Wir stellen die Gutzkow Gesamtausgabe zur Zeit auf neue technische Beine. Es kann an einzelnen Stellen noch zu kleinen Problemen kommen.

Was sollen wir lesen?#

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Herausgeber
  1. Wolfgang Rasch
Fassung
1.1
Letzte Bearbeitung
25.01.2020
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1 Was sollen wir lesen?#

Ein Fingerzeig für die Winterabende.#

Des Abends, zwischen vier und fünf, besonders am Ende der Woche, gewährt es mir einen eigenen Genuß, einige Augenblicke in der vielbesuchten hiesigen Leihbibliothek von Gustav Oehler zu verweilen. Es ist die Zeit, wo die Wißbegier oder die Langeweile für die nun immer träger hinschleichenden Abende sich mit Unterhaltungsstoff versieht. Der Bediente bringt die letzte Lecture seiner Herrschaft. Darin liegt ein Zettel mit denjenigen Nummern, welche die gnädige Gebieterin demnächst verlangt. Wollte man sich die Mühe geben, diese Nummern im Cataloge nachzuschlagen, man würde oft erstaunen, welches der Lieblingsschriftsteller einer Bundestagsgesandtin oder die vormittägige Sonntags-Lecture eines millionenschweren Nabobs ist. Die eine Rubrik enthält die Bücher des Vaters, die andere die der Mutter, die dritte die der beiden Töchter. Links Spindler, in der Mitte Friederike Bremer, rechts Georg Sand und die Gräfin Hahn. Der Sohn des Hauses hat seine eigenen Liebhabereien und sucht sich die Bücher, die er lesen will, erst im Laden selbst aus dem Catalog aus.

Samstag Abends ist der Verkehr am lebhaftesten. Jeder rüstet sich für einen öden, neblichten Sonntag, wo vielleicht der erste Schnee fallen wird. In diesem Gedränge von Hüten, Mänteln, Hauben und Livreen kann man Studien machen. Eine Leihbibliothek ist so interessant, daß sie nur von einem Leihhause übertroffen wird. Wie hier die Mysterien des Hauses unter das Siegel der Verschwiegenheit gegeben werden, so dort die Mysterien des Herzens und Verstandes. Ein Nummernzettel in einer Leihbibliothek ist wie ein Pfandzettel eine Sache der Discretion. Man sagt nicht gern, daß man Göthe’s Wahlverwandtschaften zwar für ein classisches Buch hält, lieber aber für sich den Paul de Kock lies’t. Wie man im Leihhause seine bürgerliche Ehre verpfändet, verpfändet man in der Leihbibliothek den Taxationswerth seines Kopfes. Und die Sucht unserer Zeitgenossen, für witzig, geistreich, geschmackvoll zu gelten, ist so sehr zur Leidenschaft geworden, daß man sich weniger über das Abhandenkommen eines Pfandzettels ängstigen würde, als über den Verlust eines Verlangzettels in der Leihbibliothek.

Die harrenden Buchempfänger lassen sich in Gruppen eintheilen, je nachdem ihnen die Frage: Was sollen wir lesen? an der Stirn geschrieben steht. Die gewiegten, routinirten Leser, welche ein Buch nach dem andern verschlingen, kommen nicht in die geringste Verlegenheit; denn sie wissen sich schnell zu helfen. Vorn oder hinten im Catalog, romantisch oder classisch, fashionabel à la Bulwer oder demokratisch à la Boz, ihnen ist Alles einerlei. Dies sind gefährliche Kunden, sie stehen unter specieller Aufsicht; denn sie kommen des Tages zweimal und wechseln oft zwei Bücher statt eines, was nach den Statuten des Catalogs verboten ist. Diese Abonnenten gleichen jenem berühmten Journal-Tiger bei Stehely in Berlin, der sämmtliche disponible Zeitungen hinter seinem Stuhle in einer Ecke des Zimmers zu verstecken pflegte, damit er sie ganz allein verschlingen konnte. Andere lesen nicht so stark, aber dafür mit Plan und Consequenz. Diese lieben die Literatur, streichen sich hübsche Stellen an, tragen sie in ihre Gedenkbücher ein und werden nie in Verlegenheit kommen, welches Buch sie, wenn sie das eine bringen, dafür wieder mitnehmen sollen. Die Meisten aber setzen die Bibliothecare fortwährend durch ihre Unentschlossenheit in Verlegenheit. Nicht von jenen guten Seelen spreche ich, die fröhlich und rothwangig in den Laden treten, schnell ein Buch abgeben und nichts verlangen, als ein schönes anderes. O, diese Menschen möchte ich umarmen, wenn es nicht meist Bäcker, Schornsteinfeger, d. h. Menschen wären, die in diesem Falle Spuren auf unsern Kleidern zurücklassen würden. Es sind die edelsten, offensten, harmlosesten Charaktere, die Duldung und Liebe selbst, entzückt über alles, was sie lesen, hingerissen von jeder Geschichte, die nur entschieden mit etwas endet, ob nun mit Thränen und einem Dolche, oder mit Lachen oder einer Hochzeit. O, ein Parterre voll solcher Kritiker, und wir wollten den Parnaß erstürmen. „Ein anderes Buch, welches Sie wollen, aber nur ein schönes!“ Was ist hier Schönheit? Nichts nach den Begriffen der Schule, nichts, was Aristoteles, nichts, was Trahndorf und Griepenkerl für schön ausgegeben haben, nichts, dem die hochweise Kritik mit gnädiger Herablassung zu existiren gestattet hat; schön ist hier alles, was nicht langweilig ist, ganz wie Voltaire gesagt hat, jedes Genre wäre gut, das ennuyante ausgenommen. Auch diese Leser, die jeder Titel entzückt, welche immer gutmüthig, immer neugierig sind, gar kein Urtheil, aber den gesundesten Geschmack von der Welt haben, auch diese sind nicht die Plage der Leihbibliotheken.

Wohl aber die Mäkelnden, die Blasirten, diejenigen, welche fortwährend unentschlossen sind, ob sie sich heute mehr für ein Buch, morgen mehr für einen Ball interessiren sollen. Da stehen sie und blättern im Catalog. Sie verlangen ein Buch, schlagen es auf und geben es, die Nase rümpfend, zurück. Was sollen wir lesen? Von Bulwer? Ach! von Boz? Nein. Von der Bremer? Pah! Von Georg Sand? Non! Steht ihnen gar keine Literaturkenntniß zu Gebote, dann müssen diese Leute erst überzeugt werden, daß z. B. Marryat „recht hübsche Sachen“ geschrieben hat und daß das Buch „Der Salamander“ von demselben unsterblichen Manne herrührt, dem das Jahrhundert die „Mystères de Paris“ verdankt. Um diese mäkelsüchtigen und unentschlossenen Leser sich erträglicher zu machen, ist der Bibliothecar Gustav Oehler auf den Gedanken gekommen, seinem Cataloge eine Art von Literaturgeschichte einzuverleiben. Er kann sich rühmen, wohl den originellsten Leihbibliotheken-Catalog zu haben; denn hier findet man zu jedem Autor von mehrer Bedeutung immer eine Charakteristik seines literarischen Werthes in kleinen Noten, die zwar von Druckfehlern wimmeln, aber doch schon manchen Abonnenten belehrt haben, daß auch vor dem Jahre 1843 Bücher geschrieben worden sind, von denen sich einige wohl der Mühe verlohnen, noch heute gelesen zu werden.

Diesen Unentschlossenen versprechen wir, in dem unterhaltenden Piedestal der „Kölnischen Zeitung“ zuweilen einige Winke zu geben.

Unter den Schriften, die man jetzt auf den Nähtischen und in den Sopha-Ecken findet, stehen natürlich die „Mystères de Paris“ oben an. Hier keine Kritik derselben, sondern nur dies eine Trostwort: Wenn man nach der Lecture eines solchen Buches an der sittlichen Ordnung unserer modernen Gesellschaft verzweifeln möchte, so sage man sich, daß das hier geschilderte Schlechte und die Menschheit Entwürdigende wohl in reichem Maße vorhanden sein mag, so aber, wie hier, nirgends dicht bei einander steht. Das ist das Unwahre an diesem Bilde unserer Zeit. Es ist eine Quintessenz des Schlechten, in eine Retorte 2 gebracht, ein Extrait diabolique von allen möglichen Höllengiften des Lebens. So wie hier, dicht bei einander, wohnen die Laster nicht. Da sind zwischen den schroffen Felsen alle dazwischen liegenden grünen Thäler vergessen, unter dem wuchernden Schierling der Gesellschaft die ganze Blumenflora von Glauben, Liebe und Hoffnung, die in der Menschenbrust noch blühet, ja, wenn man den Duft dieser Glaubensflora nicht einzuathmen versteht und ihn läugnet, mindestens die ganze Gemüsflora des Indifferentismus, die Küchengärten der Existenz, die nicht gut, nicht böse sind und das Dasein erträglicher machen, als es nach jenem outrirt zusammen gepflanzten Giftblumenhaine für möglich scheint.

Thomas Thyrnau ist etwas in den Hintergrund getreten, und Boz scheint mit Martin Chuzzlewit dies Mal kein Glück zu machen, eben so wenig wie Bulwer mit dem „letzten der Barone“.

Von weiblichen Productionen ist Falkenberg von Therese stark begehrt. Komisch ist es, wenn gelesene Zeitschriften ein so trefflich entworfenes Lebensgemälde mit drei Zeilen abfertigen und nicht ahnen, daß sich, ohne sie, das Publicum seine eigenen praktischen Urtheile schafft, seine eigenen Kritiken schreibt. Oft scheint es, als wenn über dem Gewirr der Tagesdebatten ein unterirdischer stiller Geist eine eigene unsichtbare Zeitung redigirt, die recht eigentlich die öffentliche Meinung beherrscht, ein infallibler Moniteur des Zeitgeistes, den Niemand sieht, für den Niemand ein Abonnement bezahlt und den doch Alle lesen und dem sie Alle glauben.

Die Gräfin Hahn, die jetzt die ägyptischen Pyramiden entziffert und das high life von Cairo studirt, hat uns pour prendre congé (unwillkürlich kommt man in der Nähe dieser Dame in Sprachmengerei) den Roman Cecil zurückgelassen. Der Verleger desselben sagt in den Zeitungen, die beliebte Verfasserin hätte in diesem Roman ihre früheren „Schroffheiten“ vermieden. Und das ist nicht gut. Man soll niemals seine eigene Natur vermeiden. Die Gräfin Hahn, diese geistreiche, wahrhaft exclusive Schriftstellerin, hat sich oft dahin ausgesprochen, daß sie für sich, nicht für die Welt schreibe, daß sie in keiner Art einen Zwang für ihre Art und Weise dulden könne und niemals an ihrer Natur etwas ändern würde. Und in so fern einem Gemüthe von Hause aus nicht Milde, Bescheidenheit und der rastlose Trieb nach geistiger Selbstverbesserung innewohnt, in so fern hat sie Recht. Ihre Schroffheiten einmal aufgegeben, was kann sie in diesem Falle bieten? Wessen Natur keine flüssige sein kann, der bleibe, als Schriftsteller zumal, ja eine starre! Die Verfasserin des „Cecil“ ist sicher auch, glaube ich, derselben Meinung, und jene „diesmal vermiedenen Schroffheiten“ werden wohl nur auf Rechnung eines Geschäftsmannes kommen, der allerdings wünschen muß, daß die Gräfin Hahn so wenig wie möglich für sich und so sehr wie möglich für Alle schreibe. Cecil ist ihr eigenstes Kind, wie ihre früheren. Dieselben Tugenden, dieselben Fehler; mit dem Unterschiede vielleicht, daß diese Fehler früher subjective Bizarrerieen, in diesem nicht gelungenen Cecil aber wirkliche Compositions-Unrichtigkeiten sind. Renata’s Tugend ist sehr ehrenwerth, Ehre den tugendhaften Roman-Heldinnen! Aber eine Tugend, die im Grunde nur auf einem Raisonnement, einer Dialektik des Ehrenpunctes beruht, wird durch zwei Bände hindurch - Vergebung! - langweilig. Man verstehe mich recht! Ich will bei Leibe nicht sagen, daß die Tugend an sich je langweilig werden könne, sie wird es nur da, wo sie nicht aus der Unschuld eines reinen Herzens, sondern aus einem Verstandescalcul hervorgeht, der uns zwar bürgerlich überzeugen, sittlich rühren, aber nimmermehr romantisch bezaubern kann.

Das Königsbuch der Frau von Arnim wird wahrscheinlich mehr von Männern, als von Frauen gelesen. Es ist auch ein ganz geharnischtes Werk, ein Drommetenruf zur Schlacht, eine Rede, zu vergleichen den Flammenworten Clärchens, wenn sie zu den Bürgern von Brüssel spricht: „Ich ruf’ Euch ja nur zu, was Jeder wünscht. Ist meine Stimme nicht Eures Herzens eigene Stimme? Laßt durch die gegenwärtige Gefahr nur Einen Blick in das Vergangene dringen, in das kurz Vergangene. Wendet Eure Gedanken nach der Zukunft.“ Clärchen redet in die Luft, ermannt sich aber noch einmal und ruft: „Und ich habe nicht Arme, nicht Mark, wie Ihr; doch habe ich, was Euch allen fehlt, Muth und Verachtung der Gefahr. Könnt’ Euch mein Athem doch entzünden! Könnt’ ich an meinen Busen drückend Euch erwärmen und beleben! Kommt! In Eurer Mitte will ich gehen! Wie eine Fahne wehrlos ein edles Heer von Kriegern wehend anführt, so soll mein Geist um Eure Häupter flammen und Liebe und Muth das schwankende zerstreute Volk zu einem fürchterlichen Heer vereinigen.“ Armes Clärchen! Weißt du, zu wem du redest? Zu Soëst, dem Krämer, und Jetter, dem Schneider! Es ist stiller über Bettina’s herrliches, ideenreiches Buch, als es sollte. „Schaff sie bei Seite, sie dauert mich!“ sagt Jetter, der Schneider, und selbst der treue Brakenburg seufzt: „Siehst du nicht das Unmögliche?“ Andere meinen’s noch schlimmer. Sie sagen, Clärchen wolle nicht den allgemeinen Menschen-Geist retten, sondern nur Bruno Bauer, den Egmont von Charlottenburg. Vielleicht kommt aber noch die Stunde dieses idealisch gefühlten Buches, das jeder, der es fassen kann, in den Schrein seines Herzens legen sollte, um nur in Feiertagsstimmung es hervorzunehmen und wie sibyllinische Blätter mit Andacht zu lesen.

Zum Schluß noch die Bekanntschaft mit zwei neuen Büchern.

1. Das Schloß am Meer. Von Levin Schücking. Zwei Bände. Leipzig, F. A. Brockhaus. 1843.

Ein geistvoller Autor in seiner ersten Entwickelung gleicht jenem noch ungeformten glühenden Eisen, welches der Schmid aus der Steinkohlenesse mit der Zange hervorlangt; ein einziger leiser Schlag des Hammers auf die weiche Glutmasse, und tausend leuchtende Funken spritzen um ihn her. Ein herrliches Schauspiel in der Nacht, dem ich als Kind stundenlang zusehen konnte! So soll jeder bedeutende Anfänger sein, so reich, so funkensprühend, so ergiebig auf einen einzigen leisen Schlag. Der Verf. dieses Romanes ist ein solcher Erstling. Als Kritiker zwar schon bekannt, als Lyriker sogar Glied einer Dichterkette, die man die rheinische nennen will, tritt er doch hier zum ersten Male mit einem größern selbstständigen Werke auf. Das weiche Eisen ist da, ihm fehlt die Glut nicht, die tausend Funken des Talentes sprühen hin und her, man wird einen hier sich in seiner Entwickelung zeigenden Dichter mit Vergnügen beobachten. Das Darstellungstalent des Verf. ist kein gewöhnliches. Er springt mit seinem Stoffe so behend um, daß er ihn nicht zu bearbeiten, sondern mit ihm zu spielen scheint. Er wirft ihn in die Höhe, er läßt ihn fallen. Er verwirrt den Faden, läßt ihn ganz unserem Auge entgleiten und spinnt ihn doch kunstgerecht wieder an. Der Verf. ist schon mehr Vir-3tuose auf dem Erzählungsfelde, als man erwarten, vielleicht auch wünschen möchte. Ein Gang, im Anfang noch etwas unbeholfen, würde dem Schritt, den der Verf. in Zukunft einhalten muß, vielleicht mehr Solidität versprochen haben. Der Verf. erzählt uns eine Familiengeschichte, die sich um ein altes Schloß an der Nordsee, wo noch das Strandrecht geübt wird, gruppirt. Eine tiefere Wahrheit, eine Idee, oder spottweise von den Gegnern der neuen Poesie Tendenz genannt, eine solche höhere Bedeutung liegt nicht in dem Sujet. Da, wo nur die Charaktere gut, die Situationen interessant sind, wird man auch diese „Tendenz“ immerhin leicht entbehren. Man schenkt sie dem Verf., wenn er sonst nur geistreich ist und uns zu unterhalten versteht. Dies ist bei Levin Schücking in vollem Maße der Fall; seine Charaktere sind nicht neu, aber auch nicht gewöhnlich, jedenfalls stehen sie auf der Höhe einer seltenen Bildung, von der man nur wünschen möchte, der Verf. hätte für sie auch die entsprechenden Situationen erfinden können. Der Verf. ist weniger ein Künstler als ein Virtuose. Der Künstler kann noch oft vor den Schwierigkeiten seines Gegenstandes erschrecken, Thorwaldsen, glaube ich, schlägt nicht spielend auf seine Marmorblöcke. Die Muse des Virtuosen aber ist die Caprice. Der Verf. dieses Romans tändelt mit seinem Stoffe, er weiß immer, wo eine Scene zu versanden droht, und hat Geschmack genug, sie augenblicklich mit einem Coup abzuschneiden. Solche Coups sind zuweilen sogar geheime Verließe und Frauen, die eine geheimnißvolle Maske tragen. Sind diese Coups erlaubt? Warum nicht? In einem Roman von so heiterer Färbung, bei einem durchweg so geistreichen, wohlstylisirten Dialog wird man immer annehmen, der Verf. wolle damit unserm Geschmacke nichts zumuthen, sondern sich vielleicht nur selbst ironisiren.

Die Behandlung des Stoffes ist episodenartig, aber diese Episoden, die den Roman nach jedem Capitel gleichsam wieder von vorn anfangen lassen, sind allerliebst in einander gefügt. Man hat Kästchen, die man so in einander legen kann, daß eines immer vom andern eingeschlossen ist. Zuletzt muß denn doch ein Ganzes herauskommen, und das ist da, das wird herbeigeführt mit weit weniger Gewaltthätigkeit, als sonst bei solchen Kunststücken üblich ist. Nur für den Schluß hätte der Verf. seinen Humor nicht vergessen sollen. Wer das Aengstliche so heiter darzustellen weiß, der hätte getrost auch den extravaganten Mönch Manuel an das Schaffot der französischen Revolution und den finstern Strandräuber Walter an die Rebellion seiner Bauern abliefern können. Das aussöhnende Princip des sich ohnehin zu lang ziehenden Endes wirkt nicht erhebend, sondern abspannend.

Man könnte mit dem Verf. noch über Manches rechten, über das Verschwinden interessanter Personen, über das auch gar zu sehr à propos kommende Begegnen derer, deren Wiederfinden der Verf. braucht, über die Unmöglichkeit, daß der erst halb-geistesschwach gezeichnete Gerichtsverwalter plötzlich so weise Lehren geben kann, wie sie Paul von ihm als Reisekost empfängt, über die Unmöglichkeit, daß wichtige Familienbriefe in der Fremdenstube eines Schlosses liegen, daß sich Walter’s Tochter sogleich einer ihr fremden Dame nach der ersten Begegnung mit hochwichtigen Geheimnissen anvertraut u. s. w.; doch verschwinden alle diese kleinen Wölkchen am Horizont einer Theilnahme, die das Buch als Ganzes selbst bei verwöhnten Romanlesern finden wird. Der geistreiche, zu den gediegeneren jüngern Literaturkräften gehörende Verfasser, der früher manches Buch beurtheilt und verurtheilt hat, hat hier bewiesen, daß er nicht nur das Tadeln, sondern auch das Bessermachen versteht.

2. Zwei Gräber. Von Georg Schirges. Leipzig, F. A. Brockhaus. 1843.

Zwei Gräber! Schauerlicher Titel in einer Zeit, wo so Vielen auf den Gräbern nicht mehr die tröstenden Engel des Jenseits erscheinen wollen. Doch erschrecke man nicht! Dies Buch enthält gerade eben so viel vom Grab, als andere Romane, die auch mit dem Tode enden, es aber freilich nicht gleich auf dem Titel sagen. Die erste der beiden Erzählungen scheint mir die bessere. Sie erinnert an die hübschen pharmazeutischen Novellen von Ludwig Bechstein. Auch hier sind Apothekerleiden und Apothekerfreuden geschildert. Die Lebensschicksale des armen Hanf sind mit einfachen, aber naturwahren Farben wiedergegeben, der arme Lehrling und künftige Provisor hält eine „Selbstschau“, die im Anfang für die Bildung eines jungen Mannes von siebzehn Jahren nicht ganz richtig den naiven Ausdruck getroffen hat. Späterhin steht dem moralischen Goldmacher sein elegischer Ton, seine Sentimentalität viel natürlicher. Wie der Verfasser schon in seinem Romane „Karl“ gezeigt hat, ist ihm auch hier wieder das norddeutsche Land- und Provinzleben sehr geläufig. Schon als ein deutsches Genre- und Sittenbild würde die erste Mittheilung einen entschiedenen Werth ansprechen dürfen. Minder gelungen ist freilich die zweite. Hier tritt die Sentimentalität über alle Ufer hinaus, überschwemmt uns mit Briefen, die alle ein einziges Thema variiren, und kann uns mit dem Verf., der hier gewiß sehr tief gefühlt, sehr innerlich empfunden hat, dennoch nicht mit fortreißen. Diese „Briefe zweier Liebenden“ sind eine ästhetische Verirrung, entschuldbar nur durch eine Selbsttäuschung des Verfassers, der das moralische und ästhetische Mitleid verwechselte. Victor und Maria spielen den Roman Abälard’s und Heloisens noch einmal durch, so aber, daß nicht andere Menschen, sondern sie selbst sich quälen. Ich gestehe, daß ich meinem geistreichen und gefühlvollen Freunde in der Nachempfindung dieser hier von ihm mit übermäßiger Wortfülle geschilderten Verhältnisse nicht habe folgen können, ja, sogar eine Abneigung innerlichster Art gegen einen Romanhelden empfinden muß, der feurig, ja, überschwänglich liebt und doch sagen kann: „Ja, ich habe vom Manne nicht viel mehr als den Bart, ich bin ein geistiger Hermaphrodit.“ In solche Verirrungen geräth man bei übermäßiger, gestaltenloser Sentimentalität oder auch wohl bei wehmüthigen Lebenserinnerungen, trüben Schicksalsschlägen und einem grauen Anschauungshorizonte, von dem sich aber jeder Dichter, wenn er nicht ein genialer Lyriker ist, wenigstens für seine Productionen befreien muß.

Apparat#

Bearbeitung: Wolfgang Rasch, Berlin#

1. Textüberlieferung#

1.1. Handschriften#
1.1.1. Übersicht#

Es sind keine handschriftlichen Überlieferungsträger bekannt.

1.2. Drucke#
J Karl Gutzkow, Frankfurt am Main: Was sollen wir lesen? Ein Fingerzeig für die Winterabende. In: Kölnische Zeitung. Köln. Nr. 333, 29. November 1843, [S. 1-3]. (Rasch 3.43.11.29.1)

2. Textdarbietung#

2.1. Edierter Text#

J. Der Text folgt in Orthographie und Interpunktion unverändert dem Erstdruck. Textsperrungen werden übernommen. Silbentrennstriche (=) werden durch - wiedergegeben. Die Seitenzählung wird mit Klammern [ ] an den betreffenden Stellen in den Text eingefügt.

Kommentar#

Der wissenschaftliche Apparat wird hier zu einem späteren Zeitpunkt veröffentlicht.