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Nero. Tragödie#

Metadaten#

Herausgeber
  1. Anne Friedrich
Fassung
1.2: Überführung nach TEI; Textkorrekturen; Anpassungen, Ergänzungen und Korrekturen im Apparat
Letzte Bearbeitung
07.2021

Text#

Nero.#

Tragödie.#

Hier sitz’ ich, forme Menschen
Nach meinem Bilde,
Ein Geschlecht, das dir gleich sey,
Zu leiden und zu weinen,
Zu genießen und zu freuen sich,
Und dein nicht zu achten,
Wie ich!

Göthe.

1 Prolog.#

3 LOCUSTA.

Ihr Menschen dort, rings auf den Marmorsitzen,
Bergt Euer Angesicht, und preßt zurück
Den Athemzug in unbelauschte Ritzen,
Den Mantel ziehet über das Genick,
Des Auges Pfeile lasset matter blitzen,
Und öffnet, da in diesem Augenblick
Die Hölle qualmt, zu meinem Schreckensworte
Bedächtig halb nur Eures Ohres Pforte!
Locusta bin ich, die Giftmischerin,
Die alte Ahnfrau römischer Cäsare,
Dem Tod zum vorgezeitigten Gewinn
Vermittle ich die Wiege und die Bahre.
Verwesung wehet über Alles hin,
Wohin ich nur mit meinem Athem fahre:
Und nah’ ich mich, gleich ist am Himmelsthor
Der Stern umreift mit einem Nebelflor.
4 Des Tags wohn’ ich im afrikan’schen Sande,
Bis man des Nachts nach Rom mich rufen läßt,
Noch schwillt im gelben flatternden Gewande
Der blasse Hauch der afrikan’schen Pest:
So eben brachte mich von Libyens Strande
Zum heute angesagten Todtenfest
Ein gift’ges Schlangenpaar, das nun, ich glaube,
Dort raschelt in des Parkes schatt’gem Laube.
Herauf, herauf, ihr schwerversöhnten Schatten!
Ihr Töchter, die ich liebte, Julia!
Untreue Gattinnen untreuer Gatten,
Du Messalina, und Du, Livia!
Hebt Euern Fuß, den schlotterndmatten,
Es ist die greise Ahnenmutter da!
Herauf, verlaßt des Orkus finstre Säle,
Daß ich durch Euch mich für den Jüngsten stähle!
Zersprungen ist der Hölle Schloß und Riegel,
Es nahet sich die dichte Larvenschaar,
Es sprützen aus dem infernal’schen Tiegel
Blutrothe Funken, wie Kometenhaar;
5 Ich seh’ Euch; aber löst des Mundes Siegel
Und streckt mir drohend nicht die Hände dar!
Wollt’ Einer unter Euch viel Jahre zählen,
Konnt’ ich doch mehr, als sie dem Andern stehlen?
O zürne, bleich Gespenst, Germanikus,
Nicht allzusehr dem Mund, dem willenlosen,
Der früh’ auf Dich gedrückt den Todeskuß!
Und Du, dem ich zum Knabenspiel statt Rosen
Nicht minder früh, mein Kind Brittanikus,
Gegeben einen Kranz von Todesmoosen,
Der du entmannt schon starbst, und noch nicht Mann,
Nimm ohne Graun den Gruß der Mutter an!
An meines Jüngsten Schwelle steh’ ich jezt,
An Nero’s Schwelle, der den Göttern treulich
Sich angetraut hat, ob er gleich verlezt
Der ewigen Natur Gesetze neulich:
Denn hat nicht Agrippina so benezt
Mit Blut die Erde und gerast so gräulich,
Daß selbst Erinnys jene Fackel senkt,
Mit der sie einst Oresten hat bedrängt?
6 Die Fahne weht, die schwarze Todesfahne,
Vom Winde flatternd nun einmal gefaßt;
Wer ist noch Held? O sey nur Partisane
Von dem, was einmal stürzt mit Hast;
Die alte Schuld sucht, wo sie Weg sich bahne:
Einmal begonnen, los und ohne Rast
Rollt sich die Kette um; – der Sieg ist dessen,
Der Unerhörtem Größres zugemessen.
Du aber, wirrer Kranz, den das Entsetzen
Um anzuschauen hier zusammenflicht,
Woll’n etwa deine Blicke sich ergetzen
An bunten Scenen, welche im Gedicht
Dir Blumen vor die trunknen Augen setzen:
So halte dich zurück und traue nicht,
Denn leicht wohl möchte sich der Schlange Zischen
In Philomelens süße Strophen mischen!
Wenn Ihr die Freundschaft und die Jugend seht
Den treuen Arm sich um die Hüften winden,
Wenn wo die Schwester nach dem Bruder späht,
Und wenn ein Sohn vor’m Vater, vor dem blinden,
7 Im Spiel mit seinen Greisenlocken steht:
So eilet schnell, den Ausgang hier zu finden;
Denn eben war es häuslicher Verrath,
Der schleichend in das Herz des Kindes trat!
O fluchbeladne Zeit! wo, wie ein Dieb
Ganz leise hämmernd, zu gesunden Theilen,
Durch alle Muskeln, durch der Adern Sieb,
Wo irgend unversehrte Keime weilen,
Unheilbar schleicht des Gift’s Ansteckungstrieb!
Wer hier noch leben will, muß sich beeilen;
Denn rings sind falsche Netze ausgestellt;
Die große That kömmt mit dem Sarg zur Welt.
So rolle denn der Vorhang auf, und zeige
Euch eine Welt, die Manchem wohl verhüllt,
Ob eine Haut auch auf die Andre zeige
Wie einstmals an des Telamoniers Schild!
Des Alterthumes abgestandne Neige,
Die große Roma ist’s, womit erfüllt
Ein Becher sich Euch beut, dem Phantasien
Und mancherlei Erfindung Würze liehen.
8 Erwache Mondenschein, des Tages Lüge!
Ihr schlummernden Geheimnisse, erwacht!
Es nahen sich die langen Geisterzüge,
Die, ob sie gleich aus Fleisch und Blut gemacht,
Doch schon am Leben nicht mehr haben Gnüge,
Und halb schon ragen in des Orkus Nacht:
Was Wirklichkeit, was Traum hier im Gedichte,
Malt sich zu einem Traum der Weltgeschichte.

9 Nero.#

#

11 I.#

Freier Platz in Rom.

Julius Vindex (tritt auf).

Julius Vindex.

Sey mir gegrüßt, du liebe Heimathstätte,
Wo endlich ruh’n darf der bestäubte Fuß,
Und die so traulich winkt, als wenn mein Gruß
Sie eben erst verlassen hätte!
Wie schonend hier die Zeit gewesen!
Ich kann noch Unterschied und jedes Maal,
Hauslauf und Moos, das sich durch Ritzen stahl,
Wie eines alten Buches Lettern lesen.
Da rankt die Rebe sich, die ich gezogen,
Mit traubenschweren Bogen
Zum Fenster auf, wo die behenden Schwalben,
Die in die fernen Zonen
Mir erst gefolgt, schon in den falben
Zum Nest gefügten Halmen wieder wohnen.
Nicht nur der Brunnen plätschert noch sein altes Lied,
Auch was man bei den Nachbarn sieht,
12 Ist immer noch der alte Sang,
Ein Fenster ohne Schluß,
Womit dem Ohr zu kläglichem Genuß
Der Wind sein Spiel treibt Tagelang.
Ja, irr’ ich nicht, so will’s mich fast bedünken,
Als blizten aus den offnen Pforten
Wie sonst der Nachbarstöchter Augen aller Orten,
Gleich Perlen, die aus der Conchylie winken.
Was wohl die lieben Eltern sagen!
Vom Fuße bis zum Kragen
Bin ich ein andrer Mensch! Vom hypochondrischen Wesen,
Womit in diesen Tagen
Sich schon unmündige Kinder plagen,
Bin ich vollkommen genesen.
Das ist nicht mopsig mehr, nicht sauertöpfisch,
Mißtrauend, greinend, rappelköpfisch,
Das macht nicht mehr so jämmerliche Geberden,
Als könnte man ja gestohlen werden.
Nein, frisch und rund, wie eine Nuß,
Sind von dem Wind des Kaukasus
Die bleichen schmalen Backen,
Und in dem stolzen Nacken
Führ’ ich aus allen Königreichen
Ein Heer von Schelmenstreichen.
13 Man sagt zwar, daß die Welt
Politisch jezt sey schwarz verhangen.
Wer was davon hält!
Deß lass’ ich mich nicht bangen!
Geht nur hinaus, die Rom beengt,
Dorthin, wo man nicht Grillen fängt!
Geht, wie ich, aus der Ebene Streifen
Hinauf auf die Berge, wo die Wolken rauschen,
Wollt mit mir belauschen
Goldeshüter, fabelhafte Greifen!
Befreit Euch von des Hauses Fesseln,
Und sucht in Kolchis Sandeswellen
Die von Medeens Zauberkesseln
Bis tief zur Hölle ausgebrannten Stellen!
Sucht, ob die raschen
Unwirthbaren Pontuswogen einen
Der blutigen Tropfen schon verwaschen
Von des Absyrtus zuckenden Gebeinen!
Habt Ihr an Asiat’sche Schrecken Euch gewöhnt,
So werdet Ihr die Römischen ertragen können.
(Er tritt an das Haus seiner Eltern heran. Ein Sarg wird schnell herausgetragen.)
Ha, wie der Zufall meiner Rede höhnt!
14 Ihr guten Freunde, wollt mir ein Wort doch gönnen!
Wohin? Wen tragt ihr da heraus?

Ein Träger.

’S ist Trauer in dem Haus!
Weil nun der alte Herr nicht mehr zu retten,
So ging Cornelia voraus,
Ihm in der Väter Gruft bequem zu betten.

Julius Vindex.

Bei Gott! Cornelia! Meine Mutter! Haltet!
Mein Kuß trifft, was er liebt, erkaltet?
O hört! Sie fliehn – als wenn die Pest
Dahin gerafft hätt’ diesen kleinen Rest
Von Leben, den ich zu versüßen
Nun komme ach! mit allzuträgen Füßen!
Und hört’ ich recht den Todtenvogel singen,
Muß auch mein Vater mit dem Tode ringen.
Hinein, daß sich des theuern Leibes Schlauch
Zum Leben wieder blähe bei meines Mundes Hauch!
(Ein zweiter Sarg wird noch schneller herausgetragen.)
Zu spät! Dies muß mein Vater seyn.
Dahin fliegt in dem Todesschrein
Mein Leben, Hoffen, Alles hin!
Steht! Steht! Wißt, daß ich des Mannes Kind und Schatte bin!
15 Sie fliehn – sind wie Gespenster fortgerannt –
Und vor Entsetzen steh’ ich festgebannt –
Ha, wär’ es Blendwerk nur,
Was ich da sehe! Eine blutige Spur
Seh’ ich am Boden rollen,
Blut, aus dem Sarg gequollen,
Die Tropfen rieseln durch die Gassen.
Hier ist ein Mord geschehn,
Ich muß zum Schwerte fassen,
Und blutig wenden dieses Wiedersehn.
(Ein Tribun tritt mit Bewaffneten aus dem Hause.)
Steh’, du Tyrannengeneral,
Noch raucht an deinem Stahl
Der Erde bestes Blut,
Fühl’ nach dem Morde, wie die Rache thut!
(Er greift ihn an.)

Tribun.

Wehrt ihm nicht! Mir ist es recht,
Daß sich ein Messer sezt an meine Kehle;
Nach solcher That bin ich mir selbst zu schlecht,
Und bitte nur, daß ja sein Stoß nicht fehle.
(Sie fechten. Der Tribun fällt.)
Gut, gut! Die Klippen,
Die widerspänstigen Rippen
16 Vermied der Stoß,
Und macht mich des verfluchten Lebens los.
Hab’ mich gewunden und mich bethört,
Wenn ich auf kaiserlich Gebot
That, was Männer nimmer ehrt,
Und besorgte manchen Tod.
Hier mußt’ es enden, wo empfindungslos
Selbst in der Freundschaft Schooß
Ich zwar mit Zittern, dennoch herrendienstbar trat.
Die Zeit ist arg; wer keinen Feind nicht hat,
Stirbt durch des Freunds Verrath. Hier war's Verrath
An Liebe, an mir selbst, an meinen Spielen,
Die ich einst trieb auf dieses Hauses Dielen.
Mein Aug’ wird trüb; doch seh' ich heller –
Mir ist’s, als sey der Vogelsteller,
Dem ich erlegen, mir gar wohl bekannt.
Nimm diese sterbende Hand!
Dich grüßt mit stummem Gruß
Dein Pylades – du, mein Orest – mein Julius! (Stirbt.)

Julius Vindex.

Sabinus Cassius? mein Freund? mein arger Feind!
Dies ist das Ziel, das wieder uns vereint?
17 Du hast mir einen schlechten Dienst gethan
Durch diesen Tod, durch deinen, meinen – theurer, hassenswerther Mann!
(Die Leiche wird fortgetragen.)
Fahr’ hin, du leichterlogner Traum
Der Jugend, erst hoffnungsgrün und lustumlaubt!
Es hat dir eines Augenblickes Raum
Grund, Wesenheit, Entschuldigung geraubt!
Fluch dem verführerischen Blau
Des Himmels, das mich lau
Und meine Seel’ erschlaffen machte!
Ach! aus dem zugefallnen Schachte
Steigt Gram, Verzweifeln, all das Bangen,
Dem du als Knabe nachgehangen,
Der Schmerz ob dieser Zeiten Graus
Mit größerer Gewalt heraus!
Fort mit der trägen Lüge,
Die meiner Mannheit Wiege
Und meiner Ehre Schlummerlied gewesen!
Nein, dies fieberhafte Herz ist nicht genesen;
Die alten Wunden brechen auf,
Der Zeiten Schrecken nahn zuhauf,
Wir sind so eng geschnürt und so gejagt,
Daß Brust und Athem mir versagt.
18 Hier steh’ ich auf dem Schlachtfeld meiner Liebe.
Die Manen seh’ ich weinend mich umschwärmen,
Sie rufen, wo denn ihre Rache bliebe,
Ob ich zu trösten käm’ ihr todtes Härmen?
Die Last der einen Schaale drückt so tief,
Daß, wenn ich auch im tiefsten Abgrund schlief,
Wenn ich auf Scherz und Tand mich ganz gestellt,
Ich jetzo wär’ so hoch geschnellt,
So hoch, so sichtbar diesem Mordgetümmel,
Wie des Kometen glühende Ruth’ am Himmel.

19 II.#

Nacht.

Vorzimmer eines Balkons, welcher offen steht und die Aussicht nach dem bedeckten Monde gibt. Nero und Poppäa auf zusammengehäuften Polstern. Attitüde. Nero spricht träumerisch, phantasirend, sylbenzählend.

Nero.

Welche Zeit ist’s?

Poppäa.

Mitternacht der Wächter ruft.

Nero.

Die Hähne schrei’n: sie wittern’s in der Luft,
Daß sich ein Dieb schleicht um des Hofes Thor;
Die Nacht hat Augen nicht, doch scharfes Ohr.

__________

Welch’ Zeit ist’s?

Poppäa.

Ein Uhr nach Mitternacht.

Nero.

Der Schatzgräber hat jezt sein Werk vollbracht.
20 Horch, wie der Maulwurf gräbt und hackt,
Schatzgräbers Spaten bracht’ ihn in den Takt.
So ein altes Fell ist blind, und sieht
Doch mit dem Ohre Alles, was geschieht.

__________

Welche Zeit ist’s?

Poppäa.

Nach Mitternacht zwei Uhr.

Nero.

Vom Himmel ein Stern herunterfuhr.
Die Welt schläft nicht, der Himmel schläft.
Die alten Heroen, die ihr Laternengeschäft,
Als Sterne ersten und zweiten Rangs besorgen,
Sind Götter freilich, doch vorm Schlafe nicht geborgen.
Wenn so ein alter invalider Heroe als Stern ein Stück
Von sich herunter fallen läßt, so ist’s aus Ungeschick
Und Schläfrigkeit doch nur –

__________

Die Dinge
Drehn wahrlich sich in einem andern Ringe.
21 Was sind wir? Warum sind wir? Sprich,
Du frommes Beichtkind, kreuz’ge dich!
Ihr guten Leute, wenn’s erlaubt,
’S ist vieles Thorheit, was Ihr glaubt.

__________

Denn sind wir dem Gotte nicht ein Bedürfniß?
In seinem eignen Seyn das atheistische Zerwürfniß?
O Gott; er läßt uns tief im Koth, im Trüben,
Und verlangt noch, ihn zu lieben.
Man spricht vom Unterschied des Guten und des Bösen,
Und Jeder müsse sich durch sich selbst erlösen,
Das nennt man die einstige Vergeltung,
Als wäre der Mensch nicht Gottes eigne Verweltung,
Als wär’ es göttlich, uns entstehen lassen,
Und dann zulezt uns bei Wort und That zu fassen.
Es wäre doch, wie man Komödie spielt,
Wenn uns der Himmel deßhalb hätt’ erzielt,
Daß wir gleich Puppen machen unser Wesen,
Und dann hingingen zur Belohnung des Guten und Bösen.
Warum erschuf er uns? Wer bat ihn drum?
Ich nicht – du nicht – Niemand im Publikum.

__________

22 Man ist so eingepfercht in alte Lügen,
Daß man’s für Sünde hält, sich selbst nicht zu betrügen –
Das Leben wäre Glück? O frommer Dunst!
Das Leben ist die schwerste Kunst;
Und eine Kunst, die ohne Freude ist.
Drum, wer sich müht, daß sich zum Guten Alles wende,
Arbeitet Gottes Trägheit in die Hände.
Denn nehmt doch nur, was ließe Gott nicht zu!
Wo er zu helfen hat, drückt ihn der Schuh.
Treibt’s nur auf’s Aergste, paralysirt
Ihm Alles, was geschieht, so wird
In seiner Noth er endlich sich erklären müssen.

__________

Du schwärmst, mein Kind, in diesen Finsternissen,
Wie sich der Mond dort hinter Wolken legt,
Der Wind im Wald das Laub aufregt,
Und nimmst dies allgemeine Flimmern wie ein Wagen,
Der dich zum Himmel solle tragen.
Nein, Liebe, denke dir ein Viergespann,
Je ein Pferd nach den vier Winden,
Und in der Mitte einen Mann,
Von dem im Nu fünf Stücke nur zu finden.
23Nimm Folter, Pestilenz und jede Noth
Nimm noch das Beste, nimm den Tod –
O könnt Ihr schwärmen, dichten, lieben?
Könnt Euch bemühn, kein Wasser nicht zu trüben?
Was ist schon Alles in der Welt gewesen!
Man kann es in dem Blick der Enkel lesen,
Was schon geklagt, geweint, gelitten worden:
Und unsrer Scherze Orden
Ist Staub vom Schmetterling, ein bunter Käfer,
Wir haben uns und thun wie blöde Schäfer!
Fluch diesem ungereimten Dichten,
Wie Gott zusammenstellt der Welt Geschichten!
Ich hasse Gottes Thron, dies Weltregieren,
Dies stumm-pagodenhafte Scepterführen,
Dies Schlichten, Richten, diese Sage
Von Wiegen, Wägen, Wucht und Wage.
Wann hab’ ich auf der Straße Ruh'?
Verfluchter Tand, wer deckt dich zu?
(Schläft ein.)

(Poppäa entringt sich seiner Umarmung, nimmt eine Ampel und leuchtet ihm ins Gesicht.)

Poppäa.

Graunhaftes Bild! Im Schlafe sieht
24 Er schrecklicher, als wenn am Tage
Dies Aug’ Hyänenblicke sprüht!
Und ich, Unglückliche, ich trage
In meinem Arm den Fluch der Welt!
Poppäa! Ist denn jeder Weg verstellt,
Das Thor verloren, Alles hin,
Daß ich vermählt mit einem Tiger bin?
Wie schwer er athmet! Zerspringen
Will ihm die Brust von ungeheuren Dingen,
Die schlangenhaft schon zittern
Unter des Auges verschlossenen Gittern.
Weh! an diesem fiebrisch zuckenden Munde,
An der Menschheit klaffenden Wunde,
An diesem Sammelplatz der Grausamkeit
Muß ich hängen, immer bereit,
Mein grollendes Herz zu zähmen
Und Blutiges für Scherz zu nehmen!
O wär’ er Mann! Wären diese Plagen
Doch wenigstens von Tapferkeit ihm zugetragen!
Was liebt das Weib am Mann? Nicht, daß er gut
Nein, daß er, was er thut, nur männlich thut.
Doch Nero stellt in seinem Wahn
Sich zu Allem wie ein Knabe an.
Hätt’ er als Mann ein bös Gewissen,
25 Gern ließ’ ich’s ruhn auf meinem Busenkissen.
Denn eine liebende Braut
Ist auch dem Frevel ihres Mannes angetraut.
Sie hört ihn doch, und in der Nacht
Wenn er gespenstisch aus dem Schlaf erwacht,
So kann sie seine Träume deuten.
Sie zeigt, wie er, sich vor den Leuten.
Und wenn sie da erschrickt, wo er erblaßt,
Wenn sie, wo er nicht bleibt, nicht bliebe,
So ist dies doch Vertraulichkeit und Liebe –
O arge Schmach! Poppäa, hast
Du dich verstrickt so tief?
War’s dies, was in des Mädchens Herzen schlief,
Daß eine Bosheit in Systemen
Dir lieber ist, als von der Bosheit nur ein Schemen?
Vom Augenblicke nehm’ ich meine Lehre,
Von dem, was ist, und was ich trage, meine Ehre.
Die Liebe macht uns anders so und so:
Beim Blonden in dem betrübt, worin beim Braunen froh.
Wie hätte Alles anders kommen können!
Mein Julius! Mein schwer verrathner Freund!
Mein Auge feuchtet sich nicht mehr; Poppäa weint
26 Nicht mehr – ich kann ihm nichts – selbst Thränen nicht mehr gönnen.
(Geräusch am Balkone.)
Horch! welcher Ton! Man rief mich? Nicht?

Stimme (von draußen).

Poppäa!

Poppäa.

Ist dies die Nacht, die zu mir spricht?

Stimme (von draußen).

O ahnest du, Poppäa, wessen Hauch
Die Säulen des Portales feucht beschlägt?
Vergaßest du der Liebe frühern Brauch,
Wie ein behender Sprung mich zu dir trägt?
Ich sehe deines Schleiers Segel ausgespannt,
Das landen muß an meiner Lippen Strand.
Nimm wahr, Poppäa, wen dir eine Sommernacht
Aus fernen Zonen hat zurückgebracht!

Julius Vindex tritt auf.

Poppäa.

Ihr ewigen Götter! Du – du, Julius?

Julius Vindex.

Nimm zum Willkommen diesen Kuß!
Nimm die Umarmung meiner Treue
27 Nimm Alles wieder hin auf’s Neue,
Mein Leben, meines Pulses Schläge!
Dein Auge werde wieder das Gehäge,
Das mich umstricke, und den armen Thoren
Das zu vergessen lehre, was er verloren!

Poppäa.

Wie bliebst du nur so lange fort?

Julius Vindex.

Das Meer ist arg, die Welt ein großer Ort.
Ich eilte nicht, die Segel einzureffen,
Ich ahnte so, mein Kind, dich anzutreffen,
Wie du verändert vor mir stehst!
Das Haar in üppige Locken aufgelöst,
Verführerisch, die Hüfte stark und rund,
Verlockend eingekerbt der Mund,
Man sieht an deiner Glieder glatten Wellen,
Wie sie dem Brautbett schon entgegenschwellen.

Poppäa.

Wie keck! Wie dreist, du lieber Junge!
Nie lagen soviel Wort’ auf deiner Zunge.

Julius Vindex.

Ach, über Trümmern, Schutt und Leichen
Konnt’ ich die Heimath nur erreichen:
Doch nun mir’s ward, dich wieder zu schauen,
28 Verzweifl’ ich nicht, meine Sachen aufzubauen;
Du gehst mit Liebe mir zur Hand?

Poppäa.

Gleich hab’ ich dich doch wieder erkannt,
Julius –

Julius Vindex.

Was ist? du stockst?

Poppäa.

Ich bin vermählt.

Julius Vindex.

Man hat’s auch mir erzählt.
Ich glaub’ es nicht; du willst mich prüfen.

Poppäa.

Ach, wenn, die du begrubst, so wenig schliefen,
Wie das gewiß ist, was ich sagte –

Julius Vindex.

Poppäa? Wie? So tagte
Nur trügerisch die Nacht, die mich umgab?
So gähnte überall in Rom das Grab?
Poppäa? Ach, so kalt!
Nicht einen Blick? Im Schmerz so ungestalt,
So ohne Reue? Wie? dies bleiche Lächeln,
Derweilen Todesgeister mich umfächeln?

29 Poppäa.

Mein lieber Freund, wir Weiber siegen
Doch immer nur durch Unterliegen.
Wohl wahr; du lehrtest mich das Band zu weben,
Woran die Liebe Löwen führt,
Doch als ich es vollendet, hat dich eben
Mein Auge nirgends wieder aufgespürt.

Julius Vindex.

So sind die Schwüre hin? O Gott,
Klingt deine Rede nicht wie Spott!

Poppäa.

Mein Guter, die Natur –
Gab sie dem Weib doch nur
Das Kleinste, einen kurzen Rausch,
Einen unbewußten Zärtlichkeitentausch,
Nichts, als ein Frühlingswehen,
Von der Ewigkeit einen Faden, kaum zu sehen,
Vom Sichvergessen einen leisen Hauch,
Indessen Philomel’ im Rosenstrauch
Ob einem Weib, das erst wohl mit dem Manne rang,
Von ihrem Lied fünf süße Strophen sang.

Julius Vindex.

Weh mir! Wie der Verführung Schlange
Aus deinen Mienen lacht!
30 Du gleichst der Dirne, die am Fange
Sich freut, den ihr gelockt die Nacht.
Dies sind Geberden, trunken, wie wenn kein Genuß
Dich mehr als ungenossen drücken muß!

Poppäa.

O schmähe nicht! Wenn du doch klüger wärst!
Glaube mir, daß Liebe erst
Dann glücklich macht, wenn sie in fremden Armen
Den Grad erprobt, zu welchem sie erwarmen,
An fremder Lipp’ erlernt den Kuß,
Wie er nach Regel gefügt seyn muß!
Ich kenne, Theurer, was der Liebe fehlt,
Wenn sie nicht weise Ort und Stunde wählt,
Wenn sie mit kindisch-ungeseztem Tappen
Nach noch unreifer Frucht will schnappen,
Wie sich da Nichts zusammenreimt
Und man das Beste stets versäumt.
Jezt kann ich lieben, jezt beglücken,
Jezt mit der Seele Vollentzücken
Von dir empfangen, was die schönste Gabe,
Und das gewähren, was ich selber habe.

Julius Vindex.

O sprich, in welchen Schulen
Lernt man die Kunst, so frech zu buhlen?
31 Sank deine Tugend, Unschuld, Liebe in den Staub?
Wo bist du hin, du reizendes Verzagen,
Als ich der Liebe ersten Raub
Von deinem Munde wagte abzujagen?

Poppäa.

O Theurer, den ich lieben werde
Jezt erst mit göttlicher Geberde!
Julius, reich’ mir die Hand!
Jezt weiß ich erst, wie man der Liebe Scherz,
In der Liebe ein gedankenloses Herz
An Aphroditens Muschelwagen spannt.
Einst war’s die Schönheit, die dich machte heiß;
Doch Schönheit ziehet nur den Zauberkreis,
Worin sich andre Künst’ entfalten müssen,
Will man den Zauber runden und genießen!

Julius Vindex (Nero erblickend).

Wie? Täuscht mein Aug’ mich nicht?
Der dorten auf den Polstern liegt,
Ist Nero – er schläft – mit enger Kehle:
Hier kam ich in des Tigers Höhle?
Poppäa –

Poppäa.

Himmel, er erwacht –
Fort, Julius, birg dich in die Nacht!
32 Mach meines Lebens Schiff nicht leck;
Er regt sich – rege dich hinweg –
Zu unserm Tode rückt der Weiser an –
O Julius, lieber, theurer Mann! –

Nero (auffahrend).

Was ist es, das mir Morpheus schickt?
Was steiget aus dem bunten Kelch des Mohns?
Bin ich erwacht? Nein, traumbeglückt
Bin ich ein Bild Endymions.
O, wem die Phantasie,
Doch ihre Farben lieh,
Der weiß, den Traum zum Tage aufzuraffen,
Und Träume aus der Wirklichkeit zu schaffen.

Julius Vindex.

Ich bin erstarrt. Sind das noch Worte,
Die passen für des Lebens Pforte?
Wach ist sein Augenlied
Er muß mich sehen,
Und glaubt doch, was geschieht,
Sey nur im Traum geschehen.

Nero.

Todt seyn, ist schlecht;
Doch schön, im Tode sich zu wissen.
33 Wer wünschte nicht, sich recht
Dereinst in Grabesfinsternissen
Zu fühlen, auszukosten und zu lesen,
Was es denn heißt, in Nichts verwesen,
Im Augenblick des Sterbens zu belauschen,
Wie am Bewußtseyn sanft
Die sterbenden Sinne vorüberrauschen,
Und unter des Grabes Ranft
Noch nachzufühlen ohne Sinne,
(Nur weil man der Sinne Gewöhnung inne)
Wie Alles ineinanderfließt: –
Von diesem Gefühl genießt
Mein Auge einen Schatten; denn ich träume,
Und fühle doch wie wachend diese Räume.
Leibhaftig seh’ ich zwei Gestalten,
Die doch im Traume nur als wahr zusammenhalten.

Poppäa.

Flieh! noch umgaukelt ihn ein Nebelgrauen!

Julius Vindex.

Ich bleibe; denn ich will durchhauen
Diese Nebel, die um seine Sinne liegen,
Will seine Täuschung dreist bekriegen.
Sieh her, Tyrannenmolch,
Heut’ kam ich unbewehrt, dafür
34 Schärft besser sich mein Rachedolch
Dereinst im Korn und im Visier.

Poppäa.

O Julius, daß ich dich und mich verliere!
Der Henker winkt schon an der Thüre.

Nero (sich aufrichtend).

Wie deutlich diese Schatten sprechen!
Was willst du, blasser Knabe, an mir rächen?
Bin ich denn selbst nicht Euer Eins
Und diene Euerm Reich des Scheins?
Ich leb’ in Euch: hier in den Erdrevieren
Lass’ ich mein thierisch Theil nur vegetiren.
Ich diene Euch: zu Eurer Macht
Hat es mein Thron noch nicht gebracht.

Julius Vindex.

Er redet irr; vergebene Mühe!
Ich zittr’ an meinen Gliedern,
Ich kann die Tollheit nicht erwidern.
Ich werde feig, ich fliehe! (Ab.)

(Nero kehrt in die schlafende Stellung zurück.)

Poppäa.

Er schweigt! O wenn er Worte hätte!
Was war das alles? Diese Stätte
35 Brennt unter mir; was soll ich thun?
Darf ich bei diesem Schweigen ruhn?
Er nahm das alles wie ein Bild,
Als hätte nur der Traum mit ihm gespielt;
Doch beim Komödianten sind die Züge
Von dem, was sie dir zeigen, nur die Lüge.
Er regt sich, richtet sich nach Mond und Wettern,
Ich seh’ ihn noch auf Dächern klettern.

Nero.

Komm, liebes Kind, ich will dir sagen,
Was mir scheint gräßlich zu ertragen.
Ein Narr, der Gottes Fluch
Mit unheimlicher Geberde trug,
Obschon er von seines Denkens falschen Sachen
Nie anders konnt’, als lachende Meldung machen,
Erwachte einst aus tiefem Schlaf.
Und siehe, die Finsterniß, die ihn traf,
Der Wahn, in den seine Sinne gebunden,
Sein ganzer Aberwitz war im Traume verschwunden.
Es träumt’ ihn, daß seine Augen
Die Dinge richtig zu sehen wieder taugen,
Es wickle sich in aller Stille
Von seinen Sinnen die täuschende Hülle,
Er könne wieder verständig und klar
36 Nachdenken, was wird, ist und war.
O wie jauchzte das erlöste Herz!
Wie leuchteten seine Blicke himmelwärts!
Er sank im Traume auf die Knie,
Und rief zu Gott inbrünstig: „Ach! verzieh
Denn endlich deine Huld mein Wesen?
Soll sich die Nebelbinde lösen?
Hast du eine zweite Geburt mir geschenkt?
In seine Fugen meinen Verstand wieder eingerenkt?
O Sonne, Luft, Licht, Leben,
Die Welt ist mir zum zweiten Mal gegeben!
Und wie ich Eins aus dem Andern habe geschlossen,
Da brechen nicht des Nachdenkens Sprossen,
Die ganze Leiter der Begriffe, das Erwägen
Geht stufenweis auf glatten Wegen.“
Er weint’ im Traum – da reißt der Wind
Eine Thür im Haus’ auf; doch so geschwind
Erwacht’ er nicht von seinem Glücke.
Erst mit der Sonne Morgenblicke
Weckt ihn der Wärter – er fährt empor;
Da tönt es wieder wirrsam an sein Ohr,
Der Wahn kömmt wieder angekrochen,
Des Geistes schwarzer Staar war nicht gestochen.
37 Er fabelt wieder in aberwitzigem Wesen:
Der Arme war im Traume nur genesen.

Tigellinus, der Mohr, an der Thür.

Tigellinus.

Just schlug es vier!
Ew. Majestät,
Der Wagen steht
Schon vor der Thür.

(Nero richtet sich auf und schleicht unheimlich hinaus.)

Poppäa.

Welch Blendwerk! Welches Gaukelspiel!
Vernunft und Wahnsinn, Traum und Wachen
Muß hier zu gleichem Ziel
Gleich weite überdachte Schritte machen!
Wenn in der Rede so die tollen,
Wahnwitzigen Räder rollen,
Und auch ein Wort, das, gutgestellt,
Dem Lauf’ erst in die Speichen fällt,
So wird es doch gleich, krumm gebogen,
In den Mänadenzug hineingezogen.
Und ich, nicht was ich bin, auch was ich war,
Muß wild, mit aufgelöstem Haar,
Mich an das kleine Bret anklammern,
38 Das uns gemeinsam, er wie ich so schlecht,
Von alter Noth zu neuen Jammern
Wie zwei Schiffbrüchige trägt!
Und nun kömmt der, den ich verrieth –
Mein Herz besinnt sich auf ein altes Lied;
Die liebe Schüchternheit der Jugend,
Verschämtheit, Witz und Tugend,
Das ganze Spiel der ersten Liebe
Sucht, wo ihm noch ein Plätzchen in mir bliebe.
Er darf nicht fliehn, darf dieses Herz nicht hassen,
Ich lock’ ihn in die dunkeln Gassen
Des Kaiserlichen Parks, wenn morgen,
Als Weib gekleidet, vor aller Welt
Sich Nero auf die Bühne stellt.
Begonnen hat das Spiel, das tolle:
Ich übernehme hier des Mannes Rolle.

39 III.#

Im Walde.

Der alte Scevin, ein Verschworner, tritt auf.

Scevin. Endlich hab’ ich die Stadt hinter mir, und bin vor der Neugier und Ueberschätzung meines Werthes sicher. Alle Welt sieht mich an, wie ein Wunder, seitdem ich einen Schwur gethan habe, den doch keine zwölf Menschen mit anhörten. Pflanzt sich denn so Etwas durch die Luft fort? Wie bin ich mit einem Male dazu gekommen, so etwas Außerordentliches zu werden; ein Kassenvorsteher etwa, der kein Wachs an den Fingern hat; oder eine Null, die, wenn man sie mit sich selbst multiplizirt, immer eine gerade Zahl gibt? Ich komme um bei den Vorbereitungen zu einem großen Ereigniß, das ich Unglücklicher zu befördern geschworen habe. Das Unglück sind eben die, welche sich meine Freunde nennen. Das grüßt auf der Straße so verdächtig, und blinkt mit den Augen, und macht allerhand Fingerverrenkungen, um sich verständlich zu 40 machen. Diese Menschen haben die Keuschheit ihres Namens schon alle an den Mann gebracht; das hat sich überall die Finger verbrannt, und darf sich abseits in keinen Winkel stellen, ohne schon beobachtet zu werden, was es da an der Mauer zu machen hat. Gott, ich achte diese Menschen im Dunkeln, und würde mich immer zu Piso’s Sache bekennen, wenn das Licht gerade ausgegangen ist; aber auf der Straße immer angelächelt und bewillkommt zu werden, mit verdächtigen Mienen; dazu gehört eine andre Natur, als die meinige. Horch! ich glaube, es kömmt schon wieder Jemand.

Sein Sklav Milichus tritt auf.

Milichus. Einen Gruß von Herrn Piso. Dieser Brief ist an Euch.

Scevin (erbricht ihn).

Gewürfelt wurde gestern um
Das Glück, den Kaiser zu ermorden:
Dich traf das Loos, den ersten Stoß –

Ein schönes Glück. Ein Glück, das mich sehr unglücklich macht! Das hat man davon, wenn man sich in Dinge einläßt, die einem nachher über den Kopf 41 und das Gewissen wachsen. Verfluchte Thorheit, die Entscheidung wichtiger Dinge an seinen Rockknöpfen abzuzählen! Was hab’ ich mit Revolutionen zu thun? Bin ich auf die Welt gekommen, um andre Leute aus ihr herauszubringen? Ach, wär’ ich doch im Schooß meiner Mutter geblieben und hätte die Hoffnung meines Vaters betrogen! Milichus! Kerl, lauf nicht immer wie ein Windspiel um mich herum! Halte dich in der Nähe, denn die ganze römische Geschichte drängt jezt auf mich ein, du Lump! du Lügenbote! Dieser Brief ist ein untergeschobener Wechselbalg.

Milichus. Wahrhaftig nicht! Obschon meine Mutter eine Hebamme gewesen ist, so sollten doch die Federn erst noch geschnitten werden, mit welchen ich schreiben könnte. Zwar geschieht in meinem Vaterland, in Deutschland, viel für den Volksunterricht; aber noch ist man bei mir zu Hause nicht weit gekommen in der Kunst, seine Gedanken richtig und klar auszudrücken. Nämlich ich bin aus Rostock im Mecklenburgischen.

Scevin. Einen elenderen Fechter kann es wahrlich nicht geben, als ich einer bin. Ich hab’ auch gar nicht die Behendigkeit, die dazu gehört, Jemanden mit guter 42 Berechnung einen Stoß beizubringen. Der erste Stoß! Nun, wenn ich zögre, kommt mir doch vielleicht Einer zuvor. Für den zweiten Stoß sag’ ich gut, falls ich nicht gerade meinen rheumatischen Zufall im Arm habe. Arg bleibt es. Komm, du Bärenhäuter, und bleib in der Nähe! (Ab.)

Milichus. Anspielungen auf mein Vaterland! Es geht hier nicht mit rechten Dingen zu; Alles drehen sie um. Auch meinen ehrlichen deutschen Namen. Ich heiße doch Michel, und wie man zwei Beine übereinanderschlägt, so thun sie’s hier mit zwei Buchstaben und nennen mich Milichus. Ein kurioses Volk, das römische! Gestern rief mir Einer nach: „Heda, Michaelis germanice!“ Merkst du was? Ich bin nicht dumm: ich weiß wohl, daß er damit etwas hat ausdrücken wollen. Ich komme auch gewiß noch dahinter. (Ab.)

Ein Einsiedler sitzt vor einer Hütte und schreibt auf einer Tafel.

Einsiedler.

Der sichre, dreiste Griffel! Waltet er
Nicht wie ein Priester stolz und hehr
43 In all den Schrecken, die er niederschreibt?
Und ohne Zagen treibt
Er Nebel, Dräun, und die Gefahr
Vor sich einher, erschrickt nicht, recht ein Aar,
Der dreist der Sonn’ in’s Auge sieht!
So mild und still erklingt der Zeiten Lied,
Die Ströme Bluts sind hell
Gewaschen von der Rede frischem Quell.
Ihr sanfter Spiegel glättet Alles aus,
Und bringt selbst aus den schwärzesten Verbrechen,
Aus Thaten, von Erinnyen kaum zu rächen,
Noch immer einen linden Trost heraus.
Und ist die Zeit, von der er lebt,
Wo er in Erz die römische Geschichte gräbt,
So glücklich, daß ein Lächeln
Noch über Leichen darf hinfächeln? –
Die Hand ist lahm, und wie der Griffel ruht,
Durchschauert’s dieses alte Blut,
Obschon es matter wird und trüber,
Doch immer noch mit neuem Fieber. –
Nein, unsre Zeit – das ist ein Uebermaaß,
Ein Spott des Himmels, der uns ganz vergaß.
Die Tugend hin, die Ehre, Ruhm,
Des Glaubens altes Heiligthum,
44 Nichts ist mehr übrig, selbst kein Gott;
Die Schande ist der sicherste Pilot,
Der dich aus jedem Sturm in’s Trockne bringt,
Derweilen Ehr’ in ihrem kleinen Schiff,
Schon leck an allen Seiten, sinkt
Und scheitern muß an einem Felsenriff.
Wenn Tugend sich ihr kleines Bündel schnürt;
Und sucht, daß sie die stille Straße nicht verliert,
Tritt ein unheimlicher Gesell sie an,
Recht in der schwarzen
Livree der Parzen,
In rothem Hut, des Tod’s Agraffe dran,
Und lagert sich mit ihm im Schatten
Und würgt im Schlaf den Wegesmatten,
Ach, nur zum Tode ist jezt reif, zum Leben nicht,
Wer würdig zehrt von seines Lebens Licht.

Julius Vindex tritt auf.

Julius Vindex.

Ich suche Nacht, wo Schaam sich bergen darf,
Wenn mir da an den Fersen scharf
Mein Schatte schleicht, der mich umheuchelt,
Sich niederbückt, dem Kothe schmeichelt,
45 Um meine Trägheit springt, als wären
Seine Conturen nicht der Widerschein des Leeren.

Einsiedler.

Das sagst du recht: vom Nichts der Widerschein
Kann nie des Nichts Rechtfertigung seyn.
Was trägst du denn so Schweres, Knabe?

Julius Vindex.

Ich bin ein Gaul, der nie zu rechtem Trabe
Kann kommen, dem das Leben
Die Zügel so verhängt gegeben,
Daß er an jedem grünen Rasen hält,
Vor jede offne Thür sich stellt,
Den Kopf hineinsteckt, dumm, gedankenlos.
Und was verlor ich? Der Eltern Schooß,
Freundschaft, Liebe, und da Alles mich belogen,
Bin ich nun um mich selber noch betrogen.

Einsiedler.

Du hast ein blitzend Aug’; ermanne dich!

Julius Vindex.

Warum ermanne dich! warum nicht: ermensche dich!
Ihr alten Grillenfänger sprecht
Nur immer von Entschluß und von des Muthes Recht!
Weil Ihr zu alt, verlangt Ihr von der Jugend schön,
Sie solle blind in alle Fallen gehn.
46 Und was zulezt auch Muth?
Wahrhaftig wie die Feigheit thut,
Das weiß ich nicht; nur daran muß ich leiden,
Ob diese Welt sich so gestaltet,
Daß man, was sie uns bietet, meiden
Und fliehn muß, wo ihr Wesen waltet.

Einsiedler.

Du hast dem Leben immer recht gelohnt,
Wenn du dem Rechte folgst, das in dir wohnt.

Julius Vindex.

Das in mir wohnt? O thöricht Glauben!
Kann man denn nicht aus unserm Innern rauben
Erst Alles, Alles, was sich denken läßt,
Und immer bleibt zurück ein Rest,
Der gerade noch zum Athemholen taugt?
Warum ist die Geschichte da? Was haucht
Der eine Tag dem andern an?
Darf man nun nichts heran
An sich so nehmen, wie es eben ist,
Sich schickend in der Zeiten Frist?

Einsiedler.

Die wahre Weltgeschichte wohnt
Nicht im Genie und im Talente nicht,
In nichts, was der Erfolg belohnt.
47 Sie ist nur kurz, ein klein Gedicht,
So kurz wie des Gerechten Traum,
Beschränkt auf eines Menschenalters Raum.
Was draußen sich begibt,
Das ist die Weltgeschichte, die getrübt
Wird von den Nebendingen
Und Alles dehnt zu großen, aber leeren Ringen;
Zu einer Zeit, an Jahren unzählbar,
Was nur in Gott ein kleines Athmen war.

Julius Vindex.

Fluch diesem Glauben! Nein, nicht Abfall ist,
Nicht breiter, abendlicher Riesenschatte,
Was einst schon seine Währung hatte.
Und was ihr Menschen von der Zukunft wißt,
Ist kein unwesentliches Schaalen-Nebenbei
Vom großen, brütenden Welten-Ey,
Nicht von dem Erz die Schlacken-Hülle,
Gleichsam des unsichtbaren Pochhammers Gerülle.
Wir schaffen etwas; der Zukunft Schweigen
Wird sich nicht füllen mit Erinnerung;
Nicht das Alte wird wieder jung;
Das Junge muß zum ersten Mal sich zeigen.

Einsiedler.

Wer so von schlechten Zeiten schwärmt,
Was fände der wohl, das ihn härmt?

48 Julius Vindex.

Du alter Graubart; leicht spottet und neckt,
Wer sich auf seine Trägheit streckt.
Sieh diese wüste Welt, dies Lärmen, Toben,
Dies ganz verkehrte Unten-Oben –
Kann Alles so aus Uebermuth
Sich überziehn mit bestem Blut?
Wie Kinder sich dem Leben
Durch Schmerz erst übergeben,
Wie sie die ersten Zähne sich
Ausschreien; also wähn’ ich
Sey auch der Völker Loos,
Das erst aus schwerem Unglücksschooß
Zu einem Ziele reifen kann.
Es kündigt sich das Gute an
Durch Böses, das noch böser oft
Als das, was man zu tilgen hofft.

Einsiedler.

Mein Kind, ich sehe dich haschen
Nach bunten Wolkentaschen,
Wenn du, was kommen soll,
So in den Himmel malst.
Bist du von alten Zeiten voll,
So bist du sicher, daß du auch der Zukunft strahlst.
49 Liebe nur zuerst die Tugend,
Du allzurasche, dich selbst vergötternde Jugend;
Halte dich in Sitten und Manieren rein,
Sey deines Ideales Widerschein.
Nimm Rath an, und werde dem Alter
Nur ein rüstigerer Verwalter;
Vor Allem fasse, was du bist, zusammen,
Und schüre deines jungen Feuers Flammen,
Stirb, wenn denn kein andrer Rath –
Es lebt nur Eins – die That.

Julius Vindex.

Nein, Alter, das ist den Jugendschiffen
Kein Leuchtthurm! Mit solchen allgemeinen Begriffen
Hat man auch mir die Seele ausgewaschen.
Will man darnach haschen,
So greift man nichts, als höchstens einen Strick
Für unsern Hals – wahrhaftig doch kein Glück!
Betracht’ ich, daß deiner Lehre die Welt
Das Umgekehrte nur immer entgegenstellt,
So fühl’ ich wohl, daß selbst Moral,
Vernunft, und Sitte, Religion
Gekommen sind zu ihrem Fall.
Können umsonst denn solchen Hohn,
Die Dinge sprechen alle dem,
50 Was früher recht war und andem?
Die Tugend! darauf ist nun Alles gezielt!
Und was ist eine Tugend, welche schielt?
Ihr wollt nur immer Mannheit und Entschlossenseyn,
Parthei, gespreiztes Wesen, frühe Reife,
Ihr haßt am Hut die jugendliche Schleife,
Und dringt, sich jung den Männern anzureihn.
Kunst, und in der Kunst die Form, und in den Formen Scherz –
Die rühren nirgend Euer stoisch Herz;
Charakter wollt Ihr, wo genießen
Noch will der Jugend heiteres Zerfließen.
Ihr lauert, kauert und habt stets rund
Und kurz den Tod im Mund,
Der wahrlich doch zu Niemand spricht,
Bis er im Mund der Götter liegt!

Einsiedler.

Ich kenne dies verschlagene Bemühn.
Ihr möchtet der Partheiung Euch entziehn:
Ihr hättet gern auf Eure eigne Faust
Die Zeit, daß sie nach Eurem Winde saust.
Ihr haßt die Tyrannei! doch ihre Frivolität,
Die ist’s, die Euch zu Sinne steht.
So tauchen viel’ auf, die, wo wir was weggeschafft,
51 Uns schelten als philisterhaft,
Die, statt das Schlechte gänzlich zu zerstören,
Jezt meinen, aus dem Schlechten könne Gutes sich gebären.
Geht Ihr nur hin; es wird zu diesen Stunden
Für den Einen wie den Andern schon der Hanf gewunden.

Julius Vindex.

O schwere, schwere Zeit!
O Räthselzeit, o Prometheus,
Bald stirbst du ohne Herz und Leber,
An deiner innern Zweifel Brande!
Die Welt wird zu Aegyptens Sande
Zum Land der Räthsel und der Gräber.
Verzeih mir Alter, wenn ich irgendwo,
Mein Wort gestellt so oder so.
Und wenn ich auch an Allem schier erlahme,
Eins hält aus – Gedächtniß – Wie ist dein Name?

Einsiedler.

Wenn hier ein Name genannt seyn muß,
Ich bin Cornelius Tacitus. (Ab.)

Julius Vindex (allein).

Wie? der greise Seher, der die Zeit
Sich spiegeln ließ in der Vergangenheit,
Der uns gelehrt, wie die Cäsaren
52 Der röm’schen Freiheit Mörder waren?
Er, Tacitus, der seine Hand
Ausstreckte zum Gericht, wie Rhadamanth?
Wie liebt’ ich, was er schrieb! die weisen Sprüche,
Der Tyrannei versteckte Schliche,
Die er an alle Welt verrieth!
Sein immer gleiches Zauberlied
Klingt wieder hell durch meine Seele.
Kann noch das Ziel entfernt seyn, das ich wähle?
Kann ich noch zittern, ob zu sterben
Nicht heiße, was man ist, nein, was man könnte seyn, verderben?
Nein, Julius, der Werth, den du erreiche
Sey nur ein möglich großer Raum für deine Leiche.
Greif mächtig in die irren
Gespenstergrillen ein, die deine Brust durchwirren!
Und suche dies als Höchstes anzuschlagen,
Ein Kind, und doch dem Mann schon gutzusagen!
Hinweg, was mich zu locken kam herbei,
Des Kaisers aberwitzige Gaukelei!
Hinweg, Poppäa! ach! noch so geliebt,
Daß, was sie zur Entschuldigung sich gesagt,
In mir ein falsches Feu’r hat angefacht!
Durch Trübes ward ich so getrübt,
53 Daß ich auch einmal umgekehrt
Betrachten wollte der Dinge Werth.
Doch nun hinweg, was Fantasie, was Kunst,
Uns zu berücken, geil erfindet!
Die Seele wird dabei verhunzt,
Und jede ächte Mannheit schwindet.
Der Einzelne ist Nichts; durch Geisteskraft
Wird diese böse Zeit nicht aufgerafft.
Wir müssen uns zusammenschaaren;
Was Einem nicht gelingt, glückt ganzen Paaren.
Seyd nun gezückt, ihr Todes-Speere,
Bloß ist mein Herz, doch nicht von Ehre! (Ab.)

Scevin und Milichus treten wieder auf.

Scevin. Wer steht denn da, ordentlich wie ein Mensch? He da!

Milichus. Gott, ich bin es ja –

Scevin (einen Dolch betrachtend). Das hast du gut gemacht, Bursche. Mit diesem Dolche gehe ich der Zukunft schon sicherer entgegen, weil er vom Altar der Göttin Sicherheit gestohlen 54 ist. Er soll mir in dem Strome von Begebenheiten, in den ich schlechter Schwimmer mich werfe, als Schwimmblase dienen. Milichus, gib her! wo hast du den Sicherheits-Dolch?

Milichus. Mein Gott! Ihr habt ihn ja in der Hand.

Scevin. Ja so! ich wollte auch eigentlich nur, daß du ihn nehmen solltest. Und dann das verrätherische Wort Dolch! O gewöhne dir das gänzlich ab, Mensch; bilde dir immer ein, das Ding habe statt Einer Spitze zwei und nenne es meinetwegen lieber eine Gabel!

Milichus. Mit dieser Gabel scheinen Sie auf sehr vertrautem Fuß zu stehen.

Scevin. Lauerst du? bekümmerst du dich um Dinge, die dich nichts angehen, Schlingel? Sieh mich nicht immer so an, als hätt’ ich was! Aber, was ich gleich sagen wollte, verstehst du wohl Charpie zu zupfen? Suche, was du nur auftreiben kannst an alten Hemden, Halsbinden und leinenem Zeuge, bei mir, bei der Nachbarschaft, auf dem Trödel. Glotz nicht!

55 Milichus. Herrgott! Sie thun ja, als sollte einer ganzen Armee zur Ader gelassen werden.

Scevin. Sage, komm doch einmal her! Was ist denn das, was da immer so auf und nieder geht?

Milichus. Wo denn? Ich sehe gar nichts.

Scevin. Es war mir doch so. Nun, Charpie. Richtig, die haben wir; nun aber Schwamm. Kurz, alles Mögliche mußt du auftreiben, was zum Verbande bei Wunden, plötzlichen Blutstillungen und andern unvorhergesehenen Zufällen zweckdienlich ist. Wo hast du das unglückselige Ding, das nicht nur einem Dolche ähnlich sieht, sondern sogar einer ist. Mache dir ein Geschäft, ihn von Morgen an alle Tage zu schleifen, so daß er zuletzt unsichtbar spitz wird. Ein Mensch, der ihn nur ansieht, muß davon schon ein Loch im Gesicht bekommen, zwei Zoll tief. Man muß sagen können, Jeder, der vorsätzlich damit verwundet wird, sey aus Versehen hineingelaufen. Hörst du, Milichus? Jetzt komme mir nach, aber schleiche nicht! (Ab.)

56 Milichus. Dahinter muß etwas stecken. Hier sind verbotene Wege, hier sind Dinge im Werke, die, wenn sie offenbar wären, manchem in’s Gesicht schlügen. Der Dolch, das Blutbad, der Schwamm – das sind verdächtige Gegenstände. Ehrlicher deutscher Michel, was wirst du hier thun? Du wirst diese Sachen weiter gar nicht überlegen, sondern morgen in aller Frühe hingehen, und der Obrigkeit davon Anzeige machen. (Ab.)

57 IV.#

Akademie.

Die Säulengänge sind mit jungen Leuten bevölkert, welche theils lustwandeln, theils sich zu einzelnen Gruppen vereinigt haben, um die Vorträge der Lehrer anzuhören. Zwei Thürsteher unterhalten sich im Vorgrunde.

Erster Thürsteher. Die Philosophie hat sich diesmal einer herrlichen Jahreszeit zu erfreuen. Was das für ein Himmel und für eine milde Luft ist! Aber sage mir nur, was du dort in der Hand trägst?

Zweiter. Das ist ein Segeltuch, welches mir Empedokles anvertraut hat. Sollte es regnen, was ich nicht glaube, so muß ich es zwischen die beiden Säulen da heften, damit die Einwürfe des Regens und des Windes seinen Behauptungen über das höchste Gut nicht schaden. Denn, sagte er, die Ideen können Alles ertragen, nur nichts Feuchtes: ehe man die Hand umdreht, haben sie den Schnupfen weg und 58 verkälten sich. Doch, da ich gerade Zeit habe, wie gefällt dir denn diese neue Lebensart?

Erster. Ei nun, du wirst dich erinnern, daß ich mich früher damit abgab, Schuhe zu verfertigen. Als die stoische Philosophie neulich von den Epikuräern in die Flucht geschlagen wurde, lief sich jene so sehr die Hacken ab, daß sie sich am liebsten an einen Mann wandte, der sich gleichsam darauf verstand, sie ihr wieder anzusetzen. Nebenbei putze ich dem Stoicismus die Stiefeln, klopfe seine Kleider aus und besorg’ ihm allerhand kleine Aufträge, welche gewissenhaft ausgeführt seyn wollen.

Zweiter. Du kannst von Glück sagen, denn du bist besser daran, als ich. Was läßt sich beim Cynismus, bei einer Philosophie der Hunde, verdienen? Meine Frau hülfe mir z. B. gern in meinem Verdienste; aber leider verschmäht es dieses System, sich seine Hemden waschen zu lassen. Ich war Bader, ich kann vortrefflich rasieren, Nägel beschneiden, bei Bädern zur Hand seyn, ich besitze chirurgische Kenntnisse; aber was soll ich davon in Anwendung bringen? Glücklicherweise geht die cynische Philosophie baarfuß, also komm’ ich 59 doch wenigstens einige Male im Jahre dazu, ihr die Hühneraugen auszunehmen. Es sind schlechte Zeiten.

Erster. Sieh, sieh! da kommt der Aufwärter der Epikuräer. Ein lüderlicher Mensch, immer betrunken! Wie ihm die Augen vor Uebermuth aus dem Kopfe quellen!

Dritter Thürsteher. Guten Morgen! Seyd ihr Beide noch immer in der Welt? Ihr werdet täglich schmaler! Ich schwöre Euch, in Kurzem hat Euch mein System, das System, dem ich diene, das epikuräische System, in den Sack gesteckt! Wo will das auch mit Euch hinaus? Ihr putzt Stiefeln? aber nach welchem System? Von welchen Voraussetzungen geht ihr aus, wenn ihr einen Rock bürstet? Ihr könnt nach Prinzipien nicht ein Glas Wasser holen. Ein paar entlehnte Sätze, einige Kategorien, die sich von selbst verstehen, einige aneinander gereihte willkührliche Behauptungen, eine Bürste, die Federn läßt, Glanzwichse, welche die Stiefeln verdirbt, träge Handgriffe, nichts Studirtes, da habt Ihr's, das ist Euer System. Aber sagt mir nur, wie hoch es an der Zeit ist.

Erster. Um die neunte Stunde.

60 Zweiter. Dein System wirft wohl viel ab?

Dritter. Freilich wirft es ab: alte Kleider, Blumenkränze, die man noch immer an eine Braut verkaufen kann, Salben, die von Badhaltern eifrig gesucht werden, Leckerbissen, die meine Nahrung sind, und schöne Weiber, die man aus Epikurs Gärten des Morgens nach Hause führen muß. Was sagt Ihr dazu?

Erster. Nun, du bist nicht verheirathet; aber Jemand, der Frau und Kinder hat und schon über die Jahre hinaus ist, der befindet sich bei dem Stoicismus recht wohl; das kannst du glauben, recht wohl.

Dritter. Jezt fällt mir ein, daß ich Euch eine Neuigkeit mittheilen wollte, wenn Ihr nur inzwischen nicht vergeßt, daß ich eigentlich eine Pastete holen soll, und mich daran hernach erinnern wollt. Die Herren wollen drüben den Kegelschnitt daran studiren. Nun ja, da soll sich ja jezt eine ganz neue, verfluchte Sekte aufgethan haben, die den Menschen für – für – kurz, das Ding ist zum Henker holen. Diese Sekte nämlich, diese Neuerung, diese Ketzerei behauptet, der 61 Mensch müsse sich Alles selbst machen; denn man werde nicht eher glücklich, ehe man die Befriedigung aller seiner Bedürfnisse nicht selbst übernimmt. Diese Menschen sagen, man müsse nicht bloß nach dem höchsten Gute streben, sondern auch darauf sehen, daß es Einem so wohlfeil als möglich zu stehen kommt. Sie sagen, die Menschen fingen erst dann an, ihre eigenen Herren zu werden, wenn sie ihre eigenen Diener würden. Jedermann müsse dessen Dienstbote seyn, dessen Herr er ist; so wie sie denn zulezt die Behauptung aufstellen: Jeder Kunde sey sein eigener Schuster! und diese dann umdrehen und schließen: von nun an müsse auch jeder Schuster sein eigener Kunde werden!

Erster. Aber, mein Gott, dann würde es ja gar keinen Absatz mehr geben.

Zweiter. Ich habe immer gehofft, der Cynismus werde noch seinen Haß gegen die Seife einmal ablegen; aber diese neue Sekte wäre ja im Stande, sich selbst auf die Waschbank zu stellen.

Dritter. Wie ich Euch sage, es ist hier von einer gefährlichen Sekte die Rede, die Euch aus dem Brode, mich 62 aber aus dem Kuchen bringen kann. Allein ich versichre Euch, von heut’ Abend geh’ ich nicht anders als mit einem Stocke aus. Wenn die Disputationen nichts ausrichten, so such’ ich es zu veranstalten, daß es zum Handgemeng kommt. Aber jezt habe ich in der Desperation vergessen, was ich gleich holen sollte?

Erster. Ich glaube Kegel, um eine Pastete auszuschieben.

Dritter. Du bist ein Strohkopf! Eine Pastete soll ich holen, damit die jungen Herren die Theorie der Kegelschnitte daran verdauen. Jezt lebt wohl. (Ab.)

Zweiter. Die neue Sekte geht mir im Kopf herum; aber ich glaube, der Schuft hat uns etwas weiß gemacht. Sieh' nur, Empedokles, der mich da ruft, scheint noch der besten Dinge zu seyn. (Ab.)

Erster. Der Stoicismus hält sich, denn er hat gar zu vornehme Verwandte. Aber ich glaube, Zeno winkte mir. Ein Glas Wasser? Sogleich bedient werden! (Ab.)

63 Erster Lehrer mit seinen Schülern.

Lehrer. Meine Herren, ich läugne nicht, daß ich von einem sehr materiellen Grundsatze ausgehe; aber in der Folge werden Sie sehen, wie erhabene Resultate sich aus ihm ergeben. Woher kommt es, daß gegenwärtig so viel falsche und ungereimte Gedanken sich in die Herrschaft der Welt theilen? Das kommt von unsern schlechten Zähnen. Mit dem ersten hohlen Zahn wurde der erste hohle Gedanke geboren. Denn unsere vernachlässigten, unregelmäßig gereinigten, mit Weinstein besezten hohlen Kauwerkzeuge verhinderten die Generation, die Speisen bis zu jener dünnen, flüssigen Masse zu zermalmen, welche, mit hinreichendem Speichel zersezt, dem Magen allein willkommen ist. Vielmehr bleibt dem Magen in unserm Jahrhundert ein zu großer Antheil an dem Verdauungsgeschäft überlassen. Der Körper, der angewiesen ist, seine Frische aus dem Magen zu holen, siecht, und der Geist, der sich in einem kranken Gehäuse nicht wohl befindet, schrumpft zusammen. Das ist eine ganz natürliche Stufenleiter von den Zähnen bis zu den Gedanken.

64 Ein Schüler. Sie meinen also, daß eine Zahnbürste die beste Einleitung und Propädeutik für das Studium der Philosophie ist?

Lehrer. Allerdings. Hatte die alte Philosophie nur Haare auf den Zähnen, so ist es unsere Aufgabe, Borsten daraus zu machen. Befolgen Sie meinen Rath, und Ihre Gedanken werden an Neuheit, Ihre Combinationen an Ueberraschung gewinnen. Dies ist also mein Fundamentalsatz, den ich nun weiter ausführe. (Geht vorüber.)

Zweiter Lehrer mit seinen Schülern.

Lehrer. Ehe ich heute meinen Vortrag beginne, meine Herren, habe ich nur die eine Bitte an Sie, sich nicht umzusehen nach dem elenden Menschen, der hinter uns hergeht und die Welt aus Nichts construirt. Halten Sie den Kreis, der meinen Rücken beschützt, dicht geschlossen; denn jenes Menschen Bosheit kennen Sie nicht. Ja, ich habe zuweilen ein Loch im Stiefel; ja ich begleite meine Lehrsätze immer mit einer dummen Bewegung der linken Schulter, gegen die ich vergebens Bäder gebrauche; allein seitdem er diese 65 kleinen Gebrechen in Erfahrung gebracht hat, glaubt er mich widerlegen zu können. Das ganze scharfsinnige Gebäude meines Systems, die Logik in meinen Schlußfolgen, die Bündigkeit meiner Assertionen wiegt für seine Schüler nichts, seitdem er ihnen gesagt hat, daß ich zuweilen ein Loch im Stiefel habe. So sind die Menschen. Wenn sie von Jemand wissen, daß er eine Perrücke trägt, so ist es ihnen ausgemacht, daß ein Buch, welches er geschrieben hat, lächerlich seyn muß, so wie sie das, was sie Ihnen nicht zu sagen wagen, so lange Sie einen guten Rock anhaben, dann gewiß nicht verschweigen werden, wenn Ihnen eine Naht daran aufgegangen ist. O, ich danke Ihnen, meine Herren, Sie nehmen mich ja recht in Ihre Mitte. Nun können wir anfangen. Wo standen wir?

Erster Schüler. Beim Ding an sich.

Lehrer. Da haben wir’s: der elende Mensch sitzt wie eine Klette an mir, ich kann den Mund nicht aufthun, ohne ihn hineinzubekommen; er ist wie Pech, das nicht losläßt. Nun ja, das Ding an sich; was behauptete er darüber?

66 Zweiter Schüler. Daß sich die Philosophie nicht mit Dingen, sondern mit Begriffen beschäftigt.

Lehrer. Es ist zum Todtlachen. O, da muß ich Ihnen doch gleich wieder etwas mittheilen, was er jüngst gegen mich gespieen haben soll. Aber ich muß Sie bitten, doch enger zusammenzutreten; denn ich weiß, daß er in diesem Augenblick von mir spricht, und mich freilich in die Flucht schlägt, wenn er dabei auf die Hacken meiner Strümpfe zeigen kann. Kommen Sie, ich kann seinen Geruch nicht ertragen. (Geht vorüber.)

Dritter Lehrer mit seinen Schülern.

Lehrer. Nichts, wie gesagt, Nichts, meine Herren, also Nichts ist Alles. Jeder, meine Herren, ist also Keiner. Denn gesezt also, zum Exempel, es klopfte, gesezt also, es klopfte Jemand, Jemand also an meine Thür, an meine Thür also: wie? nun wie? was würd’ ich sagen? also sagen? Wie gesagt, ich würde fragen: wer da? Also wer da? Nun aber, wie gesagt, würde draußen geantwortet, also geantwortet: 67 Ich! Ja, Ich! Was bin Ich? dumm! Ich ist Jeder! also Jeder: Jeder also, also Jeder ist so viel wie Keiner. Nun aber, also, nun ist doch ohne Zweifel, also ohne Zweifel ist doch Jemand da. Sie sehen also, meine Herren, wie gesagt, das Seyn ist so gut als Nichts. Denn ich, ich, der ich frage, bin denkend freilich, aber die Person draußen, also draußen ist Nichts; denn wie gesagt, sie sagt: Ich! Ich kann aber also Jeder seyn. Nun sehen Sie, wer also pocht, ja pocht auf seine blose Existenz, seine natürliche Existenz also, ist nichts; denn wie gesagt, das abstrakte Seyn ist Nichts.

Erster Schüler. Auch das Meinen ist nichts, also wie gesagt, das Meinen –

Lehrer. Ja, wer denkt, meine Herren, der ist also: aber Meinen, also Meinen kommt, wird hergeleitet, hergeleitet, derivirt also von Mein; aber das Partikuläre, wie gesagt, das Personelle entscheidet nicht, also Mein, Mein also ist Nichts.

Zweiter Schüler. Das Organ des Denkens nun, wie gesagt, ist der Geist, das heißt also, nichts, was ich besitze, so 68 daß es also, also etwas Partikuläres sey, sondern der Geist, also der Geist kommt, wird hergeleitet, hergeleitet, derivirt also von Seyn, Geist ist das Ge-Ist. Also –

Lehrer. Also das wahre Seyn; so daß also zulezt das Seyn doch wieder Etwas ist. Ist? Etwas? Wieder? Doch? O, meine Herren, die Sprache also, ist also das größte Hinderniß der Philosophie; denn man stößt an, wie gesagt, bei jedem Worte an. Die Wissenschaft braucht aber jedes Wort also, also jedes Wort in einem andern Sinne, also als dem gewöhnlichen also, drum, meine Herren, drum ist die wahre Philosophie also eine stumme, obschon, wie gesagt, dies Schweigen, dies Schweigen also leicht in Mysticismus übergeht; die wahre philosophische Sprache also ist die Sprache, wie gesagt, die Sprache Gottes. (Geht vorüber.)

Vierter Lehrer mit seinen Schülern.

Lehrer. Mögen Andere zu wissen glauben; wir, meine Freunde, wollen unsern Stolz darin finden, daß wir 69 zu glauben wissen. Das Glauben wird in einigen Fällen eine Wissenschaft, in den meisten aber eine Kunst seyn. Die Quelle der Wissenschaft ist die Vernunft, die der Kunst aber das Bedürfniß. Das Bedürfniß wird entweder befriedigt und gibt uns Trost, oder es bleibt unbefriedigt und erhebt unsere Ahnung; mit einem Worte, Sie sehen, daß sich auch der Glaube in ein System bringen läßt.

Erster Schüler. Und was sollen wir glauben?

Lehrer. Zuerst die heilige Tradition, und sodann das, was ich darüber sage. An den wundervollen Erzählungen, mit welchen die Götter unsere Dogmatik bereichern wollten, an Jupiter, Leda, Danae deuteln Sie nicht! Die Götter wußten es, daß die Menschen einmal das Bedürfniß empfinden würden, an solche Capriolen zu glauben, wie sie dessentwegen von ihnen gemacht worden sind. Es gibt eine Philosophie (da geht sie mit ihrem Anhange vor mir), welche das Wissen früher sezt, als das Gewußte, und somit die Gottheit nur anerkennt, insofern sie von den Menschen gewußt wird. Wir sagen vom Glauben dasselbe. Die Erfindung der Religion war von 70 Seiten der Götter eine getroffene Berechnung der Zukunft. Es kann sich ereignen, daß ihr Umfang oft zu gering ist; denn ein glaubensdurstiges Gemüth findet nie genug, woran es glauben könnte. Es wendet sich in Ermangelung hinreichender Glaubensobjekte an die Mythologien fremder Völker, und ich bin gewiß, daß man selbst den indischen, persischen und chaldäischen Göttern sich mit einer gewissen Andacht hingeben kann. Kurz, beten Sie Alles an, was Ihnen unter die Hände kommt. Es verlohnt sich.

Zweiter Schüler. O, recht, Theurer, wir sollen dem Vogel gleichen, der sich an die Decke seines Käfigs anklammert und den Kopf herunterhängen läßt, so daß wir den Himmel für die Erde ansehen.

Lehrer. Und wenn wir dabei auch einmal, statt an einen Stern, an einen Balken stoßen, der die Straße versperrt, so wollen wir denken, daß der Chirurgus ja auch des Himmels Erbe ist. (Geht vorüber.)

71 Fünfter Lehrer mit seinen Schülern.

Lehrer. Nehmen Sie an, meine Herren, diese Rose! Was bewegt uns, sie schön zu nennen?

Erster Schüler. Weil sie wie der junge Tag blüht, weil sie sich schämt, ihre Reize zu enthüllen, weil sie duftet, süßer als zerschnittene Mandelkerne.

Lehrer. So würde der Dichter sprechen; allein die Schönheit muß sich definiren lassen. Warum ist diese Rose schön? Sie präsentirt sich uns in der ersten Form des Vorstellungsvermögens, im Raume. Sie ist demnach etwas Endliches, und Ideelles muß ihrer räumlichen Erscheinung zum Grunde liegen. Welche Mittelglieder lassen sich nun auffinden zwischen dem Belvederischen Apoll und dieser Rose? Galt dort die Harmonie plastischer Formen, so trifft diese hier nicht mehr zu; galt dort die verkörperte Idee der Jugend, der Schönheit – aha! das wollt' ich nur. Hier liegt’s: es gibt am Belvederischen Apoll eine zwiefache Schönheit zu bewundern; denn einmal ist er schön als Apoll, als Thema, sodann als Belvederischer in der Copie. Wie nun die Rose? Gibt 72 es auch hier einen zwiefachen Typus? Allerdings; wie müssen zuerst auf die Pflanzenbildung zurückgehen, und zweitens den Coincidenzpunkt suchen, wo das Endliche und Unendliche zusammenschlägt. Die Urpflanze, meine Herren, welche in Sizilien –

Zweiter Schüler. Aber seht doch nur, die Rose ist über Euren Definitionen schon ganz welk geworden! (Gehen vorüber.)

Sechster Lehrer mit seinen Schülern.

Lehrer. So ungewiß, meine Herren, einige Lehren der Moral sind, so vereinigen sich doch alle Gründe, mögen es nun theoretische oder praktische seyn, dahin, die Lüge unter jeder Bedingung abscheulich zu nennen. Rede die Wahrheit unter allen Umständen! Das ist das höchste Sittengesetz. O geben Sie doch gleich ein Beispiel an, um zu beweisen, wie untauglich die Vorwände sind, welche die sogenannte Nothlüge beschönigen sollen!

Schüler. Mörder suchen den Herrn eines Sklaven. Der Sklave, um die schreckliche Gefahr von ihm abzuwenden, 73 wirft sich ihnen entgegen, nennt sich den, den sie suchen, stirbt, von den Dolchen der Mörder durchbohrt, und rettet seinen Herrn.

Lehrer. Je nun, da haben Sie ja, was ich sage! Dieser Mensch stirbt, noch mit vollem Munde eine elende Lüge kauend. Seyn Sie versichert, meine Herren, das Sittengesetz steht höher als alle Collisionen, in die es vielleicht gerathen kann. Wäre jener Sklave ein Liebhaber des kategorischen Imperativs gewesen, ja, ohne Zweifel, er lebte noch. Daraus sehen Sie zugleich, daß man auch mit der Wahrheit zulezt immer am besten wegkommt. (Geht vorüber.)

Siebenter Lehrer mit seinen Schülern.

Lehrer. Somit wär’ ich denn endlich auf den Punkt gekommen, Ihnen das Ideal eines philosophischen Staates, ein rationelles Gemeinwesen, zu entwerfen. Der Staat, welchen ich in Vorschlag bringe, besteht aus fünf Bürgerklassen, welche auch zugleich das Fundament für die Regierungsgewalten sind. Diese fünf Klassen bestimmen sich nach den fünf Sinnen, 74 so daß wir haben: die riechende, die hörende, die sehende, die schmeckende und die fühlende Klasse. Die angesehenste Klasse ist die schmeckende, die niedrigste die fühlende, welche sich damit begnügt, die Hauptsache, gleichsam den Braten, nur durch den Nervenäther zu spüren, ohne selbst davon etwas zu sehen oder gar zu schmecken. Die schmeckende Gewalt sind der König, die königlichen Prinzen, die hohe Aristokratie des Adels und der Geistlichkeit. Die riechende Gewalt sind die natürlichen Kinder des fürstlichen Hauses, die Justiz und die Polizei. Von der sehenden Klasse an beginnen die Unterthanen; doch hat sie noch den Vorzug, weniger Steuern zu zahlen, als die folgenden. Die hörende zahlt nämlich bereitwilliger, da sie nicht sieht, wie ihr Geld zur Anwendung kommt. Das Hauptfundament des Staates bleiben zulezt die Fühlenden; diejenigen, welche von allen Dingen nur die Ahnung haben, die gewohnt sind, sich in süßen Täuschungen zu wiegen, die den Staat gern für eine Familie halten und den Neuerungen abhold sind, also die Weiber, die Gelehrten, die niedere Geistlichkeit auf dem platten Lande und die Unterhaltungsschriftsteller sowohl des einen als des andern Geschlechts.

75 Schüler. Und ließe sich denn dieser große Gedanke durchaus nicht in die Wirklichkeit einführen?

Lehrer. Ja leider, das ist das Schicksal, welches ich mit Plato gemein habe. Meine Ideen kommen Jahrhunderte zu früh! Und, meine Herren, daß ich es gestehe, der Zwiespalt des Lebens und der Theorie, der Erfahrung und der reinen Vernunft wird wohl niemals ausgeglichen werden. (Geht vorüber).

Julius Vindex tritt auf.

Julius Vindex.

Hier bin ich wieder bei dem kleinen Menschenschlage,
Der in dem Abend unsrer großen Tage,
Gleich Mücken, die ein geiler Hauch geboren, schwärmt.
Wie jeder Chor hier summt und drängt und lärmt,
Und gern die eigene Melodie
Zum allgemeinen Grundton machte!
Der sucht die Formel der Magie,
Die Gold bringt aus dem Eisenschachte;
Der lehrt, wie sich aus einer Flüssigkeit
Ein Würfel schneiden läßt, gleich lang und breit,
76 Und wie aus längst verwelkten Trauben
Noch prometheisch Feuer sey zu rauben.
Dies sind die Fragen, die, gleich Schmetterlingen
Beflügelt, schillernd-bunt, den jungen Knaben
Abseiten ziehn, statt daß an ernsten Dingen
Sich soll die hoffnungsreiche Seele laben.
Nicht in der Zeit allein, selbst im Gedächtniß
Verweht schon unsrer Ahnen stolz Vermächtniß.
Hier steckt des Cato Dolch noch in der Scheide,
Es starb kein Brutus; kein August
Durchstach der Freiheitsgöttin Brust
Mit seines Zungenstachels giftiger Doppelschneide.
An jede Säule hat sich hingestellt
Ein kecker Mann, und macht da seine eigne Welt.
Hochbeinig, stelzenfüßig aufgezimmert,
Prangt über ihm ein kleiner Knopf,
Auf dem, wie auf dem Spinnenkopf,
Ein dünnes Büschel Haare schimmert.
Er schickt sich an zum Werk und spinnt,
So wenig sichtbar wie der Wind,
Ein Fädchen aus dem dünnen Leibchen,
Und sammelt alle Sonnenstäubchen,
Damit den Faden zu verlängern.
Schon will der Umkreis sich verengern,
77 Man steht nicht mehr am alten Ort,
Das Sonnenstäubchen spinnt sich fort:
Die langen Spinnenfüße haschen
Den Faden hie und da zu Maschen,
Bis sich zulezt das Todesnetz
Abzirkelt mathematisch richtig,
Und sich dem grausen Schüler Archimeds
Die arme Mücke findet todespflichtig.
Doch was trägt jenes Drängen dort im Schooß?
Der Schüler reißt sich von dem Lehrer los,
Und läuft dem Wunderding entgegen, das
Unsichtbar sich in eine Wolke steckt.
Tret’ ich doch selbst hinzu, zu wissen, was
Ein Vogel für ein Ei dort ausgeheckt!
(Geht auf eine zahlreiche, immer mehr anwachsende Gruppe zu.)
Nero und Seneka treten verkleidet auf.

Nero.

Sieh dich nicht um! Von allen Orten
Umschwirrt man uns mit Flüsterworten.
Was wispert der? der winkt mir zu;
Komm, komm, das läßt mir keine Ruh;
78 Hier scheint mir Jedermann ein Mann,
Vor dem sich nichts verstecken kann.

Seneka. Wenn Ihr so laut sprecht, gibt es nur zwei Fälle. Entweder sagt, daß Ihr ein Taschenspieler seyd, und Ihr werdet, ehe Ihr zu jenem Manne kommt, welcher dort mit Begriffen wie ein Escamoteur spielt, vor Enthusiasmus zerrissen werden. Oder, wozu ich rathe, Ihr gebt Euch für einen jungen Docenten aus, der die Philosophie wieder auf die Erfahrung zurückführen will; dann nämlich könnt Ihr gewiß seyn, daß man Euch stehen läßt.

Nero (kindisch). Sey vernünftig, Seneka, und dränge nicht so vor! Es ist ganz abscheulich, sich von den Leuten so verdächtig betrachten zu lassen, als wolle man ihnen hinten das Schnupftuch aus der Tasche stehlen. Das alles hier wären also Philosophen? Ich hasse die Philosophen.

(Pathetisch.)
Die Wahrheit, nur gewohnt, sich dreist zu spreizen,
Dem nicht vertraut, was Allzustarkes dämpft,
Weiß nicht, wie Scham mit unverhüllten Reizen
Und Ueberraschung schön mit Offenbarem kämpft.
79 Sie drängt sich dir mit frechen Blicken auf,
Gibt immer mehr, als man verlangte, in den Kauf.
Sie gehet mit dem Ungeschick im Bunde;
Denn stets kommt sie zur ungewünschten Stunde:
Und liehst du willig einmal ihr dein Ohr,
Drängt sie sich überall hervor,
Stellt Vollmacht aus in deinem eignen Namen,
Macht sich zum Bild, und dich zum schlechten Rahmen.
Wo ist ein Tempel auch im schönen Griechenland,
Der einer Wahrheitsgöttin je zu Ehren stand?
Ist Wahrheit nackt, so ist sie’s nicht,
Um dich zu blenden mit der Schönheit Licht.
Wenn sich der Bach um eine Nymphe schmiegt,
So weiß man, daß ihr Kleid am Ufer liegt.
Doch Wahrheit will sich mit der Blöß’ umgattern,
Sie läßt den nackten Mantel wie am Winde flattern.
Den höchst durchsicht’gen Gürtel: Nacktheit, bindet
Sie um die Tunika, die sich doch nirgends findet.
Hier ist, was nackt, nicht schön: und wie kann Nero lieben,
Was aus dem Reich der Schönheit ausgetrieben?

Uebrigens, Seneka, kauften wir die Mandeln nicht, daß sie alle von dir verzehrt würden. Gieb 80 her davon! Wie wir nur an diesen Ort kommen! Ich weiß nicht, was die Mutter dazu sagen würde, wenn sie noch lebte. Ich fange an, mich an den Lärm zu gewöhnen.

Denn was der Schönheit schon verwandter ist,
Das bleibt die Nichtvollendung, dieser Schöpfungszwist,
Wie Jeder hier auf gleiche Unterlagen
Doch einen andern Bau weiß aufzutragen.
Hier war noch nichts; wie bei den ersten Dingen
Sieht man noch wild die Elemente ringen.
Ein Jeder sucht den Zauberruf,
Der einst aus Leerem Welten schuf,
Beim Einen schlummert Nacht: der Blumen Augen
Sieht man noch nicht aus Sonnen Farben saugen.
Das Chaos gähnt bei ihm noch ohne Seele,
Dumpf widerhallend, eine finstre Höhle.
Beim Andern fiel der erste Blitzstrahl schon
In seine Welt mit einem Donnerton,
Man sieht die Nächte schon mit Tagen tauschen
Und hört ob seinen Häupten Sonnen rauschen,
Der Dritte darf mit hellem Frühlingsgrün
Schon Thal und Hügel überziehn,
81 Die Blume athmet ihren Duft,
Ein Vogel schwingt sich in die Luft.
Beim Vierten schlägt der Puls der Schöpfung schneller,
Der Stern des Himmels macht die Nacht selbst heller.
Da steht zwar Einer erst noch bei den Affen,
Doch dieser hat den Menschen schon geschaffen.
Indessen hier noch Paradiesesstunden,
Sind nebenan die Staaten schon erfunden.
Nun steigt’s empor, es muß den Giftpokal
Jezt Sokrates, der fromme Grieche, trinken,
Es wächst der Tugenden und Laster Zahl,
Und Cäsar seh’ ich an Pompejus Säule sinken.

Aber was geschieht nur dort, wo Alles zusammenläuft?

Seneka. Es scheint, als sollte da ein neuer Gedanke geboren werden. Habt Acht, sind wir da, so heißt es, wegen eingetretener Hindernisse könne der angekündigte Gedanke erst morgen erscheinen. Wir wollen sehen.

(Sie mischen sich unter die Menge.)

82 Ein Rhetor, in stutzerhaftem Aufzuge, auf dem Rücken mehrerer Sklaven sitzend, wird von Jünglingen, Männern, Greisen umringt, die begierig seine Worte aufhaschen.

Rhetor. Meine Herren, die Luft ist blau, ein sanfter Hauch weht aus Westen, ich wiege mich auf dem elastischen Rücken meiner Sklaven und beginne meinen Vortrag. Wenn es Künste gibt, deren Theorie vollendeter ist, als ihre praktische Ausführung, so will ich heute von einer Kunst reden, die im Leben zu mannichfacher Ausübung bereits gelangt ist, doch bis jetzt noch in kein vollständiges System gebracht wurde. Dies ist die Kunst der Schmeichelei. Die Schmeichelei, meine Herren, ist mehr als ein Kunstgriff, der uns zu einer reichen Erbschaft oder zu einer angesehenen Stelle im Staate verhilft; ich sage, sie ist mehr als eine Armseligkeit. Sie läßt sich in die Reihe der edelsten Geistesthätigkeiten stellen und auf Grundsätze zurückführen, welche vielleicht der zarteste, duftigste Theil, die Blume der Rhetorik sind. Sie haben Eile, meine Herren! Ich sehe unter Ihnen Männer, denen es unter den Füßen brennt, daß sie in den Senat, in den Rath des Kaisers, in ihr Priesterkollegium zurückkommen; 83 drum gebe ich Ihnen meinen Versuch, die Umrisse eines Systems der Schmeichelei zu zeichnen, in möglichster Eile.

Nero.

Wär’ dieser Mann Poet, so faßt’ er fein
Zusammen, wie in allen Sachen
Der schöne Schein den Werth bestimmt; allein
So, fürcht’ ich, wird er viele Worte machen.

Rhetor. Von der untersten Stufe der Niederträchtigkeit an erhebt sich in allmähliger Progression die Unterwürfigkeit bis zu der höchsten Stufe, wo sie die feine, geistreiche, glückliche Schmeichelei geworden ist, die ich mir zu schildern vorbehalte. Gewissermaßen schmeicheln mir diese elenden Menschen, auf deren Rücken ich sitze (o sprecht mir da unten nicht!), in ihrer Art auch; denn sie geben sich den Schein eines Divans, und nöthigen mich, auf ihnen Platz zu nehmen, wie auf den Bänken eines Badehauses. Allein hier ist noch Alles plump, roh; hier ist die Sklaverei noch kein Entschluß der Freiheit. Erst dann bekommt die Unterwürfigkeit etwas Schmeichelhaftes, wenn sie von Menschen ausgeht, welche unter den Gesetzen ihres Willens zu leben vorgeben. Hier 84 ist es, wo wir beginnen. Sie verlangen eine Definition der Schmeichelei? Heißt sie, die Unwahrheit sagen? Nein, dann wäre sie Lüge. Nun ist es aber doch eingestanden, daß sie auch nicht die Wahrheit sagt. Was folgt daraus? daß ihre Definition nur eine modale seyn kann.

Seneka.

Der weidete auf mir bekannten Triften;
Es ist ein Sklave, der von meinen Schriften
Copien fertigte. Ich hoffe doch,
Er hat vor mir soviel Verehrung noch,
Daß er mit seinem Lob mich nicht beschmiert,
Und mich nicht öffentlich für sich citirt.

Rhetor. Mein Satz ist dieser: Schmeichelei heißt, sich mit bewaffneter Hand von einem Waffenlosen für überwunden erklären. Ein Sieger, der dem Glücke überläßt, was er doch selbst durchsezte, schmeichelt dem Besiegten. Dies sind noch sehr einfache Stufen; sie werden aber zusammengesezter. Je mehr der Schmeichler den Schein der Freiheit annimmt, je furchtloser er ist in seinen spitzfindigen Combinationen, mit denen oft ein Kopf auf der alten Stelle 85 erhalten werden kann, desto bessern Erfolg muß er haben. Es gibt drei Dinge, die der Schmeichler vermeiden muß: Niederträchtigkeit, Albernheit und bösen Willen. Ihre Aufmerksamkeit, meine Herren, entzückt mich. Es gibt aber auch in der That nichts Herrlicheres, als die Lebenswürze, von der wir sprechen. Sie zieht über alle Dinge einen Schein, der, wenn er auch nicht wahrhaft ist, doch dem Auge wunderbar wohlthut. Sie gibt selbst der Kraft, der Ueberschwenglichkeit eine so sanfte Mäßigung, daß ihr Ungestüm das Gleichgewicht der Kräfte, welche der Hebel der Gesellschaft sind, nicht stört. Die Schmeichelei stellt Alles an das rechte Licht, wo es nicht zur Last, sondern gut in die Augen fällt. Sie nimmt dem Laster seine Häßlichkeit, der Tugend ihr vorlautes Wesen. Sie macht aus dem Leben ein Kunstwerk und stellt Alles unter das glücklichste Niveau, unter das Niveau der Schönheit.

Nero.

Jezt läßt er ab von seinem Ungeschicke,
Er hat zuweilen lichte Augenblicke:
So fahre fort, du bist auf guter Fährte,
Er drückt das besser aus, was Seneka mich lehrte.

86 Rhetor. Die niederträchtige Schmeichelei stört; denn sie sezt den Empfänger in Verlegenheit. Was soll die Schöne sagen, der ein Anbeter die Huldigung brächte, daß er aus ihrem Schuh tränke? was der Kaiser, wenn ein Senatsbeschluß festsezte, daß das römische Volk von einem Reitknecht des Julischen Hauses herstamme? Solche Reden sind plump, gemein, nicht anzuhören. Eben so kann die Schmeichelei so fein gespizt seyn, daß sie in’s Alberne fällt und belacht werden muß. Dolabella machte sich lächerlich, als er im Senat darauf antrug, dem göttlichen Tiberius müsse ein Triumphzug dekretirt werden, weil er einmal in Campanien einen kleinen Spaziergang gemacht hatte. Die gefährlichste Klippe bleibt freilich der böse Wille. Es gehört die größte Gewandtheit dazu, diesen durch die Maske der Schmeichelei zu verdecken. Wer seinen Haß hinter Liebe, seinen Neid hinter Theilnahme, seine Furcht hinter Vertrauen versteckt, muß seiner Gesichtszüge und seiner Worte gleich großer Meister seyn. Schmeichelt er, so kann er selten die Maxime befolgen, welche den Harmlosen immer zum Ziele führt; er muß weit verschlungenere Pfade einschlagen. Eine Huldigung 87 sogar, die einzeln stände, würde ihn verrathen, sein ganzes Benehmen muß von der Schmeichelei durchdrungen seyn.

Julius Vindex.

Ich horche staunend, und schon glaub’ ich fest,
Der Mann gibt eine Waare, die sich kaufen läßt.
Spann doch der alte Brutus auch sich ein
In Blödsinn, seines Brütens falschen Schein.
Ich geb’ auf diese Reden sorglich Acht:
Denn leicht gewußt ist, was man will, weit schwerer, wie man’s macht.

Rhetor. Die Ausführung meines Unterrichts in der feinen Schmeichelei überlasse ich meinen spätern Vorträgen; hier nur einige allgemeine Sätze, die Sie mit dem Geist derselben vertraut machen sollen. Es heißt geistreich und gewandt huldigen, wenn man Jemanden schmeichelt und sich stellt, als wolle man nur der Wahrheit zu Ehren sprechen, und sich sogar nicht scheuen, wenn man ihn durch seine Rede erzürne. Gesezt, das Staatsoberhaupt wünschte irgend ein Gesetz zu unterdrücken, und es träte Jemand auf, der wie aus freiem Antriebe, wie nach langer, reiflicher Ueberlegung auf die Abschaffung antrüge, so 88 würde er seine Schmeichelei noch gerundeter machen, wenn er hinzufügte, daß er diesen Antrag stelle, selbst mit der Gefahr, den Zorn des Staatsoberhaupts auf sich zu laden.

Senatoren und Tribunen (murmelnd).

Zeigt der hier nicht vor aller Welt,
Was uns bis jezt noch aufrecht hält?
Wie weise, was er spricht, auch sey,
Er ist ein Thor, er spricht zu frei.

Rhetor. Hat ein Regent Eigenheiten, große Eigenheiten, die man Laster nennen könnte, so wird es ihm immer darauf ankommen, sie für Tugenden angesehen zu wissen. Die feine Schmeichelei geht in diesem Falle nie auf geradem Wege. Sie ergreift eine ganz bei Seite liegende Gelegenheit und entwickelt eine allgemeine Ansicht, Grundsätze, die ihr wie von ungefähr kommen, die aber wie Saatkörner auf das nebenan lauschende, argwöhnische Herz des Fürsten fallen und hundertfältige Früchte tragen.

Senatoren und Tribunen.

Er dreht sich um und räuspert sich,
Und spricht noch mehr ganz sicherlich.
89 Das Bild, das er von uns gemacht,
Ist deutlich; denn die Menge lacht.

Rhetor. Am glücklichsten fährt der, welcher sich der Worte der Opposition bedient und doch nur das sagen will, was der Macht willkommen ist. Ein solcher Schmeichler bricht in laute Klagen aus über die Ungebühr der Zeiten, tadelt aber gerade nur das, was den Gegenstand seiner Huldigung beeinträchtigen will. Er spricht von der alten Sitte, von den Vorfahren, von menschlichen und göttlichen Rechten, hebt aber alle Dinge nur in der Verbindung hervor, daß das Licht, das er vermissen will, doch auf den, dem seine Worte gelten, fallen muß. Hier gibt es viel Nüancen. Gesezt, ein Fürst wählt sich einen Minister, der auffallend jung, aber für die Tyrannei wie geschaffen ist. Der Schmeichler benimmt sich hier so: er adoptirt die Sprache der Neuerung, nimmt den jungen Minister in Schutz, als ein Zugeständniß für die Opposition. Denn will die Opposition nicht, daß eben das Talent, nicht das Alter die Befähigung zu der Stelle geben soll? Er sucht dann die Partei zu verspotten und als besiegt darzustellen, welche doch eigentlich die Siegerin ist und deren Kreatur der 90 junge Minister bleibt. Das ist eine der tauglichsten Maximen; denn durch sein Doppelspiel gewinnt man ebenso die bestehende Gewalt, als die Opposition, von der man nur die Wendungen leiht.

Cerialis Anicius (bei Seite).

Er ist es selbst, der Kaiser, der mir dicht
Zur Seite steht, er glaubt, ich kenn’ ihn nicht.
Er weicht mir aus, und gibt mir meinen Blick
Mit ängstlicher Gebärde fast zurück.
Es ist im ganzen Staate meine Ehre,
Daß ich des Schmeichelns größter Meister wäre.
Was an dem Rufe ist, prüf’ ich zur Stund’.
(Tritt auf den Rhetor zu; laut.)
Verschlucke deine Zunge, frecher Mund,
Da sie umsonst den gift’gen Stachel wezt
An Seelen, die dein Athem schon verlezt!
Willst du der Ränke Uebermaß noch mehren,
Die unsres Staates unbescholtne Ehren
Schon schwärzen überall? Fluch dir! denn diese Künste
Sind wohl der Klugheit übermüthige Gewinnste,
Doch Nieten für die Tugend, die du schmähst.
Noch ist in Rom die Wahrheit nicht verwest;
Sie trägt des Kaisers Kleid, ist seines Volkes Paß,
Ein guter Fürst sieht nie durch buntes Glas.
91 Pack’ deinen Kram zusammen, und zu andern Thoren
Such’ dir den Eingang, wo der Menschen Ohren
Schon giftgefüllt, nicht taub sind deinem Dunst,
Du Maskenhändler falscher Redekunst!
(Er schlägt ihn.)

Rhetor.

O helft mir, edle Herrn! Der mich hier schlägt
Beweist, wie Doppellüge sich verträgt!
Er preist den Kaiser mit erlogener Ehre,
Und lügt, als ob der weit von hinnen wäre;
Doch hört dort Nero meiner Rede zu,
Das Windspiel, das ihn roch mit feiner Nase,
Kriecht wedelnd, da erlegt der Hase,
Da hin zu ihm, und leckt den Koth von seinem Schuh.
(Er entflieht.)

Senatoren und Tribunen.

Was sprach er da? Da läuft der Wicht.
Der Kaiser hier? Ich seh’ ihn nicht.
Erkennt er mich, welch’ Strafgericht!
Mein Nebenmann, der ist es nicht.

Cerialis Anicius (auf Nero zutretend).

Erhalte, Jupiter, die Spuren jener Schritte,
Die Nero sezt in seines Volkes Mitte!
92 Du staunst, erhabner Kaiser, daß die Frage
Nach diesem hohen Wunder kaum sich wage
Von einem Mund zum andern fortzuschleichen?
Ein Jeder späht noch, daß ihn nichts betrüge;
Denn deiner holden Nähe erstes Zeichen
Kam uns vom frechen Lästersitz der Lüge.
Sinkt, Bürger, Senatoren, in den Staub,
Und tragt wetteifernd diesen theuern Raub,
Das schönste Kleinod eurer Schätze,
Durch Roma’s überraschte Plätze!
(Sezt Nero’s Fuß auf seinen Nacken.)

Senatoren und Tribunen.

Wer vor mir steht, der trete fort,
Ich hasche wohl ein günstig Wort.
Er sprach noch nicht, noch ist nicht Rath,
Wie viel die Uhr geschlagen hat.

Nero.

Verflucht sey der, der einen Gruß mir beut!
Mit eurer prahlerischen Ehrlichkeit
Fallt ihr höchst räuberhaft mich an;
Wer sagt mir, wie vor eurer Liebe,
Vor eurer Tugend man sich retten kann!
Und wenn ich euer aller Henker bliebe,
93 Ein grauser Fensterpocher bei der Nacht,
Ein böser Traum, der, selbst wenn ihr erwacht,
Am Tag noch eure Augen blendet:
So wär’ dies alles wie verschwendet,
Und jedes so, daß es euch doch gefiele.
Mein Wüthen, Morden, meine Trauerspiele,
Nichts rüttelt euern Schlaf und reißt euch los
Aus der Alltäglichkeit gemeinem Schooß.
Ihr lächelt stets, und wo ich Tiger wähne,
Zeigt ihr mir eure Lippen, statt der Zähne.
Was schlugt ihr jenen Meister? Seiner Worte Glätte
War für die Grazien recht ein Ruhebette,
Man sah darauf die Amoretten schaukeln,
Gefiederte Gedanken ab und wieder gaukeln.
Der hat des Lebens Räthsel tief erkannt,
Doch ihr seyd stumpfes Volk; das Unterpfand,
Wie Ewigkeit wird aus dem Augenblick,
Das kennt ihr nicht, die heilige Musik.
Euch schuf Natur nur außen hin ein Ohr,
Nur für Disharmonie ein offnes Thor;
Ihr höret mit dem Aug; am Flötenspiel ergözt
Euch einzig, wie die Kunst dabei die Finger sezt.
Drum merk’ ich, der auf eurem Rücken sizt,
Mit Schrecken, wie ihr unten schwizt,
94 Schon Luft hineinzupumpen in die Kehlen,
Um euch bei mir durch Lieder zu empfehlen.
Tragt mich denn fort! doch störe die Camöne,
Beim Himmel! wenigstens die falschen Töne.
(Nero wird auf den Schultern der Menge davon getragen.)

Julius Vindex (allein).

Nach so viel tausend Opfern schlägt der Kaiser
Selbst unsre Sprache, schnürt sie heiser,
Macht aus der Red’ ein Würfelspiel,
Wo’s gleich, ob hie, ob da ein Wort hinfiel.
Der Sprache stolzes Roß besteigt er,
Macht sich bald schwer, macht bald sich leichter,
Wirft sich im Sattel, stachelt mit den Sporen,
Bläst bald dem Thiere kindisch in die Ohren;
So elend sah man einen Reiter nie sich halten,
Des Römers Rede nie so wirrsam sich gestalten.
Er ist auch hierin ein Komödiant,
Den, wenn er kaum der Rede Anfang fand,
Ein Stichwort so bethört, daß er die stolz’sten Phrasen
Läßt auf des Umgangs Sprachgemeinplatz grasen.
Man wird aus ihm nicht klug; denn wenn er lacht,
Ist der verloren, der’s ihm nachgemacht.
95 Er lacht, wenn er mit vielverfluchter Hand
Verbannung, Tod, zahllose Thränen sät,
Derweilen man ihn immer trüb erfand,
Wenn sich sein Glück mit vollem Segel bläht.
Wer mag sich schicken in den leeren Thoren!
Doch wahrlich! bei den Göttern ist’s geschworen,
Bald hab’ ich selbst die Sprache aufgespürt,
Die zu verstehn, ihn Alles kosten wird.

96 V.#

Kaiserlicher Park. Nacht.

Chor der Mänaden.

Von des Gangesstroms goldschimmerndem Bett,
Aus dem Palmenhain, wo die Mutter mich sucht,
Und mit Thränen benezt den glühenden Sand,
Riß’st du mich hinweg, ambrosischer Gott,
Der des Weinstocks Frucht
Auspreßt in Zauberpokale!

Erster Halbchor.

Nicht der goldene Kamm in den Locken der Braut,
Nicht am Hochzeitstag der Freundinnen Lied
War köstlicher, als der berauschende Duft
Des gekelterten Tranks, der mich wachenden Augs
In Träume versenkt,
Und zur Erde die Götter herabruft.

Zweiter Halbchor.

Wer nicht kostete von dem göttlichen Most,
Sieht zitternd uns nahn, und verschließet sein Thor,
97 Doch des Thyrsusstabs breitschattiges Laub,
Die winkende Frucht, der Trommel Gelärm
Lockt Jeden herbei,
Der zur Heimath niemals zurückkehrt.

Erster Halbchor.

Wie einst Semelens Schooß und die Hüfte des Zeus
Den blühenden Gott Dionysus verbarg;
So ist zwiefach gereift der perlende Wein,
An dem Mittagsstrahl und der Gährung Schaum:
So stählt sich die Kraft,
Daß uns blind Leoparden gehorchen.

Zweiter Halbchor.

Auch preise dein Mund die herrliche That,
Als ein frevelndes Schiff Dionysus geraubt,
Und sich Epheu schlang um den grünenden Mast,
An das sprossende Holz die Rebe sich hing,
Und die Schiffer ins Meer
Als beschuppte Delphine versanken.

Chor.

Wer spendet uns karg den Opfer Geruch?
Wer hemmt uns den Weg und der Cymbel Geläut?
Den Thraker Lykurg schlug eigene Wuth,
Der Cithäron erzählt von des Pentheus Mord,
98 Und noch liegen zerstreut
An dem Heber des Orpheus Gebein.

________

Gedräng unter den Zuschauern eines Theaters, dessen Vorstellung schon begonnen hat. Ein Bürger mit seiner Tochter.

Tochter. Vater, wohin wollen Sie denn? Drängen Sie doch nicht so vor!

Bürger. Ich weiß nicht, was du willst, Kind? Wäre deine Mutter nur da, die stemmte die Hand in ihre Seiten und machte gleich Bresche! Muß doch was davon abbekommen, wenn man deßhalb eine Nacht aufbleibt, um seinen Kaiser auf dem Theater zu sehen, und noch dazu in Frauenkleidern.

Tochter. Sprechen Sie doch nur nicht so laut, Vater! die Leute sehen sich alle um.

Bürger. Ich weiß nicht, was du willst. Was gehen mich die Leute an? Wenn die Könige Komödie spielen wollen, so ist es immer besser, sie thun es auf dem Theater, als auf dem Thron. Wenn nur deine 99 Mutter da wäre; es kommen so viel erbauliche Sprüche vor, die wie ein Abendsegen klingen.

Tochter. Gott, Sie hören nicht auf, Vater! Was ihm nur angefochten ist?

Bürger. Ich weiß nicht, was du willst, Kind! Ich lieb einmal die Menschen, wenn sie im Theater sind, dann ist doch noch Umgehens mit ihnen. Sie haben keine anderen Dinge im Kopf, als die ihnen vorgespielt werden; und wenn man gemeinnützige Zwecke hat, z. B. ein Bäcker ist oder ein Seifensieder, und man durch Aktien sein Geschäft heben möchte, so sollte man nur im Theater Unterschriften sammeln. Soll mich doch wundern, ob das Ungeheuer da oben denn auch zu sprechen anfangen wird.

Tochter. Gewiß, wenn Sie nur zu sprechen aufhören werden.

Ein Nachbar. Wen verstehen Sie unter dem Ungeheuer? Den Kaiser oder den Seedrachen?

Bürger. Mein lieber nachbarlicher Freund, wie viel ziehen Sie monatlich von der geheimen Polizei?

100 Nachbar. Weit weniger, als Sie von mir ziehen werden, nämlich Prügel. Was haben Sie vorlauter Mensch hier immer in das Stück einzureden?

Bürger (zur Tochter). Kind, wo ist denn mein Perspektiv? Ich möchte doch einmal sehen, ob diese Grobheit größer wird, wenn man sie mit unterstüzter Pupille ansieht.

Tochter. Vater, ich bin des Todes, was Sie heute wieder für Lärm machen!

Bürger. Wäre deine Mutter –

Vorne. Still da hinten!

Bürger. Ruhe, allgemeine Ruhe! Hüte ab!

Alle. St! der Kaiser spricht!

Nero in der Rolle der Andromeda, angeschmiedet an einen Felsen. Am Meere ein Drache.

Nero.

Ist dies, o ewiges Licht, die schwarze Hafenbucht,
Woraus niemals mein kaum gezimmert Lebensschiff
101 Die Anker wieder lichten wird? Ich blicke scheu
Auf diesen Sand, der jezt nur Muscheln birgt; doch bald
Die grausenhaft zerstückten Glieder meines Leibs
Zur Bleiche an der Sonne rings ausbreiten muß!
Mein Vater herrschte über schwarze Aethiopier,
Und barg der Götter scheelem Neidesblick sein Glück,
Mich, seine Tochter. Siehe, da erregte sich
Der Mutter unter Mädchen auf dem Wiesenrain
So plötzlich ihrer Jugendzeit Erinnerung,
Daß sie mit kecker Zunge ihre Schönheit pries,
Und Göttinnen zum Maaße ihrer Reize nahm.
Die Nereiden spotteten des eitlen Weibs;
Doch spiegelte so frevelhaft im Stolz ihr Bild,
Daß sich der Neid mit feuchtem Haar Poseidon naht,
Daß jedes Element, zur Rache ausgewirkt,
Im wilden Aufruhr stürmt und sich der öde Rand
Des Festlands mit des Meeres Geifer überzieht.
Des Aufruhrs Frucht, ein scheuslich Ungethüm, setzt sich
Auf diesen Fels und frißt hinweg, was irgend nur
Ein Haupt erhebt, so menschengleich gestaltet ist.
102 Schon währt sechs volle Monde diese Plage an,
Und wenn des sechsten Mondes Scheibe unsichtbar
Sich zirkelt, schwände ganz in Nichts des Vaters Reich,
Falls er nach Priester heiligem Ausspruch nicht von selbst
Sein Kleinod führte unversöhnten Göttern zu.
So bin ich hier. Die Götter heilen großen Schmerz
Durch größeren, des Messers Wunde durch das Schwert.
O, greiser Vater, folgen mußtest du, denn ach!
Die Krone drückte früher deine Stirne, als
Du auf den Armen eine süße Tochter trugst!
Mich aber trifft des Thieres Zahn als Leiche nur
Noch an; die Furcht löscht meines Lebens Fackel aus.

(Wieder im Vorgrunde.)

Corybanten und Cybele.

Erster Halbchor.

Laßt ermattet nicht die Hände auf das Fell der Trommel sinken,
Daß im Ohr der Königin nicht widertönt des Mundes Klage!
103 Wehe, Wehe, was sie sucht, stahl Maeon, der sie selber zeugte,
Maeon, der den Attys grausam stürzte in des Ida Schluchten.

Zweiter Halbchor.

Soll ich einer andern Kunde trauen, die uns Fama brachte,
So entfloh der spröde Knabe ihrem siedenden Verlangen,
Legte an der Mannheit Stempel eigner Hand ein scharfes Eisen;
Und, was einst befruchten sollte, schnitt er vor der Reife nieder.

Cybele.

Gibt es in der Luft noch Wellen, die nicht reichlich schon beladen
Von Cybelens Liebesklagen, durch die stummen Räume schwimmen?
Wasser, Erde, Wind, Gestirne, nichts gibt meinem Rufe Antwort.
Attys, Attys lähmte, was du duldetest, der Welt die Zunge?
Nahm dich Zeus für Ganymedes? Nahm Aurora dich für Memnon?
104 Wer besizt dich, wen verjüngt das Schwellen deiner frischen Glieder?
Wer stiehlt von dem Stock der Lippen mir den Honig deiner Küsse?
Wolken eilet, Sterne zeiget Attys, meinen süßen Knaben!

Julius Vindex, verfolgt von Satyrn und Nymphen, tritt auf.

Satyrn.

Husch nicht so eilig
Durch die Gebüsche hin!
Zieh’ aus dem Spiele,
Wo es sich läßt, Gewinn!
Neckende Nymphen
Schlüpfen durch’s dunkle Laub,
Mache behend im
Rausche den flüchtigen Raub!

Julius Vindex.

Verfluchte Mummerei, treib deine Possen
Mit Andern, die sich willig zeigen!
Für euren lustberauschten Reigen
Ist meine Brust einmal verschlossen.

105 Nymphen.

Daphne, wo bist du?
Ist es dir je geschehn,
Daß du ein Bild so
Knabenhaft schön gesehn?
Glycera, sieh nur,
Wie er nachdenklich steht;
Wie er das Haupt senkt,
Süßer als Ganymed!

Julius Vindex.

Verführerische Töne hämmern
Am spröden Eisen meiner Brust.
Die äußeren Dinge merklich, die innern unbewußt
Verschwimmen in ein täuschend Dämmern,
Das mich nach den vermiedenen Netzesmaschen
Erst recht begierig lässet haschen.

Oreaden.

Suchst du der Liebe
Traulichste Wohnung,
Komm auf die Berge!
Schattige Grotten
Geben zum Lager
Glänzende Muscheln,
Murmelnde Quellen
106 Wecken dir Echo,
Wecken das Brautlied,
Welches die Thäler
Hallen zur süßen
Liebesberauschung!

Julius Vindex.

O wohl ist Liebe schön in dunklen Grotten,
Wie Dido und Aeneas schliefen.
Doch glückt Euch nicht, was ich geschworen auszurotten,
Wenn lockender auch Eure Kehlen riefen!

Najaden.

Nimm dir ein Mädchen,
Tauch’ in die Welle
Wo ihr verhüllt und
Dennoch euch nackt seht.
Suchet den Goldsand
Unten zu haschen,
Oben die Zweige
Hängender Weiden!
Schwellend vom Bade
Flechtet die Glieder
Dann in dem Schilfe
Hold in einander!

107 Julius Vindex.

In Wasser, Luft, in Allem wohnet Liebe,
Und lockt mit zärtlichem Umfangen;
Wo ist ein Raum wohl, der unausgefüllet bliebe
Von Flüstern, Küssen, Scherzen, Bangen?

Dryaden.

Komme zu uns, wen
Eros verwundet!
Säuselnde Schatten
Laden zur Liebe,
Wenn in den Zweigen
Tauben sich schnäbeln,
Käfer im Dufte der
Blumen sich wälzen,
Und in der Ferne
Hirtenschalmeien der
Sinkenden Sonne
Abendlied flöten.

Julius Vindex.

Die Nebel theilen sich; mein Aug’ erblickt
Ein reizend Weib, das mir Gewährung nickt.
Wo blieb sie? Helft an Rosenketten
Sie anzufesseln mir, ihr Amoretten!

108 Satyrn.

War sie nicht hier?
Da huscht sie fort;
O folge ihr
An jeden Ort;
Ob Berg ob Thal,
Ob Wasserreich,
Allüberall –
Der ist es gleich!

(Die Chöre ziehen sich zurück.)

Maske.

Ach endlich, schöner Knabe, ist der Echo Ohr
Von tausend Stimmen nicht mehr so beladen,
Daß es auch meiner Liebe Faden
Der sich mit Seufzern spinnet aus der Brust hervor,
Aufnimmt, ihn treulich fortzuführen
Zu dem, den ich hieherkam aufzuspüren!

Julius Vindex.

Du reizende Gestalt! Doch hindert nichts,
Daß du enthüllst die Schönheit deines Angesichts.

Maske.

O laß mich stumm an deinen Blicken weiden!
Wenn freien Aug’s wir an uns beiden
109 Der Schönheit Linien wollten messen,
So würdest du an mir und ich an dir vergessen,
Was jeden reizet anzuschauen.
Man findet oft bei schönen Frauen,
Daß sie im ewigen Siegen nicht genießen
Die Lüste, die dem schönen Mann entsprießen.

Julius Vindex.

Und bei so vielem Reiz Bescheidenheit!
Das ist des schönen Zaubers schöneres Kleid.

Maske.

O nicht Bescheidenheit, nein, tiefes Wissen,
Von der Liebe rechten Vollgenüssen!
Wenn ich die Maske von mir lege,
So macht der Stolz, in meinen Reizen
Erkannt zu seyn, mich träge,
Und ließe mich behaglich spreizen
Auf dem, was jedes Weib
Zu hören liebt von ihrem Leib.
Jezt aber bin ich Mann; ganz hingegeben
An dich, der Schöpfung Meisterstück.
Das laß’ ich alles nun zurück
Was ich hier bin, mein ganzes Leben.
Das ist das höchste Ziel, wenn ich die Flammen
Erst angeschürt, als wär’ ich Mann,
110 Als könnt’ ich geben selbst, und sinke dann
Zulezt in das Empfangen süß zusammen.

Julius Vindex.

Ich aber bin der Theil, der ungeduldig
Die Liebe als ein Wagniß nimmt;
Der, wenn er im Umfangen schwimmt,
Gern wüßte, daß er eines Raubes schuldig.
Ich lab’ als Mann mich nicht am Sinne;
Nur dies erfüllt mich mit Behagen,
Daß zwischen meinen Armen inne
Ich darf ein überwundnes Mädchen tragen,
Ein Kind, das, wenn man’s auf der Straße sieht,
Sich so empfindsam wie die Schnecke,
Alsbald in ihrer Sprödigkeit Gehäuse zieht,
Ein Kind, das, wo ich’s necke,
Mir eher scheint dem Himmel angetraut,
Der Mutter, Amme, ihres Bruders Braut,
Und das mit allen seinen Schüchternheiten,
Mit seines Angesichtes blassen Zärtlichkeiten,
Mit allem Stolz, mit allen Bibelsprüchen
Nun unter mir zum Scherz sich eingeschlichen.
(Er nimmt ihr die Maske vom Gesicht.)
Wie! Du, bist’s, Poppäa? Mich an deiner Scham
Zu weiden, könnte fest mich bannen;
111 Doch treibt der Schwur, den ich von meinem Herzen nahm,
Mich, obgleich willenlos, von dannen.
(Er entflieht.)

Poppäa.

O bleib, bleib, du geliebtes Bild!
Er flieht, und die Entfernung schwillt.
Was hat ihn nur von mir gescheucht?
O Nacht, du Kupplerin, laß zu, daß doch vielleicht,
Wenn nur mein Mund den süßen Namen girrt
Der theure Vogel aus dem Busche schwirrt.
(Eilt ihm nach.)

Die Theater Vorstellung ist beendet. Nero als Weib, mit Schminke und halb offener Brust, eilt über die Bühne, von Schmeichlern verfolgt, welche ihn in bekannten Rezensenten-Ausdrücken erheben. Er dankt kindisch und befangen, wie ein Noviz beim ersten Debüt, dann folgen die schon da gewesenen Chöre bis die Scene leer wird.

Erste Pechfackel (leise aus ihr herausseufzend). O Jehova, du Herr Zebaoth!

Zweite Pechfackel. O du mein Heiland, Jesus Christus!

Die Fackeln sinken in Staub zusammen. Ueberall Nacht und Ruhe.

112 VI.#

Große Halle mit mehren Seitenthüren und einer Hauptthüre im Hintergrunde. In der Mitte eine Tribüne.

Ein Hauptmann mit Soldaten tritt auf.

Hauptmann.

Marsch! Schultert das Gewehr!
Macht Eurem Hauptmann Ehr!
Die Augen links; rechts um geschwenkt,
Und weder rück- noch vorgedrängt;
Den Fuß am Leibe nicht gehängt,
Und jeden Muskel angestrengt!
So brav! – Ja, unser Regiment,
Das nur den Stock und Schweigen kennt,
Das ist das einz’ge, das noch hält
Die Ordnung aufrecht in der Welt;
Wo Jeder thun mag, was er will,
Da steht das ganze Wesen still.
Ist wieder ’nmal eine Rebellion
Im Werk gewesen; der Cujon
113 Von Piso soll der Hauptwardein
Und erste Schuft dabei gewesen seyn,
Jezt ist der ganze Mordverschwör
Im kriminalischen Verhör.
Wer nichts gesteht, dem kömmt es bitter an,
Und wer gesteht, ist auch verlorner Mann,
Doch ist zum Schwatzen jetzt kein Zeit.
Nun, merket auf, ihr tapfern Kriegesleut’!
In diesen Saal hierauf der Kaiser tritt,
Heut macht er seinen Hippogryphenritt,
Was weiß ich? Mich kümmert nichts,
Wenn nur von Euch ein jeder Taugenichts
Parat ist, observiret das Signal,
Falls nöthig wird ein Ueberfall.
Wer gibt Euch Brod? wer gibt Euch Lohn?
Wer hat von Eurem Witz die Ehr’ davon?
Jezt plaudert nicht! Kreuz Million!
Rechts schwenkt das ganze Bataillon!

(Die Soldaten vertheilen sich in den Nebenzimmern.)

Die Dichter treten ein.

Chor der Dichter.

Wir sind die Aechten,
Besonders Rechten,
114 Die Vielgeprüften,
Vom Kaiser selbst mit Ruhm verbrieften!
Wir sind die wahren
Poetenschaaren,
Die Angenommnen,
Schon zur Unsterblichkeit Herangeklommnen!
Uns widersprechen,
Heißt, sich verbrechen
An jenen Händen,
Ohn' die wir nicht auf diesem Gipfel ständen.
In unsern Tempel
Tritt, wer den Stempel
Bereits empfangen: –
Der junge Spatz mag in den Sprenkeln hangen.

Ein Buchhändler. So recht meine Herren, wir Verleger hören nichts lieber, als wenn sich die Dichter mit dem Ruhme begnügen.

Erster Poet. Das ist eine Genügsamkeit, welche Ihnen freilich wohlfeil zu stehen kommt.

115 Zweiter Poet. Ja, wollte man Ihnen einmal eine goldne Säule setzen, sie würde sehr klein gerathen, wenn man sie aus dem Honorar schmölze, welches die Poesie von Ihnen bezogen hat.

Buchhändler. Ungefähr einem Pfeifenstiele würde sie gleichen; Sie haben recht, meine Herren. Doch gestehen Sie selbst, werden Sie deßhalb schlechtere Verse machen, weil Sie weniger anständig dafür bezahlt werden? O meine Herren, Homer wäre darum kein genialerer Dichter geworden, wenn er auch für den Bogen einen Louisd’or mehr bekommen hätte.

Dritter Poet. Was das für Redensarten sind! Was hat man vom Tempel des Ruhms, wenn wenigstens nicht sein Fußboden mit Kronenthalern gepflastert ist?

Ein Humorist (bedeutungsvoll). In welchem Style glauben Sie wohl, daß der Tempel des Ruhms gebaut ist? im dorischen oder jonischen?

Buchhändler. So recht! Ei, das war ja eine humoristische Bemerkung, und ich muß Ihnen gestehen, Spaß 116 amüsirt das Publikum. Figürliche Gegenstände in der Analogie wirklicher zu behandeln – nicht übel. Was kann man, um ein Beispiel zu haben, z. B. von der Schönheit sagen, wenn sie in die Augen fällt?

Humorist. Daß sie sehr ungeschickt ist.

Buchhändler. Allerliebst! Sie sind mein Mann, Sie verbinden das Nützliche mit dem Angenehmen. Wenn ich mich hergebe, Verse zu verlegen, so bau’ ich immer in die Luft.

Humorist (wie oben). Nach welchen Grundsätzen verfahren Sie, wenn Sie in die Luft bauen? Was kann man überhaupt von der Architektur der Luftschlösser sagen?

Buchhändler. Sagen Sie etwas!

(Er zieht eine Tafel und schreibt heimlich in der Tasche nach, was der Humorist spricht.)

Humorist (räuspert sich und beginnt). Außer der sichtbaren Welt gibt es gewiß noch eine weite unsichtbare, welche die unsrige oft durchkreuzt. Spricht man doch zuweilen vom Reich der Freiheit, 117 vom Reich der Wahrheit, von zwei Reichen, welche in unsern irdischen Reichen gänzlich unbekannt sind. Es gibt sogar eine unsichtbare Geographie; denn wie oft ist nicht von sogenannten böhmischen Dörfern die Rede, welche überall liegen, nur nicht in Böhmen. Sie selber haben von Luftschlössern gesprochen, welche irrthümlicherweise oft nach Spanien verlegt werden, gleichsam als wäre Spanien der Mond, in welchem mancher Edelmann seine Güter hat. Wie stellen Sie sich nun ein recht luftiges Luftschloß vor? Hat es Seitenflügel? Gewiß, die Flügel der Hoffnung. Hat es hohe Giebel? Gewiß, schon mancher stürzte herunter. Hat es einen Hof? Gewiß, wie der Mond, der von Wolken umgeben ist. Merkwürdig ist, daß diese glänzende Pracht der Luftschlösser sich immer da findet, wo es sonst am ärmlichsten zugeht: in den Hütten; oder wo man geneigt ist, statt zu bauen, lieber einzureißen: bei der Jugend.

Buchhändler (fortschreibend). Es ist zu interessant.

Humorist. Aus wie wundersamen Dingen nimmt jezt diese Baukunst, welche man, wie die Biber, nicht einmal 118 zu lernen braucht, für welche man kein Patent und keinen Gewerbeschein löst, und in welcher der Ungeschickteste immer der größte Meister ist, ihr Material her? Aus dem unsichtbaren Faden einer halben Hoffnung; aus dem Blick eines angebeteten Mädchens; aus der Phrase eines Gönners, der versprochen hat, es mit uns gut zu meinen; aus einem Loose in der Lotterie; aus dem Husten eines alten Erblassers; kurz aus tausend Seidenhärchen des Schicksals, an welche wir das bleierne Gewicht unserer Hoffnungen, unseres Alpdrückens und unserer nächtlichen Träume hängen. In den Luftschlössern herrscht auch immer Musik und Tanz, die schönsten Mädchen wechseln mit den vollsten Geldsäcken, auf einen Wink gehorchen tausend Diener, und doch wird Jeder noch einen besondern Schnörkel haben, den er an dieser Gattung von Gebäuden nach seinem eigenen Geschmack sehen will. Die freiste Mannichfaltigkeit waltet hier, wie auch bei den böhmischen Dörfern, die Jedem anders vorkommen. Bei dem Einen sieht ein böhmisches Dorf so aus, wie das, wovon gerade die Rede gewesen ist, beim Andern wie ein Satz aus der Naturgeschichte, beim Dritten wie der pythagoräische Lehrsatz, beim Vierten wie die Theorie der Gleichungen vom 119 vierten Grade, beim Fünften wie eine Jahreszahl aus der Geschichte, beim Sechsten wie etwas, was man schon wieder vergessen hat, oder bei musikalischen Referenten wie Etwas, wovon man nichts versteht. Der Landschaftmaler – böhmische Dörfer wird er nicht zeichnen können, es sey denn, daß die Malerei für ihn selbst ein böhmisches Dorf ist. Der Geograph – vergebens sucht er sie auf den Landkarten, es sey denn, daß sie da lägen, wo er gerade nicht zu Haus ist.

Buchhändler. Unübertrefflich! Sie Edelstein! Sie Saphir und Originalmensch! Welch' sprudelnde Laune! Welch’ hinreißender Witz! Sie sind ganz der Meinige, und mit Schrecken hör’ ich schon, daß sich diese klassischen und belorbeerten Poeten wieder die Schnäbel wetzen, um folgendes Lied zu singen:

Chor der Dichter.

Musenketzer,
Prosaschwätzer,
Willst du uns den Myrtenhain verstören?
Nachtigallen
Zu gefallen,
Wirbelt wahre Phantasie in Chören.
120 Nur am Reime,
Wie am Leime,
Am Spaliere soll hinauf sich ranken,
Was in Schachten
Zu beachten
Ist an goldenglänzenden Gedanken.
Nur von Schäfern,
Bunten Käfern
Sollt ihr singen hergebrachter Weise!
Nur im Kleinen
Nett erscheinen,
Zu des Alten hundertjähr’gem Preise,
Reimt Ihr Schmerzen
Stets auf Herzen,
Findet Ihr die Wahrheit nur in Klarheit,
Dann empfangt Ihr
Erster Hand hier
Zeugniß, daß Ihr Lerche und kein Staar seyd!

Ein junger Mensch (zum Buchhändler). Mein Herr! Ein Wort im Vertrauen! Ich bin hier heute zum ersten Male; aber ich fühle es, auch ich bin in Arkadien geboren.

121 Buchhändler. Frage ich denn nach Ihrem Taufschein? Was wollen Sie mit Ihrer Zudringlichkeit sagen?

Junger Mensch. Nichts, mein Herr, als die einfachen Worte: Ich bin auch da! Ich komme eben ganz jung aus dem Neste geflogen, kann die Flügel und das Wasser schon halten, und möchte mich gern den klassischen Sängern der Nation anschließen.

Buchhändler. Herr, was wollen Sie denn damit sagen?

Junger Mensch. Mein Gott, nichts, als: ich dichte! Aber Verschwiegenheit! Meine Poesie bewegt sich in ganz neuen Gegenständen, z. B. besinge ich die Sterne, und habe die wichtige Entdeckung gemacht, daß sich Himmel auf Gewimmel, Glück auf Geschick, und Demuth auf Wehmuth reimt. Untersuchen Sie meine Verse, ob ich irgendwo sorglos Berge und Störche zusammengebracht habe, ob ich finden auf hinten folgen lasse, oder mir darin gefalle, Mängel auf Fenchel zu reimen. Ich besinge nie besungene Gegenstände, z. B. meine Geliebte, 122 Frühlingsahnung, alte Klostermauern, Ritter, Treue, Schwesterliebe – –

Buchhändler. Freilich, freilich, mein Lieber! ich sehe ja, daß nur Sie bloß noch gefehlt haben; aber hören Sie doch, hinter der Scene gehen Thüren, und vielleicht kommt der Kaiser.

Chor der Dichter.

Er naht! Er naht!
Schlingt einen Reigen,
Ihm anzuzeigen,
Daß unser Pfad,
Daß unsre Wonne
Nur sey ein Bogen
Von ihm, der Sonne,
Ringsum gezogen!
Beugt Eure Knie!
Der Nacken ziehe
Sich krumm zusammen!
Laßt nichts zu helle
Auflodernd flammen!
Auf alle Fälle
Ruft jetzt Euch heiser,
Apollo hoch! hoch unser Dichter-Kaiser!

123 Nero

(stürzt mit leidenschaftlicher Gebärde durch die Flügelthür).

Bin ich Tyrann? Ja, wär’ ich’s nur, dann schliche
So oft der Schlaf von meinem Auge wiche,
Doch ein Gespenst, ein böser Schatte,
Wie eine aufgeschreckte Ratte
Von meinem Lager, und die Thüre knarrte
In ihrer Angel, daß die längsterharrte,
Sehnsüchtig angeruf’ne Höll’ ich wachen
Und mich beschützen säh’ in meinen Sachen!
Doch bleibt sie aus; in diesem Hause schreit
Nichts als der Widerhall der Einsamkeit;
Ob endlich nicht die grause Stille schwände,
Wirft sich ein leeres Echo an die leeren Wände.
Dies Schweigen, diese Ruhe tödtet mich.
Komm, fürchterlichste Furie! doch sprich!
Sprich, daß dies heiße überkochend Herz
Nicht ewig hört sich selber sieden,
Sprich, wie des Corybanten lärmend Erz,
Nur im Getümmel find’ ich meinen Frieden.
Man nennt mich eine giftgeschwollne Kröte,
Man sagt, ich ließe Blut, wohin ich träte,
Der Erde Ströme wälzten rothe Wellen,
Seitdem es Gott gefiel, mich auf den Thron zu stellen.
124 Ich sehe nichts; wo sind die finstern Manen,
Die racheschnaubenden Gespenster,
Die mit dem blassen Mond mir säh’n in’s Fenster,
Und mir doch ja durchkreuzten meine Bahnen?
Ich weiß nicht Ruhe; lebet, ruf’ ich, lebt!
Wenn Euern Rumpf mein tödtend Wort begräbt.
Damit vom Leben mir ein Schatte doch geworden,
Wußt’ ich kein ander Mittel, als zu morden.

Chor der Dichter

(tremulando).

O allseitiger,
Objektivster,
Unvermeidlicher,
Musenpriester!

Nero.

Was gibt es wieder da für Greul?
Ich glaube gar ein Menschenknäul
Liegt auf dem Boden hingekauert;
Auch sie sind still; sie schweigen – wie’s mich schauert!

Chor der Dichter.

Wir sind ja die wohlbekannten
Parnaßtrabanten,
Der Lyra angestellte Kammermusikanten;
125 O wollest in Frühlingsliedern
Du süß erwiedern
Den Gruß, dir dargebracht von treuen Musenbrüdern!

Nero.

Ihr seyd’s? O stehet auf, nehmt meinen Gruß!
Bringt Ihr von draußen Euern Liederkuß?
Wie singt die Nachtigall? Was spricht der Hain?
Belauschtet Ihr die Myrt' im Mondenschein?
Wie ist’s? Wie waltet die Natur?
Ist sie noch stets der Liebe Spur?
O daß ich Euch jetzt sehe! Ja es flattern
Aus meiner Seele Gattern
Gedanken, frei von Kerkerduft,
Hinaus in sonnenhelle Frühlingsluft.
Wie schlagen diese Pulse, diese Flügel,
Die mich empor zum Himmel tragen!
O tretet her; nehmt an, dies sey ein Hügel,
Ein Hügel, wo wir oft im Grase lagen.
Umringt mich; lüftet Eure Brust,
Laßt Eure Locken wehn dem Wind zur Lust,
Im traulichen Vereine,
Wie einst im düstern
126 Akazienhaine,
Laßt uns flüstern
Von der Natur, von jedem reinen Triebe,
Von Unschuld, Freundschaft und von Liebe!

Erster Bote (tritt auf).

Die Sklaven weigern sich,
Pisonis Frevel zu bekennen.

Nero.

Und deßhalb fragt Ihr mich?
Laßt ihnen die Gelenke trennen
Durch die Tortur, die Sohlen blutig brennen!
Was fragt Ihr mich! (Bote ab.)
(Zu den Dichtern gewendet.)
So ging ich jüngst mit zwei Gesellen,
Um Lerchen auf dem Felde nachzustellen.
Wir standen hoch in einem Weingehege
Und sah’n in’s Thal, in das Gekrümm der Wege,
Wie war so schön, was wir nun sahen!
Der grüne Hügel, rings umfahen
Von üppigen Terrassen, fern ein Bach,
Der in ein Wäldchen schlüpfte allgemach.
Wie das so geht: ein Jeder suchte Worte,
Um eben auszudrücken, was am Orte
127 Ihn so gefesselt hielt. Der Eine sprach:
Spür’ ich dem Grund des Zaubers nach,
So möchte wohl das bunte Farbenspiel,
Wie Eines schattig sich in's Andre malt,
Und Jedes doch im eignen Lichte stralt,
Hier seyn der Schönheit erstes Anfangsziel.
Der Zweite schüttelte das Haupt
Und sprach: Wenn Ihr erlaubt,
So liegt der Zauber wohl in dieser Linie,
Die Ihr z. B. jetzt hier von der Pinie
Hinunter zieht, am Boden dicht gehalten,
Soweit das Auge nur mag walten.
Da findet Ihr Erhöhung und Vertiefung,
Ausbreitung, Dickung und Verschiefung.
Der mathematische Calcül, Ihr Herrn,
Ist mein Compaß und Schönheitsleitestern.
Ich aber schwieg erst; denn ich wußte,
Daß Alles in der Welt nur todte Kruste,
Wenn innen nicht ein weicher Kern.
Das Echo der Natur bleibt Jedem fern,
Deß Seelenspiel nicht zart gesaitet ist.
Das Herz nur ist es, das das Schöne mißt;
Und so sprach ich, damit ich stumm nicht bliebe,
Denn nur dies Eine Wort: Wie schön ist doch die Liebe!

128 Zweiter Bote.

Der alte Lateranus stottert
So eben seine Schuld heraus.

Nero.

So laßt ihn, wie das Gelb’ im Eie dottert,
Bald auf, bald ab, so hin und her,
Nicht ganz, nicht halb, mit Dolch und Speer
Auskosten, was des Todes Graus,
So daß als Ordensband und Glanzgeschmeide
Er ziehe um die Brust sein Eingeweide!
(Bote ab. Nero spricht diese Intermezzi wie im Traume. Die Dichter erblassen und weichen zurück. Er aber fährt unbefangen und mit naivem Accent in seinen Phantasien fort:)
Meine besten Verse schrieb ich in einen Band
Von Pergament, mit goldnem Schnitt und Rand,
Und bin, ein Dichter von der Zehe bis zum Scheitel,
Auch wie ein Dichter auf meine Verse eitel.
Nun hat zwar Amaryllis noch bis jetzt
Sich nur an Legenden und Priestersagen ergözt;
Doch wagt’ ich’s einmal, jenes Heft
Ihr anzuvertrauen zum Lesegeschäft.
Sie sollte sehn, wie ich sie schon verstand,
Da mir ihr Anblick noch war unbekannt.
129 Noch blieben zwar nur schüchtern unsre Blicke,
Die Hand, die ich ergriff, zog sie zurücke;
Sie wich mir aus, gewohnt, zu siegen,
Vermied sie, meiner Werbung zu erliegen.
Sie las das Buch. Ich hatt’ es wieder,
Durchflog die jetzt erst ausgesprochenen Lieder,
Und fand, gleichsam als Lesezeichen
Im Pergament von ihren vollen Locken
Einen einzigen dünnen Seidenflocken.
Da mußte mich die Hoffnung schnell erreichen:
Hab’ ich dich erst an einem Haar,
Gehörst du bald mir ganz und gar.

Dritter Bote.

So hat auch Subrius sich nun erklärt,
Und zugestanden, daß im Lager der Legionen
Noch viele seiner Mitverschwornen wohnen.

Nero.

Nun denn, so soll der Griff am Schwert,
Womit getrennt wird jetzt sein Rumpf,
Sich oben statt des Kopfes zeigen im Triumpf,
Daß jeder seiner Gunst schon eingepfarrte
Soldat erblicke der Verschwörungen Standarte.
(Die Dicher fliehen immer weiter zurück, ohne daß es Nero merkt.)
130 Ja, das ewige Lied der Liebe! Diese Wunden,
Der Welt so tief geschlagen, daß
Noch nach Jahrtausenden sie nicht gefunden,
Und Lieb’ noch jedes Auge feuchtet naß!
Die Lieb’ ist unergründlich wie ein Schatz im Meer;
Wer auch der Liebe größter Meister wär’,
Kann oftmals das nicht wissen, was zu wissen
Man eben wieder Schüler wird werden müssen.
O selig, wem der Liebe Sonnenstrahl
Sich mit dem ersten Brand in's Herze stahl!
Wer mit dem ersten klar empfundnen Worte
Sich angekommen fühlte an der Pforte
Von einem Paradies, wo Liebe Leben
Und Leben Most ist von der Liebe Reben!
Der Jungfrau Reiz liegt in dem Ueberraschen,
Wie Alles anders endet, als sie es begann;
Wie eine bunte Wolke, die naiv zu haschen
Sie dacht’, ihr unbewußt – in Schaum und Scham zerrann;
Wie sie oft überfällt ein plötzlich Sinnen,
Will sie ein altgewohntes Spiel beginnen,
In das kaum eine einzige traumerschreckte Nacht
Doch plötzlich einen ernsten Sinn gebracht!
131 Und selig jener Knabe, der am Bande
Der ersten Lieb’ ein Mädchen zieht,
Das an des frischen Lebensbechers Rande
Nur allerwärts sein Bild sich spiegeln sieht!
Daß sie nicht weiß, ward ihr die Welt bewußt,
Durch den, der ruht an ihrer Brust,
Ward, dieses ganze üppig volle Leben
Recht zu verstehn, durch ihn ihr erst gegeben?
Daß sie nicht weiß, wie alle diese Gaben,
Die sie doch selber nicht besaß,
Die sie aus seinen Blicken las,
Er nur von ihr erst will empfangen haben!
O gebt mir jene Welt zurück,
Dies bunte Spiel von Schöpfung und von Hoffen,
Das ich so reich an meines Mädchens Blick,
An ihr nur so unendlich angetroffen!

Vierter Bote.

Jezt ist’s gewiß, auch Euer Lehrer,
Der alte Seneka war ein Verschwörer.

Nero.

Wer ist denn dieser ewige Ruhestörer?
Schickt meinem afterweisen Geistbethörer
Ein Messer in das Haus, er soll sich setzen
Als Negation in eine Badewanne
132 Vom Holze einer guten jungen Tanne,
Und sich die Adern selber dann zerfetzen!
(Schon steht Nero ganz allein. Die Dichter sind, ohne daß er es merkt, fern von ihm schüchtern zusammengetreten.)
Was ich befürcht’, ist nur der eine Schmerz,
Daß Alles in der Welt nicht grabeswärts,
Nein, zu des Greisen müdem Tritte schreitet;
Daß diese Brust, von Liebe noch erweitet,
Sich einst nicht schmücken soll mit frischen Rosen
Und Pfändern, die wir jezt im Spiel verloosen.
Wenn auch ein frisches Mädchen meine Tochter ist,
Die sich mit Kindesliebe an mich schmiegt:
Wer ist es, den sie küssend in mir küßt?
Der sie erzeugte, oder der ihr Herz besiegt?
Mit meinem grauen Haar zu spielen,
Versagt ihr der, der, geizig auf der Liebe Zoll,
Nur will, daß sie in seinem wühlen,
An ihm die Kunst zu küssen lernen soll.
Wie könnt’ ich eine Scene tragen,
Wie ich sie jüngst erlebt! Es war in Tagen,
Wo von dem Winterheerde Alles flieht,
Und hinaus vor’s Thor in’s Freie zieht,
133 Wo sich beim neuen Frühlingssonnenbrodem
Die Schöpfung regt im lockern Boden.
Da sah ich an der Krücke einen Greis,
Hinfällig, lächelnd, leis
Sich lehnen an ein todtes Postament.
Rings um ihn her, da tobt und rennt
Ein munt’rer Schwarm von jugendstrahlenden Knaben.
Und wie sie hin und her sich jagen, haben
Sie dicht am Greise
Gezogen ihres Spieles regellose Kreise.
Da greift ein kecker Bursch die Krücke,
Und nimmt, als ritt’ er seinem Glücke
Entgegen, sie als Steckenpferd –
Ein fahler Knochen hier ein Schwert!
Ein Wundeneinband hier der Hoffnung Schleife!
Ein Jugendkuß auf Kirchhofreife!
Ein Widerspruch, daß an den todten Steinen
Der Greis die Stirn verdeckt’ und mußte weinen!
Wie trüg’ ich dies? O ewige Mächte,
Daß ein Entzücken mir den Tod einst brächte,
Daß ich, indeß ich Liebe würbe,
Noch in dem Arm der Liebe stürbe!
Das Haupt umkränzt, im lachenden Genießen,
Bei Küssen, die mein brechend Auge schließen!

134 Fünfter Bote.

Jezt ist zum Spruche Alles reif;
Sie scheiterten an ihren Lügen,
Ihr Thun liegt in den lezten Zügen.

Nero.

Zum Tode Piso! todt sein ganzer Schweif!
Mord und Entsetzen über alle,
Die sich verwickelten in seinem Falle!
Spült die Kloaken aus, eröffnet die Kanäle,
Daß es dem Blut an Durchzug nirgends fehle!
Ihr könnt die ganze Welt heut’ an die Tiber laden:
Die Sonne drückt, ich will in Blut und Schaum und Lymphe baden!

(Bote ab. Die Dichter, den Sprung des Tigers erwartend, drücken sich an die Wände, vor Entsetzen bleicher als diese.)

Nero

(sinnend sich über die Stirn fahrend und das Haar wegscheitelnd).

Was ist? Sprach ich vom Tode nicht?
Von meinem? von Blut? von Rosen?
135 Hört’ ich die Parze nicht, die spricht?
Den Gott, deß Helm erklingt von Todesloosen?
Bin ich allein? Es ist, als wenn dort ständen
Verblaßte Schatten an den blassen Wänden.
Ich fühl’s, vor meinen Sinnen
Will Nebel, der sie drückte, rinnen.
Ich kam hierher – so – nein so –
Ich sah hier Männer, die viel leeres Stroh
Gedroschen, aberwitzige Reime
Von Blumen, Käfern, Honigseime.
Die Furcht, die hier gewisse Kehlen packte,
Bracht’ meine Phantasien aus dem Takte.
Ich fühlte wohl, wie was von Bosheit sich
Herum um meine abgelauschten Worte schlich!
Jezt bin ich wieder im Zusammenhang,
Und sehe, wie ich meinen Sang
Nicht besser kröne, daß auch nichts ihm fehle,
Als wenn ich Menschen, halb von Leib und Seele,
Die Objektives gern vermeiden,
Nun zwing’, einmal recht objektiv zu leiden.
Man führ’ sie ab, die tugendhaften Schelme,
Und zieh’ aus einem schwarzen Todeshelme
Je fünf und fünf zu Charons Nachen
Ein Ueberfahrtsbillet; doch sollen sie wachen
136 Noch bis zum andern Morgen und verzweifelnd zählen,
Wen wohl des Hahnen Schrei als Fünften möchte wählen.
(Schleicht ab.)

(Die inzwischen eingedrungenen Soldaten führen die wehklagenden Dichter hinweg.)

Julius Vindex tritt auf.

Julius Vindex.

Ist denn kein Grund, mich zu verhehlen
In dieses Hauses dumpfen Sälen?
Warum sind meine Schritte frei?
Sagt denn mein Auge nicht, was an mir sey?
Ist diese Stirn so glatt gezogen?
Und meiner Augenbrauen Bogen
So sanft, daß der Trabant
Die Hellebard nicht stößt mit stärkrer Hand,
Wenn er mich sieht durch diese Thore schreiten?
Wann sah die Welt so schwarze Zeiten,
Daß man sich schämt, nicht unglücklich zu seyn,
Und sich an die, die fallen, anzureihn!
Nun sind die Eltern todt, der Freund erschlagen,
Ich sah, wie blutig alle unterlagen,
137 Die mich bedeckt mit ihren Küssen –
Und mich, mich kann die Tyrannei nicht missen?
Mich schickt sie nicht zu ihrem Leichentroß?
So sträube deine Mähne, junges Roß,
Und bäume deine starken Glieder!
Die Seele hebt ein mächtiges Gefieder.
Der Augenblick ist da: ich lechz’, auf den zu zielen,
Der Luft und Erde, Meer und Sonne mir entrissen.
So lebt denn wohl, ihr glatten Marmordielen,
Ihr Wände, Nero’s blaß und übertüncht Gewissen,
Ihr Echo’s, solcher Frevel stumm Vertraute,
Daß Ihr erschreckt bei jedem lauten Laute!
Ich steig’ hinauf in Eis- und Alpenzonen,
Wo auf dem Schnee noch warme Herzen wohnen,
Und suche, wo in Deutschlands dunkeln Forsten
Der Legionen goldne Adler horsten.
Schon blinket wie ein Sonnenstrahl
Durch Wald und Finsterniß der Rache Stahl.
Rührt mich nicht an! werd’ ich den Brüdern rufen,
Eh’ nicht von Eurer Rosse Hufen
Italien zerstampft, von meiner Hand
Zum Tod der Kaiser durchgerannt!
So lang von seines goldnen Hauses Brand
138 Sich noch am Himmel malt der lezte Feuerschein,
Bin ich von Aussatz, Schimpf und Pest nicht rein!
Und zu der Krieger Ruf, dem lebensfrischen,
Wird sich des Bären Stimme mischen.
Der Ur, der an Erbarmen im Vergleich
Mit dem gekrönten Thier ist überreich,
Wird seine wilden Hörner beugen,
Und sich von selbst als Opfer zeigen,
Das uns der Rückkehr Thor verriegle
Und bis zum Tode unsern Band besiegle.
Die Fahne weht: ich seh’ von Sonnenstrahlen
Sich rosig schon die Alpenzinken malen;
Fort in die Schlacht! Vor Roma werd’ ich treten
Nicht anders, als mit racheschmetternden Drommeten!

139 VII.#

In Senekas Hause. Morgendämmerung.

Seneka, ein dünnes spaßhaftes Männchen, tritt ein und legt eine Leiter ab, die er trägt.

Seneka. Keine Begriffs-Leiter! sondern eine ganz gewöhnliche Hühnertreppe, die ich dem Kaiser nachtragen muß, wenn er in die Fenster seiner Schönen steigt! Das ist der Fluch einer offiziellen Philosophie, daß sie sich zu Allem hergeben muß. Ich wüßte nicht, wie das länger zu ertragen wäre, wenn man diesen Despotismus nicht unter dem Gesichtspunkte der Originalität, und seine Grausamkeit unter dem der Spaßhaftigkeit ansähe. He, Mütterchen!

Hinter der Scene. Bist du’s, Annäus? Hast wieder warten müssen so lange? Dein Warmbier steht auf dem Tische.

140 Seneka. Ja schlaf’ nur noch, du gutes Weib! Ich wag’ es nicht, mit meinen unkeuschen Ausdünstungen an dein saubres tugendhaftes Bett zu treten. In welche Winkel mußt' ich folgen! Zu Nero's Seufzern muß Seneka Schildwache stehen. Wenn das Laster vorüberzieht, muß die Tugend in’s Gewehr treten. Die Ehrlichkeit muß die Leiter halten, wenn der Dieb in fremde Fenster steigt. Sagst du nicht was, Mütterchen?

Hinter der Scene. Du murmelst so viel, lieber Annäus. Ich fühle, wie du dich wieder angestrengt hast die Nacht.

Seneka. Ohne Philosophie wäre das auch gar nicht zum Aushalten. Immer gegenwärtig, immer Stichblatt seyn, immer Spaß machen, mehr Hofnarr als Hofrath, wer hielte das aus! Ich denke nur immer, es ist zulezt auch gut, die Dinge einmal von der andern Seite anzusehen. Aber, gerechter Gott! Frauenzimmer, was bleibst du nicht im Bett?

Frau Seneka (mit einem Lichte, im Nachtüberwurf hereintretend). Väterchen, laß mich! Wie blaß du siehst! Die ungesunde Nachtluft! Wo habt ihr nur gesteckt?

141 Seneka. Ueberall; in allerhand Winkeln, wo die Liebe einem Geldstück gleicht mit ganz abgenuztem Gepräge, und wo sie schon durch so viele leidenschaftliche Hände gegangen ist, daß sich Grünspan und Ansteckung auf ihr ansezt.

Frau Seneka. Und du immer mit, Annäus? Aber sage mir nur, wie benehmen sich denn solche Frauenzimmer?

Seneka. Ach was! Den Kaiser solltest du aber dabei sehen. Immer der Hahnrei seiner eigenen Leidenschaft. In ganz wohlconditionirte Häuser, die doch eine ordentliche Treppe, Thür und Klingel haben, muß er durch’s Fenster einsteigen. Arme, die von Umarmungen schon Schwielen bekommen, scheinen ihm so frisch, wie deine waren, Mütterchen, vor vierzig und etlichen Jahren.

Frau Seneka (beklommen). Ach Väterchen –

Seneka. Nun, was hilft’s? Man lebt vom Schein. Ich denke oft, ich wäre etwas beleibter, als ich mager bin, und ein wenig ärmer, als ich reich bin. Nur 142 keinen Lebensüberdruß! Ich gestehe Nero Alles zu, denn ich weiß, daß durch Nachgiebigkeit Ausschweifungen verhindert, und im Fall der Noth große Verbrechen durch kleine hintertrieben werden können. Aber was ist dir nur?

Frau Seneka. Einen bösen Traum hatt’ ich diese Nacht. Lieber, ich glaube, es geht an unser Leben.

Seneka. Freilich, besonders ist es nicht; es geht immer an, unser Leben. Oder wie?

Frau Seneka. Nein, nein, du verstehst mich nicht; es geht an unser Leben.

Seneka. Ja so, ja so, unser Leben geht jezt erst an; das wäre doch kein böser Traum.

Frau Seneka. Gott, so versteh’ mich doch! Es geht an unser Leben.

Seneka. Nun, nun, jezt begreif ich’s erst. Die ungelenke lateinische Sprache! Aber das sind Grillen. Wir sind sicher. Nero hat mich diese Nacht geküßt und 143 geherzt, und als ich von ihm ging, sagte er, er wolle mich noch höher befördern.

Frau Seneka. Still, still, was ist das für ein Lärm?

Stimmen draußen.

Wacht auf! Wacht auf! an euerm Haus
Sieht man des rothen Kreuzes Graus,
Das Euch zu gehen den Todes Pfad
In aller Früh bezeichnet hat.

Seneka. Was hat man nur? Ich höre nichts.

Frau Seneka. Ich hör’; doch am Verstehn gebricht's.

Stimmen draußen.

Ein Leichentuch am Schornstein hängt,
Die Schwalb’ ein neues Nest anfängt,
Der Guckuck schrie: nichts Guts geschach;
Denn heute ist Johannis-Tag.

Frau Seneka. Das klingt fast wie ein Hexenlied.

Seneka. Frau, mach’ das Fenster zu, es zieht!

144 Stimmen draußen.

Zwei Uhren hörte man bei Euch
Laut schlagen in dem Takte gleich;
Das heißt, daß von zwei Eheleut’
Das Eine ist zum Tod bereit.

Seneka. Da unten steht, sieh! Hinz und Kunz!

Frau Seneka. Man spricht vom Tod. Wen meint man? uns?

Beide.

Wahrhaftig, das ist doch zu arg,
Man bringt uns wirklich einen Sarg!

Die Freunde und Nachbarn Seneka’s treten ein. Scharfrichter mit einem Sarg. Man weint. Seneka springt plötzlich vom Lächerlichen zum Erhabenen über. Man überberreicht ihm eine Rolle Papier. Er wickelt sie auf, ein Messer fällt heraus.

Seneka.

Nun hast du dich durch Narrenspossen
So lang gehalten, alter Thor!
Der Strudel hielt dich hoch empor,
Und wirst auch mit ihm ausgegossen!
Das, was ich war und was ich bin,
Legt sich auf diese Bahre hin.
145 Die Zeit hat nicht auf mich gewartet.
Ich trete, wie ich bin, so ausgeartet
In's offene Grab, im ganz Tand,
Den ich aus Furcht um mein Benehmen wand,
Die Schminke im Gesicht, das graue Haar
Mit Rosenkränzen unehrbar
Geschmückt, das Auge lüstern naschend,
Mich in mir selber überraschend.
So ist denn alles hin, was du geglaubt,
Das ganze Reich von stolzen Sittensprüchen,
Die du trotz Götterflüchen
Vom Himmel prometheisch hast geraubt!
So war ich die Karrikatur
Von allen meinen Büchern nur,
Und mußt’, um festen Grund zu fassen,
Mich selbst zu Grunde gehen lassen!

Frau Seneka.

O mein Gemahl, nimm was geschieht,
So freudig wie mich selber mit!

Seneka.

Bleib du zurück! Und dennoch, was ist Leben,
Wenn dir der Athem nicht ist freigegeben!
O keine Thräne! Diese Bahr’ ist fast
Wie einstmals uns das Brautbett angepaßt.
146 O weinet nicht; denn besser steht
Wer zu den ewigen Göttern geht.
Wir sehn uns noch, mein Freund;
Dieselben Zähren, die du zum Abschied weinst,
Die rinnen noch dereinst,
Dem frohen Wiedersehn zu Ehren.

(Beide steigen in den Abgrund und öffnen sich die Ader.)

Abschied.

Lebt wohl, lebt wohl und grüßet all,
Die schon gekommen sind zum Fall!
Wer weiß, ob nicht auch bald der Sand
In meinem Stundenglas verschwand.

Seneka.

O zage nicht, du bald ausblutend Herz!
Dies Leben war nur Vorbereitungsscherz.
Und wie die Adern nun so quillen,
Fühl’ ich, noch Manches hat sich zu erfüllen!
Wir lebten nur im Rausche dieser Erden,
Um unserer selbst bewußt zu werden,
Um uns zu runden als Person,
Als Träger von dem großen Lohn,
Den einst der Weltgeist nicht für unser Einen,
Für unser irdisch Treiben, nein!
147 Für seines eigenen Schaffens Mühe nimmt.
Wir sind die Saiten, drauf der Herr
Dereinst von ungefähr
Die Melodien seines Lebens stimmt,
Und was ihn selbst im Rausch hält wach,
Das hallt in unsrer Seele nach.
O liebes Weib!

Frau Seneka.

Mein lieber Gatte,
Wie ich allmählig schon ermatte!
Ich weiß nicht, frag’ ich dich: stirbst du
Dem Leben ab? oder: lebst du dem Tode zu?

Seneka.

Nimm meine Hand; vielleicht erwärmt
Sie dich, wenn dich der Tod zu früh umschwärmt,
Damit im gleichgemessenen Takt
Wir enden unsern fünften Akt!
Und wenn ihr, die ihr uns umsteht,
Vom Trauerspiel nach Hause geht,
So denkt, daß zu der wahren Feier
Für uns sich erst erhebt des Vorhangs Schleier!
Es gibt ein Wiedersehn, und wär’ es nur
Deßhalb, weil die, die es beweisen wollen
148 Mit manchen leicht geborstnen Wissensschollen
Erkennen müssen, daß sie war’n auf schlechter Spur.
Man weiß nicht, was dereinst geschieht
So fest, wie Zahlen man zusammen zieht;
Doch ist es ein wahrhaftig Sehnen,
Das unsere Hoffnung nicht läßt wanken:
Es habe über dieses Lebens Schranken
Das Leben erst sich noch recht auszudehnen.
Wie ist dir, Liebe?

Frau Seneka.

Vor’m Auge falb
Und ungewiß; dem Tode halb
Und halb dem Leben angehörend.
Ich seh’ nur dich, mein Gatte, während
Ich von dem Leben scheide ab;
Und dennoch jenseits über’m Grab,
Ist mir es wiederum als wärst
Du es, der mich begrüßt zuerst.

Seneka.

So wechseln beide Welten nun,
Die, wo wir bald als Asche werden ruhn,
Und jene, welche oft mit göttlicher Gewalt
Durch diese still anklopfend hallt:
149 Von allen Sinnen, die nun schwinden,
Muß wohl zuerst das Aug’ erblinden,
Dann lähmt die Zunge sich und das Gefühl,
Dem Athem wird es eng und schwül;
Doch das Gehör währt länger an,
Und macht so spitz sich, als es kann,
Denn Jeder soll noch treu und klar
Im Tode hören, was er war,
Noch hören wer sein Freund und Feind
Und bis wie lang die Thräne weint.
Wie ist es, liebes Weib? – sie schweigt
Das Haupt sich schon ohnmächtig neigt.
Der Schlaf erscheint hier als Pilot,
Der etwas noch vor Charons Boot
Den matten Schiffer aus des Lebens Flucht
Bugsiret in des Todes Bucht.
Auch ich erkalte – die Adern sind hohl,
Ich werde mir selber fast entnommen.
Nun scheid’ ich, Freunde, lebet wohl!
Im Jenseits ruf' ich Euch: willkommen!
(Stirbt.)

150 VIII.#

Im Hause der Poppäa.

Poppäa sitzt in schwarzen Kleidern nachdenklich. Im Metallreifen schwingt sich vor ihr ein Papagey.

Poppäa.

Du bunter Vogel, wiege nur und wühle
Mit deinem Köpfchen unterm Federpfühle,
Worin du sanft gebettet bist!
Dein Mund geduldig aus der Hand mir frißt,
Und krächzt dazu sein kratzend Lied,
Das gleich verräth, wie wohl es dir geschieht!
Ich, deine Freundin, kann in Ringen
Mich nicht so froh und wohlbehäbig schwingen;
Ich werde schwer, die Treppen
Feg’ ich mit langen Schleppen,
Die mich nur ganz gemächlich
Zu gehen heißen und gebrechlich;
Denn ich bin nicht mehr ich –
Du dummes Thier, wie nennt man's, sprich?

151 Papagey.

Jakob!

Poppäa.

Du arger Schwätzer weißt,
Wie man seit einem Mond mich heißt.
Ich bin dem Fluch nun unterlegen
Der auch aus Jovis goldnem Regen
Einst Menschenfrucht entstehen ließ.
In meines Leibs Verließ
Trag’ ich die Spuren jener Stunden,
Die mir in Nero’s Armen hingeschwunden.
Da friß, du Wunderspatz, dich süß
Am Zucker, den du ohne Beißen
Dem Finger magst entreißen,
Und sprich, ob's auch schon so gewiß!

Papagey.

Jakob!

Poppäa.

Einfältiger Staar, dein monotoner Schrei
Sagt wohl, daß Alles mir wär’ einerley?
Doch fluch’ ich dem, was in mir ist
Und mit von meinem Leben frißt;
Was sich von selbst formt, ich mag rütteln
Und an dem Stock verzweifelnd schütteln,
152 Was halb ein anderes in mir drin,
Und halb doch nur ich selber bin.
Was bin ich noch für Julius? Nichts, als
Die lächerliche Frucht des Sündenfalls,
Nichts als ein schon behangener Pflock,
Ein mäßig abgetragener Rock,
Im Harem jene abgebrochene Rose,
Die ihres Herren Schnupftuch trägt im Schooße,
Und, bis zum Rande überfüllt,
Heraus aus ihrem Ringe quillt.
Ach! sind die Weiber, deren Herzen
Sich gern an einen Andern ranken
Als den, dem sie die Schmerzen
Der Frucht des Ehebetts verdanken,
In dem verdoppelnden Gefühle,
Ein Kern zu seyn, und seine Hülle,
Nicht recht dem Zauber erst hingegeben,
Der für sie liegt in des verbotenen Stockes Reben.
O Julius! Wo kamst du hin? Ist’s Scham,
Ist’s innere Lust, die Lust der Schöpfung,
Der willenlosen Schöpfung mit Erschöpfung,
Die mich zu dem, den mir das Schicksal nahm,
Jezt reißt mit ungestümem Drang?
Ist’s des verbotenen Gelüstes Hang?
153 Ist’s die Bacchantenwuth, die nichts verborgen,
Nichts mehr im Ueberwurfe sieht,
Und die herab in ihre Orgien
Gleich jedes längere Weigern zieht?
Wie ist mir? Lustberauscht
Fühl’ ich, wie alles in mir tauscht,
Das Geben, Nehmen, das Gewähren,
Und schon die Schmerzpotenz der Wollust, das Gebähren,
Halb Leben, halb der Tod, nichts mehr,
Als wenn ich nur der Schöpfung Uebergang noch wär’.
Nicht mehr ich selbst, auch nicht mein Kind,
Es ist die selbst sich zeugende Natur,
Die ihrer göttlichen Momente Spur
Durch mich hinzieht, durch meine Adern rinnt,
So daß mir scheint, was uns die Dichtung
Von einem seligen Leben schreibt,
Sey nur die Wollust der Vernichtung,
Wie man sich mählig einverleibt
Dem Werden, Sinken, Unten, Oben –
Ich muß es gleich einmal erproben.

(Sie würgt den Papagey. Nero tritt herein.)

154 Nero.

O wo man Leben giebt, da laßt mich seyn!
So eben hat man mir die Nachricht zugestellt,
Du seyst, Poppäa, einer Hoffnung Schrein,
Und eine Schale, die das Schönste hält?
Bin ich gewiß, daß schon die süßen Schrecken
Der Mutterlust an deinen Brüsten lecken?
Du täusch’st mich nicht; so eben war’s ein Strahl,
Der blitzend sich aus deinem Auge stahl,
Und der das Innere deines Leib’s verrieth,
Was drinnen mich schon ganz verzehrend glüht!

Poppäa.

Da ich, um, was du wünsch’st, zu heilen,
Mich in mir selber mußte theilen,
So nimm es hin, und lasse nur der Mutter dann, der matten
Von deiner Liebessonne noch Erquickungschatten!

Nero.

Ja wahrlich! du, Poppäa, schwindest,
Wenn du ein Mädchen mir entbindest.
Und ist's ein Knabe, so bedenk’ ich
Nichts weiter, als wie lenk’ ich
Erziehung, schöne Wissenschaften, Deklamiren,
Mit Damen Conversation zu führen,
155 Tanz und Musik und Literaturgeschichte,
Und daß er ja, gleich seinem Vater, dichte!
Ach! was beginn' ich, bis der Tag
Von diesem Glück erscheinen mag.
Wenn ich das Kind auf meinen Armen schaukle,
Mit Scherz und Küssen es umgaukle,
Ueber die Schultern der Amme sehe
Und in des Säuglings Auge spähe;
Wenn dann, dem Vater zu Gefallen,
Das erste liebe Lallen
Aus seinem herzigen Munde quillt,
Und wohl nach einem Jährchen
Ein gut erfunden Märchen
Zur Ruh’ den kleinen Schreier stillt –

Poppäa.

Ich sehe schon, wie du die Wiege
Im Schlafrock und Pantoffeln trittst!
O geh’ und laß die dumme Lüge,
Die nur mich zu betrüben nüzt!
Ich hasse Kinder, weil sie lyrisch
Und materiell sind, ganz abscheulich thierisch
Und klein, mechanisch, Puppen,
Von Menschensternen nur die Schnuppen;
156 Und weil das eingebildete Volk,
Empfindsamkeit und alle matten Neigen
An einem solchen kleinen Polk
Gern ihr Gemüth, was weiß ich! wollen zeigen,
Da wird nun, wenn wo Gäste kommen,
Das rothe Wesen aus den Windeln genommen
Und Jedem lächelnd präsentirt,
Und viel empfindliche Phrase spendirt.
Ha, ha! wenn Nero als Papa
Die Schlafmütz’ über’s Ohr gezogen,
Mit Selbstbewußtseyn stünde da
Und hörte, wie hier Jedermann ihm wohlgewogen,
Indeß der Leute Lächeln sich so stellt,
Daß man ihn halb doch für ’nen Hahnrei hält!

Nero.

Löst Satan dir die Zunge?
Was pumpst für Tollheit du aus deiner Lunge?
Ist dir die Zartheit nichts? nichts menschliches Entzücken?
Nichts heller Schmelz in ganz verklärten Blicken?
Fröhnst du wohl selbst der höchst frivolen Mode
Und zeitigest vielleicht mein Kind zum Tode?
Noch lebt, was in dir ist; ich greife
Dem Risse der Natur jezt vor,
157 Und nehme noch bei halber Reife,
Was sich in deinen eitlen Leib verlor.
Stirb, freches Weib! und laß im Sterben
Mich mehr, als wenn du lebtest, erben.
(Er zieht einen Dolch und durchbohrt sie.)

Poppäa.

Was thust du? Zwiefach nun beraubst du dich,
O Lieber – mein Gemahl – Fluch dir! du Wütherich!
(Sie stirbt.)

Nero.

Ich bin ein Thor; – ein Kind, das Sterne
Will schälen von des Himmels Ferne,
Das Gelbe suchet aus dem Ei,
Und doch verlangt, die Schale breche nicht entzwei.
Poppäa, bist du todt? Ach, blaß und kalt
Liegt nun die göttliche Gestalt –
Das also ist der Tod? Ich sah noch nie
Des Tods Physiognomie.
Matt, zerknickt, und ohne Willen,
Der Sinne Gelüste zu erfüllen,
Eine klappernde Hülse, eine leere Schale, –
Ich sehe das alles zum ersten Male.
Und an Poppäen seh’ ich’s, die zu lieben
Wie eine Kunst mit mir getrieben;
158 An ihr, die alles, was ich wollte, war,
Und doch nicht alles, was ich selber bin,
Die, was ich schweigend mochte, offenbar,
Und was ich laut gewollt, gab schweigend hin;
An ihr, an der ich hing, wie am Magnet
Der Eisenstaub sich immer so gestaltet,
Wie grad des Wundersteines Laune steht.
Nun ist das treue Herz erkaltet!
Die Wege meines Denkens sind verschlungen,
Wild, überhangend; ihr nur war’s gelungen,
Ausharrend treu zu folgen! überall
War sie von meinem Wesen Widerhall.
Sie hat gelacht zur rechten Zeit,
Und wiederum geweint, wenn sich der Streit
Der trüben Wolken meiner Seele
Auflöste in den Thränenäther meiner Augen!
Aus Herbem wußte Süßes sie zu saugen –
Das alles hin; der Weg verdeckt, den ich verfehle,
Verschüttet, rück- und vor mein Leben –
Wozu ist mir noch Arm und Mund gegeben?
Das Auge, das doch nur erblindet,
Wenn ihm das Offene, nicht die Dunkelheit ist licht;
Der Mund, der, was er spricht, nur spricht,
Um zu gestehen, daß ihn Stummheit bindet?
159 O Gott! Die Götter spielen mit den Menschenloosen,
Und werfen sie wie Bälle sich einander zu;
Schon fühl’ ich Grabeslüfte mich umkosen,
Die Parze schielt mich an und winket – du
Nero! entflieh mir nicht!
Mein eigenes Ich! das zu mir spricht –
O weh! mich faßt ein wirrer
Unheimlicher Strudel und immer irrer
Dreht sich mein Selbst im Kreise –
Das ist der Tod – leise! leise!
(Er wankt fort.)

160 IX.#

Im Lager des Julius Vindex. Zelt mit einer Lampe.

Julius Vindex (richtet sich vom Bette auf).

Ich kann nicht schlafen – die Entscheidung reißt
Mir immer wieder meine Augen wach;
Ich strecke tappend meine Hände nach
Dem aus, was Siegen oder Unterliegen heißt.
Noch wird die Flamme nicht vom Morgen überblizt,
(Oeffnet hinten das Zelt.)
Noch tiefe Nacht; die Nacht mit Sternen ausgesprizt,
Noch keine Morgenschatten; von drüben kann ich die Mähren
Der kaiserlichen Truppen schnarchen hören.
Der Schlaf liegt schwer auf meinen Leuten,
Und macht wohl Manchen jenen Ort ausweiten,
Der bald zum Grab ihm dienen wird.
(Kehrt zurück.)
161 Und ich bin nun der Völkerhirt,
Der für sie Wache hält, mir selbst das einzuschärfen
Was alles sie auf meine Schultern werfen!
Im Zelt hier ist’s so schwül – die Flamme
Hat an der dicken Luft eine schlechte Amme –
Wie? sie verlischt? dort jene Ecke
Ist eine dumpfe Wolkenhecke,
Was gährt, was siedet – ein Gespenst!
(Poppäa’s Geist ist sichtbar.)

Geist.

Ob du mich, Julius, wohl erkennst?

Julius Vindex.

Poppäa bist du; von Mord und Waffen
Seh’ ich auf deinem Busen eine Wunde klaffen.

Geist.

Und doch bin ich nicht todt, auch nicht lebendig.
Ich leb’ auch nicht für mich und eigenhändig;
Mein Tod lebt noch von dem, was in mir lebt,
Dem Tode ist noch Leben, dem Leben Tod verwebt.

Julius Vindex.

Ich seh’ dich reif von einer Leibesfrucht,
Die der umschlungene Gürtel zu ersticken sucht.

162 Geist.

Kein Gürtel um den Leib! Kein Strick!
Sonst bricht’s dem Kind einst das Genick;
Nur von der Brust, die schon verstorben ist,
Trenn’ ich was halb verwelkt, halb unreif unten sprießt.

Julius Vindex.

Grauenvolles Bild der alten Liebe,
Flieh, zerstiebe!

Geist.

Und nun ich noch auf Erden wanken
So lange darf, bis sich die Armesranken
Des kleinen Wurms in mir, an meinem Tod,
An den sie sich anklammern in der Noth,
Versterbend, hin zum Tode strecken:
So weil’ ich da, wo mir das Liebste ist,
Bei dir, o Knabe! den ich nicht zu schrecken,
Nein, zu genießen nütze diese Frist.

Julius Vindex.

Doch mußt du halb schon seh’n, wie unsichtbar
An Thatenkeimen die Erfolge hängen,
Wie ineinander fließt, was ist und war
Und seyn wird, wie die Zeiten dicht sich drängen;
163 Drum sprich, ist morgen jenes Rad,
Das Phöbus über uns geschlagen hat,
Für mich ein Rad des Glückes? sprich!

Geist.

Es stirbt in mir – o Julius – mich –
Mich stirbt’s, ich selber sterbe nicht,
Ich bin schon todt! wie Alles zusammenbricht!
Hin! hin! ach tief! tief, wie man im Fieber
Durch Wolken stürzt; lasse, Lieber,
O laß dein Schwert heut’ in der Scheide!
Du scheinst dem Tode eine Augenweide;
Denn umkreiset seh’ ich dich von schwarzen Raben;
Aber warum? Heil den Todten, daß sie bald dich haben!
Ich selber schicke deinen Tag herbei;
In meinem Grab ist Raum genug für drei!
(Verschwindet.)

Julius Vindex.

Wieder Alles fort! Es war halb Traum,
Halb Fantasie, wo eins dem andern
Die trügerischen Farben lieh.
Auch brennt die Farbe wieder, aber blau;
Die Morgennebel dampfen,
Die Sonne schirrt die Rosse an;
164 Nun, auch die unsern stampfen
Und spitzen ihre Ohren glau –
Das Würfelspiel des Tags geht an –
Ob Nero fällt, ob sich die Meinen müssen
Dem Tode geben? Gott mag’s wissen.
(Tritt hinaus.)

Draußen im Lager.

Soldaten, die aus ihren Mänteln hervorkriechen. Ein Trompeter bläst.

Erster Soldat. Was das wieder für ein nüchterner, ungewaschener und ungekämmter Ton ist.

Zweiter Soldat. Der Kerl bläst, als wenn er das Aufstoßen hätte. So ein Hallunk war Heinz nicht, der früher für die Kompagnie geblasen hat, als er noch lebte.

Dritter Soldat. Der Neue ist ein gefangener Trompeter von drüben, den sie in unsere Uniform gesteckt haben, und der nun aus Patriotismus falsche Noten bläst.

Erster Soldat. Aber ich muß euch sagen, ihr beiden Leute riecht schon ganz nach Verwesung; ihr überlebt den Tag 165 nicht, und würdet gut thun, mir euer Geld zu geben. Denn seht, man hat mir prophezeiht, daß ich in diesem Jahre 365 Tage vor dem Tode sicher bin.

Zweiter Soldat. So gibt es immer noch einen Tag, wo du gehangen werden kannst; denn dies Jahr ist ein Schaltjahr, du Schalk!

Dritter Soldat. Auch ist mein Vorschlag besser. Wir wollen alle drei unsere gemeinschaftlichen Vermögensumstände theilen, so daß auf jeden gleich Part käme. Schießt zusammen, wir machen drei Haufen.

Erster Soldat. Willst du deine Haare mit hinzulegen, die ich dir ausraufen werde, du Kopfrechner!

Zweiter Soldat. Freilich, könntest du sie auf deine Glatze kleben, sie würden dir nicht übel stehen.

Dritter Soldat. So? gehen Einem also die Haare aus, wenn man einen Wallfisch zur Frau hat?

Zweiter Soldat. O stichle nicht auf seine Frau, sie ist nur mit Stechen zufrieden.

166 Erster Soldat. Mein Weib ist ein gutes Weib, sie ist noch lange keine böse Sieben. (Er legt sich wieder.)

Dritter Soldat. Aber schon lange eine böse Sechs.

Erster Soldat (auffahrend). Was? Mein Weib eine Hex? Du Schuft, weißt du, daß meine Kinder mir alle ähnlich sehen?

Zweiter Soldat. Das müssen sie wohl, du hast ja deinen Bruder zum Wächter bei ihr zurückgelassen.

(Die Umstehenden lachen.)

Erster Soldat. Ihr habt gewiß geträumt, ihr seyd nicht nüchtern gewesen; und nun ihr aufwacht, seyd ihr in der That betrunken. Habt doch Lebensart!

Hauptmann. Ruhe ihr deutschen Dorfteufel! Ihr müßt immer eure Schlafmützen über’s Ohr ziehen und euch von Federvieh und Hahnreischaften unterhalten. Rührt euch denn diese Natur, das Wunder-Italien nicht?

167 Zweiter Soldat. Ich will Ihnen nur sagen, Herr Hauptmann, mein Kamerad ist etwas kurzsichtig.

Dritter Soldat. Ja, und das kommt daher, weil ihm seine Kinder aus den Augen geschnitten sind.

Erster Soldat. Glauben Sie’s nicht, Herr Hauptmann. Dieses Italien ist in seiner Art einzig; ich schwärme über dem klassischen Boden, wo die Citronen blühen, und bewundere, wie sich Ulmenbäume hier um die Rebe ranken.

(Wird allgemein ausgelacht. Trompetenton. Getümmel der Schlacht.)

Kommando Diesseits und Jenseits.

Diesseits.

Hart am Hügel
Halte sich der linke Flügel!

Jenseits.

Sie machen einen Bügel,
Schnell gebt dem Roß die Zügel!

Diesseits.

Gemach, gemach!
Die Glieder halten nicht zusammen.

168 Jenseits.

Auch ihr nicht allzujach!
Allmählich zünden sich des Kampfes Flammen.

Ein verwundeter Rekrut (am Boden). Mich stört nur Eins: daß ich zerrissene Stiefeln habe. Wie nur das gekommen seyn mag? Hab’ ich mich denn so beeilt, da anzulangen, wo ich jezt bin, nämlich eine Handbreit vom Tode? Mein Nachbar da ist noch sehr gut besohlt und vervorschuht; freilich, in zehn Minuten ist’s aus mit mir und mit meiner Eitelkeit; aber ich trage das Nicht; ordentliche Stiefeln muß ich an den Füßen haben, sonst stolpere ich ungeschickt aus der Welt. (Er kriecht fort.)

Zwei verwundete Brüder.

Erster. Weiter kann ich nicht. Gut, Camill, daß du in der Nähe bist.

Zweiter. Ja, nahe genug, Sulpiz, um dir deine betrügerische Zunge auszureißen.

169 Erster. Heiliges Blut meines Körpers! verströme nicht zu schnell, daß ich den Meineid eines Menschen züchtigen kann, den die schadenfrohe Natur mit mir aus einem Leibe geboren werden ließ!

Zweiter. Schon als Embryo, du Hund, wie ich mit gesenktem Kopfe und verschränkten Armen dir gegenüber saß in den Eingeweiden unserer Mutter, kniff ich blaue Flecken in deinen Leib, und selbst im Grabe wird sich noch die todte Materie meiner Person instinktmäßig auf dich werfen. Zieh!

Erster. Ich habe gehungert, wenn du am Tische warst, und jedes Spiel verlassen, zu dem du dich geselltest. Ich habe dich des Nachts im Bette überfallen und dir heimlich die Haare abgeschoren, wenn du schliefest. Es ist Alles noch so; ich habe gezogen!

Zweiter. Die Wunde schmerzt; aber diese Quart nimm hin, du Scheusal, auf dem unsere Familienphysiognomie in’s Unehrliche sich ausgeprägt hat, nachgemachte Copie meiner selbst!

170 Erster. Ich war früher da, als du Camill; aber der Tod ist mir auf der Zunge! aber nimm diese Terz! aber sie trifft dich nicht, du Spiegelfechter! Mich trifft sie. Ich bin aus. Legt mich zu dem Menschen nicht!

Zweiter. Ich komme auch zurück, zurück auf nichts, auf ihn, aber nicht zu ihm! Er stahl sich in den Leib meiner Mutter hinein; vom Vater hat sie ihn gar nicht empfangen, das Thier, das wilde, das todte – auch ich – (Beide sterben.)

Der verwundete Rekrut von früher. Kann nicht hin zu meines Kamerads seinen Stiefeln, und muß mich hier ärgern, während es immer ärger mit mir wird. Die Zehen gucken heraus. Ich kann sie mir erkälten. He, Kamerad! Der Kerl schläft und hat so hübsche Stiefeln an. Muß ich also barfuß aus dem Leben gehen – werde mich erkälten, wie ich hier liege – wenn nur wenigstens meine Stiefeln nicht zerrissen wären. O, ich glaube gar, nun geht’s ab. Was wird doch der Hauptmann sagen, wenn meine – zerrissene – (Stirbt.)

171 Diesseits.

Zurück! der rechte Flügel ist gewichen;
Bald ist die Linie wieder ausgeglichen.

Jenseits.

Seht, seht, sie werden lahm, sie ringen,
Sich wieder in’s Geleis zu bringen.

Diesseits.

O ihr metallenen Adler, krallt
Euch in die Nacken der Legionen ein!
Und zieht mit Scham und mit Gewalt
Sie in den Kern des Feinds hinein!

Jenseits.

Nur zu! nur zu! wer jezt sich wacker hält,
Wird einst beim Steuerwesen angestellt!
Wer stirbt, dess’ Sohn wird Militärkadett,
Die Tochter aber nimmt der Kaiser in’s Ballet.

Der erste Soldat von früher. Gewisse Dinge gibt es doch, die sehr ungewiß sind. Dazu gehört unter anderem alles, was jenseits des Grabes geschieht. Ich wäre des Todes, wenn ich sterben müßte! Wenn ich mir so plötzlich abhanden käme, ich wüßte nicht wie! Das ist mein Alles, des Morgens aufzustehen, und mich immer wieder so 172 gesund und munter anzutreffen, wie ich des Abends vorher gütigst zu Bette gegangen bin. Wenn ich dann mit Respekt zu mir sagen kann: guten Morgen, Heinrich! Und betrachte mich von allen Seiten und bin noch immer der alte Heinrich mit seinen proportionirten Gliedern, seiner steifen Haltung und der kleinen Haarlocke vor dem linken Ohr. Und wenn ich nun plötzlich eines Morgens dieses Gemisch von Annehmlichkeit und feinem Wesen vermissen sollte! Wenn ich mich auf meinem Tod überraschte, was würde ich sagen! Und was würde meine Frau sagen, wenn ich gestorben nach Hause käme, oder sie auch nur an mir eines der vorzüglichsten Glieder meines Körpers vermißte! Aber was ist das? Mir wird schwach. Ich sehe Blut von mir rinnen, ohne daß ich’s fühle. Was – sind – denn – das – für – Narrenspossen! (Stirbt.)

Die gallischen Legionen auf der Flucht.

Die Legionen.

Auf dem Blute unsrer Wunden gleiten wir schon selber aus;
Nicht die Schwerter unsrer Feinde treiben uns zum Feld hinaus.
173 Luft, Luft in den Massen! Athem bei dem allgemeinen Morden!
Denn es ist, als sind wir mit dem Weltmeer übergossen worden.
Weicht zurück, und laßt vom Himmel nur ein Tröpfchen Blau mir wieder,
Ach, von dem geronnenen Blute sind verklebt die Augenlieder!
Kein Ersatz? Kein Wink der Gottheit? Nichts, als leicht geknickte Aehren,
An die unsere Rücken lehnen! Wenn wir nur gefallen wären!

Julius Vindex.

Haltet Stand, ihr Memmen,
Laßt euch vom feigen Strom nicht weiter schwemmen!
Bleibt! Sie hören nicht,
Und meine Hoffnung kracht und bricht;
Da rafft Zerstörung Alles hin!
Blutige Nieten statt rosigen Gewinn!
’S ist Sterbenszeit; ein Rabe kreist
Schon lange um mein Haupt und weist
Hinaus in's Leere, in die Nacht,
Die mich mit allem, was ich schaffen mochte,
174 Die Flamme mit dem Oel und mit dem Dochte,
Nun bald zur Ruh’ gebracht!
Und das war nichts – ich rang
Eine Kette von Zweifeln mich entlang,
Wollte mir die Welt zum Ideale bauen,
Und aus dem kalten Marmor Götter hauen,
Wollte das stürmende Rad der Zeit
Aufhalten, Friede bringen in den Streit,
Friede, der aus blutgetünchtem Boden sprösse;
Ich rang, wie ich der Tugend ihre Größe,
Der Ehre ihre Ehre wieder brächte,
Ob ich das Alte nicht am Neuen rächte –
Und sinke hin, ein Opfer meiner selbst;
Zerschmettert von dem eisernen Geschick,
Das Niemanden läßt vor noch rück –
Mit aller meiner Tugend, meiner Spröde,
Mit meiner abgemessenen Rede,
Mit meiner Pietät, mit meinem Beten,
Jezt wie ein Wurm zertreten!
O hört es, Menschen, hört!
Wir werden durch uns selbst bethört;
Natur gab uns ein irdisch Kleid,
Materie als Waffen gen der Materie Streit.
Liebäugelt nicht mit dem, was über Euch!
175 Macht’s Euch bequem im ird’schen Reich,
Genießt! Seyd Herren Eurer selbst! Die Götter
Stehen ob der Erde nur als feige Spötter.
Der Erde seyd Ihr angetraut,
Die Finsterniß und das Gelüst ist Eure Braut,
Steigt nicht in’s fremde Ehebett,
Das jenseits im Alkov der Träume steht!
Der Tag gibt die Gesetze an; und spreizt
Euch nicht, dem Augenblick zu widerstreben!
Wer seinen Körper mit Kasteien beizt,
Gewissensschüchtern strebt zu leben,
Wer so abstrakt als tugendhafter Mann
Sich schreibet an des Tages Ordnung an,
Der hat sich selbst den Weg gehemmt,
Und muß, noch eh’ der Schnitter kömmt,
Versuchen, ob, was hier verloren,
Ihn äfft noch einmal an des Jenseits Thoren.
(Er richtet sein Schwert vor sich auf und stürzt sich hinein.)

176 X.#

Das brennende Rom.

Dachstube. Eine bescheidene Familie. Abend.

Vater. Nun, Kinder, tretet heran und faltet die Hände!

Mutter. Und betet euren Abendsegen! Der kleine Bruder schläft schon.

Erstes Mädchen. Wir danken dir –

Zweites Mädchen. Lieber Herrgott –

Erster Bube. Wir danken dir, lieber Herrgott, daß du uns wieder einen Tag hast leben lassen –

Zweiter Bube. Und uns genähret hast –

Erster Bube. Mit Speis’ und Trank –

177 Alle. Nach dem Bedürfnisse unseres Leibes; aber himmlisches Brod und unvergänglichen Trank, Lehre, Vermahnung und Unterricht uns gegeben, daß wir leben lernen nach deinen Geboten und dereinst sterben in deiner Verheißung. Amen.

Mutter. Nun, ihr Großen, gebt auf die Kleinen Acht, daß sie nichts verkehrt thun, und sie endlich einmal lernen, sich selber aus- und anziehen. Vater hat genug daran zu thun, Euch auf den Leib was anzuschaffen.

Vater. O laß das! tauche die Phantasie dieser Lieben nicht zu früh ein in das schwarze Elend, wovon sie nie etwas ahnen sollten, so lange sie Reichthum und Armuth nicht von einander unterscheiden können. Sieh, wie schnell der Schlaf, der Zauberer aller Freuden, sie umfangen hat! Und in der Lage, die sie sich gegeben haben, wenden sie sich wie die Sonnenblumen unwillkührlich nach dir hin und träumen, nach dir die geschlossenen Augenkelche gerichtet, von Feen und vom Paradiese. Du bist ihre Sonne und ihr Mond.

178 Mutter. Wo nur die Große bleibt! Aus dem Sitzen in Sommernächten vor der Hausthür kömmt nichts heraus. Da gewöhnen sich die Mädchen an üble Nachrede über die Nachbarn und kommen selbst hinein. Und junge Bursche gesellen sich wohl gar zu ihnen und schneiden so viel schnakisches Zeug auf, daß die Mädchen in eins fort kichern und sich anstoßen über die dummen Bengel, sie wissen selbst nicht warum?

Vater. Was hilft's, Mütterchen? Liebe regiert die Welt. Wer hat’s von uns besser gemacht? Sieh, da kommt sie; sag’ ihr nichts, sie gleicht dir auf ein Haar, wie du früher warst; das Mädchen ist meine Freude.

Mutter. Wo steckst du denn so lange? Wie du aussiehst! Dein Gesicht glüht wie Feuer, deine Augen sind ganz närrisch; wo bist du gewesen? Kreatur, willst du uns unglücklich machen?

Vater. Mütterchen, laß doch nur! Sag einmal, Kind – was ich doch gleich sagen wollte, du bist ja so roth, 179 so ängstlich: dir muß was geschehen seyn. Die Mutter grämt sich.

Das Mädchen weint. Ein junger Mensch stürzt herein und zu den Füßen der Alten.

Der junge Mensch. O Verzeihung! Ich bin an Allem Schuld. Ich liebe Ihre Tochter, und muß mich um’s Leben bringen, wenn Sie mich nicht zu Ihrem Schwiegersohn nehmen. Hübscher Leute Kind bin ich und Horndrechsler ist mein Vater, und dieselbe Profession hab’ auch ich. Bin jung und fleißig, und habe jezt einen Narren gefressen an Ihrer Jungfer Tochter; ach Gott!

Mutter. Ja, so kann Mancher kommen. Meine Tochter ist nicht so, wie man eine auf der Straße kennen lernt. Sie kann nähen, stricken, bügeln, weiß mit Putz- und feiner Handarbeit umzugehen, und kann auch wohl waschen (was Schade für die zarten Finger! daß du mir nicht gestohlen wirst!). Und wenn das Alles auch so wäre und sie auch was mitverdienen könnte für die Wirthschaft, so sind Sie uns doch ganz unbekannt, obschon sie ganz wie ihre Mutter ist; allein aber ich bin ihre Mutter, sehen Sie, und das ist ihr Vater und an die müssen Sie sich wenden 180und so einem unschuldigen Mädchen keine Fickfackereien in den Kopf setzen. Sehen Sie?

Der junge Mensch. Ach Gott! ach Gott! ich mein’s ja ehrlich, sehen Sie!

Vater. Na, mach’ doch dem jungen Menschen kein Herzeleid. Setzen Sie sich gefälligst! Ihr Herr Vater war ja auch immer ein sittsamer, feiner junger Mensch, früher; jezt freilich ist er alt, und mag auch sein Päckchen zu tragen haben. Es war heutigen Tags ein recht schöner Abend –

Der junge Mensch. O ja, recht sternenklar. Ja ’s ist selten um die Jahreszeit. Da hab’ ich so meine Beobachtung gemacht. Um Johannis herum, wenn die Nachtigall zu schlagen aufhört, sehen Sie, wo die Tage schon kürzer werden, da ist doch selten ein Abend, wo man nicht draußen sein Bett in’s Freie setzen möchte. Ach Gott, Sie haben ja da eine Nachtigallenhecke.

Vater (verschämt). Ja, ich hab's einmal probirt. ’S kommt aber nix heraus.

181 Mutter. Ja, der mit seinen Vögeln! Kommen Sie nur darauf, dann hört er nicht wieder auf.

Der junge Mensch. Ach, es geht doch aber auch nichts über eine Nachtigall! Sonntags Morgens, wenn die Sonne noch nicht aufgegangen ist, bin ich im Frühjahr immer draußen. Sehn Sie, aber immer vor’m Mai muß man Nachtigallen fangen, sonst singen sie spottschlecht später im Bauer, und verdienen's Futter gar nicht. Wo ich eine gehört habe, da mach’ ich dann in der Erde eine kleine Grube und lege Mehlwürmer hinein, und darüber leg’ ich ein Bügelnetz aus zwei Bügeln, die mit Garn umstrickt und mit einem Stellholz wie ein Meisekasten aufgestellt sind. Nun geh’ ich weg. Meine Nachtigall hat immer zugesehen, und dermaßen neugierig ist so ein dummes Vieh, daß es gleich heranfliegt, um zu sehen, was ich da gemacht habe. Und ich stehe hinter’m Busch und pfeife immer Witt-Krr! Witt-Krr! Oder ist’s ein Sprosser: Hi! Glock-Urr! Hi! Glock-Urr! Nun sehen Sie, nun ist sie gefangen.

182 Vater. Mutter, was der Mensch erzählen kann; und die Worte sezt er so hübsch!

Der junge Mensch. Nun geht’s aber erst recht an. Meine Nachtigall steck’ ich in den Beutel, aber behutsam, daß der Schwanz keinen Schaden leidet. Denn sehen Sie, wie wunderbar, so ein Thier singt eigentlich mit seinem Schwanz! Nun gleich in den Bauer, und nun gleich Miereneier und Mehlwürmer und frisches Wasser, und nun ist das Spitzbubending trotzig und rührt nichts an. Dann aber gar keine Umstände gemacht und die Nachtigall gefaßt und ihr hineingestopft, was das Zeug hält, und manchmal des Tags, und so, bis sie’s selbst lernt oder sie nicht mehr tückisch ist. Auch gekochtes Rinderherz, auf einem Reibeisen zerrieben, oder Mohrrüben, was die Gedärme geschmeitzig hält, auch gehacktes Rindfleisch; ich versichere Ihnen, eine Nachtigall frißt alles, wenn nur Fleisch drunter ist.

Vater. Mutter, doch ein gescheuter Kerl! Der hat schon was mitgemacht.

183 Mutter. Ich hab’ auch gar nichts dagegen, hat er sein Auskommen –

Der junge Mensch. Ich sag’ Ihnen, was Nachtigallen anlangt, da bin ich Meister. Aber wenn man ein ganzes Nest ausnimmt, das ist doch das Schönste, obschon es die Polizei nicht haben will. Sehen Sie –

Vater. Ach ne, Jungechen! Keine Nester nicht ausnehmen! Ne! ne!

Der junge Mensch. Ja was! ich nehme ja die Alten mit –

Vater. Ne wirklich – ’s ist einmal – die Polizei will’s nicht haben; aber besuchen Sie mich, gucken Sie nach meinen Hecken, wo’s hier und da fehlt; es ist eine Dachstube, wir schlagen uns auch so durch die Welt; nun, du lieber Gott, satt essen können Sie sich auch noch des Abends, wenn’s gerade Kartoffeln giebt. Gute Nacht, und das Uebrige wird sich schon finden; Sie sind kein gewöhnlicher Mensch, das seh’ ich, und grüßen Sie Ihren Herrn Vater unbekannter Weise, oder wenn er sich noch meiner erinnern 184 sollte; ich bin auf der Wanderschaft einmal in einem Städtchen gewesen, wo er drei Jahre früher gewesen war oder gewesen seyn soll. Und machen Sie keine Umstände, wir machen auch keine. Leuchte doch dem Herrn!

(Die Tochter und der junge Mensch gehen hinaus.)

Mutter. Mir fallen die Augen zu. Was d'raus werden soll! Hy – ah! ja – ich geh’ zu Bette.

(Ab; die Tochter kehrt zurück.)

Vater (küßt sie). Kind, ich muß weinen. Es freut mich, daß man Freude an dir erlebt, und daß du dich nicht an so einen Windbeutel gehangen hast; sondern es ist ein ganz gesezter Mensch, und wenn er sich erst niederlassen wird, so wird der Segen auch nicht ausbleiben, und hör’ einmal, sey nur immer hübsch allegro um die Mutter herum; du weißt, sie ist wunderlich; aber sie hat auch ihre Noth. (Ab.)

Tochter (auf den Knien). O Himmel, ich danke dir, daß du meinen Träumen endlich Erfüllung gegeben hast! Ach, ist es denn wahr, daß ich ihn lieben darf? Bin ich dieser Gnade werth? O ich fühle mich stark, ihm sein Leben zu 185 versüßen. Ich will der Wink seines Auges, das erfüllte Echo seiner Wünsche und der Trost seines Mißgeschicks seyn. Nun weiß ich erst, warum ich auf die Welt gekommen bin. Ach, ich dummes Ding! Horch! er ruft unten –

Unten. Gute Nacht, süßes Herz!

Tochter. Gute Nacht! Gute Nacht! Auf Wiedersehen! (Sie schließt das Fenster.)

________

Auf der Straße.

Zwei Bürger.

Erster. Wenn ich nur wüßte, was in der Luft stäke!

Zweiter. Was soll drin stecken? Luft ist Nichts und Nichts in Nichts? Ha ha!

Erster. Nein, nehmen Sie mir nicht übel, es ist ein ganz verdammt pestilenzialischer Geruch, der Einem um die Nase spürt.

186 Zweiter. Hm, hm. Sollten die kapitolinischen Gänse schon wieder faule Eier gelegt haben?

Erster. Herr Jesus! da fuhr ein ganz blauer Lichtstreifen vor meiner Nase vorüber.

Zweiter. Müssen Sie denn Ihre Nase in Alles stecken?

Erster. Aber in die Luft werd’ ich sie doch stecken können, Herr! und mit dieser römischen Luft, mit dieser mehr als gemäßigten, beinahe tropischen Atmosphäre ist etwas vorgegangen –

Zweiter. Ja, wahrhaftig –

Erster. Haben Sie’s gesehen?

Zweiter. Ein ganz langer Lichtstreifen zog vor mir vorbei, wandte sich links, dann halb rechts, flammte auf und ist verschwunden. Dort alle Häuser leuchten blau. Was ist das für Luft? Ich ersticke –

(Sie verschwinden beide in den aus den Häusern schlagenden Flammen.)

187 Stimmen (aus der Dachstube von vorhin). Hilfe! Hilfe!

Von Unten. Ganz Rom geht in Feuer auf.

Von Oben. Hilfe! die Kinder!

Von Unten. Die Tiber hat sich in Feuer verwandelt.

Andere. Nein, sie ist abgeschüzt; man hat kein Wasser, um zu löschen.

Andere. Rettet! rettet!

Ein Bürger. Wonach soll man nur greifen in der Eile! Ich habe meine Uhr auf dem Tische liegen lassen! Ich muß –

Ein anderer Bürger. Mein Geld ist da, aber den Beutel ließ ich liegen; ich kann doch nicht ohne Beutel –

Ein Bube (weinend). Ich bin drei Stock herunter gesprungen; aber ich habe vergessen, die Kammerthür zuzumachen. Wie das brannte! Wenn meine Mutter nach Hause 188 kömmt, und die Kammerthür ist offen und die Katze ist doch wieder in die Stube gekommen – und genascht habe ich auch und die Deckel nicht wieder auf die Teller gelegt – ich muß hinein –

(Alle stürzen, um das Versäumte nachzuholen, in die Flammen.)

Von Oben. Hilfe! Hilfe!

Der junge Mensch (von früher). Platz! Platz! Hier die Leiter heran! Es kommt schon – nur Geduld da oben – einen Augenblick! Es kommt –

Von Oben. Er ist’s – schnell, schnell, wir ersticken –

Der junge Mensch. Die Leiter wird doch halten? Ich komme –

Von Oben. Barmherziger Gott, die Leiter bricht ein –

Der junge Mensch (unten liegend). Das Genick zerbrochen – ach – ach –

(Oben Alles still. Die Flammen bedecken das Gemälde.)

________

189 Auf der Villa des Mäcenas mit der Aussicht auf den Brand Roms.

Nero im Purpurmantel, mit einem Lorbeerkranz und die Lyra in der Hand; in der Nähe die Seinigen.

Nero.

So loderte zusammen, was Homer beschrieb,
So stand ein Leib, der hundertfältig trieb,
Die welke Hekuba, am Thrazierstrand,
Und spähte weinend, wo einst Troja stand.
Wie schön, wie schön! Die gierigen Feuerzungen
Erzählen wieder, was die Zeit verschlungen;
Sie lecken, daß es funkt und sprüht,
Mir aus der Seel’ ein Flammenlied.
Wälzt der Mäander diese Gluthen an?
Ist es Neptun, der, seinen Groll zu stillen,
Auf Troja’s blumenreichen Plan
Dem Ocean läßt Pech und Brand entquillen?
Gewiß, das Roß, das täuschend leere,
Ward nur gezimmert ihm zur Ehre!
Und wie die Nacht die sammetweichen
Unheimlichschwarzen Flügel senkt,
190 Wird leis die Rippe ausgerenkt,
Und aus dem Holze sieht man schleichen
Das Eingeweide, diesmal Griechenfürsten,
Die nach dem Blut der Teukrer dürsten.
Wohl jenen Ersten, die im Schlaf
Der Stahl der Griechenrache traf!
Bald wird es laut, man hört die Thore stürzen
Und wie Gefechte sich zusammenschürzen
In Troja’s Straßen, die sich bald erhellen
Von ringsum losgelass’nen Feuerquellen.
Nun sieht man, welche Waffen wüthen,
Die Helm und Schilde sind erkannt,
Die draußen sonst am Meeresstrand
Wie unter’m Schmiedeambos glühten:
Es sind dieselben, ja, die oft gehemmten;
Doch wo sind die, die sich entgegenstemmten?
Verzweiflung macht den überraschten Krieger
Schnell wählen, was er gerade fäßt;
Doch was ist selbst der aufgeschreckte Tiger,
Wenn man ihn rings nichts sehen läßt
Als Flammenbündel, die das Auge blenden,
Und Jäger gleich wie Schatten an den Wänden?
191 Hier ist kein Ausweg mehr; Troja ist reif,
Und dicht geschaart, ein einziger Sichelschweif,
Mähn ohne Aufenthalt die Myrmidonen;
Jezt ist es Zeit, mit Wucher zu verlohnen,
Daß einst die Schiffe, die am Ufer standen,
Durch Hektors Löwenmuth in Asche schwanden.
Hektor ist todt; ach, eine Thräne dem,
Der eben dort zum zweiten Male stirbt!
Denn seht, der um des Vaters Lorbeern wirbt,
Achilles Sohn, das Thier Neoptolem,
Stürzt den Astyanax, den Stab
Andromachens von einem Thurm herab!
Noch immer endet nicht die blutige Vehm,
Noch immer keucht Neoptolem,
Er klimmt hinauf auf Pergam's Zinnen,
Auf Troja’s Königsburg, worinnen
Aus Weibermund Gebete quillen
Zu Göttern, die sich in des Idas Wolken hüllen.
Durch des Dardans uralte Mauern
Zieht noch allein ein fröstelnd Schauern,
Ein Ahnenruf und Priamus
Rafft sich noch einmal auf, die Nebel
192 Des Alters stößt er weg mit seinem Fuß
Das Auge zittert und er fäßt den Säbel!
Doch Pyrrhus lacht, wie die Hyäne lacht,
Und stößt sein Schwert, von dem Achill geerbt,
Dem Greise in die Brust, der Boden färbt,
Wie er ihn schleift mit blinder Wuth,
Sich aus der Adern altem Schacht
Weit mehr mit Wasser, als mit Blut.
Und daß man deutlich lese ihre Schrecken,
Hat eine Riesenflamme sich die Nacht,
Ein kolossales Opferbecken,
Rings für die Völker angefacht;
Der Stern ist überhellt, und wenn der Tag sich wendet
Wird selbst die Sonne hier geblendet.
Im fernsten Ocean, wenn diesen Brand
Der Schiffer sieht, glaubt er den Strand
Von Asien sich nahe, wenn auch gleich
Noch weit an Herkul’s Säulen,
An der Numidier schwarzem Reich
Die Anker seines Schiffes weilen.
193 Die Fische tauchen auf im Meere weit,
Geblendet oben von dem rothgefärbten Himmel,
Und unten von dem glänzenden Gewimmel
Der Schätze aus versunkener Herrlichkeit,
Die bei den in das Meer geschnittenen Kerfen,
Jezt ihre diamantenen Lichter werfen.
O welch ein Tag! welch eine Nacht! wie selig
Wenn sich der Phönix aus sich selbst entzündet!
Ich fühle, wie den Lavaweg allmählig
Die Wonne der Vernichtung in mir findet.
Ich möchte sterben, möchte untergehn,
Am Winde wie der Staub verwehn.
Lebt, lebt die Poesie! und sterbt
Wenn Ihr um die Begeisterung werbt!
Verblutend an Eurer Helden Wunden
Müßt Ihr Euch selber zum Gedichte runden!
Ein Schwert herbei, deß scharfer Spiegel
In meinem Blute soll erblinden!
Auf Troja’s Aschenhügel
Soll man mich nur als Asche finden.
(Die Sklaven weigern sich.)
Ihr zögert? Euch kann man
Den Weltkreis zünden an,
194 Ihr werdet bei der Flamme leuchten
Das Kleine und Bedenkliche nur beichten.
Wo ist das Schwert, das, wenn mein Blut entquoll
Draus wie die Feuerlilie ragen soll?

Phaon (der Freigelassene tritt heran).

Phaon.

Wer hätte Muth zu diesem Stoß?
Inzwischen wurde die Gefahr so groß,
Daß du durch dich weit besser untergehst,
Eh’ als Gefangener du vor Galba stehst.

Nero.

O Troja! o beweinenswerthe Stadt,
Die an das ewige Firmament,
Daß ihr Gedächtniß ewig brennt,
Sich unauslöschlich angeschrieben hat!
O große Feuersäule
Nur einen Augenblick noch weile,
Daß ich mit deinen ewigen Ehren
Zugleich mich selber darf verzehren!

Phaon.

O Herr, die Legionen brechen
Aus ihrem Lager, Julius Vindex zu rächen.
Sie nahn, umgehn die Burg im Ringe,
Ob Einer dich lebendig finge.

195 Nero.

Aeneas mag in ferne Lande
Enflieh’n mit theurem Raub!
Ich will mit Troja's Sande
Vermischen meinen Staub.
Wem bin ich etwas werth?
Herbei ein Schwert! ein Schwert!

Phaon.

Was thu’ ich nur? Es schweifen
Schon lange Kriegerstreifen
Durch das Gebüsch – hier hilft nichts mehr –

Nero.

Ein Mörder her!
Stoßt zu und werft dann mein Gebein
In Troja’s Brand hinein!

(Phaon ersticht ihn.)

Hinter der Scene. Heil! Galba Heil!

Phaon.

Er lacht im Tod – des Mundes Bogen
Ist süß und anmuthvoll gezogen!
Noch wie von Wollust schwillt
Ein jeder Zug an diesem Todtenbild!
196 Er streckt die matten Glieder
Wie im Bewußtseyn eines Sieges nieder.

Hinter der Scene.

Heil! Galba Heil!

Phaon.

Und immer matter die Todesfackel brennt,
Daß man von Rom die wenigen Reste,
Die Trümmer aus dem Flammenfeste,
Mit nassem Auge wieder kennt!
Hier lischt die Flamme, dorten bricht
Sie wieder an wie Höllenlicht;
Ein finstrer Qualm ist, wie ein Kragen,
Rings um die Glut herumgetragen.
Dort eine neue Säule, ha!
Was für ein Wunder zeigt sich da?
Ein Schlangenpaar mit rothen Adern
Auf grünem Grunde, wie bei Marmorquadern,
Steigt aus der Lohe auf,
Und an der einen Schlange Kopf und Knauf
Hat mit gigantischer Gewalt
Ein Riesenweib sich eingekrallt!
Wie sich die großen Zirkel winden,
Die Glieder bald zusammen binden,
197 Bald gierig durch die Lüfte schießen!
Wem gilt des Weibes Grüßen?
Dem Ungeheuer, das hier liegt
Und lachend sich im Tode wiegt?
Ist dieses Weib mit Schlangenhaare
Die Greisenmutter der Cäsare?
Sie winkt nach Afrika – o kehre nie
Mit deinem Gift und Wahnsinn wieder,
Daß endlich statt der leeren Phantasie,
Statt trügerischer Lieder,
Sich aus der bösen Zeit
Erbaue eine bessere Wirklichkeit!

Apparat#

Bearbeitung: Anne Friedrich, Halle#

1. Textüberlieferung#

1.1. Handschriften#
1.1.1. Übersicht#

Es sind keine handschriftlichen Überlieferungsträger bekannt.

1.2. Drucke#

Vor dem Erscheinen der Buchausgabe seines Dramas Nero im September 1835 veröffentlichte Gutzkow schon ein Jahr zuvor im „Morgenblatt für gebildete Stände“ einen ersten Auszug. Dieser trug den Titel Philosophie, Despotismus und Rhetorik und war mit einer Erklärung des Autors über sein im Entstehen begriffenes Stück versehen, das den Titel Jupiter Vindex tragen sollte (→ Dokumente zur Entstehungsgeschichte; → Textzeugnisse Gutzkows zu Nero). Bei dem Auszug handelt es sich um Szene IV (S. 86-108 unserer Ausgabe). Im Januar 1835 folgte ein weiterer Auszug im „Morgenblatt“, betitelt Ein Dichterthee bei Nero, Szene VI des Dramas (S. 120-137 unserer Ausgabe). Der letzte Vorabdruck im April 1835 war der Prolog (S. 47-50 unserer Ausgabe). Zu diesem Zeitpunkt hatte Gutzkow seinem Stück den Titel Nero gegeben. Der selbständigen Buchausgabe von 1835 folgten weitere, überarbeitete Drucke im Rahmen der Gesammelten Werke (1845) und der Dramatischen Werke (1863 und 1872). In den letzteren beiden Auflagen änderte Gutzkow den ursprünglichen Untertitel Tragödie zu Tragikomödie.

J Karl Gutzkow: Philosophie, Despotismus und Rhetorik. In: Morgenblatt für gebildete Stände. Stuttgart und Tübingen. Nr. 217, 10. September 1834, S. 865-867; Nr. 218, 11. September 1834, S. 871-872; Nr. 219, 12. September 1834, S. 874-876; Nr. 220, 13. September 1834, S. 877-878; Nr. 221, 15. September 1834, S. 882-883; Nr. 222, 16. September 1834, S. 887-888; Nr. 223, 17. September 1834, S. 890-892 (Rasch 3.34.09.10). Karl Gutzkow: Ein Dichterthee bei Nero. Aus Jupiter Vindex. In: Morgenblatt für gebildete Stände. Stuttgart und Tübingen. Nr. 20, 23. Januar 1835, S. 77-78; Nr. 21, 24. Januar 1835, S. 82-83; Nr. 22, 26. Januar 1835, S. 85-86; Nr. 23, 27. Januar 1835, S. 89-90; Nr. 24, 28. Januar 1835, S. 94-95 (Rasch 3.35.01.23). Karl Gutzkow: Prolog zum Trauerspiel Nero. In: Morgenblatt für gebildete Stände. Stuttgart und Tübingen. Nr. 81, 4. April 1835, S. 321-322. (Rasch 3.35.04.04)
E Karl Gutzkow: Nero. Tragödie. Stuttgart und Tübingen: Cotta, 1835. (Rasch 2.7)
A1 Nero. Tragödie. In: Karl Gutzkow: Gesammelte Werke. Vollständig umgearbeitete Ausgabe. Bd. 1. Frankfurt/M.: Literarische Anstalt, 1845. S. 101-232. (Rasch 1.2.1.3)
B2 Nero. Tragikomödie. In: Karl Gutzkow: Dramatische Werke. Vollständige neu umgearbeitete Ausgabe. Bdchn. 20. Leipzig: Brockhaus, 1863. S. 1-152. (Rasch 1.3.20)
B3 Nero. Tragikomödie. In: Karl Gutzkow: Dramatische Werke. Dritte, vermehrte und neu durchgesehene Gesammtausgabe. Bdchn. 20. Jena: Costenoble, 1872. S. 7-144. (Rasch 1.4.20)

2. Textdarbietung#

2.1. Edierter Text#

E. Der Text folgt in Orthographie und Interpunktion unverändert dem Erstdruck. Textsperrungen werden übernommen. Silbentrennstriche (=) werden durch - wiedergegeben. Die Seitenzählung wird mit Klammern [ ] an den betreffenden Stellen in den Text eingefügt.

Die Liste der Texteingriffe nennt die von den Herausgebern berichtigten Druckfehler. Fehlende oder überzählige Spatien im Erstdruck wurden stillschweigend korrigiert. Sprechernamen vor Figurenreden, in E durch Sperrungen kenntlich gemacht, werden in Kapitälchen wiedergegeben.

Die Seiten-/Zeilenangaben im Apparat beziehen sich auf die Druckausgabe des Dramas im Band: Dramatische Werke. Hg. von Anne Friedrich und Susanne Schütz. Münster: Oktober Verlag, 2009. (= Gutzkows Werke und Briefe. Abt. II: Dramatische Werke, Bd. 1.)

2.1.1. Texteingriffe #

81,V.679 Leuchtthurm Leuchthurm

81,V.688 Gekommen sind zu ihrem Fall Gekommen ist zu ihren Fall berichtigt nach A1

84,4 gestohlen gestohlen.

90,8 Lehrer. Ehe ich heute Ehe ich heute Rednerbezeichnung fehlt in E

96,V.794 Auf dem, Auf dem;

104,7 wie wir

105,V.908 Staate Saate

112,V.1060 ihrer ihre berichtigt nach A1

124,8 eine Jahreszahl ein Jahreszahl

126,V.1330 Tyrann Tyran

127,V.1350 Der Erde Ströme Die Erde Ströme berichtigt nach A1

128, vor V.1368 Chor der Dichter. Chor der Dichter Punkt nach Rednerbezeichnung fehlt

129,V.1408 Terrassen Terassen

166,16 Mohrrüben Mohrüben

167,8 gewesen war gewesen hatte berichtigt nach A1

 

Errata#

Zur Buchausgabe (GWB II, Bd. 1) sind folgende Textkorrekturen zu vermerken:

54,V.34 ja lies: ja (gesperrt)

54,V.50 Greisen lies: Greifen

68,V.382 heiß: lies: heiß;

86,1 V. lies: IV.

94,8 wie lies: wir

100,8 sitzend; lies: sitzend,

106,V.931 seiner lies: feiner

121,nach V.1273 in Bühnenanweisung Die Dichter lies: Die Dichter

122,15 ionischen lies: jonischen

125,3 auch ich lies: auch ich

133,V.1519 zersetzen lies: zerfetzen

133, vor V. 1520 in Bühnenanweisung zusammen getreten lies: zusammengetreten

135, vor V. 1572 in Bühnenanweisung weg scheitelnd lies: wegscheitelnd

135,V.1589 Gang lies: Sang

150,V.1914 Reise lies: Reife

Folgende Korrekturen sind in Bezug auf Texteingriffe zu vermerken:

69,V.400 Phantasie Phantasie, berichtigt nach A2. Dieser Eingriff wurde getilgt.

127,V.1350 Die Erde Ströme Hier hätte ein Eingriff erfolgen müssen; siehe Liste der Texteingriffe.

143,V.1736 fest sest Dieser Eingriff hätte verzeichnet werden müssen. 

 

4. Entstehungsgeschichte#

4.1. Dokumente zur Entstehungsgeschichte#

Karl Gutzkow: Philosophie, Despotismus und Rhetorik. In: Morgenblatt für gebildete Stände. Stuttgart u. Tübingen. Nr. 217, 10. September 1834, S. 865-867. [Einleitung, S. 865.]

Der Verfasser legt hier dem Publikum eine Probe aus einem Buche vor, das unter dem Titel: Jupiter Vindex, in noch ungemessener Zeit, aber jedenfalls vor Beendigung des sächsischen Landtags, erscheinen dürfte. [...]

 4.2. Textzeugnisse Gutzkows zu Nero#

1. Karl Gutzkow: Philosophie, Despotismus und Rhetorik. In: Morgenblatt für gebildete Stände. Stuttgart u. Tübingen. Nr. 217, 10. September 1834, S. 865-867. [Einleitung, S. 865.]

[...] Es schildert, wie man in Rom sechzig Jahre nach dem Aufgange des Sterns im Morgenlande die Musik, die Philosophie, die Freiheit, die Weiber liebte, vor der Tyrannei zitterte, schwieg und starb. Im Vorgrunde stehen Nero, welcher ein Ungeheuer war, das aber vortrefflich sang und noch besser die Cither spielte, und Julius Vindex, der es wagte, die gallischen Legionen gegen den Kaiser zu führen, seine erste verlorne Schlacht aber mit dem Selbstmorde bestrafte. Die nachstehende Scene zeigt, wie die Philosophie es immer verstanden hat, sich durch das Elend aller Zeiten hindurchzuwinden. Man wird es vielleicht auffallend finden, daß in den Repräsentanten jener alten Bestrebungen um den Endzweck aller Dinge die neuen und neuesten Modelle, welche dem Verfasser dabei gesessen haben, so leicht erkennbar sind; aber ist es nicht ein Satz der Aesthetik, für welchen Shakespeare garantirt, daß man die komische Vergangenheit am glücklichsten mit den Farben der Gegenwart malt? und ist es nicht ebenso bekannt, daß sich Hegel einen Schüler des Parmenides, oder Schleiermacher des Sokrates getauften Freund nannte? Irrthümer und Wahrheiten haben zu allen Zeiten dieselbe Physiognomie getragen, womit sich der Verfasser entschuldigen zu können glaubt.

2. Vorwort [zu Nero. Tragödie]. In: Karl Gutzkow: Gesammelte Werke. Vollständig umgearbeitete Ausgabe. Bd. 1. Frankfurt/M.: \Literarische Anstalt, 1845. S. 103.

Was die nachfolgende Dichtung bedeuten will, sagen die beiden vorletzten Verse des Prologs. Sie soll schildern den von der Griechenzeit bis auf unsre Tage noch unentschiedenen Kampf des Schönen mit dem Guten.

Die vorliegende neue Bearbeitung dieses 1835 zuerst erschienenen Gedichtes hatte sich besonders die Aufgabe gestellt, in das Ganze vollere Klarheit zu bringen. Zum Theil haben auch neue Ereignisse zu Dem, was vor zehn Jahren dunkel war, schon den Commentar geliefert.

 

3. Anmerkung [zu Nero. Tragikomödie]. In: Karl Gutzkow: Dramatische Werke. Vollständige neu umgearbeitete Ausgabe. Bdchn. 20. Leipzig: Brockhaus, 1863. S. 153-154.

Der Kampf des Guten mit dem Schönen, ein noch jetzt weder durch die Aesthetik noch durch die Moral entschiedener, wurde vom Autor im Jahre 1834, wo diese Jugendarbeit entstand, lebhafter empfunden, als sich gegenwärtig, ohne ausführliche Schilderung der damaligen Zeit, begreiflich machen läßt. Die allgemeine Richtung war vorherrschend eine ideale. Sie verlangte eine Parteinahme für bestimmt begrenzte Begriffe, ja für stereotyp gewordene Schlagworte der Gesinnung, während zugleich schon damals eine Verallgemeinerung der politischen Begriffe, vorzugsweise ins Socialistische, im Werke war. Letztere Umwandlung ging wesentlich aus philosophischen Prämissen hervor und ließ sogar eine Verbindung mit der absolut ästhetischen Denkweise zu, die ihrerseits wieder in der Hauptsache mit einem entschiedenen politischen Stabilismus verbunden war. Noch immer und vielleicht unabänderlich läuft das Schöne Gefahr, ein Werkzeug und Bundsgenosse des Despotismus zu sein.

Es sind hier in Bildern dieselben Gedankengänge wiedergegeben, die meine schriftstellerische Thätigkeit von je verfolgte. Ich suchte Gegensätze zu vermitteln und die Extreme in einem höhern Dritten zu vereinigen. In dieser dramatischen Skizze ist das Extrem, wie Heine sagen würde, des „liberticiden“ Schönheitsbegriffs allerdings auf die Spitze getrieben. Aber wie nahe rücken wir immer und immer wieder dem Neronischen Zeitalter! Nur daß es sich unter Blumen gibt, gemäßigt, gemildert in seinen Kundgebungen durch Civilisation und Christenthum; die geheimen Gelüste der menschlichen Doppelnatur sind dieselben geblieben. Und nicht blos auf den Thronen oder an ihren nächsten Stufen. Wurde nicht neulich 154 der Versuch gemacht, den Tiberius zum edeln und verkannten Charakter zu stempeln? Cato’s rauhe Tugend kommt immer wieder aufs neue in Gefahr, wenn ihr der Erfolg fehlt, verlassen und einsam zu stehen. Daß die Freiheitsidee allerdings nichts Absolutes ausdrücken kann, daß sich ihr das Schöne, das Menschliche, das Sinnenfreie, das lebenschaffende Künstlerthum des individuellen Genius zugesellen soll, das ist und bleibt das Ziel aller Weltgeschichte, seitdem sich der Begriff der Humanität in sie einführte. Es ist das Thema der vorstehenden Dichtung. 

4. Vorwort [zu Nero. Tragikomödie]. In: Karl Gutzkow: Dramatische Werke. Dritte, vermehrte und neu durchgesehene Gesammtausgabe. Bdchn. 20. Jena: Costenoble, 1872. S. 7-8. [Text, leicht überarbeitet, wie in Dokument Nr. 3, mit folgendem Zusatz nach: Aber wie nahe rücken wir immer und immer wieder dem Neronischen Zeitalter!:]

[...] Spanien sah die Zeit Philipp’s IV., wo die Inquisitionsopfer in den 8 Flammen erstickten, während am Hofe der Bühnenspectakel rauschte, und sogar der classische eines Calderon. Man hat sogar gesagt, ich hätte die Zustände Bayerns unter Ludwig I. schildern wollen. Die Neronische Zeit gibt sich jetzt unter Blumen gemäßigter, [...]

6. Kommentar#

Der wissenschaftliche Kommentar wird hier zu einem späteren Zeitpunkt veröffentlicht.