Wir stellen die Gutzkow Gesamtausgabe zur Zeit auf neue technische Beine. Es kann an einzelnen Stellen noch zu kleinen Problemen kommen.

Goethe und Gervinus über Béranger#

Metadaten#

Herausgeber
  1. Madleen Podewski
Fassung
1.3: Korrektur Apparat
Letzte Bearbeitung
30.06.2021

Text#

829 Goethe und Gervinus über Béranger.#

Goethe sagt bei Eckermann: „Sowie der Dichter politisch wirken will, muß er sich einer Partei hingeben; und sowie er dieses thut, ist er als Poet verloren; er muß seinem freien Geiste, seinem unbefangenen Ueberblick Lebewohl sagen und dagegen die Kappe der Bornirtheit und des blinden Hasses über die Ohren ziehen.“

Wie dieser Satz Wahres und Falsches zu gleicher Zeit enthält, beweist Goethe selbst durch seine Verehrung vor – Béranger. Er nannte Béranger eine „durchaus glücklich begabte Natur, fest in sich selbst begründet, wie aus sich selbst entwickelt und durchaus mit sich selbst in Harmonie.“ Er fährt fort, Béranger hätte zwar in verschiedenen bedenklichen Epochen nach den Stimmungen, Wünschen und Bedürfnissen des Volks hingehorcht, allein dies hätte ihn nur in sich selbst befestigt, da sein eigenes Innere mit dem des Volks in Harmonie gestanden; nie hätte es ihn verleitet, etwas Anderes auszusprechen, als was bereits in seinem eigenen Herzen lebte. Ueberdies lobte Goethe Béranger’s politische Lieder darum, weil in ihnen nichts aus der Luft gegriffen, nichts von blos imaginären Interessen, sondern ihre Gegenstände immer bedeutend sind. Die Bewunderung Napoleon’s und das Zurückdenken an seine großen Waffenthaten; dann der Haß gegen die Herrschaft der Pfaffen und gegen die mit den Jesuiten wieder einzubrechen drohende Finsterniß: „das sind denn doch Dinge, denen man wol seine vollständige Zustimmung nicht versagen kann.“ Nächst dem Stoff ist es ihm dann auch die 830 Form, die meisterhafte Behandlung, die innere Abrundung, der Witz, der Geist, die Ironie und Persiflage, verbunden mit Herzlichkeit, Naivetät und Grazie, das Volksmundgerechte bei Erhebung über das Niveau des Gewöhnlichen, was Goethe zum Bewunderer Béranger’s macht. Die große Wirkung Béranger’s leitet er nicht nur aus den gepriesenen Eigenschaften, sondern ganz richtig auch daraus ab, daß Paris Frankreich ist. „Alle bedeutenden Interessen seines großen Vaterlands concentriren sich in der Hauptstadt und haben dort ihr eigentliches Leben und ihren Widerhall. Auch ist er in den meisten seiner politischen Lieder keineswegs als bloßes Organ einer einzelnen Partei zu betrachten, vielmehr sind die Dinge, denen er entgegenwirkt, größtentheils von so allgemein nationalem Interesse, daß der Dichter fast immer als große Volksstimme vernommen wird.“ (Vergl. Eckermann’s „Gespräche“, III.)

Diesem Goethe’schen Urtheil stellen wir das neueste, in einem Punkte abweichende von Gervinus zur Seite.

Gervinus kommt in seiner trefflichen, ganz in Schlosser’s besserm Geiste verfaßten „Geschichte des 19. Jahrhunderts seit den Wiener Verträgen“ (Leipzig, Engelmann, 1856), bei Gelegenheit des in der Reactionsperiode von 1815-20 sich in Paris entwickelnden Bourbonenhasses und der gereizten Stimmung in Bevölkerung und Presse, auch auf Béranger’s politische Lieder zu sprechen und gibt eine treffliche Charakteristik der Béranger’schen Muse.

Aus dem untersten Volke hervorgegangen, hatte der junge Béranger den Geschmack und die Kunst der Verse von seinem Meister, einem Buchdrucker, gelernt. Mittel- und kenntnißlos aber, wie er war, hatte er sich lange fern von allem hochfliegenden poetischen Ehrgeiz gehalten und hätte unter äußerm und innerm Druck beinahe der Dichtung ganz entsagt, wenn ihn nicht Lucian Bonaparte aufgerichtet hätte. Dieser leitete ihn durch seine Ermahnung, über der Kühnheit im Liede nie den Geschmack zu verletzen, auf den Weg, den Geist der französischen Sprache zu durchdringen, um nicht nur der Schenke und Liedertafel, sondern auch der Toilette und Akademie gerecht schreiben zu können. So drang Béranger schon in das Volk, ehe er politische Dinge besang, „als er noch in dem Tone der epigrammatischen Couplets jene drolligen und zotigen, feingroben Lieder schrieb, in denen er, seinem vagabundischen Geiste fröhnend, nur der Apostel der Fröhlichkeit war.“ In den großen Schicksalen Frankreichs seit 1812 empfand aber der Dichter, daß er mit jenen abgedroschenen Scherzen, „in denen er seine Lieder, um sie auf die Gasse zu bringen, oft in der Gosse gesucht hatte“, hinter der großen Zeit zurückblieb. Diesen Uebergang machte er behutsam so, daß er zuerst das alte Wein- und Liebeslied noch zum Rahmen für Ausfälle politischer Absicht brauchte, und schon diese versteckten Angriffe verschafften ihm bei der öffentlichen Unbefriedigung die Gunst des Volks. Ueberzeugt sodann, daß die Dynastie unversöhnlich gegen die Grundsätze von 1789, die Nation ebenso unversöhnlich gegen die Bourbonen sei, ergriff er in steigender Kühnheit die Sache des Volks, richtete immer geradere und keckere Angriffe auf die Feinde der Volksfreiheit, „und dieser Zorn über das Großwerden der Kleinen, der Grimm darüber, daß Jupiter die Welt den Zwergen gegeben, wurde immer mehr die Seele seines Gesangs, der mehr und mehr das Volk bis in seine Tiefen aufregte, in lauter Verschwörung gegen die Könige die Melodieen der Leierorgel mit den Tönen der Laute vermählend.“

Sehr richtig bemerkt Gervinus, daß es nie glückliche Zustände, sei es im politischen, sei es im poetischen Reiche, bedeute, wenn die dichterische Polemik in das staatliche Leben einzugreifen den Beruf fühle und Macht erhalte. „Das Maßlose und selbst das Ziellose wird fast nothwendig die Predigt der politischen Poesie werden, wo sie nicht geradezu mit der erhaltenden Richtung geht.“ So sei es auch bei Béranger zu beklagen, daß er, der der literarischen Coterie, der Trödler des Ruhms nie bedurft, der Volksgunst bedürftig wurde und sich der Volkslaune und Leidenschaft beugen lernte, daß „das Volk seine Muse“ ward, statt daß seine Muse das Volk zu einer gesunden und nicht blos verneinenden bürgerlichen Sinnesart hätte emporbilden sollen.

Hierin weicht also Gervinus von dem Goethe’schen Urtheil ab, das im Gegentheil an Béranger rühmt, nicht durch das Volk verleitet worden zu sein, etwas Anderes auszusprechen, als was bereits in seinem eigenen Herzen lebte, und das Volk durch Erhebung über das Niveau des Gewöhnlichen an eine edlere und bessere Denkart gewöhnt zu haben.

Gervinus stellt Béranger auch in Gegensatz zu dem weltbürgerlichen Lord Byron, da das Auftreten des Erstern das eines ganz und gar nur französischen Bürgers und Vaterlandsfreundes war. Er findet es freilich bedauerlich, daß Béranger’s politische Lieder die Jugend dieses erregbaren Volks „von säcularer Leichtfertigkeit“ in ihrer unbestimmten Widersetzlichkeit bestärkten und dem politischen Haß eine furchtbare Nahrung gaben.

Schließlich können wir die Bemerkung nicht unterdrücken, daß für uns eine gewisse Genugthuung darin liegt, wenn unsere strengen Theoretiker durch den Nimbus des Ausländischen hindurch denn doch Vieles auf deutschem Boden anders ansehen müssen, als es ihnen nach heimatlichen Maßstäben erschienen sein würde. Dem Professor der Aesthetik ist das Goethe’sche Wort: „Ein politisch Lied! Pfui, ein garstig Lied!“ fast ein Kanon und Goethe selbst war es, der später Béranger preisen mußte!

Apparat#

Bearbeitung: Madleen Podewski, Berlin#

1. Textüberlieferung#

1.1. Handschriften#
1.1.1. Übersicht#

Es sind keine handschriftlichen Überlieferungsträger bekannt.

1.2. Drucke#
J [Anon.; Verf. unges.:] Goethe und Gervinus über Béranger. In: Unterhaltungen am häuslichen Herd. Leipzig. N. F. Bd. 1, Nr. 52, [27. September] 1856, S. 829-830. (Rasch *3.56.09.27.1)

2. Textdarbietung#

2.1. Edierter Text#
J. Der Text folgt in Orthographie und Interpunktion unverändert dem Erstdruck. Textsperrungen werden übernommen. Silbentrennstriche (=) werden durch - wiedergegeben. Die Seitenzählung wird mit Klammern [ ] an den betreffenden Stellen in den Text eingefügt. Fehlende oder überzählige Spatien im Erstdruck wurden stillschweigend korrigiert.

Die Seiten-/Zeilenangaben im Apparat beziehen sich auf die Druckausgabe des Beitrags im Band: Ueber Göthe im Wendepunkte zweier Jahrhunderte. Mit weiteren Texten Gutzkows zur Goethe-Rezeption im 19. Jahrhundert hg. von Madleen Podewski. Münster: Oktober Verlag, 2019. (= Gutzkows Werke und Briefe. Abt. IV: Schriften zur Literatur und zum Theater, Bd. 3.)

Kommentar#

Der wissenschaftliche Apparat wird hier zu einem späteren Zeitpunkt veröffentlicht.