Buchhandel und Kritik.#

Metadaten#

Herausgeber
  1. Christine Haug
  2. Ute Schneider
Fassung
1.0
Letzte Bearbeitung
08.2020

Text#

540 Buchhandel und Kritik.#

* Die Buchhändler schicken ihre neuesten Verlagsartikel an die gelesensten Zeitschriften zur Recension.

Es geht eine mehr oder weniger verbürgte Sage, derzufolge die Zeitschriften für diese oft massenhaften Anhäufungen in ihren Redactionsbureaux keinen Platz haben, sondern sie zum Antiquar, zum Leihbibliothekar oder in die Auction schicken – oft freilich, ohne die Bücher kaum angesehen, zuweilen sie nicht einmal aufgeschnitten zu haben.

Die „Rheinische Verlagshandlung“ in Bonn, geführt von einem Schriftsteller, der die schlechten Gewohnheiten der Redactionen kennen muß (H. Oelbermann), versendet ihre neuesten Verlagsartikel an die Zeitschriften mit folgenden Worten: „Hierbei empfangen Sie in Ihrer Eigenschaft als räsonnirendes kritisches Organ folgende Neuigkeiten unsers Verlags – Wir werden nur mit solchen Organen eine dauernde Verbindung unterhalten, welche unser Vertrauen durch gewissenhafte Beurtheilung rechtfertigen und sich also nicht mit drei nichtssagenden Zeilen und mit der beliebten Phrase «Mangel an Raum» den Verpflichtungen ihrer literarischen Existenz entziehen, um die Privatbibliothek eines Mitarbeiters oder das Antiquarlager des resp. Buchhändlers auf wohlfeilste Weise zu bereichern.“

In diesen geharnischten Worten liegt eine nähere Aufklärung über den Misbrauch, der mit Recensionsexemplaren getrieben werden kann, der aber mehr die Herren Buchhändler selbst als die Schriftsteller zu treffen scheint. Wir erhielten von H. Costenoble in Leipzig drei Bändchen „Künstlerbilder“ von A. von Sternberg, die uns anfangs durch ihre äußere Ausstattung wahrhaft erschreckten. Nicht nur, daß auf dem Titel jedes Bändchens „Recensionsexemplar“ gedruckt zu lesen steht, sondern jeder einzelne Bogen sogar trägt die besondere Signatur „Recensionsexemplar!“ Anfangs glaubten wir, diese förmliche Plombirung eines uns eingesandten Buchs hätte den Zweck, das Gewissen des Recensenten einzuschüchtern und ihm auf jeder 16ten Seite zuzurufen: „Schäme dich aber und verkauf’ uns nicht!“ Indessen nach den Worten H. Oelbermann’s scheint hier eine Warnung vor andern Vergehen gemeint zu sein, deren Zusammenhang wir allerdings als Laien im Buchverkehr nicht ganz verstehen. Nur so viel begreifen wir, daß die Schuldigen in diesem Falle die buchhändlerischen Collegen selbst sein müssen. H. Costenoble hat seine plombirte Ausgabe der Sternberg’schen „Künstlerbilder“ wol gar nur deshalb veranstaltet, um die Exemplare, die er als Recensionsexemplare verschickt, nicht wieder auf sein Lager als gewöhnliche Buchverkehrsexemplare zurückzubekommen.

Bestätigt sich diese Deutung, so freut es uns, dem Reiz widerstanden zu haben, Herrn H. Costenoble seine plombirten Sternberg’schen „Künstlerbilder“, ein ohne Zweifel anregendes und geistvolles Buch, zurückzuschicken.

Apparat#

Bearbeitung: Christine Haug, München; Ute Schneider, Mainz#

1. Textüberlieferung#

1.1. Handschriften#
1.1.1. Übersicht#

Es sind keine handschriftlichen Überlieferungsträger bekannt.

1.2. Drucke#
J [Anon.:] Buchhandel und Kritik. In: Unterhaltungen am häuslichen Herd. Leipzig. 3. F. Bd. 1, Nr. 27, [4. Juli] 1861, S. 540. (Rasch 3.61.07.04.3)

2. Textdarbietung#

2.1. Edierter Text#

J. Der Text folgt in Orthographie und Interpunktion unverändert dem Erstdruck. Textsperrungen werden übernommen. Silbentrennstriche (=) werden durch - wiedergegeben. Die Seitenzählung wird mit Klammern [ ] an den betreffenden Stellen in den Text eingefügt. Fehlende oder überzählige Spatien im Erstdruck wurden stillschweigend korrigiert.

Die Seiten-/Zeilenangaben im Apparat beziehen sich auf die Druckausgabe des Beitrags im Band: Schriften zum Buchhandel und zur literarischen Praxis. Hg. von Christine Haug u. Ute Schneider. Münster: Oktober Verlag, 2013. (= Gutzkows Werke und Briefe. Abt. IV: Schriften zur Literatur und zum Theater, Bd. 7.)

Errata#

Zur Buchausgabe (GWB IV, Bd. 7) ist folgende Textkorrektur zu vermerken:

233,11 die die lies: der die

Kommentierung#

Der wissenschaftliche Apparat wird hier zu einem späteren Zeitpunkt veröffentlicht.