Wir stellen die Gutzkow Gesamtausgabe zur Zeit auf neue technische Beine. Es kann an einzelnen Stellen noch zu kleinen Problemen kommen.

Dichter und ihre Gesellen. Novelle von Jos. Freih. von Eichendorff#

Metadaten#

Herausgeber
  1. Wolfgang Rasch
Fassung
1.1
Letzte Bearbeitung
21.07.2021
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Text#

45 1) Dichter und ihre Gesellen. Novelle von Jos. Freih. von Eichendorff. Berlin, Duncker und Humblot, 1834.#

Der Kreis von Anschauungen, in welchen sich Eichendorff bewegt, ist klein, aber er ist reizend. Es gibt einige Situationen in der Natur, welche Niemand so warm empfunden hat, als dieser Preußische Regierungsrath, welcher nahe an der Schneelinie, in Königsberg, wohnt. In diesem Manne lebt nur Wanderlust, die Natur, nicht in ihren Schauern, sondern in ihrer trauten Heimlichkeit, in seinen Gedanken blitzt Alles von Morgenthau und Sonnenschein. Es scheint, als könne man nur so in Deutschland empfinden, in einem Lande, das in seinen kleinen Harzgründen, in seinen Oderbrüchen, in seinen Nachtigallenhainen an den Elbufern, in seinen Rheingauen und den lachenden Neckarthälern mit hellen Klosterglocken und einer immer wachen historischen Erinnerung so ungemein viel sanfte, bescheidene und wehmüthige Poesie verbirgt. Eichendorff jubelt, wenn man ihm nur eine einfache Scene vorführt, wie Ihr sie alle erlebt habt: Ihr wandert durch einen Wiesenplan, die Lerche steigt, ein fernes Glöcklein ruft, Ihr tretet in einen Busch, der Specht hackt in der Nähe, da kömmt der Jäger aus dem Laub, der hat einen grünen Strauß am Hut - Eichendorff schwelgt! Oder es ist Herbst, der Regen klatscht an die hohen Fenster eines Schlosses, das Euch beherbergt, die Kastanien in der Allee platzen, weit im Walde schallen sanfte Waldhornklänge, der Jäger bläs’t dem Sommer Abschied. Am Morgen tretet Ihr hinaus in den Schloßgarten, es ist Alles frisch, die Sonne meint es gut, sie denkt noch sommerlich, aber das Laub verdünnt sich schon, und in der Weite sieht man melancholische Statuen durch die offnen Bäume glänzen. Da ist wieder Eichendorff. Oder macht es so wie ich, und besucht Heidelberg, den Kaiserstuhl deutscher Romantik, des Nachts: da schwimmt die dämmernde Stadt in dem murmelnden Neckar, tausend Lichter spiegeln sich im Flusse, ein Anblick, nicht so erhaben wie Venedig, aber geisterhaft und geheimnißvoll, hier Gesang eines lauten Chors, dort tiefe Stille, nur ein gemüthlicher Student spielt die Cither, Alles ernst, selig und übermannend, Alles Poesie. Ich habe diesen Traum zwei Mal erlebt und dabei immer an Eichendorff gedacht.

Eichendorff spricht und singt oft von der „guten alten Zeit.“ Nehmt das nicht so genau! Es ist nicht bös gemeint. Die gute alte Zeit ist hier nichts, als ein Ton, der klingend durch den Wald rauscht, als eine Fee, die man im Traum an einer Quelle sieht, als ein flüchtiges Reh, das mit muntern Blicken aus dem Grün einer Waldesecke grüßt. Die gute alte Zeit ist hier nichts, als ein trauter Abend, unter Freunden genossen; ein reizender Spaziergang, den 46 Ihr vom Schloß zu Heidelberg hinunter nach dem Wolfsbrunnen machtet; nichts als Erinnerung, Ahnung, eine Zeit, die vielleicht noch gar nicht geboren ist, oder jene geheimnißvolle Vergangenheit, wo wir noch im Schooße des Weltgeistes, in einer verklungenen Offenbarung lebten. Von allen alten guten Zeiten, die die Leute im Munde führen, ist Eichendorff’s vielleicht die unschuldigste.

Es ist wahr, daß freilich unter diesem lyrischen Zerfluß die poetische Composition leidet. Eichendorff ist formlos, nur Anhauch, Leben nur insoweit, als er selbst mit voller Seele bei seiner Darstellung zugegen ist. Seine Figuren dämmern, sie tragen alle dieselbe Physiognomie. Hier tritt nichts scharf hervor, nichts schneidet sich von der Folie ab, seine Dichter und ihre Gesellen schlüpfen nur geisterhaft an uns vorüber, und lassen artige Lieder und Anklänge zurück, welche auf dich wirken, wie ein lyrisches Gedicht. Eichendorff gibt von Dem, was er sagen will, nur immer die eine Seite; die andre klingt in dir nach, und du bist gezwungen, seine ganze Darstellung wie eine Kupferplatte noch ein Mal aufzustechen und das auszuführen, was er nur andeutete. Dies ist ein Mißstand für die Gattung, für den Roman; allein man vergibt ihm hier, wo die Andeutungen so frisch, hell und naturwahr sind und dem empfänglichen Gemüth die innerliche Ausführung und Ausmalung so viel Vergnügen verschafft.

Eine Formlosigkeit, wie die Eichendorff’s, ist immer ein Fortschritt für die Stufe in der Darstellungskunst, welche unsre Literatur noch erreichen muß. In dem Prinzip der romantischen Schule liegt keinesweges eine Degeneration jener Kunst, sondern nur in ihren Consequenzen, in ihrer Vertrivialisirung. Diese matten, todtgebornen Gestalten der meisten Romane, mit welchen wir noch täglich überfluthet werden; diese Schattenfiguren, welche an der Hinterwand walterscottischer Drapperien sich wie Menschen bewegen, da sie doch nur Ombres chinoises sind; diese Hautreliefs sind allerdings die klägliche Folge der Romantik, und haben diese heruntergebracht zur Poesie des Nichts; allein das lyrische Element, so ausgeprägt wie bei Eichendorff, so verwebt in die Wahrheit der Natur, wenn auch nur der einseitigsten, in die Wahrheit der Landschaft, dies Element, so aufgegangen in dem Dichter, der in seinem Roman wenigstens die einzige haltbare und begreifliche Person ist, muß unsre Darstellungskunst fördern; denn wer wollte sagen, daß wir zu Göthe’s Einfachheit zurückkehren müssen; und wer es sagt, wer wollte damit etwas andres ausdrücken, als daß wir ein so klares, beruhigtes Resultat in unsrer Poesie erreichen müssen, wie Göthe? Göthe’s spiegelglatte, wie man zu sagen pflegt, jonischhelle Darstellung ist nur die erste Stufe des Romans, die epische; jene Stufe wo der Dichter einen Gegenstand sich „vom Leibe“ hielt, wo er wie ein Cherub des Friedens über ihn hinfährt, wo man den Künstler sieht, der aus dem rohen Marmorblock eine göttliche Gestalt, aber eine Gestalt mit trauerndhohlen Augen, meißelt. Hier blieb Göthe stehen. Die romantische Schule drang auf Vergeistigung, sie wollte aus dem Ich die Welt schaffen, und bereicherte die Kunst mit einem neuen Gedanken, den die Narren christlich, mittelaltrig, was weiß ich! genannt haben, der aber kein andrer ist, als die Subjektivität, in der sich die Welt spiegelt. Man begann lyrisch zu componiren, die gespenstischen, die humoristischen Darstellungen kamen auf, es war gleichsam eine Selbstbefruchtung; denn Niemand hat in der That etwas anderes damals hervorgebracht, als sich selbst. Für die Misère kam dies Prinzip wie gerufen: die Romantik der Restauration wucherte daraus hervor, wie Unkraut und Pilze. Für die dritte Stufe der Darstellungskunst, für die dramatische, für die lebenschaffende, welche den subjektiven Prozeß überstanden hat, für eine Kunst, welche erst im Anzuge ist, geschah wenig, wenn man Arnim, Brentano, vielleicht Tieck und Eichendorff ausnimmt. Eichendorff hat nur den Fehler, daß er zu spät kömmt: er verbessert ihn vielleicht dadurch, daß er das Prinzip recht klar macht, die Tradition lebendig erhält, und uns Jüngern recht lebhaft zeigt, wie man die Weise seiner Schule mit Göthe’s Classizität verbinden muß. Unsre Romane sollen von der Leidenschaft geboren sein oder einer hohen Idee; wir sollen Alles, was in uns Leben schafft, aussprühen lassen als elektrische Funken zur Belebung der Personen, welche die Träger unsres Gedichts sind, und nichts objektiv darstellen, was wir nicht subjektiv aus uns selbst geboren haben. Nur so kann Neues kommen: Neues, das hie und da dem Alten ähnlich sieht, aber einen gewissen unerklärlichen Ursprung verräth, ein unheimliches, wirres Auge, das noch nicht Alle verstehen, jetzt noch sonderbar, auffallend, selbst peinlich ist für einen Betrachter, der in die alte Sauce noch ganz eingetunkt ist; aber allmählich muß das Verständniß eintreten und das Sonderbare wird uns so gewohnt werden, daß wir es lieben lernen. Diese ganze Deduktion ist keine Sophistik; sondern ein tiefes Gesetz, welches aus der Verwirrung der gegenwärtigen Literatur sich deutlich herausscheidet.

Apparat#

Bearbeitung: Wolfgang Rasch, Berlin#

1. Textüberlieferung#

1.1. Handschriften#
1.1.1. Übersicht#

Es sind keine handschriftlichen Überlieferungsträger bekannt.

1.2. Drucke#

Gutzkows Rezension von Eichendorffs "Dichter und ihre Gesellen" wurde zuerst im "Literatur-Blatt" zum "Phönix" veröffentlicht. Diese Arbeit verwendete Gutzkow 1836 in seinen Beiträgen zur Geschichte der neuesten Literatur, wo er den Text ohne Überschrift, aber weitgehend unverändert im Abschnitt Roman integrierte.

J [Anon.:] Dichter und ihre Gesellen. Novelle von Jos. Freih. von Eichendorff. In: Phönix. Literatur-Blatt. Frankfurt/M. Nr. 2, 14. Januar 1835, S. 45-46. (Rasch 3.35.01.14.1)
E Roman. In: Karl Gutzkow: Beiträge zur Geschichte der neuesten Literatur. Stuttgart: Balz, 1836. Bd. 1, S. 314-323. (Rasch 2.13.1.7)

2. Textdarbietung#

2.1. Edierter Text#

J. Der Text folgt in Orthographie und Interpunktion unverändert dem Erstdruck. Textsperrungen werden übernommen. Silbentrennstriche (=) werden durch - wiedergegeben. Die Seitenzählung wird mit Klammern [ ] an den betreffenden Stellen in den Text eingefügt.

Die Liste der Texteingriffe nennt die von den Herausgebern berichtigten Druckfehler sowie die Emendationen. Fehlende oder überzählige Spatien im Erstdruck wurden stillschweigend korrigiert.

2.1.1. Texteingriff#

3,33 in der sich in dem sich korrigiert nach E

Kommentar#

Der wissenschaftliche Apparat wird hier zu einem späteren Zeitpunkt veröffentlicht.