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Die neuen Serapionsbrüder. Zweiter Band#

Metadaten#

Herausgeber
  1. Kurt Jauslin
Fassung
2.5: Transfer von Text und Kommentar nach TEI
Letzte Bearbeitung
03.2022

Text#

Die neuen Serapionsbrüder.#

Roman in drei Bänden.#

Zweiter Band.#

1 Erstes Kapitel.#

Meine Geschichte ist kurz, begann der plötzlich so überraschend umgewandelte Geometer, aber an Qualen ist sie ewig lang! Der Schmerz, die Scham werden endlos sein! Schon daß ich so ständig die Welt belügen muß! Aus der Lüge kommt alles Verderben! Edwina ist ein Geschöpf, das ich nicht bewältigen konnte und kann! Und nähme ich den Sturmwind zu Hülfe, den Donner und den Blitz, ihr Freiheitssinn bannt sich nicht in die Regel, und ich kann nicht ewig Scenen aufführen, wo die Straßen zusammenlaufen! Geh’ Du dorthin, ich bleibe hier! Das mußte zuletzt beschlossen werden! Sie hat herrliche, liebenswerthe Eigenschaften, aber es ist ein Wesen, um das sich einst der Himmel und die Hölle streiten werden. Was sie mir schon Alles angethan hat, im Bunde namentlich einst mit einer Ungarin, das Weib heißt Baronin Ugarti –! Ich trinke diesen Wein mit einem stillen, den unterirdischen Gottheiten vernehmbaren Pereat –! Brenne dies Weib im Pfuhl der Hölle!

2 Aber wie kommen Sie nach Ungarn? Ist das engelgleiche Wesen denn Ihre Frau? Ihre Tochter? Ist Graf Wilhelm ihr Vater? Alles das fragte Ottomar durcheinander, endlich erfreut, daß dem Erzähler sogar der Wein zu munden anfing.

Eine Pause trat ein; dann sagte der Alte:

Daß Graf Wilhelm Edwinas Vater ist, läßt sich nicht läugnen, obschon ich einst geschworen habe und schriftlich im Kirchenbuche bezeugte, daß sie meine Tochter ist! Wie kam’s aber zum Gegentheil? Der Graf hat ihr selbst das Geheimniß verrathen! Meinen Schwur, den ich leistete, daß ich niemals Mißbrauch mit dem mich in jenen Tagen empörenden Thatbestande machen wollte, werde ich halten. Die alte würdige Frau, die Graf Wilhelm, ein poetischer Phantast, meinetwegen ein Originalkopf, betrog, soll mir Niemand vor ihrem Tode betrüben! Wer es thäte und wär’s Edwina selbst, den erwürg’ ich! Herr, fuhr der Alte nach einer Pause fort, ich besaß ein bildschönes junges Weib, meinen damaligen Jahren angemessen, nur ein Mädchen aus dem Volke. Sie sahen soeben die ganz gewöhnliche Mutter meiner Frau! Edwina würde für sie nur Almosen haben, wenn sich die alte ehrliche Wäscherin, die mir das Haus aufgeschlossen hat, – nicht selbst ernährte! Sie nimmt Nichts von ihr als den Wäscherlohn! Ich bringe mich 3 schon durch! Sie haßt in Edwina die Mörderin ihrer Tochter und verlacht ihren Hochmuth. Das sind so Helden aus dem Volke!

Unwillkürlich mußte sich Ottomar sagen: Während Edwina sich auf Polstern streckt?

Er sah wie in ein halb von Gewitterwolken, halb von Sonnenstrahlen beschienenes zerklüftetes Gebirgsthal. Welche Verhältnisse –! Welche Menschen –!

In der Palissadenstraße? fragte er nur mit dem Ausdruck des höchsten Erstaunens. Im Hinterhofe wohnt die Alte? Die Großmutter Edwinens?

Wohlgemuth! Dreiundsiebzig Jahre alt – fromm und sittenstreng –

Und die vornwohnende Edwina hat die Großmutter nicht selbst bei sich? Nicht in ihrer Wohnung –?

Sie können mit einander nicht auskommen! Edwinas Geburt hat ihr ihr Kind umgebracht. Edwinens Ursprung – Alles ist der ächten braven deutschen Frau ein Gräuel, aber sie liefert ihr die Wäsche – Hahahaha! lachte darauf der Alte pfiffig, sie bewacht sie mir aber auch!

Ottomar schüttelte bitter lächelnd den Kopf, aber der Geometer fuhr fort: Meine alte Schwiegermama ist glücklich in ihrem Hinterhofe! Sie sagt mir nur, wie sich Edwina, die sich zu ihrer Großmama nur herab-4läßt, wenn sie ihre Wäsche sortirt, aufführt! Denn Sie müssen wissen, was Edwina auch weiß, es geschieht etwas, wenn sie in ihrer Emancipationsraserei bis auf die Straße geräth –

Um Gotteswillen! rief Ottomar entsetzt. Die Züge des Alten waren verzerrt. Seine mit starken Gichtknoten bezeichneten Hände krümmten sich. Zwischen den Zähnen, die noch in stattlichen Reihen standen, zog er gleichsam die Worte: Sie hat uns schon zu schaffen gemacht! Aber es ist wahr, Sonne der Nacht, zeuge Du! Ich hasse den Grafen, aber das muß ich ihm doch nachsagen: er hatte seine Tochter nur bessern, nur erziehen, zum Guten führen wollen! Warum mußte er sterben! Er würde sie anständig verheirathet haben!

Ottomar ließ in blitzschneller Beleuchtung alle Personen vor seinem geistigen Auge vorüberziehen, auf welche da wohl die Wahl des Grafen Wilhelm hätte fallen können. Es entsetzte ihn, dabei an sich selbst zu denken.

Inzwischen warf sich der räthselhafte Mann mit ausbrechenden Thränen und mit dem ganzen Haupte, den untergebreiteten Armen auf die uns wohlbekannte wachstuchne Tischdecke.

Ottomar sah den Ausbruch starker, berechtigter Gefühle, aber auch krankhafter, vielleicht fixer Ideen. 5 Ein: Ich morde sie – wurde fast gesprochen, wie wenn bei Aeschylos die Eumeniden ihre Fackeln schwingen. Er war auf’s Aeußerste erschüttert und schien zugleich gerührt. Aspasia und Sokrates waren hier keine Fabel gewesen! Sie fällt zurück in die Schande! rief er jammernd. Der Graf hatte ein verwildertes Mädchen, sein eignes Kind erzogen und dies Werk nur halb vollendet! Was wird sie mit den 30,000 Thalern machen!

Vor Schmerz konnte der Alte kaum Sprache gewinnen.

Es kommt auf zwei Momente in meinem Leben an, fuhr er dann fort, als er seiner Bewegung Herr geworden war. Ich bin Geometer und habe als solcher die Welt gesehen. Um Eisenbahnen zu traciren bin ich bis in die Türkei gekommen! Aber ich war auch im Vaterlande viel beschäftigt, unter Anderem bei Hochlinden, nahe dem lieblichen Städtchen Weilheim, wo ich Aufträge für die Regierung landvermessender Art hatte und lange Zeit Posto faßte. Meine Frau blieb auf der Station Weilheim, während ich in der Provinz bald da, bald dort zu thun hatte. Zufällig besuchte sie das nahegelegene Schloß Hochlinden. Die Gräfin, eine vortreffliche gutmüthige Frau, sah die schlanke junge Blondine, begrüßte sie herablassend und nahm sie freundlich in ihr Schloß. Der Herr Graf kam hinzu und meine Gattin stand 6 unter den unbewußten Gesetzen der Gefallsucht. Wider Willen war sie eine verführerische Schlange. Sie hatte es von ihrem früh zu Grunde gegangenen Vater. Edwina ist ihr Ebenbild! Es sind schon die Augen allein, die gar nicht anders können als kokettiren! Ihre Mutter büßte ihre Untreue mit dem Leben. Nun hatte ich ein Kind zu erziehen, das ich, warum soll ich es denn nicht gestehen, haßte! Meine Ehre schien mir beschimpft! Ich hätte das Weib während ihrer lange mir verborgen gehaltenen Schwangerschaft – ich ahnte es sogleich und sie verkündete den Thatbestand zuletzt mit beispiellosem Triumphgeschrei – von mir weisen können. Der Tod selbst kam Allem zuvor! O wie gleichgültig sah ich den Menschen zu, die den Wurm, ein schönes Kind, aufhoben und pflegten! Alles geschah heimlich, unter dem Befehl des Grafen, aber gerade seine Einmischung empörte mich. Ich wollte Alles selbst thun, das Kind sollte das meine sein und so bürdete ich mir mit dem Trotz der Ehrliebe Jahre lang, manchmal mit Hülfe meiner alten Schwiegermutter und anderer Menschen, die mit meinem Beruf schwer in Einklang zu bringende Last auf! Ich mußte reisen. Kam ich zurück, so war Alles, was ich angeordnet hatte, vergessen, die Macht der Großmutter war überwunden, listig umgangen, das Kind aus den Augen verloren, bei Fremden, bei alten Freun-7dinnen der Mutter. Dennoch entwickelte es sich körperlich und geistig, nur daß zugleich sein Wesen Trotz und Freiheitssucht wurde. Im achten Jahre entlief sie mir! Ich hatte sie da mit nach Ungarn genommen. Meine Stationen wechselten. In Herrmannstadt hatte ich sie einer braven Pfarrersfamilie übergeben. Die wurde von ihr bei Nacht und Nebel verlassen! Zwei Jahre war das unglückliche Kind vollständig verschollen! Denken Sie sich meine Aufregung! Denn wenn auch nicht Liebe, doch Pflichtgefühl bindet mich an sie –

Ottomar hörte nur und Alles voll Staunen. Ja, wo war sie denn so lange? fragte er, unfähig, sich eine Combination zu machen.

Nach ihren späteren Aussagen, fuhr der Erzähler fort, redete sie auf der Landstraße eine in einer Carosse vorüberfahrende elegante Dame an. Die Dame hatte Dienerschaft in Livrée hinter sich. Die Frau nahm die Verschmachtete in den Wagen und reiste mit ihr südwärts, der türkischen Grenze zu. Erst später erfuhr ich den Namen der Stadt, wo die Besitzungen dieser Frau liegen sollten, Krajowa.

Ottomar schüttelte sein Haupt. Schon die fremden Namen der Städte hatten etwas Erschreckendes. Ist das die Ugarti? fragte er den Geometer, der jetzt schwieg. Und die Ankündigungen Ihres Verlustes, fuhr Ottomar 8 fort, die doch erfolgt sein werden? Die Bemühungen der Polizei, die Sie benachrichtigten? Hatte denn das Alles keinen Erfolg?

Der Alte lachte. Im Ungarlande! sagte er. In Rumänien! Bei den Halbtürken! Die ungarische Nation ist Eines Stammes mit den Türken. Es sind die christlichen Türken! In einer Geschichte Ungarns las ich, daß einer der ersten Magnaten zur Zeit der Reformation, ein Mann, den die lutherische Partei Ungarns als einen ihrer ersten Glaubenshelden noch heute feiert, die Gunst des Padischah in Stambul durch ganze Wagenladungen voll junger Mädchen und Knaben zu erwerben trachtete, die er aus seinen Gütern aushob und mit sich, der händeringenden Väter und schreienden Mütter nicht achtend, nach Konstantinopel schleppte! – Die Baronin Ugarti, sagte nach einer Pause mit zwinkerndem Auge der Erzähler, las alle meine Anzeigen und Bitten – beachtete sie aber nicht! Edwina gefiel es auch unter der jungen Brut!

Ottomar sprang auf. Er fühlte es sich über den Nacken rieseln. Das historische Citat, auch für die neuere Zeit so oft beschämend bestätigt, verursachte ihm Schauer. Er mußte stehen. Der Ofen hatte noch Steinkohlengluth genug. Er blieb in dessen Nähe – Bilder boten sich seiner Combination, die dem Pinsel eines – – 9 Zukunftsmalers, einer in der Bayreuther Rheingoldschule gebildeten Phantasie angehören mögen.

Zwei Jahre war sie bei jener Frau! – sagte der Geometer kleinlaut. Ugarti! Natürlich – Baronin! Und eigentlich nicht zwei Jahre, sondern drei, lieber Herr! Denn Edwina lief zu ihr wieder zurück! Nach den ersten zwei Jahren dankte ich noch der „guten Dame“ für die lange Pflege auf ihrem Schloß, wo mir die große Zahl von Kindern nicht auffiel. Sie behauptete, keine Anzeige gelesen zu haben. Das Kind hätte hartnäckig seine Herkunft verschwiegen. Man hätte sie Maruzza geheißen. Als ich Edwina wieder zu mir genommen hatte und vorläufig in der Gegend von Pest zu thun hatte, entlief sie, wie gesagt, entweder auf’s Neue oder wurde durch Abgesandte der Ugarti entführt. Ich hatte einst dem Grafen Wilhelm geloben müssen, Edwina als mein Kind zu betrachten, es um eine hohe Summe, die der Graf der Mutter noch bei Lebzeiten schenkte, die aber auf die vielen Kosten hinging, die mir eine so regellose Aufführung des Kindes verursachte, für immer zu erziehen. Der treffliche Mann glaubte aller Sorge und des weitern Denkens an diese Episode eines Aufenthalts in Hochlinden entrückt zu sein. Da vertraute ich ihm Edwinens Entwickelung, das erneuerte Verschwinden des noch nicht zwölfjährigen Mädchens und bat um seine Hülfe. 10 Entsetzen ergriff ihn. Die Thränen standen ihm im Auge. Nach langem Suchen wurde sie in Krajowa gefunden und in dem Augenblick, wo die Baronin Ugarti wegen verdächtigen Verkehrs mit den Paschas von Sarajowo und Skutari verhaftet und processirt wurde –!

Ottomar seufzte: Isis und Osiris, laßt eure Schleier sinken –! Man wird zu Schillers Jüngling von Sais!

Edwina, fast schon voll entwickelt, fuhr Marloff fort, wurde in eine Schweizerpension von mir gebracht, wo sie äußerst streng gehütet wurde und auch Anfangs tüchtig lernte. Die Berichte lauteten auch günstig. Aber schon nach zwei Jahren erschien sie plötzlich bei mir! Ganz ungerufen, ganz selbstständig durch die Schweiz und Deutschland gereist! Sie erklärte mir rundweg, die Lebensweise, die ich führte, würde sie nicht mitmachen! Im Laufe ihrer mit unglaublicher Sicherheit vorgebrachten Erzählung, die sie immer französisch sprechend und mit französischen Witzen unterbrach, kam auch die Mittheilung, die Ugarti hätte ihre Strafe abgebüßt. Die Dame wäre eine liebe Person, nur verleumdet, verhetzt von Feinden, kurz, ich sah keine Rettung, als den Grafen um Hülfe zu rufen und sie mit diesem zusammenzuführen. Die Enthüllung, daß sie des Grafen Tochter sei, machte einen fast feierlichen, ich möchte sagen, religiösen Eindruck auf sie! Sie weinte, sie sank vor ihm 11 mit gefalteten Händen in die Knie, sie gelobte, sich von jetzt ab aller Tugenden, die es nur gäbe, zu befleißigen! Ich mußte mich abwenden vor Rührung. Der Graf, allerdings entzückt von ihrer Schönheit, nahm ihr das Gelöbniß ab, noch einmal in ein Pensionat einer kleinen Stadt zu gehen. Dort verhielt sie sich ohne Tadel, nur erwartungsvoll, daß sie nicht in meine und der alten Großmama Sphäre geriethe, sondern auf der Höhe der gräflichen Protection blieb. Als sie zurückkehren sollte, erwartete sie denn auch die Wohnung, die Sie kennen, und ein Verkehr, der seinesgleichen sucht. Aber der Tod des Grafen hat uns auf einen Punkt geführt, wo drei, vier Wege sich kreuzen und es steht kein Wegweiser da, als – die alte Großmama, die mir Bericht erstattet –!

Der Erzähler beeilte sich jetzt. Denn in diesem Augenblicke löschte der Wirth wieder eine der noch brennenden Gaslampen und mahnte mit einem zweideutigen Guten Abend! und der höflichsten Verbeugung, sich jedoch die Augen reibend, an Thoresschluß. Der Wächter hatte Drei gerufen. Die Sitte, von Bällen noch in eine „Kneipe“ zu „stürzen“ und einen oft vom zu langsamservirten Souper erst recht hervorgerufenen Jähhunger durch zwei Beefsteaks mit vier Eiern in einem Keller oder sonstwo zu befriedigen, hatte die volle Gelegenheit gehabt, andrerseits auch hier noch befriedigt zu werden. 12 Da schieden denn freilich beide seltsam Verbundenen mit einem unaufgelösten Accord, aber doch mit einem aufrichtigen Handdruck von Seiten Ottomars. Der hagere Mann, dessen Gesichtszüge schon dadurch würden gezeichnet gewesen sein, daß er gewohnt war, oft in Sturm und Wetter zu arbeiten, hatte gewissermaßen zum Grafen Udo gesprochen.

Beide, der schwarzsehende Vater und der Abgesandte des Grafen hatten jeder seinen Weg nach entgegengesetzten Richtungen. Ottomar versprach, sich wieder bei ihm einzufinden, und inzwischen dem „Fortsetzung folgt“ des Märchens der gräflichen Erziehung durch ein Schachbrett, durch die Cigarre, durch die Plaudereien in französischer Sprache über Kunst und Alterthum nachzudenken –

Vergessen Sie die Küche nicht! Edwina versteht sich darauf! Der Graf nahm jeden Abend dort sein Souper —

Und trank dazu Ungarwein —? rief Ottomar aus voller Brust in einem Ton, der die Voraussetzungen der Reinheit eines solchen Verhältnisses wieder bezweifelte, ihm nach.

Der Alte hatte sich zum Gehen gewendet und hörte nicht mehr. Beide trennte die Nacht, des uralten Chaos sternenschleierverhüllte Tochter. Alles blieb still.

13 Zweites Kapitel.#

Als im Wolny’schen Hause Ruhe eingetreten war, warf sich der hart geprüfte, in allen Muskeln und Nerven erschöpfte Mann auf sein Lager, konnte aber vor Aufregung kein Auge zuthun. Er hatte die Ueberwindung gehabt, aufzubleiben, bis die letzte Champagnerbowle ausgeschöpft war. Er hatte mit ironischem Triumph den drei Verbundenen die Gläser gefüllt, ihnen die Hand gereicht und wie ein guter Hauswächter zuletzt das leere Gehäuse dieses „seinsollenden“ Vergnügens selbst geschlossen. Aber der Schlaf wollte nicht kommen. Immer sah er die Verruchtheit des Attentats. Er sah es auf dem Gipfel des Gelingens und fragte sich: Was suchte man eigentlich? Das Testament! Wollte man auch das unterschlagen? Es existirt keine weitere beglaubigte Abschrift, aber ich kann es auswendig und beschwöre seinen Inhalt! Freilich! Freilich! Man würde den Schwur – in eigner Sache – nicht annehmen! Aber was rede ich zusammen? Was ist das Ganze? Man 14 kennt meine Schwäche und wollte Nichts als eine Pression auf die Mutter ausüben, sich des Sohnes zu erbarmen! Hätten sie doch die Kapsel behalten, haha! sie würden Unterhaltung gefunden haben! Ob wohl Martha den Schlüssel gegeben hat –? Dieser Gedanke trieb ihn dann wieder vom Lager auf. Der Act des Vertrauens war gegen Martha fast zu groß gewesen! Wolny beruhigte sich erst, als ihm ein inneres Wohlgefallen und die erlaubte Zufriedenheit, die der Mensch zuweilen mit sich selbst haben darf, sagte: Du hast Deine todtkranke Gattin, die Mutter dieses mißrathenen Sohnes geschont, Du hast den Bruder der lieblichen Ada, dann den Bruder Mar­thas geschont, einer Blume, die zerknickt wäre, wenn die That in voller Blöße, nackt und schimpflich, wie sie vom Zufall geäfft, durchkreuzt, verhöhnt wurde, offenbar worden wäre! Und doch ging er wieder im Zimmer auf und ab und stampfte mit dem Fuße auf. Selbst die Patronen mußte er ja dem Mahlo nachsehen, weil sie zu eng mit dem Familiendrama selbst zusammenhingen.

Der Morgen graute. Auf leiser Schwinge war dem Uebermüdeten endlich denn doch eine leichte Befangenheit der Sinne gekommen. Nichts merkte er von dem Frühroth, das ihm in’s Fenster schien, Nichts von dem beginnenden Tagwerk in der Fabrik. Im Hause zeigte sich reges Leben. Klingeln wurden gezogen. Tante Dora 15 war bei der Schwester, die ihren Tod nahe glaubte und nach Arzneien, dem Arzt, nach Martha und ihrem Mann verlangte. Dora konnte scharf und bestimmt auftreten. Sie beschränkte mit einem energischen Gabriele! alle Wünsche der Commerzienräthin auf das Maß des Möglichen, verordnete Ruhe und Fassung, und Wolny erholte sich von der Ueberspannung seiner Kräfte bis gegen neun Uhr.

Wehlisch klopfte an Wolnys Thür. Es war schon halb zehn.

Wolny öffnete.

Auffallend! flüsterte der weißhaarige Alte. Ehlerdt ist eben in die Fabrik gekommen! Als wäre Nichts geschehen!

Was ist denn geschehen? fragte der Großmüthige, seinem System treu bleibend.

Wehlisch blickte den Principal groß an. Das Schlüsselbund mit den Dietrichen gehörte doch nicht in unser Hausinventar! sagte er, während sich Wolny ankleidete. Weiß der Himmel, wo das Diebszeug gestern hingeworfen ist!

Diebszeug? wallte der Principal künstlich auf. Habe ich die Geschichte von meinem verlegten Schlüssel so erzählt? Ich muß bitten, daß sich Niemand erlaubt, daran Zweifel auszusprechen! Es soll hier Nichts unter-16sucht werden – der Ruhe meiner Frau wegen – selbst die dummen Knallerbsen nicht –

Brennpatronen! fiel Wehlisch ein.

Wolny zwang sich zum Lachen. Diese Uebertreibung! sagte er. Die Dinger machen Lärm und Rauch. Das ist Alles. Viele Leute finden sogar Pulvergeruch angenehm.

Wehlisch zog sich kopfschüttelnd zurück. Sein in den Corridor gerichteter Blick schien auf Marthas Kommen zu deuten. Wolny zog die Thür zu und vollendete seine Toilette.

Auf sein Frühstück legte er wenig Werth. Es war bald genommen. Flüchtig und die Augen niederschlagend, sagte ihm dann Martha im Vorübergehen: Den Schlüssel gab ich an Fräulein Dora! Dann gab die Sprecherin in auffallender Weise Wolny die Hand und verschwand. Sie hatte einen Winterhut auf und trug ihren schottisch carrirten Mantel. Verläßt sie das Haus? sagte der Hausherr bestürzt und wollte zu seiner Gattin. Er mußte sich der Gegend des Hauses nähern, wo ihn oft die zärtlichste Sorge des Nachts hatte Wache halten lassen. Er hatte dann drinnen die oft hörbaren Athemzüge der Leidenden gezählt und schrieb dabei am geöffneten Bureau oder lag auf einem Ruhesopha ausgestreckt, in einem Buche lesend.

17 Kaum hatte er sich dem verhängnißvollen, schon von allen Spuren, die der gestrige Abend zurückgelassen, gesäuberten Zimmer genähert, als ihm der schreckliche Anblick seiner wie eine wandelnde Leiche ihm entgegentretenden Gattin wurde.

Gabriele! rief er aus. Was unternimmst Du? Bleibe doch im Bett!

Die Unglückliche schüttelte ihr einst so schön gewesenes, jetzt entstelltes Haupt. Ihrer älteren Schwester gab sie die Hand, um sich von dieser unterstützen zu lassen. Sanft glitt sie dann in einen großen Rollfauteuil, dessen Ueberzug einige Brandwunden davon getragen hatte, auf welche dann auch Tante Dora das Gespräch leitete. Die alte Jungfrau war empört. Sie gehörte zu den Naturen, die das Aufregende, Excentrische nur in Büchern, nicht im eignen Leben wollen. Wolny bezeichnete diese Eigenschaft, die im Hause immerfort nergelte und Alles tadelte, während sie von den grotesken Erfindungen der Romane angezogen wurde, mit dem Bibelwort: Hier seigen sie Mücken und dort verschlucken sie Elephanten!

Lieber Freund, stöhnte die Commerzienräthin, der gestrige Abend gab dir Gelegenheit, durch Deine Geistesgegenwart der Welt einen Einblick in unsern bis zum Aeußersten angelangten Conflict zu verschleiern! Ich danke Dir für Deine Güte, obgleich Du wohl nicht an 18 die Schonung meines Sohnes und seines schlechten Rathgebers, des Barons Forbeck, gedacht hast, sondern zunächst wohl nur an das Opfer seiner Verführung, den jungen – sie stockte sogar Marthas Namen zu nennen – Ehlerdt kam endlich mühsam über ihre bleichen Lippen.

Laß doch das alles! überwand Wolny seinen aufwallenden Unmuth. Ich ließ Dir ja den Schlüssel übergeben! Untersuche selbst, was Du gefunden hast. Ich bitte Dich darum! Du willst, höre ich, nach Italien reisen. Dahin soll uns manches der Hefte, die ich darin liegen habe, aus meiner alten Studienzeit begleiten –!

Begleiten? nahm die Kranke seine Rede auf. Nein, nein, ich reise allein, will Dich aber – ja, lieber Wolny, ich will Dich beglückt zurücklassen!

Beglückt? Wodurch? fragte Wolny, der wieder den Scheidungsplan herankommen sah.

Ich gehe nach Italien, wenn ich noch die Kraft habe und finde wohl in Mentone oder San Remo mein Grab! Eine Scheidung macht Dich frei. Martha wird die Deinige werden. Die für eine Scheidung von den Gerichten verlangten gemeinen, unsittlichen Motive muß man leider zu finden suchen!

So handelte also Dein Sohn in Deinem Auftrage? rief Wolny aus. Fräulein Dora, haben etwa Sie das alles ausgeheckt? Unterstützt? Oder ist es Harry allein 19 gewesen? Scheidung! Habe ich Dich je gehindert, das Testament Deines ersten Gatten umzustoßen und für Dein Theil ein neues zu machen? Denn bei Harry kommt Alles nur darauf hinaus!

Laß mich das Wort nicht hören! rief die Commerzienräthin, wie mit den Zähnen einen tiefen Schmerz verbeißend. Ich spreche von Italien und meiner Gesundheit und nicht von Harry –

Tante Dora setzte sich bei Seite, zog die Fenstervorhänge des etwas dunkel gelegenen Zimmers zurück, tastete an ihrer Rocktasche und zog einen Leihbibliothekenroman hervor, um zu lesen. Dann seufzte sie und sagte: Ja, ja, Fürst Kaunitz hat doch auch seine Sorgen gehabt!

Das aufgeregte Paar kannte schon diese Art, wie sich die seltsame alte Jungfrau der Einmischung in die häuslichen Händel zu entziehen suchte.

Siehe, die Scheidung, lieber Mann, fuhr jetzt mit kaum vernehmbarer Stimme die Commerzienräthin fort, muß Motive haben. Man ist jetzt so streng damit!

Wo ist der Schlüssel? rief Wolny wild. Fräulein Dora! Wir wollen suchen! Dein Sohn hat also in Deinem Sinne gehandelt? Scheidungsmotive? Schließen wir auf—

Wolny sprang an den Secretär. Das Schloß war unverdorben, so geschickt hatte Ehlerdt es gestern behandelt. 20 Tante Dora reichte den Schlüssel wie mechanisch und murmelte: Die Reformen Josephs – ja, ja, die haben den bösen Migazzi geärgert –

Dieser Gedanke kommt von ihm! ließ sich Wolny nicht unterbrechen. Eine Scheidung ist nicht möglich, ohne den Schuldigen auf ein Pflichttheil zu setzen! fuhr er fort. Ich werde der Schuldige sein müssen, der Ungetreue, der Held dieser anonymen Briefe!

Das freiwillige Herausreißen aller Papiere, der Blechkapsel wurde unterbrochen, als Wolny etwas von seiner Frau hörte, das ihn vollends empörte.

Heute in aller Frühe schon, sagte die Kranke, habe ich Mar­tha gefragt, sie sollte mir auf ihr Gewissen und vor Gott als Zeugen aufrichtig bekennen, ob sie Dich liebte!

Wolny war über diese Mittheilung außer sich. Nun verstand er Marthas jähen Abschied. Sie hatte einfach das Haus verlassen. Und auf’s Gerathewohl, nur mit Hut und Mantel. Alles, was ihr gehörte, war liegen geblieben. Ich stehe wie wurzellos! rief er erblassend, und kann kaum den Boden unter mir fühlen! Eine Knospe künstlich zum Aufbrechen zwingen! rief er aus. Eine Geburt der Seele, die in Gottes Schooß schlummerte, die vielleicht noch nicht einmal der keusche Mond, den die Sterne noch nicht erfuhren, so künstlich gefördert, 21 an’s Licht gezerrt! Das ist ein Frevel an der Natur, größer als der war, den Dir Deine Schwester nachträgt, daß Du einen Mann nahmst, der jünger war, als Du!

Diese las laut: Cardinal Migazzi sagte darauf zur Kaiserin –

Sie wollte offenbar Ruhe stiften.

Aber ihre Schwester hörte nicht darauf. Bitter entgegnete sie: Martha wußte sich besser zu beherrschen als Du! Ihr höhnisches Schweigen, ihr Großmichansehen und mitleidiges Achselzucken waren eine diplomatischere Sprache!

Wolny ließ sich durch diesen Spott nicht werfen.

Was konnte sie denn anders thun, als sich in das Gewand ihrer Unschuld hüllen –? antwortete er und kehrte in den Ausdruck seines Schmerzes zurück. Solche Erörterungen hinter meinem Rücken! Solche Fragen an das Ungeborne im Menschen! Es ist, wie wenn man ein Saatkorn in Egyptens Pyramiden gefunden hätte! Es liegt da Tausende von Jahren in einem Mumiengrabe! Es hätte Leben nur für die Sonne der Nacht gehabt! – (Der Gedanke Eltesters hatte sich immer weiter gesprochen.) Es war bestimmt, am jüngsten Tage beim allgemeinen Erwachen die erwachende Mumie zu ernähren! Aber des Forschers wühlerischer Sinn, der den Glauben der Alten verlacht, zerstört die geheimnißvolle Magie! 22 Er reißt das Mumiengrab auf – die Körner zerstreuen sich, werden in die alltägliche Existenz, in die Sonne des Tages verpflanzt – und siehe da, wie lustig das viertausend Jahre alte Saatkorn vielleicht grünt, blüht, Früchte tragen wird! Heissa! Der Keim ist da! Martha ist auf und davon gegangen!

Die Commerzienräthin erhob sich zornig. Sie wußte, was Humor durch Thränen ist. Aber dieser sich eben aussprechende Humor berührte sie zu scharf. Da hört man ja die offene Sprache der Frivolität! rief sie. Das sind wohl die Folgen Deines Umganges mit dem Bildhauersohn? Von dem man hört, daß er am längsten in der Nähe sittlicher Damen gehaust haben wird? Schlimm genug, daß ihn sein Protector, der Graf, in die Nähe unseres Damenkreises brachte –

Diese Verdächtigung des Freundes war zu viel für Wolny. Mit zitternder Aufregung über die Saat von Lügen, die hier aufging, unterbrach er seine Gattin. Zuvörderst läßt sich Ottomar Althing von Niemand protegiren! sagte er. Dann fuhr er fort: Ich höre Deinen Sohn sich selbst in Andern schildern! Ich sehe ihn, wie er schleicht und horcht und gemeine Spione besoldet! Was hat das Scheusal von Menschen da wieder herausgebracht?

Eine zweideutige Person, Edwina Marloff, soll Deinen Freund in ihren Netzen haben und der Graf 23 nimmt Theil daran! Tausende verschlingt der elende Verkauf, den jenes Weib mit ihren Reizen anstellt! Wenn die trauernde alte Gräfin diese Frevel eines unwürdigen Erben erführe –!

Wolny brach in den Ausdruck der schmerzlichsten Entrüstung aus. Er schlug die Hände über dem Kopf zusammen. O daß diese große Stadt, rief er wehklagend, ein so jammervolles System befolgt, die weibliche Preisgebung nicht einzupferchen in die entlegensten Gassen und Häuser, sondern sie frei am Tage vor aller Welt, mitten unter den Behausungen der Tugend und Unschuld wohnen zu lassen! Daher diese Frechheit ihrer Umtriebe! Daher diese Lügen, daß sie diesen oder jenen Mann kenne! Mit ihm Verkehr gepflogen hätte! Daher das namenlose Unglück, das sie in die Familien bringt! Wo ist da der Spaziergang eines Mannes in den Straßen, auf einsamer Promenade, das Betreten eines Hauses noch sicher und harmlos? Immer größer wächst die Schrankenlosigkeit dieser Geschöpfe und zieht durch Rache, wenn man sie ignorirt, wenn die Tochter eines Vaters vielleicht ihre Nähe an einem Vergnügungsorte lästig findet, unbescholtene Namen in’s Verderben! Denn unsere Stadt ist kleinlich durch und durch! Alle ihre Verhältnisse sind auf ein stetes Sehen in die Fenster der Nachbarn gerichtet! Mich ruft die Arbeit! schloß er endlich zornig. 24 Der Schrank ist geöffnet. Nur das Testament habe ich vor Deinem Sohne gerettet. Willst Du es ändern, ich ergebe mich in Deinen Willen. Rufe getrost Notar und Zeugen!

Damit schoß er hinaus und die Gattin war allein und weinte und rief ihm nach: Aber Otto, Otto! So höre doch –!

Er hörte es nicht, daß sie ihm auch noch nachrief: Wie liebe ich Dich! Du bist mein Gott, mein Alles!

Die Schwester schlug das Buch zu und wollte unwillig gehen.

Verlaß mich nicht! herrschte die Kranke die kleine halbbuckelige Schwester an, so daß nun auch deren scharfe Augen zu funkeln begannen und sie grimmig an den Secretair trat, die große Blechkapsel herausriß und sagte: Nun so komm doch wenigstens, daß wir uns mit den Beweisen seiner Tugend ein Labsal machen! Ich lese solche Memoiren für mein Leben gern. Das weißt Du ja! Leider ist’s Geschriebenes!

In der That schlüpften beide Frauen mit dem braunlackirten und „Lettres“ überschriebenen, mit chinesischen Zeichen charakterisirten Kasten in die Nebengemächer.

Im Hause herrschte die lebhafteste Bewegung. Fräulein Martha zieht weg –! So ging es, wie im Lauffeuer. Ein Miethswagen stand vor dem Gitterthor. Es ging 25 treppauf treppab. Der alte Wehlisch kam und „verwunderte sich des Todes“. Raimund ist wieder von der Arbeit weggelaufen, weil er plötzlich Arrestation befürchtete! Das giebt die übelste Nachrede wegen gestern!

Wolny konnte ihm nicht Unrecht geben. Aber energisch eingreifen, Martha halten, das war unter allen Umständen unmöglich. Auf Wehlisch’s Drängen, Raimund möchte sich in’s Mittel legen und dies jähe Verlassen des Hauses hintertreiben, hatte dieser selbst (Wehlisch hatte ihn im Maschinensaal gesprochen), das Weite gesucht. Seine Schwester thäte immer nur, was sie erwogen hätte! Dies Zeugniß hatte er ihr noch, kreideweiß wie die Wand geworden, zu guterletzt gegeben.

Martha war mit dem Wagen zurückgekehrt. Sie ließ sich auch noch einmal bei Wolny melden, zum Abzug gerüstet. Aber von der Commerzienräthin wollte sie keinen Abschied nehmen, nicht von Fräulein Dora. Ich thue das schriftlich! Man hat mich gekränkt! Aber ich will nicht davon sprechen. So äußerte sie sich zu Wolny.

Wohin denken Sie zu gehen? fragte dieser, seiner Stimme Kraft gebend.

Erst in ein gutes Hôtel! Der Kutscher kennt schon eines. Vielleicht ziehe ich zu meinem Bruder und suche ihn zu bessern, was nicht ganz unmöglich ist; leider nur 26 dann, wenn ich ihm sage, daß der Stoff zu einem der größten Männer des Jahrhunderts in ihm lebt. Nenne ich etwas an ihm genial, so kann ich ihn um den Finger wickeln!

Sie würden ihm da nicht einmal eine Unwahrheit sagen! entgegnete Wolny sinnend. Es steckt ja Vieles in ihm! Sprachen Sie noch nicht mit Ihrem Bruder? Er war in der Fabrik!

Das Gestrige steht mir noch zu frisch vor Augen – lehnte Martha ab, beschämt niederblickend. Aber verlassen Sie sich, ich halte ihn vielleicht noch oben – lauteten die Worte eines Versuchs des Emporraffens beim Abschied.

Sie sind edel – sagte Wolny träumerisch.

Egoistisch! entgegnete Martha, gezwungen lächelnd. Mein Edelmuth ist Egoismus! Oder glauben Sie nicht auch, Herr Wolny, daß auch wir in der Achtung der Menschen Einbuße erleiden, wenn unsere Angehörigen uns durch schlechte Aufführung compromittiren?

Nur bei oberflächlichen Menschen! lehnte Wolny entschieden ab.

Aber auf die Meinung der oberflächlichen Menschen muß ja leider unser ganzes Leben gegründet sein! sagte das erfahrene, weltkluge Mädchen seufzend. Welche Thorheit wäre es, erst auf die Berichtigung derselben durch die Einsichtsvollen warten zu wollen!

27 Fast möchte ich Ihnen, entgegnete Wolny, sich zum Lächeln zwingend – in Wahrheit dachte er wehmüthig an die nun gestörten Gespräche bei Tisch, zuweilen im Garten, beim Genuß des Mocca, Abends beim Thee – fast möchte ich Ihnen aus meinen Büchern da einen Band von Schopenhauer mitgeben! Sie sind auf dem besten Wege zum Pessimismus –

Die Welt höchst unvollkommen zu finden –? fragte Martha, sich stellend, als wenn sie das von Wolny gebrauchte Fremdwort nicht verstünde. Doch um von Büchern zu reden, lenkte sie ein, schreiben Sie mir lieber –

Hier zog das nur mühsam ihre Thränen verbergende Mädchen aus einer Handtasche, die sie trug, ein größeres Buch hervor, ein Album, und bat Wolny um die einfache Einzeichnung seines Namens. Keine Zumuthung an Ihren Geist! sagte sie. Denn Sie haben für einen Gedanken in diesem Augenblick kein Commando! Hier ist ein Spruch Ihrer Gemahlin, den mir diese vor längerer Zeit geschrieben. Geben Sie ihm durch Ihre Unterschrift gleichsam die Weihe!

Ihre Stimme drohte vor Bewegung zu ersticken. Sie hatte sich in den letzten Worten mit ihrer Empfindung zu weit hervorgewagt. An eine Verbindung mit Wolny konnte ja in ihren Gedanken kein Phantasiebild auftauchen. 28 Er achtete sie und hatte sie gern. Das kommt ja tausendfach bei Männern vor: die eheliche Verbindung ist bei ihnen eine andere Frage.

Wolny las: „Besuchen Sie zuweilen mein Grab, so denken Sie, wenn sich ein Schmetterling auf eine der Blumen niederläßt, die hoffentlich noch auf ihm blühen werden, daß auch ich die bunten Farben des Lebens und den heitern Sonnenschein des Glücks nur darum geliebt habe, weil ich früh erkannte, wie flüchtig der Genuß aller Erdenfreuden ist! Gabriele Wolny.“

Wolny schrieb in der That nur einfach seinen Namen darunter, nachdem er einen Augenblick mit sich gekämpft hatte, ob er nicht sagen sollte: Nein, sie zweifelt sogar, ob sich an ihrem Grabe der Blumenschmuck erneuern wird? Ich sollte eigentlich – doch er unterließ den Protest gegen diese Voraussetzung, warf Streusand auf seine einfache Aufzeichnung und entließ Martha mit den Worten: Alles, was Ihre berechtigten Ansprüche auf Geld und Zeugnisse sind und was Sie sonst begehren dürfen, wird Herr Wehlisch besorgen. Gehe es Ihnen wohl auf Ihrer Lebensbahn!

Martha wandte sich und ging. Das Hausgesinde gab ihr das Geleite bis an den Wagen. Jedermann dachte an einen Zusammenhang dieser plötzlichen Entfernung mit den Platzpatronen und dem Aufbrechen des 29 Schreibbureaus. Zugleich wußte man, daß die unbescholten Dastehende in den Verdacht gebracht werden sollte, daß sie es, wie in solchen Fällen die Leute sich ausdrücken, „mit dem Herrn hielte.“

Auf einige Stunden trat Ruhe ein. Die Wiederherstellung der alten Ordnung im Hause mußte so geräuschlos wie möglich von Statten gehen. Die Commerzienräthin hatte sich wieder vor Fieber auf’s Bett gelegt. Die Prüfung der Briefkapsel überließ sie ihrer Schwester, die ihr, während sie sich selbst in körperlichen Schmerzen wand und wehklagte, jeweilig mit zur Heiterkeit verzogener Miene etwas zu erzählen wußte. Sie war an ihrer Schwester die kalte Haltung zu ihren Leiden gewohnt, ja sie hatte ihr diese befohlen! Nicht, daß Dora nicht zu helfen bereit gewesen wäre, soweit sie konnte, im Gegentheil, sie hatte wirkliches Mitgefühl; aber die Leidende wollte von ihrem Zustande kein Aufhebens gemacht wissen. Dem jungen Hauslehrer, den sie geheirathet hatte, wollte sie das Opfer seiner Jugend nicht zu schwer gemacht haben. Mitten in dem Ausbrechen ihrer Eifersucht, die jedoch bei dieser Prüfung alter Briefschaften von Dora niedergehalten wurde, konnte sie ihrer fast athemlosen Brust die Gewalt anthun, auszurufen: Auf meinem Grabe wird man lesen, das ist die Frau, die Wittwe, die sich vor einem bösen, verwilderten 30 Buben, vor betrügerischen Buchführern, vor aufsätzigen Arbeitern, vor heimlichen Verschleppern der Kundschaft in den Schutz eines — ach! das war mein Fehler! zu sehr geliebten jungen Mannes flüchtete, der der Erzieher ihres Sohnes hatte werden sollen! Sonderbar, fing sie dann zu grübeln an, immer schon hatte Wolny etwas Apartes, etwas, das deiner Spürsucht nicht entging. Aber wie sprach er so sicher, wie handelte er so charakterfest! Bei jeder Unterschrift, wo ich ihn als Wittwe um Rath fragte, zitterte ich vor Verlegenheit! Bei jeder von mir zu empfangenden Zahlung erröthete ich! Ach, wie kann ein Weib lieben, sprach sie in stoßweise vorgebrachten Sätzen, wenn es noch einmal in reiferen Jahren seine ganze Kraft der Empfindung zusammennimmt, alle seine weiblichen Unarten bekämpft, zurückdrängt, alle seine bittern Erfahrungen zur Weisheit ausnutzt und nur gut, nur hülfreich, nur hingebend sein will! Ach! dann baut man der Liebe einen Altar im Herzen nur um der Liebe willen! Dann hat man nicht mehr den Trieb der geschmeichelten Eitelkeit, den Stolz, das liebe, gehätschelte Ich, den Abglanz des Spiegels gewürdigt und gewählt zu sehen – nein –

Ein Hustenanfall erstickte ihre Rede.

Aber wer hätte das gedacht? unterbrach auch Dora plötzlich ganz prosaisch diese aufgeregten Betrachtungen 31 der Schwester. Sie war in alte zusammengelegte Briefe vertieft.

Was ist? wollte die Kranke eben neugierig fragen, aber plötzlich fuhr sie auf. Ich höre Wagen rasseln – stammelte sie fiebernd, wenn nur Harry nicht kommt – der Notar – die Zeugen – der Pfarrer –

Was fürchtest Du denn? Hast Du nicht Ursache, Harry die Thür zu weisen?

Er wird mit seinem Schwager, mit dem Notar, mit dem strengen Luzius kommen. Ich soll ein Testament und den Antrag auf Scheidung machen – Scheidung aus Liebe –.

Gespenstisch erhob sich die Gefolterte.

Du redest irre – Ich höre Nichts!

Aber ich höre rollen – rollen – das Weltgericht – rufe Martha –!

Martha ist ja fort! Sie hat ja das Haus verlassen!

Wie die Glocken läuten –!

Es ist Alles still –!

Nun erhob sich die Kranke, die zum Sterben sich verlassen fühlende Frau, sah um sich. Sie besann sich auf die Situation und sagte zur Schwester: Martha ist fort?

Natürlich! lautete die Antwort.

Ich muß sie ja bewachen – schrie die Kranke plötzlich – die Schlange ist entschlüpft – Rufe sie zurück!

32 Alles das kam fieberhaft in anderm Tone.

Dora erhob sich und suchte mit ihren schwachen Kräften die Schwester im Bette festzuhalten, sie zu beruhigen. Sie gab ihr Opium, ohne daß die Kranke wußte, was das Genommene war.

Allmälig phantasirte die Leidende, wie mit völligem Vergessen der augenblicklichen Sachlage. Sie verfiel in ein Lachen, als stände sie vor dem Spiegel. Dankbarkeit! Dankbarkeit! sagte Sie. Wie so denn nur Dankbarkeit? Vor allen Zeugen des Himmels und der Erde versicherte mir ja Otto, es hätte ihn eine sanfte glückliche Neigung zu mir gezogen! Warum mußte nur die Krankheit kommen! Ich wäre ihm ewig jung erschienen –!

Na, na, na, na! fiel die Schwester ein, nicht so sehr aus Kälte des Herzens, sondern weil sie aus Erfahrung wußte, daß es die Schwester bei allem Jammer ihres Befindens liebte, wenn man natürlich mit ihr verfuhr, sie reizte, sie sogar ärgerte. Leichenbittermienen, wie sie sagte, konnte sie nicht ertragen.

Dennoch sagte sie heute: Ja, drücke nur recht deinen Stachel in meine Wunden! Du, die Du mir heute noch nicht den Mann gönnst! Alle Rathschläge, die Frauen den Frauen ertheilen, haben einzig und allein im Neide ihren Ursprung!

33 Ich werde wieder an meinen Joseph gehen, sagte die Schwester ärgerlich. Sie suchte ihre Lectüre.

Eine Pause trat ein. Die Kranke röchelte. Hörst Du nicht Glocken gehen ? hauchte sie wieder leise. Dabei faltete sie die Hände. Sie schien wie verlassen von allen irdischen Gedanken. Sogar die Briefschaften, die ihre Schwester so ergötzt hatten, die Entdeckung, daß Harrys Frau in Wolny mit wahrhaft exaltirten Ausbrüchen ihrer Neigung verliebt gewesen, Nichts schien sie noch an die Bedingungen des Lebens zu fesseln. Eine Verklärung legte sich auf ihre Gesichtszüge. Diese waren ja von Natur edel und schön; nur durch die fortwährende Bemalung und Verschlemmung mit Puder oder Schönheitsmitteln anderer Art hatte sie sich eine Unzahl von Runzeln und Flecken erworben.

Indem rollten wirklich Wagen vor.

Nicht lange darauf kam ein Mädchen und flüsterte mit Dora.

Die Leidende, die ganz in einer andern Welt zu leben schien, rief: – Martha!

Man hörte nicht auf sie. Tante Dora ging schnell hinaus. Allmälig spürte die Kranke, daß sie allein war. Sie erhob sich, hörte sprechen, wiederum Wagen rasseln. Nun klingelte sie. Sie wäre im Stande gewesen, wenn Gräfin Treuenfels vorgefahren wäre, sich sofort auf-34zuraffen, sich in einen mächtigen Shawl zu hüllen, eine Brillantnadel in’s Haar zu stecken und die Gräfin Excellenz, die Manche auch wohl Durchlaucht nannten, oben im kalten Salon zu empfangen.

Dora kam zurück. Hast Du gestern mit Harry wegen des Testaments gesprochen? fragte sie in der That.

Kein Wort! sagte die Kranke mit zitternder Kinnlade.

Da ist Harry mit Justizrath Luzius – auch mit zwei Zeugen – Pastor Siegfried der eine – der andere Herr Dieterici – Du hättest gestern Ja! gesagt: Antrag auf Scheidung und Testament –

Jesus! Jesus! schrie die Commerzienräthin und erhob sich, geradezu als sollte sie scheintodt begraben werden. Wo ist – denn Wolny –? Es sollte ja nur – wenn Martha offen gestand –

Was soll jetzt Wolny? entgegnete die Schwester.

Mein Mann –! Mein Mann! Mein lieber Mann! schrie die ewig schwankende, unentschlossene, nach jeder Richtung hin nachgiebige Frau, die nur Eines nicht mochte, das Unbehagen und das Unbehaglichste – den Tod!

Wolny ist ausgefahren! antwortete Dora.

Der Martha nach! Er begab sich in ihre eigne Wohnung! sagte schon Harry, der in’s Nebenzimmer getreten.

35 Der Elende! So wiederholt er die anonymen Briefe – er, er hat sie geschrieben –!

Diese Worte stotternd, versuchte die Commerzienräthin aufzustehen und zu gehen. – Ich ließe allen Herren danken! Sag’ es ihnen selbst –! Ein Ander – Andermal!

Wie kann ich das? entgegnete Tante Dora ärgerlich und aus Furcht vor Harry.

Pastor Siegfried – Herr Dieterici –? stammelte die Commerzienräthin. Jenen hörte sie gern. Aber nur in der Kirche und Abends beim Thee. Auch den Referendar Dieterici mochte sie. Dieser sprach mit ihr von der neuesten Lyrik und machte sie auf Dichter aufmerksam, die sie nie las. Jetzt aber diese Herren empfangen und vollends mit dem ewig eiligen, so kurz angebundenen, groben Luzius – diesen schauerlichen Act vollziehen –! Die drei Hände voll Erde so von Jedem hörbar über’m Sarg, in dem man schon liegt, wegpoltern hören –? Das konnte sie nicht! Schaffe mir die Menschen fort! Ich bin krank! Ich werde Alle für ihre Mühe bezahlen!

Dora that endlich der Kranken ihren Willen und entfernte sich.

Die Wagen fuhren richtig wieder ab. Es wurde still nebenan. – Die Kranke wankte hinaus, fand aber doch Harry, der sich zu jener jetzt sprüchwörtlich 36 gewordenen Unverfrorenheit, einer Tugend der Neuzeit, Muth getrunken hatte. Er hatte sich versteckt gehabt, daß ihn Dora nicht sah. In schlottriger Kleidung trat er auf die entsetzte Mutter zu, starrte sie mit weintrunkenen Augen an und rief ihr mit wutherstickter Stimme entgegen: Na, Mama, du bist ja einzig! Gestern noch sagtest Du mir: Mach’ doch die Anstalten! Schaff’ doch die Beweise!

Er hatte sich absichtlich nicht feierlich schwarz gekleidet, sondern stand in seiner gewöhnlichen, nie besonders gepflegten Straßentracht, von der durchwachten Nacht mit mehr als gewöhnlich hohl in ihren Vertiefungen ruhenden Augen. Noch hing ein rothes Tuch um seinen Hals.

Aber seine Mutter unterbrach ihn, holte halbtaumelnd die offene Kassette aus dem Nebenzimmer, Briefe entfielen ihr. Wo ist sie denn? rief sie. Die Jammergestalt! Der Großsprecher, Intriguant, der hier in seinem eigenen Netz gefangen liegt –?

Mama, stotterte Harry, von dem entsetzlichen Anblick der sogar ihr zerzaustes Haar nicht Beachtenden ergriffen. Wir sind ja nicht ohne Zeugen!

In der That hatte sich eben die Thür geöffnet, und Wolny kam, der sein auswärtiges Geschäft rasch beendigt hatte.

37 Wem kann es tröstlicher zu hören kommen, daß die Wahrheit jetzt am Tage liegt! Näher, näher, armer, bedrängter Freund – rief die Mutter ihrem Manne zu, der sich zurückziehen wollte.

Harry fiel mit höhnischer Stimme ein: Ich will hier eine Scene aus Romeo und Julia nicht stören!

Nichtswürdiger, entlarvter Dieb, Du wagst das? – rief seine Mutter, voll Reue über Martha und nun schon wieder voll Bezauberung durch Wolnys edlen Anstand, die Würde seiner Erscheinung, verglichen mit Harrys Erscheinung. Wie stand der schlanke Mann da, so edel, so sicher! Sein Haar war schon ein wenig ergraut, aber doch noch voll. Ein geistvolles Lächeln umspielte seine Lippen. Er sprach nie Unbedeutendes, Zweckloses. Frau Gabriele war wiederum stolz auf seinen Besitz –!

Mama, Familienscenen – wollte Harry ablehnend vorbringen.

Räuberscenen! Zuchthausscenen! Einbruch habt Ihr vollführt! – unterbrach ihn die Mutter.

Mama, Du strengst Dich an! Du könntest Schaden leiden –

Harry holte sich eine Cigarre aus seinem Etui und wollte gehen.

Wolny, wandte sich die fast Rasende an ihren Gatten, Du zürnst mir! Du hast Ursache dazu! Ach! 38 was rennen und jagen wir Menschen nach eitlen Zielen und sehen’s nicht, wie über allem Tand und Flitter der blaue Himmel liegt und unsrer Thorheit spottet! Du blöder Thor, wandte sie sich wieder zu Harry, der beim Anzünden der Cigarre (einem Vertreibungsmittel der Mutter, das sie ihm aber heute ganz aus der Hand schlug) über irgend eine böse Unternehmung zu grübeln schien. Opfer Deiner Dummheit! Dich selbst betrifft der Raub! Deine schlechte erbärmliche Aufführung in der Jugend! Die Klagen Deiner Lehrer, der Institutsvorsteher über Dich! Die Drohungen der Polizeibehörden, gegen Dich einschreiten zu wollen, und was das Schönste –

Jetzt fiel Tante Dora ein, die wieder gekommen war, und brach in ein meckerndes Lachen aus.

Erzähle Du es ihm! sagte die erschöpfte Schwester, die in ein Canapé zurücksank.

O – lehnte Dora ironisch ab. Ich lese lieber dergleichen gedruckt! Dabei kicherte sie fort.

Deine Jenny rechnete auf meinen Tod – fuhr die Mutter offen heraus. Sie, die jetzt nicht weiß, ob sie den Baron Cohn oder den Baron Forbeck erhören soll!

Harry strich sich den Rest seiner Haare vor Zorn.

Nein, nein! berichtigte Dora. Das war ja erst später! Anfangs hatte sie den Harry Rabe nur einfach unausstehlich gefunden. Wie schreibt sie doch über ihren 39 spätern Mann? Seine lange garstige Nase, seine immer ungewaschenen Hände –

Harrys Wuth steigerte sich.

Wolny wollte beruhigen. Er besorgte eine Unthat. Sanft raffte er die Briefe zusammen, suchte sie wieder in die Kapsel zurückzulegen, woran ihn Harry hindern zu wollen schien. Kein Blatt kommt in Deine Hände! sagte ihm Wolny mit plötzlichem Donnerwort und schleuderte ihn zurück. Ich wollte Dir nur und Deiner Mutter gezeigt haben, welches meine Geheimnisse gewesen und noch sind!

Später, als Frau hat die unvergleichliche Jenny plötzlich die moralische Seite ihres Lebensgefährten erkannt, fuhr Tante Dora mit bitterbösem Humor fort. Hätte der Jenny gar nicht die Gutmüthigkeit zugetraut, den Schwager vor Gefahren zu warnen, die ihm drohten – ihn um Rendez-vous zur Besprechung seiner Angelegenheiten zu bitten – hihihi!

Wie ein Tiger sprang Harry auf die Kassette, um sich ihrer zu bemächtigen. Aber Wolny packte ihn an beiden Händen. Wie er an den Tisch und das Sopha kam, wo seine Mutter erschöpft und wieder wie abwesend ausgestreckt lag, schleuderte ihn der muskelstarke Arm seines Stiefvaters zurück. Es war eine Scene, wie aus Harrys erster Jugend, wo Wolny sein Hofmeister hatte 40 sein sollen, aber der Hofmeister eines Buben, der zuweilen seine Mutter schlug.

Tante Dora trotzte allen Gefahren. Die dritte Gruppe der interessanten Briefe ist die der verstellten Handschriften! sagte sie. Jennys kleine kritzliche Pfote erkennt man sogleich, Harrys orthographische Fehler ebenfalls –

Jetzt konnte Harrys Wuth nicht länger gezügelt werden. Wird der Carneval bald zu Ende sein? schrie er, unbekümmert um die Tragweite seiner Stimme. Ich sehe es, wandte er sich der Mutter zu, nie hast Du ein Herz für mich gehabt! Nie hast Du Partei für mich genommen! Immer nur in’s Gesicht hinein mir schmeichlerisch gesprochen, wenn ich die Toilette bewunderte, die Du eben anhattest –!

Die Mutter fuhr auf, wie wenn sie einen Dolchstich bekommen hätte. Die Thatsache war nur zu richtig.

Fand dann Einer noch vollends Deine gemalten Wangen schön, fuhr der Sohn mit hämischer Bosheit fort, bewunderte er Deine von drei Dienstboten, die ziehen mußten, geschnürte Taille –

Dora und Wolny standen wie gelähmt. Denn das Entsetzliche der Wahrheiten, die der Lieblose eben aussprach, war an sich nicht zu läugnen –!

41 Der hatte bei Dir dann Oberwasser! fuhr Harry fort. Er wollte wie Franz Moor seine Mutter durch Schrecken tödten. So Einer, fuhr er, ihr in’s Ohr hinein, fort, hatte dann Gemüth und Verstand, wenn er Dir auch eine halbe Stunde vorher – ein Esel erschien! Auch auf Geist hattet Ihr Euch hier verstanden, Pfaffengeist! Darum lud ich Dir Deinen Seelenliebhaber ein! Er sollte Dir mit der Fackel in die schwarze Grube leuchten, wo die Engelchen stolpern, die hienieden Geweihräucherten von Furien empfangen werden. Hussa! Das wird einen Hexensabbath geben, wenn sie Dich –

Jetzt hatte Wolny den Elenden am Kragen ergriffen und war im Begriff, ihn zur Thüre hinauszuwerfen. Nur ein Blick auf seine Frau lähmte seine volle Kraft. Diese lag wie im Sterben. Sie konnte sich nicht mehr erheben. Ihre Lippen blieben geöffnet, ihre Augen standen starr.

Mörder! Mörder! wehklagte ihre Schwester.

Mit den Worten: Geld! Geld! Geld! Du Universalerbe! Oder ich stecke Dir Deine Fabrik in Brand! wurde der Schreckliche endlich zur Thür hinausgedrängt und diese schnell verriegelt.

Als die Entfernung des Unholds anzunehmen war, mußten die Leute gerufen werden, um die Commerzienräthin in’s Bett zu tragen. Eben fuhr auch der Arzt 42 an. Wolny trat zurück, nachdem er vorher jene Briefkapsel mit den zur Tante Dora gesprochenen Worten eingeschlossen hatte: Gegen das schlechte Gedächtniß mancher Menschen, besonders derer, die uns Dankbarkeit schuldig sind, muß man durch die Aufbewahrung früher von ihnen empfangener Briefe immer gerüstet sein!

Gegen Abend erst konnte Ottomar, voll Theilnahme und selbst erregt von allem Erlebten und Vernommenen, seinen Freund zu besuchen kommen. Er bekam ihn aber nicht zu sprechen. Die Commerzienräthin, hieß es, läge im Sterben. Er ahnte nicht, daß sie ihn noch so arg verlästert hatte!

43 Drittes Kapitel.#

Der Winter war stürmisch und rauh genug gewesen. Oft hatten sich die Serapionsbrüder zahlreich versammelt gesehen. In der That, der Montag durfte für diesen Kreis ohne Zeitungen bleiben. Denn immer gab es da etwas Neues, wenn auch die Bemerkung des einzigen jüdischen Mitgliedes, des Herrn Ascher Ascherson: „Die Zeitungen bringen in ihren telegraphischen Depeschen mit fetten Lettern oft sehr magere Nachrichten!“ auf manche Thatsache paßte, die nicht sensationell war. Alles Theatralische aus dem Kunstleben der Stadt war Manchem willkommener als Mittheilungen aus Blaubüchern, Broschüren, Parlamentsreden, wenn sich auch der Reiz des Einblicks in die Coulissenwelt gegen frühere Zeiten durch den zu allgemein ersichtlichen Erwerbssinn der modernen Muse bedeutend abgestumpft hat.

Es war an einem schönen Frühlingsmontage. Der Wirth hatte die Aufmerksamkeit gehabt, dem Cigarrendampf einige Blumenstöcke auszusetzen, die auf dem 44 langen Tische standen, die schönen goldnen Kaiserkronen, die stolz ihr Haupt wiegten. So erklärte sich denn auch, daß aus einer Ecke eine Stimme eine Aeußerung that, die allerdings im ersten Augenblick ein allgemeines Staunen erregte. Sie hatte gelautet: Ja gewiß, wir müssen es auch wieder zu einem neuen Klopstock bringen! Es war, so erfuhr man bald, von den Oberlehrern durch die Kaiserkrone die Frage der Erhabenheit angeregt worden.

In diesem Augenblick ging gerade die Thür auf, und das Staunen, das einem Professor der Literaturgeschichte an einer nahegelegenen Schule galt, verwandelte sich in Jubel. Meister Althing! rief man fast einstimmig. Sogar der ordenüberhäufte Hofmaler stimmte in diesen frohen Gruß des lange nicht im Verein Gewesenen mit ein. Denn seine „staubumhüllte Parade“ hatte dieser halb und halb schon fertig. Er fürchtete sich bei aller Vonsicheingenommenheit vor scharfer Kritik, die, wie die Künstler es wohl wissen, in die Tintenfässer der Recensenten meistens aus der Galle der Collegenschaft fließt. Die im Modell bereits vollendete Treuenfels’sche Grabesgruppe hatte Triesel noch nicht gesehen, hatte aber schon zu Jedermann gesagt, nur das Allergünstigste darüber vernommen zu haben.

Althing war den ganzen Winter nicht im Montag gewesen. Nicht nur der angestrengteste Fleiß hatte ihn 45 ausschließlich in Anspruch genommen (waren doch kaum für die seit vier Monaten zur Ruhe bestattete Gabriele Wolny die Skizzen ihres ihm ebenfalls übertragenen Monumentes fertig), auch eine heftige Erkrankung seiner Tochter Helene hatte ihn in Anspruch genommen. Kurz vor Weihnachten stellte sich bei dem lieblichen Kinde ein Nervenfieber ein, der ausgesprochene Typhus. Die feuchte Luft des großen Parks, innere Aufregung, Sorge um die Lebensauffassungen des Bruders, die ihr zu leicht erschienen, die wirklich erfolgte Verheirathung des Grafen, der sogar gewagt hatte, ihr von Liebe zu sprechen, ohne daß sie mehr dagegen konnte, als sich den Schein zu geben, seine Worte überhört zu haben, alles das kam zusammen, sie dem Tode nahe zu bringen. Der Bruder, der Vater, die Mutter wachten abwechselnd an ihrem Lager. Eine sogenannte Diaconissin mochte Althing nicht im Hause haben. Er haßte das Ordenskleid bei jedem, selbst edlem Zwecke. Da war denn Martha Ehlerdt ein wahrer Engel in der Noth geworden! Die treue Seele übernahm es, alle Liebesdienste den Angehörigen der Kranken, die Tage lang bewußtlos lag und Phantasiespiele trieb, abzunehmen, schlug muthig ihr Bett neben der im ansteckenden Fieber Liegenden auf und gönnte sich nur am Tage einige Stunden der Ruhe, um nicht selbst zu erkranken. Nach einer langen 46 Zeit der größten Aufregung, in der auch der Vater sich überwinden mußte, die Gestalt des Grafen Udo Treuenfels nicht nur in den Träumen und Phantasieen der Fieberkranken auftreten, sondern auch bei ihm persönlich anklopfen zu sehen und, mit der äußersten Dringlichkeit, mit wahrer Trauer und wenn die Nachrichten gut waren, mit unverstellter Freude nach dem Befinden des ihm so werthen Mädchens fragen, hatte bei Alledem die Vermählung mit Ada von Forbeck stattgefunden. Die Feier war im adligen Casino glänzend ausgefallen. Das junge Paar war sofort nach dem Süden abgereist und befand sich jetzt in Nizza. Es wollte, wenn es die Rückreise antrat, nach einem kurzen Aufenthalt in der Residenz sofort auf eines der Güter, wohin sich auch die verwittwete Gräfin und sogar (bei dieser Stelle der betreffenden Nachrichten pflegten gewöhnlich die Hörer ein langes Gesicht zu machen) die Frau Generalin zu begeben gedachte, letztere die Vierte in dem unter Blüthenbäumen, rauschenden Waldbächen und bei allem Comfort des Schlosses dann vereinigten Bunde.

Als das fast komische Thema von Klopstock wieder aufgenommen worden war, sagte der Bildhauer mit neckender Miene zu seinem Gegenüber, dem Assessor Bucher: Haben Sie denn je die Messiade gelesen? Nee! war die ehrliche offene Antwort. Dieselbe Verneinung 47 und in demselben zuweilen erlaubten Patois wiederholte sich nach links und rechts. Ich habe die Messiade gelesen! sagte Althing. Vom Anfang bis zu Ende! Aber ich brauchte drei Jahre! Doch ich unterbreche Ihr Gespräch! verbesserte er seine Rede. Es hielt Jemand das Erhabene für unsre Zeit, unsre Bildung, Erziehung für nothwendig, trotz Kladderadatsch, Wespen, Ulk, Offenbach u. s. w.

Den Satz durchzuführen war nun doch eigentlich Niemand recht gerüstet. Die Kaiserkronen auf dem Tische winkten in’s politische Gebiet. Es wurde hier nicht gern berührt, da es einige Mitglieder gab, die z. B. auch in dieser Frage das Erhabene mit dem Vornehmen oder mit dem Anspruchsvollen verwechselt haben würden. Die gewissenhafte Zeitungs-Angabe des Wildprets, das gewisse Fürstlichkeiten bei dieser oder jener Gelegenheit erlegt haben, gehörte nicht in die Schule zum Sinn für’s Erhabene.

Man blieb nun, theilweise aus einer Art Verlegenheit, bei der deutschen Bühne stehen. Man bemitleidete ihren niedrigen Stand. Sie wird doch geradezu, sagte der freisinnige Fabrikant, von der deutschen Nation mit Füßen getreten! Nirgends regt sich das ästhetische Gewissen! Die Herrschaft des Blödsinns, der Abhängigkeit von Frankreich treibt Keinem die Schamröthe in’s Gesicht! 48 Auf die Fürsten, die Intendanten und die ganze nur scheinliberale Richtung der Zeit ist dabei die meiste Schuld zu werfen! Ich bin überzeugt, fuhr der Mann fort, unsere höchsten Personen, denen das Theater so viel Geld kostet, könnten einen Preis ausstellen: „Fünfzig Mark zahle ich für jeden Brief, in welchem ein Intendant einen deutschen Dichter, wie etwa Iffland gethan, in freundlicher Weise und mit entgegenkommenden Bedingungen zur Thätigkeit für die Bühne auffordert.“ Ich bin überzeugt, der Mäcen würde für diese Autographensammlung nicht 150 Mark ausgeben!

Es ist der Geist der Brutalität, fuhr, als sich das Lachen gelegt hatte, eine andere gewichtige Stimme, die des Gerichtsraths Eller fort, ein Geist, der auf fast allen Gebieten bei uns das Wort zu führen anfängt! Doch wir sprechen vom Theater. Das Theater ist der Tummelplatz der Emporkömmlinge ohne wahre innere Verantwortlichkeit! Der Geist der Decharge, die diesen Thespiskarrenführern entweder vom frivolen Sinn eines Monarchen oder dem bestochenen Urtheil einer gewissenlosen Kritik täglich ertheilt wird, führt allein das Scepter! Es ist dasselbe Thema, das unsre Nation dem Franzosen und Engländer, sogar dem Schweizer, so verächtlich erscheinen läßt. Unsre Siege erscheinen ihnen unverdient und nur als zufällig gewonnen –!

49 Es war erstaunlich, daß man in der frischen Erinnerung der in der Weltgeschichte unerhörten Erfolge über ein sieggewohntes starkes Volk und der Hingebung, die unsern Siegen vorausging, so sprechen, so schweigen konnte. Es trat eine lange Pause ein. Nur ein Lehrer der Schulliteraturgeschichte räusperte sich, begann von Schiller und Goethe und sprach sein Bedauern über Heinrich von Kleist aus, der sich das Leben genommen und gewiß die deutsche Bühne auf Schillerhöhe erhalten haben würde. Er wollte Klopstock, Stabreim, Nibelungen und Aehnliches hochgehalten wissen. Offenbar suchte er Bahn zu brechen, um das politische Thema zu vermeiden.

Ja, warum nahm sich denn Kleist eigentlich das Leben? brauste einer der Oberlehrer auf, die nun gewonnen Spiel hatten. Wegen der Frau Vogel doch nicht? Daß diese ihn noch zum Mörder machte, weil sie von ihm erschossen sein wollte, war die Folge einer falschen Diagnose über dasselbe Uebel, woran neulich Frau Gabriele Wolny gestorben ist! Er hätte ihr den Todesgedanken ausreden können! Aber die wahre Ursache war, wie Herr Schindler ganz richtig bemerkt, man hatte höchsten Orts keinen Sinn für sein Streben! Seinen letzten so schöngeformten, allen Anforderungen der Bühne ruhig und besonnen entgegenkommenden „Prinzen von Homburg“ erklärte man nicht für zulässig! Iffland 50 wurde vorhin von Ihnen gelobt, Herr Schindler? Ich habe eine andere Ansicht. Warum ließ sich Iffland mit Schiller und Werner so weitläufig ein? Weil diese Herren in Weimar, in Hofesnähe, in Goethes, des Ministers Nähe lebten! Kleist, der arme Lieutenant, wurde kurz abgefertigt. Es geschieht aber den Poeten schon recht. Warum erwarten sie Hülfe von da, wo es keine giebt! Warum schaaren sie sich nicht zusammen und schreiben den Bühnen und dem Publikum Gesetze vor!

Das Thema wollte unter den literarischen Laien nicht recht in Fluß kommen und Triesel erntete Beifall, als er sich dem Alten im weißen Barte wieder zuwandte. Sie kennen also die Messiade! Haben sie gelesen und sind, wie wir sehen, vor Langeweile nicht gestorben! Erklären Sie mir nur Eines, wie die Menschen früher dergleichen ausgehalten haben!

Bester College, erwiderte Althing zu allgemeiner Heiterkeit, ich bin noch keine hundert Jahre alt.

Triesel sagte verlegen: Ich meine nur – nein – hundert Jahre würden kaum ausreichen, Sie zu Klopstocks Zeitgenossen zu machen –

Thut Nichts! Thut Nichts! sagte Althing beschwichtigend und fuhr fort: Ich meine, kein Zeitalter, und selbst das leichtsinnigste, das unsrige nicht, kann das Bedürfniß der Erhabenheit abweisen! Die menschliche 51 Seele läßt sich die ihr zuträgliche nothwendige Nahrung nicht nehmen! Verkürzt man ihr den Werth der Religion, so hat sie das Bedürfniß, sich auf andere Art zu helfen! Nationalruhm ist etwas rasch Verbrauchtes und setzt soviel Gehässigkeit gegen andere Nationen voraus, daß man dessen bald überdrüssig wird! Die Muse, die immer mit Trophäen einherschreitet, sieht bald wie die leibhafte Anmaßung aus! Eine berühmte Siegessäule mit den blinkenden Kanonen, die da oben aufgezogen sind, werden Sie mir doch zugestehen müssen, sieht eher wie ein Denkmal für eine asiatische Nation aus, als für eine gesittete christliche! So oft ich daran vorübergehe, mußte ich an die Ausschmückungsweise der hohen Pforte, der Sultanswohnung, des Serail denken! Das ist keine Erhabenheit. Aber gewiß, die Menschen können nicht immer lachen, können nicht immer oberflächlich sein. Sie wollen verehren, sich selbst adeln durch ihr Gefühl! Es braucht da nicht immer die Kunst zu sein, nicht immer die Literatur, die unser Bedürfniß nach Erhabenheit befriedigt. Es kann auch das Leben selbst sein, das uns hebt, emporträgt, uns groß, geläutert empfinden läßt!

Jetzt ist es die Musik! meinte der jüdische Erheiterer des Clubs. Ich rede aber von meinem Abonnement für Beethoven’sche Symphonie-Concerte, nicht von meinem Bayreuther Patronatsschein!

52 Das Thema wurde in eine Sphäre hinübergeleitet, wo die ernste Discussion aufhörte. Bis zu dem Augenblick, wo Althing wieder aufbrach und sich entfernte, hatte das Thema vom Erhabenen und vom Verfall, vorzugsweise der Bühne, sich in der Constatirung einer psychologischen Thatsache vereinigt, daß der Sinn für Tragödie dem Schuldbewußtsein, für Comödie mehr dem harmlosen Gemüthe eigen sei. Das Schuldbewußtsein, das sich reinigen will, liebt auf der Bühne die pathetische Tirade, drapirt sich gern mit griechischem Faltenwurf, rollt die Augen und zuckt gegen die Bekrittler seiner Tugend den Dolch. So wurde hervorgehoben, daß gefallene Frauen lieber Trauer- als Lustspiele sehen. Sie fühlen eine Genugthuung in den Intriguen, die einen edlen Menschen stürzen. Sie haben zu den Teufeln, die auf der Bühne ihr Wesen treiben, immer aus ihrem eignen Leben einen entsprechenden Pendant. Es war dabei von einer Person die Rede, die den alten Bildhauer in Verlegenheit setzte. Er hatte eine unangenehme Correspondenz mit Edwina Marloff gehabt. Denn als eines Tages sein Sohn eine nähere Aufklärung über das Gerede seiner Punktirer gegeben hatte, verlangte der strenge Mann, der es, wie alle Menschen, nicht wußte, daß er etwas vom Tyrannen in sich hatte, Blaumeißel sollte seiner Micheline sagen, wenn die Josefa nicht augenblicklich den gewissen Dienst 53 in der Palissadenstraße verließe, so würde seine, als Blaumeißels, Stellung beim Professor für abgelaufen gelten. Darauf hin bekam der Professor von Edwina einen Brief, den er nicht hinter den Spiegel stecken konnte. Helene und die Mutter bekamen ihn zu lesen. Die Erkrankung der Tochter war mit auf die Gemüthsverstimmung zu setzen, die ein Prahlen mit Unschuld und Tugend, das Nennen des Grafen Udo, das Erbieten zur Versöhnung mit der Bitte, sie für eine seiner „genialen, unsterblichen Schöpfungen“ als Modell zu wählen und Aehnliches bei ihr hervorbrachte. Josefa zog in der That in einen andern Dienst. Plümicke, der sie wie Ritter Toggenburg liebte durch seiner Augen „stilles Weinen“ und manchmal durch etwas wie ein Paar goldene Ohrringe, brachte diesen unbedingten Gehorsam fertig. Edwina, die nun zu Mitteln gekommen schien, wollte ihre ganze Hauseinrichtung, so schrieb sie dem Professor, in einer Weise ändern, daß der vergiftende Hauch der bösen Nachrede sie nicht mehr treffen könnte! Fluch dem, der den Unschuldigen die Gewalt seiner Kraft fühlen läßt! Es war vielleicht eine Stelle aus einem Drama. Denn fast regelmäßig saß Edwina den Winter im ersten Rang derjenigen Schauspielhäuser, die ernste Sachen aufführten. Das war eben die Notiz, die im Laufe der Serapions-Unterhaltung fiel, und mit welcher der unangenehm 54 davon Betroffene sich dem Kreise für heute empfahl. Das Preisen der Schönheit, der Toilette dieser „Frau“, ihrer wahrscheinlich hohen Beschützer, das Verurtheilen ihres elenden Mannes, der sie wahrscheinlich verkauft hätte – Alles das war dazu angethan, ihn zum Austrinken des letzten Tropfens seines Glases und zum sofortigen Aufbruch zu bewegen.

Einige bei diesen Personalien mit untergelaufene Irrthümer hätte Althing berichtigen können, wenn er überhaupt nicht hätte vermeiden wollen, den erwähnten Namen in den Mund zu nehmen.

Ottomar war schon bei Gelegenheit des Leichenbegängnisses der Frau seines Freundes, das in großartiger Weise gefeiert worden war, ganz mit seiner Familie über die Irrung wegen der Marloff ausgesöhnt. Bei jener Bestattung war das Personal der Fabrik anwesend. Nur Ehlerdt fehlte. Diesen trieb es unwiderstehlich wieder in seine alten Bahnen zurück! Herrschen –! Regieren –! Wer diese Genugthuung einmal gekostet hat, der wird nie wieder dem süßen Gifte entsagen können und sollte er, wie Dionysius der Tyrann von Syrakus gethan, nach seinem Sturze in Corinth nur noch den Bakel des Schulmeisters zum Fuchteln in die Hand nehmen! Aber der Sohn, der Beförderer der Auflösung seiner Mutter fehlte nicht. Der stand wie zerknirscht! Der Geistliche 55 mußte zuweilen auf ihn hinweisen! Die Rolle hatte er sich vor’m Spiegel einstudirt! Er führte sie meisterhaft durch. Seine Gattin verstellte sich weniger. Diese blieb kalt. Wolny, der ihre Briefe nicht verbrannt hatte, stand in ihrer Nähe! Ihre Blicke hüteten sich, den seinigen zu begegnen. Rache! Rache! lag in ihren Mienen. Martha Ehlerdt war nicht erschienen. Ihre Geister waren durch die Frage, die ihr die Commerzienräthin gestellt hatte, noch nicht beruhigt, nicht versöhnt. Bei starken Seelen kann selbst der Tod nicht immer Alles ausgleichen, was zu einer bestimmten Periode ihnen verhängnißvoll und verderblich erschien. Was sollte sie lügen? Sie liebte ja wirklich Wolny! Sie konnte gar kein anderes Wort für das edelste ihrer Gefühle finden. Und ein edles Weib leidet mit, wenn es einen Mann, einen Mann der Pflicht, der Treue, der Liebe, unter den Launen einer Genossin ihres Geschlechts leiden sieht. Wie gern hätte sie ihm geholfen! Wie gern ihm den Glauben an ihr Geschlecht erhalten –! Das sind Empfindungen, die, wenn sie sich zuletzt noch mit Dankbarkeit verbinden müssen, nur das Wonnegefühl der Liebe wecken können.

Wolny war der alleinige Erbe seiner Frau. Der Sohn erster Ehe war durch gerichtliche Constatirung, durch die Abschätzung des Vorhandenen, durch den Beweis, daß er seine Ansprüche befriedigt erhalten hätte, abgefunden. 56 Eine Masse Erinnerungszeichen schickte Wolny an Frau Jenny Rabe. Wolny wollte die Fabrik an eine Actiengesellschaft rasch verkaufen. Unbewußt, völlig arglos, mit den edelsten Vorsätzen gerieth er unter die damals so harmlos auftretenden „Gründer“. Er wollte nur reisen, nur sein Trauerjahr verwenden. England, Amerika! Das war sein Ziel. Er beging eine große Thorheit. Er überließ Alles – Commissionären!

Als damals auch Ottomar heimkam vom kalten winterlichen Friedhofe, vom Grabsteine, der nun schon lange den alten Rabe deckte in einem umfriedigten Raume („Rabe’sches Familienbegräbniß“ in goldenen Lettern benannt, aber sonst schon recht kahl und ohne besondern Schmuck) – da fand er von seinem Freunde Udo einen Brief und seltsamerweise schon aus Hoch­­linden, worin ihm dieser seine Rückkehr aus Italien und seine bevorstehende Einkehr sogleich auf den Sommersitz seines seligen Onkels anzeigte. Die Mittheilung war überraschend, wie Alles, was mit Ada im Zusammenhang stand, für Ottomar aufregend genug. Man hatte das junge Paar erst in der Residenz erwartet. Es sollte glänzen. Ada wollte auf dem Lande bleiben. Auch dies schrieb er dem Freunde. „Ich sprach Dir längere Zeit absichtlich nicht mehr von der Marloff! Die Schilderung Deiner Besuche bei ihr hatte mich in solchem Grade aufgeregt, daß ich fürchtete, mich nicht 57 beherrschen zu können! Inzwischen erforderte die Beschaffung jener Summe, zu der ich mich, um endlich Ruhe zu haben, verstehen mußte, alle Vorsicht und Verschwiegenheit. Die hiesige Rentnerei fand ich wohlgeordnet. Die Entsendung jener Summe an die Adresse, die mir gegeben ist: „Geometer Marloff“ fand ich mit jenem geschäftlichen Mechanismus ausgeführt, als befände man sich in einem wohlgeregelten Bankinstitut. Nicht einmal gelächelt hatte der alte gräfliche Rentmeister, als ich von dem hohen Legate sprach. Und doch war Gelegenheit zu jenen Gesichtern, von denen Hamlet spricht! Denn wer anders kann das wunderliche Bild eines Kindes sein, das ich hier im Schlosse auf dem Schreibtisch meines Onkels vorgefunden habe, als Edwina? Es ist in Aquarell. In Medaillonform steht es auf einem kleinen Postament von Bronce dicht vor des Onkels noch aufgeschlagener Schreibmappe. Die Tante besuchte das Gut seltener, und die Abreise des Onkels nach seinem letzten Sommeraufenthalt, der gewöhnlich auf seine Badecur in Karlsbad folgte, war so schnell gewesen, daß er, wie der alte Schließer des grandiosen Schlosses, zu meiner Verwunderung, sagte, diesmal das Bildchen wegzuschließen vergaß. Warum wegzuschließen? fragte ich. Konnte es hier in dem Zimmer ohne winterlichen Ofendunst und Cigarrenqualm nicht ruhig stehen bleiben? 58 Und es bleiben doch so viele der Bilder hängen! Die Antwort war einsilbig. Ich verlor mich dabei in den lieblichen Zügen und entdeckte eine Aehnlichkeit mit meinem Oheim, die mich rührte. Daß hier ein Landvermesser Namens Marloff vor Jahren im nächsten Städtchen Weilheim von der Regierung beschäftigt wurde, eine bildschöne Frau hatte, die bei der Geburt eines Kindes starb, das wußte man. Ich werde in Weilheim forschen und entdecke gewiß noch Näheres.“

Die Geständnisse des alten Marloff in jener Ballnacht hatte Ottomar dem Freunde nicht mitgetheilt. Ottomar war dem Grafen wie entflohen, um – Ada zu entfliehen! Selbst auf der Hochzeit fehlte er – wegen seiner Schwester, die ja krank war. Furchtbare Bilder mußten nach jener Ballnacht vor Ottomars Auge getreten sein, so oft er an Edwina dachte, an die alte Frau im Hinterhofe, an den vergrämelten machtlosen Vater, der sie nächtlich besuchte –! Dann diese Verbindung zwischen dem wirklichen Vater und der Tochter! Er hielt diese für rein gewesen, unentweiht, er bereute seinen Scherz mit dem „Souper bei Ungarwein“. Warum sollte ein verwildertes Wesen erzogen worden sein durch Bildung, gutes Beispiel! War Edwina doch schon fast reif im Nachdenken über die Welt und Menschen durch Erlebnisse der abenteuerlichsten Art! Ottomar besuchte wieder einmal Marloff. Es 59 war nach Zahlung der großen Summe, die Edwina bei Justizrath Luzius deponirte. Der Alte nahm ihn freundlich auf, plauderte wieder und – Graf Wilhelm trat ihm wieder wie Sokrates entgegen, belehrend, zum Guten leitend, Schach mit seiner Tochter spielend, diese ihn zerstreuend. Die Stellung bei Luzius hatte Ottomar aufgegeben. Er arbeitete beim Gericht. Ueber die Anwendung dieser 30,000 Thaler vermochte er noch Nichts in Erfahrung zu bringen.

Der Frühling nahte sich mit allen seinen Reizen, der Himmel blieb blau, die Sonne verbarg sich nur hinter schnellvorüberziehenden Wolken, deren Erguß die Fluren tränkte und erfrischte.

Da war die Grille der jungen Gräfin Treuenfels erklärlich, daß sie, etwa im Monat April von Nizza zurückgekehrt, schon mit den Veilchen, den Schneeglöckchen in Hochlinden sich befreunden und die Residenz gar nicht wiedersehen wollte. Die Mutter war darüber außer sich. Ottomar, der sich beim Verein, wo die gemeine Anschwärzung des Assessors Rabe keinen Anklang gefunden hatte, jetzt durch Dieterici vertreten ließ, erfuhr darüber, so oft er in Gesellschaften der Generalin begegnete, die Ausbrüche des seltsamsten Erstaunens. Wo doch die Landsaison für den Adel erst im Juni anfängt! rief die erzürnte starkwillige Frau. Wenn die Rosen blühen! 60 dachte Ottomar. Wenn die ersten Kartoffeln kommen! sagte die Generalin. Das Leid mit der Erkrankung seiner Schwester war überwunden. Endlich kam wenigstens Graf Udo allein in die Residenz. Das Denkmal war schon soweit, daß es im Herbst aufgestellt werden konnte. Graf Udo brachte eine Abzahlung. Meister Althing bemerkte, wie selbst der vermählte Graf noch immer auf Helenen Eindruck zu machen suchte. Sie war zu schonen und hielt sich aufrecht halb an ihrer verlegen lächelnden Freundin Martha, halb an dem Bis­chen Natur, das sie um das Atelier ihres Vaters, dem dürftigen Birkenpark, herum genoß. Der Graf sah mit inniger Rührung auf sie. War er mit Ada glücklich? Sein Inneres durchforschte Niemand. Sein Aeußeres war etwas voller geworden. Der auf der Reise stehen gebliebene Bart stand in einem sonderbaren Gegensatz zu dem viel lichter gewordenen Haupthaar. Er war liebenswürdig gegen Jedermann und brachte Geschenke die Hülle und Fülle. Gegen deren Annahme konnte sich Niemand sträuben, da sein zarter Takt nur charakteristische Erzeugnisse Venedigs, Roms, Neapels gewählt hatte. Selbst Martha und sogar Blaumeißel, vollends der treue Vegetarianer, wurden bedacht. Letzterem wurde ein riesiger, eben bei einem Restaurateur gekaufter und gekochter Hummer verehrt, von dem aber der Graf behauptete, 61 er hätte ihn ganz so aus Neapel mitgebracht, so würden sie dort gefischt, doch nun müßte er auch sofort verzehrt werden. Es geschah dies auch Abends bei Blaumeißels, wobei Plümicke Fisch für nicht Fleisch erklärte und mitmachte. Er hatte gehört, daß sich die schwarzäugige Josefa manchmal nach ihm erkundigte.

Der Graf erfuhr nach und nach von Ottomar die Geständnisse des Pflegevaters Marloff von jenem Abende her. Dafür zeigte er ihm Briefe, die ihm die kalte Verleugnerin ihres Pflegevaters und ihrer Großmutter geschrieben hatte, Auswüchse einer verworrenen Lectüre, Ergebnisse eines schrankenlosen, durch keine Schulung gezügelten Fühlens und Denkens. Da hieß es unter Anderm: „Denken Sie sich mein Erstaunen, als ich den Namen meines wahren Vaters erfuhr! Ich blickte wie in eine Felsenwand, die sich plötzlich öffnete! Ich sah eine Landschaft voll Lieblichkeit, belebt von tanzenden Elfen! Und dieser Vater nahte sich mir einst und sah auf mich mit Thränen herab. Meine Neigung war Putz, Luxus, elegante Existenz, Diener, denen ich befehlen konnte; eine Bibliothek, diese wäre mir über Alles gegangen, aber mit kostbaren Einbänden. Ich hatte Alles schon so in Ungarn – und diese Wonne bekam ich nun wieder! Doch stellte der Graf die strengsten Bedingungen. Er verlangte von mir den absoluten 62 Ausschluß jeder männlichen und weiblichen Bekanntschaft, ein Einsiedlerleben, nur die Vertiefung in die Stunden, die ich bei weiblichen Lehrmeistern nehmen mußte, die Woche zwei- oder dreimal würde er selbst, so fing er an, des Abends zu mir kommen und sich nach meinen Fortschritten erkundigen.“ „Sie glauben nicht“, hatte sie ein andermal geschrieben, „was wir Frauen so vernünftig sind, wenn Einer nur vertrauensvoll bei uns Vernunft voraussetzt. Und zeigt er uns dann gar, wie man’s anstellen soll, um sich nützlich zu machen, so sind wir wie die Kinder, geborene Sklavinnen, denken nicht an Herrschen! Hier galt es eine Aufgabe für mich. Ich griff sogleich an. Ich sollte einen Schauplatz schmücken, wo Abends mein Vater – Gott im Himmel, verzeih’ ihm die vielleicht glücklichste Stunde seines Lebens, die der Verführung meiner Mutter! – erschien, für mich ein höheres Wesen, dem ich mein Räucherwerk von Andacht und Liebe darbringen konnte! Er nahm nur Thee, nur leichte warme Speisen gut zubereitet! Ich war eine Frau, wie ich von den wenigen Leuten, mit denen ich umging, genannt wurde, eine Frau der Fürsorge, der selbstauferlegten Pedanterie. Mein Ehrgeiz war mein Vater. Das war mein Stolz. Alten Bäumen im Park, wenn ich mit einer alten Lehrerin, die sich für Geld dazu hergab, ausfuhr, hätte ich es zurufen mögen, jeder Blume in den 63 Gebüschen, wenn wir ausstiegen, der Wagen uns langsam folgte. Ich glaubte fest daran, daß einst die Stunde kommen würde, wo mich mein Erzieher adoptiren, mir ein anständiges Loos bereiten würde. Es war der Tod Ihrer Tante, auf den ich zu warten schwören mußte, wie auch Marloff gethan hat! Oft habe ich auf des Grafen Schooß gesessen, das ist wahr, oft habe ich ihm in seinem weißen Barte gekraut und den Kamm genommen und den Friseur gemacht. Er küßte mich dafür, aber nur, wenn er ging und wenn er kam, und auf die Wange. Fast jeden Abend hatte er sich müde gesprochen; denn er belehrte mich über Alles, machte mich mit allen Zeit­ereignissen bekannt und prüfte meine Fortschritte. Aergerlich konnte er werden, wenn wir französisch oder englisch zu sprechen versuchten und es noch immer nicht recht vorwärts mit mir gehen wollte. Er grübelte, wie er es anstellen sollte, mit mir einmal nach Paris oder London zu reisen, ohne daß die Welt davon erfuhr. Ach! sagte er einmal, die Sonne, die uns bescheint, liebt das Große nicht, nur das Gewöhnliche! Ich sollte unter seinem Schutz eine ihm zusagende Partie, eine Heirath mit einer hervorragenden Persönlichkeit machen – da rührte ihn plötzlich der Schlag, er starb –!“ Der Brief endete elegisch. Aber an andern Tagen schrieb sie – auch wieder in herberem Tone: „Und der Mann hatte Nichts für mich gethan! 64 Oder seine Erben haben seine letzte Bestimmung unterschlagen! Meine Briefe an ihn konnten nicht für mich zeugen! Ich schrieb sie mit der einem Standesherrn zukommenden Anrede: Ew. Erlaucht! Ich setzte vor Zorn meinen Pflegevater, Marloff, in Bewegung. Dieser Hitzkopf verbot mir, muthig vorzugehen! Der Graf hätte genug für mich gethan! Ich sollte arbeiten, nähen, stricken, Stunden geben! Der Teufel! schrie ich. Ich machte ihm die Hölle heiß. Ich sollte vier Jahre meines Lebens einer Idylle geopfert haben und dafür keine Anerkennung finden, keine Weiterführung meines Lebensfadens, sowie ich’s mit dem Grafen abgemacht hatte? Nächte lang habe ich mit mir gerungen, ob ich nicht meinen Schwur brechen sollte und geradezu die Wittwe bestürmen, sie durch meine Aehnlichkeit mit dem Verstorbenen vielleicht rühren und erklären: Ich will Theil haben an seinem Namen, an seinen Gütern, seinem hinterlassenen Andenken! Ihr Onkel hatte mir oft erzählt, daß er seine Gattin so schone, weil sie einmal an sich den edelsten Charakter besäße und weil sie, eine geborene Prinzessin aus hohem Hause, nur unter heftigen Kämpfen mit den Ihrigen der Neigung und der Wahl, die sie getroffen, hätte nachgeben wollen. Sie war älter als Graf Wilhelm, „ohne Geist und ohne Reize.“ Ueber die Verwendung der endlich errungenen 30,000 65 Thaler hatte sie geschrieben: „Sie denken wohl gar, ich werde mich mit meiner Großmama und dem alten Bär, dem Marloff, in ein Hinterstübchen setzen und von den Zinsen dieses Capitals so bemessen leben, daß ich alle Jahre allenfalls eine kleine Badereise nach Kösen und Marienbad unternehmen kann? Fällt mir nicht ein! Ich bin Edwina Marloff, und ändre zuerst das Schild an meiner Thür! Die Wohnung überhaupt ist mir zu klein. Ich nehme eine größere. Für eine Duenna im Hause ist durch eine Anzeige gesorgt. Ich prüfe genau die Empfehlungen. Sie können sich denken, daß ich keine gewöhnliche alte Tante in’s Haus nehme, sondern eine Dame von Welt. Im Wesentlichen mache ich, um mein Geheimniß zu verrathen, einen Luxus, als wenn ich das Zehnfache besäße. Dann wird zwar mein Vermögen in zwei Jahren verausgabt sein, ich habe aber einen Mann und habe ich keinen – dann après moi le déluge.“

Das war nun zu Ottomars größtem Erstaunen die Frucht dieser sokratischen Erziehung! Dieser Weltphilosophie, oder, wie Graf Udo beim Scheiden und der Rückkehr nach Hochlinden zugestand, dieses vier Jahre lang durch den Nimbus eines gräflichen Vaters niedergehaltenen, von Kindheit an eingesogenen, unerzogenen Leichtsinns! Ob dies System wirklich zur Ausführung 66 gekommen war, ob Edwina ihre Wohnung verlassen, ihre Erklärung zum Personalstand der Stadt verändert und sich Fräulein genannt hatte, ob die schützende Duenna gefunden war, die über sie hinweg die Flügel einer schützenden Gluckhenne ausgebreitet hielt, das mochten beide Freunde nicht in Erfahrung bringen. Jede Annäherung war, wie sie ja schon ersehen hatten, in der Stadt des protestantischen Jesuitismus mit Gefahr verbunden.

Graf Udo hatte viel mit der Vermögensverwaltung seines Majorats, viel mit der gesellschaftlichen Rücksichtsnahme zu thun. Der große Staatsmann, der in der Nähe seines Hauses wohnte, hätte ihn ganz gern wieder in der Carrière gehabt. Aber er wich allen Anerbietungen aus, lebte am liebsten im Park bei den Althings und bei der guten Gräfin Constanze, der er keinen Beweis der ihr schuldigen Achtung entziehen mochte. Die Generalin, seine Schwiegermutter, vermied er und diese ihn, auch Forbeck ließ sich nur melden, wenn er hoffte, den Schwager nicht daheim zu treffen. Ada hatte ihm eine Last von Verpflichtungen zugeschleppt, über die sich des Grafen Gerechtigkeitsgefühl empörte. Ada heuchelte Luxusideen, nur um dem Bruder Mittel zu verschaffen! Sie mußte es! Die Aermste! Die Mutter verlangte es! Bei Alledem hielt der Graf mit dem vollen 67 Geständniß über alle diese Verhältnisse, die in die traurigsten Details mit Möbel- und Tapetenhändlern gingen, vor dem Freunde zurück. Daß er diesem einst gesagt: Ada liebt ja nur Dich! und daß er sah: Ottomar lebt wirklich unter dem Widerschein des Vergangenen! darüber entfiel ihm jetzt kein Wort mehr. Denn er sah doch zu deutlich, daß Ottomar sein Princip, den Reiz des Weibes nicht früher auf sich wirken zu lassen, als bis er eine Familie zu erhalten im Stande wäre, durch die nähere Berührung mit seiner Braut geändert hatte – und den Grafen drückte sein eigenes Empfinden für Helene! Darum schwieg er über beide Verhältnisse. Beide schieden einsilbig, doch herzlich.

Ottomar hatte mit seinem „dritten Examen“ zu thun, jener gefahrvollen Klippe, die man nicht umschifft, wenn man sich im Leben zu sehr zerstreuen, den Ideenkreis erweitern, von der Welt der Bücher und geschriebenen Hefte abziehen läßt. Doch was lag nicht schon Alles lastend auf der Brust des jungen Mannes und zog ihn vom Gewöhnlichen ab, vom Herkömmlichen, diesem alleinigen Herrscher in einer Zeit, die durch sich selbst, nicht durch unser Hinzuthun so viel Außerordentliches gebiert! Die Liebe zur Gattin eines Freundes, dieser selbst befangen von dem Bilde seiner Schwester, des weitentrückten Wolny entsagender Schmerz, Marthas 68 edle, nach allen Seiten hin anspruchslose Aufopferung, die wilde Spielerin am grünen Tische des Lebens, vor deren Phantasie frühempfangene Lebenseindrücke unauslöschlich zu gaukeln schienen, alles das mußte die Gefühle seiner Brust, seine Gedanken erweitern weithinaus über die leere Zweckmäßigkeit, der er bisher vorzugsweise gelebt hatte! Er war ein Realist gewesen und es zwang ihn Alles, Idealist zu werden. Das Bedürfniß eines umfassenden Grundgedankens für’s Leben fängt in bedeutenden Naturen frühe an, Platz zu greifen. Er hatte z. B. nie vor den Arbeiten seines Vaters so lange sinnend verweilt wie jetzt. Wenn er das letzte Gespräch bei den Serapionsbrüdern gehört hätte, würde er der Kunst überhaupt den Beruf zuerkannt haben, den Sinn für die Erhabenheit zu erhalten, aber mit dem Beding, daß sie nicht prahlerisch, sondern still und nur in die innere Welt belebend wirke.

Heiliger Liguori, du großer Casuist der römischen Kirche, was hättest du in deine Anleitung zum Beichthören Alles noch aufnehmen können, wenn dir die Biographieen bekannt geworden wären, die sich bei Edwina als Candidatinnen zu einer Stellung als „Gesellschafterin“ anmeldeten! Junge und alte Damen –! Nasen in allen Formaten –! Schicksale, sensationelle, von treulosen Schiffscapitänen, verschollenen Brüdern in Amerika 69 an bis zu ungerecht abgesetzten Regierungspräsidenten und gemaßregelten Schulrectoren! Die reiche junge Erbin, die natürliche Tochter eines ungarischen Magnaten, eines Besitzers unermeßlicher Güter, vielleicht auch eines Erzbischofs (Edwina nannte zu dem Ende jede beliebige ungarische Stadt, die ihr einfiel), hörte jedesmal den Bewerberinnen ruhig zu, forschte, ob vollständige Armuth mit ihr sprach, oder Beschränktheit, mangelnde Lebenskenntniß, Ungeschick für ihren wahren Plan, der eben darin bestand, daß eine anständige Persönlichkeit statt ihrer in den Vordergrund rückte, mit den der Kasse derselben zugesteckten Mitteln ein gleichsam selbstregiertes Haus machte und dadurch Edwina Gelegenheit gab, gleichsam im „Schatten edler Denkungsart“, wie sie sagte, mehr zu glänzen, als die eigentlich „Bemutternde“. Sie suchte, wie sie dem Pflegevater, der wieder auf diesen tollen Plan von Erdrosselung zu sprechen gekommen war und ihr zugleich seine Einmiethung der Großmutter auch in ihrem neuen Hinterhofe angekündigt, ganz offen sagte, Einen, „der mit ihr hereinfällt“, d. h. sie für unermeßlich reich hielt. Der brummische Luzius schwieg.

In diese wie von satanischen Dämonen gehütete schöne elegante Lichtwelt, die sich inzwischen Edwina schon zu schaffen begonnen hatte, verirrte sich eines Tages Martha Ehlerdt! Die Vielgeprüfte! Sie hatte 70 von Wolny reichlich bekommen, worauf sie Ansprüche zu machen hatte, und mehr an Geschenken, aber sie wollte sich in der Welt bewähren. Der Familie des Bildhauers hatte sie sich wie eine barmherzige Schwester gewidmet. Der milde Glorienschein treuer Liebe zur Pflicht, der Entsagung und sittlichen Hoheit lag um ihre Stirn gebreitet, als sie zu ihrem Entsetzen das Haus betrat – noch hatte Edwina die neugemiethete Wohnung nicht bezogen – wo ihr Bruder, der mit dem ferneren Schicksal der Rabe’schen Fabrik in Verbindung geblieben war, früher gewohnt hatte. Mit zaghaftem Muthe klingelte sie und stutzte nicht wenig über die elegante junge Dame, die sie empfing. Und diese wieder horchte hoch auf, als sie von den Lippen des heroinenhaft gebildeten Mädchens gelegentlich den Namen Althing vernahm. Die Gegensätze konnten nicht schroffer aufeinanderplatzen. Martha, die bei Althings wohnte, aber ihre Wanderung „um eine Stelle“ nach dem Zeitungsblatt in aller Stille machte, und von Edwina nichts Näheres wußte, zog sich wie eine Sinnpflanze zurück, als sie von dem vollgenährten, in weichem, apfelblüthfarbenem Fleische strahlenden üppigen Mädchen hörte: Ich will mich in den Strudel der Welt stürzen! Haben Sie Lust dazu, mein Compagnon zu sein? Aber ach, Sie sind zu hübsch! Sie würden mir 71 zu viel Concurrenz machen! Es wird nicht gehen, liebes Fräulein!

Martha, längst einverstanden, daß es nicht ginge, war im Begriff, sich zu entfernen. Sie hatte, da es Winter war, sich zweckmäßig verhüllt. Doch erkannte Edwina sogleich die ganze gefällige Erscheinung.

Aber bleiben Sie doch noch ein Bischen! sagte sie mit einem bestimmten, wenn auch sanften Tone. Ihr Lächeln ließ ihre weißen Zähne im hellen Lichte erscheinen. Sie sind wohl die Liebe des jungen Herrn Althing? forschte sie. Mir dürfen Sie’s anvertrauen! Er hat mich einigemal besucht, eigentlich nur einmal. Wenn Sie seine Schwester pflegten, muß er Sie ja schon aus Dankbarkeit lieben! Sie sind sehr einnehmend! Ich bin selbst verliebt in Sie!

Es war Martha, wie wenn sie Wagner’sche Musik hörte, Alles war so süß und verführerisch, aber wie von der Schlange her!

Herr Althing, fuhr Edwina fort, hat bis jetzt noch über Nichts philosophirt, außer über seinen Schnurrbart! Sein Jus mag er ganz gut kennen! Er war mit in Frankreich. Das ist recht schön! Aber ich glaube, Sie, Fräulein, haben mehr Menschenkenntniß, als er!

Immer enger und enger wurde es Martha um die Brust. Die angenehme Stimme, die so verfänglich vom 72 Freunde des Mannes, den sie liebte, sprach, schien ihr von dem Baume mit den gleißenden Aepfeln zu kommen. Und bei alledem hatte sie den Ehrgeiz, einer sich so keck gebenden Persönlichkeit gegenüber nicht wie auf der Flucht zu erscheinen. Edwina gab ihr ja Concessionen, wenn auch die Standpunkte zu verschiedene waren, um sich in der Eile messen zu können. Indeß klingelte es schon wieder! Schon wieder eine Anmeldung! Die Annonce hatte alle haltlosen Frauenexistenzen der Stadt wachgerufen! Die „junge Dame, die eine gebildete Gesellschafterin wünschte, welche zugleich die obere Leitung eines Hausstandes übernehmen könnte“, war hierorts hundertfach vorhanden! Um sich des Zudrangs zu erwehren, hatte Edwina den ersten Anlauf in die Expedition einer Zeitung verwiesen und dort gebeten, alte, schwächliche, ärmliche Provinzialerscheinungen mit der Erklärung abzuweisen, die Stelle sei besetzt.

Herrn Ottomar Althings Liebe, sagte Martha, die doch nicht ganz ohne einen Trumpf scheiden wollte, ist die Göttin Themis! Er möchte es gern zum Justizminister bringen und da denkt man nicht viel an die Frauen!

Edwina hatte das Klingeln im Kopf, wollte nur draußen nachsehen und Martha durchaus zum Bleiben nöthigen. Diese hielt die Ablehnung fest, ging mit 73 Edwina zugleich, beide Erscheinungen den Pinsel des Malers herausfordernd; Triesel würde gesagt haben: „Die Schönheit zu Hause und die Schönheit beim Ausgehen.“ Anfangs schien Edwina betroffen über diese brüske Art des Abschiedes, dann aber neigte sie ihren schönen Kopf mit den aschblonden Haaren und sagte mit einem unbeschreiblich liebenswürdigem Tone der dunkeln, starkerrötheten Fremden in’s Ohr: Wenn Sie die richtige Toilette machen, stechen Sie Venus aus! Besuchen Sie mich oft! Bitte! Bitte! Bitte!

Wer stand draußen? Noch eine Nachteule, die sich Edwina doch verbeten hatte. Die Stimme war kreischend.

Ist hier –

Ja! ja! unterbrach Edwina. Die Stimme der Frau mit einem großen Seidenhut, einem vergilbten schwarzen Sammetmantel, griff ihre Nerven an.

Die Stellung, die Sie wünschen, habe ich Jahre lang bei meinem Onkel bekleidet! Er war Regierungspräsident, natürlich pensionirt –! Ich habe nur in der vornehmen Welt gelebt, Dichter, Künstler ausgenommen, die ich übrigens auch schätze! Auch bin ich sozusagen militärfromm!

Vier- ober fünfmal erwähnte sie dann die pensionirten Präsidenten, die alle zwischen Rhein und Oder lebten und von denen der Eine bald ihr Cousin, bald der 74 Andre ihr Neffe war. Edwina entwand sich dieser Umstrickung mit der ihr eignen lacertenhaften Gewandtheit. Sie fand Alles, was sie da zu hören bekam, sogleich gar lieb und schön und doch bedauerte sie, sich bereits gebunden zu haben. Die Redselige mußte sich empfehlen. Edwina war es um Ruhe zu thun. Martha Ehlerdt hatte ihr einen Eindruck gemacht, von dem sie sich erholen mußte. Anders sein und glücklich! O wer das könnte! seufzte sie tiefauf.

Endlich bekam sie eine Duenna, über die sie Anfangs mit der Jungfrau von Orleans hätte ausrufen mögen: Ach, es war nicht meine Wahl! Und sie hatte sie dennoch genommen! Es war beinahe jene Nachteule von neulich! Justizrath Luzius, dieser Seltsamste, Unerklärlichste aller Menschen, war bei Auszahlung der 30,000 Thaler in Mitthätigkeit versetzt worden. Die gräflich Treuenfels’sche Familie hatte ihn von je für ihre gerichtlich zu vollziehenden Acte benutzt. Edwina, eine Menschenkennerin durch und durch, hatte sogleich herausgebracht, daß dieser vielgesuchte, wenn auch grobe Mann die Verschwiegenheit selbst war, das lebendige Pflichtgefühl, trotz der Geschwätzigkeit seiner Angehörigen. Dazu wittern die Frauen augenblicklich die Ehe-Märtyrer! Edwina hatte der Justizräthin einen Besuch gemacht. Die Frau litt, wie bekannt, an dem Uebel 75 aller großen Städte, dem noch ein neuer Molière zu wünschen ist, an der Sucht, gesellige Verbindungen anzuknüpfen. Zu jener Hochzeit im Evangelium wurden nicht soviel Gäste zusammengetrommelt, wie Frau Justizrath Luzius aufzuraffen verstand, ob nun im Winter zu den Bällen, oder im Sommer, in den Bädern, zu Partieen, zu Pickenicks. Sascha und Zerline brachen oft mit einem: Aber Mama! dazwischen, wenn die Mutter eine eben erst gemachte Vorstellung schon zur Anknüpfung von einer Menge Fragen und zuletzt zu einer Einladung zum Thee benutzte. Der Vater sagte dann wohl in seiner Art: Sie ist eben die Tochter eines Kunstverlegers und demzufolge auf’s Subscribentensammeln angewiesen! Die Augen der Justizräthin, z. B. im Theater, im Zoologischen Garten, gingen immer wie auf der Suche. Jäger können nicht so nach Wild lugen, Hunde nicht so schnuppern, immer suchte sie eine Entdeckung zu machen. Die Töchter waren im Grunde ebenso. Sie hatten nur etwas mehr Takt, um ihre jähe Bekanntschaftssucht zu verbergen. Du wirst noch einmal einen Cartouche zum Hausfreunde machen und einen Abällino zum sonntäglichen Mittagsgaste! sagte wohl der verdrießliche Justizrath, fügte sich aber in die Art seiner Frau und bekam diese sogar von Dieterici, genannt Theodorich, überraschend anerkannt, sodaß selbst 76 Jean Vogler verstummte und nicht durch sein ständiges Parodiren seines Collegen die ganze Expedition zum Gelächter reizte. Es ist der angewandte Personencultus der Varnhagen’schen Schule! hatte Dieterici bedeutungsvoll über diese Eigenschaft ihrer Principalin gesagt. Sie ist principiell die zweite Rahel, die absolute Menschenfischerin! Die Justizräthin hörte das Wort wieder und Dieterici stand bei ihr seitdem auf der Höhe der Gunst.

Daraufhin erklärte sie auch nach einem Besuche Edwina Marloffs bei ihr dies Wesen über alles dumme Gerede der Menschen hinaus geradezu für einen Engel. Sie lud das reizende „steinreiche“ Mädchen, das in glänzender Equipage, in einem schwarzen enganschließenden, mit Federbesatz reich garnirten Kleide, auf den blonden Locken ein ungarisches Käppchen etwas schiefgesetzt, in der Hand ein kostbares Spitzentaschentuch und ein Visitenkartentäschchen von edelsteinbesetztem Perlmutter, Besuch gemacht hatte, sofort zu einem geselligen Abend ein und Sascha und Zerline fanden dies „Mädchen aus der Fremde“ über die Maßen „reizend“ und hatten keinen Neid und am wenigsten Bedenken wegen Sittlichkeit. Edwina schlug ja kaum die Augen auf und gab sich wie ein sechszehnjähriges Kind. Von vier, fünf Personen wurde sie schon um ihre Photographie gebeten, und Dieterici, der Alles brühwarm erfuhr, machte im Geiste einen 77 Cyclus Sonette auf sie. Justizrath Luzius kannte den geheimen Zusammenhang des Ueberganges von Frau Marloff zu einem Fräulein. Doch sprach er darüber zu Niemand. Auch von seinem Irrthum nicht, wenn er sich sagte: Die Summen, über die sie commandiren soll, sind durch meine Hand gegangen, sie sind zu hoch gegriffen! Sie ist wahrscheinlich eine Tochter des Grafen Wilhelm und Graf Udo wird einst noch seine Verwandte fesselnder finden, als die ihm durch einen lästigen Zwang angeheirathete Generalstochter! Da werden die Mittel schon fließen! Der corpulente, unter der Arbeit keuchende Mann urtheilte richtig und falsch nach seinen Erfahrungen. Seine Gattin sorgte für die Duenna. Und mit Energie! Da half kein Erbarmen! Frau Luzius hatte eine Einzigste in ihrer Art entdeckt und zwar in der Schweiz und diese mußte passen.

Sie schrieb an Edwina: „Liebenswürdiges, gnädiges Fräulein! Ich bekomme wegen der Stelle aus Neuvorpommern eine Zuschrift von einer alten Freundin, die bisher bei einem polnischen Domprobst die Wirthschaft führte! Der Mann durfte seiner Gesundheit wegen leben, wo er wollte. Die Polen sind so. Jetzt ist der Probst todt und ich sage Ihnen aufrichtig: Frau Regierungsrath Brennicke steht allein und allerdings hülflos in der Welt. Der Pole hatte kein Vermögen und die 78 Pension von ihrem seligen Regierungsrath ist gottsjämmerlich klein. Genug, Frau Regierungsrath Brennicke hat die Anzeige gelesen, mir geschrieben –“

Aber Mutter, war Sascha eingefallen, als die Mutter ihren Brief schrieb und die Töchter diesen zu lesen wünschten: Du hast ja die Dame in zehn Jahren nicht gesehen!

Zerline meinte: Wie kann sich die verändert haben!

Der Mutter stand aber die Dame aus Neuvorpommern ganz so vor Augen, wie ihr diese einst auf der „schinnigen Platte“ in der Schweiz begegnet war. Die Berge ringsum, die mächtigen Tannen, die Arven, das Heerdengeläut, das göttliche Interlaken, der Kuhreigen – Alles das – Kinder, rief die starkwillige begeisterte Frau, was Ihr mir den Kopf verrückt! Die Brennicke muß sie nehmen! Es ist eine vornehme Frau, von Verstand, von Bildung! Ihr werdet staunen und mich nicht irremachen –!

Edwina bekam denn endlich den vollendeten Brief und belachte Vieles darin. Der Engel aus der Palissadenstraße fuhr sofort zur Frau Justizräthin, sagte ihr innigsten Dank und setzte mit ihren schönen schwarzen Augenwimpern blinzelnd hinzu: Lassen Sie sie getrost kommen! Ich will mich unbesehen von ihr bemuttern lassen! Für unsere Eltern können wir ja überhaupt nicht –!

79 Das weiß Gott –! riefen einstimmig die durchtriebenen Mädchen.

Allerdings war es dann eine Prüfung Gottes, diese Bekanntschaft von der „schinnigen Platte“ von Interlaken her! Der Zahn der Zeit schien die Dame, die da erschien, gerade nicht so sehr berührt zu haben; denn schön hätte sich die Regierungsräthin Brennicke zu keiner Periode nennen können. Aber das Schrecklichste der Schrecken an ihr war ihr Hochsinn, die nun wirklich bei ihr gefundene Klopstock’sche Erhabenheit ihrer Empfindungen und die Aeußerungen ihres Selbstbewußtseins. Der Montblanc ihrer Gefühle, der Chimborasso ihrer Ansprüche ging über jede Vorstellung hinaus. Sie war nur aus Neuvorpommern, brachte jedoch eine Sicherheit mit, als wäre sie in den drei Städten Wien, London und Paris zugleich geboren und erzogen worden. Vor keiner Erscheinung in dieser großen Stadt, in die sie nun versetzt war, erschrak sie. Nichts war ihr neu, Nichts imponirte ihr. An Alles machte sie sich mit einer Siegesgewißheit, daß ihr Edwina bei dem ersten Zwiespalt, der sich beim Beziehen einer neugemietheten Wohnung und dem Placiren der Möbel, dem Schaffen von traulichen Etablissements, dem Setzen der „Pilze“, der Rollfauteuils, Chaiselongues und vor Allem bei der Wahl der Gardinenstoffe und der Ueberzugsfarben zu erkennen gab, den 80 Stich versetzte: Ich begreife nicht, Sie glauben mit Ihrem seligen Regierungsrath Alles durchsetzen zu können! Warum haben Sie sich nicht um eine Stelle als Oberhofmeisterin bei Hofe beworben?

Frau Brennicke sah damals das schöne reiche Mädchen nur groß an. Aber Edwinas Augen konnten Medusa-Augen werden. „Ich erkläre Ihnen“, fuhr sie mit fester Stimme und kreideweiß im Antlitz fort, „daß ich Ihnen volle Freiheit zu reden und zu declamiren lasse, im Handeln aber dulde ich nicht den geringsten Widerspruch, oder wir sind geschiedene Leute!“ Das war, als wenn der Tamtam in der großen Oper seine Meinung abgiebt. Gewöhnlich bekommt die Handlung dann eine andere Wendung.

Mutter Brennicke schwieg. War ihr doch das Reden und Declamiren gelassen! Letzteres bezog sich auf ihre wunderbare, ausnehmende ästhetische Bildung! Die Regierungsräthin war groß im Drapiren ihres nicht eben einen Raphael begeisternden Kopfes und ihrer kaum grade zu nennenden Schultern mit allerlei Wollenstoff und dann mit dem Heraustreten eines enormen Vorraths von Romanzen und Balladen, mit denen sie den polnischen Domprobst, der etwas Deutsch verstand, immer zum sanften Schlummer gebracht zu haben schien. Im Anordnen der neuen Wohnung, die ein ungeheures 81 Geld verschlang und bei deren Herstellung eine alte Frau, Frau Müller genannt, die im Hinterhof wohnende Großmutter, mitwirkte, ließ die Regierungsräthin ihren Schützling gewähren. Bald aber erkannte sie Schwächen, besonders die Eitelkeit in Edwinas Charakter und sie hatte da die Oberhand. Es war ja auch nur durch ihre Manie für epische und sonstige declamatorische Poesie möglich, daß Edwina Marloffs „Salon“ überfüllt wurde und nach wenig Wochen sogar – ein Prinz zu ihren Füßen, wenn nicht lag, doch saß – Alles wie sie geplant hatte! Ihre Speculation schien glänzend zu gelingen.

Die Regierungsräthin Brennicke war eine noch nicht entdeckte Sappho, eine zweite Ristori, eine Ziegler, Alles zu gleicher Zeit. Zuweilen hatte sie so viel Schwung, vom Frühstück an bis zum Zubettgehen nur in Versen zu reden, Rhythmus und Reim, auch Stabreim waren dann ihre gewöhnlichen Schwimmflossen. Wie ein fliegender Fisch erhob sie sich über die Oberfläche des Wassers. Für gewöhnlich war dies die Ostsee und der Höhepunkt, der ihr immer in Sicht blieb, Stubbenkammer. In die Nordsee machte sie manchmal Abstecher, aber die Dichter mußten ihr nicht zu viel von den Möven singen, mehr von den Seekönigen und den versunkenen Städten. Die Wikinger fuhren bei ihr hin und her; nur bis nach 82 Konstantinopel ging sie mit ihnen nicht mit. Der Orient mit seiner Pracht war nicht ihr Feld. Nur der Norden mit seinen düstern Fichten, seinen hellblauen Wolken, seinen weißen Eidergänsen! Da mußte Edwina staunen. Graf Wilhelm hatte ihr nur den Voltaire und Goethe vorgelesen, nicht einmal Uhland. Es war eine ganz neue Welt, die da Edwina umgab und sie fühlte wirklich, wie die Brennicke sie mit dieser gelehrten Anmaßung drückte und dabei diese ganze, fast fürstliche Einrichtung wie etwas ihr ursprünglich Zugehöriges hinnahm. Die Frau lud Dichter und Componisten ein, arrangirte Theeabende, machte Einladungen auf Ossian, Tegner, Ingemann und Dichter, die sie erst heben wollte, begleitete ihre Schutzbefohlene in die Theater, wo ihr nur die Tragödie mundete und das Einerlei des Repertoirs in diesem Fache oft lästig genug war. Sie knixte dahin und dorthin. Mit Allen schien sie bekannt zu sein. Nur gerade die Schauspieler vermied sie zu näherem Umgang, weil ihr diese ihren besondern Cultus störten. Kein Theeabend verging, wo sie nicht auftrat und einen Löwenritt, einen Wolfsanfall oder eine ähnliche fürchterliche Begebenheit vortrug. Alles, was an Ort und Stelle zur Literatur, zur Kunst gehörte, drängte sich, in Edwinas Salon zu gelangen, zumal, seitdem fast jeden Abend dort der Fürst Ziska von Rauden erschien.

83 Die Uebergänge bis zu diesem Höhepunkte im Leben Edwinas waren allmälig. Der Werth der Eroberungen steigerte sich nicht plötzlich. Erst begleiteten zuweilen Clavierspieler die Vorträge einer Mazeppajagd, wo die Brennicke und der langhaarige Zukünftler etwas in sich Harmonisches vortragen wollten, der ruhiger Prüfende aber nichts Gehauenes und Gestochenes fand. Dieterici blieb mit seinem Streben nach Anerkennung und der Ueberreichung eines schon von ihm erschienenen lyrischen Bandes nicht aus. Leider hatte er nicht die Poesie Stubbenkammer, diesen Untergang Vinetas, die Nordlandsharfe ganz im Finger, mehr Heine und dessen verschiedene geheilte und wieder neu aufgebrochene Liebeswunden. Aber seine kleinen Aufmerksamkeiten: Hyacinthen-Gärtchen in Mooskörben und Aehnliches dann und wann übersandt, machten bei der Brennicke, die nichts von ihm declamiren konnte, Alles gut. War auch Anfangs der pedantische junge Mann, der nicht blos auf seine Schnurrbartspitzen, sondern auch auf seine innere Welt stolz war, erzürnt über die Mißachtung seiner Waldgänge mit Windesrauschen, Wellen mit Waldeinsamkeit, Waldliebchen mit Waldmühlen im moosigen Grunde und fuhr Jean Vogler an, wenn dieser den Wald für vollständig abgeholzt in der Poesie erklärte und wohl gar sagte: Theodorich, Poet in Versen zu 84 sein, ist nur eine Frage des Sichzeitdazunehmenkönnens! so suchte er sich doch auf den Geschmack der Regierungsräthin zu verlegen und traf es zuweilen mit einem Seekönig, der wegen seiner Tochter die Krone niederlegte oder sonst etwas Verkehrtes, aber Poetisches that.

Edwina, nun blos, und dies absichtlich, die zweite Person in dem Salon der Regierungsräthin, war das Mädchen aus der Feenwelt. Wenn sie, während die Regierungsräthin empfing, erst später eintrat, bald in Weiß, bald in Rosa, den Hals, die Arme unbedeckt, den schönen Kopf mit seinen Nixenaugen zurückgeworfen und Jedem zutraulich die Hand gebend, so wurde Alles an ihr bewundert. Sie spielte mit Gewandtheit Piano, sie sang, sie malte. War sie im Theater, so richteten sich die Operngläser auf sie. Gab es auch Morgenscenen mit der Brennicke, wo die Vögel in den prächtigen Bauern mit zu schmettern begannen, ein Papagey mit seinem „Jacob“ sich heiser schrie, ein kleines Schooßhündchen, das sich Frau Brennicke mit einem rothen Bändchen, einer Klingel daran, als beständigen Begleiter ausbedungen hatte, bellte und vor Zorn in Edwinas Kleider fuhr, so wurde der Conflict doch noch zur vorläufig überbrückten Kluft, freilich aus immer schwächerem, nicht besonders haltbarem Material. Einmal brach es fast ganz. Die Regierungsräthin hatte herausgebracht, daß 85 die alte Frau, die Müllern, die regelmäßig die Wäsche abholte und im Hinterhause wohnte, Edwinas Großmutter war. Edwina fühlte kalt für die alte Frau und dünkte sich einer Wäscherin nicht blutsverwandt. Ja sie mußte es für eine Bosheit Marloffs, ihres Nährvaters, halten, daß er ihr beständig diese Aufpasserin stellte. Aber sie duldete nicht, daß auch die Brennicke die alte Frau geringschätzig behandelte. Sie zwang sie sogar, der anspruchslosen Greisin, einer Frau ganz aus dem Volke, ein gebrauchtes Schmähwort geradezu abzubitten.

Fürst Rauden krönte das Gebäude eines Systems, das sich allmälig als gefährlich erwies. Die Hundertthalerscheine verschwanden wie Nichts. Die Regierungsräthin hatte den Prinzen, einen Dilettanten und ewigen Operntextsucher aufgestöbert. Man nannte ihn „Prinz Narziß“, weil der etwa Vierzigjährige ein eitler, ganz in sich versunkener Mann war. Er war ein Angehöriger derselben fürstlichen Familie, zu welcher Gräfin Treuenfels gehörte. Aber auch er schien aus der Art geschlagen. Während die Raudens alle zum Militär übergingen und als Reiter, Attakenführer, selbst Brigadechefs einen ungewöhnlichen Muth entwickelten, war Fürst Egmont Ziska Prinz von Rüdt und zu Rauden, wie er hieß, zwar auch unter die Fahnen eines nur zwei Drittel souveränen Staates eingetreten, gerieth aber bald 86 in jene Stellung à la suite, die ihm die schönkleidende kriegerische Uniform eines Husaren, mit allerlei Silber- und Goldborten, ließ, aber kein Avancement eintrug.

Seinem Eifer nachzugeben, daß Triesel ihn ebenfalls auf der „staubverhüllten Parade“ anbrachte, war er eifrig beflissen, wenn er auch vom Schlucken jenes Triesel’schen Staubes nach jedem Suiten-Mitritt einige Tage lang krank war. Seine Leidenschaft war die Musik. Sein Wahn bestand darin, ein Componist von hohem Beruf zu sein. Wie „der Hirsch nach frischem Wasser“, so schreit der meist ungebildete Componist von heute nach Texten. Diese fortwährende Suche nach Richard Wagners einer Hälfte, der sogenannten Dichterschaft (Wagner ist sich sein eigner Schikaneder geworden) brachte ihn auf die nordische Höhe, wo Frau Brennicke thronte und die Windharfe im Mondenschein ihre Klagetöne erschallen ließ. Die Stubbenkammerpoesie führte ihm Contingente von Dichtungen zu. Manches war darunter, das er wählte. Doch versuche sich nur Einer mit dem Genius in den höheren Kreisen der Gesellschaft! Wenn nicht über einem fürstlichen Künstler noch ein Gewaltigerer steht, der selbst von dem Gedanken der Kunst, der fortschreitenden Literatur, der täglich Neues bringenden Wissenschaft ergriffen ist, so müssen solche Erscheinungen, die an sich erfreuen könnten, elend verkümmern. Nach oben ver-87spottet, angelte der Fürst um Halt nach unten. Ein Prinz des Hofes sollte ihm den Namen „Narziß“, aus „Narr“ und „Ziska“ gebildet, gegeben haben, ein andrer behauptete, aus dem Tonzeichen „Cis“ und „Narr“. Soviel stand fest, weichlicher war nie ein Mann, der sich in eine Husaren-Uniform verirrt hatte. Die Musik hatte ihn so erschlafft, wie Musik nach der Meinung der Alten ganze Völker erschlaffen kann, wenn sie so getrieben wird, wie kürzlich in Bayreuth. Fürst Rauden bewohnte ein prächtiges Palais. Dort wimmerte und jammerte er den ganzen Tag auf dem Clavier nach irgend einem vor ihm aufgeschlagenen Buche oder Manuscripte. Ein Contrapunktist, ein armer Teufel, der sich leider nur etwa bis vier Uhr Nachmittags gegen die dann zu mächtig anziehende Gewalt des Alkohols zu behaupten vermochte – nennen wir ihn einfach Meyer – brachte diese schwachen Motive, Melismen, Ausweichungen aus einer Tonart in die andere, kurz eine höhere Katzenmusik, in eine gesetzmäßige Form.

Diese Persönlichkeit, schlank, wohlfrisirt, immer mit einem Stern am Frack, kam jeden Abend zur Brennicke. Die Regierungsräthin wurde grade dieses immerhin reichen und hochgestellten Dilettanten wegen umschmeichelt und umworben. Aber – von Prinz Narziß selbst war Nichts zu beziehen! Er besang Edwina in schmelzenden 88 Liedern, er schickte Blumensträuße aus seinen Treibhäusern, er fing an, sich schon Vormittags bei ihr ansagen zu lassen, aber aus Allem, was von ihm kund wurde, ergab sich nur ein bodenloser Egoismus. Edwina wollte durchaus die Fürstin Rauden werden. Sie liebte den Mann keineswegs, aber sie war eines Grafen natürliche Tochter und wollte eine Stellung zum Leben gewinnen und ein Resultat ihrer kühnen Speculation.

Wie verstand sie in den schönsten Toiletten aus den Zimmergärten herauszutreten, Jedermann im überfüllten Salon, wie eine Fürstin, etwas Artiges zu sagen! Auch andere Anbeter schienen sich in Bewerber um Edwinas Hand zu verwandeln. Aber der täglich kommende Fürst! Ich möchte ihn morden! schrie Edwina eines Morgens, als er ihr wieder eine seiner Reverieen im Manuscript geschickt hatte. Was will er damit? Doch nicht blos unsern, von mir theuer erhaltenen Salon, um sich, sich zu zeigen, sich mit der Welt zu vermitteln, sich Publikum, Claqueurs zu erwerben? Ja er ist zu feige, rief sie, zu geizig, selbst einen Salon zu eröffnen für Alles, was hierorts die Stadt an Geist besitzt, was die tonangebenden Mächte vernachlässigen! So macht er sich eine Winkelexistenz, läßt sich dort die von der Brennicke zusammengetrommelten Berühmtheiten vorstellen, bildet sich ein, ihnen einen unvergeßlichen Eindruck 89 hinterlassen zu haben, wofür er mit Blumen und Noten bezahlt!

So zornig konnte Edwina über die ausweichende Erklärung des Fürsten werden, daß sie sogar zu ihrer kleinen Polin, die trotz des Machtgebots des noch in voller Unwissenheit über alle diese Dinge lebenden Professors heimlich wieder in ihre alte Stellung geschlichen war (Plümicke, der sie mit Seele liebte, hatte vorläufig die Besänftigung des darüber etwa aufwallenden Professors übernommen) sagte: Ich hasse halbe Menschen wie die Sünde!

Und sie sagte sich selbst ganz laut: Wo bin ich denn hingerathen?

Berechnete sie dabei, daß sie jetzt nur noch so und soviel tausend Thaler besaß und daß diese bei solcher Lebensweise und einer so gründlich verfehlten Speculation, wie sie angefangen, bald ebenfalls verzehrt sein mußten, so sprach sie dumpf vor sich hin: Was dann? Was dann? Es faßte sie mit Eisesgrauen. Soll ich die Familie Treuenfels aufwiegeln? Fieberfrost schüttelte sie. Die alte Großmutter rieth ihr manchmal beim Sortiren der Wäsche, die Nähnadel zu ergreifen. Wer weiß, wozu Du sie noch brauchen kannst! war das Wort der alten Frau, die in Edwina den Anlaß zum Tode ihrer Tochter sah und keine besonders zärtlichen Gefühle für sie hatte. Wie oft 90 war sie ihrem Vater in Ungarn, dann wieder aus der Pension entlaufen –! Die Alte verglich die Ugarti, von der sie gehört hatte, mit der Brennicke. Trieben sie nicht im Grunde genommen dasselbe Gewerbe? Mädchenhandel? Die Alte meinte: Eine Fürstin? Hahaha! Seine Maitresse könntest Du allenfalls werden! Dazu hat der aber nicht die Courage!

Eines Tages ließ sich Ottomar Althing melden. Nicht etwa bei Edwina Marloff, sondern bei Frau Regierungsräthin Brennicke. Der Salon des Hauses war unverfänglich, die Haltung Edwinas über jeden Makel erhaben, ein Fürst Rauden konnte den Gedanken hegen, sie zu seiner Gattin zu wählen. Die Luzius’sche Familie, die Collegen, Jean Vogler, Dieterici, seine eigne Familie hatten ihn gedrängt, einmal diesen Besuch zu machen. „Dem Ganzen fehlt die Weihe, wenn Sie fehlen –“ hatte sogar Jean Vogler mit einer bei ihm seltenen Anerkennung gesagt. „Nur müssen Sie viel Declamation und Lieder ohne Worte in den Kauf nehmen! Zuletzt giebt’s aber immer gut zu essen!“ setzte er hinzu.

Der wahre Beweggrund, warum Ottomar diesen Boden wieder betrat, lag in den Briefen des Grafen. Mit dem regelmäßigen Schluß: „Meine Frau läßt Dich grüßen“, der in sein Gemüth wie ein langgezogener 91 schmerzlicher Waldhornruf einzog und ihn immer so erschütterte, daß er minutenlang sitzen, den Brief in der Hand behalten und starr wie in’s Leere blicken konnte, kam regelmäßig die Aufforderung: „Erzähle mir doch endlich, endlich etwas von dem curiosen Leben der Marloff!“

Lieber Herr Althing, sagte Edwina, als auch sie erschien und, wie dies so eingeführt war, die Regierungsräthin vertrat, die zu beschäftigt war oder, wenn diese erschien, sich allmälig verschwinden machte, was ist doch Alles passirt, seit wir uns zum erstenmal gesehen! Ich, damals ganz Zimmerpflanze zum Krankwerden, damals nur für den Edelsten der Menschen lebend, nicht achtend, was die Menschen von mir redeten, mit einer Kette an der Thüre Jeden abweisend, der in meinen stillen Frieden dringen wollte! Die Sprachlehrerinnen kannten gewisse Zeichen, um sich zu erkennen zu geben, besonders Abends, wenn einmal wieder im Haus das Gas ausgeblieben war! Sie hätten gestern hier, fuhr sie fort, bei einem Streit zugegen sein sollen, ob man das noch einen Poeten nennen könnte, der aus dem ungeheuern Vorrath an köstlichen Redewendungen, der in hundert vor so einem soi disant-Dichter aufgeschlagenen Büchern läge, für eine allbekannte alte Geschichte eine neue Bekleidung heraussuchte! Man sagte: Eine mit Feuer und Geist 92 geschriebene Recension sei für unsern jetzigen Standpunkt mehr ein Gedicht als die Wiederholung einer Situation, von der man erklären muß: War ja schon da! Bester Herr Althing, ich könnte erzählen und plaudern von Dingen, die noch nicht da waren –!

Sie senkte träumerisch ihr schönes Haupt.

Es war eigen, daß Ottomar ein ganz gleiches Empfinden hatte, diesem Wesen gegenüber. Der elegische Ton, der seit dem letzten Ball im Rabe-Wolny’schen Hause durch sein Gemüth zog, der sich durch die Krankheit seiner Schwester gesteigert hatte, sprach da auch aus Edwina! Diese bat um Verzeihung wegen ihrer kecken Correspondenz mit dem Vater um Josefa und schien sich gerade mit Absicht in das Gegentheil eines Modells gekleidet zu haben. Sie war in einem hochhinaufgehenden schwarzen Kleide und sonst ganz einfach in ihrer Erscheinung.

Man wird Ihnen bald als einer Durchlaucht gratuliren können? sagte Ottomar im Verlauf des Gespräches, das sich auf die verschiedenen Erlebnisse bezog. Er wollte doch dem Grafen etwas Reelles berichten.

O – sagte Edwina ablehnend, erinnern Sie mich nicht daran! Dann dämpfte sie ihre Stimme und sah sich im Zimmer um. Sie kennen ja meine Verhältnisse und ich habe Vertrauen zu Ihnen! Ich möchte ein anderes Verhältniß für meine Existenz eintreten lassen! 93 Diese Frau da mit ihrem ständigen Purpurmantel – Ihre Freunde werden Ihnen von ihrer Manie erzählt haben, ermüdet mich bis zur Verzweiflung! Ich will mir einen Beistand suchen, der mir hilft, einen ganz anderen Ton in’s Haus einzuführen. Ich kündige der guten Frau. Ach – rief sie schmerzlich aus – ich habe immer an das stolze Mädchen, an Fräulein Ehlerdt gedacht, das vor einigen Monaten bei mir gewesen, und der ich gewiß ganz mißfallen habe! Gott im Himmel, könnte ich eine solche Seele für mich gewinnen! Mit der plaudern! Schwesterliche Mitempfindung austauschen! Auch Sie sollen eine vortreffliche Schwester besitzen! Warum erbarmt Ihr Euch nicht meiner, zieht mich zu Euch hinüber, rettet, rettet mich Unglückliche!

Und mitten in ihren Thränen unterbrach sie sich und sagte trotzig: Aber das ist der kalte Stolz der Tugendhaften, den ich so hasse! Sie stampfte sogar mit dem Fuße auf.

Versuchen Sie es mit der Ehlerdt! sagte Ottomar, erschreckt von diesen dämonischen Gegensätzen in dem seltsamsten Charakter. Sie ist die Schwester eines Menschen, den ich verachte, der aber plötzlich wieder der Gegenstand der Erziehung seiner Schwester geworden ist! Sie führt ihm eine neueingerichtete Wirthschaft.

94 Edwina intonirte das Lied: „Es fiel ein Reif in der Frühlingsnacht –“ Es will mich Niemand, unterbrach sie sich, den ich mag! verbesserte sie sich schon wieder. Wehmuth und Frivolität gingen in Eins.

Sehen Sie nicht zu schwarz, unterbrach Ottomar mit dem Ausdruck des größten Antheils an diesen bei Alledem so vertrauensvollen Mittheilungen und gefesselt durch eine Sphinx, die alle ihre Krallen einzog, plötzlich nur Weib war, ruhig von den nahestehenden Blumentöpfen Blüthen abbrach und diese sich langsam und mit elegischer Betrachtung auf die Brust steckte.

Auf das eine Wort Ottomars: Ihre Erfahrungen haben Sie bitter gemacht! ein Wort, das er harmlos gesprochen, fixirte sie ihn blitzschnell.

Welche Erfahrungen? sagte sie. Ich bin Realistin. Wir Frauen müssen Realistinnen sein, wenn wir uns überhaupt halten wollen! Die Idealistinnen sind nur Wetterfahnen! Im Alter hin und her geschobene Närrinnen! Doch sind wir nur etwas durch die Männer! Denn das Leben ist zu schwer und die Pflichten sind zu groß! Man muß die Arme in die Seiten stemmen, um durchzukommen. Zum Lachen kommt man nicht mehr! Daß jetzt die Frauen ohne die Männer sich behaupten wollen, giebt einen Hexensabbath! Hat nicht ein gewisser 95 Breughel solche Scenen abgemalt, z. B. wie alte Weiber rennen, um wieder jung werden zu wollen?

Ottomar nickte. Höllen-Breughel! sagte er und fuhr fort: Zum Glück habe ich meine Stelle für Verbesserung des Frauenlooses an Dieterici abgetreten, sonst wäre ich verpflichtet, zu opponiren!

Ich will mich beim Telegraphenamt melden! schloß Edwina mit schalkhaftem Blinzeln ihrer Augen. Wer weiß, was ich da von Ihnen erfahre!

Ottomar hätte sie nun ruhig küssen können. So listig war diese ganze Art, sich plötzlich zu geben und zu wenden. Er that es nicht. „Das Weib an sich“ hieß bei ihm Ada.

Wann sind Sie Minister? fragte Edwina mit noch mehr herausforderndem Tone.

Wenn wir Beide weiße Haare haben! sagte Ottomar.

Damit sprang er auf. Das Zusammensein mit diesem Augenspiel, dieser Abwechselung von Trauer und Uebermuth, von Zartsinn und beinahe Frechheit, überraschender Bildung mit jeweiliger koketter Verleugnung derselben bis zum Kinde, das Herumgehen beim Sprechen, Verändern des Sitzes, bald auf diesem Sessel, bald auf jener Chaiselongue hatte etwas, das selbst eine ihrer Kraft bewußte männliche Natur zuletzt wankend machen konnte.

96 Da steckte die „zehnte Muse“, wie Frau Brennicke genannt wurde, den Kopf durch die Thür und sprach ein bedeutungsvolles Wort: Der Wagen!

Schon gut! war die Antwort.

Da ein Wagen anrollte, so konnte Ottomar nur annehmen, daß Prinz Narziß kam, der seine brahminischen, rein der Betrachtung gewidmeten Besuche abwechselnd des Morgens oder des Abends machte.

Ottomar empfahl sich und Edwina schien nicht zu wissen, sollte sie ihn zum Bleiben nöthigen oder den Prinzen Rauden empfangen, wie es Se. Durchlaucht Vormittags liebte, kränkelnd und schmachtend mit ihr allein. Glauben Sie doch an diese Comödie nicht! sagte sie. Die ganze Welt gehört – wie Schiller eine seiner schwächsten Gestalten, den Ritter Talbot, sagen läßt – dem Narrenkönig an! Edwinas Blick sagte noch: Eine Luftwelle macht das Gerücht zum Orkan! Aber auch die Luftwelle umfächelt das Auge, entlockt ihm vielleicht den Tribut des Verdrusses, des Aergers, des Stolzes, den Tribut der Thräne!

Edwina hatte ihn an eine Thür begleitet, die Ottomar benutzen konnte, ohne dem Fürsten zu begegnen, dessen Wagen in der That unten stand. Wahrscheinlich hatte schon den hohen Besuch Frau Brennicke in Empfang genommen.

97 Viertes Kapitel.#

Während Ottomar die schönen Räume verließ, überlegte er, was er dem Freunde von dem empfangenen Eindruck mittheilen sollte. Er wußte nicht, trug er den Frühling oder den Herbst mit sich heim, waren es Träume eines Himmels oder der Aufbau der Hölle! Linde Lüfte, die sein Gemüth durchzogen, machten sich ihm wie physisch empfunden geltend. So kehrte er in seine Pflichtenwelt zurück. Die beiden traulichen Stübchen, die er an einem großen Platze der Stadt bewohnte, gingen, da sie hinterwärts lagen, in eine andere stille Straße hinaus. Edwina verschwand bald wie eine Sternschnuppe an seinem Horizont. Er trug nur Adas Bild im Herzen. Dem Zauber, den sie auf ihn geübt, hatte er Rede stehen müssen! Laß der Blume ihre Schmeichelkunst, höre nicht darauf! Laß Frauenreiz nicht auf dich wirken! hatte ihm einst der Vater beim Abschied auf die Universität gesagt, mit einem ihm unvergeßlichen Blick, der in die Tiefe der Seele ging. Er hatte sich diesen Spruch so 98 oft wiederholt; er jubelte über die Bewährung, als er vom ersten Ball kam und ihm keine der Schönen gefallen hatte. Er war ein Virtuose im Umgang mit Frauen geworden, die ihm alle „nichts thaten“. Es war ihm gelungen, schon eine Reihe von Jahren an den berühmtesten Schönheiten gleichgültig vorüberzugehen. Seine eigne interessante Erscheinung, der schöne Wuchs, das volle Haar, der Bart, sein Gang, mehr noch seine Bildung, das Zeichen, daß er im Kriege gewesen, hatten ihm Herzen zugetragen, er sah es deutlich. Aber erst Ada, die Frau seines Freundes, wurde das Wesen, das seine innern Verschanzungen einriß! Ständig hörte er sie mit ihm plaudern, die tiefe Stimmlage, die Ada besaß, war ihm eine Musik, die er immer hörte. Oft fuhr er wie von etwas Unsichtbarem erschreckt auf. Er hörte dann Ada reden. Dann stand sie vor ihm; da beugte sie sich zu ihm nieder! Träumer! schalt sie ihn und er sich und schlug sich an die Stirn. Schwer lag es dann auf seiner Brust, sein Athem ging langsamer. Er fühlte sich unglücklich – durch den Freund, dem – er nun schrieb!

Wie Martha gerade zu ihrem Bruder zurückkehren und sogar wieder in das alte Haus der Commerzienräthin hatte einziehen können, das hing mit einem Welträthsel zusammen. Saturn hatte seinen Spaß haben wollen; die Götter im Olymp werfen zuweilen mit 99 hohlen Nüssen auf uns Menschenkinder herab; Fabelunternehmungen entstanden; Schaum wurde zu Wellenschwung; Börsenjauchzen erfüllte die Welt.

Der Tod der Commerzienräthin und der Entschluß Wolnys, das ihm zugefallene Erbe sofort einer sich schnell bildenden Association billig zu verkaufen, Deutschland zu verlassen und sein Trauerjahr in England und Amerika zuzubringen, hatte diesen zauberhaften Umschwung auch für die Rabe’sche Maschinen-Bedarf-Gesellschaft in’s Leben gerufen. Als Wolny schon die Wichtelmännchen der Kohlengruben Belgiens besuchte, traten Max von Forbeck, Harry Rabe, Baron Cohn von Cohnheim in den Verwaltungsrath. Der technische Director, der mit den Fabrikpferden in elegantem Coupé hin und her fuhr, der neue Phaëthon, war Raimund Ehlerdt, Bewohner jetzt des untern Stocks, worin ihn die Zimmer, die einen „romantischen Aprilscherz“ nach dem Muster seines großen Vorbildes Lassalle hatten entstehen und glücklich ablaufen sehen, wenig genirten. Den oberen Stock hatte der erste Vorstand des Verwaltungsraths, der Assessor außer Diensten Harry Rabe im Besitz. Der Sohn war nun doch wieder im väterlichen Erbe! Die Actien der Gesellschaft standen gleich Anfangs 101. „Nur der Lebende hat Recht!“ sagt Schiller und Harry würde nicht wenig mit dem Fuße aufgestampft haben, hätte ihn 100 nicht zuweilen ein verdächtiges Ameisenlaufen in den Beinen befallen und der Spiegel belehrt, daß die saftigsten Beefsteaks nicht mehr ausreichten, wo einmal die „graue Substanz“ im Menschen, die Medulla, das bischen uns geschenkte Götter-Ichor erkrankt ist.

Wunderbar war die Phantasie des Zeitgeistes entfesselt. Nie hatte der Blick in’s Innere der Natur, den uns Schelling hat lehren wollen, so die Binden seiner Mitwelt von den Augen gerissen, niemals Fichte so „sonnenklar“ den Beweis geliefert, daß Alles, was Nicht-Ich sei auch nichtig sei und nur im Bewußtsein, im Denken alles wahrhafte Sein bestünde. Nur daß die Objecte dieser Schwärmereien Eisenarbeiterwerkstätten, Droschkenfabrikations-Anstalten, Lederfabriken, Peitschenmanufacturen, Straßendurchbrüche und sonstige „reelle Werthe“ waren.

Von den Serapionsbrüdern sagte eine Stimme, Ascher Ascherson, der Börsen-Psychologe: Es träuft ein Manna vom Himmel und das Volk wird gespeist mit einem Himmelsbrot, von welchem es, ich fürchte das, später starke Leibschmerzen bekommen wird oder wenigstens chronische Verdauungsbeschwerden!

Kinder Israels waren damals alle geworden. Alle verfielen in die Vergötterung des goldnen Kalbes. Warum goldnen Kalbes! sagte Ascherson. Besser sollte man dafür in der Wüste die Mutter des Kalbes, 101 die Kuh, als Symbol der fließenden Rente genommen haben! Man traute dem Begriffe „Nichts“ eine urplötzliche Zellenentwickelung, einen Niederschlag von baarer Valuta zu, im vollen Widerspruche mit Darwin, der dieselbe Erscheinung lehrte, dabei aber doch von Millionen Jahren sprach.

Keine Zeit war so erfindungsreich, als diese, nur daß sich ihre Lust-, Schau- und Trauerspiele meist innerhalb der vier Wände abspielten. Die Verzweiflung packte zuletzt die Mörder von Lebensexistenzen an der Brust und sie rangen handgreiflich um Sein oder Nichtsein. Zum Glück konnte man die Thaten der neuen Atriden meist auf abstracte Begriffe, Gesellschaften, Verbände, Banken zurückführen, nicht des Thyestes gekochte Gebeine; selbst Harry Rabe war sozusagen ein Ehrenmann. Auch das Plenum war immer schöne Seele. Edle volksbeglückende Idee. Schutz der deutschen Seeschifffahrt, Hafenausbaggerung, Leuchtthürme am wogenden Meer. Alles das näherte sich, wie von Priestern geleitet, der Kaufmannschaft, dem Capital, dem Schwung der Gewerbe. Ach! und erst die Erholung und Erkräftigung der Ackergüter. Das Pfandbriefwesen, Papier wurde Pergament! Pergament goldnes Vließ! Aber das war das Verderben. Warum dientet Ihr nicht bescheiden diesen Zwecken? Warum gingen die Verwaltungsräthe der großen Banken und 102 sagten: Unsere Millionen gehen lieber an die Börse! Kaufen und Verkaufen von Eisenbahnen und Straßenvierteln, Sichbetheiligen an allem Schwindel, der auftaucht, bringt mehr Geld ein als alle langen Geschichten mit Nationalzwecken und Volkswohl – die wir versprochen hatten! Die Geschichte hat gerichtet.

In dieser Zeit war es still in der düstern langen, nur von einem Fenster erhellten Versammlungshalle der Montagsfreunde. Alles war in Bewegung. Selbst der geniale Hofmaler Triesel fehlte. Die wenigen kaufmännischen Elemente der Gesellschaft hatten die übrigen mitangesteckt. Es gab ein Rennen, Fragen, Forschen, Handeln, Feilschen, das Alle in Anspruch nahm. Der Montag grade war nun recht der Tag der Irrlichter auf dem Sumpfe. Die Börse verbreitete da die absolutesten Verbindungen mit der zur Gravelotte-Trompete heruntergebrachten Fama-Posaune. Der panische Schrecken blieb in manchen Gesichtern wie photographirt stehen. Sie bekamen einen perplex convulsivischen Ausdruck, wie wenn der Betreffende oder Betroffene eben in eine nicht zugedeckte Kellerthür gefallen und ihn Jemand in diesem verdrießlichen Augenblicke in Kautschuk nachgebildet hätte. Bei den Juden fehlte eine Dosis Wehmuth als Beimischung nicht. Die Juden denken immer an Weib und Kind. Die klügsten Menschen sahen damals mit gläsernen 103 Augen um sich wie die Katzen am Tage. Oft wurde geschrieen über die Tyrannei und die Willkür des Courszettels. Aber das Syndicat thronte fest und schwang seinen Scepter, während dumpfdröhnend, Allen durch die Glieder fahrend, die langsamen Pendelschläge der mit furchtbarer Ironie gestellten Zeitenuhr durch den Börsenraum erschollen.

Müde wie ein Jagdhund konnte man sich doch nicht zu den Serapionsbrüdern setzen! Man mußte doch leben, Anregungsfähigkeit, active und passive, mitbringen! Heute war sogar der Tod ein Gegenstand eifriger Discussion geworden. Der alte Bildhauer war zugegen. Sein Grabmonument für den Grafen Treuenfels war fertig, wurde viel besprochen und er war schon seit lange an das Grabmal der Commerzienräthin Rabe gegangen. Heute wollte er in die Vorstadt und in dem von Wolny verlassenen Hause nach Bildern suchen, die er mit den von Wolny ihm zurückgelassenen Exemplaren zur Herstellung eines Reliefportraits vergleichen wollte, das die Vorderwand eines antiken Sarkophags schmücken sollte. Die Form einer Badewanne werde ich zu vermeiden suchen, hatte der leichtgereizte Künstler in Gegenwart eines Recensenten gesagt, der einmal wieder sein Atelier betreten und alle Entwürfe mit lächelnder Bewunderung belorgnettirt hatte. Und doch hatte er eben gesagt: Der Tod scheint uns ein 104 Bad, in das wir uns in Hoffnung auf balsamische Erquickung setzen werden, aber ein mächtiger Strom, übergewaltig, urkräftig, schlingt seinen Arm über uns hinweg und reißt uns in’s Getriebe des Alls hinaus! Ob wir das fühlen werden, ob wir zum Bewußtsein unsers Einst gelangen, ach! das ist Glaubenssache! Ich habe in meinem Gärtchen einen uralten Weinstock. Es ist unmöglich, das Bild der Abgestorbenheit mehr darzustellen, als dieser traurige alte schwarze Stamm es thut mit seinen sich absplitternden Bastfäden. Und im Mai da kommen aus dem alten Holze immer wieder kleine grüne Pünktchen, die sich erweitern, ausdehnen, Blatt an Blatt und Blüthe werden und uns einen ganzen fröhlichen Herbst mit etlichen – allerdings sauern Trauben bringen können. Ich kann den Menschen aus der Reihe der Naturproducte nicht ausstreichen.

Bester Freund, sagte ein würdiger Herr, der an der Majors­ecke pensionirte Offizier, mit dem simpeln bürgerlichen Namen Brandt, der Tod macht aus dem Stamme schon Klein-Holz, sägt und spaltet ihn! Da kann Nichts mehr hervorblühen!

Sanitätsrath Eltester war zugegen und klagte unsere Kriege, die Verheerungen und Geringachtungen des Menschenlebens an. Ich, sagte er, glaube nur an eine absolute Diesseitigkeit unserer Bestimmung, habe aber 105 damit eine Anklage unserer ganzen Bildung, unserer ganzen Lebensweise, unserer Institutionen zugleich im Sinne! Der Gedanke, daß wir mit dem Tode Staub sind und den Plan der Schöpfung niemals erfahren werden, sollte unser ganzes Leben furchtbar umwandeln – (Ada hatte das auch einmal gesagt!) Schopenhauer hat der jüdischen Religion vorgeworfen, sie sei die schlechteste von allen Religionen, denn sie lehre keinen Glauben an ein jenseitiges Leben, welche Vorstellung man selbst bei den Religionen der Menschenfresser fände. Ich meine aber ganz im Gegentheil, eine Religion, die ein reines Diesseits lehrt, stünde viel höher! Das Judenthum hat übrigens verstanden, sich die Erde ergiebig zu machen!

Der Gerichtsrath Eller meinte: Wenn ich in unsern Bulletins über den letzten Krieg immer gelesen habe, Gott habe diesen oder jenen Sieg verliehen, so kann das bedeuten, daß Gott gleichsam in den Gährungen der Welt ein Vacuum ist, das all unser Dunst, all unsre Dämpfe nicht auszufüllen vermögen und das dann, manchmal freilich erst Jahrhunderte später, wie eine reine frische Luft irgendwo Raum gewinnt!

Das ist der reine Pantheismus –!

Eine unwürdige Vorstellung von Gott –!

Dieser Gott ließ auch Hussen verbrennen –

Seinen eignen Sohn kreuzigen –

106 Sokrates den Giftbecher trinken —

Es ist Julians, des Abtrünnigen, Gott, der Aether! rief der Oberlehrer Dr. Wedde in den Wirrwarr hinein, der sich immer mehr steigerte.

Und die Elenden, die Alles das anstifteten, wurden niemals bestraft, rief die Stimme des emeritirten Schulrectors, vielleicht höchstens dadurch, daß sie am Ende doch nicht die Ruhe fanden, die sie gefunden zu haben erheuchelten!

Es war Justizrath Luzius, der nach diesem heftigen Protest gegen die Einmischung Gottes in Kriege um National-Eifersüchteleien und Dynastieen-Ehrgeiz aufstand und ging. Verletzt konnte ihn Nichts haben. Man war seine Eilfertigkeit gewohnt. Es war aber sein ihm besonders nahestehender Freund Schindler, der die peinliche Pause des plötzlichen Sicherhebens eines so bedeutenden Kopfes, wie Luzius war, mit den Worten abkürzte: Darum bin ich der Meinung des Herrn Sanitätsraths! Unser Leben, das ohne den Glauben an die Unsterblichkeit ein Leben auch ohne Gott wird, muß nun erst eine rechte Verklärung bekommen, wie sie jetzt kaum zu fassen ist. Die Herren Superintendenten mit ihren schwarzen Backenbärten, jetzt auch Vollbärten, wissen davon noch gar Nichts! So oft ich mit diesen Schwarzröcken bei einer Kindtaufe oder einer Hochzeit (zu Grabe zu gehen erlaubt 107 mir die Entfernung unserer Kirchhöfe nicht mehr) zusammentreffe, kommen mir diese Männer vor, als gehörten sie einer ganz andern Welt an! Der traditionellen Welt der biblischen Phrase, an welche die großen Geister Bayle und Baco nur zu glauben bekannt haben, weil sie den Scheiterhaufen fürchteten! Diese Aermsten sagten, man müßte die Dogmen wie Pillen ganz hinunterschlucken; kauen dürfte man sie nicht. Unsere jetzigen Geistlichen, man möchte sie Magier, Vogelflugdeuter nennen, so fremdartig ist uns schon ihr Auftreten! Sie repräsentiren nur noch die furchtbare Macht der Geschichte! Wer kann diese allerdings sofort wegfegen! Die Grundregel der Diesseitigkeit, des von den Weisen der neuen Kirche dem Volke gepredigten Erdenzwecks muß sein, die Erde sei ein Schauplatz des Glücks, der Freude, des Friedens, des wirklich genossenen geistigen Frühlings. Kehrt einmal Alles darnach um!

Ja du lieber Himmel! erscholl es auf diese schwungvollen Worte fast einstimmig.

Man wollte von einigen Seiten die über die Unsterblichkeit begonnene Erörterung fortsetzen und ermuthigte den Bildhauer mit dem gleichsam anhetzenden Ruf: Nun, Herr Professor, was denken Sie denn?

Man traf ihn schon in übler Laune. Nicht über die Ansichten, die den seinigen widersprachen, sondern 108 über die Wahrheit, die er zugestehen mußte, welchen Ballast sich die Menschheit „thurmhoch“, wie Shakespeare sagt, aufgebürdet hat! Wie können wir denn den abschütteln! brummte er und mit einer an ihm ungewohnten lauten Stimme rief er: Bei meinem nächsten Erscheinen werde ich zuvörderst darauf antragen, daß in unserem Kreise jeder Titel an den Nagel gehängt wird und die Frage der absoluten Diesseitigkeit damit beginnt, daß wir eine der scheußlichsten Entstellungen des Charakters unserer Nation, die Furcht vor dem simpeln Eigennamen, wenigstens von uns hier des Montags abschaffen!

Wird unterstützt! riefen selbst einige „Ober“. Ein Oberrechnungsrath Braeme setzte jovial hinzu: Aber die Stellen verlieren wir doch nicht?

Gleichsam wie zum Dank für diese freudige Zustimmung sprach der wunderliche Alte, der ebenfalls schon auf seinen Hut und Stock ausgeschaut hatte, mit einer gewissen Zaghaftigkeit: Meine Herren, wenn Sie nach Rom kommen und besuchen den Vatican und seine plastischen Schätze, so kommt Ihnen der Gedanke an künstlerische Fähigkeiten, an die Begriffe des Schönen zuerst! Denn die Sammlung ist aus dem Princip der Plastik als Beweisführerin für das Schöne hervorgegangen. An Unsterblichkeit erinnert da leider Nichts. Was beweisen dafür Apollo, Minerva, Ganymed u. s. w. 109 Besteigen Sie dagegen die Treppe zum Capitol; links lag ehemals das Kloster der von ihrem „Bambino“ lebenden Kapuziner (vielleicht hat sie italienische Feigheit wegzujagen vergessen), tiefer, dem alten Rathhause Roms zu, liegen die beiden Flügelsäle des Capitolinischen Museums. Ziehen Sie den Troß der Fremden und Custoden ab und bleiben Sie mit Tausenden von geretteten Statuen und Büsten der Vergangenheit, mit allen diesen Kaisern, Feldherrn, Rednern, Philosophen, Dichtern, die hier stehen, gleichsam allein! Menschliche Ungeheuer befinden sich darunter; auch der geschwollene Nero; aber der Künstler hat die Wüthenden zum Schweigen gebracht! Sie können keine Todesurtheile mehr über ihre Mütter und Brüder aussprechen. Ein feierlicher Ernst, die Sichel des Todes ruht über ihnen allen! Aber gerichtet sind sie da unmöglich! Die Tyrannen müssen es noch einmal empfinden, daß sie Schurken waren! Ein Bösewicht kann nicht so sanft und leicht am Schlagfluß aus dem Leben gehen und da in einer Bildsäule prangen! Ich glaube deshalb an den Himmel, weil wir ihn hier schon durch die Kunst und Wissenschaft auf Erden sehen. Ich glaube deshalb an den Himmel, weil ich an die Hölle glaube! Ich glaube deshalb an Gott, weil ich allen Ernstes der Meinung bin, daß diese Welt der Teufel regiert. Für heute – guten Morgen.

110 Damit wandte in bessrer Laune der Alte seinen lachenden Collegen den Rücken und nahm erst, um in die entlegene Rabe’sche Eisenbahn-Bedarf-Fabrik zu kommen, nach einigem Zu-Fußegehen, das ihn heute nicht trottoirempfindlich machte, einen Fiaker. Im Grunde hatte er, wie auch seine polternde Rede bewies, eine verdrießliche Aufgabe, zu der er sich zwingen, sich sammeln mußte. Die gute Martha, die ihm ein wahrer Engel erschien, weil sie sein geliebtes Kind in gefahrvollster Zeit mit der Umsicht einer eingeübten Krankenwärterin gepflegt und ihm, der Mutter und dem Bruder die herbe Prüfung, eine Typhuskranke zu bedienen, abgenommen hatte, drang auf sein Denkmal, die letzte Ehre, die der Künstler der immerhin merkwürdigen Frau Wolny erweisen sollte. Ein Besuch des alten Wehlisch, der sie kurz vor Wolnys Abreise dringend um die Annahme einer Pension oder einer größeren Summe gebeten hatte, war ohne Erfolg bei ihr gewesen. „Sie hoffte sich schon selbst durchzubringen!“ sagte sie. Und einstweilen war sie fast den ganzen Winter bei den Althings wohlgeborgen. Wie wohl that ihr da die Ruhe nach dem Lärm und dem Leben bei der Commerzienräthin! Die Frau war im Zorn gestorben, im Mißmuth über das Elend des Lebens, im grauenvollsten Pessimismus, der den Pastor Siegfried in die größte Verlegenheit brachte, da alle seine Bibel-111sprüche von der in Schmerzen sich windenden „Freundin“ mit Ausdrücken, die an Blasphemie streiften, abgewiesen wurden. Nur Wolny hatte sie sehen wollen, nur dessen Hand drücken, nur von diesem bedient sein! Und es waren wirkliche Thränen, empfundene Thränen des Mitleids, die der jüngere Mann vergoß! Marthas hatte sie nicht mehr Erwähnung gethan. Auch ihre kalte Schwester hatte sie von sich gewiesen. Die Namen ihres Sohnes, ihrer Schwiegertochter durften nicht genannt werden. „Alles ist Dein und Du giebst ihm Nichts!“ hauchte sie noch sterbend und Wolny hatte mit der ihm eignen mathematischen Strenge, die von Raimund Ehlerdt so oft verspottet worden war, Alles wirklich so ausgeführt, nur mit der einen Aenderung, daß er schnell einen Käufer für das Ganze suchte und die Stadt verließ.

Der ostensible Vertreter der Fabrik war Baron Meyer Cohn von Cohnheim, ein Banquier, der sich rühmte, alle Fürsten bis zur höchsten Spitze in der Tasche zu haben. Allen wollte er „in kleinen Verlegenheiten“ geholfen haben. Alle ließen ihre Flügelthüren aufreißen, wenn Cohn sie des Morgens und schon beim Ankleiden zu besuchen kam. Cohn hatte die Maxime, man müsse die Großen von der Seite ihrer Natürlichkeit fassen. Es war ein Satz, über welchen die Börse die cynischsten Witze machte, die aber Cohn nicht genirten. Bei den 112 Serapionsbrüdern sagten die Oberlehrer Wedde und Hornung: Er hat Recht, Julius Cäsar, der bekanntlich kahlköpfig war und sich darüber sehr ärgerte, hätte ihn vielleicht um die Stunde, wo er sich schon in seiner Consulartoga befand, nicht angenommen; aber bei seiner Toilette sich ankündigend mit einem neuen Mittel, das bekanntlich Cäsar erfunden hat, der Perrücke, geschah es gewiß – Herr Cohn war sogar baronisirt worden.

Wolny nahm die ihm dargebotene Summe an, lehnte jedoch alle Angebote von technischer Führung mit glänzenden Gehalten ab. Die bedungene Summe ließ er sich voll und rein auszahlen, erstaunte aber nicht wenig, als er schon von Holland aus ersah, daß er, wenn er die Bezahlung in Actien genommen hätte, noch einen bedeutenden Gewinn gemacht haben würde. Er folgte dann diesen Dingen nicht weiter, wenn er auch durch Corres­pondenz mit Wehlisch erfuhr, daß dieser entlassen war, daß der Betrieb in’s Größte gehen sollte, daß die bisherigen Wohnungsräumlichkeiten dem Administrations-Personal übergeben worden seien, daß Harry Rabe als Vorsitzender des Verwaltungsrathes das obere Stockwerk im Hause seiner Eltern inne hätte, daß der neue technische Director, Raimund Ehlerdt, unten neben Wolnys früheren jetzt zu Bureaux eingerichteten Zimmern als eleganter 113 Garçon hause. Nach einer Scene, die bis zum Kniefall von Seiten des exaltirten Ehlerdt gegangen wäre, hätte seine Schwester übernommen, die Honneurs seiner Einrichtung zu machen. Frau Assessor Rabe hatte nämlich, als Ehlerdt Anstalten machte, sein Garçonleben abendlich mit Gesellschaft von Damen und kredenztem Champagner zu beginnen, definitiv verlangt, seine Schwester müsse ihm die Wirthschaft führen, und dieser gemäß seine Aufführung im Hause stattfinden. „So kann ja Alles gut werden, schrieb der Alte, wenn die guten Vorsätze Stand halten und die Bestellungen auf dem Bureau zahlreich einlaufen.“

Martha, groß, stolz in ihren Anschauungen, ganz jene unausstehliche Tugend und Sittlichkeit Edwinens, sie, die sich so heimisch fühlen durfte bei Althings, die glücklich war, mit Helenen im Wetteifer das lange vernachlässigte Pianospiel wiederaufzunehmen, manchen versäumten ästhetischen Genuß, die Lectüre eines schönen Buches nachzuholen, ein Kanarienvogelbauer zu pflegen, wurde eines Tages bei einem Spaziergange, den sie mit Helene in dem winterlich gefrornen Stadtpark machte, von ihrem Bruder förmlich überfallen. An einer einsamen Insel, wo düstere noch mit Schnee bedeckte Tannen wie um ein Grab standen, das Ehlerdt auch mit Gespensteraugen sehen wollte, trat er 114 ihnen in den Weg und führte einen Auftritt herbei, wie für die Bühne bestimmt. Der Schwung, der dem so begabten jungen Manne nie versagte, wenn ihm nicht durchschwelgte Nächte die Flügel erschlafft hatten, stand ihm heute in Gegenwart Helenens hinreißend zu Gebote. Beide Mädchen eilten, daß sie in belebtere Gegenden, unter Menschen kamen. Aber sie mußten ihm gehorchen und mit ihm in ein zur Sommerzeit undurchdringliches Dickicht, jetzt zur Winterzeit leichter übersehbares Innere des großen Parkes folgen. Ich rufe die Vorübergehenden zu Zeugen, Jeden, der sich Mensch nennt, ob es erhört ist, daß eine Schwester einem Bruder nicht treu bleiben will, ihm nicht verzeiht, ihm nicht das Glück gewährt, sein Glück mit ihr zu theilen! Dann fuhr er fort vor Helenen zu prahlen: Ich bin auf der Höhe! Martha, ich befehle über denselben Wagen, der einst der Commerzienräthin gehörte! Meine Menage von Frau Assessorin zu beziehen, hat schon zu ärgerlichen Auftritten mit dieser Gans geführt, denn ich legte, sagte er mit einem Seitenblick auf Helenen und mit einer Unwahrheit an sich, viel zu vielen Werth auf meinen guten Ruf, als daß ich mir – schon dem Ohr der gesitteten Mädchen thaten seine Worte weh – eine Gesellschafterin zulegte, die ich für meine Cousine ausgeben und kochen lassen könnte – Genug! Martha! unterbrach er die Einreden 115 der Schwester. Nicht eher weiche ich hier von der Stelle, bis Du Ja! gesagt. Er vertrat beiden Mädchen den Weg und kniete nieder. Du sollst der Leitstern meines Lebens sein! Du sollst die Kraft der Selbstbeherrschung bewundern lernen, die in mir lebt! Ich bin ein Titane, wenn ich will — ich bin aber auch ein Kind, wenn ich will! Da stand ihm in der That eine Thräne im Auge. Frauengüte, sagte er, mit einem schmelzenden Blick auf die im winterlichen Kleide, die zitternden Hände im erwärmenden Muff gesteckt, der Scene voll Schrecken zusehende Helene, Frauengüte kann mich zerschmelzen! Martha war außer sich über den Ungestüm. Helene kannte diesen Ton von jenem einzigen Male her, wo Raimund sie allein gefunden. Dennoch faßte sie sich Muth, sprach ruhig mit dem sich rasend Stellenden und vermittelte; Raimund hielt das sogleich für den Ausdruck zurückgehaltener Liebe. Bricht sie denn endlich hervor die Wärme Ihres Herzens! rief der Unsinnige. Rührt es Sie, zu sehen, daß seit Jahren ich nur um Sie lebe, um Sie, mein Ideal, mein Traum bei Nacht, mein Gedanke im Wachen –! Jetzt mußten die Mädchen so laut auflachen, daß es im Walde widerhallte. Bei Alledem hätte ihnen aber der Ueberfall eines Strolches, der mit ihren Portemonnaies zufrieden gewesen wäre, nicht soviel Angst gemacht, als diese Beweisführung Raimunds, 116 daß er ein vollkommener, edler, nur der Anlehnung für sein verkanntes Gemüth bedürftiger Mensch sei. Die Schwester versprach ihm, seinen Wunsch zu überlegen. Vorausgesetzt, sagte sie, daß er mit Frau Assessor Rabe in Ruhe und Frieden lebte und – sie auch mit ihr! setzte sie vorahnend hinzu. Durch die im obern Stock des unter heißen Thränen verlassenen Hauses wohnende Familie schien vorläufig, so übelbeleumundet Harry Rabe auch war, doch dem Entschlusse Marthas, dem Bruder zu willfahren, das Abenteuerliche, ja Manchem vielleicht Auffallende genommen.

Es war nun ein wahrer Blüthenregen von Liebenswürdigkeit, den Anfangs der Bruder auf die Schwester niederströmen ließ, als diese dann wirklich zu ihm gezogen war. Die Einrichtung war eine vollständig neue, kostbare, auf eine schreckliche Verschuldung deutende! Wenig Zimmer waren von ihm in Beschlag genommen, aber sie waren von einer Eleganz ohne Gleichen. Die Möbel mit rothem Saffian überzogen. Die Portièren hingen schwer, mit Quasten wie Tuberosen. Die Rauchapparate verbanden die Anschauungen des Orients mit denen, die vielleicht in Java und Sumatra herrschten. Eine Tigerdecke lag vor dem rothsaffianenen Canapé, auf dem sich der junge „Titane“, der aber auch „ein Kind“ sein konnte, wälzte, wenn ihm die Schwester den 117 dampfenden Mokka brachte. Er hatte natürlich in Uebereinstimmung mit dem Verwaltungsrath, in der Fabrik annähernd die „progressive Rente“ eingeführt. Nach irgend einer Seite hin mußte er doch seiner Vergangenheit Rechnung tragen. Der schnelle Tod der Commerzienräthin hatte damals alle Weiterungen über sein falsches mit Wolny getriebenes Spiel unterbrochen und die Arbeiter ohnehin, wie ein jeder gute Deutsche, Feind eines nicht durch die Geburt zum Herrschen angewiesenen Führers und Befehlshabers, zerfielen in Parteien, wo Manche froh waren, wieder Raimunds Energie, sein mächtiges Wort, seinen „Brustkasten“, wie man wohl mit dem immer heiserer werdenden Mahlo sagen konnte, zu gewinnen. Auch dieser Sterbliche war durch den Umschwung der Verhältnisse rehabilitirt. Wenn man diesen Gentleman sah, mit seinem neuen Cylinder, hohen Vatermördern, Brustauslagen, falscher Brillantnadel und im Rock nach neuestem Schnitt aus einem Concurrenz-Mode-Waaren-Magazin, hätte er mit Lanzelot Gobbo sprechen können: Ja, das kam so durch Schickungen und Verhältnisse, durch die drei Schwestern und derlei Fächer der Gelahrtheit oder weil der nächste Donnerstag nicht auf den Mittwoch fällt! Meyer Cohn hatte ihm nicht nur drei „Rabe-Actien“ geschenkt, sondern auch auf einem Zettelchen Ordre gegeben, daß dieselben sofort 118 unten an seiner Kasse nach dem Tagescourse realisirt werden sollten. Aber Meyer Cohn war ein wunderbarer Menschenkenner! Er hatte nicht umsonst den größten Monarchen ihre Schwächen abgelauscht und kam frühe zu ihnen, wenn sie noch in ihren Unterbeinkleidern liefen! Er ließ sich nicht weis machen, daß Mahlo die Feder führen oder irgendwo, selbst im untersten Volksblatt, für seine Actiengesellschaften agitiren würde. Nein, sagte er ihm kurz und bündig, gehen Sie in die besuchtesten Kellerwirthschaften! Wirken Sie durch geschickte Ansprachen an das gemeine Volk für die Anlage von Capitalien in unsern Actien! Die Spiegelfenster-Fabrik Union hat’s am meisten nöthig, weil seltsamerweise der verdammte deutsche Charakter vermöge seines Phlegmas noch immer nicht in die rechte Bauwuth hat gerathen können! Alle die neuen Gebäude, deren unausstehlicher Kalkgeruch die Atmosphäre verpestet, sind im Grunde nur Lockvögel, die wir selbst aussetzen! Wollen Sie für die „Rabe-Actien“ wirken – fuhr er mit naheliegenden Ideenassociationen fort – so können Sie’s auch und mit dem besten Gewissen! Denn diese stehen noch gut und werden sich auch halten! Prahlen Sie mit Ihren Anlagen! Der Bürger hört dann still zu und geht nach Hause und sagt: Mutter, schließ die Commode auf, wir nehmen hundert Thaler aus dem Strumpf und kaufen Rabe-Actien!

119 Mahlo war in einer Stimmung, als sollte ihm die Dankbarkeit seine Brust bis zum Himalaya schwellen. Er sah Nichts als vaterländische Victorien um sich und ausverkaufte Kleiderläden.

Die Aufgabe, eine Art financieller Bauernfängerei in den Kellerkneipen zu treiben, hatte dem Banquier nur einfallen können beim Anblick des groben Düffels und der grauen Weste mit schon mehreren von den Raufereien fehlenden Knöpfen. Es schwebte ihm so ein kleines in einer Ecke eines Kellers sein Bier trinkendes, simulirendes, die Gäste, die hübsche Kellnerin beobachtendes, altes, zusammengekauertes Männchen vor, das die Leute erst über die Witterung anredete und zuletzt auf den Lauf der Zeiten kam und herausbricht: Ich bin ein schlichter Arbeiter, aber was ich mir zurückgelegt habe, das trage ich Bärenstraße Nummer 209; das Papier, das sie mir da geben, ist gut! Die gehen da nur auf Nummer Sicher! Meyer Cohn bewunderte Mahlos Fassungsgabe, als er ihm diese Comödie vormachte.

Als Mahlo zum ersten Mal in seinem neuen, von Cohn noch nicht gesehenen Staat vor Raimund Ehlerdt, der ihm längst unter acht bis zehn leeren Seideln andernorts „vergeben“ hatte, sich präsentiren wollte, benutzte dieser dazu eine Frühstunde. Sein alter hochgestiegener Freund war auch ihm von sonst als dann „menschlich-120fühlender“ erschienen. Jetzt, wo die schöne Schwester kaum Platz hatte, sich zu verbergen, wenn Besuch kam, wo allerlei schöne Geister, Fabrikanten in allerlei Stoffen, bei ihm verkehrten, fürchtete er zur Nachmittags-Kaffeezeit abgewiesen zu werden. Der im Ankleiden begriffne Raimund sah ihn voll Erstaunen an. Was fällt Dir ein? Mich immerfort noch heimzusuchen? Und wie siehst Du denn aus, Mensch?

Ja, antwortete Mahlo, sich nach einem Spiegel umsehend, den Raimund selbst für seine Toilette brauchte. Ich sage mir manchmal selbst: Wie kommt der Glanz in meine Hütte!

Du weißt doch, unter welchen Bedingungen Dir Cohn die Actien gegeben hat! fuhr Raimund, mit seinen Hemdknöpfen beschäftigt, fort. Es geschah doch nur auf meine Verwendung! Und Wirkung sehe ich nicht im Geringsten –! Kein Wunder, wenn Du so herumstutzerst!

Rabe-Actien sind um 7 Procent gefallen? Freut mich, daß die meinigen früher verkauft worden sind! Uebrigens nehme ich noch einige zum laufenden Course! war Mahlos Antwort.

Raimund erwartete, daß Mahlo seine elastischen Beinkleiderträger vom feinsten Hirschleder bewundern würde, die er eben überschlug. Daß wir Narren wären, 121 die Dich noch länger umsonst ernähren sollten! sagte er. Schon fast ein halbes Jahr lebst Du ganz von uns!

Die Zündteufelchen konnten den Staatsanwalt dazumal auf die Carambolage – fing Mahlo boshaft an, fuhr aber erschrocken zurück, als Raimund mit der Hand ausholte und rief: Schweige! Oder – Was willst Du denn eigentlich? unterbrach sich der technische Director, stimmte sich zur Mäßigung herab und stellte sich vor eine Anzahl der köstlichsten Shlipse und Cravatten, unter denen er wählen wollte. Mahlo stutzte. An mir ist Alles Baumwolle, an Dir Seide, Sammet und feinste Lama!

Neidisch und schmeichlerisch zugleich bestreichelte er die Kleider Raimunds. Er hob eine Brustauslage auf und sagte: Diesen vordern Seelenwärmer könntest Du mir ablassen! Ich habe meine Seele mehr auf der Brust, als auf dem Rücken –! Dabei hustete er, als wenn bei ihm die materia peccans in einer nicht genug erwärmten Luftröhre säße.

Du wirst bald auf dem letzten Loch pfeifen, meinte Raimund, dem sein Ehrgeiz einige Zeit hindurch Trieb zur Thätigkeit und dann auch Wohlbefinden gab. Nur war er Abends in eine andere Schlemmerei, die feinere, mit Rabe, Forbeck und Consorten, gerathen.

Raimund lachte nicht über die mangelnde Redekunst des vom Tabaksqualm benebelten Ex-Arbeiters, den seine 122 Faulheit manchmal doch eine Zeitung durchblättern oder in’s Theater gehen ließ. Er war zu verstimmt über den Mißbrauch, den Mahlo mit den ihm gespendeten Mitteln machte, und kannte ihn hinlänglich als das, was er zu seiner Charakteristik in den Bart murmelte: Canaille! Er reizte ihn nicht. Er würde dann, das wußte er mit Bestimmtheit, die Actien der Fabrik und diese selbst überall in blanken Verruf gebracht, „den edlen Wolny“ überall bejammert haben.

Er schlug jedoch das Verlangen nach einem Frühstück ab. Es würde seiner Schwester nicht bequem kommen. Doch wolle er ihm eine Geldunterstützung gewähren. Sieh’ so lange zum Fenster hinaus! sagte er kurz und bündig.

Wüthend stampfte Mahlo über dies Zeichen des Mißtrauens mit dem Fuße auf. Ich soll nicht sehen, daß Nichts in Deinem Kasten ist!

Dreh’ Dich so lange um, bis ich Geld herausgeholt habe! wiederholte Ehlerdt mit einer Stimme voll Mark und Nachdruck, jedes Wort betonend. Man glaubte unter Räubern zu sein, die ihre Beute theilen.

Ich will bei den Fensterscheiben an die Spiegel-Fabrik denken! knirschte Mahlo, drehte sich aber doch um und sah in den Hof.

Raimund, der nur Mahlos rasches Hinzuspringen an einen eisernen im Fußboden festgeschraubten Geld-123schrank gefürchtet hatte und in jedem Muskel angestrengt wie der borghesische Fechter dastand zum Kampfe bereit, nahm eine Fünfzig­thalerrolle heraus, schloß sorgfältig wieder zu und händigte sie Mahlo mit dem ernstlichen Ersuchen ein, damit Haus zu halten und die erwähnte Spürjagd auf kleine Capitalisten mit dem größten Eifer fortzusetzen. Nach dieser Richtung hin könnte nicht genug gewirkt werden.

Warum denn die schwere Rolle? Herr Gott, wir nehmen ja auch Papier! – sagte Mahlo, – gleichsam mit Raimunds Aerger spielend und nochmals auf Oeffnung des eisernen Schrankes speculirend.

Die Schwere wird Dich an den Werth einer solchen, Dir geradezu für Nichts geschenkten Summe erinnern! sagte Raimund mit Nachdruck.

Du wirst noch die Sprüche Salamonis an Weisheit vermehren! meinte Mahlo bitter lächelnd und fing an, sich zum Gehen zu rüsten. Es war in dem Zimmer nur ein Spiegel. Was die Spiegel so rar werden! spottete er voll Bosheit. Das kommt von den Photographieen her! Jeder beliebäugelt sein Angesicht in Visitenformat, so daß sogar die Damen Spiegel nicht mehr nöthig haben, außer wenn Sie ein neues Kleid anprobiren –

Nun, zum Glück kommt das noch oft genug vor!

124 Ehlerdt lachte. Meyer Cohns Spiegelfabrik-Actien waren ihm gleichgültig.

Jetzt ging durch Zufall Martha über den Hof. Mahlo machte, mit dem Rufe: Hurrje! Deine Schwester! Geberden der Ekstase. Sie wird immer schöner! Schreibt ihr denn manchmal Wolny?

Misch’ Dich nicht in fremde Angelegenheiten! erwiderte Raimund und holte aus dem Nebencabinet, das er nicht schloß, seinen Ueberrock.

Vertragt Ihr Euch denn miteinander und mit denen da oben? forschte Mahlo, der sich rasch umgesehen hatte zum Finden irgend eines unschuldigen Objects zu freundschaftlicher Annexion.

Aber Raimund hatte genug. Er erinnerte sich, daß man ihn nicht mit Unrecht seiner Armmuskeln wegen zu rühmen pflegte. Schon mehrmals hatte er gesagt: Geh jetzt! Eine Erwähnung des Hochmuths, der über die Herren Gründer gekommen, verdroß ihn vollends.

Mahlo ging indessen doch unbehelligt und guter Laune. Noch vom Hofe her rief er gemüthlich: Sie sollen steigen! Dann vollendete der technische Director seine Toilette. Er ging zunächst in’s Comptoir, wo leider die Zahl der Bestellbriefe, die er erwartete, nicht besonders groß war.

125 Martha sang einem Kanarienvogel der Commerzienräthin, den die nach Dresden gezogene Tante Dora zu verpflegen sich geweigert hatte:

Heut wie gestern, heut wie morgen!
Bist im Kerker wohlgeborgen!
Ob auch mild die Lüfte wehn,
Deine Schwingen aufwärts stehn,
Fühlst ja hier auch für Dich sorgen!

Sie reichte in ihrem eben nicht großen Zimmer dem Sänger Wasser und Futter. Wohl hätte der in ein schmetterndes Schlagen ausbrechende Vogel zahllose Scenen berichten können, die er mit seinem Gesange überschrieen hatte. Auch in Martha war die Erinnerung ruhiger geworden. Je entfernter in die Zeit hinaus die Ausbrüche der Leidenschaft rücken, desto mehr gestalten sie sich zu Unbegreiflichkeiten. Leider konnten die Gefühle der Unbehaglichkeit im Hause selbst nicht aufhören. Frau Jenny Rabe hatte Marthas Einzug verlangt, aber nun sie da war, änderte sich ihr Hochmuth keineswegs und ihr Haß wegen Wolny schürte ewig das Feuer des Neides und der Rache. Sie spionirte auf die Briefe, die für Martha ankamen. Zum Hoch- und Uebermuth stellten sich beim Assessor die schrecklichsten Erscheinungen der Rückenmarkskrankheit ein, dazu Anfälle von tobsüchtigem Pessimismus, Eruptionen seines nie ruhenden 126 innern Vulkans, der nur Pech und Schwefel barg. Diesen Regungen der Malice auf Gott und die Welt gab er, je unheilbarer sich sein Leiden herausstellte, hochtönende Namen. Im Grunde war das Ueberwiegende die Verzweiflung um seine Gesundheit, die ihn befallen hatte. Er wollte dem Unvermeidlichen, dem Gefahrenwerden im Rollstuhle trotzen. Und seine Frau! Diese zärtliche Hälfte –! Mit der größten Gleichgültigkeit konnte sie sehen, daß der Arzt kam und ging und bedenklich die Augenbrauen in die Höhe zog. Sie hatte das Evangelium der neuen Zeit: Behaupte dich nur selbst und sieh zu, wie weit du’s persönlich bringst! Ihr jetzt wieder in Schwung gekommenes Wohlergehen genoß sie wie eine förmliche Aufgabe.

Aber außer Herrschsucht und Brutalität der Bewohner des oberen Stockwerkes gab es auch für Martha als schwere Bürde den sichtlichen Rückfall ihres Bruders in die alten Bahnen. Es waren nicht die Bahnen des Zusammengehens mit den alten Genossen aus den Vereinen. Dafür hielt er sich jetzt für zu vornehm. Er glaubte sich von seinen Verpflichtungen für die sociale Frage abgekauft zu haben durch die „progressive Rente“, einen Antheil der Arbeiter am reinen Gewinn. Gleich Anfangs hatte man diese Bedingung im Verwaltungsrath für die unausstehlichste erklärt, die einem Unternehmen 127 nur gestellt werden könnte. Soll ich meine unangenehmen Erfahrungen an die große Glocke hängen? hatte Meyer Cohn gerufen. Aber Ehlerdt war nicht anders zu gewinnen und Rabe und Forbeck bestanden unbedingt auf seine Anstellung. Es galt den Schein zu vermeiden, als gäbe man den gefährlichen alten Genossen auf. Die ersten lockenden Zinsen wurden – vom Capital genommen! Bald aber gab es Reibungen zwischen Verwaltungsrath und technischer Direction. Ehlerdts Trieb, Alles großartig anzufassen, kostete Geld. Keine Concurrenz sollte gescheut werden. In seiner Art gab er sich, wenn er in die Säle kam, wo es dröhnte, hämmerte, ohrzerreißende Töne von den Eisenbohrern hervorgebracht wurden, wie ein Feldherr, der nur verurtheilt war, mit zu kleinen Armeen siegen zu sollen. Das machte ihn dann reizbar und an seiner Schwester tobte er schon wieder seinen Mißmuth so oft aus, daß diese nicht länger bei ihm bleiben mochte, zumal wenn er in die Worte ausbrach, wie: Warum erklärt sich denn dieser Narr, Dein verrückter Professor, nicht? Welcher Mensch von Verstand und Herz reist denn so in die Welt hinaus, ohne ein Wort von sich hören zu lassen? Ein Trauerjahr halten! Dummer, alter, einfältiger Zopf, den wir den Juden verdanken! Die Juden ruiniren ein Jahr lang ihre Gesundheit, lassen den Bart wachsen, gehen nicht in’s Theater, kasteien sich 128 ab mit Fasten und ähnlichen Sentimentalitäten, die wir Alle durch den Herrn Sankt Petrus in’s Christenthum eingeschmuggelt bekommen haben! Ich hatte damals bei der verfluchten Affaire, zu der mich Rabe und Forbeck verführten, im Stillen gehofft, wenigstens Abschriften von Deinen Gedichten auf Kanarienvögel zu finden, zu denen der Geliebte Mätzchen! gesagt hatte! Oder hat der Schurke Dir schon einmal in die Backen gekniffen? Und schweigt jetzt? Schweigt!

Auf so raffinirt böse Worte waren dann Scenen gefolgt, wo Martha hätte zum Fenster hinausspringen mögen. Denn er war ein geborner Redner und gefiel sich in solchen Augenblicken, wo die Suada von seinen Lippen floß, Einfälle Schlag auf Schlag kamen und ihm nur ein einfaches Zusperren der vielleicht offengebliebenen Thür antwortete.

Der Gesang, den Althing schon vom Hofe aus vernahm, erfreute den wohlwollenden Mann außerordentlich. Den Wagen ließ er warten und verglich zur Berechnung der Zeitdauer das Zifferblatt auf seiner Uhr. Angemeldet, fühlte er in wenigen Augenblicken Marthas kräftigen Handschlag und hörte ihre Fragen, deren Beantwortung ihm Eins und das Andere, woran er kaum gedacht, zu bedenken nöthigte. In dunkelgrünem Winterkleide, das Haar wohlgeordnet, führte sie ihn auf den 129 weichsten Sessel, hörte sein Begehren und bedauerte nur, daß hier unten kein Bild von der Commerzienräthin zu finden sei. Oben müßte es deren noch geben. Die, die hier im Hause gewesen sind –

Sie stockte, sich besinnend.

Diese hat Herr Wolny mir schon zur Disposition gestellt! sagte Althing unbefangen. Ich möchte ein Medaillon in der Mitte eines antiken, reich mit Plastik verzierten Sarges machen, der dann auf sechs oder acht Löwenfüßen –

O nicht Löwenfüßen! fiel Martha ein. Lassen Sie den Sarg von Engeln tragen!

Hm! Hm! entgegnete Althing nachsinnend. Wird zu kleinlich erscheinen! Sechs Engel – nun, es könnten auch vier sein –

Engel haben Kraft – entgegnete sie, lächelnd über ihren Muth so dreinzusprechen.

Martha! sagte er nach einigem Sinnen. Es wird zu sehr im zopfigen Altarverzierungsgeschmack! Ich dächte doch Cherubimfüße, Löwenfüße mit Flügeln, assyrische Erinnerungen

Die Künstler zerstören selbst das Christenthum! sagte Martha lieblich schmollend. Wie ich mir Ihr gelungenes Portrait denke und den grünen blumenreichen herrlichen alten Kirchhof und wie die Commerzienräthin gern unter 130 Blumen und Schmetterlingen, wenn auch nicht auf Kirchhöfen, verweilte und da nun solche – Drachenfüße!

Wir glauben ja, entgegnete Althing und jetzt mit der Miene eines ironischen Zweiflers, daß unser abgeschiedener Geist da immer in der Nähe ist, wo unsere durch die Kunst erhaltene und abgebildete irdische Hülle weilt! Es ist das eitel genug von den Geistern gedacht –! Nun, nun, unterbrach er sich, die Engel überlege ich mir noch! Für die Plastik sind die Engel abgenutzt! Die Engel sind schön, wenn sie groß sind, so wie Sie! Die kleinen sind – Also oben! unterbrach er seine kritischen und galanten Bedenken lachend und wollte gehen.

Als der würdige Mann schon die Thür in der Hand hielt, sagte Martha schnell: Soll ich Sie aber nicht erst oben anmelden?

Althing war damit einverstanden und bald hörte man die Stimme des Assessors. Aber kommen Sie doch herauf, Herr Professor!

Herr Althing! rief Martha auch von oben hinterher.

Es kam dann sogar zur Nöthigung zum Sitzen, Sicherquickensollen durch Wein, Ablehnen dieser Darbietungen und sonstigen Zwischenreden. Aber die Bilder der Mutter lagen irgendwo im alten Gerümpel. Sie stellen, hieß es, die Mutter dar aus einer Zeit, wo die Moden lächerlich, die Maler armselige Stümper gewesen 131 sind! Der Sohn glaubte nicht, daß Althing von dem Zeuge, das man erst auf dem Dachboden suchen mußte, irgendwie Nutzen ziehen würde.

Darüber kam denn auch Frau Jenny hereingerauscht. Schnell hatte sie Toilette gemacht und den Gegenstand des Besuches in Erfahrung gebracht. Vorzugsweise mit einer plötzlich verschobenen Flechte ihres falschen Haares beschäftigt, theilte sie, was selten war, die Ansicht ihres Gatten, ja übertrieb noch den Ungeschmack der alten Schildereien, von denen sie in der That Nichts zu wissen vorgab. Mama hatte in ihren spätern Jahren einen Abscheu vor dem Gemaltwerden, sagte sie. Sie ließ sich nur einmal photographiren und nie wieder!

Harry nahm das Lachen seiner Frau, das diese Bemerkungen begleitete, merkwürdigerweise übel. Er hatte sich mühsam zur Begrüßung des Bildhauers in Bewegung gesetzt und besaß noch Feinfühligkeit genug, nur das Schickliche herauszukehren. Zumal am Morgen, wo noch nicht die Geister der Weine den seinigen übermannt hatten. Mama hat mich zwar noch aus dem Grabe heraus schänden wollen, sagte der Sohn, aber das hat sie nicht fertig gekriegt, daß ich sie hassen sollte! Wären nicht elende Schmeichler gewesen –

Schon erhob sich Althing. Was er erforschen wollte, wußte er. Die Rabe’sche Familienfrage berührte 132 ihn nur um Marthas Willen. Diese war mit ihm gekommen, gleichsam als sein Geleite. Sie konnte ja auch über die auf dem Boden befindlichen Dinge Auskunft geben. Jetzt sagte Frau Jenny mit scharfer Betonung: O bleiben Sie doch noch, Herr Professor! und kehrte Martha den Rücken, als sei ihre Gegenwart überflüssig.

Da faßte sich Althing rasch, erhob sich und ging. Er sah ein Thürverweisen, hörte im Geist aus dem giftigen Auge der Assessorin ein: Wer ersucht Sie denn hier zu bleiben? Gehören Sie schon zur Familie? Da schloß er sich Martha an und verwies auf seinen „auf Zeit“ harrenden Wagen.

So war Martha von dem Schein, über die Linie, die ihr gebührte, hinausgegangen zu sein, befreit. Es kam darüber zu keiner Aeußerung, am wenigsten einer des Dankes. Denn dieser wäre mit einer Anklage zu verbinden gewesen. Und noch weniger verweilte Althing, als er einen Wagen vorrollen hörte und obenein den Herrn Raimund, Helenens abgewiesenen Anbeter, den Hof durchschreiten sah.

Martha wußte schon, daß sie, wenn sie sich beim Bruder über die Ungezogenheit der Frau Jenny beklagt haben würde, leicht möglich gesagt bekommen hätte: Sie hat Recht! Was brauchst Du Dich zur Kammerdienerin 133 zu machen? Eins kann man nur sein! Herrscher oder Diener! Hammer oder Ambos –! Frau Jenny suchte immer noch zu gefallen und Raimund war überall zu Hause, wo ein weibliches Wesen Schwäche verrieth. Reine Naturen wie Helene zu erobern, hatte er aufgegeben. Ein Weib für den Matador muß schnell gewonnen sein oder er entsagt ihm.

Dem gallonirten Bedienten, der eine Karte brachte, nahm Raimund diese ab, las rasch den Namen, warf einen Blick auf das kleine elegante Coupé, aus welchem ein bezaubernder Frauenkopf blickte und fragte: Die Karte ist –?

Für Fräulein Ehlerdt –

Zu sprechen! Bitte sehr!

Rasch zog er sich in die Thüre zurück, die zu den Bureaux führte und beobachtete von ferne das Aussteigen und Dahinschweben einer jungen Dame im Modecostüme. Die Haltung war stolz, der Gang sicher. Das ist die Person, die früher mit mir unter einem Dache wohnte! sagte er sich. Wo ich bisweilen Abends mit einem alten vornehmen Herrn mit lockigem grauen Haar carambolirte! Aber sie war die Tochter dieses Mannes! sagt jetzt alle Welt. Er soll ihr Millionen hinterlassen haben! Aber die Fürstin Rauden wird sie werden! Prinz Narziß widmet ihr alle seine Paraphrasen –! So ging es in Raimunds Innern fort.

134 Ueber dieser Recapitulation von Dingen, die Raimund durch seine neuen Champagnerfreunde in Erfahrung gebracht hatte, vergaß er seine Schwester zu benachrichtigen und ihr rasch die Karte zu schicken.

Ich komme wie Orsina, sagte die elegante junge Dame, der seit einiger Zeit eine Reihe von Theatererinnerungen im Kopfe schwirrte und die gerade diese Rolle von der ihr so unausstehlich gewordenen Frau Brenna, wie diese sich statt Brennicke nennen ließ, unendlich oft hatte vortragen hören und sprach beim Eintreten: Bin ich denn nicht gemeldet worden?

Eine Dienstmagd hatte auf das Zimmer gedeutet, während Raimund noch versteckt stand und seinen berühmten geistesgegenwärtigen Kopf vollständig über die reizende Blondine verloren hatte. Sein Aeußeres schien ihm nicht im Augenblick vor­theilhaft genug für die Herausstellung seiner vollen Genialität.

Kennen Sie mich nicht mehr? fragte Edwina die endlich erscheinende Martha mit Leutseligkeit und an ihren Locken bindend und ordnend, während der Diener den Shawl nahm und das kleine Zimmer verließ. Wie niedlich Sie hier wohnen? Aber eng? Und in den Hof hinein?

Jetzt erst orientirte sich Martha vollkommen und erschrak nicht wenig. Doch hatte auch sie seit ihrer 135 ersten Begegnung mit Edwina mancherlei gehört, was die üble Meinung, die sie damals von ihr hegte, milderte.

Womit kann ich dienen, mein Fräulein? fragte sie.

Nein, ich kann nicht annehmen, daß es Ihnen hier draußen gefällt! begann Edwina, wie auf Marthas Frage gar nicht hörend. Die abscheuliche schwarze Nachbarschaft! Das Gekreische der Maschinen! Wenn Sie das Fenster aufmachen, haben Sie ja nichts als Rauch! Sie sind damals nicht wiedergekommen, Fräulein, und ich selbst that Nichts, Sie zu halten. Sie waren mir zu hübsch und zu streng in Ihren Principien! Seitdem habe ich andere Ansichten bekommen über Folie und manchmal auch über Tugend – was Sie da für eine hübsche Broche haben! unterbrach sie sich und sah auf Marthas Brust. Ein Medusenkopf! Das wäre etwas für meine Frau Brenna, die mich jetzt bemuttert und unendlich ennuyirt – ich will sie gern los sein! Dann sich setzend, fuhr sie fort: Hätten Sie nicht Lust, mir zur Seite zu treten und etwas mehr Frische in mein Dasein zu bringen?

Mein Fräulein, erwiderte Martha, hoch erstaunt über diese Annäherung, Sie trauen mir zu viel Erfindungskraft zu.

Sie glauben, ich brauche jeden Tag einen neuen Gegenstand, um mich zu unterhalten? entgegnete Edwina 136 und sah sich im Zimmer um. Sie merkte in der Nähe ein Thürschlagen, Auf­undablaufen – da irren Sie doch sehr! Ich habe Jahre lang in der Einsamkeit gelebt, falsche Urtheile über mich ertragen, Bücher gelesen, etwas musicirt und bin – wenn ich Ihnen die Wahrheit sagen soll – von einem so phlegmatischen, traumseligen, bequemen Charakter, daß ich zur ersten Gemahlin des Khedive oder zu einer verzauberten Lilie in einem Märchenlande gepaßt haben würde. Kaffeetrinken und Confectessen ist meine einzige Leidenschaft! Nein, Abwechslung sollten Sie mir nicht bringen! Höchstens etwas mehr Muth, mehr Haltung, mehr Trotz gegen die Widerwärtigkeiten des Lebens!

Diese Bekenntnisse aus dem Munde der strahlenden Jugend schienen Schaumblasen. Martha sagte: Sie haben ja jeden Abend Soirée und sogar Fürsten zu Besuchern Ihres Salons!

Das ist eben das Monotone! entgegnete Edwina. Ich habe eine Dame gefunden, die meinen Ruf deckt. Aber die Duenna hat eine Leidenschaft für den Kothurn. Prinz Rauden könnte den Widerpart halten, aber seine Musik gefällt mir nicht. Und wer ist ewig in der Stimmung, gerade diesen oder jenen Jammer des Herzens aus Gedichten oder Gesängen auf sich wirken zu lassen. Man nennt mich bereits des Fürsten Braut – das sind 137 Märchen! Ich habe den nicht mehr jungen Mann nur bewegt gesehen, wenn er von einer Kritik über sich etwas erfährt und diese noch nicht gelesen hat. Da wallt sein Blut, da schlägt sein Herz! Dabei lebt der Fürst ganz in alten Zeiten, die ich verabscheue. Manchmal, wenn Tante Brenna zum Faltenwurf gekommen ist, wozu sie die erste beste Fenstergardine nimmt, schwärmt er für Sappho. Das kann ich noch mitmachen. Denn Sappho war unglücklich. Aber die Romantik des Mittelalters, dieses Niebelungenwesens und die Götterdämmerung, das ist mir Alles zu hoch und ich versöhne mich erst wieder mit dem guten Prinzen beim Kaffeetrinken. Er schwärmt nämlich außer für die Antike und die Romantik auch noch für das Rococo und möchte bei jedem sächsischen Porzellanservice, das er sieht, Alles wieder in dem putzigen Zopf- und Abbégeschmack mit Schnallenschuhen gehen sehen. Kommen Sie wirklich! Helfen Sie mir über die Welt und die Menschheit lachen! In allem Ernst, können Sie’s hier in diesem Dampf aushalten?

Die Antwort Marthas, die auf eine Gewöhnung an diese Umgebung ging, wurde vom hastigen Eintreten Raimunds unterbrochen, der mit einer gemachten aufstaunenden Gleichgültigkeit und genialen Geschäftigkeit sich geberdend, sein schönes, rasch frisirtes goldlockiges Haar sich aus den schon ziemlich enthaarten Schläfen und der Stirne zurück-138strich und bei Edwinas holdseligem Gruße – dennoch die Besinnung auf die Art, wie er sich hatte geben wollen, ganz natürlich, ganz unbefangen, Nichts von einem Damenbesuch wissend, verlor. Die bestrickende Holdseligkeit des Blickes, der Zauber der sofortigen Vertraulichkeit, der in dem leichten Sicherheben und Grüßen Edwinens lag, war ihm eben auf seinem weiblichen Gebiet noch nicht vorgekommen. Höchstens wenn Helene Althing oder ihre Mutter sich über irgend etwas moquirten; dann kamen diese lieblichen Schalkhaftigkeiten des weiblichen Charakters, die jetzt aus der Mode gekommenen Amoretten, zum Vorschein. Er stand ohne alles Bewußtsein und wußte nun durchaus nicht, was er eigentlich im Zimmer gewollt hatte.

Ich will Ihnen Ihre Schwester rauben, Herr Ehlerdt! sagte Edwina, ihre Stimme verstärkend und gar nicht erst auf weitere Vorstellung wartend. Sie soll zu mir ziehen! Nicht Palissadenstraße, wo wir, wie man mir erzählt hat, zusammengewohnt haben. Ich habe sogar eine Partie für Ihre Schwester!

Raimund hörte nur und Martha lachte in Einem fort, denn sie ergötzte sich an Edwinas liebenswürdigem Humor und an der vollständigen Verdutztheit ihres Bruders.

Sie will nicht; fuhr Edwina trauernd fort. Sie fürchtet, daß sich Prinz Rauden in sie verliebt! Der 139 gute Narr thut uns aber Allen Nichts! Doch da haben wir noch den Bruder des Fräulein Althing! Den Assessor Dieterici! Den lustigen Herrn Jean Vogler! Noch die gesammte Künstlerwelt mit abgesetzten und nicht abgesetzten Bildern, vor Allem die Börse! Was kommt nicht Alles, um einmal vor der Durchlaucht Rauden eine Reverenz zu machen! Apropos! Börse! Sie sollen ja brillante Geschäfte machen, Herr Ehlerdt?

Es war gerade das Gegentheil der Fall. Aber Raimund mußte sich endlich ermannen. Ja! Ja! sagte er und ließ die Bestellungen von Ost und West kommen, schüttelte ein Füllhorn von Briefen, deren Beantwortung ihn von seinem wahren Berufe abbrächte – dem der socialen Bewegung, wie er andeutete, des Eingriffs in die Speichen der Weltachse. Die Schwester zitterte über die Möglichkeit, daß er das Redefieber bekam.

Ich bewundere diese Thätigkeit! unterbrach ihn Edwina halb mit Ueberlegung, halb mit Koketterie, wobei sie einen ihrer Handschuhe auszog und eine milchweiße wie blutlos gewordene, mit Ringen geschmückte Hand zeigte.

Raimund hätte darauf zustürzen, die Hand küssen mögen. Martha sah, was in ihm vorging.

Aber nur Glück, Herr Ehlerdt! fuhr Edwina fort. Nur Erfolg! Wir Frauen hassen alle Unglücklichen! Nur Ueberfluß kann glücklich machen! Berechnen, 140 eintheilen, sorgen, hu! das macht Falten auf der Stirn! Die Götter – halt! unterbrach sie sich, da falle ich in den Ton meiner Regierungsräthin. Sie sollten diese merkwürdige Dame kennen lernen, Herr Ehlerdt! Besuchen Sie uns und bestärken Sie Ihr Fräulein Schwester, zu uns zu ziehen! Wir vertragen uns schwesterlich!

Martha sah ihren Bruder wie in einem Netz gefangen. Er schnappte nur noch, um einige Luft zu schöpfen.

Edwina lorgnettirte eines der Bilder und wollte dabei nur den volleren Eindruck Raimunds haben, der ihr, wie einmal schon Ada’n, in der That gar nicht „uninteressant“ erschien.

Ich hindere Martha nicht! sagte Raimund mit starrem Blick den Bewegungen Edwinas folgend. Sie mag die Welt versuchen!

In Martha waren wirklich schon so viel Motive angesammelt, die sie zu einer Aenderung ihrer Lage hätten bestimmen sollen, schmerzliche Erfahrungen, Ausbrüche der Rohheit hier, der Bosheit oben – dennoch gab sie eine begeisterte Schilderung der Gewöhnung an dies Haus, an diese Zimmer, an diese Gegend und verdarb durch ihr Ausschlagen der zum Bunde dargereichten Hand Edwinen ganz und gar die gute Laune. Zwar verrieth diese Nichts davon, biß sich auch nur einigemal auf die Lippen 141 und gab sich gleichsam Haltung und Kraft durch den Genuß der Adoration, in welche der Bruder gerathen war. Ein technischer Fabrikdirector – es wäre nicht sofort die Wahl Edwinens gewesen, die ihr tragisches Pathos, daß sich sittlich reine Frauen ihr nicht anschlossen, fühlte, aber man hatte ja Beispiele der glänzendsten Stellung, in welche Männer gerade dieser Berufsart und Richtung jetzt gelangen konnten! Vorwärts! rief es ja von allen Seiten wie bei Spicheren und Wörth.

Edwina seufzte. So soll ich leben wie Ariadne auf Naxos! Sie wissen doch, daß Bacchus gekommen war, um die schmählich Verlassene zu trösten? Ich hatte einen alten Freund und Lehrer (sie meinte den Grafen Wilhelm), der mit mir die Mythologie durchging und bei dieser Stelle immer den Scherz machte: In’s Prosaische übersetzt heißt das soviel, als: Ariadne ergab sich aus Verzweiflung über ihren treulosen Liebhaber dem Trunk! Nun, das wollen wir denn doch nicht!

Damit stand sie auf. Alle Drei lachten. Raimund etwas aus Verlegenheit, denn seine durchaus realistische Bildung hatte die Mythologie weit links liegen lassen; er wagte sich mit keinem Wort lateinischen oder griechischen Ursprungs zu laut hervor, nannte vielmehr in seinen Reden die üblichen Schulen, wo man Mythologie, Latein und Griechisch lernt, „Höhlen 142 der Menschenverpfuschung“ – und andrerseits – „dem Trunk ergeben“ – da war auch eine schwache Saite bei ihm berührt.

Edwina sah sich noch Alles umher an. Wie schön haben die Alten, sagte sie mit schwärmerischem Augenaufschlag einige Bilder betrachtend, das Leben in seiner Weihe festzuhalten gewußt! Für jedes Vorkommniß hatten sie, diese wahrlich vorgeschrittenen Affen, einen Gott! Bei jedem Schritt stolperten sie über ihren Olymp! Pan saß ihnen in jedem Busche! War die Frau in der Küche, so standen Opima, Abundantia und wie die unsichtbaren Köchinnen der Geisterwelt alle geheißen haben – ich mußte das Alles auswendig lernen – an den Töpfen und Schüsseln. Jetzt entvölkert man Alles, macht Alles platt und gewöhnlich und ist nur noch phantasievoll im Rechnen! Die Unerschrockenheit, wie jetzt die Banquiers die größten Summen aussprechen, die entweder zu haben oder zu begehren sind, hat etwas gradezu Erstaunenswerthes! Das ist die neue Romantik! meinte neulich Herr Dieterici – Sie kennen ihn ja! Ich bin mit ihm zum Gevatterstehen bei der Schwester meines Mädchens eingeladen. Ich habe es ausgeschlagen. Doch was plaudere ich da Alles zusammen! Also auch meine Hoffnung, daß Sie mich in der Religion etwas mehr befestigen sollen, ist somit zu nichte.

143 Meine Schwester in der Religion? fiel Raimund jetzt schon entschiedener ein. Sie hat zwar Diaconissinnen-Ideen,aber nur aus Interesse für die Medicin! Sie geht noch nach Zürich und wird da Doctor –!

Martha warf ihrem Bruder einen vorwurfsvollen Blick zu und fand bei Edwina Beistand.

Spotten Sie nicht über ernste Dinge, Herr Ehlerdt, sagte sie, ihre Toilette zum Gehen ordnend und im Stehen die Handschuhe anziehend. Wir Frauen haben unsre Noth, uns durchzuschlagen! Der Frühling währt nicht ewig und die Welt ist rauh und kalt!

Nach einer erschütternden Pause sprach sie wieder leicht: Es wäre also Nichts. Aber kommen Sie zum Beispiel gleich heute Abend in meine Soirée, Herr Ehlerdt! Acht Uhr! Bringen Sie Ihre Schwester mit! Um zehn Uhr lassen wir auch Bier kommen! Vorher giebt’s Thee! So lange der Fürst bleibt. Ich kann ihm nicht Menschen genug einladen. Er schreibt an einer Oper und braucht Claqueurs!

Und nun schloß Sie den Besuch mit einem auch nur ihr zu Gebote stehenden Blicke und mit den Worten: Ich will damit nicht sagen, daß ein Mann von Ihrer Bedeutung, Herr Ehlerdt, bestimmt werden könnte, je die Staffage eines Andern machen zu helfen!

144 Martha empfahl sich freundlich. Raimund begleitete das schöne Wesen mit dem Bedienten bis an den Wagen. Statt aber dann in die Fabrik zu gehen, wo man von 12–2 gefeiert hatte (die zweite Stunde war bereits angebrochen) stürmte er zu Martha zurück, die ihn mit vollem Lachen empfing: Hast Du endlich Deine Meisterin gefunden! Die hat Dich stumm gemacht! Du standest da wie ein Laternenpfahl –! Das that ihm jetzt Nichts. Er war gradezu außer sich. Er vergaß Alles. Er vergaß, daß sein Fach die Theorie der Wärme, des Luftdrucks, die Toricelli’sche Röhre war. Er vergaß, daß die Trigonometrie und Stereometrie mit wahrer Virtuosität von ihm behandelt werden konnten. Er vergaß jede Rancüne gegen seine Schwester. Er war ganz nur der „kleine Hans“ in Goethes Gedicht. Herr Gott, rief er aus, welch ein Weib! Dabei rannte er im Zimmer auf und ab. Das ist ja zum Rasendwerden! Ich wohnte mit ihr in einem Hause! Eine alte Spittelfrau im Hinterhofe, sagte man, wäre ihre Großmutter! Ihr Vater war ein Feldmesser, aber in Wahrheit soll’s ein Graf sein, ein Erzbischof, ein ungarischer –

Wage Dich nicht in ihre Nähe! spottete Martha. Sie ist sehr gelehrt! Die Mythologie ist nicht Dein Fach!

Glaubst Du, daß ich das nicht wußte von Ariadne –? polterte Raimund in Marthas Lachen hinein. Du und 145 Deine tugendhafte Helene –! Ihr seid mir die rechten! Langweilige dumme Affengesichter seid ihr, eingemummelt bis über die Ohren in lauter Baumwolle von Tugend und Schwunglosigkeit! Herr Gott, was ist doch ein Weib mit wirklicher Poesie! Sie versetzt nach Spanien, ohne daß man hinreist! Orangenwälder duften um sie her! Es geht nicht anders. Diesen Fürst Rauden, den werde ich auf der Straße revolvern! Das kann nur ein Weib für mich sein! Mit dem erobere ich die Welt!

Sie soll sehr reich sein! ermuthigte ihn spottend Martha und über seine gewohnten Anläufe zum Höchsten bald beruhigt.

Das lockt mich nicht! rief Raimund, auf- und abgehend und an seinen Kleidern zupfend, als fürchtete er aus ihnen herauszuwachsen. Aber es ist wahr, lenkte er schon ein, sie soll ein großartiges Vermögen besitzen! Landgüter! In Ungarn sogar! Man kann nicht hinter ihre Verbindungen kommen! Aber wo sie auch herstammt, ob von einem alten Geizhals in der Vorstadt, der sie verstoßen hat, oder einem Erzbischof in Krakau – (das sagen wieder Andre) einerlei, sie besitzt diejenige Weiblichkeit, die Euch Gänsen Allen fehlt! Sie hat die Absicht zu gefallen, wozu für’s Erste gehört, sich in die Zustände des Andern zu versetzen –! Wie sie gleich so 146 theilnehmend meinen Charakter zu ergründen suchte –! So rief er vor den Spiegel tretend aus.

In Bezug auf Mythologie – spottete Martha die „Gans“ fort. Und daß Du nicht gewohnt seist, blos zur Folie für Andre zu dienen! setzte sie hinzu. Die „Gänse“ nahm sie ruhig hin.

Raimund schwieg jetzt. Es kam eine andachtsvolle Stimmung über ihn. Er lenkte in die Zukunft ein, die ihm sonst immer schmeichelte, aber seit einiger Zeit verdrießliche Gesichter machte. Immer schwächer wurde sein: Götterweib! Mit dem vereint –! Nur einmal rief er laut: Wenn sie wüßte, wie ich zu lieben vermag!

Bei dieser Gedankenreihe entschlüpfte Martha. Denn da entzog sie sich der Möglichkeit, daß der über sein Liebesvermögen Brütende plötzlich mit stürmischer Sinnlichkeit ihr beweisen wollte, wie sehr er zu lieben vermöchte. Er drückte ihr dann fast die Brust entzwei. Sie begab sich rasch in die Küche, um für das in der Regel spät eingenommene Mittagsmahl sorgen zu helfen. Von ihrem Ueberziehen zu Edwina, einem Mitbetreten des luftigen Bodens, auf welchem jene Unglückliche zu schweben schien (allmälig das Trapez des Luftschwingers), war keine Rede.

147 Fünftes Kapitel.#

Dieterici konnte denn doch den Liebesdienst, Pathenstelle bei seinen Hausleuten zu übernehmen, nicht gut abschlagen. Der blonde junge Streber mit den in die Länge gedrehten koketten Bartspitzen, der goldnen über einer Cachemirweste baumelnden Lorgnette, hatte zwar das Amt bei dem Damenverein, das ihn in höchst kluger Berechnung schneller befördern sollte, als die geregelte Carrière, grade wie Bismarck über einen Deichhauptmann zum Reichskanzler kam, von Ottomar Althing angenommen, dem es zu viel Plackerei und Berührung mit Hochmuth und Unverstand brachte, aber die zwei Parterrezimmer in der Vorstadt und die zwiebelduftende Küche und die zuthunlichen beiden Polackinnnen (Josefa kam alle Augenblicke einmal „auf den Sprung“) hatten es einer bei allem Streben zum Vornehmen und Exclusiven doch in ihm nicht ganz zu tilgenden demokratischen Neigung angethan. Es wohnten gleichsam zwei Seelen in seiner Brust. Die eine zog ihn mächtig in die Welt des Salons, 148 die andere ließ ihn die kleinen Freuden der Verhätschelung in den untersten Regionen werthschätzen. Er aß in keinem Restaurant, weil er behauptete, der Begriff Bouillon sei dort eine bloße Idee, die für alle Zwecke, nur nicht die Suppe in’s Leben träte. Der in einem Teller Suppe befindliche Fleischinhalt war ihm die Leibnitz’sche Monade. Wohingegen er bei Frau Blaumeißel sehen konnte, daß zur richtigen Stunde das kräftige Ochsenfleisch beigesetzt, periodisch abgeschäumt, mit Küchenkräutern versehen wurde; kurz die unvergleichlichen Suppen und der Schmorbraten hielten ihn.

Die erste Sitzung bei der Generalin hatte der „Sucher des Urproblems“ durchgemacht und fühlte das Bedürfniß, sich darüber bei Ottomar Althing auszusprechen. Dieser war einer der Wenigen, die ihm erlaubten, eine Meinung mit gerundetem Periodenbau vorzutragen. Die Duldung für einen zu Ende gebrachten Satz wird ja bekanntlich immer seltener. Und Dietericis Auseinandersetzungen fingen dann auch noch immer von der Schöpfung an. Er hielt diese allgemeine Abkürzung seiner Reden für eine speciell eingeleitete Malice Jean Voglers.

Er hatte auch bei Althing, in dessen traulichem, drei Treppen hohen Stübchen, dessen Fenster jetzt sorgsam mit Moos verwahrt waren, ein Anliegen vorzutragen, 149 das sich auf den nächsten Sonntag bezog. Seine Voraussetzung war dabei die, daß es von allen seinen Berufsgenossen vielleicht Althing am ehrlichsten mit ihm meinte.

Althing wohnte glücklicherweise in seinem Hause so, daß ihm der Wagenlärm nur wie ein fernes Meeresrauschen erscheinen konnte. Seine Zimmer ließen Studien, stille Zwiegespräche, innere Einkehr zu. Die beiden Zimmer verriethen allerdings jenen dürftigen Comfort, den die Wohnungsvermiether dieser Stadt zu bieten pflegen. Es sind meist Zeichen der äußersten Noth. Diese Gegenstände sind vom Trödel, von Auctionen zusammengekauft, manchmal miethweise geliehen. Es war eine Registratorwittwe, eine bejahrte Dame, die sich auf diese Art ernährte. Sie verfehlte nicht, jedes zehn Pfennig kostende zerbrochene Glas in die Monatsrechnung zu bringen. Die Butter, wenn sie genießbar war, schien zum Frühstück auf der Quentchenwaage abgewogen. Die Teppiche ringsum mußten schon irgendwo in einem falliten Hôtel als „Läufer“ in den Corridoren gedient haben.

Dieterici fand den Freund daheim und in Scripturen vertieft.

Sie machen sich die Sachen zu schwer, lieber Althing! begann der Besuchende, der die ihm dargebotene 150 Cigarre verschmähte und durch ein leichtes Hüsteln den Freund an die oft zwischen ihnen erörterte Frage erinnerte, ob er wohl die Schwindsucht hätte, womit ein regelmäßiges Weglegen der Cigarre bei seinen „ihn verstehenden“ Freunden verbunden war.

Er erzählte seine Erfahrungen in der ersten Damensitzung, die wohl auch für’s erste die letzte sein würde, da die Sommersaison Alles zerstreute. Für Dietericis bedachtsamen Ideengang war sein Vortrag lebhaft genug. Er übersah verwickelte Verhältnisse, begriff aber, daß ein Vortrag über Kathedersocialistik hier nicht am Platze war. Er bedurfte jedoch für die Hauptsache, die ihn hergeführt hatte, eines Uebergangs und kam daher von der socialen Frage bald ab auf sein Steckenpferd, den Tadel der Anordnung des Althing’schen Schreibtisches. Wie das immer bei Ihnen aussieht, lieber Althing! Wirklich das reine ovidische Chaos! Sie werden noch einmal das Tintenfaß statt der Streusandbüchse ergreifen und die schönste Eingabe an das Kammergericht zu einer Konewka’schen Zeitung machen! Warum haben Sie nur diesen Kasten da – abscheulich, einen alten Cigarrenkasten – als Petschaft- und Siegellackaufbewahrer! Und warum haben Sie ihn nicht dann wenigstens principiell links statt rechts aufgestellt! Ihre rechten Armbewegungen gehören ja der Philosophie des Unbewußten an! 151 Die Linke kommt mit Ihrem Schreibarm in keine Collision.

Schenken Sie mir zu meinem nächsten Geburtstag einen schönen Kasten von Polisander mit eingelegtem Elfenbein! war Ottomars ruhige Antwort.

Dieterici meckerte laut. Er wußte nur zu gut, daß Althing seine Finanzen kannte. Er hatte sich ruinirt durch das Druckenlassen, Binden und Vergolden seiner Gedichte auf eigne Kosten.

Noch trat Dieterici mit seinem besonderen Wunsch, den er hatte, nicht hervor. Er kam wieder auf die Sitzung zurück und rühmte die enorm große Liste von neuerschlossenen Lebensexistenzen für unverheirathete Frauenzimmer. Er würde dieselbe auch den Zeitungen mittheilen.

Nur schade, entgegnete Ottomar, daß sich die 440 Hutnähterinnen vielleicht schon morgen in 380 verwandelt haben! Die scheinbar errungenen Lebensstellungen schwanken in solchem Grade, daß sich etwas wirklich durch den Verein Errungenes gar nicht feststellen läßt. Ich bin zu der Ueberzeugung gelangt, die Frauenfrage steht am Eingange eines Thores, das zu betreten uns das Haar zu Berge sträuben wird! Kleine Palliativmittel reichen nicht mehr aus!

Um Gotteswillen, Sie meinen doch nicht – Dieterici streckte den Hals lang wie ein Kameel – Mormonismus?

152 Jean Vogler war glücklicherweise bei diesem Gespräche nicht zugegen. Dieser, der schon gesagt hatte, daß das Urproblem des Collegen jetzt jeden Donnerstag in Sauerkraut und Pökelfleisch gefunden sei, würde den Gedanken des nothwendigen Mormonismus in’s Ungeheuerliche ausgemalt haben. Aber auch Ottomar hatte Humor genug, die Ueberfülle existenzloser Frauen als nur noch lösbar durch die Vielweiberei zu schildern. Sehen Sie doch nur, sagte er zu seinem Besuch, der, wie gewohnt, schon wieder vor dem Spiegel stand und bei dem Liebäugeln mit seinem Ebenbilde immer in zerstreute Gedanken über Symptome eines chronischen Magenkatarrhs oder wohl gar tuberculöser Lungen gerieth und auch sonst die Stärke seines Athems durch Anhauchen der Fensterscheiben erprobte und hippokratische Züge an sich entdecken wollte, sehen Sie doch nur die Folgen der Einweiberei in Amerika! Nicht bei den Frauen finde ich sie, ich finde sie schrecklich bei den Männern! Die Männer richten sich durch die Putzsucht und Narrheit einer einzigen Frau zu Grunde! Hat die Dame im Hause Concurrenz, so wird sie sich auf die vier Wände und den guten Eindruck bei dem Hausherrn zu beschränken wissen!

Noch immer rückte Dieterici mit seinem Anliegen, das er unter einer brillantenen Busennadel trug, nicht 153 hervor. Die Vielweiberei verwirrte ihn doch. Er erzählte eine Geschichte von ihrer frühern gemeinschaftlichen Justizräthin. Die Frau des seltsamen Mannes, der ihnen Beiden zürnte – denn auch Dieterici hatte ihm gekündigt – müsse sich dem Trunke ergeben haben! Denn kaum hätte er neben ihr in ihrem Wagen nach der ersten Sitzung, der die Justizräthin in einem wunderbaren Staate beigewohnt, Platz genommen, so hätte sie, angeregt von dem Souper, das bei der Frau Ministerin von Geyer die Damen zu sich genommen, eine Scene aufgeführt, die ihm ganz räthselhaft geblieben sei. Sie hätte im Wagen geweint, die Hände gerungen, ihre Töchter als die liebenswürdigsten, gutmüthigsten Geschöpfe der Welt gepriesen, von ihnen versichert, daß sie keinen Mann unglücklich machen würden, worauf ich, fuhr der Berichterstatter sich discret umblickend fort, wirklich beängstigt von dem Jammer einer angetrunkenen Mutter um den Mangel an Anbetern für ihre Kinder und auch an mein vielfach anerkanntes Wort, die Frau und ihre Töchter litten am Varnhagen’schen Personencultus, erinnert, anfing von Ihren Empfindungen, Althing – für Sascha zu sprechen.

Sind Sie des Teufels? fuhr Ottomar auf. Das ist ein unerlaubter Spaß!

Gott im Himmel, ich fingirte das nur! beruhigte ihn Dieterici. Ich that es aus Verzweiflung. Es regnete 154 fürchterlich! Dabei in dem engen Wagen! Die Damen hatten bei der Ministerin förmlich wie Herren soupirt! Die Generalin von Forbeck trank die schwersten Weine! Die Justizräthin weinte! Sie drohte mir um den Hals zu fallen! Und Sie sagten ja auch schon sehr oft, Sascha sei weniger unausstehlich, als ihre Schwester Zerline –!

Und darum –? polterte Ottomar, und unterbrach sich: Da hätten Sie mir wenigstens die Zerline geben sollen! Die Ente würde sich dann von selbst widerlegt haben!

Was sollte ich denn in meiner gräßlichen Verlegenheit thun? fuhr Dieterici fort. Draußen regnete es in Strömen. Bäche Wasser flossen an den Fensterscheiben des Wagens entlang. Das Laternenlicht wurde fast unsichtbar. Der Kutscher jagte, als ginge die Welt unter. Und ich sitze im puren Frack, frühlingsgrün, im leichten Ueberzieher! Ich rühmte aus Noth auch Voglers Empfindungen für Zerlinen, nur um den Weinkrampf der nach meiner Meinung champagnerseligen Frau –

Nein, nein, unterbrach Ottomar, sagen Sie vornehmheitsseligen Frau! Sie hatte sich berauscht an Excellenzenluft! Das ist der Geist unserer Epoche! Berührung mit den Hochgestellten! Ich bewundere nur, 155 wie der Justizrath mit seiner hohen Verständigkeit, seinem Scharfsinn, seiner Geheimnißatmosphäre, als wenn er Großmeister aller Freimaurerlogen der Welt wäre, den ganzen Spectakel seines Hauses so duldet!

Ich bestreite principiell die Allgemeinheit der Tendenz zum Vornehmen! sagte Dieterici fest und bestimmt, und werde Ihnen gleich dafür einen Beweis geben. Kurz, ich rühmte auch Voglers jeweilige abscheuliche Eigenschaften und seine Schwärmerei für Zerline. Half aber Alles nichts. Als wir uns der Bäckerstraße genähert hatten und das Schluchzen der Justizräthin um ihre Mädchen kein Ende nehmen wollte, fing ich an, sogar von meiner eigenen, im Grunde nur dem Junggesellenthum Schopenhauers ergebenen Gesinnung einzugestehen, daß mehrere meiner Gedichte, deren Druck mich ruinirt hat, auf Sascha zu deuten wären und daß ich bei einer gesicherten Lebensstellung –

Unglücklicher, unterbrach Ottomar; sie wird Sie beim Wort halten!

Wir waren schon in der Bäckerstraße! Mama konnte mich glücklicherweise kaum verstehen vor dem schlechten Straßenpflaster! Einigemal flog sie mir darüber in die Arme! Denken Sie sich meinen Schrecken! Als der Wagen hielt und ich meine Hand ausstreckte, um erst auszusteigen, um zu klingeln und das Dienstmädchen 156 mit dem Schirm zu entbieten, stößt die Frau wie von Narrheit ergriffen alle meine Freundlichkeiten zurück und verkündigt mir das räthselhafte mich nach meiner Diagnose auf Varnhagenthum wahrhaft beleidigende Wort: Und Sie haben mich auch nie verstanden! Grade wie Hegel einst von seinem Nachfolger Professor Gabler, den er doch selbst empfohlen hatte, gesprochen haben soll!

Ottomar lachte. Am Justizrath ist mir allerdings Vieles räthselhaft, sagte er, aber hier brauchen wir keinen Oedipus! Die Frau hatte Stimmung bekommen und Sie waren in der traulichen Einsamkeit ein Holzbock!

Sollte das, das möglich gewesen sein! rannte der kleine Mann im Zimmer herum und drehte seine Schnurrbartspitzen. Aber wie kann man an das denken, wenn man Göttergestalten wie Edwina Marloff vor Augen hat! Meine Sonette auf sie – doch ja Sie haben Recht –! Um sich zu sammeln, fragte er Ottomar, warum er nicht den Salon der Brennicke besuche?

Sind Sie oft da? fragte Ottomar dagegen und steckte sich nun doch eine Cigarre an.

Ich muß die Localität vermeiden, entgegnete Dieterici mit einem tiefen Seufzer. Das geniale Geschöpf, die Marloff, es ist eine Melusine, die mir alle Wonnen der poetischen excentrischen Schule weckt und ich brauche jetzt Sittlichkeit und gemeinen Verstand für meine Carrière!

157 Erzählen Sie! sagte Ottomar, weil er Stoff zu seinen Briefen an den Grafen brauchte.

Ueber meine Sonette gehen Sie gleich zur Tagesordnung über! rief Dieterici ärgerlich und hüstelte.

Dieterici zeigte eine mädchenhafte Empfindlichkeit.

Sie sind kein Freund der Lyrik!

Echte Lyrik schätze ich hoch! entgegnete Ottomar. Wenn aber jeder gebildete Deutsche sich blos ein Jahr lang auf die Lectüre von goldschnittgebundenen Gedichtbändchen zu verlegen braucht und nicht anders mehr denkt als in Formen wie: Es wallet und siedet und woget und zischt, dann ist ein Gedicht fertig wie im Umwenden. Es schäumet die Fluth mit weißlichem Gischt – Der Schiffer das Aug’ in die Ferne gewandt, er lenket das Ruder mit kräftiger Hand

Vortrefflich! Ausgezeichnet! rief Dieterici. Fahren Sie fort, Althing! Es ist darüber nur Eine Stimme, Sie besitzen eine bewunderungswürdige Genialität! In Allem! Unser Stadtgerichts-Director hat eine Staatsanwaltsstelle für Sie in petto.

Dazu gehört das Talent, Verse zu machen –?

Gelegenheitsverse manchmal! warf Dieterici satyrisch hinein. Aber wie leicht war das von Ihnen improvisirt! Man sah vollständig den Steuermann!

158 Sie bringen mich in die Concurrenz der Secundaner –! sagte Ottomar. Dichter werde ich, wenn mir etwa Luzius käme und sagte, Herr Dieterici hat neulich im Wagen meiner Frau erklärt, daß Sie für meine Sascha fühlen – dann würde mich Verzweiflung packen! Denn manchmal fürchte ich mich vor Luzius! Wie Timon von Athen würde ich Flüche über die Menschheit schleudern – denn dem Justizrath, den ich ehre und fürchte zugleich, würde ich Nichts abschlagen können. Da wäre denn der Romantiker fertig, oder es wankt der Steuermann, der Mast der bricht, das Schiff das sinkt – die Wogen gingen hin und her, das Schiff versinkt im – weiten – Meer!

Wunderbar! Ganz wie die Brenna declamirt! rief Dieterici begeistert. Das „weite Meer“! Auf Meer einen Circumflex von sechs Ellen Länge! Herrlich! Prinz Rauden würde rasend applaudiren und Ihnen sein Album schicken!

Ja, sagte Ottomar, man kann sich bei diesen Betonungen manchmal ein Beefsteak bestellen, wenn das Wort anfängt, und bekommt es fertig gebracht, wenn die Declamatrice mit dem Tremolo zu Ende ist. Uebrigens von Beefsteaks zu reden – Wie gefällt’s Ihnen denn bei Blaumeißels? unterbrach Ottomar die launige Unterhaltung.

159 Ja, das ist der Gegenstand! begann Dieterici, sich sammelnd. Sie wissen, ich halte principiell auf richtige Ernährung. Der Gedanke, mir den Chemismus unserer Restaurationen in den Leib zu jagen, ist mir fürchterlich. Ich wohne nun zehn Monate an Ort und Stelle und – Dieterici stockte. Endlich sagte er: Bester Freund, ich kann es nicht abschlagen, nächsten Sonntag wird bei Blaumeißels getauft und ich soll Gevatter stehen! Was mir besonders fatal ist, die Taufe ist, denken Sie sich, deutsch-katholisch. Blaumeißels haben früher stark in Socialismus gearbeitet, und die Frau hat die schwungvollen Reden von Raimund Ehlerdt und Andern für baare Münze genommen und wie sie früher in Polen bei einem Probst gedient hat, so ist sie jetzt ganz irre geworden an ihrer früheren Mutter Maria – dieser doch so schönen poetischen Gottheit des Mittelalters – setzte der schmachtende „Streber“ hinzu. Aber, fuhr er fort, es ist so, Frau Micheline schwört auf einen Pastor mit Haaren, die dem Mann bis auf die Schultern gehen und Blaumeißel, ein reines Schaf nebenbei, thut, was seine energische Frau ihm vorschreibt –

Dann ist noch das durchtriebene Ding da, die Josefa, unterbrach Ottomar, die zur Marloff wieder zurückgekehrt ist – Blaumeißel riskirt seine Stelle beim Vater!

160 Es ist überhaupt eine schwungvolle Familie, fuhr Dieterici fort, ein Stamm, wie er sich in’s Volk öfter verliert! Genug, das Kind ist da! Christ muß es principiell werden und ich kann es nicht gut abschlagen, die lächerliche Figur zu machen, die ich dabei vor der Menschenmenge, die geladen sein wird, mit meinem Täufling in der Hand spielen werde – kurz, lieber Freund, vom Erhabenen zum Lächerlichen ist bekanntlich nur ein Sprung, und ich bitte Sie daher um Gotteswillen: Wohnen Sie, als früherer Miether, Sohn des Principals und mein Freund, dem feierlichen Acte bei! Geben Sie mir durch Ihre Anwesenheit Kraft und Würde, geben Sie mir den Muth, das Unvermeidliche zu tragen! Denn wie gesagt, es bleibt ganz unter uns! Der Taufact wird im Zimmer vollzogen! Bitte! Kommen Sie nächsten Sonntag! Die feierliche Einladung, versteht sich von selbst, und die solenne Bitte um Ihre hohe Gegenwart wird noch folgen.

Der Unmuth Ottomars über die durch die Blaumeißel’sche Familie zu seinen Eltern gedrungene Plauderei war allerdings nicht klein und Anfangs drohte auf seiner Stirn ein entschiedenes Nein! Als aber Dietericis Bitten zu flehentlich wurden, entschloß er sich, ihm den Gefallen zu thun. Er versprach zur bestimmten Stunde, Sonntag Nachmittag um 4 Uhr, zu erscheinen.

161 Dieterici war glücklich. Sie haben mir diese Wohnung, die mir Ihr liebenswürdiges Fräulein Schwester empfahl, angerathen! Allerdings hat sie das Uebel, sehr weit entlegen zu sein! Aber die Küche ist ausgezeichnet. Einen Schmorbraten habe ich bestellt, der Ihnen das Nervensystem in elastische Spannung versetzen soll! Man spricht spottweise davon (Vogler ist ja der ewige Thersites! unterbrach er sich), daß ich mich mit den Urproblemen beschäftige. Das thue ich allerdings. Ich lese Hartmann und empfehle überall seinen Trieb zum Natürlichen, der mir auch das einzig richtige, zum Durchbruch kommenwollende Princip unsrer Zeit scheint. Dabei suche ich meine Carrière abzukürzen. Habe ich nur etwas, das anständig ernährt, errungen, so genügt mir das. Meine Körperkräfte widme ich diesem Moloch, Staat genannt, der jetzt regiert, in keiner Weise. Sollte mir einfallen, den Schwindel dieses Reichschauvinismus mitzumachen! In zehn Jahren läg’ ich todt auf der Bahre! Nein, ich bin darin ein alter Egyptier, daß ich etwas auf die Conservirung meines Körpers gebe! Restaurants sind mir, wie Sie wissen, ein Greuel! Bei dieser merkwürdigen Micheline Ziporovius, die für einen polnischen Probst gekocht und darüber den Glauben an die alleinseligmachende Kirche verloren hat, ist die Reinlichkeit, die Pünktlichkeit, die Tüchtigkeit zu Hause. 162 Allerdings, die stramme Freigemeindlichkeit, die Freidenkerei, die vollständige Abschwörung jedes Zusammenhangs mit dem Syllabus, dies unbedingte Chemnitzer Arbeiterprogramm stören mich. Sie wissen ja, ich billige das Alles nur in annähernder Theorie, in nebelgrauer Perspective; doch das Individuelle daran, das Persönliche, tritt oft pikant hervor. Man braucht manche Erscheinungen aus dem Volke – ich meine natürlich weibliche – nur ein Bischen aufzustutzen und hat vollständig Alfred Müssets Andalusierin, aber –

Aber mit Kindersegen! fiel Ottomar ironisch ein, sich die Ohren zuhaltend.

Da haben Sie Recht! Das stört sehr! Liegen aber viel auf der Straße oder werden Abends mit in den Verein genommen!

Kurz, Dieterici trennte sich mit der sichern Gewißheit von Ottomar, daß ihm dieser beistehen würde, sich als Pathe mit dem Wickelkind im Arm im demokratischen Kreise nicht allzu lächerlich zu machen. Würde doch selbst, sagte er beim Abschiednehmen, nach einem neuen Programm der Socialisten die Taufe als eine Sache erklärt, die an sich rein überflüssig wäre.

Ottomar mußte nach Ablauf einiger Tage erstaunen, wie sich das sogenannte Volkselend Freuden zu bereiten versteht! Er hatte mit sich gekämpft, ob er nicht doch noch 163 dem Collegen absagen sollte. Die Beziehung zu Blaumeißels war doch eine gespannte geblieben. Indessen war die Einladung feierlich in seiner Abwesenheit von einem schwarzen Manne erfolgt, und Plümicke, der Vegetarianer, der gewiß anwesend war, war ja ein unveränderlicher treuer Freund. Auf dessen Beihülfe war allerdings bei einem Handgemenge, womit solche volksthümliche Familienfreuden zu schließen pflegen, nicht viel zu rechnen; die Vertilger der Schmorbraten, der Würste und der sauern Lungenragouts (Micheline leistete Großes) hieben um sich. Aber Plümicke konnte sanft vermitteln. Trat er, die lange zerbrechliche Thonpfeife im Munde, unter zu laute Gruppen, predigte er Vernunft und Mäßigung, dann mäßigte man sich wirklich, schon der zerbrechlichen Thonpfeife wegen. Wenn er stritt, sagte er bei jeder Behauptung erst: Erlauben Sie! Die Pläne mit Josefa, dem verschmitzten, in der Schule der Falschheit erzogenen Mädchen, verfolgte er mit all der Leidenschaft, deren er fähig war. Sagte man ihm: Sie rennen in Ihr Unglück! Der Professor kündigt Ihnen! so erwiderte der total Verliebte nur: Aber diese Augen! Sie waren allerdings wie funkelnde schwarze Kohlen.

Wohl an vierzig Freunde aus dem Verein, in welchem einst der jetzige, im Gig fahrende Director Ehlerdt seine glänzenden Triumphe gefeiert hatte, waren 164 Sonntags vier Uhr versammelt. Erst gab es einen mit etwas Cichorienzuthat gekräftigten Kaffee mit frischem Kuchen, der vom Tisch wie nicht vorhanden gewesen verschwand, worauf die Taufe stattfand. Hierauf sollte es ein Nachtessen geben, sogar mit Wein, für Liebhaber mit einem Faß Bier. Die Ehehälften entwickelten dabei die volle Bekanntschaft mit den Fortschritten der Mode.

Da gab es die feinsten Handschuhe, ausgeschnittene Kleider, Besätze, Reverskragen, Cravatten in Seide und Sammet. Selbst über die Schleppen von Schuster- und Schneidertöchtern konnte man fallen. Der Geistliche war ein würdiger Mann, von einer etwas zur Schau getragenen, bewußten Schwärmerei. Auch er verschmähte, wie ein Brahmine, Alles, was thierische Kost hieß. Er predigte, mit gelegentlicher Erinnerung daran, daß das Neugeborne nicht unter Türken, sondern unter Christen leben sollte, im Uebrigen die reine Vernunft. Sie war ihm dasjenige, was den Menschen theils berechtigt stolz, theils pflichtschuldig demüthig mache. Er bestritt, daß sich Gott in die Angelegenheiten der Menschen persönlich einmische. „Ihr habt Gott in Euch selbst!“ sagte er zu Ottomars Beistimmung. „In Eurem Gewissen in jedem Augenblick! Bildet nur Euer Gewissen recht zum Frieden aus, zum sanften Ruhekissen, da werdet Ihr die Gottesnähe schon spüren!“ Blaumeißel, evangelischer 165 Schlesier, Micheline, übergetretene, ehemals ultrakatholische Polin, standen da im neuen Glauben. Sie waren ganz damit einverstanden, daß der in der That liebenswürdige Geistliche die Taufe nicht als etwas Geheimnißvolles behandelte, das eine besondere Kraft einflöße, sondern als ein äußeres Zeichen, das nur für die Zeugen einen Werth hätte. Dem Kinde sei der Vorgang ja ganz unverständlich. Die Wiedertäufer, bemerkte der Redner, die eine Wiederholung der Taufe wollen, stellen sich auf den Standpunkt des Wunderglaubens, dem wir abgeschworen haben. Für uns kann kein Wasser, kein Oel mehr geweiht sein! Für uns kann es keine Weihe der Kraft geben, die etwa einem Priester bei seiner Weihe eingeimpft worden wäre! Wie sollte denn durch die Berührung mit einer Hand voll Wasser in uns eine so merkwürdige Bezauberung vor sich gehen? Das sagte er Alles ruhig und verständig. Entging er doch dem Schicksal, das ihn vor dreihundert Jahren für solche Worte auf den Scheiterhaufen gebracht hätte. Ottomar freute sich, seinem Vater Ansichten mittheilen zu können, die sein Alter billigte.

Als dann der feierliche Moment erschien, wo Dieterici, der seine Zimmer für diese Festlichkeit hergegeben, das Aeußerste an Aufopferung im Wegräumen seiner Schreibmaterialien, seiner Falzbeine, Radirmesser und Stahlfedern geleistet hatte, von der Hebeamme den schreienden 166 neuen Weltbürger, der ihm sehr ähnlich sah (besonders insofern er einen wunderlichen Uebergang aus dem Brünetten in’s Blonde bezeichnete) in die ausgestreckten Arme gelegt bekam und Ottomar wegsehen mußte, um diesen feierlichen Moment nicht als denjenigen zu fühlen, wo sich die Lachmuskeln nicht mehr in der Gewalt hatten, ergab sich eine befremdliche Störung. Das Zimmer lag nach hinten in einen Hof hinaus, der bei dem angenehmen Wetter, wodurch das Fest begünstigt wurde, mit zum Vergnügen, besonders zum späteren Verzapfen des Bieres und wer weiß, ob nicht noch zum Tanzen benutzt werden sollte. Plötzlich bemerkte Ottomar eine Physiognomie, die mit grinsendem Lachen am geöffneten Fenster stand. Es war Jean Vogler. Daneben stand Forbeck und einige Andere aus derselben Gruppe. Sie schienen irgendwo gut dinirt zu haben und hatten einen schlechten Streich im Sinne, der ihnen Allen auch leicht hätte die Hälse brechen können, wenn ihnen nicht Althing mit Geistesgegenwart zuvorgekommen wäre und schnell das schreiende Kind, das Dieterici durch Wiegen in den Armen zu beruhigen suchte, an sich gerissen hätte. Ein Wasserstrahl, aus einer Spritze entsendet, benetzte durch’s Fenster Dietericis wunderbaren Frack mit den Seidenrabatten. Auf diesen allein schien die Bosheit oder der „schlechte Witz“ des ehemaligen Seniors eines akademischen 167 Corps abgesehen, aber wie leicht hätte Dieterici vor Schreck das Kind fallen lassen können! Mit dem Ruf: Ein Schauspiel für Götter! war die übermüthige Gesellschaft entflohen; denn hier gab es Fäuste, die zuzuschlagen verstanden.

Es währte einige Zeit, bis man sich zurechtfinden konnte. Ein Theil der Männer stürmte sogleich zornentbrannt hinaus. Die Thäter waren nicht mehr zu finden. Man erfuhr, sie seien in einen Miethwagen gesprungen und davon gefahren. Die Männer, entblößten Hauptes, theilweise zwar nicht der religiösen Stimmung Blaumeißels angehörend, aber doch andachtsvoll, kehrten empört zurück und urtheilten nach dem Schein, wie auch der Geistliche. Dieser nahm seine Rede wieder auf und faßte das Vorgefallene als eine Verhöhnung der einfachen Bedeutung, welche die freireligiöse Gemeinde diesem Symbol der Christusreligion zuerkenne. Er sagte: Unsere starrgewordene, im Pharisäerthum stolzirende Kirche fühlt das nicht mehr, was die ersten Christen so brüderlich und schwesterlich vereinigte! Aus dem einfachen Abendmahl, das Nichts als eine gesellige Vereinigung gewesen, hat man die Messe, ein Schaugepränge, gemacht und noch später die Bedeutung eines heidnisch-jüdischen Opferfestes nicht ganz aufgegeben! Man verhöhnt auch heute noch unseren einfachen Glauben, der darauf hinauskommt, daß die Feste uns vor Allem brüderlich zusammenführen 168 sollen und uns den Unterschied zwischen Reich und Arm, Hoch und Niedrig, im gemeinsamen Namen Christi vergessen lassen! Unser Glaube ist staatlich geduldet und ich werde gegen die Störung eines Taufacts bei den Behörden klagbar werden! Er bat sich den Namen des kreideweis gewordenen, zum Anziehen eines alten Schlafrocks gezwungenen Dieterici aus. Daß Ottomar auf sein unablässig gerufenes: Pistolen! erwiderte: Lächerlich! that dem Sucher des Urproblems an sich wohl, doch wollte er nicht darauf hören. Wie war er indeß glücklich, diesen Freund zum Mitpathen gewählt zu haben.

Als der Taufact vorüber war, brach erst recht die Wuth über die Störung desselben aus. Die Meinung des Geistlichen, das Attentat hätte dem Princip der freien Gemeinde gegolten, wurde von den Wenigsten getheilt. Frau Blaumeißel kannte Jean Vogler und behauptete, eingedenk mancher Begegnung mit ihm, daß die Ursache des Frevels nur sein Aerger gewesen sei, daß auch er nicht eingeladen worden. Ihn hätten die hübschen jungen Mädchen gereizt. Allerdings waren allerliebste Schusters- und Schneiderstöchter zugegen! Aber Dieterici beherrschte seinen Penchant, das Individuelle zum Andalusischen aufzustutzen, und blieb dabei: Ich danke Ihnen, Althing! Im Vorgefühl hatte ich Sie gebeten, anwesend zu sein! Denn ich gestehe Ihnen 169 meine Nervenschwäche – die Spritze ließ mich so erschrecken – ich hätte das Kind fallen lassen! Mein Entschluß ist gefaßt: Vogler muß ich auf Pistolen fordern!

Sind Sie nicht recht gescheidt? wiederholte Ottomar schon zum fünften Male. Verachten Sie doch den ganzen dummen Scherz! Das Kind wäre ja auch ganz weich gefallen!

Nein, nein, es ist die Selbstgenügsamkeit der absoluten Trivialität, die mich principiell an dem Act so empört! rief Dieterici aus. Die Selbstgenügsamkeit, die sich mit dem stolzen Namen des Realismus, der Reichstreue und wer weiß, was Alles jetzt brüstet und die doch nur der alte sattsam bekannte Uebermuth, die Rohheit, die Unbildung von ehemals ist! Die Kränkungen, die Verhöhnungen, die Vogler unausgesetzt gegen mich bereit hält – ich habe sie nachgrade satt! Pistolen! Nur Blut kann hier die Entscheidung bringen!

Lassen Sie einfach den Geistlichen auf Störung einer gottesdienstlichen Handlung klagen – Vogler bekommt dann seine vierzehn Tage Arrest und eine Geldstrafe noch dazu, die seinem schadhaften Portemonnaie wehe thun wird. Verlassen Sie sich darauf! beruhigte Ottomar.

Aber überall wird man von meiner Spritzenpathenschaft erzählen! jammerte Dieterici. Durch Zufall hätte 170 ich mich sogar einer fahrlässigen Tödtung schuldig machen können –!

Althing sah den gemächlich im Schlafrock unter den geputzten, noch durch die Gegenwart des Geistlichen etwas gebundenen Gästen verweilenden jungen Pedanten in einer Aufregung, die nicht zu beschwichtigen war. Denn auch für diese Wendung, daß er etwa allen Anwesenden gesagt hätte: Jean Vogler war nur neidisch auf die mir erwiesene Ehre! fühlte er sich zu vornehm, war er zu stolz. Seine ganze Anwesenheit konnte ja nur als eine absolute Herablassung gelten.

Sprechen Sie mit Luzius, bei welchem Vogler noch arbeitet! Der wird Sie beruhigen!

Mit einem seiner Gemeinplätze, die ich hasse, wie die Sünde! Wie manchmal den ganzen Mann, rief Dieterici laut.

Der heutige Abend wird Sie schon noch zerstreuen! fiel Ottomar ein. Sehen Sie nur diese Vorbereitungen zum lustigen Verzehren der Braten, die uns aus der Küche ihre Wohlgerüche entgegensenden! O mein armer, armer Plümicke, wandte er sich diesem zu, nun beginnen Deine Leiden! Wenn die kleinen Chalotten am Hammelbraten so braun wie im Fleisch mitaufgegangen sind – o der Genuß! rief er dem Punktirer seines Vaters gemüthlich zu. Alle jungen Mädchen lachten ringsherum. 171 Der hübsche Referendar war natürlich der Mittelpunkt des Abends. Wie saßen ihm auch Weste und Frack so zierlich! Die goldne Uhrkette glänzte auf der schwarzen Weste! Das Haar des edelgeformten Kopfes war von jener bräunlichen Färbung, die gegen das Licht scheinend heller aussieht. Die Hände waren Anfangs gantirt. Später, als er die Handschuhe auszog, wie schön geformt und wie weich für den, dem er die Hand gab! Der Bart hielt die Mitte zwischen dem Stutzerhaften und den bärtigen Wappenhaltern der Thalerstücke. Und der Nimbus umgab ihn: Er hatte das Kind gerettet!

Plümicke hatte eben mit jener biedermännischen Erhabenheit über allen gemeinen Erdendunst, der sich so natürlich nicht nur bei einem an sich „gediegenen Charakter“, sondern auch bei einem vorzugsweise mit dem Tode beschäftigten Bildhauer erzeugt, dem jungen Assessor Dieterici, dem Pathen, dem Einwohner des Hauses, Worte der Beruhigung, der innigsten Theilnahme ausgesprochen und in der That nur immer Acht gehabt, daß Keiner im Gedränge der sich allmälig regsamer fühlenden Mannen seine lange thönerne Pfeife zerbrach, die er besonders behaglich rauchte, als mit den zunehmenden Zwiebelgerüchen, dieser Versuchung der Küche an seiner Brahminenseele, auch seine Liebe, Josefa Ziporovius, eintrat.

172 Sie hätte nicht früher kommen können, sagte sie. Sie war wie eine Braut geschmückt, ganz weiß, trug Gold und Silber und Schmelz auf Brust und in den Haaren und brachte erst die wahre Bewegung unter die Damen- und die Männerwelt. Ihren kleinen Schnurrbart fand Ottomar, der ihr den Rücken kehrte, unausstehlich. Das that aber Plümicke Nichts. Für ihn war Josefa wie der Schönheiten Eine aus seines Professors Bilderbüchern! Aber es war ein Kobold! Die Schleppe ihres Kleides war zu lang für’s Trottoir, geschweige für den Salon: aber sie war gefahren gekommen, hier steckte sie die Schleppe auf. Der Hut, ein luftiges Nichts, wurde mit einer kühnen Handbewegung abgeworfen und ein kunstvolles Haargeflecht, Löckchen an Löckchen, schwarze Sammetbändchen, weißer aufgereihter Schmelz, ein Silberpfeil kamen ebenso zum Vorschein, wie trotz Ottomar ein frisches schwarzäugiges Antlitz, das alle Welt grüßte, alle Welt anlächelte, auch Herrn Dieterici, dem sie das endliche Getrocknetsein seines Fracks am Feuerherd ankündigte und beim Ankleiden behülflich war. Dazwischen: Herr Plümicke, wie geht’s Ihnen? Erstaunlich, was Sie sich bei Petersilie und gelben Rüben so oben erhalten! Herr Althing, wir haben Sie ja so lange nicht gesehen! Bei uns ist seitdem viel, viel vorgefallen –! Alles das sagte das zuthunliche Mädchen buntübereck.

173 O, erzählen Sie doch! begann Dieterici. Doch nicht die Verlobung mit dem Fürsten? Das wäre ja schrecklich!

Ihr Tod käme noch vor dem von Jean Vogler! spottete Ottomar.

Ich habe mich losgemacht! fuhr Josefa, die auf die Antworten nur halb hörte, fort, sie sind Alle im Theater! Mit der Ungarin.

Ungarin?

Welcher Ungarin? fragte Ottomar. Es überlief ihn ein Grauen der Erinnerung an die Ugarti, deren Name ihm so oft wieder eingefallen war.

Das frohlebige Mädchen war schon davongesprungen, um trotz ihrer brillanten Toilette der Schwester beim Anordnen der Tafel zu helfen. Auch verstand sich von selbst, daß sie immer einen Schwarm von Anbetern mit brennenden Cigarren und Pfeifen um sich hatte. Beide Deutsch-Polackinnen waren in der That von dieser quecksilbernen Frauennatur, die ein unbedingtes Beglücken der Männer für ihren Lebensberuf halten, nie an sich zuerst denken, nie den Putz, das Vergnügen, Alles, was in erster Reihe ihnen selbst zu Gute kommen sollte, genießen, wenn sie nicht dabei vorbedacht haben, daß sie damit den Männern Freude machen wollten. „Das Weib an sich“ Edwinens oder ihres Vaters befand sich hier leider in ganz niedrer Sphäre.

174 Plümicke studirte seufzend die Rückentitel in Dietericis Bibliothek. Still resignirt sah er sich all die Führer durch die Katakomben des römischen Rechtes an, die Wegweiser durch die Urwälder des deutschen, die kleinen Nachen auf der Fluth der neuen Nach-Savigny’schen Gesetzgebung. Stille Gedanken lebten in diesen Büchern und ebenso stille, wenn auch nicht gleich erhabene, rangen in seiner Brust nach einem Duckedich! nach dem andern. Denn bald war das Bierfaß entspundet. Und er wußte, mit diesen Maurerpolirern, Zimmergesellen, Schlossern war nicht viel zu spaßen. Wo dem Deutschen der Witz ausgeht, wird er bekanntlich grob.

Und auch sein bösester Rival, Mahlo geheißen, erscheint! Eine allgemeine Bewegung griff um sich! Dieser neue Commerzienrath war gar nicht geladen! Die Hände in den Beinkleidertaschen trat er wenigstens wie eine Stütze der Börse ein. Seine Verbindung mit dem Capital hatte er bei Alledem öffentlich abgeleugnet. Er besuchte immer noch seine altgewohnten Kreise, hielt donnernde Speechs gegen die Bourgeoisie, Schulze-Delitzsch und schlich sich nur dann leise davon, wenn die Sammelbüchsen im Kreise umgingen. Im Grunde machte es Raimund Ehlerdt noch ebenso. Die Art, wie das Capital Eier legt, sagte Mahlo zu seiner Entschuldigung, muß man doch mal mit ansehen!

175 Es hatten aber doch einige der Besonnenen Recht, wenn sie Mahlos Anwesenheit im Stillen beklagten. Sie fürchteten Krakehl und da ein weißer, sehr sprithaltiger Haut-Sauterne entkorkt wurde, so kam Mahlo auch in seinem Commerzienrathsdünkel bald auf seinen alten Standpunkt, Jedermann Grobheiten zu sagen, zurück; zuletzt legte er es auf absichtliche Störung des gesellschaftlichen Friedens an. Seiner Behauptung zufolge hätten Rabe-Actien noch gestern 99 gestanden, und Alles durcheinander schrie 91. Ein Druckfehler! behauptete er. Soll ich das nicht besser wissen? Ich, der ich selbst eine schwere Menge solcher Dinger im Kasten habe! Was wissen denn diese Correspondenten in den Zeitungen? Das sind ja die reinen Hanswurste, die den Teufel was von der höhern Industrie verstehen! Denn nur auf höhere Industrie wird Commerzienrath erteilt! Geld und Actien im Kasten liegen haben beim Verwaltungsrath – sind zwei verschiedene Dinge –! setzte er lallend seinen Unsinn fort. Rabe-Actien stehen in Fühlung mit – na, ich verrathe Nichts. Die Ersten, die Rothschilden gesprengt haben, die Monarchen unserer Zeit, die sind’s, die halten uns! Wer hier sein Capital gut unterbringt, der kann sechs solche Buttel trinken und steht doch fest!

Das Geschmause, Lachen, Nötigen war im vollen Gange. Frau Blaumeißel hatte sich selbst übertroffen. 176 Blaukraut mit Bratwurst, Nudeln mit Schinken, Hammel- und Schmorbraten mit Salat und Kuchentorten, die für Eierspeisen gelten konnten – Plümicke bewunderte das Alles und wählte nur, als „fühlender Mensch“, aus dem Pflanzenreich. Josefa half bedienen. Sie war die Schwester, wie sie sein soll. Sie hörte nicht, daß zwei ihrer Anbeter, Mahlo und Plümicke, in Gefahr kamen, jener wegen seiner allmälig hervorbrechenden Verherrlichung des Capitals Prügel zu bekommen, dieser wegen seiner Fleischabstinenz zu verhungern.

Schon murmelte man von Mahlo: Capitale Haue soll er kriegen! Schon mußte Frauenintervention eintreten, um den Actienhausirer zum Mindesten vor dem Zerreißen seiner blauen Cravatte oder eines Aermels an seinem langen Ueberrocke, den er denn doch in Erinnerung seines alten Standes und des Umstandes, daß er nicht eingeladen war, angezogen hatte, zu sichern.

Plümicke sah Alles mit Wehmuth. Die Menschheit geht dem Effecte nach –! sprach er zu Ottomar, der im Stillen seine Betrachtungen anstellte. Man spricht vom Volkselend. Gewiß ist es da! Hier aber, wo die großen Redner der Clubs schmausten, hier sah man wenig davon. Oder es müßte denn im Volkscharakter liegen, daß ihm ein einziger glücklicher Tag die Kraft giebt, zahllose entbehrende zu ertragen! 177 Dieterici hatte früher den Humor gehabt, mit seinem Freunde Ottomar diese und ähnliche Controversen durchzusprechen. Heute war ihm trotz der hübschen Mädchen und Frauen, die zugegen waren, aller Spaß vergangen. Sein erster Zornesausbruch fand statt, als die Hebeamme mit ihrem Teller umging und er und Ottomar jeder einen blanken Thaler in diesen unfreiwilligen Sammelfond, den ein Wickelkind von Dragée geformt schmückte, geworfen hatte und die „Person“ beim Pathen noch inne hielt, als wäre ein Thaler nicht genug. Die dicke Priesterin Lucinens wurde streng von ihm abgefertigt. Mahlo wollte einen blanken Thaler wechseln und griff so blind in den mit Zwei- und Viergroschenstücken überhäuften Teller hinein, daß die „weise Dame“ außer sich gerieth und behauptete, „dieser Herr“ hätte weit weniger in den Teller hineingelegt, als herausgenommen. Es war eine Vertrauensfrage. Und all der Lärm in Herrn Doctor Dietericis Studirzimmer! Unter seinem Ulpian, Tribonian und dem subsidiarischen Landrecht! Seine Würde stieg ihm plötzlich so zu Kopfe, daß er selbst, der verstimmte Doctor, das erste Zeichen gab, Mahlo vor die Thüre zu setzen. Es geschah noch nicht. Denn horch! Musik kündigte sich an! Geigen wurden gestimmt! Drei Geigen, eine Flöte und ein Baß waren gekommen, um die Füße zum Tanze zu elektrisiren! Ich beschwöre 178 Sie, Althing, verlassen Sie mich nicht! hauchte Dieterici wie ein Sterbender. Wenn Frau Marloff diese Scene erfährt, erliege ich dem Gelächter der Welt! Und wissen Sie, Freund, das Wohl der arbeitenden Klassen, Ihr unseliger Damen-Verein hat mir das angethan, daß ich milde von der Sache dachte. Aber wo ich hinsehe, tanzen vor meiner Phantasie die von unserem Verein Empfohlenen! Ich sehe nichts, als Unglückliche in Theatergarderobe! Die Beamtenwittwe, die gestern weinte, da schwingt sie sich im Walzer dahin! Der Blinde mit dem grünen Schirm – er hat eine Brille auf der Nase und silberne Knöpfe am Frack! Es ist ein Heuchler – das Elend ist Verstellung –!

Sie sind krank, Bester! unterbrach Ottomar mit wirklicher Besorgniß. Sie überreizen Ihre Phantasie! Sie konnten das ja Alles voraussehen!

Ich muß die Wohnung kündigen, ächzte Dieterici. Sie zieht mich abwärts! Ich ziehe zur Marloff! Ich erobere sie mit meinen Sonetten! Ich steche den Prinzen aus.

Gott sei Dank! lachte Ottomar. So bekommen Sie doch wieder etwas Humor!

Das ist ein Geizhals! sagte Josefa, die von einem Tanze mit einem der stürmischsten Agitatoren ausruhte. Der giebt keinen Kreuzer Trinkgeld; ich habe noch nicht einen Thaler von ihm besehen! Nur Noten schenkt er, 179 d. h. keine Banknoten, sondern musikalische! Die soll er in Massen liegen haben!

Eine Frage nach der Ungarin schnitt Plümicke ab, der die Polin, die ihn den Abend über zu sehr im Stiche ließ, mit einer Stimmung der schmerzlichsten Verzweiflung umschlich. Nehmen Sie sich vor Plümicke in Acht! flüsterte Ottomar Josefa zu. Er hat einen sechsläufigen Revolver in der Brusttasche! Ein Schrei des Entsetzens entfuhr dem leichtsinnigen Mädchen, denn die Bestrafungen treuloser Geliebten waren an der Tagesordnung. Sie rannte zu ihrem Schwager, der der Muthigsten Einer auch nicht war. Er vertraute sich Mehreren. Alle waren der Meinung, daß in der That Plümicke in fragwürdiger Gestalt wie Möros den Dolch im Gewande einherschlich. Die behagliche Thonpfeife hatte er in dem Gedränge längst zerbrochen. Ja es war nicht zu leugnen, daß er einen geheimen Verkehr mit seiner linken Brusttasche unterhielt. Er wollte sie wirklich nicht öffnen! Wollte nicht zeigen, was er verbarg. Einen Revolver? Mahlo war noch nicht gemaßregelt! Er versteckte sich. Herr Plümicke, was haben Sie vor? fragte Frau Blaumeißel und griff zu. Wie groß war das Erstaunen, als der gute Hausfreund statt des sechsläufigen Revolvers eine faustdicke, weichgekochte Mohrrübe aus der Brust zog, die dem treuen Principienreiter eine 180 seinem Atelier benachbarte Restaurationswirthin, ihm unwissentlich, in Fleischbrühe abgekocht und sorgfältig eingewickelt hatte. Er ernährte sich durch geheime Bisse in die Brusttasche still davon, während die Andern ringsum in animalischer Kost schwelgten.

Josefa athmete auf. Ja, sagte sie zu Ottomar, Herr Althing ist der Liebling meiner Herrschaft. Wenn er wollte, könnte er sie bald erobern; das eine Mal, daß er dagewesen ist, seit die Brennicke regierte, hätte sie gethan, als wollte sie illuminiren lassen! Uebrigens, fuhr die Schmeichlerin fort, ihr Alter, der Marloff, ist wieder ‘mal dagewesen und hat schrecklich gezankt, wobei Madame – so nannte sie Edwina – alle Thüren zuschloß und keinem Menschen etwas zu hören gab! Ach was kriegte die Regierungsräthin Angst! Sie versteckte sich in’s Holzgelaß! Als geklingelt wurde, durfte ich nicht öffnen, und doch war’s der Fürst von Rauden, dessen Vorfahren ich kenne –

Seine Ahnen? scherzte Ottomar und stellte sich staunend. Ja so! sagte er dann, Sie meinen die Art, wie sein Wagen vorfährt –

Na ja! sagte das Mädchen, das das Wortspiel gar nicht verstanden hatte. Der Prinz muß gedacht haben: Es ist wohl aus! Sie hatte ein Gespräch mit ihm, das ich halb und halb mit angehört habe. Hören Sie! Die Conversation war nett!

181 In ihrer Art –!

Im Gegentheil! Die größten Grobheiten – sagte sie ihm! Er sei gar kein Mann! Er compromittire sie nur! Er vertreibe nur andere Bewerber! Das wären die Rechten, die eine Frau nur zum Spielzeug oder zum Zeitvertreib brauchten –! Sie hätte es nunmehr satt –

Ei – ei – und die Ungarin? Wer ist das? fragte Ottomar erwartungsvoll.

Die hat sie erst nicht angenommen. Da haben sie sich im Theater gesehen! Ich sage Ihnen, er ging – Josefa kehrte auf den Fürsten zurück – wie begossen – aber verrathen Sie mich um’s Himmelswillen nicht! Sie giebt große Stücke auf Sie! Nur der Director von der Fabrik bei Rabes –

Herr Raimund Ehlerdt –

Der scheint jetzt Hahn im Korbe zu werden –!

Der Tausend –!

Zum größten Aerger der Brennicke!

Warum denn? Er kann wohl den Idealismus nicht leiden –

Was ist das? Wohl das Declamiren? – Hören Sie – das ist aber auch schrecklich! Die Leute hungern sich dabei zu Tode!

Fehlt doch nie das Souper?

182 Madame wird immer geiziger! Ich sage Ihnen, seitdem die ungarische Baronin oder Gräfin zweimal wieder dagewesen ist und wieder nicht angenommen wurde und dann doch geschrieben hat, und der Vater gekommen ist und die alte Großmutter, die im Hinterhofe wohnt, da habe ich Madame schreien hören, daß es mir durch Mark und Bein fuhr: Ich gebe mir den Tod, wenn Ihr mir nicht Ruhe laßt! So müssen sie ihr mit etwas zugesetzt haben!

Ueber dies entsetzliche Wort wurde Josefa zum Tanze fortgerissen, und der Tumult nahm überhand. Ottomar empfahl sich jetzt still. Er merkte, daß sich die Neigung zum Lynchsystem regte, die sich im Volke immer mehr parallel mit der zunehmenden Furcht der Richter, gründlich zu strafen, entwickelt. Dem Nachtwächter, der bereits die lärmende Tanzgesellschaft in Sicht genommen hatte und zuletzt wirklich an die Fensterladen der Dieterici’schen Wohnung ein energisches Poch! Poch! hatte erdröhnen lassen, ja sogar nicht übel Lust bezeigte, ein sich bis auf die Straße hinausspielendes Handgemenge – Mahlo wurde expedirt – der nächsten Polizeistation durch einige Pfiffe zu denunciren, gab der heimlich Entschlüpfende noch im Vorbeigehen die beruhigendste idyllische Auskunft auf ein verwundersames: Was denn da drinnen heute los sei?

183 Hatte Ottomar auch die Erinnerung an die ungarische Baronin erschüttert, an Edwinas offenbar ersichtliche Weigerung, sich wieder mit ihr in Verbindung zu setzen, so traten diese Bilder doch allmälig in seiner Phantasie zurück und Alles um ihn her rief wieder Ada! Ada!

Der Kirchthurm im Halbmondlichte, der ausgediente Friedhof mitten in der Stadt, umgeben von hohen Gebäuden, ein Sängerchor, der noch seine Lieder sang, – ach! er verwünschte den abscheulichen weißen Frankenwein, der ihm zu Kopf gestiegen war. Als er seine Wohnung erreicht hatte, fand er zwei Briefe, deren Inhalt in erschreckender Weise auf ein Betreten von gefahrvollen schwindelerregenden Lebenswegen ging.

Der Eine kam vom Grafen Treuenfels. Theils enthielt er für Ottomar die Ueberraschung, daß die alte Gräfin-Wittwe, die seit einiger Zeit angefangen hatte, öfters das Atelier seines Vaters zu besuchen, ein allmälig offen ausgesprochenes fast dringliches Interesse an seiner Schwester nahm. Sie hatte dasselbe durch Helenens Krankheit so weit sich steigern lassen, daß die gute Matrone, die Helenen immer noch kränkelnd fand, von ihr ausdrücklich die Begleitung nach Hochlinden, wohin sie jetzt reisen wollte, verlangte! Und in der That, der zweite Brief, der von Ottomars Vater geschrieben war, sprach von einem langen, aber zur Ueberwindung 184 gelangten Kampfe Helenens mit diesen Vorschlägen, von den Verpflichtungen, die man am Ende theils für die Wünsche der so gut gestimmten alten Excellenz, theils für Helenens Gesundheit haben müßte, und so hätte denn der strenge Papa eingewilligt und Helene hätte sich entschlossen, kühn, stark, muthig, ein Heldenmädchen, jeder Gefahr trotzend, gerade den Sommeraufenthalt ihrer Gesundheit zu gönnen und nach Hochlinden mitzugehen, unter der Bedingung, daß Martha Ehlerdt, diese Treue, Auskunftsreiche, eine Kornblume im Aehrenkranze der Frauenwürde, sie unterdessen bei der Mama ersetzte. Sie könne ja mit ihrem Bruder nicht auskommen! Und was Ottomar betraf – mein, wie Ottomar laut perorirte und parodirte, mein eigenes als Zielscheibe für die Dummheiten Anderer aufgehängtes Ich – so sprach der Graf das Verlangen aus, daß sich auch Helenens Bruder von seinen Studien und Ausarbeitungen endlich einmal losreißen und einige Zeit in Hochlinden ausruhen möchte. Das Beste würde sein, schrieb der Graf in seiner liebenswürdigen Art, er begleitete sogleich die holde Schwester und die alte Gräfin. Der gleiche Wunsch Adas, seiner Frau, wurde als ganz selbstverständlich hingestellt. Der Graf bat ihn alles Ernstes, eine Reihe von Wochen in ihrem Schlosse, Park, Wildgehege, in einer doch im Ganzen anmuthigen, Gemüth und Denk-185kraft beruhigenden Gegend zu verweilen. Es würde ein Zusammenleben zwischen ihnen Allen entstehen, wie die Sänger der Provence es besungen hätten, „ein Vorschmack der Seligen“ – „ein Ausdruck, den ich meiner guten Tante stehle, schrieb Udo, dieser guten, so glaubensstarken Frau!“

Ottomar rief erst, im Zimmer auf und ab gehend, halblaut: Helene, die den Grafen liebt, die vom Grafen geliebt wird, will nach Hochlinden? Und ich, ich, der ich an der gefahrvollsten Klippe der Erde wandle, von ihm selbst schon einmal daran erinnert, nun mit verbundenen Augen wieder an die gefährliche Stelle, wo die Wunderblume blüht, geführt? Nein, Vater, wenn du dich hier geirrt hättest! Du schreibst von sittlicher Selbstbekämpfung! Von Abstumpfung des Reizes! Folge nicht! Folge nicht! ruft es mir aus allen Ecken wie mit wispernden Heimchentönen. Moralische Wirkung für Helenen! Hahaha! lachte es wie von einem versteckten Dämon um ihn her. Die Mutter hat solche Gedankengänge! rief er aus. Vor Helenen durften sie sonst gar nicht ausgesprochen werden! Die Landluft! Die alte Excellenz! Es ist Alles Einbildung! Fester Wille führt zum Ziele! war von je der Wahlspruch der schwachen Frau, meiner Mama, die nur alle Vierteljahr frische Luft genoß. „Die Gräfin-Wittwe überhäufte Helenen mit Liebens-186würdigkeiten –“ schrieb der Vater. Dem war in der That so. Ottomar mußte es eingestehen. Als geborne Fürstin hatte die Wittwe das Hofdamenbedürfniß. Ihr Gatte mochte aus einer besondern Caprice kein solches weibliches Element im Hause dulden. Edwina, die eine Menge von Aeußerungen ihres „Sokrates“ aufgezeichnet hatte, würde hier haben die gelegentliche Aeußerung desselben citiren können: „Es stört dergleichen die Intimität zwischen Mann und Frau und ist die Hofdame hübsch“ – so konnte aus einer andern Stelle citirt werden – „so fliehe vor Allem die Gelegenheit zur Sünde!“

Ottomar starrte wie in einen Abgrund. Er sah, was kommen mußte. Er sah eine große Prüfung. Vielleicht begleitete des Vaters Gedanken auch – die Läuterung von vier eigenthümlich verbundenen Seelen! Bei Alledem ergriff ein Schauder den Sohn, wenn er an seine geliebte Schwester dachte. Wagte sich das besonnene, so verständige Mädchen in die Gefahr, nur um sich dagegen abzustumpfen: wie leicht konnte sie untergehen! Ihre einzige Waffe war ihre Tugend; ihr Harnisch ihre angeborne Stimmung zur Lebensheiterkeit. Aber wenn sie dennoch erläge? Der aufgeregten Phantasie des jungen Mannes schwebte der Vater wie König Lear mit seiner entseelten Cordelia im Arme vor. Ueber den Grafen Udo hatte er noch immer kein endgültiges Urtheil. Diese 187 aristokratische Mischung von Takt, Laune, Willkür, Gefallsucht, Hochherzigkeit – sie war liebenswürdig, aber sie bot keine Garantieen. Das Zusammenleben in Hochlinden, die passive Ruhe in einem stillen, von uralten Bäumen umfriedigten Schlosse, die zur Betrachtung reizende Stille einer entlegenen Natur – da gehört der Mensch ganz sich selbst, da muß er sich einsetzen auf seine Persönlichkeit, sich stützen auf seine eigne Kraft! Ottomar hielt sogar den Grafen für fähig, mit Gefahren zu spielen.

Er aber selbst! War er nicht schon ein Matador in der Kunst der Verstellung? Hatte ihn nicht schon das moderne Leben dieses abscheuliche Laster der falschen Miene gelehrt? Auf Schritt und Tritt mußt du die Wahrheit verleugnen! Das will die Noth­wehr, weil Hunderte von eingebildeten Narren, die das Recht zu haben glauben uns hinter die Ohren zu schlagen, wenn wir sagen wollten, was sie sind, unsern Umgang bilden! Strafbar ist die Lüge nur noch, wenn wir grade um die Wahrheit gefragt werden und sie dennoch verleugnen. Stündlich muß man sich beherrschen, muß man niederkämpfen seine Stimmungen, muß man sich abfinden mit dem, was nun einmal nicht zu ändern ist in dieser geographischen Länge und Breite. Es zermartert den Menschen, man möchte in die Wälder fliehen! Ja in 188 die Wälder! seufzte sein Grübeln. Hochlinden – – soll so reich an schattigen Wäldern sein!

Ottomar räumte einige Bücher über die neuere Entwickelungstheorie vom Tisch und sah aus dem Vorhandensein derselben, daß auch er Anlaß genug haben konnte, sich einmal eine ländliche Muße zu gönnen, um sie zu lesen. Er dachte über die Fragen dieser Bücher nach. Da fassen sie den Menschen als ein Einzelnes, einen Spargel wie den andern! Der Eine wächst dünner, der Andere dicker! Und das große Räthsel der Menschheit ist grade die bunte Verwobenheit aller Naturen und Interessen ineinander, das Concert der Geister und der Herzen! Was regiert denn? Das, was sogut wie außer uns lebt! Wer versteht es?

Zum Schlummer bringen uns Gedanken nicht, nur Bilder der Phantasie. Der Schlaf hat eine eigne Gattung von Bildern. Sind diese grotesk, wie etwa wenn sie Dieterici, mit dem Wickelkind und vom Strahl der Spritze getroffen, vorstellten, dann mit der Pistole in der Hand, so stören sie den Schlaf, sie werden zu Gedanken. Aber mattgrüne Landschaften mit Wiesengrund und stutzenden Rehen darauf, die im Waldesdickicht verschwinden, lindenbeschattete Schlösser, kleine Springbrunnen auf Wiesenmatten mit beschnittenen Taxushecken ringsum – das sind Vorstellungen, unter denen die Seele sich beruhigen 189 und endlich hätte sanft entschlummern können. Aber dem Aufgeregten war es heute nicht beschieden, sich diese Bilder zu malen. Es fiel ihm der Ball bei Wolny im vorigen Jahre, der nächtliche Trunk bei den Serapionsbrüdern, des Geometers Geständnißrede ein; und siehe da! er scheute die üble Deutung nicht, nahm noch den Hausschlüssel und suchte noch einmal frische Luft für seine fieberheiße Stirn, seinen beklommenen Athem.

Wie dessen unbewußt, gerieth er in die bis tief in die Nacht geöffnete Stätte, wo ihm in jener Nacht der Geometer eine so ergreifende Erzählung zu hören gegeben hatte, eine Erzählung, die vielleicht durch das gegenwärtige Erscheinen jener Ungarin eine Abrundung, mindestens ein neues Moment erhielt! Er betrat das Local. Es schlug schon ein Uhr. Niemand war zugegen außer den Kellnern und dem Wirth. Diese saßen im Halbschlaf auf Stühlen und Bänken. Die Gaslampen flammten noch. Nur einen einzelnen Gast entdeckte er im halbdunkeln Serapionszimmer. Dieser saß in der dunkelsten graugrünen Ecke, wo ein Epheubaum in einem langen mit Erde gefüllten Kasten grünte. Den Kopf in die Hand gestützt, ein Glas mechanisch in der Hand haltend, blickte der Träumer tiefnachdenklich, starr und unbeweglich auf den Tisch.

190 Ottomar fuhr zurück. Der ihm Wohlbekannte starrte ihn an, ohne ihn zu grüßen.

Wünschen Sie die Karte, Herr Althing? fragte der Wirth. Vielleicht ist Ihnen die Gesellschaft mit Herrn –

Lassen Sie! unterbrach Ottomar schnell. Nicht einmal der Titel, nicht der Name des Anwesenden wurde ausgesprochen. Ich glaubte – nur einen – Bekannten – zu treffen –!

Damit begab sich Ottomar leise aus dem Local, schüttelte voll Erstaunen den Kopf und wandte sich jetzt beruhigter, wenn auch um jenen Träumer in einer gewissen Bangigkeit, seiner Wohnung zu, wo er bald nach einem so ereignißreichen Tage den Schlummer fand.

Jener einsame Gast blieb aber noch stumm und starr und das Haupt aufstützend sitzen. Es war ein Serapionsbruder, der am Tage immer scharf der Sonne in’s Antlitz zu sehen pflegte. Nec soli cedit, die Devise seines Vaterlandes, war auch die seinige. Jetzt schien er beinahe mit der „Sonne der Nacht“ beschäftigt.

Wie er so vor sich hinstarrte (die abgenommene Brille lag vor ihm auf dem Tische), war es wirklich allmälig dem Manne, als sei er versunken in jene dunkle Welt, in die Welt der noch unentschleierten Wahrheiten, der Rückseite aller Dinge, in das Geheimniß des Welt- und Menschenzwecks – –

191 Es war dem Manne, als liefen Serapions- und Serapis-Priester in Eins. Er sah eine unermeßlich weite Halle von hohen majestätischen Säulen. Tausend Flämmchen zitterten in der Luft. Fackeln mußten von Geisterhänden getragen sein, sie schwebten nur so hin. Gesang erfüllte die Lüfte und pries den Bruder Serapion, der sich verkaufte, um Anderen zu helfen, und pries wieder die, die den Verkauften los und frei gaben. Ach, wie keuchte die Brust des einsamen Gastes bei diesen Klängen! Wie hämmerten die Herzschläge, als er vor dem Throne der ewigen Wahrheit, da, wo die Sonne noch von einem mächtigen Vorhange bedeckt ist und nur einzelne blendende Strahlen durchgleiten läßt, die versammelten Todtenrichter erblickte, in weißen Gewändern, mit goldnen Stäben, um welche sich kleine Schlangen ringelten – –!

Und die Stufen zu ihren Sitzen hinan sah der Träumer einen Knaben steigen, schwarz, rußig von Angesicht und an den Händen. Von einem Mohrenknaben war in dem Bilde des Traumverlornen keine Rede! Der Junge war nur schwarz von seinem Handwerk und bald fielen Nebelflöre auf die Sonnenstrahlen und die Nacht wurde immer heller und heller, wurde Tag und er sah – – zwei jugendliche Freunde, einen mit Thränen in den Augen, und einen andern, der sich das 192 Haar zerraufen, verzweifeln wollte und vor dem Freunde auf den Knieen lag –! Wie da die Bilder wechselten! Wie die alten Moden zum Vorschein kamen! Die einfachen Bilder, die damals an den Wänden hingen, von Napoleon, Blücher, Moskau, Griechenland –! So ein großes Comptoir mit zwanzig Arbeitern, Zelle an Zelle, eine dunkler als die andere, ganz in die Hinterhöfe hinaus – wer ahnte da die reichen Besitzer, Arnim und Wegener, die draußen im Park wohnten, jetzt längst geadelt, längst verschollen, vermodert sind – wie wir einst Alle!

Der Träumer blickte um sich. Wirth und Kellner mahnten nicht zum Aufbruch. Der Gast war zu hoch gestellt und war ein Kunde des Wirths. Er hatte heute einem Gesellschaftsabend beim Justizminister beigewohnt. Doch war eine solche späte Einkehr in ein Weinhaus bei ihm selten.

Die Bilder standen festgebannt vor seinem Auge. Ein leichtsinniger junger Mann, der einen Augenblick der Vergeßlichkeit des Kassirers benutzt, das zurückgelassene Schlüsselbund ergreift und durch ein entschlossenes Umdrehen eines kleinen wie ein Ohr geformten Schlüssels – o wär’ es ein Auge gewesen –! dreitausend Thaler in Scheinen entwendet! Es war Abend. Der leichtsinnige Dieb hörte überall nur zugeschlagene 193 Schreibpulte und Thüren und Fenster. Feierabend! O des vergeßlichen Kassirers! Am andern Morgen wußte man ja Alles – ha, das Schlüsselbund wurde schon sogleich geholt! Wie hätte wohl der alte weißhaarige Mann nur zehn Schritte über die Straße gehen können, ohne an seine Beinkleidertasche zu tasten! Aber gezählt wird so spät nichts mehr. Die Lichter sind ein paar Talglichter so in einem alten Millionär-Comptoir von damals – bald ausgelöscht – wie – Millionäre! Alles war dunkel. Dreitausend Thaler fehlten.

Die Schulden können bezahlt werden! Aber nun – nun – was nun –? Nach Amerika? Oder zurück morgen früh auf den alten ledernen, mit Löchern gesegneten Sessel, aus denen Kälberhaare quillen? Der Commissär wird gerufen werden. „Sie waren zuletzt im Comptoir, als ich die Schlüssel vergaß!“ Was sage ich da? Jesus, die Geldscheine werden mir schwer, immer schwerer, werden Mühlsteine, ziehen mich nieder, in den Strom –! Mein Leben muß enden – Hülfe! Hülfe!

Da war es plötzlich, wie wenn jene Künstler, denen sich Se­rapion verkauft hatte, auf Flöten geblasen hätten. O, so sanft! So weich! So liebevoll und milde! Sie gaben ihrem Sklaven die Freiheit! Ein Freund, noch gegen Mitternacht aufgesucht, ein College – der ertrug die stürmische Umarmung eines Verzweifelnden, Reue-194vollen, von Furcht und Entsetzen Gepeinigten, ein Freund, ein goldener, nicht der Hülfe nach, die hier unmöglich war, nein, dem Rathe nach, der klügsten Erfindung –! Muthig konnte der Verbrecher, der ja im Grunde nur einem raschen Einfall satanisch verblendeter Phantasie gefolgt war, auf seinen Platz zurückkehren, muthig dem Schrecken des alten Mannes mit den weißen Haaren Trotz bieten, der Verbrecher war gefunden, war entlaufen – ein Schlosserlehrling, der am selbigen Tage die nachgebenden Bandeisen an den alten Wandrepositorien neu befestigt hatte und dem der alte Herr länger den Rücken kehrte, als das Stützen der alten Briefschaften und Bücher nöthig gemacht hatte. Der Verbrecher blieb in seiner Stellung, besserte sich, schlich sich aus der Kaufmannswelt reuig in die gelehrte, studirte, machte treffliche Examina, gefördert und gestützt vom treuen Kameraden, der inzwischen eine blühende Fabrik begründet hatte, wurde angesehen und leidlich lebensfroh.

Da aber wieder die Todtenrichter! Der Knabe auf den Stufen! „Lustige Mary“ hieß das Schiff und ging mit Kohlen nach St. Thomas! Und der Knabe ging aus manchen, dem Brütenden wohlbekannten Gründen fröhlich und wohlgemuth! Der kluge erfinderische Freund hatte Alles gar merkwürdig geordnet und angestellt –!

195 Der Junge steht jetzt im Dunkel der Nacht! Halb beleuchtet durch die Strahlen aus den Ritzen des Vorhanges! Er klagt mich doch wohl an – –! Hier in meiner Brust thut er’s gewiß –!

Jetzt erlosch im Local des Herrn Hausermann eine Flamme. Der Wirth hatte den Hahn gedreht.

Der Träumer besann sich, setzte die Brille auf, ergriff Ueberzieher, Hut und Stock und sprach den heute zeitig erlösten Bacchuswärtern ein kräftiges Gute Nacht!

In die Bäckerstraße wanderte der Träumer. Er drehte den Schlüssel am Thor des Luzius’schen Hauses.

196 Sechstes Kapitel.#

Diese Beschuldigung ist denn doch zu stark! rief Hofmaler Triesel an einem Montage aus, nachdem derselbe gestärkt aus einem Seebade zurückgekehrt war. Was, Herr? Sie wollen behaupten, unsere Zeit hätte keine Ideen mehr? Keine Ideen, die Alle theilten oder bekämpften, für die man dächte, dichtete, malte, zeichnete, sich begeistert fühlte? Ist denn das Reich keine hochherrliche Idee? Nicht die Einheit des geliebten, theuern Vaterlandes? Die Demüthigung einer anmaßenden Kirche keine? Herr, die endliche Germanisirung der annectirten französischen Länder, sind denn das keine Ideen?

Und die in Musik gesetzte Nibelungensage! parodirten einige Stimmen.

Und die Weglassung des dehnenden Buchstaben H aus der deutschen Sprache! andre.

Eine allgemeine Heiterkeit erfolgte im Serapionsclub.

197 Ich spreche von leitenden Ideen, die nicht ein Volk, sondern die ganze Welt ergreifen, alle Geister tragen! Nennen Sie mir eine leitende Idee nur allein in der Kunst der Gegenwart! Es giebt keine. Nur die Correctheit, sagen wir die technische Vollendung, ist der leitende Gedanke der jetzigen Kunst. Nun gut! Für den, der die Bildung besitzt, sie zu würdigen, nicht übel! Für die Masse Caviar, nicht so, Herr Triesel?

Der Sanitätsrath, der diese Worte gesprochen, bediente sich heute der nun bei den Serapionsbrüdern eingeführten Form absoluter Titelweglassung und bestellte – ebenfalls Caviar.

Correctheit! Correctheit! reckte sich der kleine als Urtheilssprecher aufgerufene Mann. Ei, ei! Sie sprechen dies Wort so gelassen aus! Herr – Herr Eltester – oder Monsieur Eltester – An der Herstellung dieses Begriffes für unsere Zeit, mein Bester, haben Jahrtausende gearbeitet! Erst sind Bibliotheken darüber vollgeschrieben! Correctheit kannten weder Rafael noch Rubens, weder Michel Angelo, noch Donatello!

Aber die Künstler wachsen ja auf wie die Ackerknechte am Pfluge, lautete eine Stimme. Sie kümmern sich ja um Nichts! Sie lernen auch Nichts!

Pah! Pah! Leerer Schein! rief Triesel. Nicht die Akademie da drüben erzieht sie, die Akademie hier in 198 ihrer Brust. Die Akademie innerhalb des Metiers! Male man, was man will, meißle man, was man will, nur die Correctheit ist die Hauptsache! Das ist furchtbar schwer, meine Herren! Die Identität des Gegebenen mit dem Gewollten! Man bewundert den neuen Farbenreiz, den Effect, den Comfort eines Gebäudes; man erträgt die langweiligsten Bilder, die je gemalt worden sind, die der neuen historischen Schule von München, die gemalte Illustration zu Beckers Weltgeschichte; aber die Ausführung stört nicht; sie ist mit allen Hülfsmitteln des Studiums, vom Geschichtsbuch an, vom Costüm-Atlas, der Anatomie her, mit lobenswerther „Technik“ durchgeführt. Technik! Das ist das Zauberwort der Zeit! Ein so treu nach der Natur gemalter neapolitanischer Junge, dem man ein Sacktuch reichen möchte für den nahe bevorstehenden Moment, daß man sich abzuwenden haben würde –

Wir verstehen! schaltete ein Gast ein.

Erregt doch Bewunderung!

So trat heute Triesel für seine Berufsgenossen ein!

In die Details lasse ich mich hier nicht ein! fuhr er fort. Aber ich komme auch so auf Ihr Thema, Herr Eltester, zurück. Ist die Correctheit keine Idee? Das gebe ich zu, sie ist vielleicht eine nüchterne Idee. Ein Begriff, der an die correct costümirte Modedame im 199 „Bazar“ erinnert. Nun, meine Herren, ich habe angefangen, den Spinoza zu lesen. Was habe ich gefunden? Sehr, sehr tiefe Gedanken, sehr hohe Ideen, aber blutwenig Fortreißendes und Ueberzeugendes und Erwärmendes für’s Erste rein gar Nichts. Die Correctheit kann wenigstens überzeugen und sogar manchmal erwärmen! Spinozas Ideen lassen mich ganz kalt! Und ich ahne von Leibnitzens Ideen ebenso etwas!

Alles war entzückt von dem kleinen strammen Kobold der sich heute einmal so recht im Sprühfeuer seines Naturells gezeigt hatte. Ueber seine Fehler und Schwächen war man ja einverstanden.

Was von Ideen vorhanden ist, nahm nach einer Pause Assessor Bucher, der ebenfalls von seiner Badereise zurückgekehrt war und ein Regierungsrathdiplom vorgefunden hatte, doch im Montagsclub keinen Gebrauch davon machen konnte, den Faden wieder auf, erinnert mich an gewisse Erfahrungen in der Natur! Ich besuchte kürzlich das so schöne Salzburg! Da ist auf der einen Seite herrliches Wetter! Auf der andern des großen Gebirgsthals regnet’s! Wieder auf der andern liegen ganz weiß beleuchtete Wolkenschichten über Ortschaften oder einzelnen Häusern, so niedrig, wie wenn sie bis zur Erde gingen! Das ist diese allgemeine Zerstreutheit der Gedanken, die wir jetzt haben! Es fehlt uns gänzlich 200 an Einheit. Will man in der Kunst, wie Meister Triesel will, Alles in die Correctheit zusammenfassen, so wäre das so übel nicht: Die Ideen denken sich selbst! Wir sind nur die dienenden Organe derselben! Die letzte große Idee, die wir gehabt haben, war der Liberalismus. Der ist jetzt so gemein geworden, so wohlfeil, wie die Brombeeren! Sogar die Conservativen sind liberal! Alle Beherrscher auf den Thronen sind liberal! Was kommt nun –? Ich sehe wirklich keinen einzigen neuen herrschenden Weltgedanken!

Leichenverbrennung –! ging es durcheinander.

Affenabstammung –!

Der Mensch eine Maschine –!

Die Unsterblichkeit Köhlerglaube –!

Die Herren gingen auf Nichts mit besonderem Interesse ein, sondern ließen dem Stadtrath Pfifferling Zeit, die Bresche, die er mit einem einschneidenden: Ich bitte um’s Wort! legte, zu erweitern. Er milderte das Durcheinander, indem er sagte: Meine Herren! Die ungeheure Dehnbarkeit der Idee des deutschen Reiches ist allerdings kein Spaß! Denken Sie, ein ganzes Volk, ein Volk in allen seinen Schichten, in allen seinen Beziehungen, an dieser steten Nothwendigkeit, nach Moltkes Meinung bis in’s zwanzigste Jahrhundert, immer auf Posten zu stehen – es ist eine schreckliche, 201 eine Richard Wagner’sche Idee, – aber was verlangt sie nicht Alles! Die Erziehung, die Gesellschaft, die ganze Richtung des Staates, seine Politik nach innen und außen müssen einzig und allein auf die Wahrung dieser vor einigen Jahren märchenhaften Errungenschaft verwendet werden! Wollen Sie diesen Siegesjubel, diesen Rausch der Freude und des Stolzes über Thaten, die in der Geschichte ohne Beispiel sind, nicht einen Factor unseres Daseins nennen, der Alles durchdringen, aller Empfindung ihre leuchtende und verklärende Färbung geben, Dichter, Künstler begeistern, ja selbst Begriffe modeln kann? Wo ist eine Partei, sie mag verfolgen, was sie wolle, die auch nur wagt, die Idee des deutschen Reiches nicht an die Spitze ihres Programms zu stellen, auch wenn sie dabei lügt wie die Ultramontanen? Hier muß es ein Urnothwendiges, folglich wenigstens für die Deutschen eine große Zeitidee geben!

Ja, ja, fiel Triesel mit überraschender Ironie ein – der sonst vorsichtige Conservative hatte heute einen freisinnigen Tag – und darum verlangt auch jetzt die Kritik, daß man selbst bei einer Mondscheinlandschaft die Zusammengehörigkeit mit der Reichsidee anbringen soll! Bemerkt man diese nicht, so wird sie zum mindesten todtgeschwiegen. Insofern herrscht allerdings eine große Idee – nämlich in einigen mehr oder minder bezahlten Journalen –!

202 Regierungsrath Milbe wollte diese Blätter genannt wissen und wurde gereizt, da ihn Pfifferling begeistert hatte.

Diese Idee ist in der That doch älter als unsre Siege! sagte der Baumeister Omma, der Annectirte. Die Einheitsidee hat schon in der Schlacht bei Leipzig triumphirt. Seitdem wurde sie nur von servilen Ministern und verblendeten Fürsten um ihre Geltung gebracht. Glauben Sie denn, daß der Entschluß, 1866 gegen Preußen aufzutreten, von den ruhigdenkenden Männern der um ihre alten Dynastieen gekommenen Länder betrieben wurde? Nein, der Hofadel- und Emporkömmlingsübermuth verbanden sich mit den Buchstabenseelen einiger verknöcherten Fürsten, die aller nationalen Begeisterung von jeher unfähig gewesen, um jene traurige Selbstaufstachelung zu Wege zu bringen, die nicht einmal den bei Langensalza errungenen Sieg zu benutzen verstand –

Keine Politik! hieß es. Die Statuten!

Die Statuten erinnerten an Luzius und Schindler, den intimsten Freund des sonst sehr unzugänglichen Luzius. Dieser fehlte. Schindler sagte: Ein Vereinfachen der deutschen Reichsmaschine ist für mich, den Fabrikanten, ein Werkstattsgedanke! Da muß es subtile Arbeit geben, Gedanken feiner Ueberlegung! Maschinenöl, Schmeichelei, macht Fehler im Mechanismus allein nicht gut! So meine ich auch, was 203 an überflüssigem Enthusiasmus herausdampfen will, das ist auch vom Uebel und muß fort! Deutscher Chauvinismus – das werden Kinder, die mit papiernen Mützen Soldaten spielen! Männer haben sich in das Erworbne bald gefunden und denken nur darüber nach, was durch falsche Ausbeutung des Erworbenen, stetes Zurückkommen auf denselben Gegenstand, übertriebene Hast, Alles unter Einen Hut in Deutschland zu bringen, für andere Lebenssphären Nachteiliges eintreten könnte. Meine Herren, ein gewisser grassirender Uebermuth, eine gewisse gedankenlose Genußsucht, ein gewisser erlaubt scheinender subtiler Rauf- und Raubgeist, ein Rest übler Angewohnheiten aus dem Kriege, wo sich ein niederträchtiger Humor, („Andere könnten es nehmen, also nimmst du’s!“) entwickelte, Alles das hat Stimmungen in Deutschland erzeugt, die man, verbunden mit den sogenannten Compromissen, am kürzesten als Streberthum zusammenfaßt, eine der gräulichsten Erscheinungen unserer Tage. Unsre Schulen, unsre Universitäten, die Wissenschaft, die Verwaltungssphäre, Alles steckt voll von diesem Streberthum! Der Nationalaufschwung erlahmt darüber. Rom und die Internationale werden den Vor­­­theil davon haben!

Am lebhaftesten Widerspruch, besonders bei den Oberlehrern und Schulrectoren, konnte es auf eine so 204 pessimistische Behauptung nicht fehlen. Der Major a. D. Brandt nickte jedoch unausgesetzt Beifall.

Die Streber hat es von je gegeben! rief die mächtige Baßstimme des emeritirten Schulrectors Weigel. Schiller, Goethe, Wieland, Herder, die ganze deutsche Kunst und Literatur waren Streber! Kant nehme ich aus, auch Fichte! Aber Schelling und Hegel waren Streber! Leibnitz, der Matador unter ihnen, Voltaire, Beide waren Fürstenschmeichler, hatten zweierlei Philosophieen, die eine für Plato und Aristoteles und die andere für die Landgräfinnen und Baronessen ihrer Zeit!

Bettler waren’s! donnerte Althing, der immer, wenn er mit sich kämpfte, ob er das gewöhnliche Deputat, einen Schoppen, noch einmal bestellen sollte, in einen gelinden Zorn, zunächst über sich selbst, gerieth.

O — o — o —! beruhigte aber Eltester mit seinem feinen Brustton, der am Arzte so wohl thut, den Trottoirkranken. Meine Herren, dem Magnete kam damals das Eisen entgegen! Eben weil jene Zeit eine wunderbar herrliche Idee hatte, die Schwärmerei für das absolut Schöne, so waren auch Fürsten und Adel beflissen, dem wirklichen, nicht blos dem sich selbst ausposaunenden oder von der Gelegenheit, z. B. einem Jubiläum, durch die Reclame in den Vordergrund geschobenen Genius zu 205 begegnen, ihn aufzusuchen, ihn würdig zum Leben zu stellen. Jetzt hat diese Stimmung vollständig aufgehört. Alles nach dieser Richtung hin ist leerer Schein! Zufällige Patronage! Nichts geht aus einem hohen Princip hervor! Wenn noch die Großen Dichter und Musiker beschützen, so wollen sie nur Bewunderung für sich selbst haben. Das sehen Sie ja an unserem Prinzen Narziß! Nie hat man etwas anderes an Kunstprotection von dem Manne vernommen, als daß er an Sängerinnen, die seine Lieder sangen, Brochen und Armbänder vertheilte! Der wahre Genius von heute strebt sich auszudehnen in die Weite, er strebt nicht nach oben. Poeten und Künstler, die mit Orden behangen sind, machen mir einen bedenklichen Eindruck. Denn Jedermann weiß ja, daß diese Auszeichnungen nur durch vorausgegangene schmeichelnde Schritte des Empfängers möglich gemacht wurden und bei einigen der Geber ganz besonders auch noch ein Arbeiten für die Interessen derselben voraussetzen lassen.

Der Hofmaler ließ die peinliche Stille, die hierauf eintrat, nicht zu lange andauern. Er fühlte sich persönlich getroffen und sagte, mit einem scharfen Blick auf den letzten Sprecher: Sie vergessen, daß die Ordensertheilung zwar wie eine persönliche Gnade des Fürsten herauskommt, aber in den meisten Fällen eine staatlich eingerichtete, behördliche Vorrichtung zur Anerkennung 206 des Verdienstes ist und – nicht von gemachten Einsendungen – abhängt! Bilder wenigstens einzusenden, bester Herr, ist z. B. nicht möglich.

Man ladet die hohen Herrschaften auf die Bilder ein! sagte Major Brandt und einige Humoristen mußten helfen, um den an sich ja so beliebten und bewunderten Maler aus seinem Gedankengange, in den er wie in eine Grube gefallen war, herauszuholen, wozu Industrielle und Börsenangehörige kräftig die Hand boten, sie, die wohl die meiste Ursache hatten, über die Ursachen der verdrießlichen Zeitstimmungen nachzudenken. Der Krach war ja im Anzuge. Ahasvers langer Schatten ging ihm noch voran. Noch auf Filzsocken; noch nicht mit jenen Pfundsohlen und in Kreuzesform eingeschlagenen Schuhnageln, die uns Eugene Sue für die Wanderungen des Schusters von Jerusalem am Eispol beschrieben hat. Am Eispol! Welche Thorheit! Der moderne Ahasver kennt nur Gefrorenes bei Dähne in Wien und Kranzler in Berlin! Er liegt auf Ottomanen und raucht mit Baron Cohn von Cohnheim im Fez, den türkischen Tschibuk! Ascher Ascherson murmelte vor sich hin: Die große Zeitidee sei: Geld haben! und Althing wiederholte für sich hinbrummend mit scheinbarer Bewunderung die Triesel’sche Phrase: „Eine staatlich eingerichtete, behördliche Vorkehrung!“ Er setzte diese gleichsam in 207 Spiritus. Sie schien ihm würdig auf die Nachwelt zu kommen.

Das Gespräch nahm nun keinen rechten Aufschwung mehr. Man führte wohl als Idee der Zeit noch das Streben nach Comfort und Behagen an, konnte aber über den allgemein verbreiteten Eudämonismus, die Sucht, möglichst heiter durch’s Leben zu kommen, keinen besondern Glorienschein verbreiten.

Während dieser Debatte saß der theilweise heute mehrfach von ihr betroffene Prinz Narziß vor einem seiner Erards und phantasirte sogenannte „endlose“ Melodieen. Neben ihm stand ein Tisch, wo er die „Gedanken“, die „Leitmotive“, die ihm beim Blicken auf ein aufgeschlagenes Gedichtbuch und dem melodramatischen Begleiten desselben und langsam bedächtiger Lectüre einfielen, rasch niederschrieb. Denn Nichts rutscht leichter in den Acheron, pflegte Se. Durchlaucht zu sagen, als ein musikalisches Bild! Das ist wie der Wind! Die halbe Note anders gegriffen, zerstört eine ganze Klangwirkung.

Aber auch diesem Schwelger auf den Rosenpfühlen Sardanapals, auf denen sich die aschenblonde Sonnentochter Edwina, die lichtumflossene, strahlendschöne „Erbin“ noch immer nicht neben ihm hatte betten wollen, war es weniger um Gedanken, als Ideen zu thun. Beides 208 unterschied er. Gedanken waren ihm die einzelnen Wendungen in der Flucht der Töne selbst, sogar kleine Ansätze zu jenem pedantischen Zopfthum, dem er neben Ossian huldigen konnte, ein wenig Meckern und Hüpfen à la Offenbach kam ihm zuweilen in die Finger; Ideen dagegen waren ihm die großen weltbezwingenden Vorstellungen, das Programm. Eine wilde Sextolen- oder Triolen-Jagd drückte die Mazeppaflucht oder dumpfe Töne Iwan den Schrecklichen aus. Der „Meister“, den die Schule vergötterte, hatte sich seine Texte selbst geschrieben. Dazu hatte er frischweg die alten Sagen geplündert und die alten Dichtungen. Er hatte Wolfram von Eschenbach mit George Sand in Einklang zu bringen gesucht. Die Talentloseren waren übel daran.

Der Prinz quälte sich mit etwas absolut Unmusikalischem ab. Vor ihm lag Tegners Frithjofssaga. Die arme, mit Absetzung bedrohte Brennicke hatte diese Strebung angerathen. Es war gerade die wunderbare Abschiedsscene von Ingeborg. Ganz in den Worten liegt hier die Poesie und durchaus nicht in etwaigen Tönen! In diesem Zwiegespräch hat sich Faust mit Hellas vermählt, gerade wie es Goethe geträumt! Im Hof des fürstlichen Palais miauten Katzen, bellten angekoppelte Jagdhunde, lachten heimlich Lakaien und staunte der neue Secretär des Fürsten, ein 209 Deutsch-Amerikaner, von Luzius empfohlen, so wunderbar war diese Belebung des Unmöglichen.

Der Fürst war nicht ganz ohne Geist. Er erkannte selbst, daß gerade diese Scene der Triumph des gesprochenen Wortes ist. Oder ließ sich das Geflatter der Möven bis an die Eichen von Stubbenkammer hinauf, ließ sich das Aufblitzen der Fische bis zur versunkenen „Vineta“ hinunter in allerlei Geklimper, Gehämmer, Gewinsel nachahmen? Ließ sich die Halle der Götter, das Flimmern der goldnen Harnische, in denen sie auftraten, wiedergeben und die volle Seele der Worte, der verständige Sinn, den sie ausdrücken, in ganzer Majestät vor Auge und Ohr zugleich führen? Die Tonmaschine des Fürsten humpelte heute mit närrischen Sprüngen dem Sänger nach, und nicht vorwärts wollte es gehen mit dem Schaffen. Jetzt wandte er sich zu einem Liebesliede. Edwinas Augen lächelten ihn an.

Wie prächtig wohnte der in Husaren-Interims-Uniform immerhin noch gefällige Fürst! Die ganze erste Etage eines Baues, den sein Vater hatte errichten lassen, wurde von ihm eingenommen. Die Fenster waren hoch, die Malereien auf den Decken der Zimmer für schwache Augen kaum erreichbar, zumal wenn die schweren langen Vorhänge nicht zurückgezogen wurden. Auf schwellenden Polstern, in phantastischer Haustracht warf 210 sich der Prinz, am liebsten im Licht immer umdämmert, bald da-, bald dorthin. In jedem von drei in einandergehenden Zimmern hatte er einen Flügel stehen. Die halbe Note, wenn sie ihm in den Kopf sprang, konnte ihm wie der Katze die Maus entschlüpfen. Die „endlose Melodie“ mußte er von Zimmer zu Zimmer schleppen, wie Kakadu sein Schneidermaß. Husch! hatte er manchmal ein Stück der gefährlichen Klapperschlange an ihrem glitzernd glatten Leibe gefaßt und in’s Piano gesperrt und noch ehe der Tisch mit Notenpapier und Bleistift zurecht gerichtet, war ihm doch in der Regel das tückische Reptil schon wieder aus der Hand. Heinrich Heine hat in seiner bekannten Gutmüthigkeit die Verzweiflung der Componisten geschildert. Meyerbeer hätte beim Componiren immer Leibschmerzen gehabt, und nach jedem Dutzend Takte, schreibt er, die Giacomo gemacht, hätte der Maestro an einen gewissen Ort gehen müssen. Dem Fürsten Rauden war’s im höchsten Schwunge ähnlich zu Muthe, nur daß seine mehr weibliche Natur, die Edwina noch schärfer zu charakterisiren verstand, ihm eher das Gefühl brachte, als sollte er entbunden werden. Immer sah er reizende, schreiende, eben zur Welt kommende Kinder, die ihm unter Schmerzen die Hebeamme glückwünschend entgegentrug, und sie waren doch nicht da! Sie waren erst im Kommen begriffen! Es war so 211 schwer; wenn der Frühling kommt, muß die Flöte intoniren, und wenn der Wind Regen und Schlossen entsendet, muß mit Bässen ein Getrappel wie im Skating-Rink gemacht werden! Das Gefühl des Frostes und einer nothwendigen wärmeren Bekleidung drückte er mit langgezogenen Violinentönen aus. Edwina war eine durchaus für seine Compositionen unempfängliche Natur. Sie, die ihm doch immer zumeist im Kopfe und Herzen lag! Außerdem drückte ihn sehr die plötzliche Entwerthung seiner auf diverse Industrie-Unternehmungen genommenen Actien.

Der eigentliche Urheber dieser Verluste wurde eben angemeldet. Es war Adas Bruder, Baron Forbeck. Sonst gehörte der über und über von gefärbtem Bart Ueberfluthete (heute schien sein Tuschkasten aufgebraucht zu sein, er sah mehr wie ein greiser Flußgott aus) gerade nicht zu den Intimitäten des Fürsten. Der Fürst war sensitiv und traf zuweilen in der Beurtheilung der Charaktere das Richtige. Er haßte Unregelmäßigkeit, Uebermaß. Er suchte auch Alles geistig zu verklären. Besonders schätzte er die mäßige und nach festen Regeln eingerichtete Verausgabung des Geldes. Forbeck verstand dafür wieder Nichts von Musik. Was ihn jedoch nicht hinderte, in den Zukunftsmusik-Concerten und -Opern einen „rasenden Roland“ von Claqueur zu machen. Im 212 Jockeyclub, in den er nur mit Einer Stimme Majorität hineingeschlüpft war, organisirte er, wie ein Theateragent, Fiaskos und Furores, je nachdem; einige Damen der Gesellschaft hatten sich mit auf den Zukunftsschwindel verlegt. Aber der Fürst mochte an sich das allzu Grelle nicht. Er liebte die Einsamkeit, die Betrachtung, die verwandte Seele, das Mittelalter. Bei Alledem hatte sich bei ihm Forbeck durch die schwachen Augenblicke eingenistet, die der Fürst der Börse und besonders dem Baron Cohn und dessen Frühbesuchen, wo sich Durchlaucht noch in Unterbeinkleidern befand, verdankte. Da waren „Rabe-Actien“, „Spiegel-Actien“ und ähnliche werthvolle Papiere als sichere Capitalanlagen hängen geblieben und in bedeutenden Nennwerthen. Baron Forbeck, in seinem Aeußern der reine wilde Mann von den ausrangirten Dreimarkstücken, terrorisirte den Fürsten und jagte die Panik durch den Portier mit Tressenhut zur Thür hinaus. Aber sie kam doch wieder hereingeschlüpft! Forbeck hatte sich drei Tage lang nicht sehen lassen. Denn jener Priester der geduldeten Gemeinde hatte ihm wirklich als Complicen des Jean Vogler drei Tage Gefängniß wegen Religionsstörung und Jenem, als Voglern, acht aus christlicher Liebe beigebracht. Das Duell mit Dieterici war über die Komik der Spritze und die Tragik der Staatsanwaltschaft in den Hintergrund getreten.

213 Heute kam Forbeck wie von einem Gebäude, in das der Blitz eingeschlagen. Das Gewitter tobte noch. Man sah den Kampf der Elemente in seinen Mienen.

Auf Ehre, Durchlaucht, rief er schon im Eintreten, das giebt schöne Geschichten! Aber straf’ mich Gott, ich hätte eher geglaubt, wir hätten Elsaß-Lothringen verloren, als daß eine solche Deroute an der Börse hätte stattfinden können! Man glaubte einen Dampfer zu sehen, der mitten auf See in Brand geräth! Die Verzweiflung der Passagiere schmiß Einen nach dem Andern rücksichtslos in’s Wasser! Ich versichere Sie, mir bekannte Hasenherzen wurden Herculesse! Ich habe Mars la Tour mitgemacht, aber hier nahm ich Reißaus. Im Umwenden besah man eine Ohrfeige, die einem ganz andern Staatsbürger gegolten hatte!

Den Courszettel! klingelte der Fürst aufgeregt.

Ist noch nicht gekommen! Ich fragte schon unten! sagte der Baron.

Fürst Rauden erschrak nicht wenig, faßte sich aber doch. Ich werde meine Geschichten rasch verkaufen, sagte er ruhiger, als Forbeck erwartet hatte.

Rabe-Actien?

Die besonders!

Aber Durchlaucht, wer kauft jetzt? Das sind keine Papiere für fromme Stiftungen und löbliche Vormundschaftsgerichte.

214 Der Verwaltungsrath muß kaufen! bemerkte eben eintretend mit frischer Stimme ein ernstblickender, stolz gewachsener, seltsamerweise etwas hinkender, noch jugendlicher Mann, eben jener Secretär, der seit einiger Zeit auf Verwendung des Justizraths Luzius ständiger Begleiter des Fürsten geworden war. Wolny, der jetzt in Amerika war, hatte ihn an Ottomar Althing empfohlen. Es war ein Deutsch-Amerikaner, aber aus hiesiger Stadt gebürtig. Seemann von Beruf, commandirte er im Secessionskriege ein Panzerschiff und wurde dabei verwundet. Er schien ein Mann von scharfblickender Umsicht, alle seine Mienen und Aeußerungen sprachen dafür. Wolny hatte ihn in Boston kennen lernen. Ottomar konnte natürlich an eine dauernde Spannung mit dem Justizrath nicht glauben und hielt sich daher für berechtigt, seinen alten verbindungsreichen Principal um Unterbringung dieses vorläufig in Amerika in’s kaufmännische Fach übergegangenen Mannes anzugehen. Das Hinken desselben verbot ihm den ferneren Seedienst. Luzius hatte zwar etwas gestutzt, etwas mit den Augen gezwinkert, den Fremden dreimal um seinen Namen gefragt, um seine Herkunft, seinen ursprünglichen Beruf, bis er sich darauf besann, daß Fürst Rauden einen Wunsch nach einem neuen Factotum ausgesprochen hätte, da sein alter Geschäftsführer in Staats-215dienst getreten war. Und so war Gustav Holl, ein frisches, aber doch schon 35 Jahre zählendes Stadtkind von hier, beim Fürsten installirt. Er wurde Forbeck vorgestellt.

Officier? Hm! Wie sind Sie nach Amerika gekommen? fragte Forbeck flüchtig.

Die meiste Schuld trägt Gerstäcker! antwortete der pensionirte Capitän.

Das ist interessant! nahm der Fürst diese Frage für später auf; jetzt verweilte er bei dem ihm höchst peinlichen Gegenstande mit den Rabe-Actien. Der Verwaltungsrath, denke ich, muß den Cours halten, das Papier begehrt machen! Mon dieu, ich las es ja, daß er in seinem Rechenschaftsbericht bedeutende Mittel als in Reserve befindlich bezeichnet!

Ja, der Verwaltungsrath! entgegnete Forbeck und lachte überlaut und ganz rücksichtslos.

Erlauben Sie! entgegnete der neue Adlatus des Fürsten, der im schwarzen Frack mit weißer Weste einen Eindruck machte, der mit seinem frühesten Beruf, seltsamerweise kam es heraus, dem eines Schlossers, im vollen Contraste stand. Im Interesse eines in Amerika gefundenen Freundes, des Doctor Wolny, habe ich mich näher nach diesem Unternehmen erkundigt. Wenn der Verwaltungsrath nicht rasch einige 216 Ankäufe macht, so war die letzte Bilanz, wo von einem Reservecapital von 500,000 Thalern die Rede war, eine reine Lüge!

Herr! fuhr Forbeck auf. Bitte Ihre Ausdrücke zu mäßigen! Ich bin Mitglied des Verwaltungsraths! Wir handeln nach hier üblichen Principien!

Die nichts taugen, wenn sie auf Täuschung des Publikums beruhen. Mit Wagen und Pferden rast man durch die Straßen, um sein Gewissen, scheint es, zu betäuben! sagte der Seecapitän.

Forbeck war in seinem Coupé gekommen und machte Miene, irgend eine Brutalität vorzunehmen. Auch der Prinz sagte sich im Stillen: Himmel, meine neue Acquisition ist leidenschaftlich!

Aber der neue Rathgeber übersah schnell die Lage, die Frechheit des Einen, die Furcht des Andern.

Durchlaucht, überlassen Sie Herrn von Forbeck Ihre fünfzig Actien, so viel sind es ja wohl – die Kasse des Verwaltungsraths muß sie nach dem Course von heute früh, also von gestern discontiren! Morgen stehen sie noch schlechter!

Der Baron stutzte, strich dann seinen Bart, reckte seine strammen Beinkleider bequemer, knöpfte sich die eigenthümliche Joppe zu, die er trug. Es stieg in ihm ein Gedanke auf.

217 Es versteht sich von selbst, daß Ew. Durchlaucht das Geschäft durch Herrn von Cohnheim machen! sagte der muthige Seecapitän rasch einfallend.

Forbeck sprang wieder auf ihn zu und rief: Sie meinen wohl, wenn ich die Actien mitnähme – ich sei ein Spitzbube –?

Der Secretär richtete seinen Blick, der scharf und durchbohrend war, lieber gar nicht auf. Er erwiderte Nichts, sondern zog sich nur etwas zurück.

Der Fürst gab ihm ein Zeichen, er möchte sich entfernen. Der Neuinstallirte ging mit der kurzen scharfen Bemerkung, daß er sich unter den Freunden Sr. Durchlaucht noch nicht orientirt hätte –

Sein leichtes Hinken hinderte die Würde seines Auftretens nicht.

Wer ist denn das eigentlich? fragte Forbeck den Fürsten mit einem verächtlichen Nachblicken nach der Thür, durch welche sich Gustav Holl entfernt hatte. Ein gelernter Schlosser?

Justizrath Luzius hat ihn mir empfohlen! Schmidt hat sich ja eine andre Stellung gesucht.

Der Mensch hinkt ja!

Hörten Sie denn nicht? Er kommt ans Amerika, wo er den Bürgerkrieg mitgemacht hat! Ein Granatsplitter hat das Bein getroffen! Er ist eigentlich See-218mann für Kauffartei gewesen, hat sich auf der Navigationsschule ausgebildet und ist in der That aus unserer Stadt gebürtig. Er hat mir eine wunderbar poetische Neigung, die ich als Kind ganz und gar getheilt habe, erzählt –

Durchlaucht wittern überall Poesie – sagte Forbeck, schon wieder zerstreut. Denn halb war er hier beim Fürsten an die Marloff, halb an die fünfzig Rabe-Actien erinnert.

Da streiten die Menschen über die mangelnden Ideen der Zeit! Und der Zauber der Ferne –! Die Romantik des innern Afrika –! begann der Fürst. Livingstone ist doch meiner Meinung nach der wahre Held unserer Epoche –! Ich liebe unsre Zeit nicht im Mindesten. Aber diese Massenreisen, diese Stangen’schen Vereinszüge und die wunderbaren Pelerinagen – nach Lourdes, nach Rom, nach den Weltausstellungen – die Religion oder Industrie ist ja dabei Nebensache – es ist Alles ein und dasselbe Symptom – wir kommen wieder zu einer Völkerwanderung. Denken Sie sich diese Umwälzung, diese wunderbar poetische Welt dann –

Wir im innern Afrika? Ich danke!

Forbeck wischte sich dabei den Schweiß von der Stirn.

Durchlaucht hätten da ein Motiv für eine großartige Tondichtung! lenkte er ein. Die Völkerwanderung – 219 wenn Sie da etwa wie Wagner angriffen – ein Stück Geld dazu herausrückten.

Der Fürst lachte über die Zumuthung, sagte aber doch: Die Figur des Ostgothen Theodorich müßte der Höhepunkt der Tondichtung sein –!

Von Theodorich schweigen Sie! unterbrach Forbeck und erzählte sein und Jean Voglers Schicksal mit Dieterici, wodurch der Fürst in solche Heiterkeit versetzt wurde, daß Forbeck wieder auf die Actien zurückkommen zu dürfen glaubte und sagte: Durchlaucht wollten von einer Aehnlichkeit unserer Situation mit dem Mittelalter sprechen; aber die Kasse des Verwaltungsraths schließt Punkt 5 Uhr!

Richtig! sagte der Fürst und sah auf die Uhr. Es ist erst drei! Der junge Holl, fuhr er fort, war ursprünglich armer Eltern Kind und schwärmte leidenschaftlich für Marine, für Seefahrt! Cooper und Gerstäcker hatte er schwerlich schon gelesen, aber es giebt ja soviel Kinderbücher mit Matrosen, Schiffen, Luft und Was­ser –! Und Columbus! Und Vater Rüstig! Na! Mißhandelt von seinem Lehrherrn, ohne Halt an seinen, wie es scheint, ein wenig verwahrlosten Eltern, giebt dem Jungen eines Morgens, wo er in sein Geschäft gehen will und schon wieder über empfangene Prügel auf der Stiege des Hauses weint –

220 Hören Sie, Durchlaucht! Der Mensch scheint keine guten Anlagen gehabt zu haben – bemerkte Forbeck, mit seinem Lackstiefel ungeduldig hämmernd, aber die Stimme dämpfend. Nehmen Sie sich doch in Acht!

Im Gegentheil! vertheidigte der Fürst den Angeschuldigten. Holl war ein Träumer wie ich gewesen – ich versichere Sie – betäubt von Meerpoesie! Immer wollte auch ich ein neues Amerika entdecken! Zu Schiffe! Das war mein ganzes Denken. Auf hohe See! Wilde sehen! Karaiben! Jetzt verspeisen mich freilich auch Menschenfresser, die Recensenten!

Der Fürst lachte selbst über seinen Witz und Forbeck that ihm den Gefallen, mit einzustimmen.

Aber erschreckte Sie denn nicht schon der bloße Gedanke an die Seekrankheit? fragte Forbeck, welchem Phantastereien dieser Art grundzuwider waren, es sei denn, daß man nicht trockenen Mundes sitzt, sondern hinter’m Eiskübel mit der Champagnerflasche nach einem brillanten Diner.

Der Fürst ließ sich nicht irre machen. Er kam immer wieder darauf zurück, auch er hätte in seiner Knabenzeit diesen romantischen Zug in die Ferne, namentlich in’s Australische, gehabt.

Forbeck merkte, er wollte Nichts ohne den Banquier Cohn thun.

221 Admiral im Salon! antwortete er ironisch und ärgerlich. Das gefällt! Die goldnen Epaulettes und den aufgeschlagenen goldgestickten blauen Hemdkragen so als Landratte auf weichen wollenen Teppichen im Salon verdienen und tragen –! Gratulire zu einer so angenehmen Admiralsstelle!

Ohne sich durch diesen Spott, der auf sein à la suite gehen konnte, verletzt zu fühlen, berichtete der Fürst, daß Gustav Holl durch die Unterstützung eines demselben nur noch dunkel erinnerlichen jungen Mannes, der in seinem elterlichen Hause gewohnt und oft Zeuge der erlittenen Mißhandlungen gewesen sei, seinen Seemannstrieb befriedigt hätte. Der junge Kaufmann hätte ihm hundert Thaler und einen Empfehlungsbrief an den Capitän eines Kohlenschiffes „Glückliche Mary“ mitgegeben, dazu einen warmhaltenden Plaid im Eisenbahnhof, ein Fahrbillet bis zum Hafen von Stettin und so wäre er in die Welt hinausgekommen und zuletzt an ein Panzerschiff im Mississippi.

Die Geschichte ist interessant, Durchlaucht! Aber die Fortsetzung ein andermal! meinte Forbeck und ging rasch dem Diener entgegen, der die noch drucknasse Abend-Zeitung mit dem Courszettel brachte. Achtundsechszig! rief er aus. Nach diesen Börsenohrfeigen war kein anderer Cours möglich! Eilen wir! Die Kasse ist nur bis fünf Uhr auf!

222 Dem Fürsten gingen seine Verluste auf fünfzig zu hundert und eins genommene Rabe-Actien sehr zu Herzen. Zwischen Milz und Leber behauptete er einen organischen Fehler zu haben. Es that ihm da regelmäßig wehe, wenn er sich vom Gelde trennen sollte. Auch kannte er Forbeck hinlänglich, um ihm Abwege vom Pfade der Ehrlichkeit zuzutrauen.

In seiner Angst fiel sein Blick (die Strahlen der Abendsonne glitten golden durch seine hohen Fenster an den grünen Portièren vorüber) auf die Zeitungsnummer, die Tabelle der öffentlichen Vergnügungen, wo ein nächstes Concert eines seiner frühern Tongemälde „Tasso und Leonore“, neu einstudirt, ankündigte. Er hatte die Sache selbst vorbereitet und eingeleitet und dennoch entfuhr ihm ein freudiges Ha!

Forbeck verstand diese Regung. Schon zehn Billets genommen! sagte er. Mama hat allein eine Faust für zwei. Schade, daß Ada fehlt! Der Jockeyclub kommt en masse. Der Erfolg wird colossal werden –!

Mit einem eigentümlichen Ausdruck von Niaiserie, wie wenn Jemand niesen wollte und nicht kann, ging der Fürst in sein Schlafzimmer, wo neben seinem Bette sein eisernes Archiv stand.

Mit lauter Stimme, so daß es der Fürst hören konnte, blieb Forbeck dabei, daß er morgen das Geld noch zur heutigen Frühnotirung bringen werde.

223 Was ließ sich thun? Der Mann, der sich in alle Geldoperationen geworfen hatte, der in einem eleganten Wagen durch die Straße jagte (sein Diener saß stramm neben ihm), der bei allen Börsenkönigen offnen Eingang hatte, empfing die verhängnißvollen Actien zugezählt, gab auch einen Empfangschein darüber, machte aus den Papieren ein leicht in sein unten harrendes Coupé zu tragendes Packet und versprach Bericht in einigen Tagen.

In einigen Tagen? Nein! Morgen! verbesserte hastig der Fürst.

Morgen! versicherte Forbeck und empfahl sich.

Der Fürst blieb mit eignen Empfindungen zurück. Gern hätte er sich darüber gegen Gustav Holl ausgesprochen. Aber für volle Intimität war das Verhältniß doch noch zu neu. Der Titel „Capitän“ störte ihn. Er hätte lieber die Antecedentien des früheren Schlosserlehrlings verkörpert gesehen. Ueber die Marloff hatte er Forbeck verboten mit ihm zu sprechen. Die Entzückungen und Schmerzen, die diese Verbindung ihm verursachte, verstand der grobe Realist nicht. Er ging wieder an den Flügel. Das Lied: Ich habe ein Lieb’ und hab’ es doch nicht, das er eben componirte – konnte ihn allenfalls an seine Rabe-Actien erinnern.

Der Abend gehörte natürlich Edwinen, – trotz der vorgefallenen Erörterungen. Ein grausamer Hohn des 224 Zufalls hatte so viel wunderbare Reize auf eine natürliche Tochter des Grafen Wilhelm von Treuenfels gehäuft! Er hatte den Justizrath Luzius befragt. Wenn dieser sagte: Möglich! so war es gewiß. In welche Stellung gerieth er zu seiner Familie! Zur Treuenfels’schen, mit der er sich seit dem Begräbniß des Grafen Wilhelm versöhnt hatte! Er hatte eine Trauercantate componirt, durch welche die alte Gräfin zum Schluchzen gerührt worden war und die Hand zur Aussöhnung nicht nur dem Prinzen Ziska, sondern auch dem bärbeißigen alten Polterer, dem Senior des Hauses Rauden, einem österreichischen General-Feldzeugmeister, geboten hatte. Wie nahe jetzt der Verkehr, bewies ein eben von der Post kommender Brief der alten Fürstin an ihn.

Bei dem Vier-Uhr-Tisch sprach sich Prinz Ziska über den Ursprung seines Hauses mit Herablassung aus, erklärte Gustav Holl sein Wappen und war gerade, als der Brief aus Hochlinden ankam, bei dem Streit mit der Prinzessin Constanze, den er erzählte.

Lupus in fabula! sagte Holl.

Muß ja heißen: Lupa in fabula! corrigirte der Fürst, mit dem Finger drohend.

Um’s Himmelswillen nicht, Durchlaucht! verbesserte der auffallend wohlunterrichtete neue Secretär, der seine 225 Studien gemacht hatte, Lupa hat eine sehr verdächtige Nebenbedeutung!

Diese kam zur Sprache. Aber der Fürst, eigensinnig, wie er sein konnte, wollte doch bei Lupa bleiben, bis Gustav Holl, wie mit vollkommner wissenschaftlicher Bildung ausgestattet, sagte: Lupus in fabula! ist ein Bild, ein geflügeltes Wort! Aus einem solchen darf man nie etwas Anderes machen, als was es ursprünglich ist! Da es keine Lupa in fabula, sondern nur einen lupus gegeben hat, so muß, selbst wenn von einer Dame die Rede ist und es kommt grade ein Brief von ihr oder sie selbst, gesagt werden: lupus in fabula! So giebt es auch keine Jesuitin in Schafskleidern, wie ich kürzlich die menschliche Eigenliebe verglichen gelesen habe; es muß unter allen Umständen heißen: Die menschliche Eigenliebe, dieser Jesuit in Schafskleidern!

Nun erstaunte der Fürst denn doch, bei einem Amerikaner, einem ehemaligen – Was waren Sie wirklich?

Schlosser – lautete die Antwort.

Und wo haben Sie all die Kenntnisse her?

Aus der Nothwendigkeit, mir Kenntnisse zu verschaffen, als ich sah, daß meine Verwundung mich zum Seedienst untauglich machte. Sogar die deutsche Sprache, die deutsche Handschrift habe ich mir erst neu wieder aneignen müssen.

226 Der Tiefbewegte wollte von Wolnys Hülfe sprechen. Seine Worte verklangen aber.

Schon las der Fürst die sanfte Sprache der Verwandten seines Hauses. Weichen Empfindungen war sein Gemüth nicht unzugänglich. Er hatte immer dieselben Diener zur Umgebung schon seit Jahren. Wie ein eigensinniges Kind sträubte er sich gegen jede neue Wärterin. Dieser Eigensinn wurde ihm von einer weichen nicht mehr lebenden Mutter als das Gemüth eines Heiligen angerechnet. Aber der rechte Ehrgeiz, der Schwung für männliche Bewährung fehlte ihm und im Grunde auch für die Musik, die er sich doch als Lebensberuf gewählt hatte. Alles trieb er Anfangs stürmisch, dann lässig. Consequenz und Geduld nahm er sogar für unerlaubten Uebereifer. Seine Hauptbeschäftigung galt seiner Person, seinen nervösen Zuständen, dem Fehler zwischen Milz und Leber, seiner Gesichtsfarbe, vorzugsweise dem Genius, der in ihm wohnte, und dem Geisterreiche der Unsterblichkeit, das möglicherweise doch mit ihm in Verbindung stände. Mystisches war ihm werthvoller, als Aufklärung. Ja, er haßte diese letztere, und pries Naturzustände glücklich. Seine Partei, die musikalische Zukunftspartei, die sich jedoch schon durch unerlaubte Gewaltstreiche eines Theils der Gegenwart bemächtigt hat, war über seine Indolenz außer sich. 227 Statt muthig in den hohen Kreisen das Wort zu ergreifen für die endlose Melodie, wagte er sich selten damit hervor und überließ es überspannten, herrschsüchtigen Frauenzimmern, die Sache ihrer Clavierpartner durchzuführen. Es ist eine seltsame Erscheinung dabei zu bemerken: Je höher die Menschen stehen, desto rücksichtsloser äußern sie sich! Man bildet sich gewöhnlich das Gegentheil ein. Man glaubt, daß z. B. an einem Hofe Alles wie unter Eiern und mit verbundenen Augen herginge. Weit gefehlt! Die Prinzessinnen denken noch heute wie Elisabeth Charlotte, Prinzessin von Orleans, und drücken sich in ihrem nächsten Kreise auch noch fast ebenso aus.

Die Gräfin schrieb von unendlich glücklichen Stunden, die man jetzt in Hochlinden zubrächte. Und Forbeck hatte doch grade im Gegentheil dem Fürsten erst vor Kurzem erzählt, daß seine Mutter, die nun zurück war, berichtet hätte, dort gäbe es alle Tage Zank und Spectakel!

Hatte dieser Lärm nur im Gemüth der unfreundlichen Generalin stattgefunden? War Ada die Spielverderberin in den Zimmern der Mutter?

Die alte Gräfin wußte davon Nichts. Diese berichtete nur Idylle und Glück.

Dies engelliebe Mädchen, schrieb sie, diese Helene Althing, Sie ist mir doch wie von Gott gesendet! Was 228 sie spricht und thut, Alles ist hoheitsvoll und edel! Man sieht die Künstleranschauungen des Vaters im Kinde verkörpert! Auch Ada nimmt sich zusammen. Nur ist sie stiller geworden. Das wilde Kind der Stadt liebt jetzt, meine ich, zu sehr die Natur! Sie lebt nur in Wäldern und Schluchten! Einen Riesenstrauch von Farrnkräutern mit in’s Schloß zu bringen und den Mittagstisch damit zu schmücken, macht sie überglücklich. Udo ist wie immer lebhaft angeregt und gut, der Staatskanzler, ich glaube selbst Ada, wollen ihn wieder in die Carrière drängen, sein Franzose hat Heimweh; aber ich glaube, er bleibt bei seinem Entschluß, unabhängig zu stehen. Ich für mein Theil muß mich glücklich schätzen, daß sein Bedürfniß, die Fremde zu sehen, befriedigt scheint. Jetzt bot noch Italien eine letzte – Enttäuschung, wenn man anders auf Ada hört, die sich von Allem abgestoßen fand, überall deutschen Wald, deutsche Wiese vermißte. Seit mich Helene Althing beglückt, weiß ich erst, wie man in die nächsten Beziehungen anregende Gedanken legen kann. Schon bei ihres Bruders Federführung und jeweiliger Beantwortung der an den unterrichteten jungen Mann gerichteten Fragen im Frauenclub erstaunte ich über die Fülle von Gesichtspunkten, die bei ihm vom Gewöhnlichen, Ueblichen, allgemein Angenommenen abwichen und, klar vorgetragen, immer überzeugen 229 konnten. Ich glaube nicht, daß ihn uns Herr Dieterici ersetzen wird, so sehr ich in manchen Punkten der Generalin beipflichte, die grade von diesem entzückt ist. Die gute Dame hat uns nun verlassen. Ich nahm von ihr Abschied mit dem Wunsche, daß es ihr in unserem ländlichen Leben gefallen haben möge. Nur Eines schmerzt mich recht, daß ich für mein religiöses Bedürfniß auch nicht einen einzigen Bundesgenossen in diesem neuen Kreise habe finden können. Selbst die Generalin schien ihr Christenthum zu Hause gelassen zu haben! Helene Althing gesteht ganz offen, sie hätte kein religiöses, bewußtes, kirchlich ausgeprägtes Leben! Daß das unter den Menschen jetzt so allgemein wird! Der Kirchengang ist ihnen eine wahre Qual, eine bloße Höflichkeit für den Pfarrer! Ich gebe zu, der hiesige ist nicht besonders anziehend. Graf Wilhelm bestätigte ihn, weil er eine kräftige Stimme hat und Wilhelm schwer zu hören anfing. Herr Merkus hat allerdings immer etwas, als wenn er aus einer anderen Welt käme, und das stört. Früher als mein seliger Wilhelm lebte, der leider nur freigeistig dachte – das Einzige, das uns zuweilen trennte – tröstete mich diese völlig andere Welt der Pastoren. Ich glaubte, Merkus führte mich in meine wahre Heimath zurück! Aber jetzt hat mich doch auch die Nähe so einziger Menschen, wie die Althing’sche 230 Familie, mein Neveu, Ada, so umgewandelt, daß ich die Wohlthaten der Erlösung nicht mehr in der Religion der Merkus’schen Predigten finde. Der gute Mann giebt zu viel. Er will Christum, den Herrn, überallhin verpflanzen! Darüber haben wir schon Kämpfe gehabt, besonders, als die Generalin da war und ihren Muth zeigte, merkwürdige Impromptus zu machen. In der Stadt ist sie streng rechtgläubig. Hier auf dem Lande fand sie unsre kleine Dorfkirche, die doch so schön unter Linden verborgen liegt, mesquin! Die Fahrt in die Weilheimer Kirche war ihr zu weit. Sage ihr aber Nichts, lieber Ziska, ich fürchte den Stachel ihrer Zunge. Mein hiesiges Glück wird theilweise bald zu Ende sein. Denn Helene drängt zurück zu ihrer Familie. Eine Freundin Helenens, Martha Ehlerdt, ein, wie ich höre, vielgeprüftes, einsichtsvolles Wesen, möchte ich mir gern aneignen. Sie wird Helenen abholen. Ich fürchte nur, daß Martha Ehlerdt in religiösen Dingen noch schlimmer denkt und die Glaubenssätze unsrer Commerzienräthin Rabe, bei der sie früher war, angenommen hat! Von dieser Aermsten habe ich mit Betrübniß vernommen, daß sie zuweilen dem Himmel förmlich mit der Faust gedroht hat!

Der Fürst fand in diesen Plaudereien wenig von dem, was er suchte. Von ihm, von der Musik war nicht 231 die Rede! Niemand schien in Hochlinden von seinen symphonischen Dichtungen gesprochen zu haben, Niemand seine Lieder gesungen, Ada, die doch Musik verstand, ihn nicht zum Gegenstand ihrer ausschließlichen Beschäftigung gemacht zu haben. Einige frühere Briefe hatte die Gräfin mit dem Wunsche geschlossen, daß es ihm endlich gelingen möchte, die einzige große Hoffnung seines Lebens erfüllt zu sehen, die Erwerbung eines guten Operntextes. Und doch erschrak er, als sein Tischgenosse, der während des Lesens in Gedanken verloren, in die Krystalle, die silbernen Aufsätze geblickt hatte, begeistert sagte: Durchlaucht, Componist oder Feldherr! Das ist das Größte, was ich mir denken kann!

Ja, ja – gab Ziska kleinmüthig zu.

So ein rauschendes Finale, die Trompeten, Posaunen, Bässe, Trommeln loslassen – nur Napoleon auf seinem Hügel bei Leipzig zu Pferde läßt sich damit vergleichen, das Fernglas vor’m Auge und die Adjutanten hin- und hersprengend –!

Ja, ja –! lächelte der Fürst.

Seine Stimmungen aussprechen, ohne sie durch Worte zu verrathen, und die Seligkeit, die Sterne vom Himmel herunter zu reißen und wie Blumen zu küssen, die Weltseele aus uns heraus auszujauchzen – alles das kann der Componist –! Herrlich! herrlich, rief Holl.

232 Ja, ja –! stammelte verlegen der Fürst.

Oder Feldherr! lenkte Holl ebenso begeistert ein, worüber der Fürst seines à la suite wegen vollends in’s Schweigen gerieth.

Die Sache war denn auch die, der Fürst hatte Angst vor dem heutigen Abend. Edwina konnte er nicht heirathen –! Anfangs hatte er dafür durchaus die Miene angenommen; aber wenn sie wirklich die natürliche Stieftochter dieser guten Matrone war, die sich freute, ihr altes Familienzerwürfniß durch die Beziehung zu ihm endlich wieder hergestellt zu sehen, so konnte er sie nicht so kränken wollen, daß er etwas Anstößiges, Anonymes, still an dies gepriesene Hochlinden sich Anschließendes an’s Tageslicht zerrte und für die arme Gräfin in einen Fluch verwandelte! Auch fürchtete er den Senior der Raudens, den alten General in Oesterreich.

Mit einer „Geliebten“ hätte er es gewagt. Es ist kostspieliger, als wäre sie meine Frau! hatte er sich gesagt. Doch dazu fehlte bei Edwina alle Neigung. Er hatte ihr heute in aller Frühe ein Armband, nur Gold, aber sehr schwer, brillantenreich auf der Schnalle des Riemens, der dargestellt wurde, geschickt. Auch zwei Rebhuhnpasteten, die sein Koch angefertigt hatte für das Souper nach dem Programm der Brenna. Aber das waren Nothschüsse. Er ahnte sein Ende. Eine ungarische 233 Baronin Ugarti, eine Person, die in Hoffmanns Märchen gepaßt haben würde, Alles an ihr war Kunst, Schminke, Stahlfeder, Guttapercha (sie log mit 60 Jahren eine Jugend von 30), schien Edwina ganz anders dirigiren zu wollen, als die Brenna.

Am Abend besuchte der Fürst erst mit Gustav Holl ein kleines Volkstheater, wo eine brochelüsterne Soubrette eines seiner Lieder mit einem jener wunderbaren Uebergänge, wie die Couplets eingeführt zu werden pflegen, in eine Cancanrolle einzuschmuggeln verstanden hatte. Aber außer ihm selbst war aus den Kreisen der Aristokratie auch nicht eine einzige Persönlichkeit erschienen! Mißmuthig und durch den bestellten Beifall keineswegs befriedigt, verdrießlich über die aus seinem Brochenvorrath entschwindende, zwanzig Thaler kostende Herrlichkeit, war er beim Vorfahren bei Edwinens Hause nicht wenig erstaunt, in den Zimmern Alles stockdunkel zu finden.

Keine Gesellschaft! flüsterte er Gustav Holl zu, der den Bescheid bekam, etwas zu warten und, wenn er nicht sofort wiederkäme, nach Hause zu fahren. Die Pferde durften nicht stehen bleiben, der Wagen nicht lange halten. In einigen Stunden holte den Fürsten sein Dienstpersonal wieder ab. Holl fing an, diese Stellung ernster zu bedenken.

234 Durchlaucht, die gnädige Frau sind ganz allein zu Hause. –

Das sprach Josefa Ziporovius und hielt die Thür in der Hand. Nicht einmal der Corridor war wie immer erleuchtet. Es war wie mit Absicht. Der bestürzte Fürst ahnte etwas wieder von einer „Scene“. Die zugeschlossenen Fenster, die Todtenstille – er erschrak bis in die entferntesten Verästelungen seines Nervensystems und wäre am Liebsten gleich wieder umgekehrt. Denn diese ihm zugeschleuderte „Mannesseele“, dieser „Musikschwelger“, dieser „Thatenfeigling“ saßen ihm von neulich noch in allen Gliedern. Wer weiß, es erwartete ihn vielleicht heute ein noch heftigerer Sturm! Und er hatte nicht einmal den Muth, ganz offen heraus zu dem bezaubernden Mädchen zu sagen: Eine Vermählung, liebes Kind, ist für meine Stellung zum Leben unmöglich und macht Dich für eine greise Matrone gradezu zur Mörderin!

Inzwischen stand er schon vor Edwinen. Im Halbdunkel des Zimmers erschien sie ihm wie eine aus dem Rahmen getretene Gestalt Watteaus. Mit dem leicht gepuderten Haar, dem viereckigen Ausschnitt, den halblangen Aermeln des mit Spitzen besetzten hellrosaseidnen Kleides glaubte man ein Bild der Rococozeit vor sich zu sehen. Die goldne Spange fehlte an ihrem halbentblößten Arm. Schwarze Sammetbänder dienten als Ersatz und 235 ließen die blendende Weiße der Haut nur um so leuchtender erscheinen.

Was wollen Sie denn heute? fuhr sie ihn an. Haben Sie denn mein Billet nicht bekommen? Ich hatte Sie ja gebeten, uns nicht zu besuchen! Hier ist auch Ihr Armband! Ich trage es nicht!

Sehr schmerzlich für mich! Die Zeilen sind nicht an mich gelangt! Oder ich war indessen im Theater! Es liegt soweit hinaus! stammelte der Fürst.

Der Betroffene sah, wie sich die Reizende umwandte und im Spiegel besah, als musterte sie noch an ihrer Toilette für einen ganz andern Zweck. Die Pflanzen, die den Spiegel umstanden, ließen sie erscheinen, als wenn den Kelchen ein Blumengeist entstiege.

Wen erwarten sie denn? fuhr der Fürst, offenbar von Eifersucht geplagt, heraus. Jetzt sah er sein Etui auf der weißen Marmorplatte vor dem Spiegel liegen. Die magische Beleuchtung des Zimmers, die halbgelben, halbmattblauen, damastnen Möbelüberzüge waren nicht wie sonst mit weißen Hüllen belegt. Es war Alles gerichtet wie zum Empfang eines Herrschers. Ich wiederhole, wer ist es, in dessen Empfang ich Sie störe –?

Edwina nahm eine Nadel aus dem Munde, mit der sie sich nach ihrem Rücken zu noch Etwas befestigen 236 wollte. Was geht das Ew. Durchlaucht an? sagte sie kurzweg. Was haben Sie darnach zu fragen?

Ich habe denn doch Rechte der Freundschaft auf Sie! Rücksichten der Artigkeit! wallte der Fürst auf.

Die Sie zur unrechten Stunde geltend machen! Zanken Sie nur zu, fuhr sie fort, indem sie sich mit Auswahl eines Fächers aus einem Toilettenkästchen beschäftigte: ich habe es ganz gern, wenn Sie einmal Schneide zeigen! Haha!

Edwina! rief der Fürst seufzend, schmachtend und verzweifelnd.

Diese aber, solche Vertraulichkeit, die sie schon zu oft geduldet hatte, – die Ugarti hatte ihr das gesagt – das bloße Nennen Edwina! sich verbittend, rief ein strafendes und sofort verstandenes Durchlaucht!

Dennoch hatte sie sich auf den Divan gelegt. Die Spitze des kleinen Fußes im zierlichen Hackenschuh blickte unter der Schleppe hervor. Ihre Blicke waren eine Aufforderung, ihre Anmuth zu bewundern. Der Fürst setzte sich ihr zu Füßen. Der Stern, den er regelmäßig auf einem seiner mehreren Fracks, mit denen er in die Salons der Brennicke trat, blinken hatte, hob sich ihm fast an den Hals empor, so zaghaft und ungeregelt waren seine Bewegungen.

Wer fordert Sie denn auf, sich zu setzen? sagte übermüthig boshaft Edwina und suchte hinter ihrem 237 Fächer jetzt selbst mit Anstrengung ihr Lachen zu verbergen. So habe ich die Rolle eines Eroberers noch niemals spielen sehen!

Sie lachte nun aus vollem Halse und schüttete sich vor Vergnügen, endlich dem Eindruck nachgeben zu können, den ihr das aus Verlegenheit und Eifersucht gemischte Benehmen des Fürsten verursachte.

Sie kam dann zuletzt wie ein unartiges Kind mit dem Geständniß heraus, sie hätte gar nicht an ihn geschrieben, sie hätte ihn auch sehr wohl erwartet und das Armband – vernünftigerweise würde sie es behalten. Große Gesellschaft hätte sie heute allerdings nicht erwartet. Sie wollte eine stille Stunde mit ihm allein haben, aber sie verbände damit bestimmte Absichten.

O, reden Sie! Diese Vertraulichkeit macht mich glücklich! rief der Fürst im Laufe dieser Rede bei der ersten Hälfte derselben. Aber er zitterte bei der zweiten. Er ahnte, daß sich das Blatt bald wenden würde.

Ich muß meine Verhältnisse neu gestalten, liebe Durchlaucht! begann Edwina, nachdem sie endlich Ruhe gefunden, den Fächer ergriffen und sich aufgerichtet hatte. Alles bildet und belebt sich neu! Ich will nicht zurückbleiben!

Vieles Neue, meine Gnädige, ist schon sehr im Rückzüge begriffen! erwiderte der Fürst, an seine Papiere denkend. Man hat enorme Verluste an der Börse!

238 Sie haben ja einen neuen Secretär gewonnen – der wird Sie schon vor zu vielen Unfällen bewahren! schaltete Edwina rasch ein. Uebrigens ein schöner stattlicher Mann!

Er kennt die hiesigen Verhältnisse noch zu wenig. Ich fürchte auch, es fehlt ihm der ideale Standpunkt –! Er schwärmt für Schlachten und Kanonendonner –!

Ihren idealen Standpunkt, Durchlaucht, liebe ich ganz und gar nicht! entgegnete Edwina. Kein Ideal, wenn nicht unter ihm eine thatsächliche Stellage steht! Und das eine ordentliche! Keine so wacklige wie die Treppen bei den sogenannten Signalen in der Schweiz, wenn man die Alpen sehen will! Und, setzte sie sofort ihrem Zwecke näherrückend hinzu, im Wesentlichen beurtheilen die Leute doch auch den Charakter Ew. Durchlaucht ganz richtig – Sie sind viel reeller als Sie glauben.

Geht es wieder auf meine Zergliederung aus? rief der Fürst – ungeduldig mit dem Stuhle rutschend. Edwina hatte ihm noch nie, selbst um das kleinste Lied geschmeichelt.

Ja und heute erst recht! antwortete sie. Ich möchte irgend eine große Entscheidung für mein Leben treffen! Plump und grade herausgesagt, ich bin gesonnen, mich zu verheirathen!

239 Der Fürst nahm die Erklärung für einen Schreckschuß, war aber doch so wenig entschlossen, Edwina, wenn auch unter dem Titel einer Baronin, zu seiner Fürstin zu machen, daß ihm vielleicht in der verheiratheten und natürlich in der Koketterie sich vollkommen gleich bleibenden Edwina neue Perspectiven des Vertändelns seiner Zeit aufgingen.

Ich bin überrascht – sagte er vorläufig kühl.

Anfangs schwieg Edwina, stützte den Kopf mit lauernd seitwärts gerichteten Augen auf die Lehne des Sophas, dann sprang sie auf und rief: Wie? Das empört Sie nicht? Nun habe ich es satt mit Ihnen! Ihre Indolenz ist unerträglich!

Aber Sie wissen ja, Angebetete, stotterte der Fürst, der nun das Ungewitter und die Analyse seines Charakters sah, was mich verhindert, mich zum Beneidenswerthesten der Sterblichen zu machen! Denn nach Allem, was die Welt doch versichert, sind Sie – erlauben Sie – erstens (er dämpfte die Stimme) die natürliche Tochter des Grafen Wilhelm von Treuenfels –!

Wer sagt das? rief sie. Ich bin die Tochter des Geometers Marloff –! Die Ausflüchte sind unerträglich!

Aber Sie werden doch gestehen – versuchte der Verzweifelnde, der das ihm schreckliche Wort von seiner 240 „Feigheit“ auf Edwinens Lippen brennen sah; die Wahrheit wird sich feststellen –

Meine Großmutter, fuhr sie zornig fort, ist eine alte Waschfrau! Ich mache keine andern Prätensionen, als auf mein Ich, mein Herr!

Sie stellte sich in ihrem ganzen Liebreiz, schlank und zum Umarmen hinreißend, vor ihn hin.

Sie sind Schillers Mädchen aus der Fremde! rief der Fürst. Umwoben vom Zauber der Märchen! Umsponnen wie von Künstlerhand mit den Blumenranken mythischer Arabesken! Aber wirklich, liebe Freundin! Unsrer Familie gehört die verwittwete Gräfin an. Wir waren lange gespannt. Jetzt wendet mir die gute Frau ihre Theilnahme zu. Sollten da der Matrone Thatsachen bekannt, sanctionirt werden, die ihr das Herz brechen würden? Würde sie nicht geradezu eine feindliche Demonstration darin erblicken? Ich, ich, ein Verwandter, und das einige Häuser weit von ihrem Palais, soll ihrem Gatten sozusagen ein anderes Denkmal setzen, als das ihm Professor Althing gemacht hat –? Durch Ihre Persönlichkeit würde sich – herrlich, einzig – die ganze Stadt bei mir versammeln, der Hof – hier stockte die fast wörtliche Wiederholung von Motiven, die er sich schon oft – schriftlich aufgesetzt hatte.

241 Edwina blickte sehr düster. Bei der Erinnerung an die Matrone hielt sie die Hand vor die Angen und schien eine Thräne verbergen zu wollen. Was ich begraben mußte, sprach sie dumpf und düster, das kann mir kein Mensch wiedergeben!

Der Fürst ehrte ihr Schweigen. Er hatte von dem eigenthümlichen Verkehr zwischen Vater und Tochter gehört. In frivolen Kreisen sagten Menschen wie Forbeck: Pah, sie wird sich dem alten Graubart auf den Schooß gesetzt, ihm die Backen gestreichelt, für jeden Bonbon einen Kuß gegeben haben! Was thut dergleichen, wenn’s gern geschieht!

Auch das Andere erschütterte Edwina, daß sie schon bei dem letzten gescheiterten Versuch, ein weibliches Wesen, Martha Ehlerdt, zu gewinnen, in sich hatte einen Unkenton erklingen hören: Hinunter! Hinunter! Das hörte sie nun schon wieder. Das Leben und die Menschen haben sich wider dich verschworen! raunte ihr eine Stimme zu wie von einer Eule, die sie nicht sah.

Nach einer Weile, wo der Fürst nahe daran war, seine Knie zu beugen, sagte sie: Ich werde die Gräfin nicht betrüben! Ich bin kein schlechter Charakter! Mein Pflegevater beschwor es einst, daß ich sein Kind bin! Ich will ihn auch nicht meineidig machen! Es sagt mir aber eine Stimme: Warum soll ewig die Schwäche gehätschelt, 242 die Lüge großgezogen werden? Ist man doch sonst im Leben so rücksichtslos! Ich traue mir sogar das Talent zu, weit, weit mehr als die jetzige junge Gräfin Treuenfels, Ada von Forbeck, die Liebe und das Vertrauen der alten Gräfin zu gewinnen! Ich habe für die Schmeichelei Töne, die ich bei unseren Damen noch nie vernommen habe! Sie sind alle – doch genug, ich – entsage!

Sie wandte sich stolz.

Ihre Mutter war ohne Zweifel bezaubernd wie die Tochter! rief der Fürst und wollte Edwina umschlingen und wie wohl schon zuweilen ihr einen jener Küsse rauben, von denen er „Wochen lang zehren zu können“ behauptete und von denen sie sagte, daß sie ihr „moralisch Nichts kosteten“.

Aber heute drückte sie ihn zurück. Lassen Sie das! Ich stehe am Vorabend einer großen Entschließung, vielleicht – meines Untergangs!

Dem Fürsten war in den Cirkeln der Dame Brenna nicht entgangen, daß es der berühmte Tageswortführer Raimund Ehlerdt war, der Dirigent jener Maschinenbedarf-Fabrik, die ihm so bedeutende Verluste an Geld (fünfzigmal Differenz von 101 und 71 = 1500 Thalern) gebracht hatten, der ihm jetzt auch Einbuße in der Gunst bei Edwina zuzog. „Nehmet Alles nur in Allem, es ist ein Mann!“ hatte Edwina höchst bezüglich schon einmal 243 gesagt, als Raimund mit markigem, die Bierheiserkeit mächtig niederkämpfenden Tone mit der Brenna jenen berühmten Abschiedsdialog in der Frithjofssaga gesprochen hatte. Auch jetzt bekam der Fürst Ehlerdts Namen als den eines glücklichen Arrangeurs von Landpartieen, kurz eines Menschen ersten Ranges zu hören. Und zu Neckereien darüber war Edwina nicht aufgelegt. Die Worte fielen blank und bestimmt. Sie erklärte sich für die Verlobte des Directors Ehlerdt, der seine Carrière machen würde! Im Ministerium des Handels und der Industrie führt er das erste Wort! sagte sie, setzte jedoch hinzu: Ich lasse Ihnen die Vorhand, Fürst! Und sogar acht Tage Bedenkzeit.

Der Fürst stand wie angedonnert. Er sah sich ehelich verbunden mit diesem Göttermädchen und wirklich glücklich und – dann wieder auf ewig von ihr getrennt und unglücklich.

Darüber zog Edwina den Glockenstrang, Frau Regierungsräthin erschien, mit ihr das dienende Personal. Wie durch Zauberhand waren die Gasflammen entzündet. Alles sah festlich wie sonst aus. Donna Brenna war vor Neugier: Was ist beschlossen? ein einziges Fragezeichen. Raimund war bereits anwesend und wartete irgendwo versteckt. Frau Brenna konnte kaum seine rasende Eifersucht beschwichtigen. Endlich entfernte sich 244 der Fürst mit dem Gefühl, nie wiederkommen zu dürfen. Das Herz wollte ihm zerspringen. Schon sah er Gäste kommen, die seine Rebhuhnpasteten verzehren sollten!

Auch die Brenna ging etwas wie mit gläsernen eingesetzten Augen um. Ihr sollte gekündigt werden, das hatte sie von der Josefa gehört. Und auf der Treppe begegnete dem Fürsten dieselbe Gestalt, die hier in Frage kam und die er schon oft gesehn, wenn er die Bühnen hinter den Coulissen besuchte. In rauschenden Gewändern, in Gold und Edelsteinen gehen da bei kleinen Bühnen die geschminkten „Anstandsdamen“ in ihre Garderoben. Mit einem Schauder, zuletzt noch über diese ihnen so ähnelnde Ugarti, stieg er in seinen Wagen. Selbst die Nachricht, die ihn zu Hause begrüßte, Baron von Forbeck hätte wirklich schon vor einer Stunde das Geld gebracht und es „Herrn von Holl“ übergeben, heiterte ihn nicht auf. Freilich hatte Forbeck in einem angeschlossenen Zettel vermerkt, die Kasse hätte leider nur den Cours von 65 anerkannt. Statt 1500 Thaler 1800 Thaler Verlust! Aber – Edwina!

245 Siebentes Kapitel.#

Warum ist denn hier kein Licht? donnerte eine Stimme, die man sonst nur gewohnt war, in gemessenem, mehr bittendem Tone zu seinen Dienstleuten sprechen zu hören.

Bediente in Livréen rannten hin und her. Lohnbediente in schwarzen, etwas in’s Röthliche schimmernden Röcken sprangen hinzu. Die Einen mit einem rasch ergriffenen Wachslicht in gewöhnlicher Blechbüchse, Andre vorläufig mit Schwefelhölzern. Nur ein Diener stand mit einem dreikerzigen Flambeau an der Hausthür und war mit artigsten, schmunzelnden Complimenten und dem Einsammeln der Trinkgelder beschäftigt. Die rings sich zeigenden Gasarme waren bald angezündet. Man befand sich theils im Hausflur, theils im Corridor des im Parterre liegenden Luzius’schen Geschäftslocals.

Die Stille und Ordnung in dem vom Justizrath aufgeschlossenen Parterrezimmer stand in seltsamem Contrast zu dem Lärm und der Unordnung, durch welche 246 der Gastgeber eben in Begleitung des Fabrikanten Schindler passirt war. Ein sogenanntes Herrendiner gehörte manchmal zu den Verpflichtungen, denen sich die Damen Luzius nicht entziehen konnten. Sie thaten es ungern. Es dauerte in der Regel von 4 bis 8. Jüngere Herren wurden selten dazu gezogen. Nur Familienväter, wenn auch mit Orden überladen, graubärtige Cölibatäre, auf deren Ehelosigkeit das alte Rom mit Recht eine nachdrückliche Steuer gelegt haben würde, Feinschmecker oder auch in Tafelfreuden Unverwöhnte wurden deren heute, „ihrer fünfzig Stück“, wie die Töchter des Hauses sich ausdrückten, „abgefüttert“. Die Mutter präsidirte bis zum Braten; am anderen Ende des von Krystall und Silber strahlenden Riesentisches waren die Töchter zweien Herren zugetheilt gewesen. Später ließen die Damen die Herren allein und schlüpften leise davon. Heute hielt schon der Wagen für die Oper dreiviertel auf Sieben. Eine cerisefarbene Toilette hielt die Mutter noch immer nicht für zu jugendlich für ihren Kalender. Nur wurden leider ihre Reize durch übermäßige Magerkeit und eine Nase von nicht gut qualificirbarer Röthe beeinträchtigt. Der weiße Puder mußte entschiedenes Weinroth abdämpfen und in Harmonie mit dem übrigen weniger blauen Roth des Antlitzes bringen. Wie neckisch da ein weißes Spitzenfichu um die hervorstehenden 247 Schultern gebreitet war! Eine Coiffüre von wilden Rosen lag in den zum Thurm aufgebauten falschen Flechten. Ein vertraulicher Wink an die Töchter bezeichnete den Moment, wo alle drei mit ihren langen Schleppen davonhuschten. Aber noch im Vorzimmer musterten sie ihre Toiletten. Die Kleider der jungen Damen waren hellblau von gediegenstem Seidenstoff. Alles an ihnen war überreich bis zum Ueberladenen. In den Haaren saßen goldene Spangen. An den Armen blitzten nicht minder welche. Die Bewegungen aber und die Art zu sprechen zogen für ein gebildetes Auge und Ohr Alles (und wie absichtlich) in’s Platte und Gewöhnliche.

Das Wort, das der Justizrath beim Bewillkommnen der Gäste seinem alten Freunde Schindler, einer hagern, graubärtigen, jovialen, links und rechts die Hand schüttelnden Persönlichkeit, in einer Fensternische, wo er denselben hinter die Gardinen zog, zuraunte: Nach Tisch, lieber Freund, wenn Alles fort ist, habe ich mit Dir ein paar Worte unten in meiner Arbeitsstube zu sprechen! hätte fast für heute dem fröhlichen Tischbeleber, dem Anekdotenerzähler, der sich weder vor Excellenzen, noch vor Durchlauchten Zwang anlegte, die gute Laune benommen. Denn sein alter, nur von seinen Geschäften und einem beginnenden Asthma geplagter Luzius hatte 248 ihn seit Jahren nicht mit dieser Miene des Schreckens angesehen. Er beobachtete ihn durch die künstlichen Tafelaufsätze von Blumen und die natürlichen von Obstpyramiden hindurch und fand ihn, den Wirth, der einen englischen Rechtsgelehrten zur Linken und eine hohe Justizperson zur Rechten hatte, heute auffallend still und selbst durch die Toaste nicht belebt, von denen Luzius den auf ihn selbst und seine Familie ausgebrachten nur kurz und offenbar zerstreut beantwortete.

Als das lucullische Mahl beendigt war, von den angeheiterten Herren Jeder seinen Ueberzieher, die Würdenträger ihre Haltung wiedergewonnen hatten, der unumgängliche Trinkgeldobolus an den Hauptdiener der Herrschaft, der zugleich Kassenbote und Vertrauensmann in Allem war – das Stiefelputzen besorgten Hülfsgeister, die heute sämmtlich in Livrée und weißen Handschuhen staken – war die Wanderung der beiden Freunde in die Arbeitsregion gefolgt und seltsam genug war der Contrast der glänzenden, lichtumstrahlten lachenden Gesellschaft, die oben die herrlichsten Leistungen der Küche mit den Freuden einer angeregten Geselligkeit genossen hatte, und eine Bewegung des Justizraths nach einem Schranke zu, den er mit den Worten öffnete: Das wird mein Ende sein! Er zeigte auf einen Revolver.

249 Entsetzt fuhr Schindler zurück. Die Frage: Was ist geschehen? blieb ihm unvollendet auf der erstarrten Zunge.

Noch fehlen Kugeln und Blei! sagte Luzius mit bitterm Lächeln. Meine Stimme zittert, darnach in einem Laden zu fragen! So werde ich vielleicht dort einem Thürpfosten –

Aber um Gotteswillen, Mensch! So rede doch –

Und dabei wandte sich der theilnehmende treue Freund der Thür zu, die eine schwere Doppelthüre war, mit mächtigen Eisennägeln beschlagen, wie man sie in alten Comptoiren findet. Hören konnte hier Niemand etwas. Die Nebenzimmer waren abgeschlossen. Die Beleuchtung gab eine nach verschiedener Richtung hin drehbare Gasflamme über einem runden Tisch und eine von einem grünen Schirm gedämpfte Flamme am mächtigen Schreibtisch. Drei riesige Arnheims bedeckten fast eine ganze Wand.

Unwillkürlich hatte Schindler seine Augen auf die treuen Behälter der anvertrauten vielen Documente und Werthpapiere geworfen, worauf Luzius, die goldene Brille abnehmend und diese mit dem Taschentuch von den Spuren seiner feuchten Augen reinigend sagte: O, da ist Alles in Ordnung! Du weißt ja, daß ich die Schuld meines Lebens durch den Cultus der Ehrlichkeit habe büßen wollen! Nein, was mich zur Verzweiflung bringt, 250 was die ganze künstliche Haltung, die ich mir seit 25 Jahren gegeben habe, wie mit einem Windhauch umbläst, ist die eine Thatsache: Gustav Holl ist zurück!

Schindler mußte sich erst auf den Namen besinnen.

Ich nahm Anstand, Dich, der Du damals so edel an mir gehandelt hattest –

Ja, ja, ja und strafbar genug vor Gericht! fiel Schindler ein. Aber jetzt – was könnte denn daraus noch für uns entstehen?

Der Justizrath unterbrach die Neigung des frohgemuthen, reichen, keine Gefahren scheuenden Fabrikbesitzers, Alles von einer heitern Seite zu nehmen. Nein! sagte er. Scherzen wir uns die Schwierigkeiten nicht hinweg! Ehre und Leben stehen auf dem Spiele! Fürst Rauden war gestern bei mir. Anfangs jammerte er mir etwas vor über Privatverhältnisse –

Ein Andrer, der minder discret gewesen wäre, als Luzius, hätte gesagt: Ob sich nicht eine Verbindung mit Edwina Marloff in Form einer bezahlten Liaison ermöglichen ließe?

Luzius, der auf der andern Seite Vertrauensmann auch Edwinens war, würde nicht seinem eignen Sohne, wäre dieser Kaufmann gewesen und die putzliebende, auf Effect angewiesene Dame hätte in seinem Bazar enorme Ankäufe gegen spätere Zahlung gemacht, verrathen 251 haben, daß sie nur noch einige tausend Thaler im Vermögen besaß.

Der Tieferschütterte fuhr fort: Dann kam der Fürst auf Gustav Holl, den ich ihm als Secretär empfohlen habe –

Ja aber, wie kommst Du überhaupt zu dieser Bekanntschaft! sagte Schindler, dem der Champagnergeist noch im Kopfe wirbelte. Wenn ich es noch wäre, der sie erneuerte! Ich, der Schuldige! Laß doch diesen Trübsinn! Die Sache ist doch wahrhaftig in jeder Beziehung verjährt! Alle zu berufenden Zeugen sind aus dem Leben geschieden!

Luzius schüttelte den Kopf. Beide Freunde setzten sich auf das mit schwarzem Leder überzogene Canapé. Jeder in eine Ecke; Einer mit Spannung an des Andern Lippen und Augen haftend.

Der junge Ottomar Althing, der jetzt auf dem Gericht arbeitet, begann Luzius, kam mir neulich und fragte, ob ich bei meiner Verbindung mit Standesherren, Gutsbesitzern und Rentiers nicht Jemanden wüßte, der einen Deutsch-Amerikaner, der im Secessionskriege einen steifen Fuß durch einen Schuß bekommen hat und sein eigentliches Fach, Marine, nicht mehr betreiben könne, als einen Reisebegleiter oder Secretär brauche. Später würde sich für den ihm von Wolny, der von 252 Boston aus geschrieben hätte, Empfohlenen wohl noch ein Platz finden, wo der tüchtige Mann seine Bildung, die er sich ganz selbst angeeignet hätte, noch mehr verwerthen könnte. Er sei ein ausgezeichneter Seeoffizier gewesen, bezöge auch eine Pension für seine Verwundung, und kaum hörte ich auf den Namen hin, als ich ihn schon zu Althings Freude für den Fürsten Rauden bestimmt hatte, dem sein Herr Schmidt ja durchgegangen ist –

Heißt, unterbrach Schindler die immer noch mit zitternder Stimme gemachte Mittheilung des Freundes, Schmidt hat eine gute Stelle bei einer Bank vorgezogen. Und der Name –

Fiel mir erst auf und erschütterte mich, als ich Gustav Holl in mein Notizbuch schrieb. Von wo? fragte ich mit höchster Erregung. Von hier! Die Jungen hier haben so ihre Poesie im Träumen von Hänge- und Fockmastklettern! sagte der junge Althing und erzählte weiter: Er ist seinen Eltern durchgebrannt! Hat nie wieder von ihnen etwas gehört! Wolny hat ihm in Boston, wohin er sich seiner Ausbildung wegen zurückgezogen, während seines ganzen dortigen Aufenthalts täglich vier Stunden Unterricht im Latein und Deutschen gegeben. Wolny schreibt, fuhr Althing fort, daß der Capitän, denn das sei sein amerikanischer Rang, Wunderdinge erlebt hätte. Nun gut, Fürst Rauden hat ebenfalls von 253 ihm Alles erzählt bekommen. Natürlich beginnt er mit Deiner Expedition auf die „glückliche Mary“. –

Die bei St. Thomas untergegangen ist – der Capitän mit ihr – eine Austernkellerbekanntschaft, die ich gerade gemacht hatte – schaltete der nun immer ernster aufhorchende Freund ein.

Holl und einige Matrosen wurden gerettet. Der Fürst sagt, Holl sei von Nichts so durchdrungen, als seinen Freund und Wohlthäter aufzusuchen, der ihm damals rasch 100 Thaler, den Plaid und den Brief gegeben. Er müsse aber erst den Namen erforschen. Den hätte er nie gewußt – oder vergessen!

In dem Hause, von wo ich den Jungen fast jeden Morgen begleitete, wenn er, manchmal vor Frost wimmernd und über die harte Behandlung seiner rohen Eltern und seines Meisters klagend in die Werkstatt ging, wohnten wohl an zwanzig junge Chambregarnisten! Da kann er lange suchen! Sieh, sieh, unterbrach sich Schindler, wie von etwas ihm ganz Fremdgewordenem redend. Sein drittes Wort war, fuhr er fort, so oft wir zusammen gingen: Ich will zur See! Will lieber Matrose werden!

Das Bankhaus – begann wieder Luzius.

Ist eingegangen! Alles ist todt! Den alten Kassirer rührte der Schlag.

254 Luzius hielt die Hand vor die Augen. Er mußte die Brille wieder aufsetzen, weil ihn die Flamme blendete. Er nannte sich den Mörder des Alten.

Ah bah! unterbrach ihn Schindler mit voller Zuversicht. Wir Menschen sind uns alle gegeneinander Mörder! Wir wissen’s nur nicht! Frauen ärgern ihre Männer zu Tode, Männer ihre Frauen – Halt! unterbrach sich Schindler. Holl wird noch unverheirathet sein. Er soll Deine Sascha heirathen! Das macht die Sache in der Familie ab!

Luzius lächelte schmerzlich.

Und der junge Althing nimmt die Zerline! Auf die Mitgift hin offerire ich Dir ein ordentliches Pathengeschenk. Jede kriegt eine Villa! Wir haben jetzt deren im Ueberfluß!

Du willst den Ocean zudecken! sagte Luzius seufzend. Der junge Althing that Unrecht, mich zu verlassen. Ich brauchte ihn so nothwendig! Und meine Frau hatte sich auch wohl Grillen über ihn in den Kopf gesetzt. Aber –

Wieder hätte Luzius sagen können: Aber dem Bildhauersohne sind seine Beziehungen zum Grafen Treuenfels zu Kopf gestiegen! Dessen Frau soll ihn ja lieber haben, als ihren eigenen Mann! Und dieser wieder –

Aber das that ihm Alles Nichts.

255 Die Thatsache, die Luzius in ganzer Nacktheit dargelegt hatte, blieb unverändert. Was hilft alle Selbsttäuschung, sagte er. Der jetzt etwa Sechsunddreißigjährige wird noch Verwandte haben! Er wird sie aufsuchen; sie werden ihn mit Abscheu empfangen! Mindestens ihm berichten, daß ihn Steckbriefe verfolgten! Er wird sich Deine Handlungsweise plötzlich ganz anders zu deuten anfangen! Er wird Dich aufsuchen, Dich eines raffinirten Attentates auf die Ehre seiner Person beschuldigen, ja die Gerichte, wenn sie davon Kenntniß nehmen, werden zwar die verjährte Sache selbst nicht wieder aufrühren wollen, aber es könnte doch zu öffentlichen Rückblicken auf die Vergangenheit kommen, wo ich selbst mit meiner damaligen frechen Rede, als der alte Kassirer vom Schlage getroffen lag, mit einer Kunst der Verstellung, die ich entwickelte –

Und die ich unterstützte! Ich half! Ich half! fiel Schindler trocken ein.

Du konntest schon Comödie spielen! Du standest rein da – unbetheiligt! Mein edelster Retter vor Verzweiflung und Schande –!

Der böse Schlosserbube! brummte Schindler vor sich hin. Ich brachte die Sache, die ja nur bei Dir so plötzlich durch die Phantasie, durch den nicht geschlossenen Schrank, entstanden war und die Du 256 sofort so mächtig bereutest, so hübsch auf den Schlingel! Er hatte an den Bandeisen eine Ewigkeit gebändelt, der neugierige, seelüsterne Junge, und Jeder glaubte, daß er einen Moment, wo der Alte den Rücken gekehrt, benutzt hatte, den Schlüssel zu drehen und einen kühnen Griff zu thun, denn – warum entfloh er? Die Steckbriefe kamen, als der Junge schon im Sunde schwamm und nun wahrscheinlich Prügel mit einem Tau-Ende bekam! Ach was, unterbrach sich die joviale Natur, man muß ’mal dem lieben Gott das Weltregieren abnehmen. Die Sonne der Nacht, die wir ja jeden Montag feiern, sehen wir hienieden nicht! Wir zwei sind einander treue Freunde gewesen und so soll’s auch ferner mit uns bleiben!

Mit ernster Stimme sprach Luzius die gewichtigen Worte: Was hilft vor dieser Welt, wie sie ist, vor den Menschen, mit denen wir leben, all unsere innere Gerechtigkeit, unsere Läuterung, wenn wir Einmal strauchelten! Daß ich den Fehltritt der Jugend durch ein nur der Arbeit für Andere, nur dem Fleiß, der Gewissenhaftigkeit, der Entsagung geweihtes Leben sühnen wollte, daß ich dies Leben durchführte mit gelassener Geduld selbst meinem Hauswesen, wie es ist, gegenüber – nur Du allein weißt es ganz zu würdigen!

257 Und der Gott weiß es, der irgendwo lebt, ich meine doch – in Deinem Innern! sprach Schindler ebenso mit erhobener Stimme. Er mäßigte sich dann im Ausbruch seines Gefühls für den Freund, das er durch Handschütteln bezeugen wollte, weil an die Thüre gepocht wurde.

Der glückliche, trinkgeldergesegnete Diener, der die Theilung mit den beiden andern Hauptbestandtheilen der Dienerschaft, Köchin und Stubenmädchen, bereits vollzogen hatte, meldete mit einer Karte Herrn See-Capitän Gustav Holl – Secretär beim Fürsten Rauden – er geht etwas lahm –! setzte er hinzu. Der alte Raschke war gewohnt, schnell zu beobachten und seinem Herrn sogleich Winke über Kleidung, Aussehen, manchmal selbst Geruch der Sollicitanten zu geben. Raschke hätte sich mit des Grafen Udo La Rose zur Herausgabe einer auf Erfahrung begründeten Psychologie verbinden können.

Sie erwarteten – sprach Raschke halb in den Corridor, halb in das Zimmer seines Herrn, dessen sonderbare Handlungsweise, rasch die Flamme, die den Tisch beleuchtete, zuzudrehen, Raschken schwerlich viel Stoff zu Betrachtungen bot: Sie erwarteten, daß gnädige Frau – Frau Justizräthin hatte die Theestunde – Herrn Capitän – Herr Capitän wünschen nur einige Worte –

258 Sehr angenehm! faßte sich Luzius bei dem halb unverständlichen Durcheinander. Aber ich bin nicht allein –

Schindler stand auf. Das Dunkel, das ihn bedeckte, wurde dadurch noch größer, daß er hinter die hohen Gefache des nunmehr allein erleuchteten Schreibtisches trat.

Bitte sehr um Entschuldigung, Herr Justizrath, ertönte es schon von Außen her mit einer angenehmen, etwas fremdartigen Stimme, wenn ich in so später Abendstunde Sie auf einige Worte zu sprechen komme! Gnädige Frau Gemahlin –

Mit diesen markigfest gesprochenen Worten stand der schöne kräftige Mann im Vollbart, das Haar wohl geordnet, wie zu einem Besuch im Familienkreise zur Theestunde nach den in diesem Punkte rigoroseren englischen Sitten gekleidet, schon vor ihnen. Auf kleinen Entfernungen, die Holl im Zimmer zurückgelegt hatte, bemerkte man kaum die Steifheit seines Fußes, die ihn allerdings für ein Commando auf einem Kriegsschiff nicht mehr würde brauchbar gemacht haben.

Gnädige Frau, wiederholte er mit seiner englischen Sprechweise, haben mich ermuthigt, gelegentlich Abends die erste beste Theestunde zu wählen, um meinen Besuch zu erneuern! Der Fürst ist gerade heute bei einem Minister zu einer Soirée; so habe ich mir die Muße 259 genommen, Ihr gastliches Haus zu besuchen, und dies um so mehr, als ich Ihre große juristische Erfahrung um eine Gefälligkeit ersuchen möchte.

Beide Freunde horchten auf –

Womit kann ich dienen? Stört Sie die Anwesenheit eines Freundes? Herr Fabrikant –

Der Name blieb in der Decrescendostimme des tieferschütterten Mannes stecken. Er hatte bei der „ersten besten Theestunde“ seiner Frau, die der Eingeladene allenfalls in dem Hinterstübchen seiner Schwiegermutter hätte zubringen können – denn die Andern mußten jeden Abend etwas „vorhaben“ – zu lächeln versucht und auf Schindler gesehen, der ihn auch in diesem Punkte vollkommen verstand.

Bitte! sagte Holl, als Schindler von einem Sessel, den er in seinem dunkeln Winkel gefunden hatte, aufzustehen die Miene machte, bitte, die Sache ist ja nur zu sehr für die Oeffentlichkeit gemacht, denn ich muß ja Alles, was Gerechtigkeit auf Erden heißt, zu Hülfe rufen, um einen Frevel zu entlarven, der vor Jahren an meinem unschuldigen Kindesleben verübt worden ist! Schon habe ich dem Fürsten davon gesprochen, ihn aber edelherzig genug gefunden, vorläufig von diesem Makel, der auf meiner Person haften soll, mich durchaus für gereinigt zu halten!

260 Ja was – ja was – Sie spannen – unsre Neugier –! sagte der Justizrath.

Fabrikant Schindler spielte mit seiner Uhrkette.

Ich soll mich, erfuhr ich, als Knabe von hier geflüchtet haben, weil ich einen Diebstahl von 3000 Thalern in einem großen Banquiergeschäft begangen hätte.

Ei der Tausend! Wer behauptet denn das? fragte Luzius.

Bis zur Stunde nur ein alter Onkel, Bruder meiner Mutter, ein Hospitalit, der Einzige, den ich von meiner Verwandtschaft noch am Leben angetroffen habe. Er wies mich, als ich ihn zu begrüßen kam, feierlich von sich, sagte, ich schadete ihm in seinem Hospital, wo alle alten Bürger von mir das wußten, daß ich zwar Seecapitän geworden sei, aber in meiner Jugend gestohlen hätte. Ich wäre mit dem Gelde auf und davon gegangen und würde hier eher noch nach dem Zuchthause kommen, als auf die neue Flotte –!

Das ist die Bosheit des grämlichen Alters! fiel Schindler rasch ein. Man wird so hämisch im Hospital! Da schrumpfen die Herzen zusammen! Immer denken die Alten nur an ihre richtige Portion Fleisch, ihre Suppe, ihre Cigarren. Ich kenne das. Ich verwalte selbst solche Hospitäler. Uebrigens ist ja die ganze Sache verjährt – etwaige Ankläger werden längst todt sein – die Zeugen sind begraben –

261 Alles das bestätigte Luzius mit matter Stimme, doch gefaßt.

Aber meine Herren! erwiderte Holl, indem er sich mechanisch auf den Stuhl setzte, den ihm Luzius so hingestellt hatte, daß er Schindler halb im Rücken behielt: ich lebe! Die Restitution meiner Ehre muß ich doch haben! Was soll mir denn diese in der Luft wispernde, mich auf Schritt und Tritt umschleichende, alle meine Unternehmungen in der Welt hemmende Lüge! Sie beruht auf Erfindung! Sie schiebt mir ein Verbrechen zu, das ich nie begangen habe! Und wenn ich genau bedenke, daß es ein fremder Mann war, der mich oft freundlich angesprochen hatte, der mir die Mittel zu einer sofortigen Flucht aus einem elenden Zustande, in dem ich mich allerdings bei meinen Eltern und meinem Meister (ich lernte die Schlosserei) befand, ein Mann, der aber vielleicht mit jenem Verbrechen zusammenhing und die Schuld auf mich wälzen wollte, so ergreift mich wahrhaft eine Wuth! Ich muß diesen Mann entdecken! Ich muß ihn an seiner Brust packen und bis zu Tode schütteln! Ich muß ihm sagen: Du hast mit einem Menschen ein furchtbares Spiel getrieben! Gieb mir mein Ich wieder heraus! Ich finde gewiß den Mann. Er war noch jung! Er kann noch am Leben sein! Nur in seiner Bestrafung, in seiner Ueberführung kann die 262 Wiederherstellung meiner Ehre, meiner Ruhe für’s Leben liegen!

Haben Sie denn den Steckbrief schon gefunden? fragte der Justizrath nach einer langen Pause.

Das ist’s eben, Herr Luzius, um was ich Sie habe bitten wollen! Herr Ottomar Althing, der mir hierin gewiß mit Freuden gedient haben würde, ist plötzlich mit einem Fräulein Martha Ehlerdt nach einem Gute des Grafen Treuenfels verreist. Sonst würde ich Sie mit meiner Bitte nicht belästigt haben.

Martha Ehlerdt –? fragte der Justizrath zerstreut.

Ich bin, berichtete Holl, bei den lieben Menschen, den Althings, draußen, aufgenommen wie ein Kind des Hauses. Habe dort auch diese Dame, die von meinem Freunde Wolny hochverehrt wird, kennen gelernt! Es ist ein herrlicher Kreis von Menschen! Bildung und Güte liegt in jedem Worte, das dort gesprochen wird, (die Tochter kenne ich noch nicht) und solchen und andern Menschen soll ich zu meiner Rechtfertigung nichts andres haben, als meine eigene Versicherung, daß der Verdacht falsch gewesen? Meinen Protest kann ich durch Nichts beweisen. Die nähern Umstände, meine jähe Flucht aus dem Elternhause, die ich nie verschwiegen habe, machen mich ja verdächtig.

263 Herr Capitän – Sie vergrübeln sich zu sehr über – diese Sache! sagte Luzius.

Nein! Nein! Hier muß gehandelt werden! lehnte Holl jede Aufforderung, die Sache leicht zu nehmen, ab.

Sie wünschen also, ich soll dem Verhältnisse nachspüren? Etwa in alten Regierungsblättern nachschlagen? Es hieße dies wirklich mit meiner kostbaren Zeit –

Luzius stockte, eine Unwahrheit auszusprechen; denn wenn Jean Vogler einmal sein oft vorkommendes Mal de chat, Kopfschmerzen, hatte und ihm Raschke einen sauern Hering holen mußte, so war diesem eine mechanische Arbeit ganz willkommen.

Herr Justizrath, sagte Holl in fast leidenschaftlich bewegtem, aber nicht im Mindesten mißtrauenden Tone, es ist eine Proceßsache, die ich Ihnen übergebe, wenn Sie anders Zeit dazu haben! Der Fürst bittet Sie um die Uebernahme. Ich werde nicht verlangen, daß Sie jenen verschollenen – Wohlthäter – Gott, unterbrach sich Holl, ich habe ihn seit Jahren verehrt! In Sturm und Ungewitter, vom Scheitern der „glücklichen Mary“ an bis zum Donner unsrer Breitseiten im Bundeskriege habe ich seiner gedacht! Mit Gedanken der Liebe und Sehnsucht, der Hoffnung, ihn noch einmal im Leben wiedersehen zu können –!

264 Schindler stand bewegt auf und wandte sein Antlitz gegen das geschlossene Fenster, weil dem Auge Thränen drohten.

Holl fuhr fort: Das letzte Lebewohl, von ihm gerufen, klingt mir noch im Ohre wieder! Dann sehe ich den Hafen, den ich endlich erreicht hatte! Die „glückliche Mary“, ganz schwarz, wie berußt, finde ich auf! Der joviale Schiffscapitän! Der herrliche, gute, biedere Mensch nimmt mich auf wie den Sohn seines besten Freundes! Und mein sogenannter Wohlthäter hatte nur ein Paar Flaschen Wein mit ihm in einem Keller geleert! Ach, dann die Schreckensscene vor St. Thomas! Der Edle, Gute – ich will mir die Scene nicht erneuern! In Elend und Gefahr sagte ich mir immer: Ein harter Posten, auf Schiff dienen, aber der Mann hat es gut gemeint! Ich lernte auf Schiff auch befehlen! In den Navigationsschulen, die ich noch besuchte, vergaß ich nicht meinen Wohlthäter! Und als es wieder rechte Gefahr gab, unter dem Kugelregen aus den Schanzen und Forts am Mississippi, sagte ich doch: Harte Zeit, aber der Mann hat’s gut gemeint. Und nun erkenne ich das mit mir getriebene fürchterliche falsche Spiel!

Schindler rieb sich den Hals vor höchster Aufregung. Das Blut stieg ihm zu Kopfe. Er knöpfte die weiße Halsbinde loser.

265 Könnte ich ihn jetzt entdecken, fuhr der Capitän fort, so würde ich vor ihn hintreten und ihn, wenn ich den Steckbrief gefunden habe, der Mißachtung eines fremden Menschenlebens zeihen! Wie konnte der Mann wissen, wo ich einst meine Ehre und meinen Ruf brauchen würde! Nur in seiner Entdeckung, in seiner Bestrafung liegt die Rechtfertigung, die ich bedarf! Gestohlen! Ich! Ein Junge, der nur für die See schwärmte und täglich einen See von Thränen weinen mußte über schlechte Behandlung! Gut, der Fremde schenkte mir eine glückliche Gegenwart, zerstörte mir aber die Zukunft! Herr Justizrath, arbeiten Sie für das, was von dem an mir verübten Verbrechen und von dem Diebstahl selbst noch zu erfahren ist – meine Mittel erlauben mir volle Entschädigung für Ihre Mühen! Ich werde die Muße, die mir der Prinz läßt, zum Aufsuchen jener Persönlichkeit anwenden, deren Namen ich gehört habe – aber – im Laufe der Zeiten – Gott, Gott, Gott! – unterbrach sich der Sprecher. Wie hieß er doch!

Was wollen Sie lange suchen? trat Schindler zum furchtbaren Entsetzen des Justizraths aus seinem Dunkel hervor. Der Frevler an Ihrem Leben war ich! Schindler hieß der Name – entsinnen Sie sich nicht?

Und zum Erstaunen des Fremden, dem es wie ein Blitzstrahl, der herniederfuhr, im Gedächtniß war, sich 266 auf die Brust schlagend, fuhr der Fabrikant fort: Ich bin ein angesehener Bürger dieser Stadt, Fabrikant, – Richtig, es ist so! Ich habe die Schuld eines Freundes verbergen wollen – der Freund ist todt! Längst begraben! Verwest! Keine Gewalt der Erde wird mir seinen Namen entreißen! Zwanzig Commis arbeiteten bei Arnim und Wegener! Daß ich strafbar bin, das erkenne ich! Gerichte werden aber auf einen etwaigen Antrag Ihrerseits kaum noch eingehen, höchstens die Zurücknahme des Steckbriefes könnte einige Weitläufigkeiten verursachen! Ob wohl gar ich, Johann Heinrich Schindler, ich selbst die dreitausend Thaler gestohlen habe, das ist für mich ein Spaß, über den auch Sie noch lachen sollen, Capitän! Kommen Sie! Lassen Sie den alten Vetter ruhig sich über seine kleinen Fleischportionen ärgern! Wir verständigen uns! Hier bin ich! Schlagen Sie mich todt oder was wollen Sie sonst mit mir machen?

Gustav Holl war aufgestanden. Aus dem Dunkel des Hintergrundes suchte er sich die Contouren des wie er selbst in Schwarz gekleideten Fremden genauer heraus. Die Lichtwellen, die von der Studirlampe herüberzitterten, schienen durch die Bewegungen der Männer schneller zu wallen. Jetzt war Luzius mit einem ihm in der Brust erstickenden: Das ist ja wahrhaft – ein wunderbares 267 Zusammentreffen –! in den Hintergrund getreten. Mit angstvoller Spannung blickte er auf die Bewegung des Seecapitäns, der langsam und feierlichen Schritts auf den sich selbst Denuncirenden zuging, ihn mit seinen großen blauen Augen anstarrte und sagte: Was ich mit Ihnen thun will? Ja! Sie entweder todtschlagen oder – lange fixirte er den ihm völlig Fremdgewordenen und fand so viel Güte in den Augen des alten Junggesellen, soviel Würde in seiner Haltung, soviel Frische des Volkscharakters, der sein eigner war und der sich so rasch mit dem amerikanischen Volkscharakter amalgamirt, daß er in die Worte: Ihnen den Jugendstreich vergeben! nicht nur ausbrach, sondern auch gleich nach ihnen handelte. Sie waren es –! sagte er mit Thränen, den falschen Wohlthäter umarmend. Ihre That war nicht gut, aber ich sehe die Jugend und jetzt Ihr Alter! Sie sind bei Alledem ein Biedermann! Und wenn ich es recht begreife, rief er begeistert, Sie haben mir ein Schicksal gemacht, das mich erzog! Das Beste ist, Sie sind der Einzige, der mich von dem Steckbrief entlasten kann! O welch ein Glück! Welch ein Glück!

Ich will es vollständig machen! sagte Schindler mit charakteristischem Humor. Ich will über verweigerte Zeugenschaft drei Jahre, über Verläumdung fremden 268 Rufes vier Jahre absitzen! Aber zuvor kommen Sie zu mir! Und sogleich jetzt! Wir besprechen mein Zuchthaus gemüthlich in meinem eignen Hause, das sich sehen lassen kann. Nach Herrendiners bin ich immer aufgeregt und muß noch etwas vorhaben! Meine Cigarren sind nicht übel! Ich habe ein Hinterstübchen – Zwanzig Herrenhuter Cigarren – ja, ja, aus St. Thomas – keine so vertrockneten, abgelagerten – wie bei – Gute Nacht Justizrath! Es ist Nichts mit einem fetten Proceß. Wir arrangiren uns anders! Ei ja, das, denk’ ich, hat ja beinahe Gott so gewollt!

Diese letzten Worte betonte Schindler so scharf, als spräche er von Luzius wie von einem ihm ganz fernstehenden Mitgliede seiner Bekanntschaft, bei dem er heute zufällig zu Gaste gewesen.

Auf mein Schweigen – wollte Luzius erwidern.

Aber Schindler unterbrach ihn schon wie ein guter Schauspieler: Justizrath werden sich von Ihrem Diner zu erschöpft fühlen, um noch länger die Reue, die Scham – eines verdammten Uebelthäters mit anzusehen. Und was Ihr Schweigen anbelangt, so ist das berühmt, wie Wilhelms von Oranien oder Moltkes.

Zum Erstaunen! sagte Luzius und mit einem Ton aus voller Brust, mit wirklicher Ueberzeugung und Erleichterung.

269 Schon eilte Gustav Holl mit seinem steifen Fuße auf den Corridor hinaus. Der gefundene Wohl- und Uebelthäter in Einer Person, der raschblütige reiche Fabrikant, hatte ihn gebeten, er möchte bei der Dienerschaft nach „Schindlers Wagen“ fragen. Seine Equipage wartete draußen. Er war von Diners und Soupers gewohnt, sich immer im Wagen abholen zu lassen, da er für die Wirkung seines vielen Sprechens und der guten Weine, die „zuweilen“ servirt wurden, so pflegte er sich auszudrücken, nicht gut sagen konnte.

Muth! Muth! Mein Freund! rief Schindler in der kurzen Pause des Alleinseins mit Luzius; nun ist Alles überwunden! Erhebe Dich! Trotze wie sonst! Du bist todt! Begraben! Zeige Dich in Deiner ganzen Kraft! Wiedergeboren wie Du es ja bist!

Und wie vom Feuer einer anbrechenden Morgenröthe überglüht, ganz nur ergriffen von der ihm vom Himmel sichtbar geschenkten Genugthuung und zufrieden mit sich selbst, daß er so rasch im Anschluß an einen herzigen thatfreudigen Mann das Rechte getroffen, empfahl sich Holl dem Justizrath, ihm dankend, daß doch er es eigentlich gewesen, der ihm diese wunderbarste Stunde seines Lebens verschafft hatte.

Wider Willen —! sagte Luzius.

270 Schon dadurch, daß Sie noch in so später Stunde mich annahmen, entgegnete Holl verbindlich und sich verneigend.

Noch war draußen der Wagen nicht abgerollt, noch stand Luzius zwischen den von ihren gewohnten Stellen weggedrängten Sesseln allein, als Schindler noch einmal hereingerannt kam, die offengebliebene Thür des Schrankes ergriff, diese weit aufriß, den Revolver aus dem innern Gefach herausnahm und ihn in die Brusttasche steckte mit den Worten: Pulver und Blei waren ja noch nicht darin! Das Ding kann hier Niemand brauchen!

Schnell war er verschwunden. Der Wagen rollte ab. Raschke hatte sein Trinkgeld und kam, um wegen der Gasflammen zu fragen.

Lösche sie Alle aus und schließe zu!

Luzius, der bei dem ganzen letzten Vorgange eine Haltung bewahrt hatte, die dem doch schon gereifteren Mannesblick gleich bei erster Begegnung mit ihm und vollends nach Ottomars vorheriger Warnung: Stoßen Sie sich nicht an seiner etwas kurzen Art! als die dem vielgesuchten Rechtsbeistande eigne hatte erkennbar werden müssen, ging in sein obengelegenes Schlafzimmer, fiel aber auf einem darin befindlichen Sopha lange erst in ein dumpfes Brüten und Nachdenken darüber, ob sich 271 Schindler nicht übereilt hätte, und ging erst, als seine Familie, abgespannt und „mit wahrem Hungerkrampf“, wie die Töchter sich ausdrückten, nach Hause kam (sie hatten die Fülle Wagner’scher Töne bis zu Ende weniger auf ihr Gemüth, als auf den Effect ihrer Toiletten wirken lassen –), zur Ruhe.

272 Achtes Kapitel.#

Und in der That! Während dieses Sommers, ja als schon die laubbräunenden Vorboten des, wie Ovid sagt, launischen Herbstes, die jauchzende Schaar der Spatzen kam, die an den Gartenweinbeeren naschte, befanden sich in anmuthvoller Naturumgebung sechs Seelen beisammen, zu denen nur noch Otto Wolnys männlich ernstes Gemüth – er besah sich eben die Welt – gehört haben würde, um hier das vollere Ausklingen vom Schicksal angeschlagener, eigenthümlicher Herzenstöne, eine Symphonie seltsam bedingter Empfindungen durchlebt zu hören. So hat Meister Mozart Ensemblesätze in seiner unsterblichen „Hochzeit des Figaro“ gegeben. Der Mond, die Sterne flimmern dazu, die Büsche bewegen sich leise im Abendwind.

Ottomar erwartete Gerichtsferien; Martha, die auf ihn nicht warten konnte und allein reiste, sollte ständige Gesellschafterin bei Gräfin Constanze Treuenfels statt Helenens werden, die sich vollständig tapfer gehalten und 273 die der Bruder endlich abzuholen kam. Nicht die junge Gräfin Ada, sondern der Graf hatte in seinem Briefwechsel die Bitte, daß er endlich, endlich kommen sollte, so oft wiederholt, daß er beleidigt und gekränkt haben würde, wenn er nicht endlich folgte. Das Monument für den Grafen Wilhelm war noch weit über die bedungene Summe in anständigster Form honorirt worden.

Die würdige Matrone, die Besitzerin des stattlichen Schlosses Hochlinden, war das Haupt dieser an Aufmerksamkeit und Zartsinn sich übertreffenden Gesellschaft. Die Matrone hatte ihre besonderen Neigungen, besondere Bedürfnisse, die man schonte und in der Ordnung fand. Bald fiel ihr die Schule des Ortes, bald die Kirche als ihrer Protection bedürftig ein. Bald hörte sie von der Entbindung einer armen Tagelöhnerin und machte sich eine Gewissenssache daraus, daß sich die stöhnende Wöchnerin nicht schon wieder am Tage nach ihrer Wehestunde an die mühevolle Feldarbeit schleppen mußte. War es aber die Frau des reichen Müllers, die Gott gesegnet hatte, so schickte die Gräfin ihre Domestiken mit einem passenden Geschenk, einem frommen Briefchen. Es war die wahre Vornehmheit, die von ihr entwickelt wurde. Diese liegt ja auch allein in einem guten Herzen. Alle Stammbäume, alle Ehrentitel, aller Hochmuth der Welt können die Wirkung nicht hervorbringen, die dem feingebildeten 274 Takte gelingen. Und die gute Dame verlangte für Alles, was sie gab, Nichts als Theilnahme, Nichts als Nachfrage nach ihren kleinen Leiden. Sie hatte den einseitigen Gesichtsschmerz, den Tic douloureux, eine Krankheit der vornehmen Damen oder solcher, die dafür genommen sein wollen.

Die Generalin, das einzige störende Element im Schlosse, war abgereist. Das war denn wahrlich eine Wohlthat für die ganze Gesellschaft. Auch für Ada konnte an manchem der jetzt schon bei Licht zugebrachten Abende (man ging im Schlosse spät zur Ruhe) das dritte Wort lauten: Aber Mama, wenn Du nur endlich nach Hause reisen wolltest! Du bist wieder unausstehlich! Und sie war es in der That. Die Art, wie sich diese Frau gab, forderte Jeden heraus. Ob nun Pfarrer Merkus oder die Verwalter oder einige Adlige der Umgegend oder die Bewohner des Schlosses die zunächst Betheiligten waren – einerlei. Der frühere Besitzer des Schlosses hatte ihren Mann, ihren „Halt im Leben“, den Ursprung ihres Glanzes, den Freiherrn Ludwig Lothar Wilderich v. Forbeck auf Forbeck (einem Ort, der im Monde existirte) todtgeschossen, so sollte sich nun auch Alles hier vor ihr beugen. Sie unterhandelte wohl, sie sagte: Ich will ja nur meine Jahre, meine Erfahrung, mein Urtheil anerkannt sehen! Ada bestritt aber alle 275 diese Rechtstitel, die Jahre ausgenommen. Du hast ja immer nur gefunden, was Du finden wolltest, Mama! konnte diese einzigste, wahrheitsanstrebende Tochter sagen, und wenn es sich um Vorkommnisse im Schlosse handelte, so hieß es wohl: Du hast ja weder in der Reform des Küchenwesens, noch in der Kunst, alte Schildereien aufzufrischen, irgend je eine Erfahrung gehabt! So gab es im Zimmer, in der Küche, in den Corridoren, im Salon nach dieser Richtung hin Nichts als Fehden. Das ungeduldige Temperament der Generalin ließ ihr nicht lange Ruhe an einem und demselben Orte. Die Pferde mußten fast immer angespannt stehen. Die Gegend wollte sie bereisen, immer neue Eindrücke gewinnen. Vollends gerieth sie in Unruhe, als sie von den großen Verlusten ihres Sohnes hörte, von seinem dreitägigen Arreste wegen „Religionsstörung“, und ihm mit Rath und That dringend nöthig zu sein glaubte. Mutter, beim Rechnen wirst Du ihn am allermeisten stören! Rechnen ist nie Deine starke Seite gewesen! sagte Ada mit der ihr eignen Trockenheit im Ton, der aber keine Absicht, verletzen zu wollen, verrieth. Geld konnte ihm die Generalin nicht mitbringen. Ihre Pension von einem Duodezstaat war bemessen. Es war kein Geheimniß, daß sie auf die Verabredung zwischen ihrem seligen Gatten und dem Manne, der ihn getödtet hatte, 276 einen Berg von Schulden gemacht, eine Thatsache von erschütternder Wirkung, als diese Graf Udo in Erfahrung brachte und sie ausgleichen mußte. Fortsetzen ließ sich nun dieser Schwindel nicht mehr.

Ottomar war, als er sich dann wirklich auch, nach langer Selbstprüfung, die Erholung dieses Aufenthalts gönnte, ganz besonders befriedigt, als er sah, daß die Generalin in dem Kreise fehlte, den er antraf. Zum Vater, vor dem er sich am offensten auszusprechen pflegte, hatte er wohl schon von dieser Frau gesagt: Sie rechnet Unsereins zum sogenannten Mob! Aber Mops hätte ich schon manchmal zu ihrem Umgangskreise sagen mögen! Dieser stumpfnasige, kurzohrige Stubentyrann, das Sinnbild der Zuversichtlichkeit und Selbstgenüge, ist so recht das Bild des gesammten Kreises, der kleingeistigen Anmaßung und Frechheit, die da lustig immer fortbellt und blafft neben unsern wunder wie liberal geglaubten Errungenschaften! O wie sollte der exclusive Geist dieser Möpse zittern, wenn sich einmal wieder das wilde Thier, der Löwe, das Volk, regte! Und Bulldogge, das ist der größere, der stärkere Mops! Ringsum sehe ich Bulldoggstreiben! Brutalität! Der Vater staunte über diese Auffassung der Zeit, diesen Tyrannenhaß, den er seinem Ottomar gar nicht zugetraut hätte, und nahm bei dem verfänglichen Thema nur Veranlassung, über Nasenbildung überhaupt 277 vom künstlerischen Standpunkte zu sprechen. Der wackre Bildhauer wurde fast kleinlaut, wenn Ottomar so von einer Weltanschauung zu reden begann, die der Vater doch eigentlich theilte. Er theilte sie in Fragmenten, während sich bei Ottomar Alles schon rundete und zu größeren Anschauungen gestaltete, besonders seitdem der nordamerikanische Seeoffizier eine wahre Leidenschaft verrieth, die Union gegen die, wie er sagte, systematisch betriebene Herabsetzung des amerikanischen Lebens zu vertheidigen und Principienfragen anregte. Holls neueste Erfahrung hatte Ottomar noch nicht gehört.

Ada hatte eigentlich ebenfalls etwas von jenem Stumpfnäsigen einer gewissen aristokratischen Race, wenn auch lieblich gemildert. Sie entsprach dem Symbol der Zuversichtlichkeit oft genug durch die Art, sich zu geben; ja Manche wollten finden, daß sie als Frau nun erst recht unumgänglich geworden sein sollte. Helenen und Martha behandelte sie allerdings auf das Zuvorkommendste; aber die alte Gräfin mußte viel Geduld mit ihr haben, wie Jeder, den sie – das hatte sie Ottomar gleich bei seiner ersten Wiederbegrüßung, wo sie todtenbleich und marmorgleich dastand, zuraunte – in „Ottomars Geiste“, „nach dessen Principien“, behandelte. Er selbst war mit ihr sogleich wie sonst. Sie dagegen zeigte hohe Erregung und verrieth, daß sie auch den Unsichtbaren fort und fort 278 geliebt hatte. Ohne daß sie je dem Manne, dem ihre Seele gehörte, eine Zeile geschrieben, beschäftigte sie sich immer mit ihm, ja erinnerte sich immer alles dessen, was ihr der sympathische Freund über dies und das, sogar z. B. über den Pastor Siegfried gesagt hatte. Sie wandte es sogleich beim Pfarrer Merkus an. Diesem geistlichen Herrn räumte die alte Gräfin in der That zuviel Uebergewicht ein, so daß die junge dadurch gereizt werden konnte. Ada tadelte seine Predigten, sie fand diese zu lang, zu abgezirkelt, just „wie seinen Garten“. Da wollte er sinnig erscheinen, zart; es sei aber Alles geschmacklos! Sie beschuldigte ihn, sich nicht genug um die Zustände seiner Gemeinde zu bekümmern, und sagte ihm das in’s Gesicht hinein. Sein innerstes Herz, wagte das junge Wesen herauszuplatzen, sei so durchaus weltlich, daß er nur durch seinen schwarzen Talar an sein Amt erinnert würde! Es wurde dergleichen im Scherzton gesprochen, aber der Mann zählte im ganzen Umkreise zu den Führern der Frommen, und behielt Alles. Als Ada behauptete, ein Pfarrer müßte sich um alle Zustände seiner Gemeinde bekümmern, fuhr er bereits giftig auf und sagte: Frau Gräfin, Sie verlangen wohl gar, daß ich mich als erster Spritzenmann einstelle, wenn eine Scheuer brennt? Ja! sagte Ada fest und bestimmt, das verlang’ ich! und ließ so die Sache einstweilen abgemacht sein.

279 Helene und die später nachgekommene Martha versuchten die beständig verdrießliche Stimmung der jungen Gräfin, in der sie eine so eigenthümliche Erscheinung antrafen, zu mildern. Aristokratischen Stolz ließ sie Ada nicht fühlen. Sie war herzlich und zuvorkommend und sah beide Erscheinungen, deren Herzensgeheimnisse ihr scharfes Auge ja bald errathen hatte, oft lange mit sinnigem Forschen an und sagte, sie wollte von ihnen lernen. Aber im Uebrigen blieb sie unangeregt. Nichts machte ihr wahre Freude. Sollte sie von Italien erzählen, so begann sie theilnahmlos. Erst Graf Udo mußte sie ausdrücklich auffordern, von den schönen Gegenden, von den Kunstschätzen, vom Meer, von den bunten Sitten des Südens doch mit einem gewissen Eingehen auf die Sache zu sprechen. Der Graf ruhte nicht, Helenen die Meisterwerke des Belvedere in Rom, der Tribüne in Florenz zu schildern. Freilich konnte sie selbst darüber mitsprechen, als wenn sie mit in Italien gewesen wäre. Pflegte doch ihr Vater sich Abends oder im Atelier, während sie eine Handarbeit hatte, häkelte oder strickte, über seine Jugendeindrücke, sein Erlebtes oder Gesehenes zu ergehen oder sich, wenn seine Augen ermüdet waren, aus einem kunsthistorischen neuern Werke von ihr vorlesen zu lassen.

280 Martha kam gerade zur rechten Stunde, um die Gegensätze: Ada und Helene, die nun im Empfinden und Thun des Grafen allmälig zu auffällig wurden, zu vermitteln und abzubrechen. Der Graf hatte sich ganz wie Helene, als sie der Aufforderung der alten Gräfin folgte, Anfangs vorgesetzt, jede Regung, die den Verhältnissen nicht mehr entsprach, zu unterdrücken. Aber bei ihm war das umsonst! Und Ada wurde selbst die Störerin seiner Selbstbeherrschung. Unter dem Schutze ihrer Mutter, offenbarte sie Capricen, die den Widerstand herausforderten. Den ersten scharfen Streit hatte Graf Udo gegen sie auszufechten gehabt, als sie auf der Reise den französischen Diener, La Rose, unterwegs gleichsam auf die Straße setzen wollte. Sie mußte später einsehen, daß ihr grade dieser gutmüthige Mann die besten Dienste leistete, sie durch kluges Beobachten der spitzbübischen italienischen Hôtel-Dienerschaft mannichfach vor Schaden bewahrte und immer zur sichern Verfügung stand. Der Pfarrer Merkus war herrschsüchtig und hielt sich im Schlosse für unentbehrlich. Ada wollte ihm das Gegentheil beweisen, that es aber in so schroffer Form, daß da sogar Helene vermitteln mußte, obschon sie der alten Gräfin zu freigeistig war. Wie sehr muß ich Ihnen danken, Fräulein, daß Sie das wieder gut gemacht haben! Das kam oft von den Lippen der alten Gräfin 281 und auch von Adas. Oft schüttelte Ada wie rathlos ihr Haupt. Die offenbar von ihrem Gatten Geliebte war die Schwester des Mannes, der in ihr nur einzig lebte –! Ada wurde, wenn sie so das Gorgonenhaupt der Medusa dicht vor sich starren hatte, gefährlich wie ein mit Pulver beladenes Fahrzeug. Dies Duell! Dies Versprechen der beiden Alten! Dieser gebundene freie Wille! So loderte es in ihr mit Flammen, wie sie in Spartakus’ Herzen gebrannt haben mochten, als dieser den Entschluß faßte, seine Fesseln zu brechen.

Die Annäherung zwischen Udo und Helenen wurde erst da eine größere, als Martha gekommen war, die sofort in ihrem praktischen, kraftvollen Sinn erkannt, wegen ihrer imposanten Erscheinung bewundert und von der alten Gräfin als eine wahre Eroberung in Beschlag genommen wurde. Martha hatte eine ernste Schule durchgemacht. Anfangs die launische „selige Freundin“, wie die Commerzienräthin Rabe-Wolny hier in diesem Kreise noch oft mit einem von Gräfin Constanze gen Himmel geworfenen Blicke genannt wurde! Dann der verwilderte Bruder! Martha hatte eine Uebung gewonnen zu halb dienendem, halb freundschaftlichem Umgang, eine Uebung, die Helenen fehlte. Martha sollte erklären, daß sie ganz bei der alten Gräfin bliebe, und sie schien nicht ab-282geneigt, diesen Wunsch vorläufig zu erfüllen. Darüber wurde Helene mehr in den Umgang mit Ada und Udo gedrängt, was die vorsichtig Umblickende an sich zwar mehr befriedigte, aber auch nicht wenig beängstigte. Denn nun sollte sie bei den delikatesten Verhältnissen immerfort schlichten, immerfort vermitteln. Ada blieb ihr aber zugeneigt. Die junge Gräfin nahm die immer offenbarer werdende Thatsache, daß ihr Gatte im Wachen und Träumen das Bild Helenens vor Augen hatte und keine Form der unbedingten Convenienz für den Umgang mit ihr finden konnte, als etwas, das ihr vom Schicksale auch zur Lösung der ihr auferlegten Bande geschenkt sei.

Graf Udo hatte die unglücklichste Leidenschaft junger Eheleute, einander erst erziehen zu wollen. Selbst die sich wirklich Liebenden leiden oft unter dieser Sucht, erst ihr Idol verbessern zu wollen. Die nähere Bekanntschaft hat auch wohl ernüchtert, man will ergänzen, befestigen, dies und das „ein für allemal“ feststellen und siehe da! es widersetzt sich ein ungeahnter Trotz und Eigensinn. Das Mildeste noch der dann entstehenden Folgen sind Thränen, Thränen an der Brust der Mutter geweint; Erklärungen unter Schluchzen, man wolle das Jawort dem Verlobten zurückgeben –! Hier nun gar, wo schon der Bund geschlossen, aus 283 Standesrücksichten, ohne Wahl, ohne vorherige Neigung geschlossen war, verstärkten sich die Aeußerungen. Schon bekam die Dienerschaft Stoff zum Weitertragen. Ein Glück noch, daß La Rose nicht im Hôtel Noailles zu Marseille entlassen worden war, sondern fortfuhr, wie schon von ihm beim zweiten Nachtquartier begonnen, zu vermitteln und auszugleichen, auch zu überraschen. La Rose war ein Virtuose im Dienen. Und dabei arbeitete er fortwährend in „Revanche“! Er corrigirte das Ada’sche Französisch. „Gnädige Frau Gräfin, Sie sprechen ein Kutscher-Französisch, das ich nur glaube gehört zu haben in Alsace!“ Sein ihm auf diese unschuldige Weise zugestandener Patriotismus schlug alle Wallungen des Bösewerdens nieder.

Als sich endlich in dem lieblichen, von grünen Höhenzügen sanft umfriedigten Thale, unter diesen schon längst in gelben Bündeln auf den Feldern befindlichen Halmfrüchten, diesen duftenden noch schwertragenden Obstbäumen auch Ottomar eingefunden hatte, trat plötzlich mit der jungen Gräfin eine Umwandlung ein, die Allen auffallen, Alle, die den Grund derselben erkannten, erschrecken mußte. Konnte man früher fast der Generalin Recht geben, wenn sie gesagt hatte: Die guten Worte, die du den Leuten giebst, kann man ja zählen! so war die gnädige „junge Gräfin“ jetzt die Güte, Liebe, 284 Holdseligkeit selbst. Von Morgens bis Abends war sie ein einziges Ausströmen von Güte, ein einziges Leben und Weben von Freundlichkeit. Niemand stand jetzt so früh auf und überraschte die zum Frühstück Kommenden mit freundlichem Gruß im schon geordneten Hauskleide. Niemand war schon so zeitig am Blumenbeet gewesen, schnitt die herrlichsten Blüthen ab und pflanzte diese, sinnig verbunden, auf die gemeinsame große lange Tafel mit den gothischen gewundenen Füßen. Niemand wußte auch für den Tag so sinnreiche Programme zu entwerfen, Ausflüge anzuregen über Berg und Thal, bald mit der Rückkehr zum Mittage, der etwas spät fiel, bald mit einer auswärtigen Einkehr oder gar zum Tafeln in irgend einem Waldgrunde aus mitgenommener Menage. La Rose gehörte hier recht eigentlich zu den schnellsten Entdeckern. Er erleichterte alle kleinen Intriguen Adas, die immer darauf hinausliefen, nur mit ihrem, sich etwas befangen gebenden, in sich gekehrten jungen Assessor Althing zusammen zu sein. Doch hütete sich dabei die kluge Vorsicht des Franzosen wohl, in diesem wunderbaren Benehmen etwas andres, als den Ausdruck der Verehrung vor dem Freunde seines Herrn zu sehen. Er reizte nicht Udos Eifersucht. Sah doch auch sein scharfes Auge, was im Grafen vorging. Einige dienstwillige Personen traten freilich schon mit 285 dem Geheimnißvollen anzüglich hervor, besonders der Pfarrer. Diesen fing sein regelmäßiges Ausgeschlossensein von denjenigen Unternehmungen, die in die Ferne gingen, an, ernstlich zu verdrießen. Aber waren es nicht zuweilen Jagdausflüge und vorzugsweise auch weite Ritte? Zu Marthas größtem Erstaunen hatte hier Helene reiten gelernt und nahm sich so stattlich im langen Kleide und kleinen Männerhut aus, daß ihr Bruder eine wahre Freude an der Erkräftigung ihrer Gesundheit hatte. Die Geschichte des amerikanischen Seecapitäns, die Martha erzählte, unterhielt Alle. Und wie wurde sie vorgetragen! Leuchtete doch aus ihr der Name Wolnys hervor. Ottomar vervollständigte das Gebotene, so weit seine Kenntniß reichte. Der milde Austausch aller dieser äußeren Lebensgegenseitigkeiten spann sich über diese hier verbundenen Menschen wie ein Zaubernetz. Man verbrauchte, was man besaß, man erwarb Neues, oft spielend und ungerufen. Ottomar sprach von seiner im Herbst beginnenden Thätigkeit bei der Staatsanwaltschaft. Er theilte Wolnys Brief mit, in welchem sich ein einfacher, aber herzlicher Gruß an Martha befunden hatte. Den Seecapitän sehe er selten, erzählte er, er würde wohl von seinem launischen Fürsten viel in Anspruch genommen. Luzius und sein Haus waren ihm in den Hintergrund getreten. Die Einzelheiten der von Dieterici an Vogler 286 ergangenen Forderung und des durch Freunde beigelegten Duells, welcher Farce freilich die harte Strafe für Gottesdienststörung gefolgt war, wobei jedoch Ada ihrem Bruder, dem Theilnehmer, ganz recht geschehen erklärte. Alles das lieferte Stoff zur heitern Unterhaltung. Nur Merkus fand seltsamerweise die Strafe zu hoch. Ihm waren die Abtrünnigen von der Oberkirchenrathskirche sozusagen vogelfrei! Den Sectirern geschieht schon recht, sagte der zelotische Mann, dem hier jetzt zu viel selbstständige Meinungsäußerungen entgegentraten. Nicht eine der neuen Personen, die ihm hier begegneten, stand auf dem Standpunkte der citirten Bibelsprüche und theologischen Gemeinplätze. Martha sagte ihm offen heraus: Ein Geistlicher, der gut predigen will, muß sich zwanzig Jahre in der Welt getummelt haben! Wo soll dem jungen Theologen die Erfahrung herkommen? Da muß er denn ewig Christus und immer Christus zum Namen brauchen für Eines und Alles! Die große „Deroute“, zu deutsch der große Reißaus auf dem Unternehmungs- und Gründergebiet, wurde ebenfalls oft erwähnt. Die Zeitungen waren voll davon. Es realisire sich da, setzte Ottomar eines Abends auseinander, die kühnste Hypothese der Monadenwelt. Das Erträumte, Unwirkliche, nur begrifflich Vorhandene bekäme da plötzlich Leben, theilte elektrische Schläge aus, schlüge manche 287 Monadengruppe ganz zu Boden, so daß sie kaum wieder aufzustehen vermöchte! Forbecks Lage kannte man aus Hülferufen, die hierher gedrungen waren, aus den Briefen der Mutter. Martha hatte schon vor ihrer Abreise einen Blick in die bewegte Gegenwart ihres weltstürmerischen Bruders geworfen, soweit sich diese nicht alle Monate änderte. Sie war glücklich, wenn die „Postbötin“ die Briefe im wohlverschlossenen Korbe von Weilheim brachte, Jeder einen oder mehrere für sich hervorlangte und für sie keiner vorhanden war. Denn wer anders als ihr Bruder hätte an sie schreiben können! Und von diesem konnten nur Phrasen, Rodomontaden, Zumuthungen kommen. Die Schriftzüge, die theuren, die sie am liebsten gesehen hätte, Wolnys ihr so bekannte Handschrift, wollten sich für sie nicht einstellen.

Es war an einem wunderschönen Herbsttage, wo sich wieder einmal recht herausstellte, daß sich die Partieen nicht immer beisammen erhielten. Bald hatte der Eine diese, der Andere jene Abhaltung, hatte nicht Lust, alles Gemeinschaftliche, die Ausflüge, die Besuche bei Nachbarn, auch im Städtchen Weilheim bei den Ortshonoratioren, mitzumachen. Auch Adas oder Udos Capricen fingen an, auf diese oder jene Unternehmung, auf Beiwohnen bei einem Kohlenbrande oder einer Holzfällung und damit verbundener Loslassung einer Schleuse, zu bestehen, und 288 wenn dann der Eine nicht mitmachte, ging nichtsdestoweniger der Andere. Ottomar war wie selbstverständlich Adas Schatten. Sie machten Fußwanderungen für sich ganz allein. Zuweilen mußten sie durch Wälder, wo weithin Nichts zu sehen war, als Buche an Buche, Tanne an Tanne. Ada verwünschte diese Regelmäßigkeit. Sie wollte den schimmernden Erlenbaum, der die nächtlichen Geister lockt und um den sich die sanft schwellenden Moose zu ziehen pflegen, sie wollte die Eichenschonung mit ihrem Zweiggewirr. Da mußte sie noch mehr in die Höhe steigen und in gefahrvollere Einsamkeit. Aber auch in der Nähe des Schlosses gab es lauschigere Stellen, verwitterte Steine, die etwa einer alten zerstörten Kapelle angehörten und jetzt unter Flieder und Haselnußbüschen wie begraben lagen; es gab kleine Farrnkräuterwälder am Ursprung einer Quelle oder einem von den Bergen kommenden Bach entlang. An solchen stillen Orten saßen dann Ada und Ottomar schon oft allein, und immer hatte dieser auf ihre dringende komische Frage: Finden Sie nicht, daß ich mich zu meinem Vortheil verändert habe? nichts als ein helles Lachen gehabt und auf die kindische, aber liebenswürdige Naivetät ausweichend erwidert. Etwa: Ja, wer hat Sie denn früher getadelt? oder: Bei Besuchen giebt sich der Mensch, wie wenn er sich in ein Album einzeichnet und ist dann gradezu ein 289 Engel! oder Aehnliches. Freilich befriedigte sie das Alles nicht, ob sie auch sagte: Also das geben Sie zu, daß ich jetzt ein Engel bin! Wenigstens ein Engel! lachte dann wohl hinterher Ottomar und betonte das Wenigstens. Fragen Sie doch den Herrn Pastor, ob es noch höhere Stufen der Vollendung giebt –!

Dieser Schleicher schien etwas von so romantischem Verkehr zu merken. Ganz wie zufällig durchkreuzte er zuweilen die Spaziergänge der jungen Leute und grüßte lächelnd. Er hatte Filiale, die entlegen waren, zu bedienen, doch brauchten ihn diese nicht zum Waldliebhaber zu machen. O wenn der Mann gehört hätte, wie Martha seine letzte Rede beurtheilte, der die Gräfin nicht hatte beiwohnen können! Mit einer gewissen gemachten Biederherzigkeit hätte er sich über Erzählungen der Bibel ausgelassen. Wenn die zwei Jünger nach dem Tode Jesu Nachts den bei Jerusalem belegenen Flecken Emmaus besuchten und der Auferstandene begegnete ihnen, so hätte der Pastor diese Scene, erzählte sie, in allen Einzelheiten ausgemalt. Martha berichtete: „Guten Abend! erscholl es durch die friedliche stille Sternennacht“, sagte der Pastor im Nacherzählen des Ereignisses. „Ja, Ihr wundert Euch wohl, Ihr lieben Leute?“ fuhr er fort, „lautete die Antwort des Gekreuzigten!“ Den Bauern gefällt das! sagte aber die alte Gräfin streng, und auch 290 die Gebildeten finden hierin jene evangelische Zuversicht, die leider, leider immer mehr abnimmt!

An jenem schönen Tage verirrten sich Ada und Ottomar in die kleine schon seit den Schwedenkriegen zerstörte Kapelle im Anfang des dichtern in den Wald übergehenden Parks. Sie war im schönsten Rundbogenstyl erbaut gewesen. Einige Wölbungen der Fenster hatten sich noch erhalten und wurden vor dem Zusammensturz durch das Geröll des übrigen Schuttes bewahrt. Alles war hier überwuchert von Moos und Farrnkräutern, von Haselnußstauden. Doch hatte man eine Bank anbringen lassen. Auch weißer Flieder bildete die Umgebung. Fehlt dieser doch nirgends, wo es eine Anrankung an alte Baulichkeiten und nächtlichen Geisterbesuch gilt.

Nachdem man das zweite Frühstück unter einigen, urmächtigen schattengebenden Linden eingenommen, Graf Udo aus heller Krystallflasche mehr spanischen Wein getrunken hatte, als Ottomar (der den Grafen überhaupt eigenthümlich verändert fand) zur Verdauung von leichten Speisen nöthig erschien, war es ein malerisches Bild gewesen, so unter den noch wespenumsummten Gebüschen, den Wiesen, die von kleinen abgezirkelten, mit wohlriechendem Heliotrop, Rosen, Stiefmütterchen und anderen Blumen besetzten Beeten wie gezeichnet standen, die 291 einzelnen Gestalten schweben zu sehen, die Männer in leichter Sommerkleidung mit Strohhüten, die Gräfin-Tante immer noch schwarz, ein Spitzenhäubchen um ihr ehrwürdiges, von weißen Locken gehobenes Antlitz – Martha, deren plastische Gesichtsformen in ihrer Haut etwas durch die Augustsonne gebräunt worden, sich meist in einer einfachen, ihrem Haar stehenden gelben Sommertoilette bewegend, und das ganz würdevoll und sicher unter dieser aristokratischen, oft von benachbartem Adel über Wunsch und Gebühr heimgesuchten Gesellschaft.

Helenens liebliche Erscheinung gab sich mit gleicher Einfachheit. Den Florentiner Hut am Arm ging sie mit frischgerötheter Wange, von der Landluft neugekräftigt und gestärkt, neben dem Grafen her. Muthwillig war dabei Nichts an ihr, als einige Löckchen, die vom Scheitel auf ihre weiße Stirn fielen. Den eigenthümlichen Zauber, den Anfangs der Graf um sich zu verbreiten wußte, hatte sie ertragen lernen und stand, aller Citate aus dem Französischen oder Spanischen, die er im Munde führte, ungeachtet, geistig manchmal über ihm. Als Ottomar zum ersten Mal nach ihm fragte, sagte sie: Er hat die Bildung der Welt!

Ada, die steif und fest dabei blieb, daß auch in Weiß die Trauer ausgesprochen sei und sich meist luftig und leicht, wie ihrer elastischen Gestalt entsprach, trug, 292 – eine Rose im Gürtel, das Haar, der Hitze wegen, in einen einzigen Knoten geschlungen, wobei der schön gewölbte Nacken frei blieb – leitete wie absichtlich Ottomar in jenes romantische Gemäuer. Mit gemachter Minauderie, halb weinend, halb lachend, sagte sie über irgend etwas: Nein, ziehen Sie doch nicht Alles in’s Komische! Antworten Sie mir von jetzt ab immer gesetzt und wahr! Ich bin jetzt eine Frau und hasse mich, wie ich früher gewesen!

Sie sind jetzt wie sonst, liebenswürdig, sagte Ottomar, aber ich leiste dies feierliche Versprechen! Er streckte die Hand, die ein Buch hielt, das er lesen wollte, wie zum Schwure aus.

Die Sonne schien hell. Im Walde war Alles frisch und fröhlich, Nichts schien zum Herbste abzurüsten. Leider sangen die Vögel nicht mehr.

Wie kann man aber nur so eitel sein, begann Ottomar hierauf mit absichtlicher Schärfe, und ewig über seinen Charakter nachdenken!

Sie haben gut reden! entgegnete Ada schmollend. Früher war ich allen Leuten unausstehlich und ich machte mir auch Nichts daraus; hier bin ich’s, glaube ich, auch noch. Aber seit Sie hier sind, habe ich mir vorgenommen, mich für immer zu bessern. Ich will z. B. niemals mehr Recht haben!

293 Das ist eine schöne Aussicht für einen Juristen, den Sie in Nahrung setzen sollen! sprang Ottomar auf. Ich trete jetzt in die Staatsanwaltschaft! Wie sollen wir bestehen, wenn Keiner mehr Recht haben will? Nein, der Professor da in Leipzig oder wo sonst, der „den Kampf um’s Recht“ geschrieben hat, wußte sehr wohl, was seinen Collegiengeldern nützlicher ist!

Es folgte eine lange Pause. Ada legte ihren Hut neben sich. Der schwanke Zweig eines um den kleinen Fensterrest sich hinziehenden Epheus berührte ihren sich in den Schooß niederbeugenden Kopf. Dann sagte sie: Sehen Sie, das kann mich nun recht ärgern, Althing! Sie sind doch mein – hier stockte die Stimme. In der That war es eine Thräne, die ihre Rede erstickte. Aber sie faßte sich schnell und vollendete – bester Freund. Und als Ottomar protestirte, hörte er das alte, ihr eigne: Na ja! das er ihr abgewöhnt zu haben glaubte, aber es kam wieder zu natürlich, zu treuherzig heraus. Er war gerührt über ein gänzlich ohne Erziehung, unter Vorurtheilen, schlechten Gesinnungen aufgewachsenes Mädchen. Er hatte jetzt wirklich Adas Hand in der seinigen. Sie legte die ihrige ruhig in seine männliche, gebräunte. Er mußte sein Auge abwenden, weil er die Hand nicht zu drücken wagte. Der Freund stand im Geist vor ihm, Graf Udo –!

294 Lange schwiegen Beide. Still war Alles um sie her. Schmetterlinge flatterten von einer bescheidenen Waldblume zur andern. Eine fleißige Spinne wob in dem gezackten Fensterrest ihr kunstvolles Netz.

Und plötzlich sagte Ada mit einem für Ottomar markerschütternden Ernst: Althing! Ich will mich scheiden lassen und dann nehmen Sie mich!

Um Gotteswillen, lassen Sie das! sagte Ottomar und stürzte aus den Ruinen hinaus.

Nach einer Weile kam er wieder. Ada stand noch, wie man Minerva abbildet, festgewurzelt. Sie hatte in ihren Augen ein Feuer brennen, ein Funkeln, das kein Bildhauer andeuten, kein Maler in Farben hätte wiedergeben können. Ihr war so zu sagen alles Blut in die Augensterne getreten.

Nun, was ist denn da? sagte sie ruhig, einen Zweig ergreifend und sich wie an den Blättern festhaltend, mein Mann liebt ja Ihre Schwester! Wir spielen Verwechselt das Bäumchen oder tanzen Quadrille!

Ottomar wollte Nichts von diesem Humor wissen. Er ging wieder hinaus. Und doch konnte er seine Entfernung nicht fortsetzen. Denn schon sah er den Pastor durch die Gebüsche huschen. Er kehrte wieder um und sprach zu Ada, die unbeweglich stehen geblieben war, sanft und innig: Gräfin, Sie träumen!

295 Ihre Schwester würde doch gewiß glücklicher werden! antwortete Ada dessen ungeachtet und jetzt sogar mit einem verführerischen Lächeln zu ihm aufblickend: Der Pastor da, vor dem ich mich gar nicht fürchte, erinnert uns ja mit Wonne daran, daß wir Protestanten sind!

Helenen legen Sie Gefühle unter, entgegnete Ottomar, die diese nicht hat! Sie kennt ihre einfache Lebensstellung, die Ansprüche, auf die sie angewiesen ist! Wenn Graf Udo unvorsichtig genug war, ihr ein tieferes Interesse zu verrathen, so muß man es der zurückgezogenen Lebensweise meiner Eltern zuschreiben, wenn sie diesen Erinnerungen überhaupt nachhing. Sie sehen ja, daß sie sich mit ganzer Kraft des Willens überwunden hat, gerade hierher zu kommen!

Ada lächelte. Ihnen hat es gar keine Mühe gekostet! sagte sie dann mit einem Blick gen Himmel und wieder einer Thräne. Das schöne Auge strahlte vom Azur des Firmaments getroffen. Ihre Brust hob sich. Sie machte Miene, sich auf ihrem Sitz zu strecken. Der Kopf wurde ihr zu schwer. Sie wollte ihn stützen. Und als Ottomar auf alles das, was auf ihr Gemüth so furchtbar bewältigend einstürmte, immer schwieg, brach sie in helle Thränen aus und warf sich in Ottomars Arme. Er mußte sie auffangen. Ihr Antlitz 296 entfärbte sich bis zur Marmorblässe. Ich habe Ihnen nie einen Eindruck gemacht! hauchte sie matt und weinte.

Unedel ist es, ein Weib, das sich gegen uns verirrte ganz sich selbst zu überlassen. Irgend eine Hülfe muß der Schwäche, dem Irrthum geboten werden. Ottomar wollte nicht dem mit der Justizräthin nach Hause fahrenden Dieterici gleichen und sich ein schnödes: Sie haben mich nie verstanden! zuziehen mit vor der Nase zugeschlagener Hausthür. Die Erinnerung an diese Unterlassungssünde, die vielleicht auf einem Mißverständniß beruhte, belebte ihn, sich zu fassen. Er sprach ein vernünftiges, besonnenes, nicht kaltes, nicht besinnungsloses: Aber, aber, Gräfin! Fassen Sie sich –!

Nennen Sie mich auch so? sprach Ada wie ein Kind mit weichem Tone und sich allmälig aufrichtend. Dann sagte sie: Ich wurde verkauft! Ich mußte es ja auch thun! Meine Familie war ja verschuldet! Ich habe sie herausgerissen mit großer Mühe – ich könnte meinen Bruder morden, wenn er mich und die Mutter in neue Verlegenheiten stürzt –! Verlegenheiten, die mich hindern, meinem Herzen zu folgen –!

Ada! entfuhr Ottomar mit um Mäßigung bittender Miene und unbewußt, wie mit dem Vorrecht längst erworbener Vertraulichkeit.

297 O, das Wort war gut von Ihnen! sagte sie lachend und zog den Mann, den sie allein im Herzen trug, zu sich heran, schlang ihre Arme um seine Schultern und drückte ihm auf seine Stirn früher einen Kuß, ehe er selbst die Lippen auf ihre rosige wie erst aufblühende sammetweiche Wange drückte. Aber ihr Auge sprach Alles aus. So blieben sie eine Weile. Dann glaubte Ada Geräusch zu hören. Beide trennten sich. Stumm gingen sie nebeneinander her. Ada streifte ihre Kleider glatt. Sie war wie im Traum, sah Nichts als Rosen und nur Rosen. Ottomar kämpfte mit dem furchtbarsten Reuegefühl. Der Verrath am Freunde empörte ihn gegen sich selbst und doch – sah er denn den Grafen auf rechtem Wege? Die Natur ist die Reglerin aller Dinge! rief es in ihm wie mit Weltposaunenton. Unsre künstlichen Voraussetzungen! Unsre überlieferten Vorurtheile müssen fallen!

Adas Benehmen mußte ihm in der That den Muth des Titanen geben. Am Schlosse hatte sie sich gefaßt und entzückte Alles durch die gute Laune, die sie entwickelte, die Harmlosigkeit ihrer Einfälle und kleinen Capricen, ohne die es einmal bei dem wunderlichen Wesen, das bezaubern konnte, wenn es wollte, nicht abging.

Ende des zweiten Bandes.

Apparat#

Der Apparat des zweiten Bandes ist identisch mit dem des ersten Bandes und dort einzusehen.

Stellenerläuterungen#