahnsinn gaukelten um so mehr um sie her, als die Lebensschicksale der alten Stammers und einer ihnen frühgestorbenen Tochter sich trotz der Dunkelheit, die für sie auf ihnen lag, gespenstisch einmischten. Der Refrain „Dort oben auf dem Schlosse“ blieb sich immer gleich und dazu geigte der buckelige „junge“ Stammer unter ihrem Fenster und wisperten die Alten nebenan. Es war ihr, wie wenn irgendwo Hochzeit gefeiert wurde mit Gästen aus der Unterwelt.

Am folgenden Morgen klagten dann wieder die ihr wohl bekannten, sonst aber selten von ihr beachteten kleinen Glöcklein, die evangelischen; die großen, die katholischen schwiegen.

Vom Doctor erfuhr Lucinde, daß er Nachts zwölf Uhr erst vom Schlosse abgefahren, und vom Kronsyndikus, daß er schon um fünf Uhr in der Frühe wieder vom „schönen Enckefuß“ abgeholt und nach Eggena zurückgekehrt war. Nach ihr war nicht gefragt worden, und sie hörte dies gern, weil es ihr anzudeuten schien, daß zwischen den Menschen, die ihr werth waren, Friede herrschte.

Auch auf Schloß Neuhof war große Bewegung, denn um acht Uhr sollte der Deichgraf begraben werden.

Aus der Nähe und Ferne, zu Fuß, zu Roß, zu Wagen strömten Theilnehmende herbei.

„Es war ein Mann! Nehmt alles nur in allem!“ 217 klang seine Nachrede – erst am Grabe von der aufgeschütteten Erde aus, dann aber selbst bis in die fernsten Gauen des Vaterlandes.

Man legte Eichenkränze auf seinen Hügel. Sie wurden auch im bildlichen Sinne ihm gewunden, in Nachrufen aller Art, in Versen, in ungebundener Rede … Man pflückte die Blätter zu diesen Kränzen auch bildlich aus den Schluchten des Teutoburger Waldes, durch die der Edle damals als Flüchtling geirrt, wie er sich in der Befreiungsstunde des Vaterlandes so gefahrvoll verrechnet hatte. Auch seine Tage von Magdeburg wurden gerühmt. Schon war ja die Zeit angebrochen, wo auf den Thronen Herrscher saßen, die die Blütenträume auch ihrer Jugend wollten reifen sehen. Und so wie jetzt bei diesem vielbesprochenen Ende eines Patrioten, gehen ja noch zuweilen durch das Vaterland segnende Geister und schwingen die Fahnen unsers wahren Ruhmes … Zu den Posaunen, über welche die weißen Ehrentücher des Friedens, nicht die blutigen des Streites festlich niederhängen, horchen wir dann noch einmal wieder empor, wie zu den Herolden unserer wahren vergangenen und künftigen Größe. O daß es so oft nur die Todten sind, um die wir uns die Hände reichen! Daß es fast immer nur eine Erinnerung, ein Lied, ein Gedicht ist, um das eine kurze Weile das vielstimmige Durcheinander der Parteien verstummt, eine Weile der große Riß, der durch das deutsche Herz geht, nicht im eigenen empfunden wird! … Man pries des Geschiedenen Muth, seine Charakterstärke und Rechtlichkeit. Sein letzter Uebergang in die Formen der Bureaukratie war ein so natürlicher gewesen. Er war von 218 denen, die die antike Tugend hatten, den Staat bis in die innersten Fingerspitzen zu fühlen. Man verurtheilt so oft schon wieder diese Tugend! Ja wie habt ihr sie gefährlich gemacht! Nach dem, was wir schaudernd alle erlebten, welch ein Verbrechen ist es nicht geworden, auf den Ruf der Lärmtrommel zu hören, die durch die Straßen wirbelt! Wer nur hinaussieht, wer nur je ein Wort in eine freie Luftwelle gab, dem wurde die Zeichnung vor den Mächtigen gewiß! Nun müssen wir uns schon so erziehen, daß wir in einem allgemeinen Brande auf keinen noch so starken Hülferuf mehr hören, sondern kalt nur unsere eigene Habe bergen. „Was geht euch das Andere an!“ Wehe, wehe euch, wenn einst die Stunde der großen Gefahr schlägt, die dem Vaterlande immer näher rückt! Dann werden wir in die Straßen und Plätze hinaussprechen sollen und niemand wird es können oder wagen! Dann werden wir gerufen werden von den Signalen, die uns trügerische erscheinen müssen, seit ihr die, welche ihnen schon einmal gefolgt sind, so unerbittlich straftet! Wehe dann euch – und auch uns!

Klingsohr, der Alte von den Externsteinen, hatte diese Selbstbeherrschung nicht und sein lebendiges Ergriffensein von der Zeit rühmte man damals an ihm. Man nahm die Lieder von Arndt und Schenkendorf zu Eingangs- und Schluß-Blumenpforten seiner Nekrologe, die sich bis in die fernsten kleinen Volksblätter verloren. Auch sein Bild verbreitete man. Es war nur ein kleiner, kurzer, dicker, untersetzter Mann, gar kein Gracchus oder Timoleon der Phantasie gewesen. Die Stirn war sogar so groß, wie 219 man sie bei Narren zeichnet, die Augen blinzelnd klein, die Backenknochen vorstehend, wie bei Baschkiren, der ganze Mann einem modernen Bacchus nicht unähnlich, und doch trank der Mann nur das klare Wasser des Buschmühlbaches, so oft er auch den „Vater Rhein“ beim jährlichen Erinnerungsfest der Freiwilligen und der Gründung der Städteordnung leben ließ. Er war entzündet vom Feuer nur seiner freien und überzeugungsreinen Seele. Er hatte die Schönheit des Gedankens. Einige Spötter rügten, daß er nicht nur kein Vermögen hinterließ, sondern das, was er besaß, sogar in Zerrüttung. Doch hatte er Gläubiger, die ihm dennoch auch noch den Gutsankauf hatten möglich machen wollen. In einigen Städten sammelten die Liederkränze für sein Grab und zu einem Denkstein.

Um den Anlaß seines Todes loderte erst über jeder Bergspitze und nach allen Richtungen des Vaterlandes hin eine große Flamme des Zornes und gedrohter Rache. Dann aber kamen in den Zeitungen wieder die berühmten Sänger, die Tänzer, Tänzerinnen, Festlichkeiten in Paris und London, man hatte einige Mammuthsknochen ausgegraben, die neuen Eisenbahnen erfüllten alles mit Bewunderung und Speculationseifer; eine Flamme nach der andern erlosch und zuletzt blieb kein anderer Rächer übrig als das langsame und geheime Gerichtsverfahren jenes mehreren Dynastieen angehörenden Städtchens Lüdicke und der über die Buschmühle verhängte Sequester.

Stephan Lengenich, der Küfer und Arbeiter im Düsternbrook, blieb indessen eingezogen. Er galt bereits in wenig Tagen für den muthmaßlichen Mörder.

220 15.#

Zwei Tage nach dem Begräbniß seines Vaters sah man den Doctor Heinrich Klingsohr mit dem Kronsyndikus nach der Busch­mühle fahren und daselbst das versiegelte Inventarium besichtigen.

Zwei stattliche Mecklenburger, die besten des Stalles und herübergekommen erst kürzlich aus den norddeutschen Besitzungen der Wittekinds, waren dem leichten, eleganten Wagen vorgespannt.

Wieder einige Tage, und der Freiherr von Wittekind-Neuhof und Doctor Heinrich Klingsohr reisten gemeinschaftlich nach der großen Stadt, in welcher der Regierungsrath Friedrich von Wittekind eben zum Oberregierungsrath ernannt worden war … Auch ihm waren düstere Gerüchte zu Ohr gekommen über den Tod des Deichgrafen. Um so freudiger überrascht mußte er sein durch den Besuch des mit seinem Vater so traulich verbundenen Sohns desselben.

Man sprach mit Unbefangenheit von dem Vorgefallenen. Als jenes grünen Tuchkragens Erwähnung geschah, der an der Mordstätte wäre gefunden worden, 221 hieß es, daß durch eine Nachlässigkeit unbegreiflicher Art so wichtige Hülfsmittel der Entdeckung plötzlich wären abhanden gekommen.

Alle diese Gespräche fanden in Gegenwart der neuen Frau von Wittekind statt. Es war eine Heirath, die erst jetzt die Billigung des Kronsyndikus erhalten. Eine nicht mehr junge, unvermögende, aber dem Sohne durch Gewohnheit und manche, wie man sagte, schmerzliche Erinnerung werth gewordene Witwe eines geliebten Freundes und Amtscollegen, eines Herrn von Asselyn …

Der Oberregierungsrath fand einen Vorschlag, den sein Vater machte, sehr annehmlich. Doctor Klingsohr sollte die mecklenburgischen und holsteinischen Güter der Familie bereisen und sich in Altona nach der Lage von Processen erkundigen, deren die Familie über diese Besitzthümer mehrere zu führen hatte.

Der Doctor kannte Hamburg und freute sich auf einen ihm bekannten zerstreuenden und anregenden Aufenthalt, dessen Kosten der Kronsyndikus trug.

Den Kammerherrn hatte der Kronsyndikus zum Grafen Zeesen geschickt und zwar schon am Tage nach seiner stürmischen Abreise auf das Vorwerk Eggena. Daß der Unglückliche Widerstand leisten wollte, verschwieg der Vater nicht, ebenso wenig wie den Zwang, den man anwendete, den Widerstand zu brechen. Er hatte ihn kurzweg binden lassen. Der später nachgeschickte Diener des Kammerherrn meldete, Graf Zeesen böte alles auf, seinen Herrn zu zerstreuen und zu fesseln. Er sänge ihm geistliche Lieder und bespräche die Visionen, die der Kammerherr zu haben glaubte. Inzwischen wäre der Kammerherr freilich bett-222lägerig geworden, aber die Verlobte des Grafen, das Freifräulein von Seefelden, sorgte für seine Verpflegung.

Alle diese Veränderungen gingen auch an Lucinden nicht spurlos vorüber. Sie erschütterten sie nicht minder wie den Doctor und den Kronsyndikus. Der Doctor, der ihr unter allen Umständen jetzt wirklich als des letztern natürlicher Sohn erschien, wiederholte mit scheuem Niederblick, ernst und verstört, wie er jetzt fast immer war, Betheuerung seiner Liebe über Betheuerung; der Kronsyndikus hatte Ursache, die Vertraute eines Geheimnisses, das beide im stillen Verkehr wiederaufnahmen, mit Aufmerksamkeit und Schonung zu behandeln. Sie erhielt Beweise seiner Freigebigkeit, die an dem sonst so geizigen Manne auffallend genug war. Da nicht gezweifelt werden konnte, daß sie das Ziel ihrer Herzenswünsche in einer Vereinigung mit Heinrich Klingsohr finden mußte, so wurden die Aenderungen ihrer Lebensstellung dahin getroffen, daß sie ihm nahe bleiben, aber vorläufig doch noch so weit von ihm getrennt sein sollte, um keinen Anstoß zu erregen.

Vor allem fehlte ihr noch manche Vervollständigung ihrer Bildung. Es war hohe Zeit, das Chaos ihrer Fähigkeiten und Kenntnisse zu lichten. Diese Anordnung wurde mit Fürsorge getroffen. Man hatte eine Familie ausfindig gemacht, bei der sie, nicht sogleich in Hamburg selbst, wol aber dicht in der Nähe auf dem Lande wohnen sollte.

Da Heinrich Klingsohr erst nach Göttingen zurück mußte und bei allen diesen Anordnungen von seiten des wie verwandelten und ganz außerordentlich milde, zahm 223 und nachgiebig gewordenen Kronsyndikus eine Zartheit und Schonung der Sitte und des Anstandes beobachtet wurde, wie wenn es sich wirklich um eine künftige Schwiegertochter desselben handelte, so gab man Lucinden sogar bis nach Hamburg eine Begleiterin mit, die in der vom Oberregierungsrath bewohnten Stadt gewählt wurde und ihr auf halbem Wege entgegenkam, an dem Tage, wo der Kronsyndikus und Klingsohr sie auf ihrer Abreise vom Schlosse begleiteten.

Die Abreise fiel mancherlei Umstände wegen auf einen Tag, wo der Kronsyndikus und Klingsohr in Lüdicke einen Termin abhalten mußten in Angelegenheiten des, wie es schien, sehr gravirten Stephan Lengenich, an dem selbst die Lisabeth irre geworden war, seitdem der Kronsyndikus von seiner Reise zum ältesten Sohn zurückgekommen war und ihr eine funkelnde, schwere goldene Kette mitgebracht hatte, zu der, wie der Alte hinzufügte, „jetzt nur noch die Uhr fehle“. Sie that das Ihrige, sich auch diese zu verdienen …

Diesen Termin in Lüdicke hatte man für kurz gehalten, aber es dauerte fast eine Stunde, daß Lucinde auf dem Marktplatze der kleinen Stadt in ihrem vorn und hinten bepackten Wagen harren mußte. Sie konnte bei dem immer gleichrinnenden Strom eines schön geformten alten Rolandsbrunnen, an dem sie hielt, bei seinem nicht endenden, immer gleichmäßigen Wasserstrahl recht der Zeit gedenken. Was hatte ihr diese nicht alles gebracht! Was hatte sie nicht schon alles ausgelöscht! Auch das Bild eines auf schaum­bedecktem Rosse den steinigen Grund hinterm Park vom Düsternbrook Empor-224stürmenden, auch das Bild von der Waldhütte, den Tannen, dem Monde, der Großmutter, ihrer selbst am Spinnrade, dem durch die kleinen bleigefugten Scheiben hereinlugenden wilden Jäger mit der rothen Feder am Hute, der dann wieder der Franciscanerbruder Herr von Buschbeck aus Java war … Alles hatte sich ihr schon gebleicht. Denn zu oft hatte ja auch der Doctor bestimmt und fest wiederholt und dann der zu Gnaden wieder angenommene buckelige Musikant, vorzugsweise aber der seit einigen Wochen ganz besonders elastische „schöne Enckefuß“ bestätigt: der Kronsyndikus war allerdings am Platze der grauenvollen That gewesen und hatte gesehen, wie der Deichgraf dort getödtet lag; das Entsetzen, man könnte ihn, der ihn in Gedanken allerdings auch tausendmal erschlagen hatte, für den Mörder nehmen, hatte ihn von dannen gejagt, und wenn es geschienen, als jagten ihn selbst die Furien, so wäre es die alte Freundschaft für den Deichgrafen gewesen, die in seinem Herzen trotz des spätern Zerwürfnisses doch in der That unerstickt geblieben wäre …

Und wenn Lucinde den Doctor dann selbst fragte: Bist du wirklich der dritte Sohn? so sagte dieser geheimnißvoll: Störe die Ruhe der Todten nicht! …

In seiner Liebe war der Ausdruck stärker und leidenschaftlicher noch als sonst geworden, wenn auch mit einer mehr unheimlichen als beglückenden Wirkung für sie.

Vom Amte kamen damals beide Männer sehr bleich zurück. Sie behaupteten, der Querfragen doch endlich müde geworden zu sein und ließen den Wagen einem Gasthause zurollen, um sich zu erfrischen. Lucinde stieg nicht aus. 225 Sie musterte vom Wagen aus das Wirthshaus, den Garten desselben und eine gewisse kleinstädtische Zierlichkeit in den bemalten Staketen, in einer mit grotesken Wandgemälden geschmückten Kegelbahn, in einem ausgestopften Uhu innerhalb einer von Singvögeln belebten Volière. Bei einer großen schwarzlackirten Kugel, die im Garten als Reverbère für die „schöne Aussicht“ gelten sollte, gedachte sie des armen um sie betrogenen philosophischen Drechslers, der den Grafen Zeesen recht eindringlich jetzt an sein Familienstatut, die Stiftung eines Irrenhauses, erinnern mochte! Im Hinblick auf diese beiden Männer athmete sie wahrhaft auf, endlich jetzt in gesundere Lebensluft zu kommen. Ja es that ihr sogar wohl, im Saale des Gasthauses durch die geöffneten Fenster, unter ausgestopften Vögeln, Käfern, gespießten Schmetterlingen, Kupferstichen von englischen Pferden und ähnlichen Herrlichkeiten eleganter Wirthsstuben jener Gegend, da so traulich hinterm Champagnerglase zwei feste, kraftvoll verbundene Männer zu sehen. Sie liebte Trotz und Kühnheit. Auch ihr war Stephan Lengenich längst der Schuldige. Seinen bösen Sinn hatte sie ja selbst gekannt, sein Drohen ja selbst gehört. Sie hatte alles das gerichtlich hier in Lüdicke in einem frühern Termine bezeugt und beschworen.

Trotz des Champagners stiegen ihre beiden Begleiter zu ihr schweigsam und ernst ein. Sie blieben noch einige Stunden an ihrer Seite bis zu einer Station, wo sie Extrapost nahmen und zurückreisten. Von der großen Stadt, wo der jetzige Oberregierungsrath wohnte, sollte ihr auf einige Meilen schon eine Begleiterin entgegenkommen, die sich ihr anschließen würde bis Hamburg, 226 wo sie unter Klingsohr’s Augen ihre Ausbildung vollenden sollte.

Der Abschied des Kronsyndikus von Lucinden war inniger fast als der des Doctors. Dieser gab nur die Hand und sprach, wie wenn Abschiede nicht zu seinem System gehörten, vom baldigen Wiedersehen. Jener hatte Thränen im Auge. Der Kronsyndikus weinte! Er war seit Wochen um Jahre älter geworden. Seine Augenbrauen sahen nicht mehr so gelblichweiß aus wie sonst, sie hatten sich ganz gebleicht. Die hohe Gestalt schien, wenn sie sich unbemerkt glaubte, kaum Kraft zu haben, sich so zu halten, wie dem Wappen des gekrönten und aufgebäumten Lindwurms geziemte. An Geld und Gut war Lucinde so ausgestattet, daß sie sorglos in die grüne Weite fahren konnte. Nach acht Tagen schon versprach Klingsohr in Hamburg bei ihr zu sein.

War das alles, wie es so kam, ging und was es bedeutete, räthselhaft genug, so konnte sie durch ihre Begleiterin, die nach einigen Meilen Alleinfahrens ihr entgegenkam, erinnert werden, daß alles im Leben nur Bild und Gleichniß ist. Sie war, wie Klingsohr und der Kronsyndikus ihr schon gesagt hatten, die Braut des „Sehers von Eschede“, jenes Dr. Laurenz Püttmeyer, der auf die Philosophie des Pythagoras zurückgekehrt war und aus mathematischen Figuren das Weltall erklärte. Sie hieß Angelika Müller, war eine hohe, schmächtige, blasse Blondine am Ende der zwanziger Jahre. Bei jeder Anrede erröthete sie. Sie schien ein Gemüth von Weihe und Innigkeit. In Hamburg war sie von einer dort wohnenden katholischen Familie 227 als Erzieherin berufen worden und gestand sogleich mit größter Sicherheit, daß sie den Dr. Laurenz Püttmeyer von Eschede für den einzigen berufenen Denker unserer Zeit halte und daß sie gelobt hätte, nicht früher seine Hand anzunehmen, bis er nicht in Berlin den erledigten Lehrstuhl Hegel’s erhalten hätte. Lucinde glaubte sehr an diesen hohen Geist. Auch der Kronsyndikus hatte oft erklärt, daß die Drechselbank für den Kammerherrn eine Quelle lehrreicher Unterhaltung geworden, seitdem er auf ihr die Würfel und Pyramiden Laurenz Püttmeyer’s herstellte.

Mit dieser Begegnung auf mancherlei neue Eindrücke angewiesen, fuhr Lucinde in ihrem schwer bepackten Miethwagen die schon wieder staubig gewordene Landstraße hinunter. Die Lerchen wirbelten zwar, aber von Westen kamen düstere, den Athem benehmende Wolken, der jenen Gegenden eigene Haar- oder Höhenrauch. Doch schienen die Menschen der Ebene diese Dünste gewohnt. Sie arbeiteten im Felde. Lucinde glich selbst diesen Fluren, auf denen schon so voll geerntet war und über welche schon wieder die Pflugschar ging, um noch in diesem Jahr der Natur neue Triebkraft abzugewinnen.

Noch völlig war sie sich unklar. Man hätte sie in Hamburg in die Schule schicken können, sie würde gegangen sein und mit der Mappe unterm Arm.

228 16.#

Von jenem Uferrande aus, an welchem der Deichgraf in seinen jüngern Jahren, nach dem Ausdruck seines Sohnes, die Sandkörner zu zählen pflegte, gewährt Hamburg einen großartigen Eindruck.

Eine zweite nicht unansehnliche Stadt, Altona, ist ihr eng verbunden. Thürme, hohe Giebel, Dampfessen, Krahnen und zahllose Schiffsmasten ragen fernhin im wirren Durcheinander empor. Auf der Woge kreuzen sich mit rothen Segeln die kleinen Ever, die, von kraftvollen Ruderern geführt, die Kauffahrteischiffe behend umschlüpfen.

Beim Landen tritt man in eine Welt, die sich ihrer Geschichte und Bedeutung bewußt ist. Diese Straßen und Plätze, diese Vorstädte und Hafenkais sind Lungen, die ihre Luft nicht aus dem kleinen Binnenleben der Nachbarschaft, sondern aus dem unermeßlichen Ocean schöpfen, aus den Verbindungen mit England und Amerika und mit diesem im Norden und im Süden.

Bringe niemand die Anschauungen einer deutschen Residenz oder Provinzialstadt mit! Der Matrose, der 229 Everführer, der Schiffsabläder, der Packknecht, der Hausirer, der Karrenschieber nehmen die nächste Bequemlichkeit der Straße für sich in Anspruch und schleudern mit eingestemmten Armen den, der etwa auf sein Spazierstöckchen mit goldenem Knopf oder seine Glacéhandschuhe als Berechtigung zu Ausnahmezuständen verweisen möchte, in souveräner Machtvollkommenheit auf die Seite; glücklich, wer noch dabei in einen Kram getrockneter Feigen oder frischer Orangen fällt, nicht in eine der englischen Gesundheitsgeschirr- und Wedgewoods-Niederlagen, die man an den offenen Straßenecken oder auf ambulanten Karren feil hält.

Vor dem Brande lag die Börse in dem jetzt verschwundenen engen Gewühl jener alten Straßen am Burstah und Rödingsmarkt, deren Häuser manches Menschenalter gesehen hatten. Die Naivetät Hamburgs, die sich so gut mit londoner Civilisationszuständen verträgt, eine Naivetät, die in dem unendlich unschuldigen, sozusagen schämigen Dialekt, auch selbst beim Blasé, sich wie die Unbefangenheit einer champagnertrinkenden Gurli anhört, war durch manchen verwitterten und nur noch an einigen Aesten zum Blühen und Grünen kommenden alten Lindenknorren ausgedrückt, der mitten unter Import und Export, unter Lotteriecomptoiren, Galanterieläden und Austernkellern wie ein Symbol der Unschuld stehen geblieben war. Dieselbe Idylle wiederholte sich beim Anblick der Gemüsekörbe der Vierlanderinnen und des verschwenderischen Ueberflusses, mit dem aus rothen Blechkübeln die Milch durch die Straßen zu fließen scheint. Auch dicht an der alten Börse säuselten noch 230 einige Linden- und Akazienbäume in die „Ueberschreibungen“ von Mark Banco hinein, und mancher gefühlvolle Wechselsensal nahm nach vollbrachter Feststellung der Tagescurse seiner Gattin noch einen Canarienvogel oder Dompfaffen mit heim, den vaterstädtische Gemüthlichkeit am Eingange der alten Börse zu verkaufen gestattete. Es sah ringsum eng, alt, holländisch aus. Nicht des stark vertretenen jüdischen Elements, sondern der Bauart einer vor dem Regen schützenden Halle und des im Freien liegenden Parquets wegen glaubte man in den Vorhof einer alten Synagoge zu treten.

Zu den Gemüthlichkeiten Hamburgs oder den hamburger „Ironieen des Satan“, wie Dr. Heinrich Klingsohr gesagt haben würde – an dergleichen Kraft- und Schlagworte waren auch dort seine Freunde gewöhnt – gehört im Sommer das idyllische Wohnen der Geldleute unter Gras und Blumen vor den Thoren der Stadt.

Es ist wahr, die Atmosphäre Hamburgs bekommt im Sommer etwas Mephitisches. Aehnelt sie auch nicht ganz dem Dufte der pariser innern Stadt, wo die Gewürze, Kaffeebohnen, Pfeffersorten, Zimmetarten aller Zonen zusammenzukommen scheinen und die Kehle zum Ersticken zusammenschnüren würden, wenn die penetrante und vom pulverisirten Theriak erfüllte Luft nicht mit den Gerüchen von ranziger Butter und altem Käse wieder gemildert und gefeuchtet würde, so gesellen sich zu den ganzen und zerstoßenen Gewürzen in Hamburg noch die Ausathmungen der Kanäle oder Fleete, vorzugsweise aber jene sonderbaren Oelgerüche, in die vom 52. Grad nördlicher Breite an alles in Europa eingehüllt scheint, was 231 da lebt und webt. Das ist von diesem Breitengrade an ein Malen und Klecksen mit Oelfarbe an jede Wand, jedes Holz, jeden Stein! Der Nordländer liebt die grelle Farbe mehr als der Südländer. Wir glauben wunder, welche Farbenreize der Spanier für seine Kleidung sucht. Die andalusische Tänzerin kleidet sich in Gelb und Schwarz. Der Nordländer aber will rothe Halstücher, malt sich grüne Häuser, bestreicht seine Windmühlflügel, seine Segel, seine Milchkannen, seine Gartenzäune, schläft in gold- und grünlackirten Bettstellen, hat überall den Farbentopf und den Oelkrug in der Hand, bepinselt und beglänzt Diele und Treppe und Fußboden und Fensterrahmen. Kein Wunder, daß die beengte Lunge sich in jenem frischen Wiesengrün ausathmen will, das dem Hamburger glücklicherweise bis dicht unter die Thorsperre wächst.

Die großen Kaufleute fahren um drei Uhr in ihre prächtigen Villen, die an der Elbe liegen; aber ein solcher kleiner Exporteur in Kleesaat, wie Herr Carstens, geht nach vollbrachtem Tagwerk erst eine Stunde in die Börsenhalle, wo er in die Schiffslisten Australiens blickt, um sich nach „Susanna Maria“, einer gesunden, vollwangigen, frischen Bark, zu erkundigen, die nach Adelaide einige hübsche Dosen jener Panacee der Ackerwirthschaft bringen soll. Sie ist noch nicht angekommen am Orte ihrer Bestimmung, die Susanna Maria, aber ein anderes – wir reden in der Naivetät dieser oft so unschuldig verkannten Geldseelen – „nettes und schoines“ Ding, die „Meta Carstens“, ist sehr guter Dinge in Baltimore eingelaufen und bringt den dortigen Far-232mern das, was ihnen auf ihren Acres jetzt lieber ist als etwa eine Kunde von der endlich errungenen Freiheit Germaniens. Kleesaat ist ein specifisch europäischer Artikel, ohne den es keine ausführbare Brache und keine Hebung des Viehstandes gibt; denn wie am Neckar, so am Missouri: die Kühe werden, wenn sie frisches Heu im Stall bekommen, schöner, als wenn sie draußen im Freien sich das beste Gras zerzupfen und nebenbei immer etwas dabei verschlucken, was ihnen nicht bekommt, wenn es auch nicht der übelberufene Duwock ist, über den sich eben noch bis halb vier Uhr Herr Carstens in eine noch nicht aufgeschnittene und bei Hoffmann und Campe erschienene Broschüre vertieft.

Die Kleesaat ist eine der ergiebigsten Branchen des europäischen und namentlich des deutsch-böhmischen Exports, eine Entdeckung, die nur leider von Herrn Carstens nicht allein gemacht wurde.

Er würde die Broschüre über den Duwock sicher lieber Sonntag Vormittag zugleich mit einer verbotenen Schrift von „Harry“ Heine, letztere natürlich mit entschiedener Indignation, doch theilnehmend, bei sich zu Hause gelesen haben, wenn ihn nicht eine Reihe verfehlter anderweitiger Branchen, Leber, Thran, Gerbstoffe, Talg, zuletzt auf die Kleesaat geführt hätte, einen Artikel, dessen große Erfolge schon andere voraus hatten, diejenigen nämlich, von welchen bereits einige in zierlichen Cabriolets zu ihren Villen am schönen Ufer der Elbe dies- und jenseits Teufelsbrück gefahren sind.

Indessen eine Sommerwohnung zu besitzen, erlaubte Herrn Carstens doch sein jährlicher Umschlag. Sogar sich 233 an Tagen, die, wie der heutige, sich auch gar zu heißer Strahlen des Sonnengotts zu erfreuen haben, einer Droschke zu bedienen, um wenigstens durch die schwülen Straßen bis zum Dammthor zu kommen, gestatteten ihm seine Verhältnisse, die gar nicht so ganz „unrespectabel“ sind. Herr Carstens hat nur die unglückliche Manie, alle zwei Jahre, wenn die Kleesaaten ringsum im Vaterlande in schönster Blüte stehen, sich und seinen beiden Schwestern, die ihm in Ermangelung einer Gattin die Wirth­schaft führten und „das Leben versüßten“, eine Erholungsreise von sechs Wochen zu gönnen, bei welcher er, wie weiland die im December mit ihren Herren wechselnden römischen Sklaven Saturnalien feierten, so die ersten Gasthöfe besuchte und sogar täglich Cliquot nicht verschmähte, den er an den Ufern der Elbe des nebeligen Klimas wegen dem Portwein entschieden unterordnete. Außerdem sparten seine liebevollen Schwestern an einer Mitgift, die sonderbarerweise mit den Jahren zwar zunahm, aber an Werth und Reiz für Männer, die etwa danach heirathen wollten, zu verlieren schien; es scheint leichter, 18 Jahre mit 20000 Mark an den Mann zu bringen, als 45 mit 50000.

Herrn Carstens unendliche Liebe für seine Schwestern, welche ihm diese jährlich in der Jahreszeit, in der wir uns befinden, mit Erdbeerkaltschale oder seinem täglich aufgesetzten Leibgerichte, jungen Erbsen mit „Swesern“, ein für allemal vergolten haben wollten, unterließ nicht, diese Mitgift seiner Schwestern – er hatte ja nur diese beiden – bis auf eine Höhe zu steigern, die ihnen 234 allenfalls auch nach seinem Tode erlaubt hätte, die Erträgnisse des Kleesaatexports entbehren zu können. Es war immerhin ein ganz „respectabler“ Mann von 100000 Mark Banco jährlichen Umschwungs, von welchem schon ca. 6–7000 Nettoniederschlag übrig blieben.

Dennoch mußte er vorziehen, interessante Broschüren lieber auf der Börsenhalle zu lesen, als sich deren zu Hause aufzuschneiden. Er mußte vorziehen, nur alle zwei Jahre von Celle bis Wien und von Wien zurück, vielleicht der Abwechselung wegen, diesmal bis Lüneburg, für einen „hamburger Kaufmann“ zu gelten, sich in seiner Privatliebhaberei, dem Sammeln alter, auf die hamburgische Geschichte bezüglicher Münzen, zu mäßigen, ja er mußte sich sogar die Unbequemlichkeit aufbürden, seinen Schwestern eine Gesellschafterin zu halten, die jedoch für Kost und Logis und den von Meta Carstens ertheilten classischen Pia­noforteunterricht ein Supplement hinzu zahlte … Alles das, um nur zwei geliebte Wesen nicht mit Sorgen und schrecklichen Aussichten auf Entbehrungen, z. B. eines Sommerlogis und der winterlichen Anwesenheit bei jeder zehnten oder elften Vorstellung eines neuen Stücks im Stadttheater (das Stück mußte sich „erst bewährt“ haben) zu hinterlassen, sintemalen sein Unterleib von früherer leichter Auffassung des Lebens geschwächt war und sein Muskel- und Knochenbau – eine natürliche Folge des hamburger Winterklimas – an Rheumatismus litt, zwei Krankheitsbedingungen, die, wenn sie sich begegneten und den Rheumatismus auf einen der edlern Theile des Herrn Carstens – und die edelsten waren sein Herz und 235 sein Magen – werfen sollten, allerdings seinem Leben plötzlich ein Ende machen konnten.

Hier nun, in der vor dem Dammthore in Hamburg gelegenen Sommerwohnung des Herrn Nikolaus Carstens, treffen wir „Fräulein Lucinde Schwarz“ wieder, herausgenommen aus Lebensverhältnissen völlig anderer Art, in neuen Umgebungen, neuen Anschauungen, neuen Empfindungsweisen.

Lucinde verdankte diese Uebereinkunft jenen Gütern des Kronsyndikus, von denen das eine in Holstein, das andere in Mecklenburg verpachtet war. Die Kleesaat war auch hier die grüne Spur, die von dem Teutoburger Wald, über den Haarrauch und die Heidschnucken hinweg, mit einem Umwege über die Marschen und Geeste des rechten Elbufers, nach einem noch volle zwanzig Minuten vom Dammthor gelegenen Landsitze führte, der unter ähnlichen Landsitzen mit Nr. 33 kenntlich gemacht war und aus einem Vorgarten von etwa auch dreiunddreißig Schritten, jedoch keineswegs in quadrater Potenz, sondern nur etwa zwanzig Schritten der Breite nach, einem Hause von anderthalb Stockwerken ohne Keller und einem Hinterhofe und Hintergarten bestand, der seinerseits nur zehn Fuß lang und fünf Fuß breit war, einen Holzschuppen enthielt mit einer Hundehütte und die Grube zur Inempfangnahme alles überflüssigen Niederschlags irdischen Daseins. Nach hinten war alles das von einem schon abgeblühten Hollunderbusch umzäunt und trennte auch dies Gebüsch diesen Tummelplatz ländlicher Erholung von einem ditto, der mit gleichen luxuriösen Bequemlichkeiten seine Fronte in einer andern Straße hatte 236 und vielleicht dort an einer Nr. 76 oder 77 bemerklich war, wo wiederum in gleicher Weise auch nach vorn dreiunddreißig Schritte bis zum Straßenstaket Raum geboten wurde dem „Flügelschlage einer freien Seele“.

Der Vorgarten in Nr. 33 war zum größten Theile grüner Rasen, an dessen Frische und Ueppigkeit es bei einem landwirthschaftlichen Samenhändler nicht fehlen konnte.

Dicht an dem Hause, dessen Fenster so niedrig gingen, daß man sich bequem auf ihrem Simse hätte niederlassen können, wenn nicht die hanseatische Gewohnheit die Fenster statt nach innen nach außen öffenbar angebracht hätte, war eine, wie sich von selbst versteht, grünlackirte hölzerne Laube befindlich, durchzogen von einer einzigen, bereits von unten her in emporschlängelnder Entwickelung begriffenen Weinranke, deren bisjetzt noch mangelnde Ausdehnung und Blätterfülle einstweilen ein in der Höhe von anderthalb Fuß üppig wuchernder Wald von türkischen Bohnen und Kresse ersetzte.

Vorn und am Rande der Breterwand links und der Breterwand rechts lief eine grüne Wand von spanischem Flieder hin, einigen Weidenstumpfen mit keck ausschießenden Zweigen und vorn am Eingang zwei duftenden, weil noch in der Nachblüte befindlichen kleinen Akazienbäumen.

Mangelte es an Schatten, so ließ sich von zwei Drittel Höhe des Häuschens eine großartige Markise von roth- und weißgestreiftem Segeltuche niederlassen, die auch über die allzu jugendliche Entwickelung der Laube den Mantel der Liebe breitete.

Im Erdgeschoß gab es drei Zimmer: eins zum Spei-237sen, eins zum Wohnen, eins zum Schlafen. Dazu eine Küche. Oben wohnte Herr Carstens. Seine Statur war glücklicherweise nicht zu hoch. Er konnte in der zweiten Etage vollkommen sicher sein, die Decke so unbeschädigt zu lassen, wie §. 7 des Mieth­con­tracts es bedingte.

Die Hauptsache an einer solchen hamburger Sommerwohnung ist nur, daß ein Raum vorhanden ist, wo der Kohlencomfort stehen und der Theetopf sieden kann. Die grünen Erbsen und gebackenen „Sweser“ mochte man im Hause verzehren, Speisegeruch ist überhaupt der Nachbarschaft wegen „nicht genteel; aber der Theetopf hat sein unbestrittenes Recht. Auch in Nr. 33 stand er um 7 Uhr Abends auf dem eisernen Kohlengerüst; das Tischtuch wird in der Laube ausgebreitet, die Markise in die Höhe gezogen und das altsächsische „Ich bin Herr in meinem Hause“ in einer Weise geltend gemacht, daß man sich vor den Augen der Welt weder im Nähen, noch Stricken, noch Sticken, noch Lesen, noch Schlafen, noch Rauchen, noch Wiegen in einem amerikanischen Wiegestuhl, noch Erscheinen in einer glänzenden Hausjacke von Pferdehaartuche irgendwie stören läßt. Den Vorübergehenden fällt nichts auf, weder eine grüne Brille noch eine graue Katze, weder ein schwarzer Hund noch ein rother Papagai, weder ein gelber Strohhut von vier Ellen Umfang noch eine schlangenartig gewundene Cigarrenspitze von schönster hellrother genueser Korallenarbeit … Letztere war eine Neigung zur Koketterie des Herrn Carstens, wie jene sogenannten Nizzahüte eine der mehreren, doch erlaubten seiner beiden Schwestern.

Wir finden Lucinden wieder, wie sie sich schon am 238 Millernthor von Angelika Müller, die zu einer hier etablirten reichen Handelsfamilie aus Antwerpen zog, um dort im Hause Lesen, Schreiben und Rechnen nach confessionellen Bedingungen zu lehren, getrennt hatte. Die Braut Dr. Püttmeyer’s, des Hegelstuhl-Aspiranten, wurde von einem eleganten Wagen im Hafen in Empfang genommen. Lucinde aber fuhr in einem Fiaker ins Comptoir des Herrn Nikolaus Carstens am Rödingsmarkt, einer düstern, mit Bäumen besetzten holländischen Gracht. Hier im Lärmen der sich durch den Kanal fluchenden Schiffer, der Krahnenwinder, der Führer von schwerstampfenden, schellenbeladenen Lastrossen wohnen bleiben zu sollen, hätte ihr die Sinne benommen. Sie wurde sofort in die „schöne Natur“ vor’s Dammthor dirigirt und fuhr dorthin, erwartungsvoll, was ihr das Schicksal an neuen Prüfungen und läuternden Vorbereitungen fürs Leben bescheren würde.

Anfangs kam sie sich in ihrer neuen Lage wie eine Gefangene vor.

Man hatte ihr gesagt, ein älterer Herr, Junggesell mit zwei Schwestern, pflegte, obgleich alle drei in sehr „respectablen“ Verhältnissen lebten, doch zur Zerstreuung und Belebung des „Hauses“ bald eine junge Baronesse vom Lande, die sich in Sprachen und Musik vervollkommnen sollte, bald eine Engländerin, die an der besten Quelle deutsch zu lernen beabsichtigte, bald eine Binnenländerin, die zu viel Thee und Zwieback und zu wenig Rostbeef genossen und der überdies Wasserluft, Milch und Wiesengeruch gut thun sollte, liebevoll in die Gemeinschaft einer stillen Familie aufzunehmen.

239 Mit jenem hamburger Schein der urweltlich angeborenen Solidität und einer Gemüthlichkeit, die selbst in Geldsachen nicht aufhört, mit jenem kindlichen sich wie von selbst verstehenden Fallenlassen des Tons, werden dabei auch einige hunderttausend Mark Banco genannt, mit jenem gewissermaßen weiter nicht zur Sprache kommenden zufälligen Schlußschnörkel eines gleichfalls nur der Form wegen aufgesetzten Contracts war eine Pension von 1500 Mark Courant für sie bewilligt worden. Diese leichte und graciöse Behandlung des Geldes, das nur vor dem Wechselgericht oder bei der ersten und zweiten Prätur eine ernste und dann zuweilen recht grobe Bedeutung annehmen kann, imponirte Lucinden ebenso sehr, wie die schnell eroberte Freundschaft, die ihr zwei Damen entgegentrugen, die das „süße Mädchen“ behandelten, als hätten sie sie schon aus Langen-Nauenheim gekannt, wie sie noch barfuß unter den Enten in den Bächen herumkrebste, an welchen gerade auch solche Weiden standen, wie sich zwei hier hinter das Staket her verirrt hatten, zum Beweise, wie feucht die Luft und der Boden war. Ja, es war im Verkehr gleich alles hier so sicher, so fest, so unbeschreiblich gediegen, solid, leidenschaftslos, gewiegt, so ganz in ihr neuer Art und unendlich imponirend. Selbst die großen Nizzahüte, die einem Schattengeber, den auf Schloß Neuhof auch die Lisabeth trug, fast gleichkamen, machten Lucinden eine Weile sprachlos. Doch ängstigte sie es bald, daß beide Schwestern, Sophia sowol wie Meta, mit ihren Hutkrempen fast die ganze Sommerwohnung unter Schatten setzen konnten.

240 Lucinde wußte einige Tage lang im wörtlichen Sinne weder aus noch ein. Schon gleich, als sie den Winkel sah, in dem sie schlafen sollte, kamen ihr die Tage bei der alten Buschbeck in Erinnerung. Das Erwachen, Ankleiden hinter Bettschirmen, die erste Anlage und spätere Vollendung der Toilette zu dreien in demselben Zimmer, und das alles verbunden mit dem im ländlichen Negligé eingenommenen ersten Frühstück nebst Fleisch und Eiern, dazu Herr Carstens im Sommerrock, mit der gewundenen Korallenspitze im Munde, dann das Rühmen des rings von den allerdings vorhandenen Wiesen in die „Gärten“ hereinwachsenden grünen Gras-Gottessegens, das unleugbare Klingeln wirklich vorhandener Kühe und die allgemeine Bewunderung dann beim „gebildeten Gespräch“, das überhaupt in Aussicht gestellt wurde, vor drei alten hamburger Kupfermünzen, die Herr Carstens als Perspective künftiger geistiger Genüsse gestern mitgebracht hatte, dann der umständliche, zärtliche Abschied des Bruders, wenn er ins Geschäft ging, und alle diese täglichen Vorgänge in einer sich immer gleichbleibenden Cadenz des Gemüthlichen, des Sichvonselbstverstehenden und gleichsam Uraltewigen und auch noch nach Jahrtausenden Sosichgleichbleibenden … das machte ihr einen Eindruck, als hätte sie müssen in die eingehegten Wiesen hinüberspringen und zunächst gleich bei den Melkerinnen drüben, die vor den großen rothangestrichenen Kübeln saßen, Hülfe und Unterhaltung suchen.

Allmählich aber fand sie sich dann, besonders als die jüngere Schwester – mit welcher Bezeichnung indessen ihr Alter nicht etwa aus dem Beginn der Vierziger 241 zurückverlegt werden soll – ihre Hauptforce entwickelte, das Spiel am Piano.

Das stand im Wohnzimmer, dicht in der Nähe der in der Entwickelung begriffenen Laube.

Man konnte die „Sonate pathétique“ nicht schmelzender, die „Eroica“ nicht feierlicher vortragen als dies Meta Carstens that. Lucinde fühlte, was sie hier lernen konnte. Sophie handelte wol unterdessen mit einem jungen bäuerlich gekleideten und an einem Schulterquerbalken ein Dutzend Gemüsekörbe tragenden Burschen um junge Erbsen und ein fliegender Metzger brachte die vielbesprochenen „Sweser“. Das Plattdeutsche, dem Lucinde auf Schloß Neuhof kaum entronnen zu sein glaubte, tauchte dabei aufs entschiedenste wieder auf. Es stand indessen den Schwestern, besonders wenn sie mit den Vierländern verkehrten, ganz zierlich und erhöhte den Eindruck des Gelassenen, Soliden, Leidenschaftslosen und „Respectabeln“, welches letztere Wort immer das dritte war. Die kalte Ruhe aber wieder, mit der die Schwestern – Meta stand dann zur Unterstützung der Debatte mitten aus dem dritten Satz der „Eroica“ auf – die grünen Erbsen auf die Hälfte hinunterbieten und mit einem: „Ne, Ne, Ne, min Jong! Hol di jo nich op, min Jong!“ den Handel abbrechen konnten, stand in so seltsamem Widerspruch mit der Süße des Tons, daß sie immer nur schwieg und horchte und über so seltsamer Gegenwart fast die Vergangenheit vergaß.

Klingsohr kam dann endlich auch aus Göttingen an. Daß sie die Verlobte eines Doctors der Rechte war und dieser selbst ein mit der Durchführung wichtiger adeliger 242 Processe betrauter Advocat, der eine Zeit lang in hiesiger Stadt wohnen wollte, wurde schon in der Correspondenz über die Marschen und Geeste hinweg von Schloß Neuhof aus nach dem Rödingsmarkt berichtet.

Klingsohr besaß selbst etwas von der eigenthümlichen Art der Studirten, die in hanseatischen Städten den Ton angeben. Er hatte meist seine Ferien bei hamburger Freunden verlebt und verkehrte in Göttingen überhaupt nur mit Studenten, die unter sich plattdeutsch sprachen. „Selbst ist der Mann!“ scheint die Devise aller dieser jungen hamburger Aerzte und Advocaten zu sein. Klingsohr fand hier die liebsten Genossen seiner Studienzeit wieder. Gleich den ersten Abend, wo er zum Thee in der hoffnungsvollen Laube blieb, fand er auch bei den Damen und Herrn Carstens einen außerordentlichen Anklang. Bei Herrn Carstens besonders, seitdem er mit ihm über den alten Seeräuber, den Störtebeker, gesprochen. Als die Hinrichtung desselben erzählt werden sollte, brach zwar Klingsohr ab, versprach aber Herrn Carstens einige Münzen über die Einführung des soester Stadtrechts in Hamburg zu bringen, die er noch von seinem Vater aus der Deichgrafenzeit her besaß. Eben schwamm Herr Carstens darüber in Entzücken und notirte sich den Gegenstand zum Nachschlagen in den reichen Bücherschätzen der Börsenhalle, und schon hatte er auch Meta gewonnen durch eine Parallele zwischen Mozart und Beethoven, indem er jenen mit Rafael, diesen mit Correggio verglich und dadurch bei den Schwestern die Schleusen wegzog von verhaltenen seligsten Erinnerungen an die dresdener Galerie, Terrasse und 243 Sächsische Schweiz … Ein Wort gibt dann eben das andere. Sophia Carstens bewunderte des Doctors Kunst, sich plattdeutsch auszudrücken. Man merkte dies bei der Plage der Sommerwohnungen, den Bettlern, die er plattdeutsch über ihre Herkunft und sonstige „Poesie des Zigeunerthums“ examinirte. Sophie fand, indem sie trotz dieser Poesie doch lieber die Thür des „Gartens“ abschloß und mit wenigen Schritten wieder hinterm Theetopf saß, eine Bürgschaft seines Gemüths darin, daß er die lieblichste und sanfteste Sprache von der Welt über seinen Reisen und gelehrten Studien nicht vergessen hätte.

Mein guter Vater, sagte der Doctor mit melancholischem Ausdruck der Mienen und eine Weile die Cigarre aus dem Munde nehmend, mein Vater haßte die plattdeutsche Sprache. Er duldete schon nicht, daß sie drüben in Stade, wo er wohnte und meine Mutter geheirathet hatte, in seinem Hause gesprochen wurde. Auch auf der Buschmühle, wo alles plattdeutsch spricht, mochte er sie nicht hören. Er nannte sie eine faule und bequeme Bauernsprache, nur gemacht für das Ideal des zufriedenen feudalen Schlaraffenthums. Wenn er über irgendeine Trägheit in seiner Nähe in Zorn gerathen konnte, über ein Gehenlassen wichtiger Dinge, über Gesinnungslosigkeit in großen patriotischen Fragen, so rief er: „Sitt ick in gooder Roh’, rook min Piep Toback datô!“ Er glaubte damit das ganze Wesen des Plattdeutschen getroffen zu haben.

Die drei Geschwister Carstens kannten das unglückliche Ende des berühmten Mannes und verriethen nur 244 durch Achselzucken ihr Bedauern über diesen Mangel bei soviel anderweitigen Vorzügen.

Lucinde aber konnte nicht umhin, die gleiche Abneigung auszusprechen.

Das ist ja eine Sprache, sagte sie, die eines Mannes gar nicht würdig ist! Man glaubt sie nur im Winter hinterm warmen Ofen oder aus einem großen Backtroge heraus hören zu können, in den man sich mit der gestreiften Schlafzipfelmütze gelegt hat, um noch die Wärme nachzugenießen. Plattdeutsch ist eine Sprache, mit der man nur über saure Milch und ob die Gurken schon blühen, reden kann. Will man einen Gedanken aussprechen, so läßt sie uns gleich im Stich. Jeden Buchstaben, der Kraft und Energie erfordert, läßt sie aus ihrem Alphabet herausfallen; alles schlorrt darin wie in niedergetretenen alten Pantoffeln. Schleppt das und schlendert und ist dabei so kalt, so eingebildet! Der Buchstabe S wird T, Ch wird K, das A vernergelt sich in E. Ganze Buchstaben und Silben fallen weg, um nur schnell wieder zum Ofen zu kommen. „Geldschlagen“ ist „Slân“, „aufgestanden“ ist „upstân“. Von den erhabensten Dingen spricht diese Sprache wie von Kinderspielzeug, und dabei liegt doch wieder eine Malice, eine Gereiztheit in ihr, die uns z. B. vor den Mägden, wenn diese hier plötzlich hochdeutsch zu sprechen anfangen, einen blanken Schrecken einjagen kann.

Das war freilich eine entsetzliche Anklage! Um so mehr, als die Schulmeisterstochter in solchen Dingen ganz auf ihrem Felde war! Die Schwestern sahen sich nur um, daß sie weder Nr. 32 noch Nr. 34 belauschten, 245 dort eine Maklerfamilie, die unter sich immer nur plattdeutsch sprach – man konnte die Erwachsenen dann allerdings von den Kindern kaum unterscheiden – hier ein Professor vom Johanneum, der diese Mundart wissenschaftlich behandelt hatte und für den Störtebeker und das soester Stadtrecht dem Kleesaathändler von großer Wichtigkeit war, da er die vaterstädtische Neigung desselben wissenschaftlich unterstützte.

Man blickte schweigend und um Widerlegung mit flehentlichen Blicken bittend auf den Doctor, der seinerseits die großen Wasserseen seiner Augen wie übertreten ließ und geschmeichelt über Lucinden staunte, die den Vortheil genoß, den die Verpflanzung aus einem alten in neuen Boden mit sich bringt. Nichts hebt die geistige Kraft so sehr, als sich in Vergleichung bringen können mit neuen Eindrücken, sich abheben von einer gründlich veränderten Folie.

Wie Lucinde auch so gar bitter und fest sprach, merkte der Doctor erst, daß sie sich auch äußerlich verändert hatte. Er musterte sie, immer noch schweigend, mit staunender Bewunderung. Ihr Körper hatte sich wie zum Abschluß entwickelt unter dem Einflusse des Erlebten. Immermehr gewann vielleicht der charakteristische Ausdruck über den ideal-schönen die Oberhand. Ihre Züge glichen jetzt jenen seltsamen Köpfen, die uns aus irgendeiner hervorspringenden Besonderheit sogleich unvergeßlich sind, die aber auch Gefahr laufen können, daß sie mit der schwindenden Jugend die Anmuth verlieren. Hier, wie sie eben noch zu gleicher Zeit eine Fliegenjagd eröffnet hatte, dabei einen gleichfalls runden Hut, der 246 jedoch um einen Fuß weniger Umfang hatte als bei den Fräulein Carstens, abriß und ihn zum großen Schrecken derselben sogar auf eine Wespe warf, blieb der Eindruck einer Amazone, die Kraft mit Verschmitztheit verbindet. Der leise geöffnete Mund zeigte die Zähne; das Haar war, weil eine Toilette in dem engen Raum nicht mehr möglich wurde, fast um die Hälfte von ihr gekürzt worden; sie trug es nun in großen und cylinderförmigen Wellen zusammengebunden um Scheitel und im Nacken. Um den Hals lag ein Collier antiker Form, das ihr der Kronsyndikus von den Schätzen mitgegeben, die angeblich seiner Frau, vielleicht einer seiner Italienerinnen gehört hatten, und den halbentblößten Arm schmückten zwei gleiche reich mit Perlen und Rubinen besetzte alterthümliche Armbänder. Sie besaß eine ziemliche Auswahl solcher alter Schmuckgegenstände, und jenes Fräulein Angelika Müller, mit dem sie gereist war, hatte beim zufälligen Anblick des geöffneten Kastens, der sie enthielt, gesagt: Alles alt, aber gerade jetzt sehr modern!

Das Unvergeßliche an Lucindens Aeußerm waren vorzugsweise ihre schwarzen und wie von einer Entzündung aller feinsten Aederchen bis in die Wangen rings umschatteten Augen, ein plastisch gleichmäßiges Oval des Kinns, dann ein stetes Lächeln am kleinen Munde und in der Haltung ein fortwährend grübelndes Niederblicken, wie wenn sie auf dem Boden etwas suchte, was sie verloren. An diese Einzelzüge dachte man, wenn sie genannt wurde, ebenso schnell wie bei den Fräulein Carstens an die Nasen derselben. Man hätte allerdings glauben 247 können, diese Damen stammten aus dem urweltlichen Geschlecht der Saurier, von welchem bekanntlich nur noch das Krokodil, das Chamäleon und die Eidechse als Reste übrig geblieben sind.

Klingsohr sah zwar auf die Uhr und sprach von einem Spaziergang an dem Rande der Alster, des nahe gelegenen Flüßchens, an dessen Ufern sich zwar nur Sand aufwellt, aber auch alte, schöne, sturmerprobte Eichen stehen in einer Pracht und Fülle, als hätten sie schon den hier einst lebenden Klopstock zu seinen Bardengesängen begeistert … Aber die Familie hatte die Freude, daß er doch noch erst den schwebenden Kampf aufnahm und im Plattdeutschen gerade statt Schläfrigkeit und Trägheit Energie und Thatkraft fand.

Wenn, liebe Freundin, sagte er, diese Ihre Holzpantoffeln und gestrickten blauweißen Nachtmützen rasch zum Ziel kommen wollen und die Sprache kurz nehmen, so ist damit nicht der Ofen gemeint, sondern die Sache selbst, um die es sich in der Gemeinde, auf dem Acker oder auf dem Schlachtfelde handelt. Man nimmt bei uns die deutsche Sprache gerade so, wie sie so auch der Engländer nur brauchen konnte, der allerdings das, was noch für die Ideenwelt meines Vaters fehlte, aus der Bretagne herübernahm. Gibt es schlagfertigere Volksstämme, als es die Dithmarsen und Friesen waren und es noch sind? Hat diese rasche und behende Sprache, die sich mit keinem weitläufigen und unbeholfenen „Aufgestanden“ aufhält, sondern rasch und flink vom „Upstân“ spricht, nicht die schöne Eigenschaft, Bauer und Edelmann fast gleichzustellen? Sie macht aus den Be-248kennern dieser Mundart fast eine einzige Familie. Wenn sie vielem Philisterhaften einen Vorschub zu leisten scheint, so leistet sie ihn in Wahrheit doch nur der Einwurzelung des persönlichen Stolzes auf eigenen Besitz, eigenen Grund und Boden. Die Neuerung, deren Ideen sich freilich nicht nach plattdeutschen Lauten ausdrücken lassen und, wollte man von Verfassungen und Aehnlichem darin sprechen, eher wie Spott klingen würden, ist diesen Stämmen fremd; aber hat es nicht sein Gutes, daß wir noch im Vaterlande Schanzen und Wälle der frei bewahrten Selbständigkeit gegeneinander aufwerfen können? Die Einheit ist ein schöner Klang; aber sie gewinnen auf Kosten unserer bessern Natur? Wer möchte das befürworten um solchen Preis! Der Deutsche bildet nur ein geistiges Volk. Seine Kraft liegt auf der Scholle, die er vertheidigt, seiner Sitte, seiner Sprache, seinen Ueberlieferungen. Mit dem überall aufgepflanzten einheitlichen Banner, einem schwarzweißen oder schwarzgelben oder schwarzrothgoldenen sogar, würden wir unsern besten Gehalt verlieren, und so ist auch die plattdeutsche Sprache nur Hemmschuh zu desto sichererer Fahrt. Nivellirenden Staatsmännern gegenüber schützt gerade sie Person und Gemeinde.

Wenn die Damen Carstens Romane lasen, so suchten sie glücklicherweise immer gerade das, was andere überschlugen. Sie strichen sich gern sogenannte schöne Gedanken an und schrieben sie hernach in ihre Sammlungen über zur erhebenden Lectüre in Augenblicken der Sehnsucht und des Sichnichtverstandenfühlens oder zur Stammbücherbenutzung. Diese Erörterung, die der Doctor 249 ihnen anzuhören zumuthete, nahmen sie für eine ihrem Geiste dargebrachte große Huldigung. Schon weckte dieselbe die überraschte Aufmerksamkeit der Nachbarschaft. Fernerhin war der Uebergang in die gerade schwebende Frage des Zollvereinsanschlusses die leichteste Folge dieser Meinungsäußerung, für welche freilich Lucinde keinen Widerspruch hatte. Sie ließ den beiden Damen den Triumph, durch die Festhaltung ihrer heimischen Sprache auch den Kaffee, den Zucker und den Wein vor den Gefahren des Untergehens in deutscher Allgemeinheit gerettet zu sehen. Lauschte nebenan der Professor vom Johanneum, so mußte er seine Freude gehabt haben an Klingsohr’s Rede. Er würde nicht Anstand genommen haben, ihn zu einem Bekenner der Schule Justus Möser’s zu machen, einer Schule, die bekanntlich keine Wiedergeburt Deutschlands zulassen würde, wenn nicht auch in ihr Rechnung getragen würde dem Ewig-Osnabrückischen.

Der Abend wurde kühl, wie es die vielen Wiesen nach Untergang der Sonne mit sich bringen.

Klingsohr wollte an die Alster und bat um Lucindens Begleitung …

Diese warf ihre Mantille um, einen Hut über und begleitete ihren Freund, wohin er sie zu führen gedachte.

Es gab trotz der volkreichen Stadt, die zu einer bestimmten Stunde auch wie im Nu durch die theuere Thorsperre die Bevölkerung in ihre Wälle und Mauern zurückdrängt, hier draußen einsame und stille Wege. Sie waren ländlicher Art, führten durch Weidenalleen über Wiesen an Bächlein entlang, führten durch kleine Bir-250kengehölze und endeten in parkähnlichen Vergnügungs­orten, die jetzt von Menschen ganz entleert waren.

Der Himmel wurde dunkler und dunkler und ließ schon einzelne Sterne blicken. Die Sichel des Mondes stand schon länger, aber sie war noch matt und füllte sich mit vollerm Lichtglanz erst gegen Mitternacht.

Das stille, heimliche Käferleben in Büschen, an Hecken und Zäunen regte sich; es war kurz nach Johannis. Die Phosphorfunken, die man haschte, wurden auf der Hand zu kleinen Käfern mit punktirten Flügeldecken. Der sumpfigen Natur konnten die Frösche nicht fehlen, diese Kukuks der Wasserwelt, die ihr Einerlei zum besten zu geben nicht müde wurden. Friedlich ernst rauschten, von einem leisen Luftzug erregt, die berühmten Eichen der Alster. Fernher brauste das Gewühl der großen, in der Abendstunde die durch die Arbeit gebunden gewesenen Sinne entfesselnden Stadt; Musik tönte herüber von einem Kranze von Lichtern, der um das Bassin des Jungfernstiegs immer reicher und voller sich hinzog.

Gerade hierher nun nach soviel Erlebtem versetzt zu sein, war für beide wunderbar genug. Klingsohr legte den Arm um Lucinden und wiederholte die Betheuerung seiner Liebe.

Er hätte, sagte er, ein reiches Feld von Thätigkeit in den verwahrlosten Processen der Wittekind’schen Familie gefunden, es könnte sich bis zum Winter hinziehen, daß er hier bliebe …

Und dann? fragte Lucinde, die eine gleiche Wärme wie damals auf Schloß Neuhof für den Freund nicht mehr fühlte.

251 Was wir erlebten, erwiderte dieser, kam so unglückselig störend, kam so die nächste Besinnung raubend, daß ich noch keinen Plan für die Dauer gefaßt habe. Ach, und wie oft ist mir’s wieder, als sollt’ ich dich umfangen und dich mit mir hinabziehen in Tod und Vernichtung! Sieh den geisterhaften Schein der Wellen! Wie still und geheimnißvoll sie dahinfließen!

Lucinde wandte den Kopf zu dem Sprecher empor. Er hatte ihr den Hut abgenommen, weil der Rand desselben ihn hinderte, sich fester an sie zu schmiegen. Letzteres that er mehr als sie dessen erwiderte. Sie fand ihn schwankender, haltloser, als sie von Männern seiner Art geglaubt hatte. Und bei dem „geisterhaften Schein“ der Wellen auch ihres unglücklichen Vaters gedenkend, schüttelte sie’s fast wie Frost. Sie sagte fast wie mit bewußtester Prosa:

Warum denn sterben!

Ein Seufzer entrang sich seiner Brust …

Wie drüben in der Stadt die Wagen rollen! fuhr sie fort. Wie die Musik so lustig klingt! Das alles ruft und will genossen sein!

Klingsohr lüftete den Sommerhut und fuhr sich erregt durch sein krauses röthlich schimmerndes Haar. Die Narben an Stirn und Wangen zuckten.

Laß uns von dem Schilf da fort! sagte er und zog Lucinden vom Ufer mehr der Baumallee zu …

Blicke auf Vergangenheit und Zukunft mußten sich jetzt von selbst ergeben.

Klingsohr sprach viel und schnell durcheinander vom Tode seines Vaters, von der Schuld des Stephan Len-252genich, die sich immer erwiesener herausstellte. Er wiederholte wie schon oft:

Der Schrecken über den einsamen Anblick des Erschlagenen, das Entsetzen, daß man ihm hätte die That zuschreiben können, hatten den Kronsyndikus in Verwirrung gebracht, und, was mehr ist, hinter dem Hasse gegen meinen Vater barg sich Freundschaft. Vom Schicksal desselben erschüttert, unfähig, der Erste zu sein, der es anzeigte, sprengte er nach Neuhof zurück, konnte die Todesnachricht nicht über seine Lippen bringen, verbrannte in einem Anfall von Großmuth, was er von Schuldforderungen noch in der Buschmühle geltend machen konnte und bot mir seinen Schutz und sogar den Vaternamen an und mein ganzes Glück in dir! … Stephan Lengenich ist der Mörder … Die Feinde meines Vaters waren ja zahllos. Auf jedem Waldwege begegneten ihm Männer, die ihm den Gruß verweigerten. Ich hörte ihn einmal klagen, daß man auf der Buschmühle Feuer angelegt gefunden. Man verschwieg es, weil gerade ihn der Verlust der Popularität schmerzte. Hoch immer auf dem Schilde aller wollte er getragen sein. Er konnte keine Gegner dulden, ohne sie nicht von der Nichtigkeit ihres Hasses überzeugen zu wollen. That er’s dann, so verwirrte sich der Hader nur erst recht. Feindschaft, die auf Antipathie beruht, vermittelt sich schon bei einer günstigen Gelegenheit zum leidlichen Auskommen; tauscht man aber mit ruhiger Ueberlegung Warum gegen Warum aus, so treten erst recht Verletzungen ein, die unheilbar sind. Diese Tage sind düster, aber sie liegen hinter uns. Vor uns winkt die Zukunft. Kehr’ 253 ich nach Göttingen zurück, so sollst du die Muse meiner Studien sein. Lass’ ich mich von Freunden, deren ich hier nur zu viele fand, bereden, hier zu bleiben, so findest du dich in diese neuen Anschauungen. Komme, was kommen mag,

Nun war Klingsohr im gewohnten Zuge und drückte sie, dichtend und phantasirend, wilder an sich, als ihr, der nur Horchenden, wohlthat.

So gingen sie bald wieder am Schilf des Ufers oder suchten, um nicht im Sande zu versinken, grüne Stellen. Weiter kam ein Weidengebüsch. Da blieben sie stehen und Klingsohr ergab sich mit neuen Betheuerungen seinem ganzen Gefühl, das jetzt ein keckes und herausforderndes wurde.

Lucinde schwieg nur. Es war ihr nicht als wäre sie die Mitschuldige eines Mitschuldigen; aber irgendetwas blieb im Dunkeln … Eine gewisse Kluft zwischen Klingsohr und ihr konnte sie nicht mehr ausfüllen. Sie wußte nicht, woran es lag, daß sie sich ihm plötzlich gewachsen fühlte, ja ihn übersah. Die Zauber des Fesselnden waren ihm plötzlich für sie abgestreift, und so bedeutsam seine Rede blieb, seine Thatkraft vermißte sie, und selbst seiner Rede, seinem Humor, seinen Versen, hörte sie Gebundenes, Unfreies ab, ja, eine Gefallsucht, für die sie nur keinen Ausdruck hatte.

Und doch gerade in ihm hatte sie Ausdehnung und Raum zu finden gehofft wie im Universum, das er sonst auf seinen Schultern zu tragen schien! Nun gefiel ihm 254 sogar diese enge, begrenzte Welt, in die man sie versetzt hatte. Es war eine Freiheit, die ihr Zwang erschien. Und die Zumuthung, daß sie ihm Stab, sie ihm Stütze sein sollte!

Er begleitete sie an das kleine Haus zurück, in die Mausefalle, wie sie es nannte. Sein Abschied war stürmisch; sie sagte ihm kühl eine Gute Nacht!

Zehn Uhr Abends war’s. Dennoch sieht man Klingsohrn noch nicht in seine Wohnung gehen, sondern in einen der Pavillons eintreten, die sich am Alsterbassin befinden.

Musikklänge, Tabackrauch, die Düfte von Grog und Punsch wirbeln in allen …

Hier begegnen sich der Einheimische und Fremde …

Draußen vor der Thür stehen Sessel, auf welchen man, wenn die des Nachts sich zuweilen sanft wieder mildernde Wasserluft es gestattet, die wogenden Menschenmassen an sich vorüberziehen läßt, wol auch die auf dem Wasser noch mit chinesischen Lampen dahinrudernden Gondeln verfolgt und ein Bild voll Leben und Bewegung in sich aufnimmt, das nur in der Ferne eine einzige große Windmühle unschön, aber doch charakteristisch begrenzt.

Diese Pavillons sind so bequem gelegen, daß man sich ihrer kleinen Ecksitze im engern innern Raum gern als Stelldicheins für Freunde bedient. Manche Tische werden immer von derselben Gesellschaft in Beschlag genommen, entweder bei schönem Wetter draußen oder bei unfreundlichem drinnen. Im Winter ist man jedenfalls sicher, immer eine Gruppe von Bekannten an einer und derselben Stelle zu finden.

255 Der Kreis, in dem sich Klingsohr hier bewegte, ist ein den Hansestädten ganz eigenthümlich angehörender.

Der Kaufmann ist dort der bestimmende und maßgebende Theil der Bevölkerung, aber zu seinen Ergänzungen gehört der Arzt, der Advocat, auch der Schriftsteller und Gelehrte überhaupt, denn an dem Bedürfniß des gedruckten Buchstabens fehlt es durchaus nicht, und eine diesen Städten ganz ausschließlich angehörende Literatur beeifert sich es zu befriedigen. Die Achtung vor der Wissenschaft ist nicht gering. Man kann aber auch sagen, daß die, welche zu ihren Bekennern gehören, nichts unterlassen, was ihre Geltung mehren kann.

Nirgends äußert sich der Arzt, der Advocat und Schulmann mit solcher Bestimmtheit wie unter Kaufleuten, und niemand unterwirft sich ihnen auch so unbedingt wie diese. Englands Parlament ist ein Beweis, wie der Nimbus der gemachten Studien sich vorzugsweise in einer großen geschäftlichen Welt erhält. Diese Aerzte und Advocaten sind es vorzugsweise, die den öffentlichen Geist bestimmen und das Endurtheil auch in den Familien abgeben, denn, wie jene die Frauen regieren, so werden diese zu jeder Berathung von größerer Wichtigkeit hinzugezogen. Die einen von ihnen folgen dem allgemeinen Geiste des Erwerbs und nehmen früh eine praktische Richtung an, streifen den Idealismus ab, reden mit dem gemeinen Mann in seiner Sprache und nehmen die materielle Welt ganz wie sie ist; die Wissenschaft wird ihnen eine melkende Kuh; sie verschmähen selbst die Intrigue nicht, und werden in der oft bis zum Lieblosen gehenden Entfaltung des schroffsten und einseitigsten juristi-256schen Verstandes unterstützt von denen, die ihre Spitzfindigkeit in Anspruch nehmen, bewundern, rühmen, reichlich belohnen. Die andern sind, wie die menschlichen Entwickelungen einmal durch ihre angeborenen Anlagen bestimmt werden, von einer idealen Haltung. Sie scheinen das Alltägliche zu verachten, vertreten die Gedankenwelt, hüllen sich in einen heiligen Nebel mystischen Eingeweihtseins, sind entweder Freimaurer oder Pietisten oder Poeten oder alles zu gleicher Zeit und in verschiedenen Lagen, nur benehmen sie sich überall wie ein Besonderes, Vornehmes und ewig Akademisches, und man darf hinzufügen, daß auch diesen Männern der Erfolg nicht fehlt. Jetzt, wo die materielle Richtung überwiegt, mag das Häuflein dieser vorzugsweise mit dem Rufe des Geistreichen ausgezeichneten Adepten der Wissenschaft geschmolzen sein. Noch in den dreißiger Jahren aber war der Zusammenhang Hamburgs mit den edelsten Richtungen des Vaterlandes ein sehr inniger, und die schöne, maßhaltende, sich selbst beschränkende Weise manches dort gefeiert gewesenen Namens wird noch jetzt bei den Nachlebenden nicht verklungen sein.

So scheiden sich beide Richtungen im Alter. In der Jugend aber gehen sie noch mehr zusammen. Der Scharfsinn des einen findet seinen Widerpart am Wissen des andern, der Rabulist der spätern juristischen Praxis streitet sich noch mit Hartnäckigkeit für Schelling oder Hegel, denen er die Schärfe seiner Unterscheidungen zugute kommen läßt. Allen aber gemeinsam ist auf lange Zeit, oft bis in die ersten Jahre der Verheirathung hinein, das lebendige Festhalten des akademischen Lebens. Die 257 von Göttingen oder Heidelberg mitgebrachten Anschauungen werden nicht nur in den Kaffeehäusern festgehalten, sondern oft auch noch in dem Wäldchen hinter Wandsbeck, in den Hohlwegen hinter Eppendorf. Man setzt die Feindschaften, die man von der Hirschgasse in Heidelberg, von Ulrici in Göttingen mitbrachte, in der Vaterstadt fort und wechselt auch oft noch im nahen holsteinischen Sachsenwalde Kugeln um dieselben Bagatellen, um welche man am Neckar und an der Leine „auf krumme Säbel losgegangen“ war.

In diesen Kreis seiner Freunde kehrte Heinrich Klingsohr, mit Enthusiasmus empfangen, zurück. Die grüngelbweiße Farbe hatte mit der rothweißen immer harmonirt; gehörten doch beide dem großen Bunde des Plattdeutschen an.

Klingsohr traf junge Advocaten und Aerzte, Assistenten am Krankenhause, gelehrte Speculanten, die sich durch irgendein Organ, das Ohr, das Auge, oder als Juristen durch Wechsel- oder Staatspapiergeschäft eine Specialität zu schaffen suchten, andere, Juristen, die auf eine Anstellung in der Verwaltung rechneten und sich mit Statistik der Ein- und Ausfuhr beschäftigten, Schulmänner, die vor drei Herren und siebzehn Damen Vorträge über Spinoza hielten, andere, die eine alte Neigung zum Schriftstellerthum nicht länger zu verbergen brauchten, sondern durch irgendein Angebot der vielen hier erscheinenden Zeitungen Redactoren wurden, sie wußten nicht wie, Candidaten, die noch nicht nöthig hatten, das Haar zu scheiteln und den Blick zu Boden zu schlagen, da die Aussicht zu einem Pfarramt in der 258 Stadt erst über eine lange Probezeit auf dem Lande oder ein mühseliges Lehramt geht … kurz, in diesen, natürlich unausgesetzt von Cigarrenwolken eingehüllten Kreis trat Klingsohr ganz so wieder ein, wie er ihn von seinen frühern Besuchen her kannte. Selbst in Göttingen als Privatdocent hatte er den Zug zum ewig Studentischen nicht aufgeben können. Er fand hier alle alten Anekdoten wieder, alle alten Stichwörter und Stichblätter des Witzes, alle alten Spitznamen; man lachte ebenso auf gegenseitige Kosten wie bei Bethmann in Göttingen, mit der gleichen oft sehr nahen maliciösen Anstreifung an die „touchirende“ Grenze und mit derselben Empfindlichkeit, wenn diese wirklich überschritten und eines jener Worte gesprochen wurde, in deren Entgegennahme der „Mann von Ehre“ sich in Deutschland vom „Philister“ unterscheiden soll. Zwischendurch galten die Gespräche der aufgeregten Zeit, den Streitigkeiten des Tages, den Vorkommnissen der innern städtischen Verwaltung, den Persönlichkeiten der einzelnen Theilnehmer des Kreises und vorzugsweise den Frauen.

Letztern widmete man ganz den Antheil, der ihnen überhaupt gebührt; erhöhen aber mußte er sich im Munde junger Männer, von denen selbst die, welche den Reiz des Frauenthums mehr als sich gebührt hätte schon auf sich hatten wirken lassen, nicht in eine souveräne Verachtung desselben, die den Blasirten eigen ist, versunken waren, sondern aus dem Wüsten und Wilden sich ganz so wie Heinrich Klingsohr selbst zu einem Bedürfniß aufschwangen, in den Frauen das Madonnenhafteste von der Welt zu finden und sie anzubeten wie die eigene 259 verlorene Unschuld und Jugend. Die dem Fremden fast unglaubliche Möglichkeit, daß sich in Hamburg überhaupt Sitte und Unsitte in strengster Geschiedenheit erhalten können, war auch in diesem Kreise bewiesen. Man konnte der tollsten Phantasie und einer grauenerregenden Kenntniß aller Nachtseiten im Frauenleben den Zügel schießen lassen und war wiederum, wenn der Name einer Unbescholtenen genannt wurde, einig in dem Preise ihrer seidenen, dem Bilde einer Katharina von Siena entsprechenden Augenwimpern, dem Preise ihrer Hände, deren Durchsichtigkeit und Weiße nicht anders als mit der Zierlichkeit der Hände eines van Eyck und Memling verglichen wurde, dem Preise ihrer Augen, die wegen ihrer etwaigen träumerischen Unbewußtheit und gläubigen Zuversicht geradezu katholische genannt oder ihrer irrenden, rein nur innerhalb des instinctiven Lebens bleibenden Unschuld wegen mit den sanften Augen einer Gazelle verglichen wurden. Ein Drängen aus dem zu reich genossenen, in seinen Untiefen zu sehr erkannten Alltäglichen zum reinern Licht empor besaßen alle, und die Art, sich ihre läuternden Flammen zu entzünden, war seltsam genug. Mancher betete in diesem Sinne die Tochter eines Millionärs der Gröninger Straße an, mancher aber auch nur die eines armen Handwerkers an den „Vorsetzen“ oder „Raboisen“.

Auch jenes „hehre Gnadenbild“, zu dem Klingsohr aufblickte, war gleich nach seiner Ankunft allen bekannt geworden.

Daß es sich um die Pensionärin einer „respectabeln“ Familie handelte, wußte man.

260 Man machte an der Sommerwohnung des Herrn Carstens Fensterpromenade, um den Schatz zu sehen, der einem „Abadonna“ noch vor seinem gänzlichen Fall oder seiner Läuterung vom Himmel beschert werden konnte; denn in diesem Kreise galt Klingsohr für einen jener gefesselten Titanen, die früher oder später den ewigen Göttern des Olymp den Garaus machen konnten. Er hieß einer von denen, die eine unberechenbare „Zukunft“ besäßen. Ein einziges Publikum hatte er in Göttingen gelesen, das aber von einigen Hundert Studenten besucht wurde, während er eine Vorlesung über Privatrecht nicht zu Stande bringen konnte. Aber in jener Vorlesung über „Dante’s Zeit- und Weltanschauung“ elektrisirte er seine Zuhörer in einem Grade, daß man an Klingsohr nicht anders dachte als wie an einen Evangelisten, der immer ein wildes Thier neben sich sitzen hat. Die Drachen und Greife Dante’s zogen seinen Ruhmeswagen, sein Schweigen war so bedeutungsvoll wie die Geheimnisse der Apokalypse, sein Reden war Prophetenthum. Daß er arbeitete, stand fest. Wenn er um zwölf Uhr von der „Kneipe“ gekommen war, sah man bis drei und vier Uhr noch Licht bei ihm. Seine Versicherung, er würde ein neues System des Staats-, des Natur-, des Völkerrechts, eine neue Philosophie der Geschichte, eine neue Geschichte der Literatur, eine neue Ausgabe des „Sachsenspiegel“, eine Zusammenstellung der Fragmente des Ciceronischen Buchs „De Republica bringen, eine Geschichte der italienischen Städtebünde, eine Abhandlung über die Verjährungsfristen, eine neue Begründung des Steuerwesens und eine Kritik Adam 261 Smith’s nach dem System der Bienenkörbe, alle diese Verheißungen fanden den vollständigsten Glauben. Für jedes dieser epochemachenden Werke hatte er die leitenden Gesichtspunkte schon fertig und wußte sie an geeigneter Stelle so anzubringen, daß man jahrelang von dem Gedanken sprach, den Sie, wissen Sie, Klingsohr, damals auf dem Ritt nach Münden, am Zusammenfluß der Werra mit der Fulda, auf der reizenden kleinen Insel (dem „Taufkissen der neu entstandenen Weser“, konnte er einwerfen) aussprachen? Klingsohr strich sich die kurzen röthlichen Locken und lächelte dann nur. Er lächelte nicht etwa geschmeichelt – die Werthschätzung verstand sich schon von selbst – er lächelte voll Wehmuth, wie ein Träumer, dem man von einem „Märchen aus alten Zeiten“ sprach. In solchen Wehmuthsaugenblicken konnte er, war es Abend und saß man im Freien, stundenlang auf ein einziges Sternbild blicken, die Kassiopeia, und ohne eine Miene zu verziehen so viel Bier oder Wein oder Grog „vertilgen“, wie ihm auf ein Klappern mit dem Zinndeckel, oder das Rütteln einer leeren Flasche, oder das Anklingen mit dem Stahlbügel der Cigarrentasche an ein leeres Glas von einem kundigen „Gleich-Gleich-Herr!“ nur hingestellt wurde. Begann er dann endlich nach solchen Pausen zu reden, so war es gewöhnlich eine neue Lesart im Tacitus, die er solange überdacht hatte, oder ein Irrthum in Vega’s Logarithmischen Tafeln. Je seltsamer, je abstruser seine Aeußerung, desto mehr imponirte sie.

Jetzt wieder saß Klingsohr im Alsterpavillon bis zwölf Uhr Nachts mit derselben Beharrlichkeit und in 262 demselben Wechselverkehr mit den „Gleich-Gleich-Herr!“’s wie sonst. Aber „zerrissener“ und wüster als sonst war seine Art, bitterer sein Humor; die Scherze, die er oft bis zur Ausgelassenheit über einen und denselben Gegenstand „zusammenjeanpaulisiren“ konnte, flossen nicht mehr von seinen zuweilen krampfhaft zuckenden Lippen. Man brachte bei Beobachtung dieser Veränderung den ihn betrübenden Tod des hochgefeierten Vaters in Rechnung, dann die Liebe zu dem Elfenkinde vor dem Damm­thor, das alle gesehen und wegen ihrer fremdartigen, der hier zu Lande üblichen Weise nicht entsprechenden Art des Aussehens und Benehmens bewunderten. Einige „schlechte Witze“, die dieser oder jener sich erlaubt hatte, waren fast bis an die „touchirende“ Grenze gegangen und ein für allemal beseitigt worden. Klingsohr hatte sich, als man von einem bei dem Kleesaatmakler Carstens in „Correction“ gegebenen „Röslein auf der Heiden“ sprach und das Rauhe Haus erwähnte, vom Tische erhoben, wie wenn ein jeder Zoll an ihm auf zwei hinauswüchse und er geradezu bis zu seiner Kassiopeia hinauf wollte; er sprach kein Wort, aber sein sonst ausdrucksloses Auge starrte und von Stund’ an war das Gespräch über diese Liebe rein und unentweiht, wenn man auch nicht begriff, wie sie den von einem solchen Besitz Beglückten nicht mehr beleben und erheitern konnte.

Des Geldes, das allerdings sonst, wenn es mangelte, dem „Weltschmerz“ Vorschub zu leisten pflegte, besaß Klingsohr genug. Wie kam er zu dieser verstimmten Laune, diesem schlendernden, dicht an den Häusern entlang gehenden Gang, diesem Niederblicken, diesem hef-263tigen Aufschlagen der Gläser, daß sie oft in Scherben zersplitterten, diesem erbitterten Angriff auf Richtungen, denen man ihn verwandt glaubte, dieser gehässigen Verfolgung alles dessen, was lebensvoll und fröhlich sich um ihn her tummelte?

Einige Aufsätze schrieb er damals für Blätter, die seine Freunde redigirten. Die doctrinären Behauptungen darin gingen selbst diesen zu weit. In einer Republik von Bürgern rühmte er den Adel, nannte ihn von Gott eingesetzt, stellte ihn wie Leuchten hin, die das Dunkel der Zeiten erhellen sollten, pries ihn seiner Einseitigkeit wegen, in der die Bürgschaft seiner Kraft läge, ja schloß damit, daß kein Denker besser die Zeit erfaßt hätte als jener Ludwig von Haller zu Winterthur in der Schweiz, derselbe, der Luthern einen sittenlosen, entlaufenen Mönch genannt hat.

Diese Artikel erregten Widerspruch. Sie würden in dem Kreise, der Klingsohrn bewundernd umgab, eine Spaltung hervorgerufen haben, wenn nicht seiner Vergötterung des Adels eine Nemesis der schneidendsten Ironie gefolgt wäre.

Sie erregte das Aufsehen der ganzen Stadt.

264 17.#

Eines Tages, an einem schönen Nachmittage, saß Klingsohr am Alsterpavillon wieder unter seinen Freunden.

Sie waren heute zahlreicher denn je vertreten, da man auf dem wallenden blauen Bassin ein Wettrudern veranstalten wollte, zu welchem einige von ihnen als Comitémitglieder gehörten und sich über mancherlei dabei zu beobachtende Vorschriften vor der entscheidenden Sitzung zu verständigen wünschten. Schon baute man ein Gerüst auf einigen Kähnen, das in bunter Ausschmückung in der Mitte des Bassins als Festtribüne vor An­ker liegen sollte. Die Massen der Bevölkerung wogten hin und her. Klingsohr war vorm Thore gewesen und hatte, wie schon oft, Lucinden nicht gefunden.

Diese konnte das Einerlei der Beethoven’schen Sonaten, der grünen Erbsen und vaterstädtischen Münzen nicht länger ertragen und hatte nach rechts und links ihr Terrain erweitert. Menschen, die von einer frischen und lebenskecken Kraft sich bestimmen lassen, finden sich überall. Lucinde hatte die ganze Reihe der Sommerwohnungen von Nr. 25 bis 40 diesseit der abgeblühten Hollunder-265hecke und jenseit von Nr. 45 bis 60 durchbrochen und dort durch Vermittelung von Kindern, hier durch einen entflogenen Papagai, da durch ein am Buschwerk des Gitters beim Vorüberstreifen hängen gebliebenes Tuch, dem man von innen Abhülfe spendete, eine Bekanntschaft nach der andern geknüpft. Zum Schrecken der beiden Damen Carstens war sie überall einheimisch geworden, sowol bei Menschen, die jährlich 10000 Mark einnahmen, als bei solchen, die vielleicht nur auf 4000 kamen und sogar den Winter über die Sommerwohnung nicht verließen; „ja bei Juden sogar“, bei Lotteriecollecteuren und Hausmaklern sprach sie ein und wußte alle Geheimnisse der jungen Mädchen und jungen Frauen, der Matronen, sogar der Ehemänner und Greise. Ihre Zutraulichkeit befremdete erst, dann entzückte sie. Die fremdartige, halb süddeutsche Aussprache, der geringe Werth, den sie auf ihre Anmuth legte, ihre Neigung zum Necken gefielen so ausnehmend, daß Eifersuchtsscenen ausbrachen, und schon darüber, wer sie am längsten und am öftersten besitzen konnte. Lucinde erkannte sich kaum selbst wieder in diesen Erfolgen. Die alte Erfahrung, daß in ein steifes, allzu geregeltes Treiben ein glücklich organisirter Geist mit den leichtesten Mitteln Leben und Bewegung bringen kann, bestätigte sich aufs neue. Sie staunte über das, was sie zu Stande brachte. Alle Herzensgeheimnisse von einem Dutzend junger Mädchen kannte sie, und Männer, die sonst auf Spaziergängen kalt vorübergingen, wurden ihr jetzt in ihrem geheimsten Charakter enträthselt. Sie half, wo sie konnte. Ja, sie selbst erntete Huldigungen in solchem Ueberfluß, daß sie nicht wußte, was 266 damit anfangen. Noch entdeckte sie alles Klingsohrn und nahm dessen Warnungen auf. Bald aber stellte sie Vergleiche an und gerieth in Neckereien und Versteckspiele, ganz in der ihr eigenen Weise, die allen und keinem gehörte. Bald folgte dann freilich auch die Reaction. Hier war eine Eitelkeit verletzt, dort ein Verdacht übertrieben worden; schon gab es Vorwürfe, schon Verfeindungen; Freundschaften lösten sich im Lauf eines einzigen Abendspazierganges durch die thaufeuchten Wiesen in entsetzliche Enthüllungen, Racheplane und Warnungen auf. Hütet euch vor der! riefen die einen, während die andern noch das treueste und edelste Herz liebkosten und nur ein Kind der Natur in Lucinden sahen, dem niemand gram sein könne, selbst wenn es unüberlegte Streiche machte … Kein Wunder, daß in diesen immer mehr zunehmenden Wirren Klingsohr oft stundenlang bei der Erbsen kernenden Sophia oder der „Lieder ohne Worte“ spielenden Meta oder dem in der Geschichte der alten hamburger Bürgermeister verlorenen Nikolaus verweilte und sich von seiner in Feld und Wald verflogenen Liebe nichts finden wollte.

In der durch eine solche Nachricht von einer wieder in die Sumpf-, Moor-, Wald- und Sandsteppenwelt hinter Eppendorf hinausgegangenen Wanderung erzeugten Misstimmung war Klingsohr an jenem Nachmittage zur Stadt zurückgekehrt. Da das auf der Alster vorbereitete Vergnügen ein aristokratisches war, so fanden sich in dem Kreise, den er betrat, gerade diejenigen anwesend, die ihr Patricierblut in denselben Wallungen kund zu geben pflegten, wie wenn sie zu den „Granden 267 der Ukermark“ oder zu Mecklenburgs Vollblut gehörten. Zu den Hofschlittenfahrten unter den berliner Linden können die Farben, die die Vorreiter tragen, die Farben der Federn, die auf den Köpfen der Rosse wehen sollen, nicht sorgfältiger nach den heraldischen Thatsachen der Familienwappen bestimmt werden, als hier die jungen Doctoren aus den Familien der Millionäre und die künftigen Senatoren und Gesandten der Republik von den Emblemen ihrer Wimpel, den gestreiften Farben ihrer Ruderboote und Ruderer sprachen. Die „Ehre“ war in ihrer ganzen, so empfindlichen und bekanntlich nur geringen Elasticität angespannt, und Heinrich Klingsohr gab seine Rathschläge in einem Tone, als wenn er in der That ein rechtmäßiger Sohn jenes Freiherrn von Wittekind war, dessen Processe er nur führte.

In diesem Augenblick geschah ihm aber etwas Entsetzliches.

Eine schlanke, hohe Gestalt in schwarzem Frack, mit einem hierorts auffallenden Ordensbande im Knopfloch, drängte sich durch die dichten und dem Alsterspiegel zugewandten Menschenmassen an den von den geachtetsten jungen Männern der Stadt besetzten Tisch, rief ein lautes, fast kreischendes: Hab’ ich dich, Schurke! einem derselben, dem er den Hut vom Kopfe schlug, entgegen und schlug mit einer Reitpeitsche auf Schultern, Kopf, Hände desselben so unbarmherzig zu, daß im Nu blutige Striemen auf Stirn und Wangen sichtbar wurden. Man hätte noch Aergeres befürchten müssen, wenn dem Rasenden, der Stühle und Tische umwarf, um noch ärger über sein Opfer herzufallen, andere nicht im Augenblick 268 in die Arme gesprungen wären und mit der äußersten Anstrengung seinem Beginnen ein Ende gemacht hätten.

Der so Getroffene war Klingsohr. Den Angreifer erkannten sowol dieser selbst, soweit er die Besinnung behielt, wie mehrere in der Gesellschaft sogleich wieder. Es war kein anderer als ein älterer göttinger Studiengenosse, der Freiherr Jérôme von Wittekind.

Der Kammerherr nannte auch sogleich seinen Namen und warf zum Ueberfluß eine Karte auf den Tisch. Andere rissen ihn fort. Das rege Rechtsgefühl und das schnell entschlossene Naturell der Bevölkerung machte sich in der Beihülfe geltend, die der Mishandelte erfuhr; man riß den Störer des Stadtfriedens fast nieder. Die Mitglieder der Gesellschaft aber, die sein Ueberfall so urplötzlich gestört hatte, hinderten sowol die Volksjustiz wie die Arrestation. Alle erkannten, daß hier ein Vorfall stattfand, der einem Ehrengericht angehörte, nicht der Polizei. Klingsohr blutete. Sowie er zum Bewußtsein gekommen, wollte er sich entfernen. Kein Wort sprach er, ja er schien dem Ueberfall eine Bedeutung zu geben, die diesen gänzlich dem Bereich fremder Einmischung entzog. Um den Angreifer, dessen stattliche Gestalt imponirte, ja der sofort eine Erfrischung bestellte und die Börse zog, hatte sich sofort eine Gruppe gebildet. Es stand bald fest, daß eine solche Selbsthülfe hier nur die Folge eines äußersten Zwanges gebotener Umstände gewesen war, und wenn auch Männer und Frauen riefen: Er ist toll! wenn auch einige der Herren am Tische es überdies auch schon gesagt hatten: Es ist der tolle Wittekind! so erblickte man doch zunächst in 269 seiner Handlungsweise nur das Maß, wie weit Rache und langgeschürte Wuth vielleicht begründetermaßen einen Menschen fortreißen können. Den Angreifer begleiteten über die Straße einige seiner alten Commilitonen auf einige Zimmer, die er, vor einer Stunde angekommen, im ersten Stock der auf zwanzig Schritte nahe gelegenen Alten Stadt London genommen und auf Befehl der Polizei nicht mehr verlassen durfte. Man erfuhr von dem ohne alle Begleitung Angekommenen, daß ihm Klingsohr „seine Braut“ entführt hätte.

Wirr genug waren die nähern Angaben des Racheschnaubenden; aber kannte nicht jeder das Räthselhafte der Persönlichkeit, mit der Klingsohr in Hamburg aufgetreten war? Der Kammerherr konnte, wenn er einen tobsüchtigen und bösen Gedanken unausgesetzt verfolgte, mit Consequenz verfahren wie ein Vernünftiger. Jetzt war er ganz heiter, lachte, ließ Champagner kommen, behielt seine alten Freunde zurück und widersetzte sich der Anordnung eines Ehrengerichts keineswegs. Die Satisfaction, die als dem so Gezüchtigten gebührend sogleich genannt wurde, versprach er ohne weiteres geben zu wollen, drang aber auf Eile, wobei er sich benahm, als drohten der Verzögerung Gefahren für ihn und andere. Niemand begriff dabei aus seinem Benehmen, wie der längst als schwachsinnig Bekannte mit einer gewissen lachenden Geberde immer auch die Freude über seine Flucht aus einer, wie es schien, gewaltsamen Absperrung kund gab.

Klingsohr wurde sofort in seine Wohnung gefahren. Ihn begleitete der andere Theil der gemeinschaftlichen Freunde. Als man von der Entscheidung durch die 270 Kugel sprach, sprang er auf, stieß das Gefäß mit kaltem Wasser, aus welchem man die Umschläge anfeuchtete, die die Striemen seines Antlitzes kühlen sollten, zurück und blickte starr ins Leere, wie schaudernd vor einer gräßlichen Gedankenverbindung. Dann sank er in einen Sessel zurück, dumpf vor sich hinbrütend, das Haupt aufgestützt und den Kopf schüttelnd wie über das Unerklärlichste der Welt. Die Beschimpfung, die er vor einer ganzen Stadt erlitten, war so groß, daß man diesen starren Ausdruck, der sich bis zum Ausbruch eines jeweiligen bittern Lachens steigerte, nur allein seinem Schamgefühl zuzuschreiben brauchte. Nannte man jedoch den Kammerherrn verrückt, so schüttelte er den Kopf und that, als wäre sein Beleidiger der Weisesten einer und von Gott selbst gesandt.

Daß Jérôme von Wittekind in dem Grade schwachsinnig war, wie es Lucinde kannte, wußte man in diesem Kreise noch nicht; man hatte vor Jahren in Göttingen des Verkehrten genug von ihm erlebt, aber selbst Klingsohr kannte ihn nicht in seinem ganzen Zustande. Einem der Freunde, einem Arzt, der lange bei dem Thema der Narrheit des Beleidigers verweilte, unterbrach er die Rede. Man mußte es seiner Aufregung und dem Mismuth, zur Herstellung seiner mishandelten Ehre – wie einmal die Logik des Duells mit sich bringt – nun noch sein Leben preiszugeben, zuschreiben, wenn seine Aeußerungen herauskamen wie ein Schauder vor den Fügungen des Geschicks. Dumpf sprach er in Stellen aus den Tragikern aus, daß das Schicksal seine Verhängnisse durch unsere eigene Thorheit und Leidenschaft vollziehen lasse.

271 Ebenso wichtig, wie die Vorbereitung eines Duells, die Klingsohr als den Abschluß des die ganze Stadt erfüllenden Vor­falls ruhig geschehen ließ, war die Fürsorge, die man zu treffen hatte, um Lucinden vor dem Kammerherrn zu sichern.

Sofort wurde eine Mittheilung nach der Sommerwohnung des Herrn Carstens gemacht mit der Warnung, Fräulein Schwarz nicht einem Ueberfall bloßzustellen, der bei dem Charakter einer solchen Leidenschaft, wie sie der Kammerherr zur Schau trug, leicht in einer gewaltsamen Entführung bestehen konnte.

Die Damen des Hauses erschraken nicht wenig, theils über den Vorfall an sich, theils über die in Aussicht gestellten Folgen. Sie beklagten, eine Person aufgenommen zu haben, die nun in der ganzen Stadt ein solches Gerede veranlaßte. Hatte sich Lucinde bereits unter einem Dutzend Familien die verschiedenartigsten Beurtheilungen zugezogen, so gab sie denen, die ihrem Charakter mistrauten, sie der Koketterie und Intrigue beschuldigten, jetzt eine Thatsache an die Hand, die ihr Urtheil rechtfertigte. Sie war die Geliebte eines vornehmen Adeligen und diesem von Klingsohr entführt … Schreckensworte für das Ohr der Damen Carstens, die von Lucindens spät dauernden Spaziergängen und Landpartieen und ihrem Abends spät bis zum Dunkelbraunwerden ziehenden Thee genug indignirt waren.

Als Lucinde die Kunde von dem Vorfall am Alsterpavillon vernahm, überfiel auch sie ein Grauen bei dem Gedanken, dem Kammerherrn zu begegnen. Nimmermehr! rief sie und sah um sich, wie einst ihre Tauben, wenn sie den Stoßvogel erblickten. In dem engen Raum 272 dieses Hauses, selbst wenn man Herrn Carstens hätte veranlassen wollen unten zu schlafen, war kein Versteck zu finden. Auf dem Rödingsmarkt gab es nur herabgelassene Vorhänge, jetzt keine Betten, keine Bequemlichkeit, und doch erklärte sie, gern auf der Erde schlafen zu wollen, nur nicht sich der Gefahr auszusetzen, diesem Verfolger zu begegnen. Aber jedem der drei Geschwister fiel irgendeine Bagatelle ein, die in seinem Nichtbeisein in der Stadt beschädigt werden konnte. Sie erklärten, dann lieber auf einige Zeit alle mit in die Stadt zurückgehen zu wollen, wodurch natürlich der Versteck wieder aufgehoben wurde. Endlich bot sich ein anderes Auskunftsmittel. Die rasch geschlossenen und rasch wieder abgebrochenen Freundschaften mit der Nachbarschaft hatten bei zwei Interessen Stand gehalten, einem materiellen und einem geistigen. Ein Modehändler vom Neuenwall hatte in der jetzigen Saison morte keinen bessern Kunden als die junge Pensionärin des Kleesaatmaklers Carstens. Lucinde war reichlich vom Kronsyndikus und Klingsohr mit Geld ausgestattet. Zu ihren Liebhabereien gehörte es nicht nur, sich zu schmücken, sondern mehr noch, in der Stadt von Laden zu Laden zu gehen und Einkäufe zu machen. Sie hatte die Liebhaberei des Schenkens. Manche von denen, die nichts mehr von ihr annehmen wollten, behaupteten, sie wollte sich damit nur das Recht erkaufen, die Menschen dann auch verletzen und ärgern zu können. Die Damen Carstens nannten sie eine Verschwenderin und begriffen nicht, wie sie bei einer Beschwerde darüber von Klingsohrn die Antwort bekommen konnten: „Feen schenken gern!“ Er wußte, daß Lucinde darben, auf Stroh liegen konnte ebenso wie in 273 goldenen Palästen wohnen. Sie hatte bisjetzt mit dem Leben nur gespielt; fast schien sie zu wollen, daß auch das Leben nur mit ihr spiele. Etwas selbst und lange zu erwarten und zu erhoffen, wäre ihr das Drückendste gewesen. Hätte sie damals die Volksjustiz nicht von der Frau Hauptmännin von Buschbeck erlöst, sie würde vielleicht noch bei ihr gedient, noch die Zwetschenkerne sich zerschlagen und sie für eine Delicatesse verspeist haben, glücklich, daß es nicht die gefangenen Mäuse waren.

Es gibt einen großen Bund in der Gesellschaft, der seine eigenen Mysterien hat. Es ist dies der Bund der Notenkundigen, der einer Verschwörung gegen die musikunkundige Welt nicht unähnlich sieht. Dieser Eifer, sich zu Duetten und Trios zu verbinden, bei welchem Madame Möller und Fräulein Wulff sangen, Lucinde spielte – der Gesang war ihr völlig versagt –, dann einmal Herr Möller mit der Violine, Herr Wulff mit der Flöte begleitete, dieser Fanatismus, bei keinem Streichquartett der Dilettantenwelt, bei keinem Concert durchreisender Berühmtheiten zu fehlen, dies ewige geheimnißvolle Verbundensein mit Felix Mendelssohn-Bartholdy auf dem Wege der Tonschlüssel in A-Dur und C-Moll … das ist ein ganz eigener Cultus, der, wie es die Dissonanz des Lebens und der Genuß an etwas mehr oder minder rein gestimmter Harmonie einmal mit sich bringt, bis zur souveränen Verachtung aller Uneingeweihten führt und aus Notenkundigen schon die größten Aristokraten und Tyrannen gemacht hat. Madame Möller hatte bei einer zufälligen Anwesenheit in Leipzig von einer Schülerin Mendelssohn’s singen gelernt, was so viel war als von 274 ihm selbst. In den Räumen der Sommerwohnung Möller und Wulff hatte man Musikaufführungen gehalten, deren Wichtigkeit zwar nicht ganz, aber doch annähernd den Sitzungen des deutschen Bundestags gleich erachtet wurde, auch Meta Carstens schloß sich an, einige junge Buchhalter oder Gelehrte spielten Bratsche, Cello oder entwickelten guttreffende Stimmen. In diesem Kreise war es, wo sich Lucinde am längsten hielt. Sie begleitete nur, spielte nur zweite Stimmen und lachte dabei innerlich sowol über die langen Hälse der Singenden wie über die allgemeine menschliche Eitelkeit.

In das dieser Familie gehörende Haus auf dem Neuenwall flüchtete sich Lucinde. Madame Möller und Fräulein Wulff schliefen zu ihrem Schutze in der Stadt. Aus dieser verschwiegenen Einsamkeit entstand freilich eine Frequenz, welche die des im Parterre befindlichen Sommergeschäfts übertraf. Herr Noodt hatte den Aufenthalt bald erkundschaftet und gönnte Herrn Wulff nicht die beständige Nähe Lucindens und machte Besuch und Fräulein Smidt fürchtete das und machte sich selbst bei Madame Möller zu schaffen und Fräulein Jansen fürchtete wieder, Herr Gensler würde demselben Triebe folgen, und suchte die Fährte auf, die auch endlich nicht nur Herr Gensler, sondern auch Herr Burmester, Herr Johannsen und Herr Wilckens gefunden hatten. So verstrichen drei Tage in einem nicht endenden Klingeln der Dielenthür und einer Aufregung der an der Verborgenheit betheiligten Personen, die sich nur durch Musik beschwichtigen ließ; man sang, man stritt über Noten und Tonarten und da der Flügel fehlte, sang man Scalen und 275 Solfeggien und stritt über den größern Werth der Schumann’schen oder der Mendelssohn’schen Lieder.

Um ein Wesen, das sich in dieser Lage so benehmen konnte und nur auf das dringendste Verlangen der Damen Carstens zu be­wegen gewesen war, einige Zeilen des Bedauerns an Klings­ohr zu schreiben, ihm ihre Flucht, ihre Sicherheit, ihren Antheil an seinem schmerzlichen Erlebniß auszudrücken, schoß sich dann zwei Tage nach der erhaltenen öffentlichen Beschimpfung Klings­­ohr mit seinem Jugendfreunde hinter Ottensen auf zehn Schritt Barrière.

Man hatte vieles erwogen gehabt. Klingsohr hatte sich mit den Secundanten vorher eingeschlossen, hatte von seinen Verpflichtungen gegen den Kronsyndikus gesprochen; immer aber trat allen Abmahnungen das Bild entgegen: Vor einer ganzen Stadt mit der Reitpeitsche durchgehauen! Die Satisfaction konnte nur in einem Duell bestehen.

Man hatte die Formen des Duells so leicht wie möglich gemacht, die Distanzen nach den größten Maßen genommen und dennoch schoß Klingsohr seinen Beleidiger, nachdem dieser, ohnehin abgekühlt und von der Gefahr erschreckt, einen verfrühten Schuß ohne zu avanciren blindlings abgefeuert hatte, mit dem seinigen auf einen einzigen Anschlag nieder.

Die Kugel drang zwischen die untern Rippen in Blutgefäße, die sich augenblicklich zu entleeren begannen. Eine Secunde stand noch Jérôme, entfärbte sich, suchte sich zu wenden und sank entseelt zu Boden.

Nach vollbrachter That wurde Klingsohr von seinen Freunden dringend aufgefordert, den im Gehölz befindlichen Wagen zu besteigen.

276 In dieser menschenbesäeten und gutbewachten Gegend mußten zwei Schüsse selbst in der ersten Morgenfrühe auffallen.

Der mitgenommene Arzt erklärte, jeder Versuch, den Gefallenen ins Leben zu rufen, wäre vergeblich.

Klingsohr zeigte einen dumpfen Schmerz. Er stand wie erstarrt und mochte sich von der Leiche nicht trennen.

Laßt mich! rief er und schleuderte die, die ihn fortziehen wollten, zurück.

Wir beschwören dich! rief man. Klingsohr! Die Flurschützen kommen!

Klingsohr blieb starr und schauderte …

Der Frevel ist bestraft, wie er’s verdiente! rief man. Komm!

Klingsohr beugte sich mit einem Knie, stemmte das Haupt auf das andere und faßte die erkaltete Hand des schon Verblichenen. Die lange herculische Gestalt lag marmorblaß, die Lippen waren krampfhaft geöffnet, wie wenn ein Wort noch von ihnen hätte kommen sollen, das der plötzliche Tod abschnitt.

Da jeder Lebenshauch geschwunden war, so nahmen die Secundanten die wichtigsten Dinge aus den Taschen der Leiche, um sie selbst bis auf weiteres liegen zu lassen, gerichtliche Rencontres zu vermeiden und vorläufig nur sich selbst zu flüchten.

Mit Widerstreben wurde Klingsohr in den Wagen gezogen.

Man sah Menschen dem Gehölz zueilen, glaubte aber den Vorsprung noch frei. Die Rosse zogen an, der tiefe Sand gestattete kein schnelles Ansprengen. Kaum aber 277 hatte man das Gehölz hinter sich, als der Flurschütz mit einigen schnell herbeigerufenen Landleuten ihnen schon in die Zügel fiel.

Jetzt, wie zur Besinnung kommend, springt Klingsohr auf, reißt die eine der noch geladenen Pistolen an sich und erschreckt dadurch seine Freunde so, daß sie sich nur beschäftigen können, ihm die gefährliche Waffe zu entwinden. Darüber verlieren sie den Vortheil entweder zu entkommen oder, wie wol in solchen Fällen geschieht, sich durch Bestechung loszukaufen.

Sie mußten ihre Namen nennen und versprechen, mit dem Wagen dem Flurschütz zu folgen.

Auf dem Stadthause in Altona wurde ein Protokoll aufgesetzt. Klingsohr, dem nur zunächst an der würdigen Bestattung seines Opfers lag, mußte zurückbleiben. Die andern entfernten sich auf Ehrenwort.

Nach einer so ernsten Wendung war für niemand der Boden unter den Füßen mehr hinweggenommen als für Lucinden.

Sie kehrte auf die erste Schreckenskunde zur Carstens’schen Familie zurück, aber der Fall wurde so vielfach erörtert, mindestens so allgemein besprochen, daß sie der Gegenstand der allgemeinen Neugier und keines ihr günstigen Urtheils wurde.

Der Schimpf, der Klingsohrn angethan gewesen, war bestraft; ihn erwartete ein Spruch der Richter; nur sie, die Veranlassung dieser blutigen Scenen, ging frei aus, und jetzt konnte selbst die Musik nicht mehr ihren klingenden Schild über sie legen. Sie fühlte ihre Lage und zum ersten mal war ihr Nr. 33 gerade recht; die zwei 278 Bettschirme, die sie von den Schwestern trennten, ließen ihr gerade so viel Raum, wie sie auf einige Tage bedurfte.

Daß in solchen Lagen Naturen, wie die ihrige, allein stehen, aber auch ganz allein, das erfüllte sie mit Bitterkeit. Sie machte sich Geständnisse über sich selbst, ihre Umgebungen und über ihre Grausamkeit gegen Klingsohrn. Sie liebte ihn nicht mehr. Was traf sie da nach ihrer Meinung weiter für eine Schuld! Diese ganze Umgebung war ihr peinlich geworden, da schon lange alles das es wurde, was von ihr durchschaut werden konnte. Sie hatte angefangen, sich fortgesetzt einzureden, daß diese Welt eine ganz nichtige, nur dem Schein huldigende, daß diese Menschen alle, die sie bevölkern, nur Puppen wären, die an den Drahtseilen einiger kluger Matadore tanzten. Welche Narrheiten rechts und links! Diese Schwestern, die einen Bruder tyrannisirten, nur um ein gesichertes Alter zu haben! Pedantinnen in jedem Worte, das sie sprachen, in jedem Schritt, den sie thaten, immer nach dem Wetter lugend, auch in geistigen Dingen, immer bedacht: Was werden die Leute dazu sagen! Und Herr Carstens selbst, eitel auf eine Liebhaberei, zu der er nur die Geduld, nicht die Kenntnisse besaß, sonst stundenlang beschäftigt mit dem Selbstrasiren seines Bartes, dem Knüpfen seiner Halsbinde! Dieser Professor links, bei jedem Worte, das er sprach, sich umsehend, wie wol dessen Wirkung wäre, die Silben zählend, als wenn er die deutsche Sprache erfunden hätte und sie schonen und nicht allzu gemein machen müsse! Diese Frauen überall von Haus zu Haus; jede versunken in ihr eigenes Interesse, in ihre Kinder, ihre Möbel, ihre Tassen, ihre 279 Kleider, ihre etwaige Schönheit! Des Prahlens mit Gefühlen da, mit Gedanken dort kein Ende! Die Musiknärrinnen vollends schon die lächerlichsten von allen! Nun entdeckte sie, daß sie ja viel mehr wußte als sie alle, daß sie Gesichtspunkte hatte, während alle im Nebel tasteten; denn keines wußte vom Leben selbst so viel, als wie sie doch schon erkannt hatte oder wie sie Klingsohrn verdankte, der so viel Ahnungen und Lichtblicke in ihr entzündet hatte. Doch auch für diesen ergriff sie kein reines Mitgefühl mehr. Sie hatte die Vorstellung von sich, daß ihr im Leben irgendein weit größeres Ziel beschieden wäre und daß alle diese Begegnungen, die sie bisjetzt erlebt hätte, nur dazu dienten, ihre Entwickelung zu fördern. Nur Schlangenhäute waren es, die sie abstreifte. Seit dem Tode Jérôme’s rechnete sie tiefinnerlich auch schon Klings­ohrn zu dem, was für sie abgethan war.

Was aber beginnen? Zurück mochte sie in nichts! Das Verhältniß zum Kronsyndikus mußte nun doch wol aufhören! Ihr Verlobter war ja der Mörder seines Sohnes geworden! Jetzt erkannte sie wohl, daß Klingsohr nicht des Kammerherrn Bruder sein konnte! Die Rolle, die sie in jener Schreckensnacht auf Schloß Neuhof angefangen zu spielen, war zu Ende! … Diese unbestimmte Gegenwart konnte indessen nicht bleiben. Und sollte sie mit ihren seidenen Kleidern und Hüten betteln gehen, sie dachte an Flucht. Sie schrieb einige Briefe. Einen an ihre Geschwister, die aus dem Waisenhause zu Meistern gegeben worden waren, um Handwerke zu erlernen, einen sogar nach Eibendorf an den Pfarrer, einen wagte sie auch an den Kronsyndikus. Die Empfindungen, die die 280 Situation der Anzeige des erlebten Schrecklichen mit sich brachte, waren ihr geläufig, sie schrieb sie mit der größten Gewandtheit nieder. Auch dachte sie an jene Angelika Müller, mit der sie nach Hamburg gereist war. Irgendwo hoffte sie auf Rath, nur nicht in ihrer nächsten Umgebung oder von Klingsohr.

Von diesem bekam sie aber täglich einen Brief. Die Sprache darin war besonnen. Er sagte, daß seine jetzige Lage ihm wohlthäte; es läge ein unendlicher Trost darin, sich einmal so recht von dem Gesetz des Lebens, wie es ist, von den eisernen Armen der natürlichen Folgen unserer Handlungen gehalten zu sehen und keinen freien Willen mehr zu haben. Er bat sie, eine Weile auszuharren, bald würde sein Geschick entschieden sein; ein Jahr Festung würde nicht ausbleiben; er würde diese Strafe in einer schönen Stadt am Busen der Ostsee zu verbüßen haben; wenn er wüßte – und er wisse es ja! – daß ihm in sein dunkles Leben nur der Glanz ihrer Liebe schiene, so könnte er sein Loos nur preisen. „Es liegt“, schrieb er, „ein Zauber im Dulden und Gehorchen; es liegt ein Zauber im Müssen, die wahre Freiheit im Sichgefangengeben! Schon mit dem entströmenden Blut meines unglücklichen Opfers wurde mir leichter! Ich hätte mit seinen rinnenden Tropfen selbst sterben können! Daß ich diese That auf dem Gewissen habe, drückt mich nicht zu sehr. Die Beschimpfung, der ich vor hunderten von Zeugen ausgesetzt war, überschritt jedes Maß. Der Kammerherr war nicht in dem Grade geistesschwach, daß er nicht mit kluger Berechnung einen so boshaften Plan ausführen konnte. Alle meine Richter 281 sind voll Theilnahme und schon meine Freunde geworden. Der Greis auf Schloß Neuhof wird seinen Sohn von mir nicht fordern, … von mir nicht, Lucinde! … Ich schrieb ihm nicht. Theile Du mir mit, was er Dir antworten wird, falls Du ihm den Vorfall anzeigst, wie schon andere thaten. Sag’ ihm, daß ich ihm das Vaterherz, das er mir einst schenken wollte, jetzt zurückgegeben hätte und meinen Weg auch über die Wälle einer Festung hinweg finden würde; irgendwohin komm’ ich schon, wo ich mit Dir, Lucinde, meine Hütte bauen kann! Lies Bernardin de St.-Pierre! Und lerne dann englisch! Diese britische Literatur hat Freude an den Dingen, wie sie sind! Es geht nichts über die Ergebung, nichts über die Geduld, die sich mit einer Blume und einem einzigen Sonnenstrahl beschäftigen kann! Sieh, hier hab’ ich ein Zimmer, angenehm, geräumig, aber das Licht fällt von oben, die untern Fensterladen sind geschlossen und nicht zu öffnen. Zwischen den Ritzen stiehlt sich ein Sonnenstrahl hindurch. Ich beobachte ihn stundenlang. Er geht wie der Schatten eines Sonnenuhrzeigers im Kreise. Es ist ein Nichts, ein Schein und doch wie wesenhaft! Die Atome zittern und tanzen in ihm! Ohne diesen Strahl würden die Atome sinken und nicht, für mich wenigstens, dasein, aber in ihm wirbeln und erhalten sie sich und immer rundum. So halten sich die Welten! In einem höhern Sonnenstrahl werden wir einst das selber sehen, selber fühlen! Wie überflüssig alles Wissen, wenn man das weiß! Ich brauche kein Buch mehr. Man hat mir Bücher und Schreibpapier angeboten. Ich will nicht mehr haben als ich brauche, um an Dich zu 282 schreiben. Lesen ist mir verhaßt. Jeder Buchstabe, der nicht aus der Welt jenes meines einzigen Sonnenstrahls kommt, thut mir weh. Menschen! Menschen! Ihr dünkt euch so viel! Ich könnte alles hingeben wie ein Mönch, wenn nur im Klostergarten ihm sein kleines Blumenbeet bleibt!“

Für Lucinden waren diese Klagen nicht im mindesten rührend. Sie schrieb, aber sie beantwortete gerade diese Klagen nicht. Sie überließ sich scheinbar Klingsohr’s Anordnungen, besprach aber eine Reise nach England mit Herrn Carstens, der schon, um sie zu entfernen, in Correspondenz mit jenem Pachter stand, dessen Bekanntschaft er die Pensionärin verdankte. Nach dem Glauben der Nachbarn war Lucinde schon fort und manchem ihrer Nekrologe oder ägyptischen Todtengerichte, die ihr vor dem Fenster und hinter herabgelassenen Vorhängen draußen in der Laube von einem Einsprechenden gehalten wurden, konnte sie selber zuhören.

Am Tage nach dem Begräbniß des Kammerherrn war ihrer Ungeduld kaum noch einzuhalten. Die Verantwortlichkeit des Hauses für sie hatte sich aufs höchste gesteigert. Die Damen Carstens schliefen nicht mehr. Sie schlossen Lucinden am Tage ein, sie versagten sich selbst den Genuß der Natur, gingen nicht aus, verschlossen sogar das Piano, nur damit sich Lucinde nicht durch Spielen verrieth.

Noch den dritten, vierten Tag ließ sie sich durch eine Reisebeschreibung über England beschwichtigen. Am fünften aber drohte sie mit einem Sprunge aus dem Fenster. Sie hatte gerade beide Schwestern, die sie verzweiflungs-283voll an den Kleidern zurückhielten, hinter sich, als ein eleganter Wagen draußen am Staket vorgefahren kam mit zwei Bedienten, von denen einer die Livree des Schlosses Neuhof trug.

Der Schlag öffnete sich und ganz in Schwarz gekleidet trat, unterstützt von dem andern Diener, eine lange, hagere Gestalt aus dem niedergelassenen Schlage.

Excellenz, der Kronsyndikus! rief Lucinde und wäre fast aus dem Fenster und dem Ankommenden an den Hals gesprungen.

Um alles in der Welt von den Schwestern um Anstand und „sittliches Betragen“ ersucht, hielt sich Lucinde zurück und bedeutete die Wächterinnen, daß sie denn doch eilends selber Seiner Excellenz entgegengehen möchten.

Die Schwestern, „zwei Seelen und Ein Gedanke“, drängten sich schon vor einem Spiegel, um ihre Frisur, ihre Kleider zu ordnen. Dies währte lange. Der Kronsyndikus war inzwischen im Garten und pochte schon an die seither immer verschlossen gewesene Hausthür.

284 18.#

Hätte Lucinde den Ankommenden nicht schon beim ersten Schritt aus dem Wagen erkannt, aus diesem leisen und zurückhaltenden Pochen würde sie es nicht gekonnt haben. So pflegte sonst der Kronsyndikus von Wittekind-Neuhof nicht zu pochen.

Er nahm, da nicht geöffnet wurde, den Stab, auf den er sich im Gehen gestützt hatte, und pochte wiederholt an die Thür, doch aber auch mit dem Stabe ebenso zurückhaltend wie zuvor mit der Hand.

Als die Fräulein Carstens in ihrer Toilette so weit vorgeschritten waren, sich einem solchen Besuche vorstellen zu können, öffneten sie und baten wegen der Verzögerung um Entschuldigung.

Das Auge des Greises, der leise irgendetwas Verbindliches brummend erwiderte, suchte nur Lucinden.

Als sie vortrat, umarmte er sie mit Innigkeit. Eine Thräne stand ihm in den weißen Wimpern; er bedurfte einiger Erholung, bis er sprechen konnte.

Thränen kannten Lucindens Augen in dieser Situation nicht, aber sie sprach mit Innigkeit zu dem gebeugten 285 Greise, der jetzt einen Stuhl suchte, sich zu sammeln. Lucinde würde mit noch größerer Herzlichkeit seinen Gruß erwidert haben, wenn die Redseligkeit der Fräulein sich nicht in einen Wettstreit von Beileidsbezeigungen ergangen hätte. Da so vier Stühle jetzt zusammengerückt zu sehen zum ceremoniellen Erörtern des „Unglücks“ und des „bejammernswerthen Vaterschmerzes“ u. s. w., das benahm ihr jede Lust, sich ihrerseits an dem Beileid zu betheiligen.

Der Kronsyndikus schien die gleichen Gefühle zu hegen.

Nach einigen Klagen über sein schmerzliches Geschick, einigen Berichterstattungen über die nach Schloß Neuhof bereits von einem andern der mitgebrachten Diener abgesandte Leiche seines Sohnes erhob er sich und forderte Lucinden auf, in den Wagen zu steigen und mit ihm in den Umgebungen der Stadt spazieren zu fahren.

Diese Veranlassung, die Gefangene wieder in die Oeffentlichkeit zurückkehren zu lassen, war zu gebieterisch. Die Fräulein trugen selbst Hut, Sonnenschirm, einen Ueberwurf herbei und erschöpften sich in Zärtlichkeiten und Schmeicheleien für Lucinden, als wäre nie etwas zwischen ihnen vorgefallen.

Der Kronsyndikus bot Lucinden den Arm. Es war eine Artigkeit; aber eher hätte sie sich veranlaßt fühlen können, ihm den ihrigen anzubieten. Denn wie schritt er langsam und hinfällig! Seine Augen lagen tief in den Höhlen! Das Antlitz war so wachsbleich und mit einem Netz von Runzeln und Furchen nach allen Richtungen hin überzogen, wie ein Kopf von jenem Denner, der in 286 dieser Stadt gemalt hat. Die weißen Barthaare standen auf den hohlen Wangen wie zum Zählen.

Der in der großen Livree der Wittekinds harrende Diener war noch zu dem Commissionär des Hotels, der durch die Stadt den Führer machte, hinzugesprungen, um seinen Herrn beim Einsteigen in den Wagen zu unterstützen. Lucinde erkannte ihn wohl. Es war der gewöhnliche Diener des Kammerherrn … Jérôme war dem Grafen Zeesen plötzlich entsprungen gewesen. Wer ihn mit den Vorgängen auf Schloß Neuhof bekannt gemacht, ihm Lucindens und Klingsohr’s Aufenthalt verrathen, die Mittel zur Flucht verschafft hatte, war unbekannt. Erst zwei Tage darauf, nachdem man ihn vergebens in Eibendorf beim Pfarrer gesucht, entdeckte man die Spur, die nach Hamburg führte, und die schnell nachgeschickten beiden Diener kamen zu spät. Diese waren es gewesen, die noch früher als Lucinde und die Behörden an den Kronsyndikus das traurige Ende seines Sohnes berichtet hatten.

Nach vollständiger und so auf alles Erlebte wiederholt zurückkommender Erörterung sagte der Kronsyndikus:

Lucinde! Du kennst meine Anhänglichkeit an den Doctor! Du weißt, wie mich der Tod seines Vaters erschütterte! Ich trug ihm, wie du weißt, gleich denselben Abend meine Hand zum Schutz und Beistand an, ja, bot ihm sogar den Vaternamen! So schmerzhaft er mir diese Gesinnung vergolten hat, so will ich sie ihm darum doch nicht entziehen. Die ihm von Jérôme angethane Mishandlung war die schimpflichste, die ein Mann 287 erleben kann. Eine Genugthuung mußte ihm werden. Daß freilich seine Hand dazu bestimmt war …

Nun stockte der Greis; die leise zitternden Kinnladen schienen die Kraft nicht zu haben, seinen Gedanken zu folgen. Er veränderte seine Rede und sagte:

Daß seine Hand so unglücklich war, Jérôme bis auf den Tod zu treffen! Es ist aber einmal Gottes Fügung so gewesen, nun muß es verschmerzt werden! In unserm Kloster Himmelpfort werden wir Jérôme beisetzen und im Park will ich ihm an der Stelle, wo er dir damals, als die Verwandten dich entdeckten, zum Pavillon hinaufrief – da will ich ihm noch eine kleine Pyramide setzen lassen, so eine, wie er zu drechseln pflegte, das Bild der jenseitigen Sehnsucht – nach Püttmeyer … Jérôme ist ohne Beistand seiner Kirche gestorben. Das Fräulein Angelika Müller sprach ich schon. Du hast sie arg vernachlässigt!

Lucinde schützte Mangel an Zeit und Interesse vor. Das Ver­weilen bei religiösen Erwägungen war ihr am Kronsyndikus neu …

Der Wagen fuhr, wie befohlen worden war, langsam über die Wälle der Stadt … Manche Spaziergänger in den Alleen erkannten Lucinden und diese hielt sich denn auch gerade so, als sollte alle Welt die Genugthuung bemerken, die ihr soeben wurde …

Der Kronsyndikus fuhr fort:

Auch Klingsohrn sah ich schon! Er hat nur den einen Schmerz, nicht in deiner Nähe zu sein. Die große Stadt hat dich zerstreut, Lucinde! Ich hoffe nicht, daß du mir den Schmerz anthust und deinen Freund 288 vernachlässigst! Ich habe versprochen, euer beiderseitiges Glück im Auge zu behalten, werde aber meine Hand unerbittlich von dir abziehen, wenn du Heinrich täuschen könntest! Es ist einer von den Männern, die des weiblichen Umgangs bedürfen, die aber nicht die Geduld haben, sich einen würdigen Gegenstand ihrer Liebe langsam zu erobern. Mit Geist und Charakter wollen die Frauen selten einen Mann. Sie wollen fast immer nur, wer ihnen schmeichelt oder amüsant ist oder im besten Falle Gemüth verräth, worunter sie etwas verstehen, was so viel wie unbedeutend ist. Klingsohr würde in der Wahl seiner Liebe immer fehlgreifen. Er ist tief gebeugt. Du wirst ihn durch deine Heiterkeit und Unbefangenheit wiederaufrichten. Also? Ich rechne auf deine Beständigkeit!

Nicht aus Schonung für den wie verwandelten Greis, sondern aus Furcht vor seiner, wie es schien, sehr ernst gemeinten Drohung gab Lucinde Versicherungen, von denen ihr Herz nichts wußte.

Man wird deinen Freund, fuhr der Kronsyndikus fort, zu einer Festungshaft verurtheilen. Er wird sie abzubüßen haben in einer Stadt, die ich in meinen jüngern Jahren wohl gesehen habe. Sie liegt an einem schönen Busen der Ostsee. Ja, der liegt mir so blau vor Augen, als wäre ich erst gestern dagewesen! Der Menschenkreis dort ist klein, aber traulich. Eine Universität, eine Besatzung beleben den kleinen Ort. Familien, die dich in ihre Obhut nehmen, werden sich finden lassen wie hier. Heinrich sitzt dabei auf der Festung. Anfangs wirst du ihn wol in der Festung sehen kön-289nen, später wird er, denk’ ich, auf Stunden sie verlassen und in der Stadt sich aufhalten dürfen. Man ist gegen Gefangene dieser Art nachsichtig; nach einem Jahre schon ist die Strafe, wenn sie auch vielleicht auf drei Jahre verhängt würde, abgebüßt. Ich, als Vater des Erschossenen, werde in Kopenhagen selbst um Gnade bitten, das wird die Haft kürzen. Dann bin ich dafür, daß Heinrich seinen Schatz von Gelehrsamkeit in Göttingen zur Anerkennung bringt und dort um eine Professur wirbt; du hast all die Fähigkeiten, die ihm für die strenge Verfolgung solcher Plane mangeln. Du wirst ihm durch die Ehe überhaupt erst die Erziehung geben, die er eigentlich nie bekommen hat. Seine Mutter starb früh … Was ich dir einst von ihr sagte, war … Eingebung – des Augenblicks! Nichts weiter! Er hat dir davon erzählt?

Lucinde nickte. Sie versprach alles, was der Kronsyndikus nur zu hören wünschte. Sie war schon glücklich, aus der Gesellschaft der Fräulein Carstens erlöst zu sein. Sah sie doch jetzt, auf einer Spazierfahrt, wie sie sie nie gemacht, zum ersten mal erst das schöne Hamburg! Und nun schon wieder das neue Bild der See, einer Universität, einer Besatzung – Vorstellungen, die ihre Phantasie ganz in Beschlag nahmen. Nur mit Widerstreben kehrte sie in ihre Klause zurück, an welcher der Kronsyndikus nach einer Stunde vorfuhr. Von den Fräulein am Staket empfangen, gab sie sich unbehindert den staunenden Blicken aller Nachbarn preis. Der vornehme Herr, der sie so ehrte, war ja der Vater ihres erschossenen „ersten Verlobten“.

Am folgenden Tage sah sie, wieder in Begleitung 290 des Greises, auch Klingsohrn im altonaer Stadthause. In der Sehnsucht, ihre gegenwärtige Lage geändert zu bekommen, ging sie auf alles ein, was man von ihr voraussetzte. Sie war, vom Kronsyndikus, der indessen eine Weile am Ufer der Elbe auf- und abfuhr, mit Klingsohrn allein gelassen, ganz so hingebend, ganz so vertrauend, wie der Gefangene nur verlangte. Sie konnte ihn in der Voraussetzung zurücklassen, daß er auf die Treue „seines Mädchens“ wie auf Felsen würde bauen können. Vor ihrer Kunst, sich in die Umstände zu schicken, auf eine Erinnerung an den Kammerherrn den Blick zu umfloren, auf ein stürmisches: Sieh mir ins Auge! fest und sicher die schwarzen Sterne Klings­ohrn entgegenzuhalten, erschrak sie selbst. Klingsohr gerieth in einen Ausbruch von Wonne, wie damals in der verhängnißvollen Abendstunde auf Schloß Neuhof. Sprang er auch wol mitten aus einer Liebkosung auf, trat vor sie hin, streckte die Hand aus wie um sie zu erwürgen und sagte: Schlange! Bist doch falsch! Falsch! Ich weiß es! … so entwand sie sich ihm leise, wendete ihm ihren Nacken zu, versteckte den Kopf wie schmollend in die Ecke des Sophas, und erst dann, wenn er sie dennoch in dieser Lage umfing, mit den Armen gewaltig ihren schlanken Leib umspannte, den Kuß seiner Lippen auf ihre Schultern drückte, zog sie diese wie furchtsam ganz in die Höhe und wandte sich leise und allmählich erst mit dem Kopfe herum, allmählich die brennenden Augen erhebend, dann sprang sie auf und warf ihn scherzend zurück, gerade so, wie im Käfige die Panther zu spielen pflegen.

291 Vierzehn Tage brachte Lucinde dann noch mit dem Kronsyndikus zu, um mit ihm allein die Güter desselben zu bereisen.

Der Abschied von den Damen Carstens war ein einziger Jubel ihrer endlich befreiten Seele. Da sie den trauernden Greis, wie es auch dieser ihr ausdrücklich dankte, mit ihrer Heiterkeit erfreute, so ließ sie ihrem Humor ganz den Zügel schießen … Sie parodirte alle Erinnerungen an Schloß Neuhof, an die Lisabeth, an alle Inspectoren, an die Arbeiter, und nur vor Stephan Lengenich mußte sie Halt machen. Der Arme saß noch immer und kämpfte gegen die Verdachtsgründe, die ihn gravirten, vergebens. Seine wichtigste Entlastung, jenes grüne Stück Tuch, das man gleich anfangs bei der Leiche des Deichgrafen gefunden hatte, war, räthselhaft genug, abhanden gekommen. Auch von ihren neuern Erfahrungen erzählte Lucinde und stellte so viel Caricaturen auf, daß sie den Greis zu der aufrichtigen Versicherung veranlaßte, nur mit schwerem Herzen träte er sie an Klingsohrn ab, sie wäre wie geschaffen, ihm den Rest seiner Tage zu vertändeln. Auch von seinem jetzt alleinigen Erben, dem Oberregierungsrathe, sprach er wieder mit der alten Erbitterung. Dieser war ein Anhänger des Gouvernements in einem Grade, daß er ihn, nach einer in seiner heimatlichen Gegend geläufigen Erinnerung an Hermann den Cherusker, immer nur den neuen Segest nannte; Lucinde besaß Kenntnisse genug, darunter einen Verräther zu verstehen.

Die holsteinische Reise bot Natureindrücke und Abwechselungen, wie sie sich von diesen Flachländern kaum 292 erwarten ließen. Sanfte Hügel und Thäler wechselten mit Seen, letztere von prachtvollen Buchenwäldern eingerahmt, fischreich und überflattert von wildem Geflügel. Die Glocken von stattlichen Rinderheerden läuteten auf Wiesen, die sich hinzogen wie Alpenmatten. Jede Blume, die auf den Stoppelfeldern noch zurückgeblieben, mußte mitreisen. Lucinde stieg aus und wand Kränze, den Greis zu schmücken, der sich’s gefallen ließ, wenn ihn sein Rundblick über die landwirthschaftlichen Eindrücke zu ernst stimmte. Die Besitzungen, an denen man vorüberfuhr, waren schloßähnlich, von großen, massiven Wirthschaftsgebäuden umgeben, mit Gärten und Parks geschmückt. Die Bauernhäuser standen denen ihrer Herrschaften nicht nach. Alles zeugte von Wohlhabenheit und bestritt die Ansichten, die Lucinde vom Plattdeutschen als dem Ausdruck der Lässigkeit und Trägheit hatte. Die Krone aller dieser Eindrücke, die noch über den Eindruck der in sonnenglänzenden Wäldern still verborgenen Seen ging, war das letzte Ziel der Reise, die Hafenstadt am Busen der Ostsee selbst.

Wo kamen in diesen Flachländern plötzlich diese dunkelgrünen hohen Ufer her! Diese bewaldeten Höhen, von deren Fuß sich die grellrothen Dächer der Fischerdörfer abhoben, wie wenn im gleichen Landschaftsgefühl Natur und Kunst sich begegneten! Auf dunkelblauer Fläche weiße Segel, Möven im flatternden Neckspiel, der Spiegel des Wassers so blau, so krystallen, wie eine riesige Schale von Saphir, und darüber her der Himmel, so durchsichtig und ahnungsschwer die nahe gerückte Ferne verrathend, Ufer so vieler Inseln, Skandinaviens wie ge-293sehene Küste! … Auch die Festung mit dem hochragenden Danebrog, auch die Stadt mit ihren Promenaden und Alleen trug den Charakter, als beträte man einen einzigen üppigen großen Garten.

Hier in Kiel, wo man später noch jahrelang von Lucinden sprach, wurde sie einer Professorenfamilie übergeben. Als die Bedingungen geschlossen waren und ihr Einzug gehalten werden konnte, rüstete sich der Kronsyndikus, von ihr Abschied zu nehmen. Er hatte seine Bereitwilligkeit, ihren Wünschen zu genügen, auch noch darin bewährt, daß er in dem Hause des Professors seiner Pflegetochter, wie sie beinahe genannt wurde, eine größere Freiheit erwirkte, als sie in Hamburg genoß. Sie hatte ihre eigenen Zimmer. Die Nachricht, daß sie die Braut eines Festungsgefangenen war, hatte sich bald verbreitet. Der seltsame Umstand, daß der eigene Vater des vom Dr. Klingsohr erschossenen Herrn von Wit­tekind es war, der seine Hand schützend über sie ausgestreckt hielt, wurde romantisch genug ausgeschmückt.

Am Abend vor der Abreise des Kronsyndikus hatte sie mit ihm noch eine herzbeklemmende Scene … Sie hatte, da er ganz in der Frühe reisen wollte, die Nacht über wieder in dem Gasthofe bleiben wollen, wo sie gleich anfangs mit ihm abgestiegen war. Sie konnte ihn erst in später Abendstunde erwarten, wo er zurückkehrte von einer Unterredung mit einigen österreichischen Offizieren, die sich in dieser „roßprangenden“, an Gestüten reichen Gegend zum Ankauf von Pferden befanden. Schon oft hatte sie auf Schloß Neuhof von jener kindlichen Blondine, der Gräfin Paula von Dorste-Camphausen, einer Nichte 294 des Kronsyndikus, gehört, daß ihr unermeßlicher Reichthum nach dem Tode ihres kränkelnden Vaters, des Grafen Joseph (Schwagers des Freiherrn), Anlaß zu einer großen Veränderung geben würde auf Antrieb einer in Oesterreich ansässigen zweiten Linie des alten Grafengeschlechts der Camphausen. Der Kronsyndikus, der Oheim, vielleicht der künftige Vormund der beiden letzten Augen, auf welche die eine Linie stand, der schönen sanften Augen jener Kleinen, die einst Zeuge gewesen war, wie sich Lucinde in die Pagode des Wassergeflügels auf Schloß Neuhof geflüchtet hatte, war mit dem Vertreter der österreichischen Linie, Grafen Salem-Camphausen, hier zusammengetroffen zu Besprechungen, in die Lucinde, wie in die vielen andern Beziehungen, in deren Chaos der Kronsyndikus lebte, keine nähern Einblicke erhielt. Diese Besprechungen fanden in einem Badeort bei Kiel statt, dessen Name dem Kronsyndikus Erinnerungen wecken mußte, unheimlich genug – Düsternbrook.

Gegen neun Uhr kam der Kronsyndikus von einem Diner heim, bei welchem wider Vermuthen eine Anzahl von Offizieren der Garnison zu Ehren der fremden Gäste zugegen gewesen war. Graf Hugo von Salem-Camphausen, ein stattlicher junger Cavalier, begleitet von seinem Freunde, einem Baron Wenzel von Terschka, wie Lucinde schon wußte, führte den Kronsyndikus die Stiegen des Hotels hinauf. Sie sprang in ihr früher schon innegehabtes Neben- und Schlafzimmer, merkte aber wohl, daß der Greis in der Gesellschaft fröhlicher Lebemenschen sein Leid vergessen und dem Weine zugesprochen hatte in altgewohnter Art. Dennoch blieb er still und ver-295abschiedete sich von dem Grafen mit einem Tone, der seiner gedrückten Situation angemessen war.

Als die Cavaliere sich entfernt hatten und zu einigen Wagen voll Offizieren (unter ihnen ein Prinz von einer Seitenlinie des regierenden Hauses) zurückgekehrt waren, um, wie Lucinde später erfuhr, noch in die heute stattgefundene Eröffnung der Theatersaison zu fahren und dort die Kritik der neuen Truppe mit einigen Demonstrationen zu verbinden, die das aufgeführte Stück unterbrachen und einen Conflict mit der im Parterre befindlichen Studentenschaft herbeiführten, klopfte sie an und trat zum Kronsyndikus ein. Dieser saß bereits am geöffneten Schreibbureau. Er hatte ein Kästchen geöffnet, aus dem er Schmuckgegenstände hervorgenommen hatte …

Wie er Geräusch hörte, sprang er auf und rief:

Wer da?

Es währte einige Augenblicke, bis sich der heftig erschrockene Mann in die Nähe Lucindens gefunden hatte.

Der Diener brachte noch einige Lichter mehr, da sich der Kronsyndikus beim Heraufkommen, trotzdem, daß zwei schon brannten, über die große Dunkelheit beklagt hatte.

Lucinde erklärte den Grund ihrer Anwesenheit: Die Abreise ihres Wohlthäters in erster Morgenfrühe und ihr Bedürfniß, den Abschied noch bis dahin zu verschieben.

Auffallend langsam fand sich der Greis in dem, was sie sagte, zurecht und erwiderte wie abwesend:

Gut! Gut!

296 Jetzt winkte er dem Bedienten und sagte, daß er zu Bett gehen wollte.

Lucinden einfach zunickend, ging er ins Nebencabinet und drückte die Tür desselben zu.

Nach einer Weile kehrte der Diener zurück und flüsterte Lu­cinden zu, die mit Spannung gewartet hatte:

Es muß ihm was in die Quere gekommen sein …

Wo aber? fragte sie ebenso leise.

Bei den Offizieren!

Diese wußten doch, daß er trauerte, und dennoch –

Lucinde wollte sagen, wie unrecht man gethan hätte, ihn in den Zustand zu bringen, wie sie ihn gefunden …

Der Diener erzählte aber, daß die Offiziere im Gegentheil in größter Ruhe zu Tisch gesessen hätten, daß von dem Grafen Salem-Camphausen ein Glas ergriffen und gesagt worden wäre, sie wollten es leeren ohne anzuklingen und dabei eines unglücklichen Vaterherzens gedenken. Feierlich hätten da alle die Gläser ausgetrunken und sie niedergestellt wie „aufs Tempo“. Es hätte einen schauerlichen Eindruck gemacht. Da nun aber wäre der Kronsyndikus selbst gesprächig geworden und hätte, aus Dankbarkeit und wol auch Rührung über die Schonung, die Herren ermuntert, es nicht so ernst zu nehmen. Nun wäre die Rede auf Lucinden gekommen –

Auf mich? fragte sie erstaunt.

Der Diener konnte auf ihr Drängen, was man von ihr gesagt hätte, nichts erwidern; denn da er beim Aufwarten geholfen, hätte er sich gerade entfernen müssen.

Wie ich aber zurückkomme, fuhr er flüsternd fort, lachen sie alle, sprechen aber französisch und der Alte 297 zieht aus der Tasche eine von den Kostbarkeiten, deren er Ihnen schon viele geschenkt hat …

Warum aber das?

Er hat noch eine Menge für sie auf morgen zum Abschied ausgesucht! Da drinnen im Secretär!

Das wird er doch den Offizieren nicht gesagt haben?

Verstanden hab’ ich blos, wie er das Armband – ein Armband war’s – herumzeigte … da sagten sie alle: Superb! Charmant! Nämlich auf französisch!

Aber warum nur zeigt’ er’s denn?

Ich meine gar … und ganz gewiß … sie stritten über Ihre … Ihre Nase, Fräulein!

Dummer Schnack!

Mein Seel’, wirklich! Ob die spanisch oder italienisch wäre … oder … Da sagte der eine, der den Grafen aus Wien mit hierher begleitet hat …

Herr von Terschka …

Der sagte, das Bild auf dem Armband – das nämlich auch ganz Ihre Nase haben sollte – wäre eine Italienerin, die er kenne … aus Rom … und genannt hat er sie auch … Jetzt fiel der Graf ein und sagte auf deutsch: Ja, Terschka, das ist ja halt die leibhaftige … Nun nannte der wieder einen Namen … aber einen deutschen, den ich nicht behalten konnte … aber eine Kunstreiterin war’s … das schönste Mädchen in Wien … und während nun wieder die Offiziere zwar in Lachen ausbrechen wollten, aber sich zurückhielten und doch nicht zu lebendig werden wollten … wegen der Trauer … hielt sich der Alte gerade am wenigsten, redete allerlei durcheinander, schenkte die Gläser rings um 298 sich her voll, schnackte vom Hundertsten ins Tausendste, und wenn er nun die Nacht nicht ordentlich schlafen kann, so ist’s seine eigene Schuld. Um vier Uhr soll ich ihn wecken.

Der Diener ging.

Lucinde schüttelte den Kopf, dachte aber bald nur noch an das schöne Armband, an den Streit der Offiziere, ging ins Nebenzimmer, sah sich beim Entkleiden im Spiegel, forschte nach der Nationalität ihrer Nase und ging zu Bett.

Kaum mochte sie, müde vom Warten, eine Stunde geschlafen haben, als sie erwachte. Der Mond schien hell ins Zimmer, sie hatte vergessen die Laden zu schließen … Der Wächter rief die elfte Stunde … einige vereinzelte Rufe und Liederintonationen kamen von den vom Wirthshaus heimkehrenden Studenten, in deren Leben sie sich durch Jérôme’s und Klingsohr’s Erzählungen schon längst zu versetzen gewußt hatte. Der Theaterlärm hatte die Köpfe vollends erhitzt …

Wie es dann wieder still wurde und sie eben im Begriff war, auch wieder einzuschlafen, hörte sie im Nebenzimmer Geräusch.

Ein harter Gegenstand fiel nieder und rollte auf dem Fußboden hin.

Sie erhob sich …

Jetzt hörte sie Schritte und laut reden …

Sie sprang auf … sie hatte vergessen, die Verbindungsthür zuzuriegeln …

Es war aber der Kronsyndikus selbst, der ohne Zweifel mit seinem Bedienten sprach, den er durch eine Klingel wecken und vom Corridor zu sich herüberrufen konnte.

299 Als sie aber die Riegel leise zugeschoben hatte, hörte sie, daß der Kronsyndikus allein sein mußte. Er ächzte und stöhnte und sprach mit sich selbst …

Jetzt durfte sie annehmen, daß ihm etwas zugestoßen war …

Rasch warf sie sich einen Rock über, hielt einen großen rothen Shawl in Bereitschaft und trat wieder an die Thür …

Der Greis war allein und, wie sie hörte, in großer Aufregung …

Sie unterschied Worte, die er sprach …

Jetzt war es ihr, als wenn er um Hülfe rief …

Nun hielt sie sich nicht länger, sondern drückte die Thür auf und trat, so wie sie war, vom Shawl verhüllt, in ihrem von einem Häubchen zusammengehaltenen Haar, im weißen Unterkleide ein.

Wie entsetzte sie sich aber, als der Kronsyndikus mit einem Stockdegen in der Hand aufrecht im Zimmer stand, bei ihrem Anblick auslegte und sie mit aufgerissenen Augen anstarrend anfuhr:

Gespenst! Zurück! Was sagst du, daß du mein Weib bist! Römische Schlange! Ich –

Lucinde stieß einen Schrei aus, denn mit dem gezückten Degen kam der Fieberkranke, Halbnackte dicht auf sie zu. Den Irrthum seiner Phantasie erkennend, ließ er in demselben Augenblicke den Degen fallen. Dieser klirrte auf ein Glas nieder, das vom Nachttisch des Nebenzimmers gefallen sein mußte, seines starken Bodens wegen aber nicht zerbrochen, sondern bis in das Wohn-300zimmer gerollt war, als dessen Thür von dem Aufgeregten geöffnet wurde.

Lucinde, sagte der Greis, sie erkennend und seiner Erscheinung in einem Nachtkamisol und mit nackten Füßen nicht achtend, Lucinde, komm her! Steh mir bei, ich sehe nichts als Blut – ich habe mich verwundet –

Nein, Nein! beruhigte ihn Lucinde, die sich im Mondenschein leicht orientiren konnte und einer Nacht gedachte, wo sie ebenso ihren Vater einmal, als er spät aus dem „Vorspann“ gekommen war, zur Ruhe bringen half, während alle Geschwister um den Wahnsinnigscheinenden herumstanden und schrieen … Sie achtete seines Aufzugs nicht.

Der Fieberkranke ließ sich nicht bedeuten und sagte:

Doch, Kind! Sieh doch nur! Da! Und nun huschen diese Kerle alle um mich herum und stehen mir nicht bei! Hunde, was schnuppert ihr denn nur an meinen Beinen! Jesus Marie, laßt doch die Menschen aus der Stube! Lisabeth, was soll denn der Mönch da in der Kutte? … Fort mit dem Buschbeck! Sind Sie des Teufels, Herr! Und schießen ihre giftigen Pfeile auf mich ab, Mensch? Halt! Halt! Fort, brauner Teufel! – Hier, – ha, was liegt denn da im Wege? Worüber fall’ ich denn ewig? Wieder der Dicke? Jesus! Bringt ihn mir doch fort! Was liegt denn der Dicke mir ewig im Weg und läßt so die Menschen über sich fallen!

Lucinde that das Möglichste, den mit herzzerreißendem Jammer Phantasirenden zu beruhigen …

Zu wild aber jagten die Bilder vergangener Tage an dem Verzagten vorüber. Kaum hatte er Lucinden 301 erkannt, war sie ihm doch schon wieder eine andere und vorzugsweise jene Schreckgestalt, die er erst zu sehen geglaubt hatte. Den rothen Shawl nannte er einen Königsmantel, die Haube die Krone der Semiramis – Mitten in seine Angstrufe mischten sich italienische Laute, die Lucinde nicht verstand … Auch die Kunstreiterin schien vor seiner Phantasie auf- und abzugaukeln.

Endlich hatte Lucinde den Klingelzug erreicht und zog diesen aufs heftigste …

Vor dem Ton fuhr der Greis zurück. Es mußte ihm sein, als hätte ihm mit diesem schrillen Laut jemand einen Schlag gegeben, so taumelte er und blieb eine Weile starr. Die Besinnung kehrte wieder. Lucinde klingelte zum zweiten mal. Er sah um sich, verglich den Ort, wo er war, sah rückwärts auf sein dunkles Cabinet, und wie Lucinde unerschrocken zum dritten mal geklingelt hatte, winkte er ihr zu mit vollkommenem Bewußtsein, sie sollte das nur lassen und jetzt gehen.

Da sie zögerte, schüttelte er den Kopf, besah seinen Aufzug und sprach wiederholt und aufs bestimmteste:

Geh, geh, Kind! Ich habe schwer geträumt … Das Mahl mit den Herren … ich hätte nicht dabei sein sollen … geh, geh!

Indem hörte man schon eilende Schritte auf dem Corridor, schon das Einsetzen des Schlüssels, den der Diener, um früh den Herrn wecken zu können, mit sich genommen hatte.

Als der Diener eintrat, fand er seinen Herrn schon allein und bekam in ruhiger, wie Lucinde noch zitternd und bebenden Herzens belauschte, klar zusammenhängen-302der Rede die Erklärung, daß er sich unwohl gefühlt und selbst geklingelt hätte, jetzt wär’ es vorüber. Der Diener machte Licht, deutete auf die Splitter des Glases, auf den Degen. Es war gefährlich, den Kronsyndikus noch länger so im Zimmer in bloßen Füßen zu lassen; er ging zu Bett, nachdem er dem Diener die Weisung gegeben, die Verbindungsthür des Cabinets anzulehnen und nebenan im Wohnzimmer auf dem Sopha zu schlafen.

Jetzt erst verriegelte Lucinde.

Sie hörte Zurüstungen, wie sich der Diener einiges Bettzeug holte und auf dem Sopha Platz nahm. Gepreßten Herzens ging sie auf ihr Lager zurück, wo sie bei ihrer Jugend und noch von der Reise nachhaltenden Ermüdung bald wieder in den Armen des Schlafes lag.

Um vier Uhr weckte man sie. Schon war der Kronsyndikus nebenan hörbar.

Als sie sich angekleidet hatte, hörte sie schon das Blasen des Postillons.

In aller Freundlichkeit klopfte ihr Wohlthäter an die Thür und steckte den Kopf herein …

Lucinde fand ihn vollkommen beruhigt und zur Abreise gerüstet …

Des nächtlichen Vorfalls wurde keine Erwähnung gethan.

Noch übergab ihr der Abreisende Geld, wirklich auch einige Schmucksachen und ermahnte sie, den „nun bald eintreffenden Doctor“ so zu empfangen, wie sie es ihm versprochen hätte.

Mit einem Kuß auf ihre Stirn, einem langen Blick 303 auf ihre ganze Erscheinung, als wollte er sagen: Seh’ ich dich wieder? Und was wird wol aus dir alles noch werden? ging er …

Sie folgte bis in den Corridor und wollte weiter; an der Treppe aber hielt er sie schweigend zurück …

Unter den Kleinodien, die kostbar, aber wiederum von alter Façon waren, befand sich keines, auf welches die Erzählung des Bedienten gepaßt hätte.

Er wird es zurückbehalten haben … das Bild seiner – zweiten Frau! sagte sie sich, legte einige der Brochen und Armbänder an, nahm sie dann wieder ab und ging noch einmal zu Bett.

Sie schlief bis gegen neun Uhr. Dann begab sie sich in ihre neue Wohnung.

304 19.#

Haß und Bewunderung, Fluch und Segen setzte sich auch auf dem neuen Schauplatz seines Lebens an die Fersen eines Mädchens, das durch stetes Verpflanzen aus einer Lebenssituation in die andere eine seltene geistige Kraft gewinnt.

Jetzt achtzehnjährig, entwickelte sich Lucinde nicht mehr in ihrer Aeußerlichkeit. Im Gegentheil nahmen die sanften und runden Formen, die dem halben Kinde schön gestanden hatten, einen scharfen Charakter an. Schultern und Hüften gewannen eine hervorspringende Bestimmtheit; ja, sie fing an zu magern, wodurch das Feuer ihrer Augen um so brennender wurde.

Die ganze Stadt war mit ihrem Erscheinen beschäftigt. Man definirte ihren Reiz nicht, man nahm ihn als den einer aparten Natur hin. In den Offizierskreisen sagte man: Sie hat Rasse! Das deutsche Pferde-Arabien, Mecklenburg, lag nahe genug und ent­schuldigte einen Ausdruck, der vom Stalle kam. Für eine Spanierin besaß sie zu wenig Schwärmerei im Aufblick der 305 Augen. Für eine Italienerin hatte sie das Phlegma und die äußere Kälte nicht. Einer Griechin entsprachen, wie es bei den Frauen allgemein hieß, die falschen Augen. Ein Wort wurde eine Zeit lang entscheidend. Ein dänischer Offizier, Dichter und Freund jenes Prinzen, hatte sie eine künftige Sibylle genannt. Ihre Feindinnen machten sogleich eine Hexe, Indifferente, eine Zigeunerin daraus. Sie trug sich in grellen Farben, liebte schwere Stoffe, bunten Schmuck. Bald zeigte sie sich zu Wagen, bald zu Roß. Als Amazone durch die Alleen des Schloßgartens hinsprengend, begleitet von den Männern, die sich um eine weibliche Erscheinung, die sich fühlt und zu geben weiß, von selbst finden, ohne gesucht zu werden, machte sie einen Eindruck der fesselndsten Art. Ein runder Herrenhut saß ihr tief im Nacken. Ein langes silbergraues Tuchkleid hing fast bis zu den Hufen des Rosses herab.

Endlich kam Klingsohr.

Daß er bald nach dem Wiedersehen innerhalb der Festung in Verzweiflung gerieth, läßt sich denken bei einem solchen Genuß ihrer Freiheit, wie ihn Lucinde sich gestattete. Die Eifersucht verzehrte ihn. Obgleich auf die Festung beschränkt, hatte er die volle Freiheit bekommen, Besuche zu empfangen. Auch stellte sich Lucinde anfangs fast täglich bei ihm ein, wandelte mit ihm auf dem Glacis Arm in Arm, bald aber verdroß sie die Beobachtung und der auf den Mienen der Offiziere sichtbare Spott.

Als Klingsohr nach einigen Wochen schon die Erlaubniß bekommen hatte, einige Stunden des Tags auf 306 Ehrenwort in der Stadt zu verweilen, gab es, wenn er in ihrer Wohnung vergebens auf sie wartete, bald die aufgeregtesten Scenen. Mußte er mit dem Glockenschlag Neun seine Rückwanderung antreten und sie war von irgendeiner Zerstreuung noch nicht wieder da, wie ergrimmte er in Zorn und Verzweiflung! Jener Prinz war es vorzugsweise, der Lucinden mit Leidenschaft auszuzeichnen angefangen hatte. Sie ließ sich seine Huldigung wie die der andern gefallen. Aus dem angenommenen System, keinem zu gehören, trat sie um so weniger heraus, als sie den Ruf des Hauses, in dem sie wohnte, zu schonen, die bereits begonnene Empfindlichkeit ihrer nächsten Beschützer zu versöhnen hatte.

Klingsohr wollte sie in Anfällen seiner Eifersucht oft einschließen, wie nach seinem Ausdruck jener Ritter seiner Melusine that. Er nannte sie in wüthenden Zornausbrüchen ein Weib ohne menschliches Blut, ein Halbgeschöpf von Feuer und von Wasser, eine Fischnatur; er hätte sie täglich in einen Kasten schließen mögen, dessen Schlüssel er zurückbehielt und mit sich in die Festung nahm. Die Verzweiflung, sich nach allen Seiten hin gebunden zu fühlen, trieb ihn, wenn sie im Theater war, wo er nicht erscheinen sollte, wieder zu der alten akademischen Lebensweise zurück. Wieder gab es auch hier, in der Stadt und in der Festung, Bewunderer, die seinen Orakelsprüchen lauschten. Wieder schrieb er zwanzig Bücher zu gleicher Zeit. Wieder hatte er Systeme erfunden, die noch um einige Jahre zu früh gekommen wären, wenn er sie jetzt schon hätte veröffentlichen wollen. Oft mußte ihn die Ronde aus der Festung 307 noch in der Stadt aufsuchen und fand ihn schon wieder da, wo die Staaten beim Klopfen der zinnernen Deckel erschüttert werden. Wie haßte sie ihn, wenn sie davon erfuhr oder er selbst noch kam, sie in den Folgen solcher Geselligkeit zu grüßen! Gab sie ihre Fischnatur vollkommen zu, so war es, weil sie sagen konnte: Ich mache mich anheischig, vierzehn Tage lang nur von Wasser zu leben!

Der Winter brachte Gesellschaften, Bälle …

Allgemein erzählte man sich von einer Geschichte, die anfangs nur zu lachen gab …

Lucinde hatte jenen Prinzen so sicher gemacht, daß sie ihm sogar die Zusage zu einem von ihm aufs dringendste erbetenen Stelldichein gab. Der Prinz bewohnte eine Villa, eine halbe Stunde von der Stadt entfernt. Briefe, mündliche Botschaften, Vermittelungen von Beauftragten sollten an einem bestimmten Abend an dem Thor, das nach Bellevue, von dort nach der Villa des Prinzen führte, einen Wagen harren lassen, welchem eine Verschleierte zur bestimmten Stunde sich nähern würde. Der Wagen würde dann dem in der Villa harrenden Prinzen die so dringend und heiß ersehnte Eroberung zuführen … Schon seit einigen Wochen hatte dieser Kampf gegenseitiger Bitten und Ablehnungen gedauert. Lucinde, die keine Uebereilung der Sinne kannte, legte eine Intrigue an, die ihrer Lust an Spuk und Schadenfreude entsprach. Eine große Vorliebe, die sie für das nicht ganz schlechte Theater der Stadt gefaßt, hatte sie mit einigen Mitgliedern desselben bekannt gemacht. Unter dem weiblichen Personal befand sich eine Sängerin für jugendliche Par-308tieen, eine Erscheinung vom allerkleinsten Wuchse, aber um so größerer Gefallsucht. Sie hieß Henriette und wurde von den Studenten spottweise in Beziehung auf die berühmte Henriette Sontag Henriette Montag genannt. Dieser theilte sie unter veränderter Adresse schon lange jene Briefe des Prinzen mit, die an sie selbst gerichtet waren. Am Schluß schrieb sie regelmäßig mit nachgeahmter Handschrift einen Ort, an welchem der Prinz seine Antworten zu erhalten wünschte. Wie vorauszusehen war, kamen die geschmeicheltsten von der Welt. Diese stellte sie wieder dem Prinzen als die ihrigen zu. So gingen diese Briefe hin und her. Immer näher durfte der Prinz sich seinem Ziele gekommen glauben, und so war der Briefwechsel zwischen ihm und Lucinden eines Tages so weit, daß jenes Rendezvous vorzuschlagen gewagt wurde. Auch dieser Brief ging an die Sängerin … Um die siebente Abendstunde stieg eines Tages an dem genannten Thore eine verschleierte Dame in den bewußten dort harrenden Wagen und fuhr ohne Zweifel einem demüthigenden Schicksal entgegen zur Villa.

„Demüthigend“ hatte Lucinde gedacht …

Was erlebte sie aber?

Der gespielte Streich kam zwar zur allgemeinen und belustigenden Kunde; der Prinz jedoch, dem Spott sich entziehend, verschwand auf einige Zeit, nahm auch zuletzt seinen Abschied, ließ aber auch die kleine Henriette Montag von der Bühne zurücktreten, kaufte ihr in entlegener Gegend des Landes eine Besitzung, verschaffte ihr einen adeligen Namen und heirathete sie zuletzt in der legitimsten Form.

309 Der Eindruck, den Lucinden diese unerwartete und schnell aufeinander folgende Wendung machte, war außerordentlich genug. Er steigerte sich bis zum offenbaren Verdruß. Der Neid, der sie erfüllte, legte sich mit der Zeit. Sie verweilte weit länger bei der Ueberlegung, worin das Fesselnde hier hatte liegen können, in welchem weiblichen Reize, in welcher Kunst des Gefallens, in welcher Macht, die Frauen auf Männer, allerdings hier von nur wenig Geist, auszuüben im Stande sind? Dann aber wurde denn doch das allgemeine Aufsehen, das dieser Vorfall nach sich zog, und das ungünstige Licht, in dem sie dabei schon durch die gespielte Intrigue selbst erschien, Veranlassung zu Mismuth jeder Art. Sie erhielt den längern Aufenthalt in der achtbaren Familie, die sie aufgenommen hatte, gekündigt. Sie konnte froh sein, daß wenigstens Klingsohr über den Scherz mit dem Prinzen lachte. Ihm that der Vorfall als Beweis ihrer „Treue“ wohl.

Klingsohr’s Haft, die in der That auf Gnadenwege bis zu einem Jahre gekürzt wurde, nahete sich ihrem Ende – aber auch in Lucindens Leben trat eine entscheidende Krisis ein.

Gefahrvoll ist es einer geradezu auf die Wolken zugehenden Lebensbahn, wenn sie in den Motiven ihrer Handlungen einmal wechselt. Wer immer mit dem Verstande vorauswühlt, wohin er mit Hand und Fuß zur That nachschreiten soll, der verschüttet sich den Weg, wenn er plötzlich den Einfall bekommt, nicht dem Verstande, sondern dem Herzen folgen zu wollen. Eins darf man nur festhalten, entweder den Ruhm oder die 310 Ueberzeugung. Alles zugleich erstreben, verdirbt eins das andere. Wer den Ruhm will, soll – die Weltphilosophie lehrt es – das Gewissen nicht hören; wer das Glück will, muß auf die Ueberzeugung verzichten. So ist das Dasein. Die Menschen, die wie auf den Rennbahnen des Alterthums mit vier Rossen zu gleicher Zeit dahinsprengen können, von denen eins die Begeisterung, das andere die Mäßigung, das dritte die Tapferkeit, das vierte die Tugend ist, und die, so verschiedenartig auch die Rosse anziehen, doch zu einem großen Ziele kommen, gibt es nicht, außer sie wurden auf Thronen geboren. Geborene Herrscher können alle Kränze des edelsten Strebens zu gleicher Zeit gewinnen. Wie beklagenswerth, wenn sie den großen Vorsprung, den ihnen die Ordnung der Dinge für das Große, Gute und Ideale zu gleicher Zeit gelassen, nicht zu benutzen wissen und sie entweder nur beim Beschränkten stehen bleiben oder beim Gewaltthätigen! … Die Vortheile aber einer Lebensstellung, die Lucinden schon bis zur Gattin eines Prinzen erheben konnte, verlor sie, als sie einmal statt aus dem Verstande – aus dem Herzen handelte.

In jener Schauspielertruppe, der die zur Gemahlin eines Prinzen erhobene „Zwergin“ angehörte, zeichnete sich eine nicht mehr junge Schauspielerin aus, die sich Madame Serlo nannte, obgleich sie, wie man sagte, mit dem Helden und Liebhaber der Truppe dieses Namens nicht verheirathet war.

Madame Serlo war groß, von majestätischer, fast zu imposanter Haltung; denn nicht jede Rolle stand ihr und für die majestätischen fehlte ihr doch wieder die Größe 311 der Empfindung, der Phantasie, des Schwunges. So blieben ihr nur die kalten Salondamen, in denen sie theilweise wirklich bewundert wurde … Und in der That hatte das ehemalige Fräulein Leonhardi oder Madame Serlo eine Art, im Lustspiel mit einfachen Mitteln Wirkungen hervorzubringen, die ihr das Ansehen einer Künstlerin gaben. Mit zwei oder drei Rollen des Conversationsstücks blendete sie alles und manches große Hoftheater war schon in die Falle gegangen und hatte diese unübertreffliche Frau von Waldhüll im „Letzten Mittel“, diese Baronin von Wiburg in „Stille Wasser sind tief“ engagirt, bis sich nach der vierten oder fünften Rolle die gänzliche Unbrauchbarkeit einer Semiramis ohne Leidenschaft herausstellte. Zu ihrer Figur paßte schon ein zu kleiner Kopf nicht. Die etwas stumpfe Nase, das gespaltene Kinn, die blauen Augen, alles war ausdruckslos. Bei alledem machte das Ensemble ihrer Erscheinung sich noch immer im Salonstück interessant und war für jeden eine Weile in dieser Sphäre einnehmend. Man rühmte überall ihre Formen, man verglich sie mit den Gestalten, die Tizian als Venus malte. Ihr Haar war blond, ihre Haut hatte eine Incarnation, auf die der Ausdruck Mischung von Milch und Blut im vollkommenen Sinne paßte.

Gezwungen, niederzusteigen in die Sphäre, wo man sich kalt und empfindungslos dargestellt auch eine Jungfrau von Orleans, eine Julia, eine Luise Millerin gefallen lassen muß, wenn nur die Gestalt genügt und Costüme sowol wie eine gewisse Tournure die andern Mängel vergessen lassen, hatte Madame Serlo einen 312 jungen Mann mit sich in ihre Sphäre hinuntergezogen, der einen kurzen Augenblick zu glänzenden Hoffnungen berechtigt schien.

Serlo war aus einer der ehemaligen geistlichen Residenzstädte Deutschlands gebürtig und zum Priester bestimmt gewesen. Aus dem Seminar war er kurz vor der letzten Vorbereitung zum Empfang der Weihen entflohen und hatte theils aus Abneigung gegen den Stand überhaupt, für welchen ihn seine armen Aeltern bestimmt hatten, theils aus Unvermögen, irgendwie einen andern Beruf zu wählen, der ihn erhielt, theils endlich aus wirklicher Neigung die Laufbahn der Bühne eingeschlagen.

Serlo’s Wege waren anfangs die allerdornenvollsten. Nur um ein Mittagbrot zu gewinnen, schloß er sich reisenden Gesellschaften an, die in Scheunen Vorstellungen gaben; selbst bei Gauklern und Taschenspielern leistete er auf Tage und Wochen Beihülfe, nur um nicht zu verhungern. Von Hause mit dem väterlichen Fluch und mit Steckbriefen verfolgt, mußte er schon deshalb bald in dieses, bald in jenes Verhältniß treten, nur um den Verfolgern seine Fährte abzuschneiden. Mit der Zeit milderte sich dann der Haß der Seinigen, die Vexation der Behörden. Er fand einige Gesellschaften, die in etwas anständigern Formen auf Rechnung der „dramatischen Kunst“ das Leben ihrer Mitglieder fristeten.

Serlo’s schöne Mittel gewannen ihm allmählich ein Vertrauen, das er freilich durch sein Talent noch nicht rechtfertigte. Er war schlank gebaut, hatte dunkle, feurige Augen, schwarzes Haar, eine frische Farbe, die sich nur 313 leider bald, auch infolge der Entbehrungen und Anstrengungen, als trügerisch erwies und der lachende Widerschein einer kranken Brust war. Schon in diesen ersten Anfängen seiner Laufbahn geschah es ihm zweimal, daß er auf der hessischen Bergstraße, ein andermal in der Gegend zwischen dem badischen Freiburg und Basel – wo wandern nicht diese armen Heloten der dramatischen Muse! – von einem Blutsturz befallen wurde und hülflos und verlassen in kleinen Städtchen liegen bleiben mußte. Die vornehmste Bühne, auf der er, leidlich genesen, im Fache der Liebhaber zum ersten mal wieder auftreten konnte, war St.-Gallen gewesen.

Serlo spielte in St.-Gallen den Mortimer. Er erlebte dabei, daß selbst eine so kleine Stadt wie diese schweizerische ihn auslachte. In Lindau am Bodensee ging es ihm nicht besser. In den kleinsten Städten werden jetzt schon Recensionen und nach auswärts Correspondenzen geschrieben. Um diese seine beiden Niederlagen zu decken, wählte er statt seines eigentlichen Namens Firmian Neumeister den Namen Serlo und gerade Serlo mit Bewußtsein aus Göthe’s Wilhelm Meister. Gebildet durch Schulunterricht und die Vorbereitungen zum Priesterstande, hat­te er vorzugsweise die beiden male, wo nach seinen Blutstürzen Schonung ihm anempfohlen wurde und die Pflege guter Menschen ihm eine Zeit lang Muße gewährte, sein Wissen zu erweitern und zu vervollkommnen gesucht. Er ragte durch seine geistige Bedeutung unter seinen Standesgenossen bei weitem hervor und konnte sich endlich mit dem Namen Serlo in Passau, Regensburg, ja selbst mit der Zeit in Nürnberg behaupten.

314 Hatte Serlo einen Erfolg errungen, so warf ihn leider immer wieder sein körperliches Befinden zurück, nahm ihm feste Stellungen, zwang ihn, monatelang zu pausiren und in den Bädern wieder Erholung und Stärkung zu suchen. Seine Gemüthsstimmung erfüllte sich dabei mit großer Bitterkeit. Er konnte dieser Bitterkeit einen geistigen Ausdruck geben. Er sah überall die Erfolge der Talentlosigkeit, der Intrigue, des schlechten Geschmacks. Er, mit ungleich größern Ansprüchen auf die Gunst der Musen, mußte zurückstehen. Schon war ihm geschehen, daß er an irgendeinem glücklichen Abend irgendeinem durchreisenden Kunstkenner in kleinen Städten aufgefallen war und einen Ruf nach einem großen Hoftheater bekommen hatte; kaum dort angelangt, überfiel ihn eine Heiserkeit, die ihm entweder das Auftreten ganz untersagte oder ihn, wenn er spielen konnte, außer Benutzung seiner Mittel setzte. Und doch hatte sich darauf etwa fünf Jahre lang seine Lage ziemlich günstig gestaltet. Er bekleidete erste Fächer an großen Stadttheatern und hatte Erfolge, Erfolge sowol auf der Bühne wie in der Gesellschaft. Es umgab ihn ein eigener Reiz des Geheimnißvollen, den seine liebenswürdige und angenehme Persönlichkeit unterstützte. Serlo gehörte keineswegs zu denen, die sich der bösen Welt gegenüber unbewaffnet betreffen ließen. Das Unglück hatte ihn längst mehr scharf als schartig gemacht und im Glück gab er seine Weise keineswegs auf und verwundete wol auch zuerst, da ihm Urtheil und Ueberzeugungseifer nicht fehlten. Die Macht, die er überall durch Intrigue erstrebt und wirklich auch durch sie erobert sah, reizte ihn sogar, 315 auch seinerseits nicht die Hände in den Schoos zu legen oder unter Gaunern, wie er zu sagen pflegte, der einzige ehrliche Mann zu bleiben. Serlo schien sogar vielen gefährlich; er rührte sich nach Kräften, zerriß hier eine Fessel, um dort eine andere zu vortheilhafterm Dienst sich anzulegen, stieß fort, was ihm im Wege stand, und unterdrückte mit Gewalt Gemüth und Reue, zwei Begriffe, die für diese „elende und erbärmliche Welt“ nicht paßten und „die Krähen da einließen, wo die Adler wohnen sollten“, wie er oft mit Shakspeare sprach. Geist, Bildung, Intrigue, Talent und ein bei alledem nicht zu verwindender gemüthlicher Zug gaben in Serlo eine Erscheinung, die zum Höchsten berufen schien, wenn nur die Natur und das Glück gewollt hätten.

Die Natur hatte Firmian Neumeister, genannt Serlo, zu einem frühen Tode bestimmt. Er war glücklich zu einem der ersten Hoftheater emporgeklommen, hatte sich drei Jahre behauptet, begehrte einen Contract, der ihn nach fernern fünf Jahren hätte pensionsfähig machen müssen; man wollte ihm nur einen kürzern geben, der diese Pensionsfähigkeit ausschloß. Bei dem Streite, der darüber entstand, vergaß sich Serlo in den Formen, in denen sein Chef sich behandelt zu sehen berechtigt war. Serlo erhielt seine augenblickliche Entlassung. Damals traf er in gleicher Stimmung jenes Fräulein Leonhardi. Man hatte an demselben Hoftheater geglaubt, nach einer von ihr gespielten Donna Diana in ihr eine der ersten Künstlerinnen zu gewinnen, und fand bald, daß sie eine Rolle wie die andere gab, die Lady Macbeth von dem-316selben zuckersüßen Lächeln begleitet, wie sie Bauernfeld’sche junge Witwen spielte. So verließen beide zu gleicher Zeit dieselbe Stadt mit denselben Empfindungen, den Empfindungen der Bitterkeit, und auch mit demselben Uebermuth, der die Verzweiflung wegzulügen sucht. Serlo sprach später oft von dieser Verbindung mit Lionel’s Worten: „Glück zu dem Frieden, den die Furie stiftet!“

Nach einem halben Jahre, wo beide zusammen Gastrollen gaben, mußte Serlo schon für seine Begleiterin sorgen, als wäre sie seine Gattin. War sie dies oder war sie es nicht, sie konnte kein Engagement annehmen. Serlo mußte sie und ein erwartetes Kind ernähren.

So nahm er die erste beste Stellung, die nur etwas Brot gab. Er nahm sie in einer Form, die sich später nur zu oft wiederholte … Es ging zum Herbst. Die Entbehrungen, die von einem Gastspielreisen ohne Ruf und Resultat unzertrennlich sind, hatten ihn aufs Krankenlager geworfen. In einer Mittelstadt Norddeutschlands, wo Fräulein Leonhardi noch Verehrer von sonst besaß, traf sie, ihren Zustand möglichst verbergend, bei einem derselben mit einem durchreisenden Director einer Bühne zusammen, der einen Liebhaber zu engagiren wünschte. In einem Augenblick, wo der Director nach irgendeinem Gegenstand auf der Straße zu sehen ans Fenster trat, besaß sie die Geistesgegenwart, dem alten Freunde rasch zuzuflüstern: Schicken Sie in unser Hotel! Serlo soll sich ankleiden! … Wie? fragte der Director und wandte sich. Sie sprachen ja eben von Serlo? Ist Serlo hier? … Im Goldenen Adler! hieß es … Schade, daß er kränkelt! antwortete der Director … Kränkelt? erwiderte die Leonhardi. 317 Serlo ist so gesund wie ein Fisch! … Ich möchte ihn wol sprechen; ich könnte ihn brauchen … ließ überlegend der Director fallen. Der alte Verehrer des Fräuleins, ein wohlhabender Theaterliebhaber, der sich darin gefiel, im Orte die seltensten Weine zu haben, hielt ihn zurück: Nein, nein, nein! Sie bleiben! Ein Glas Tokayer! Der Director schützte Eile vor, blieb jedoch, um wenigstens auf baldiges Wiedersehen anzustoßen. Damit fand der Kunstfreund einen Moment, hinauszuspringen und seinem Bedienten zu sagen: Lauf in den Goldenen Adler! Herr Serlo soll sich ins Zeug werfen, ein Director kommt ihn zu engagiren! Nachdem bietet er der Künstlerin und dem Director ein improvisirtes Frühstück. Dem Director, der fürchtete, mit Fräulein Leonhardi, die er schon einmal sechs Wochen im Engagement gehabt, auf neue Erörterungen zu stoßen, ergab sich bald, wie Serlo zu Fräulein Leonhardi stand. „Madame Serlo? Ei der Tausend!“ – „Ja Madame Serlo! Doch nimmt mein Mann auch Engagement allein an.“ Eine halbe Stunde verfließt. Zuletzt begleitet der Director Madame Serlo in den Goldenen Adler. Dort, wo noch eben im abgetragenen Schlafrock, mit einem großen wollenen Tuch um den leidenden Hals, ein armer Kranker, leichenblaß, auf dem Bett gelegen hatte; dort, wo alles ringsum in der größten Unordnung gewesen war, wo Arzneigläser am kühlenden Fenster standen, Wäsche am Ofen hing, um erwärmt zu werden; dort, wo ein hinfälliger Kranker, einem Greise ähnlich, das dunstige Zimmer mit Seufzern und Verwünschungen über sein Geschick erfüllt hatte, hatte nach der Meldung des Dieners im Nu eine Verwand-318lung stattgefunden. Die Gläser waren entfernt, das Bett durch einen Schirm verdeckt worden, die Wäsche hinweggenommen, die größte Ordnung herrschte. Der Kranke, der Lebensüberdrüssige, Hinfällige, Hustende stand in dem einzigen Frack, den er besaß, mit eng anschließenden Beinkleidern, gefirnißten Stiefeln, weißer Weste, über welche eine Lorgnette niederhing, buntem, lose umgeschlungenen Halstuche, eben den Hut aufsetzend, eben helle Handschuhe anziehend, eben noch die Cigarre im Munde, um sie rasch gleichsam auszurauchen, ein Liedchen trällernd und die Thür öffnend. Wohl hatte er das Gefühl, als wenn ihm die Füße versagten, die Hände flogen noch vor Fieberfrost, die Lippen zuckten, der ganze Körper zitterte … dann aber hört er kommen, jetzt eine Arie geträllert, laut eine Tirade gesprochen und nun: Was zum Henker, Sie Herr Director? Was führt Sie in dies verdammte Nest, wo ich einen alten Freund besuchen mußte? Bravaden folgten auf seine Kraft, Bravaden über den langweiligen Aufenthalt, die baldige Abreise … man plaudert, man scherzt, man bietet Cigarren … Der Director engagirt den unverwüstlichen, interessanten Serlo für die Wintersaison. Die Contracte waren, wie gewöhnlich, gleich zur Hand in der Rocktasche; noch einige Debatten über die Gage, dann Unterschrift … Beim Scheiden sagte der Director scherzend, mit einem feinen Blick auf Madame Serlo: Serlo! Serlo! Die grauen Härchen an den Schläfen! Schonung! Schonung! … Diese grauen Härchen hatte der Leidende in der Eile zu färben vergessen. Madame Serlo versprach zu sorgen, daß die Härchen nicht um 319 sich griffen. Das Uebrige ist Ihre Sache! sagte sie mit der Süßigkeit jenes Conversationstons, mit dem sie ihre Eroberungen machte. Als der Director fort ist, sinkt Serlo, der eine Stunde lang mit der äußersten Anstrengung die Rolle eines Gesunden und Frohgemuthen durchgeführt, ohnmächtig zusammen. Die Gefährtin seines Lebens sprach den ganzen Tag nur – von dem Glück, solche Freunde zu besitzen wie sie in jenem Kunstfreund! Es war, sagte Serlo, als er diese Scene eines Abends, als seine Gattin spielte, Lucinden erzählte, nicht das erste mal, daß ich gut gespielt hatte und – ohne Beifall blieb.

In eine Verbindung mit diesen Schauspielern trat Lucinde durch Zufall.

Voller Unmuth über die ihr gewordene Kündigung hatte sie eine Wohnung gesucht. Sie erhielt das Anerbieten derjenigen, die Serlo verlassen wollte; die Saison war zu Ende, mit ihr das Engagement.

Es machte ihr damals einen wunderlichen Eindruck, die Menschen, die sie in dem von ihr immer heiß geliebten Theater nur im bunten Flitter, geschminkt und in wallenden Locken gesehen hatte, hier unter lärmenden Kindern, trotz artiger Formen verdrießlich und aller Hülfsmittel zu täuschen entkleidet, wiederzufinden.

Die stadtkundige Geschichte des Prinzen und der Soubrette hatte eine Anknüpfung nähern Gesprächs gegeben. Serlo sagte, daß sich daraus ein Lustspiel machen ließe und Madame Serlo vertheilte schon die Rollen. Lucinde hörte. Der Einblick in diese neue und, wie sie sogleich sah, leidenschaftlich bewegte Welt reizte sie. 320 Sie miethete zwar die Wohnung nicht, kam aber wieder und machte sich, wie dies in ihrer Art war, mit den Kindern zu schaffen. Diese waren hübsch und von viel aufgeregterer Natur, als Kinder in solchem Alter zu sein pflegen. Sie waren selbst schon Schauspieler.

Auch Klingsohr hatte anfangs Gefallen an dieser Bekanntschaft, die ihm Lucinde mittheilte und in die sie ihn einführte. Ihm hatte diese Sphäre ganz bewußt und in poetischer Wahrheit den Reiz, der im Wilhelm Meister nur zu künstlich um sie gebreitet ist. Lucinde fühlte sich tastend, doch desto verhängnißvoller hinein. Bedrängt und verurtheilt von der öffentlichen Meinung, hatte sie bei Madame Serlo ein Asyl gefunden, wo sie sich aussprechen und in ihrer Art ganz gehen lassen konnte. Ihr Scharfsinn entdeckte bald den geheimen Schaden dieser unglücklichen Künstlerverbindung. Serlo litt unter der Kälte und Herzlosigkeit seiner Lebensgefährtin bis zur Verzweiflung. Das ganze Leben dieser Frau war nur ein einziger Vorwurf gegen den Vater ihrer Kinder. Sie behauptete, um ihn die glänzendste Laufbahn verfehlt zu haben, während Serlo doch nur ein Opfer seiner Begegnung mit ihr geworden war. Lucinde wurde, wie das geschieht, die Vertraute, die Rathgeberin beider, die Vermittlerin zweier Gegensätze, die mit höchst ungleichen Waffen kämpften. Dort die kalte frischeste Gesundheit, hier ein Siechthum, das Schonung und Liebe bedurfte.

Lucindens Empfindungen über Klingsohr wurden von der listigen Madame Serlo bald errathen. Sie verurtheilte den Doctor, wie sie ihrerseits alle Männer verurtheilte, ausgenommen die, die ihr huldigten. Lucinde 321 fand für alles das, was sie an Klingsohrn nicht mochte, den weltgewandtesten Ausdruck. Kaum stand es fest, daß sie Klingsohrn nicht mehr liebte, so hatte Madame Serlo auch schon den Plan fertig, das räthselhafte, schöne und aus unbekannten Hülfsquellen reich mit Mitteln ausgestattete Mädchen an sich zu ziehen. Sie schmeichelte ihr zunächst mit dem unverkennbaren Urtheil, das sie über die Bühne hätte, dann sogar mit einem Berufe für sie. Sie löste Lucinden immer mehr von den Beziehungen ab, die sie noch hier und da in der Gesellschaft hatte. Als der Augenblick der Auflösung des Theaters heranrückte und von einem kleinen Seebade gesprochen wurde, in dem die Trümmer der Gesellschaft im Sommer Vorstellungen geben wollten, bedurfte es bei Lucinden keiner langen Ueberredung. Sie entschloß sich eine Stadt zu verlassen, die ihr durch Klingsohrn sowol wie durch die stete Erörterung ihrer Intrigue mit dem Prinzen unerträglich geworden war.

Ueber Klingsohrn hatte ihr Madame Serlo, die das Leben kannte, ein Bild entworfen, dessen Wahrheit sich nicht widerlegen ließ. In voller Gewißheit ging ihr auf, daß die Ueberschwenglichkeit dieses zu so Edelm berufenen und bedeutsamen Mannes eine Folge der Aufregung war, die ihren Ursprung in der Gewohnheit unmäßigen Trinkens hatte. Die Trunksucht war bei Klingsohrn entstanden wie im Traume, wie bewußtlos, wie die natürliche Begleiterin genialer Ueberspannung. Wie sie auch gekommen, sie war da, und Madame Serlo schonte die Farben nicht, diesen Zustand auszumalen. Sie kannte die Nachtseiten des Lebens und sparte keinen 322 Zug an dem Bilde der Zukunft, das sie für Klingsohrn aufrollte. Sie behauptete, schon gehört zu haben, daß er Opium nähme; sie schilderte die Folgen dieser Neigung in einer Weise, die die zum ersten male von solchen Dingen Hörende nicht an der Wahrheit des Gerüchts zweifeln ließen. Sie hatte ja Klingsohrn oft genug schon gesehen, wie er, wenn er mit ihr ging, sie starr betrachtete und sie ihn unmuthig anrufen mußte, um ihn nur zur Besinnung zu bringen. Die Abneigung, die sie immer tiefer gegen ihn empfand, bekam jetzt Grund und Ausdruck. Da sie wußte, wie er nach ihr verlangen, sie verfolgen würde, so hüllte sie die Entfernung von Kiel, die sie in der That drei Monate vor Ende der Gefangenschaft Klingsohr’s ausführte, gerade so weit in Dunkel, als ihr mit Beistand jener verschmitzten Frau nur irgend möglich wurde.

Mit ihren noch ausreichenden Mitteln, mit dem reichen Schatze ihrer Kleider und Schmucksachen war sie Madame Serlo willkommen wie ein Engel des Lichts. Die andern Schauspieler reisten ab, geradeswegs nach jenem Bade. Nach einigem Hin- und Herreisen, um ihre Spur zu verbergen, erschien auch Lucinde in jenem noch menschenleeren Strandorte. Sie war nun in diesen neuen Kreis, eben aus Furcht vor Klingsohrn, wie gebannt. Von ihrer eigenen Vergangenheit deckte sie nicht viel auf, wie überhaupt Verschwiegenheit zu ihren Tugenden gehörte. Daß sie aber schon ein bewegtes Leben geführt, wurde sogleich erkannt, wie auch der Name des Kronsyndikus haften blieb als desjenigen, vor dem sich Lucinde zu rechtfertigen hätte und auf dessen Gunst und Unter-323stützung hier alles ankam. Die sich mehrenden Spuren der Nachforschungen, die um sie angestellt wurden, veranlaßten das engste Zusammenwohnen Lucindens mit der Serlo’schen Familie. Sie gab dabei uneigennützig, was sie besaß. Madame Serlo war eine Meisterin in der Kunst des Schmeichelns. Sie hatte jetzt das sehnsüchtigste Ziel wieder eines Engagements an solchen Plätzen, wo sie den reichen Schmuck und die kostbaren Kleiderstoffe, die ihr Lucinde gern zu Gebote stellte, verwerthen konnte.

Die eigentliche Fessel aber, die diese Eroberung festhielt, war in der That der von Lucinden gepflegte und gegen die Kälte der Frau geschützte Mann. Serlo hatte etwas Vergeistigtes. Er besaß ganz jene verklärte Schönheit, die bei Brustleidenden bis an das Ende ihrer Tage sich noch zu steigern pflegt. Sein Auge blickte voll sanfter Glut, wenn er am wenigsten beobachtet wurde. Die Formen seines Antlitzes waren so edel, daß Sie den Meißel des Bildhauers herausfordern konnten. Das Haar hing in den Nacken mit seinem grauen Schimmer, wenn es nicht gefärbt wurde der „Komödie“ wegen. Alles, was Serlo sprach, war der Brust wie mit Anstrengung abgerungen, darum aber auch gewichtvoll und fest und nie unnütz. Einen Ueberfluß an Worten, wie ihn seine Gattin sich wohlbekommen ließ, kannte er nicht. Die Bitterkeit seiner Aeußerungen zog Lucinden tief an; sie war in ähnlicher Stimmung. Dazu die Furcht, sich von Klingsohrn entdeckt zu sehen oder dem Kronsyndikus sich verantworten zu müssen. Da Madame Serlo sie darum drängte, hatte sie an letztern geschrieben und um 324 neue Geldmittel gebeten. Dieser Brief war aber entweder nicht an seine Adresse gekommen oder wurde absichtlich unbeantwortet gelassen.

In der unendlich elegischen Stimmung, die Serlo täglich beherrschte, ironisirte er sich und sogar die Anhänglichkeit der Familie an Lucinden. Wenn sie ihm dankte für alles, was er in stillen Stunden von seiner Jugend ihr erzählen mußte, von Menschen, Gegenden, die er gesehen, sagte er bitter lächelnd: Kind, wir ziehen uns gegenseitig aus! Darüber hatte sie die ganz klare Vorstellung, daß Madame Serlo die Klugheit alternder Theaterdamen befolgte, sich an ein frisches, aufblühendes Talent anzuklammern, stets es zu bewundern und solange als nur irgendmöglich die Erträgnisse desselben für sich zu behalten. Aber es irrte sie darum nicht. Sie durchschaute alles, nur zu wenig die Schmeichelei über ihr Talent. Sie wollte wirklich noch die Bühne betreten. Madame Serlo begann eine Art Unterricht; sie glaubte vielleicht aufrichtig, der Geistesschärfe ihres Zöglings, dem Wagemuth, dem noch zuweilen aufsprudelnden Humor desselben entspräche das gleiche Vermögen auch auf der Bühne. Selbst Serlo glaubte dies und ergänzte in geistvoller Rede die Anleitungen, die seine routinirte Gattin gab.

Von Klingsohrn unbehelligt, ging dies plötzlich veränderte Leben einige Monate hin. Von ihrer Höhe war Lucinde völlig herabgestiegen. Wo war die Amazone hin, die auf den Rossen des Universitätsstallmeisters geprangt hatte! Serlo fühlte dies und sagte zu ihr:

325 Bestes Fräulein, wie beklage ich Sie! Wie hat das alles möglich werden können! Du sublime au ridicule il n'y a qu'un pas!

Napoleon sagte das! erwiderte sie, stolz den gesenkten Kopf erhebend.

Das ist wahr, entgegnete Serlo erglühend. Die großen Geister wandeln regellos!

Bitter lächelnd setzte er hinzu:

Nur die Hofräthe fallen nie aus der Rolle! Die sind ewig erhaben!

Die Familie reiste mit ihrer Eroberung hierhin und dorthin. Die Seebadsaison war des schlechten Wetters wegen nicht eingeschlagen. Der Kronsyndikus antwortete nicht. Madame Serlo schrieb zuletzt selbst. Sie that sich auf ihr Talent, mit den Großen zu verkehren, etwas zugute. Es erfolgte aber auch für sie keine Antwort. Man wollte in Neuhof entweder ganz abbrechen oder strafen … durch Schweigen vielleicht auf Besserung hoffend.

Eines Tages erschien aber Klingsohr. Es war in Lüneburg auf der Heide. Man hatte gehofft, für den Winter dort eine Unterkunft zu finden.

Von dem Versiegen ihrer Hülfsmittel, den Anstrengungen der Reise und den Erlebnissen innerhalb der Familie Serlo war Lu­cinde schon so muthlos geworden, daß sie Klingsohrn in das kleine Gasthofzimmer, das sie bewohnte, mit einem leisen und furchtsamen Aufschrei eintreten sah. In früherer Zeit wäre sie ruhiger gewesen und hätte ihn entweder mit Verstellung oder mit einer offenen Kündigung begrüßt.

326 Klingsohr trat auf sie zu, gleichsam um sich zu überzeugen, ob sie es denn wirklich wäre …

Dann fragte er, während sie langsam aus der Sophaecke sich erhob:

Warum hast du mir das gethan?

Sie begann keine Erörterungen, sondern erwiderte kleinlaut und durch die Schule des Lebens gedemüthigt:

Wann bist du angekommen?

Auf einem Felde gleichgültiger Gespräche fand man sich zuletzt so leidlich wieder zurecht. Ja auch aus der Theatersphäre und Verstellungskunst heraus war dieser scheinbare und so schnell geschlossene Friede zu erklären. Wenn Madame Serlo eben noch jemand im Geiste vergiftet hatte, konnte sie, wenn er zufällig selbst erschien, ihm den Stuhl hinrücken, diesen abstäuben und das ganze Arsenal ihrer Liebenswürdigkeiten spielen lassen … Und das Beste, sagte Serlo oft, ist dann die wirkliche Freundschaft für diese vergiftete Person, wenn sie zuletzt geht! Die Judasküsse wurden echte, wenigstens auf so lange, als der Nachgeschmack des dabei genossenen Kaffees und das gemeinschaftliche Interesse einer bei dieser Gelegenheit geschlossenen gemüthlichen Intrigue dauert!

Für solche von dem Kranken, der dabei lang auf dem Sopha ausgestreckt lag und das schöne bleiche Antlitz aufstützte, immer mit schneidender Bitterkeit hingeworfene Aeußerungen erntete er von seiner Lebensgefährtin Schmähungen, von Lucinden ein vertrauliches Zunicken der Uebereinstimmung.

Klingsohr kam ohne Geld.

327 Die kluge Madame Serlo bekam bald heraus, daß er in einem Briefe, in welchen der Kronsyndikus endlich auch einen und diesen voller Mahnungen an Lucinden eingelegt hatte, dessen übergenug empfangen. Das Suchen nach Ihnen, liebe Lucinde, sagte sie spitz, muß viel Ausgaben verursacht haben!

Klingsohr hatte schon immer eine Zuneigung für die Familie gehabt und hatte ihr Leben oft genug romantisch genannt. Man verständigte sich, vergab sich einander, was etwa gegenseitig gefehlt war, und bald entspann sich auf einige Tage ein Zusammenleben, in dessen Hintergrunde der Entschluß Lucindens zu stehen schien, daß sie Klingsohrn wieder nach Schloß Neuhof begleiten wollte. Es bekümmerte sie, daß der Kronsyndikus so kalt geantwortet hatte.

Schloß Neuhof betret’ ich mit keinem Fuße mehr! sagte Klingsohr. Doch will ich dich bis Lüdicke begleiten!

Madame Serlo horchte nur immer. Sie sollte ihre Eroberung aufgeben? Lucinde besaß noch Kleider und Schmuck genug, um davon ein ganzes Jahr lang sie alle erhalten zu können … Die Frau blinzelte ihr Standhaftigkeit zu.

Drei Tage war Klingsohr in Lüneburg, als er auch dort sein gewohntes Leben begann …

Er fand göttinger Freunde, er entzückte durch den Dämmer der Poesie, mit dem er sich theils durch Reminiscenzen aus den beliebtesten Dichtern, theils durch die Gabe der eigenen Improvisation zu umgeben wußte, er erntete, wenn er sprach oder schwieg, die gewohnte 328 Bewunderung, er streifte die Aermel seines Rockes wieder im heiß gewordenen Gespräch empor wie einer, der auf die Mensur zu treten bereit ist, und war der Titane, dessen Zukunft noch niemand berechnen konn­te.

Madame Serlo beobachtete scharf. Am Nachmittag des vierten Tages öffnete sie leise das Zimmer, in dem Lucinde eben an den Kronsyndikus schreiben wollte, winkte bedeutungsvoll und rief wispernd Lucinden auf die Nummer, die Klingsohr bewohnte.

Das Zimmer fanden sie unverschlossen.

Madame Serlo hatte es aufgedrückt und zeigte auf Klings­ohrn, der über sein Bett auf den Rücken ausgestreckt lag, eine kleine Cigarrenpfeife in der Hand hielt und zu schlafen schien.

Er hat Opium geraucht! sagte Madame Serlo. Sehen Sie nur! Nun träumt er! Er ist im siebenten Paradiese!

Lucinde beobachtete den Unglücklichen, der mit offenen Augen lag, aber völlig abwesend war. Er hatte den rechten Arm unter den Kopf gelegt, der linke hing schlaff vom Bette nieder mit der kleinen Pfeife, aus der er leicht ein Opiat geraucht haben konnte. Auf dem Fußboden lagen die Gedichte Coleridge’s, jenes englischen Dichters, der am Opium zu Grunde gegangen ist.

Lucinde war vollkommen berechtigt, an diese Deutung zu glauben. Diese offenen Augen, diese blassen und krampfhaften Gesichtszüge, verbunden mit einem zuckenden Hüpfen der Nerven, bestätigten, was sie von beiden Serlos über die Wirkungen dieser Betäubung schon vernommen hatte. Sie wurde darüber von einem Grade 329 von Abneigung gegen Klingsohrn ergriffen, daß sie bat, den Ort, der ohnehin keine Hoffnungen für die Bühne bot, sofort, aber auch augenblicklich, ohne sein Erwachen abzuwarten, zu verlassen.

Madame Serlo hatte erreicht, was sie wollte.

Serlo, den man hinzurief, sprach mitleidiger und rieth zur Versöhnung, zur Heilung des Unglücklichen. Er hatte dem Klosterleben, dem Leben der Entsagung nahe gestanden, er kannte die Verirrungen der Phantasie …

Lucinde nahm keine Beruhigungen an. Sie forderte die Rechnungen ein, gab einen werthvollen Ring von den Geschenken, die ihr der Kronsyndikus noch beim letzten Abschied in Kiel gegeben, zur Ausgleichung der Zeche und wollte schon fort in einer Stunde.

Von Madame Serlo wurde sie aufmerksam gemacht, daß man Klingsohrn einschließen sollte … er könnte bestohlen werden. Damit zeigte sie auf ein Portefeuille, das ihm aus der Brusttasche entglitten war und neben ihm auf dem Bette lag.

Es war ein Geschenk, das Lucinde ihm selbst gefertigt; eine Stickerei von ihrer Hand zierte die beiden Deckel. Nichts vom Inhalt, nur das Portefeuille selbst wollte sie an sich nehmen. Sie öffnete, warf einiges Geld, einige kleine Schlüssel, Bleistifte, sogar zerknitterte Briefe, alles, was darinnen lag, hinaus, warf es ungeprüft und ungelesen auf die Bettdecke, behielt ihr Geschenk, das Portefeuille, schloß die Thür zu und ließ, wie sie bitter wiederholte, Klingsohrn im siebenten Paradiese. Es wird schöner sein als das Dante’sche! setzte sie zu Serlo hinzu. Sie wußten beide, daß Klingsohr über Dante 330 gelesen und des Florentiners Hölle fesselnder und anziehender genannt hatte als dessen Himmel.

Serlo hatte seiner Gattin gegenüber aus physischer Schwäche keinen Willen. Er sorgte nur immer, auch beim Reisen, Ankommen und Abgehen, für die Kinder. Der Handel mit dem Wirthe wurde abgeschlossen. Man hatte noch einen guten Ueberschuß und accordirte einen Wagen. Er sollte sie der obern Elbe zuführen.

Schon war man im Packen begriffen, als sich in Klingsohr’s Zimmer ein entsetzliches Pochen vernehmen ließ.

Man gab dem Kellner den Schlüssel, mit dem geöffnet werden konnte.

Zugleich sprang Lucinde in ihr Zimmer, Madame Serlo folgte, beide verriegelten sich.

Auf dem Corridor hörte man Klingsohrn jetzt nach seinem Portefeuille rufen. Da er den Inhalt gefunden hatte, konnte er von keinem Diebstahl sprechen. Er rief Serlo; dieser wies ihn von seinem Zimmer aus an die Frauen.

Am Schlüsselloch des Nebenzimmers lauschte Madame Serlo.

Lucinde betrachtete ruhig ihre Stickerei auf dem Portefeuille. Es war Winter; sie sah sich nach dem Ofen um, um das Portefeuille zu verbrennen.

Madame Serlo hinderte sie und öffnete wenigstens noch einmal das schöne Geschenk.

Alles das geschah, während Klingsohr an der Thür rüttelte, pochte und im wildesten Ungestüm sein Eigenthum zurückverlangte.

Serlo erklärte ihm das Vorgefallene und machte ihm 331 in lateinischer Sprache Vorwürfe über seine Verirrung, die Klings­ohr nicht in Abrede stellte. Ihr habt gut sprechen! entgegnete er. Wer das Bedürfniß des Glückes hat, sucht es, wo er’s findet! Ich wünsche Euch nicht meine Nächte oder die Träume, die mir mein kurzer Schlaf schenkt!

In mildern Worten bat er Lucinden jetzt um die Rückgabe des Portefeuille.

Klingsohr! sprach diese mit fester Stimme dicht an der Thür nebenan, wo Klingsohr im Zimmer war, wandeln Sie Ihre Bahn! Wir sind geschieden! Auf ewig!

Lucinde! lautete sein Flehen.

Das Portefeuille wird auf Ihrer Brust entweiht! Ich behalte es!

Nimmermehr! rief Klingsohr und schlug gegen die Thür.

Was ist denn nur ein so besonderer Werth daran? flüsterte Madame Serlo und betrachtete es wiederholt näher.

Sie las auf dem inwendigen und befestigten Pergament eine Menge kurzer Bemerkungen, Namen, abgerissene Titel von Schriften, Citate, gelehrte Dinge, die ihren Horizont überstiegen.

Dennoch hielt sie diese Blätter nicht für unwichtig. Wer weiß, flüsterte sie, welche Geheimnisse sie enthalten!

Als Klingsohr nicht endete und behauptete, er würde das Haus in Brand stecken, wenn er das Portefeuille nicht zurückbekäme – schon wurde durch den Lärm der Wirth herbeigezogen –, las ihm Madame Serlo höhnend einige Worte vor, die vielleicht die Seite des Per-332gaments bezeichneten, an der ihm vorzugsweise gelegen wäre.

Weib, schweige! rief er und schien nur aus Rücksicht auf Serlo, der mit den ängstlichen Kindern hinter ihm stand, weitere Bezeichnungen zu unterdrücken.

Bitter höhnend klang es, als Madame Serlo buchstabirte:

„Weltordnung – Dante’s Hölle – Buschbeck – siebentes Paradies – Johannes von Zeesen – Regina Coelineun ZeitalterSchön Hedwig – Hubertus – Rom – die Katakomben – –“

Tod und Teufel! schrie Klingsohr und schlug jetzt mit einem Stuhl gegen die Thür.

Er zeigte sich in der ganzen Wildheit, in der ihn Lucinde kannte. Serlo bat, der Wirth befahl Ruhe, Lucinde selbst rieth zum Nachgeben.

Was ist ihm nur so gelegen an dem Ding? wiederholte Madame Serlo. Sie untersuchte, während Lucinde die herausgenommenen Blätter überflog, den übrigen Inhalt. Da fand sie denn, daß eins der kleinen Täschchen verschlossen war. Sie bog das Leder etwas zurück und fühlte, da man nichts sehen konnte, hinein. Hin- und herstreifend mit dem kleinen Finger, der allein Platz hatte, entdeckte sie, daß drinnen etwas lag, was sich rauh anfühlte … vielleicht ein Stück Tuch …

Seltsam! sagte Madame Serlo zu Lucinden. Was kann ihm an einem Fetzen Tuch gelegen sein?

An Lucinden lief jetzt eine Erinnerung hin wie das Wort am elektrischen Drahte. Der Gedanke, daß sich hier der Tuchstreifen vorfand, der einst an der Leiche des 333 Deichgrafen gefunden wurde und später durch sein plötzliches Verschwinden den erst vor kurzem, wie sie gehört, wegen mangelnden Beweises freigesprochenen Stephan Lengenich ins Gefängniß gebracht hatte, zuckte in ihr auf. Die Farbe des Tuches ließ sich nicht erkennen, nur der Stoff fühlen …

Sie stand träumerisch und auch Madame Serlo merkte die jähe Flucht der Gedanken, die ihr eben durch den Kopf schossen.

Klingsohr hatte inzwischen sein Benehmen geändert. So war er immer. Eben noch ein Ungethüm, vor dem man alles entfernen mußte, was sich etwa zertrümmern ließ, wurde er plötzlich weich wie ein Kind, ja sogar feig und ließ sich auf Nachgiebigkeiten betreffen, die mit seinem sonst so reizbaren Ehrgefühl im vollsten Widerspruche standen.

Lucinde! sprach er mit weicher Stimme und durch’s Schlüsselloch. Gib mir mein Portefeuille zurück! Es hängt daran die Ruhe meines Lebens!

Gut, Klingsohr! sagte Lucinde, die die Gedanken an die Schreckensscenen von Schloß Neuhof nicht festhalten mochte, weil sie zu ihren quälendsten Erinnerungen gehörten; wenn das ist, so geb’ ich dir’s unter der Bedingung zurück, daß ich’s behalte, bis wir in dem unten befindlichen Wagen sitzen und abfahren! Du versprichst mir aber auf deine Ehre, mich von diesem Augenblicke an nicht mehr zu kennen, nie und nirgends, hörst du, nie und nirgends, und mich meine Lebensbahn ziehen zu lassen, wie und wo ich will! Leiste mir diesen Schwur! Thust du es nicht, so ist hier noch so viel 334 Glut im Ofen nebenan, daß dein Portefeuille im Augenblick von den Flammen verzehrt ist!

Um Gottes willen nein! rief Klingsohr.

Dann schwieg er eine Weile. Er schien nicht zu bezweifeln, daß Lucinde wahr gesprochen, und überlegte, welchen Werth für ihn die beiden Gegensätze der gestellten Alternative hatten.

Lucinde wiederholte mit fester Stimme, was sie eben gesprochen, während Madame Serlo’s listiges Auge vergebens in so wunderbare und unglaubliche Geheimnisse des Täschchens zu dringen suchte …

Serlo antwortete jetzt statt Klingsohr’s. Man hörte das leise und schmerzlich ausgestoßene Wort des letztern:

Ich gebe – mein Ehrenwort!

Nun verlangte Lucinde, daß sich Klingsohr bis zur Abreise, die sogleich erfolgen würde, entfernte. In die Brieftasche ließ sie die Neugier der Madame Serlo nicht weiter einblicken.

Die Anstalten der Abreise waren zu Ende. Klingsohr stand am Wagenschlag und nahm sein Portefeuille mit einer Hast zurück, als hinge die Ruhe seines Lebens daran. Dies mußte sein, wenn er um einen solchen Preis Lucinden entsagen konnte.

Er wollte noch mit der Geliebten reden, reichte ihr die Hand in den Rücksitz, den sie so lange einnahm, bis sie die Stadt verlassen – später duldete sie nicht, daß Serlo irgendeine Bequemlichkeit entbehrte –, aber sie lehnte diese Hand ab.

Klingsohr bat wiederholt um die Hand und zog die seine nicht zurück.

335 Damit seine dargereichte Rechte nicht ohne Erwiderung blieb, nahm sie die Hände des einen der Kinder und legte diese beide in die seinige.

So wurde diese von ihr so heiß ersehnte Trennung wirklich vollzogen.

336 20.#

Zu dem Fluche, der mehr auf dem Theaterleben ruht als Segen, gehört die Unmöglichkeit, sich ein Leben lang aus dem Banne desselben zu befreien, wenn in ihm auch nur einige wenige Augenblicke genossen wurden, die glückliche waren.

Man hat es gesehen und sieht es täglich, wie derjenige, dem ein kurzes Glück in diesem Wirkungskreise lächelte, ewig von demselben zehrt, immer hofft, daß es wiederkehren müsse, immer glaubt, daß es nur durch zufällige Umstände, die sich beseitigen lassen würden, am Wiedererscheinen verhindert wäre. Ein Leben voller Entbehrung und Enttäuschung, ja ein Leben voller Schmach und Entwürdigung kann an diese trügerische Hoffnung verloren gehen.

Lucinde betrat noch die Bühne nicht und blieb dem Verkehr der übrigen Theaterwelt schon um deswillen fern, weil Madame Serlo sich bei allen Entbehrungen für zu erhaben dünkte über die niedere collegialische Sphäre, der sie jetzt immer mehr und mehr angehören mußte. Um so enger war Lucindens Verbindung mit den Serlos 337 selbst. Manche Gelegenheit, manche Huldigung bot sich, diesen Bann zu brechen. Sie konnte nichts mehr muthig ergreifen. Sie schleppte sich mit den kummervollen Zuständen dieser Familie so hin und Serlo bedurfte ihrer. Sie hätte nie von sich selbst geglaubt, daß sie einer solchen Anhänglichkeit fähig war.

Zwischen ihr und Madame Serlo mußte zuletzt offene Feindschaft ausbrechen. Der Kronsyndikus antwortete auf keinen Brief; die Kleinodien und werthvollen Kleider waren verkauft; jetzt mußte schon Lucinde das Brot der Armuth theilen. Sie nahm es in Anspruch mit dem Versprechen, alles gut zu machen, wenn sie einst als Schauspielerin auftreten würde; einstweilen unterrichtete sie die Kinder, sie besorgte die Wirthschaft, sie pflegte Serlo.

Gerade aber in diesem letztern immer nöthiger werdenden Amte begegneten sich beide Frauen, die Alternde, die die Jugend log, und die Jugendliche, die mit neunzehn Jahren schon die Stirn wie eine Matrone runzeln konnte, mit Haß und Eifersucht.

Lucinde hatte vom Arzt gehört, daß Serlo’s hinfällige Gesundheit noch länger gefristet werden könnte bei sorgsamer Pflege. Madame Serlo war selbst davon überzeugt, besaß aber jene schroffe Weisheit der ewig Gesunden, die in jeder Klage eines Kranken Uebertreibung sieht. Sie selbst war kaum jemals krank gewesen, sie erklärte das Kranksein für eine „dumme Angewöhnung“. War sie selbst wie ein Fisch im Wasser, so sollte alles um sie her ihr Element theilen. Hatte sie sich gebadet, mit Staubregen überrieseln lassen, kam sie trotz ihrer 338 Vierzig frisch und strahlend zum Frühstück, so sollte die ganze Welt nur ihrem Beispiel folgen und es würden alle Husten, Kopfwehe, Katarrhe, besonders aber die eingewurzelten, aus denen doch wol Serlo’s ganzer Zustand allein herzuleiten wäre, für immer verschwinden.

Serlo lächelte dazu und Lucinde sagte:

Wenn aber gerade die eingewurzelte Einbildung schon den ganzen Menschen regiert und ihm nur noch manchmal wohl wird in der Gewißheit, daß man diese seine Schwäche schont?

Das eben darf man nicht! erwiderte Madame Serlo. Man darf keine Irrthümer bestärken, darf keinen übeln Gewohnheiten Vorschub leisten! Wenn sich Serlo nur herausreißen könnte, nur wollte, es würde ihm und uns allen geholfen sein!

Dies kalte Wort vom „Herausreißen“, vom Emporraffen war das grausam ewig wiederholte, das in Serlo’s Ohr schon seit sechs Jahren mit bohrendem Schmerz wühlte.

Er liebte glücklicherweise das Leben selbst und versuchte es, ihm Wohlbefinden und Kraft abzugewinnen, abzutrotzen. Brach er nach einer solchen Anstrengung, in der er sogar spielte und sich zu Feuer und Begeisterung zu entflammen suchte, wieder zusammen, untersuchten Aerzte das Geräusch seiner Lungen und entfernten sich mit ernsten Mahnungen an die Gattin, an die „Erzieherin“ der Kinder, wie Lucinde genannt wurde, so traten Augenblicke einer völligen Muthlosigkeit ein und Serlo ergriff dann oft, wenn er mit Lucinden allein war, ihre Hand und sagte fast weinend:

339 Wenn ich nur nicht noch in meiner letzten Stunde hören muß, daß ich mir zu viel nachgäbe! Das Wort: Reiß’ dich heraus! wird mein Grablied werden!

Lucinde versicherte:

Ich werde bei Ihnen bleiben!

Was sie an diesen bemitleidenswerthen Mann fesselte, war sein Unglück und seine Bitterkeit. Sie befand sich in einer Stimmung, die der seinen nicht unähnlich war. Ihr ganzes Leben war ja gleichsam in einen plötzlichen Stillstand gerathen, in einen jähen Sturz, wie in eine Versandung. Wo war sie hingerathen? Aus solcher Höhe des Glücks! Auch die ersten Reize desjenigen Eindrucks, den man an ihr den elfenartigen genannt, waren geschwunden; sie war jungfräulich geblieben, aber nicht mehr so gefällig, so naiv, so lacertenhaft wie einst. Sie legte keinen Werth mehr auf ihr Aeußeres, sie schmückte sich nicht mehr; die Abneigung gegen die Wassertheorie der mit Fischblut, wie sie sagte, belebten Madame Serlo ließ sie die Vorschriften der Ordnung sogar mehr vernachlässigen als billig. Ihre Gestalt bekam etwas Lässiges. Wochenlang verließ sie das Haus nicht oder sah nur zu den Kindern nieder, wenn sie diese beim Spazierengehen führte. Sie war muthlos geworden und so vergrämelt wie ein Mädchen, das jeden Augenblick den Stundenschlag erwartet, an welchem es dreißig Jahre zählt.

Zwanzig zählte sie schon; denn zwei Jahre führte sie das herumziehende Leben, das sogar Reiz für sie bekam in den täglichen kleinen Abwechselungen der Bühnenchronik, in der lebhaften und feurigen Anwaltschaft für das äußere Interesse der Familie, der sie sich angeschlos-340sen hatte, endlich innerlich in der Parteinahme für Serlo gegen seine Frau. Es gab Scenen der Erbitterung. Oft genug wurde das Wort gesprochen, daß entweder die „Gattin“ oder Lucinde gehen müßte. Serlo, der auf liebevolle Hingebung keine Ansprüche mehr gemacht hatte, der glücklich war, daß noch einmal ein Blick, der Handdruck eines theilnehmenden Wesens ihn lohnen konnte für sein Dulden, Serlo vermittelte diesen Zwiespalt, so gut es immer ging. Um den Frieden wiederherzustellen, hatte er gewisse Hülfsmittel, die nicht fehlschlugen. Er rühmte, was die Kinder in der Musik für Fortschritte machten; Lucinde unterrichtete sie. Er ließ Lucinden Scenen aus den classischen Stücken recitiren. Sie sprach sie mit Verständniß, wenn auch kalt und schwunglos. Die Begeisterung wird der Abend und der Anblick der Zuschauer geben! sagte der Kranke. Er deutete auf die großen Vortheile hin, die ihnen allen würden geboten werden, wenn endlich Lucinde sich entschließen könnte, in das so verwaiste und so theuer bezahlte Fach der „Liebhaberinnen“ von Gestalt und Schönheit einzutreten.

War der Friede auf diese Weise wiederhergestellt, so erzählte er mit Gemüthlichkeit von seinem vergangenen Leben. Die Schär­­fe, die er früher besessen, hatte ihn in der Schule der Leiden immer mehr verlassen, nur die bittere Ironie war ihm geblieben, das Salomonische: Alles ist eitel! Er wollte seine Philosophie des Lebens, daß alles Wahn, alles Verkehrtheit und Narrheit wäre, von seinen frühesten Anfängen her beweisen. Besonders lange verweilte er in der Schilderung seiner ersten Anläufe zur geistlichen Laufbahn … Serlo schilderte Men-341schen mit derselben Lebhaftigkeit wie Gegenden. Seit Jahren führte er Tagebücher und las daraus Stellen vor, über deren Bitterkeit und Satire er oft den Kopf schüttelte, gleichsam als wenn er nicht begreifen konnte, wie er einst so hätte denken und fühlen können. Er nannte dann das, was er las, abgeschmackt, wahnbethört, oft aber auch wieder, offen von sich selbst gestanden, klug und treffend. Manchmal, wenn er beim Blättern auf Thorheiten stieß, auf Racheplane, Anfeindungen, die er selbst erlitten oder angezettelt hatte, sagte er mit vollem Ernst: Ich war damals verrückt! Wir alle sind verrückt! Jeder ist’s innerhalb seines eigenen Interesses! Und wir wissen es sogar selbst sehr gut! Mindestens, wenn wir zurückblicken und uns vergegenwärtigen, wie wir damals waren, damals das sagen, das thun konnten! Bei anderm, was er erzählte oder las, sagte er dann wieder ganz offen von sich selbst: Wie gut das von mir war, wie edel! Ja, darf man sich denn nicht selber lieb haben? … Wenn Madame Serlo zuhörte, was selten geschah – sie hatte zu jeder Zeit, nicht blos Abends, einen Schlaf, der nur: Ich will! zu sagen brauchte und sie schon schnarchen ließ – sagte diese: Nein, lies lieber aus dem allen heraus, daß du einst mehr Courage hattest! Und die könntest du noch haben, wolltest du dich nur herausreißen!

Herausreißen! … Es war das ewige Wort … Es schnitt dann wieder alles entzwei.

Einige betrügerische Directionen hatten die Familie bis an den Rand des Elends gebracht. Lucinde mußte das Opfer, das sie immer in Aussicht gestellt hatte, jetzt endlich vollziehen und einen Schritt thun, der ihr innerlich 342 widerstrebte. Man unterhandelte mit einem ansehnlichen Theater über ihr erstes Auftreten. Die Umstände hatten es gefügt, daß sie den ersten Schritt an die Lampen gerade in jener Stadt thun sollte, in welcher sie einst von der Frau Hauptmännin von Buschbeck in diese wirre Welt war eingeführt worden.

Diese Stadt wiederzusehen, flößte ihr Schauder ein.

Jahre waren vergangen, seit sie dort gelebt. Wie mancher konnte ihrer eingedenk geblieben sein! Ein dunkles Gerücht hatte ihr von ihren beiden letzten Geschwistern kein glückliches Wiedersehen in Aussicht gestellt. Beide Knaben sollten aus dem Waisenhause zu Lehrherren gekommen sein, dann aber sich schlecht bewährt und sogar schon den Gerichten Gelegenheit gegeben haben, sich mit ihnen zu beschäftigen. In der Schweigsamkeit über ihre Angelegenheiten, die ihr eigen war, sprach sie Serlo nur obenhin vom Vergangenen, kein klares Wort von ihren Besorgnissen, sonst würde dieser sie entweder widerlegt oder die Anknüpfung mit der Bühne gerade dieser Stadt widerrathen haben. Die Verhandlung mit dem Vorstande war schriftlich erfolgt; die persönliche Vorstellung fiel nicht ungünstig aus; Lucinde hatte sich Gewalt angethan und machte einen Eindruck, der etwas versprach. Nach Madame Serlo’s kecker Aussage hatte sie sogar bereits auf kleinen Bühnen „sechs bis sieben mal mit glänzendem Erfolg“ gespielt. Sie bekam die Zusage, daß sie als Jungfrau von Orleans auftreten durfte. Auch die Bitte um einen veränderten Namen wurde gewährt.

Madame Serlo konnte diese Entscheidung, die sich noch vierzehn Tage hinziehen konnte, im Orte selbst nicht 343 abwarten. Einmal hätte man des bessern Eindrucks wegen eine gute Wohnung nehmen müssen, deren größere und für alle ausreichende Ausdehnung die vorräthigen Mittel überschritten haben würde; dann aber auch war ihr eine Stellung angeboten worden bei einem jungen Fürsten, der erst vor kurzem sein Regiment angetreten hatte und für sein Land eine neue Aera beginnen wollte durch Verbesserung des Ballets seines Hoftheaters. Schon war diese unglückliche Familie so weit gekommen, daß sie auf den Erwerb durch ihre Kinder sehen mußte. Diese entschloß sich die Mutter jenem jungen Fürsten für sein Ballet anzubieten. Lucinde verstand genug von der Welt, um den Seufzer und das bittere Lächeln sich deuten zu können, als Serlo dies hinter seinem Rücken gemachte Arrangement erfuhr. Zu krank, um die Reise schon jetzt weiter fortzusetzen, nahm er Abschied von den Seinigen. Als er die Kinder küßte, standen ihm Thränen in den Augen. Er schien die Ahnung zu haben, entweder daß er sie nicht mehr wiedersähe oder welcher Zukunft sie entgegengingen.

In dieser Stadt nun mußte über Lucinden alles, was an ihrem Lebenshimmel sich düster und unheildrohend zusammengezogen hatte, zu gleicher Zeit ausbrechen.

Sie suchte erst niemand auf, verbarg sich auf ihrem Zimmer, studirte mit ängstlicher Spannung ihre Rolle. Ob sie nach der alten Magd sich erkundigen sollte, die ihr zur Einsegnung einst das Gesangbuch geliehen? Ob sie suchen sollte von ihr manches in Erfahrung zu bringen, was sie und die Ihrigen betraf? Es war gefahrvoll für die Stellung, die sie jetzt in der Gesellschaft 344 einnehmen mußte, und doch hätte sie gern von diesem gehört und von jenem, vom Stadtamtmann, von Herrn Guthmann, von der bewußten Dame aus der Gesellschaft, von der bösen Buschbeck, von Oskar Binder, von der Heimat, vor allem von ihren beiden Brüdern. Sie wurde letzteres endlich Serlo schuldig, der ihr die Pflicht, sich um diese erst jetzt von ihm in Erfahrung gebrachten Geschwister zu bekümmern, als unerlaßlich vorschrieb. Sie erwiderte: Warum gerade diesen Kelch, Serlo? Wir sind ein Nest wilder Wasservögel gewesen! Wir flogen aus und hatten keinen Trieb, zusammenzugehören! An unserer Mutter lag’s! Wir liebten den Vater, haßten die Mutter, aber unserer aller Art war und ist dennoch nach ihr! … Wenigstens zu jener Frau versprach sie zu gehen, bei welcher ihre Schwester gestorben war.

Hier erfuhr sie vielerlei. Der Stadtamtmann war aus politischen Gründen in den Zeiten einer ewigen Gährung beungnadet und versetzt worden; die Frau Hauptmännin war aus der Stadt verschwunden und vielleicht an den Rhein gezogen, wo sie eine Schwester gehabt haben sollte. Der junge Commis, mit dem sie vor fünf Jahren in die Welt gegangen, verbüßte noch sein Verbrechen des Kassendiebstahls und der Wechselfälschung im Zuchthause; der Kaufmann Guthmann hatte fallirt und war mit der bewußten vornehmen Dame, da er sich von seiner Frau, sie aber von ihrem Gatten hatten scheiden lassen, in die weite Welt gezogen … Ihre eigenen Geschwister? Die hatten nicht gutgethan. Von ihren Meistern kamen sie in eine neu errichtete Besserungsanstalt 345 im Innern des Landes … Bei allen diesen herzzerreißenden Mittheilungen trommelte es in den Straßen wie sonst und die Querpfeife schrillte und die Commandos der Wachparade hallten wider und die Brunnen gingen wie sonst und auf dem größten Platze der Stadt riefen die Kinder wie sonst ein berühmtes Echo wach und glänzende Carrossen rasselten aus den Gasthöfen heraus, weil in dem Lustparke des Fürsten, dem Schauplatze der ersten Triumphe des „Hessenmädchens“, heute, wie sonst, die berühmten Wasser sprangen.

Lucinde kam zu Serlo und sagte:

Ich bringe trockenes Reisig zum Einheizen! Winterholz! Ganz wie die alte Lene, die im Langen-Nauenheimer Forst frei sammeln durfte!

Sie erzählte dann. Serlo erwiderte:

Das ist die Welt!

Der Tag kam heran, wo an den Straßenecken zu lesen war: „Die Jungfrau von Orleans. Romantische Tragödie von Schiller. Jeanne d’Arc: Fräulein Konstanze Huber, als Gast.“ Sie hatte, sie wußte selbst nicht warum, den Namen des Pfarrers von Eibendorf angenommen.

Ihre Befangenheit steigerte sich am Morgen vor dem verhängnißvollen Tage bis zur zaghaftesten Furcht.

Man hatte sie im Bureau und auf der Probe mit einer scheinbar zuvorkommenden, dem Erfolg aber jedenfalls mistrauenden Artigkeit behandelt.

Daß man den Versuch überhaupt wagte, war eine Gefälligkeit gegen Serlo, der aus frühern bessern Verhältnissen unter dem Personal einige theilnehmende Freunde hatte.

346 Lucinde brachte von der Probe keine erfreuliche Stim­mung heim und erzählte, was sie aus dem Benehmen der Mitspielenden herausgefühlt.

Serlo lag auf dem Sopha ausgestreckt; gerade von Tag zu Tag wurde sein Befinden bedenklicher, – er sprach mit einer eigenthümlich peinlichen Aufregung:

Nehmen Sie’s doch, liebe Freundin, ganz so wie es ist! Gerade da, wo man aus der Verstellung eine Kunst gemacht hat, läßt man sich im gewöhnlichen Leben ganz so gehen, wie man ist! Es gönnt Ihnen eben niemand einen Erfolg, selbst die nicht, die Sie um meinetwillen protegiren! Höchstens eine alte gutmüthige Person, die Sie ankleidet und dabei an ihr Trinkgeld denkt! In dieser Laufbahn muß man sich eben alles selbst erobern!

Lucinde sprach die Befürchtung aus, daß ihre frühern Verhältnisse hier bekannt geworden sein dürften und gegen sie sprechen würden …

Sie werden selber für sich sprechen, erwiderte Serlo, wenn Sie nur in Ihrer ersten Scene gefallen haben! Man braucht ja in dieser Rolle nur laut und deutlich das zu sagen, was vorgeschrieben steht!

Lucinde war am Tage der Vorstellung in der Stimmung, die sie selbst mit der Erwartung verglich, hingerichtet zu werden. Hätte sie nicht den unabweislichen Zwang gehabt, schon auf die kleine Summe rechnen zu müssen, die sie für diesen Abend als Ehrensold zu erwarten hatte – Serlo bedurfte gerade jetzt wieder der sorgsamern ärztlichen Pflege und mancher bessern Auswahl in seiner Kost –, sie würde, wie sie sagte, diesen Kelch an sich haben vorübergehen lassen.

347 Wie sie um vier Uhr sich rüstete, ihre Wäsche durch ein gemiethetes Mädchen ins Theater schickte und sich dann halb zögernd selbst auf den Weg machen wollte, war Serlo ein wenig eingeschlummert. Sie blickte aufs Sopha. Seine Augen waren geschlossen. Er athmete schwer. Der Husten, dem nachzugeben die Brust kaum noch Kraft hatte, machte sich nur in stoßweisen Krämpfen bemerkbar, wie bei den intermittirenden Athemzügen eines Sterbenden. Dieser Zustand beunruhigte sie nicht … Sie hatte ihn schon oft erlebt, schon oft hatte man das Erlöschen der Lebensflamme ganz nahe geglaubt. Sie legte dem Schlafenden ein Kissen unter den Kopf, rückte einige Stühle dem Sopha näher und wollte jetzt gehen, so sehr ihr auch fast die Sinne schwanden.

Da blickte der Kranke empor.

Ich habe Sie ganz wohl gehört, gute Freundin! hauchte er leise. Ich werde Sie doch so nicht gehen lassen – ohne meinen Segen?

Nun richtete er sich ein wenig auf und sprach mit erhöhter Stimme:

Lucinde, wenn Sie spielen, denken Sie nur nicht an die paar Menschen, die Sie vor sich sehen, sondern allein an die Menschheit im großen und ganzen! Verachten Sie die, die Sie sehen, und lieben Sie die, die Sie nicht sehen! Lassen Sie die Hörer fühlen, daß Sie eine Prophetin sind, die in diesem Augenblick jeden beschämen will, der im Gemeinen und Geringen lebt! Das Auge sieht den Himmel offen – und hört keine Dissonanz dieses elenden Lebens mehr! Dort oben, so glauben Sie wenigstens, wird alles Harmonie werden! 348 Dort werden wir erfahren, warum wir hienieden die volle schöne Ahnung des Glückes haben durften und doch so viel leiden mußten! So hab’ ich als Kind immer den Märtyrern nachgefühlt, wenn die um ihren Glauben so Grauenvolles erfahren mußten. Knien mußt’ ich dann in der Einsamkeit und denken: Nun kommt nur heran, ihr römischen Landpfleger und Proconsuln alle! Gebt mir nur die tödtliche Wunde! Das wird mich gleich in die Freuden des Paradieses versetzen! Dieser Glaube ist hin … aber wenn er uns irgend noch einmal aufleben kann, ist es in der Poesie. Blicken Sie nur immer empor und thun Sie sich nichts auf den schönen Harnisch zugute! „Mein ist der Helm und mir gehört er zu!“ Wer da auf Bertrand zuspringt und sich wie eine Amazone geberdet, hat schon verloren! Für diese Seherin, die ihre Zukunft kennt, ist das Ueberbringen dieses alten kriegerischen Schmuckes eine ganz einfache, sich von selbst verstehende Bestätigung ihrer Vision der Gottesmutter. Von da an beginnt in ihr die festeste Zuversicht und eine einfache, demüthige Unterordnung unter den Rath des Verhängnisses! Mit dem Himmel spricht sie, wie andere mit sich selbst. Vergleicht sie dann ihre schwache Menschenkraft mit der Größe der ihr gestellten Aufgabe, dann darf sie einen elegischen Ton anschlagen, zu dem jedoch die Musik der Verse nicht zu viel verleiten darf. Mitleid mit sich selber fühlt sie, sie spricht es aus, wenn sie Lionel sieht. Warum sie gerade den liebt, nachdem sie Tausende von Männern gesehen, … ich weiß es nicht, beste Freundin! Ist es, weil Lionel einmal vom ersten Helden 349 und Liebhaber gespielt werden muß – obgleich die Rolle undankbar ist – der Dichter wollt’ es einmal so. Es ist kein Werk des Genius, dies Drama; es lag dem Schöpfer im Gemüth, nicht im Verstande; es will einfache kindliche Hingebung bei allen – beim Publikum und beim Spieler. Aus diesem Geist heraus sprechen Sie! Dann: „Leichte Wolken heben mich!“ und geben Sie Acht,

Der schwere Panzer wird zum Flügelkleide!
Hinauf – hinauf – die Erde flieht zurück –
Kurz ist der Schmerz und ewig ist die Freude!

Jetzt küßte er ihr noch, da Lucinde sich zu ihm niederbeugte, die Stirn, lächelte, neckte sogar, sprach von der Art, wie sie beim Hervorruf sich zu verneigen hätte, rieth ihr Vorsicht an im Gefecht mit Lionel … dann winkte er mit stummer Handbewegung … so ging sie.

In der Garderobe war man freundlich. Darsteller geringerer Rollen machten ihr Lobsprüche über ihr Aussehen als Hirtin; aber schon war es ihr bedenklich, daß sie irgendwo zwischen den Coulissen hörte, sie wußte nicht von wem: „Ganz das Hessenmädchen!“

Sie saß dann, ehe noch der Vorhang aufging, schon unterm Drudenbaume. Aus den Coulissen wurde sie lorgnettirt. Gestalt, Kopf, Auge, alles war bedeutungsvoll, wenn nicht zu scharf, zu stechend, auch zu widersprechend der äußern Befangenheit.

Der Director ermunterte sie.

Als der Vorhang aufgezogen und der Dialog im Beginn war, durfte sie schweigen. Sie konnte sich 350 Muth fassen, die zahlreich versammelte Menge zu übersehen.

Statt jedoch jetzt nach Serlo’s Anweisung mit aller Gewalt an die Abwesenden zu denken, in die Höhe und gen Himmel zu blicken, unterschied sie gerade die Anwesenden. Ihr scharfes Auge zeigte ihr diese Persönlichkeit und jene, sie sah die Plätze, wo sie früher selbst gesessen. Ihr Sinn wurde zerstreut und der erste wohlthuende Eindruck, den sie machte, hielt sich nicht. Man fand sie hager, eckig, unsicher, man sah Verstand, wo man Gefühl er­wartete. Die begeisterte Kraft eines hohen Willens schien ganz zu fehlen …

Das Vorspiel ging wol ohne Störung vorüber, der Ton hinter der Scene wurde jedoch schon spöttisch. Um ihr gleichsam zu schmeicheln und sie für den ausgebliebenen Beifall zu trösten, sprach man laut von der Indolenz des Publikums. Hier und da hörte sie Worte aus der bekannten Parodie des Abschieds Johannens von ihrer Heerde. Auch die Schlußworte wiederholte jemand: „Johanna geht und nimmer kehrt sie wieder!“

In Harnisch und Helm sah Lucinde imposant genug aus. Dies schöne natürliche Haar in schwarzen Locken, diese dunkeln Augen, dieser schlanke, jetzt für die Kriegerin nicht mehr zu hohe Wuchs … Sie hätte sich nur zu ermannen, die Stimme zur Kraft und Entschiedenheit zu erheben brauchen und würde sich vor Demüthigung gerettet haben. Aber sie blieb zerstreut, muthlos, außerhalb der Situation, versäumte die Stichwörter, sah und hörte nur auf das, was sie umgab. Von allem, was 351 Serlo ihr angerathen, that sie das Gegentheil. Sie liebte auch die Menschheit nicht, sie haßte sie ja! So schleppte sie sich durch den ersten Act, schwunglos, und bei aller Schärfe ihres äußern Ausdrucks, ihres Verstandes, bei allem Reichthum ihrer Lebenserfahrung erschien sie ein großes, unreifes Kind.

Der Schluß des Actes blieb ohne Beifall, ja er erweckte im ganzen Theater das laute Ausbrechen einer Verwunderung …

Hatte sich ihre erste Jugendgeschichte verbreitet, ihr Ursprung von einem Dorfe der Nachbarschaft, ihr Dienstverhältniß im Hause des frühern, exilirten Stadtamtmanns, oder war das Publikum durch eine Darstellerin der Isabeau zur Heiterkeit gestimmt … im zweiten Acte wurde die Aufnahme bedenklich. Das Lager der Engländer wird vorgeführt, der Streit der Heerführer folgt, ihre Aussöhnung. Nun muß dem Darsteller des Lionel einfallen, zu betonen: „Glück zu dem Frieden, den die Furie stiftet!“ Es war dies eine von den feinen Nuancen, die entstehen, wenn unsere „Künstler“ zu „denken“ anfangen. Alles lachte hellauf. Jeder sah die Erscheinung der corpulenten und so grimmigen Isabeau im Geiste als Furie vor sich. Nun kam die Verwandlung. Johanna sollte Burgund und Frankreich versöhnen. Kein Ton war jedoch Lucinden fremder als der, Streitende zu versöhnen. Bei den schwach gehauchten Worten: „Und einen Donnerkeil führ’ ich im Munde“ klatschte jemand ironisch. Man lachte aufs neue, sie verliert die Besinnung und kann sich zu den letzten Worten nicht mehr sammeln. Der Vorhang fällt, ehe sie die 352 Scene ganz beendet hatte. Sie taumelte in die Garderobe zurück … Der Gaukeltraum ihres Lebens war zu Ende.

Als der Vorhang wieder aufgehen soll und alles um sie her grauenhaft still ist, kommt der Vorstand der Bühne, ein freundlicher, wohlwollender alter Herr, dem die jüngere Generation den Ruf verschaffen wollte, daß er „einen Misgriff nach dem andern“ beging, und ließ die Frauen aus der Garderobe treten. Er sagte Lucinden mit mildem, aber entschiedenem Tone:

Liebes Kind! Sie werden nicht weiter spielen! Auf den Proben konnt’ ich diese Unsicherheit nicht erwarten! Sie sind entweder nicht bei der Sache oder talentlos! Unsere gewöhnliche Darstellerin hat sich bereits angekleidet und wird die Rolle zu Ende führen!

In dem Augenblick hörte man auch schon den stürmischen Beifall, mit dem die „echte Johanna“ empfangen wurde.

An Selbstbeherrschung fehlte es Lucinden nicht. Nun bekam sie Haltung! Doch wenn sie auch hätte in Vorwürfe oder Klagen ausbrechen wollen, der Director würde sie nicht angehört haben. Er wurde in die fürstliche Loge gerufen.

Hohn verfolgte die Unglückliche nicht, als sie sich umgekleidet hatte, ihrem Mädchen ihre Sachen gab und in Begleitung desselben nach Hause ging. Sie mußte die ganze Länge der hintern Bühnenwand passiren und vor allen denen, die zu dem kommenden Krönungszuge gehörten, vor mehr als hundert Menschen, vorübergehen. Der Spott schwieg: massenhaft verhöhnt der Mensch den Unglücklichen nicht. Einzelne lassen sich zwar den 353 Hufschlag des Esels auch dann nicht nehmen, und so sagte einer: Gute Nacht! Da lachten denn freilich alle, aber nur über den Muth, jetzt einen solchen „Witz“ zu machen … man sah, als sie durch die Leute ging, auf den Sprecher, nicht auf sie.

Lucinde war auf der Straße, in der Dunkelheit der Gassen. Die Menschen, die ihr begegneten, wußten nichts von ihrem Geschick und darin fand ihre starke Natur schon wieder Kraft, schon wieder Anhalt. Nur Serlo wiederzusehen, zu dem so zurückkommen zu müssen … das benahm ihr den Athem. Sie fühlte, daß sie, die sich der Zeit nicht mehr entsinnen konnte, seitdem sie geweint, jetzt in Thränenströmen sich baden müßte, wenn sie in sein Zimmer träte, der Schein der kleinen Lampe, bei dem er zu schlafen pflegte, auf sein Antlitz fallen würde und sie ihm berichten müßte, wie es ihr ergangen!

Mühsam stieg sie, keuchend, an der Lehne der Treppe sich haltend und die erstaunten Fragen der Dienerin, die aufrichtig gemeinten Trostgründe derselben, die von einer angelegten Kabale sprach, nur mit Stillschweigen aufnehmend, in ihre Wohnung hinauf. Je näher sie dem dritten Stocke kam, desto schneller ging sie. So hatte sie noch nie das Bedürfniß nach einer Stelle, um niederzusinken, so noch nie nach einem Menschen, dem sich auszuweinen, so noch nie die Wonnen des Trostes geahnt, der in einer einzigen rein, aber auch ganz rein und selbstlos mitfühlenden Seele liegen kann …

Niemand von den Wirthsleuten, bei denen sie wohnte, hörte sie kommen. Alles war im Theater! Sie drückt die Thür auf, sie stürzt auf das Sopha zu, sie hat 354 ihre ganze Kraft in dem Hülferuf: „Serlo!“ gesammelt …

Der aber lag, von der kleinen Lampe beschienen, auf dem Sopha … Er schlief nicht mehr … Stirne, Wange, Hand waren kalt …

Er war todt.

355 21.#

Die Schauspieler haben die schöne Art, in äußersten Lebenskrisen sich von der herzlichsten Seite zu zeigen.

Es ist dann fast, als gedächten sie der alten Zeit, wo sie noch zu den Verfemten gehörten, gedächten ihres eigenen, meist so schwankenden Looses.

Serlo war freilich schon so verbittert gewesen, daß er auch diese Erfahrung anders erklärte.

Er hatte zu Lucinden schon vor längerer Zeit einmal gesagt:

Wir Komödianten kennen die Wirkung, die auf der Bühne Edelmuth macht! Immer Schlangen im Herzen haben, erstickt uns auch zuletzt selbst. Wir athmen ja auf, einmal für unsere bessere Empfindung ein Zeugniß aufstellen zu können. Daß uns dann aber auch der Beifall, nicht nur des Gewissens in aller Stille, sondern auch der öffentliche und der Hervorruf nicht fehle, dafür sorgen wir schon! Gilt es ein bewiesenes Herz, gilt es unser Mitleid, unsere Aufopferung, dann wird sogar ein College einmal zum Claqueur des Collegen und das – will viel sagen!

356 Dieser bittern und menschenfeindlichen Aeußerung erinnerte sich Lucinde, als sie den Eifer sah, mit dem man Serlo bestattete, seine Angelegenheiten ordnete, für seine Anerkennung sogar durch die Presse sorgte. Jetzt hatte jeder das Ringen des Armen beobachtet, jetzt hatte jeder gefunden, daß er eines bessern Looses würdig gewesen war. O diese Grabredner! sprach Serlo einst schon früher einmal wie in Vorahnung. Man möchte diese Kerle immer fragen, warum sie nicht früher das Maul aufthaten?

Für alle diese Liebesdienste wurde ein Comité niedergesetzt und Lucinden selbst der Ueberschuß einer Subscription angeboten.

Sie nahm für sich nur, was für das „unterbrochene Opferfest“, wie ein bewunderter Witzbold und beliebter Zeitungsreferent von der Vorstellung der Jungfrau gesagt hatte, von der Direction gezahlt wurde. Sie wohnte dann noch dem Begräbniß und der theilweisen Versiegelung der Verlassenschaft bei, schrieb an Madame Serlo und die Kinder, ließ, was sie noch entbehren konnte, dem Todtengräber zurück, um einige Jahre lang Serlo’s Grab zu schmücken, und reiste ohne Plan, ohne Ziel blindlings in die weite Welt hinaus.

Zunächst nur über die düstern Berge hinweg, die waldigen, dunkeln Fichtennadelhöhen … Nur in freundlichere, sonnigere Thäler! Sie wollte womöglich die Stadt sehen, in der Serlo geboren war und noch Anverwandte hatte. Dann hoffte sie irgendwie und wo weiter zu kommen …

Was das Leben zur Schule machen kann, glaubte sie hinter sich zu haben. Eine Schülerin im großen Lehr-357gange des Schicksals erschien sie sich nicht mehr. Sie mußte schon wieder bitter lachen, als sie so im Eilwagen über die Schluchten des Rhöngebirges fuhr, dabei an die Wölfe des Revierförsters, an ihre Langen-Nauenheimer Wandlandkarte dachte und ihr immer die Klänge ihrer Rolle im Ohre summten. Auch andere Rollen wurden lebendig. Wie viel hatte sie nicht auswendig gelernt und studirt!

Diese Worte wiederholte sie am öftersten. Verirrung schien ihr alles, was sie bisher erlebt. Sie sah neue Ströme, neue Thäler, neue Ebenen; sie fühlte wieder die Kraft, ihr Schicksal sich selbst zu gestalten.

Wie aber und womit? Wo den Handschuh hinschleudern zur Fehde gegen Natur, Menschen, Erde, Himmel? Nach Schloß Neuhof zurückkehren? Dort dem Kronsyndikus, wenn er noch lebte, ein Wachtauf! Wachtauf! rufen? Thatsachen geltend machen, die nicht ganz aus ihrem umflorten Gedächtniß entschwunden waren? Dann hätte sie freilich nach Norden zurück müssen und schon hatte sie’s unwiderstehlich nach dem Süden gezogen.

Als man Serlo auf dem Friedhofe, dem katholischen, begraben hatte, war sie zugegen gewesen und hatte von fern gestanden. Sie gehörte dem Dahingegangenen zwar am meisten an, aber das auf der Bühne Erlebte zwang sie, an den Grabeshügel erst dann heranzutreten, als alle sich entfernt hatten, der Weihrauch verduftet, die schönen Gesänge des Theaterchors verklungen waren. Da hatte sie noch eine Thräne in ihrem brennendheißen 358 Auge gehabt. Dann warf auch sie drei Hände voll Erde auf das Grab, nahm jene Rücksprache mit dem Todtengräber und war nur noch eine Weile unter den Gräbern gewandelt. In der Nähe lag der Kirchhof, auf dem ihre Schwester begraben sein mußte … Er stand offen … Sollte sie hineingehen? … Ueberall las sie: „Friede und Glück“ … Wo es so viel Gräber gibt, so viel müde, gequälte, betrogene Herzen, Glück? Ja, Glück, unter der Erde im Nichts sich ausruhen! Im Nichts! So glaubte sie schon. Alles schien ihr Traum und Wahn. Verwirrung, Krieg, fester Wille nur, und den Fuß gesetzt auf jeden Nacken, der sich nicht beugen will! Das schien ihr eine Aufgabe, allein des Lebens würdig … Sie ging nicht auf den Friedhof.

In eine altberühmte Stadt kam sie und fand Verwandte Serlo’s. Diese fragten nach seinem Nachlaß.

Sie sagte, sie hätte nichts, ging und belächelte ihre Anwandlung von Gefühl.

Mit sich kämpfend, ob sie an den Kronsyndikus, vielleicht an seinen Sohn, den Oberregierungsrath, schreiben, bitten, vielleicht drohen sollte, las sie in der Zeitung des Orts folgende Aufforderung:

„Man sucht im orthopädischen Institut ein gebildetes junges Frauenzimmer katholischer Confession, das der Sprachen und Musik vollkommen kundig sein muß. Näheres bei dem Director.“

Ein orthopädisches Institut! Eine Erziehungsanstalt für die Unarten des Körpers; eine Correctionsanstalt der Natur! Die hier gemeinte war weit berühmt. Sie 359 war eine der ersten gewesen, die man in Deutschland überhaupt anlegte; sie wurde vom Landesfürsten königlich unterstützt. Es strömten ihr aus allen Gegenden, selbst aus England und Amerika Pfleglinge, größtentheils junge Mädchen zu, von denen nicht einmal alle an ganz auffallenden, durch das Streckbett zu heilenden Fehlern litten; die Neigung, dem Körper seinen natürlichen Wuchs zu entziehen, ist ja leider tief in die erste Erziehungs- und Bekleidungssitte unserer Zeit eingerissen, so tief, daß bei einer Untersuchung, die jener Fürst einmal in einem adeligen Töchterinstitut anstellen ließ, fast die Hälfte von hundertachtzig jungen Mädchen keinen richtigen Wuchs oder Gang hatte!

Lucinde stellte sich dem Director vor und gab allerlei Auskunft über ihr vergangenes Leben. Da sie sich gewandt französisch ausdrückte, etwas Englisch verstand, vollkommen fertig Klavier spielte, war die Prüfung bald geendigt. Auch ihr bestimmtes Wesen gefiel. Man wurde über die Bedingungen einig. Von den Kennzeichen, die ihr sonst noch etwa mangelten, hatte man nicht gesprochen; daß sie katholisch war, schien sich von selbst zu verstehen.

Gleich schon am Tage darauf sollte sie beim Institut eintreten.

Da der Vorstand und Besitzer der Anstalt Arzt war, der seine Zeit geregelt hielt, so wurde die genaue Stunde angegeben, wo er Lucinden in die Säle einführen wollte. Morgen in der Frühe „um punkt neun Uhr“ wurde sie erwartet.

Es war um die Osterzeit. Der morgende Tag war, 360 wie sie im Gasthause hörte, ein Quatembertag. Schon früh wurde sie vom Geläut der Glocken geweckt und als sie sich angekleidet hatte, hörte sie, daß in der Kathedrale vom Bischof heute eine Priesterweihe vorgenommen wurde. Drei junge Diakonen sollten die letzten Weihen erhalten.

Nach acht Uhr stieg auch sie, von Unruhe und Ungeduld getrieben, die Anhöhe empor, auf welcher die Kathedrale lag, umgeben von Resten alter Bauwerke. Hier sollten deutsche Kaiser einst eine Pfalz, einen Palast gehabt haben, an derselben Stelle, wo jetzt nur eine Schwadron Chevauxlegers einkasernirt lag in allerlei Anbauten, die mit Galerieen hinausgingen auf einen Platz, den man den Schloßhof nannte und wo allerdings an einer Stelle ein alter Thurm mit Wendeltreppe und ein steinernes Portal, über welchem der Thierkreis abgebildet war, unmittelbar um tausend Jahre aus der Gegenwart hinausversetzten.

Die Kathedrale selbst war in byzantinischer Form angelegt, aber von dem Geschmack späterer Jahrhunderte mannichfach ergänzt durch Neubauten, Rundkränze und Thürme allerlei Stils. An den obern Stockwerken der Thürme sah man Säulen und Statuen, die Thüren waren nicht eben hochgewölbt, aber reich geschmückt mit Bildwerken. Die Nähe der kaiserlichen Burg schien Einfluß gehabt zu haben auf die Gegenstände dieser Reliefs; man sah Allegorieen mit den Attributen der Gerechtigkeit, Salomo, den Richtenden, eine verhüllte Gestalt mit der Wage in der einen Hand und dem Schwert in der andern ihm zur Seite. Dazu gesellte sich in noch nicht allzu 361 kirchlicher Ausdrücklichkeit der wunderlichste Schmuck von Thieren und manche humoristische Ausgelassenheit, die man am Eingang so heiliger Stätte am wenigsten gesucht haben würde … Ein Silen reitet auf einem Ziegenbock, ein Affe schreitet gravitätisch in Gewändern daher, ein Löwe spielt mit jungen Hasen … Es ist als wenn sich das alte Leben der Zeit in Markt und Wald nur in Stein verwandelt hätte und sich seinerseits der trauten Nähe des Allerheiligsten auch erfreuen, vielleicht aber auch an der Pforte andeuten wollte, wessen man alles, die heiligen Räume betretend, vom Ungeistlichen draußen uneingedenk werden sollte.

Ostern war spät gefallen, aber die reichen Blumenspenden, die Lucinde in den Straßen getragen fand, waren doch zu kostbar für die Jahreszeit. Hier mußten ganz besondere Opfer der Liebe stattfinden, wenn man diese Kränze und Kronen sah, die, aus den schönsten Blumen gewunden, noch wie verspätet eilends in die Kathedrale nachgetragen wurden. Die Menschen drängten sich, vorzugsweise eilten die Frauen. Eine Priesterweihe ist einer der anregendsten Vorgänge des kirchlichen katholischen Lebens, gleichsam eine geistliche Hochzeit, fehlt doch bei Ertheilung der ersten Grade selbst eine sichtbare Braut nicht, ein kleines Mädchen, dem der entsagende Priester angetraut wird, als dem Symbol der reinen, unentweihten, jungfräulichen Kirche. Hier handelte es sich um drei junge Diakonen, die schon die letzten Weihen erhielten und sozusagen nicht „ein-“, sondern, wie Lucinde auf Erkundigung vom Volke erfuhr, „ausgeweiht“ wurden.

362 Lucinde machte erst einige Gänge durch die alte Pfalz, betrachtete die geheimnißvolle Wohnung des Bischofs, hinter der ein Garten mit schon Blüten ansetzenden edeln Bäumen sich erhob, und umschritt die Kathedrale, die wie ein Sinnbild des Lebens selbst, abwechselungsreich und fast in ihrem ursprünglichen Zweck überladen und erdrückt erschien … fehlte doch selbst an einem Ausbau ein Schalter mit frischem Backwerk nicht, in der Kirche ein Bäckerladen! Einer alten Sitte zufolge mußte hier jeder neu gewählte Domherr weißes Brot kaufen und an die Schuljugend, die ihm Glück wünschte, selbst vertheilen … So bot die Kirche Brot des Lebens, geistiges und leibliches.

Lucinde, gedenkend, daß sie in ihrer neuen Lage die ihr mangelnde und von ihr als unwesentlich vorausgesetzte Bedingung ganz verschwiegen hatte, wollte das geistige wenigstens am Geschmack versuchen und trat in die Kathedrale ein.

Das Innere derselben war trotz der Sonne von Kerzen erhellt, mit Blumenkränzen durchzogen, von Orgelklängen durchbraust; Stimmen redeten laut und so voller neugierig sich drängender, auf den Zehen stehender Menschen war der Raum, daß Lucinde nur auch sogleich von dem, was vorging, angezogen wurde und der Betrachtung des Baues selbst, seiner hohen Gewölbe, seiner bunten Fenster, seiner Kapellen und Grabmäler sich jetzt nicht widmen konnte.

Die heilige Handlung war schon in vollem Gange. Der Bischof stand am Hochaltar in prächtigen Gewändern. Rings um ihn her eine Reihe junger Priester 363 niederkniend, vor ihm drei andere, die, welche eben die letzten Weihen empfingen.

Eben redete der Archidiakon den Bischof mit den Worten an:

Die heilige Mutter Kirche verlangt, daß die gegenwärtigen Diakonen zur Würde des Priesterthums geweiht werden!

Der Bischof sprach:

Weißt du, daß sie würdig sind?

Der Archidiakon erwiderte:

Soweit es die menschliche Gebrechlichkeit zu erkennen vermag, weiß ich es und bezeug’ es!

Nun wurden die Namen der drei zu Weihenden genannt, die mit Kerzen in der Hand vor dem Bischofe standen:

Joseph Niggl, Beda Hunnius, Bonaventura von Asselyn.

Der letzte Name machte die Hörerin lebhafter aufblicken. Dieser Name Asselyn war auf Schloß Neuhof nicht selten genannt worden. Der Sohn des Kronsyndikus, der Oberregierungsrath, hatte die Witwe eines Herrn von Asselyn geheirathet. Sie erinnerte sich, daß sein mitübernommener Stiefsohn Bonaventura von Asselyn genannt wurde, doch war er für den Militärstand bestimmt gewesen und hätte jetzt Offizier sein müssen.

Sie blickte näher …

Jetzt überfiel sie ein Schauer …

Alle ihre Umgebungen wandten sich, als sie einen zwar unterdrückten, aber doch genugsam hörbaren ängstlichen Schrei ausstieß …

364 Das ist … hatte sie erst ganz laut gesagt, … leiser aber und schon verklingend auf ihren plötzlich erbleichenden Lippen hinzugefügt: ja – Serlo!

Der Bischof sprach soeben von der Bürde und Würde des geistlichen Amtes …

Lucinde hielt sich an einen der dicht besetzten Kirchenstühle im Innern des Schiffes. Sie starrte auf den jungen Priester, den man Bonaventura von Asselyn genannt hatte. Er war wie Serlo! Serlo, wie er vor zehn Jahren hier hätte können gestanden haben! Derselbe schlanke Wuchs, dieselbe würdige Haltung, dieselben, als er sich wandte, ganz sichtbaren edeln Gesichtszüge, derselbe feine Schwung des Profils, dieselben dunkeln Augen, das Haar, das schon die Tonsur empfangen und ringsum rabenschwarz war …

Aller Augen theilten das Interesse für diesen jungen Novizen des Priesterthums. Wäre dies nicht gewesen, die Unruhe, die Lucinde verrieth, hätte noch störender auffallen müssen.

In der Litanei der Heiligen, die jetzt vom Bischof vor den niederknienden Priestern und während er selbst kniete, begonnen wurde und deren wiederholtes: Bitte für uns! die dichte Men­schenmasse volltönend und durch die nicht endende Gleichmäßigkeit fast die Sinne verwirrend nachmurmelte, fand Lucinde Zeit sich zu sammeln und die krankhafte Aufregung ihrer Gefühle zu beschwichtigen.

Als sich endlich die Betenden erhoben und wieder die lange schlanke Gestalt Serlo’s wie aus dem Grabe erstanden vor ihre fieberhaft erregte Phantasie getreten war, hätte 365 sie sich den mit Blumen bestreuten Aufgängen zum Hochaltar noch mehr genähert, wenn nicht einige das Gewölbe mächtig durchdröhnende Schläge der Thurmuhr sie zur Besinnung gebracht hätten. Neun schlug es, die Stunde, wo sie schon im Institut erschienen sein sollte.

Noch einmal sah sie an den Hochaltar, dann ringsum … es waren Hunderte von jugendlich erblühenden Mädchen anwesend, ganze Schulen, ganze Pensionate, … konnte nicht auch jenes Institut … nein, sie besann sich, die künftigen Pfleglinge, zu denen sie eilen mußte, führten ein Leben, das dem der andern nicht glich … sie lagen auf Betten, bewegten sich in Bändern und Maschinen … diese arme Kinder fehlten.

Nun riß sie sich los. Noch im Gehen war sie nur zu dem Priester hingewandt, der ihr Serlo schien … Serlo, wie er einst gewesen sein konnte, sein mußte!

Eben streckte der Bischof die Hand über die zu Weihenden aus, sprach Worte des Segens, begann die Ceremonieen an dem ersten der drei, indem er die Stola, die er als Diakon von der linken Schulter zur rechten trug, ihm kreuzweise über die Brust hängte und dann sprach:

Nimm auf dich das Joch des Herrn! Denn sein Joch ist süß und seine Bürde ist leicht!

Wie sie, mit dem Nachklang dieser Rede, der Anstalt zuflog und dort glücklicherweise noch nicht verspätet ankam, wußte sie kaum …

Das große Gebäude des orthopädischen Instituts nahm sie auf. Es war geschmackvoll und sogar luxuriös eingerichtet. Hinterwärts hatte man den Blick in einen Garten, wo der Rasen schon in üppigem Grün stand. 366 Durch eine geöffnete Glasthür trat man in einen großen Saal, den zierliche Treibhauspflanzen schmückten … Dann freilich kamen die trübern Eindrücke … Saal an Saal … Bett an Bett. Kinder darunter, die die Hoffnung ihrer Mütter auf Schönheit ganz betrogen hatten; aber doch viele auch, die sie wol noch einst erfüllen werden … Ein Jahr, und eine Neigung der Hüfte oder der kaum sichtbare ungleiche Wuchs einer Schulter ist geheilt! Einige dieser jungen ringsum liegenden Mädchen werden vielleicht ein wenig, ganz leise nur und unscheinbar mit dem einen Fuße weniger behend durchs Leben schweben; aber was thut das ihrem rosigen Lächeln? Was thut das ihrer neckischen Lust, die einen ganzen Kreis in gleicher Lage Befindlicher ringsum auf den Prokrustesbetten eben zum Lachen bringt! Diese schelmischen Augen dort, diese sinnigen hier, diese Rosen auf den Wangen, diese Lilien auf Arm und Nacken, jede eine Knospe voller Hoffnung für die Zukunft, jede so ganz das schöne, liebevolle, reiche Geheimniß eines jungen Mädchenlebens! … Wer kann sonst schon solche junge Mädchen im traulichen Verein spielend, harmlos dem Augenblick dahingegeben sehen, ohne nicht zu gedenken: Was wird euch allen noch einst beschieden sein? Welche Flammen werden in euren Herzen lodern? Wo waltet jetzt wol die Hand, die liebend einst die eurige erfaßt? Vor welchem Munde, der von Liebe spricht, wird euer Jugendmuth verstummen, und ach! welcher von euch allen sind noch die größten Leiden aufgespart? Der vielleicht, die jetzt die Glücklichste scheint? Der vielleicht, die ihr alle wie eure Schwester liebt, mit der ihr eure 367 Freuden, eure kleinen Geheimnisse theilt und der ihr, so oft ihr unter den Blumen des Feldes sein dürft, sein könnt, die schönsten bringen müßt, die ihr am Wege gefunden? – bringen selbst dann, wenn der Geliebten ein Fuß nicht so schnell gehorcht wie der andere?

Eine solche Königin unter dem jungen Volke, eine schon emporragende Lilie unter Maiblumen und Veilchen, ein Wesen schon voll Seele, während ringsum nur noch Gemüth, Verstand und Phantasie sich entwickelten, war die junge, zu früh emporgeschossene und deshalb in ihrem Wuchse ängstlich überwachte Sechzehnjährige, welche vorzugsweise der Obhut, der Gesellschaft, der Unterhaltung Lucindens angewiesen werden sollte.

Der Vorstand des Instituts hatte die neue Lehrerin und Gesellschafterin des Hauses im Wandeln durch die Säle laut eingeführt. Erst hatte er sie allen flüchtig vorgestellt, dann aber mit besonderm Vorzug einer unter ihnen, die in einem abgesonderten Zimmer lag und von ihm Comtesse Paula von Dorste-Camphausen genannt wurde.

Wie Lucinde auch diesen Namen hörte, erschrak sie. Auch diesen kannte sie ja schon! Es war ja jene Größere von den Mädchen gewesen, die sie am Weiher im Park von Neuhof beobachtet, jene Gräfin Paula, die reiche Erbin, die Nichte des Kronsyndikus, die vielleicht einst mit jenem österreichischen Offizier vermählt werden konnte, den sie vor zwei Jahren in Kiel gesehen … Kam das alles hier so wieder zusammen? Wie fügte sich Ring an Ring? Sollte sie die Kette festhalten, sich binden, aufs neue sich in das große, bewegte, thatsachenreiche Leben 368 um Schloß Neuhof und die uralte Stadt Witoborn hinüberziehen lassen?

Auf einem schrägliegenden Ruhebett, von einigen Gurten und Bandriemen, einigen eisernen Klammern in fester Lage gehalten, lag, weißgekleidet, das schlanke junge Mädchen, eine Gestalt zart, wie durchsichtig, ganz von jenen länglichen Formen, sowol im Oval des edeln griechischen Profils, wie des Oberkörpers und der Hände, die wir gelernt haben als Ausdruck des Seelischen zu nehmen.

Die Comtesse, die ihr eigenes Zimmer hatte, schien zu schlummern.

Der Director sagte leise:

Sie ist krank und mir ganz besonders empfohlen! Sehen Sie nur! … Sie neigt zum Traumschlafe … Sie spricht! Ganz deutlich! Und doch schläft sie!

Lucinde trat näher … Ihr Herz pochte …

Murmelnd sprach das junge Mädchen Worte, die einem Gebet gleichkamen.

Der Director schloß die Thür, die zu den lauten Sälen führte …

Nimm hin, sprach das junge Mädchen, leise und langsam betonend, nimm hin – das – priesterliche – Kleid – welches – die Liebe bedeutet! – Gott ist mächtig – genug in dir – die Liebe zu vermehren und sein Werk – zu – vollenden –!

Der Director horchte hoch auf; so zusammenhängend hatte die Kranke noch nie gesprochen.

Lucinde träumte noch von Neuhof, von der Kathedrale …

369 Die Schläferin schwieg eine Weile, dann fuhr sie deutlich fort:

Du willst, o Herr – diese Hände – weihen und heiligen – durch die Salbung – damit alles, was sie weihen – geweiht und geheiligt sei im Namen unsers Herrn!

Dann setzte sie mit einer andern, fast männlichen Stimme hinzu:

Amen!

Was mag sie beschäftigen? fragte der Director erstaunt.

Lucinden aber war es, als wäre sie an den Hochaltar zurückversetzt, wo sie Serlo gesehen zu haben glaubte, wie er von den Todten erstand.

Der Director winkte, daß sie nicht spräche; eben wollte sie an die Priesterweihe erinnern.

Die Schlafende fuhr fort:

Nimm hin – den Heiligen Geist! Welchen – du die Sünden – erlassen wirst, denen – sind sie erlassen! Welchen – du sie – behalten – wirst, denen – sind – sie – behalten!

Sie spricht dem Bischof nach, der in diesem Augenblick in der Kathedrale die Priesterweihe hält! … flüsterte Lucinde.

Sieh! Sieh! bemerkte jetzt der Director kopfschüttelnd und setzte dann leise und fast lächelnd hinzu: Es ist ein Verwandter ihrer Familie darunter, Zögling des hiesigen Convicts, ein junger ehemaliger Offizier, … er wird in diesem Augenblick ausgeweiht …

Ein Herr von Asselyn!

370 Ganz recht!

Der Director flüsterte nach einer Weile:

Sie hat eine große Verehrung vor diesem ihrem Landsmann … sie leidet entweder darunter, der Feierlichkeit nicht beiwohnen zu können, sieht sie aber im Geiste vor sich … oder … sie wünscht wol gar …

Auf dieses bedeutungsvoll gezogene: „Wol gar“, in dem Lucinde die Vermuthung erkannte, die Kranke litte darunter, daß der ihr Theuere überhaupt Priester wurde und Frauenliebe nun ein ganzes Leben lang nicht mehr erwidern durfte, schienen plötzlich die Empfindungen der Schlummernden Inhalt und Ausdruck zu verändern. Die Mienen verdüsterten sich, die Hände hoben sich als wollten sie irgendetwas Störendes verhindern. Der Rücken, den sie nicht bewegen konnte, schien sich erheben zu wollen. Zurückgehalten von dem Mechanismus des Bettes, mehrte sich ihre Angst. Seufzer entrangen sich der Brust, die sich mächtig hob. Der Mund blieb starr geöffnet als wollte er: Nein! Nein! Nein! rufen …

Da fuhr der Director sanft über ihr Antlitz und weckte sie.

Befremdet sah sie um sich, als hätte sie hier zu erwachen nicht vorausgesetzt.

Als dann der Director ihr die neue Pflegerin vorgestellt hatte, veränderten sich ihre Züge allmählich zur frühern Milde. Sie schien Lucinden nicht von früher zu erkennen. Sie lächelte gelassen, ergeben, sanft, ja dies Lächeln war wie jener lichte Hauch, jener sanfte röthliche Schimmer im Innern einer weißen Rose. Tief andachtsvoll, gläubig der Gruß ihres schönen Antlitzes. 371 Sie bewegte sich nicht, aber in den Augenwimpern lag etwas, wie wenn sie sich im Geiste verneigte. Sie verneigte sich wie einem Engel der Verkündigung.

Kommt aber wol der Engel, der sich in freundlicher Anrede jetzt über Paula von Dorste-Camphausen niederbeugt, aus den reinen Regionen des Lichtes?

Ihr Kinderseelen ringsum! Mögen lichtgeborene gute Engel über euch wachen, Hüter und Schirmer vor dem nachtdunkeln Gefieder, das an Lucindens Haupte, wie einer Tochter Lucifer’s, dämonisch aufzurauschen scheint!

Nachdem sie ihr Zimmer angewiesen erhalten und ihren Einzug geordnet hatte, machte sie einen ihrer ersten Ausgänge zum Bischof.

Sechs Wochen später holte sie für ihre neue Stellung die Bedingung nach, der katholischen Kirche anzugehören.

Ende des ersten Buchs.