Wir stellen die Gutzkow Gesamtausgabe zur Zeit auf neue technische Beine. Es kann an einzelnen Stellen noch zu kleinen Problemen kommen.

Der Zauberer von Rom. Sechstes Buch#

Metadaten#

Herausgeber
  1. Kurt Jauslin
  2. Stephan Landshuter
  3. Wolfgang Rasch
Fassung
1.2: TEI-Auszeichnung
Letzte Bearbeitung
02.10.2021

Text#

Sechstes Buch.#

3 1.#

Oesterreich und Wien! …

Wer konnte sonst beide Namen nennen hören und vernahm nicht sofort Musik! …

Und wenn dich auch jetzt noch mit Windesflügeln das Dampfroß in einem einzigen Tag von der Elbe an die Donau entführt, so grüßen den haltenden Zug mitten auf der Heide, mitten in der Nacht, zwei Stationen vor Ankunft in Wien, Clarinette und Geige … Der Sturmwind fegt den Novemberregen an die Fenster … Hinaus blickst du durch die beschlagenen Scheiben … Nichts, als öde gespenstische Nacht vor deinem Auge – und doch empfängt dich Jubel und Lust … Seltsames Bild … Auf einen Stab gestützt, am Rand des Erdwalls, starrt ein Schäfer im zottigen Lammfell auf den haltenden Zug … Ein Wanderhirt, der aus Ungarn kommt und weiter zieht mit seiner nächtlich rastenden Heerde … Die österreichische Geschichte … Einsame Nachtträume der Völker, still am Weg sich sehnend nach Erfüllung … Unter lachender Lust und Freude …

Am Donaustrand – auch da wispert es ebenso – leise und leise – um die alten Ritterburgen … Klage-4laute um versunkene Banner und Kronen … Was liegt nicht begraben im feuchten Schoose der Donau! … Was könnte sich nicht melden zur Auferstehung unter dem nächtlichen Sternenhimmel, wenn ringsum auf den düstern Bergwänden die Geisterjungfrauen geheimnißvoll ihre Harfen zu schlagen beginnen! …

Von Tyrol und Salzburg her, aus den sagenhaften Schluchten des Untersbergs und von den echoreichen grünen Bergseen Steiermarks erschallt die Zither …

Die Zither, dies liebliche Instrument, könnte Sancta-Cäcilia statt der Orgel erfunden haben …

Du kennst es nur aus dem lampendunstigen und cigarrendurchqualmten Keller der leipziger Messe, kennst es nur aus dem Concert aufgeputzter Jodeltyroler … Aber auch da wird die Zither dich gerührt haben – so, daß du den Genius Oesterreichs hättest fragen mögen:

Was lachst du so traurig, was weinst du so froh?

Wenn so rührend die bebende Saite unter kraftvollem Finger ihre Schwingungen austönt … Wenn der Ton, immer gebrochen, immer in der Geburt des Halls schon halberstorben und doch, neugefaßt vom kunstgeübten Finger, neubelebt, Riesenfermaten aus lauter kleinen zitternden Tremolos hält … Wenn der Ton sich festklammert, gleich einem Knaben, der nicht ruht den höchsten Ast eines Blütenbaums zu erklettern … Auf der höchsten Höhe, in die uns die Töne der Alpenzither schwingen können, welch ein Blick dann auf die Thäler der Erde! … Deine Jugend siehst du, siehst den grünen Plan deiner Kindheit, athmest im Herzen auch die 5 reinste Alpenluft … Selbst unter dem „Soll und Haben“ und dem Strumpf- und langen und kurzen Waarenhandel der leipziger Messe in Auerbach’s Keller konntest du die Thränen nicht zurückhalten, wenn das berühmte Tyrolerquartett – nur nicht singt! Das schenke ihm die Muse! – nur die Zither schlägt … Die Spielerin sammelt mit dem Notenblatt … Im koketten Brustlatz, mit dem spitzen Hut ein unschönes Mannweib … Aber – sie spielte dir – und sich auf der Zither – Oesterreich … Sie spielte ein Ahnen, Suchen, Sehnen nach unbestimmten, dem Land und Volk selbst nicht klaren Zielen … Sie spielte das Wittern einer Geisterluft, Morgengrauen schönerer Hoffnungen … Sie spielte die Freude, die sich selbst nicht vertraut, und ein Leid, das dem Schöpfer zürnen möchte, weil er die Erde bei alledem und alledem – so schön erschuf …

Musik ist der erste Gruß in Oesterreich …

Auch in Wien …

Die große Hauptstadt ist erreicht, die bremer echte Havañacigarre glücklich eingeschmuggelt … Der Venusberg geöffnet … Tannhäuser zieht den schwarzen Frack an und die gefirnißten Tanzstiefel und vertanzt sich das gebrochene Herz … Strauß und Lanner! Sie geben schon lange Trost für die „Zerrissenheit“ selbst im Alpengemüth – selbst für „Weltschmerz“ im Pusztensohne …

Hört diese Tänze! … Ein Dämon liegt in ihnen …

Wie mit Kirchenglocken fangen sie an, sanft und feierlich … Das Adagio eines Meßganges … Sitt-6samer, concordatsmäßiger Niederschlag der Augen … Das führt, denkt man, geradeswegs nach Mariazell und Loretto –! …

Plötzlich wirft der kaum geordnete Nonnenzug die Kapuzen ab … Nun hüpft die Freude – erst wie ein Füllen lustig über den Klee. Erst nur noch – ein fußtrillerndes Aufschlagen des Uebermuths … Erst nur Kopfüber der Fröhlichkeit, Humor, der, wie Harlekin Colombinen, neckt, spaßelt, thaddädelt – alles so, wie sich nach dem genommenen Ablaßzettel im einleitenden Adagio vergeben läßt …

Dann aber wird der Humor zur Selbstironie … Der Walzer cancant, die Grazie tanzt auch hier wie in Paris mit Formen der Epilepsie, die Melodie geht rückwärts, läßt sich die Augen verbinden, tanzt unter Eiern, schiebt einen Karren auf dem Seil zum Thurm hinauf, geht auf beiden Händen, dreht sich als Kopf überm Rumpf herum und sagt dem Rücken „guten Tag“! …

Halt! springt die Sittenpolizei dazwischen … Metternich’s Censur und Moral, die noch in den von uns geschilderten Tagen regieren, und der Dämon wird rasch wieder ein Kind, das unter Blumen spielt, ein Kind, das nur nach Schmetterlingen hascht oder vor einer Hummel entflieht – aber – welch einer Hummel! … Brummelt die so spaßig, so taumlig, so torklig … Baßgeige, wohin rennst du? … Baßgeige, bist du betrunken? – Leute, entflieht! Entflieht! … Staberl spannt seinen Regenschirm auf – haltet doch! Das gibt ja Sturm – Wo führt’s dich hin? Zum 7 „Stuwer?“ … Sind das Pot-à-Feu’s? Döbler’sche Sträußchen? Sternschnuppen? … Wohinaus? …

Ins Firmament! Grad’ in die Milchstraße, aber von Würsteln und Kringeln behangen … In einen Kometenschweif von feurigen Nasen … Ein einziger Strohhalm die schwindelnde Brücke, auf der alle Walzenden zugleich über den unermeßlichen Abgrund hinübermüssen … Heiliger Nepomuck, jetzt hilf! … Sie fassen sich alle an, klammern sich an die Rockschöße … Strauß nimmt den Fidibus, steckt noch den Strohhalm über das Weltgebäude hinweg in Brand und nun müssen die Paare hinüber … Die Glöckchen, die klingen, die Pickelflöte, die lacht, die Geigen, die quinkeln über den äußersten Steg hinweg … Das gibt ein Unglück! …

Aber – der Maestro bringt sie alle wohlbehalten in seine Schlußcoda zurück … Baß, Trommel, Posaune finden sich in harmonischer Vereinigung bei den letzten Takten wieder zusammen … Alles bricht in pyramidalen Jubel, in „Fanatismo“ aus … Der taktirende Maestro verbeugt sich gelassen und ruhig, „der Tanz ein Leben“ oder „das Leben ein Tanz“ ist beendet und nebenan – sind die Tische weiß gedeckt für die harmlosesten Bedingungen des irdischen Daseins – „Backhänerln“, „Roßbrateln“, „Beflamoths“, „lämmernen Hasen“, „Engländern“ und allen möglichen Nationalgerichten der classischen Küche Oesterreichs …

________

So war auch das Gewirr, in das Benno von Asselyn eingetreten …

8 So übertäubt – im Spätherbst, beim Blätterfall und häufigen, noch warmen Regenschauern schon an die bevorstehenden Freuden des Winters erinnert – irrt er durch die Straßen Wiens – verfolgt von bunten Anschlagzetteln, Aufforderungen zu Lust und Freude … Eben sehen wir ihn in die stolze Herrengasse treten …

Fußgänger umdrängen ihn, Wagen rollen, Rosse sprengen dahin … Nur immer Achtung! Ausweichen! Ausweichen! … Auch den von den Regenschirmen niedergießenden Fluten …

Einige Minuten verlieren wir den trotz seiner Aufregung bleichen jungen Mann mit seinem regenfeuchten, schwarzen Bärtchen, im triefenden, neuerfundenen Macintosh, vor Wirrwarr um sich her und in sich selbst – ohne Regenschirm! – …

Aber bald tritt er aus einem hohen, mit Karyatiden geschmückten vornehmen Palast wieder hervor …

Er sinnt: Wohin? … Auf die Schottenbastei hinaus zur Linken? … Auf die Freyung zu meinem guten Chorherrn hinüber, bei dem ich wohne? … Zu den Zickeles, an die du empfohlen und für jeden Abend geladen bist? … Oder noch in irgendein Theater? … Das Burgtheater soll ja – in der Nähe sein …

Da ruft ihn der Portier zurück …

Verzeihen’s! … Den Dreimaster lüftend, fragt er: Waren’s Herr Baron von Asselyn? …

Mein Name! …

Benno von Asselyn war schon zweimal unter dem hohen Portal des gräflich Salem-Camphausen’schen Pa-9lais gewesen, hatte schon zweimal mit dem Hüter des Eingangs über die Nichtanwesenheit des Grafen gesprochen … Diese Leute haben nur ein Gedächtniß für empfangene Trinkgelder …

Ein Brief für Euer Gnaden vom Herrn Grafen Erlaucht sollte eben zum Herrn Baron hinübergetragen werden! …

Der Brief lag auf dem Sims des kleinen Guckfensterchens der Portierstube … Benno nahm ihn an sich … In der Auffahrt des Palais brannte hochoben eine etwas düstere Lampe … Der Portier deutete auf sein Stübchen und ein dort befindliches Licht, das zwar auch keine Millykerze war, aber es reichte hin für die kurze Lectüre … Eine Secunde und Benno hatte gelesen, daß ihn Graf Hugo aufs dringendste morgen zum Frühstück auf seinem Schlosse Salem erwartete …

Der Portier sah dem schlanken jungen Manne jetzt voll Spannung nach und ahnte und vermuthete etwas … Die Bedienung eines großen Hauses hat ein scharfes Auge für die innern Angelegenheiten ihrer Herrschaft … Hängt Der mit unser Aller Schicksal zusammen? mochte er denken und sah lange hinter ihm her, sah, wie der junge Mann davonschoß und so in Gedanken, daß er immer noch nichts vom Regen zu merken schien …

Benno hatte sich rechts gewandt, ging, auf die morgende kleine Reise gespannt, und fühlte nun doch wol an seinem Hut und den Stiefeln, daß es Zeit war irgendwo unterzutreten …

Er stand am Burgthor …

10 Da las er an einer vom Thor geschützten Wand:

„K. K. Hofburgtheater.“

Hamlet, Prinz von Dänemark.“

Er trat in das nahe kaiserliche Theater …

Ein labyrinthisches, von kleinen Winkelgängen durchkreuztes Gebäude nahm ihn auf … Schwer fand er sich zurecht bis zur „Kassa“ … Noch war diese offen, aber kein Billet mehr zu haben … In Oesterreich gewöhnt man sich – mit Unrecht – nur an diejenigen Unmöglichkeiten zu glauben, die sich auch dem Klang des Silbers gegenüber nicht wegräumen lassen … Benno’s Zweifel fanden kein Gehör. Er verließ ohne Billet die „Kassa“ und verwickelte sich in den Gängen …

Ein gefälliger Herr, der sich verspätet zu haben schien und hinter ihm herging, wies ihn zurecht … Der Ausgänge schien es mehrere zu geben … Der freundliche Herr ließ es sogar geschehen, daß Benno in eine Wachtstube gerieth, die ganz den bekannten Kasernenduft hatte … Grenadiere spielten hier Karten und dennoch huschten Damen in eleganten Kleidern hindurch, ja Benno stand sogar plötzlich zweien Gestalten gegenüber, die jedenfalls zu dem Gefolge des Königs Claudius von Dänemark auf der Bühne gehörten …

Der fremde Herr sah Benno’s Erstaunen und sagte zu ihm lächelnd:

Ei, Sie sind fremd, mein Herr? …

Schon zog er die Dose gegen den Wachtstubengeruch …

Nicht wahr, das erinnert Sie an eine Dorfkomödie? 11 fuhr er fort. Aber es thut mir leid, daß Sie vielleicht mit diesem Eindruck weiter reisen! Sie haben kein Billet bekommen … Wenn ich Ihnen einen Platz in meiner Loge – Bitte … In allem Ernst … Meine Loge liegt zwar nur im dritten Stock … Despectirlich ist das aber keineswegs, lieber Herr! … Ohne Spaß … ich mache mir sehr ein Vergnügen daraus … Kommen Sie nur! …

Das gemüthliche Air des feinen Herrn war so einnehmend, daß Benno in der That nach einigem Zögern, aber auch fernerem Zureden folgte …

Ich gehe voran! sagte sein Führer und plauderte im Gehen:

Nicht wahr, Sie denken hier an eine mögliche Feuersbrunst? …

Er deutete auf die Enge der Logentreppen … Man ging in die Stockwerke hinauf, wie auf einer Wendeltreppe zu einem Thurm. Im seltsamen Contrast zu dieser Aermlichkeit standen die reichgallonirten Diener mit ihren Servirbrettern, auf denen sie „Gfrornes“ trugen …

Benno entschuldigte sich unausgesetzt über seine Dreistigkeit und schüttelte seinen Hut und seinen Macintosh …

Im Gegentheil! erwiderte sein freundlicher Protector und ordnete inzwischen gleichfalls seine Toilette und mit einem Kämmchen sein weißes, krauses Haar … Die Dreistigkeit ist auf meiner Seite … Sehen Sie nur, jetzt muß ich Sie auf meine beiden Plätze sogar durchs Paradies führen … Aber zur Linken haben wir dennoch einen kaiserlichen Hofrath und zur Rechten einen Millionär von der haute finance … Die Logen sind 12 bis in den Kronenleuchter hin schon auf Jahre voraus gesucht … Und wie ist das heute überfüllt … Immer so bei denen classischen Stücken jetzt und besonders wann im Kärnthnerthor eine durchgefallene deutsche Oper wiederholt wird …

Durch die dichtgedrängte Galerie machte der Logenschließer dem gesprächig satyrischen Herrn Platz und nahm den nassen Macintosh, unter dem Benno sich glücklicherweise im Salonfrack befand … Fast in der Nähe des Kronleuchters lag allerdings die Loge des freundlichen Führers … Die Ränge waren eben nicht zu stark besetzt … Desto voller war es unten … Kopf an Kopf in einem langen düstern Saale, dessen Bauart mehr zum Hören, als Sehen des auf einer schmalen Scene Dargestellten bestimmt schien … Eben sprach der Darsteller des Hamlet eine der längern wirksamen Reden in melodischem Tonfall, mit ebenso viel Kraft wie Anmuth … Befangen suchte sich Benno in seine so schnell und überraschend ihm gekommene Situation zu finden … Sehen konnte er allerdings vom Spiel so gut wie nichts … Er mußte sich an die Worte halten und an seines Begleiters Erläuterungen, die von einem: Guten Abend! hier, von einem: Küß’ die Hand! dorthin unterbrochen wurden …

Die Beschwörungsscene war im Gange … „Schwört auf mein Schwert!“ sprach Hamlet, der mit hinreißendem, vielleicht zu vielem Feuer gespielt wurde …

Im Saal war alles todtenstill … Man hörte das dumpf aus der Erde kommende: „Schwört!“ des Geistes … Alles das hinderte aber ebenso wenig den 13 Protector Benno’s wie die Umgebungen immerfort dazwischen leise zu kritisiren und zu „plauschen“ …

Schau, schau! sagte ersterer. Das schreibt sich gewiß unser Herr Professor da auf … „Schwört auf mein Schwert!“ … Nicht wahr, lieber Professor, das ist für ein italienisches Ohr rein kalmückisch? … „Schwört auf mein Schwert!“ … Ich muß aber auch sagen, was der Deinhardstein da wieder für eine Uebersetzung genommen hat … Oder soll’s ausdrücklich ein Wortwitz à la Sa – Ei guten Abend, Resi! … Ei, küß’ die Hand! … Wie kommt denn heute der Professor in Ihre Begleitung – Protegirt er auch den Herrn – Wie heißt der neue Debutant, den die Kaiserin protegirt? … Kein Zettel da? … Die Unordnung in denen Logen greift immer mehr um sich! … Warum ist kein Zettel da? …

Für Benno mußten diese Absprünge des Tons vom zartesten Gemüth bis zur schärfsten Ironie, jetzt an den Logenschließer zur entschiedensten Grobheit, höchst charakteristisch sein … In einem und demselben „Geplausch“ wurde der Logenschließer geputzt, ein junges, heiteres Mädchen, das vor ihm saß, angeredet, eine höchst steife, lange Figur, in einer weißen Halsbinde neben ihr ironisirt, der fremde junge Mann unterrichtet, die Darstellung beurtheilt, alles mit derselben Lebhaftigkeit und den leichtesten Uebergängen eines Seelenzustandes in den andern. Bald Gefrierpunkt der Kritik, bald Siedepunkt des Enthusiasmus … Dazu noch die Dose gezogen und geschnupft und Benno nach dem wievielten Tag seines Aufenthalts gefragt, auch auf die Theuerung 14 Wiens aufmerksam gemacht und bei alledem auch noch eine bedeutende Persönlichkeit in dieser Loge und in jener lorgnettirt …

Die Ringsumsitzenden hatten im Grunde alle dieselbe Manier. Sie fanden wenigstens diese quecksilberne Beweglichkeit, dies Abspringen von der Hitze im Saal auf das heute „ein Bissel“ mangelnde Feuer im Spiel „der Uebrigen“, von der brillanten Toilette dieser und jener Fürstin auf die „schauerlich“ schlechte und abgenutzte Decoration in der Scene ganz in der Ordnung. Und bei alledem, wenn auch noch soviel kritisirt und „mechant“ gefunden wurde, bei einem: Bravo! stürmte sich ein förmliches Liebesfeuer von Enthusiasmus urplötzlich entbrennend aus … Trotzdem, unmittelbar darauf erfolgend, über dies und das ein leises: „Unter der Würde!“ …

Benno sah, daß diese Art, sich zu geben, aus dem Gemeingefühl einer Stadt entspringt, deren Bewohner sich gleichsam zu einer einzigen großen Familie bekennen … Die Worte „Herz“, „Gefühl“, „Gemüth“ wurden sowol hier, wie auf den Brettern gehandhabt wie eine Prise Schnupftaback … Die schwungvolle Darstellung des Hamlet ausgenommen, war die Vorstellung mehr im Geiste Iffland’s … „Vater“, „Mutter“, alle diese Worte wurden mit einer besonders biedern Treuherzigkeit betont. An seinem Protector fiel Benno auf, wie er ihn trotz seiner kindlichen Harmlosigkeit doch ab und zu höchst scharf beobachtete … Sogar eine klug lauernde Kälte lag in dem Blick der kleinen glänzenden Augen mit höchst scharfen grauen Brauen …

15 Ein Zwischenact trat ein, den eine würdige Musik belebte …

Benno konnte sich jetzt in seinen nähern und entferntern Umgebungen zurecht finden. Auch fiel er selbst schon auf – nach seiner schlanken edeln Gestalt, nach einem feinen Lächeln der anziehenden Gesichtszüge einigen Entfernteren … Nach seiner fremdartigen Aussprache allen Nähersitzenden … Die Plaudereien seines Protectors veranlaßten die vor ihm Befindlichen, sich öfters nach ihm umzusehen …

Nur dem Italiener wurde das Umsehen schwer. Entweder war der Nacken zu steif oder nur die weiße Halsbinde war es. Flüchtig erhaschte Benno ein gelbes, von Blatternarben entstelltes Antlitz. Um so lieblicher hob sich von ihm der schelmische Mädchenkopf ab, die Resi, wie sie sein Protector nannte … Es war eine muntere Brünette, nicht mehr „zu jung“, die sich unausgesetzt gar lustig halb italienisch, halb deutsch mit ihrem Nachbar neckte. Der Italiener blieb auch kalt zu diesen Spöttereien. Seine Gesichtsformen schienen von einer Pergamenthaut überzogen zu sein, die sich nicht veränderte, auch wenn er selbst etwas sprach, das andre lachen machte … Resi stritt mit ihm über den Charakter der Deutschen und nannte Hamlet einen Dänen, auf den die Malicen ihres Nachbars nicht im mindesten paßten …

Ma questo strofinaccio ha frequentato una universitâ tedescha! sagte der Italiener …

Benno verstand und sprach das Italienische wie seine Muttersprache … Er durfte annehmen, daß der Professor, der Hamlet seiner Thatlosigkeit wegen einen 16 „Waschlappen“ genannt hatte, ein Musiker war. Resi lenkte ihre jetzt zorniger werdenden Erwiderungen immer auf das musikalische Gebiet …

Sein Führer, der endlich den Theaterzettel bekommen hatte, las diesen laut, lachte dabei über den Streit, blinzelte Benno zu und sagte:

Der Laërtes – der soll engagirt werden … Eine Empfehlung aus München … Der ganze Hof ist deshalb zugegen … Resi, wie kommt’s, daß heute der Dalschefski seinen Platz abgetreten hat? … Herr Professor, eine seltene Ehre für die deutsche Kunst! … „Müller“ heißt der Debutant … Die allerhöchsten Herrschaften sind so außerordentlich gnädig … Der Mensch kann aber seine Beine noch nicht halten …

Benno würde an dem kleinen Kriege auf den Bänken vor ihm, wo sich noch eine ältere Dame und ein anderer Herr befanden, seine harmlose Freude gehabt und sein schmerzlich zerrissenes, hochgespanntes und sozusagen überbürdetes Gemüth erleichtert haben, wenn nicht plötzlich im Lauf der Neckereien sein Begleiter mit einem Namen wäre angeredet worden, der ihm das Blut erstarren machte …

Und mehr noch …

Kaum hatte er die Anrede: „Herr von Pötzl“ zum zweiten mal vernommen, da stieg sein Schrecken bis zur Besinnungslosigkeit, denn im weitern Verfolg der wieder neubegonnenen Handlung auf der Bühne reichte ihm sein Führer das Perspectiv mit den geheimnißvoll geflüsterten Worten:

Jetzt aber! Jetzt schauen’s! … O ich bitt’! … Da – 17 Das ist merkwürdig! … Unser Schicksal! Im Hamlet!… Dieser Herr Müller ist gut empfohlen … Nein, schauen’s doch, Resi! … Beim Staatskanzler – Alle die römischen Herrschaften … Der Principe Rucca … Und die Dame da … Das ist die Herzogin von Amarillas …

Benno lehnte das ihm dargereichte Perspectiv ab …

Seine Hand zitterte … Sein Athem versagte ihm …

Bald richtete er sein Auge starr auf den Träger eines Namens, der – er wußte es jetzt – seiner Schwester Angiolina gehörte, bald auf die ihm noch im fernen Lampen- und Lichtdunst schwimmende Erscheinung – seiner Mutter – –

Das Spiel ging indessen weiter … Aber es wogte ein Rauschen und Flüstern durch den Saal …

Die eben eingetretenen fremden Herrschaften, die mit dem aus Rom gekommenen Cardinal Ceccone in Verbindung gebracht wurden, erregten das allgemeinste Aufsehen … Es kamen immer mehr …

Der Principe Rucca war ein junger Mann im rothen, gestickten Kleide …

Auch der Name Maldachini wurde genannt …

Alle Gläser richteten sich nach jener Logenreihe und Resi’s Frage sogar: Ja, mein Gott, trägt denn der kleine Rothrock nicht gar ein schwarzes Pflaster überm Auge? mehrte Benno’s Aufregung … Denn nach einem erst heute früh erlebten Vorfall sah er, daß er mit den Personen, die er mit heißester Sehnsucht suchte und – mit Entsetzen und Grauen floh, bereits zusammengetroffen war, ja mit ihnen schon in einer Verbindung stand …

18 Zweimal erwiderte er, auf alles Erläutern und Zeigen seiner Umgebungen:

Wessen – Loge – ist das? …

Des Staatskanzlers! hieß es …

Doch auch die Logen neben jener hatten sich inzwischen gefüllt …

Benno kämpfte mit sich, ob er bis zu Ende bleiben sollte …

Hamlet’s Lage war seine eigene … Auch mit ihm sprachen ja Geister, die außer ihm hier niemand sah … Auch ihm sträubten Enthüllungen das Haar zu Berge; auch ihn hätten sie wach rufen sollen zu Thaten der Sühne und Gerechtigkeit … Aber auch ihm lähmten hundert Erwägungen den Arm … Wahnwitz, das fühlte er jetzt, kann den ergreifen, der ein Ungeheueres machtlos im Busen bergen soll … Auflodern, allen zurufen hätte er mögen: Das ist ja meine Mutter! … Er hätte seinen Nachbar anrufen mögen: Wie trägst du, du nur den Namen meiner Schwester? … Ophelia, angeredet von Hamlet mit dem unendlich schön gesprochenen Abschiedswort: „Geh’ in ein Kloster!“ verwandelte sich ihm in die Trägerin seiner eigenen Leiden … Daß man dann sagte, die Gräfin Olympia Maldachini sähe so keck sich um, wie in einem Ballsaal, ließ ihn vollends erbeben … Auch sie kannte er ja … Sie schon ihn … Die Loge war zu entfernt für sein Auge ohne Bewaffnung durch ein geschärftes Glas … Dennoch bog er sich schwindelnd über, um zu sehen – um starren zu können …

Wieder war inzwischen der Vorhang gefallen … Wieder begann eine Zwischenmusik …

Der Professor, der inzwischen ebenfalls in große 19 Aufregung gerathen war, erklärte, nur eben dieser „Römer“ wegen hätte er den Platz des Professors Dalschefski übernommen … Er zankte mit Theresen … Er war aufgestanden und sprach jetzt mit höchster Lebendigkeit seiner bisher so starr gewesenen Gesichtszüge die italienischen Worte:

Ja! Das sind sie! … Die Herzogin kenn’ ich nicht … Aber sehen Sie nur den Grasaffen, den Rucca! … Und das, das ist die kleine Gräfin Olympia! … Corpo di Bacco! … Als zehnjähriges Kind schon hatte der Fratz sich in einen Apollino im Braccio nuovo verliebt, verlangte vom Cardinal Ceccone, ihrem – Onkel, ihm einen Kuß geben zu dürfen, springt selbst an den jungen marmornen Gott hinauf, umschlingt ihn und beide stürzen vom Postament herunter … Thorwaldsen hat ihn restauriren müssen … Und ein ander mal – ha, da hat – diese Olympia – –

Ich muß aber bitten! Schweigen Sie! unterbrach ihn Resi entrüstet … Die Dame hat auch bis dahin Ihre Verleumdungen gehört! Eben richtet sie das Lorgnon auf Sie! … Wahrhaftig … Herr von Pötzl, schauen’s doch! … Das ist ja prächtig! Sie ruft den mit dem schwarzen Pflaster, auch die Herzogin und die sämmtlichen Cavalieri – geben Sie Acht, Professor, Sie müssen ihr Revanche geben, Sie unverbesserlicher Carbonaro! …

Herr von Pötzl bestätigte alles, staunte und lachte übermäßig …

Benno aber stand, als schwebte er, ein Fieberkranker, in den Lüften …

Nein, die ist ungenirt! … sprach alles ringsum durcheinander … Wie in Neapel! …

20 Sie grüßt wirklich hier herauf! lachte Herr von Pötzl … In der That bestätigten alle, durch ihre Lorgnons blickend, daß die Kleine mit dem Diamantendiadem zu ihrer Loge hinauflache …

Sie ergriffe eben das Taschentuch und winke herüber, ergänzte Resi …

Wem gilt denn das? … sagte Herr von Pötzl hocherstaunt und schaute sich überall um und fixirte endlich den Fremden neben sich, seinen Protégé …

Dieser stand keiner Besinnung fähig … todtenbleich … Eben streckte Benno die Hand vor, um das ihm dargereichte Perspectiv zu ergreifen, da blieben ihm die Finger wie gelähmt hängen …

Er sank bewußtlos auf seinen Sessel zurück …

Sie sind unwohl! rief Herr von Pötzl erschrocken … Ein Glas Wasser! Bitte … oder kommen Sie … Frische Luft! …

Benno erhob sich allmählich, lehnte Hülfe ab … Das Spiel begann eben wieder … Er wandte sich zum Gehen …

Ja, gehen Sie lieber, mein bester Herr, sagte Herr von Pötzl ängstlich besorgt … Der Dunst der Lampen hier oben ist aber auch heute fürchterlich …

Benno wollte ablehnen … Herr von Pötzl führte ihn, während alles rings voll Theilnahme aufgestanden war, selbst durch die Sitzreihen der Galerie und hinaus auf den Corridor.

Es war der zweite Tag, den Benno in Wien verbrachte.

21 2.#

Als im Beginn des diesjährigen Frühlings Benno von Asselyn mit seinem Freunde Thiebold de Jonge von Witoborn nach der Residenz des Kirchenfürsten zurückreiste, that letzterer „von seinem Standpunkte aus“ alles Mögliche, die schmerzlichen Nachklänge des so gänzlich den „gehegten Erwartungen nicht entsprochenen“ Witoborner Aufenthaltes zu mildern …

Was nur aus dem unerschöpflichen Born seiner guten Laune zu schöpfen war, gab Thiebold zur Zerstreuung bereitwilligst her, und sogar seine eigene Person …

Doch Benno blieb für alle Anschläge seines erfinderischen Genius unempfänglich …

Ja er verdarb Thiebold sogar den „Spaß“, daß dieser Extrapost nehmen wollte, um in der „Einsamkeit der Landstraße“ den „gegenseitigen Gefühlen“ Luft zu machen …

Benno kannte diese Thiebold’schen Extrapostfahrten mit ihren „gemüthlichen kleinen Aufenthalten“ von vier bis fünf Stunden, ihren Nachtlagern, ihren Wirthshausbekanntschaften, ihren Abstechern auf gerade den Abend angesagte Casinobälle in kleinen Städten, zu denen sich 22 Thiebold sans gêne wie ein alter Stammgast einzuladen verstand …

Sie fuhren mit der Schnellpost und kamen auf diese Art rascher als mit Thiebold’scher Extrapost wieder zurück in ihre „laufenden Verhältnisse“ …

Das durch vier Mitpassagiere auferlegte Schweigen über die Resultate der Witoborner Erfahrungen hatte etwas Feierliches … Thiebold verbrauchte seinen letzten Cigarrenvorrath mit Blicken der Resignation … Er gefiel sich in dem von ihm sonst so oft an Peter unerträglich gefundenen System des Au contraire gegen sämmtliche Mitpassagiere, deren Behauptungen ihm in der Regel unbegründet und haltlos erschienen, ob sie nun den Segen der zu erwartenden Ernte oder die projectirten Eisenbahnlinien oder die Zukunft der damals neuerfundenen Stahlfedern oder den Kirchenstreit betrafen … Thiebold wußte zwar, daß er durch seine unausgesetzten: „Erlauben Sie!“, mit denen er seine „thatsächlichen Berichtigungen“ einführte, Benno zum stillen Märtyrer machte, aber es blieb ihm unmöglich, die Aufregung seines Gemüths, den „stellenweisen“ Schmerz seiner Erinnerungen anders zu beschwichtigen, als durch eine auf fortwährende Berichte von „Augenzeugen“ gegründete Polemik … Nur in der Nacht traten Pausen der Ergebung ein, die Thiebold theils durch Schnarchen, theils durch Seufzer ausfüllte … Hätte er nicht von Seiten Benno’s das schnöde Wort: „Machen Sie sich nicht lächerlich!“ gefürchtet, er würde von den Sternen gesprochen und die von Joseph Moppes immer so zart gesungene Arie mit nachgeahmter Waldhornbegleitung intonirt haben: „Ob sie meiner noch gedenkt?“…

23 Als dann Thiebold seinem Vater hinter „Maria auf den Holzhöfen“ über die „verfehlte Speculation“ des Ankaufs der Camphausen’schen Waldungen, infolge des bedeutungsvollen Fundes der Urkunde und des Abbruchs aller Verhandlungen mit Terschka drei Tage vor der ihnen noch nicht bekannten Flucht desselben, berichtet und dafür ein: „Gesegn’s Gott!“ geerntet hatte, fand sich leider „noch immer die stille Stunde nicht“, nach der sein Herz sich sehnte, die Stunde, um mit Benno „alles durchsprechen“ und das Thema variiren zu können: „Ist denn wol das alles ein Traum gewesen?“ …

Benno hatte sofort mit den Berichten zu thun, die er Nück zu erstatten hatte …

Thiebold selbst war theils überhäuft mit Commissionen, die ihm die Stiftsdamen mitgegeben, theils war seine Ankunft die erfüllte Sehnsucht aller seiner übrigen Freunde, besonders Piter’s, den Treudchen’s Flucht ins Kloster und die bevorstehende mögliche Einkleidung des geliebten Wesens „rein in einen Schatten“ verwandelt hatte …

Erst die überraschende Mittheilung, daß sich auf einer Reise nach England Wenzel von Terschka einige Stunden in der Stadt aufgehalten, ohne jemanden zu besuchen, brachte den „Austausch der Gefühle zuwege“, nach dem Thiebold so dringend verlangte … Eines Abends sechs Uhr war es, auf der Straße, die Sonne war noch nicht untergegangen, die letzten Austern, „auf die man sich allenfalls noch verlassen konnte“, waren aus Ostende angekommen … Ein stiller Winkel auf dem Hahnenkamm lockte mächtig … Benno wurde gezwungen zu folgen … Benno tadelte keinen einzigen Vorschlag, den 24 Thiebold über die Sorte Wein machte, die sie zu den noch „unbedenklichen“ Austern wählen wollten …

„Terschka geht denn also nach England, um die Gräfin über die Urkunde und die gänzliche Veränderung der Dinge auf Schloß Westerhof in Kenntniß zu setzen“ …

Das war das wehmuthsvolle Thema und anders noch konnten die Vermuthungen nicht lauten …

Die zweite Schlußfolgerung war die Ahnung von einer Heirath Paula’s mit dem Grafen Hugo …

Die dritte die Unentbehrlichkeit Armgart’s für Paula und demzufolge – die Heirath mit dem Freund des Grafen, mit Wenzel von Terschka, selbst …

Nie hatte Thiebold seinen männlichen Freund so kleinmüthig gesehen, nie so nachgiebig gegen jede Vermuthung … Benno lehnte selbst die Hypothese nicht ab, daß Armgart „keinem von ihnen beiden hätte wehe thun wollen“ … Beide Freunde redeten sich in das Unergründliche so hinein, daß Benno sich zuletzt die schwarzen Locken aus der heißen Stirn strich, wild den Arm aufstemmte und alle jene Anklagen des Schicksals ausstieß, die Thiebold sonst „unmännlichen Weltschmerz“ zu nennen pflegte … Heute „unterschrieb“ er alles, was Benno in sein grünes Römerglas wetterte … De Jonge! Ich fand Ihre Entsagung natürlich … Ich würde Ihnen Armgart nimmermehr gelassen haben … Vergeben Sie mir diese offenherzige Sprache … Selbst auf Gefahr, Sie zu beleidigen …

Unter Männern volle Wahrheit! entgegnete Thiebold und stieß die leeren Austerschalen zurück, um für neue Platz zu machen, die er wie mit einem Mordmesser behandelte …

25 Sie konnte in der That nur mich lieben! … Ich habe Vorzüge vor Ihnen … Nicht daß ich lateinisch, griechisch und italienisch verstehe, de Jonge … Sie sprechen englisch und spanisch … aber mein Vorzug liegt im Herzen! … Mein Herz kann lieben, das Ihrige nicht, de Jonge! … Morden Sie mich dafür mit Ihrer Austerngabel! …

Nein im Gegentheil! rief Thieoold und seine Augen leuchteten vor Begeisterung über seinen Freund … Nein! Sie haben recht! Ich schaudere über mich selbst … Ich kann lieben – nie aber auf die Länge! …

Thiebold schenkte mit wilder Geberde die Gläser voll … Sein ganzes Sein war aufgelöst in – Behagen nur allein über Benno’s „edle Vertraulichkeit“ … Ja, zum Beweise, daß er Ursache zum Zorn hätte, doch sich „zu mäßigen wünsche“, warf er sein Glas hinterwärts in tausend Scherben … Was kostet das? setzte er zum erschrocken herbeieilenden Kellner hinzu … Diese Stunde ist mir in dem Grade feierlich, Louis, erklärte er dem Staunenden, daß nie wieder ein Mensch aus diesem Glase trinken soll! Geben Sie mir aber ein neues! …

In dieser Art „sprachen“ beide Freunde von sieben bis gegen Mitternacht in einer „stillen Stunde“ ihre Witoborner und Westerhofer Erinnerungen, ihre Anschauungen über Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft „durch“ … Beide Jünglingsseelen nenne man deshalb nicht oberflächlich in ihrem Schmerz … Männer bedürfen solches heftigen Ausbruchs ihrer Gefühle … Benno tobte und fand es unerträglich, daß der Kellner sich unterstand, mit dem Besen die Splitter zusammen-26fegen zu wollen … Hinaus! rief auch er … Beide Freunde waren nicht im mindesten trunken … Das ist die Jugendkraft … Zorn, Eifersucht, Schmerz müssen in jungen Seelen solche Formen haben, um zu den einmal nicht zu ändernden Gesetzen des Lebens zurückkehren zu können …

Acht Tage nach diesem Abend, der nichtsdestoweniger in Benno’s Seele nur neue Wunden schnitt, nicht heilte, erhielten beide Nachricht, daß Terschka entflohen und ein Priester, ein Jesuit war …

Das Staunen mußte das mächtigste sein … Sie erfuhren die unglaubliche Kunde zu gleicher Zeit mit der Nachricht, daß Terschka in England zu bleiben gedächte, sich unter den Schutz Englands stellte, seinen Glauben entweder schon geändert hätte oder zu ändern gedächte und ohne Zweifel von Gräfin Erdmuthe, die einen Triumph über das Papstthum, eine Genugthuung für die entsetzenerregende Urkunde sah, Verzeihung erhalten würde …

Ueber Terschka’s Verhältniß zu Armgart mußte jetzt eine ganz neue Beleuchtung fallen und wieder begannen die Hoffnungen …

Bonaventura war es dann, der, unterwegs da und dort in Amtsgeschäften aufgehalten, erst vierzehn Tage nach ihnen eintraf und diese Thatsachen bestätigte …

Beide Freunde kannten Armgart’s katholischen Sinn … Aber stand nicht Armgart jetzt unter der Leitung ihrer Aeltern, deren freisinnige Richtung allbekannt war? … Jeder wußte, daß Armgart’s Aeltern sich um ihrer Principien willen ausgesöhnt hatten … Graf 27 Hugo ist Lutheraner, hieß es auf Nück’s Schreibstube, Terschka wird zum Grafen Hugo zurückkehren … Nück aber erklärte dies in Rücksicht auf Oesterreich für unmöglich …

Bonaventura kam trauernd, ernst und schweigsam … Es bestätigte sich: Er war Domcapitular geworden … In so jungen Jahren … Sein schnelles Emporsteigen auf der Staffel der geistlichen Würden war eine Folge der immer heftiger gewordenen Kämpfe mit der Regierung … Die alten Bewohner des Domstifts erlagen diesen Aufregungen … In auffallender Schnelligkeit raffte der Tod die schwachen Greise hinweg, die nicht mehr wußten, wie sie sich zwischen ihren geistlichen und weltlichen Oberhäuptern in der Mitte halten sollten … Der Kirchenfürst und sein Kaplan Michahelles blieben gefangen …

Bonaventura’s Stellung zum täglichen Gottesdienst veränderte sich infolge seines Aufsteigens … Doch bei feierlichen Gelegenheiten trat sie in desto höherer Bedeutung hervor … Gleich die Osterzeit theilte auch ihm den ganzen Nimbus mit, den gerade in diesen Tagen die katholische Kirche um sich zu verbreiten weiß … Auf die goldenen Gewänder, die Fahnen und Baldachine fällt gerade in dieser Zeit auch zugleich der Strahl der ersten Frühlingssonne … Jerusalems Palmen grünen in den noch kalten Kirchen … Ueber den Garten von Gethsemane breitet sich das abendliche Dunkel der Vigilien … Selbst den Hahn der Verleugnung glaubt man bei all diesen Nachbildungen der heiligen Leidens- und Ostervorgänge in den katholischen Kirchen rufen zu hören – 28 so weiß man das Alte wach zu halten … Bonaventura bedurfte dieser schönen Phantasmagorieen, um – sein Leiden zu mildern und – sein Denken zu unterbrechen …

Die Beichten kamen wieder, die Prüfungen in dem kleinen Flüsterwinkelchen, das Bonaventura nicht aufgeben durfte … Renate bat ihn um Schonung seiner selbst … Ihr Pflegling kam von Witoborn zurück um Jahre älter geworden … Mittheilsam sprach er ihr wol von der Mutter und breitete alles aus, was diese ihm für die alte Dienerin sowol, wie für ihn selbst mitgegeben … Aber es drückte ihn Schmerz und Unmuth … Er war umsponnen von wie viel geisterhaften Fäden! … Vision und Wirklichkeit hielten ihn in einem steten Zauberbann … Seine alten Zimmer behielt er in dem großen Gebäude des Domstifts … Gerade weil er so viel Neues in seinem Herzen trug, hatte er das Bedürfniß, äußerlich es beim Alten zu lassen …

Bonaventura sah Benno wieder, sah Nück, auch Lucinden … Wie gewaltige Veränderungen waren vorgegangen! … Aeußerlich sowol, wie innerlich … Benno konnte er nicht sehen ohne die tiefste Rührung … Immer und immer empfand er den Reiz, dem Freunde die Binde von den Augen zu reißen und ihn ohne Rückhalt über seinen Ursprung aufzuklären … Noch aber fehlten die vollen Verständigungen darüber mit dem Dechanten und seinem Stiefvater … Von Stunde zu Stunde mußten sie kommen …

Nück war und blieb Bonaventura ein Gegenstand des Grauens … Der Unheimliche umschlich seinen Beichtstuhl und gab nicht undeutlich zu erkennen, daß er 29 von mancher Bürde frei zu werden wünschte … Bonaventura lenkte die Geständnisse, die bald aus diesem Munde an sein Ohr drangen, auf den Brand von Westerhof, auf die Urkunde … Nück stellte sich da völlig nichtwissend … Aber bei den Verirrungen seiner Phantasie blieb er stehen und fragte eines Nachmittags geradezu, was die Kirche riethe, wenn man sich von allen seinen Sünden und Schwächen aufraffen wolle und es auch könne, jedoch von dem einzigen dazu verhelfenden Mittel eingestehen müsse, daß es nicht minder der göttlichen Verzeihung bedürfe … Bald kam die fast geflissentliche Hindeutung auf Lucinden … Das war die ganze Absicht dieses Beichtstuhlbesuchs … An Wahrheit und Aufrichtigkeit konnte einem Nück nicht gelegen sein … Warum sprach er von einem Wesen, das er nicht nannte, das ihn frevlerisch bestricke, von einer verzehrenden Glut ihres Athems, von seinem Bedürfniß, sich von einem so starken weiblichen Willen beherrschen zu lassen, ja daß er schon jetzt nichts mehr ohne sie thäte? … Nück sprach von einer Aenderung seines ganzen Lebens, von einer Aufgabe seiner Geschäfte, einem Zurückziehen ins Privatleben, von Ankauf eines Gutes, von Reisen in südliche Gegenden … An allem ist sie betheiligt! sagte er seufzend und so betonend – als wollte er nur den Priester selbst damit durchbohren …

Das rauhe, struppige Haar des hochberühmten Rechtsgelehrten neben ihm flößte Bonaventura den tiefsten Abscheu ein … Er beeilte sich, von dem häßlichen Bild dieser Seele hinwegzukommen … Abschüttelnd, was vom sogenannten Molinismus oder der Jesuitenmoral 30 in solchen Fällen des Verhältnisses der größern zu kleinern Sünden gerathen wird: Sei wie die entwöhnende Amme! Verwandle, was du dem Sünder bietest, erst in einen dem Kind die gewohnte Milch vergegenwärtigenden Brei! sprach Bonaventura:

Was sind das für geringere Sünden, mit denen man größere austreibt! … Lesen Sie die Schrift und Sie werden David’s Leidenschaften und seine Reue finden! … Ich will Sie an den Knaben David erinnern, wie er den Riesen Goliath erschlug … Er hielt sich zu seinem Schleuderwurf fünf Steine bereit, obgleich ihm der Riese wol nicht für die Abschleuderung des zweiten Zeit gelassen hätte … Ein Uebel rottet sich am besten dadurch aus, daß man ihm die Nahrung nimmt … Ergreifen Sie noch vier andere Leidenschaften, ich meine edle Leidenschaften … Sie werden dann an die unedle fünfte nicht mehr denken … Beten Sie ein Ave auf dem Hügel der letztbegrabenen Angehörigen Ihrer Familie … Friedhöfe zu besuchen, das wäre eine der Leidenschaften, die ich meine … Legen Sie sich vier solcher steten Reservebeschäftigungen Ihres Thuns an und Ihre Phantasie hat eine Milderung …

Hendrika Delring war gemeint …

Was gibt es Heilenderes, als die Erinnerung an unsere Vergänglichkeit! … Bonaventura wußte nur nicht, wie wenig Nück’s verirrter Seelenzustand am Tode ein Grauen empfand …

Lucinden sah Bonaventura oft genug, nur nicht mehr im Beichtstuhl, den er ihr verboten hatte …

Er sah sie besonders in der Zeit, wo die Kattendyk’-31sche Familie sich nach Witoborn zu den Exercitien der Frau von Sicking begab …

Statt ihrer hatte sich erst Johannens Verlobter, der Professor a. D. Guido Goldfinger, an diese Uebungen anschließen wollen … Da der praktische Mann jedoch angefangen hatte, sich, erst „nur der Zerstreuung wegen“, auf Delring’s verlassenen Comptoirsessel zu setzen und Pitern im Familieninteresse der Jahresdividenden zu überwachen, so ging mit der Mutter und Schwester die Frau Oberprocurator …

In dieser Zeit war Lucinde tagelang in den Kirchen, flüchtete auch oft in die Rumpelgasse zu Veilchen Igelsheimer, auch auf den Römerweg zu Treudchen Ley …

Nück, in übermäßiger Freude über das gänzliche Verschollensein des Brandstifters Jan Picard, nicht einmal belästigt von dessen Drohbriefen um Geld, beruhigt sogar über Hubertus, der in der That mit Pater Sebastus auf der Flucht nach Rom war, lebte nur seinen jetzt doppelt entfesselten Begierden … Er suchte Lucinden mit allen nur erdenklichen Kundgebungen seiner Gefühle zu umstricken … Er vernachlässigte seinen Beruf und gab sich Blößen vor allen seinen Arbeitern … Benno bestätigte, was Bonaventura schon aus dem Beichtstuhl wußte … Sie wollen mich jetzt verlassen, jetzt?! rief Nück Benno und seine Augen traten in ihre Höhlen zurück und ließen nur einen einzigen weißen Schimmer sehen … Sie dürfen nicht! Sie müssen bleiben! … Und ich habe es gut mit Ihnen vor! lenkte er ein. Sie müssen eine glänzende Carrière machen … Dieser Staat hier bietet Ihnen nichts … Herr von Asselyn, Sie 32 bleiben? Wenigstens bis zum Herbst? … Ich wickle dann mein Geschäft ab und gebe meine Praxis auf … Werden Sie mein Nachfolger oder – ich erfinde noch etwas ganz Anderes für Sie … On ne marche quavec les hommes! sagte Mirabeau, fuhr er fort … An Menschen hänge dich an … Die nur tragen dich, wie der heilige Christophorus das Kind übers Meer trug … Meinungen, Ueberzeugungen, Pflichterfüllung – pah – das ist all nichts … Ich setze Sie auf die Schultern von Menschen – ja des ersten Mannes in der weltlichen Christenheit und Ihren Cousin, den Domcapitular, auf die Schultern des ersten Mannes in der geistlichen … Nur durch Menschen kommen wir vorwärts …

Benno, von Nück oft so auf Kaiser und Papst verwiesen, lachte, hatte aber die tiefste Abneigung gegen ihn. … Da er in der Proceßfrage der Camphausen arbeitete, hinderte ihn die eigene Theilnahme, von Nück zurückzutreten, wie er am Tage nach dem Auffinden der verdächtigen Urkunde gewollt hatte … Den Regierungsrath von Enckefuß sah er oft … Er mochte von seinen Ahnungen nicht selbst beginnen und dieser wollte entweder durch Schweigen seine Maßregeln verschleiern oder war zu sehr vom Antreten seiner eignen traurigen Erbschaft in Anspruch genommen … Dionysius Schneid durch Steckbriefe zu verfolgen, wie Herr von Enckefuß schon auf Schloß Westerhof vorgeschlagen, hatte Levinus von Hülleshoven nicht unterstützen wollen, obgleich die Spur des Verwundeten aufzufinden unmöglich war … Hubertus, der ihn geborgen, wurde vernommen, aber seine Aussage lautete auf ein freiwilliges Weiterwandern 33 eines Abenteurers, der für Pater Ivo und Löb Seligmann in den Gewölben einer Klosterkirche verschwunden war … Löb Seligmann hatte sich noch nicht veranlaßt gefühlt, in einer so frommen Gegend mit Zeugenaussagen hervorzutreten gegen Klöster und hohe Adelssitze …

Eines Tages – es war gegen Pfingsten – erhielt Bonaventura folgende Zeilen:

„Hochwürdiger Herr! Eine Novize bei den Karmeliterinnen, Gertrud Ley aus Kocher am Fall, wünscht schon seit lange Ihnen Beicht zu sprechen. Herr Cajetanus Rother verhinderte dies. Jetzt ist er lebensgefährlich erkrankt und bedarf eines Substituten. Es wird Ihnen ein Leichtes sein, von der Curie diese Stellung zu erhalten. Sollten Sie von dem Gerücht, daß Sie Comtesse Paula magnetisirten, Unannehmlichkeiten haben, so wollt’ ich Ihnen nur bemerken, daß, wenn auch jeden, der sich auszeichnet, Neid verfolgt, doch in diesem Fall die Intrigue der Frau von Sicking bei Witoborn die Veranlassung etwaiger Verdrießlichkeiten ist …“

Der überraschende Brief war ohne Namen, konnte aber nur, die Handschrift bewies es, von Lucinde kommen …

Bonaventura war aufs Aeußerste betroffen … Von der „Seherin von Westerhof“ hatte er überall unbefangen gesprochen … Die „Intrigue der Frau von Sicking“? … Diese Dame war von ihm vernachlässigt worden; er hatte gleichgültig von ihren Bußunternehmungen gesprochen … Dafür konnte sie an ihm Rache nehmen? … „Paula magnetisirt?“ … Die Geistlichen der Michahelles’schen Richtung beklagten aller-34dings, daß Paula’s Ekstase keine rechtgläubig religiöse war … Die Indifferenten lächelten öfters zweideutig, wenn sie mit Bonaventura von seiner Reise sprachen. Der Weihbischof, ein Greis, hatte ihm manches mitgetheilt, was hinter seinem Rücken gesprochen wurde … Sogar der Onkel Dechant hatte ihn in einem seiner jetzt öfter als sonst geschriebenen Briefe gewarnt vor bösen Gerüchten, auch Hunnius und Rother als seine Gegner genannt … „Gib Acht“, schrieb er ihm, „greift die Intrigue um sich, so verbieten sie Dir trotz Deiner hohen Stellung noch den Beichtstuhl … Halte Dich nur mit dem Generalvicar, der ein aufgeklärter Mann ist …“

Bonaventura hatte sich gelobt, Lucinden zu betrachten, als wäre sie nicht mehr für ihn auf der Welt … Er hatte zu Renaten, als ihm diese mittheilte, jeden Abend ginge eine verschleierte Dame an einem auf eine kleine Gasse hinausgehenden Fenster seiner Zimmer vorüber und sähe minutenlang hinauf – bittend gesprochen: Reden Sie doch nicht mehr davon! … Er wollte Lucinden vergessen … Er wollte den Muth zeigen, sich nicht zu fürchten vor ihren Drohungen … Bei jeder Leiche, die er segnete, sah er im Geist den Sarg von St.-Wolfgang offen und Lucinde mit dem „Geheimniß über sein Leben“ ihn anstarren wie die Sphinx … Er wollte auch jetzt von diesen Zeilen sich nicht erschüttern lassen, wollte nicht durch zu langes Verweilen bei ihrem Inhalt Lucindens wahrscheinliche Absicht unterstützen, mit Gewalt wieder Posten in seinem Innern zu nehmen … Der Abschied von Paula lag zu schmerzhaft noch auf seinem Gemüth … Er sah immer näher kom-35men, was ihm und Paula der Tod war, die von den Standesrücksichten gebotene Ehe derselben mit dem Grafen Hugo – mit dem Geliebten der leichtsinnigen und verlorenen Schwester Benno’s! … Das waren Fernsichten, gegen deren Düster das nächste Leid verschwand …

Da kam in der That ein Brief von der Curie, worin ihm die Inspection der Klöster anzeigte, daß die Damen auf dem Römerwege wünschten, ihn für die andauernde Krankheit ihres Beichtvaters bei sich in Stellvertretung zu sehen … An der kurzen Dauer, in der sich die Curie für die Genehmigung dieser Bitte entschied, sah er doch nur einen geringen Widerstand, der sich gegen ihn zu regen wagte … Freilich bürdete man ihm nur zu schnell jede neue Last auf …

So ging denn Bonaventura eines Tages in erster Morgenfrühe auf den Römerweg …

Er gedachte der ihm so werthen Gertrud Ley, gedachte, wie wol Paula von diesem Kloster zu sprechen pflegte, wenn die Rede ging, daß sie möglicherweise den Schleier nähme … Hier betete Schwester Therese, die ehemalige Verlobte des Pater Ivo, für das Heil der umnachteten Seele ihres Freundes, dem sogar noch ein Gelübde seiner entferntesten Ahnen zu einer Gewissensfrage hatte werden können … Immer lehnte er die Wahl gerade dieses Klosters ab; denn sich Frauen denken zu müssen unter einem geistlichen Führer, wie Cajetan Rother, mußte ihm der Anblick des – von Würmern zernagten heiligen Brotes sein … Er gedachte: Ist dies Haus, das so ganz versteckt und verbaut, äußerlich kaum neben einem kleinen Kirchthurm erkenn-36bar, zwischen dem Waisen- und Jesuitenprofeßhause liegt, der Himmel auf Erden oder die Hölle? … Wer ergründet das? … Die Bischöfe dürfen wol zuweilen diese nur den Frauen gewidmeten Räume betreten; sie dürfen in die Zellen blicken … Auch die Wahl eines fremden Beichtvaters, statt des gewöhnlichen, steht den Nonnen frei … Aber wie viel Dinge sind erlaubt und man versagt sie sich doch … Wie viel Klagen ersterben in Rücksichten … Wehe denen, die in einem Gemeinwesen etwas wagen, das dem allgemeinen Esprit de corps widerspricht … Bei den Nonnen macht sich vor allem die weibliche Natur selbst geltend, die räthselhafte Gattungsstimmung, für die die Männer selten richtiges Verständniß haben … Die weibliche Natur wird an die Gesetze des Lebens, an Hinfälligkeit und Schwäche mehr erinnert als wir … Die Männer bindet dann der Geist; ihre irdische Natur können sie zuweilen abstreifen … Frauen aber stehen immer im Zwang eines gleichen Naturlooses und entbehren der völlig freien Selbstbestimmung … Daher denn in einem Nonnenkloster der doppelt und dreifach gebundene Wille … Ein einziges Gefühl bemächtigt sich aller; der Instinct leitet sie; selbst die Freisten werden hinübergezogen in ein allgemeines Sklaventhum …

Das alles wußte schon Bonaventura … Dennoch hoffte er auf Ausnahmen … Verließ ihn selbst doch nicht die Vorstellung: Wer weiß, ob nicht eines der großen Benedictinerklöster in Oesterreich dir die Weltentsagung in anderem Lichte zeigen würde, als das Kloster Himmelpfort mit Klingsohr und Pater Maurus! …

37 Die Aebtissin, die er fand, war eine Greisin … Am Stabe daherwankend empfing sie den Domkapitular, der mit der ganzen männlichen Würde seiner äußern Erscheinung und in seinem Ornate kam … Sie geleitete ihn in die Kapelle, wo sich die Vorrichtungen des Beichthörens befinden … Das Kloster war von keiner zu strengen Regel … Einige der Schwestern widmeten sich der Erziehung im Waisenhause, wohin sie durch ein Gewirr von Gängen gelangen konnten … Die Annäherung des hochgefeierten Priesters schien Himmelsmanna für die verhungerten Seelen … Da und dort tauchten eilende Gestalten auf hinter den Gittern der kleinen Kirche … Leben und Bewegung, wenn auch geisterhaft und leise, regte sich ringsum … Dicht am Tabernakel befand sich ein Zimmer … Hier konnte sich Bonaventura ungestört allein angehören … Ein Zugfenster zurückschiebend, sah er in einen düstern Gang, von dem ihn ein einfaches, nicht wie am allgemeinen Sprachgitter übliches doppeltes Gitter trennte … Die Nonnen treten nicht frei in die Kirche. Sie wohnen selbst der Messe nur durch die vergitterten größeren und kleineren Mündungen ihres Klostergebäudes bei … Hier und da diente ein kleiner Ausbau aus der Kirche ins Kloster zu Beichten, wenn deren mehrere zu gleicher Zeit zu nehmen waren bei etwaiger Ueberfüllung an Bewohnern …

Bonaventura nahm in einem dieser kleinen Glaskästen Platz, während sein Akoluth Vorrichtungen traf zur Messe, die er hier morgen halten wollte … Mit dem Pfingsttage naht die österliche Zeit ihrem Ende 38 … Schon waren die drei „Bitt-Tage“ vorüber. Die morgende Vigilienfaste gehörte diesem Kloster als ein ganz besonderer Gründungs- und Seelenläuterungstag …

Es war draußen heiß, in der Kirche kühl … Hinter einem Gitter, das Bonaventura nicht ganz übersehen konnte, saßen die Harrenden in ihren braunen Kutten mit leichten weißen Mänteln und weißen Schleiern, einen schwarzen ledernen Gurt um den Leib … Von jeder, die sich ihm nahte, hörte man auf dem steinernen Boden das Knarren der groben Lederschuhe, die anderswo die heilige Therese entfernt hat, als sie aus den Karmeliterinnen Barfüßerinnen machte, wie ihr Freund, der heilige Petrus von Alcantara, den Orden der Franciscaner verschärfte …

Wer sollte glauben, daß auch diese abgeschlossene Frauenwelt Erlebnisse zu berichten hatte … Ihre Verrichtungen waren so einfach …. Gebet, Messe, Essen und Trinken, weibliche Arbeiten, Singen, Beten und Schlafen … Das war die Ordnung jedes Tages, etwa bei vier oder fünf ausgenommen, die Unterricht gaben – eine Licenz, zu deren Erlangung bis nach Rom hin hatte berichtet werden müssen …

Nach den ersten fünf oder sechs Beichten, die schon die Zeit bis fast gegen elf Uhr einnahmen – Treudchen Ley mußte als Neuling bis zuletzt bleiben – übersah der still horchende und murmelnde Märtyrer schon das ganze Seelenleben eines Nonnenklosters … Die hochbetagte Oberin sprach wie ein Kind … Sie schien seit Jahren dieselben Fehler zu bekennen … Sie hatte am 39 Rosenkranzgebet einzelne Kugeln übersprungen … Sie hatte um des geliebten Schlafes willen sich einigemal krank melden lassen … Sie hatte bei einem Uebermaß von Fliegen in ihrem Zimmer sie durch eine Jagd getödtet in den Zwischenpausen ihrer – Gebete … Alledem sprach Bonaventura milde und den Fehl eigentlich in anderm suchend, als die Beichtende … Da seine Gewohnheit war, durch eine plötzliche Querfrage eingelernte Beichten zu durchkreuzen und lehrreiche Stockungen des Gewissens hervorzubringen, so gestand ihm auch diese gute alte Frau zuletzt ein, daß sie allerdings in Streit und Zank lebte … Zunächst galt dann das Bedürfniß der Reue über leidenschaftliche Ausbrüche ihres Temperaments einer – Henne, die regelmäßig vom benachbarten Profeßhause der Jesuiten über die Mauer flog und durchaus ihre Eier hier bei den Karmeliterinnen im Garten legte. Um diese Henne und um diese Eier war das ganze Kloster in Aufruhr! … Die Aufwärterin von drüben, die Hanne Sterz, begehrte von der verflogenen Henne die Eier und im Kloster war man verschworen, sie nicht herauszugeben, die Vicarin ausgenommen, Schwester Therese … Das war nun die große, wochenlang alles ergreifende Frage unter diesen Frauen … Daran waren alle betheiligt … Wie oft saß Bonaventura zu St.-Wolfgang in seiner Jasmin- und Nachtviolenlaube und las die Worte der Braut im Hohen Liede: „Erquicket mich mit Blumen, labet mich mit Aepfeln, denn ich bin krank vor Liebe!“ oder er übersetzte Lope de Vega’s Sonett von jenen beiden Frauen, von denen Eva sogleich nach reifen Aepfeln griff und alles verlor, 40 Maria aber nur nach der künftigen Blüte aus der Wurzel Jesse und alles gewann – Renate konnte aber auch da während dessen mit den Nachbarn um Aepfel zanken, die über den Zaun gefallen waren, um Trauben, die bei ihnen reiften, während der Stamm im Pfarrgarten stand … Auf alles das ist ein katholischer Priester auch in der Beichte gefaßt … Daß sich aber auch ein Kloster von achtzehn Bewohnern um die Eier einer Henne in Gewissensscrupeln befand, entsetzte ihn – um Paula’s willen …

Die Schwestern dürften die Eier der Gartenverwüsterin und Klosterfriedensbrecherin dem Nachbar vorenthalten, entschied er, wenn sie dies in der Absicht, zu strafen, thäten und die nachlässige Besitzerin der Henne gewöhnen wollten, ihre Henne besser zu hüten … Sie würden es aber wahrscheinlich mit Schadenfreude gethan und sich am Besitz der Eier listig erfreut haben … Da wäre es denn freilich ein Raub … „Sammeln Sie jetzt die Eier und sind es ihrer jedesmal eine Mandel, so schicken Sie sie nebenan ins Waisenhaus!“ …

Als die Aebtissin mit diesem Bescheid gegangen war, kamen die alten Nonnen zuerst … Das Warten schien ihnen beschwerlich zu fallen … Rother hatte es auch so eingeführt, wahrscheinlich, um sie rascher zu entfernen … Fanatismus für Formalitäten, wie er namentlich im ehelosen Stand die Frauen mit der Zeit alle Stadien der Qual für sich und andere durchmachen läßt, sprach sich umständlich genug aus … Einige hatten dabei ein nervöses Zucken, andere eine Sprechweise, die vor Ueberhastung nicht einen einzigen geordneten Satz vorbringen 41 konnte … Dann hatte die Art, wie die von ihm auferlegten Bußen sofort ausgeführt wurden, wenn er den sich Entfernenden nachsah, etwas Erschreckendes durch den Mechanismus und den eiligen Eifer der Formalität ohne jeden Duft der Innerlichkeit … Das Schönste am Weibe, die scheue Unsicherheit in solchen Bewegungen, die der Natur und dem sonstigen Triebe des Weibes widersprechen, fiel hier weg … Das Zusammenleben in einem weiblichen Freistaat hob die Grazie auf, die aus dem Zusammenleben mit Männern entspringt … Er sah eine Nonne eine Betglocke an Stricken so hastig ziehen, wie eine Magd den Brunnenschwengel regiert, wenn ihr Salat wartet … Alles wurde mit dem reizbarsten Fanatismus hervorgebracht; die Regel der Tagesordnung, der Küche, der Bekleidung, des Backens, das Scheuern, Beten, Singen und Gewinnen von Geld durch weibliche Arbeiten, wie Blumenmachen, Stickereien, Wäschenähen und -zeichnen – alles wie im Krampf … Eine beaufsichtigte die andere und ganz ersichtlich war es, daß hier nur die geringeren Seelenthätigkeiten des Menschen in beständiger Erregung blieben … Man denke sich die alte Mönchsregel, die einst Sebastus zu Bonaventura wiederholte: „Wir Mönche kommen zusammen und kennen uns nicht, wir leben zusammen und lieben uns nicht, wir sterben zusammen und beweinen uns nicht!“ – angewandt auf Frauen … Das weibliche Herz verknöchert, das angeborne Bedürfniß der Liebe erstarrt! …

Die Schulschwester Beate und die Vicarin Therese folgten sich unmittelbar … Wie war jene so häßlich mit ihren Zahnlücken … Und dabei war sie die Ein-42zige, die dennoch zu lächeln versuchte – mit Wehmuth zu lächeln … Sie hatte noch Formen des Zusammenhangs mit der Außenwelt … Vorzugsweise schien der Geist der Intrigue in ihr mächtig zu sein … Sie allein klagte Rothern an … Sie sagte, sie wäre durch die Reihe der Jahre gewohnt, das Sakrament der Buße zu leicht zu nehmen … Sie schlüge sich oft mit der Geißel um Fehler, die sie nur so eingestünde, um vor den andern nichts voraus zu haben … Bonaventura ließ sich nicht irre machen, er rüttelte an der nur halbgeöffneten Thür des Gewissens und sah bald, der hinterhaltige Sinn des starkwilligen Mädchens öffnete nicht … Sie blieb bei Oberflächlichem und mußte, da sie zuletzt nur noch gestand, ihr Herz wol zu sehr an ein Hündchen gehängt zu haben, hören, daß dies allerdings eine Sünde wäre, wenn sie dem Hunde die Liebe schenkte, die sie den Menschen versagte … Voll Unmuth und Staunen über dies Wort erhob sie sich nach der ihr auferlegten Buße, drei Tage lang im Waisenhause für sich allein, ohne Bericht an die Direction, nie einen Fehler mit Züchtigungen zu bestrafen, sondern nur mit Worten … Bonaventura hatte ihre Heftigkeit erkannt … Sie verschwand eilends nach einer entgegengesetzten Seite hin, als die andern Nonnen …

Schwester Therese, die ehemalige Freiin von Seefelden, war klein und blaß und schien mehr von Ergebung, als von Seelenschmerz verzehrt … Sie gehörte scheinbar jener seltsamen Stimmung ihrer Standes- und Stammgenossen an, die die Begriffe der Etikette, Conduite, Tournüre vom Leben auch ohne alles weitere 43 Nachdenken auf das Verhältniß zum geoffenbarten Gott und zur Kirche übertragen … Auch sie zeigte zunächst kein besonderes inneres Leben. Sie hatte nur Formfehler zu beichten und Nachlässigkeiten, die sie sich in ihrem Unterricht zu Schulden kommen ließ … Bonaventura rieth nur auf sie aus der feinern Sprechweise und dachte sich: Das ist also die Nonne, von der eine ganze Landschaft spricht und der sich Paula als Freundin zu nähern hofft! Welch ein Nimbus umgab sie aus der Ferne und nun – wie war auch sie schon abgestorben – schon so schattenhaft geworden – …

Am Schluß der Beichte, die ihn zweifelhaft ließ, ob er wirklich mit der Verlobten des Pater Ivo, des Mariensängers, gesprochen, rührte ihn die Selbstanklage, daß sie sich freute über jeden Tag, wo im Waisenhause der Schulunterricht ausgesetzt wäre … So auch auf morgen …

Widmen Sie sich dieser Thätigkeit nicht mit voller Befriedigung? … fragte Bonaventura …

Nein – lautete die zögernd gegebene, aber aufrichtige Antwort …

Bonaventura tadelte eine solche Geringachtung der Versüßung des Klosterlebens …

Hochwürdiger Vater, sprach Schwester Therese, das Kloster und das Leben gehen nicht Hand in Hand … Wir sind Erzieherinnen, ja – aber die rechte Erziehung, die Erziehung zur Freiheit des Lebens kann nur von der Freiheit kommen … Die Kinder wollen dem Leben erzogen sein und wir kommen nicht aus dem Leben …

Mein Kind, entgegnete Bonaventura nichtzustim-44mend, jeder Christ muß in seinem Innern eine Stelle haben, um die es nur allein wie der Friede eines Klosters weht … Selbst im rauschendsten Gewühl des Lebens, selbst im höchsten Genuß der Kraft und der Freude soll die Christenheit etwas achten, was ungefähr dem Leben mit ewig bindenden Gelübden gleichkommt … Für diese heilige Stelle im Gemüth erzieht man überhaupt und erziehen Sie … Selbst die Mütter können so nicht erziehen, wie die Erzieherin … Die Mutter steht zu sehr unter dem Eindruck des eigenen Lebens, um Kindern immer allein den Werth des Hohen und Göttlichen und der von allem Erdenwust befreiten Bildung zu vergegenwärtigen … Wollen Sie nicht in diesem Geiste erziehen? …

Schwester Therese blickte einen Moment mit leuchtenden Augen auf und ging, wie es schien, ermuthigt für ihr langsames Sterben im Kloster …

Bonaventura sah ihr voll Wehmuth nach … Er hatte den Schmerz, sich sagen zu müssen: War denn dein Wort auch wol mehr, als nur eine Phrase? … Du fürchtetest zu hören, daß selbst das Lehren und Unterrichten der Jugend einer vom Leben getrennten Kaste nicht gebühre; du fürchtetest, daß dir wol gar noch die letzte Glorie des Klosterlebens, die Krankenpflege, als Anhalt deines gläubigen Sinnes entzogen würde? …

Zum Nachdenken über solche Zweifel blieb indessen keine Zeit … Neue Stimmen murmelten schon … Kleinigkeiten und Kleinigkeiten … Rother gehörte zu denen, die da lehrten: Die Kirche will alles, auch das Kleinste wissen! „Was ist kleiner“, predigte Beda Hun-45nius über die Beichte, „als Regentropfen! Und dennoch entstehen daraus Ströme, die Häuser niederreißen! Was ist kleiner, als ein Sandkorn! Aber überladest du ein Schiff damit, so wird es in den Abgrund fahren!“ Und darauf hin verlangte er in der Beichte jeden Regentropfen und jedes Sandkorn aus dem Privatleben seiner Gemeinde zu wissen …

Wie sprach da wieder Eine mit der Geschwindigkeit einer Flattermühle, die im Korn die Spatzen verscheuchen soll … Welche Fülle von Sünden gab es auch noch unter den Heiligen … Die ganze Stufenfolge der „sieben Todsünden“, der „sechs Sünden in den Heiligen Geist“, der vier „himmelschreienden“ Sünden und der neun „fremden Sünden“ … Und als kannte die Schwester Küchenmeisterin vollkommen die Unterscheidung dieser neun „fremden Sünden“, in welchen der Mensch erstens zur Sünde rathen, zweitens die Sünde befehlen, drittens in die Sünde einwilligen, viertens nur passiv zu ihr reizen, fünftens die Sünde loben, sechstens zu ihr stillschweigen, siebentens dieselbe übersehen, achtens selbst daran theilnehmen und neuntens sie bei etwaigem Anlaß blos vertheidigen kann – so blitzten alle diese Facettirungen der Jesuitendialektik auf in der Klage über die Verhältnisse des Marktes, der Speisekammer, des Backens, des dabei vorgekommenen Naschens und aller möglichen Sorglosigkeiten … Hier tauchten jetzt auch zwei halb- und drei ganze Novizen auf und im sprudelnden Mittheilungsdrang zum ersten male mit Namennennung Treudchen Ley, die nach Bonaventura’s War-46nung, Niemand zu nennen, dann als die Kostgängerin bezeichnet wurde …

Manches Wort aus dem lebensklugen Jesus Sirach, dem Montaigne und Knigge der Bibel, war eigens wie für die Schwester Küchenmeisterin geschrieben … In ihren Bekenntnissen liefen ganz harmlos auch die Schüsseln mit unter, die im Kloster für Cajetan Rother zubereitet und in seine Wohnung geschickt wurden … Am Sprachgitter der Eingangspforte mußten Schachteln und Körbe immer unterwegs sein, denn selbst seine Wäsche ließ der Pfarrer im Kloster waschen – sodaß es Bonaventura nicht Wunder nehmen konnte, von der folgenden Nonne, die die Schwester Wäschmeisterin war, unter den heißesten Thränen ein Bekenntniß zu erhalten, wo plötzlich wieder Namen fielen wie Eva und Apollonia Schnuphase …

Die Wäschmeisterin beichtete:

Vor vierzehn Tagen kam ein Korb auf einer Karre vor der Thür des Klosters und so schwer stand er am Gitter, daß die Damen Schnup –

Keine Namen! sagte Bonaventura …

– die gerade im Kloster waren, selbst, sie vom Gitter zu heben, angreifen mußten … Sie sagten, es wären lauter neue Servietten für die Wirthin „Zum goldnen Lamm“ … Sie wollten den Korb zum Zeichnen in die Zelle der Gertrud Ley tragen …

Keine Namen! wiederholte Bonaventura aufs strengste …

Ich sehe den großen Waschkorb und sage: Die Zelle der Kostgängerin ist dafür nicht groß genug … Der 47 Korb muß in die Nähstube … Die beiden Fräulein widersprachen … Ich werde darüber zornig und sage: Ich denke, ich bin hier die Wäschmeisterin! Nun ergaben sich die Damen – Sonst so hochmüthig und vornehm – heute trugen sie mit ihren feinen Händen und Handschuhen den Korb selbst und das fiel mir auf … Durchaus wollten sie damit zur Kostgängerin … Diese war im Chor … Sie lernte singen … Wie die beiden Fräulein so durchaus den schweren Korb, statt in die Wäschstube, an der wir schon standen, in die Zelle bringen wollten und niemand auf dem Gange war – die Schwestern waren alle im Chor – sagte ich und schon mit Furcht und Ahnung zu dem Fräulein Eva, der Aeltesten: – Was ist das heute mit dem Korb? Gleich machen Sie auf! … Da wurden die Mädchen blaß wie die Wand und nun ich das sah, da riß ich selbst den Korb auf und – heiliger Joseph! – statt Wäsche stak – eine Mannsperson unter dem Deckel …

Bonaventura mußte der Bekennerin Kraft zur Sammlung lassen …

Ich weiß nicht, hochwürdiger Vater, fuhr sie fort, wo ich es hergenommen habe, daß ich nicht sofort in Ohnmacht fiel … Ich schrie: Herr! Verlassen Sie jetzt nicht sogleich auf demselben Wege, wie Sie hereingekommen sind, so auch wieder hinaus dies Heiligthum unsrer allerseligsten Jungfrau und des gekreuzigten Jesus, so zieh’ ich hier an der Glocke und rufe das ganze Kloster zusammen … wehe dann Ihnen und Ihren Helfershelferinnen – Und Sie, meine Fräulein, wandte ich mich zu diesen – Aber nun konnte ich nicht weiter … 48 Die beiden Nichtswürdigen fielen in die Kniee und baten um alle Wunden Jesu, sie nicht zu verrathen … Ein Glück für sie, daß die Orgel so laut ging … Der junge Mann stand noch im Korb und wollte herausspringen, zog auch eine volle Börse, die er mir in die Hände drücken wollte … Nein, schrie ich, danken Sie allen heiligen Märtyrern und Bekennern, daß die Schwestern im Chor singen und die Nähstunde schon geschlossen ist … Entfernen Sie sich augenblicklich! … Damit drückte ich den jungen Mann, so vornehm und stark er war, wieder in den Korb hinunter, zwang ihm den Deckel über den Kopf und die beiden Damen mußten ihn selbst wieder an beiden Henkeln zum Sprachgitter hinausschleppen, wo sie sich bald damit verhoben hätten, um ihn nur an die Oeffnung hinaufzubringen … Da waren denn zwei Kerle, die schon auf alle Fälle bereit standen, nahmen die Last wieder an sich und trugen sie zur Straße hinaus wieder auf die Karre …

Bonaventura konnte bei diesem auf Treudchen berechneten Besuch nur an Piter Kattendyk denken …

Und Ihre Sünde? … fragte er nach einer Weile, ohne sich das Bild: Piter im Waschkorb, in seinem komischen Effect – zu lange auszumalen … Er fühlte sogar Antheil der Freude über einen Beweis so großer Liebe, die Treudchen hatte gewinnen können …

Sünde? Daß ich den Vorfall – verschwieg – sagte die erschöpfte Wäschmeisterin …

Verschwieg? Einer pflichtgetreuen That soll man sich gegen niemanden rühmen …

Muß das Kloster nicht gesühnt werden? …

49 Nein …

Die beiden ruchlosen Frauen kommen noch immer und ich lass’ es zu …

Sie werden sich bessern …

Als der Korb und die Frauen hinaus waren, rannt’ ich umher wie sinnlos und –

Mußten es los werden? … Erzählten es also doch? …

Die Beichtende schwieg …

Sie waren mir also jetzt eben unwahr! … Das ist ein Frevel – ich will ihn verzeihen … Die natürlichste Mittheilung, die Sie jedoch machen konnten, war die bei dem armen Kind, dessen Ruf durch diesen Vorfall so heillos bedroht wurde … Thaten Sie das?

Der Pfarrer hat –

Die Stimme stockte …

Dann ergänzte sie zagend:

Hat befohlen, ihr davon nichts zu sagen und – ohnehin – mit ihr kein Wort zu sprechen, das nicht – heilig ist …

Bonaventura konnte nicht die Befehle seines Vorgängers brechen … Er konnte ohne Gefahr für die geistliche Würde nicht fragen: Warum nur Geistliches mit Treudchen Ley? … Er half sich wie öfter in diesem Theil seiner römischen Zauberkunst und hielt sich an die Gesinnung, die sich eben, im Bekennen, offenbarte, nicht an den schwierigen Fall selbst … Er hatte die Nonne auf Lügen ertappt … So sprach er denn von dem bedenklichen Vorfall selbst nicht mehr, sondern von der Wahrheit, deren Umgehung schon Adam mit 50 Nachtheil sich hätte zu Schulden kommen lassen, als er den Genuß der verbotenen Frucht auf Eva schob, und schon Eva, als sie die Schuld wieder der Schlange zuschrieb … Die Lüge der Lügen nannte er es aber, wenn man mit dem ausdrücklichen Schein, wahr sein zu wollen, dennoch lüge … Er legte der Wäschmeisterin eine Buße auf, die seiner immer mehr zunehmenden Reizbarkeit und dem Verdruß, daß hier Alle etwas ausgeplaudert bekamen und nur Die nicht, der dadurch ein Beweis entging, wie sehr sie geliebt wurde, entsprach … Er befahl ihr, sich der nächsten Beichte der – Kinder im Waisenhause anzuschließen, und sagte:

Mein Kind! Als Erwachsene lerne etwas bei dir behalten! …

Die Wäschmeisterin entfernte sich mismuthig …

Das Läuten einer Glocke, die eine Nonne mit der schon geschilderten Hast zog, zeigte Bonaventura an, daß er schon drei Stunden im „Holz der Buße“ gesessen hatte … Nur die Spannung, ob denn nicht endlich auch Treudchen Ley erscheinen würde, gab ihm Kraft, noch auszuharren …

Da sah er denn endlich den Gang daher kommen eine kleine Gestalt im braunen Kleide – unverschleiert … Ein Häubchen bedeckte den Kopf, der ihm aus dem Dunkel des Ganges allmählich erkennbar wurde … Ein halbes Jahr hatte die lieblichen Züge des jungen Kindes, das schon so viel des Trüben erfahren hatte, mit melancholischer Verhärmung angehaucht … Die blonden Haare, die bald unter der Schere der Klosterregel fallen sollten, waren in der unkleidsamen Haube 51 versteckt … Um so edler traten die Formen des blassen Antlitzes selbst hervor … Die Melancholie hatte ihnen nichts von der angebornen Schönheit nehmen können …

Treudchen näherte sich mit gefalteten Händen …

Sie schien von einem Gebet zu kommen und leuchtete wie eine Verklärte …

Hoffnungstrahlend und doch zaghaft schritt sie näher und legte jetzt, wie Bonaventura sah, mit ausbrechenden Thränen ihr Haupt auf das Holz, einer Verbrecherin ähnlich, die den Todesstreich erwartet …

Was geht nur in dieser kindlichen Seele vor? dachte sich Bonaventura … Welche Verwüstungen hat ein ruchloser, langsam, aber sicher wühlender Priester, der sie ohne Zweifel in diesem Kloster festhalten will, in ihr angerichtet? …

Schon hatte Bonaventura, da Treudchen noch schluchzte, angefangen aus ihrer Seele zu beten und, wie sie für die Beichte gelehrt war, den Heiligen Geist anzurufen, der dem Menschen erleichtere, sich selbst zu erkennen – da vernahm er hinter sich in der kleinen Kirche ein auffallendes Geräusch …

So wenig ihn sonst beim Spenden des Bußsakraments Reden, Singen, Wandeln in der Kirche zu stören pflegte, jetzt mußte er sein Haupt von der zusammengeschlagenen Stola erheben … Er hörte einen lebhaften und unziemlichen Wortwechsel zweier Männerstimmen …

Sein eigener Akoluth war es, der ihn begleitet hatte, 52 und der Meßner vom Berge Karmel drüben, die miteinander stritten …

Kaum hatte Bonaventura einige Worte unterscheiden können, ohne ganz die Ursache des Streits zu verstehen, als sich beim Umwenden seinem Auge der schreckhafte Anblick eines im Meßornat daherkommenden Priesters darbot, der, kaum sich aufrecht erhaltend, an den Chorstühlen mit den Händen entlang tastete und sich auf ihn zuschleppte … Ein langes Scapulier hing ihm wie einem Mönch von den Schultern herab bis an die Knie … Es war ein Abbild des bekannten Scapuliers, das die allerseligste Jungfrau im 13. Jahrhundert einem General der Karmeliter verehrte und mit dessen Nachahmung behangen jeder Sterbende den seligen Tod gewinnt … Der Pfarrer vom Berge Karmel war es selbst, Cajetan Rother …

Sonst eine hohe, wohlgenährte, mit glühenden Augen ein Bild des Lebens darstellende Persönlichkeit … Heute dahinschleichend, gelb, von Fieberflecken entstellt und offenbar eben aus dem Krankenbett gekommen … Gerufen vielleicht durch die beiden intriguanten Nonnen … Er taumelte unsicher und in jeder Bewegung wie zum Zusammenbrechen …

Bonaventura übersah sofort, daß auch diese üble Nachrede seines Glaubens, daß die Beichtväter der Nonnen von heftigster Eifersucht gegeneinander entbrannt sein könnten, keine Fabel war …

Der Zorn, die Ungeduld, vielleicht auch die Furcht, vielleicht eine Anzeige der Nonnen, hatten den Mann vom Lager getrieben … Ein fremder Wolf bricht in 53 deine Hürde! stand auf seinem verzerrten Antlitz … Er erschien begleitet von seinem Meßner, der gegen Bonaventura’s Akoluthen schon seinen frechsten Einspruch erhoben hatte, und redete, erst noch mit gezwungener Freundlichkeit, heiser, vom dumpfhohlen Husten unterbrochen, auf drei Schritte den sich erstaunt erhebenden Bonaventura an:

Mein Herr Bruder! Ei danke! Danke! … Ich bin ja gesund und wieder wohlauf … Bitte! … Sie sind – ja – sehr rasch und – auch hier wieder mein Nachfolger geworden – Ich erfahre das – soeben erst – Bitte – Erlauben Sie – …

Bonaventura ging ihm entgegen und ergriff seine Hand, die sich eiskalt anfühlte … Sie sind krank – sprach er … Ich beschwöre Sie – Gehen Sie nach Hause – …

Mit künstlicher Kraftäußerung schlug der Pfarrer an seine Brust und sprach so laut, daß es in der Kirche weithin schallte:

Gesund bin ich! … Danke, Herr Bruder! … Mit Gott! … Mit Gott! … Adieu! …

Schon drängte er zu dem Gitter, in welchem Treudchen’s Haupt unbeweglich lag und nicht aufblickte …

In Bonaventura’s Innerm wühlten alle Schwerter des Schmerzes … Auch das, auch das ist möglich – bei unserm Priesterthum! … Dein heiligster Name, Jesus von Nazareth, wird in solchem Mund zur Lästerung! …

Bei dem Gedanken, daß dieser ruchlose Priester nur verzweifelte, Treudchen Ley könnte einem andern vertrauen, was ihre Seele belastete, ergriff es ihn 54 mit solcher Wallung des äußersten Zornes, daß er, nichts mehr achtend von dem, was er sonst, selbst mit Bekämpfung seiner Ueberzeugungen, zu schonen pflegte, rief:

Sie unterbrechen eine heilige Handlung, die ich bereits begonnen habe … Nach einer Stunde überlaß’ ich Ihnen den Sitz in diesem Stuhle … Jetzt aber gehen Sie! …

Die Hände des Pfarrers griffen krampfhaft am Scapulier hin und her und wickelten sich bald in das lange Tuch hinein, bald aus ihm heraus … Der Fiebernde konnte kein Wort gewinnen … Die beiden Diener standen wie auf der Flucht in einiger Entfernung … Bonaventura hatte noch die Selbstbeherrschung, am Gitter das Schiebfenster zuzuziehen und Treudchen von dieser unwürdigen Scene zu trennen …

Herr Domkapitular! … sprach Rother mit hämischer Betonung der ihm vorgesetzten Würde und tastete dabei zitternd nach dem Eingang in den kleinen Ausbau … Es war eine Scene, die Bonaventura an sein Erlebniß mit dem Habicht erinnerte, dessen Fänge sich, wie ihn Pater Sebastus in der kleinen dunkeln Kapelle beim Kreuzgang der Kathedrale ergreifen wollte, ebenso an die Altarsäulen festgeklammert hatten, während der Raubvogel mit umgewandtem Kopf dämonisch seinen Angreifer anstarrte …

Sich sammelnd, hauchte er jetzt leise:

Sie erinnern mich zur rechten Zeit an meine Würde! … Ich befehle Ihnen – mir die Functionen zu lassen, die mir die Curie übertrug …

Nun aber lachte Rother hellauf und zog unter sei-55nem Scapulier einen Brief hervor, rief seinem Meßner, hielt den Brief in die Höhe und krächzte mit heiserer Stimme:

Da, Fangohr! … Tragen Sie – den Brief sofort in – die Curie … Die Kirche muß neu geweiht werden – das heilige Holz – exorcisirt –! … Diese reinen Seelen meiner Himmelsbräute – verführt mir ein – Magnetiseur –! …

Dies Wort wurde von dem sich Kraftgebenden wie eine Waffe geschleudert. Ein Wurfspieß konnte nicht drohender fallen. Der Brief war ein Protest des Pfarrers, den er schriftlich aufgesetzt hatte, und Fangohr, sein Meßner, ergriff ihn, um ihn zum Generalvicar zu tragen …

Bonaventura stand starr … Nichts mehr hörte er von alledem, was in fieberhafter Hast, mit frostklappernden Zähnen der selbst in Todeskrankheit noch unbändige Mensch an Verwünschungen und Anklagen gegen ihn schleuderte … Ein dumpfes Brausen benahm ihm die Besinnung … Alles um ihn her schwankte … Seine edelsten Empfindungen waren entweiht, seine heiligsten Gefühle auf die Straße geworfen … Einen Augenblick zuckte seine Hand, dem Meßner die Schrift zu entreißen … Dann beherrschte er sich, ordnete seine in Verwirrung gerathenen Gewänder und verließ, ohne ein Wort der Erwiderung, vom tiefsten Entsetzen durchrieselt, eine Stätte, auf die das Wort des Heilands gepaßt haben würde: „Ihr macht mein Haus zur Mördergrube!“ …

56 3.#

Schon nach einigen Tagen zeigte sich die Wirkung der nunmehr offen ausgesprochenen Anklage …

Die geheimen Mächte, die alles Edle und Bedeutende in dieser Welt umwühlen, hatten endlich die Achillesferse des bisher so Unverwundbaren gefunden …

Wer die Anklage zuerst formulirt, sie verbreitet hatte, war nicht zu sagen … War es Frau von Sicking? … In solchen Dingen macht sich alles von selbst und namenlos, bis dann einer hervortritt und für alle redet …

Die Nachricht über den Vorfall im Kloster verbreitete sich blitzesschnell … Die Mehrzahl sprach über den allgeliebten Priester ihr Bedauern aus und doch – das Mitleid ist ein Zoll, der, wenn auch mit noch so voller Hand gereicht, keine Zinsen trägt … Ein Gefühl des Beistandes muß fruchtbar, muß die Liebe mehrend sein … Hier stockte alles und im negativen Bedauern – verlor der junge Priester …

Bonaventura, dessen ganzes Leben unter Roms Magie litt, war nun selbst ein Magier geworden … Man theilte ihm die Anklage des Pfarrers vom Berge Kar-57mel im Original mit … Wie im Geist des Mittelalters stellte eine zitternde Handschrift Beschwerde über die Wahl dieses Stellvertreters, der ihm „seine Beichtseelen beschädige“ … Der Domkapitular von Asselyn hätte in Witoborn die Gräfin Paula von Dorste-Camphausen magnetisirt, hätte dadurch Visionen veranlaßt und da man den Geist, aus dem diese Thätigkeit der menschlichen Hand sich offenbare, noch nicht zu erkennen vermöge, da die Kirche trotz einzelner Beispiele der Anerkennung und Heiligsprechung der Prophetengabe doch über alles, was an Zauberei erinnere, den Stab breche und mit Moses Zeichendeuterei und Aberglauben verwerfe, so müsse er das Heil seiner Beichtkinder wahren und wünschen, daß die Seelen der Nonnen am Römerweg vor der Berührung mit einer so gefährlichen Natur, wie die des Domkapitulars, behütet würden …

Diese Warnung vor Aberglauben kam aus dem Mund eines Mannes, der ein Scapulier trug, das den Sterbenden den Tod erleichtern soll! … Aus dem Mund eines Mannes, den Bonaventura vernichten konnte, wenn die Gesetze Roms die Mittheilung dessen gestatteten, was ein Priester aus der Beichte weiß! … Selbst die Frevel jener Verbindung der Schnuphases mit dem Kloster durften von ihm nicht angezeigt werden … Und hätte Treudchen Ley gestanden, was sie, sie vollends drückte – mußte er nicht auch da schweigen? … Das sah Bonaventura deutlich, was ihm diese Aermste hatte gestehen wollen … Unter dem Schein der Religiosität hatte der Seelenmörder das zur Schwärmerei geneigte Kind mit geistlich-sinnlichen Vorstellungen erfüllen wollen 58 … Er hatte ihr Beten, Fasten, Kasteien in Formen vorgeschrieben, die unsicher auf der Grenzlinie zwischen Demuth und Schamlosigkeit hingingen … Die furchtbarsten Strafen des Himmels hatte er ihr ohne Zweifel angedroht, wenn sie verriethe, was er sie lehrte, um dem Erlöser mit seinen blutenden Wunden auch körperlich ähnlich zu werden … Angst um ihre Geschwister im Waisenhause, Verehrung vor Priesterhoheit und Priesterunfehlbarkeit überhaupt hatte das ungebildete Kind mit widerstrebenden Gefühlen zur Sklavin seiner Autorität gemacht … Das alles, Bonaventura wußte es, war bei einem Cajetan Rother möglich und Treudchen Ley litt unter nichts anderm … Der alte Pater Sylvester, von dem Serlo’s Denkwürdigkeiten erzählten, hatte in seiner Weise im Seminar alle diese alten Methoden, Heilige zu machen, mit kindisch raffinirter Naivetät erzählt …

Nück, der geistige Bundesgenosse solcher Frevel, und Lucinde umflatterten ihn wie mit schwarzen unheimlichen Schwingen … Wieder erhielt er anonym folgende Zeilen:

„Sie werden von der Beichte suspendirt werden … Um dies zu vermeiden, räth man Ihnen, selbst Vacanz zu begehren, um eine Reise zu machen … Nur gehen Sie nicht nach Witoborn, wodurch Sie das Uebel vermehren würden, gehen Sie nach Kocher am Fall … Uebernehmen Sie die Aufträge nach Wien, so gilt dies für einen Bruch mit der Regierung … Doch wie Sie wollen; nur folgen Sie mit Vorsicht den Rathschlägen Nück’s …“

Der Athem stockte dem Priester beim Lesen …

59 Nück begegnete ihm auf der Straße und rieth ihm, für immer mit diesem Staat zu brechen … Wir müssen alle an Oesterreich halten! sagte er … Fort! fort! …

Was sollte Bonaventura thun! … Der Rath Lucindens war klug, beachtenswerth … Aber ein Rath aus diesem Munde! … Nück’s Absicht, ihn für immer zu entfernen, war unverkennbar … Man kam ihm wieder mit dem Auftrag, nach Wien zu gehen … Er sollte dem erwarteten Cardinal Ceccone und dem Staatskanzler die Vermittelung mit Rom und dem Landesfürsten, die Befreiung des gefangenen Erzbischofs, dem die Kirche zum irdischen Ersatz für seine Märtyrerkrone den Cardinalshut schicken wollte, aufs dringendste ans Herz legen … Bonaventura war wie Benno ein Gegner der Waffengewalt, die die Regierung angewandt hatte … Dennoch gingen sie beide so wenig mit dem Geiste, aus dem Nück alles leitete und einfädelte …

In dieser zagenden Ungewißheit theilte ihm Kanonikus Taube, der Hausfreund der Kattendyks, im Ton des Bedauerns die Nachricht mit, daß man ihn bis zur Entscheidung der Frage über den Magnetismus durch die Pönitentiarie in Rom ohne Zweifel vom Beichtstuhl entbinden würde … Er möchte sich, setzte der Weltkluge hinzu, rasch zur wiener Mission entschließen … So entginge er allen seinen Neidern und Feinden … Der Regierung bliebe er ja doch unter allen Umständen anstößig, wie jetzt sämmtliche Priester, die adelige Namen trügen … Bleiben Sie so lange in einem Donaukloster, bis eine Pfründe offen wird! Ja, es sind die Tage 60 des Exils! sagte er und ging zur Whistpartie bei der Commerzienräthin …

Auf einzelne hervorragende Häupter legt sich in großen Krisen die Verantwortung. Es sind oft nur Loose des Zufalls. Irgendein Misverständniß, irgendeine unbegründete Annahme vertheilt die Rollen. Vollends kann ein katholischer Priester seine wahren Meinungen und Gesinnungen nicht kund geben. Bonaventura war gegen den damaligen so nüchternen und freiheitsfeindlichen Geist der Bureaukratie tief eingenommen, er war adelig, galt von früherher noch für gespannt mit seinem Stiefvater, dem Präsidenten, war intim mit dem hervorragenden Adel um Witoborn – wegen alles dessen galt er für einen Römling … Wie konnte er dagegen protestiren! …

Der alte Weihbischof übersah seine ganze Lage und rieth ihm gleichfalls, eine Vacanz zu begehren, um vorläufig in Kocher am Fall den kränkelnden Dechanten zu besuchen …

Benno rieth ebenso …

Niemand wußte besser, als Benno, wie Bonaventura dazu gekommen war, seine Hand auf Paula zu legen … Er wurde dazu gezwungen, um Schmerzen zu stillen … Armgart hatte mit Gewalt seine widerstrebende Hand ergriffen und geführt … Dann war dafür der Oberst an seine Stelle getreten – schon bei dem Mittagsmahle, wo Paula eine Vision von ihrer Heirath hatte – auch bei seinem Abschied, wo er sie schlafend fand und sie ihn Bischof nannte … Alles das – er hätte es so gern vergessen – rief man gewaltsam 61 wieder in seinem Gedächtniß wach … „Nach Witoborn?“ Das war unmöglich … Aber als Benno dann sagte: „Vielleicht übernehme ich selbst es, dem Cardinal Ceccone und dem Staatskanzler offen unsere ganze hiesige Lage zu schildern, Nück drängt in mich, daß ich seine Proceßacten befördere“ – als Benno fortfuhr und sagte, daß es ihn ewig südwärts zöge und er sich vorkäme wie ein Zugvogel, der wider Willen auch den Winter im Norden zubringen müsse, weil ihm die Flügel gebrochen wären; als er sagte, es wäre ihm, als hätte er sonst die Sprache Aegyptens verstanden, nun aber kämen die andern Störche im Frühjahr von der Reise zurück und plauderten Dinge von den Pyramiden, die er nur noch halb verstünde – da entschloß er sich, einige Wochen in der Dechanei des Onkels zuzubringen; denn zu mächtig schlug sein Herz, Benno endlich sagen zu dürfen, wo sein wahrer Dachgiebel zum Nestbauen im Norden und im Süden wäre – auf Schloß Neuhof und in Rom … Vielleicht gab die Pfingstzeit, wo Benno nach Kocher nachzukommen versprach, die Stunde der Enthüllung …

So reiste denn Bonaventura nach Kocher am Fall …

Er fand den Onkel erregter denn je …

Was sich auch seit den Enthüllungen über Benno’s Ursprung in des Neffen Gemüth gegen den leichtsinnigen „Abbé“ aus der Napoleonischen Zeit festgesetzt hatte, bald wich es dem edeln und versöhnenden Eindruck, den des Onkels liebevolle persönliche Erscheinung machte …

Und nun fand er den Milden, Gütigen in einer 62 fast krankhaften Aufregung und von allen seinen alten Principien der Gleichgültigkeit besorgnißerregend verlassen … Um zehn Jahre war er älter geworden, muthloser, verdrießlicher, die Fliege an der Wand konnte ihn ängstigen … Leicht drohte auch eine Untersuchung für den alten leichtsinnigen Betrug …

Frau von Gülpen war eine Mehrung dieser Unzufriedenheit des Greises mit sich selbst und keine Linderung … Seit dem grauenvollen Erlebniß mit ihrer Schwester, seit der Hinrichtung des Mörders derselben war eine Schreckhaftigkeit über sie gekommen, die in allem Gefahren sah, selbst in dem Alleinwohnen auf der Dechanei …

Wäre nicht Windhack’s gute Laune die alte geblieben, das Leben seiner jetzigen Vereinsamung wäre dem Onkel ganz die Qual geworden, die der römische Priester für seine alten Tage fürchtet …

Die Frage nach einer neuen Nichte war keineswegs unerörtert geblieben …

Bonaventura erstaunte, auf wen der Onkel, angstvoll, sein Auge gerichtet hatte …

Nach den ersten Begrüßungen, nach den ersten Auslassungen des Scherzes, sogar über die Ursache dieser Reise des Neffen, über den magnetischen Rapport desselben mit der schönen Seherin von Westerhof, folgte die Mittheilung, daß der Briefwechsel zwischen ihm und dem Präsidenten von Wittekind aufs lebhafteste andauere. Der Renegat Terschka hatte zwar Schweigen gelobt, aber man müsse alles höchst vorsichtig „applaniren“, auch mit der Schwester Benno’s – Angiolina Pötzl in Wien …

63 Auf diese hatte er für seine letzten Lebensstunden und zur Vorbereitung der Erkennungen sein Auge gerichtet und darüber nach Wien geschrieben … Freilich war schlimme Antwort gekommen … Graf Hugo lebte wie durch die Ehe mit ihr verbunden … Wäre auch, hieß es, ein Bruch infolge der Heirath des Grafen mit Paula vorauszusehen, so eigne sich doch weder der Ruf noch das Naturell jenes vom Glück verwöhnten, in Erfüllung aller ihrer Wünsche auferzogenen Mädchens für die Rücksichtsnahmen einer geistlichen Wohnung …

Der Präsident, Bonaventura’s Stiefvater, überrascht und fast erschreckt durch Terschka’s Flucht nach England und sein dortiges Auftreten unter Protestanten und Mitgliedern der italienischen Emigration, ließ jetzt in seiner Reizbarkeit gegen die Anerkennung seiner ihm bekannt gewordenen Geschwister nach, correspondirte mit Lehrern des Kanonischen Rechts und wurde vorzugsweise von seiner Gattin bestimmt, sich mit dem Gedanken vertraut zu machen, daß die heimliche und trügerisch geschlossene zweite Ehe seines Vaters vor der Kirche zu Recht bestünde … Schon ergab er sich jeder Wendung der Zukunft und erklärte, auf weitere Nachforschungen seinerseits verzichten, auf Ausgleichungsvorschläge gefaßt sein zu wollen …

Bonaventura staunte, daß sowol vom Kloster Himmelpfort wie von Wien und Rom aus über diese Angelegenheit ein plötzliches Schweigen eingetreten war … Hatte sich Ceccone den Jesuiten unterworfen? … Zuletzt war es seine Mutter, die in ihrer steten Gewissensbedrängniß und dem den Frauen eignen System der Ver-64tuschung von selbst darauf kam, ihr Gatte sollte sich den Blick in die Zukunft dadurch erleichtern, daß er dem Schlimmen aus eignem Antrieb entgegenkäme … Ihr mit wühlerischem Verstand um sich blickender Sinn erkannte zuerst, daß die ihr jetzt erst ganz offenbar gewordenen Beziehungen des Kronsyndikus zum Dechanten mit dem Dasein Benno’s zusammenhingen … Der Präsident hatte in einem eben beim Onkel angekommenen Briefe seine Ueberraschung über die ihm von seiner Gattin mitgetheilte Möglichkeit ausgesprochen und den Dechanten ersucht, den vortrefflichen jungen Mann, den er schon schätzte, den Freund seines Sohnes, des Domkapitulars, klug und besonnen seinem brüderlichen Herzen näher zu führen …

Diese Enthüllung erfolgte dann in den Tagen, als Benno, nichts von dem ahnend, was ihm bevorstand, gleichfalls in Kocher erschien … Auch Benno wohnte in der Dechanei … Er kam heitrer und sorgloser, als man ihn seit lange gesehen hatte … Er brachte Briefe von Thiebold, der sich soeben in Geschäftssachen in England befand und Wunderdinge berichtete über das Ansehen und die Geltung, die sich Terschka in London durch seinen wirklich erfolgten Uebertritt und den Anschluß an die Sache Italiens erworben hatte …

Benno war besonders auch für Frau von Gülpen ein trostreiches Element. Ihr Herz hing an ihrem Zögling mit der ganzen Innigkeit, die bei Frauen zwischen polternden Vorwürfen, wie schlecht man seine Wäsche behandeln lasse, und der Angst, man könnte sich bei geringster Erkältung, z. B. auf Windhack’s Sternwarte den Schnupfen holen, die hin- und hergehende Mitte hält …

65 Dann war es an jenen Abenden, wo die Cassiopeja ihren funkelnden Schein zur Vorleuchte am Baldachin des Himmels macht, wo der „Schwan“ aus Nordost sein mildes, wie ein flockenreines Gefieder strahlendes Licht erzittern läßt, unter dem Schmettern der Nachtigallen, die im Park der Dechanei nisteten, beim Duft der Hollunderblüten – als Benno im stillen Wandeln unter den einsamen Alleen aus Bonaventura’s Mund das Geheimniß seines Lebens, seinen wahren Namen – Julius Cäsar von Wittekind erfuhr …

Er erfuhr ihn allmälig … Beim feierlichen Nachzittern des Stundenschlags der Kathedrale von Sanct-Zeno, nach einem feierlichen Gelübde, das ihm Bonaventura abnahm, nichts zu unternehmen, was nicht mit den Interessen seiner nächsten Freunde und jetzigen Verwandten im Einklang stand … Er erfuhr zuerst den Namen und die Lebensstellung seiner Mutter … So steigt die Sonne mit purpurrothen Gluten aus der Erde … So kommt eine Friedensbotschaft an die Menschheit, verkündet von dem Klang unzähliger in den Lüften schwebender Harfen … Eine Römerin! … Aber noch fehlte der schrille Accord: Der Name des Vaters … Die Schwere des Erlebnisses war zu niederdrückend … Noch wurden nur die Namen Kassel, Altenkirchen, Rom, auch Wien, letzteres um der Schwester willen, genannt, noch erst die Auffassungen der Kirche und des Dogmas erörtert … Fast sprachlos starrte Benno, der wie ein Träumender stand, allem, was Bonaventura sagte … Die Freunde mußten sich unter Hollunderbüschen auf eine Bank niederlassen 66 … Die Schilderung der Scene in der Waldkapelle, wo seine Mutter von einem verbündeten Complott so ruchlos betrogen wurde, raubte Benno die Sprache … Stumm blickte er auf die Lippen seines Freundes, der in seiner milden, innig zum Herzen sprechenden Weise entschuldigend erzählte und alles nannte bis auf den Namen – des Vaters … Nenn’ ihn nicht! rief Benno, als müßte er die Mutter rächen, wie Orest den Vater rächte … Bonaventura sagte: Er ist todt … Endlich nannte er auch diesen Namen … Da brach Benno zusammen an des Freundes Brust … Ein Gefühl der Scham überflog ihn und wie ein Gifthauch südlicher Luft nahm ihm den Athem … Auf die so plötzlich aufgesprungene Blüte seines wunderbaren Daseins das störende Wälzen eines großen giftigen Skorpions …

Tiefgeheimnißvoll ist das Blut, das durch die Geschlechter rollt … Der gespaltene Funke wird da zur Flamme; die gespaltene Flamme mehrt sich an Kraft … Ein Geschlecht kann auf Jahrhunderte die Signatur des Körpers und Geistes bewahren, wenn die Mischungen bedacht sind, immer wieder auch das Fremdartige liebend sich anzueignen … Benno aber mußte mit erstickter Stimme sprechen: Ich ein Wittekind! … Ist das, wie wenn Wettersturm aus den Schluchten des Teutoburger Waldes braust! Meine Ahnenreihe bis in die Sagenzeit … Doch – Friedrich und Jérôme von Wittekind meine Brüder! … Der Geist abgewelkt im Vater schon! … Oder war das nur das Loos der Ichsucht? … Ja, so gehen Despoten hinüber, die keinen Gegner finden, der sich mit ihnen mißt! …

67 Alle die Beziehungen des Vaters, die Benno so gut kannte, wurden dem von Entsetzen Ergriffenen wie der Eingang in eine dunkle Höhle voll unheimlicher Gestalten, die er in Waffen betreten sollte … Klingsohr, der Sohn des ermordeten Deichgrafen, der geistige Sohn des Kronsyndikus, stand plötzlich mit wirren Locken vor ihm und reichte ihm mit dem Brudernamen die blutige Rechte …

Ein Fieber ergriff ihn … Wie eine Mutter nach der Geburt … Wie das Hemd des Nessus brannten alle diese Namen und Beziehungen …

Angiolina – und – Pötzl – ein höhnischer Satyrkopf dieser Name hinter Rosenbüschen … Wie kam der alte Schauspieler Pötzl bei den Kattendyks zu dieser Verlornen? … Auch die Mutter, Herzogin von Amarillas – die „Freundin“ eines Cardinals Ceccone – …

Leiden unter etwas Angeborenem ist nicht zu schwer … Der Krüppel, der Blinde, der Taube nimmt das Leben, wie es ihm die Geburt beschert … Aber die Schönheit erst verlieren, das Häßliche erst gewinnen, plötzlich ein Blinder, plötzlich ein Tauber werden, das ist ein furchtbares Menschenloos … Benno riß sich an jenem Abend aus Bonaventura’s Armen und rief:

Ich könnte in die Wälder rennen wie ein Wolfsmensch! …

Ruhe! Ruhe! sprach Bonaventura und beschwichtigte ihn durch seine Umarmung …

Am Morgen nach diesem verhängnißvollen Abend war die Begegnung mit dem Onkel und mit Frau von Gülpen erschütternd … Der Onkel grüßte mit Weh-68muth und die Augen tief niederschlagend … Er hätte die ewig dunkle Binde über Benno’s Augen vorgezogen … Das sagte er auch und lobte, als ihm Benno krampfhaft um den Hals stürzte, die Blindgeborenen, weil die alle so heiter blieben …

Benno preßte nur stumm seine Hand … Es lag die Verzeihung der Liebe und der Dank für ein ganzes, doch nur vom Dechanten ihm gerettetes Leben darin … Reden konnte er nicht … Das Blut rollte ihm wie ein ihm fremd gewordenes und ungebändigt durch die Adern … Als er zu scherzen versuchte, sagte der Onkel: Das hat er ganz von seinem tollen Alten! Der konnte auch, wenn er wollte, ganz verteufelt liebenswürdig sein! … Dies Wort kam noch zur Unzeit … Aber, als Benno düster die Augenbrauen zusammenzog, sagte der Dechant auch da: Wie sein Vater, der grimme Jäger! … Der Onkel hatte das Bedürfniß, das Ueberseltsame wieder in das Altgewohnte zurückzulenken … Da sprach denn, als auch Frau von Gülpen, Benno’s zweite Mutter, sich ausgeweint hatte, Benno:

Nun bitt’ ich nur um eines! Gebt mir meine fünf Julius Cäsar-Jahre heraus, die ich schon länger auf der Erde weile, als ich Erinnerungen habe – und die Taufscheine es wußten. Um wie viel früher hätt’ ich jetzt Hoffnung, meinen Militärmantel abzulegen! …

Alle nähern Umstände dieser Verheimlichungen wurden erzählt … Mit dem ihm eignen scharfen, aller Lebensverhältnisse kundigen Ueberblick durchschaute Benno alle neuen und nicht offen kund zu gebenden Bedingungen seines Lebens … Er beruhigte den Präsidenten in 69 einem Schreiben, in dem er ihn als Bruder begrüßte … Mit edler Selbstbeherrschung bot er jede Bürgschaft, daß seine langgeprüfte Geduld, die Ergebung in sein räthselhaftes Dasein ihn an Entbehrung äußerer Anerkennungen gewöhnt hätte … Ja, der Adoptivname, den er einstweilen trage, „von Asselyn“, wäre ihm ja durch seine theuersten Freunde geheiligt, auch von der Krone genehmigt … Er mache nur dann Ansprüche auf die Wiederherstellung seiner Stellung zum Leben, wenn niemand damit eine Kränkung widerführe, am wenigsten seiner noch lebenden Mutter … Diese freilich in ihrer Ansicht über das Vergangene zu erforschen, ihr sich, wenn es irgend ohne Verletzung äußerer Rücksichten möglich wäre, zu nähern – dafür ergriffe ihn ein unwiderstehliches Verlangen … Ebenso zöge es ihn zur Annäherung an Angiolinen … Eine Reise nach dem Süden läge nun fest beschlossen in seiner Seele …

Der Präsident antwortete voll Güte und gerührt dankend … Er bot ihm reichere Mittel, als Benno annehmen konnte, da eine zu schnelle Veränderung seiner Lage leicht hätte Vermuthungen wecken können, die von allen Betheiligten nicht gewünscht werden konnten … Auch Thiebold durfte nichts erfahren … Der tolle Mensch, sagte Benno zu Bonaventura, thut in der Regel alles, was ich zu thun mich schäme, aber gern im Stillen manchmal thun möchte … Er verhindert mich an Thorheiten, weil er sie selbst übernimmt … Ich glaube, er übernähme dies Drohen mit meinem Geheimniß, dies Zupfen an Schleiern, die man allenfalls lüften könnte … Besser, wir schweigen auch gegen ihn …

70 Je lichter somit von der Dechanei aus der Blick auf das sonnige, waldumkränzte, solange geheimnißvoll verschleiert gewesene Schloß Neuhof wurde, desto düsterer blieb der auf Witoborn und Westerhof …

Bonaventura hatte seit einem Vierteljahr sich nur im Entsagen geübt, auch nichts mehr von dorther vernommen, was ihn besonders wieder hätte aufregen können …

Der Oberst, das erfuhr er erst hier, leitete die Vorbereitungen zu seinem Papierbetrieb … Der muthige Mann fand die größten Schwierigkeiten … Sie gingen bis zu muthwilligen nächtlichen Zerstörungen seiner Bauten … Armgart und Monika mußten sich in ihrer ganzen Kraft zeigen … Sie hatten ein kleines Haus in Witoborn gemiethet und es geschmackvoll, wenn auch einfach eingerichtet … Hedemann schrieb an den Dechanten von einer Heirath mit Porzia Biancchi, der Tochter des Gipsfigurenhändlers … Seine Aeltern waren schnell hintereinander gestorben … Ein so schönes Familienverhältniß hätte sich jetzt begründen können, aber die Beunruhigung durch die lichtscheue Bevölkerung der Gegend war zu groß … Armgart verlöre, hieß es, allen Halt in ihren Anschauungen … Wo sie hinginge, müßte sie – „sie“! – Reden halten zur Vertheidigung – des Papiers und der Aufklärung! …

Ulrich von Hülleshoven überflügelte bald die Herrschaft seines Bruders Levinus auf Schloß Westerhof … Mußte ihm das gelingen schon durch seinen männlich festen Sinn, seine Lebenserfahrung, so kam der wohlthuende Eindruck hinzu, den er auf die Frauen machte … Er war in der Lage, Monika’s schroffe Entschiedenheit, 71 die indessen den Dechanten noch immer in ihrer Correspondenz entzückte, zu mildern … Während Monika bald das Stift Heiligenkreuz zum Feinde hatte, während sie die Frau von Sicking zur Aenderung ihres Aufenthalts bewog und in diesen Kämpfen von Armgart’s wie aus einem Traumleben erwachendem gesunden und frischen Sinn unterstützt wurde, schlösse man sich, erzählte der Onkel aus Monika’s Briefen, dem Obersten an, der zu begütigen und auszugleichen wisse … Paula gewann ihn, das wußte Bonaventura, besonders lieb und erlag seiner magnetischen Einwirkung … Der Oberst durfte sie nur berühren und sie versank in jenen Schlummer, der ihr einziges Labsal war im Schmerz des Nerven- und Seelenlebens … Bonaventura beobachtete dies gleich an dem letzten Mittag vor Terschka’s Flucht, wo Paula bei Tisch mit der abwesenden Armgart zu sprechen angefangen … Der Oberst führte sie damals in ihr Zimmer und sie antwortete auf jede seiner Fragen …

Bonaventura erzählte davon dem Onkel …

Paula, berichtete er, ohne Zweifel übermannt von der seit dem Fund der Urkunde sie folternden Angst um den Grafen Hugo, hatte die bei Tisch fehlende Armgart gefragt, was sie am Schranke suche? … „Am Schranke?“ … fragte man … „Ein Kleid?“ … Nimm ein weißes, sprach sie, es steht dir besser! Auch die Myrte nimm! setzte sie hinzu … Die Myrte? fragte der Oberst. Macht denn Armgart Hochzeit? … Darauf stockte Paula und erwiderte: Armgart sucht ein Kleid für sie aus … Sie meinte: für sich selbst … Niemand hatte den Muth, zu fragen: Heirathest du 72 denn? … Ihr Kleid ist aber noch nicht fertig! sagte sie dann wie aus sich selbst und zeigte hinauf in die Luft mit den Worten: Sieh, sieh, die vielen Körbe! … Fast so heiter sprach sie das, daß die Umstehenden an die Zahl der zunehmenden Bewerber denken mochten … Aber Paula setzte hinzu: Korb an Korb! … Am Altar der „besten Maria“ stehen sie! … Jetzt hätte leise die Tante erklärt: Terschka erzählte vom Schloß Castellungo, daß die nächstliegende Kapelle der „besten Maria“ gewidmet wäre und die malerisch schönen Seidencocons oft in hunderten von Körben unter Blumen dort niedergestellt würden zur Segnung durch Priesterhand … Paula entschlummerte dann … Jeder sagte: Sie hat in den Körben die Anfänge ihres Brautgewandes gesehen …

Der Onkel schüttelte den Kopf, versank aber über die Nennung des Namens Castellungo in ein staunendes Nachdenken …

Bonaventura führte sich selbst noch oft seine letzten westerhofer Tage vor … Er riß sich an jenem Mittag voll Verzweiflung los … Er glaubte überhaupt keinen Abschied von Paula nehmen zu können und griff zur Feder, um seine Empfindungen niederzuschreiben … Zwei Briefe entwarf er … Einen in der stürmischsten Liebesbetheuerung mit dem Bekenntniß aller Gefühle, die auf dem geheimsten Grund seines Herzens lebten … Es war ein trunkener Rausch der Herausforderung an sein Geschick und doch – er warf ihn in die Flammen … Einen zweiten schrieb er milder, ersichtlich zum ewigen Abschied … Auch diesen vernichtete er … So stand er 73 rathlos … Da hörte er neben seinem Zimmer das Aechzen seines Wirths Norbert Müllenhoff, der im ersten Stockwerk schlief … Das an der Pfarrhausthüre ausgesetzte Kind gehörte ohne Zweifel nur dem wunderlichen Zeloten … Die Zukunft des Unglücklichen war zerstört, wenn die Rache der Hebamme, im Bund mit dem buckeligen Geiger, die finkenhofer Lene zum Geständniß vor Gericht brachte … Einmal hörte er den Pfarrer in seiner Kammer laut ausrufen: Allmächtiger Schöpfer Himmels und der Erden! … Es war ein Ruf wie aus der tiefsten Seele … Die Hände wurden dabei zusammen geschlagen wie von einem Verzweifelnden – Dann war wieder alles still … Bonaventura erbebte … Es durchschüttelte sein Gebein, diesen Ausruf zu hören, der aus der Tiefe des Jammers kam … Müllenhoff sah voraus, daß ihm eine zeitweilige Verweisung in das Strafkloster Altenbüren gewiß war … Ein ewiger Makel haftete damit an seinem Leben, ein Hinderniß an jeder Beförderung … Hätte nicht auch Bonaventura in diese Anrufung des Schöpfers der Natur einstimmen und alle Elemente entbieten mögen, ihm beizustehen, die Zwingburg unnatürlicher Gesetze zu brechen? … Er klopfte an die Kammer und trat ein mit der Frage an den Stöhnenden und jetzt mit zusammengefaltenen Händen wie bewußtlos Daliegenden, ob er ihm in irgend etwas vor seiner an demselben Abend bevorstehenden Abreise behülflich sein könnte …

Anfangs fuhr Müllenhoff in gewohnter Grobheit auf …

Dann besann er sich, bat für sein ungeberdiges Wesen um Verzeihung und wagte es, überwältigt schon 74 von der unendlichen Milde in Bonaventura’s Ton, unter dem Siegel der Beichte, seinen Vorgesetzten zu bitten, zur Frau Schmeling und zu jener Lene zu gehen und – den Versuch zu machen, die ihm drohende Gefahr abzuwenden …

Bonaventura fand sich bereit dazu … Er betrat das Häuschen der Hebamme, redete ihr, ihrer Magd und der noch anwesenden Lene, jeder erst unter vier Augen, dann allen zugleich zu, die Verfolgung des Pfarrers von Sanct-Libori zu unterlassen … Die nicht kleinen Summen, die es zu bieten gab, um ein Schweigen nach allen Seiten hin zu erwirken, legte er aus …

Ach, wie unrein schienen ihm seine Hände, als er sich aus diesem Hause entfernte! … Die Küsse, die man ihm darauf gedrückt hatte, mehrten nur das brennende Gefühl, sich in unwürdiger Berührung befunden zu haben …

Diese Verrichtung des Mitleids brachte Bonaventura um die Gelegenheit, den Düsternbrook und die beiden Eremiten zu besuchen … Er hörte nur, daß sie vom Zustrom der Umgegend heimgesucht und Gegenstand der lebhaftesten Verhandlungen zwischen ihrem Kloster, seinem Stiefvater und den Behörden waren … Jetzt waren sie auf dem Wege nach Rom …

Auf Westerhof erschien er dann wirklich noch persönlich zur ernsten Abschiedsfeier … Aber als Priester – als schwankes Rohr, als „Begriff, den zwei Jahrtausende mit bunten Kleidern behängen“ … Vor allem, was er dann doch vielleicht blindlings aus einer Todesurne hätte ziehen können, bewahrte ihn Paula selbst … 75 Sie war, erzählte er wieder dem Onkel, gerade entschlummert … Der Oberst ließ seine Hand auf ihr ruhen und sprach mit ihr wie mit dem willenlosen Werkzeug seiner eigenen Kraft … Verwandtschaftlicher Rechte sich bedienend, fragte sie der Oberst mit Vertraulichkeit: „Siehst du den, der eben ins Zimmer tritt?“ … „Sie sieht ihn!“ lautete die Antwort … „Willst du mit ihm sprechen?“ … „Sie stört ihn!“ … „Warum stört sie ihn?“ … „Er opfert.“ … „Siehst du einen Priester?“ … „Einen Bischof!“ … „Ist er allein?“ … „Kinder stehen um ihn!“ … „Sie tragen leinene Streifen am Arm?“ … „Du sagst es!“ … „So firmelt dein Freund die Knaben und die Mädchen … Redet er? … Sprich ihm nach, was er redet!“ … „Ich glaube an Gott, den Schöpfer Himmels und der Erden, an die Liebe, die Erhalterin der Welt, gelehrt durch Jesus Christus, an den Geist der Wahrheit, der uns zur ewigen Hoffnung führt!“ … Wieder traten die zahlreich Umstehenden befangen zurück … Wieder war es eine jener „incorrecten“ Visionen wie Frau von Sicking zu sagen pflegte …

Paula sprach, nach des Onkels Ansicht, einen Glauben aus, den sie in Bonaventura’s und des Obersten Innerstem zu lesen glaubte …

Das erzählte aber Bonaventura nicht, daß er sich damals, noch ehe sie erwachte, losriß mit Thränen im Auge und abreiste, begleitet von den Dank- und Segenswünschen aller derer, die ihm nahe gekommen waren – von denen seiner Mutter an, die ihn in Witoborn noch 76 an der Post überraschte, bis auf den Händedruck Müllenhoff’s, der ihm flüsternd – „in monatlichen Raten“ zurückzuzahlen versprach, was seine Güte unter dem Dach der Verschwörer für den neuen Concordatsstifter und exemplarischen Bußheiligen verauslagt hatte …

Paula hatte Bonaventura als Bischof gesehen … Der Onkel verlangte, daß Bonaventura auch in seinen Wirkungskreis nicht ohne eine höhere Würde zurückkehrte … Begib dich, wenn sie dir nicht zu Willen sind, solange in ein Kloster! … Ein Mensch wie du darf nur fallen, um desto größer wieder aufzustehen … Und die Leiden des Gemüths seines Neffen wol überblickend, sprach er: Armer Thor, was senkst du das Haupt und kannst dich in dein priesterlich Erbtheil nicht finden! … Zwei weibliche Schatten umkreisen dich! Ein dunkler und ein lichter! … Jenen fliehst du und diesen wagst du nicht festzuhalten! … Ich bin dir kein Muster, aber ich könnte dir bessere Naturen, als die meinige nennen, die auch eines Tages zwischen dem Gott in der Natur und dem Deus in pyxide wählten und für ersteren entschieden … Und ein andermal sprach er: Sagst du für Franz von Sales gut? … Ich theile alle Heiligen in drei Klassen … Solche, die die verbotene Frucht bereits brachen und denen es dann, als sie satt waren, leicht wurde, in die Wüste zu gehen – in diesem Sinne haben wir noch jetzt Millionen Heilige und seit zwanzig Jahren bin ich der Allerheiligste unter ihnen – Dann in solche, die entweder geborene Narren waren oder es wurden, weil sie gerade auf den Naturtrieb hin, um diesen und nur diesen zu unterdrücken, 77 das Tollste erfanden – wahre Casanovas der Frömmigkeit nenn’ ich sie … Ihre innerste Sinnenqual versetzte sich ihnen, wie bei einer jungen Mutter die Milch in den Kopf steigen kann, so in religiöse Narrheit … Endlich die dritte Gattung sind jene ganz geschlechtslosen Constitutionen, bei denen die Tugend eine fehlerhafte Organisation ihres Körpers ist … Diese Halblinge findest du meistens unter äußerlich imponirenden Gestalten … Darauf hin konnte auch mein Leo Perl in Paris ruhigen Bluts zusehen, wenn sich die andern im Palais-Royal ergingen … Sei überzeugt, alle die Heiligen, die nicht auf die Klasse I und II paßten, gehörten zur Klasse III! Wasserpflanzen, wo auch die ganze Kraft – wie da drüben auf meinem Weiher! – in den breiten, trägen, schönen Blättern liegt …

Solche Gespräche gab es häufig, selbst in Gegenwart Benno’s beim Wandeln durch den Park, unter den eben sich erst mit dem jungen Laub ganz schließenden Alleedächern, beim Zwitschern der Vögel, beim Duft der Blütenpyramiden der Kastanienbäume, der Maiblumen und Narcissen auf den Buchsbaumbeeten, beim Schimmern der Dotterblumen von den Wiesen her …

Einmal an einem Strauch von Weißdorn still stehend, sagte Bonaventura:

Onkel, ich bin so weit gekommen, daß ich an einem solchen einzigen Blatt, wie du hier siehst, stundenlang beobachten kann! … Sieh, es hat sich eben aus seiner Knospe entrollt! Wie zart dies Grün! Wie sanft aufgekräuselt die Windungen des kleinen Sprosses! Die kleinen Härchen, die auf dem jungen Keime sitzen, möchte man 78 zählen! Es gibt nichts, was uns gegen alles das retten kann, was du schilderst, als die Betrachtung des Kleinsten! … Ich heuchle dir nicht Frömmigkeit, nicht mehr Begeisterung für meinen Beruf, den ich schmerzlich erkannt habe – ich habe aber ein Vergessen des Allgemeinen und meiner selbst in einem kleinen stillen Glück wie dem hier – vor einem solchen Frühlingsblatt …

Das sind bei mir die Radirungen und Kupferstiche … sagte der Onkel, der für seine vorjährigen Warnungen gegen Rom eine frühzeitige Genugthuung erhielt …

Benno mußte zeitiger nach der Stadt zurück …

Er reiste an seiner Seele wie mit Adlerschwingen …

Er hoffte sich zunächst von einem Staatsleben freimachen zu können, das damals für den Menschen in seiner angeborenen Freiheit keine Bürgschaft bot … Er wollte im Herbst über Wien nach dem Süden … Er widersprach dem Onkel nicht, als dieser, ohne daß es Bonaventura hörte, sagte:

Vielleicht kannst du die Angelegenheiten Paula’s zu einem guten Ende führen! Vielleicht deiner verwilderten Schwester die Nachfolgerin geben, die dem Hause Salem-Camphausen unerläßlich ist! Schon hör’ ich, daß die Gräfin Erdmuthe nach Schloß Westerhof reisen und versuchen wird, alle Bedenklichkeiten persönlich zu beseitigen …

Bonaventura war bei diesen Worten wol zugegen, hörte sie aber nicht … Er sah zu den Bäumen auf, unter denen sie dahinwandelten, und sprach, als beide näher kamen:

Wie doch seit Jahren der Fink immer nur wieder 79 zwischen denselben Aesten sich ansiedelt, die Nachtigall denselben dunklen Busch sich sucht, die Schwalbe in demselben Gesims an deinem Portale haust … Ein solches Heimatsgefühl! …

Jeder findet sein rechtes Nest … sprach nach einigen weitern Schritten ruhigen Wanderns der Dechant … Auch – Paula wird wissen, daß die Liebe zu einem römischen Priester nicht zu den Möglichkeiten dieser Erde gehört und – wird nach Wien gehen …

Ich will sie selber trauen! fiel Bonaventura mit einem zuckenden Schmerzensausdruck ein …

Es war ein Wort von solcher Schwere, daß der Dechant und Benno erschüttert schweigen mußten … Letzterer gedachte auch des immer mehr ihm und Andern verklingenden Namens: – Armgart …

Als Benno dann abgereist war, kam in der Dechanei ein neuer Brief von Monika …

Das war ein Erguß frischer und gesunder Lebensanschauungen …

Sie berichtete dem Dechanten von einer nothwendigen Reise des Obersten nach England – von einem vielleicht gelegentlichen Abholen der Gräfin Erdmuthe – von Armgart’s Begleitung des Vaters nach England – von Paula’s leider schon bedenklich eingerissener Gewöhnung an die magnetische Behandlung durch ihren Gatten – von der Angst und Sorge, die man nun ohne ihn über ihren Zustand haben müsse …

Bei Erwähnung der gegen Bonaventura gerichteten Anklagen, deren Kunde schon bis Witoborn gedrungen war, sprach sie von dem einstimmigen Urtheil aller 80 Betheiligten, daß die Ehe mit dem Grafen Hugo geschlossen werden müßte …

Monika bekannte sich als entschiedenste Beförderin dieser Verbindung … Graf Hugo wäre eine Natur mit Eigenschaften, die nur entwickelt zu werden brauchten, um vor ihm mehr, als Achtung, sogar für ihn Neigung zu empfinden … Bequemen Temperaments, wollte er beherrscht sein und jeder müsse ihm eine würdigere Leitung wünschen, als er sie bisjetzt gefunden … Was an Terschka noch allenfalls Gutes wäre, verdanke dieser dem Grafen … Der jesuitische Intriguant hätte die Macht einer guten und harmlosen Natur so auf sich einwirken gefühlt, daß er an seinen Aufträgen irre geworden wäre … Wenn Paula in ein Kloster ginge, würde sie nach wenig Jahren eine Beute des Todes sein … Sie müsse die Gräfin von Salem-Camphausen werden … Der Domkapitular von Asselyn müßte sogar die Kraft über sich gewinnen, selbst die Hand zu bieten zu dieser nach allen Richtungen hin bedeutungsvollen gemischten Ehe … In dem lieblichen Salem, in dem, wie sie gehört hätte, noch glückseligeren Thale von Castellungo würde die junge Gräfin, als Gattin, als Mutter blühender Kinder, als Theilnehmerin an den vielen gemeinnützigen Unternehmungen der Gräfin Erdmuthe, Lebenslust und Lebenskraft gewinnen … Alle, alle, ihre Schwester Benigna, Onkel Levinus, die Bewohner von Neuhof wären der gleichen Meinung … Die einzige Armgart, die noch immer widerspräche, hätte sie auch deshalb mit dem Vater nach England geschickt, wo sie überhaupt bei Lady Elliot eine Zeit lang bleiben 81 und neue gesunde, praktische Anschauungen gewinnen müsse … Armgart hätte sich indessen bei einigen Conflicten in der That mit großem Muth benommen und wäre seit den drei Tagen Correctionsgefängniß im Mühlenthurm mehrfach anders geworden … Die Begegnung mit Terschka fürchte sie nicht mehr; London wäre wie ein Ameisenhaufen; Armgart hätte Kraft und Charakter aus Instinct schon immer gehabt – jetzt fange sie auch an, zu wissen, was sie wolle …

Das war eine Sprache, als sah man die kleine junge Frau ihre grauen Locken schütteln und mit blitzendem Auge, frischer Wange, ihren weißen Zähnen aller Bedenklichkeiten geringschätzig lächeln, die nach ihrem Sinn nur krankhafte Empfindsamkeit geltend machen konnte …

Der Dechant war ganz gleicher Ansicht …

In dem kleinen grünen Studierzimmer, wo die Worte nicht so ungehindert gewechselt werden konnten, wie unten im Garten und im Park, den zu besuchen nicht jedem Bewohner der Stadt erlaubt war, lasen Beide diesen Brief …

Gestört von dem Rollen der Thüren und dem Horchen und Bangen Petronellens, erhob sich Bonaventura, riß sich von der Hand des Greises, die ihn halten wollte, los und eilte erst in den Park, den er eine halbe Stunde lang wie ein Geistesabwesender durchschritt, dann flog er auf sein Zimmer, um an Levinus von Hülleshoven zu schreiben …

Er hätte mit Bedauern gehört, schrieb er, daß sich die Leidenszustände Paula’s vermehrten, daß ihr Leben schon ganz abhängig zu werden drohte von einer Ein-82wirkung, die beiden Theilen zuletzt die drückendsten Verpflichtungen auferlegte … Auch von den fortgesetzten Bildern und dem Sinn der Träume des edeln Mädchens hätte er gehört und beklage schmerzlich, daß sie übel gedeutet würden … O könnte man doch, klagte er, ganz den Vorhang schließen, der sie in ein Land blicken ließe, für dessen Beurtheilung der Welt alle Bedingungen fehlen … Sie sollte dem Zug der Demuth folgen, der stets in ihrer reinen Seele der vorwaltende gewesen … Nimmermehr aber sollte sie ihre Wünsche auf ein Kloster richten … Er gestünde es offen, seine Einblicke in die Klosterwelt wären die enttäuschendsten … Wie im Kloster Himmelpfort wär’ es überall, nur vielleicht da ausgenommen, wo man Kranke heilte … Paula wäre selbst des Arztes bedürftig … So müsse sie denn hinaus auf die hohe Flut des Lebens … Sie müsse Gott vertrauen und wie eine treue Magd sich jenem Dienste widmen, der dem Weib schon im Paradiese angewiesen worden, eine Gehülfin zu sein dem Manne … Wenn sie den Grafen Hugo in sanfterer Weise, als durch die Intrigue der Gesellschaft Jesu versucht worden, in den Schoos einer Kirche führte, die ein Zusammensein im Schoose der Seligen auch von dem gleichen Bekenntniß auf Erden abhängig mache, so löste sie, wenn sie das wolle oder könne, eine sie vielleicht erhebende Aufgabe … Ein Mann sei ja jedem Weibe, das von ihm zur Ehe genommen würde, vorher ein unbeschriebenes Blatt … Selbst ein längeres Ergründen und Kennen des Verlobten schlösse ein Räthselhaftes nicht aus, das sich ganz erst in der Ehe selbst lüften 83 könne … Wie aber auch der Erfolg dieser Ehe sich ergäbe und wenn die Glaubensbekenntnisse sich auch nicht vereinigten, so sollte sie dem fremden Mann vertrauensvoll die Hand nicht weigern … Ja, wenn ihm die Gräfin seinen eigenen Priesterberuf, den Beruf der Entsagung auf eigenes Glück und der Fürsorge nur für fremdes, zu einer besondern Weihe erheben wolle, so sollte sie ihm die Ehre und die in Gott empfundene Seligkeit gönnen, daß Er es wäre, der – entweder zu St.-Libori oder in Wien, wohin zu reisen er deshalb zu jeder Stunde bereit wäre – ihre Hand in die des Grafen Hugo legte …

So schrieb er und als der Brief geendet und zur Post gegeben war, umarmte er den Onkel mit den Worten:

Laß mich so! … Jeder Mensch schafft sich seine eigene Religion und ist sich sein eigener Priester!

84 4.#

Mit gehobener Kraft verblieb Bonaventura noch einige Tage auf der Dechanei …

Sein Ringen nach einer idealen Lebenshöhe hatte einen neuen Anhalt, einen neuen Rundblick gewonnen …

Schmerzlich genug war er erkauft … Aber er hielt ihn fest mit dem leuchtenden Aufblick der innern Verklärung und des Gefühls, sich eins zu wissen mit dem unerforschlichen Verhängniß …

An die Wirkung seines Briefes in Westerhof mochte er nicht denken … Er stürzte sich in das Allleben der Natur, umfaßte nicht mehr zagend und bangend blos das Einzelne …

Beim Besteigen der grauen Berglehnen, die durch die noch wenig belaubten Weinstöcke noch kahler erschienen, umzog sich vor seinem Blick aus der eigenen Brust heraus alles wie schon mit den Früchten des Herbstes … Mit Gewalt wollte er sich helfen; er grüßte freundlicher, er stand denen Rede, die ihm im Felde begegneten, auch denen, die ihm nachschlichen, wie – Löb Seligmann, der seit einigen Wochen in seine Heimat zurückgekehrt war und sich hoffnungsvolle Ernten auf 85 Reps und Taback suchte, auf die er Vorschüsse gab … Das war die sicherste Anlage seiner um Witoborn verdienten Gelder …

Und wäre nun Bonaventura bei all seiner Menschenliebe doch darin weniger „Egoist“ gewesen, daß er mehr aus andern heraus die Menschen und Dinge beurtheilt hätte, hätte er ein wenig mehr neugierige Vertiefung in das irrende Flimmern der kohlschwarzen Augen Löb’s, ein wenig mehr Lesekunst geübt in den so eigenthümlich fragwürdig stehen bleibenden Lachmienen desselben – er hätte ja selbst zu ihm sprechen müssen: Nicht wahr, Herr Seligmann, seitdem Sie zur Hälfte unser Viergespräch auf Schloß Neuhof belauschten, sagen Sie auch: „Es gibt mehr Dinge im Himmel und auf Erden, als unsere Schulweisheit sich träumen läßt“? …

In der That, so kann kein Beichtvater (in verbotener Weise) lächelnd an denen vorübergehen, die ihm gestanden, daß sie keineswegs das sind, was sie vor der Welt erscheinen, als Löb Seligmann im wogenden Kornfeld, unter blauen Cyanen, im Wiederklang der von seinem innersten Herzen gesungenen Rossini’schen Tyrolienne: „Blütenkränze, Lust und Tänze“ den hochgestellten jungen Geistlichen nicht blos grüßte, sondern endlich einmal auch wie mit dem Wort: Ich weiß alles! anredete …

Er näherte sich ihm auf Fußzehenweite …

Sein ganzes Herz war übervoll von dem Frevel des Dechanten, den man noch „leicht auf die Festung bringen“ konnte, von den leider nur halb erfahrenen criminalistischen Thatsachen aus dem Leben Leo Perl’s, 86 übervoll um so mehr, als er nur einer einzigen Seele auf Erden, Veilchen Igelsheimer, vollständige, der Hasen-Jette, seiner Schwester, und David Lippschütz nur leise Andeutungen über seine Geheimnisse gegeben hatte …

Dennoch brachte sein Mund zum tiefgezogenen Hute, als Bonaventura stehen blieb und fragte: Wünschen Sie etwas, Herr Seligmann? in äußerster Verlegenheit nichts hervor von dem geheimen Betrug einer italienischen Primadonna, nichts von der Herzogin von Amarillas, nichts von Leo Perl’s erster geistlichen Handlung auf Veranlassung des „Alcibiades“ drüben in der Dechanei, als das Wort:

Ich wollte – um Vergebung – Herr Domkapipitular – wollte nur fragen – Erlauben Sie – ist wol noch Bröder’s lateinische Grammatik gut genug – zu gebrauchen zum Unterricht für einen hoffnungsvollen Knaben? …

Zu Gunsten des immer kräftiger auf die Beine gekommenen David Lippschütz, des kleinen Voltaire von Kocher, ließ Bonaventura sich auf alle Vorzüge eines wahrscheinlich durch Löb vom Antiquar erstandenen alten „Bröder“ ein und nannte berühmte Gelehrte, die auch ohne den „Zumpt“ ein classisches Latein geschrieben hätten …

Nach diesen lehrreichen Auseinandersetzungen, denen Löb nur zu zerstreut zuhörte, war ein Rückblick auf Witoborn und Umgegend nicht zu vermeiden … Löb erzählte, was er „nach dem Herrn Domkapipitular“ noch erlebt hätte … Zart und discret deutete er alles nur in leisen Contouren an … Selbst die Gerüchte über Terschka, dessen plötzliche Abreise ihm manches schöne, bereits angeknüpfte Geschäft zerriß, tauchten in seinem 87 Munde wie nicht mehr sicher zu verbürgende Sagen der Vorzeit auf … Es gab auch dunkle Vermuthungen über einen gewissen Jesuitenorden und ein Uebergetretensein zur protestantischen Religion, die aber auch wie Verhältnisse aus der Zeit der Makkabäer aus Löb’s discretem Munde hervorkamen … Löb genoß zunächst nur das stille Wandeln mit dem vornehmen Priester, das Grüßen der Vorübergehenden, die gleichsam auch ihn jetzt grüßen mußten … Es war die Begebenheit an sich, die ihn erfüllte, ganz wie jenes schmeichelhafte Begossenwerden damals mit der westerhofer Spritze nach dem Schloßbrande … Dies wie jenes ein Zustand feinerer Beziehungen … Nur erst als von den beiden Flüchtlingen nach Rom, von den Eremiten, dem Düsternbrook die Rede kam, deutete er verschämt lächelnd seine Mitverdienste um die Rettung des verunglückten Dieners an … Bonaventura wünschte mehr zu hören; der Diener war so auffallend verschwunden; ja er fragte, ob es wahr wäre, daß der Bruder Hubertus, der ihn davongetragen und im Kloster Himmelpfort eine Zeit lang verborgen gehalten haben sollte, eine Beziehung zu dem Fräulein Schwarz gehabt hätte, das bei Frau von Sicking wohnte – man spräche davon – Löb, Zeugenaussagen vor Gericht und etwaiges Schwörenmüssen wie den Tod fürchtend, ging nur gerade bis an die äußerste Grenze seines Wissens, erzählte die Fahrt des Kranken bis an das Kloster und würde vielleicht allmählich ein wenig den Schrei in der Kirche, das furchtbare Krachen und das Licht im Todtengewölbe in Aphorismen leise angedeutet haben, wäre die fortgesetzte Wan-88derung nicht durch die eben erreichte Stadt unterbrochen worden … So zur Seite eines Priesters durch Kocher zu gehen, würde sich für die beiderseitige Stellung nicht geziemt haben … Das gemüthliche Selbander wurde vom rauschenden Fall, von den Gerberwäschen und Metzgerklötzen unterbrochen …

Auch mit Beda Hunnius, mit Major Schulzendorf und Grützmacher knüpfte Bonaventura wieder in flüchtiger Begegnung an …

Jenem hatten die Zeitläufe bittere Erfahrungen bereitet … Ein seraphischer Briefwechsel mit Lucinden und Joseph Niggl war zu den Acten der über ihn verhängten Untersuchung gekommen … Der „Kirchenbote“ erschien nicht mehr; um so größer war seine Ermuthigung durch die mächtige, mit brausendem Wogenschlag zurückgekehrte Flut der hierarchischen Bewegung nach kurzer Ebbe … Er rühmte das kirchliche Leben jener östlichen Gegenden, wo Bonaventura im Winter gewesen und ihm besonders die reformatorischen Bestrebungen eines Norbert Müllenhoff wie Bonifaciusthaten erschienen … Bonaventura lächelte … Doch auch Beda lächelte … Ueber den gegenwärtigen Urlaub des so schnell Gestiegenen … Um seine Schadenfreude zu verbergen sagte er: Procul a Jove, procul a fulmine … Er lobte seine Stadtpfarre … Aber grade über Paula’s Visionen mußte Bonaventura ihm bis an die Pforte der Dechanei erzählen …

Schulzendorf war gekniffen und süßsäuerlich … Die Zeitverhältnisse verhinderten den zu häufigen Besuch der Soupers in der Dechanei … Seine Nase 89 hatte einen Charakter von Pfiffigkeit bekommen, die jetzt weniger zu verrathen schien, wo Trüffeln, als wo – Verschwörungen lagen …

Grützmacher gratulirte zu einem Avancement, das schneller gekommen wäre, „wie’s bei’s Militär“ möglich gewesen … Er klagte über den Dechanten, der alt würde … Von seiner leider ohne „Prämie“ gebliebenen großen Satisfaction „von wegen det ausgebuddelte olle Männeken“, sagte Grützmacher: Darüber sind wir „in’s Reine“ – Es war ein ehemaliger Galeerensträfling, der ein paar Jahre in Paris gelebt hat, dann hierher kam, Pferdehandel treiben wollte, gleich da schon die Leute anschmierte, dann auf ein paar Wochen Knecht im Weißen Roß war, hierauf den Coup auf Ihrem Kirchhof machte, der nichts einbrachte, nachher bei alten Kunden und Hehlern von Gaunern sich verkrochen hatte, vielleicht gar mit dem Hammaker, den Sie ja absolvirt haben, Herr Kapitular, bekannt war, und zuletzt soll er denn auch noch unter falschem Namen nach Witoborn gegangen „sind“ … Da das Feuer, sagen sie, hätt’ er angelegt auf Schloß Westerhof … Darüber hört man denn – hm! – freilich allerlei … Aber jetzt, wie gesagt, ist er chappirt und wird wol in Amerika „sind“ … Und wenn Grützmacher hierauf, während Bonaventura aufmerksam zuhörte, zu seiner Frau sagte: „Ne, diese kathol’schen Pfaffen, doch nichts Aufrichtiges! Jetzt auch schon Der! Und ein ehemaliger Porteépéefähnrich das!“ – so hatte er Recht. Jüterbogk und Rom reden allerdings seit drei Jahrhunderten verschiedene Sprachen und Bonaventura hörte ihm über die angereg-90ten Punkte, gebunden durch Furcht, Beichtgeheimnisse und äußerste Spannung, zu …

Dem Oheim gegenüber legte Bonaventura vor seiner Abreise eine übertriebene Scheu ab und theilte ihm nach kurzem Kampf mit, was er seither über den Inhalt des Sarges des alten Mevissen und über dessen Räuber erfahren hatte …

Gab der Onkel auch nicht zu, daß sein Bruder Friedrich noch lebte, so mußte der alte Diener desselben doch ein Geheimniß bewahrt und in seinen Sarg Dinge gelegt haben, die mit einem Verlangen in Verbindung standen, daß sie einst vom Tode auferstehen sollten – zu irgendwelchem noch verschleierten Zwecke …

Bonaventura erzählte dem Onkel, daß der Fund in Lucindens Händen wäre …

Dem darüber Hocherstaunenden nannte Bonaventura auch die Drohung, die Lucinde ausgestoßen, und hielt nur zurück, als er die außerordentliche Aufregung sah, in die er damit den Onkel versetzte …

Das ist ja erschreckend, sagte dieser … Und du hast von ihr noch immer nicht diese Papiere verlangt? … Mit Gewalt verlangt? … So fliehst und verachtest du sie? … Bona! So alt ich bin, durch meine Adern rollt Feuerstrom, so oft ich an die wenigen Tage denke, die dies Wesen bei uns zubrachte … Ich nehme sie morgen wieder, wenn sie will … Meine Macht im Hause hat zugenommen … Hm! Hm! … Was kann nur jene Schrift enthalten? … Und von wem ist sie ausgestellt? …

Auf die von Bonaventura zusammengefaßten nähern 91 Angaben, auf die Mittheilung, jene Schrift, deren Urheber er nicht kannte, sollte ebensowol mit seiner persönlichen Ehre wie mit dem ganzen Bau der Kirche zusammenhängen, und Lucinde könnte alle seine Handlungen, selbst wenn er die dreifache Krone trüge, damit entwerthen, ja ungeschehen machen – lachte endlich der Onkel und hielt die Meinung fest:

Da hör’ ich die verschmähte Liebe! … Das sind jene Erfindungen, die die Frauen zu machen pflegen, wenn man mit ihnen „bricht“ … Regelmäßig gibt es dann Papiere, von denen es heißt, ihre Veröffentlichung würde uns „vernichten“ … Oder der Briefwechsel würde zwar ausgeliefert werden, aber „Abschriften würde man auf alle Fälle davon zurückbehalten“ u. s. w. …

Der Onkel rieth ernstlich mit Lucinden Frieden zu schließen …

Das Leben ist so arm an Liebe, sagte er, daß man nie eine dargereichte Hand ablehnen soll …

Als Bonaventura eine Liebe bezweifelte, die fortwährend in Haß und Rache überzuschlagen drohte, entgegnete der Onkel:

So sind sie ja alle! … Meine eigene Petronella würde mich mit kaltem Blut an einer Pastete sterben sehen, wenn ich „mit ihr bräche“! … Selbst die Buschbeck, deren grausamem Charakter ich den Besitz ihrer Schwester verdanke – letztere war jünger; Benno’s Vater trat sie mir ab – aus Geiz – ab, um nicht „zwei von dieser Bande“ ernähren zu müssen – selbst Brigitte von Gülpen, die älteste Tochter der Bischofsköchin und fürstabtlichen Blutes nicht unverdächtig, wäre besser geworden durch 92 gewährte Liebe … Die Idee, für einen treulosen Geliebten, der ins Kloster ging, die Menschheit zu tyrannisiren, Kindern und Mägden das Leben zu vergiften, sich selbst das Brot abzuhungern, vergegenwärtigt dir jene tiefe Bedürftigkeit des Weibes, unter allen Umständen ein Wesen sein zu nennen und wär’s zuletzt nichts als ein alter, mit einer Flanelljacke bekleideter Mops, der am Asthma in den Armen seiner weinenden Gebieterin stirbt … Deine Renate – wie alt ist sie? … Nahe den Siebzigen … Du wirst an einen Ersatz denken müssen … Und wehe dir auch da, wenn sie deine Absicht merkt … Schlage die Concilien nach … Sie ließen lange zweifelhaft, ob die Frauen überhaupt Menschen sind …

Bonaventura ließ, wenn auch zögernd, diese Auffassung der Drohungen Lucindens gelten …

In fernern Gesprächen zeigte sich auch noch zuletzt, warum der Onkel regelmäßig bei Erwähnung des Schlosses von Castellungo in Nachdenken verfiel … Das zufällige Aussprechen der Worte: Fiat lux in perpetuis! brachte zwischen beiden das Geheimniß des empfangenen lateinischen Briefes zur Sprache … Der Onkel öffnete kopfschüttelnd sein Schreibbureau und reichte dem Neffen die ihm gewordene anonyme Aufforderung … Sie war gleichlautend mit der, die auch Bonaventura empfangen hatte …

Ich werde die bedenklichen Ehren eines Huß und Savonarola nicht mehr gewinnen, sagte der Onkel, und hüte auch du dich vor ihnen … Welche Mystificationen das! …

Bonaventura versicherte, daß sein Glaube feststünde, 93 der Eremit von Castellungo wäre sein Vater … Er wäre in Italien Waldenser geworden und hätte, ein Opfer der römischen Scheidungsgesetze, den Gedanken einer Kirchenverbesserung gefaßt … Würde er auch an jenem 20. August der Versammlung, zu der er einlud, achtzig Jahre sein oder nicht mehr leben, so würde man doch seine Gemeinde finden … Nach allem, was ich höre, schloß er, ist dort eine Simultankirche auf den Grund der Bibel errichtet worden, die bis dahin an Macht und Ausdehnung gewonnen haben kann …

Wenn sie nicht die Jesuiten zerstören! unterbrach der Dechant … Lieber Sohn! Welche Träume! Sehen sie meinem Bruder Friedrich ähnlich? … Nein, nein – Mystificationen! …

Doch die Eichen von Castellungo grünen! entgegnete Bonaventura … Castellungo gehört dem Grafen Hugo … Frâ Federigo, ein Deutscher, lebt unter dem Schutz der Gräfin Erdmuthe … Paula sah ihn deutlich und sagte in einer ihrer Visionen, er gliche mir …

Der Onkel staunte, lächelte dann aber …

Weil sie auch dich an einer Himmelsreligion betheiligt glaubt, die den Priestern erlaubt zu heirathen! … Nein, nein … Das alles ist nur Spuk und hängt mit den Umtrieben zusammen, die plötzlich jenen Terschka enthüllten … Coni oder Cuneo steht in der anonymen Aufforderung? … Fefelotti, Ceccone’s Gegner im Conclave, ist soeben aus Rom verbannt und Erzbischof in Cuneo geworden … Ihr armen Waldenser jetzt! Eure Bibeln werden bald confiscirt sein! …

Den Anklagen, die der Onkel auf Ceccone, auf Fefe-94lotti, auf alle, die mit Roms Intriguen zusammenhingen, schleuderte, lieh Bonaventura um so bereitwilliger sein Ohr, als jetzt auch durch Benno’s Lebensschicksale sich ein Netz um sie alle her zu spinnen schien, dessen Fäden immer enger und enger wurden und ganz auf Rom führten …

Zum Glück hab’ ich euch beide – Ultramontanen bei Zeiten angehalten, italienisch zu lernen! scherzte der Onkel, ohne – darum doch den Beängstigungen, die in den betheiligten Gemüthern diese Dunkelheiten zurücklassen durften, sich ganz zu entziehen …

Inzwischen kamen aus der Residenz des Kirchenfürsten Briefe vom Generalvicariat, die bis auf weitere Entscheidung Roms über den Magnetismus jede Beeinträchtigung des Domkapitulars in seinen Würden niederschlugen … Rother’s Anklage wurde als ungebührlich abgewiesen …

Die Genugthuung war demnach vollständig … Dennoch reiste Bonaventura voll Bangen … Er sah das Alter und den Kummer des Onkels … Er fürchtete sich vor einer Stadt, die er auch sonst schon gemieden … Sein Ehrgefühl war doch verletzt worden … Feinde wirkten gegen ihn und zu der Kraft sich zu erheben, die Haß oder Verachtung verleihen, vermochte sein Gemüth nicht … Auch wo Lucinde weilte, konnte ihm niemals Frieden kommen …

Er fand Briefe von Schloß Neuhof vor – auch vom Onkel Levinus …

In letztern fand sich jedoch kein Wort über die doch gewiß mächtig, nach allen Seiten hin aufregend gewesene Wirkung, die sein Brief aus Kocher am Fall hervor-95gebracht haben mußte … Nur die Anzeichen eines Besuchs der Gräfin Erdmuthe auf Westerhof mehrten sich …

Bonaventura’s Herkunft, seine würdige äußere Haltung, seine Kenntniß des Italienischen, alles das veranlaßte aufs neue die Bitten der Curie, er möchte eben sowol für die Befreiung des Kirchenfürsten wie für die Stockung aller kirchlichen Gerechtsame der Stellvertretung desselben die Reise nach Wien übernehmen … Der Staatskanzler galt für einen Gegner der Jesuiten; auch Ceccone hatte mit ihnen seit dem Sturz Fefelotti’s Friede geschlossen; vielleicht war in Wien der gute Wille zu gewinnen, die römische Curie zur Nachgiebigkeit zu bewegen … Bonaventura sollte es sein, der den Unterhändler zum Frieden machte …

Er entzog sich diesen Vorschlägen, solange er konnte … Er wußte noch nicht, wie seine Reise in Westerhof würde aufgenommen werden … Auch hörte er nur, daß vorzugsweise Nück es war, der alle diese Rathschläge ertheilte … Konnte von solcher Seite Gutes kommen? … Nück kam wieder in seinen Beichtstuhl und gab ihm in der That vier Davidssteine an, die er gegen den Goliath der Leidenschaft in seiner Brust in Bereitschaft hielt: Ankauf eines Ritterguts, sagte er, landwirthschaftliche Studien, Rückkehr zu alten Dichtversuchen, die er in seiner Jugend gemacht, und die Erlernung der türkischen Sprache … Das Besuchen von Gräbern nütze ihm nichts, setzte er hinzu; ihm wär’ es aus alter Liebe zum Tode, wie den Türken, die auf Gräbern Kaffee tränken …

Eine Ahnung konnte der so von Nück offenbar verhöhnte Geistliche nicht überwinden, die, als spräche alles 96 das nur die Eifersucht … In einer Zeitschrift gab Nück mit voller Namensunterschrift als einen Wurf mit seinem dritten Davidssteine in Versen die Klage, daß man das Höchste, was ein Weib geistig einem Manne sein könne, doch nie ohne die Vertraulichkeit der Sinne gewinnen könne … Die volle Unterschrift: „Dominicus Nück“ beleidigte Stadt und Land … Seine Freunde sogar sprachen von einer plötzlichen Enthüllung des „Pferdefußes“ … Goldfinger junior, inzwischen mit Johanna Kattendyk vermählt, rückte ihm aufs Zimmer und stellte ihn über diese muthwillige Zerstörung des Rufes der Familie zur Rede … „Kümmern Sie sich um Ihre heilige Botanik oder, wenn Sie wollen, um unsere Conto-Currentbücher!“ war die Antwort … Es war nur Eine Stimme, der Oberprocurator hatte sich so nur in Lucinde Schwarz verlieben können und diese – widerstand …

Benno arbeitete zwar noch bei dem unheimlichen Mann, streifte aber inzwischen leise alle Fesseln ab, die ihn noch an seine gegenwärtige Stellung gebunden hielten … Auch seine Heimats-, seine Adoptions- und Unterthanenverpflichtungspapiere revidirte und ordnete er … Er wollte nach Italien … Seine Forschungen gingen mit Hülfe des Onkel Dechanten weit über Borkenhagen bis nach Kassel hinaus, wo die über die ersten Lebensjahre eines Julius Cäsar von Montalto gebreiteten Schleier nur noch von zwei Todten, dem Kronsyndikus und seinem Adoptivvater Max von Asselyn oder von seiner Mutter ganz gelüftet werden konnten … Benno hatte bei allen diesen Unternehmungen nur zu hüten, daß nicht Thiebold, der im August aus England zurückgekehrt 97 war, mit seiner gewohnten „Wißbegierde“ hinter sein neues, zur Enthüllung noch nicht reifes, auch vor dem Tode des Dechanten wol völlig unmögliches Leben kam …

Thiebold hatte die Reise nach England im Interesse seiner canadischen Holzgeschäfte machen müssen und, wie sich erwarten ließ, er kam höchst elegisch gestimmt zurück … London ist nicht gemacht zum Romantischen! sagte er … In dem Gewühl der Weltstadt war er dem Obersten von Hülleshoven, seinem Lebensretter, nur ein einziges mal begegnet und – ohne Armgart … Letztere war auf dem Lande bei Lady Elliot … Und da er erfuhr, daß auch gerade Terschka dort zum Besuch war, hielt er es für „unter seiner Würde“, sich dort anmelden zu lassen … Nur die Gräfin Erdmuthe und Porzia Biancchi sah er in London und begleitete beide in ein Bibelgesellschaftsmeeting, zu dem sie vom Lande hereingekommen waren, und dann eine Strecke am Themseufer entlang auf der Rückreise nach dem Landsitz der Lady … Er hätte, erzählte er, nur aus allem, was er mit ihr verhandelt, das Eine herausgehört, wie Terschka wieder in höchsten Gnaden bei ihr stünde … Vom Obersten wußte schon Benno, daß seine kühle Gesinnung gegen den katholischen Glauben von den Erfahrungen herstammte, die er in Canada gemacht … Das Leben in den Klöstern von Monreal hätte Anlaß zu gerichtlichen Untersuchungen gegeben und Hedemann hätte dann mit einer angeborenen pietistischen Anlage den Obersten auf ihren Reisen vollends angesteckt …

Auch Bonaventura erfuhr diese Mittheilungen …

Da sein Auge, träumerisch und irrend, immer nach dem 98 Thal von Castellungo gerichtet war, so mußten die reformatorischen Bestrebungen auf dem Gebiet der katholischen Kirche mehr denn je Gegenstand auch der Unterhaltungen werden, zu denen er die Freunde öfters bei einem einfachen Mahl in seinen Zimmern einlud …

Benno’s Gesichtspunkte waren ausschließlich politische … Er sah in der Kirchenspaltung den Untergang Deutschlands … Er haßte das Betonen kirchlicher Streitigkeiten und lehnte deshalb auch die Ansprüche ab, die der Protestantismus auf größere Vorzüglichkeit machte …

Wenn man den katholischen Glauben, sagte er, von dem Zwang, innerhalb kirchlicher Gemeinschaft leben zu müssen, befreien und die Verbindlichkeit der Autorität für die Freiheit des Gewissens aufheben könnte, so liegt eine freundlichere Lebensauffassung in all unsern Ceremonien, als im Pietismus … Haben Sie in Gegenwart der Gräfin je eine wahre Freude über die Schönheit des Meeres und den blitzenden Spiegel der Wellen äußern dürfen, als Sie mit ihr die Rückreise machten, oder haben Sie irgendeinen weltlichen Gegenstand unbefangen nennen können? Hedemann hat uns wenigstens in Witoborn auf jede natürliche Aeußerung unserer Empfindungen einen scheinbar frommen, im Grund aber rechthaberischen Dämpfer zu legen gewußt …

Bonaventura nannte indessen seinerseits die Erscheinung des Protestantismus nur deshalb unvollkommen, weil er nur durch das Bedürfniß, einen polemischen Gegensatz aufzustellen, hervorgerufen wäre … Der Pietismus, sagte er, das ist ein Versuch, aus dem Protestantismus wieder zur Religion zurückzukommen; denn 99 Protestant sein, heißt nicht: Christ sein, sondern nur: Nicht-Katholik sein …

Und man müsse sich allerdings, fuhr er fort, eine Zeit denken können, wo auch der Katholicismus in seiner jetzigen Gestalt aufhörte … Die Verbreitung der Philosophie würde dann bis in die kleinsten Hirtenthäler Spaniens und Siciliens gedrungen sein … Ich verstehe, sagte er, unter Philosophie eine Aufklärung, die ihre Resultate mit verständlichen Allgemeinbegriffen in die Welt hinausgehen lassen kann … Dann wird die Frage nur noch lauten: Was ist rein christlich? … Dann werden sich Protestanten und Katholiken begegnen müssen im apostolischen Gemeindeleben … Auf welchem andern Grunde soll man sich zuletzt wieder die Hände reichen, als auf dem der Bibel? …

Mit Thiebold’s schüchterner, aber fast mit latentem Fanatismus hingeworfener Bemerkung zu Benno: „Vorausgesetzt daß man überhaupt kein Heide ist, wie denn doch wol mehr oder weniger Ihr Fall, mein bester Freund!“ schloß die Debatte im Scherz …

Ohne zu auffallende Erlebnisse, ohne ein Lebenszeichen von Westerhof, ohne die Ankunft der Gräfin Erdmuthe, nahte sich schon der Spätsommer … Benno wurde indeß erkoren, der Ueberbringer der Pacten zu sein, die bereits die Agnaten der Familie Paula’s, die Landschaft und die Curie von Witoborn dem Grafen Hugo zur Unterschrift vorlegen wollten … Der Präsident von Wittekind, Bonaventura selbst waren an diesen Pacten betheiligt und jener erschien dann auch plötzlich in der Residenz des Kirchenfürsten …

100 Benno und Bonaventura wurden durch seinen Besuch in jeder Beziehung überrascht …

Kein stürmischer, aber auch kein kalter Gruß war es, mit dem er Benno in der That seinen – Bruder nannte … In der darauf folgenden kurzen Umarmung lag ein ganzes Leben …

Die Sehnsucht Benno’s, Mutter und Schwester kennen zu lernen, fand der sonst dem Abenteuerlichen wenig geneigte Mann natürlich … Die Mittel, eine Reise nach Wien und Italien zu unternehmen, wurden reichlich von ihm dargeboten …

Das Band des Blutes zwischen beiden Männern war so eigenthümlich bedingt, daß sie sich anfangs ohne Wallung des Erröthens nicht ansehen konnten … Die in solchen Lagen so oft vom Gemüth vorausgesetzte Gegenwart eines unsichtbaren Geistes, der vom Land der Seligen herüber die Hände zweier so widerstrebender Interessen ineinander legt mit dem Friedenswort: Seid einig! konnte hier nicht vorausgesetzt werden … Was sie umrauschte war der mitternächtige Flügelschlag der Eule …

Der Hinblick auf Wien – auf die gemeinsame – Schwester mehrte den unheimlichen, erschütternden Eindruck …

Der Präsident kam als Vertreter der Agnatenansprüche und als nächster Verwandter Paula’s, er dachte über die Nothwendigkeit dieser Ehe ganz wie Monika … Eine Schonung Bonaventura’s, wenn sie ihm auch vielleicht als zu üben bewußt war, forderte nicht die Stellung eines Priesters und überhaupt eines solchen, wie sein Sohn … Eher war die Erwähnung des Grafen Hugo 101 um Benno’s willen mislich … Er erzählte von Angiolina, von der Herzogin von Amarillas, was er mit Vorbedacht erkundschaftet hatte. Sie werden vorziehen, den Namen der Asselyns für immer zu behalten und fortzupflanzen, da er ohne Sie aussterben würde! sagte er zum Bruder, den er – nicht Du nannte … Die Gültigkeit der betrügerisch geschlossenen Ehe des Kronsyndikus mußte wiederholt zur Sprache kommen … Geld würde es auf alle Fälle reichlich kosten, sagte er, bis die Sacra-Dataria in Rom, natürlich erst nach dem Tod des Dechanten, zu Ihren und Angiolinens Gunsten Ihre Deutungen des kanonischen Rechts geltend machte … Auch in unserm Land würde dann die Anerkennung nur ein Gnadenact der Krone sein können, der sich kaum verbürgen ließe, da die Herzogin von Amarillas nicht einmal die Klägerin ist … Sie wird sich hüten, das Verbrechen der Bigamie auf sich zu laden … Sie wird immer sagen, daß sie zuletzt den Betrug durchschaut hätte … Ich bin begierig auf Ihre Begegnung mit ihr …

Die Auffassungen des Präsidenten widerstrebten zwar einer Verbindlichkeit derjenigen Ergebnisse nicht, die etwa Benno von einer Begegnung mit seiner Mutter heimbringen würde, nannten aber die katholische Lehre von der Ehe gefahrvoll und den bekannten Ehen des Schmieds von Gretna-Green nicht im mindesten unähnlich … Julius Cäsar von Montalto war ein von der Mutter hergenommener Name, die sich Maldachini nur als Sängerin nannte …

Bonaventura vertheidigte die Einfachheit der katholischen Ehe …

102 Sie ist ein letzter Rest der apostolischen Zeit … sagte er … Die bürgerliche Gemeinde war damals die Kirche und die Kirche war die bürgerliche Gemeinde … Zwei Liebende sagten vor dem gemeinschaftlichen Genuß des Abendmahls: Wir sind Eins! und keine Macht der Erde konnte sie trennen …

Leider auch die Kirche nicht mehr! … setzte der Präsident seufzend hinzu … Gewiß sollte dann auch hier der eigene Wille höher stehen als ein Mysterium, das ein Mysterium zu sein aufhört, wenn sein Duft verflogen ist, die Liebe …

Die eignen Familienbeziehungen wurden für die Fortsetzung des Gesprächs zu schmerzlich …

Den heftigen Anklagen des Präsidenten gegen Terschka, Rom, die Jesuiten, Nück konnten die Freunde nicht widersprechen … Auch hier hatte Friedrich von Wittekind Zusammenhänge, deren Kenntniß ihm nur aus amtlichen Quellen gekommen sein konnte … Dennoch rieth er Benno, Nück nicht ganz aufzugeben und jedenfalls die Reise nach Wien im Auftrag der Dorste’schen Agnaten zum äußern Anlaß seiner weitern südlichen „Entdeckungsfahrt“ zu machen … Nur lassen Sie sich kein rothes Kreuz aufheften, um in päpstliche Dienste zu treten! fügte er hinzu … Wenn Sie indeß von Nück an den Staatskanzler empfohlen werden, das nehmen Sie als interessante Reiseerinnerung! …

Ich würde wie Posa reden! … scherzte Benno …

Thun Sie das ja nicht! Dann gibt er Ihnen eine Anstellung! entgegnete der Präsident …

Man stritt über diesen Scherz … Der Präsident sagte: Glauben Sie mir, der Staatskanzler stellt jeden noch so 103 freisinnigen Posa an, der von guter Familie und katholisch ist … Es hat aber gute Wege damit … Sprächen Sie ihn, Sie würden den klugen Mann so liebenswürdig finden, daß Sie nicht ein einziges freisinniges Wort gegen ihn aufbrächten … Er wird sogar liberaler sein als Sie – wenigstens fürchtet er mehr als wir die Jesuiten … Wenn er jetzt den Schein annimmt, Rom beizustehen, so ist es nur, um unsern Staat zu schwächen … Aber auch das wird er in Abrede stellen und dem jugendlichen Sinn jede Zustimmung abschmeicheln …

Bonaventura und Benno blieben Welfen – nicht im hierarchischen Sinn, sondern so wie Bonaventura einst zu Klingsohr hatte sagen können: „Nichts will im Grunde die Freiheit der Völker und des Menschen mehr, als die katholische Kirche!“ …

Der Präsident besuchte, zur Beruhigung des Dechanten, noch Kocher am Fall … Er hatte sich als Beamter zur Disposition stellen lassen, weil seine Erbschaft ihn zu sehr in Anspruch nahm …

Einige Wochen später war Benno zur Abreise bereit … Bonaventura hatte kein Wort von Paula gehört … Ihre ekstatischen Zustände dauerten fort, aber ihn selbst schien sie aus ihrem Leben gestrichen zu haben … Es lag eine seltsame Strenge, eine Strafe in diesem Schweigen … Er litt unsäglich …

Benno erhielt von Nück die Papiere, die dem Grafen Hugo vorzulegen waren. So sehr er sich dagegen sträubte, mußte er dennoch Depeschen an Ceccone und den Staatskanzler mitnehmen … Er konnte dies in der Fülle der ihm übergebenen Aufträge nicht ablehnen 104 … Der Dechant empfahl ihn an alle seine alten wiener Freunde und besonders Einen, bei dem er wohnen sollte … Benno nahm dies an, obgleich er einsah, daß es ihn sofort nach Rom ziehen würde … An die Möglichkeit, daß und in welcher Form Ceccone wagen könnte, die Herzogin von Amarillas sich nachkommen zu lassen, konnte niemand von den enger Verbundenen glauben …

Thiebold blieb außerhalb aller dieser Geheimnisse und litt unter der Trennung von Benno wie ein Liebender unter der Trennung von seiner Geliebten … Sein „Halt“, seine „Führung“ war dahin … Doch zerfloß er nur in jene bekannte Sentimentalität, die sich vor dem Uebermaß der Selbstrührung durch Poltern zu bewahren sucht … Er packte Benno’s Koffer, revidirte seine Garderobe und zerstörte ihm seine alten Brieftaschen, Haar- und Nagelbürsten, um ihm nur ein prachtvolles englisches Reisenecessaire zum Andenken mitgeben zu dürfen …

Nicht ebenso „unausstehlich“ aufmerksam, aber theilnehmend waren auch alle andern Bekannte Benno’s … Nur Piter hatte sich seit einiger Zeit zurückgezogen …

Noch am Abend vor Benno’s Reise kam Thiebold zu Bonaventura ins Domkapitel, wo er hoffen konnte Benno zu finden, und erzählte athemlos einen „schönen Skandal“ … Piter hatte Treudchen Ley gewaltsam aus dem Kloster entführt …

Denken Sie sich, erzählte er, Piter soll bereits schon einmal im Kloster gewesen sein und zwar auf welchem hoffentlich „nicht mehr ungewöhnlichen“ Wege? … In einem Waschkorb! … Ich versichere Sie auf Ehre! 105 Eingepackt als Leinzeug, das von einer im Kloster gehaltenen Nähschule gesäumt, gesteppt, gezeichnet, gewaschen und gebügelt werden sollte …

Bonaventura schlug die Augen nieder …

Dieser Ueberfall, fuhr Thiebold fort, misglückte damals … Aber – Sie wissen ohne Zweifel, Herr Domkapitular, die kleine allerliebste Blondine, die bei seiner verstorbenen Schwester diente – diese für ihn unbegreiflicherweise – nein, um es aufrichtig zu gestehen, ich kann mir diese Verirrung seines Geschmacks, „wenn Sie wollen“ erklären … Nicht nur nicht, daß die Kleine wirklich ein Bild von Schönheit, von Sanftmuth, von Anmuth – ohne Spaß – sondern auch – daß sie –

„Mehr Inhalt, weniger Kunst!“ unterbrach Benno …

Thiebold, gewohnt, von Benno’schen Dialog-Hindernissen gereizt zu werden, hörte nicht auf die Mahnung, sondern wandte sich an Bonaventura, der sein Studirzimmer den Freunden bereitwillig zum Rauchen hergab, und fuhr fort:

Sagen Sie selbst, Herr Domkapitular, finden Sie es nicht auch begreiflich? …

„Nicht nur nicht –“ schaltete Benno ungeduldig ein …

Wer – sich – nur – irgend – auf Piter’s – Standpunkt – zu – versetzen weiß – sagte Thiebold, jede Sylbe betonend …

Ich kenne das junge Mädchen und wünsche jedem Glück, der dessen Liebe gewinnt – schaltete Bonaventura zur Beruhigung ein …

Vollkommen meine Ueberzeugung! äußerte Thiebold 106 mit einem Mitleidsblick auf Benno … Nur eine „dergleichen Acquisition“ konnte „Piter’s Naturell Befriedigung gewähren“ … Eine Liebe darf manche Charaktere nicht „geniren“ …

Kurz, Thiebold erzählte von einer Verkleidung, in der sich Piter ins Kloster geschlichen hätte … Früher wäre er im Waschkorb gekommen, diesmal aber als Mitglied der weiblichen Nähschule selbst … Er hätte nicht einen einzigen seiner Sherrypunschfreunde zum „engern Complicen“ gehabt. Der Gedanke wäre ganz original aus „seiner Seele allein“ entsprungen. Vielleicht höchstens mit Hinzuziehung des Fräuleins Lucinde, die dem Treudchen diese Partie gönnte – „vermuthete“ Thiebold … Piter hätte sich in den einfachen Anzug einer Näherin geworfen, hätte seine interessante Erscheinung durch einen Strohhut mit Schleier unkenntlich gemacht und wäre so ins Kloster gekommen … Das Glück hätte ihn begünstigt und vor einem zu langen Umherirren bewahrt … Treudchen Ley wäre bald aufgefunden gewesen, er hätte sie in ihrer Zelle überrascht und ihr solange – Thiebold bediente sich des auf Piter anwendbaren Ausdrucks – „zugesetzt“, bis das schwache, willenlose Mädchen eingewilligt und mit ihm durch die Gänge, die ins Waisenhaus führten, das Kloster verlassen hätte … Dort hätte sie noch erst ihre Geschwister unter Thränen geküßt und wäre dann spurlos verschwunden … Piter hätte ohne Zweifel den Weg nach einer Gegend genommen, die derjenigen völlig au contraire gewesen wäre, aus der er jetzt „mit seinem Hause“ correspondire … Sein Schwager, der Professor außer Diensten, hätte im Sturm der Indignation sofort Procura bekommen, während die Commerzien-107räthin die „gewöhnliche Farbe ihrer Scheitel aus Anstandsrücksichten ins Kummergraue melirt“ hätte … Ohne Zweifel würde Piter nach einigen Monaten an der Hand seines jungen Weibchens „am Platz“ zurückkehren und höchstens nur noch mit den Curatoren des von ihm entweihten Klosters, namentlich mit dem wiederhergestellten Pfarrer vom Berge Karmel, „einen schönen Tanz kriegen“ …

Bonaventura hörte alledem zu, wie ein Arzt seinen Kranken reden läßt und durch kein Lächeln verräth, daß die ihm mitgetheilten Symptome ihm in nichts überraschend, wenn auch auf völlig andere Ursachen hinzuleiten erscheinen, als sie der Kranke ausspricht …

Die Belustigung seiner Freunde über „Piter als Nähmamsell“ konnte Thiebold, trotz des Verdachts der Blasphemie, „nicht umhin“ zu theilen und versprach sich davon für den stadt- und landersehnten nächsten Carneval ein „anregendes Motiv“ …

Benno reiste am folgenden Morgen ab und Thiebold gab ihm das Geleite bis auf eine Tagereise, Bonaventura nur bis zur Abfahrt des Dampfboots … In seinem letzten Blick und Handdruck lag ein tiefes Bangen vor den Erfahrungen, denen Benno entgegenreiste … Die Rührung des Abschieds konnte nicht zum vollen Ausbruch kommen – Thiebold’s wegen, der theils mit den Kofferträgern zankte, theils dem Abschied der Freunde und den etwa dabei fallenden „letzten Wünschen“ ein aufmerksames Ohr lieh …

Nach einem jener abwechselungsreichen Tage, wie man sie auch nur auf einem menschenüberfüllten Dampfboot und dann nur mit Thiebold de Jonge, der Seele einer 108 solchen Fahrt, verbringen konnte, nahm Benno auch von diesem Abschied … Sie hatten noch eine Nacht in einem der schönen Hotels zugebracht, deren sich in der Nähe des Grabes der heiligen Hildegard mehrere erheben … Wieder brach ein milder, sonniger Herbsttag an, als Thiebold frühmorgens thalwärts, Benno bergauf weiter fuhren … Ihr Abschied war, wie Thiebold versicherte, nur auf kurze Zeit … Der Landtag, der seinen Vater beschäftigte, trat zwar zusammen, würde aber der von der Ritterschaft und den Städten beabsichtigten Anträge zu Gunsten des Kirchenfürsten wegen sogleich aufgelöst werden … Er würde dann nicht verfehlen, ihn eines Morgens in „Oesterreich und Umgegend“ zu überraschen …

Im Fremdenbuch ihres Hotels hatten sie den Namen Schnuphase gefunden … „Stadtrath“ Schnuphase … Der von der Commune wegen seiner kirchlich-oppositionellen Richtung durch diesen Titel ausgezeichnete Mann reiste, wie zu lesen stand, gleichfalls nach Wien … Prächtige „Unterhöltung“ das! sagte Thiebold. Ein „Ersötz“ für meine „unfreiwillige Kömik“…

Dieser letzte „Stich“ vertrieb die Rührung nicht, mit der sich beide Freunde umarmten … Auch von Thiebold nahm Benno Abschied in dem seltsam ihn beschleichenden Gefühl, ihn nie wiederzusehen … Er mußte sich abwenden, um das flatternde Taschentuch nicht mehr zu bemerken, mit dem ihm Thiebold so lange seine Grüße zuwehte, bis der Dampfer, der ihn trug, hinter dem grünen Vorgebirge des Niederwalds verschwunden war …

Benno’s Schiff ging später und legte in Rüdesheim an, um Güter und Passagiere aufzunehmen …

109 In der That wurde ihm hier Stadtrath Schnuphase als Mitpassagier zu Theil …

Herr Maria mit der röthesten Nase, sonst wie zu einer Audienz, in weißer Weste, im Frack, weißer Halsbinde, erschien auf der Landungsbrücke und ließ eine Menge Koffer, eine Equipage von wenigstens zehn Centnern Uebergewicht aufladen, darunter eine Kiste, der er eine Aufmerksamkeit widmete, als wäre sie ganz mit Monstranzen, Meßgewändern oder consecrirten Kerzen gefüllt …

Anfangs bemerkte er Benno nicht …

Herr Maria war in einem zärtlichen Abschied begriffen von einer hohen Gestalt, die ihm kräftiglich die Hand schüttelte …

Benno erkannte den Moppes’schen Küfer, den Richter von der Eiche am Düsternbrook, den Richter seines eigenen Vaters, Stephan Lengenich …

Wohl war ihm diese Begegnung eine unheimliche … Er wich Schnuphasen aus, ergriffen wie von einem Omen …

Doch allmählich, als das Schiff weiter fuhr und Benno, gegen den noch kühlen Morgenwind in einen Mantel sich verhüllend, vom Verdeck aus den Küfer lange auf der Brücke harren und mit abgezogenem Hut dann und wann noch den Stadtrath zum Scheiden grüßen sahe, löste sich der Druck der Erinnerung, der mit eisigen Krallen sein Herz erfaßt hatte …

Auch der Stadtrath hatte ihn jetzt entdeckt, erkannt und mit Bewillkommnungen überhäuft …

Wo reisen Sie hin, Herr Stadtrath? … Auch nach Wien? … fragte Benno gelassen …

110 Herr Maria hätte Benno vor Freude über eine solche Reisebegleitung fast umarmt …

Eben fuhren sie am Johannisberg vorüber …

Er schilderte geheimnißvoll, was er oben gestern und heute gesehen auf dem in der Sonne leuchtenden Schlosse …

Er schilderte die „Öpörtements“, den berühmten Schreibtisch, der ganz mit „S–piegeln“ umgeben wäre, sodaß der hohe „S–tötsmönn“, indem er die Feder führte, immer sehen könnte, ob hinter ihm die „demögögischen Umtriebe“ … –

St! … unterbrach Benno … Die Kellerei! … Erzählen Sie von der! …

Der vor Begeisterung auch über diese Keller, wie er sagte, „sich noch in einem ungefrühs–tückten Zus–tönde befindliche“ Stadtrath machte eine bedeutungsvolle Miene, sah nach Rüdesheim zurück, dann auf sein Gepäck und brach von dieser Frage mit eigenthümlicher Pfiffigkeit ab …

Ich glaube gar, Sie haben geheime Aufträge an den Staatskanzler? fragte Benno …

Wieder folgte eine mysteriöse und diplomatische Abschwenkung …

Die Nase glühte in der Sonne … Das weiße lockige Haar stand dem kleinen Haupte ganz staatsmännisch und bedeutungsvoll …

Benno gab sich der Hoffnung hin, daß ihm seine Reise wenigstens von dieser Seite her Unterhaltung bieten würde.

111 5.#

Stadtrath Schnuphase hatte den Mentor gefunden, den seine in diesem Sommer mannichfach geprüften Töchter mit Verzweiflung vermißten, als sie hörten, Herr Stephan Lengenich würde nur bis zum Schloß Johannisberg mitreisen …

Sie wußten, wie der Vater bei seiner enthusiastischen Gemüthsart in der freien Luft, beim Anblick der hohen Dome, Domstifte, Kapellen, Kerzen und Schenken aus sich „herauszugehen“ pflegte … Erst in Wien selbst war Aussicht vorhanden, daß der so leicht angeregte Mann durch seine mitgenommenen Empfehlungen in eine geregelte Ueberwachung kam …

Schon von Frankfurt am Main aus schrieb Schnuphase seinen Töchtern das Glück, das er gefunden, den Herrn Baron von Asselyn als seinen Begleiter zu haben …

Es war ein Glück, das Benno theuer bezahlen mußte … Denn Schnuphase heftete sich an ihn an wie eine Klette … Und einen Auftrag an den großen Staatsmann hatte Schnuphase auf jeden Fall … 112 Worin – errieth Benno nicht … Schnuphase, der ihn sonst bis in das Innerste seines Busens, bis auf alle geheimen Medaillen und Amulete, die er unter dem bloßen Hemde trug, sehen ließ, vermaß sich hoch und theuer, hierin müsse er schweigen – er hätte sich und seinem Schutzpatron drei Eide abgelegt – doch würde er bei dem großen Staatsmann für Herrn von Asselyn sprechen, falls er die Bekanntschaft wünschte; er würde ihn einführen, ja, wenn er wollte, zu seinem „Mitbevöllmächtigten“ machen …

Ums Himmels willen –! …

Benno wollte erst im Scherz zustimmen, erschrak aber über die Möglichkeit, daß der Stadtrath wirklich in Sachen der Politik reiste … Er konnte nicht auf den Grund kommen, ob es sich um den Weinkeller oder um die Staatskanzlei handelte … Schnuphase bat ihn, seinen „Chöröcter“ nicht zu compromittiren, indem er ihn reize, seine Geheimnisse zu „öffenbören“ …

Sonst ließ sich der kühnste aller Emissäre, wenn er dies war, in seiner ganzen Auffassung der Zeit und der schwebenden Fragen ohne alle Rücksicht gehen …

Schnuphase hatte zwei Brieftaschen, die er bei jedem Stundenschlag zog … Eine schien mysteriösen Inhalts … Sie hing, wie Benno allmählich bemerkte, mit den Tageszeiten, Rosenkranzverpflichtungen und den dadurch gewonnenen Ablässen zusammen …

Von Würzburg hätte Schnuphase gern nach dem Würtembergischen hinübergeschwenkt … Bei Ellwangen lag die uralte Kirche der vierzehn Nothhelfer …

Nur durch das Verlangen, zu beobachten, wie ihm das 113 bairische Bier bekommen würde, vermochte ihn Benno zu einem schnelleren Betreten Altbaierns …

Das thurmreiche Augsburg konnte nicht unberührt bleiben … Mit Sehnsucht blickte Schnuphase, der dabei nie unterließ, als „Reisender“ auch in seinem Geschäft zu wirken und bei allen Sakristeien anzuklopfen, auf die fern aufragenden Voralpen, wo die hochheiligen Wallfahrtsorte Andechs und Altötting lagen …

Zwischen Augsburg und München erfuhr Benno zwar noch immer nichts von Schnuphase’s diplomatischer „Mission“, aber von der geistlichen Partie derselben lüfteten sich Schleier …

Schnuphase hatte Commissionen aus Belgien und Paris … Er brachte Medaillen, Wunderwässer und Rosenkränze in allen Formaten, wie sie die neue geistliche Thätigkeit von Rom und Paris aus segnen und mit jenseitigen Wohlthaten erkräftigen ließ … Er selbst war Mitglied „fast zu vieler“ Vereine, wie er sagte, und suchte Benno für den Eintritt wenigstens in einige zu interessiren … Mit dem Flüsterwort: Ich bin Rath eines Rosengartens! erklärte er Benno den „marianischen Bund “…

Diese Erzbruderschaft will den Rosenkranz als ein Lebendiges, in den Personen Vertretenes darstellen … 15 Personen stellen eine Rose vor; 11 Rosen, also 165 Personen einen Rosenstock und 15 blühende Rosenstöcke einen Rosengarten … Schnuphase beaufsichtigte demnach einen Rosengarten von 2475 Personen oder, wie er im Styl der Andacht sagte, „von reuevollen und 114 demüthigen Seelen“ … Die Ablässe, die die Mitglieder gewinnen, sind solidarisch und kommen nicht aus dem Verdienst des Einzelnen, sondern aus dem der Gesammtheit … Man loost sie aus, sodaß die Hoffnung, eine Seele gewänne durch die Verpflichtung dieser Erzbruderschaft einen Ablaß von hundert Tagen oder eine Verkürzung der Pein im Fegefeuer etwa von hundert Jahren, sich nicht auf das eigene Verdienst, sondern auf das Verdienst eines – Mit-Rosenblatts begründet …

Von dieser liebeseligsten aller Gemeinschaften konnte Schnuphase nicht reden, ohne daß in der That alle Rosen auch seines Antlitzes in ihren glühendsten Farben spielten …

Das zweite Büchelchen enthielt die Stunden und Tage der Ablässe, die sich Schnuphase durch Verrichtung der von den verschiedenen Genossenschaften, zu denen er gehörte, vorgeschriebenen Devotionen erwarb …

In München lebte Benno den Eindrücken der Kunst …

In einem Kaffeehause traf ihn aus einer Zeitung, die er zufällig las, die Nachricht, daß in Wien eine Menge Römer, auch ein Principe Rucca angekommen wäre – in Begleitung der Gräfin Olympia Maldachini, seiner Verlobten, und der Herzogin von Amarillas.

Er sprang vom Tische auf … So nahe rückte ihm die Entscheidung! … Doch, doch folgte die Mutter dem Cardinal! … Ha, rief es in seinem Innern, Du wirst diese Menschen in glänzenden Carrossen an dir vorüberfahren sehen, wirst vor ihnen entfliehen müssen … Wie kannst du einen Tag in solcher Nähe bleiben! …

115 So grübelte er verzweifelnd und doch wieder hocherhoben … Das Schicksal kommt dir entgegen! rief er … Es ließ ihn jetzt nicht mehr unter den Bildern, Statuen, Baumonumenten, unter – den Lächerlichkeiten Schnuphase’s …

Dieser war ganz der Vertreter der Lehre, daß die katholische Kirche die heiterste Lust am Dasein segne und heilige … Wie gute Geschäfte er machte … Wie kunstkennerisch er vom Bier zu reden begann, obgleich ihm nächtlich der Schlagfluß drohte … Wie viel Verbindungen er knüpfte und zwar heiterster Art … Beim Pschorr, beim Hackerbräu endete, was im Sanct-Peter, der ältesten Kirche der schönen Stadt, begonnen … Der mächtigsten Bruderschaft „Maria-Hilf“ gehörte Jean Baptist Maria bereits in ihrer belgischen Verzweigung an … Wie heimisch war ihm nun das Gefühl, den münchener Sanct-Peter zu betreten, von dessen Kanzel herab 1683 jene Bitten an die Gottgebärerin ertönten, die nächst Sobieski’s Säbel die Türken von Wien entfernten … Sie wurden Anlaß zu unserer deutschen „Maria vom Siege“ – wie die Schlacht von Lepanto und Don Juan d’Austria’s Sieg einst zur italischen … Kam Schnuphasen außer dem Anblick von zahllosen Kerzen an diesem hochberühmten „privilegirten“ Altar von Sanct-Peter (einen „privilegirten“ Altar zu sehen, ist dem gläubigen Gemüth ein Genuß, wie euch Weltlichen nur der Anblick einer classischen Stelle Italiens) ein weltlicher Gedanke, so war es der: Der Verein „Maria-Hilf“ ist recht 116 gemacht für eine Stadt der Maler … Jedes Mitglied desselben muß bei seinem Eintritt geloben, ein Bild der allerseligsten Jungfrau im Hause zu haben …

In Regensburg, wohin Benno seinen Gefährten mühsamer und mühsamer geschleppt hatte und wohin ihn zuletzt nur die Angst beschleunigte, es könnte seine dorthin auf dem Donau-Main-Kanal nachdirigirte Bagage und vorzugsweise die geheimnißvolle Kiste verloren gegangen sein, bestiegen beide das Dampfboot …

Eine herrliche Donaufahrt dann! … Die Passagiere: Soldat, Bauer, Bürger, wiener Bürger, Baron, österreichischer Baron, Geistliche; Passauerinnen, – die mit ihren Augen die „pössauer Kunst“ üben – sagte Schnuphase … Linzerinnen, hübsche, „doch etwas gör zu blösse“ junge Mädchen mit großen goldenen Helmen auf dem Kopf – „die schon alle mit russischen «Herrschöften» scheinen gereist zu sein –“ schmunzelte er …

Es war ein Gemisch, das sich an Buntheit sicher noch vermehrt hätte, ginge nicht noch immer die „Ordinari“, ein großes Floß, das Thiebold als Holzhändler vielleicht aus Esprit de corps und „einmal zur Abwechselung“ vorgezogen hätte …

Hinter Passau folgte die Revision der Pässe … Die Identificirung der Personen … Schnuphase flog so eifrig von der ersten „Vöslauer“, einem Wein, den er vorzugsweise zu studiren begehrte, auf und reichte seinen Paß so kühn über die Häupter aller Handwerksbursche hinweg, daß ihm Benno sagte: Aber machen Sie sich doch durch übermäßige Loyalität nicht verdächtig! …

Die Gepäckrevision vermehrte Benno’s Staunen 117 über Schnuphase’s Mission … Die Mauthbeamten lasen gewisse ihnen vom Stadtrath dargereichte Zettel, griffen ehrerbietigst an ihre Mützen und ließen alles ununtersucht …

Die geheimnißvolle Kiste, sah er bei dieser Procedur, war mit Wappensiegeln verschlossen …

Benno’s Gemüth gerieth in immer tiefere Spannung – abwechselnd der Freude und Trauer … Er sah in die hellgrünen Wellen wie in einen Krystallspiegel mit magischen Bildern … Er verglich, was ihm wohler gethan: Sein alter Irrthum oder jetzt die Wahrheit! …

Die grünen Berge, die den Strom verengten, konnte er nicht sehen, ohne sich nicht auf ihren Spitzen Armgart zu denken … Welche neue Erscheinungen standen ihm bevor … Wie sollte er sich ihnen nähern … Unter welchen Veranlassungen … Er sah voraus, daß er, wie sein Bruder gesagt hatte, vielleicht vorziehen würde, das zu bleiben, was er war …

In scharfen Contouren lagen die schon von frisch gefallenem Schnee glänzenden steirischen Alpen vor seinem wehmuthumflorten Auge … Die an den Ufern des buchten- und windungsreichen Stromes liegenden Städte schimmerten in heller Pracht mit ihren über und über weißgetünchten Häusern und Kirchen …

Linz war erreicht … Ein kurzes Nachtlager … Dann die „Wirbel und Strudel“, die mehr zu reden als zu fürchten gaben … Mitten in der Strömung auftauchende „Auen“ und Inseln erinnerten an die „Weerthe“ des andern geliebten Stromes – an „Lindenwerth“ … Mit schmerzlichem Sinnen gedachte Benno des vorjäh-118rigen Herbstes und seiner verklungenen Hoffnungen … Eine verlorene Liebe ist wie die zerstoßene Perle, die den Becher eines ganzen Lebens würzt – wie der Tropfe zerflossenen Goldes, mit dem auf der Palette ein Maler alle seine Farben mischt …

Benno sah jetzt, je näher er Wien kam, alles feierlich und geheimnißvoll … Mit einem Herzen voll Glück hätte sich ihm manches zugänglicher und verständlicher gemacht … Das Schöne weckt vielen Gemüthern ohnehin nur Trauer … Und schön war hier alles … Auch hier ragten die hohen Bergkanten schroff empor wie der Geierfels und das Hüneneck … Auch hier blinkten im wilden Gestrüpp der Büsche, im Geröll zerbröckelnder Burgmauern die Edelsteine der Sagen aus alten Zeiten … Auch hier konnte auf so mancher Altane das Auge einen im Wind wehenden Schleier und das Winken der Gefangenen mit ihres Geliebten bunter Schärpe sehen … Hohe Schlösser ragten wie Schloß Neuhof, seines Vaters stolzer, erinnerungsdüsterer Stammsitz … Diese hier bargen Chorherren und Mönche … Bonaventura hatte große Verehrung vor ihnen, weil ihre Bewohner, Benedictiner, den Wissenschaften oblägen … Oft im Frühjahr, nach dem Kampf mit Rother, äußerte er die Meinung, sich hieher oder in die alten Bibliotheken der Schweiz flüchten zu können … In einzelnen Booten und auf Flößen sah man Processionen, die zu Maria-Taferl wallfahrteten …

Viele von den Pavillon-Passagieren kamen jetzt erst aus den Bädern zurück … Es fanden Erkennungen und Begrüßungen statt, auch Misverständnisse und Ent-119schuldigungen … Dicht an vier in Linz aufgefahrenen kleinen Wägen mit dem überraschenden Inhalt von Löwen und Tigern, die als Nachzügler zu einer in Wien schon befindlichen Menagerie gehörten, erklärte ein Witzbold die Gefangennahme Richard Löwenherzens auf dem gegenüberliegenden Dürrenstein dahin: „Aber erlaubens, wann so ein Engländer auch mit einem Löwen statt ’nem Pudel reist, hat der Herzog von Oesterreich dazumal Ursach’ gehabt, den Mann einstecken zu lassen!“ …

Schnuphase war wie im Vorhof des Paradieses … In Linz war ihm schon der Geschäftsfreund entgegengekommen, an den er empfohlen war, der Mitbesitzer der Paramentenhandlung Pelikan & Tuckmandl auf der Currentgasse …

Herr Calasantius Pelikan war eine kleine, dicke und sehr entschieden auftretende Natur, mit pechschwarzen, fast zottigen Augenbrauen, Ringen an den Fingern, in grünem Frack, rothem Halstuch, gelber Weste, dem lustigsten Farbencontrast, ganz als wäre das Erdenleben ein ewiger Fasching …

Schnuphase schwamm in Entzücken über diese Aufmerksamkeit, ihm so auf Meilen entgegenzureisen … Er zog Benno in die Besiegelungen ewiger Freundschaft hinein, die den Mittelpunkt der ganzen Schiffsconversation zu bilden anfingen … Ja, im Bewußtsein seiner vertraulichen Beziehung zu dem zweitersten Manne dieses großen Staates ergab sich Schnuphase der sorglosesten Sicherheit, die auch bereits mit allen feineren Nuancen der von ihm erprobten Weine des Schiffskellers übervertraut war … Er sah 120 im Geist den Stephansthurm umringelt von oben bis unten mit Praterwürsteln … Im „Sperl“ hatte er durch Herrn Pelikan sogut wie schon einen „belegten“ Eckplatz und in „Dommayer’s“, in „Hietzing“ wurden durch ihn und die mit ihnen speisten, bereits die Backhändln rar … An der Table-d’hôte that es Schnuphase nun unter Champagner nicht mehr und Benno mußte nur immer hinterrücks an seinem Sommerrockärmel zupfen, um ihn nur zu bewegen, gegen seine Tischnachbarn den großen Allmächtigen aus dem Spiele zu lassen, den er halb schon seinen besten Freund nannte …

Schnuphase’s eigenthümliche „S–pröche“ nannte Herr Calasantius Pelikan zum tiefsten Schmerz des Stadtraths: „Wol preußisch?“ …

Nach dem Diner schmollte darüber Schnuphase … Dann aber, wieder ausgesöhnt, war er so neckisch gestimmt, daß er’s nun auf die „Donauweibeln“ abgesehen hatte … Er begab sich schwankenden Fußes nach der Vorderkajüte und band dicht neben den reißenden Thieren ein Gespräch mit den blassen volksthümlichen Mädchen in goldenen Helmen an, sie fragend, ob sie keine Furcht hätten vor den furchtbaren Löwen, Panthern und Hyänen oder, wie der sich ebenso schmunzelnd hinter ihm hertrottelnde Calasantius ausdrückte: „vor oall den talketen Koatzen?“ …

Immer fester aber und enger schlang sich das Band der neuen Eindrücke um Benno … Eine „Musikbanda“ kam aufs Schiff und spielte gellend auf … Bei einer Frage um den Grafen Hugo von Salem-Camphausen verwickelte sich Benno in Gespräche mit Offizieren … 121 Seines fesselnden Eindrucks wegen gab man sich ihm gern hin … Er studirte das eigenthümliche, zwischen Französisch und Wienerisch gehaltene Plauschen der österreichischen Aristokratie … Der Erzähler dieser Geschichten hat das Wesen der meisten Menschen nach dem Durchtönen der von ihnen am häufigsten gebrauchten Vocale unterscheiden wollen, je nachdem die Menschen in A gesetzt sind (sie sind würdevoll und gleichmäßig), in I (sie sind verwundert und fröhlich), in O (Hypochonder), in U (Mystiker), in E (Tadelnde, Nergelnde, Mäkelnde). Die österreichische Aristokratie ist entschieden auf E gesetzt. Sie tadelt und kritisirt in einem fort … Alle Erscheinungen fremder Küchen, Keller, Sitten sind ihr „mechant“; einiges wenige ausgenommen, das sie dann freilich auch ebenso entzückt „charmant“ oder „supeeerb“ findet, wozu das Zusammentreffen von Bedingungen gehören mußte, die Benno erst zu ergründen suchte … Seltsame Welt, die ebenso viel Selbstbewußtsein wie einen plötzlichen Mangel aller Unterlagen offenbarte … Selbst die allgemeine Heiterkeit und Lust schien sich zuweilen in eine nur vorgehaltene Maske zu verwandeln …

Als Schnuphase in der Kajüte schnarchte, erwies sich Herr Calasantius dem Herrn Baron als ein Mann von Gefälligkeit … Es war ein „nach Wien geheiratheter“ Böhme … Er hatte gehört, Benno würde in einem geistlichen Hause auf der Freyung wohnen und stellte nun den Paramentenhändler heraus … Der Onkel Dechant hatte Benno an einen alten Freund und Correspondenten, den ehemaligen Chorherrn der Prämonstratenser, Herrn Pater Grödner, empfohlen, einen 122 Gelehrten, der an öffentlichen Anstalten Unterricht gab … Herr Calasantius Pelikan beschrieb den Mann und sein Haus … Von seiner eigenen Niederlassung in der Currentgasse erzählte er, es wäre nahe jener Behausung, wo einst die allerseligste Jungfrau dem heiligen Stanislaus von Kostka erschienen wäre und ihm das Jesuskind zum Spielen auf die Bettdecke dargereicht hätte … Der Herr Stadtrath würde bei ihnen wohnen … Sein Schwager, der Herr Nepomuck Tuckmandl, wäre der Herbergsvater der Goldsticker, bewahre die Innungslade und ginge bei den Processionen voran … Alles das würde jetzt wieder „so schön und neu“ aufgerichtet und der Herr Stadtrath würde, im Vertrauen gesagt, unter sehr hoher Protection, einen „christlichen Gesellenverein“ einrichten, was bei dem „Geist der Zeit“ allerdings einige „Schwürigkeiten“ haben würde …

Auf jedes Uebermaß der Freude folgt Ernüchterung … Schnuphase hatte nach dem Erwachen besorgliche Zustände – Nachwehen, Beklemmungen … Die kommende große Stadt fiel ihm schwer aufs Herz … Er beschwor Benno, ihn in dem Gewirr nicht zu verlassen … Auch seine „Mission“ flößte ihm Besorgnisse ein … Er wiederholte in allem Ernst, daß er die „Audienz“ lieber anträte mit „Unters–tützung“ eines „gewöndteren Redners“ … Könnt’ ich mich Ihnen doch nur ganz „öffenbören“ – hauchte er …

Nach Ihrer vornehmen Kiste zu schließen, sagte Benno, vermuth’ ich, daß es der Protection des fürstlichen Kellermeisters bedarf, um in der ehrenvollen Eigenschaft Ihres Mitbeauftragten zu erscheinen …

123 Schnuphase seufzte wie unter einer schweren Last …

Es war schon dunkel, als endlich Nußdorf erreicht war …

Die Mauth ist dann ein chemisches Reagens, das alle Verbindungen löst … Jeder muß an sich selbst denken …

Benno fuhr auf diese Art in die innere Stadt allein …

Der aufgehobene Chorherr der Prämonstratenser, Herr Pater Grödner, war vollkommen unterrichtet und nahm ihn freundlich, wenn auch etwas befangen, in einem großen geistlichen Hause auf …

Der Onkel Dechant hatte ihm vorausgesagt: Pater Grödner ist ein Hypochonder, wie im Grund ganz Wien nur deshalb ausgelassen lustig ist, um seine plötzlichen Anfälle von Hypochondrie zu vergessen …

Benno erhielt einige ganz ihm allein angehörende Zimmer …

So spät es war, eilte er den Abend doch noch ins Freie … Das Gefühl: Hier leben dir eine Mutter – eine Schwester! drohte ihm die Brust zu zersprengen … Jede weibliche Gestalt, die er an sich vorübergehen sah, betrachtete er mit prüfendem Auge … Von Angiolinen hatte er gehört, daß sie Lucinden ähneln sollte …

So schritt er planlos dahin und athmete ebenso das allgemeine Leben der großen Stadt wie das Geheimleben, das diese Steinkolosse gerade nur für ihn erschließen sollten … Erst ein Regenschauer führte ihn nach Hause zurück … Da der Chorherr ihn 124 in nichts stören wollte, fand er ein Nachtmahl für sich allein …

Am folgenden Morgen war das Wetter wunderschön … Es hatte die Nacht hindurch geregnet … Eine laue Luft wehte wie im Frühling … Sein Wirth war schon freundlicher … Der lange hagere Herr, bejahrter als er aussah, lud zu einer Spazierfahrt ein, sogar zum „Speisen“ in Hietzing … Er wollte vom Dechanten, von Monika, von der Seherin von Westerhof hören … Und mit der Aebtissin der Hospitaliterinnen, Schwester Scholastika, bei welcher Monika so lange Jahre im Kloster gelebt hatte, war er auch bekannt … Selbst von Bonaventura hatte er gehört … Er sprach von Ceccone … Dieser wohnte ganz nahebei … Benno wollte die Depeschen an den Cardinal und den Staatskanzler übergeben … Der Chorherr schlug einen Fiaker vor, den man nehmen wollte, um alle diese Commissionen mit Bequemlichkeit auszurichten … Er gehörte, nach Aufhebung seines Klosters, schon seit Jahren einer höhern Studienanstalt an, die gerade Herbstferien hatte … Alle Erläuterungen, die er gab, begleitete er mit einem eigenen seufzenden Lächeln … Er sprach nicht drei Worte, ohne sich nicht selbst zu ironisiren …

Als sie einen Fiaker genommen hatten, fuhren sie erst bei Ceccone in einem nahen und bescheidenen Palais vor … Benno gab die Briefe von der Stellvertretung des Kirchenfürsten ab …

Ihre Adresse ist nicht nöthig, sagte der Chorherr mit trockener Ironie … Wo Sie woh-125nen, das weiß heute früh schon jeder – Polizeivertraute …

Auf der Herrengasse vor dem Palais des Grafen Salem-Camphausen ertheilte ein Portier in den Camphausen’schen Farben den Bescheid, daß die Frau Gräfin verreist und der Herr Graf auf Schloß Salem wäre … Benno übergab ein an diesen gerichtetes Billet, das er für diesen Fall bereit gehalten …

Sie bringen dieser Familie die Erlösung, sagte der Chorherr, und müssen doch erst selbst anklopfen! … Gerade wie in der Pastoraltheologie! …

Noch ehe Benno aus seinem Nachsinnen erwacht war, stand der Wagen vor der Staatskanzlei …

Auch hier stiegen beide aus und übergaben dem Portier die Briefschaften …

Pressant! sagte der Chorherr zum Portier … Se. Durchlaucht lesen die Briefe lieber des Morgens als des Abends …

Der Portier hatte ihm die Briefe mit zu vielem Gleichmuth in seine Loge gelegt …

Daß doch die Posten selbst für die Staatsmänner nicht sicher sind! sagte der Chorherr beim Einsteigen. Ich glaube, es kommt daher, weil die Staatsmänner ein schlechtes Gewissen haben und die Behandlung der Brieffelleisen kennen … Wenn Sie Geheimnisse haben, mein Bester, so nehmen Sie nur ja erst Oblaten und dann Siegelwachs … In solchem Fall muß wenigstens das Couvert abgerissen und aufrichtig darauf geschrieben werden: „Mangelhaft verschlossen“ – –

126 Die Empfehlungen an ein Haus Zickeles wollte Benno abzugeben noch aufschieben …

Haben Sie noch sonst eine Commission in der Stadt?…

Benno kämpfte mit sich, die Namen Angiolina Pötzl und die Herzogin von Amarillas zu nennen …

Er unterdrückte den Reiz und gab gern seine Zustimmung, daß nun der Wagen pfeilgeschwind zum Burgthor hinausfuhr …

Die Unterhaltung konnte nur Erläuterung zu den bunten, mannichfach wechselnden Eindrücken der Fahrt sein …

Maria Treu das! sagte der Chorherr auf eine Kirche deutend … Wir haben Maria Stiegen – gehört jetzt den Jesuiten … Maria Treu – gehört den Piaristen – La même chose – Maria Schnee – gehört den Italienern. In Rom zählt’ ich fünfundzwanzig Marienkirchen … Ich war in Rom … Ei, da sehen Sie, auf dem Gebirg ist die Nacht schon Schnee gefallen! … Da zu, wo Schloß Salem liegt … Kennen Sie die Sage von Maria zum Schnee? … Einige hundert Jahre nach dem Tod unsers Herrn und Erlösers wußte ein reicher Römer keinen Platz, wo er eine Kirche hinbauen sollte … Die Gottesmutter erschien ihm und zeigte ihm den esquilinischen Hügel, auf dem die Nacht Schnee gefallen war … Es ist ein ganz sinniger Zug, daß man den Italienern auch hier die Kirche „Maria Schnee“ gegeben hat. Maria Schnee ist das Symbol von Rom in seinem Verhältniß zu Deutschland …

Benno konnte sich allmählich denken, daß die Freundschaft des Onkels Dechanten für diesen Chorherrn 127 wohlbegründet war … Doch mochte er sich nicht von selbst in sein Inneres drängen …

Bei dem zu Hietzing in einem besondern Cabinet eingenommenen Mahle ergab es sich, daß der Chorherr jene sich auf sich selbst stützende Kraft des reichen Klosterlebens alten Styls repräsentirte … Ein lebhaftes Unabhängigkeitsgefühl trat immer mehr zu Tage … Und beim Wein löste sich die Zurückhaltung des unterrichtet und höchst scharf urtheilenden Mannes vollends … Der Chorherr war ein Bürgerssohn aus dem Salzburgischen, hatte große Reisen gemacht, gelehrte Werke herausgegeben und stand seit der Aufhebung seines Prämonstratenserstifts nur noch im losen Zusammenhang mit dem Klerus … Immer heiterer und heiterer wurde er … Das ganze gleichsam zurückgetretene Liebesgefühl und Liebesbedürfniß des katholischen Priesters, das sich bei würdigen Naturen in einem nicht zu misdeutenden Bedürfniß nach männlicher Freundschaft und namentlich zu Jünglingen ausspricht – wodurch gutgeartete höhere katholische Priesternaturen eine seltene Befähigung zur Erziehung gewinnen – kam auch bei dem bisher so trockenen alten Herrn ganz zum Vorschein … Er konnte die Hand des jungen Mannes wie ein Verliebter drücken …

Beim Dessert sprach der Chorherr schon wie ein Vater mit seinem Sohn … Es war ihm nichts fremd von dem, was die Welt bewegte … Nun kam das alles heraus … Er las, was nur dem Gebildeten zu kennen geziemt … Und sein Gelesenhaben und Wissen war, nun blitzte auch das auf, wie eine geheime Waffe gegen 128 seinen eigenen Beruf, eine geheime Rüstung für die künftige Zeit … Wie Benno die Donaureise beschrieb und freimüthig auf die Zeiten zu sprechen kam, wo, wie der Jesuitengeneral einst zu Terschka geklagt hatte, sieben Achtel der österreichischen Lande protestantisch waren, – wie er dann vollends den Bauernaufstand des Stephan Fadinger erwähnte und bei Gelegenheit der Wohnung Schnuphase’s die Weigerung des frühern lutherischen Hauswirths des heiligen Stanislaus, das Allerheiligste in sein Haus kommen zu lassen – da sagte der Chorherr unerschrocken:

Wir werden noch einmal wieder zurückkommen müssen auf das sechzehnte Jahrhundert, mein Lieber! Wir werden noch einmal da anfangen, wo der gute Luther stehen geblieben ist, ehe die Habsucht der sächsischen und hessischen Fürsten den seltenen Mann in Beschlag nahm und die Ausartungen seiner Reform ihn erschreckten! Freilich ist ein Volk, das in einer Wallfahrt ein Gemüthsbedürfniß befriedigt, ein Volk, das sich zu einer Bruderschaft vom „Todesschweiß des Erlösers“ zahlreich einschreiben lassen kann, nicht sofort durch Kant und Hegel für die Aufklärung zu gewinnen. Das Kreuz des Erlösers wird die Reform immer mittragen müssen! …

Benno hörte die Ansichten Bonaventura’s …

Nach Tisch wandelten beide jetzt schon Vertrautgewordenen in dem bereits entlaubten herrlichen Park von Schönbrunn …

Der Chorherr legte seinen Arm in den Arm seines jungen Freundes … Mit dem Blick auf die Außenwelt, mit dem herbstlichen Laub, das vor ihnen der 129 Wind dahinfegte, kehrte die Hypochondrie des Greises zurück …

Das herrliche sonnige Wetter hatte die Käfige der Menagerie geöffnet …

Benno folgte dem Zuge der andern Spaziergänger, folgte dem Lachen über die Kunststücke der Affen, dem Brüllen der Löwen, dem Gekrächz der Vögel … Der Chorherr gab nach, obgleich er sagte:

Diese Gefangenen machen mich melancholisch … Bestien gehören in die Wüste und der Mensch steht gar so feige vor dem Gitter und freut sich, daß er im Sichern ist …

Wie sie im Strom der andern den Behältern näher gekommen waren und vor einem mächtigen Königstiger eine elegante Gesellschaft von Herren und Damen fanden, die mit italienischen Anrufen das unruhig hin- und hergehende, schon bedenklich den Schweif schlagende Thier reizten, sagte der Chorherr:

Und das fehlte nun auch noch! Die feigste Nation von der Welt hat hier Courage …

Die Neckenden schienen sämmtlich Italiener zu sein …

Einige Offiziere waren darunter, die der italienischen Nobelgarde angehörten … Einige andere gehörten zum Civil …

Den Mittelpunkt bildete eine einzige kleine junge Dame, die sich im Necken des Tigers bis zur Ausgelassenheit gefiel … Die schlanke und gestreckte Gestalt des aufgescheuchten Thieres wand sich in gleichmäßigen Schritten bald rechts, bald links … Das grünlichgraue Auge funkelte phosphorartig; es war auf die 130 leuchtenden Farben des Kleides und vorzugsweise eines kleinen Sonnenschirms der jungen Dame gerichtet, die nicht aufhörte, mit einer rauhen befehlshaberischen Stimme den Tiger anzureden und in steigende Gereiztheit zu versetzen …

Plötzlich fiel der kleine Sonnenschirm in den Behälter des in kurzen Sätzen stöhnenden Thieres, aus dessen Augen helle Funken zu sprühen schienen, Vorboten der ausbrechenden Wuth …

Die italienischen Herren lachten laut auf …

Benno, der dicht dabeistand, hörte vom Chorherrn die verächtlich geflüsterten Schiller’schen Worte:

„Herr Ritter, ist Eure Liebe so heiß,
Wie Ihr mir’s schwört zu jeder Stund’,
Ei, so hebt mir den Handschuh auf!“ …

Die sämmtlichen Umstehenden schienen entweder kein Deutsch zu verstehen oder nichts von der Schiller’schen Ballade zu wissen …

Die Italienerin war jedoch vollkommen von dem eigensinnigen Temperament des Fräuleins Kunigunde im Gedicht … Wie ein verwöhntes Kind beklagte sie ihren Ombrello und verlangte ihn zurück …

Die Herren sprachen vom Wärter, den sie rufen wollten …

Der Tiger kümmerte sich nicht, wie wenn er ihm doch gehörte, um den etwa einen Fuß vom Gitter entfernt liegenden Gegenstand, sondern ging nur nach wie vor schnaubend auf und nieder oder stellte sich zuweilen zum Sprunge … Das Thier bot alle Veranlassung, ohne den Wärter den Sonnenschirm ruhig liegen zu lassen …

131 Jetzt erst sah Benno das Antlitz der Kleinen …

Es war äußerlich ein halbes Kind und doch zeigte sich eine Entschiedenheit der Mienen, die erschrecken konnte … Die Haut, an sich zart und pfirsichweich, spielte ins Grüngelbe … Die Augen schwarz, die Lippen rubinroth, die Zähne blendendweiß … Das in Flechten unter dem Hute sichtbare Haar hatte ein echt italienisches Blauschwarz … Die Augenbrauen riß sie hoch auf wie aus Zorn, Verlegenheit und Beschämung … Alle Zähne sah man … Ihr Wesen hatte selbst etwas Thierisches …

Am ungeduldigsten und eifrigsten, dem fortwährend um ihren Ombrello klagenden Kinde von vielleicht schon zwanzig Jahren eine Beruhigung zu gewähren, zeigte sich ein junger eleganter Mann von derselben Unreife der äußern Erscheinung, doch mit ebenso sichern und lebhaften Manieren … Die Kleine warf dem Dandy in gelben Glacéhandschuhen vor, daß er nicht einmal zwei Schritte bis ans Gitter zu gehen wagte aus Furcht vor den möglicherweise durchgesteckten Tatzen des Tigers …

Die andern Italiener lachten und machten Späße über die Anwendung, die ein bengalischer Tiger von einem mailänder Sonnenschirm machen könnte … Sie wollten jedoch nur den Wärter rufen …

Die zornige junge Dame war nahe daran, um den Sonnenschirm herauszuholen, einem der Offiziere den Degen aus der Scheide zu ziehen …

Perché ella ha quello spiedo! sagte sie …

132 Inzwischen hatte Benno statt des „Bratspießes“ sein leichtes Spazierstöckchcn verkehrt ins Gitter gehalten und mit dem Griff desselben, während die linke Hand den erschrocken ihn ergreifenden Chorherrn zurückhielt, den Sonnenschirm aufgegabelt und herausgezogen … Der Tiger blieb stutzend stehen …

Mit dem geläufigsten Italienisch übergab Benno der ihm überrascht ins Antlitz sehenden Dame den Schirm:

Anche le fiere del deserto cognoscono la civiltâ, que si deve alle signore!

Grazie, Signore! sagte die junge Dame mit einer plötzlich veränderten Stimme …

In diesem Dank, in dieser leichten Verbeugung lag eine Anmuth, die selbst den Chorherrn bestimmte, zu sagen:

Der Blick war es freilich werth, die „Artigkeit der Wüstenthiere auch gegen Damen“ zu riskiren! … Aber ein merkwürdiges Gesicht das! … Ich möchte fast sagen die Schönheit der Häßlichkeit … Eine Stumpfnase, eine gewölbte Stirn, ein mürrisch hängender Mund, aber alles wie der Blitz in Brillantfeuer verwandelt durch ein einziges Lächeln! …

Benno fiel Lucinde ein … Lucinde war schöner, edler gewachsen; aber bei der Fahrt von St.-Wolfgang nach Kocher am Fall im vorigen Jahre hatte sie so im Wagen neben ihm gesessen, so von phantastischen Schlössern geträumt, ganz mit diesen verklärt bestrickenden Augen …

Die Italiener waren inzwischen verschwunden und hatten sich zu „Dommayer’s“ wahrscheinlich erst jetzt begeben …

133 Benno und der Chorherr fanden ihren Wagen am Eingangsportal des Schlosses …

Diese italienischen Nobili, die die Politik hier zu einer Garde vereinigt, sagte der Chorherr, kommen mir vor, wie sonst die Heerführer der alten Deutschen bei den Römern als Geiseln lebten … Sie sollen die deutsche Weise annehmen und in Mailand keine Verschwörungen machen … Es wird aber damit werden, wie mit dem Arminius … Der lernte auch in Rom nur die Handgriffe der römischen Kriegskunst und schlug damit die Römer … Vom Schwert dieser Italiener droht uns allerdings wenig Gefahr; aber sie haben Dolch und Gift und – Rom … Doch – was thu’ ich – hüten Sie sich ja, hier von Politik zu sprechen! … Das Spionirsystem erstreckt sich bis ins Innerste der Familien … Was die Polizei nicht thut, thut die Loyalität von selbst … Die Sucht nach Auszeichnungen und Anerkennungen ist so groß, daß hier Menschen auf die gemüthlichste Weise mit Ihnen scherzen können und Sie dennoch denunciren – aus „Patriotismus“ … Wer weiß, ob Sie vor mir sicher sind! …

Benno ergriff lächelnd den Arm des Greises und drückte ihn an seine Brust …

Auf seine Aeußerung, daß denn doch wol Rom ein treuer Verbündeter des Kaiserstaats wäre, erwiderte der Chorherr:

Man glaubte eine Zeit lang, daß Cardinal Ceccone seine Macht verlieren würde … Seine Gegner im Vatican, besonders Fefelotti, schienen zu triumphiren … Aber es scheint, er hat mit den Jesuiten ein Compro-134miß getroffen und hält nun wieder alle Bannstrahlen in seiner Hand … Sein Auftreten bei uns ist bedeutungsvoll … Alles, was man für die innere Reform unserer Kirche gehofft hatte, scheint verloren … Die unglückselige Manie der Fürsten und Staatsmänner, nur Eine Gefahr, die der Revolution, zu sehen, macht sie wider Willen zu Beförderern des Aberglaubens und der Hierarchie … Der Staatskanzler haßt die Jesuiten … Aber sie nehmen seine Devise an und sagen: Nous sommes conservateurs comme vous! … Was will er machen! … Dafür, daß wir den Jesuiten Deutschland geben, erbieten sich wieder die Jesuiten, an Oesterreich Italien zu lassen … Doch in diesen italienischen Köpfen ist es selbst unter dem Purpurhut nicht geheuer …

Benno, Ceccone’s Stellung und die Zähmungsmittel der Jesuiten vollkommen aus seinem eigenen Dasein kennend, fragte schüchtern nach dem Cardinal und ob sein Gönner ihn gesehen hätte … Er wagte nicht, tiefer zu dringen …

Hier noch nicht! erwiderte der Chorherr … Aber vor Jahren sah ich ihn in Rom … Ich machte eine Reise dorthin zu einer Zeit, wo unser Deutschland noch erst wenig von der römischen Curie beachtet wurde … Wie unschuldig nimmt sich auch unser deutsches Kirchlein Maria dell’ Anima in Rom aus! … Franzosen und Spanier haben sich da seit Jahrhunderten wahrhaft königlich zu vertreten gewußt … Unser Kirchlein aber, das hat so etwas nur vom tyroler Geschmack und dennoch macht es den Eindruck des ehrlichsten und aufrichtigsten aller 135 Gotteshäuser in Rom … Auf die Phantasie wirkt’s nit, das ist wahr; nur ein reines Herz und rechten Drang zum Beten muß Eins mitbringen, um darin Gefallen zu finden … Aber – ja – vom Ceccone sprach ich … Den sah ich öfters … Ihn und die meisten Cardinäle … Man muß sagen, diese Monsignori sind Menschen, für die Gott ein eigenes Paradies und eine eigene Hölle muß erschaffen haben … Sie scheinen alle noch wie aus dem Stamm des Cäsar Augustus zu sein … Quos ego! und das so mit einem smorzando – ganz nur so hingelächelt … Neptun’s Dreizack geschwungen mit weißen Ballhandschuhen – wie Sie auch immer Se. Heiligkeit sehen werden … Sie wollen ja nach Rom? … Immer hat der Heilige Vater, auch wenn er die Völker segnet, weiße Handschuhe an … Diese Cardinäle! … Da wird das Unmögliche möglich mit einer – kopfabschneiderischen Grazie … Die Art, wie blos allein diese Ceremonienmeister des Himmels über die Marmorböden schreiten oder wie sie die Messe lesen, falls sie die vollständigen Weihen haben – – das „laßt“ sich gar nicht beschreiben …

Benno war im steten Bangen um die endliche Erwähnung seiner Mutter …

Der Chorherr ließ in der Stadt vor dem Bankierhause Marcus Zickeles halten …

Es war die Mittags- und Börsenzeit … Er fand niemand als einen Buchhalter, dem er seine Creditive überreichte …

Am Abend besuchte er das Kärnthnerthortheater, wohin ihn der Chorherr nicht begleitete …

136 Von der Herzogin von Amarillas erfuhr er durch Erkundigungen in den ersten Hotels, daß sie im „Palatinus“ wohnte … Er näherte sich mit klopfendem Herzen diesem Gasthof, sah das Eingangsthor mit Dienern in prächtigen Livreen besetzt, hörte italienisch sprechen … Von einem Mohren hieß es, er gehöre dem Principe Rucca … Mit der sogenannten „Gemüthlichkeit“ der Wiener stand die kurze Art, wie er da und dort auf seine Fragen Auskunft ertheilt bekam, nicht immer im Einklang …

Am folgenden Morgen sprach der Chorherr seine Verwunderung aus, daß noch kein Lebenszeichen von der Nuntiatur und der Staatskanzlei gekommen …

Benno erwiderte:

Wie wäre denn das möglich … Ich brachte keine Empfehlungsbriefe … Man erwartet mich hier nur in der Herrengasse … Wie weit ist Schloß Salem? …

Mindestens vier Stunden! sagte der Chorherr und lud Benno zur Besichtigung der Gemäldegalerie im Belvedere und dann zu einem Spaziergang im Prater ein …

Die Urtheile des Chorherrn über die Schätze der kaiserlichen Bildergalerie waren treffend und zeigten ein Bindeglied mehr zwischen ihm und dem Onkel Dechanten … Wie warm und lebendig wurde er im Gegensatz zu „Maria vom Schnee“ über Rafael’s „Maria im Grünen“! … Wie still und ruhig das alles ist! sagte er im Anschauen … Die Kinder spielen noch mit dem Kreuz, das sie künftig tragen sollen! … Und fast hastig führte er Benno zu Carlo 137 Dolce’s Bild: „Die Wahrheit“ – analysirte es und sah sich dann scherzend um mit den Worten: Warum ein solches Bild – noch nicht verboten ist! …

Beim Verlassen der nur flüchtig durchwanderten Säle zeigte der Chorherr eine italienische Villa mit noch grünem Rasen … Der Sommeraufenthalt des Staatskanzlers! erklärte er …

Zum Prater wurde ein Fiaker genommen …

Als sie den schon völlig laublosen großen Park erreicht hatten, stiegen sie aus …

Der Chorherr rief plötzlich:

Schauen Sie da! … Ist das nicht Ihre gestrige Dame? …

Eine Cavalcade von Reitern sprengte durch die Alleen … In ihrer Mitte eine Reiterin, auf deren Identität mit der gestrigen Tigerbekanntschaft der Chorherr nur der Offiziere wegen schloß, die wieder der italienischen Garde angehörten … Sie ritten zu schnell vorüber, um sie zu erkennen …

Inzwischen gingen sie weiter … Der Chorherr nannte den Prater öde und langweilig … Nur die Abendsonne, sagte er, macht ihn schön … Wenn man so hinschlendert und sein Tagewerk vollbracht hat … Dann freilich kommt die Schönheit – wie so oft – aus unserm Gemüth …

Nach einer halben Stunde kamen sie zu dem im Prater befindlichen großen „Hamburger Berg“, dessen Schaustellungen und Sehenswürdigkeiten …

Eine große Menagerie kündigte sich durch ihre ausgehängten Bilder, Papagaien und Affen an …

138 Zieht Sie schon wieder so ein Spectaculum? sagte der Chorherr fast ärgerlich, als Benno einer dicken hinter Vorhängen sitzenden Dame zunickte, die auf dem Dampfboot ihre verspäteten Käfige begleitet hatte …

Benno berichtete nur vom Dampfboot …

Da plötzlich unterbrach ihn der Chorherr und zeigte auf die in der Nähe stehenden dampfenden Rosse der vorhin gesehenen Cavalcade …

Die Italienerin wird schon wieder vor den Käfigen der wilden Thiere sein … sagte der Chorherr und rief dann aufhorchend:

Da! … Hören Sie! …

Und in der That hörte man drinnen eine laute Stimme italienisch rufen … Mitten durch das kurz ausgestoßene, fast hustende Brüllen eines gereizten Thieres vernahmen sie die Worte:

Eh! Tu! Muove ti! Dormi? Non essere si pigra!

Diese anstachelnden Worte, so unweiblich die Situation war, die sie begleiteten, übten auf Benno sowol wie den Chorherrn den Reiz, daß sie die Hütte betraten …

In der That waren es die Italiener von gestern … „Der weibliche Zwerg“, wie der Chorherr übertreibend sagte, stand diesmal mit der Reitgerte vor dem Käfig einer jungen Löwin und reizte sie zu einer solchen Wuth, daß warnend schon der Aufwärter herbeilief …

Benno sah voll Staunen dem wilden Spiel der Italienerin zu …

Die junge Löwin sprang bald an die Gitterstangen, bald rannte sie im Kreise und stieß Töne aus, die wie aus dem Widerhall einer mächtigen Felsenhöhle kamen …

139Im schwarzen Tuchrock, mit der linken Hand die lange Schleppe haltend, stand das kleine Wesen von gestern, dessen Kopf wenig über die Stellage, auf der der Käfig ruhte, hinausragte, und schlug mit der Reitgerte bald nach links, bald nach rechts in die Stäbe hinein …

Wieder lachten die Herren und bedeuteten den Wärter, der Signora nicht ihr Vergnügen zu rauben …

Schon lauschte die geputzte „Marchand mod“, wie sie auf dem Dampfschiff geheißen hatte, eine Holländerin, an dem rothen Vorhang … Schon wurde ein junger Mann, ihr Begleiter, von ihr angerufen, sich ins Mittel zu legen, als die Italienerin von ihrem Uebermuth plötzlich abließ …

Sie hatte Benno erblickt …

Mit kalter Ruhe stand sie noch eben vor dem Käfig und trieb ihr Spiel … Jetzt war sie wie entwaffnet … Ein fast rosiger Hauch der Freude überflog sie … Mit dem Schein der mädchenhaftesten Schüchternheit senkten sich die langen blauschwarzen Augenwimpern … Mit schneller Fassung und plötzlich ihre Stimme mildernd sagte sie zu Benno:

Ecco il domatore delle bestie feroci!

Benno erwiderte – halb nur für sich –:

Ecco la Romana!

Perché Romana? fragte sie, scharf aufhorchend …

Benno hatte „Romana“ betont …

Una lupa e stata la nutrice di Romolo … sagte er, sprach aber wieder wie nur zu ihr allein …

Ohne sich von der Voraussetzung, daß auch sie von 140 einer Wölfin könnte genährt worden sein, getroffen zu fühlen, schloß sie sich Benno an zum Weiterwandeln … Sie gingen die Käfige entlang … All ihre Aufmerksamkeit für die wilden Thiere war verschwunden … Sie wollte nur Benno festhalten, nur mit dem sprechen … Ehrerbietig grüßte sie seinen Begleiter, in dem sie am langen Oberrock den Priester erkannte …

Kennen Sie Rom? begann sie, noch über und über erglüht …

Ich bin im Begriff, es kennen zu lernen … sagte Benno …

Sie reisen nach Rom?! …

Ein Ausdruck der äußersten Freude kämpfte in ihren Mienen mit der Verlegenheit, sich in der ganzen Wirkung zu verrathen, die ihr schon seit gestern der junge anziehende Fremdling gemacht zu haben schien …

Noch würde das Gespräch in kurzen Fragen des höchsten Interesses und in ausweichenden Erwiderungen so fortgegangen sein, wenn nicht ein tragikomisches Ereigniß dazwischengetreten wäre …

Der elegante junge Mann mit den gelben Glacéhandschuhen von gestern war gleichfalls zugegen und etwas vorausgegangen … Schon befand er sich am Ende der Breterbude, wo ein Elefant auf einer Art kleiner Bühne unter gemalten Drapperieen eingepfercht und an einem seiner mächtigen Füße festgebunden stand … Das gewaltige Thier war vor den Zuschauern völlig frei … Ehe sich der junge Mann seines Schicksals versah, hatte der sich schlängelnde Rüssel eine Schwenkung um ihn her gemacht und ihm in dem 141 Augenblick, wo die Offiziere warnend Altezza! riefen, den Hut abgenommen …

Die Altezza, demnach ein Fürst, stieß einen Schrei: Gesú Maria! aus, taumelte zurück und sank in Ohnmacht …

Die Italienerin stand inzwischen, noch wie von Liebeswonne durchschauert … Sie schien so abwesend, daß sie die Ursache des Rufs nicht verstand und nur den zusammenbrechenden jungen Mann sah, der noch in seinen Beinkleidern mit den Sporen obenein festhakte, an die Breterwand stürzte, die den ersten vom zweiten Platz trennte und sich wirklich die Stirn blutig schlug …

Benno sah dies kaum, als er schon hinzugesprungen war und die Altezza aufgefangen hatte …

Bei Nennung jener fürstlichen Würde befiel ihn jetzt ein Bangen …

Der Hut war vom Wärter schon wieder zurückgegeben worden … Die Begleiter hatten sich geflüchtet … Sie schienen über den Elefanten ebenso erschrocken wie die Altezza …

Voll Aerger über die störende Scene und im Nu ihren ganzen Gesichtsausdruck verändernd, sagte die Italienerin zu Benno’s Begleiter:

Sehen Sie da, warum man lieber die Thiere liebt, als die Menschen! …

Aqua! Aqua! E una carozza! rief sie gellend hinterher …

Der Fürst fing an sich zu erholen, versuchte zu lachen und erschrak wieder über seine blutigen Handschuhe …

Benno übergab ihn aus seinen Armen in die seiner Begleiter … Er wagte nicht weiter mitzugehen, als bis an die Vorhänge … „Altezza!“ … Waren nicht 142 seine Mutter und Olympia in Begleitung eines italienischen Principe Rucca angekommen, des Verlobten Olympia’s? …

Die Italienerin rief ergrimmt aufs neue:

Non viene la carozza? Fatte subito! AI monte Palatino!

Palatino! … Es war gewiß … Doch „Monte Palatino“? …

Dann zu Benno rasch sich wendend, warf der süßeste und zärtlichste Mund von der Welt wie mit Zaubermetamorphose und fast leise ihm ins Ohr die Worte:

Besuchen Sie uns – den Principe Rucca – morgen um elf Uhr …

Wie sie das gesagt, verschwand sie – voraussetzend, daß Benno nicht folgen würde. Aber in ihrem Abschiedsblick lag ein Ausdruck aller Seligkeiten der Erde und des Himmels, ja als wäre Psyche überwunden worden von Amor …

Das ist eine Eroberung! brach der Chorherr aus, als Benno wie betäubt stehen blieb … Und Al monte Palatino! setzte er lachend hinzu … Sie glaubt, der Gasthof zum „Palatinus von Ungarn“ hätte seinen Namen von einem der sieben Hügel Roms … So sehen diese Menschen überall nur sich … Deutschland ist ihnen nichts als eine römische Vorstadt, wo zuweilen Schnee fällt … Ich zweifle gar nicht, es ist die – Nichte des Cardinals Ceccone, eine Comtesse –

Maldachini! fiel Benno aus seiner Erstarrung kaum aufathmend ein …

Eine Verlobte des Prinzen Rucca, den Sie – aus dem Felde geschlagen haben, Bester! Haha! … Sie 143 flüsterte Ihnen ja ein Rendezvous zu … Um elf Uhr … Auf dem Mons Palatinus! …

Meine Mutter – die dritte in diesem Bunde! – riefen tausend Stimmen in Benno’s Innern …

Mit bebendem Herzen und tiefbeklommenen Athems verweilte Benno noch einige Augenblicke … Dann traten beide gleichfalls hinter den Vorhängen ins Freie und sahen, wie eben die Herren zu Pferde stiegen und ein herbeifliegender Miethwagen den Principe Rucca und die Italienerin aufnahm …

Benno ließ nur den Chorherrn reden, der von der Weichlichkeit der italienischen Aristokratie sprach, leise Andeutungen über den Cardinal gab, der einen einzigen Winter nicht ohne seine gewohnten Umgebungen zu sein vermochte, vom Prinzen Rucca erzählte, daß sein Urgroßvater ein Bäcker gewesen – in Rom wäre alles käuflich, Grafen- und Fürstenhüte – nur die Cardinalshüte stünden noch im Preise …

Der Name der Herzogin von Amarillas wurde in Pater Grödner’s Geplauder nicht erwähnt, auch der nähere Zusammenhang Olympia’s mit Ceccone zwar „möglicherweise“ als das des Kindes zum Vater leise und ironisch angedeutet, aber ohne genauere Kenntniß des wahren Ursprungs, den Benno vollkommen wußte – wußte bis zu den Namen der Gebrüder Biancchi, deren Schwester die Mutter Olympia’s war … Luigi Biancchi, einer der Brüder des Napoleone und Marco Biancchi, sollte in dieser Stadt Musiklehrer sein … Alles das war ihm durch seinen Bruder, den Präsidenten, vollständig bekannt geworden …

144 Auch der Chorherr nahm jetzt einen Wagen … In dem Lärm der Stadt verhallte der empfangene Eindruck und die Benno durchzitternde Empfindung: Das Schicksal ruft dich selbst zu deiner Mutter! …

Daß er morgen um elf Uhr im Palatinus nach – dem Befinden des Fürsten fragen würde, stand fest bei ihm …

Daheim fand er Karten von Stadtrath Schnuphase; auch von einem Herrn Harry Zickeles, der Einladungen zurückgelassen, das Großhandlungshaus Zickeles zu jeder Abendstunde als ein offenes zu betrachten …

Es strömte dann ein anhaltender Regen … Benno verbrachte Stunden der höchsten Aufregung auf seinem Zimmer … Die Aufgabe, die ihm für morgen gestellt war, erforderte seine ganze Manneskraft …

Gegen Abend erst ging er aus, suchte den „Palatinus“, gerieth in die Herrengasse, wo das vom Grafen Hugo empfangene Billet nun die morgenden Palatinus-Absichten durchkreuzte und ihn zwischen Mutter und Schwester, wen er zuerst sehen sollte, wählend stellte, kam mit irrendem, hin- und hersinnendem Grübeln in die Vorstellung des „Hamlet“, erlebte, daß Olympia es war, die in der Loge des großen Kanzlers neben seiner Mutter die Gläser auf ihn gerichtet hielt, ihm durch das ganze Theater hindurch auf italienische Art mit ihrem Taschentuch ein Zeichen des Grußes gab; erlebte, daß die Mutter das Lorgnon auf ihn richtete – – Die versagende Kraft trieb ihn aus seiner Loge – in Begleitung eines Mannes, der den Namen seiner Schwester trug!

145 6.#

Um den Weg in seine Wohnung zu finden, konnte sich Benno keiner zuverlässigeren Hülfe bedienen, als des Herrn von Pötzl, der gleichfalls Hut und Regenschirm genommen hatte und ihm gefolgt war …

Ueber den Namen dieses Mannes hatte sich Benno beruhigen wollen …

Schon daheim, wo er so oft dem Kattendyk’schen Hausfreund begegnete, dem alten Pfleger der Bologneserhunde, dem als Gesellschaftsheloten benutzten Spaßmacher Ignaz Pötzl, der sich darum doch einen Thaler nach dem andern in die Sparkasse trug, hatte er diesen nicht weiter nach seiner wiener Verwandtschaft gefragt, seitdem einmal dessen Antwort lautete, der Pötzls gäb’ es wie Sand am Meer und „mit einem alten Junggesellen, der einen Nothpfennig hinterließe, wäre dann auch noch alle Welt verwandt, ohne Pötzl zu heißen“ …

Fühlen Sie sich jetzt besser? hörte Benno hinter sich her reden. Die Luft wird Ihnen gutthun … Ja, 146 es ist ein überlebtes Gebäude! … Wär’s eine Kasern’, so wär’ sie längst umgebaut …

Benno mäßigte seinen Schritt …

Wo aber, lieber Herr, wo wohnen Sie denn? … Vielleicht an der Mölkerbastei? … Das wäre gerade auch mein Weg …

Benno wohnte an der Freyung …

Das kaum gesagt, war auch das gerade Herrn von Pötzl’s Weg …

Der Regen hatte inzwischen nachgelassen …

Wie sich beide vor dem Gewühl der Wagen durch ein schnelles Laufmanöver über die Fahrstraße hinweg sichern wollten, rief Herr von Pötzl einen an ihnen vorüberschießenden Herrn an:

Gehorsamer Diener, Herr von Zickeles! …

Es war noch ein junger, schon mit starkem Embonpoint versehener Mann, der eben aus einem berühmten Laden mit „G’frornem“ trat und noch rasch hinüber in die Vorstellung wollte … Eine Mittheilung über ein misrathenes neues Stück in der Vorstadt mischte sich in seinen Gegengruß und zugleich die Frage, ob doch Herr Müller noch nicht seine große Scene gehabt hätte und ebenso ein forschender Blick auf Benno –

Benno, Herrn von Pötzl’s Verlangen bemerkend, seinen Namen zu erfahren, ein Verlangen, das er hinter einer künstlichen Verlegenheit, ihn nicht vorstellen zu können, verbarg, fragte, ob Herr von Zickeles dem Hause gleiches Namens angehörte … Er hätte eine Karte von „Harry Zickeles“ gefunden …

Mein Gott! … brach Harry Zickeles aus, be-147kannte sich als Abgeber der Karte und rief: Doch nicht etwa der Herr Baron von Asselyn? …

Benno überraschte mit der Bejahung Herrn Harry Zickeles ebenso, wie Herrn von Pötzl …

Das ist ja einzig! rief Letzterer und hätte alle Vorübergehende über diese Spiele des Zufalls zu Zeugen anrufen mögen … Gerade der „Herr Baron von Asselyn“ war die Persönlichkeit, die „beide“ „gesucht“ hatten … Herr von Pötzl demaskirte sich als Bruder des alten Komikers Ignaz Pötzl, der ihm von der Reise des Herrn „von“ Schnuphase und von dem Herrn von Asselyn ausdrücklich „geschrieben hätt’“ … Aber nein! … Und Sie geben mir nicht einmal die Ehre! … Die Freud’ und die Ueberraschung! …

Benno hatte keine Anweisung auf die Bekanntschaft dieses so außerordentlich gefälligen Mannes erhalten …

Dennoch ließ er es nun an dem Schein einer engern Verbindung mit dem Bruder nicht fehlen … Machte er damit doch eine offenbare Freude und bahnte vielleicht seine Forschungen an …

Die Erinnerung an den alten Thaddädlspieler zeigte das ganze „G’müth“ des Herrn von Pötzl … Jede Nuance der Charakteristik seines Bruders unterbrach er mit einem glückseligen: „Ja! Ja!“ … Und als Herr von Zickeles den Witz machte: Sagens doch nicht, Herr Baron, daß er wohlauf ist! Herr von Pötzl hört viel lieber das Gegentheil! Er will ihn beerben! … erfolgte von Herrn von Pötzl nur ein einziges: „O Sie –!“ Es lagen alle Schäkereien der Welt in dem Ton …

148 Herr von Zickeles gab, wenn auch mit einigem Zögern, den „Hamlet“ und den Applaus eines jungen Schauspielers auf, der auch an ihn empfohlen war … Laërtes, den Herr Müller „spüllte“, hatte seine Hauptscene erst im letzten Act … Herr von Zickeles ruhte nicht, bis der Herr Baron von Asselyn versprach, sofort, „aber auch auf der Stell’“ in den Salon seiner Aeltern mitzukommen … Jeden Abend wären sie nach dem Theater daheim und der Herr von Asselyn wäre vollends von seiner gerade aus Paris anwesenden Schwester Bettina Fuld und von deren Begleiterin, dem Fräulein Angelika „von“ Müller, aufs allerallerdringendste erwartet …

Angelika Müller! … Welch ein Mollaccord! … Sanft und wohlthuend verbreitete er sich über Benno’s erschrecktes Gemüth … Er wollte folgen … Hier war von keiner Willensfreiheit mehr die Rede … Harry Zickeles hatte ihn schon unterm Arm …

Herr von Pötzl folgte in Verklärung …

Herr von Zickeles ließ nicht eher ab, bis sie alle drei vor dem Portal seines älterlichen Hauses standen … Es lag jenseit des Grabens dicht in der Nähe eines großen Platzes, des „Hohen Marktes“ …

Herr von Pötzl war etwas schweigsamer geworden, aber so gleichsam, als wenn der Ueberstrom der Gefühle ihm die Worte raubte …

Als Herr von Zickeles am Hause seiner Aeltern geschellt hatte, zog er die Uhr und sagte:

Freilich – glauben Sie wol, Herr von Pötzl, daß der Laërtes jetzt aus Paris zurückkommen ist? … Ich 149 bitt’ schön, führen Sie den Herrn Baron zu meinen Aeltern hinauf … Ich hab’ – Der junge Mann ist mir und merkwürdigerweise auch – der Kaiserin Mutter empfohlen worden – Sehr ein hübsches Talent! – Ich – Oder – Doch lieber – Kommen Sie, Herr von Asselyn, ich führe Sie erst selbst auf und dann spring’ ich noch ein bissel in den letzten Act …

Nun keuchte der junge dicke Mann die Treppe voran … Das Haus war viel heller erleuchtet, als das Palais des armen Schuldners der Zickeles, des Grafen Hugo …

Auf der Mitte blieb wieder der Theaterfreund stehen, zog wieder die Uhr und schien die größte Angst zu haben, die Scene seines Günstlings, dem er, wie Herr von Pötzl elegischironisch sagte, seine gewohnte Protection durch einen stürmischen Applaus zugesagt hatte, zu versäumen …

Endlich waren alle drei im ersten Stock angelangt … Hier klingelte Herr von Zickeles und erst, wie er sicher war, daß der öffnende Bediente den Gast direct aus seiner Hand empfing und die Anmeldung fest hatte: „Herr Baron von Asselyn!“, bat er für eine halbe Stunde um Entschuldigung und stürzte, um im Burgtheater sein gegebenes Mäcenatenwort zu lösen, davon …

Sehr ein vortrefflicher Mensch und – Kunstkenner! sagte Herr von Pötzl mit seiner jetzt entschiedener ausbrechenden maliciösen – Gemüthlichkeit …

Dann setzte er, beim Ausziehen der Oberröcke, Benno ins Ohr flüsternd hinzu:

Sie werden, wie ganz Wien weiß, hier erwartet 150 wie der Onkel aus Amerika oder das Manna in der Wüste! … Gebe der Himmel, daß Ihre Mission an den Herrn Grafen von dem glänzendsten Erfolge gekrönt wird! …

Auf Benno’s Lippe bebte die Frage: Wie aber kommst du und die arme dann geopferte Angiolina zu einem und demselben Namen –? … Doch er mußte in die Salons der reichen Bankierfamilie treten …

Herr von Pötzl „führte ihn auf“ unter einer Flut von gemüthvollsten Reden, in denen er alles haarklein erzählte, was sich zum Erstaunen und „wie in einem Roman“ seit dem Eingang zum Burgtheater bis zum gegenwärtigen Augenblick in Herrn Baron von Asselyn’s Leben und dem seinigen zugetragen hätte …

Die Räume waren erhellt, aber noch leer …

Nur der Herr Vater, Herr Marcus Zickeles, und die Frau Mutter und noch einige ältere Herren und Damen waren anwesend …

Sie bildeten Whistpartieen, die im vollen Gange waren, sodaß trotz der freundlichsten Bewillkommnung die noch nicht zu Ende gespielten Partieen eine ausführlichere Begrüßung unterbrachen …

Der Vater und die Mutter verwiesen ihn mit aller Freundlichkeit auf den jüngsten Sohn des Hauses, der ihm besonders von Seiten der Mutter mit hoher Genugthuung und den Worten vorgestellt wurde: Mein Sohn Percival! …

Percival Zickeles war noch ein unreifer, etwas schüchterner Jüngling, dem, wie es schien, der erste Buchhalter beispringen mußte, um die Honneurs zu machen …

Benno war es sehr zufrieden, daß ihm selbst Herr 151 von Pötzl, der seines „Aufgeführten“ Bedeutung leise tuschelnd da und dorthin mittheilte, einige Ruhe ließ …

Was lag nicht alles centnerschwer auf seiner Brust! … Selbst die harmlose Erwähnung Angelika’s, der „ewigen Verlobten“ Püttmeyer’s, weckte Erinnerungen, die ihn haltlos wie in Lüften schweben ließen …

Angelika Müller trat auch wirklich ein … Sie, in gesellschaftlichem Putz und Staat – Sie, die alte verblühte Erzieherin – sonst in einem halben Nonnenkloster – hier in einem israelitischen Hause …

Kaum sah sie Benno, so stieß sie einen Schreck- und Jubelruf aus, der für die alte „Frau von Zickeles“ im Spiele störend schien … Sie wandte sich um und – stumm reichte Angelika jetzt Benno die Hand … Ihr Lächeln war das alte … Es zeigte die ganze Reihe ihrer riesigen, aber weißen, schön erhaltenen Zähne … Eine lange Rosaschleife erstreckte sich von den mühsam zusammengelesenen blonden Haaren in den Nacken … Sie trug ihre Arme, so mager sie waren, entblößt … So befiehlt das Sklavenleben des Gouvernantenthums, den innern und äußern Menschen den Umständen gemäß zu metamorphosiren … Auch den innern Menschen! … Es war Angelika Müller und sie war es auch nicht … Ein Jahr in Paris und auf Reisen – und dienen, dienen müssen fremden Launen … Da sprach sie schon von Armgart wie von einer Jugenderinnerung … Freilich gab es in Armgart’s Leben die allerüberraschendsten Veränderungen … Armgart in dem ihr sonst so verhaßten England! … Näheres wußte sie nicht von ihr … Nur durch 152 Püttmeyer war die „treue Seele“ im Zusammenhang mit ihrem alten Leben … So mußte wol Benno erzählen … Er that es voll Liebe und Güte und Schonung Püttmeyer’s … An diesem hielt Angelika unverbrüchlich fest … Sie hatte in Paris für sein System gewirkt; sie hoffte auch in Wien einige rechtgläubige Spätlinge der Naturphilosophie für die Philosophie der Kegelschnitte gewinnen zu können …

Frau von Zickeles wurde aufgeregter … Die Gesellschaftsdame ihrer Tochter schien ihr zu sehr im Vordergrunde zu stehen … Sie spielte zwar noch Whist, unterließ aber nicht, ihrer sich jetzt mehrenden Gesellschaft ihre Aufmerksamkeit zu bezeigen … Nach jeder Karte, die sie ausgespielt hatte, rief sie: Joseph! Das galt dem Bedienten … Oder: Pepi! Das galt dem Hausmädchen … Fräulein Müller! Das galt der Gesellschafterin ihrer Tochter, der Frau Bettina Fuld … Wenn sie: Percival! ihren Jüngsten, rief, so war es ein Ton besonderer Zärtlichkeit … Sie hatte dem „hoffnungsvollen“ Knaben nach einem Lieblingsdrama der Zeit diesen Namen nachträglich statt seines ursprünglichen „Pinkus“ gegeben …

Angelika Müller bekam Augenwinke, die ihr sagten, daß in den Zimmern außer dem Herrn Baron auch noch andere Herrschaften wären …

So näherte sich denn dem „Herrn Baron“ wieder Herr von Pötzl, zog die Dose, offerirte und genoß die Zinsen von dem auf den Fremden bereits gewandten Kapital von Zuvorkommenheit … Er flüsterte über den Grafen Hugo …

Den Kampf, ob er morgen den Besuch im Palatinus 153 oder die Reise nach Schloß Salem aufgeben sollte, hatte Benno schon zu Gunsten seiner geschäftlichen Pflicht entschieden …

Auf seine Aeußerung, er würde morgen früh dem Grafen Hugo auf Schloß Salem aufwarten, unterließ Herr von Pötzl nicht, die schöne Gegend, den Charakter des Grafen zu schildern, kleine satyrische Seitenhiebe hineinzuwerfen und ihnen wieder eine Fülle von Gemüth folgen zu lassen …

Die Veränderung wird außerordentlich werden! sagte er … Und wahrhaftig! Die Zickeles sind sehr dabei interessirt! … Wo nur Herr Leo bleibt! … Leo ist das Geschäft nächst dem Vater … Ganz Metalliques, blos Abends Wohlthätigkeitsschwärmer … Ich vermuthe, er sitzt in diesem Augenblick Comité … Das Talent, ein gutes Herz zu zeigen, Herr Baron, ist in Wien sehr cultivirt, aber – kostspielig … Herr Leo von Zickeles wird deshalb wol auch nie heirathen … Er sieht sich seine Medaillen, Ehrenpatente, seine gedruckten Thränen der Witwen und Waisen an und behält sein von tausend Zähren des Dankes emaillirtes Herz für sich allein …

Joseph! rief hier die Mutter … Hat Herr von Asselyn G’frornes? …

Joseph präsentirte …

Herr von Pötzl fuhr fort:

Den zweiten Bruder, den Herrn Harry haben Sie schon kennen gelernt … Auch der ist Vormittags aufrichtig Metalliques … Aber die übrige Zeit gehört dem Enthusiasmus für Ruhm und schöne Künste … Sie sehen, daß er sich viertheilen lassen kann, wenn er einem 154 Schauspieler an einer gewissen Stelle einen Applaus versprochen hat … Es ist schon vorgekommen, daß er einem Maschinisten „auf der Wieden“ befohlen hat, an einem Abend eine Störung hervorzurufen, nur damit ein andres Stück herausgebracht werden mußte, als dasjenige, wo er ein gegebenes Applausversprechen wegen eines anderweitigen Theater- oder Concert-Engagements nicht erfüllen konnte … Harry Zickeles führt jede in der Theaterzeitung neuangekündigte Unsterblichkeit, wenn sie nach Wien kommt, in die hiesigen Hallen des Ruhmes ein … Sein größtes Leidwesen ist dabei nur, wenn sich sein Herz zwischen zwei Gegnern in zwei Hälften theilen muß …

Pepi! rief die Mutter … Hat der Herr Baron G’frornes? …

Pepi präsentirte …

Herr von Pötzl flüsterte:

Der dritte Sohn, Percival, ist, wie Sie wol schon an dem träumerischen Jüngling gemerkt haben werden, ein dichterisches Genie … Vor zwei Jahren erst bekam er den Vornamen Percival … Er hat Romanzen geschrieben wie Heine, blos daß er zur Abwechslung auch einmal den Palmenbaum, statt von einer Tanne, von einer Akazie geliebt sein läßt – Wissens, von wegen der „Grazie“ … Auch hat er einen „Ahasver“ unter der Feder, in dem die geniale Idee vorkommen soll, daß Ahasver sich nach Wien begibt und im „Stock am Eisen“ einen Nagel vom Kreuz des Erlösers einschlägt, gerade noch den letzten, der hinein geht, wodurch ihm die selige Ruh’ zu Theil wird …

155 Percival! rief die Mutter … Hat Herr Baron G’frornes? …

Percival fuhr wie aus Morgenrothsträumen auf, strich sich seine schönen langen schwarzen Haare zurück und machte eine Miene, als hätte ihm nur eine Geisterstimme gerufen … Allmälig besann er sich aber auf den irdischen Begriff des „G’frornen“ und offerirte davon mit einer Miene weltschmerzlichen Duldens …

Herr von Pötzl nahm ihm die Schüssel ab mit der freundlichsten Anrede:

Sie, mein liebster bester Herr Percival! … Ich glaub’ fast, Sie sind schon wieder einen halben Zoll gewachsen …

Percival schien die Anerkennung seiner Jugend gern zu hören und lächelte …

Die Frau Bettina von Fuld – die kennen Sie? … fragte dann Herr von Pötzl, als sie wieder an einem andern Fenster allein standen …

Benno mußte diese Voraussetzung verneinen …

O sie muß sogleich erscheinen … Mit ihrem Gatten, der etwas in das diplomatische Fach spielt – ein Changeant, das in Homburg und Baden-Baden viel Geld kosten soll … Dann ist noch die jüngere Schwester, die Jenny, da … Die ist noch „im Kärnthnerthor“, wo eine abgeleierte Oper von Bellini gegeben wird … Sie hat eine famose Stimme … Wenigstens glauben das die Aeltern und der Professor Biancchi – ja – kennen Sie den Namen? … Das ist derselbe, den Sie heut im Theater sahen … Der wird nicht Ursache haben, diese Ueberzeugung von Jenny’s Stimme zu be-156streiten – denn er „laßt“ sich die Stund’ mit einem Dukaten zahlen … Sie werden ohne Zweifel heute noch Gelegenheit haben, sich von dem Raffinement dieses Italieners mit dem Pergamentgesicht, das Sie heute sahen, näher zu überzeugen … Kommt er mit, so laßt er sie singen … Ich sage: laßt sie … Denn das ist höchst merkwürdig … Diese Musikprofessoren haben über ihre Schülerinnen eine Autorität wie ein Abrichter über seine Affen … Wann der Alte in den Salon tritt, kriegt die Junge regelmäßig einen innern Ruck, wie eine Braut vor ihrem kommenden Bräutigam … Vor keinem Menschen hat sie Courage, allein zu singen … Steht aber der alte Italiener dabei und schlagt mit seiner unerschütterlichen Pierrotmaske die Noten um, so geht’s: Perfido! Crudele!

Mamsell Müller! rief jetzt wieder Frau von Zickeles … Hat der Herr Baron G’frornes?

Angelika hüpfte zum Whisttisch …. Sie war so in Träumen versunken, daß sie nur den Ruf, nicht den Auftrag gehört hatte …

Biancchi – Biancchi –! … Auch über diesen Namen mußte Benno tiefbeklommen athmen …

Angelika carambolirte inzwischen mit Herrn von Pötzl, der sich selbst unterbrechend mit der süßesten Miene und wie zum Kniebeugen anbetend auf Damen zulief, die eben ins Zimmer traten und vielleicht die Verlästerten selbst waren …

Immer größer und größer wurde der Zustrom …

Frau von Zickeles zankte mit dem Fräulein Müller 157 über das, „was sie nicht gewohnt wär’ zweimal zu sagen“ und verwies sie jetzt auf die Ankommenden …

Angelika’s Rosabänder flogen einer Dame entgegen, die mit leuchtenden Augen lachend eintrat …

Frau Bettina Fuld kam von der „Wieden“ und berichtete über die im dortigen Theater gehörten, „unerhörten Plattitüden“ … lachte aber doch noch bis zum Ersticken darüber … Benno erfreute sich des angenehmen Eindrucks, den er zum ersten Mal empfing …

Dagegen war Herr Bernhard Fuld ihm zwar äußerlich bekannt, doch mußte er sich erst allmälig in ihm zurecht finden, denn er war so mit Bart überwachsen, daß man keine Physiognomie herausbekommen konnte … Er trug sein Band der „ehrlichen Legion“ …

Benno fühlte Mitleid mit dem Grafen Hugo, zu dessen Leben er hier die Reversseite sah …

Jetzt kam denn auch Harry zurück … Er hatte noch dem Laërtes, als er die Rede für Opheliens und seines Vaters Tod gehalten, stürmisch applaudiren können, war dann nebenan in die Loge zur „Resi Kuchelmeister“ gegangen und brachte diese und auch den Herrn Professor Biancchi mit …

Noch erschien eine andere ältere auch der Musik angehörende Persönlichkeit, der Professor Dalschefski, ein Pole … Es gab eben einen Zank, dessen Ursache Benno, den seltsamen Italiener, Bruder der alten Carbonari Marco und Napoleone fixirend, nicht sogleich ergründen konnte …

Alles das ging bunt durcheinander und noch bunter, als nun auch Leo Zickeles aus einem seiner Wohlthätig-158keitscomités nach Hause kam … Die Whistpartieen waren zu Ende, die Spieler standen auf und eine Nebenthür wurde geöffnet, wo compactere Speisen auf einem Tische standen, auf den die Hungernden „wie die Wölfe“ zufuhren … Resi Kuchelmeister brauchte diesen Ausdruck … Sie freute sich Benno wieder hergestellt zu sehen und begrüßte ihn wie einen alten Bekannten schon – doch zugleich scharf ihn etwas musternd …

Der alte Herr von Zickeles trat vertraulich zu Benno …

Nach einigen Ermahnungen, sich einen Teller zu füllen, nahm er ihn bei Seite und erörterte den Stand der Angelegenheiten des Grafen …

Ja, sagte er, Seine Erlaucht sind auf dem Schlosse Salem … Die Frau Gräfin Mutter Erlaucht werden von Schloß Westerhof erwartet … Hat die Comtesse Paula von Dorste-Camphausen eingewilligt? …

Benno konnte keine Auskunft geben …

Hm! fuhr der alte Herr fort … Sie, Herr Baron, bringen doch vom Herrn Oberprocurator Nück schon die Stipulationes der Agnaten …

Der Graf soll sie zuvor unterschreiben …

Die Schuldenlast ist sehr groß und meine Lage nicht darnach, länger Geduld zu haben … Ich würde Salem und Castellungo subhastiren müssen …

Castellungo? … Das gehört der Mutter …

Schon längst hat sie es für den Herrn Sohn verpfändet … Ohne den Zwischenfall mit Terschka wären wir schon näher am Ziele … Die Urkunde – Allen Respect, Herr von Asselyn – Ich kenne Ihre 159 Ansichten nicht – aber doch – sehr eine verdächtige Geschichte …

Herr von Zickeles wollte sagen: Terschka hat im Auftrag Roms das Schloß angesteckt und dann eine falsche Urkunde producirt – Wenigstens las Benno diese Ansicht in den scharfen Mienen des Handelsherrn, der keineswegs zu Scherzen geneigt schien …

Benno antwortete:

Terschka ist ja Protestant –

Protestant –! lächelte Herr von Zickeles und flüsterte: Die Jesuiten lassen ihn auch sein Protestant …

Mit einem so furchtbaren Streiflicht über Terschka’s Flucht und Aufenthalt in London stand Benno eine Weile sich allein überlassen … Denn die Töchter umschmeichelten eben den Vater, fielen ihm um den Hals, liebkosten ihn – natürlich, um dabei auch den fremden Baron, dessen begeisterte Prophetin schon lange Angelika Müller gewesen, näher in Augenschein zu nehmen …

Herr von Zickeles ließ sich Kinn und Wange streicheln, sagte auch der hinzugekommenen Resi Kuchelmeister viel Artiges, war ganz nur Patriarch und fuhr dann doch, als die Frauen forthüpften, streng wieder fort:

Sie werden es auf Salem sehr öde und einsam finden … Falls Sie bis dahin zurück sind, seien Sie doch den Mittag morgen bei uns zu Tisch – Und überhaupt – Herr von Asselyn, an jedem Tag finden Sie bei uns Ihr Couvert … Wenn die Gräfin zuletzt mit der wirklichen Entscheidung eintreffen sollte –

Herr von Zickeles konnte nicht weiter reden … 160 Auch Leo Zickeles nicht, der hinzugetreten war und sich ins Geschäftliche mischen wollte – Mein Gott, was ist! mußten Vater und Sohn zu gleicher Zeit fragen …

Jenny weinte laut … Weil Professor Biancchi mit Resi Kuchelmeister „eine Verschwörung“ gegen sie eingeleitet hätte … Eben jetzt erst hatte sie erfahren, daß Biancchi heute Dalschefski’s Platz im Burgtheater benutzt und die Resi begleitet hätte … Sie hatte bisher den Grund, warum er heute nicht im „Piraten“ war, vergebens erforscht …

Soviel etwa verstand Benno von der Ursache des Streits …

Der Vater ging besorgt in das vordere Zimmer … Frau von Zickeles folgte in großer Aufregung …

Leo, der älteste Sohn des Hauses, der Wohlthätigkeitsschwärmer, ein ruhiger, kaltprüfender Mann, schenkte Benno Wein und sagte, ohne sich um den musikalischen Lärm zu kümmern:

Ja, Sie werden den Grafen sehr in Verstimmung finden! Aber man kann ihm doch nur Glück wünschen, daß namentlich auch – das Verhältniß aufhört mit dieser – Angiolina …

So war das vernichtende Wort gefallen …

Angiolina? sagte der hinzutretende Harry lächelnd und löste Leo ab, der von seinem Schwager, dem Diplomaten, in Anspruch genommen wurde …

Haben Sie auch schon von dem Fräulein Pötzl gehört? fragte er und sah sich dabei schmunzelnd und scheu nach Herrn von Pötzl um …

Wie hängt Herr von Pötzl mit – fragte Benno 161 in abgebrochener Rede … dieser – Dame – zusammen? …

Bei Leibe, flüsterte Harry und drückte seine kleinen Augen vollends zu; nur nichts laut davon! … Sie ist Herrn von Pötzl’s Pflegetochter … Er kennt sie aber seit Jahren nicht mehr, will auch nichts mehr von ihr wissen … Auch zu uns kam sie sonst … Herr von Terschka führte sie auf … Später ging’s nicht mehr – des Verhältnisses mit dem Grafen wegen, der sie als Kind hatte erziehen lassen und dann – … Sie wissen … Nur die Einzige, die sie noch zuweilen sieht, ist da die Resi … Das ist überhaupt ein lieber Narr! … Resi’s Vater war unser erster Buchhalter und hinterließ ihr ein hübsches Vermögen … Seitdem wohnt sie mit einer Tante und will seit zehn Jahren schon zum Theater … Sie weiß aber nicht, daß das mit ihren fünfundzwanzig Jahren zu spät wird … Meine Schwestern sind mit ihr auferzogen worden … Sagen Sie ihr aber um Himmels willen nicht, daß Sie der Employé sind, der die Heirath des Grafen Hugo mit der Gräfin Dorste, der Geisterseherin, arrangiren soll … Sie kratzt Ihnen sonst die Augen aus, so intim war sie noch vor kurzem mit Angiolina, die wirklich sonst eine Pracht von einem Mädchen ist … Aber hören Sie, wie die Resi jetzt den Biancchi zurecht stutzt … Sie müssen wissen, die Therese wohnt in Einem Hause mit den beiden Musikmeistern, die zusammenwohnen, obwol sie ganz verschiedene Systeme haben … Theresens Lehrer ist der Dalschefski, ein Pole, und der ist für deutsche Musik; und unsere Jenny, die hat den Biancchi 162 zum Lehrer und der ist natürlich ein fanatischer Italiener … Der Pole und der Italiener wohnen, wie gesagt, in einem Quartier … Auf der Currentgasse … Und von Haus aus sind sie die besten Freunde … Im Vertrauen gesagt wegen der Politik … Aber in der Musik hassen sie sich … Nun können Sie sich die Eifersucht der beiden Mädchen denken! … Unsre Jenny weint eben, weil der Biancchi heute mit der Resi ins Burgtheater gangen ist, während sie im Kärnthnerthor allein saß! …

Welche geringfügigen Leiden! dachte Benno …

Mehr konnte Harry nicht mittheilen; alles wurde still, weil die beiden Freundinnen allein das Wort führten …

Jenny, nicht so anmuthig, wie ihre Schwester Bettina, mit schärferer orientalischer Zeichnung, voller, drückte ihr Taschentuch vor die Augen und behauptete, die ganze Vorstellung des „Piraten“ wäre ihr heute verdorben gewesen durch das vergebliche Warten auf Biancchi … Und dieser Mann würde inzwischen von Theresen in Beschlag genommen! …

Der Pole Dalschefski, ein magerer, schmächtiger Alter mit grauen Haaren, immer halb lächelnden, halb melancholischen Ausdrucks, sprach in gebrochenem Deutsch:

Mein Freund Biancchi – er hat sehen wollen – die Loge von großem Kanzler – wo sind gewesen heute die italienischen Herrschaften aus Rom – hab’ ich ihm gegeben meine Platz – …

Unbesonnen genug von Ihnen! entgegnete ihrerseits die Resi … Der fremde Herr Baron, der durch Zu-163fall Zeuge unsrer Leiden gewesen ist, wird es bestätigen können, daß der Maestro durch seine gehässigen Bemerkungen uns die ganze Vorstellung verdorben hat …

Wenn Therese Kuchelmeister laut sprach, schien es, als wäre dies für alle ein Zeichen, zu schweigen … Angelika Müller raunte Benno, der an dem Italiener immer mehr Interesse nahm, ins Ohr:

Das ist unsre Armgart – ins Wienerische übersetzt … Sie ist natürlich – aber bis zur Grobheit einer Küchenmagd … Hören Sie nur! …

Angelika schien vorauszusetzen, daß es zwischen Benno und Armgart immer noch wäre wie sonst …

Unter allgemeinem Lachen sagte Resi, indem sie von ihrem Teller ein Ragout aß:

Ueberhaupt diese Italiener! … Nein, die listige Artigkeit erst, mit der er in die Loge kam statt des Dalschefski, bis sich dann seine wahre Natur enthüllte … So ist’s auch in unserm Hause … Wann der „Obers“ zum Kaffee den beiden Herren zu schlecht ist – und es ist ein Leiden mit der Milch in Wien, nicht wahr, Frau von Zickeles? – so schicken sie zu mir herunter und meine Tante laßt sich regelmäßig bestechen, wann sie gerad’ oben eine Sonat’ von Beethoven spielen hört … Dann, denkt sie, hat unser guter Dalschefski da die Oberhand, das arme fromme Lamm das …

Alles lachte … Dalschefski kicherte, als kraute ihm eine sanfte Hand – das Fell …

Mit unerschütterlicher Ruhe, einer Mumie gleich, verharrte Biancchi unter dem Gelächter und that, als wenn er überhaupt kein Deutsch verstünde …

164 Dalschefski sagte zu Benno, der im Antlitz des Professors Aehnlichkeiten mit Napoleone, Marco Biancchi und – Olympien suchte …

O, sie ist schlimm! …

Jenny Zickeles stand ihrem Lehrer als einem willenlosen Opfer fremder Intriguen bei, brachte ihm von den Speisen und schlug den Flügel auf …

Der Schwiegersohn des Hauses, Ritter Fuld, schien vor dem Moment des Singens seiner Schwägerin ein Grauen zu empfinden, retirirte sich und zog Benno auf ein Kanapee ins Nebenzimmer … Seine Gemahlin kam ab und zu – Sie lachte fast zu viel – „ihrer schönen Zähne wegen“, flüsterte Herr von Pötzl schon bei ihrem Eintreten …

Jenny, ihre Schwester, sang indessen eine majestätische Arie von Caraffa … Biancchi schlug die Noten um …

Benno betrachtete in den Pausen, die ihm Ritter Fuld gewährte, den Italiener … Es mußte der „Onkel“ Olympiens sein … Nur etwas Außerordentliches hatte diesen Feind der deutschen Sprache und Kunst ins Burgtheater ziehen können … Wie sprach er von dem Kind seiner Schwester Lucretia … War nicht über seine todten Mienen ein plötzliches wildes Erzittern gekommen? …

Die Arie endete natürlich mit großem Applause … Auch Resi und Dalschefski klatschten – um alles wieder gut zu machen … Herr von Pötzl war Fanatismo und zog auch Benno in die Wirbel und Strudel seiner Be-165wunderung, ob er gleich ihm hinterher leise ins Ohr ein: Pitoyable! raunte …

Jenny stand am Piano und hielt die Hand ihres geliebten Maestro mit einer Zärtlichkeit, als wollte sie sagen: Du mein Licht, meine Sonne, du Ursache meines höhern Seins, du Erkenner und Bildner meiner unvergleichlichen Stimme! …

Signore parla italiano? fragte sie, um dem geliebten Professor das Gespräch zu erleichtern … Denn Benno mußte sich jetzt dem Sonderling nähern, dessen Empfindungen er vielleicht nur allein hier verstand …

Dieser blieb so kalt wie Eis …

Benno fragte ihn in seiner Sprache, ob er die italienischen Herrschaften, die ihn heute ins Burgtheater gezogen hätten, schon aus Rom gekannt hätte? …

Jetzt blitzte über das gelbe Antlitz ein heller Lichtschein …

Nein, mein Herr, erwiderte er trocken. Einmal diese Leute gesehen zu haben, ist schon zu viel …

Lieben Sie so wenig Ihre Landsleute? entgegnete Benno …

Diesen Principe Rucca? … sprach Biancchi. Haben Sie das schwarze Pflaster gesehen? Der junge Affe hat sich wahrscheinlich den Kopf an einer Fensterscheibe zerstoßen und geht nun mit einem Pflaster ins Theater, um Oesterreich glauben zu machen, ein solcher Italiener könnte ein Duell gehabt haben …

Benno erzählte die Ursache der Verwundung, nannte die junge Gräfin Maldachini und sah das Auge des 166 Italieners unter seinen schwarzen Brauen immer mehr hin- und herzucken …

Ja mit Bestien muß die spielen! … sagte er und fixirte Benno mistrauisch, als müßte er Anstand nehmen, sich ganz auszusprechen …

Dalschefski horchte gleichfalls schlau … Beide Männer schienen in ihrem innersten Wesen noch etwas anderes zu sein, als was sie hier vorstellten …

Benno erkannte immer mehr, daß er wirklich Luigi Biancchi, den dritten der römischen Flüchtlinge, vor sich hatte, in deren Familie sich Hedemann hineinheirathen wollte …

Jenny war überglücklich, die neue Bekanntschaft des Hauses sofort mit Biancchi so eng verbunden zu sehen …

Wie beide ihr der Hitze wegen in ein Nebenzimmer folgen sollten, Benno auf eine Bestätigung des Ursprungs der Gräfin Maldachini gefaßt sein konnte, unterbrach Resi, die gefolgt war, die zur nähern Verständigung einleitende Frage Benno’s: Haben Sie nicht Verwandte, die in Frankfurt am Main und London leben? … mit den deutschen Worten:

Der hat gar keine Verwandte! Der ist in Italien auf einem Holzapfelbaum ganz für sich allein gewachsen! …

Benno hätte wünschen mögen, die neckische Plaudertasche hielte sich jetzt entfernt … Er konnte voraussetzen, daß Biancchi sich in tiefster Herzensbewegung befand, so ruhig auch wieder sein Aeußeres erschien …

Da er auf die erneute Frage nach dem „Bildhauer“ Biancchi, wie Benno den Gipsfigurenhändler, und nach dem „Maler“, wie er den Restaurator nannte, nur ein 167 Kopfschütteln als Antwort bekam, ließ er Resi’s Spott gelten …

Glauben Sie ihm das alles nicht! sagte diese … Die Leute, die Sie da nennen, die sind allerdings sämmtlich seine Verwandte! … Oder sie mögen nicht weit von seinem Stamm gefallen sein … Aber Dalschefski muß ihnen regelmäßig schreiben, daß der Onkel im Spital läge und sich selbst von milden Gaben anderer Menschen sein Leben kümmerlich friste …

Ha ragione! sagte Biancchi ruhig und nahm eine Prise, die ihm sein persönlicher Freund und Stubengenosse, wenn auch musikalischer Gegner und Rival Dalschefski präsentirte …

Besuchen Sie ihn in der Currentgasse, Herr Baron, sagte Resi … Ein Haus mit drei Höfen, berühmt durch den heiligen Stanislaus nebenan … Jetzt gehört es der Handlung Pelikan & Tuckmandl … Da werden Sie jeden Mittag um zwölf Uhr, Hof Nr. 3, Thür Nr. 17 rechts diesen von mildthätigen Gaben lebenden italienischen Bettler über einer Pastete von Rebhühnern und dergleichen und dem besten Wein Deutschlands finden, eines Landes, das er so gründlich verachtet … Unsere Musik schlecht zu machen hat ihm in diesem charakterlosen Wien ein Vermögen von fünfzigtausend Gulden eingebracht … Nachts fürchtet er freilich zur Strafe die deutschen Diebe – und darin hat er Recht, es wird in Wien fürchterlich gestohlen – Frau von Zickeles! In der Josephsstadt ist schon wieder eingebrochen! – Dann ruft er in seiner Angst dem Dalschefski und wenn dieser edle Pole, der die deutsche 168 Musik trotz der drei Theilungen Polens ehrt, es vorzieht, um zwölf Uhr Nachts zu schlafen, so weckt ihn dieser grausame Tyrann, macht Licht und schmeichelt ihn aus dem Bett heraus mit dem Zugeständniß, daß Mozart manchmal ein Italiener gewesen wäre … O, wir kennen alle seine Verwandte. Eine Frau Giuseppina Biancchi zieht in Castellungo die besten Seidenwürmer … Graf Salem-Camphausen hat sich’s eine Untersuchung kosten lassen, als er der Angiolina Stunden gab und ihn auch da einmal Terschka um seine Verwandte zur Rede, er sich aber darüber völlig unwissend stellte …

Mit größter Ruhe entgegnete der Maestro auf diese für Benno tief ergreifenden Einzelheiten:

Es ist ja bekannt, daß dieser Herr Graf von Salem seine Finanzen durch allerlei dumme Possen ruinirt hat …

Da man lachte, so brach Resi in ein parodirendes: Perfido! Crrrrrudele! aus im Ton der italienischen Oper, sprang zum Klavier, variirte noch eine Zeit lang in diesem Ton heftige Verwünschungen gegen Biancchi, ging aber allmählich wie von Rührung über die Erwähnung Angiolinens und die wol jetzt in Erfahrung gebrachte Mission des fremden jungen Rechtsgelehrten ergriffen, in andere Melodieen über und sang zuletzt Schubert’s „Wanderer“ mit einem erschütternden Ausdruck der Empfindung …

Benno hatte indessen nicht den Muth, weiter zu forschen … Ueberall sah er, daß er Anknüpfungen seiner Interessen, voll äußerster Verlockung, sich zu enthüllen, fand und immer, immer war dazu der Begleiter der Schmerz … Er hörte die Thurmuhren draußen 169 feierlich in den schönen Gesang hineinschlagen … Es war wie ein Ruf aus dem Jenseits …

Als Resi zu Ende war, hätte er gehen mögen … Wie disharmonisch war der ausbrechende Beifall! … Herr von Pötzl raste und kein vertrauliches: Pitoyable! folgte … Resi aber würdigte gerade ihn keines Blicks … Es war, als wollte sie sagen: Wir haben eine Loge zusammen – müssen gemeinschaftlich unsere kritischen Empfindungen im Burgtheater los werden – aber ein Urtheil über ein Lied von Schubert gestatt’ ich dir nicht …

Zuletzt gab man noch Benno für seinen wiener Aufenthalt allerlei gute Rathschläge …

Bernhard Fuld warnte vor den Fiakern – Herr von Pötzl, ihm leise ins Ohr raunend, vor den „Spitzln“ – Frau Bettina Fuld mit einer leisen Anspielung auf Terschka, über den sie mit ihm einiges gesprochen hatte (staunend und lächelnd; sie lächelte zu Glück und Unglück), vor den Böhmen – Harry vor den immer sehr schlechten Eckplätzen in den Theatern – ja selbst Percival, den der Schlaf übermannte, thaute noch einmal auf und äußerte sich ganz praktisch über das Institut der „Hausmeister“, das zwar Trinkgelder bedinge, aber den Besitz eines Hausschlüssels überflüssig mache …

Resi sagte:

Die Hauptsache, Herr Baron, bleibt immer die, daß Sie sich nicht bestehlen lassen! In Wien stiehlt alles! Nicht blos die Raizen und Rastelbinder – das sind noch die ehrlichsten von allen! Nur draußen in der Vorstadt, aber auch da nur in der alleräußersten, gibt’s noch 170 ein bissel Ehrlichkeit! Ganz verlassen könnens „Ihnen“ blos auf die Ungarn! Sonst stiehlt in Wien alles … Die Raizen stehlen weil sie’s brauchen … Die Italiener stehlen, weil sie die Ehrlichkeit für einen Mangel an Geist halten … Die Böhmen stehlen, weil sie so wißbegierig sind … Die Raben entschuldigen sich ebenso … Die Polen, lieber Dalschefski, nehmen Sie mir’s nicht übel, die stehlen auch; sie haben das Bedürfniß, die Liebe ihrer Herrschaft in Prügeln bewiesen zu bekommen … Ja und alle diese Motive zum Stehlen lassen sich noch hören … Aber die schlechteste Nation, Professor Biancchi, sind in diesem Punkt allerdings die Deutschen! Die stehlen aus dem ganz gemeinen Grund, dasjenige, was andern gehört, lieber selbst haben zu wollen … Ich sage das in voller Ueberzeugung und nicht blos deswegen, weil der arme Biancchi sich über das Schubert’sche Lied schon wieder ganz gelb geärgert hat und morgen am End’ die Stund’ hier absagen laßt …

In solche und ähnliche lustige Reden hinein wurden die Mäntel, die Shawls und Hüte aufgebunden …

Phantastisch aufgeputzt wurde Biancchi von Jenny und Dalschefski von der Resi … Große Shawls hüteten die geliebten alten Maestri vor „Verkühlungen“ … Ein charakteristischer Zug aller gebornen Wiener war, daß sie nun noch einstimmig das Klima ihrer herrlichen Stadt verwünschten … Frau von Zickeles entwickelte sich jetzt erst in einer längern Rede … Angelika Müller pries dafür ihr Landhaus in der „Briehl“ … Sie seufzte auf wie eine Märtyrerin, Benno, als 171 stünde sie an der Maximinuskapelle, zuflüsternd: Ich hoffe auf eine stille Stunde! … Harry Zickeles ließ sich nicht nehmen, Benno nach Hause zu begleiten … Alles schritt hinunter … Man trennte sich …

Herr von Pötzl benutzte Harry’s Holen eines vergessenen Halsshawls, um Benno zu sagen:

Der Harry ist in Wien „Führer“ par excellence … Wo wäre ein neu angekommener Name, den er nicht des Morgens auf den Graben spazieren geführt und des Abends nach Hause begleitet hätte! … Leo hat seine Wohlthätigkeitsdiplome, Percival seinen „Ahasver“, der Harry wird Ihnen noch sein „Album“ anbieten … Dieses sechs Pfund schwere Buch folgt ihm nach Mailand, Paris und London … Was nur Namen hat in der wissenschaftlichen, künstlerischen und gesellschaftlichen Welt, hat da mehr oder weniger hineingeschrieben: „Hommage à mon ami Zickeles!“ Er ist der einzige Mensch, dem sich Meyerbeer, Thalberg, Liszt und andere Genien im Nachtkamisol und in Unterbeinkleidern beim ersten Morgenbesuch zeigen und – „Genirens Ihnen nicht, Meyerbeer, ziehen Sie sich ruhig an, Ihr Freund Harry Zickeles raucht die Cigarre!“ –

O bitt’ schön, lieber Herr von Zickeles (unterbrach er sich) – da sind Sie ja … Ja, Sie Charmantester … Nur keine Verkühlung … Mein Weg ist in die Josephstadt … Herr von Asselyn … Hab’ mich unendlich gefreut … Aber ich hab’ noch die Ehre – …

Auf die schärfste Satyre folgte der gemüthvollste Händedruck erst an Harry, dann an Benno, und nun wohnte Herr von Pötzl doch in der Josephstadt, wäh-172rend ihn so lange, als er über Benno noch nicht im Reinen war, sein Weg auch über die Mölkerbastei und auf die Freyung geführt hatte …

Harry ergriff Benno’s Arm wie den eines alten Bekannten und gab über den schnell davon Huschenden die Erklärung:

Herr von Pötzl ist sehr ein rangirter Mann – Witwer – ohne Kinder – Die Angiolina war seine Pflegetochter – Graf Salem ließ sie auf seine Kosten von ihm erziehen – Sonst ist er – ursprünglich, glaub’ ich, ein verdorbener Architekt … Er hatte das Geschäft gepachtet, im Prater die Buden aufschlagen zu dürfen … Dann baute er selbst Häuser oder lieh Geld auf andere … Das hat ihn in die Höh’ gebracht … Als seine Frau starb, verließ ihn die Angiolina und ihm war’s ganz recht, denn er hat einen großen Nagel im Kopf und hieße gar zu gern der „Edle von Krapfingen“, was eine Besitzung ist, die ihm gehört … Die Leute sagen – aber ganz unter uns – hier an dem Gebäude (Harry zeigte auf ein düsteres, Benno schon bekanntes Haus – die Polizei) kennt der Mann alle Hinter- und Seitenthüren … Nehmens sich ein bissel vor ihm in Acht … Wir haben allerhand Spitzln … Bezahlte und unbezahlte … Wenn Sie in der kleinsten Garküche speisen, so weiß man hier in dem Hause schon Abends, in was für Münze Sie bezahlt haben …

An dem stillen Priesterhause, Benno’s Wohnung, mußten die lehrreichen Aufklärungen ein Ende nehmen …

173 Ein großer eiserner Klopfer wurde noch von dem gefälligen Harry angeschlagen …

Die Thür ging auf … Benno nahm Abschied und versprach, wenn er morgen zeitig vom Schloß Salem zurückkehren sollte, die Einladung zum Mittagstisch anzunehmen, sonst aber jeden freien Augenblick in dem unterhaltenden, gastfreien, so zwanglosen Hause zuzubringen …

Nun schritt er durch matt erhellte Gänge und kam in seine stillen Zimmer, wo er suchen mußte, nach soviel kaum zu Ertragendem, das heute das Geschick ihm verhängte, im Schlummer die Kraft zu gewinnen für sein ferneres – „Freudvoll und Leidvoll“.

174 7.#

Ein schöner Spätherbstmorgen lachte Benno schon so heiter und sonnig auf seinem Lager an, als wollte der Himmel sagen: Muth! Muth! Nun nicht gewichen! …

Benno frühstückte auf seinem Zimmer mit dem Chorherrn, der bei ihm anklopfte, und erzählte seine gestrigen Erlebnisse …

Zur Fahrt nach dem Schlosse Salem bestellte der freundliche Wirth sofort einen Einspänner, der Punkt neun Uhr vor der Pforte des geistlichen Hauses warten sollte …

Aber wie nun um elf? Wie das Rendezvous im Palatinus? fragte er neckend …

Benno berichtete noch von der Begegnung im Theater und nannte den Namen der Herzogin von Amarillas, über die der Chorherr nichts Näheres wußte …

Sie müssen Ihrer Eroberung ein Lebenszeichen geben, sagte er, sonst kommt sie noch hier am Hause vorgefahren …

Benno wollte im Vorüberfahren am „Palatinus“ seine Karte abgeben …

175 Dann erzählte er von dem Abend bei den Zickeles und schilderte den eigenthümlichen Gegensatz desselben zu der Lage, in der er den Grafen Hugo anzutreffen erwarten durfte …

Auch diesen Beziehungen, die eine Schilderung der Macht der Börse veranlaßten, stand der Chorherr zu fern …

Als Benno andeutete, daß ihm durch alles, was er hier in Wien und Oesterreich sähe und höre, doch ein eigenthümlicher Ton der Trauer mitten durch die Freude hindurch zu gehen schiene, eine Verstimmung, ein Mangel an Selbstvertrauen und doch auch wieder kein Vertrauen zu andern, eine bald excentrische Hingebung, bald ein geheimer Krieg aller gegen alle, kurz eine völlig atomistische Zerbröckelung dieses herrlichen großen Ganzen – da sagte der Chorherr, aufs äußerste erregt und vom gemeinschaftlich genossenen Frühstück aufstehend:

Das eben bricht mir ja das Herz! … – Das erkennen Sie also schon, daß, wenn auch unsere Machthaber nichts lieber wünschen, als die Bestätigung des Rufes, in dem wir als ein Volk von Phäaken stehen, lebend nur dem immerfort sich drehenden Bratspieß, doch dieser Vergnügungstaumel, in den sich unsere Bevölkerung zu stürzen liebt, um so herbere Aschermittwochsstimmungen zurückläßt? … Aus all dieser Lustigkeit hörten Sie schon heraus: Wien ist krank! … Mein junger Freund, ganz Oesterreich ist es … Der Wahrheitstrieb, der tief in diesem Volk begründet ist, findet keine Befriedigung … So verwandelt er sich in Mistrauen, kühle Prüfung, zuweilen leidenschaftlich hervorbrechende Be-176geisterung und wieder ebenso rasch kommende Ironie seiner selbst … Die einen macht ein solches Wesen schlecht, die andern macht es melancholisch … Was soll einst daraus werden! … Die Masse ist gemüthvoll, ist gerechtigkeitsliebend, aber von einer beängstigenden Unbildung und Maßlosigkeit … Die Vorstädte werden an sich noch wie von den Anschauungen alter Frauen regiert, die an den Straßenecken die Gemüse verkaufen … Ein Schrecken vor Kometen oder vor dem möglicherweise alle Tage wiederkehrenden Türken oder vor dem Staatsbankrott ist die feststehende Stimmung des allgemeinen Volksgeistes … Nun dieser Drang nach Oeffentlichkeit, nach Auszeichnung … Alles was in den Polen, Ungarn, Böhmen, Italienern, namentlich aber in der lebendigsten aller Nationen, in – dem todten Israel lebt, impft sich unserm Volk hier auf … Herrlich, wenn das alles einen würdigen Gegenstand fände … Aber dafür die strengste Censur, die Verfolgung der Meinungen, die Unterdrückung der Lehrfreiheit und – als Ersatz für alles das, was die Oeffentlichkeit entbehren muß, die immer enger und enger sich ziehende jesuitische Ueberstrickung … Kirche und Schule, Wissenschaft und Kunst sollen vom „josephinischen“ Geist gereinigt werden … Einsehend, daß es unmöglich ist, das Licht, das man fürchtet, in Säcken und dunkeln Kutten aufzufangen, arbeitet man jetzt an einem andern System der Bekämpfung des Neuen … Man erbaut Gegengebäude … Man hört die Rathschläge aus dem Al Gesù in Rom … Und dem allem stimmt die öffentlich geheuchelte Loyalität 177 gleichsam zu und doch – im tiefsten Grund – ist’s nichts als Lüge – … An der Lüge geht mein herrliches Oesterreich zu Grunde! …

Die magern Hände des Greises zitterten … Sie krümmten sich … Sein Auge war umflort … Er mußte hundert Schritte im Zimmer auf und nieder machen, bis sich sein Blut beruhigte …

Ein Hausdiener brachte einen Brief, den gestern Abend ein fremder Herr bei ihm unten geschrieben, versiegelt und an Herrn von Asselyn adressirt hatte …

Er war von Schnuphase …

Benno mochte nicht lesen …

Als sie beide wieder allein waren, nahm der Chorherr die Gedankenreihen, die ihn so tief erschütterten, wieder auf …

Unsere gegenwärtigen Regenten – sind gegen die Jesuiten … Regenten wollen keine Theilung ihrer Herrschaft … Aber die Strömung ist zu groß … Sie kommt zu stark und von hoch oben … Immer größer wird die Zahl der mittelalterlichen Fanatiker, die mit feierlicher Salbung das ausführen, was Gentz nur vom Standpunkt der bloßen Staatsraison leicht und heiter hinwarf … Damit das germanische Element in Deutschland nicht ganz an Preußen übergeht, muß der Protestantismus in sich selbst verwirrt, verdunkelt und zum Bundsgenossen Roms gemacht werden … Alle Richtungen, die im Denken und Empfinden der Zeit irgendeine Verbindung mit dem Mittelalter zulassen, sollen von jetzt an nur noch allein gepflegt und ausgezeichnet werden … Ich habe das Gefühl einer bangen Zukunft …

178 Der sich natürlich aufdrängende Gedanke an den großen Staatskanzler bestimmte Benno, den Brief Schnuphase’s zu erbrechen …

Er las:

„Hochwohldieselben nicht zu Hause getroffen, zu haben beklage schmerzlichst, bitte inständigst, jedoch Hochdero ergebensten Diener in dieser großen Stadt nicht verlassen zu wollen, sondern, ihm hülfeflehend die Ehre zu geben für übermorgen anberaumter Hoher Audienz bei seiner Durchlauchtigsten Staatskanzler Hochdero ergebensten Diener begleiten zu wollen, da meine Angst vor den vorhabenden Mittheilungen alles, übersteigt was in solcher Lage jemals, empfunden zu haben entsinnen kann. Adresse: Pelikan & Tuckmandl, Currentgasse. Hochdero gehorsamst Schnuphase, Stadtrath. In Eile.“

Benno zerriß den Brief, warf ihn in einen Papierkorb und schwieg von dem Inhalt …

Feierlich zündete der Chorherr eine Kerze an und sagte:

Briefe, die man nicht aufbewahren will, muß man verbrennen …

Eine lange Pause, während der er feierlich die Stückchen Papier verbrannte … Rauchen Sie eine Cigarre! sagte er dann mit weicher Stimme … Sie sind jung! … Und kommen Sie nicht zu spät zurück …

Benno drückte dem Gehenden die Hand … Es war ihm bei dem trefflichen Mann so wohl, als wäre er beim Onkel in der Dechanei …

Auf eine seiner Visitenkarten schrieb er in italienischer 179 Sprache: „– bedauert, für heute verhindert zu sein, persönlich nach dem Befinden Sr. Hoheit zu fragen“ …

Es waren diese Worte für den Principe Rucca bestimmt … Buchstaben, die sich von seinem Herzen, von seiner Hand langsam losrangen, wie ein Fürst die Bestätigung eines Todesurtheils schreiben mag …

Dann nahm er die ihm von Nück übergebenen Papiere, schloß sie in ein größeres Portefeuille, nahm einen warmen Oberrock, verließ sein Zimmer und bestieg den kleinen Wagen, der am Hause hielt …

Am Palast des römischen Botschafters fuhr er vorüber, wie vor einem geheimnißvollen Cocon, in den sich eine Raupe gehüllt hat, die ihm zum bunten Schmetterling werden sollte …

Am Palatinus hielt er …

Die Vorhänge an den Fenstern des ersten Stocks hingen noch hernieder … Einen Troß von Menschen sah er wieder im Portal stehen … Wieder den Mohren des Prinzen Rucca …

Benno übergab aus dem Wagen dem Portier seine Karte … Die Hand zuckte. Er erschien sich jener Apollin, an den Olympia als Kind hinaufsprang, um ihn zu zertrümmern … Eine heiße Glut durchloderte ihn, wenn er dachte: Sie erwartet dich um elf Uhr in den Zimmern ihres Verlobten, findet deine Karte, auch die Mutter nimmt diese in die Hand, liest deinen Namen – Ceccone kommt hinzu – Du wirst in Kreise gezogen, wo die Verführung dich umgaukelt, wo jeder Schritt für dein Herz und dein Urtheil zur Fußangel werden kann! … Wirst du in solcher Lage, mit allen 180 aus ihr entspringenden Verbindlichkeiten der Verstellung ausharren können? … Da war es ihm, als riefe es um ihn her: Fliehe! Jetzt! Jetzt! Noch ist es Zeit! …

Das Rößlein schwenkte … Munterer sprang es dahin in eine ruhigere Seitenstraße … In der Nähe eines seltsam gebauten Hauses, dessen Fenster den Schießscharten von Kasematten glichen und die doch einem Franciscanerkloster angehörten, wie der Kutscher erläuterte, lag ein altes Haus, am Portal mit dem Bild eines Heiligen und einer ewigen Lampe … Er fragte nach der Currentgasse … Die lag in einem andern Theil der Stadt … Wie werth war ihm die Erinnerung an die freimüthige, herzige Therese … Sie die Freundin seiner verlorenen Schwester … Gräber! Gräber –! rief es in seinem Innern … Warum öffnest du sie … Fliehe! Fliehe! Noch ist es Zeit! rief es auch hier um ihn her …

Durch ein kleines Thor auf das Glacis gekommen, fuhr er am Kloster der Hospitaliterinnen vorüber, wo er schon die Aebtissin, Schwester Scholastika, die geborene Tüngel-Heide, hätte besuchen müssen … Er widmete ihr einen Sehnsuchtsgedanken an die ferne Armgart … .

Immer einsamer und einsamer wurden die Straßen … Zuletzt gab es nur noch alleingelegene Häuser mit Gärten und Feldern, Fabrikgebäude mit hohen und rauchenden Schornsteinen …

Endlich war die Landstraße erreicht und der ganze Vollgenuß gewährt der ungehindert eingeathmeten kräftigenden Herbstluft …

181 Benno saß im warmen Oberrock bei offenem Verdeck …

Bald bog der Wagen von der Hauptlandstraße ab … Kleine Ortschaften, in denen gerade Markt gehalten wurde, boten den buntesten Anblick … Der Himmel blieb sonnig und dunkelblau; nur an den Rändern des Horizonts, den die sanften Bergeshöhen abgrenzten, schimmerten die bunten Irisfarben des Herbstes, rosa, gelb und violett …

Der Kutscher sah Benno’s Wohlgefallen an der schönen Umgebung und rieth ihm zuweilen, zu Fuß einen kürzern Weg durch eine Waldpartie zu nehmen, während er die sich windende Landstraße weiter fuhr … Aber durch die Eichen- und Buchenhaine war vor schon gefallenem Laub nicht hindurchzukommen … Nur die grünen Tannenbestände ließen hier und da den Rath befolgen … An manchen Durchblicken sah Benno weißschimmernde Klöster und Schlösser … Der Blick ringsum öffnete bald diese, bald jene Fernsicht, bald zu einem schroffen Aufgang zu höhern Felsgesteinen, bald zur weiten, vom Pflug wieder neugeackerten, dunkelschwarzen Ebene … Bonaventura – Armgart – Paula schritten immer im Geiste mit ihm …

Endlich wurden die Aussichten begrenzter … Die Hügelreihen zogen sich enger zusammen … Der Kutscher deutete auf den Ausgang eines waldbewachsenen Grundes als den Anfang des zum Schloß Salem gehörenden Parks … Nach einer längern Fahrt zwischen rings sich thürmenden, noch epheu- und moosbewachsenen, von kleinen behenden Cascaden überrieselten Felsen sah man 182 den Weg sich öffnen und an der Abdachung der sich in eine neue große Ebene niedersenkenden Berglehnen eine hellschimmernde, in neuerm Geschmack angelegte Besitzung, der man in der Ferne noch nicht anmerkte, wie sie aus einem alten Renaissanceschloß entstanden war … Alte Thürme waren da im englischen Castellstil neu ergänzt … Balcone, Erker, gewölbte, mit Epheu und wildem Wein umzogene Fenster ließen sich schon aus der Ferne erkennen … Eine Altane bot ohne Zweifel den Blick in die weiteste Ferne bis zur Donau … Offene Galerieen, sonst wol mit Blumen besetzt, zogen sich um die Eckthürme hin …

In nächster Nähe gewann jetzt alles ein gepflegteres Aussehen … Fast unmerklich verlor sich die Straße in einen Park voll kleiner Pavillons, Tempel, Ruhebänken neben stürzenden Wassern; da und dort zeigte sich wieder eine freie, noch smaragdgrüne Waldstelle, auf der man hätte Rehe suchen mögen …

Schon fuhr der kleine Wagen in den gekieselten Gleisen der Parkwege … Die Fußwege nebenan waren sauber geharkt … Sie schlängelten sich terrassenhaft niederwärts bis zum Schlosse, das bei größerer Annäherung sich immer stattlicher entfaltete und nun auch seine Nebengebäude, einen großen geräumigen Hof zeigte, den ein eisernes Gitter und in dessen Mitte ein hohes, mit dem Camphausen’schen Wappen geschmücktes Portal vom Park trennte, während der Fahrweg am Portal vorüber weiter ging und auf einer andern Seite wieder auf die allgemeine Landstraße zurückführte …

So in der Nähe nun zu sein von all dem seither 183 erzählten, vorgestellten, gefürchteten Leben einer fremden hochwichtigen Existenz mit all ihren eigenbedingten Lagen, ihren eigengeschaffenen und wieder für andere maßgebenden Zuständen – gewährte schon an sich eine ergreifende Stimmung … Wie viel mehr noch das Gefühl: Hier weilt dir eine Schwester, die du nie gesehen, vielleicht nie anerkennen wirst! … Hat Terschka wirklich Wort gehalten und geschwiegen? … Unwillkürlich kam ihm die Erinnerung an den Park des Vaters auf Schloß Neuhof … Dann raffte er sich auf – und doch suchte er wieder durch die laublosen Bäume hindurch nur ein abgesondertes Gebäude, das Casino genannt, in welchem, wie er schon in Kocher vom Onkel Dechanten gehört, seine Schwester für sich allein wohnen sollte … Er sagte sich: Du bist ganz wie Bonaventura mit den Bürden seiner Beichten! … Wenn du deine Schwester sähest – würdest du kalt und fremd erscheinen müssen … Auch daß der Graf vielleicht das Opfer eines Betrugs durch eine falsche Urkunde ist, darf kein Gedanke sein, der dich irgendwie hier anwandelt …

Im grasbewachsenen, gepflasterten Schloßhof war es, wie noch zur Mehrung seiner märchenhaft träumerischen Stimmung, menschenleer …

Nur ein einziges Roß sah er, das gesattelt an einen eisernen Candelaber gebunden stand, deren vier eine Rampe schmückten, die die große Auffahrt bildete …

Zu diesem trat durch die Thür eines Seitengebäudes, die zum Stalle zu führen schien, eben in sorgloser Haltung ein Reitknecht, den selbst die Ankunft des Einspänners nicht störte …

184 Inzwischen war Benno dicht an die Rampe gefahren …

Jetzt sah er erst, der Sattel des Pferdes war ein Damensattel …

Ohne Zweifel war er für seine Schwester bestimmt …

Nun mit dem beklommensten Herzen, jeden Augenblick gewärtig, ihr als Bote ihres Sturzes oder wenigstens ihrer künftigen äußerlichen Verleugnung zu begegnen, sah er dem Reitknecht zu, der den Sattel fester schnürte und, während der Kutscher schon sein Roß ausschirrte, auf einen Diener deutete, der aus der hohen Glasthür, die von der Rampe zum Schloß führte, mit eilendem Schritt heraustrat …

Auch dieser ging wie der Reitknecht in den „altfränkischen“ Dorste’schen Farben – grün und gelb, doch in geschmackvollerer Vertheilung als in Westerhof … Die Halbröcke von mattgelbem Tuch, kleine Verzierungen daran grün … Eine weiße Weste, kurze schwarze Beinkleider und Strümpfe stimmten zu den artigen Manieren des von der Rampe Herabkommenden, der ein Kammerdiener zu sein schien …

Offenbar war der Mann in großer Verlegenheit … Er wußte, daß Benno erwartet wurde und entschuldigte den Grafen, der noch eine Abhaltung hätte … Dann nahm er mit freundlicher Geschäftigkeit das große Portefeuille Benno’s entgegen und lud den Gast ein, sich’s so lange in einem Zimmer bequem zu machen, das er ihm anweisen wollte …

Alle diese Worte hörte Benno kaum; denn an einem der hohen Fenster des obern Stockes, hinter den blut-185rothen wilden Weinblättern, die noch nicht ganz von ihrer üppigen Ausbreitung welk herniedergefallen waren, lüftete sich eben eine weiße Gardine und ein Frauenkopf sah heraus … Nur ein Moment war’s … Sogleich fiel die Gardine wieder zu …

Es war ein Kopf, ähnlich dem Lucindens … Jugendlicher, von einem Ausdruck der äußersten Angst entstellt – ihm ähnlich …

Er konnte annehmen, der Graf befand sich in einem Tête-à-Tête der größten Aufregung …

Benno, mit dem Gefühl, jedes Auge, das hier auf ihn falle, müßte ihn anstarren um seiner Aehnlichkeit mit Angiolina willen, folgte mit kaum sich aufrecht haltender Betäubung dem Diener, dessen ganzes Benehmen die Furcht ausdrückte, es könnte der junge sehnsüchtig erwartete Rechtsgelehrte der Schallweite der obern Zimmer zu nahe kommen … Von einem runden Eingangsvestibül führte er ihn sogleich in die entgegengesetzte Richtung, ja schloß Fenster und Thüren, die er offen fand, als könnte noch ein anderer Schall hereindringen, als der der Gespräche des Kutschers mit dem Reitknecht und das Unterbringen seines Gefährtes im gräflichen Stall …

Endlich kamen sie in Zimmer, die des Grafen Wohnzimmer selbst schienen und nach dem Garten hinaus gingen … Dieser war nur ein im Charakter etwas veränderter Theil des Parks … Die Fahrstraße umschlängelte das Schloß und lag, kaum hundert Schritte weiter, wiederum dem Blicke offen … Die Zimmer, die sie durchschritten, gingen bis in den alten Bau hinein, einen 186 Thurm, von dem eine noch von welken Blumen umrankte Wendeltreppe in den Garten führte …

Das Zimmer, in dem sich der Diener endlich empfahl, war düster, sonst höchst traulich … Von oben her beschattete es das Dach der großen Altane des ersten Stocks, die man in der Ferne gesehen hatte, auch eine Fülle von Epheu, der von außen fast in das Zimmer hereinwuchs …

Es liegt ein eigener Reiz in dem Betreten eines zum ganzen und vollen Ausleben eines fremden Ichs bestimmten Zimmers … Offenbar hatte der Graf sein Ausbleiben dadurch mildern wollen, daß er Benno sogleich in die Räume führen ließ, die er selbst bewohnte … Der Duft der besten Cigarren kam wie aus eben erst verronnenen blauen Wölkchen … In der Mitte des Zimmers lag auf einem großen runden, zierlich ausgelegten Nußbaumtisch eine Auswahl von bunten türkischen und ungarischen Pfeifen … Cigarrenkisten aus der Havannah waren noch nicht lange geöffnet … Gelber türkischer Taback lag in einer antiken Schale von Metall … Das sich dem mittelalterlichen Geschmack nähernde Zimmer war hochgewölbt … An den Wänden hingen türkische Waffen, Roßschweife sogar, Gemshörner, Alpenhüte, geschmückt mit Gemsbärten … Dunkelbraune Schränke, gothisch geformt, standen theilweise offen und zeigten goldenen und silbernen Militärschmuck, Säbel, Pistolen, Jagdflinten … An den Fenstern waren Glasmalereien angebracht; der Fußboden, am Schreibtisch mit einer großen Tigerdecke belegt, war parkettirt in schönen symmetrischen Figuren … Neben dem mo-187dernen und gußeisernen Ofen stand ein vollständiger Ritterharnisch von blankpolirtem Stahl … Auf einer hängenden Etagère blinkten Trinkkannen, Krüge mit eingebrannten Sinnsprüchen, Becher aus Horn mit silbernen Griffen … Der Schreibtisch stand frei, wohlgeordnet und bedeckt mit bunterlei Nippsachen … Federn lagen, noch glänzend von frischgetrockneter Tinte, auf grünem querübergespannten Tuche … Hinter dem Schreibtisch standen in einem dunkeln Winkel zu Fuß eines Porträts, das einen General und ohne Zweifel den durch einen Pferdesturz verunglückten Vater des Grafen darstellte, Hellebarden, Streitkolben, Morgensterne … Ein kleiner Schrank enthielt eine Bibliothek von schöngebundenen Büchern, militärischen und landwirthschaftlichen Inhalts … Eine altmodische Wanduhr mit hörbarem Pendelschlag schien der Pulsschlag des stillen und doch so lebendigen Zimmers zu sein … Hier hatte Terschka gewaltet … Hier Angiolina … Benno’s Blick fiel auf eine Console zwischen den beiden Fenstern, wo im Dunkeln eine Alpenzither lag und auf ihr – ein weiblicher Strohhut …

Schon eine Viertelstunde mochte vergangen sein, da kam der Kammerdiener zurück und entschuldigte den Grafen aufs neue … Er wäre zwar im Schlosse, bäte aber den Herrn Baron aufs inständigste, ihm wegen seines Ausbleibens nicht zu zürnen …

Benno sah aus den Zügen des Alten, welche Probe sein Herr zu bestehen hatte … Er las einen Kampf der Liebe und Leidenschaft aus ihnen … Er las aus ihnen Schmerz, Verzweiflung, Drohungen … Er mußte 188 krampfhaft seinen Hut festhalten, um nicht das Zittern seiner Hände zu verrathen …

Der Diener wollte, da Benno eine Erfrischung zu nehmen ablehnte, wenigstens zu seiner Unterhaltung plaudern … Er rückte einen beweglichen Lehnstuhl dem Fenster näher, um Benno die Aussicht zu deuten … Er nannte die Klöster, die Kirchen, die Dörfer, beschrieb den Lauf der Donau, die wie ein Flechtwerk silberner Bänder in dem fast überall neugepflügten dunkelschwarzen Erdreich glänzte … Leise nahm er dabei den Strohhut von der Zither, wollte ihn verstecken, besann sich aber, daß gerade dies Wegnehmen erst recht darauf aufmerksam machte und legte ihn wieder leise auf die Saiten, die nun – wie Geisteraccorde anklangen …

Laß mich weinen, laß mich klagen!
Frage nicht, warum ich’s muß!
Ist es nicht der Götter Schluß:
Leben steigt aus Sarkophagen
Seit des Lebens ersten Tagen!

So klang es in einem Liede Bonaventura’s, das wehmuthsvoll in Benno nachtönte …

Jetzt horchte der Diener auf … Er schien etwas zu hören, was Benno entging … Besorgt begab er sich in die offenen Vorzimmer und zog die Thüren, die vorher offen gestanden, sorgsam hinter sich zu …

Benno war keine sentimentale Natur … Die Ironie pflegte die Regungen seines Herzens hinwegzutändeln … Hier aber kam ihm nichts mehr vom Humor zu Hülfe … Er fühlte die Rechte des Menschenherzens in dem Leid seiner Schwester – mit Titanenkraft 189 … Armes Kind! … Aber – auch du – arme Paula! …

Benno nahm selbst den Hut von der Zither … Schwarze Sammetbänder glitten über seine zitternden Hände … Auf der Spitze des Huts waren fünf Sternchen von schwarzem Sammet befestigt … Noch duftete der Hut von Angiolinens Haar …

Da hörte er Thüren schlagen …

Er legte den Hut auf die Zither zurück …

Es war ihm, als müßte Angiolina gestürmt kommen und selbst ihren Hut holen …

Ein Gefühl, sie zurückzuhalten und sie, die eben alles verlor, mit dem Schwesternamen zu begrüßen, überwältigte ihn einen Augenblick … Wer denkt sich nicht zuweilen eine That des Heroismus, die, im Urrecht des Genius begründet, alle Schranken der Rücksicht durchbricht, eine That, die die ordnende Weltseele ebenso gut wie jede andere wieder mit dem Hergebrachten würde zu vermitteln wissen! … Schon mußte er sich halten – wie jemand, der zu dicht an einen ungeahnten Abgrund gerathen und statt zu fallen, mit muthigem Entschluß den furchtbaren Sprung lieber selbst wagt …

Da hört er vom Garten her den Hufschlag eines Rosses …

Im regen- und nebelfeuchten Kiese der gleichmäßige Schritt eines Galoppirenden …

Jetzt schwenkte das Roß … Es war das von vorhin im Schloßhofe … Es schwenkte vom alten Gemäuer zur Rechten her und dahin über die sich abdachende Straße quer am Schlosse vorüber …

190 Darauf eine Reiterin …

Nur Angiolina konnte es sein …

Im dunkelwallenden Kleid saß sie hoch im Sattel …

Ja als sie an der Front der Schloßfenster vorüber mußte, schien sie aus dem Sattel sich zu erheben und sank wieder zurück … Ein Hut mit blauem Schleier schlug hinten über und fiel ihr in den Nacken … Ein schöner Kopf, todtenbleich, mit dunkelschwarzem Haar und lichtverklärt vom durchsichtigen Aether sich abzeichnend …

Das Roß wie im Fluge … Die linke Hand hielt die Zügel, die rechte riß den Hut ganz vom Haupte … Nun ragte die Gestalt schlank und luftig schwebend … Die Hüfte zum Umspannen … Benno suchte das Auge … Das schien sie zuzudrücken … Es war, als wollte sie nichts mehr von dieser Welt erkennen … Immer weiter und weiter schlängelten sich die Windungen des Weges. Das Roß schwenkte … Sie selbst schien wie von einer Schaukel gehoben … Nun verlor sie sich hinter den Büschen … Wieder tauchte sie auf … Ein Bangen ergriff Benno bei dem immer mehr sich verlierenden, in den Büschen bald offenen, bald von ihnen gedeckten Anblick … Wo raste sie so hin? …

Oder – Wie ist das? … Kehrt sie zurück? … Ist sie nicht schon wieder in der Nähe? …

Nein … Neuer Rosseshuf erklingt …

Der Reiter sind aber mehrere …

Auch sie biegen von der Rechten her ums Schloß … Eine Cavalcade ist’s von mehreren Herren … Eine Dame unter ihnen … Olympia! … Dieselben 191 Begleiter, wie gestern … Dieselbe kleine Gestalt über und über heute in hellblauem Sammet … Gelbe Seide die Verzierungen … Ein schwarzer Chapeau-Mousquetaire im grellsten Geschmack des Südens mit Goldtressen geschmückt … Phantastischer Carnevalsanblick! … Auch sie jagt dahin und erhebt sich ebenso beim Blick auf das Schloß … Sie erkennt Benno … Das Roß schwenkt … Wild stieben die Reiter um sie her … Eine neue Schwenkung … Jetzt ist Olympia eingeschlossen von ihren Begleitern und auch sie verschwindet …

Benno stand besinnungslos … Er sah die Wirkung – seiner Karte … Ohne Zweifel hatte man seine Wohnung erfragt, seinen Ausflug erfahren, die Richtung erkundschaftet und war ihm gefolgt … Wieder die Statue des Apollin – von einem Panther umkrallt! So wirkte ihm diese Erfahrung … So wild sich geliebt zu sehen – muß ja den Tod versüßen …

Da gingen die Thüren und der Diener kam eilends zu dem Besinnungslosen …

Eben kommen Seine Erlaucht! sagte er … Seine Worte erklangen wie der Ton der Erlösung und glücklichen Hoffnung …

Die Erscheinung, daß Herrschaften von Wien her oder der Umgegend die Durchfahrt durch den Park und an Schloß Salem vorüber benutzten, schien eine häufig vorkommende zu sein … Der Diener achtete nicht darauf …

Schon im Vorzimmer sprach eine hellkräftige Stimme mit jener Fassung, die der Weltbildung geläufig ist, eine Entschuldigung für das lange Ausbleiben …

192 Graf Hugo trat ein …

Eine schöne männliche Erscheinung … Am Ende der Dreißiger … Hochgewachsen wie seine Mutter Erdmuthe … Das Haar braun, lockig; hie und da dünn an der Stirn und den Schläfen; Lippen und Kinn trugen den Bart desto voller … Die Augen blau … Der erste Eindruck vor den Bewegungen der Höflichkeit und einer nur mühsam verborgenen Erregung unbestimmt und fast zu lebhaft … Der Graf trug ein kurzes, militärisches, weißes Hauscollet mit einer leichten Paspoilirung von Rosaschnüren an der Brust, an den Achseln und Aermeln; lange eng anliegende blaue Beinkleider, unten mit einem Besatz von glänzend lakirtem schwarzem Leder, das gegen Hausstiefel von bunter russischer Lederstickerei grell abstach …

In einer Sprechweise wienerischen Tonfalls entschuldigte er sich, daß ihn Geschäfte abgehalten hätten, sich in eine vollständigere Toilette zu werfen …

Alles das kam, als hätte er eben nur eine Abhaltung gehabt in seinen Ställen oder sonst bei einem Lieblingsgeschäft, das abgewartet werden mußte …

Der Uebergang zum Rauchen, das Nöthigen auf ein dunkel gestelltes, ganz in der Ecke hinter dem Schreibtisch befindliches Kanapee, alles war so leicht, so im Ton der harmlosesten Zuvorkommenheit, daß jeder andere nicht gemerkt haben würde, wie die Art, mit der er in die Kissen zurücksank und wie von seinen Wangen die leichte Röthe der ersten Begrüßung verschwand, doch die äußerste Erschöpfung nach einer aufregenden Scene ausdrückte … Im forschenden Blick auf Benno der 193 völligste Ausdruck der Unbefangenheit über dessen Beziehung zu Angiolina … Und kein Stutzen etwa über irgendeine Aehnlichkeit …

Ungeordnet, abgerissen war alles, was der Graf von Benno’s Aufträgen sprach …

Dieser sammelte sich selbst erst durch das Aufschließen seines Portefeuille … Die Eindrücke stürmten zu mächtig auf ihn ein … Die Verlegenheit des Grafen wurde von der seinigen übertroffen …

Herr Graf, begann er allmälig, da ich die Ehre habe – Frau Gräfin Mutter zu kennen und – den Bewohnern von Schloß Westerhof durch lange Jahre nahe stehe, so hab’ ich – bei Veranlassung einer Reise nach dem Süden, gern die Aufträge übernommen, die mir Herr – Dominicus Nück gegeben … Ich soll Ihnen – vorlegen, was die Agnaten der Dorstes, die Landschaft, die witoborner Curie zuvor gesichert wünschen müssen, ehe die Vermählung zwischen Ihnen und – Comtesse – Paula zu Stande kommt – worüber Sie wahrscheinlich schon die directe Entscheidung durch Ihre Frau Mutter erhalten haben …

Kein Wort –! sagte Graf Hugo, immer noch wie scherzend … Er versuchte, eine Cigarre anzündend, den Ton der Leichtigkeit beizubehalten … Kein Wort, wiederholte er, das entscheidend wäre – Die Mutter kommt in diesen Tagen zurück – Sie kann schon heute da sein – Da werden wir ja – hören …

Ich zweifle nicht, daß sie die Nachricht von Comtesse Paula’s Einwilligung bringen wird – Ich wünsche 194 Ihnen Glück zur Verbindung mit einem der edelsten Wesen der Welt …

Graf Hugo schwieg …

Die Cigarre, die nicht brennen wollte, fortlegend, sagte er:

Sie bringt mir ein großes Opfer …

Es währte eine Weile, bis er, während er die Hand aufstützte, fortfuhr:

Ich bin beschämt davon … Herr von Asselyn, das sind sehr traurige Nothwendigkeiten … Sie werden ja unterrichtet sein – wie – alles das schon seit Jahren –

Mit diesem Worte stockte seine Rede …

Benno sah, wie sich die hochgewölbte, männlichstarke Brust hob und senkte …

Man sollte – sagte der Graf, wieder nach einem möglichst heitern Tone ringend – man sollte eigentlich niemals großmüthig sein … Es war seit Jahrzehnden in unserer Familie die stehende Redensart: Allerdings wenn die Urkunde sich fände –! … Nun ist sie da und alle unsere Bravaden werden beim Wort genommen … Soll ich wieder aufs neue processiren? … Soll ich die Urkunde angreifen? … Soll ich die Verbindlichkeit als eine gefälschte leugnen? … Ihr Staat duldet bei Testamenten keine Religionsverbindlichkeiten … Das weiß ich vollkommen … Ich würde selbst einem Gegner, wie Nück gegenüber, gewinnen … Aber erst nach zehn Jahren … Diese Zustände einer Proceßführung sind nicht mehr zu ertragen …

Als Benno zustimmend schwieg, fuhr der Graf fort:

195 Die Leute sagen, die Urkunde wäre ein Extrastück Terschka’s, befohlen aus Rom … Aufrichtig, ich glaube das nicht … Der arme Schelm hat uns alle betrügen müssen … Das ist wahr … Aber hierin ist er unschuldig … Meine Mutter hat ernste Scenen mit ihm gehabt … Ich will hoffen, daß ihm England den „neuen Menschen“ anzieht, der, wie Sie wol wissen, zur Garderobe meiner guten Mutter gehört … Die Arme! … Ihr Eifer, ihre Bemühung rühren mich … Ich will alles thun, was Mama auf ihre alten Tage Beruhigung gewährt …

Benno breitete die Papiere aus und horchte den Worten, die nicht herzlos klangen, horchte um Terschka’s willen, dem das Zugeständniß der Verschwiegenheit und einer wirklich geübten Discretion machen zu müssen, ihn fast schmerzte …

Meine Religion ist in diesem Land sehr schwer gestellt, fuhr der Graf, in den Papieren blätternd, fort … Ich fürchte, Gräfin Paula wird darin am meisten Anstoß bei mir nehmen … Zumal bei ihrer übergeistigten Richtung … Ich hoffe, Ihre Papiere enthalten nichts von einer Bedingung, mir erst durch eine Conversion die Gemeinschaft auch des Himmels mit ihr sichern zu sollen? …

Benno bestätigte diese Voraussetzung und berichtete, daß die Vorbehalte lediglich auf Besitzfragen gingen …

Der Graf erklärte, alles das, was er da fände, schon mit wiener Advocaten besprochen zu haben und sagte, die Papiere zurücklegend:

Am liebsten fänd’ ich in diesen Papieren ein Bild 196 der Gräfin … Wie ist es jetzt mit ihrer Krankheit? … Meine Mutter schreibt nichts darüber … Wahrlich, ich gestehe, ich würde verzweifeln, wenn sich alle diese Dinge hier so fortsetzten, wie in Westerhof …

Man sagt, die Ehe hebt einen solchen Zustand … entgegnete Benno …

Graf Hugo erhob sich, sah zum Fenster hinaus und sprach mit einer Schüchternheit, die Benno an einem Mann, der die Gesetze des Lebens so leicht zu nehmen schien, kaum erwartet hatte:

Die Ehe! Eine Ehe, wie sie eben in unsern Standesverhältnissen so oft geschlossen wird –! Und ich soll dann nach Westerhof kommen … Ich bin es kaum im Stande – … So – fürcht’ ich mich …

Benno ehrte diese Ausbrüche des ringenden Ehrgeizes durch Schweigen …

Ich weiß es sehr wohl, fuhr der Graf fort, wir Männer bringen mit unserm Herzen viel zu Stande … Wir können aus unserer Liebe nicht das nur einmal vorhandene Kleinod machen, das eben die Frauen darin sehen wollen …

Nach diesen mit einem leichten Seufzer und einem schärfern Fixiren Benno’s begleiteten Worten verlor sich der Blick des Grafen wie innenwärts … Er stand am Fenster, strich sich sein Haar, ergriff mechanisch von der Console ein kleines Fernrohr, wie Offiziere beim Felddienst führen, und sah weithin in die Ebene … Es waren Bewegungen, die der Zerstreuung angehörten …

Benno lenkte zu den Papieren zurück, die er in der Hand behalten hatte …

197 Plötzlich blickte der Graf starr durch sein Perspectiv, das er zu verlängern anfing …

Einzelheiten dessen, was den Grafen beim Sehen in die Ferne zu interessiren schien, konnte Benno bei der ohne Zweifel großen Entfernung nicht unterscheiden, aber die Gruppen der Reitenden waren es gewiß …

Der Graf erblaßte, reichte Benno das Glas und sagte:

Was sehen Sie, Baron? …

Benno sah zwei Reiterinnen, Angiolina und Olympia, im Wettlauf … Die Offiziere schienen beide umringt zu haben … Nach der selbst bei der großen Entfernung ersichtlichen Schnelle mußte es wie im Sturm dahingehen …

Wer sind denn diese Unverschämten! rief der Graf mit ausbrechendem Zorn, sah sich nach dem Klingelzug um, nahm schnell wieder das Glas zurück und starrte hinaus …

Sie umringen sie ja mit Gewalt! sprach er mit erstickter Stimme … Sie will von ihnen los …

Benno nannte den Namen der Italienerin …

Offiziere der italienischen Garde! … setzte der Graf hinzu … Graf Zerbelloni scheint’s … Marchese Melzi …

Zornfunkelnd sprühte des Grafen Auge … Er sah sich um, wie nach Waffen …

Dann bekämpfte er sich und trat vom Fenster zurück … Der Wald unten verbirgt sie … sagte er …

Benno ergriff noch einmal das Glas … Man sah nichts mehr …

198 Ich kann mich auch geirrt haben … sprach jetzt der Graf erschöpft und glaubte den Beruhigungen, die Benno gab …

Nach einer Weile, in der Benno die wildesten Kämpfe des eigenen Herzens zu bestehen hatte, brach der Graf, anfangs mit nur leiser, allmälig aber lauter, weicher und wohlklingender Stimme, in die Worte aus:

O mein bester Herr von Asselyn! … Was ist das doch für ein Menschenleben! … Terschka’s Maxime, wenn der arme Teufel sich zuweilen so ängstlich umsah – ich habe für Terschka Mitleid – war die: Wir können zu jeder Stunde annehmen, daß alles, was wir unser tiefstes Geheimniß glauben, jedermann bekannt ist … Lieben Sie à la Egmont ein Mädchen in der Vorstadt und glauben noch so unbemerkt zu sein, wenn Sie zu ihr gehen – man hat Sie doch gesehen … So will ich auch gar keinen Anstand nehmen Ihnen zu bestätigen, was Sie ohne Zweifel selbst schon beobachteten, daß ich soeben die furchtbarste Scene meines Lebens durchgemacht habe! … Ayez pitié de moi Vous en dévinez la cause

Damit sank Graf Hugo auf sein dunkles Kanapee nieder, legte einen Fuß auf die Polsterung und bot ein Bild der tiefsten Erschöpfung … Er schwieg … Die lange Verstellung rächte sich … Seine Kraft war dahin …

Ganz leise flüsterte er allmälig, wie um Benno – zu zerstreuen:

Das da ist mein Vater! … Als ich seinen Tod erfuhr, war ich noch ein Knabe …

Benno bat, sich nicht aufzuregen und sich um ihn 199 keinen Zwang anzuthun . … Er schlug vor, daß er sich allein in den Park begeben oder anspannen lassen wollte …

Nein, nein! sagte der Graf … Nur das Geheimthun erschöpft … Nun geht es schon …

Benno sah den ganzen Ausbruch der Liebe zu einem Wesen, das so wunderbar mit seinem eigenen Dasein verbunden war … Ihm verhängte das Schicksal nichts Geringeres als dem Leidenden, der sich wenigstens aussprechen durfte …

Ich versichere Sie, fuhr der Graf fort, ich habe den heiligsten Willen, fest und standhaft zu bleiben … Ich sagte soeben: Die Stunde ist gekommen, die über mein Leben entscheidet! Ich gewinne die Hand einer Heiligen und kenne das Opfer, das mir und dem gemeinschaftlichen Namen gebracht wird – Wir müssen uns trennen … Ich habe dich als halbes Zigeunerkind einst in Zara gefunden … In Zara, wo ich die Pfeifen da kaufte und die Waffen an der Grenze erbeutete von Bosniern … Ja, Baron, in Zara sah ich das kleine Mädchen hoch zu Rosse stehen … Es war allerliebst … Wenn das Kind durch die bunten Reifen, mit und ohne Sattel, gesprungen war und nur Ein Sprung war misglückt, so schüttelte sie den Kopf zu allen Beifallszeichen und rief: Niente! Niente! … Es war eine italienische Truppe …

Benno wandte sein Auge ab, das sich mit Thränen füllte …

Die Unterhaltung in Zara, fuhr der Graf fort, dauerte vierzehn Tage … Die Gesellschaft wollte ab-200reisen und wir Offiziere hatten an dem Kind eine solche Freude, daß ich meinen Kameraden den Vorschlag machte: Kaufen wir’s dem Führer ab! Wir wollen’s erziehen lassen! … Die Kameraden wollten nicht … Da that ich’s für mich allein … Die Gesellschaft war klein; der Director machte schlechte Geschäfte … Er ließ mir Angiolinen für zweihundertfunfzig Gulden …

Oeffnet euch, ihr blauen Vorhänge des Himmels, daß ich meine Hände ausbreite zur Anklage eines Vaters, dessen Unthaten solche Opfer forderten! … So rief es in Benno’s Innern …

Er konnte nur leise fragen:

Wem gehörte das Kind? …

Es war wild aufgewachsen, erzählte der Graf … Der Director wird’s gestohlen haben, wie diese Leute wol thun … Später haben wir nachgeforscht und kamen bis ins Reich hinaus … Eine italienische Familie, die am kasseler Hof bei der Oper mit der Feuerwerkerei beauftragt war, hatte das Kind bei sich … War’s ein Kind dieser Italiener, ich weiß es nicht … Der Krieg hetzte damals alles durcheinander … Angiolina war elf Jahre, als ich sie mitnahm und noch einmal taufen ließ … Ich gab sie einem gewissen Pötzl in Wien zur Erziehung … Nicht wegen seiner – sondern wegen der Frau, die eine gute Haut war … Da ist das Mädchen erzogen worden … Es war eine Pracht, wie sie heranwuchs, sich bildete und keinen gewöhnlichen Geist besaß … Ich ließ ihr die Sprachen und etwas Musik beibringen … Das alles hab’ ich im reinsten Sinn gethan …

201 Benno schwieg, von innigstem Herzen zustimmend …

Nachdem, fuhr der Graf sich selbst die Brust erleichternd fort, kam Terschka in meine Nähe … Ich kann nicht sagen, ist’s Zufall, weil das Mädchen damals die liebreizendste Erscheinung wurde, oder eine Folge der Eifersucht, weil Terschka ein Auge auf sie warf –

Der Jesuit! – warf Benno ein …

En vacances! lächelte der Graf … Aber sagen Sie das hier ja zu Niemand anders, als zu mir! Die hiesige Gesellschaft erklärt ihn für einen Abenteurer und Betrüger … Verlassen Sie sich, die Jesuiten hatten ihn abgeschickt, mich katholisch zu machen … Und er fing’s sehr richtig an … Wär’ ich ihm in allem gefolgt, so säß’ ich jetzt bei achtunddreißig Jahren mit beständigem Frieren und versucht’ es vielleicht, ob mich nicht ein Ordenshabit erwärmte … Eine Frage im Vertrauen, Herr von Asselyn! … Ich hab’ gehört, Ihr Herr Oberprocurator Nück litte – – an einem curiosen Spleen – an der Hängemanie … Ist das wahr? …

Man sagt es … bestätigte Benno …

Ich kannte einen dalmatinischen Schiffskapitän, der mich versicherte, das Hängen wäre der schönste Tod, man wüßte das ganz genau in der Türkei, wo die grüne Schnur zu Hause ist … Und gerade ebenso wußte Terschka den allmäligen Untergang an Leib und Seele zu einem Genuß und einem Genuß ohne Gewissensbisse zu machen … Daß er sich selbst dabei so erhalten hat, machte sein Mangel an Reue … Nichts ruinirt mehr als die Reue, sagte er … Terschka’s Satz war: Betrachte 202 jeden Menschen wie ein Glas, an dem man mit einem Instrument den Ton sucht, in dem es wiederklingt! Den Ton forcire dann – bis es bricht! … So wußte er von Jedem seine innerste Natur zu entdecken, nach der setzte er sich mit ihm und kam auf die Art mit allen aus … Bei mir stützte er sich auf Bagatellen – auf die Pferde … In seiner Jugend muß er ein Kunstreiter gewesen sein … Kurz, erst als Terschka sagte: Um Ihrer Frau Mutter willen müssen Sie anfangen, nicht so oft zu den Pötzls zu gehen – ging ich alle Tage hin … Das Ende war, daß ich, als die Pflegemutter starb, Angiolinen vom Alten wegnahm, erst ihr Bruder und dann ihr Geliebter wurde … Das ist manches Jahr her und ich kann wol sagen: Diese Liebe hat mich vom Untergang gerettet! Angiolina wurde mein Schutzgeist … Nicht etwa durch Moral, die hier nicht am Platze ist … Im Gegentheil, sie konnte trotzen, ausschlagen, lügen, sich rächen, wie nur einer, der gereizt wird … Doch es gab nur einen Menschen in der Welt, um den sie das alles that … Der trug einen Helm mit Federn, einen blanken Harnisch, wenn er im Dienst war, und außer Dienst und auf Urlaub, wie jetzt, war er ein Kind, das einen ganzen Tag damit zubringen konnte, für sie Pappkästchen zu machen …

Benno warf in das Leben Blicke, wie er sie noch nicht gethan …

Er wagte, sich auf des Grafen Standpunkt zu stellen und sagte:

Angiolina wird Ihnen – nach der Heirath – unverloren bleiben …

203 Nein! entgegnete der Graf … Ich habe die Absicht, wenn Comtesse Paula meine Gattin wird, sie in Wahrheit zu verdienen … Glauben Sie mir, das Geschick meines Hauses, meines Namens, diese letzte Täuschung durch die Urkunde, die ich ohne einen furchtbaren Lärm für die Welt nicht abschütteln kann, erschüttern mich … Ich war glücklich mit Angiolina, aber ich gefiel mir nicht in diesem Glück … Sie war ein Weib mit allen Schönheiten und allen Untugenden ihres Geschlechts … Großmüthig und rachsüchtig, offen und falsch, alles in Einem Herzen … Zu ertragen war es nur von dem, der für sie die Welt war und – Zeit dazu hatte … Es mußte aufhören …

Benno gedachte bei Schilderung seiner Schwester der gemeinsamen Vaternatur …

Diese Erfahrung mit Terschka, fuhr der Graf fort, hat mich aufgerüttelt … Ich werde kein Kopfhänger werden und zu sprechen anfangen wie meine Mutter spricht … Aber ich denke so: Hab’ ich die Mittel, die mich aus meiner traurigen, schon vom Vater geerbten Finanzlage befreien, so nehm’ ich meinen Abschied … Ich werde bauen, pflanzen, für die Erhaltung meines fortblühenden Stammes sorgen … Noch mehr, ich liebe Paula … Sie lächeln? … In der That, ich blicke voll Andacht zu ihr hinüber … Ich bin eiferfüchtig – auf das Kloster, das sie wählen wollte, Herr von Asselyn …

Benno stutzte über die Betonung seines Namens. Sie war so scharf, daß sie fast Bonaventura zu gelten schien …

Ich sagte Angiolina: Du erhältst deinen Lebens-204unterhalt, wie es meinem Adoptivkinde gebührt! Du ziehst zu deiner einzigen Freundin, die dir noch geblieben ist – einer gewissen Therese Kuchelmeister … Diese will zur Bühne gehen; sie wird reisen … Störe meinen Entschluß nicht, der unwiderruflich ist … Von der Stunde an, wo ich einen Boten erwarte, dessen Vorlagen ich unterschreiben muß, räumst du drüben den Pavillon … Ich sagte ihr das täglich, wiederholte es seit drei Tagen stündlich … Ich bat sie um Hülfe gegen mich selbst, bat sie um ihren Haß, ihre Verachtung – Sie warf sich vor mir nieder und umschlang meine Kniee … Tödte mich! rief sie noch im letzten Augenblick vor einer Stunde … Erschieße mich! … Sie reichte mir eine Pistole, die sie heimlich geladen hatte und bei sich trug … Ich entriß sie ihr … Da rollte Ihr Wagen an und es war aus … Ich kann es selbst in der Schilderung nicht zum zweiten mal erleben …

Benno hatte sich dem in den Sopha zurückgesunkenen, die Augen mit der Hand bedeckenden Grafen genähert … Er hatte seine Hand, ob sie gleich selbst zitterte, auf die Schulter des kraftlos Zusammengebrochenen gelegt …

So stand er eine Weile voll stummberedsamen Antheils und rang mit den stürmenden Geistern, die aus ihm selbst hervorzubrechen drohten … Zu Hülfe kam seiner Selbstbeherrschung ein Klopfen des Kammerdieners und die Meldung, daß angerichtet wäre …

Ein Frühstück … auch das muß sein … sagte der Graf und erhob sich …

205 Benno blickte auf die geöffnete Thür ablehnend …

Nein, nein! … Kommen Sie –! sagte der Graf und führte Benno …

Der Kammerdiener hielt sich in ehrerbietiger Ferne und schien den Grafen, der ein Gemisch von Gutmüthigkeit und Phlegma bot, nicht im mindesten zu stören, denn im Gehen fuhr dieser fort:

Sie ist auf ihrem Pferde, das sie behalten will, nach Wien …

Franz hat sie doch wol, wandte er sich zum Kammerdiener, zur rechten Zeit eingeholt? …

Am Meilenstein schnitt er ihr den Weg ab! sagte der Diener …

Franz war der Reitknecht von vorhin …

Obgleich Benno voranging, bemerkte er doch, daß der Kammerdiener hinter ihnen her den Strohhut ergriff und ihn auf dem Rücken haltend mit sich nahm, jedenfalls um aus dem Zimmer seines Herrn alle Erinnerungen an die abgeschlossene Vergangenheit zu entfernen …

Graf Hugo war in dem Grade der Selbstbeherrschung fähig, daß er trotz seiner Erregung im Gehen an einen zweiten Diener, der sie in einem zwei Zimmer weiter gelegenen kleinen Eßsaal empfing, die Frage richtete:

Was ist das für eine Livree da draußen? …

Diese Frage war mit einem Blick auf den Garten verbunden …

Erst jetzt bemerkte Benno, daß ein Wagen mit vier Pferden langsam durch den Park fuhr, mit zwei seltsam 206 costümirten Bedienten auf dem Tritt und einem phantastisch gekleideten Mohren neben dem Kutscher …

Eine fremde Herrschaft aus Italien ist es! sagte der Diener … Eine Dame sitzt im Wagen … Sie gehört zu den Reitern, die noch nicht lange vorbeikamen … Ein junger Herr ist bei ihr, der ein schwarzes Pflaster an der Stirn trägt …

Principe Rucca – und – unsre Mutter! … sagte sich Benno und suchte sich zu halten …

Zum Tod erblaßt ergriff er den Sessel und ließ sich dem Grafen gegenüber nieder …

Der Wagen war verschwunden … Nur das Knirschen seiner Räder hörte man noch im feuchten Kiese …

Ist Ihnen nicht wohl? fragte der Graf, jetzt erst bemerkend, daß sein Gast kaum die Serviette zu ergreifen vermochte …

Es ist vorüber … hauchte Benno mit äußerster Anstrengung sich bekämpfend …

Mein Gott! Sie haben so lange gefastet! entgegnete der Graf und rieth erst zu einem Glase Wein …

Benno lehnte alles ab … Er ergriff den Löffel zur Suppe …

In Gegenwart der Diener ließ sich das begonnene Gespräch zwar nicht ganz wie vorhin fortsetzen, aber es blieb ernst … Man sprach über Wien, Oesterreich, über diejenigen Eindrücke, die jedem Fremden zuerst aufstoßen müßten …

Der Graf schilderte die Lage der österreichischen Aristokratie als eben nicht beneidenswerth …

Wir leben, sagte er, nach den Ansprüchen, die unser 207 Stand und die Gesellschaft mit sich bringen; daher in einer fortwährenden Steigerung unserer Bedürfnisse. Unser Besitzthum verringert sich indeß an Werth … Ich kann Ihnen die ersten Herrschaftsbesitzer nennen, denen ein einziges Reh in der Verwaltung ihrer Wälder durchschnittlich fünfhundert Gulden kostet und die von leidlicher Ordnung sprechen, wenn es um zehn Gulden an den Wildprethändler verkauft in der Rechnung steht … Das ist die Incongruenz aller unsrer Lebensbeziehungen – …

Durch Castellungo gehörte auch der Graf Sardinien an … Er forderte Benno auf, den Besuch Castellungo’s nicht zu versäumen … Die dabei unvermeidlichen Uebergänge des Gesprächs auf bezügliche Namen und schwebende Interessen, auch auf die Cardinäle Fefelotti und Ceccone, brachten das Gespräch auf Bonaventura … Der Graf blickte nieder und ließ sich erzählen …

Man erwartet ihn ja wol auch hier? … fragte er mit einem Ton, der Benno auffallen durfte …

Gegen Ende des einem Diner vollkommen entsprechenden Mahles bemerkte man das längere Ausbleiben der Diener und eine lebhafte Bewegung in den Zimmern …

Im schnellsten Trabe wurde ein Reiter vom Garten her vernehmbar …

Die Diener blieben zuweilen beim Serviren wie angewurzelt an einer Stelle stehen, warfen sich bedeutsame Blicke zu und schienen sprechen zu wollen …

Wieder hörte man Hufschläge … Alles ringsumher bekam einen Ausdruck von Unruhe und Störung der 208 bisherigen Ordnung, ohne daß man Ausrufe oder auch nur laute Stimmen hörte …

Der Graf fragte endlich die am Büffet flüsternden Diener fast unwillig:

Was gibt es denn? …

Da die Diener nicht antworteten, wiederholte er seine Frage und legte schon erblassend die Serviette nieder … Er schien einer üblen Botschaft gewärtig …

Franz ist zurück … sagte der ältere Diener zögernd …

Der jüngere fügte zagend hinzu:

Es hat – ein Unglück gegeben …

Der Graf erhob sich … Seine Augen zuckten …

Daß es Angiolina war, die ein Unglück getroffen, verstand sich von selbst …

Die Diener sahen zum Fenster hinüber …

Was ist denn?! … Ein Sturz vom Pferde?! … rief der Graf oder wollte dies rufen … Die kurze Frage kam nur noch halb von seinen Lippen …

Benno war in gleichem Entsetzen aufgesprungen …

Die Diener trugen dem Grafen einen Sessel nach; er hatte zur Thür gehen wollen und war zusammengebrochen …

Verwundet doch – nur –? rief Benno, zu seinem Herzen greifend, als bräche es auch ihm im Krampf …

Die Diener stockten und erklärten gleichzeitig und mit demselben Ton:

Lebensgefährlich! …

Sie ist todt – hauchte der Graf … Ich weiß es! 209 setzte seine zitternde Stimme hinzu … Seine Hände richteten sich wie die eines Irren gen Himmel …

Die Diener bestritten diese schnelle Annahme … Sie wäre sofort in ihren Pavillon getragen worden – sagten sie … Ein Arzt wäre aus dem nächsten Ort gerufen … Die fremden Herrschaften, die vorüberritten, wollten nach einem Stadtarzt schicken …

Sie sind schuld an ihrem Tod! schrie der Graf und eine zuckende Bewegung ergriff seine Hände und Füße … Franz! rief er … Warum folgte ihr Franz nicht schon von hier? …

Seine zornige Rede erstickte im Schmerz … Es war nichts mehr zu ändern … Seine Anklagen verhallten in den beiden Händen, die er vor die weinenden Augen hielt …

Benno glich dem von Schlangen umringelten Laokoon, der Hülfe rufen will für sich selbst und den eignen Tod nicht achtet in der Angst um seine Lieben …

Sie ritt bergab mit verhängtem Zügel! berichtete der Diener … Allmälig ging das Pferd langsamer … Sie schien es nicht zu achten … Da stand es ganz still … So saß sie im Sattel wie abwesend … Indeß war Franz unten an der Landstraße und wartete am Ausgang des Parks beim Meilenstein … Da kommen die Fremden im vollen Trab herunter … Des Fräuleins Pferd scheut … Sie verliert die Balance, verliert den Steigbügel … Die Reiter, selbst im Niederschießen, können nicht innehalten … Des Fräuleins Pferd bäumt sich, geht durch und gleich querfeldein … Das Fräulein rafft sich auf, kniet mit 210 dem rechten Fuß auf dem Sattel, erhebt sich, steht eine Weile hoch in der Luft und stürzt dann kopfüber … Die Reiter waren oben auf der Landstraße … Franz mußte ins Feld hineinreiten, sprang herunter, ließ sein Pferd laufen, fand das Fräulein blutend am Boden und schon bewußtlos … Die Offiziere, Italiener, kamen näher, nahmen sie dann auf, legten sie querüber auf ein Pferd und führten sie langsam, indem einer der Herren ging, zum Casino …

Graf Hugo war inzwischen schon umgekleidet …

Er hatte sich in einen weißen Mantel geworfen, den die Diener hinten zuschnürten … Seine Hand hatte keine Kraft mehr …

Im Nebenzimmer hatte er die Fußbekleidung gewechselt …

Eine militärische Interimsmütze lag auf dem Kopf lose und haltlos … Die Hand der Diener mußte sie erst auf den braunen Scheitel festdrücken …

Schluchzend stützte er sich auf Benno – auf einen Beistand, der selbst den Tod im Herzen trug … Die Schwester gefunden – so! – und die Mutter arglos in der Nähe –! … Er konnte keinen Gedanken mehr, sich selbst nicht festhalten … Der Graf führte – ihn

Den Einspänner Benno’s und ein eigenes Gefährt, das schon im Hof gerüstet stand, lehnte der Graf ab …

Ich fürchte mich vor Pferden … sagte er heiser, mit erstickter Stimme … Und – wir – kommen – setzte er bitter lächelnd hinzu – zu – einer Todten – auch zeitig genug …

211 Damit lenkte er, wie ein zum Tod Verwundeter, vom Vestibüle des Eingangs den schwankenden Schritt zum Garten hin …

Hier öffnete sich links eine lange Allee von schon kahlen, wie zu einer unabsehbaren Laube zusammengewachsenen Platanen …

Durch ein Meer von raschelndem Herbstlaub schritten beide wie geisterhafte Schatten dahin.

212 8.#

Links ragte eine sonnenbeschienene, mit Flechten, Moos und Epheu besetzte Bergwand … Rechts lagen die Abdachungen des Gartens und Parks in die herrliche Ebene, ein Bild des Lebens, hinaus …

Die Stämme der Platanenallee so weiß, so hellgrünlich schimmernd …

Das gelbe Laub weithin leuchtend … Unter den todten Zacken und gekappten Verästelungen der kunstvoll gezogenen Platanen …

Die Sonne mittagshell … Der Abschied der Natur so froh, so glückverheißend … Wiedersehn im Frühling! rief alles …

Aber aus den fernen Büschen sah man schon den Priester des nächsten Orts im Ornat daher eilen – mit den Sterbesakramenten …

Der Graf blieb stehen …

Die nachfolgenden Diener sprangen hinzu …

Er deutete nur stumm auf die eilende Procession …

Benno starrte … Sein Blick irrte … Er suchte den vierspännigen Wagen …

213 Die Wanderung im raschelnden Laube dauerte eine halbe Stunde … Sie glich dem Wandeln in einem Leichenconduct …

Benno konnte nichts reden. Nicht ein Wort, nicht eine Miene des Grafen verrieth, daß Terschka seinem Freund die Scene vom Schloß Neuhof, die Verhandlungen zwischen drei Priestern und dem Präsidenten verrathen hatte … Er kämpfte mit sich, ob er es jetzt nicht selbst thun, sich Angiolinens Bruder nennen sollte … Die Last wurde zu schwer …

Am Ende der Felswand, die sich zuletzt sanft abdachte, lag das Casino …

Es war ein düsteres Gebäude … Obgleich mit den schönsten Aussichten auf die Donau und zur Linken und rückwärts bis zu den steierischen Alpen versehen, war es doch ein für ein junges lebensfrohes Gemüth beängstigender Aufenthaltsort …

Aus der Ferne gesehen mochte das Haus einen poetischen Anblick gewähren … Es glich einem alten Maison-de-Logis aus der Rococozeit … Rings war es von einer Allee von Riesentannen, mit Zweigen, die sich voll und schwer am Boden hinschleppten, umgeben …

In der Nähe sahen die Bäume wie die Umgebung eines Mausoleums aus …

Die untern Räume waren nur ein einziger großer Speisesaal mit Nebencabineten … Ein Hinterhäuschen gehörte dem dienenden Personal und mochte die Küche bergen … Auch dies war ganz in Tannen versteckt … Im hohen Sommer mochte man hier Kühle und Schatten haben; jetzt war der Anblick nur in den kleinen 214 runden Entresolfenstern der obern Etage wohnlich … Unten schroff abwärts zog sich die Landstraße … Auf einer Treppe von verwittertem, moosbewachsenen Erlenholz konnte man von da zum Casino hinaufsteigen …

Die volkreiche Gegend mußte dem entsetzlichen Unglück schon eine Menge Zuschauer gebracht haben … Eine Menschenmasse belagerte unten das Portal zur Treppe, das man schon geschlossen hatte … Viele andere waren schon vorher eingedrungen und standen im Hause … Andere liefen noch herbei durch den Park …

Der Priester war bereits bei der Todten oder Sterbenden … Weihrauchduft strömte den Eintretenden entgegen …

Dem Grafen, der an Fassung gewonnen hatte, wich man aus …

Daß sie zu einer Todten kamen, lag vorausverkündigt auf aller Mienen …

Einige zum Dienst des Hauses gehörende Frauen wehklagten und schrieen laut … Noch lauter beim Erscheinen des Grafen …

Scheinbar ruhiger geworden blickte der Graf, der hier ein öffentliches Gericht für sich selbst zu bestehen hatte … Er betrat zwei aus dem Hof ins Haus führende Stufen, durchschritt eine kleine Rotunde und ging in einen die ganze Länge des Casinos einnehmenden Saal, dessen theilweis herabgelassene Jalousieen dem Raum eine Düsterheit gaben, die zu dem schmerzlichen Anblick gehörte …

Der Geistliche sprach schon seine Segnungen …

215 Der Arzt, den man an der Sonde erkannte, die er noch in der Hand hielt, öffnete eine Decke …

Auf einem langen runden Tisch lag auf Matratzen und Betten eine ausgestreckte, halb entkleidete jugendliche Gestalt … Gestreckt und schlaff lagen die Arme und Füße … Der edelgeformte Kopf war wachsfarben … An den Schläfen quoll noch Blut aus der tödlichen Wunde … Das lange schwarze Haar war aufgelöst; ein Theil lag abgeschnitten daneben … Der Sturz hatte die Hirnschale zerschmettert und eine Blutergießung verursacht … Schon trug das mit den regelmäßigsten Formen gezeichnete Antlitz jenen Ausdruck der Ergebung, den der Tod verleiht, jene ernste Strenge, die so hoheitsvoll mit jedem Abgeschiedenen versöhnt, selbst mit dem Verbrecher … Brust, Hand, die Symmetrie aller Formen war wie von Künstlerhand … Die Stirn nur klein, aber sanft und eben … Die beiden schwarzen Augenbrauen über den schwarzen Wimpern zeichneten sich wie zwei ernste Fragezeichen … Sie waren nicht rund, eher wellenförmig gezeichnet wie bei allen leidenschaftlichen Naturen … Benno wagte noch nicht dauernd hinzusehen … Er fürchtete sich, sich selbst wiederzufinden – und die Züge des Kronsyndikus …

Während der Graf über die Leiche stürzte, lange nur schluchzend so ausgestreckt lag, dann auffuhr und rief: Ich kann diese Glieder nicht kalt fühlen! – betrachtete Benno allmälig sein Ebenbild mit dem tiefsten Grauen …

Er glaubte, jeder müßte ihm zuflüstern: Das sind ja Ihre Züge … Besonders der Wuchs und die 216 mehr runden, als ovalen Formen des Kopfes waren dieselben wie bei ihm …

Die linke Hand der Todten ergriff er und bebte zurück vor der Kälte, Erschlaffung und Feuchte der Haut … An den wellenförmigen Augenbrauen erkannte er den Vater, den er im Winter bestatten half …

Der Priester hatte geendet und sprach einige Worte, die nicht dem Formular angehörten, Worte ohne Strenge …

Der Arzt vereitelte jede Hoffnung … Das Halten eines Federflaums oberhalb der Lippen zeigte nicht die leiseste Bewegung …

Der Graf bat mit leidender Stimme, ihn allein zu lassen …

Auch Benno möchte eine Weile gehen … Aber nur eine Weile, sagte er … Er müsse noch mit ihm – jetzt aber mit der Todten allein reden …

Es war ein schauerliches Verlangen … Alle baten den Tiefgebeugten um Schonung seiner selbst …

Da der Graf die Bitte wiederholte, ging man …

Benno schwankte, ob er nicht bleiben sollte … Der Strom der Uebrigen drängte ihn mit fort …

Die Diener sorgten, daß sich alle Neugierigen und auch die wirklich Theilnehmenden nach und nach entfernten … Man ließ niemand mehr ins Haus …

Man brachte es auch dahin, daß sich allmälig die Menschen über die kleine Treppe oder in den Parkwegen entfernten …

217 Benno stand unter den dunklen Tannen und suchte in dem vor ihm ausgebreiteten Panorama den vierspännigen Wagen …

Er gedachte der Mondnacht auf Altenkirchen, wo die Mutter ihre Scheinehe schloß, dieser Nacht – auch unter solchen Tannen, die den Anfang all dieser schmerzlichen Geheimnisse gab … Der Drang, sich zu offenbaren, war mächtig in ihm; aber, er fühlte auf die Länge, er mußte schweigen … Er hätte in die weiteste Ferne entfliehen mögen … Er zuckte auf bei jedem Geräusch … Er glaubte den Wagen hören zu müssen, in dem die Schicksalsmächte die Mutter heranzögen … Er sah Dämonen mit Fackeln die Rosse führen … Die Rosse Feuer blasen aus ihren Nüstern … Der Boden unter ihm wankte …

Der Arzt und der Geistliche schlossen sich ihm an … Er hätte auch sie fliehen mögen, wie alle … Er mußte mit ihnen eine Weile unter den düstern Tannen auf und nieder gehen …

Das ägyptische Todtengericht fehlte nicht … Man ließ der Unglücklichen manche gute Eigenschaft … Dennoch nannte man sie eine Verirrung des Grafen und verhieß für die Zukunft, wenn Angiolina am Leben geblieben wäre, keinen Bestand seiner ehelichen Treue … Das hieß soviel, als: Sie ist zum Glück gestorben! …

Benno war zu gebrochen, um dem festen Willen, der eben erst aus des Grafen Entschließungen gesprochen hatte, ein besseres Zeugniß zu geben …

Es war ihm auch, als nähme er damit einen letzten Schmuck vom Grabe seiner Schwester … Er ließ ihr 218 den Schein der Gefahr für den Grafen … Ein Gedicht mußte so in seiner Art würdiger verhallen …

Die Begleiter kehrten zu neuen Ankömmlingen zurück …

Zwei Aerzte kamen aus der Stadt …

Noch waren sie von den italienischen Offizieren begleitet, die theilweise ihre Pferde den Dienern gelassen und jetzt einen Wagen genommen hatten …

Olympia fehlte …

Daß sich wieder der vierspännige Wagen würde sehen lassen, wurde für Benno immer gewisser … Der Wagen hatte die Reiter verfehlt, hatte noch vielleicht eine weitere Ausfahrt gemacht und war mit dem Ereigniß noch nicht zusammengetroffen … Benno’s Fassung mußte sich auf das Alleräußerste rüsten …

Er dachte sich: Wenn jetzt die Mutter käme! … Dann immer noch schweigen? … Seine Nerven zuckten, seine Lippen fieberten, seine Augen verdunkelten sich bei diesem Gedanken … Er riß seinen Oberrock auf … Er fürchtete zu ersticken …

Die Offiziere näherten sich ihm und erzählten den Vorfall so, daß der Graf seine Gereiztheit gegen sie zurücknehmen mußte … Auch waren sie schon an der Leiche bei ihm gewesen …

Benno hörte nur … Der Traum eines Fieberkranken währte fort … Eben kam wirklich der vierspännige Wagen langsam die Landstraße daher … Die Menschen, die bei Benno bald stehen blieben, bald vorübergingen, nannten den Namen der Herzogin von Amarillas …

Die Offiziere gingen der Herzogin theils entgegen und theils ins Casino wieder zum Grafen …

219 Benno blieb hinter einer der großen Nadellaubpyramiden … Er stand, als müßte er sich vor dem ganzen Leben verbergen …

Eine hohe stattliche Dame in den südlichen, für unsern Geschmack nicht üblichen Farbenzusammenstellungen, mit grünem Atlaskleide, einem rothen Sammethut mit Maraboutfedern, stieg die Erlenholztreppe hinauf, vermied das Casino, kam zu der Tannenallee und ging an Benno vorüber …

Neben ihr hüpfte in trippelnder Unruhe Principe Rucca, noch immer mit dem schwarzen Streifen an der Stirn …

Noch zwei Herren und ein Diener folgten …

Der kleine Principe sah sich ängstlich um …

Er wollte offenbar nur ungern bleiben … Der Tod war hier so nahe …

Da erkannte er Benno hinter den Tannen, begrüßte ihn mit der ganzen Ueberraschung, die in der Situation lag, nannte ihn den Salvatore della sua vita und stellte ihn der Herzogin von Amarillas vor …

Den Sohn – der Mutter …

. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

Die „Stimme des Blutes“ ist eine Täuschung …

Wo der Geist nicht die Empfindungen regelt, können diese durch sich selbst nichts erkennen …

Die Empfindungen der Liebe, der Freundschaft durchströmen uns mit wonnigen Schauern; aber erst die Seele ist es, der Wille, der Gedanke, der den Empfindungen Ausdruck und Klarheit geben muß …

Die Herzogin von Amarillas, auf Benno aus einem bleichen Antlitz voll kalter Würde einen scharfen prüfen-220den Blick entsendend, wußte, daß dieser junge Mann der Gräfin Olympia, ihrer Pflegbefohlenen, zweimal begegnet war und daß heute in der Frühe, nach Abgabe der der Gräfin von den Dienern des Principe mitgetheilten Visitenkarte, die Adresse Benno’s sofort von allen Lohnbedienten des Hotels hatte aufgesucht werden müssen … Schon die Diener kannten das Interesse, das die junge Gräfin an dem „Lebensretter“ des Fürsten nahm … Nach einer Stunde wußte Olympia Maldachini Benno’s Wohnung und seine Ausfahrt nach dem Schlosse Salem … Die Herzogin sah in ihrem Zögling eine Leidenschaft entstanden von jener Consequenz, die ein wildes Naturkind sonst nur im Haß und Eigensinn besaß … Olympia wollte ins Gebirg reiten und das Schloß Salem sehen … Ein Widerspruch war nicht möglich … Olympia beantragte diese anstrengende, weit über ihre Kräfte gehende Partie, die Herzogin versprach nachzukommen in Begleitung des Principe … Olympia ritt mit den Freunden ihres Verlobten, erlebte – veranlaßte vielleicht das Unglück und war zur Stadt zurück …

Der Name „von Asselyn“ auf der abgegebenen Karte hätte sich der Sängerin Fulvia Maldachini vom Dechanten her befestigt haben sollen …

Ihr klang in der Erinnerung ein deutscher Name wie der andere …

Sie war Olympia mismuthig nachgefahren, verlor ihre Spur, ließ dem Gebirge zu weiter fahren, kehrte zurück und hörte von dem vorgefallenen Unglück … Dem Principe war es peinlich, ein Haus des Todes zu 221 besuchen … Er kam nur herauf, um die italienischen Offiziere zu begrüßen … Nachdem diese ihr Beileid bezeigt hatten, wollten auch sie mit ihm und der Herzogin zur Stadt zurück … Einige Offiziere hatten noch ihre Pferde … Für die Aerzte, für den Principe, für die Herzogin und die Unberittenen gab es jetzt zwei Wagen …

Principe Rucca war für Benno die Zuvorkommenheit selbst … Er konnte die Gefahr vor dem Elefanten nicht lebensgefährlich genug darstellen … Er erzählte auch jetzt noch jedem, daß ihn ein Elefant gestern hätte zum Frühstück verspeisen wollen … Benno antwortete und ließ das Erzählte gelten und wich ruhig aus … Der Principe mußte von seiner Verlobten Befehle erhalten haben, die auf eine sofortige Fesselung des ihr so Werthgewordenen gingen … Inständigst bat er, ihm gestatten zu wollen, daß er ihn heute Abend abholte und in eine Gesellschaft zum Cardinal Ceccone führte, der auch bereits das lebhafteste Interesse an den Tag gelegt hätte, ihn kennen zu lernen …

Die Herzogin hörte mit einigem Interesse das im geläufigsten Italienisch geführte Gespräch, wandte sich aber ab und unterstützte diese Einladung nicht … Ihr Lächeln gab ihr einen Schimmer der ehemaligen Schönheit … Sie war von ebenmäßiger, schon zum Embonpoint übergegangener Gestalt … Ihr Auge dunkelbraun und voll Feuer … Die Augenbrauen überscharf gezeichnet … Das Haar nicht echt … Auch die Zähne schwerlich ohne Beihülfe der Kunst so wohl noch an einander gereiht … Ihre Haut dunkel, etwas gelblich … Die Wangen, die Nase, das Kinn, noch von plastischer 222 Schärfe … Würde man ihr den geschmacklosen Hut abgenommen, den falschen Scheitel entfernt, das graue Haar aus der Stirn nach oben zusammengewunden, gefärbt, vielleicht mit Goldstaub überstreut haben, so wär’ es eine der Gestalten gewesen, in deren Betrachtung wir uns in Museen verlieren … Eine Imperatorenmutter mit blutigen Erinnerungen … Terschka, der Jesuitenzögling in Rom, sah einen solchen Kopf als Herme in den quirinalischen Gärten des Heiligen Vaters …

Ist sie ganz todt, die Arme? näselte der junge Fürst … Ist es eine Verwandte vom Grafen? … Sind Sie gern bei Todten? … Ich nicht … Verweilen Sie noch lange hier? … Kommen Sie mit uns zurück … Diniren wir vielleicht zusammen? … Waren Sie bereits schon im „Schwan“? … Gefällt Ihnen diese Gegend? …

Benno stand nur hörend und sehend … Antworten zu geben war seine Zunge gelähmt …

Die Herzogin durchschritt die kleine dunkle Baumanlage … Als wenn sie Benno’s Gedanken errathen hätte, der sich sagte: Sieh sie dir nur an, diese nordischen Tannen, die du so hassest! … Sie belächelte nach einem kurzen conventionellen Bedauern des hier stattgehabten Unglücks, die Aeußerungen des Principe über die schöne Natur … Um das schönste Panorama von Berg, Strom, Wald, Ebene und in der Mitte der von sonnigen Nebeln umzogenen Stadt mit dem riesigen St.-Stephan gleichgültig anzusehen, stieß sie mit der Fußspitze die Zweige aus dem Wege 223 und verrieth nicht minder, wie der Principe, nur die größte Ungeduld, sich wieder entfernen zu können …

Als sie hörte, daß die Offiziere noch im Hause wären, sagte sie, man sollte doch nur ruhig den Grafen seinem Schmerz überlassen … Ist sie eine Verwandte von ihm? fragte sie dazwischen … Mit einer festen Betonung ihrer tiefliegenden und bei längerem Sprechen ungleichen, ja rauhen Stimme schloß sie:

Was kann man da thun! …

Nicht düstrer erhoben sich ringsum die herrlichen Bäume, als Benno nur so stand und sah und hörte …

Die Offiziere waren wieder inzwischen aus dem Hause getreten und erklärten, nur noch auf die Aerzte warten zu müssen, die sie mit zurückzunehmen hätten … Vom Grafen sagten sie, daß er in den obern Stock, in die Wohnzimmer der Unglücklichen gegangen wäre … Angiolinens Stellung zum Grafen wurde mit drei Worten angedeutet …

Die Herzogin horchte auf … La Povera! sagte sie – und wollte fort …

Für den Principe begann der Vorfall jetzt interessanter zu werden. Er bekam Lust, die Unglückliche zu sehen …

Während er den Offizieren unschlüssig folgte, fragte die Herzogin den zurückbleibenden Benno, dessen starr auf sie gerichtete Augen ihr auffallen mußten …

Aus welchem Theil Deutschlands sind Sie? …

Benno, nun entschlossen, nannte denjenigen Theil, der sie aufmerksam machen mußte …

Aus der Gegend von Kassel …

224 Darauf hin betrachtete sie ihn schärfer … Ihr Auge blitzte … Vorher war sie nur so apathisch gewesen, weil sie an völlig anderes dachte – vielleicht an das, was Benno eben mit einem einzigen Worte traf …

Benno hatte weniger von den Zügen des Kronsyndikus, als seine Schwester … Er glich der Mutter …

Ganz sich sicher fühlend, fragte sie:

Kennen Sie in jener Gegend ein Schloß – „Neiovo“ –? …

Sie meinte Neuhof …

Benno’s Lippen bebten … Jede Möglichkeit, sich in ihrer Person geirrt zu haben, war nun verschwunden …

Neuhof? sagte er leise … Wittekind-Neuhof? … Das sind von Kassel mehr als funfzehn Meilen … Aber … in der Nähe Kassels, fuhr er fort, liegt … ein Schloß mit einem Park voll solcher Tannen, wie Sie hier sehen – Meinen Sie vielleicht – Altenkirchen? …

Die Herzogin hatte einen Fächer in der Rechten …

Schon auf den Namen Wittekind-Neuhof schlug sie mit diesem Fächer unausgesetzt in die Linke …

Altenkirchen! sprach sie, fast die Sylben des schweren Wortes zählend, und nun traten ersichtlich hundert Fragen auf ihre Lippen … Die braunen Augen blitzten …

Eben kamen ihnen die Aerzte entgegen, zuckten die Achseln und riethen zum Gehen … Sie sagten, der Graf hätte sich vor allen Zeugen seines Schmerzes verborgen und wäre oben auf Angiolina’s Zimmern …

Im Hofe war alles still … Am Hause vorübergehend sah man, daß eine Dienerin mit verweinten 225 Augen eben auch den großen Saal schließen wollte, in dem die Leiche zurückblieb …

Die Herzogin stand auf das Wort „Altenkirchen“ noch immer wie gebannt …

Sie sah die düstere Hinterfaçade des Hauses mit den kleinen Entresolfenstern an und hauchte, wie von Erinnerungen durchschauert:

Wie ein Grabgewölbe das! …

Eben hörte man das Drehen des großen Schlüssels … Es klang wie ein: Es ist vollbracht! …

Blick hin! … Komm! … Zum letzten mal ist es möglich, daß du das eine deiner Kinder siehst! … rief es in Benno’s Innern … Die Seelenmesse für sie, von der du eben sprichst, wirst du versäumen! … Jetzt, jetzt, wo du eben hörst, Graf Salem wäre ein Ketzer, laß dein Staunen, laß dein Fragen! In diesen stillen Saal ruft die letzte Stunde – …

Kennen Sie die Familie der „Grafen“ von Wittekind? … fragte die Herzogin …

Freiherren! verbesserte Benno … Eben diesem Geschlecht gehört Neuhof …

Die Herzogin stand eine Weile sinnend; dann fragte sie:

Sie bleiben noch hier? …

Ich habe die Ehre, Ihnen heute Abend meine Aufwartung zu machen …

Bei Cardinal Ceccone? … Dort bin ich nie! … Aber speisen Sie morgen bei uns – im Palatinus! …

Benno hatte dieser Aufforderung gegenüber keine 226 sofortige Sammlung … Die Herzogin wollte, schien es, mit ihm über die Schauplätze ihrer Vergangenheit reden …

Fürst Rucca, der nun doch vorgezogen hatte, seinem Auge den Anblick einer wenn auch noch so schönen Todten zu versagen, war bereits an der kleinen Holztreppe, als plötzlich wieder der Graf erschien … Leise war er von oben gekommen, hatte schon seinen Mantel abgelegt, verbeugte sich der Dame, den Herren, reichte Benno die Hand und sprach:

Sie sehen, ich bin nun hier zu Hause … Ich will hier so lange bleiben, bis die letzte schwere Pflicht erfüllt ist …

Der Graf schien gekommen, um für heute von Benno Abschied zu nehmen …

Die Herzogin sprach ihre Theilnahme aus …

Madame, wandte sich der Graf zu ihr und sagte in französischer Sprache: Ich bin sehr unglücklich … Ich habe ein liebendes Herz verloren … Und zu Benno sich wendend, fuhr er mit unsicherer Stimme deutsch fort: Unsere Angelegenheit ist unterbrochen … Ich bin heute keines Gedankens mehr fähig … Fürchte auch jede Stunde die Ankunft meiner Mutter … Es wäre ein großer Act der Freundschaft für mich, wenn Sie die Güte hätten und nach Wien eilten, meine Mutter zu begrüßen und zu sorgen, daß sie auf dies Schicksal schonend vorbereitet wird … Sie liebte Angiolinen …

Die Herzogin hörte so aufmerksam, als verstünde sie jedes Wort …

Benno erbot sich zu allem und bat den Grafen nur, er möchte seinen Kutscher benachrichtigen lassen, daß er 227 allein zurückfahren möchte … Zur Herzogin gewandt, sprach er, in den beiden Wagen fände sich vielleicht noch ein Platz für ihn …

Ohne Zweifel! sagte die Herzogin, aber – wandte sie sich jetzt zum Grafen, der sich zurückziehen wollte, und plötzlich wie im heroischen Entschluß: Ich will erst noch die Unglückliche sehen …

Madame – lehnte der Graf ab … Es ist ein schmerzlicher Anblick – …

Perché! erwiderte sie … Kennen Sie etwas Schöneres, als den Tod? … Gestatten Sie mir dies Opfer … Principe! rief sie … Meine Herren! Bedienen Sie sich Ihrer Pferde und des zweiten Wagens! Ich folge mit dem Herrn von – –

Asselyn! – ergänzte der Fürst … Die Herzogin hatte schon wieder Benno’s Namen vergessen …

Graf Hugo machte eine ablehnende Bewegung …

Benno jedoch, fast von Freude erregt bei allem Schauer, bedeutete den harrenden Diener der Herzogin, vorauszugehen, er selbst würde später seine Gebieterin hinunterbegleiten …

Der Graf ließ nun wieder den Saal aufschließen, bat mit stummer Geberde um Entschuldigung und kehrte über die Stiege in Angiolinens Wohnzimmer zurück mit der ihm von Benno gegebenen Versicherung, daß er sofort auf die Herrengasse eilen würde, um für den Empfang der Gräfin Mutter und die vorsichtige Einleitung der Schreckensnachricht zu sorgen …

Die Herzogin betrat den dunkeln Saal … Benno folgte, schon an die erschütternde Situation gewöhnt …

228 Mit fester Hand lehnte er die hohe Thür an, die Dienerin bedeutend, sie beide allein zu lassen … Ein spärliches Licht fiel in den weiten hohen Raum durch einen einzigen geöffneten Fensterladen …

Die Herzogin trat näher und sah auf die Todte, von deren Antlitz Benno ein leichtes Tuch nahm …

Welch schmerzlicher Anblick! … hörte er sie leise sprechen … Wie jung – wie schön! …

Fünfundzwanzig Jahre …

Fünfundzwanzig Jahre schon? … Am Mund sieht man das und an der Stirn … Großer Gott, die Stirn blutet noch … Warum mußte sie auch der wilden Olympia begegnen! … Ihr Roß scheute … Daher wol dies Unglück … Glauben Sie, daß die Gräfin die Schuld trägt? …

Benno hätte sagen mögen: Oder Ich! Denn um meinetwillen kam Olympia! … Eine elektrische Kraft gab ihm den Muth, zu erwidern:

Das Leben ist eine Kette von Ursachen und Wirkungen … Wir geben uns auf diese Art alle einander den Tod … Diese Arme würde hier auch ohne die Gräfin liegen …

In der That? … Aber der Graf betet sie doch an? … fragte die Herzogin …

Seine Liebe war ein schöner Traum … Vor einigen Stunden sagte er ihr, daß sie erwachen müßte …

Ich verstehe … sprach die Herzogin seufzend … Armes Kind, du wolltest kein Erwachen … Wen heirathet der Graf? …

229 Eine Gräfin Paula von Dorste-Camphausen, Nichte des Kronsyndikus von Wittekind-Neuhof …

Die Herzogin zuckte zusammen … Sie erhob sich, sah geisterhaft um sich, betrachtete Benno, dann athmete sie tief und schwer und beugte wieder das Haupt …

Benno war nicht so grausam gewesen, diesen Namen seines Vaters zu scharf zu betonen … Er knüpfte gleichsam nur an die Erwähnungen von vorhin an …

Sie kannten – diesen Syndikus der Krone? sprach die Herzogin nach Gleichgültigkeit ringend …

Benno erwiderte:

Ich sah ihn nur auf der Bahre, als man ihn in die Gruft seiner Väter senkte – Er lag – ganz ebenso, wie hier – …

Benno hielt inne, um nicht zu viel zu sagen …

Eine lange Pause trat ein …

Schon wollte sich die Herzogin, die das Bedürfniß zu haben schien, sich von Benno über jene Familie, der sie so nahe stand – im Wagen mehr erzählen zu lassen, zur Thür wenden …

Jetzt oder nie! riefen Benno’s innere Stimmen und so wagte er die Worte – „Seine Tochter“ – die er nicht ausgesprochen, zu umschreiben …

Ich denke mir, sagte er, daß der Kronsyndikus in seiner Jugend Aehnlichkeit mit den Gesichtszügen dieser Unglücklichen da hatte … Sehen Sie nur diese Stirn … Tritt sie nicht ganz so – trotzig hervor, wie – bei – jenem – Tyrannen? …

Das Antlitz der Herzogin vibrirte … Sie horchte der seltsamen Vergleichung hoch auf …

230 Benno, dem Himmel dankend über seine Gewandtheit, in der Sprache seiner Mutter ohne das mindeste Hinderniß reden zu können, fuhr fort:

Sehen Sie, da liegt noch die Schere, mit der der Arzt die Haare von der Wunde wegschneiden ließ … Die schönen Haare! … Ich nehme diese Locken zu deinem Angedenken mit, arme – – Schwester! …

Diese Anrede wurde fest, wenn auch mit zitterndem Herzen gesprochen …

Die Herzogin fuhr jetzt zurück … Sie mußte glauben, der junge Mann wäre plötzlich in Irrsinn verfallen … Sie suchte ernstlich die Thür …

Ich nenne dich Schwester! rief Benno noch lauter und bannte damit den Schritt der Entfliehenden …

Finden Sie nicht, Herzogin, daß auch ich die Züge der Unglücklichen trage? …

Die Herzogin blieb wie auf der Flucht … Sie glaubte einen Narren reden zu hören … Dennoch verglich sie ihn und die Todte …

Deshalb nannt’ ich die Aehnlichkeit mit dem Kronsyndikus – Denn, Herzogin, ich, ich bin mit dem Kronsyndikus verwandt …

Die Herzogin konnte nicht von der Stelle …

Asselyn! … sprach Benno … Hörten Sie denn niemals diesen Namen? …

Die Herzogin hörte nur und besann sich … Da biß sie plötzlich krampfhaft auf ihre Lippen …

Es gab doch einen Freund des Kronsyndikus … Einen Abbate – Francesco … Kannten Sie denn den Abbate Francesco nicht? …

231 Die Herzogin machte eine Bewegung, als hätte sie der Stich einer Schlange getroffen …

Ist das – Ihre Familie –? … sagte sie mit lauerndem Blick …

Benno schwieg …

Die Herzogin wollte, beschlichen von einem furchtbaren Gedanken des Mistrauens, den unheimlichen Saal verlassen … Sie sah sich um … Sie schien sich auf noch einen andern Priester als den Abbate Francesco zu besinnen, auf den Pater Stanislaus; sie fragte: Graf Salem-Camphausen sagten Sie? …

Aber gehen wir! lächelte sie und die Frage wie zurücknehmend …

Vergebung, Herzogin! … sprach Benno immer fester auftretend … Ich kann mich nicht trennen … Dies Blut ist mein eigenes … Ein Geheimniß, Herzogin! … Sie werden mich für wahnsinnig halten? … Ich suche seit Jahren eine Schwester … Ich glaube sie in dieser Unglücklichen gefunden zu haben … Still, still! … Unter uns! … Noch einmal, finden Sie nicht, daß wir uns ähneln? …

Die Herzogin bebte wieder zurück über den Ausdruck in den Zügen des jungen Mannes …

Arme Schwester, fuhr Benno fort, zum Paradiese geleitet dich dein Schutzgeist mit trauernder Miene … Sie wird Einlaß finden, Herzogin, nicht wahr? … Denn ich und meine arme Schwester, wir beide haben eine Mutter, die uns verlassen konnte … Eine Mutter ist die Vorsehung ihrer Kinder – aber Sie haben recht, was sagten Sie eben? Eine Mutter kann in ihrem 232 Kinde den Vater hassen? … War es nicht das? … Nicht alle sind so groß und eitel, wie Ihr Cardinal Ceccone, der in seinem Kinde – die Mutter zum zweiten male liebt …

Jetzt hatten sich Benno’s Züge wirklich verzerrt …

Die Herzogin, die an der Thür, erst um zu entfliehen, stand, drückte jetzt die Thür noch fester zu, blieb aber wie trotzend stehen …

Vergeben Sie, Herzogin! fuhr Benno fort. Wir wollen die Ruhe meiner Schwester nicht stören … Aber mein Geheimniß … Nicht wahr, ein Geheimniß für Sie und mich? … Auch ich glaubte von Zigeunern zu stammen, wie diese Arme, wenigstens aus Spanien glaubte ich zu kommen … Ich entsinne mich einer Frau, einer jungen schönen Frau, die mich zuweilen – ich konnte nur ein Kind von drei oder vier Jahren sein – holdselig anlächelte, zuweilen auch wol eine Thräne auf mich fallen ließ; es konnten auch am Kindesauge nur ihre Diamanten haften geblieben sein … Herzogin, da erfuhr ich plötzlich, daß ich eine Schwester habe … Sie ist geboren mitten auf der Landstraße … Mitten unter den Schrecken des Kriegs, auf der Flucht … Vor fünfundzwanzig Jahren … Von einer Mutter, die eine Italienerin, eine Sängerin war … Sie hieß –

Basta cosi! schrie die Herzogin mit dem Ton der Furie … Sie lief auf Benno zu, ergriff seine Hand, sah sich wild um, richtete ihre beiden noch der höchsten Glut fähigen Augen auf nur drei Zoll Nähe dicht in die seinigen und starrte ihn wie die Erinnye mit weißen Augen an …

233 Schurke, der du bist! fuhr sie fort … Nachfolger des Paters Stanislaus! Nun weiß ich alles … Hier, hier in diesem Hause wohnte ja Pater Stanislaus, Wenzel von Terschka … Sollst du es besser machen, als dieser undankbare Teufel, der dem Al Gesù seinen Spaß verdorben hat?! …

Mutter –! rief Benno auf dies entsetzliche Wort aus der tiefsten Tiefe des Schmerzes, des Mitleids, der Liebe hervor … Mutter, wie redest du! …

Sein Ton war so zart, so innig, daß er von keinem Betrüger kommen konnte …

Die Gefolterte starrte ihn an … Die verzerrten Züge ihres Antlitzes milderten sich, das Auge, immer sich einbohrend in die Augen Benno’s, verlor seine stechende Schärfe, immer schwankender wurde ihre Haltung, die Hände suchten einen Halt, sie sank – „Mutter?“ hauchte sie ihm nach … Benno stürzte auf sie zu und überwunden lag sie in seinen Armen …

Eine Weile währte es, bis sie sich aus einer Ohnmacht erholte …

Benno lüftete ihren Hut, der sofort niederfiel … Das Haar verdeckte ein Netzwerk, unter dem ein ehrwürdiges Grau schimmerte …

Allmälig erst gewann sie Sprache und hauchte, zu ihm aufblickend, noch tief zweifelnd, aber schon mit liebender Zartheit:

Ce – sa – re –? …

Julius Cäsar … bestätigte Benno, richtete die Augen auf die Leiche und sagte: Und diese nannte man Angiolina …

234 Die Augen der Frau erhoben sich wie irr bald auf Benno, bald auf die Leiche, bald gen Himmel …

So währte es eine Weile … Dann gingen die Augen nur noch vom Sohn zur Tochter und vom Tode zum Leben hinüber … Endlich riß sie sich wild los und schrie:

Licht! Licht! … Die Fenster auf! … Ich muß meine Kinder sehen! … Meines Mörders Kinder … Ha, ha! – Wach auf, wach auf, Mädchen! … Ich kenne dich ja nicht – …

Benno gewann zuerst die Fassung … Man hörte Geräusch … Schritte eines Kommenden … Es klopfte leise …

Der Graf war es, dem das lange Verweilen, das laute Sprechen bei der Leiche auffallen mußte …

Die Herzogin lag ausgestreckt über der Leiche, verbarg ihr Haupt und war selbst wie entseelt …

Der Graf durfte diesen Ausdruck weiblicher Theilnahme an einer Südländerin natürlich finden und folgte Benno harmlos, der ihn mit äußerster Beherrschung seiner selbst aus dem Saale zog …

Die Herzogin blieb allein zurück … Sie sah um sich, sie tastete hin und her, sie stürzte auf die Leiche, sie riß sich wieder auf, nahm ihren entfallenen Hut, drückte ihn auf das Haar, das sie erst zerwühlen wollte … Dann nahm sie mit irrer Geberde die abgeschnittenen blutigen Haare und verbarg sie wie im Diebstahl … Nun preßte sie wieder einen Kuß auf die Lippen der Todten, dann wandte sie sich und wollte wieder zurück …

Der Graf stand inzwischen wieder in der Thür …

235 Wir verweilten lange bei dem lieblichen Engel – sprach sie in kurzen Sätzen … Segne Sie – Gott, Herr Graf, für die Liebe, die Sie ihr schenkten – Es gibt nur Eine Liebe – mag sie auch Namen haben, welche sie wolle …

Benno bot ihr, da sie zusammenzusinken drohte, seinen ihm selbst zitternden Arm …

Der Graf dankte für so viel Theilnahme und begleitete beide bis an die weißschimmernde Stiege, rieth freundlich zur Vorsicht, empfahl Benno seine vorhin ausgesprochene Bitte und nahm zum zweiten mal von einem Beileid Abschied, das alles das zu erkennen gab, was in ihm selbst vorging …

Ohnmächtig sinkend, ja stürzend schwankte die Herzogin die gebrechliche Stiege hinunter …

Unten standen zwei Diener … Der Schlag des vierspännigen Wagens flog auf … Benno trug die zusammengebrochene Frau mehr, als er sie führte … Sie sank in ihren Sitz … Er stieg ihr nach …

Der Schmerz der Herzogin konnte allen erklärt erscheinen aus dem empfangenen, an das gemeinsame Menschenloos erinnernden Anblick …

Die vier Rosse zogen an … Pfeilgeschwind flogen sie dahin …

236 9.#

Cielo! Destino! Manda mi la morte!

So brachen die Empfindungen der Herzogin aus … Benno ergriff die Hände der jetzt ohnmächtig zusammensinkenden Mutter …

Es war wie eine zweite Geburtsstunde, die sie erlebte … Ihre Zähne klapperten …

Allmälig schlug sie die Augen auf, betrachtete Benno und wollte mit der Geberde einer Fieberkranken die mitgenommenen blutigen Haare küssen …

Benno riß diese fort und umschlang die Mutter mit seinen Armen …

Wieder versank sie in Ohnmacht und fieberte laut …

In dem weichgepolsterten Wagen ging es auf der Landstraße eine Weile dahin wie in einem lautlosen Zimmer …

Als der Wagen eine kleine Höhe bergan fahren mußte und es langsamer ging, schlug die Herzogin die Augen auf, rang die Hände, riß Benno an ihr Herz und küßte ihn …

Du bist es! rief sie … Wüßte es doch alle Welt! setzte sie hinzu …

237 Mutter! lehnte Benno ihren Wunsch ab, der fast wie Besorgniß klang …

Wer weiß es noch sonst? fragte sie …

Ich hier allein! antwortete Benno und deutete auf sein Herz …

Meine Ahnung ist erfüllt! sprach sie … Mit bangem Herzen bin ich nach diesem Lande gekommen … Ich ahnte, daß ich das alles, alles erleben würde …

Nicht aber so! klagte Benno das Schicksal an … So grausam nicht! … Das Leben im Tode … O zürnst du mir? …

Sie schüttelte den Kopf …

Niemand weiß es? fragte sie wiederholt und zweifelnd …

Vier fremde Priester, bestätigte Benno, ich und mein Bruder – der Präsident von Wittekind – Friedrich ist mein Freund und der deine …

Sie fand sich langsam zurecht …

Aber wer weiß, begann sie, ob ich deine Stimme gehört hätte, wäre sie nicht von dem Schweigen einer Todten unterstützt gewesen … Angiolina! … Ja, ich hatte mich mit Haß gerüstet, mein Sohn … Hätte Gott es nicht so verhängt, daß ich meine Kinder soso wiedergesehen – wer weiß –! … Angiolina! … Eine – Verlorene! …

Benno unterbrach diese Gedankenreihen und fragte liebend vorwurfsvoll:

Selbst auf deine Kinder wolltest du Haß werfen? …

Ja, mein Sohn! bestätigte die Frau, deren Lippen noch wie von Fieberfrost auf und zu gingen … Es liegt eine wunderbare Macht, fuhr sie, an Angiolinens 238 Verirrung anknüpfend, fort, in dem Gesetz … Aber eine Frau kann sich von ihm verirren und, wird sie nur geliebt, so vergißt sie alles, Urtheil der Welt und künftiges Gericht … Täuscht sie aber der, den sie liebte und um den sie alle Sünden der Welt ertrug und selbst beging, so welkt ihr jeder Baum und jede Farbe verbleicht ihr und ich haßte dich schon damals ebenso, wie ich dich anfangs geliebt hatte … Ich schleuderte – Angiolinen – dies Kind wie eine Last von mir … Ihm zu Füßen! … Da hast du, was dein ist, Schurke! … Ich sah meine Geburt nur einmal – wie sie ins Leben trat … Das wird vor Gott ein Verbrechen sein – aber er strafte mich jetzt schon, daß ich mein Kind so wiedersehen mußte …

Sie versank in Thränen und küßte die blutigen Haare …

Sei versöhnt! sprach Benno mit Milde und wie jeder, der an ein mühevolles Ziel glücklich angelangt ist, dann erschöpft zusammenbricht …

Dir bin ich es, mein Sohn! wandte sich ihm die stolze Frau zu, jetzt, um ihn zu ermuthigen, mit zärtlichstem Tone, ja wie eine Braut so weich – aber – Medea – erhob sie sich wieder – Medea schlachtete dem treulosen Vater ihre Kinder … Nein, nein! … beschwichtigte sie gleichsam … Wie kommt das alles – daß du hier bist? Suchtest du mich? Woher weißt du deinen Ursprung? …

Benno sammelte sich und die Mutter am zweckmäßigsten durch die vollständige Erzählung der ihm allmälig gewordenen Enthüllungen … Er schloß seine kurzgefaßten Mittheilungen mit dem Wort:

239 Die Kirche anerkennt deine Ehe! …

Sprich das nicht aus! entgegnete sie … Meine Feinde haben mir auch mit lächelnder Miene diese Andeutung gegeben … Meinen Frevel, die Hand des Herzogs von Amarillas zu nehmen, die ich nahm aus Stolz und Scham über mich selbst, verzeiht das Gesetz; denn ich kannte die Lehre der Kirche nicht … Ich wußte, daß mich dein Vater betrogen hatte und war frei …

Wann erfuhrst du das? …

Als ich einige Laute dieser eurer rauhen Sprache gelernt hatte, die du nur schön sprichst, du, mein Sohn! … Als ich ein Flüstern zu verstehen anfing, wenn Wittekind mit seinen Freunden zusammen war, ich auf meine Anerkennung drängte und nicht mehr in meine Pflichten nach Kassel zurückkehren zu wollen erklärte, wenn ich auf Neuhof gewesen … Ich erlebte die Grausamkeit des Mannes! – O mein Cäsar – hast du etwas in deinen Zügen von diesem Tyrannen – Jesus ja, du bist sein Bild! …

Nicht im Herzen! sagte Benno, schlug die Augen nieder und zog die Mutter an seine Brust …

Er warf mich eines Tages in einen Kerker! fuhr sie fort … Er ließ mich hungern … Ich schrie um Hülfe … Zuletzt konnt’ ich nicht mehr … Er kam in die unterirdischen Gewölbe und kniete an meiner Thür nieder und weinte … O Cäsar … Er konnte bestrickend sein wie ein Kind, wenn er wollte und Nachsicht bedurfte … Zweimal geschah das … Ich saß in den untersten Gewölben und fror und hungerte – ich, sein rechtmäßiges Weib! Wie ich damals noch – 240 und freilich nur noch das erste mal glaubte … Ein Teufel von einem Weibe bewachte mich …

Brigitte von Gülpen, ergänzte Benno … Sie strafte der Himmel … Sie ist ermordet worden …

Gott wird ihrem Mörder zum Paradiese verhelfen! … Ja, Brigida hieß sie –! Ich vergesse den Ton nicht, wenn sie sich meldete und ich rief: Wer da! … Sie spitzte dann den Mund und lockte mich: Täubchen! … Sie hätte mich würgen können wie eine Taube …

So auch starb sie … sagte Benno und erzählte den Tod der Hauptmännin … Dann fuhr er fort: Aber sie hatte eine Schwester – Petronella hieß sie – Ihr dank’ ich mein Leben, meine Pflege, meine Erziehung … Meinem Onkel, dem Abbate Francesco, verdank’ ich meinen Namen … Ich hieß der Sohn seines Bruders … Ich heiße Benno von Asselyn …

Julius Cäsar von Wittekind heißt du! – und eine Weile nach mir Montalto! … verbesserte sie stolz und fuhr in den sie erleichternden Erinnerungen fort … War ich ermüdet und kraftlos und verhallte meine Stimme ohnmächtig an den Wänden, so kam dein Vater und beschwor mich, ihm zu vertrauen … Er könnte mich noch nicht anerkennen, wehklagte er … Er verlöre die Hälfte seines Vermögens … Auf seinem Witthum beruhte seine ganze Kraft … Mit der zweiten Heirath würde er der Sklave seiner Kinder werden … Er nannte Namen, die ich bald vergaß, Verhältnisse, die meine Begriffe überstiegen … Er bat, er flehte hinter dem Gitter … Er knieete nieder, schilderte eine glänzende Zukunft … Ich ließ mich bethören und versprach nachzugeben … 241 Diese Augenblicke, wenn er den Schlüssel zog, wenn er meine Schwüre hören wollte, daß ich ihm verziehe, erst ein Pistol mir entgegenhielt und dann doch wieder durch das Gitter mich mit Küssen verlocken wollte – O, was hab’ ich gelitten, mein Sohn! …

Benno umarmte sie, streichelte ihre Wange, küßte ihre Hände … Er starb im Wahnsinn, sagte er … Wie zur Sühne solcher Frevel starb er – ein Geächteter … Einen seiner frühern Freunde hat er erstochen …

Wär’ es einer von denen gewesen, sagte die Mutter mit Bitterkeit, die mich in der Kapelle zu Altenkirchen betrogen! … Und doch, du sagst es, einer von ihnen wurde dein zweiter Vater? … Lebt der Abbate noch? … Ich glaubte, gerade der wäre zur ewigen Verdammniß bestimmt! … Gerade er machte und wie aus Achtung vor mir den Ministranten – ein Priester! … Ich sagte ihm Dank, als wir ins Schloß zurückkehrten nach der Trauung, Dank für die Ehre, die er mir gewährt … Seine Hand zitterte, als er dafür die meinige küßte … Ein Jude war der falsche Priester – der mich drei Jahre lang betrog – Auch in der großen Kathedrale von – wie hieß der Ort – Witoborn – betrog –! … Er las die Messe … Ich wußte damals nicht, daß es seine erste war … Später erfuhr ich’s, als ich anfing, mich heimlich nach ihm zu erkundigen … Kurz vor der Flucht des Hofes von Kassel, längst schon in Angst um Wittekind’s kaltes Benehmen, in Hoffnung mit – Angiolinen, in 242 Angst vor den wilden Kosakenhorden, die nach der großen Schlacht bei – Leipzig schon bis dicht an die Thore schwärmten, sagte mir Wittekind ins Gesicht, daß er mein Bleiben nicht dulden würde und daß ich sein Weib gar nicht wäre … Trommelwirbel fielen in diese Worte … Die Glocken läuteten Sturm – Feuer! rief es in den Gassen … Schon brannt’ es in den nächsten Dörfern … Besinnungslos folgt’ ich der allgemeinen Flucht … In der unglücklichen Lage eines Weibes, wenn sie die Zwecke der Schöpfung erfüllen soll, ward ich von den Angehörigen der Truppe, zu der ich gehörte, fortgerissen … Schon am Abend, in einer Scheune, auf dem Wagen eines Kunstfeuerwerkers unsers Ballets, kam ich nieder … Ich raffte am andern Morgen den letzten Rest meiner Kräfte zusammen – stoße das Kind, wie alles um mich her, von mir – Die Gesellschaft wird von den Vorposten der Russen auseinander gesprengt – Ich gelte für eine Todte – So kam ich auf einem Bauerwagen nach Frankreich, verfolgt von dem Hohn: Das ist der Hof des Königs Hieronymus! … Ich verfiel in eine lange Krankheit, nach der ich mich erst allmälig auf alles besann, was vorher mit mir vorgefallen …

Arme Mutter! sprach Benno und suchte sie zu beruhigen …

Aber die Sprecherin war in mächtigster Erregung und fuhr fort:

Der Krieg kam näher und näher … Ich benutzte meine ersten wiedererlangten Kräfte, an Wittekind zu schreiben; an den Bischof von Witoborn, dem ich noch 243 Anstand nahm alles ganz wie es war mitzutheilen; an die Behörden … Letztere wurden eben neu eingesetzt … Wittekind antwortete nicht … O die Scham und die Verzweiflung über meinen eigenen Unverstand waren noch größer als mein Rachegefühl … Ich suchte mich der Welt zu verbergen, ich verrieth niemanden, was mir geschehen war … Meine nächsten Vertrauten und Umgebungen waren durch die Zeitumstände von mir gerissen … Nachrichten über ein Bauerhaus einzuziehen, wo du lebtest, wurde unmöglich … So bracht’ ich einige Monate in Paris zu … Da lernte mich der Herzog von Amarillas, Marquis Don Albufera de Heñares, kennen …

Die Mutter hielt inne, um neue Kraft zu schöpfen …

Benno bat sie, sich zu schonen …

Bei dem Wort, das er aussprechen wollte, er würde sie ja nun oft sehen können … stockte er … Wir sehen uns in Rom! sagte er …

Nein, schon hier! wollte sie mit überwallendem Gefühl ausrufen; doch auch sie unterbrach sich jetzt und gestand, ihre Stimme dämpfend: Meine Lage ist – freilich nicht so – daß ich – …

Benno sah, daß hier seine Aufgabe erfüllt war … Was sollte er noch in Wien? … Sollte er wie Hamlet einen ungeheuern Schmerz im Busen tragen und ihn vertändeln in der Gesellschaft, in einem Liebesroman mit Olympien? …

Die Herzogin fuhr inzwischen fort:

Die Feinde hatten Paris genommen … Ein Flüchtling vor Napoleon, kehrte der Herzog mit dem vertrie-244benen Ferdinand VII. nach Spanien zurück … Er kam aus England und erkrankte in Paris … Der Streit unserer Meinungen hinderte nicht die Annäherung der Sympathieen … Der Herzog wohnte in einem Hause mit mir … Er war alt und gebrechlich … Seine gänzlich verarmte Lage rührte mich … Ich fing wieder an zu singen und theilte mit ihm, was ich hatte … Dennoch war alles nur Rache an Wittekind – der mich endlich mit Geldmitteln und höhnischem Spott und einer teuflischen Bitte um Verzeihung bedachte – Rache, daß ich ihm als Herzogin antwortete und ihm ebenso höhnisch, wie er geschrieben, auch ihm seine Kinder empfahl, für die er zu sorgen gelobte, die ich aber – Gott wolle es mir verzeihen! – wie alles verfluchte, was mich an ihn erinnern konnte …

Benno erkannte die psychologische Möglichkeit …

Nach einer starren Betrachtung der blutigen Locken Angiolinens fuhr die Mutter fort:

Ich reiste nach Madrid … Der Herzog, mein Gemahl, hatte eine Stellung am restaurirten Thron der Bourbonen erhalten … Bald aber kehrte Napoleon von Elba zurück; auch in Madrid erhob sich die Revolution … Der Herzog erlag den Anstrengungen einer Flucht vor der Cortesregierung nach Portugal und starb … Wieder stand ich allein, wieder ohne Schutz und Lebenshalt; jetzt bereuend, daß ich mich selbst so rasch zu dieser Veränderung meiner Ansprüche auf Wittekind hatte bestimmen können … Ich reiste nach Rom … Von dort begann ich in meiner ersten Verzweiflung, mit Schloß Neuhof zu korrespondiren und einlenkende 245 Schritte zu thun … Später drohte ich … Man schrieb mir oder ließ mir schreiben … Ich empfing einiges Geld, im übrigen nur die alten höhnischen und bäurischen Scherze und Bitten um Verzeihung … Las ich diese Briefe, so hörte ich das wiehernde Gelächter, das dein Vater zuweilen ausstoßen konnte für sich ganz allein – nur für sich allein … Er jubelte dann über seinen Verstand und über die Dummheit der ganzen Welt …

Das hat sich traurig gewendet! sagte Benno … Jérôme, sein zweiter, schon geisteskranker Sohn, starb im Duell … Auch Friedrich, der Erbe, ist nicht glücklich … Doch bin ich mit Friedrich einverstanden und befreundet … Er kennt meine Reise hierher und billigt die Begegnung mit dir … Befiehl du selbst! … Er ordnet sich allen deinen Wünschen unter …

Die Herzogin horchte aufmerksam und überlegte … Sie schien das Fortwalten des Geheimnisses vorzuziehen … Wenigstens sagte sie:

Mein Sohn! … Ich bin die Tochter eines Marchese im Ravennatischen, der sein Vermögen verlor … Ich mußte früh an die Verwerthung eines Talents denken, das mich und die Meinigen erhielt. So legte ich den Namen der Marchesina von Montalto ab und nahm den der Fulvia Maldachini an … Von Rom kam ich erst nach Parma … Von dort nach Mailand, von Mailand nach Paris, von Paris nach Kassel … Ich kannte diese ganze dortige fremde Welt nicht und verachtete sie zu sehr … Meine einzige Umgebung war eine alte Römerin, die mich singen gelehrt hatte … Sie war halb erblindet, erschien aber durch ihre Ma-246nieren wohl geeignet, meine Duenna vorzustellen … Auch sie verstand die Welt nicht, in der wir mit Anstand lebten … Ich genoß die größten Auszeichnungen und hatte selbst die List des Königs zu fürchten … Ich war tugendhaft, mein Sohn! … Ich war es vielleicht nur – aus Stolz … Den Freiherrn erhörte ich erst, als er mir die heimliche Ehe anbot und ich sie vor Gott, einem Pfarrer oder dessen Substituten und mehr als zwei Zeugen, die hingereicht hätten, richtig geschlossen glaubte … Meine Entbindung von dir fiel in die Zeit der Ferien an unserer Bühne … Ich genas in einer der kleinen Meiereien, die zu den Besitzungen deines Vaters gehörten … Eine Bäuerin nährte dich … Noch war deine Geburt eines Familienstatuts wegen zu verbergen … Aber du hattest meine ganze Liebe … Nie konnte ich dich in den schmuzigen Umgebungen wie ein Bauernkind sehen, ohne nicht sofort mit deinem Vater die ernstesten Kämpfe über die endliche Enthüllung unsers Geheimnisses zu beginnen … Anfangs erfolgten die Beschwichtigungen in Güte … Die spätere Wendung erzählte ich dir … Wäre ich nicht von den Pflichten meines Berufs, den ich liebte und den ich so viele Meilen von Neuhof entfernt ausübte, gebunden gewesen, ich hätte so lange mein Geheimniß nicht bewahren können … Als ich endlich den Betrug durchschaute, übertrug ich meinen Haß auch auf meine Kinder … Und ich sag’ es dir, Cäsar, ich würde dich und Angiolina nie anerkannt haben ohne diese heutige Wendung des Geschicks, die mir so schreckhaft sagte: Die Rache lasse der Mensch dem Himmel! … Oft befiel mich 247 melancholische Sehnsucht nach den beiden Wesen, die ich unterm Herzen getragen … Einmal – ja, da war ich nahe daran, mich zu entdecken, als jener Pater Stanislaus, den du kennst – …

Wenzel von Terschka – …

Nach Deutschland reiste und sich mir empfahl … Ich lebte jedoch schon damals in Verhältnissen, die mir die Festhaltung meiner Stellung als Herzogin von Amarillas zur unbedingtesten Pflicht machten … Und noch – jetzt, mein Sohn – …

Die Erzählerin stockte und wandte sich ab …

Benno glaubte die Beschämung zu sehen, die Anstand zu nehmen schien, von Cardinal Ceccone, ihrer dritten Verbindung, zu sprechen … Ein unendliches Weh legte sich auf sein Herz …

Mein Sohn, sprach die Herzogin, seine Gedanken errathend … Wenn Cardinal Ceccone in allem so heilig wäre, wie in seinem Verhältniß zu mir, so würde man ihn nach seinem Tode kanonisiren … Eher kannst du in Rom hören, daß – – Ceccone wie Papst Alexander Borgia seine eigene Tochter liebt, als das Wort – die Herzogin von Amarillas stünde in einer nähern Verbindung mit ihm, als der, die Duenna seiner – „Nichte“ zu sein … Mein Sohn, du siehst mich hier mit vier Pferden fahren, Bediente umringen mich, ein römischer Principe reicht mir den Arm, um mich in die kaiserlichen Theater zu führen, in die Loge des mächtigsten Staatsmannes der Welt – ich bin nichts weiter als eine Gouvernante …

248 Benno ergriff gerührt die Hand der Mutter und sah in ihre umflorten Augen …

Unter unsern Cardinälen, fuhr sie mit schmerzlichem Lächeln fort, gibt es einige, die wohl verdienen, Muster der Christenheit genannt zu werden … Ihre Zahl ist nicht groß … Die übrigen theilen sich in zwei Klassen … In solche, die die Gelübde aus Indolenz halten, und solche, die die Natur nicht betrügen können … Alle aber, selbst die letztern bewahren den Anstand … Saltem caute! ist unsere römische Devise … Um die immer prüfend und lauernd auf sie gerichteten Blicke der Menschen, namentlich der Priester, zu zerstreuen, zeigen die Cardinäle sich absichtlich ganz weltlich, leichtsinnig, gesellschaftsbedürftig und doch nicht anstößig. Das ist, wie die Frauen im Cicisbeat einen Deckmantel für eine in ganz anderer Sphäre versteckte Leidenschaft haben … Jeder Gatte läßt seine Gemahlin ruhig mit dem Cicisbeo gehen … Dieser ist der Freund des Hauses, der Freund des Mannes, der Beschützer der Frau, deren anderweitige Verhältnisse am wenigsten der Cicisbeo kennt … So haben auch die Cardinäle ein Haus, an das sie attachirt sind, wo sie Audienzen geben, wo sie sich ausruhen, Whist spielen und wirklich, wenn auch mit den leichtesten Formen, die Tugend und Entsagung selbst sind … Das weiß in Rom jedermann … Cardinal Ceccone kann nach seinen Arbeiten in der Sacra Consulta nicht anderswo sich erholen, als bei der Herzogin von Amarillas, wo es hergehen würde so still und fromm, wie im Kloster von Camalduli, wenn nicht Olympia mit den Jahren immer gefahrvoller 249 sich entwickelt hätte – Cäsar! – unterbrach sich die Sprecherin und betrachtete Benno mit einer Mischung von Staunen und Schrecken – wie nur war es möglich, daß gerade du, du mein Sohn, Cäsar von Wittekind, es sein mußtest, der – … Doch – fuhr sie plötzlich auf – fliehe Olympia! Sie zerreißt, was sie liebt! …

Benno gerieth in die größte Verwirrung … Seine Ueberzeugung, daß er in Wien seit dieser Stunde nichts mehr zu vollbringen oder abzuwarten hätte, mehrte sich …

Die Mutter fuhr fort:

Ich bin nicht die einzige Herzogin, lieber Sohn, die in Roms dunkelsten Gassen wohnte und nur – in den Kirchen, deren wir zu diesem Zweck Gott sei Dank genug haben, von einem ihrem Stand gebührenden Glanze umgeben ist … Man ist arm, aber vom Munde darbt man sich den Miethwagen ab, der uns des Abends eine Stunde auf den Corso führt … Sonst geht man des Tages zu Fuß … Ein Schleier genügt, nicht einmal ein Bedienter … Alle hundert Schritt liegt eine schöne geräumige Kirche, gebaut aus Marmor, mit stillen Kapellen, dunkeln Ecken, da eine Lampe, hier ein Schemel für die Füße, ein Bild von Domenichino, eine Sculptur von Michel Angelo – so kann man schon eine Stunde lang verträumen, ein Leben der Armuth anständig verschleiern … Du wirst das sehen, wenn du in Rom bist … Du gehst nach Rom! … O wohl, wohl! … Du sollst es … Oder was – was glaubst du, mein Sohn? …

Benno hatte die Miene gemacht zu fragen, ob sie 250 es nicht wünsche … Er sah, wie seine Begegnung sie bei alledem zu stören anfing …

Die Kirchen, fuhr die Herzogin nach einigen zärtlichen Blicken fort, die Kirchen in Rom sind zum Beten da; aber sie verbinden zugleich den Zweck, eine Promenade zu sein, eine Promenade, die zu betreten nichts kostet … Ich hörte einen Attaché der Gesandtschaft des Königs von Preußen, der erst einige Tage in Rom war, außer sich gerathen bei der Erzählung: Ich besuche den Carcer Mamertinus beim Capitol, die Kapelle, die über jenem Gefängniß erbaut ist, wo Sanct Peter vor seiner Hinrichtung gefangen saß, und ein Geistlicher tritt herein, kniet vor einem Betpult nieder, wendet das Antlitz zum Altar, zieht, ehe er betet, sein Taschentuch, seine Dose, nimmt eine Prise und dann erst faltet er die Hände!*) … Dies Bild brachte den Lutheraner außer sich, beleidigte jedoch von uns Römern niemand … Es war ein heißer Tag; der arme Dorfpfarrer, der die Merkwürdigkeiten der Stadt ansah, wollte sich ausruhen und benutzte die kühle Kapelle St.-Pietro in carcere … Daß man sich an einem solchen Ort mit der Geberde des Betens ausruht, bringt die Rücksicht auf den Ort und diejenigen mit sich, die vielleicht ringsherum wirklich beten … Die Kirchen Roms sind nicht Kirchen allein, sondern die ehemaligen Thermen der Kaiser … Sie sind die Gärten und Promenaden der Stadt, die allen gehören, den Armen und Reichen, den Königen und Bettlern … Ist denn nicht auch das Religion, was alle gleich 251 macht? … Wer gefallen ist, Könige, die ihre Krone verloren, können keine bequemere Stadt der Welt finden … Für die, die ohne Demüthigung sein und vergessen wollen, ist Rom die Stadt der Städte …

Diese Aeußerungen einer Frau, die in so unmittelbarer Nähe der Tonangeber der Christenheit lebte, mußten Benno wol die Frage wecken: Wie stehen ihre Ueberzeugungen im Verhältniß zur Kirche und zu dem Zweck der Sendung des Cardinals? … Doch überwog jetzt noch das Interesse am Persönlichen …

Fünf bis sechs Jahre, fuhr die Mutter fort, lebte ich in dem steten Kampf mit mir, welche Entschließungen ich fassen sollte … Ich war nicht mehr jung … Meine Schönheit, wenn ich sie je besaß, war verblüht … Ich zog niemanden an, als dann und wann ein paar Priester, die bald wegblieben, als ich ihnen keine Tafel serviren konnte … Zur Devotion hatte ich kein Talent … Im Singen zu unterrichten widersprach meinem Stolz … Ich processirte mit den Gerichten Spaniens; die Revolutionen und die Cortes wiesen mich ab … Wittekind erlebte in meiner Verzweiflung einigemal die Drohung, daß ich nach Deutschland kommen und die Gerichte gegen ihn anrufen würde … Ich ging so weit, mich über die Gesetze wegen unwissentlicher Bigamie zu unterrichten … Ich überzeugte mich, daß meine Ehe nach kanonischen Regeln anerkannt werden konnte … Dann aber hatte ich in Bigamie gelebt und mußte erst von dieser Sünde wieder befreit werden … Das ist das besonders Schmerzliche am Unglück, es macht zuletzt feige … Das Unglück verwirrt uns 252 und läßt uns falsche, oft ganz unwürdige Maßregeln ergreifen … Ich fand wenigstens meine Hülfe da, wo ich nimmermehr geglaubt hätte, daß ich sie suchen würde …

Benno horchte voll höchster Spannung …

Jenseit der Tiber wohnen in Rom jene Volksklassen, die sich noch eine gewisse Natürlichkeit, soweit sie bei römischer Unbildung möglich ist, bewahrt haben; Handwerker, die größerer, lichterer Räume bedürfen, als sie die innere Stadt diesseit der Tiber bietet … In Trastevere wohnte ein Metzger, von dem ich mir zuweilen den Luxus gestattete, ein besseres Stück Fleisch, ein ganzes junges Lamm für die Küche zu bestellen … Noch lebte meine alte Marietta Zurboni, die mich so lange Jahre begleitet hatte … Nun war sie ganz blind; ich gönnte ihr zuweilen Festtage in Wirklichkeit, nicht blos die, die im Kalender stehen – Was ich da alles rede! unterbrach sich die Herzogin und starrte in die Ferne und in die noch nicht erreichte Stadt …

Benno erkannte, daß die Mutter so plötzlich der Schmerz um die Todte, die nun schon in Entfernung fast einer Meile zurückgeblieben, ergriff … Sie hielt beide Hände nach der Gegend hin, wo Schloß Salem lag … Eine Geberde der Bitte um Verzeihung … Sie küßte wieder die blutigen Haare …

Benno beruhigte sie …

Eines Tages, fuhr sie nach einem kurzen Weinen fort, hatte ich mich von Kirche zu Kirche bis Santa-Cecilia gebetet – dies war die einzige Art, wie ich als Herzogin am Tage ohne Equipage vegetiren konnte – Ich that, 253 als könnte ich, da ich doch einmal bei Meister Pascarello in der Nähe war, bei dieser Gelegenheit, obgleich ich eine Herzogin war, auch wol mein Osterlamm selbst bestellen … Hoheit, sagte er, warum sind Sie nicht zehn Minuten früher aus Ihrer Andacht erwacht! Soeben hatte ich noch fünf Lämmchen, weiß wie Schnee, so unschuldig, daß sie die heilige Agnes mit in den Himmel hätte nehmen können! … Ich bedauerte … Hätt’ ich diese Ehre geahnt! fuhr er fort. Aber, den Heiligen sei Dank, die Kleinen kommen wenigstens in gute Hände und Gott segne, daß ihre Wolle dem Pascarello Ehre macht! … Wer erhielt sie denn? fragte ich … Der ehrliche Metzger zeigte über die Tiber hinweg und sprach: Wenn die Thierchen gebraten werden, Hoheit, einen solchen vornehmen Rost haben Sie doch nicht! Ich glaube fast, der des heiligen Laurentius selbst wird dazu genommen! … Ich ahnte eine Bestimmung für die Kirche und Meister Pascarello erzählte mir noch eine Geschichte, die in Rom jedermann weiß … Im Kloster der Nonnen, die man die „Lebendigbegrabenen“ nennt, werden die Lämmer gezogen, aus deren Wolle die weißen, drei Finger breiten Schulterbinden, Pallien genannt, gefertigt werden, die Rom jedem neuernannten Bischof der Christenheit zuschickt … Die Achselklappen zu den Uniformen der großen römischen Armee … Die Lämmer können ihre zarteste Wolle nur jung liefern, werden nach der Schur geschlachtet und der Heilige Vater bewirthet mit dem Fleisch jährlich die zwölf Apostel, denen er die Füße wäscht; es sind Arme, die zu dieser Ehre schon lange auf einer Liste verzeichnet stehen … In dem Kloster 254 sagte Meister Pascarello, muß ein Wolf hausen oder eine Wölfin – verbesserte er sich –; denn ich habe die Ehre, des Jahres viel Lämmer dorthin zu liefern, mehr als in einem Jahr in der Christenheit Bischöfe sterben und neue gewählt werden! … Seltsam! … sagte ich gleichgültig und – betete mich wieder in meine dunkle Gasse bei Piazza Navona zurück, in der ich wohnte … Ich erzählte diesen Vorfall einem Prälaten, der mich oft besuchte, obgleich ich ihn nicht mochte wegen seines giftigen und intriguanten Wesens … Leider hatt’ ich ihm schon mehr von meinen Lebensverhältnissen vertraut, als ich hätte thun sollen … Es ist der jetzige Cardinal Fefelotti, wie man weiß, der Feind Ceccone’s …

Benno hatte diesen Namen als jetzigen Nachbar des Grafen Hugo in Castellungo heute nennen hören … Auch wußte er, daß Olympia’s Mutter im Kloster der „Lebendigbegrabenen“ lebte … Er fürchtete die Aufregung der Mutter und sagte:

Laß es! … Du wirst mir noch oft erzählen können …

Eine solche Stunde kommt uns nicht so bald! erwiderte sie seufzend …

In Rom! … Ich verlasse Wien … sagte er …

Nein! rief die Mutter leidenschaftlich, umschlang und küßte ihn …

Ich gehe nach Rom … Heute noch …

Cäsar! rief die Herzogin wie im Ausbruch des äußersten Schmerzes und – doch voll Freude …

Nach einiger Sammlung fuhr sie fort:

255 Fefelotti machte eine schlaue Miene und sagte: „Daraus erkenne ich ja die Wahrheit eines Gerüchtes! Monsignore Tiburzio könnte, mein’ ich, von dieser kleinen Wölfin leicht seinen Cardinalshut zerrissen bekommen“ … „Sie wissen“, setzte er hinzu, „daß Tiburzio im nächsten Conclave den Purpur erhalten wird“ … Die Züge Fefelotti’s verzerrten sich noch häßlicher, als sie schon von Natur sind … Ich sah, daß er über einen Plan brütete … Ceccone war schon damals der mächtigste Mann in Rom … Er hatte die Revolution gebändigt, die Carbonari verbannt oder eingekerkert; man wußte, daß ihn eine Römerin, Lucrezia Biancchi, hatte ermorden wollen …

Olympia ist das Kind einer neuen Judith! sagte Benno …

Alle Welt weiß es jetzt … bestätigte die Mutter … Aber damals noch nicht … Der Generalinquisitor Ceccone schlug die Untersuchung des Mordanfalls einer jungen Wäscherin auf ihn nieder und brachte die Mörderin heimlich zu den „Lebendigbegrabenen“ … Das fanatische Mädchen, das ihre Ehre geopfert hatte um ihn zu tödten, kam dort nieder … Olympia wurde im Kloster fünf Jahre alt … Es war ein Kind der Sünde – ein Kind der Lüge, der Wollust, des Mordes … Von solcher Wildheit des Blutes war sie, daß sie mit den kaum geborenen Lämmchen spielend oft eines erwürgte … Das Opfern dieser Lämmer ist eine heilige Procedur, die am Fest der heiligen Agnes öffentlich vollzogen wird … An der Wolle soll noch jetzt niemand eifriger spinnen, als die schon in der 256 Geburt ihres Kindes vom nicht abgewarteten Milchfieber irrsinnig gewordene Lucrezia – …

Was ist Wahrheit! klagte es tief schmerzlich in Benno’s Gemüth … Ein riesiges Gebäude steigt auf, ein stolzer Dom … Die Pfeiler ragen wie über felsenfestem Grunde … Die Wölbungen sind wie für die Ewigkeit berechnet … In den Rissen wächst, mit buntestem Farbenreiz sie verdeckend, die Flora der Phantasie und des Gemüths … Die heiligste Andacht nimmt diese weißen Pallien mit den vier schwarzen Kreuzen darauf als die Sinnbilder jenes verlorenen Lamms, das der gute Hirte gesucht – und wie macht sich das alles in Wirklichkeit! … „Rom blüht und gedeiht doch!“ hatte Hammaker beim Vorschlag eines neuen, „falschen Isidorus“ gesagt – …

Die Mutter schien diesen schneidenden Contrast nicht nachzufühlen … Die Römer nehmen, was von ihnen kommend die katholische Welt andachtsvoll verehrt, wie ihr tägliches Brot und als sich ganz von selbst verstehend …

Ich gönnte Fefelotti nicht den Triumph seiner Intrigue, fuhr sie fort … In einer jener Anwandlungen von Thatkraft und Muth, die schon längst bei mir aufgehört hatten, schrieb ich an Monsignore Ceccone und warnte ihn, er möchte auf der Hut sein und aus dem Kloster eine gewisse – kleine Wölfin entfernen … Die Visitation durfte ohnehin kein Kind im Kloster dulden … Dann auch noch warnte ich ihn vor den unbesonnenen Plaudereien Pascarello’s in Trastevere … Ich hatte mich genannt und durfte nicht erstaunen, unmittel-257bar darauf den Besuch des Monsignore selbst zu empfangen … Ich fand in Ceccone einen Mann von hinreißendem Benehmen, angewiesen auf die Gunst der Frauen … Ich für mein Theil fühlte, daß ich nichts mehr für einen solchen Mann besaß, als höchstens etwas Verstand und das unendlichste Bedürfniß nach Beistand, das zuweilen die Menschen bindet, besonders wenn sie nicht gut sind … Gefällig sein heißt bei vielen, nur seine Macht zeigen wollen … So entdeckte sich mir Ceccone ganz, dankte für meine Theilnahme, warnte vor Fefelotti, der sein Feind seit frühester Jugend und schon von der Schule wäre, und machte mir den Vorschlag, daß ich einen Palast bezöge, den er für mich miethen wollte, wenn ich Olympia zu mir nähme … Noch mehr! Es wäre ihm lieb, sagte er, wenn ich ihr einen Namen, vielleicht von meiner Verwandtschaft gäbe … Ich ging auf diese Vorschläge ein … Ich gab Olympien den Namen, den ich in diesem rauhen und grausamen Lande zurückgelassen habe, Maldachini … Den Grafentitel, den das Kind bekam, bezahlt man in Rom … Principe Rucca’s Urgroßvater war vor hundert Jahren ein Bäcker …

Benno horchte nur …

Meine Lage besserte sich … Sie wurde glänzend … Ceccone sammelte Schätze und hatte eine solche Liebe zu seiner Tochter, daß sie ihm, wenn wir noch in den Zeiten des „großen“ Nepotismus lebten, eine Fürstenkrone werth wäre … Die Krone des Prinzen Rucca entspricht nur noch der jetzigen Stellung des römischen Stuhls … Aber die Zähmung der jungen Wölfin ist 258 mir nicht gelungen … Sie ist eine Blume, die aus Blut emporgesprossen … Ihr Dasein verdankt sie einem Haß, der sich in Liebe nur verstellte … Lucrezia Biancchi suchte die Bekanntschaft im Hause des Inquisitors durch eine Wäscherin, die für ihn arbeitete … Sie begleitete diese, nahm ihr zuweilen die Uebergabe der Wäsche ab … So begann ein Roman, den sie benutzte, um den Feind der jungen Freiheit Italiens wie Judith den Holofernes zu ermorden … Wir haben ein schönes Land, aber – wilde Menschen … Noch werden die Zeiten eisern werden …

Benno war zu ergriffen, um von den Brüdern Lucrezia Biancchi’s, von den Oheimen der „Gräfin“, zu sprechen, von der Nähe des alten Professors Luigi …

Schlimme Stunden werden auch noch für uns allein kommen, mein Sohn! seufzte die Mutter … Olympia hatte nie einen Wunsch, der unerfüllt blieb … Sie heirathet den Principe nicht, um seine Liebe oder seinen Namen zu haben, sondern nur, um eine Frau zu sein … Dadurch erst gewinnt ein Weib größere Freiheit … Mein Sohn, Rom hat keine Erziehung, keine Bildung – keine Tugend – … Es hat nur Leidenschaft und Verstellung – Wir haben die Formen der Devotion … Diese vertreten den öffentlichen Anstand … Alles Uebrige ist die größere oder geringere Kunst der Verstellung … Tugend ist nur da, wo die natürliche Empfindung sie zugleich mit hervorruft, oder nur da, wo sie schon die natürliche Begleiterin von Stolz und Liebe ist … Ein Staat von Priestern, die unter einem unnatürlichen Ge-259setze leben, kann nichts anderes hervorbringen … Ich habe es einmal erfahren, was ein in Rom entstandener freisinniger Gedanke kosten kann … Ceccone neigt, wie das im Alter so geht, zu politischen Verbesserungen und ist in seinem innersten Herzen Italiener, ja mehr noch, Römer … Olympia sowol wie ich arbeiten auf die Erhöhung Italiens – eine Zukunft, die ohne Bruch mit Oesterreich nicht denkbar ist …

Benno sah sich betroffen um … Die Diener hätten hören können … Schon näherte man sich den volkreichen Vorstädten …

Seine Besorgniß war ungegründet …

Fefelotti, fuhr die Mutter unerschrocken fort, der gleichfalls inzwischen Cardinal wurde, erhob sich wie die Schlange, die ein Fuß nicht ganz zertreten hat … Diesen Winter war es … Da begannen die Intriguen der immer mächtiger werdenden Jesuiten … Ich sollte auf der Reise hieher, die schon lange zu Olympiens Ausbildung beschlossen war, die Anklage erhalten, die Gattin zweier Männer gewesen zu sein … Zum Glück, wie ich hier wol sagen kann, starb der Kronsyndikus … Aber die Intrigue ruhte nicht … Wir haben uns der Feinde versichern müssen …

Ceccone versprach dem Al Gesù, seinen Befehlen zu gehorchen –! …

Ja! erwiderte die Mutter wie eine Römerin, die nur triumphiren wollte mit dem Berichte: Fefelotti ist gestürzt und in ein Erzbisthum verbannt … Weit von Rom entfernt, im Piemontesischen, krümmt er sich jetzt, 260 racheschnaubend, aber ohnmächtig … Wir fühlen seine Hand nicht mehr … Warum staunst du? …

Benno unterdrückte seine Empfindungen … In solche Umtriebe des Ehrgeizes machtbegehrender Priester mischt sich das Wohl der Staaten, die Freiheit der Völker, die Erleuchtung der Gewissen! …

Die Mutter kam auf diese Vorstellungen nicht … Sie sprach von Olympien …

Ihre ersten Lebensjahre wurde sie im Kloster verborgen gehalten … Das Kloster liegt nicht einsam … Man hatte Ursache, das Schreien des Kindes zu ersticken … Man erstickte es durch Liebkosungen und die Gewähr jedes Wunsches … Ein Nein! gab es nicht bei Nonnen, die über eine Entdeckung zitterten … Daß sie gleich anfangs eine Nonne aufnahmen, die Mutter wurde, machte die Habgier … Ein Kloster ist bei uns für Wohlthaten und Geschenke, die man ihm spendet, zu allem fähig … Diese Mönche und Nonnen gewöhnen sich so an die Vortheile, die ihnen die Besitzthümer ihres Klosters gewähren, daß sich die wunderbarste Einigkeit zwischen allen herstellt, wenn sie nur wissen: Das ist dein Antheil an dem gemeinsamen Gewinn … Die Menschen der Entbehrung und Einsamkeit werden so; sie handeln im Charakter eines Ameisenhaufens, der eine einzige Ameise voll Intelligenz ist … Dem Kloster dann heimlich entführt und in meine Obhut gegeben, erlebte Olympia einige entschiedene Anwandlungen meiner Neigung, ihr eine Erziehung zu geben … Der Erfolg war nicht ermunternd … Lassen Sie das Kind sein, wie es ist! sagte der zu einer Mischung von halb 261 Trajan, halb Nero geborene Cardinal … Nur ein Mensch von starkem Willen lebt siegreich in dieser halben Welt! setzte er hinzu … Oft sah ich mir in der Galerie Borghese das Bild an, das Rafael von Cäsar Borgia gemalt hat … Ein Kopf wie ein Räuberhauptmann, voll schreckhafter Männerschönheit … Macchiavelli machte aus ihm das Muster eines echten Fürsten … So war Ceccone in seiner Jugend und Olympia ähnelt ihm … Sie bekam schon als Kind galante Briefe und Gedichte von denen, die ihren Schutz begehrten … Sie wählte sich selbst ihre Gesellschaft … Sie ließ Schäferknaben von ihrer Hürde in der Campagna wegnehmen und in prachtvolle Kleider stecken, um mit ihnen spielen zu können … Ebenso oft aber auch nahm sie ihre Gunstbezeigungen wieder zurück … Ich hatte Scenen mit dem Cardinal voll äußerster Aufregung … Er konnte so grausam sein und mir sagen: Madame, Sie sind die Kammerfrau einer Fürstin, nichts weiter! … Ich ertrug diese Ausbrüche des Dünkels und der Tyrannei, denn ich hatte zu viel gelitten und war angekommen an jenem schreckhaften Wendepunkt im Frauenleben, wo der Muth, die Hoffnung versiegt und uns die Angst vor dem Alter ergreift …

Benno drückte der Mutter die Hand und sprach:

Trenne dich von dieser Welt und sei – ganz nur mein! …

Wird das gehen? sagte die Mutter schmerzlich lächelnd und – ablehnend … Sie küßte seine Stirn … Nein! setzte sie in der That den Kopf schüttelnd hinzu …

262 Warum nicht? … lag in Benno’s betroffenen Mienen …

Olympia hatte zum Glück die gute Eigenschaft, fuhr die Mutter ausweichend fort, daß ihr fester Wille zuweilen eine edle Sache ergriff … Daß die Sache edel war, war dann nur ein Zufall … Sie wählte immer nur diejenigen Standpunkte der Auffassung, die ihr der Zufall und eine persönliche Empfehlung boten … So sind alle Vornehmen … Brachte ein Pächter eine Bittschrift und hob ihr den Fächer auf, der ihr gerade entfallen war, so ruhte sie nicht, bis seine Wünsche erfüllt wurden … Ebenso groß aber auch ihr Haß und ihre Rachsucht … Einen jungen Geistlichen, der ihr die Beichte hörte, gab sie an, daß er sie im Beichtstuhl geküßt hätte …

Benno entsetzte sich …

Es war eine Lüge … Sie führte diese Lüge mit allem Aufwand der Verstellung durch … Der junge Priester hatte ihr einige Strafen auferlegt, denen sie sich nicht unterziehen wollte … Der Unglückliche verdarb sein Schicksal vollends durch die seltsamste Grille von der Welt … Er räumte ein, daß Olympia, damals vierzehn Jahre alt, recht gehabt hätte … Es war ein Alcantarinermönch aus dem Norden Italiens, der der strengsten Regel der Franciscaner angehört … Sie sah ihn eines Tages in der Sixtina und wollte ihn sofort zum Beichtvater … Der Cardinal ließ den Pater Vincente aufsuchen und bestimmte ihn, in Rom zu bleiben … Pater Vincente, bildschön, träumerisch von Natur, hatte durch seinen schweren Orden die Kraft 263 der Nerven verloren … Er erröthete bei jedem Wort, das man an ihn richtete … Dennoch wurde er Olympia’s Beichtvater und bezog das römische Kloster der Alcantariner … Nach sechs Wochen endete dieser Roman in der Art, wie ich sagte … Olympia rächte sich für seine Strenge und wollte ihm nicht länger beichten … Sie log und alles sprach ihn frei … Er aber – er hatte sich in der That in sie verliebt und gab etwas zu, was nur das Spiel seiner Phantasie gewesen sein mochte … Er sagte: Ich habe sie geküßt!*) … Der Unglückliche schmachtete fünf Jahre in einer Strafzelle der Alcantariner …

Olympia ist ein Teufel! wallte es in Benno auf und es auszusprechen hinderte ihn nur der Gedanke an den Pater Sebastus und den Bruder „Abtödter“, die nach Rom zu den Alcantarinern geflüchtet waren … Lucinde, Bonaventura traten vor sein irrendes Auge …

Die Mutter fuhr fort:

Als Pater Vincente eingeräumt hatte, daß er Olympien im Beichtstuhl küßte, erschrak sie selbst und bereute nun ihre That … Sie schrie und weinte darüber … Sie lief zum Cardinal und warf sich ihm zu Füßen … Sie küßte seine Zehen, was sie immer als Ausdruck der höchsten Schmeichelei für ihn thut, da sie so ausdrücken will, daß ihm die dreifache Krone beim Tod des Papstes nicht entgehen könnte … Sie schwur, daß sie gelogen hätte und bat um die Freilassung des Priesters … Der Cardinal that alles, was in seinen 264 Kräften stand … Aber Pater Vincente verharrte bei seiner Versicherung, er hätte sie geküßt und verdiene seine Strafe … Da war bei seinem General nichts auszurichten … Erst vor kurzem kam uns die Kunde von seinem Schicksal in Erinnerung … Es war die Rede davon, daß neben Fefelotti, der jetzt auf seinem Erzbisthum Cuneo, auch Coni genannt, sich befindet, gerade auch das Bisthum Robillante frei geworden … Man sagte, daß dem „schlechtesten Christen“ eigentlich der „beste Christ“ gegenüberzustellen wäre … Ceccone dachte an einen Beaufsichtiger Fefelotti’s, die andern an einen wirklich heiligsten Priester … Der ist nicht zu finden! hieß es allgemein … Olympia besann sich eine Weile und sagte mit blitzenden Augen: Der beste Priester der Welt ist Pater Vincente bei den Alcantarinern! … Als man staunte, sagte sie : Ich stürzte ihn ins Unglück und er wollte für seine Gedanken büßen! Macht ihn zum Bischof von Robillante! … Man ging auf den Plan ein. Um so mehr, als man erfuhr, daß dieser Bischofssitz in der Heimat des Paters Vincente liegt … Er ist aus dem Thal von Castellungo gebürtig …

Castellungo? unterbrach Benno …

Ein Thal am Fuße des Col de Tende im Piemontesischen …

Das Schloß von Castellungo gehört dem Grafen Hugo, von dem wir eben Abschied nahmen! …

Die Mutter horchte auf und setzte hinzu: Ja, die Gegend ist ketzerisch …

265 Benno’s Gedanken waren auf den „besten Priester der Welt“ – auf Bonaventura gerichtet …

Pater Vincente, fuhr die Mutter fort, die seines hochgespannten Antheils gerade über diesen Vorfall staunte, hatte seine Schuld gebüßt und war vom General seines Ordens längst wieder in seinen alten Stand eingesetzt; noch lebte er im Alcantarinerkloster, schlug aber die Ehre aus … Er sagte, gerade vor jenem Thal von Castellungo wäre er geflohen … So ist der Sitz noch unerledigt …

Vor jenem Thal wäre er – geflohen? … fragte Benno sinnend …

Wir erfuhren nichts davon durch Pater Vincente … Andere erzählten, die Ketzer in jenem Thale hätten sein Gewissen verwirrt … Vorzugsweise ein Eremit – ein Deutscher –

Frâ Federigo! rief Benno … Den Eremiten Federigo kannte er von dem Nachmittag des vorjährigen Sommers, als Benno, Hedemann und Lucinde mit dem Gipsfigurenhändler Napoleone Biancchi zusammentrafen und den St.-Wolfgangsberg erstiegen … Daß Bonaventura auch seinen Vater in dem Eremiten von Castellungo vermuthete, wußte er nicht, wenn er auch selbst zugab, daß Friedrich von Asselyn noch lebte … Die Vision Paula’s von diesem Winter war auch ihm bekannt geworden; aber die Deutung, die ihr Bonaventura gegeben, war von diesem selbst schon aus Schmerz um seine Mutter nicht weiter ausgesprochen worden …

Das träumerisch ausgemalte Bild: Bonaventura – Bischof in jenem Thale, wo Paula vielleicht auf dem 266 Schlosse die Herrin und die Gattin des Grafen Hugo wird –! stand in magisch zauberhaftem Lichte einen Augenblick vor Benno’s Auge … Er sagte:

O ich weiß einen Priester der Erde, der würdig ist, Fefelotti gegenüberzustehen … Einen Vetter von mir, Bonaventura von Asselyn …

Ich nenn’ ihn Olympien und er hat den Bischofssitz … sagte die Mutter …

Olympien! …

Die Mutter wollte beginnen, von Olympiens Leidenschaft und dem Eindruck, den ihr Benno gemacht, zu sprechen … Ihre Rede verhallte im Lärmen der jetzt wirklich erreichten Stadt … Der Wagen durchflog die volkreichste Vorstadt … Schon die vier Rosse allein machten auf dem Straßenpflaster ein Geräusch, das jede Verständigung im Wagen unterbrechen mußte …

Der ganze Schmerz, die ganze Freude des Erlebten fiel noch einmal auf die Herzen der beiden so wunderbar Verbundenen …

Die Herzogin riß an ihren Kleidern, in denen sie Angiolinens Haar verbarg, und rief:

O mein Sohn! Auch ich will nicht mehr leben! …

Dann aber zog sie laut – fast lachend und wieder weinend den Sohn an ihre Brust …

Erschreckend vor den Blicken von Menschen, die hereinsahen, faltete sie die Hände krampfhaft gen Himmel und betete mit den Geberden einer Verzweifelnden …

Das ganze entfesselte Naturell der Südländerin machte sich geltend … Oft schlug sie an die Stirn, 267 als faßte sie nicht, was sie alles in diesen Stunden erlebt hatte …

Benno suchte sie zu beruhigen …

Der Graf, sagte sie, weiß nichts von den Gebräuchen unserer Kirche … Erinnere ihn an die Seelenmessen … Laß sie täglich lesen! … Täglich sehen wir uns dann bei diesen Messen und wären wir beide auch nur ganz allein zugegen … In den Begegnungen mit Olympia und dem Cardinal freilich – unterbrach sie sich …

Mutter! Wenn ich nicht offen deinen Namen bekennen kann, kann ich hier – dir nicht mehr begegnen! rief Benno …

Cäsar –! Cäsar! rief die erregte Frau … Aber, ich ahne, fuhr sie fort, du liebst und hast schon dein Herz vergeben – Es ist wahr, Olympia ist deiner nicht würdig … Sie ist häßlich … Nein, nur wenn sie haßt … Sie ist schön, wenn sie liebt … Sie liebt dich … Sie gäbe den Principe hin … Doch nein, nein … Das darf nicht sein …

Benno sah, daß in seiner Mutter Verstand und Gemüth in stetem Kampfe lagen …

Sie sagte:

Erweise dem Principe die Aufmerksamkeit, ihm heute zu Ceccone zu folgen … Sei klug, sei vorsichtig mit Olympia … Jeder Widerstand erhöht ihren Eigensinn … Jetzt lad’ ich dich nicht ein, in den Palatinus zu folgen … Nicht wahr? … Es war gewagt, daß wir dem Oheim nachkamen? … Olympia hatte keine Ruhe … Der Principe Rucca deckt die Convenienz … Wir 268 haben tausend Verpflichtungen hier … Auch die, daß wir die Vertreter der Heiligen sind … Ich bin nie beim Cardinal … Auch Olympia nie vor andern … Der Cardinal kommt zu uns … Morgen, mein Sohn! … Heute gehst du noch mit dem Principe? … Wir beide sehen uns so, wie wir fühlen – bei Angiolina’s Seelenmetten … Da knieen wir nebeneinander und sprechen, wie und was das Herz will … Das ist auch ein Gebet und – ein Geheimniß kann auch süß sein …

Weiter konnte die aufs äußerste erregte Frau im überhasteten, eines ins andere drängenden Strom ihrer Empfindungen und Worte nicht kommen … Schon hielten die vier in der Stadt zur letzten Anstrengung angestachelten Rosse in der belebtesten Straße Wiens nicht weit von dem „Monte Palatino“ …

Benno hatte ganz bewußtlos geklopft – der Wagen hielt – der Mohr öffnete – Nun mußte er aussteigen … Ein krampfhafter Händedruck – ein Gefühl in ihm: Zum ersten und zum letzten mal – Gruß und Abschied? … So stand er auf der Straße …

Der Wagen flog weiter …

Aus dem Traumreich kaum zu ahnender und doch so wirklicher Erlebnisse kehrte Benno in das rauschende Gewühl einer Stadt zurück, deren Bewohner – mitten unter solchen Verhängnissen – nur an den bunten Anschlagzetteln betheiligt schienen, die die Straßenecken bedeckten und zu Vergnügungen einluden …

Erreicht! Erreicht, was du suchtest! hätte er unter den tausend Menschen ausrufen mögen, die um ihn her gingen – fuhren – auf Rossen dahinsprengten … 269 Eine Schwester gefunden – und so verloren –! … Eine Mutter – Und auch sie? … Auch sie! …

Da stockten seine Empfindungen … Eine unendliche Bangigkeit bemächtigte sich seines Herzens …

Diese Mutter mußte er bewundern um ihres Geistes willen, ihrer Leidenschaft, ihrer Kraft … Und doch – doch trennte ihn etwas von ihr, das er nicht nennen, nicht in klare Begriffe zerlegen konnte …

Sie wünschte aufs entschiedenste die Fortdauer des Geheimnisses … Das konnte er an sich nicht übel deuten … Wie war es auch möglich, daß sie durch Enthüllung sich selbst und ihn so gänzlich in ihren Lebensstellungen veränderte … Aber diese schnelle Hülfe, die sie in der Verstellung, ja in der List fand … Er sollte zu Ceccone … Sollte diesem schmeicheln … Er sollte Freundschaft halten mit dem Principe Rucca und ihn täuschen … Er sollte sich den Launen Olympiens gefangen geben … „Sie ist schön, wenn sie liebt“ … Und er mußte sich, bei aller Wärme seiner Erinnerungen an Armgart, sagen: Ja, wenn sie lächelt, sproßt der Frühling … Er fürchtete sich, ihr wieder zu begegnen …

Ein Grauen befiel ihn, als er am „Stock am Eisen“ vorüberging und, trotz der Lächerlichkeit der Erfindung, des Ahasver gedachte, der hier nach Percival Zickeles einen Nagel vom Kreuz des Erlösers eingeschlagen und dann die ewige Ruhe gefunden haben sollte … Ruhe, Ruhe sollte auch dir nun werden! sagte er … Heute noch solltest du diesen Boden verlassen und entfliehen! … Du kennst deine Mutter … sahst sie –! … Ist es 270 denn möglich, mit ihr im Zusammenhang zu leben … Deutete sie nicht selbst an, daß sie Schonung bedürfen – sie von deiner Seite anerkennen würde? … Deutete sie nicht an, daß ihr die Verbindung Olympiens mit dem Principe unerläßlich schien und du – du nur – störtest? …

Die Vorstellung, daß er hier in Wien nicht länger bleiben konnte, daß er nicht die Kraft besitzen würde, eine solche Rolle der Verstellung durchzuführen, bildete sich ihm klar und fest aus … Und fände sich auch, warf er sich ein, vielleicht die Kraft, so würde die Lust, sie zu üben, fehlen! Die Freude über dich selbst, die Zufriedenheit mit dir bliebe aus … Dein Stolz würde leiden …

So ging er, Trauer und Freude, Heimat und Fremde, Tod und Leben im Herzen, der Herrengasse zu, um ins Camphausen’sche Palais die Unglücksbotschaft entweder zuerst zu bringen oder, wenn sie ihm schon vorangegangen war, sie zu bestätigen … Sein Herz blutete und Alles ging heiter und sorglos an ihm vorüber … Niemand las von seinen Mienen, was er Grausames erlebt hatte … Sein Innerstes erfüllte sich so mit Wehmuth, daß er sich immer entschiedener und fester sagte: Du vermagst diese Kraft des Versteckens mit einem großen Geschick nicht über dich zu gewinnen … Laß alles einen schönen Traum gewesen sein! Fliehe! Reiße dich noch heute los bis aufs künftige! … Der Mutter wird es ebenso sein … In Rom dann –! In Rom! …

In der Herrengasse war das auf dem Schloß des Grafen vorgefallene Unglück schon bekannt …

Benno hatte es dem gesammten mit Bestürzung ihn 271 umringenden Dienstpersonal mit allen Umständen noch einmal zu erzählen …

Mit erstickter Stimme ordnete er die Verhinderungen an, die nöthig waren, um die Gräfin, die jeden Tag eintreffen konnte, vom Vorgefallenen nicht zu jäh zu benachrichtigen …

Die Tischzeit bei den Zickeles war versäumt … Auch würde Benno nicht die Stimmung gehabt haben, an einer gemeinschaftlichen Tafel theilzunehmen … Er begnügte sich mit einem stillen Winkel in einer der schon dunkeln Nebenstraßen am Hohen Markt … Sich verirrend kam er in die Currentgasse … Er kämpfte mit sich, ob er zu Therese Kuchelmeister gehen sollte, der einzigen Seele, die nächst dem Grafen und der Mutter hier wol wahrhaft wie er mitfühlte … Er mußte es aufgeben, aus Furcht – sich durch seine Thränen zu verrathen …

Als er in seine Wohnung zurückkehrte, wurde von den Zickeles aus zu ihm geschickt … Die Unglückskunde hatte sich schon verbreitet … Harry kam dann selbst, abgesandt, wie er sagte, von Theresen, die in Verzweiflung wäre …

Harry erhielt die Mittheilungen, die ihn fähig machten, von jetzt an bis Mitternacht jedem Vorübergehenden oder allen im Theater vor und neben ihm Sitzenden das Neueste mit der Versicherung zu erzählen: Ich war so gut wie selbst dabei! …

Der Chorherr war noch nicht daheim … Es war sechs Uhr, da kam auch Herr von Pötzl voll Bestürzung … Mit und ohne Verstellung zeigte er das hohe Interesse, das gerade er an diesem erschütternden Vorfall zu nehmen 272 hatte … Mancher Charakterzug der so früh Hingeschiedenen vervollständigte das Bild eines Wesens, das an einer innern und äußern Heimatlosigkeit zu Grunde gegangen war …

Benno’s Lage war bei allen diesen Erörterungen die tiefschmerzlichste … Die Frage: Ob Selbstmord oder nicht? wurde in Gegenwart des inzwischen gleichfalls bestürzt heimgekommenen Chorherrn erörtert … Auch der hatte schon die Kunde vernommen … Herr von Pötzl weinte … Sein Taschentuch war über und über naß … Er „verbürgte“ sich für einen bloßen Unglücksfall … Alle Welt kenne ja die Wildheit der Gräfin Maldachini …

Der Chorherr stimmte ihm nicht bei, sondern sagte:

Selbstmord ist die Folge einer lange vorausgegangenen Abwägung der zu tragenden Leiden und der Kräfte, die sie tragen sollen … Ueberwiegt die Summe jener, so hört die Willensfreiheit auf und jeder Athemzug sagt dann mit Seneca: „Die Thür steht ja offen – so geh’ doch!“ …

Pötzl schauderte vor diesem heidnischen Worte …

Der Chorherr sprach von dem Selbstmord eines geistvollen Benedictinermönchs, der sich von der Höhe eines der palastähnlichen Donauklöster in die Fluten gestürzt hätte … Von einem kaiserlichen Censor, auch einem sinnigen Dichter, der sich aus Zerfallenheit mit sich und der Welt getödtet … Er sprach, wie Ludwig Löwe so schön in der Burg als „Roderich“ sagt:

„Und selbst die Träume sind nur Traum!“ …

273 Alle Erschütterung und wehmüthige Betrachtung Pötzl’s schloß bei diesem die Bemerkung nicht aus, daß der Graf in den Entresolzimmern des Casinos wahrscheinlich den Nachlaß von Briefen und „dergleichen“ mit Beschlag belegt, vertilgt und überhaupt wol die Erbschaftsfrage vereinfacht hätte … Benno ging auf diese Gedankengänge, die die der Habsucht waren, ein, um etwas von Angiolinens Ursprung zu hören … Wesentlich Neues erfuhr er nicht ….

Der Bemerkung, daß nun durch eine ebenso überraschende wie schmerzliche Fügung des Himmels die Willensfreiheit des Grafen und das Arrangement seiner Finanzen gesicherter wäre, konnte er sich nicht entziehen – um so weniger, als jetzt auch Leo Zickeles voll Schreck und Staunen kam und die nämlichen Gesichtspunkte brachte …

Pötzl ging und flüsterte Benno ins Ohr:

Noch eins, Herr Baron! … Ich kann Ihnen aus guter Quelle mittheilen, Ihre Anwesenheit erregt Interesse in – den höchsten Kreisen, sage den höchsten … Seine Durchlaucht wundern sich, daß Sie sich nicht bei ihm persönlich gemeldet haben … Stadtrath Schnuphase wird morgen von ihm empfangen werden … Sehr begierig ist man, von Ihnen über – doch ich weiß nichts, als daß der Herr Oberprocurator von Nück hierher geschrieben haben, Sie hätten die Absicht, in diesseitige Staatsdienste zu treten … Da werden Sie ja bald das Nähere erfahren …

Benno horchte staunend auf und lehnte diese Nück’schen Voraussetzungen als völlig unbegründet ab …

274 Pötzl ging klug und schmerzlich lächelnd – mit einer und derselben Miene … Auch Leo Zickeles blieb nicht zu lange … Die Bildung eines Comités zur Unterstützung von Hinterlassenen war hier nicht am Platze … Der Chorherr wurde abgerufen … Sein Blick war voll Trauer, ob er gleich Angiolinen nicht gekannt hatte …

Schon schlug es sieben Uhr … Um acht wollte Fürst Rucca kommen … Es fehlte Benno jede Neigung, heute den Cardinal Ceccone kennen zu lernen …

Entschlossen, sich zur Gesellschaft nicht anzukleiden, ging er mit steigendem Unmuth auf und nieder ….

Da kam der Chorherr eilends mit einem Schreiben zurück, das ihm eben für Benno – aus der Staatskanzlei zugekommen war …

Ein kaiserlicher Rath schrieb: Seine Durchlaucht hätten die überbrachten Briefe empfangen und würden, da der traurige Vorfall von heute bei Seiner Erlaucht dem Grafen von Salem-Camphausen ihm wol ohnehin für seine nächsten Aufträge Muße gäbe, es gern sehen, wenn die von Herrn Stadtrath Schnuphase in Aussicht gestellten mündlichen und die schriftlichen Mittheilungen des Herrn Dr. Nück von ihm ergänzt und bestätigt würden … Seine Durchlaucht erwarteten ihn morgen in der Frühe um zehn Uhr …

Benno betrachtete das überraschende Schreiben von allen Seiten, kaum seinen Augen trauend …

Nun erst haftete er an Pötzl’s Aeußerung: Nück empföhle ihn für den hiesigen Staatsdienst …

Ist denn das eine gewaltsame Entfernung, die Nück über dich verhängt? … Kann er meinem Blick, meinem 275 Verdacht nicht mehr begegnen? … Und darum die stete Aeußerung: Der Domkapitular muß ein Bisthum antreten – in Oesterreich, in Ungarn! … Wohin möchte er uns nicht verbannen, nur um – Lucinden ganz für sich allein zu haben oder weil er fürchtet – wir mistrauten der Urkunde? …

Benno’s nicht minder erstaunter Wirth wünschte ihm Glück und setzte in seiner ironischen, durch einen elegischen Ton gemilderten Weise hinzu:

Es ist nur schade, daß der große Staatsmann die Gewohnheit hat, alles schon von selbst zu wissen … Er sagt, er will von Ihnen lernen und wird Sie nur belehren … Das ist seine Art … Er fängt einen Satz an, Sie wollen ihn ergänzen, Sie rufen: Sire, geben Sie Gedan – – Da haftet sein Auge an Ihren Rockknöpfen und sagt Ihnen, wo in Oesterreich die besten Knopffabriken wären … Sein Hauptgedanke ist jetzt unser Anschluß an den Zollverein, um den Supremat Ihres Staats zu beschränken … Nehmen Sie getrost eine Anstellung – im Finanzfach …

Das muß rasch kommen, erwiderte Benno, denn ich reise vielleicht schon morgen …

Wie? rief der Ueberraschte …

In allem Ernst! …

Das Nichtglaubenwollen des Greises hinderte Benno nicht, zu erklären – Graf Hugo wäre von seinem Unfall zu sehr erschüttert, um mit ihm geschäftlich zu verkehren … Er würde demzufolge seine Reise nach Italien beschleunigen …

Der Chorherr wurde unwillig … Er beklagte, den Abend nicht frei zu haben, um ihm diesen Plan gründ-276lich durch eine Zerstreuung auszureden … Er scherzte und sagte, er würde zu der Italienerin gehen, die heute früh schon um seinetwillen ihr stilles Haus alarmirt hätte und die würde ihn schon festhalten … Wissen Sie denn nicht, welche Connexionen Ihnen für Italien und Rom entgehen? … Die Menschen muß man, gleichviel ob sie gut oder schlecht sind, blos als Material benutzen, um sich daraus das Leben auf seine Weise zu gestalten … Bleiben Sie heute Abend zu Hause, lesen Sie für diese möglicherweise folgenschwere Audienz im Conversations-Lexikon drüben bei mir, machen Sie’s wie die Großen, wenn sie imponiren wollen … Den ersten besten Artikel z. B. über die Muschelkalkversteinerungen lernen Sie auswendig und bringen Sie das Gespräch durch eine einzige geschickte Wendung auf – urweltliche Austern – Sie wissen, die Diplomatie beißt da immer an – und lassen Sie dann einige entsprechende Citate von Cuvier und andern fallen, so sind Sie ein gemachter Mann! Denn man wird glauben, „urweltliche Austern“ wären bei Ihren Kenntnissen das tägliche Brot … Nein, nein! … Der Fürst steht freilich schon, hör’ ich, auf dem Standpunkt des Fertigseins, wo sich ein Großer nach einer Audienz nicht mehr sagt: Wie hat mir der Mann gefallen? sondern: Wie hab’ ich ihm gefallen? … Aber das Ereigniß bleibt darum merkwürdig an sich! … Sie bleiben und nehmen jedes Anerbieten … Unser Curs steht noch leidlich … Einmal fängt man überhaupt an … Gewiß, gewiß! … Ich werde Sie reisen lassen! …

Der Chorherr schloß Benno fast ein …

Es war acht Uhr … In der Ferne hörte Benno 277 das Rollen in den Straßen … Es war wie das Rauschen des Meeres … Nun begannen diese Abende der Geselligkeit … Diese Sicherheit der Lüge und des Zwanges … Mit Herzen voll Trauer können andere lächeln … Wegtändeln sollst auch du solche Lebensbürden! … Sollst morgen – nach diesem Heute? … Nein, wie könntest du, ohne Aufsehen und mit einem triftigen Grund, schnell und ungehindert von dannen kommen? …

Er ordnete seine Effekten …

Da wurde an seine Thür gepocht und der Mohr des Principe Rucca, in weißen Kleidern mit Goldtressen, erschien, um ihn abzurufen …

Der Wagen stünde unten … sagte er in gebrochenem Italienisch …

Benno entschuldigte sich und zeigte auf seine Haustoilette …

Der Mohr verstand nur halb, ging und kam mit dem Principe selbst …

Aber mein Himmel, rief dieser, was ist das! Sie hatten uns ja versprochen – …

Vergebung, Hoheit, ich bedauere – Ich fühle mich nicht wohl …

Aber der Cardinal erwartet Sie ja schon … Sie müssen kommen! …

Benno schützte seine Erschöpfung vor, die Nachwirkung der traurigen Eindrücke des Tages … Auch eine wichtige Einladung auf morgen in der Frühe …

Principe Rucca machte eine Physiognomie, wie ein Kind, dem man ein Naschwerk versagt … Seine rothe gestickte Uniform schien er einen Augenblick zu vergessen 278 … Sein schwarzes Bärtchen wäre ihm ohne Zweifel sonst ebenso wichtig gewesen wie sein großer Stern auf der Brust – das Pflaster hatte er abgelegt – Jetzt zerzupfte er vor einem Spiegel die Feder an seinem Galahut …

Ich kann mich ja nicht sehen lassen! sagte er … Der Cardinal wollte Sie schon mit dem Bisthum überraschen für Ihren – Herrn – Bruder – nicht wahr? … Die Herzogin hat ihm alles erzählt … Die Gräfin hat sogleich an den Onkel geschrieben: Der heiligste Priester der Welt ist gefunden! … Die Sühne für die Existenz eines Fefelotti auf Erden! Der Bruder des Herrn Baron von Asselyn! … O machen Sie keine Scherze … Kommen Sie! … Ich wage ohne Sie nicht zum Cardinal zu fahren … Ihr Bruder soll sogleich nach Wien kommen … Wenn er nur etwas Italienisch spricht, so braucht er nur hier an unserer Kirche „Maria zum Schnee“ dreimal zu celebriren und ist Bischof von Robillante … Das Uebrige findet sich …

Benno blieb bei seiner Weigerung …

Der Principe mußte in seinen Wagen allein zurückkehren … Er ging wie ein Kind, das eine große Strafe fürchtet, und verlangte fast einen Schwur, daß Benno morgen im Palatinus beim Diner nicht fehlte …

In höchster Aufregung blieb Benno zurück … Er hatte an Bonaventura, an den Onkel Dechanten, an seinen Bruder, den Präsidenten schreiben wollen … Nun ging er rathlos in seinem Zimmer auf und nieder …

Es schlug neun … Es schlug zehn …

Da klopfte es heftig am Hausthor und in dem stillen 279 Priesterhause wurde es noch einmal lebendig von einer lauten Stimme, die nach ihm fragte …

Er erkannte Harry Zickeles, der ihm noch einen an sein Haus adressirten Brief von dreifachem Porto brachte …

Ich dachte, daß es Ihnen angenehm sein würde, den Brief bald zu haben – sagte er, als er sich erschöpft niedergelassen … Aber daß Sie zu Hause sind! Wer hätte das erwartet! … Ganz Wien ist voll von dem Unglück mit der armen Angiolina, das Sie erleben mußten … Mein Bruder Percival laßt auf sie eine Ode drucken … Der Graf muß in Verzweiflung sein … Ich war in der Josephstadt … Ein neues „Ausstattungsstück“ … Charmant für die dortigen Kräfte … Aber morgen speisen Sie bei uns? … Nein? … Warum nicht? … O dann kommen Sie den Abend! … Der Laërtes von gestern ist engagirt … Biancchi und Dalschefski arbeiten schon gemeinschaftlich, was sagen Sie! gemeinschaftlich, an einem Requiem für Angiolina … Und haben Sie den Pötzl beobachtet? – Wissen’s, als er bei Ihnen war, hat er unten auf den Leo gewartet und schon von der Erbschaft gesprochen … Nehmen’s Ihnen in Acht vor dem Mann! … Er sagte, Sie erregten in höchsten Kreisen Aufsehen … Man weiß, was bei ihm darunter zu verstehen ist – …

Benno fand nur nothdürftig Zeit, einzuwerfen:

Der Staatskanzler hat mir für morgen früh eine Audienz anberaumt …

Harry traute seinem Ohre nicht …

Er sah Benno mit staunenden Augen an …

280 Bei Seiner Durchlaucht –? wiederholte er, um sich ganz zu vergewissern …

Morgen früh um zehn Uhr …

Diese Thatsache war außerordentlich … Sie bot Chancen für ein geheimnißvolles Beiseitnehmen aller Menschen … Sie bot natürliche Nachwirkungen eines unausgesetzten: Aber der Harry Zickeles weiß es für ganz bestimmt … Es ist von einer Staatsbegebenheit über man weiß noch nicht was die Rede! …

Harry zog vor, sich sofort zu entfernen und seine Neuigkeit noch um elf Uhr nachts wenigstens bei einigen ihm bekannten vorübergehenden Nachtschwärmern und im Salon seiner Aeltern in Umlauf zu setzen …

Für Benno hätte es sonst eine Erquickung gewähren dürfen, einen sechs Bogen starken Brief von Thiebold de Jonge lesen zu können …

Heute – – verschob er es für den folgenden Tag.

281 10.#

Nach einer fast schlaflosen Nacht, nach phantastischen wilden Bildern und gespenstischen Erscheinungen, die ihn um Mitternacht vom Lager trieben, Licht anzünden ließen und zwangen, auf dem Sopha mit gestütztem Haupt sich zu sammeln, nach neuen Versuchen, auf dem Lager Ruhe zu gewinnen und neuen Spukgestalten mit verzerrtem Antlitz, brach kaum der Morgen an, als sich Benno schon erhoben hatte und von der kühlen Herbstluft sein glühendes Antlitz erfrischen ließ …

Noch mochte er im Hause niemand wecken … Sein Herz war voll Fieberunruhe … Er wollte Wien verlassen – durchaus – er dachte sich vielleicht sogar beim Staatskanzler zu entschuldigen …

Ruhe für die Stürme, die in seiner Brust tobten, konnte er in dieser Audienz nicht finden … Die Pein der Zweifel konnte sie nur mehren … Sein Reiseziel war durch ein wunderbares Zusammentreffen aller Umstände in einem einzigen Tag erreicht; was er suchte, war gefunden – es zu besitzen war nicht möglich … In Italien, dachte er, dort versuchen wir eine Form des neuen Daseins zu finden … Er zog seinen Koffer her-282vor und fing ihn zu ordnen an, um zunächst über Triest nach Mailand zu gehen …

Er sah Thiebold’s Brief … Er erbrach ihn in der sicher nicht ungegründeten Besorgniß, der Ton und Inhalt desselben würden zu seiner Stimmung nicht im mindesten passen …

Dennoch las er ihn … Die Buchstaben flimmerten vor seinen ermatteten – im Grunde nur der Thränen bedürfenden Augen …

Thiebold schrieb ganz sorglos:

„Verehrter Freund! Sie werden es für eine meiner gewöhnlichen Redensarten halten, wenn ich Ihnen die Versicherung gebe, daß ich in dieser Stadt nur noch vegetire! Seitdem Sie sich unsern bekannten klimatischen Einflüssen entzogen haben, kann ich keine verspätete Schwalbe und keinen lahmen Storch mehr sehen, ohne nicht von einem unwiderstehlichen Verlangen heimgesucht zu werden, Sie eines schönen Morgens mit meiner Ihnen nicht immer willkommenen Gegenwart zu überraschen … Hätte ich nicht den alten Mann, meinen Vater, bei Beginn der Gansbraten-Saison in seiner Diät zu überwachen und wär’ ich nicht für den Winter, wo endlich wieder getanzt werden soll, breitgeschlagen worden, einige Cotillons zu arrangiren, so würde mich keine Macht der Erde abhalten, selbst Ihr eigener Verdruß über meine Zudringlichkeit nicht, das Schrecklichste der Schrecken wahr zu machen und Sie in Person zu überfallen.“

„Aus Westerhof und Witoborn erfahr’ ich wenig … Mehr aus dem Stift Heiligenkreuz … Siebzehntehalb Freundinnen hab’ ich mir daselbst erworben durch meine Empfänglichkeit für Poesie, Austausch höherer Gefühle, Nichtberechnung der Portospesen für Notensendungen, 283 Parfümerieen, ja selbst Modesachen … Ich sage in meiner Verzweiflung über diesen Reichtum bei jeder Gelegenheit zu Moppes: Sie können versichert sein, bester Freund, das Fräulein von Merwig hat sich in Ihr: «Maikäferlein, flieg’ auf!» verliebt und singt es täglich … Aber ich flicke ihm weder die «Anflickerin» noch eine der übrigen Veteraninnen als Correspondentinnen an … Timpe, Effingh, Schmitz, Niemand nimmt mir diese Velinpapier-Correspondenz ab … Und gerade jetzt, wo der alte Mann, mein Vater, wieder Land steht und in systematischer Opposition macht, gerade jetzt, wo ich mit dem Holzhandel mehr als zur Genüge beschäftigt bin … Sie wissen, welche Empfindungen der Mensch zwischen einem Haufen Buchen- und einem Haufen Eichenholz haben kann!“

„Freilich, damals, als wir, im Winter, hinter zwei Erlen standen! Zwei Procent nur wär’ es gewesen – aber unvergeßlich!!! – – – – – – Malen Sie sich diese Gedankenstriche mit Schiller, Goethe und Nück aus! Nück – das ist ein Skandal – dichtet – und wie! – Keinem Zweifel unterworfen, dieser Mann ist zum Tollhaus reif! … Einen schwarzen Frack trägt er nicht, daran verhindert ihn seines verweigerten Ordens wegen ein Gelübde, aber grün mit Mattsilber, blau mit gelb, sogar rothe Sammetweste mit weißem Atlasfutter … Piter ist nichts dagegen, der übrigens in Paris ganz glücklich verheirathet sein soll.“

„Nück’s Gegenstand ist natürlich Niemand anders, als die Heilige, die einem On dit zufolge das Kattendyk’sche Haus verläßt, weil sie sich mit Guido Goldfinger, jetzt Procura, nicht vertragen kann infolge folgender –“

284Zwei Tage später. Soll ich denn auf die Geschichte zurückkommen? Na! Es war der erste «Abend» nach Piter’s Entführung der Gertrud Ley, dem bekannten Skandal auf dem Römerweg, als von Goldfingers in ihren neuen Räumen eine Gesellschaft gegeben wurde … Rührender Hinblick auf die Zimmer des verbannten Piter, die Treppe, wo das leiseste Knarren ihn schamroth machte, auch auf die früh vollendete Schwester, die Delring – Delring jetzt in Antwerpen etablirt – großes Geschäft – möglicher Ruin von Kattendyks … Kurz, Moppes und Timpe sehr gesprächig … Kamen aus Paris, erzählten von einem neuen Mittel, das Piter gefunden hat, immer noch interessanter zu werden … Statt: Au contraire! mit dem er uns, Sie wissen es, sogar bei Gräfin von Camphausen damals in Angleterre ausstach, statt seines impertinenten ewigen: Im Gegentheil! soll ihm Nück in einem Zornausbruch etwas anderes gerathen haben, um noch interessanter zu erscheinen, nämlich – sich dumm zu stellen … Piter überlegte sich das … Moppes und Timpe haben ihn in Paris besucht, wo er mit seiner kleinen Exnonne glänzendes Haus macht … Richtig, statt nun wie bisher jähzornig aufzufahren und mit: Das verstehen Sie nicht! Im Gegentheil! um sich zu werfen, spielt Piter den von der Liebe Gezähmten, träumerisch und kindlich in dieser komischen Welt Umherirrenden, unbewußt die gewöhnlichsten Gegenstände aus Ueberfülle an Geist Verwechselnden; kurz, wenn von Schinken gesprochen wird, beschreibt er na! ein Thier, von dem man na! einen gewissen Theil seines Körpers mit besonderm 285 Wohlgefallen auswähle und na! durch die Methode des Räucherns roh oder gekocht zu verspeisen pflege und ruft dann die Gesellschaft: Herr Gott, Sie meinen ja Schinken? so sagt er lächelnd sich besinnend: Na ja, richtig! … Kurz er besinnt sich vor Ueberfluß an Geist nur ganz dunkel auf seine alte Köchin Kathrine Fenchelmaus im Hause seiner Aeltern und sagt auch z. B. bei einem Diner prima Sorte, das Moppes und Timpe bei ihm durchmachen mußten: Ich bitte dich, Treudchen, warum ißt man nur diesen Plât da mit der Gabel? … So stellt er sich über alles so unwissend, wie vielleicht in Wirklichkeit sein Fall ist … Aber die anwesenden Fremden schwuren, dies simpelhafte, nirgends mehr Land wissende Wesen müßte eine wahre innere Ueberschwemmung von Geist verdecken und Piter wäre eine der genialsten Offenbarungen unsers sich überlebt habenden und demzufolge wieder von vorn anfangen müssenden Jahrhunderts.“ …

„Doch ich komme von meinem Abend bei Goldfingers ab … Also –“

Zwölf Stunden später! … Mein Brief wird, seh’ ich, endlos … Also denken Sie sich – erstens Lucinde … Sie trug, da die Haustrauer zu Ende ist, in ihrem schwarzen Haar einen Turban von gelbem und rothem Kaschmir mit an beiden Seiten herunterfallenden Perlenschnüren … Nie hab’ ich sie so vornehm und so schlank gesehen … Enganliegendes aschgraues Atlaskleid, gleichfalls mit gelben und rothen Bandschleifen besetzt … Ich habe den Abend fast nichts als Toiletten beobachtet, weil dies nämlich der interessantere Theil meiner Correspondenz mit den Stiftsfräulein ist 286 … Da bei Goldfingers nicht eine einzige Adelige vorhanden war und ich, wie Sie wissen, in Witoborn und Umgegend zum Adel gehöre, so sammle ich ohne alle Anzüglichkeit für mich den Stoff zu einer Menge Fi-doncs und Abscheulichs, die mir aus dem Stift über die hiesigen Farbenzusammenstellungen bei Toiletten zur Antwort werden … Ich bekomme auf die Art das Zeug, ein – förmlicher Kattundrucker zu werden … Getanzt wurde nicht, aber nahe daran kam’s; Nück, zum Stutzer adonisirt, intonirte Moppes’ Maikäferlied und der ganze Chorus fiel ein … Die herzlose Bande hatte die arme Hendrika schon vollständig vergessen und ich, seit Sie fort sind, immer wehmüthig gestimmt, ich verlor mich in dem Grade in Reflexion, daß die Frau Oberprocurator Nück, die bekanntlich in jeder Gesellschaft über Hitze klagt, in den Schatten meiner kühlen Denkungsart flüchtete, ja, daß mich sogar Lucinde als Fächer benutzte gegen Nück, den man allgemein unausstehlich fand …“

Wieder sechs Stunden später … Na ja, mein Alter opponirt richtig gegen die Regierung in Sachen des Kirchenfürsten … Wir werden schöne Späße erleben … Also, wo blieb ich stehen? … Anfangs ging es in unserer gewöhnlichen Cadenz fort: Langeweile, Thee, Langeweile, Klavier, Langeweile, Quartett – Endlich hatte Lucinde, die in ihrem türkischen Staat die bescheidene Magd spielen wollte, beim Serviren einige Teller zerbrochen, auch mehrere Kleider verdorben und mit dem Professor einen Zank angefangen, als dieser, ohne je in Asien oder, wie Moppes sagte, wenigstens im pariser Jardin des plantes gewesen zu sein, behaup-287tete, das Holz der Cedern auf dem Libanon so gut zu kennen, wie deutsches Fichtenholz – denn, sagte er, zu seiner «heiligen Botanik» hätte er vierzehn verschiedene heilige Kreuzpartikeln in Deutschland und der Schweiz gründlich studirt – unser Erlöser wäre auf Cedernholz gestorben …“

„Lucinde, gereizt von den Vorwürfen über ihr Serviren, entgegnete: Entweder sind Sie im Irrthum oder der heilige Bernhard ist es …“

„Wie so? rückte der Professor seine goldene Brille in die Höhe und mochte sich erinnern, daß vorm Jahr eine Etage tiefer Armgart’s Mutter auch sehr schlimm mit ihm gestritten hatte … Terschka erzählte es …“

„Lucinde ließ sich nicht werfen … Zornig, wie sie war, entgegnete sie: Nach dem heiligen Bernhard bestand das Kreuz des Erlösers aus Cedern-, Cypressen-, Oliven- und Palmenholz …“

„Natürlich – mich als Holzhändler interessirte das …“

„Nur Cedernholz! donnerte der Professor, bei allem Respect vor dem heiligen Bernhard …“

„Die Commerzienräthin bat um Unterlassung solcher Streitigkeiten … Sie können sich aber denken, verehrter Freund, daß mich der Gegenstand hinriß … Mein Temperament zwang mich zu der bescheidenen Bemerkung: –“

Wieder einen Tag später! Ich mußte gestern einer Holzauction in Euskirchen beiwohnen! … Mein Alter ist in der Majorität und macht Enckefuß schön zu schaffen … Den Telegraphen kann ich gar nicht mehr spielen sehen, ohne mir nicht zu sagen: Diese Manöver, die die Flügel machen, bedeuten: Stecken Sie nur gleich die 288 ganze de Jonge’sche Familie, Vater und Sohn, zu Loch! … Wo blieb ich gestern? Richtig; ich erlaubte mir die bescheidene Bemerkung, daß die Bauten des Königs Salomo bereits die ersten Grundlagen des Holzhandels, und zwar nach Tyrus, gelegt und bewiesen hätten, daß Palästina und Umgegend wenig Waldung gehabt hätte, demnach also, daß, als drei Kreuze auf dem Berge Golgatha auf einmal gebraucht werden mußten, diese leicht und wahrscheinlicher- und möglicherweise allerdings aus mehreren Holzarten genommen werden mußten …“

„Da die ganze Gesellschaft über diese Bemerkung in ein sehr unpassendes Gelächter ausbrach – was mich verdroß, da ich mir bewußt war, wissenschaftlich gesprochen zu haben, so schnurrte mich der Extraordinäre a. D. an wie ein Kater, betrachtete mich von oben bis unten und machte Miene, als wollte er, um mich zu strafen, auf diese Aeußerung griechisch antworten …“

„Sie wissen, daß ich nie hitziger werden kann, als da, wo ich mich nicht ganz sicher fühle … Und gelehrte Seitenhiebe reizen mich vollends bis zur Tollkühnheit … Moppes, Timpe, Schmitz, Effingh, alle standen jetzt um mich und suchten mich zu beruhigen …“

„Mit maliciöser Zurückhaltung sagte der gelehrte Kerl jetzt lächelnd: Fräulein Lucinde ist so geistreich, daß ihre Erwiderung nur für einen Scherz zu nehmen ist … Sie weiß sehr wohl, die Bemerkung des heiligen Bernhard ist ein Spiel des frommen Witzes und der Phantasie … Der hochgelehrte Mann will an jede Gattung seiner vier Holzarten Betrachtungen anknüpfen … Ohne Zweifel sucht er, ich kenne die Stelle nicht, 289 in den vier Holzarten das Symbol 1) des Lebens – die Ceder, 2) der Trauer – die Cypresse, 3) des Trostes – die Olive und 4) des Friedens – die Palme. Ich habe die feste Ueberzeugung –“

„Weiter kam er aber nicht; denn ich unterbrach jedes seiner Worte …“

„Schweigen Sie! fuhr er mich an, als wenn ich Piter wäre, und als ich ihm ein: Herr Professor! im Ton fast wie eine Maulschelle lançirte, mußte ich erleben, daß dieser niederträchtige Kerl an den Kamin geht, wo ein eiserner Holz- und Kohlenkorb steht, hineinlangt und mir feierlich ein Stück Eichenholz überreicht mit den Worten: Das ist Ihr Fach! …“

„Nun kann ich Ihnen aber doch sagen, daß ich Beistand fand … Wir Kaufleute halten in Einem Punkt unter allen Umständen zusammen – Anspielungen auf unsere Branche sind in dem Grade mauvais gout, daß ich – – “

Wieder einen Tag später! Fast wurde mein Alter in die Deputation gewählt, die nach der Residenz zu Seiner Majestät abgehen soll … Eine schöne Verwirrung hier … Nück hat eine fürchterliche Adresse beantragt, fiel aber damit durch … Enckefuß will ihn vor die Assisen bringen … Nämlich – entre nous – das Gerücht geht, Hammaker wäre für Nück gerade zur rechten Zeit um seinen Kopf gekommen; der Brand und die Urkunde hätten vollkommen die Zweifel verdient, die mich, wie Sie wissen, bei Fräulein Benigna in Westerhof plötzlich in Ungnade und um meinen Adel brachten … Da aber mein Vater in der Kirchenfrage ganz mit der Ritterschaft geht und wir 290 plötzlich so populär sind, daß ich mir des vielen Grüßens wegen einen neuen Hut habe kaufen müssen, so schlug ich auch an dem Goldfinger’schen Abend den Professor vollständig aus dem Felde … Nämlich ich wurde wild und sprach von einer nothwendigen mikroskopischen Untersuchung aller heiligen Kreuzpartikeln durch Professor Liebig und blieb bei meinen viererlei Holzarten und nannte zu Ehren der Beschäftigung mit Holz den Erlöser sogar selbst den Sohn eines – Zimmermanns … Das machte aber Wirkung … Kanonikus Taube erhob sich vom Whist und schlug die Hände über dem Kopf zusammen … Der Professor verzog sich … Seine Gemahlin sprang wüthend ans Klavier und paukte eine neue Tremolo-Etüde … Und nach diesem Abend mußte denn die Commerzienräthin der Lucinde, die allerdings den ganzen Streit angefangen hatte, kündigen und das ist demnach das Allerneueste … Sonst weiß ich nichts, als daß der Domkapitular wieder im alten Ansehen steht … Man spricht von einer Predigt, die die Regierung sehr unangenehm berührt haben soll, über den Text: «Fürchtet Gott, ehret den König!» … Das soll Ihr Cousin so gewandt haben, daß ein Christ Gott zu fürchten, den König aber blos zu ehren brauchte … Erzählt man –! … Ich bin so vollständig wieder Heide, daß ich seit letztem Winter keine Kirche gesehen habe und um so mehr wieder Ihrer persönlichen Anleitung zur Tugend bedarf … Bester Freund – verlier’ ich an Ihnen in Zukunft vielleicht ganz meinen Halt? Man sagt allgemein, Sie gingen unter die Diplomaten! – Das könnte mich veranlassen, Sie wegen mancher höchst bedenk-291lichen vertraulichen Aeußerungen zu mir zu denunciren und steckbrieflich verfolgen zu lassen. Adieu, theurer Freund! Wissen Sie denn auch, daß die alte Gräfin Camphausen hier durchgereist ist, ohne sich nach mir erkundigt zu haben! Postscript. Die Damen Schnuphase lassen ihren Vater bitten, sich nicht zu erkälten! … Von London nichts – gar nichts! … «Ob sie meiner noch gedenkt!» – O! – – – Große Revolution im Männergesangsverein, parteiische Vertheilung der Solis, Sturz des Präsidiums, Austritt der Minorität, Bildung eines Oppositionsmännergesangsvereins … Nächstens besuch’ ich Kocher am Fall … Schreiben Sie bald Ihrem – Unverbesserlichen! – – Compliment auch von Gebhard Schmitz an Herrn Ritter Fuld in Wien «Man waiß schon» …“

Wie lag das alles – nach Ton und Inhalt – dem bekümmerten und fieberhaft erregten Gemüth Benno’s fern …

Er legte den Brief – wehmüthig lächelnd in Thiebold’s Geschenk, das große Reiseportefeuille, das vor ihm aufgeschlagen lag …

In den Andeutungen über Nück, über den Kirchenstreit, Bonaventura’s Predigt lag eine Mehrung der Sorgen … Benno sah voraus, was der Staatskanzler von ihm hören und erläutert wissen wollte … Er dachte an die Scherze mit seinem Bruder … Einen „Posa“ hatte er spielen wollen! … Wie sollte er einem vielleicht wohlwollend Entgegenkommenden eine Seite entgegenkehren, die sich für seine Jugend und unbedeutende Lebensstellung nicht ziemte? … Und doch – verlockend blieb die Begegnung immer! … Unwahr blieb es, wenn er dem Fürsten in allem zustimmte – ihn glauben ließ, daß mit ihm Nück in 292 Uebereinstimmung gehandelt hätte … Er warf sich in die schickliche Toilette voll äußersten Unmuths …

Der Chorherr kam herüber und machte ihm wegen seiner Zurüstungen zur Abreise, die er nun bestätigt sah, ernstliche Vorwürfe …

Sie sind, sagte er fast gekränkt, auf der hohen Flut der Gunst und des Glücks! … Ich schreibe heute dem Dechanten … Gestern Abend war ich bei einer Anzahl alter Freunde und Freundinnen Ihres Onkels … Alle wünschen, Sie zu sehen … Und nun bekommen Sie – das Kanonenfieber … Von einem vernünftigen Posa heißt es nicht: Nach Munkatsch! sondern: „Der Ritter wird künftig unangemeldet vorgelassen!“ …

Zur Mehrung der Verlegenheit, zur Schärfung der Vorwürfe des Chorherrn kam der Mohr des Prinzen Rucca, brachte eine wiederholte Mahnung, um vier Uhr das Diner nicht zu vergessen und schlug aus einem Rosaseidenpapier ein prachtvolles Bouquet, das aus dem Palatinus ihm von Altezza Amarillas oder von Excellenza Contessina geschickt wurde … Der Absender blieb unaufgeklärt – selbst gegen ein überreiches Trinkgeld … Es war ein mit italienischer Kunst gewundener Blumenstrauß von weißen Camellien, in der Mitte ein Herz von Pensées …

Pensez-à-moi! scherzte der Chorherr und verließ Benno mit dem satyrischen Zublinzeln, daß er sich wol hüten würde, einen Boden zu verlassen, wo ihm jeder traurige Eindruck so hold und vielversprechend verwischt würde …

Die weißen Camellien konnten nur der Gedanke seiner 293 Mutter sein … Aber den Muth, einem jungen fremden Mann überhaupt Blumen zu schicken, flößte ohne Zweifel nur die junge Gräfin ein … Ihr Verlangen nach ihm schien keiner Beherrschung mehr fähig …

Gegen zehn Uhr nahm Benno einen Fiaker und fuhr in die Staatskanzlei …

In einem Gewirr größerer Gebäude, die in winkeliger Zusammenstellung allen Jahrhunderten angehörten, hier an die Babenberger, dort an die Zeit der Maximiliane, da an Kaiser Joseph erinnerten, liegt ein Haus mit mäßiger Fronte, einladend nur durch seine nach den Basteien hinaus gerichteten Seitenfenster …

Der Wagen hatte sich pfeilgeschwind durch diese Winkel und kleinen Plätze hindurchgewunden … Benno stieg aus … Bereits ein zweiter Miethwagen stand vor dem Portal …

Der Minister wohnte im ersten Stock …

Ein großes dunkles Vorzimmer wurde durchschritten … Dann kam man in ein lichteres, das eine schöne Aussicht auf die belebten Umgebungen der Stadt und den Volksgarten bot … Hier hatte der Angemeldete sich aufzuhalten …

Benno traf, wie er erwartet und gefürchtet, mit Schnuphase zusammen …

Herr Maria stand unter dem Druck seiner „hochgespönten“ Nerven … Vom Sperl, aus Döbling, aus Hietzing, von allen möglichen Zerstreuungen, die die Tuckmandls und Pelikans ihrem Gastfreund trotz der Wundermedaillen und Paternostervereine bereiteten, erschöpft, schnappte und schnalzte er nach Luft … Jetzt, 294 beim Anblick des Barons von Asselyn, hob sich ihm etwas die Brust vor Freude und Ueberraschung … Der Gruß des Herrn Thiebold de Jonge und die Mahnung an seine Leibbinden rührten ihn …

Jedes Knarren einer Thür unterbrach die Mittheilungen …

Benno war wie in einem Traum … Er wußte nicht, wie er hierher gekommen … Um seine Aufregung zu verbergen, fragte er scherzend:

Werde ich jetzt erfahren, welches Ihre geheime Mission war? …

Schnuphase hob seine weißen Handschuhe gen Himmel …

Da öffnete sich die Thür …

Schnuphase verbeugte sich bis zur Erde …

Der Eingetretene war noch nicht der Beherrscher aller europäischen Cabinete, sondern jener Hofrath, der an Benno geschrieben hatte …

Die leutseligste Anrede von der Welt berichtigte Schnuphase’s Irrthum …

Der Herr Hofrath wandte sich an den Herrn Baron von Asselyn und entschuldigte Seine Durchlaucht, die noch einen Augenblick verhindert wären …

Herr Stadtrath Schnuphase –? …

Zu Dero –! …

Die Kiste ist angekommen …

Zu Dero –! …

Zum ersten Mal in Wien? kehrte der freundliche Herr zu Benno zurück …

In dem Augenblick wurde Stadtrath Schnuphase durch 295 einen Bedienten abgerufen … Nach einer Thür zu, die eben da wieder hinausführte, wo er hereingekommen war …

Schnuphase flog und taumelte mehr, als er ging …

Mit einem, wie es schien, stereotypen, an die „Gemüthlichkeit“ Pötzl’s erinnernden Lächeln, halb prüfend, halb zerstreut, setzte der hohe Beamte sein Examen über Benno’s erstmalige Anwesenheit in Wien fort … Bei völliger Bekanntschaft über die Zwecke der Anwesenheit des jungen Mannes kam er auf den gestrigen „grausamen“ Unfall mit dem „Fräulein von Pötzl“ … Das, was ihm, wie er sagte, ihr Pflegevater selbst schon erzählt hatte, konnte Benno bestätigen … Es folgte das herzlichste Bedauern und die Mittheilung, daß einige Wochen lang für die arme Seele in „Maria zur Stiegen“ würde gebetet werden …

Eine Klingel ging …

Der Diener von vorhin öffnete eine andere Thür …

Mit einem: Ich hab’ mich sehr gefreut! und dem innigsten Händedruck wurde Benno von dem zuvorkommendsten aller Epigonen jener Gesellschaft, die der überfliegende Don Carlos mit dem Wort bezeichnet: „Da wo Ihre Domingos, Ihre Albas herrschen!“ an die Thür begleitet …

Noch zwei Zimmer und der unfreiwillige, von dem System des Staatskanzlers sonst mit jugendlicher Idealität urtheilende, jetzt wie ein geknicktes Rohr sich ihm nähernde – Posa stand vor dem neuen – Don Philipp …

Der Gefürchtete war an Wuchs etwas kleiner, als 296 Benno … Schmächtig, ebenmäßig gebaut, mit feinen, geistvollen Zügen … Die Stirn breit und hochgewölbt … Die Augen blau, die Nase mäßig gebogen, die Farbe der nicht schmalen Wangen blaß … Die Lippen durch lange Gewöhnung – auch die Ehe macht Ehegatten ähnlich – fast habsburgisch geworden, doch abwechselnd belebt von Ironie … Besonders auffallend blieb die schöne, wenn auch stark gerunzelte Stirnfläche, mit weit auseinander liegenden Augenbrauen … Das Haar schon ergraut und mit erzwungener Jugendlichkeit geordnet … Die Sprache nicht leise, etwas unverständlich … Benno wußte, daß der Staatskanzler am Gehör litt …

Die freundlichste und herablassendste Begrüßung …

Man setzte sich … Nebenan hörte man ein Klingen von Gläsern … Benno staunte … Jedenfalls war Schnuphase auf der Höhe seiner Mission …

Der Fürst ergriff eines von den eleganten großen und kleinen Büchern, die auf einem Tisch vor dem kleinen Kanapee lagen, steckte die Finger in die Blätter, klopfte in leichtem Taktrhythmus auf den Tisch und begann in geschmeidiger, fast zu regelrechter Rede alle ostensiblen Veranlassungen für Benno’s Anwesenheit in Wien herzuzählen … Dem Schmerz des Grafen Hugo, der zufälligen persönlichen Anwesenheit des Herrn von Asselyn bei dem Unglück mit Angiolina Pötzl trug er mit unverstellter Theilnahme Rechnung … Dann kam er auf den Oberprocurator Nück, mit dem er seit Jahren „immer sehr gern zu thun“ gehabt hätte, auf die Empfehlungen, die ihm „Doctor Nück“ über Herrn von Asselyn und dessen Wünsche gegeben …

297 Wünsche?! loderte es in Benno auf und sofort begann er auch:

Euer Durchlaucht wollen entschuldigen – …

Ohne jedoch Zeit zu bekommen, irgend auch nur die einfachste berichtigende Aeußerung zu thun, hörte er den Fürsten sogleich auf den ihm von Wien her, ja schon vom „Parterre der Könige“ in Erfurt sehr wohl bekannten Dechanten zu Sanct-Zeno übergehen; selbst Bonaventura war ihm genannt worden … Des Fürsten Familie stammte selbst aus der Gegend von Kocher am Fall …

Die Aeußerung, die der Staatskanzler auf die für Bonaventura gebrauchte Bezeichnung: Er wird ein Heiliger genannt! sofort folgen ließ, war charakteristisch …

Ich wünschte wol, sagte er, der Adel folgte überall solchen Beispielen und nähme sich wieder etwas mehr der Kirche an … Seitdem die Pfründen schmaler geworden sind, hat man sie nicht mehr für die jüngern Söhne der Familien so aufgesucht, wie selbst noch in meiner Jugend Sitte war … Sagen Sie, würde Ihr Kirchenfürst den Muth gehabt haben, so für seine geistliche Pflicht aufzutreten und würde er mit soviel Glanz sein Martyrium durchführen, wenn ihm nicht sein Zusammenhang mit dem Adel des Landes zu Hülfe käme? … Der Uebergang der geistlichen Stellen nur an Bürgerliche öffnet jenem kleinen Ehrgeiz zu sehr die Bahn, der mit Intrigue verbunden ist … Dem Emporkömmling wird ja nie genug zu Theil …

Wenig Verbindungsglieder fehlten hier und die Gedankenreihe war bei den Jesuiten angekommen, die 298 der Staatskanzler haßte … Doch unmittelbar flocht sich die Bemerkung ein:

Ein reizendes Geschöpf, diese Angiolina! Ich kann nicht glauben, daß sie sich selbst den Tod gegeben hat … Sie wurde zornig über die, die ihr vorreiten wollten, und überschlug sich … Jetzt ist’s freilich eine freiwillige Handlung – ein Poëm, sagte man gestern … Romantik und leider oft auch Logik machen sich sehr oft erst durch den Zufall ex post, gerade wie der Witz … Manche Leute, die ich positiv als dumm kannte, galten auf diese Art für gescheut … Weil sie immer schnell bei der Hand waren, einer zufälligen Wirkung eine prämeditirte Absicht unterzulegen … Das wissen Sie gewiß, es gibt einen Humor der Thatsachen … Viele Staatsmänner haben sich Jahre lang damit erhalten, den glücklichen Zufall sogleich für ihre Absicht auszugeben … Besonders sind in diesem wohlfeilen Klugseinwollen die Politiker Ihres Staates – Bitte, Herr Doctor Nück schreibt mir, Sie wollten daselbst keine Carrière machen – Erzählen Sie mir doch von der dortigen Sachlage, Herr von – Sagen Sie, sind die Asselyns nicht eigentlich italienischen Ursprungs? …

Benno hätte durchaus erwidern mögen, daß sich Nück in den Motiven seiner Reise nicht an die Wahrheit gehalten hätte, hätte alles erzählen mögen, was zur Erleichterung der heimatlichen Schwierigkeiten dienen konnte, mußte aber jetzt nur der gestellten Frage antworten und sagen:

Doch nicht, Durchlaucht! Friesischen Ursprungs …

Sie sollen aber das Italienische à perfection sprechen … fiel der Fürst sogleich ein …

299 Ich wollte zunächst Italien sehen, um mich in der Sprache zu vervollkommnen und alte Studien wieder aufzunehmen – …

Die italienische Sprache ist schwerer, als man anfangs glaubt, unterbrach der Fürst, der seine eigenen Gedankengänge festhielt … Sie ist ebenso falsch und tückisch wie die Italiener selbst … Man glaubt mit der Grammatik auf dem besten Fuße zu stehen et dun tour de main on a perdu tout son latin … Wo studirten Sie? …

Benno nannte die betreffende Universität …

Der Staatskanzler warf einen der ihm eigenen Augenblitze, die den für gewöhnlich milden, ja matten Ausdruck seiner Augen unterbrachen, scharf und bestimmt zu dem jungen Mann hinüber und hatte jedenfalls eine Rüge der deutschen Universitäten im Sinne, sprach aber doch:

Sie sind Jurist … Arbeiteten bei Dr. Nück in der – Apropos, die Gräfin Paula von Dorste ist ja clairvoyant! … Wie sich das in Wien ausnehmen wird, bin ich begierig … Ein eignes Kapitel, die Clairvoyance! Ich habe sie in allen Stadien kennen gelernt … Auch in ihrer Verbindung mit der Politik – und gerade bei Ihren aufgeklärten Staatsmännern! … Fürst Hardenberg war ganz in die Hände der Pythonissen gerathen und hat auch, glaub’ ich, aus diesen Quellen seine Begeisterung für die Freiheit Griechenlands in Verona geschöpft … Die Verbindung mit der Religion ist mir weniger geläufig, aber unsere Salons sprechen davon mit Andacht … Leider wird mit dem ersten Kind diese neue Quelle der Unterhaltung für Wien verloren sein … Ihre Heimat 300 ist ein seltsames Land, Herr von Asselyn, kernhaft jedoch und voll aufrichtiger Sympathie für uns … Wir haben davon täglich Beweise … In unserer Armee sowol wie im Klerus … Kennen Sie die Aebtissin Scholastika? … Eine Tüngel-Heide! … Es gibt mehrere Linien der Tüngels? …

Schon griff der allein Redende zum kleinen goldschnittgebundenen genealogischen Kalender, der auf dem Tische lag … Er suchte die Tüngel-Heides und die Tüngel-Appelhülsens …

Nebenan klangen die Gläser …

Benno beobachtete nur und – resignirte sich schon …

In Ihrer Provinz lebt noch fest und sicher die Ueberzeugung, fuhr der Fürst im Umblättern fort, daß es in jeder Politik nur Erhaltung oder Umsturz gibt … Die Reform soll uns heilig sein, ja! aber sie muß aus den Elementen der Erhaltung und für die Erhaltung hervorgehen … Nach Napoleon’s Verwüstung des Bestehenden konnte und durfte nichts Anderes kommen … Selbst Napoleon fing zuletzt an zu erschrecken vor einer täglich sich mehrenden Lust an Neuerungen … Unter dem Zeitalter der Revolution haben die Völker zu viel gelitten … Sie bedürfen auf hundert Jahre der Erholung … Ich weiß nicht, was dann kommen wird, aber meine Aufgabe war, Halt zu gebieten und ich glaube, die nach mir kommen, werden noch lange dieselbe Nothwendigkeit einsehen … Ich gebe das sehr gern den jetzigen römischen Ansprüchen zu: Es ist auch so mit der Kirche … Die schwarzen Herren hören freilich nicht gern, daß der Fels, auf den die Kirche gebaut wurde, irdisches Ma-301terial ist so gut wie jede andere Steinart und daß einst eine Zeit kommen wird, wo die Philosophie sich verbreitet, wie das Klavierspielen schon jetzt bei unsern reichen Bauerntöchtern im Salzburgischen – Aha! Da! – „Die Tüngel-Appelhülsens. Wappen: Die geschlängelte Schaale eines Apfels“ – Falls das nicht – glauben Sie nicht, Herr von Asselyn, ursprünglich eine Schleife war? Auch so ein Witz – ex post? … Da sind ja die Camphausens! … Zwei Linien – Seltsam! … Bei uns lebt die protestantische und Gräfin Erdmuthe ist sogar eine gefährliche Fanatikerin … Der Graf wird den Militärdienst quittiren … Und – – Ja, der religiöse Riß in Deutschland wird oft beklagt – ich schätze ihn … Deutschland kann nur durch das Gleichgewichtssystem bestehen … Das hab’ ich immer befördert und ohne Rückhaltsgedanken … Der Zollverein gibt ein zu einseitiges Uebergewicht … Sie kamen mit dem Herrn Stadtrath Schnuphase? …

Ich reiste nur zufällig mit ihm …

Doctor Nück schickt mir durch Sie alle Tabellen Ihrer Weinversteuerung, an der ich, wie Sie wissen, persönlich betheiligt bin … Die Centralisation der Interessen Deutschlands ist nicht möglich … Schon die natürlichsten Lebensbedingungen, Essen und Trinken, beruhen auf disparaten Organisationen … In Frankreich, Spanien, Italien sogar, dem ich sonst doch jede andere Einheit absprechen muß und das ich nur für einen geographischen Begriff halten kann, hat die Lebensweise eine und dieselbe Bedingung … Nehmen Sie aber unsere Verschiedenheiten! … Die barocke Abwechselung schon unseres – Brotes allein! … Wie verschieden die Charaktere des 302 Weins am Rhein und an der Donau … Vom Trank der Gerste gar nicht zu reden … Man glaubt es mir nicht, aber ich bin gegen ein Uebermaß von Uniformirung … Ich hasse den Josephinismus – nicht seiner Aufklärung wegen – behüte, nein! – sondern deshalb, weil er am Ende doch nur den absoluten Polizeistaat proclamirt … Der absolute Polizei- oder Beamtenstaat kann zuletzt nur zur constitutionellen Monarchie führen, d. h. zur legalisirten Revolution und Republik …

Die Phantasie Eurer Durchlaucht überspringt große Intervallen! sagte Benno mit Entschiedenheit …

Geb’ ich zu – erwiderte der Minister und ließ wieder einen jener scharfen Blicke auf Benno hinstreifen … aber darin denk’ ich ganz wie die Kirche … Gutta cavat lapidem … Apropos, was sagt der Graf Camphausen von dem sogenannten Baron von Terschka? … Der Mensch ist in London Protestant geworden und der intimste Freund der italienischen Emigration … Ein Ex-Jesuit – sagt man sogar – aber entre nous

Benno berichtete von dem ihm so verhaßten Namen, was er wußte, und wagte, angeregt von den Worten seiner Mutter, die Bemerkung:

Die größte Gefahr des Stabilitätssystems droht nicht unmöglich von Italien und Rom selbst …

Sie meinen, daß die Zeiten des Cola Rienzi wiederkehren? lächelte der Fürst, nahm ein großes Kupferwerk, das vor ihm lag, schlug die Abbildung einer Burg auf und zeigte sie seinem Besuch mit den Worten:

Sehen Sie da die Burg in Böhmen, auf die Cola Rienzi flüchtete, als seine Zeit in Rom vorüber war! … Zu uns! Nach Böhmen! … Ja, fuhr er dann 303 fort, die Italiener sind allerdings die elendeste Nation von der Welt und zu allem fähig! Diese Nation wird den Monarchen, von denen sie regiert wird, und uns allen in Europa noch viel zu schaffen machen, sie wird conspiriren, morden, vielleicht ein vorübergehendes Glück gewinnen, von einzelnen Mächten vielleicht begünstigt werden, von England, das für seine Waaren sich einen Absatz in Sicilien und Neapel zu verschaffen sucht – aber elend wird alles nach kurzer Zeit zusammenbrechen … Wie Barbarossa werden wir dann die Städte in Asche verwandeln müssen! Wir werden den Pflug darüber hingehen lassen und Salz aussäen müssen, um eine neue Erde zu schaffen … Das Salz werden deutsche, ungarische, böhmische Colonieen sein, unsere Sitten, unsere Verbesserungen, unsere Bürgschaften polizeilicher Ordnung … Zurückrufen werden die Elenden uns dahin, wo sie uns verjagten, um nicht von ihren eigenen Landsleuten gemordet zu werden … Gemordet von ihren neuen Häuptern … Lesen Sie die Geschichte! … So ging Crescentius unter … Cola Rienzi flüchtete … Was wollen Sie von einer Nation erwarten, wo alles käuflich ist! Wo die Furcht jeden zum Verräther macht! Wir haben alle Conspirationen in der Hand … Von jeder Carbonarologe besitzen wir die Namen … In Turin regiert ein Fürst, der als Kronprinz Carbonaro war … Als er den Thron bestieg, lieferte er uns sämmtliche Listen der Venditas aus … Ich zweifle nicht, daß er wieder als Carbonaro endet … Lassen Sie Krieg kommen – behalten wir Herrn Thiers noch lange am Ruder Frankreichs und will sein Schüler, der Herzog von Orleans, sich die Sporen verdienen, so 304 haben wir vielleicht Krieg und mit schwankenden Erfolgen … Wir sind heute geschlagen – aber von dem Tag an, wo die Italiener dankbar und einig sein sollen, rufen sie wieder die Deutschen zurück und geben uns die alte eiserne Krone … Dies Italien! Sie müssen es kennen lernen, Herr von Asselyn! Sie wollen dort hinreisen? Wollen Sie es bequem, so mach’ ich Ihnen den Vorschlag, Depeschen nach Rom zu übernehmen – Freilich da müßten Sie sogleich und in diesem Augenblick reisen … Würde Sie das hindern? … Nück schrieb mir, fuhr der Fürst fort, die Verlegenheit und aufwallende Röthe der Freude im Antlitz des jungen Mannes bemerkend – Sie wollen eine politische Laufbahn antreten …

Durchlaucht – nein! sagte Benno fest und bestimmt … Der Gedanke: Da erlöst dich ja das Geschick im Nu! ließ ihn mit funkelnden Augen zustimmen …

Sie meinen, Ihre Grundsätze sind noch zu jugendlich? Sie opponiren noch? Mein lieber junger Freund, die Staatskunst muß es machen, wie die Kellerei mit den Weinen … Liegen die Fässer zu lange, so müssen sie aufgefüllt werden … Alte Jahrgänge mit jungen … Sie haben ohne Zweifel die Calamität gehört, die sich auf meinem Weinberg zugetragen? … Ein nachlässiger Küfer hat sieben der besten Stück nicht aufgefüllt und nun sind sie Alterationen des Entwickelungsprocesses ausgesetzt – Dergleichen muß geheim bleiben … Bitte … Da Sie aber mit Herrn Stadtrath Schnuphase gereist sind – …

Der Fürst öffnete die Thür und machte Benno zum Zeugen einer wie es schien sehr ernst genommenen Scene … Ein feingekleideter, wohlbehäbiger älterer 305 Herr, ohne Zweifel der Kellermeister des Fürsten, saß mit Schnuphase an Einem Tisch … Vor ihnen eine Reihe kleiner Flaschen, die mit Zetteln beklebt waren … Einige Dutzend Gläser standen in der Nähe, um nacheinander gebraucht zu werden, da der Duft des Weins sich in jedem gebrauchten Glase zu lange erhielt und eine Aufgabe erschwerte, die die zu sein schien, die Mischungen und Auffüllungen aufs strengste zu unterscheiden …

Schnuphase und der Kellermeister waren aufgesprungen … Letzterer mit zwei Gläsern in der Hand, die prüfendste Miene in den gerötheten Gesichtszügen … Noch schienen Zunge und Nase nur mit Geschmack und Duft beschäftigt … Schnuphase stand mit seinem „Glöse“ ganz „Extöse“ … Der Duft, das Probiren, die Situation, die Nähe des größten Mannes der Zeit, die Satisfaction vor Benno, alles war ihm zu Kopf gestiegen …

Es wird wol nicht anders gehen, bemerkte der Fürst, man muß unserer Verwaltung, die an dem Versehen ohne Schuld ist und den Küfer entließ, Recht geben und „Dorf“ oder „Berg“ zur Erkräftigung des „Schloß“ wählen? … Ganz wie Ihr jungen Staatsneuerer ja wollt! … Gern adoptiren wir Euer junges Blut! … Oder beides? wandte er sich …

Schnuphase stand wie ein Retter des europäischen Gleichgewichts, obgleich er nahe daran war, das eigene zu verlieren … Das Nippen an jedem dieser Gläser, das Streiten und Aeußern entgegengesetzter Zungenwirkungen, die wiederholt erprobt werden mußten, hatte ihn bereits zum Opfer des in ihn gesetzten Vertrauens gemacht …

Der Fürst billigte jede Entscheidung der gemeinschaft-306lichen Berathung und ordnete an, daß auch beim heutigen Diner, wo Kenner der Weinblumen des Rheines entboten wären, die Proben servirt und einem Verdict derselben unterworfen würden … Die maßgebendste Stimme behielten die beiden anwesenden Herren selbst und lieb wäre es ihm, sagte er, schon von ihrer schnellen Meinungsvereinigung zu hören … Der Gegenstand war hochwichtig … War für die nächste Auction irgend im Ruf der vernachlässigten Fässer etwas versehen und verbürgten sich nicht die ersten Zungen für die volle Integrität des Gewächses, so konnten dreißigtausend Gulden auf dem Spiele stehen …

Es thut mir leid, sagte der Fürst in freundlicher Laune beim Zurückkehren in das vorher von ihnen eingenommene Zimmer, daß ich meine Einladung, mein Gast zu sein, nicht auch an Sie richten kann, Herr Baron! Die Aufgabe, die ich Ihnen vorschlage und der Sie, wenn auch nur Ihrer Reisekasse wegen, da Sie doch nach Italien wollen, sich immerhin unterziehen sollten, bedingt eine sofortige Abreise … Um fünf Uhr Nachmittag geht die Eilpost … Sie brauchen sich nur der Post zu bedienen … Von Triest aus müssen Sie über Ancona zur See … Das ist unerläßlich … Nach einem halben Jahr kommen Sie auf demselben Wege – ich meine, ohne Ihrer eigenen Kasse wehe gethan zu haben – zu uns zurück und ich werde begierig sein, Ihre römischen Eindrücke zu vernehmen, falls Sie nicht vorziehen sollten, sie mir sogleich direct oder an die Allgemeine Zeitung zu schicken … Wählen Sie für erstern Fall die Adresse eines unsrer Großhandlungshäuser … 307 Versteht sich, bald diese, bald jene … Die Depesche händigt Ihnen der Herr Hofrath ein, mit dem Sie vorhin gesprochen haben … Man soll Sie zu ihm führen! … Glückliche Reise! Frohes Wiedersehen! …

Der Fürst klingelte …

Damit war die Audienz beendet …

Es war Benno, als konnte er nicht von der Stelle … Er hatte nicht widersprechen, hatte bei seiner Jugend, seiner gedrückten Stimmung überhaupt nur hören, – wenn er sprach, nur Nücks Empfehlungen ablehnen wollen …

So aber hundert angelegte Fäden – und nicht ein einziger ausgeführt! …

Jetzt verstand er, was man „Treppenwitz“ nennt … Demosthenische Reden blieben auf seiner Zunge liegen … Was mochte er nicht alles gesprochen haben! … Dicht am Weltrade stand er … Wie ein donnernder Wassersturz mußte ihm die Triebkraft erscheinen, die dies Rad in Bewegung setzte … Noch blieb er wie von einem unsichtbaren Sprühnebel umrieselt und betäubt …

Aber ein Diener folgte ihm und führte ihn schon zu dem Hofrath …

Sie mußten noch eine Treppe höher steigen …

Sollst du – oder sollst du nicht? …

So stand er eine verhängnißvolle Secunde und sagte sich: Eine Gunst des Geschicks! … Die Uebernahme dieser Verbindlichkeit verpflichtet dich zu nichts … Du hast einen triftigen äußern Grund, vor Situationen zu entfliehen, die sich jetzt noch nicht von dir durchleben lassen!

308 So trat er in ein düsteres Zimmer …

Hier wurde ihm die Depesche, ein einfach versiegelter großer Brief eingehändigt …

Am besten trägt man das in einer kleinen Tasche, sagte der freundlichste aller Hofräthe, aber an einem Riemen! … Haben Sie die Schnalle immer hübsch vorn auf der Brust! … Schließlich hält das auch noch den Leib warm … Für die Seefahrt gut … Die Reisekosten sind für acht Tage berechnet, für jeden Tag zehn Dukaten … Sie bekommen eine Anweisung auf die Cassa, Herr von Asselyn! … Bitte! Nehmen Sie! … Hier ist sie! … Damit Sie keine weitere Mühe haben, werden wir einen Platz im Coupé reserviren lassen … Sie zahlen ihn dann bei der Abfahrt … Habe die Ehre, eine glückliche Reise zu wünschen! …

Benno reiste als Courier … Eine unverfängliche Gefälligkeit … Er nahm die Depesche, die Anweisung … Er ließ sich einige Zimmer weiter achtzig Dukaten zahlen …

Das Ablehnen dieser Summe würde wunderlich erschienen sein und den Auftrag leicht rückgängig gemacht haben …

Beim Verlassen des Palais fand er die Treppe belebt …

Boten, Jäger, Diener liefen hin und her …

Zwei Lakaien in auffallender Livree eilten hastig an ihm vorüber …

Hinter ihnen schritt langsam die Treppe herauf mit schwebendem Gang und einer lächelnd um sich blickenden Sicherheit eine hohe, breitschultrige Gestalt in fremdartig 309 priesterlicher Tracht … Hinter ihm zwei andere, ebenfalls Priester …

Benno empfing aus einem stark gerötheten Antlitz einen Blick des holdseligsten Grußes …

Er trat zur Seite und erfuhr, daß es Cardinal Ceccone gewesen, der an ihm vorübergeschritten …

Sein freundlicher Blick war ihm wie der Stich eines Messers … Wenn ihn etwas aus Wien vertrieb, hätte nur noch diese Begegnung gefehlt … Der üppigste Triumph, verbunden mit dem Schein der holdseligsten Demuth und wieder mit den unauslöschlichen Merkmalen einer schon von der Natur in den Augen, ja in den Ohren vorgezeichneten List …

Welche Begegnung jetzt drinnen zwischen zwei nur äußerlich verbundenen Principien … Der Fürst, der die Jesuiten haßte, der Cardinal, der auf seine alten Tage unter dem Druck der Frauen die „Freiheit Italiens“ anbahnte … Wie unfertig, wie halb, wie überlebt erschien ihm alles nach dieser Audienz … Wie wehte ihn der Odem Gottes mit neuen, den Völkern und dem Jahrhundert verheißenen Offenbarungen an …

Am Portal sah Benno die beiden Miethwagen in bescheidener Entfernung und hatte noch Zeit nöthig, sich zu besinnen, wohin er fahren wollte …

Schnuphase kam, begleitet vom Kellermeister … Ersterer hatte alle Ursache, dem kräftigen Arm zu danken, der ihn hielt …

Die Aufforderung, in der „Stadt Triest“ ein gemeinschaftliches Mahl einzunehmen, lehnte Benno ab, 310 fuhr auf den Kohlmarkt und kaufte sich zunächst – die bewußte Reisetasche …

Zu Hause angelangt, schrieb er an den Principe Rucca einige Zeilen und bedauerte seine plötzliche Abreise nach Rom, behielt jedoch das Billet bis um vier Uhr, wo man ihn erwartete, noch zurück …

Lange kämpfte er mit sich, ob er seiner Mutter schreiben sollte … Er konnte nicht anders … Doch drückte er sich in einer Weise aus, die so unverfänglich war, daß sie jedermann lesen konnte …

„Herzogin!“ schrieb er. „Ich erhalte soeben einen Auftrag vom Fürsten Staatskanzler, der mich zwingt, augenblicklich abzureisen! Ich reise nach Rom und hoffe Sie dort in nicht zu entfernter Zeit zu begrüßen. Wien ist kein Ort, wo die Trauer einen andern Raum findet, als vor den Altären seiner Kirchen. Gedenken Sie in «Maria zur Stiegen», wo die Seelenmetten Angiolinens gehalten werden, unserer Rückfahrt von jenem Hause des Schreckens … Die dunkeln Tannen, die es beschatten, werden selbst im schönen Italien so lange vor meinen Augen stehen, bis ich Sie wiedersehe … Benno von Asselyn.“

Von Olympia sprach er in beiden Briefen kein Wort … Auch des Straußes, der vielleicht von Olympia kam, mochte er keine Erwähnung thun …

Der Chorherr blieb über die schnelle, nun freilich motivirte Abreise im höchsten Grade verdrießlich … Unbekannt mit den Empfindungen, die Benno von dannen trieben, schrieb er sie lediglich auf Rechnung des mächtigen Eindrucks, den der große Kanzler denn doch auf den jungen 311 Mann gemacht hatte … Er mußte ihm Glück wünschen zu einer vielversprechenden Carrière und sagte:

Sehen Sie, so mächtig ist nun doch der blendende Reiz eines bei alledem großen Mannes … Man muß sich ergeben, hört nur noch und staunt und läßt an dem, was man haßt, das Menschliche in seiner vollen Geltung … Protestiren Sie nicht! Sie sind jung! … Geht es mir denn anders? Lieb’ ich denn nicht auch mein Land und mein Volk? So lebt man in einer unglücklichen Ehe und kann sich nicht trennen … Man weiß, man paßt nicht füreinander, aber es gibt so viel Bindeglieder des Interesses, so viel gemeinschaftliche Sorgen, so viel kleine Aussöhnungen wieder und so kurze Momente des Glücks, daß man immer wieder neue Hoffnungen schöpft … ’S ist freilich ein Gemüths-Elend, an dem zwei Menschen und – ganze Staaten zu Grunde gehen können …

Benno mußte schweigen … Er hielt sich an die ihm von den Umständen auferlegte Nothwendigkeit seiner Abreise … Er ertrug den Schein der Inconsequenz …

Gern übernahm der sich allmälig in die Trennung findende Chorherr die Meldung an den Onkel … Auch die Besorgung aller der Visitenkarten, die Benno noch zum Abschied zurückließ … An den Grafen Hugo schrieb Benno Worte, die seiner Stellung und der Situation angemessen waren … Worte des Trostes und der Hoffnung für die Zukunft …

In das Comptoir der Zickeles mußte er seiner Creditbriefe wegen … Es war über dem Schreiben, Packen und Expediren seiner Effecten hoher Mittag geworden. Der alte Herr Marcus war eben von der Börse zurück-312gekommen … Leo befand sich in einem Comité … Harry führte einen neuangekommenen Virtuosen …

Den alten Herrn Zickeles überraschte Benno’s Abreise nicht im mindesten … Diese Bankiers grüßen ebenso gleichgültig beim Kommen wie beim Gehen … Nur seine Tochter Jenny bedauerte er … Sie hätte dem Herrn Baron noch etwas vorsingen wollen … Eben wäre sie, sagte er, und auch Angelika Müller, der Benno sich so gern noch empfohlen hätte, mit Therese Kuchelmeister an den Ort gefahren, wo sich gestern das Unglück begeben … Auch Dalschefski und Biancchi hätten sich dazu entschließen müssen … Der alte Zickeles sah den Vorfall nur in seinen Folgen an und sagte:

Das Geschäft wird sich nun machen … Der Graf ist jetzt in Wahrheit frei … Es hängt lediglich jetzt alles von dem ab, was die Frau Mutter aus Westerhof mitbringt … Wir werden ja sehen …

Benno speiste dann noch mit dem Chorherrn, den des jungen Mannes Entschluß nun nicht mehr störte … Auch der Schein des „Gefesseltseins“ nicht … Er glaubte, wie der Onkel Dechant, an Neuerungen und Besserungen nur infolge großer Erdrevolutionen in der Art der Gletscherbildung …

Gegen vier, wo die Dinerstunde beim Fürsten Rucca war und die Herzogin und Olympia ihn hochklopfenden Herzens gewiß schon in glänzendsten Toiletten erwarteten, besorgte Benno seine Briefe in den Palatinus …

Die Eilposten nach dem Süden gingen um fünf Uhr … Man mußte sich schon um vier in Bereitschaft setzen …

313 Der Chorherr begleitete seinen so schnell gewonnenen jungen Freund, der voll tiefster Trauer von dem edeln Manne schied und ihn bat, alle seine Liebe und Güte auf Bonaventura zu übertragen, falls dieser in der That nach Wien kommen und dann vielleicht gleichfalls bei ihm wohnen sollte …

Man plauderte … Aengstlich zog Benno die Uhr, aus Furcht, noch eine Wirkung seiner Absagebriefe zu erleben. Der Chorherr neckte ihn darum …

Endlich saß er im Coupé, das ihm in der That durch einen Ministerialboten reservirt war …

Schon benutzte er, da der Chorherr nicht gehen wollte, die Pause, die bis zum Schlagen der Abfahrtsstunde so langsam verrinnt, zu einem Abschiedsgruß an Angelika, den er auf einen Zettel seines Portefeuilles schrieb und dem Chorherrn mit einer Andeutung über Püttmeyer’s Philosophie zu eigenhändiger Besorgung übergab – da kam ein Mann, der hastig nach Herrn von Asselyn fragte, und brachte eine Visitenkarte aus dem Palatnus …

Von Gräfin Olympia? fragte lächelnd der Chorherr …

Verzeihen, sagte der Lohndiener, Ihre Gnaden die Contessina wollten selbst kommen, aber der Fiaker muß falsch verstanden haben und hat sie und den Prinzen nach der Briefpost gefahren, wo die Courierposten abgehen, aber erst abends …

Die Karte war von Benno’s Mutter … Auf der Rückseite stand ein einfaches: Al revedersi!

Benno sah, daß er das Rechte getroffen …

Voll Angst horchte er auf, ob nur nicht noch Olympia und ihr Verlobter kämen …

314 Er bat den Chorherrn, der „armen Seele“ zu gedenken, für die zwölf Tage lang in dem schönen Kirchlein „Maria vom Gestade“, zur Schifferkönigin Maria – zur Schutzpatronin aller im – Hafen Eingelaufenen gebetet werden sollte …

Der Chorherr drückte ihm zusagend die Hand …

Der Postillon schwang sich auf den Sattel des Handpferdes, Benno rückte seine Depesche dahin, wo sie nach dem Bedeuten des Hofraths für seine Gesundheit am vortheilhaftesten lag, der Conducteur setzte sich neben ihn …

Schon waren die funkensprühenden Schläge der sechzehn Rosseshufe auf dem Straßenpflaster verhallt, noch stand der Chorherr träumerisch sinnend auf seinen Bambusstab mit elfenbeinernem Griff gestützt, dem Wagen nachblickend – da kam ein Fiaker angebraust, aus dessen Schlag Principe Rucca und ein weiblicher Kopf sahen …

Das Portal der Fahrpost wurde eben geschlossen …

Pater Grödner stand schon zu fern, um die, wie es schien, heftigen Zornausbrüche der Italienerin zu hören …

Lächelnd über die Jugend, über den Ehrgeiz, über Menschen, die Liebe finden dürfen und sie nicht mögen, kehrte er zurück in seine stille Klause …

Die Bleistiftgrüße an Angelika Müller wollte er erst couvertiren, falls sein Versuch, sie ihr persönlich einzuhändigen, mislingen sollte …

Indessen stand noch ein anderer junger dicker Mann athemlos und verzweifelnd an der Posthofthür … Harry Zickeles kam zu spät – mit seinem Album.

315 11.#

Glocken riefen nicht zu den Hochämtern, die in „Maria zur Stiegen“ zum Gedächtniß Angiolina’s gehalten wurden …

Nicht brauste die mächtige Orgel vom Chor, als ihre Seele der Gnade und Verzeihung des Himmels empfohlen wurde …

Still und geheimnißvoll sind schon an sich diese Trauermetten, die vor einem kleinen dunkeln Nebenaltar abgehalten werden, denen nur Anverwandte beiwohnen … Hier trat die Rüge des geistlichen Gerichts ein … Kaum daß die Austheilung jener kleinen Zettel gestattet wurde, die in katholischen Landen den Vorübergehenden mit einem Liebesblick in die Hand gesteckt werden, der sie auffordert, für die abgeschiedene, wenn ihnen auch völlig unbekannte Seele ein gedrucktes Gebet zu lesen … Therese Kuchelmeister hatte diese Zettel sorgsam ausgewählt … Hundert Exemplare eines für diese Fälle in den Kunstläden vorräthigen kleinen Bildes, drei Cherubim darstellend, von denen der eine das Jesuskind mit der Friedenspalme trägt, die 316 beiden andern ein Kreuz und eine Dornenkrone – das Jesuskind lächelt, die drei Engel weinen – Auf der Rückseite ließ sie aufdrucken: „O Erschaffer und Erlöser aller Gläubigen, verleihe der dahingeschiedenen Seele deiner Dienerin Angiolina Pötzl vollkommene Verzeihung und Nachlassung aller Sünden, damit sie, von den Schmerzen des Fegfeuers befreit, dich als ihr letztes Ziel anschauen, lieben und in alle Ewigkeit loben und preisen möge!“ … Das feierliche Requiem Biancchi’s, Instrumentation von Dalschefski, das sich ein Gesangverein mit Hinzuziehung Theresens und Jenny’s auszuführen erboten hatte, wurde nicht gestattet …

Unter großem Menschenzulauf hatte das Begräbniß auf dem stillen Dorffriedhof bei Salemhof stattgefunden … Hier war es, wo sich ein junges Mädchen, einen Korb voll Blumen in der Hand, über den Sarg warf und ihren Schmerz in Worten Luft machte, die niemanden störten, ob sie gleich nicht von Seraphschwingen und Cherubsarmen sprachen, sondern einfach lauteten:

Hier ist’s nun aus, du armer Narr! Bist auf Erden viel gehanselt worden! Aber der gute Gott da oben wird schon wissen, wo er auch für dich noch ein Platzl hat! …

Therese Kuchelmeister überwachte alle die, die sich bei den in der Stadt von ihr bestellten und bezahlten zwölf Seelenmessen einfanden oder einzufinden versäumten … Luigi Biancchi kam nur einmal und erntete dafür die Bezeichnung eines „Ungeheuers“ von Undankbarkeit, da Angiolina die Musik der Italiener liebte 317 … Dalschefski, den die Nichtaufführung des Requiems wegen des in diesen Tagen außerordentlich erregten Biancchi, der dadurch eine Zerstreuung würde gehabt haben, verdroß, mußte dafür täglich anwesend sein … Auch Herr von Pötzl versäumte nicht seine Schuldigkeit zu thun; zu dem Ruf, den er anstrebte, gehörte die strengste Unterwerfung unter alles, was Gefühl und Gemüth mit sich bringen … Nicht auffallend war die jedesmalige Anfahrt eines vornehmen Wagens, aus dem die ersten drei male zwei Damen in tiefster Trauer stiegen und der Messe beiwohnten … Therese nannte das die kleinste Schuldigkeit der „Mörderin“ … Zuletzt kam nur noch die ältere Dame allein … Diese fehlte nie …

Erst am Tage nach dem Begräbniß traf des Grafen Hugo Mutter ein …

Auf ihrer Rückreise war sie aufgehalten worden …

Sie hatte in Nürnberg einer Versammlung der dortigen Bibelgesellschaft beigewohnt …

Unterwegs schon erfuhr sie vom Tod Angiolinens …

Ihre Liebe zum Sohn ging so weit, daß sie diesen Verlust wie ihren eigenen fühlte … Sie sah vorzugsweise nur Hugo’s bei noch so jungen Jahren schon so väterlich empfindendes Herz betheiligt …

Als der stattliche Mann an ihrem Halse einen Augenblick festhing und Thränen in seinem Auge blinkten, unterließ ihre Rede nichts, was seinem Schmerz wohlthun konnte …

Sie erkundigte sich nach allen nähern Umständen des rührenden Abscheidens, verwies es aufs strengste jedem der Diener, der etwa ergänzende Berichte geben wollte, 318 die auf Selbstmord schließen ließen … „Richtet nicht, daß ihr nicht gerichtet werdet!“ …

Dies Wort sprach sie auch später noch mancher vornehmen Dame auf der Herren- und Wallnergasse …

Im Herauskehren seiner geheimen Gedanken ist gerade die vornehme Welt nicht so behutsam, wie wir glauben … Majestäten, Hoheiten, Excellenzen sprechen, namentlich in Oesterreich, ihre Stimmungen ebenso offen aus, wie sie die geringe Welt zu verbergen pflegt … Man besprach schon beim ersten Besuch die Angelegenheiten des Grafen, verlangte Nachrichten von der bevorstehenden Heirath, verurtheilte das „horrible Benehmen des Terschka“ und gab der stolzen Gräfin Gelegenheit, ihr Wort öfter zu wiederholen: Dieu est le juge veritable!

Die schnelle Abreise Benno’s von Asselyn verdroß die Mutter …

Sie wich den Fragen des Sohnes um Paula’s Erklärung noch aus …

Sie sagte ihm:

Du sollst alles hören … Nur erst Sammlung und meine langvermißte Ordnung! …

Inzwischen sprach sie doch schon zu Hugo und den vielen Besuchenden, zu den lutherischen Geistlichen und Glaubensgenossen, die sie sogleich begrüßten, von ihrem Leben bei Lady Elliot, von den Anstrengungen des Papismus, in England wieder Grund und Boden zu fassen, von den englischen Bischöfen, die leider irdische Machthaber geblieben wären und ein Verlangen trügen nach ungeistlichem Einfluß, von einem verblendeten Lehrer in 319 Oxford, Professor Pusey, der ein System aufgestellt hätte, das auf halbem Wege den römischen Irrthümern entgegenkäme … Dennoch schloß sie: Es ist eine Freude, den Ernst der Engländer zu sehen … Die Frauen sind voll Muth und Charakter … Sie beherrschen die Männer, das ist wahr, aber sie beherrschen sie zum Guten – Wofür sich in dieser Welt das Gefühl der Frauen ausspricht, das kann vielleicht auf einem Irrthum beruhen, aber dieser Irrthum schändet nicht …

Muthig sprach sie in ihren eigenen Zimmern und bei den ersten Besuchen, die sie empfing:

Seit der Veranstaltung der Jesuiten, meinen Sohn durch Terschka dem Glauben seiner Väter abwendig zu machen, haben wir doppelt Ursache, jeden Schein der Anhänglichkeit an die Irrlehre zu vermeiden … Gräfin Paula verlangt glücklicherweise von unserer Seite keine Annahme ihrer Religion …

Ja, wandte sie sich zu einem lutherischen Geistlichen, Terschka lag zerknirscht zu meinen Füßen … Im ersten Augenblick verstand ich nicht, was er mir zu offenbaren hatte … Ich alte Frau zitterte … Auch haß’ ich schon an sich die Bezeigung einer Ehrfurcht, die nur Gott gebührt … Ich betete zum Herrn um Kraft, Terschka’s Geständnisse zu hören, setzte mich nach Fassung ringend in einen Sessel und hörte nun alles, was mit jener an diesem Unglücklichen bekannten anziehenden Beredsamkeit von seinen Lippen kam … Da konnte ich wol anfangs vor Zorn ausrufen: „Der das Ohr gepflanzet hat, sollte der das nicht hören und strafen!“ … Nun aber kam ein reuiges Geständniß; der Entschluß, auf Englands freiem Boden 320 zu bleiben, seine Irrthümer abzuschwören und zu unserm lebendigen Glauben überzutreten … So verherrlicht sich Gott in seinen Verächtern …

Graf Hugo theilte diese andauernde Befangenheit für Terschka nicht ganz, behielt aber seine Zweifel an Terschka’s Aufrichtigkeit für sich … Er war des Streitens müde …

Der Abend bot die stille trauliche Stunde, in der sich die Gräfin über die Ergebnisse ihres Aufenthalts in Westerhof aussprechen konnte …

In einem hohen, mit Sesseln überfüllten Rococozimmer hatte das Theewasser auf der Maschine zu sieden begonnen, als die Gräfin begann:

Mein Sohn, von Paula von Dorste, diesem seltsamen Wesen, trennt mich allerdings mehr, als ich wünschen möchte …

Graf Hugo’s Ahnung von neuen Hindernissen schien bestätigt zu werden …

Ich fand, fuhr die Mutter fort, ein Wesen, das leider nur zu sehr ihrem Ruf entspricht … Als ich Westerhof besuchte, war gleich die erste Begegnung entscheidend … Die Tante Benigna, dann unsere herrliche, nur zu geisteshelle, winterlich helle Monika, die dich herzlich grüßen läßt, der Oberst, auch eine treffliche Persönlichkeit, Onkel Levinus, auch eine gute, nur etwas wunderliche Seele, alle begrüßten mich herzlich und voll Vertrauen – nur Paula war wie die verschüchterte Taube …

Sahst du nie eine ihrer Visionen? fragte Graf Hugo …

Nie! entgegnete die Mutter … Mit meiner An-321kunft hörte der Spuk auf … Ich kann dir nicht leugnen, daß sie während der ganzen Zeit meiner Anwesenheit krank im Bett lag … Ja, als ich hören mußte, daß meine Persönlichkeit, ich, ich allein es wäre, die ihr Schmerzen verursachte, gerieth ich außer mir … Man nannte eine frühere Erzieherin von ihr, die ganz ebenso auf sie gewirkt haben soll … Die Nähe eines Wesens also, das ihren Irrthümern widerstrebt, verursacht ihr Schmerzen! … Zur Linderung ihrer Leiden berief man von Witoborn den Obersten, der mit wenigen Handstrichen sie auf Stunden beruhigte …

Graf Hugo stand in großer Erregung auf und machte einige Gänge im Zimmer …

Die Mutter fuhr fort:

Glücklicherweise beherrscht Monika das Schloß … Ich schrieb dir schon, sie hat den Muth gehabt, Armgart, von der du meine Schilderungen kennst, nach England zu schicken, um dies liebe Kind aus der düstern, Verstand und Herz vergiftenden Atmosphäre jener Gegend zu entfernen … Besonders aber auch, vertraute sie mir – o wie lieb’ ich unsre Monika – deshalb, um auf Paula Armgart’s Einwirkung zu hindern … Denn wunderlich ist auch dies Kind … Was wir allenfalls erreicht haben, hat Monika allein vollbracht …

Allenfalls erreicht? wiederholte der Graf mit Befremden und Unmuth …

„Alle eure Sorge werfet auf ihn; er wird es wohl machen!“ sagte die Mutter … Ich war vierzehn Tage in Westerhof … Comtesse Paula blieb und blieb 322 krank … Ich sah sie nur zweimal in Toilette, bei der ersten Begrüßung, der sogleich die Krankheit folgte, und einmal, als die magnetische Behandlung durch den Obersten von besonderer Wirkung gewesen … Sie ist sehr schön …

Kein Bild von ihr? …

In jener Gegend malt man nur die Heiligen, mein Sohn … Ein Kinderporträt wollt’ ich nicht mitbringen, da es nicht mehr ähnlich ist … Sie ist schön, sag’ ich dir … Hoch und schlank und in allen Gesichtszügen edel … Augen, Haar, alles von einem lieblichen Reiz … Die Bildung tief, tief vernachlässigt … Ja, mein Sohn, das ist entsetzlich … Aber ihr Charakter sanft, leider freilich – versteckt und – von jener Zurückhaltung, die mir, du weißt es, an den Katholiken so peinlich ist … Nichts Offenes, nichts Ehrliches … Sie versichern dich der größten Freundschaft und du gewinnst kein Vertrauen … Das große Priestergeheimniß hat sie alle mit umstrickt! … Man glaubt, sie lebten in dem, was wir sie täglich treiben sehen – aber es umspinnen sie ganz andere Dinge … Paula heilt noch immer und segnet Kissen und Amulete, aber sie sagt, daß sie selbst nicht mehr daran glaube … Die Geistlichkeit wünscht ihre Visionen nicht, da sie merkwürdigerweise – nicht katholisch sind … Monika sagte mir, es gäbe eine Partei, die heimlich dahin wirkte, sie für eine Besessene zu erklären … Das ist Aberglaube … Aber die Macht des bösen Feindes bleibt groß … Wenn ich je an seine umgehende Macht und die Verschmitztheit des Teufels geglaubt habe, war mir’s manchmal beim An-323blick – dieser unstäten, irrenden, versteckten – Augen …

Mutter! unterbrach Graf Hugo die von ihren in Westerhof empfangenen Eindrücken aufgeregte Greisin …

Ich will das jungfräuliche Kind nicht anklagen – sagte die Mutter, fuhr aber ganz wie die heilige Hildegard fort: Glaubst du nicht, daß der Teufel auch die Gestalt der Engel annehmen kann? … Doch – lenkte sie dann ein, ich klage die Comtesse nicht an und theile Monika’s Meinung, daß die Ehe das alles ändere … Aber ein Ja! ein Nein! von Paula selbst, von diesen halben Menschen, diesem Levinus, dieser Benigna zu gewinnen, war unmöglich … Kurz vor dem Tage, wo ich die letzte Entscheidung wünschte, bekam ich endlich ein offenes Wort … Aber – rathe, woher? – Aus London – von Armgart …

Der Graf nahm einen Brief entgegen, den die Mutter den ganzen Tag auf ihrem Herzen getragen zu haben schien …

Seufzend zog sie ihn hervor und entfaltete ihn mit den Worten:

Dieser Brief ist ein trauriger Beleg für die Verstockung der Gemüther durch das Papstthum …

Graf Hugo nahm den Brief und las, nachdem er über die noch unfertige Handschrift wie die eines Kindes und die mit derselben so in Widerspruch stehende Wichtigkeit des Inhalts mit schmerzlicher Miene gelächelt hatte …

„Liebes Großmütterchen!“ schrieb Armgart …

324 Die Gräfin unterbrach:

Ich wiederhole dir, daß dies, ich kann wol sagen, liebenswürdige Kind zwar mit den Engländern und namentlich mit Lady Elliot auf dem gespanntesten Fuße lebt, sich aber an mich, ich kann sagen, wie ein Hündchen angeschlossen hat – Ja, das Wort paßt ganz … Die hohe Begeisterung, die ich für ihre Aeltern empfinde, namentlich für ihren Vater, den ich fast höher stellen muß, als Monika – Oder ist es blos meine Reue, daß ich ehemals Terschka’s Bewerbung unterstützen konnte? … Genug, Armgart liebt mich wie ihre Großmutter, erträgt alle meine Vorwürfe, murrt und knurrt dann wol ein bischen – ist aber gleich wieder gut … Doch lies! …

„Liebes Großmütterchen!“ wiederholte der Graf … „Wie sehr ich Dich liebe und wie ungern ich mit Dir streite, weißt Du! Porzia soll Dir“ –

Porzia, erläuterte die Mutter, ist in Witoborn geblieben bei jenem Hedemann, der sich mit ihr in einen Briefwechsel einließ, ihr zu meiner Ueberraschung eine italienische Bibel schenkte und sie heirathen wird – ein Mensch, der mir so gefallen hat, daß ich ihn auf Castellungo besitzen möchte … Frâ Federigo würde seine Freude an ihm haben …

„Porzia soll Dir den Brief nur geben, wenn Du Dich wohl fühlst“, fuhr der Graf zu lesen fort. „Sind dann die Berge und dunkeln Wälder meiner Heimat um Dich und die guten treuen Menschen, wie es deren in ganz England keine gibt, so verzeihe mir, daß ich, ein Kind, in so ernste Dinge hineinzureden wage … Lei-325der kenne ich ja schon alles, was Gattinnen, Mütter und Mädchen im Leben zu dulden haben. Meine Haare sind mir im Geist schon so grau wie der Mutter. Ich bin weiter, als die jungen Ladies Elliot, die vor jedem Mann noch roth werden – müssen! … Sage: müssen – Sie suchen alle mit Eifer, was ich bereits aufgegeben habe … Meine siebzehn Jahre haben wie welke Blüten schon Samen der Erkenntniß hinterlassen … Geprüfte Seelen suchen nicht mehr für sich das Glück … Auch Paula sucht nicht für sich das Glück … Aber klare Rechnung haben macht den Gentleman! sagt der garstige dicke Koch Deiner Lady, der sie genug betrügt –“

Ich höre die Mutter des Kindes! sprach der Graf lächelnd, doch durch seine Stimmung geneigt, zu überschlagen …

Selbstgerechtigkeit! warf die Mutter ein …

„Daß Ihr Euch der Urkunde unterwerft“, las der Graf weiter, „ist schön von Euch! … Terschka rieth Dir noch vorgestern, sie durch einen Proceß anzuzweifeln … Das konnte nur ein ehemaliger Jesuit rathen … Das ist das Schlechte an den Jesuiten, daß sie so klug und pfiffig sein wollen, wie eben die Zweifler auch … Glaube mir, unser himmlischer Vater hat auch für den katholischen Glauben vielerlei Wohnungen … Katholisch und katholisch ist ein Unterschied … Wir Rechtgläubigen seufzen genug über viele unserer Priester und möchten sie, besonders wenn sie so recht tabacksschmutzige blaue Sacktücher, grobe Pfundsohlen an den Stiefeln und harte Hände vom Heufahren und 326 Mistabladen in ihren Höfen haben, fast hätt’ ich gesagt prügeln, gerade wie, nach Onkel Levinus, die Russen mit ihren betrunkenen Popen thun … Das wissen wir Katholiken unter uns selbst sehr gut und leiden darunter, bei der Messe sowol wie im Beichtstuhl … Gewisse andere Priester mögen wir Katholiken auch wieder deshalb nicht, weil sie im Gegentheil wie die Tanzmeister sind … Die, die immer süß den Mund spitzen und die Augen verdrehen und aus dem lieben Herrgott einen Conditor machen, von dem sie bei jedem Besuch Bonbons mitbringen, auch das sind für uns rechtgläubige Christen bloße «Pfaffen» – und zu denen gehören meist die Jesuiten – alle aber auch nicht, Großmütterchen … Dein Fefelotti mag freilich schlimm sein …“

Du weißt, unterbrach die Mutter, wie unsere Bedrängnisse schon anfangen? … Ich werde zu Cardinal Ceccone gehen müssen, um das Kapitel von Cuneo anzuklagen … Doch – lies! …

„Ebenso sagte Terschka, er wollte Beweise beibringen, daß eine gewisse Lucinde Schwarz, im Auftrag Deines «Doctors aus dem Abgrund», an dieser Veranstaltung nicht unbetheiligt gewesen … Ich halte Lucinden allerdings für fähig, Feuer anzulegen; aber es gibt Verbrechen, die so groß sind, daß sie ehrwürdig werden, zumal wenn sie Gutes stiften und Engel zu unwissentlichen Mitschuldigen machen“ …

So vertheidigt die Götzendienerin gegen Lady Elliot auch die gefälschten Rechte des Bischofs von Rom! … warf die Mutter ein …

327 „Großmütterchen, das hat mir von Dir gefallen“, las der Graf weiter, „daß Du dem falschen Heuchler, dem Terschka, endlich einmal über eine Sache unrecht gabst … Der erleuchtete Mann hat ewig bei Dir recht … Ganz vornehm und würdevoll lehntest Du die Zweifel ab und wolltest lieber Dich darein ergeben, daß Paula in ein Kloster und Euer Name und Euere Herrlichkeit zu Grund ginge, als wieder processiren und die andere Linie ins Zuchthaus schicken, wie Du sagtest … Paula geht nicht ins Kloster … Sie schreibt mir, daß ich es übernehmen soll, Dir ihre ganze Meinung zu sagen … So wisse denn: Ja! sie nimmt Deinen Sohn, wenn –“ …

Graf Hugo war an dieser Stelle schon aufgesprungen und hatte den Brief voll Zorn und Abscheu von sich geschleudert …

Schon hatte sein Auge die Bedingung gefunden, die jetzt die Mutter las, nachdem sie den Brief an sich genommen …

Das ist es! seufzte sie … „Wenn der liebste Beichtvater ihrer Jugend nach Wien reist, Deinen Sohn persönlich kennen lernt und dann entscheidet, ob sie ihm ohne Gefahr für ihre Seele die Hand reichen kann“ …

Der Graf war außer sich und rief: …

Von Terschka – von hundert Zeugen weiß ich, daß sie diesen Priester liebt! … Es ist Bonaventura von Asselyn …

Die Mutter schwieg eine Weile, faltete den Brief zusammen und beschwichtigte den zornig Auf- und Abgehenden:

328 Aber sein Verwandter, der junge Benno von Asselyn, hat dir doch wohlgethan …

Ich habe mich gewöhnen wollen, sprach der Graf, daß meine Gattin das Bild einer andern Neigung im Herzen trägt … Ich würde mich bekämpft haben … War ich doch selbst nicht treu … Aber ich rang danach, treu zu werden … Ich konnte Angiolina entbehren … Der Himmel erleichterte mir diesen Kampf – … Und nun soll der Geliebte Paula’s mir persönlich gegenübertreten, mich prüfen, erst seine Entscheidung geben? … Das ist mein Ruf? So werd’ ich in Westerhof beurtheilt? Beurtheilt um ein Verhältniß, das der Himmel auf diese schmerzliche Art löste? Nein! Nun trotz’ ich Allem! …

Mein Sohn –! …

Ihr Geliebter soll mich – prüfen! …

Es ist ein Priester, mein Sohn, suchte die Mutter zu beruhigen … Einer der besseren … Ich hörte ihn predigen …

Der Graf lehnte jede Beruhigung ab … Das ist die Erklärung, die du von Westerhof mitbringst? fragte der Graf mit Entschiedenheit …

Die Mutter zitterte über seine drohenden Mienen … Mit bebenden Lippen sprach sie:

Ich zeigte den Brief Monika … Diese, empört darüber, stürmte zu ihrer Schwester Benigna … Benigna zog den Onkel Levinus ins Vertrauen … So traten sie alle drei an Paula’s Lager und fragten sie, ob so wirklich ihr Entschluß wäre? Ob sie wirklich so nach London geschrieben hätte? … Ja! sagte sie, wandte sich ab, sah an die Wand, wo ihr Cru-329cifix hing und ihr Weihwasserbecken – sprach kein Wort mehr und mit dieser Entscheidung kehr’ ich zurück …

Der Graf konnte sich nicht beruhigen … Seine Erinnerung an die Hingebung Angiolinens, sein Stolz, die Erwägung seiner ihn zur Annahme solcher Bedingungen zwingenden Verhältnisse, ja eine Spannung sogar auf Paula, die zu einem tiefern Interesse geworden war, alles stürmte zu mächtig auf ihn ein …

Er rief aus:

So beginne aufs neue der Proceß! Ich zweifle die Urkunde an … Terschka muß helfen …

Mein Heiland! rief die Mutter entsetzt und mit gefalteten Händen … Darüber gehen wir zu Grunde! … Die Zickeles subhastiren Salem und Castellungo …

Mag es! rief der Graf wild und riß sich los …

Verzweifelnd stand die Mutter und hörte das Verhallen seiner Sporen, das heftige Zufallen der Thüren, die er aufriß … Nicht zu seinen Zimmern im Palais ging er … Er wandte sich zur großen Treppe … Sie eilte ihm nach … Er war verschwunden …

Graf Hugo stürmte dahin … In seinen weißen Mantel gehüllt, mit klirrenden Sporen … Sein Innerstes – gelähmt durch jenes tiefe Weh, das sich über unsern ganzen Menschen ausbreitet – wenn wir Rührung über uns selbst empfinden …

Er irrte um die Freyung, wo sich ihm ein so schnell gefundener Freund so schnell wieder entzogen hatte …

Er irrte in die Nähe der dunkel gelegenen Kirche, wo die Gedächtnißmetten für Angiolinen gehalten wurden …

330 Er irrte einem Platze zu, wo sich die stolzen Gebäude des Kriegsministeriums erheben, bei dem er sein Abschiedsgesuch zurückzunehmen gedachte …

So kam er zu den sogenannten „Obern Jesuiten“, zum Haus des heiligen Stanislaus …

Eine Weile stand er trauernd in der dunkeln Gasse …

Da hörte er einen getragenen Gesang aus einem hintern Hofe her mit einfacher Klavierbegleitung …

Therese Kuchelmeister machte mit den Professoren Dalschefski und Biancchi das nicht zugelassene, in schneller Begeisterung gemeinschaftlich aus alten Studien zusammengestellte Requiem …

Bei einem sanften Minore, in dem die Worte: Dona eis pacem! erklangen, ließ Therese mit den Worten: Jesus, der Graf! die Noten fallen.

331 12.#

Einmal, eh’ sie scheiden,
Färben sich die Blätter roth,
Einmal noch in Freuden
Singt der Schwan vor seinem Tod –
Und an edeln Bäumen,
Wenn der Winter vor dem Thor,
Bricht in irrem Träumen
Wol ein Frühlingsreis hervor –
Stirbt der Lampe Schimmer
In des Dochts verkohltem Lauf,
Zuckt mit hellem Flimmer
Einmal noch die Flamme auf –
Einmal wird gelingen,
Eh’ mein Stundensand verrollt,
Mir von guten Dingen
Eines noch, was ich gewollt –
Eins wird sich erfüllen,
Eine Freude wird, wie Wein,
Schäumen – überquillen –!
Mag es dann geschieden sein.

So fühlte Bonaventura in einem Winter, wo die Novembertage noch fast sommerliche Sonnenstrahlen ent-332sendeten und die Mandelbäume zum zweiten male zu blühen, die Hecken neue Sprossen zu treiben begannen …

Die Vorlagen waren fertig, die Bonaventura, überdrüssig der wieder aufs neue begonnenen Anfeindungen – jetzt infolge seiner Predigt – sich in der That erboten hatte, dem Cardinal-Legaten in Wien zu überbringen … Benno hatte überraschend schon aus Rom geschrieben und welchen Inhalt barg sein der Sicherheit wegen durch reisende Geistliche überbrachter Brief! … Wie erschütternd, wie befruchtend für ein ganzes Leben! … „Komm’ auch Du herüber“, hieß es nach der Erzählung alles dessen, was Benno in so wenigen Tagen erlebt hatte; „ich weiß einen Bischofssitz in Italien, der nur allein Dir gebührt und der Dir angetragen wird, sobald Du in Wien angekommen bist und an einem gewissen Altar zu «Maria Schnee» dreimal celebrirt hast“ … Er hatte den Sitz, um Aufregung wegen Paula zu vermeiden, nicht genannt … Und vom Onkel Levinus war in der That die feierliche Aufforderung gekommen, seine Ermunterung zu Paula’s Ehe zu wiederholen, aber nur erst dann, wenn er den Grafen Hugo persönlich gesehen, gesprochen und seine Würdigkeit geprüft hätte …

Im ersten Schmerz nach dem Empfang dieses Briefes sagte Bonaventura: Das ist das erste strafende und herbe Wort, das ich aus Paula’s Munde vernommen! … Eine auferlegte Buße! Eine Strafe! … Sie will, daß ich den Kelch, den ich ihr so kalt reichte, selbst leeren helfe! …

Jedes Glöcklein in der Mette, jeder Orgelton sprach ihm jetzt: Sustine et tolle! Halte aus und trage …

333 So wollte er denn reisen und länger fortbleiben … Er wollte nach Italien, nach Rom … Er nahm Urlaub auf ein Jahr …

O du Kreuz, du Holz der Sühne,
Wahres Heil der Welt, o grüne,
Grüne, blühe, sprosse fort –!

war der Text seiner Abschiedspredigt …

O crux, lignum triumphale,
Mundi vera salus, vale,
Fronde, flore, germine

Worte des Hugo von Aurelia, die ihm Gelegenheit gaben, auch von der „Schönheit der Leiden“ zu sprechen …

Bonaventura stand wieder unter doppelter Anfeindung … Ebensowol von der Regierungs- wie von der kirchlichen Seite … Zwar hatte er die Genugthuung erhalten, daß gegen Cajetan Rother eine Untersuchung eingeleitet wurde, die der junge Enckefuß mit Erbitterung führte … Bonaventura hatte in Betreff der jetzigen Madame Piter Kattendyk richtig geahnt, daß der ungetreue Hirt den religiösen Hang und Treudchens Trauer ebenso gemisbraucht hatte wie ihre geringen Geisteskräfte … Er hatte sie zur Heiligen – methodisch erziehen wollen …

Der Kampf der Curie, um eine solche Offenbarung bestialischer Verwilderung nur innerhalb der geistlichen Gerichtsbarkeit zu bestrafen, ging aufs äußerste … Die Kirche ist gegen die Verbrechen ihrer Kleriker strenger, als irgend ein weltliches Gesetz; nur will sie dann allein strafen und dem Staat den Einblick versagen … Bonaventura mußte Zeugenaussagen vor Gericht geben – 334 Auch das mehrte sein Unbehagen. Er sehnte sich für immer fort … Er hatte die Ahnung, nicht wiederzukommen …

Je vollständiger die Rüstung Bonaventura’s zu seiner Reise sich abschloß, je mehr sie den Charakter annahm, den nur allein Renate nicht bemerkte, daß er vielleicht in ein ganz nur der Gelehrsamkeit gewidmetes Benedictinerkloster an der Donau oder in der Schweiz trat, desto banger wurde ihm die Erinnerung – – an Lucinde …

Wird sie, sie dich so ziehen lassen? sagte er …

Er erfuhr von Thiebold, daß sie zwar aus dem Kattendyk’schen Hause zur Frau Oberprocurator Nück gekommen wäre, aber nur auf acht Tage, und daß sie plötzlich dort verschwunden war …

Thiebold erröthete, als er gestand, daß Nück in seiner Verzweiflung auch zu ihm gekommen war und ihn gebeten hatte, beim Domkapitular anzufragen, ob dieser keine Auskunft über sie wisse … Bonaventura nahm acht Tage vor seiner Reise keine Beichte mehr ab … Er erschrak theils über die Voraussetzung seiner nähern Bekanntschaft mit Lucindens Verhältnissen, theils in Vorahnung, daß mit dieser Nachricht vielleicht wieder seine Reise in Zusammenhang gebracht werden mußte … Die Abschiedsscene vor seiner Reise nach Witoborn, die Erinnerung an die damals gegen ihn ausgestoßenen Drohungen stand schreckhaft vor seiner Phantasie …

Noch vor acht Tagen begegnete ich ihr in der Kathedrale, sagte er … Sonst seh’ ich sie ja schon lange nicht mehr, da sie meinen Beichtstuhl nicht – besucht …

335 „Besuchen darf!“ – hallte es in Thiebold wieder … Es wußte dies die halbe Stadt …

Nachdem Thiebold mit tausend Segenswünschen, mit guten Rathschlägen, mit Grüßen an Benno, mit Verwünschungen der großen Demosthenes-Rolle seines Vaters bei den Landständen gegangen war, fiel erst recht der Schrecken der Mittheilung über Lucindens spurloses Verschwinden auf Bonaventura’s Brust …

Es war am Abend vor der Abreise … Sieben Uhr … Draußen schon lange alles finster – Sein Gepäck geordnet … Dann und wann blickte er auf die matterhellten öden Gänge des Kapitelhauses … Es war ihm, als müßte es plötzlich pochen und als würde ihm wieder eine äußerste Erregung kommen …

Konnte er sich verbergen, daß er Tag und Nacht an Lucinde dachte! … Furcht vor ihren Drohungen zwang ihn dazu … Jeder irgendwie bedeutendere Vorfall in seinem Leben weckte die Erinnerung an die ihn betreffenden Verhältnisse, die sie in ihrer ewigen Obhut zu haben erklärt hatte … Diese Drohung, daß sie jeden Segen, den er zu verbreiten hoffte, in Fluch verwandeln könnte, vergaß er nicht und nahm sie, immer und immer wieder gedenkend, nicht so leicht, wie der Onkel ihm gerathen hatte …

An diesem Abend vor seiner Abreise kam ihm wieder die trübe Vorstellung mit ganzer Macht … In sich steigernder Angst hatte er seine Thür verriegelt … Er hatte sich allen Abschieden entzogen … Die Briefschaften an den Cardinal Ceccone, in denen die Curie um die Nachgiebigkeit Roms flehte, lagen in einem ge-336heimen Fach eines seiner mehrern Koffer … Er rechnete an seiner Baarschaft, siegelte die Briefe nach Witoborn und Kocher am Fall und wollte zeitig zur Ruhe … Das Dampfschiff brach schon in erster Frühe auf …

Er hatte die Karte vor sich ausgebreitet … Sein Auge schweifte bald auf die nächsten, bald die entferntesten Gegenden … Auf Kocher am Fall, wo ihn ein Bangen ergriff: Den theuern Onkel siehst du nicht wieder –! … Auf Westerhof und Witoborn, wo so viele Herzen gerade jetzt mit gleichen Empfindungen an ihn denken mochten … Paula! … Ein verklungener Glockenhall … Jene „letzte Freude“ seines Liedes vielleicht – „aufschäumend“ vor dem Tode … Die eigene Mutter – die ihre Theorie vom Nichtwissen, das dem Menschen bei mislichen Dingen besser wäre, als Wissen, auch auf die Verhältnisse mit Benno übertrug und dem Sohn noch vor kurzem geschrieben hatte: „Wittekind ist so gewissenhaft; rege ihn nicht auf mit Benno’s Mittheilungen aus Wien! Allein schon die Nachricht über den Tod Angiolinens raubte ihm die Ruhe der Nächte“ … Auf die Donau sah er dann, auf Wien und seine Umgebungen, wo er den Grafen Hugo prüfen sollte –! Prüfen, glaubte er, ohne daß es Graf Hugo wußte – Ach, es war wieder jene Welt der Beichtgeheimnisse, in denen er lebte, jene Welt, wo der Sohn vom Vater, die Tochter von der Mutter, der Schüler vom Lehrer, Gesinde von der Herrschaft spricht … Schon hatte er jene katholischen Priesteraugen, die so irrend umgehen … Wird es dir in Rom, auf das er blickte, gehen wie 337 dem Augustinermönch Luther? … Wirst du Castellungo berühren dürfen und deine Mutter – wirklich als in Bigamie lebend erkennen? … Wirst du dich nur bei Nacht zu Frâ Federigo stehlen dürfen, wie Nikodemus zum Herrn? … Wirst du so fortleben in deinem Beruf? Halb in Haß, halb in unerklärter Liebe zu ihm? … Wo ist Versöhnung? … Und siehst du Benno und die beiden flüchtigen Alcantariner? … Siehst du das Schreckbild unsers Glaubens Klingsohr? … Siehst du den „Abtödter“, der – vielleicht am Brand in Westerhof betheiligt ist? … Sinnend fiel sein Blick auf die Karte dahin und dorthin … Mit den Alpen brach sie ab … Da lag noch der St.-Bernhard … Da lag St.-Remy, wo sein Vater begraben sein sollte … Da Aosta … Dann dachte er wieder, grade diese Gegend müsse er meiden, eben des Vaters selbst wegen, der todt sein wollte … Zuletzt ging es auf der Karte bergab gen Süden mit hundert kleinen Gebirgswässern, die wie Fäden eines Nervengeflechts dahinschossen, durchschnitten vom Längenmaß der Karte … Castellungo, Cuneo und Robillante lagen tiefer abwärts, am Fuß der Meeralpen, jenseit Turins …

So in das geheimniß- und verhängnißvoll Leere blickend, erschrak er vor einem plötzlichen Pochen …

Er glaubte sich geirrt zu haben … Das Pochen war leise und wiederholte sich nicht …

Das große Gebäude war in seinem Haupteingang verschlossen … Eines Ueberfalls verdächtiger Personen konnte er nicht gewärtig sein …

Das Pochen erfolgte nach einer Weile zum zweiten 338 mal und Bonaventura glaubte nun schon nicht anders, als Lucinde stünde draußen …

Der erste Strom, der sich von seinem erregten Gemüth über alle seine Nerven ergoß, war Todschrecken …

Seine Hand langte nach dem Klingelzug und klingelte …

Es währte lange, bis seine trauernde Renate kam und die verweinten Augen barg …

Sehen Sie doch, wer draußen ist! sagte er bebend … Ist es – die Ihnen – bekannte – Person, so bin ich nicht zu sprechen …

Mit diesen Worten ging er in das Nebenzimmer und horchte an der Thür, wer sich meldete …

Renate hatte geöffnet …

Die Stimme mußte nur leise sprechen … Bonaventura konnte nichts vernehmen …

Renate kam zurück und berichtete:

Es ist eine kleine gebrechliche Person … Eine Jüdin, wie sie sagte … Den Namen hab’ ich nicht behalten …

Eine Jüdin konnte zu Bonaventura nur kommen, um über die Taufe zu sprechen … Der Fall war ihm neu … Lucinde war es jedenfalls nicht … Diesem Besuch konnte er sich nicht entziehen …

Ich esse nur wenig zu Nacht, sagte er milder zu Renaten, und gehe dann zeitig zur Ruhe …

Renate seufzte und ließ ihren „Sohn“ allein …

Er betrat sein Zimmer … Die bescheidene Jüdin war auf dem Corridor geblieben …

339 Treten Sie doch näher! sagte er und leuchtete mit der Studirlampe an die wieder von ihm geöffnete Thür …

Eine kleine Person, in einen schön glänzenden schwarzen Atlasmantel gehüllt, der beim Verbeugen aufschlug und die rechte Schulter etwas höher zeigte, als die linke, in einem warm gefütterten großen Hut, aus dem zwei lange schwarze Locken und im Grund nur eine Nase heraussahen, trat einen Schritt näher und bat für die späte Störung um Entschuldigung …

Womit kann ich dienen? fragte Bonaventura und stellte die kleine grünlackirte Studirlampe auf den Tisch, dem befangenen Besuch einen Sessel darbietend …

Ich würde nicht gewagt haben – begann die kleine Gestalt – Herr Priester – Hochwürden – in so später Stunde – aber da ich – Verwandte – die von Ihrer Güte, lieber Herr – ich meine Herrn Seligmann in Kocher am Fall – …

Herr Löb Seligmann! unterbrach Bonaventura die nur hustend, athemlos und räuspernd hervorgebrachten Worte mit der ihm eigenen Herzlichkeit … Ist der Treffliche ein Verwandter von Ihnen? …

Nicht zu nah und nicht zu fern! Gerade wie bei Verwandtschaften am besten … lautete die schon dreistere Antwort Veilchen’s, die jetzt ihren Namen Igelsheimer wiederholte und sich setzte, indem sie, als Bonaventura ihren Namen fragend nachsprach, sogleich fortplauderte:

Für unsere Namen können wir Juden nicht … Die hat uns die Polizei gegeben … Wenn auf die Aemter zu viel Moses und Isaaks und Abrahams kamen und 340 die Schreiber nicht wußten, welches der Abraham Moses und welches der Moses Abraham war, so nahmen die Herren Actuare voll Zorn ganze Gemeinden her und sagten: Dem wollen wir bald ein Ende machen! … Und da die Juden ohnehin die Vorstellung von Thieren auf der Jagd wecken, so kamen die schönen Namen Bär, Hirsch, Löwe, Wolf, Adler, auch Hausthiere: Ochs, Kuh, Rindskopf, Rindsmaul – Nur den Esel gaben sie keinem, weil Dummheit auf keinen von unsern Leuten passen wollte! Andere Namen sind nach den Orten gewählt, wo die Leute her sind, Fuld, Worms, Oppenheim – Ich weiß nicht, wo auf Ihrer Landkarte da mein Stammsitz Igelsheim liegen mag …

Durch diese überraschend dreiste, aber anspruchslos vorgetragene Rede war Bonaventura gewonnen … Er stützte den Arm auf seine Landkarte und rückte die Lampe näher, um, wie er sagte, vielleicht einen Familienzug mit der braven Frau Lippschütz zu entdecken, die in Kocher am Fall zu seinen speciellen Gönnerinnen gehört hätte …

Ich bin aus der Art geschlagen! sagte Veilchen. Die Seligmanns sind sich untereinander nicht ähnlich. Der, bei dem ich wohne, Nathan ist er geheißen, in der Rumpelgasse, gleicht zu seinem Bruder, wie ein Holzapfel einem Paradiesapfel …

Bonaventura hörte kaum den Namen der „Rumpelgasse“, als er sich auf Lucindens letzte Beichte, auf Klingsohr’s Beziehung zu dem Trödler Seligmann und die dabei erwähnte Hülfe einer Jüdin besinnen mußte …

341 Schon betroffen fragte er nochmals, womit er dienen könnte …

Veilchen machte eine Pause und sprach, ihre zurückkehrende Verlegenheit durch das Lüften ihres Mantels verbergend:

Herr Priester! Ich möchte mir die Frage erlauben: Was halten Sie – von – der menschlichen Consequenz? …

Bonaventura glaubte nun doch, daß von einem Religionsübertritt die Rede sein sollte und antwortete:

Sie kann eine große Untugend sein, wenn sie mehr ist, als Treue gegen uns und andere …

Mit Erlaubniß … Treue gegen andere kann nicht Consequenz sein, entgegnete Veilchen … Was die andern Liebe und Treue nennen, die man ihnen gewähren soll, führt den Menschen immer im Kreise rundum … Die Liebe ist ja das eigensinnigste Ding von der Welt und Gegenliebe kann nicht consequent sein …

Bonaventura fand in diesen Worten keinen Uebergang zum Bedürfniß der Taufe …

Ich sagte schon, sprach er, daß ich die gerade Linie in unsern Handlungen nicht liebe, wenn sie zum todten Gesetz wird … Aber keine wahre Liebe wird Untreue gegen uns selbst verlangen …

Herr Priester, die Liebe will den Löwen zum Hasen, den König zum Bettler, den Philosophen zum Narren machen – Können Sie bleiben, was Sie sind, so hört die Liebe auf … Frauenliebe gewiß … Eine Frau verlangt, daß der Mann um ihretwillen seinen Glauben abschwört … Sie verlangt’s nicht immer und nicht 342 im ganzen Jahr und nicht bei feierlicher Gelegenheit; aber wenn sie gerade schlecht geschlafen hat, sagt sie: Das hilft gegen Kopfweh! und es muß dann sein …

Wohl jedem, der von einer solchen Liebe verschont wird! entgegnete Bonaventura lächelnd …

Aber alle Liebe ist so! meinte Veilchen … Die Liebe will im andern untergehen, um in sich selbst – – desto schöner wieder aufzustehen … So lieben wir einen Mann, so die Natur, so Gott … Was ist Religion, Herr Priester? … Gefühl von Kraft oder Schwäche? … Bei den meisten wol nur von Schwäche … Gott soll uns lieben, weil wir ihn lieben … Er soll uns das ewige Leben dafür auswechseln … So sind wir auch meist uns selbst getreu, d. h. „consequent“, weil uns Inconsequenz ein heroisches Opfer kosten würde …

Wo sollen diese Sophismen hinaus? dachte sich Bonaventura …

Sie werden ungeduldig! sprach Veilchen, blickte nieder, schwieg eine Weile und begann ihren Hut etwas aufzubinden … Die Verlegenheit machte ihr heiß …

Bonaventura nahm ihr ganz den Hut ab und legte ihn auf den Tisch …

Danke! sagte sie, indem sie sich die langen Locken strich … Ich bin eitel … Sie könnten glauben, mein Gesicht wäre blos Nase … Sie ist freilich mein stärkstes Organ geworden … Alle Menschen haben in ihrem Alter einen Theil des Körpers, der die Oberhand gewinnt … Beim einen ist’s der Magen, beim andern die Galle, beim dritten die Leber – bei mir die Nase! … Ein feines Organ! … Der Sitz der Phan-343tasie! … Die Phantasie hab’ ich in meiner dunkeln Rumpelgasse nöthig! … Ich gehe des Jahrs nicht zehnmal an die Luft … Ich will nicht! … Was sag’ ich – „will nicht!“ … Mein Wille stellt sich an den Kleiderschrank und wird verdrießlich, wenn er kein Kleid findet, das ihm zum Ausgehen paßt … Consequenz! Wille! … Ich kenne z. B. ein schönes junges Mädchen – …

Veilchen hielt inne … Ihr Auge blitzte forschend auf …

Bonaventura athmete hörbar …

Dem schönen Mädchen hab’ ich oft gesagt: Deine Liebe, Kind, ist ein Irrthum; ist blos eine Lüge gegen dich selbst! Dich verzehren Eifersucht, Stolz! Deine Liebe gegen den gewissen Mann ist sogar blos Rache! Willst ihn nur quälen, immer an dich erinnern – sagst darum: Ohne ihn sterb’ ich! … Das Mädchen gibt’s zu. Gibt zu, daß ich ihr sage: Du bedarfst dieser Einbildung, um Kraft zu haben, nicht gegen andere schwach zu sein! Möchtest sündigen – wenn die Natur sündigt – aber aus Berechnung klammerst du dich an deinen Wahn – nennst den Treue! … Schüttelt sie den Kopf! … Wahr ist’s, das Mädchen ist geflohen vor einem schlechten Mann und wohnt versteckt in meinem Schlafstübchen und ist krank – aus „Liebe!“ …

Bonaventura hatte sich bei diesen Worten, die mit einem prüfenden, fast listigen Forschen der von unten her zu ihm aufblickenden Augen vorgetragen wurden, schon erhoben …

Zwei Empfindungen kämpften in seiner Brust … Ein Gefühl der Entrüstung über die dreiste Absicht die-344ses Besuchs und die Verzweiflung um Lucindens nicht endendes Wühlen … Daß er eine Botin Lucindens vor sich hatte, sah er jetzt …

Veilchen erschrak vor seinem Aufstehen und sagte einlenkend:

Bitte, mein Herr! Was ein römischer Priester gelobt hat, ich weiß es sehr gut und hab’ es einst selbst erfahren … Sie haben gewiß, setzte sie mit sich ermuthigendem, schärfern Ton hinzu, von jenem Leo Perl gehört – den Ihr Herr Oheim einst verführte – zu – einem gewissen Betruge …

Dies Wort kam ganz muthvoll …

Bonaventura starrte die kühne Sprecherin an, die über einen so mächtigen Blick dann doch den ihrigen wieder niederschlug …

Bitte, Herr Priester! flüsterte sie … Vergebung … Aber wahr ist’s doch … Herr Leo Perl hatte mir die Ehe gelobt … Ich weiß nicht, ob ich zum Lachen bin, wenn ich mit dieser Gestalt sage, daß ich nach Witoborn reiste mit unserer Base, Henriette Lippschütz, und mit ihrem Mann – und daß wir ein Fenster mietheten dem geistlichen Seminar gegenüber … Ich war nicht schön, aber ich hatte noch Wangen um diese große Nase … Ich hatte einen Mund noch mit Lippen … Kein Bild war ich, aber weiße – unechte Perlen standen mir gut im schwarzen Haar … Der arme Narr, der ein Heiliger werden wollte, weil er Jesum von Nazareth glaubte bei der falschen Hochzeit beleidigt zu haben – …

345 Bonaventura konnte keine Worte für sein Erstaunen finden …

Vom Kronsyndikus von Wittekind mein’ ich die Hochzeit mit der Italienerin! …

Veilchen, die einzige Vertraute Löb Seligmann’s, sprach fest und bestimmt …

Während Bonaventura vor Entsetzen sprachlos starrte, kehrte Veilchen auf die Erscheinung, die sie am Fenster abgegeben haben mochte, zurück und sagte:

Jedes Auge ist schön, wenn Thränen darin stehen … So erregte auch mein bittender Gruß, mein verzweifelnder Blick in das geistliche Seminar hinüber, wo ich den gelehrten Mann hinter Eisenstäben erblickte, seine Verzweiflung … Er wollte umkehren … Ich erfuhr es … Aber es war zu spät … Um der Thränen willen, die ich Ihrem Oheim verdanke, Herr Priester, verzeihen Sie mir, daß ich Ihnen in so später Nacht aufs Zimmer komme und Sie bitte: Hören Sie dem Fräulein Lucinde, ehe Sie reisen, und wenn in diesem Augenblick, noch einmal – einmal – die Beichte …

Bonaventura war über die Bekanntschaft einer dritten Person mit diesen tiefsten Geheimnissen seiner Familie außer sich …

Er stand nur, unbekümmert um Lucindens jetzt vorauszusetzende unmittelbare Nähe, unbekümmert um die durch einen solchen Nachtbesuch ihm drohende Beschädigung seines Rufes, und starrte die Sprecherin mit vor Schreck geöffneten Augen an …

Fürchten Sie aber nichts, Herr Priester! sagte Veil-346chen … Das schönste Wissen einer Frau ist das, das sie in ihr Herz einschließt … Und was ich Ihnen sage, weiß ich auch nur von einem, der, wie unsere ganze Familie, vor dem Dechanten in Sanct-Zeno viel zu viel Verehrung und Liebe hat, um je davon einen Misbrauch zu machen … Der Mann wird Sie sehen, Sie mögen ihn fragen, woher er diese Dinge in Kenntniß genommen hat und er wird Ihnen ausweichen und Sie blos fragen – nach Bröder’s lateinischer Grammatik …

Löb – Seligmann?! … sagte Bonaventura mit tonloser Stimme …

Von ihm weiß ich, fuhr Veilchen fort, daß Leo Perl mich nicht aus Untreue verließ, sondern gezwungen durch Umstände, die ihren Grund auch in seinem ungläubigen Aberglauben, seiner geistreichen Narrheit gehabt haben mögen … Ich weiß aus hundert Briefen, daß er den menschlichen Willen bestritt und nichts gelten ließ, als den Zufall … Er liebte Ihren Oheim so, daß ich darauf eifersüchtig wurde … Er nannte überhaupt die Leichtsinnigen erst die wahren Menschen …

Bonaventura hatte nun die äußerste Furcht um Benno’s Geheimniß, um Lucindens neue Mitwissenschaft so gefahrvoller Verwickelungen … Diese Furcht äußerte er zunächst …

Werd’ ich, sagte die Jüdin, da ich schon die Liebe des Mädchens zu Ihnen eine Rache genannt habe, noch neue Kohlen darauf schütten! …

Dann bat sie, daß im Gegentheil der Herr Domkapitular den gezwungenen Lauscher auf Schloß Neuhof 347 schonen möchte … Sie erzählte dessen Abenteuer … Sie fügte hinzu, daß er zwar die Charaden gehört hätte, aber nicht ihre Auflösung … Sie verlor sich in die Erinnerung an Leo Perl und schloß: Er fand den Hochmuth der Sängerin Maldachini gewiß nur lächerlich, weil er sagte: Was ist denn Eure Tugend? … Die Bequemlichkeit der Umstände! … Und seinem Freund, dem damaligen Kaplan von Asselyn, konnte er nichts abschlagen … Seine Angst und die Scham kam erst, als er die Priesterkleider schon anhatte und die betrogene Frau vor ihm stand … Da weiß ich, daß er gern hinausgestürzt wäre in den hellen Mondscheinwald und hätte, schon um zu büßen – denn büßen, das ist grade unser Jüdisches – die Kleider nicht wieder abziehen mögen … Auch daß er zur Sühne an dem Betrug einen andern schönen Park, den in Kocher am Fall, aufgab, den Park, wo ich von ihm Spinoza und Liebe – ohne Leidenschaft kennen lernte, auch das ist diese Kasteiung, die die Christen blos uns Juden verdanken … Das Christenthum ist die größte Schmeichelei an uns Juden …

Ein Lächeln begleitete diesen Scherz … Doch es erstarb schnell, da sie Bonaventura’s Erregung sah … Sie fuhr fort:

Vor seinem Tode gab Perl einem Mönch Namens Hubertus, er ist jetzt in Rom, eine lateinische Schrift, die dieser einem hohen Geistlichen in Witoborn übergeben sollte, aber erst dann, wenn er ohne ein Aergerniß begraben worden wäre … Seltsam, daß ich diese Schrift gesehen habe … Ich sah sie in der Hand des 348 Fräulein Lucinde … Es war in diesem Jänner … Kurz vor Ihrer Abreise nach Witoborn … Das Fräulein brachte die Schrift von einer gefährlichen Unternehmung mit, von der Sie ja wissen – als sie den Pater Sebastus aus dem Profeßhause befreien wollte …

Bonaventura stand voll bebender Combinationen: Leo Perl – Seine Reue über den Uebertritt – der Zwang des Kronsyndikus – Seine Pfarre in Borkenhagen – Seine eigne Taufe durch Perl – die Schrift – Lucindens Drohung – …

Veilchen fuhr fort:

Es war ein Brief, den ich nicht lesen konnte – in Latein – Aber vielleicht war es derselbe an den Bischof von Witoborn, von dem Löb Seligmann gehört hat, daß er leicht in die Hände Ihres seligen Herrn Vaters hätte kommen können, da dieser gleich nach dem Tode des Bischofs Konrad, der unmittelbar nach dem Tod des Leo Perl erfolgte – die geistlichen Archive – ordnete …

Bonaventura hörte nur – … Aber er hörte, wie der Verbrecher in Vorahnung eines über ihn gefällten Todesurtheils den Anfang seiner Sentenz lesen hört … Er wollte nicht verrathen, was in ihm vorging … Er wollte seinem Antlitz den Ausdruck der Ruhe und Fassung geben … Umsonst … Ein eisiger Frost durchschüttelte seine Glieder … Seine Zähne fingen an zu zittern … Er ahnte einen tiefen, tiefen, ewigen Verdruß seines Lebens … Er that einige Schritte vorwärts und sank auf einen Sessel …

Mein Gott im Himmel –! rief die Jüdin, er-349schreckend ebensowol über Bonaventura’s Anblick, wie über ihr Unvermögen, einem ohnmächtig werdenden Manne helfen zu sollen … Was ist Ihnen? …

Bonaventura’s Gedanken konnten nicht anders lauten, als:

Lucinde sagte, mit dem Inhalt jenes Briefes könnte sie dich ewig in ihren Händen halten? Deinen Segen könnte sie in Fluch verwandeln? Selbst wenn du die dreifache Krone trügest, könnte sie alle deine Handlungen ungeschehen machen? … Was gibt ihr diese Kraft? … Was gibt dir – diese Unkraft? … Bist du – kein Christ –? … Bist du nicht getauft –? … Bist du nicht – richtig getauft –? …

Nun schossen seine fiebernden Gedanken weiter:

Du bist von Leo Perl in den Tagen getauft, wo sein Gemüth von Reue über seinen Schritt, von Wuth über den Kronsyndikus, der ihn zwang, Priester zu bleiben, ergriffen war … Diese Stimmung behielt er vielleicht lebenslang … Seine ganze Stellung war die der Zerfallenheit mit sich, die der Reue über sein übereiltes Christwerden, der Rache für den Zwang, der ihm zuletzt auferlegt wurde, der jahrelangen Verstellung … In dieser Schrift bekannte er sich schuldig, alle seine kirchlichen Functionen ohne Absicht und Direction des Willens vollzogen, dich und andere „ohne Intention“ getauft zu haben … Der Bischof starb schnell hinter Leo Perl … Sein Vater nahm die Urkunde an sich und unterdrückte sie … Leo Perl war todt, das Verbrechen war geschehen, nicht anders rückgängig zu machen, als durch neue Taufe … Dein Vater, das Auf-350sehen einer solchen Handlung fürchtend, längst schon – ihrer Ehescheidungsverweigerung wegen – zerfallen mit der Kirche, behielt diese Urkunde, zerstörte sie jedoch nicht, sondern legte sie für künftige Enthüllungen zurück, band sie ohne Zweifel dem alten Mevissen auf die Seele … Dieser nahm sie mit in sein Grab, wo sie lange Zeit unzerstört bleiben konnte, bis sie gefunden werden sollte, dann vielleicht – wenn es Frâ Federigo, vielleicht einst am Tag der Versammlung unter den Eichen von Castellungo, begehrte … Picard fand dies Papier im Sarge und gab es Lucinden zur Uebergabe an mich … Lucinde las es … Sie, sie, die die ganze folgenschwere Wucht unserer Lehre von der Intention bei priesterlichen Handlungen kennt, die Lehre von der wirklichen Absicht, auch den äußern Ritus so zu meinen, wie man ihn vollzieht, sie, die schon höhnisch sagen konnte, Ulrich von Hülleshoven und Monika, die gleichfalls in jener Zeit von Leo Perl getraut worden, könnten in Rom bei der Behörde der Gnadenertheilung, der Sacra Dataria, ihre Ehe getrennt erhalten – Sie weiß es, daß du nach unsrer Lehre der von Rom ganz in die Priestermacht gegebenen Seele ein Ungetaufter bist, ein Nichttheilnehmer, noch weniger ein Förderer am Gottesreich … Sie konnte dir drohen, daß alle deine Handlungen als Priester zurückgehen müßten, wenn sie, sie es wollte – Denn nach Roms Gesetzen bist du, ob auch getauft, ein Heide –! …

Die Hände schlug Bonaventura vor die Augen … Zwei Convertiten, Leo Perl und Lucinde, hielten das katholische Christenthum an seinen Consequenzen fest 351 … Was Jedem Thorheit erschienen wäre, für die Welt, in der Bonaventura eingesponnen lebte, lag hier ein unermeßliches Aergerniß vor …

Er besann sich und that, als wollte er nur einen plötzlichen Anfall von Unwohlsein verbergen …

Es wird vorübergehen! sprach er und hielt die Jüdin zurück, die, thatunkräftig wie sie war, zwar nach Wasser sich umblickte, nicht aber darnach gehen konnte … Obgleich Glas und Flasche hinter eben demselben Epheu standen, den damals Lucinde zerpflückt hatte …

Das sah er, die Jüdin besaß nicht Lucindens ganzes Vertrauen …

Ihre Flucht vor Nück, ihre Liebe hatte sie ihm gestanden …

Die Jüdin hatte es vielleicht aus eignem Antrieb übernommen, den tugendstolzen Priester in seiner Abweisung menschlicher Schwäche wankend zu machen …

Das aber sah er: Sie wußte nichts vom Inhalt der Leo Perl’schen Schrift, nichts von der Bedeutung der Intention in der katholischen Kirche … Sagte sich Leo Perl bei der Taufe Bonaventura’s: Ich habe nicht die Absicht, daß das, was ich eben thue, das ist, was die Kirche damit will! so war und blieb Bonaventura – ein Heide …

Der Gefolterte, dem das Schicksal alle Prüfungen der Seele verhängt zu haben schien, hatte vom Stuhl, von dem er sich erhob, mühsam das Kanapee erreicht …

Da sank die lange schlanke Gestalt allmählich und langsam nieder …

352 Das blasse Haupt aufstützend rang er nach Fassung … Seine Gedanken rollten ihm um wie die wirbelnden Kreise des Philosophen von Eschede … Sie traten ihm wie ein buntes Flimmern vor die Augen … Er wußte keine Vorstellung mehr festzuhalten … Vorwürfe, Anklagen, mit denen sich das bedrängte menschliche Herz in solchen Lagen zu helfen pflegt, kamen ihm nicht natürlich und freiwillig … Nur ein Chaos der schmerzlichsten Vorstellungen über die Thatsache und ihre Folgen war es … Es rief ihm alles: Also auch das ist möglich! Möglich unter Menschen, die sich auf diese Art glauben unter die Herrschaft des Geistes gestellt zu haben! … Das geschieht dir, dir mit deinem redlichen Willen, der dir befiehlt, nicht zu murren gegen dein halb schon bereutes Priesterjoch! … Das geschieht dir in dem Augenblick, wo du dein größtes Opfer bringen wolltest, dein eigenes Grab zu graben, das Grab deiner Liebe! … Nun noch dies! Noch dies!… Und Lucinde die Zauberin dieses Spukes, der dich ein Leben lang wie Hexengruß im falben Mondlicht äffen wird! … Sollst du deine Würde niederlegen? … Sollst du dem Generalvicar dich anvertrauen und bekennen: Du bist kein Christ?! … Sollen alle deine kirchlichen Handlungen, die deine ungetaufte Hand verrichtete, erst nachträglich von einem Spruch Roms die Kraft des Sakramentes erhalten! … Nein! Nein! Nein! Ich trotze dem Geschick und lüge! Ich muß, ich muß lügen! …

Die Jüdin sah diese Seelenkämpfe, zitterte, fragte, bat und – hoffte …

Sie konnte seinem Gedankengang über den Inhalt 353 des von Lucinden gefundenen Briefes nicht folgen … Sie würde selbst aus dem Judenthum heraus, aus der Religion des Gesetzes, kaum begriffen haben, wie ein Gemüth, lebte es auch noch so sehr im steten Gewissenszwang, so doch über Sonnenstrahlen fallen, so über Spinnenfäden straucheln konnte … Sie würde mit Christus gesagt haben: Ihr verschluckt Kameele und seigt Mücken! …

„Das Christenthum ist die größte Schmeichelei an uns Juden“ – und Bonaventura stand wie ein Verbrecher … Dämonische Stimmen raunten ihm zu: Offenbare dich doch Lucinden! Was trennst du diesen Schatten deines Daseins von dir selbst? Lucindens Liebe, Verschwiegenheit, Frevelmuth? … Mit ihr vereint ist ja alles still – Mit ihr vereint erstirbt ja der Hohn, der um dich her aus tausend Larven rufen wird: Auch du wandelst den Weg der Lüge! …

Schieben Sie Ihre Reise einen halben Tag auf! sagte Veilchen … Hören Sie die Beichte des armen Mädchens … Sie will nichts, als Ihnen ein Bild ihres gegenwärtigen Innern geben, vieler Geheimnisse, die sie drücken, auch der Ursachen, warum sie so plötzlich das Haus des Oberprocurators verlassen hat … Ich versichere Sie, es muß eine große Begebenheit gewesen sein, die sie zu mir getrieben – Zu mir, in die dunkle schmutzige Rumpelgasse, zu meinem unausstehlichen Nathan, den ich nun schon dreißig Jahre nehmen muß, wie er ist … Ich möchte schwören, daß in Holland, wo sie den ganzen Tag putzen und scheuern, keine Stube so sauber und rein ist, wie meine Schlafstube im 354 dritten Stock unseres Hauses, das wir glücklicherweise allein bewohnen, und doch thut mir das stolze Kind leid – im reinsten Glase Wasser sieht sie Judenthum … Aber sie hat keinen Ort gewußt, wo sie sich verbergen sollte … Ich dürfte nicht an Ihrer Stelle sein, Herr Priester … Schon aus Neugier, was sie von der Marcebillenstraße verjagt hat … Acht Tage ist sie bei mir … Der Nathan sieht die Polizei jede Stunde kommen … Ich hab’ ihm versprochen, die Strafe aus meiner Gage zu zahlen – 30 Thaler jährlich, Herr von Asselyn! Ich bin der wohlfeilste Buchhalter an der deutschen Börse … So hockt sie verzweifelnd auf meinem Kanapee, schreibt Briefe, zerreißt sie, hat nichts bei sich, als ein Bündel, mit dem sie aus dem Nück’schen Hause entflohen ist … Hat der Mann Ihre Ehre verletzt? rief ich sie an … Sie antwortete mir darauf nichts, sah aber aus, als käme sie vom Richtplatz und erst seit drei Tagen hör’ ich sie weinen – weinen wie im Brustkrampf! … Sie sagt: Mein Unglück ist, ich falle über mich selbst! Ich bin nur für die Schlechten da! Ich habe etwas in meiner Art, das selbst die, die mich lieben wollen, an einem einzigen Tage zu meinen Feinden macht! … Könnt’ ich ihm nur einmal noch alles sagen und beichten! sprach sie dann … Ich gestehe, Herr Priester! Von dem Wort „Beichten“ hab’ ich keinen Begriff … Je mehr ich bei mir selbst behalte, desto fester und besser werden meine Gedanken … Ja die mauern sich dann erst recht aus wie ein Schwalbennest, das ganz sauber werden kann aus lauter kleinem Schmutz … Müßt’ ich alles, was ich denke und eben erlebte, 355 so frisch und weich wieder von mir geben, würde ich wie ein leckes Faß … Ich bin katholisch! sagte sie mir darauf … Mein Gott, da stritt ich nicht mehr und weil ich die Neigung ihres Herzens schon durch die Bekanntschaft mit dem Herrn Pater Sebastus wußte und wie die Gefahr, nicht an Ihr Ohr zu gelangen, zu groß wurde durch Ihre Abreise, da sagt’ ich: Wissen Sie – Ich will für Sie gehen, Fräulein, wie Eliezer ging auf die Werbung für Jakob … Sie umarmte mich, begleitete mich bis hieher – Unten in der dunkeln Gasse da – sehen Sie, da steht sie und wartet … Geben Sie der Armen den Trost, daß sie Ihnen noch einmal, nur als einem Priester versteht sich, ihr Herz ausschütten kann …

Bonaventura’s Gedanken sammelten sich in der Vorstellung, was Lucinde so plötzlich aus dem Hause Nück’s entfernt haben mochte … Auch an den Brand und an die Urkunde dachte er … Er stand sinnend und zögernd …

Die Jüdin blickte aus ihren klugen Augen mit jener List hervor, die auch das gutmüthigste Kind im Spiele hat, wenn es Freude an einem Sieg seiner Klugheit verräth, ohne damit Böses zu wollen …

Bonaventura hatte sich erhoben … Er hielt sich vom Fenster fern …

Er überlegte und sah die Scene, die ihm mit Lucinden drohte … Sie konnte jetzt nicht anders enden, als mit ganzer Vertraulichkeit über alles, was ihn drückte … Ein gemeinschaftliches Geheimniß zu bewahren bindet die Seelen wider Willen … Er hätte Lucinden nicht 356 anblicken können ohne zu sagen: Den Brief des Geistlichen Leo Perl – gib mir zurück oder zerreißen wir ihn und laß’ ihn zwischen uns ein ewiges Geheimniß bleiben! … Sich einem Weib verpflichtet fühlen, raubt dem Mann seine Selbständigkeit und Dank ist schon an sich eine Pflicht, die eine edle Seele nie karg abträgt …

Bonaventura ging eine Weile auf und nieder … Er kämpfte … Endlich hatte er entschieden … Er wollte, er konnte nicht nachgeben … Er sah in die Zukunft – ahnte, daß sie ihn immer und immer in Lucindens Bahnen führen würde … Jetzt aber, jetzt in dem letzten Opferdienst seiner Seele für Paula, wollte er sich rein erhalten … Er schüttelte sein Haupt und sprach: Ein andermal! … Und für sich: Komme was komme! …

Die Jüdin stand in der Nähe der Thür, schon ihren Hut in der Hand …

Es schlug neun …

Ich kann meine Reise nicht aufschieben, fuhr Bonaventura fort … Erklären Sie – Lucinden, ich käme – ja zurück – und dann – dann vielleicht …

Veilchen schüttelte ungläubig den Kopf …

Das bestreitet sie – sagte sie … Sie behauptet, Sie kämen nie zurück …

Bonaventura ließ, wie ein Ueberwundener, nur die Arme sinken und schüttelte ablehnend sein leidendes Haupt …

Woraus schließt sie das? fragte er, vor Ueberanstrengung seiner Seele völlig kraftlos – …

Veilchen erwiderte:

Man würde Sie in Wien fesseln, sagte sie … Schon 357 wäre ein Verwandter von Ihnen gefesselt worden … Man würde Sie nicht sehen können, ohne die nicht zu beneiden, denen Sie immer angehörten … Ich wiederhole ihre Worte … Sie nennt schon einen Bischofssitz, der für Sie bestimmt ist, Herr Priester … Robillante in Italien oder einen ähnlichen Namen … Im Thal von – Castellungo – Das ist der Name … Ich habe ihn behalten …

Bonaventura faltete nur die zitternden Hände …

Die beiden Mönche, fuhr Veilchen fort, die dieses Frühjahr von Witoborn entflohen, haben aus Rom geschrieben, daß in ihrem Kloster ein Mönch lebt, der ein Bisthum ausgeschlagen hätte, das ein mächtiger Cardinal gelobt hätte, dem heiligsten Priester in der Christenheit zu geben … Und in Wien sind – Sie, Sie, Herr Domkapitular, schon dafür genannt worden … Das wurde hereingeschrieben … Lucinde weiß alles … Sie werden in Wien mit diesem Anerbieten empfangen werden …

Bonaventura hörte nur …

Eine Besinnung, eine Fassung lag nicht mehr in seiner Kraft …

So hörten Sie selbst das noch nicht? fragte die Jüdin, immer hoffend, den Zweck ihres Besuchs zuletzt noch erreichen zu können …

Bonaventura hauchte:

Sie – berichten – mir – Wunderdinge …

Er ließ sich die Namen noch einmal nennen …

Es waren und blieben die Namen Robillante und Castellungo … Die Orte, wo Paula leben sollte – 358 wo Frâ Federigo lebte … Er sah Benno, Olympia, Ceccone betheiligt … Das war das von Benno erwähnte Bisthum … Gaben es ihm wol gar – die Jesuiten? dachte er einen Moment …

Verlassen Sie sich! fügte Veilchen hinzu … Sie kommen nicht zurück … Sie werden in Italien ein Bischof …

Ohne noch zu widerreden, faltete Bonaventura, überwunden von den Fügungen seines Geschicks, aufs neue die Hände … Er sah, wie mit übergeistigtem Auge, Paula auf dem Schlosse, auf dem sie einst in ihrer Vision die Fahne mit den Dorste’schen Farben erblickt hatte … Seinen Vater sah er unter den Eichen von Castellungo … Ein Glanz umfloß ihn wie die himmlische Morgenröthe …

Dennoch schüttelte er den Kopf auf die wiederholten Bitten der Jüdin …

Herr Priester! … Das ist grausam, wallte diese auf …

Solchen Worten zürnte er nicht mehr …

Gute Nacht, Liebe! sprach er … Dank für Ihre Verschwiegenheit – wegen dessen, was Herr Seligmann hörte, eine Verschwiegenheit, auf die ich bei unserm gemeinsamen Gott fest und heilig baue … Sagen Sie aber Lucinden: Wer allwissend ist, ist auch allmächtig! … Was kommt sie zu mir –! …

Herr Priester –! bat Veilchen noch einmal inständigst …

Komm’ ich in der That nicht wieder, so wünsch’ ich ihr alles Glück und jeden Frieden des Gemüths … Ich danke Ihnen, daß Sie ihr Bote wurden … Sie 359 sind treu, was Sie auch gegen die Treue sagen … Doch gehen Sie, ohne mich noch wankend machen zu wollen … Es gelingt nicht … Drohungen, die Lucindens Charakter entsprechen, schrecken mich nicht; ich kann, sagen Sie ihr’s, alles ertragen … Noch eins! Ist sie hülflos, so schreibe sie offen und getrost – an meinen Oheim in der Dechanei … Das ist nicht wahr, daß alle vor ihr fliehen … Der Onkel verehrt sie wahrhaft; er wird alles für sie thun … Sagen Sie ihr das! Mein Oheim ist ganz der Freund, den sie sucht … Sagen Sie ihr auch – daß ich glücklich bin über ihre Trennung von Nück und daß ich nie in dem Verhältniß ein Arg gefunden … Nicht aber mehr … Ich kann nicht anders … Die Kraft fehlt mir, all die Bürden zu tragen, die mir ihre Beichte noch auferlegen würde … In Zukunft! … Ich reise morgen in erster Frühe … Nun bleibt es dabei …

Damit half Bonaventura Veilchen schon den Mantel auf die Schultern legen …

Sie schüttelte den Kopf wie über die Thorheit der ganzen Welt … Still befestigte sie ihren Mantel …

Bonaventura leuchtete ihr hinaus und begleitete sie über den Corridor bis an die nächste Treppe … Diese war erleuchtet … Veilchen wandte sich noch einmal, sah den Priester mit ihren geöffneten Augen wie einen bemitleidenswerthen Wahnbefangenen an und schlich die Treppenstufen nieder … Bonaventura wartete, bis er hörte, daß sie das Hausthor gefunden …

Dir sind wol schon hundert wie mit unsichtbaren Ketten gebunden, die dir beichteten, sagte er sich, zurück-360kehrend in sein Zimmer, mit dem ganzen ausbrechenden Schmerz seiner Seele; aber wie du gebunden, du umstrickt bist von deinen eigenen Lebensräthseln, das ist ein Verhängniß wie im Haus – der alten Labdakiden! …

Und des so wohlthuenden Eindrucks der Jüdin gedenkend, rief er laut:

Gott der Christen – Gott der Juden – Allah –! … Zeus! … Ja auch der Olymp herrscht noch … Nicht alle Götter der Alten sind in nichts zerflossen … Die Nemesis – die Tyche – die Keren haben ihr Amt behalten …

Der Gedanke, daß ein Bisthum neben dem Schlosse, wo Paula wohnen sollte, für ihn eine Unmöglichkeit wäre, stritt mit der Ungewißheit über den Eindruck, den ihm Graf Hugo machen würde und nach dem er doch der Wahrheit gemäß entscheiden sollte …

Sein Lager suchte er, um nur allein die müden Muskeln zu strecken … Schlaf, wußte er, würde ihn fliehen … Träumte er, so würde der Ungetaufte – vom Jordan träumen …

In der That erhob er sich vor Sonnenaufgang ohne Stärkung …

Es war ein nebeliger Morgen … Er kleidete sich an … Renate credenzte ihm den gewohnten Labetrunk … Sie weinte … Der gute und ernste Mann war ihr wie ein Sohn geworden und seit Monaten sah er krank und zerfallen aus und auf wie lange verreiste er …

Auch in Bonaventura’s Auge standen Thränen … Er ahnte, daß er die alte Frau nicht wiedersehen würde …

361 Rings blickte er auf seine Bücher, seine Bilder … Es war ein Abschied auf ewige Zeit …

Die Huldigungen, die seiner ersten Abreise gebracht wurden, fehlten auch dieser zweiten nicht …

Für die von ihm etwa abgefallenen Seelen waren andere eingetreten und die Feierlichkeit der Begrüßung im Kapitelhofe war sogar noch größer, als früher durch Schnuphase’s Rede … Sie war geordneter … Die Curie hatte an dem Erfolg dieser Reise das höchste Interesse … Viele der alten Herren traten selbst an seinen Wagen … Dies war ein ganz eleganter, den Bonaventura gar nicht bestellt hatte …

Den von Glückwünschen fast Erdrückten hob Thiebold, der gestern nur zum Schein Abschied genommen hatte, in seinen eigenen Wagen … Er hatte alles so arrangirt … Der gestrige Abschiedsbesuch maskirte die Absicht, den Hochverehrten nicht blos bis an das Dampfboot zu begleiten, sondern auch noch eine Strecke weiter hinaus …

Die Blumen wurden einem Altar der Kathedrale übersandt, an dem Bonaventura oft celebrirte …

Thiebold ließ sich nicht nehmen, bis zum Hüneneck mitzufahren … Zwei Stunden lang „zerstreute“ er die stille, der Sammlung bedürftige Seele des unglücklichen Priesters … Erst am Hüneneck verzogen sich die Nebel … Die Gegend, selbst im Winteranfang lieblich wie immer, entschleierte sich … Thiebold konnte nicht allen Empfindungen Ausdruck geben, die ihm der Anblick Lindenwerths, der Blick nach Drusenheim und dem Geierfels hinüber machte, wenigstens nicht in Bonaventura’s 362 Gegenwart … Am Gasthaus zum Roland landete der Dampfer … Thiebold stieg hier aus und erneuerte den Abschied …

Als Bonaventura allein war und tiefbewegt Rundgänge, die denen in seinem eigenen Geisteslabyrinth glichen, auf dem Verdeck machte, das erst jetzt von seiner Reinigung und der Nebelnässe zu trocknen anfing, bemerkte er, gerade beim Hinblick auf die Maximinuskapelle und den Sanct-Wolfgangsberg, hinter dem sein altes stilles Glück lag, einen jungen Mann, der, mit dem Rücken an den Radkasten der Maschine gelehnt, ihn mit großen durchbohrenden Augen ansah …

Die Gestalt war nicht zu groß, zierlich und behend … Die Kleidung elegant … Ein Mantel von dunkelbraunem Tuch mit offenen Aermeln, am Kragen besetzt mit schwarzem Sammet, das Futter von einem langflockigen Zeuge und Schnurtroddeln geschmackvoll zum Zusammenhalten des Mantels – Darunter ein schwarzer enganliegender Oberrock … Die Cravatte schwarz; ebenso die Handschuhe … Ein feiner ganz neuer Hut auf dem Kopf … Die Haare kurzgeschnitten …

Ueber den starren Ausdruck des bräunlichen zierlichen Antlitzes flog ein Erröthen und ein verlegenes Lächeln, als Bonaventura’s Blick länger auf dem jungen Mann verweilte …

Doch zerstreute ihn bald die theure, geliebte Gegend …

Es ging vorüber an der Maximinuskapelle, am „Weißen Roß“ …

Bonaventura bemerkte den jungen Passagier nicht 363 mehr … Auch später bei gemeinsamer Tafel fehlte die Gestalt, die ihm den unheimlichen Eindruck einer Aehnlichkeit mit Lucinden machte …

Hafenruhe konnte erst spät gegen Abend um zehn Uhr geboten werden …

Der junge Passagier war verschwunden …

Die Fahrt ging zuletzt im Dunkeln und bedurfte der Vorsicht … Aber so kalt es wurde, die Passagiere verbrachten die längste Zeit lieber auf dem Verdeck …

Bonaventura ging auf und nieder … Ein Berg mit einem hochthronenden Schlosse führte ihm die Scene vor, die Benno mit dem Staatskanzler erlebt und geschildert hatte … Es war schon bald bei Ankunft in der großen alten „goldenen“ Stadt, wo die Rast für die Nacht stattfinden sollte, als Bonaventura wieder den jungen Mann erblickte, eingeschlagen in seinen weiten Mantel und nicht weit vom Steuerruder sitzend …

Er rückte und rührte sich nicht …

Ging aber Bonaventura an ihm vorüber, so war es ein einziger unter dem etwas breitrandigen schwarzen Hut und aus der Umhüllung des emporgezogenen Sammetkragens hervorzuckender Blitz der Augen – ein Funkeln, wie ein Käfer in der Nacht aufglüht, ein Funkeln, wie ein lauerndes Raubthier sich durch nichts, als seine Augen verräth … Kein Laut, keine Bewegung, als ein Zurückziehen des lackirten zierlichen Stiefels, um dem Vorübergehenden Platz zu machen … Die Situation, die Zeitdauer, alles bot dem Priester Muße, sich an die entsetzliche und doch fast beruhigende Vorstellung zu gewöhnen: Wenn das Lucinde wäre! …

364 Beim Landen, beim Wohnen in einem „Rheinischen Hof“ war die Spur des jungen Mannes verschwunden …

Nach zwei Tagen und einem Aufenthalt in Frankfurt befand sich Bonaventura in der Stadt, wo er im Seminar gewesen …

Es war dasselbe Seminar, von dem Serlo erzählte …

Er besuchte alle ihm denkwürdigen Plätze der Erinnerung … Die Altarstelle, wo er zum Priester geweiht worden … Das Zimmer, wo Paula in der orthopädischen Anstalt lag … Den Bischof, bei dem Lucinde convertirte … Den Mitgeweihten Niggl, einen noch immer zwischen dem Naiven und Excentrischen unpraktisch, brausend und schnaubend hin- und herfahrenden, gutmüthigen Phantasten …

Bonaventura sah und begrüßte alles wie zum letzten mal …

Auch das berühmte Hospital des alten Bischofs Julius sah er … In dem botanisch gepflegten Garten schien die Jahreszeit noch nicht der November … Die Genesenden saßen zwar nicht im wärmenden Sonnenstrahl, aber die Irren rannten hin und wieder, gesticulirten und sprachen aufs zufriedenste mit sich selbst …

Da wieder der Anblick des jungen Mannes vom Dampfboot …

Kaum schoß er an ihm und an Niggl, der ihn begleitete, vorüber, so sagte dieser:

Wer war nur das? Das Gesicht ist mir so bekannt …

365 Nach wenigen Augenblicken, wo der junge Mann verschwunden war, begann Niggl, von unbewußter Ideenassociation geleitet, von Lucinden als von einer Hocherleuchteten, von einer durch Nück und Hunnius und viele andere in alle Vorkommnisse des innern Kirchenlebens Eingeweihten … Er scherzte über die ihm wohlbekannte Neigung derselben zu seinem Besuch … Beda Hunnius hatte ihm darüber Mittheilungen gemacht … Er wußte schon, daß sie von Nück sich entfernt hatte, und vermuthete, sie wäre nach Belgien, um Jesuitesse zu werden – „Redemptoristin“ – nach dem äußern Ausdruck …

Das Gespräch kam von dem verfänglichen Gegenstand ab …

Bonaventura sah den jungen Mann nicht wieder, aber sein Herz bebte von den trübsten Ahnungen …

Die Donau kam … Bonaventura bewunderte den regensburger Dom und bestieg die Höhe, auf der König Ludwig die Walhalla erbaut hat … Ein Aufenthalt dort oben wie Athemzüge im Aetherreich … Unten die Erde mit ihren Mühen, hier oben die Himmlischen … Ausgerungen haben Kampf und Leidenschaft … Hier sind die Pforten der Welt des Plato, die Eichen im Haine Odin’s … Walkyren stehen zwar noch, die unerbittlichen Parzen, in marmornen Gebilden an der Schwelle des Tempels; aber sie scheinen Versöhnerinnen, nicht mehr Rächerinnen …

Bonaventura stieg die Riesentreppe nieder – tieferfüllt von dem empfangenen Eindruck … Da blickt er auf neue Ankömmlinge … Eine Gesellschaft, die eben 366 mit einem Boot aus Regensburg angekommen sein mochte, steigt ihm von unten her entgegen … In ihrer Mitte – sein Reiseschatten, der junge Mann im braunen Mantel … Dicht streift er, tief niederblickend, an ihm vorüber … Zwei Schiffe kreuzen sich so auf dem Meere …

Bonaventura konnte nicht stehen bleiben, nicht der spukhaften Erscheinung nachsehen … Sie war schon wie seine Furcht, wie sein Gewissen geworden … Beim jedesmaligen Begegnen fuhr ein schriller Ton durch die Luft: Du Ungetaufter! … Und ebenso sagte das Lächeln des jungen Mannes: Bleibe ruhig, ich bin dein Schutzgeist! …

Die regensburger Geistlichen, von denen Bonaventura begleitet war, führten den Erblassenden, Schwankenden noch in einem Wagen nach einem Oertchen, Straubing gegenüber … An der Stelle, wo Agnes Bernauer ihren Tod in den Wellen gefunden, bestieg er das Dampfboot … Er glaubte annehmen zu dürfen, daß er nicht allein fuhr – daß der junge Mann – Lucinde – schon auf dem Dampfer war …

Er sah sie aber nicht … Nicht die ganze Reise entlang, die zwei Tage dauerte … Er glaubte nun doch an eine Täuschung in der Person …

So kam er nach Wien … Er sah zum ersten mal eine so rauschende, volkreiche Stadt, wohnte bei dem Chorherrn, der ihn ganz erst so zuwartend und prüfend wie Benno empfing, theilte die Aufgaben, die seiner im Gewühl dieser großen Stadt harrten, gewissenhaft ein, überlegte: Wie näherst du dich dem Grafen! …

367 Darüber vergingen einige Tage …

Die Gräfin Erdmuthe war zum Grafen Hugo auf Schloß Salem hinaus, um den grollenden Sohn hereinzuschmeicheln …

Bonaventura hatte beim Cardinal Ceccone seine Briefe persönlich abgegeben, war in der That von dem liebenswürdigsten und zuvorkommendsten Benehmen eines Priesters, der die Grazie als Milderung der List über sein ganzes Wesen ausgegossen trug, mit dem Anerbieten des Bischofssitzes von Robillante begrüßt worden … Olympia, die Herzogin von Amarillas, Benno wurden als seine Protectoren genannt …

Alle seine Pulse flogen, als er, nach der von ihm um Bedenkzeit ausgesprochenen Bitte die Stufen des kleinen Palastes niederstieg …

Er wußte nicht, wie er auf die Straße kam …

Kaum blickte er auf, da rollte ein Fiaker vom Hause, der nur auf ihn gewartet zu haben schien …

Aus dem Schlag blickte ein Kopf – der junge Mann im braunen Mantel …

Pfeilgeschwind schoß der Wagen vorüber …

Er verlor die Besinnung und verirrte sich in den Straßen …

Wer Bonaventura sah, wer ihn nach einer Vorstellung anredete, wen er besuchte – jeder wußte, daß er Bischof werden sollte im Piemontesischen … Jeder fragte nach seiner italienischen Predigt in „Maria Schnee“, die zugleich mit drei Messen bedungen war …

Man fand diese Erhebung so natürlich … Man sagte, der Domkapitular wäre ein Gesinnungsgenosse des 368 Kirchenfürsten und in seiner Heimat „unmöglich“ geworden … Dort schied er aus … Auch seine Gesundheit rathe ihm den Aufenthalt im Süden …

Sofort in den Palatinus zu gehen vermochte er nicht … Er zitterte, sich dort zu verrathen … Aber es suchte ihn schon Fürst Rucca auf … Olympia überhäufte ihn mit Geschenken und Zuvorkommenheiten, wie sie eben nur Priester anzunehmen gewohnt sind … Er rüstete sich, noch unentschlossen, gedrängt vom Chorherrn – italienisch zu predigen … An sich war es ihm ein Leichtes, da er die Sprache so gewandt, wie Benno, sprach …

Noch immer sah er die Herzogin nicht … Der Boden unter ihm wurde heiß wie Feuer … Glühende Lava rann neben ihm … Was soll aus Alledem werden! stöhnte er vor Schmerz über seine Lage … Nun auch noch die fremden Leiden zu den eigenen! …

Schon wußten auch die Zickeles, wohin ihn seine Creditbriefe führten, von seiner Ernennung und wünschten der Gräfin Erdmuthe Glück, ihn als einen Deutschen so in der Nähe zu haben … Er mußte sich sagen: Das zerstört ja jede Möglichkeit der Ehe ihres Sohnes, wenn Graf Hugo die Absicht meiner Reise erfährt und – Paula’s Empfindungen für mich kennt –!

In der That, die Gräfin empfing ihn mit der Kälte, die er erwartet hatte … Haßte sie schon das römische Priesterthum an sich, war sie wie ihr Sohn tiefverletzt von der Bedingung, daß erst eines Beichtvaters Ja! oder Nein! über Paula’s Willen entscheiden sollte, so war die Nachricht, dieser Beichtvater käme nun auch sogleich dicht in die Nähe Castellungo’s, wo der Graf 369 so gern ganz sich niedergelassen hätte, und folgte demnach seinem Beichtkinde, für sie ein wahrer Hohn, den die „Kirche“ dem Stolz dieser Familie sprach … Sie sah hier nichts als die Veranstaltung der Jesuiten … Sie sah das fortgesetzte Wirken des Ordens, dem Terschka sich entzogen hatte … Sie sah die Feindseligkeit des Erzbischofs von Cuneo, des Cardinals Fefelotti, der bereits gewaltsam in die Rechte der Waldenser eingegriffen hatte …

Als Bonaventura von seiner ersten Begegnung mit der Gräfin mit dem Entschluß, lieber doch dieser Lockung des Ehrgeizes, dieser Lockung seiner Liebe zur Geliebten und zum Vater mit äußerster Kraft zu widerstreben, nach Hause kam, regnete es in Strömen …

Schon war es spät … Er konnte nicht sogleich auf der Freyung die Pforte finden, die die seinige war …

Eine Weile dauerte es, bis er sich zurecht fand …

Wie er geklingelt hatte, schlug unter den vielen Regenschirmen, die um ihn her sich fast den Platz benahmen, einer, ein dunkelblauseidener, auf …

Indem er in sein Wohnhaus trat, erkannte er die langsam an ihm vorübergehende Gestalt im braunen Mantel und mit den schwarzen Handschuhen …

Das Blau des Schirmes, das Gaslicht der Laterne, die gerade neben der Hauptpforte befestigt war, der mit Schnee untermischte Regen gaben dem Antlitz des jungen Mannes den Ausdruck des Todes …

Kein Wort, nicht einmal ein zweiter Blick, nur ein Lächeln, wie: Siehst du nun? – und das Bild war vorüber …

Bonaventura suchte wie vor einem Gespenst sein einsa-370mes Zimmer … Er floh, als wenn Lucinde hinter ihm her huschte und höhnte: Heide! Heide! und dann doch sagte: Aber sei ohne Furcht! Ich sag’ es nur dir! … Sie ist es, rief er … Sie ist es … Was kann sie noch wollen? …

Am folgenden Tage sah er endlich die Herzogin von Amarillas …

Olympia ruhte nicht eher …

Principe Rucca suchte ihn fast gewaltsam in den Palatinus zu führen …

Ceccone war zugegen … Es war äußerlich ein heiterer Abend … Unter den Scherzen zitterte das tiefste Leid … Angiolina wurde nicht erwähnt …

Benno’s Mutter fand er, wie sie dieser geschildert … Unter dem Schein äußerster, ja abstoßender Kälte eine leidenschaftliche und dann doch wieder plötzlich kalt verständige Seele …

Er und sie benahmen sich so, als wüßten sie nichts vom Tiefverborgenen …

Olympia überhäufte ihn mit Schmeicheleien und Liebkosungen – um Benno’s willen, den sie für seine Flucht einen Maledetto nannte, den sie nun bald in Rom strafen würde …

Principe Rucca nannte den Baron von Asselyn schon den allerbesten Freund, den er in dieser Welt besäße …

In einigen Wochen hofften alle in Rom zu sein … Es schienen Menschen, hergekommen aus jener alten Welt der Imperatoren, wo die Frauen in ihren Ohrgehängen den Werth eines Königreichs trugen … Sie fanden ganz in der Ordnung, daß der Bischof von Robillante sein Bisthum vom Kapitel verwalten ließ 371 und den Carneval in Rom verbrachte … Wie bewunderten sie Bonaventura’s italienische Aussprache …

Die Herzogin war bei all diesen wilden und leichtsinnigen Exclamationen – – die Duenna Olympia’s – jene Arme, die sich von Kirche zu Kirche fortbetete, weil sie keine Kutsche bezahlen konnte … Sie stand tief befangen und mit Zittern lauschend … Die noch zum Leben verurtheilte – Niobe, wie sie Bonaventura’s von ihr seltsam gefesseltem Auge erschien …

Die Schwierigkeit der von Paula gestellten Aufgabe lähmte Bonaventura’s Entschließungen …

Wie sollte er dem Grafen sich nähern? Wie ihn nur annähernd ergründen? …

Selbst Erkundigungen nur über seinen Ruf einzuziehen, widerstrebte ihm …

Auch kannte jedermann und niemand mehr, als Bonaventura, sein Verhältniß zu Angiolinen … Er wußte durch Benno, daß der Graf ehrenwerth war, ja edel von Paula sprach … Er konnte nur nach Westerhof schreiben: Er ist vollkommen würdig! … Dennoch – ihn sehen, eine Weile mit ihm leben, war unerläßlich …

Die Mutter des Grafen betrachtete ihn indessen mit prüfenderen Augen, als er auf ihren Sohn gerichtet haben würde …

Als der Graf hörte, Bonaventura sollte Bischof von Robillante werden, kam er noch weniger von Schloß Salem herein, von dessen Versteigerung man schon sprach …

Bonaventura erfuhr letzteres von Angelika Müller …

Diese, endlich einmal wieder in katholischen Berührungen recht sich ausschwelgend, sagte:

372 Gräfin Erdmuthe fährt hin und her, schickt Boten über Boten an die Zickeles … Die Katastrophe ist reif … An die Stelle des Adels tritt in dieser Welt die Börse …

In diesen Zustand der Unentschlossenheit, die durch Lucindens verlorene Spur gemehrt wurde, hinein drängten sich die Vorbereitungen zur wirklichen Vollziehung seiner Bischofswahl, noch ehe er ganz entschieden zugesagt hatte …

Das Kapitel von Robillante hatte seiner eigenen Wahl sich begeben und der römischen Curie die Besetzung mit einer ihr genehmen Persönlichkeit überlassen … Bonaventura stand der Gräfin und dem Grafen gegenüber in einem Licht, das das ungünstigste von der Welt sein mußte … Was sollte Paula denken! Was ganz Westerhof! …

Da, zur Mehrung des falschen Scheins, mußte es geschehen, daß der unwiderstehliche Zug des Herzens, der Bonaventura nach den Eichen von Castellungo zog, eine Entscheidung erhielt, die ihn bestimmte, in der That die Mitra und den Krummstab anzunehmen, es mochte kommen, was da wollte – – …

Er war bei Gräfin Erdmuthe gewesen, hoffte wieder vergebens, bei ihr den Grafen Hugo zu begrüßen …

Die Gräfin empfing ihn mit äußerster Kälte, heute mit einer Aufregung des Zorns …

Ihre Augen glühten, ihre Hände zitterten …

Ha, brach sie nach den ersten Begrüßungen aus, da seh’ ich die neuen Kämpfe, die mir beschieden sind! … „Haltet Recht und Gerechtigkeit und errettet den Beraubten von des Frevlers Hand!“ spricht der Pro-373phet … Ich muß nach Italien … Fefelotti zertritt die Früchte meiner Anstrengungen … Hab’ ich darum mit soviel Kronen und Cabinetten unterhandelt! …

Bonaventura erfuhr eine Schreckenskunde – auch für ihn …

Die nach Witoborn zu Hedemann’s Hochzeit reisende Mutter Porzia Biancchi’s, die bei den Seidenwürmern zurückgebliebene Giuseppina Biancchi, Gattin des frankfurter Napoleone, Schwägerin des Professors Biancchi, der – ein echter Italiener – vor seiner Verwandtin plötzlich „verreist“ war, hatte diese Nachricht eben mitgebracht …

Der Eremit von Castellungo, Frâ Federigo, war spurlos verschwunden …

Im Mund des Volkes ging nur Eine Stimme … Der neue Erzbischof von Cuneo hatte ihn in die Kerker der Inquisition geworfen …

Als Bonaventura diese Mittheilung hörte – als er den Strom von Anklagen und Verwünschungen, in denen sich die Greisin erging, auch nicht mit einem einzigen Wort unterbrach, sondern nur, wie die Wand so weiß geworden, den Bericht vernahm und sich ihn von der hereingerufenen alten Italienerin bestätigen ließ – wie er selbst dem kleinsten Zug der Mittheilung eine fieberhafte Aufmerksamkeit schenkte, hätte eine mit geringerem Selbstvertrauen begabte und nicht ganz nur in sich selbst lebende Persönlichkeit, wie die der Gräfin, wohl erkennen müssen, welche Umwälzungen im Innern Bonaventura’s vor sich gingen …

374 Sie sah in dem Zucken seiner Nerven, in seinen auf den Lippen ersterbenden Fragen und Antworten nur die Beschämung eines römischen Priesters …

Jetzt bricht es aus, was die „Rotte Korah“, die Väter der Gesellschaft Jesu, über unser Haus verhängt haben! rief sie leidenschaftlich aus … Dieser redlichste Freund der Armen, dieser wahre Priester Gottes, dieser Rathgeber, Tröster, Lehrer der Unglücklichen und Unwissenden, ein heimatloser Pilger, den ich seit Jahren schützte, ein Deutscher nach allem, was ich von ihm entdecken konnte, so oft ich seine einsame Hütte besuchte und eine Vergangenheit zu ergründen strebte, die er vielleicht nothgedrungen verhüllt – schmachtet jetzt in den unterirdischen Kerkern des Kapitels von St.-Ignazio – ist vielleicht schon den Ketzerrichtern, den Dominicanern der Trinitâ zu San-Onofrio übergeben! …

Und kein Beistand von der Regierung, fuhr sie fort … Diese Regierung ganz in den Händen der Jesuiten … Kein Beistand bei den benachbarten Geistlichen …

Nicht bei mir?! rief Bonaventura mit mächtig hallender Stimme …

Seine Augen leuchteten …

Er stand aufrecht, erhoben, wie mit einem Blitzstrahl in seinen krampfhaft ausgestreckten Händen …

Die Gräfin betrachtete die seltsame Bewegung, hörte das Wort des Beistands mit Theilnahme – aber, da nächst dem Glauben ihr der Sohn ihr Alles war, so sah sie jetzt nur die wirkliche Bestätigung des Gerüchts über Bonaventura’s Bischofssitz – in der Nähe der lu-375therischen Salem-Camphausens – in der Nähe Paula’s, ihrer – allenfallsigen Schwiegertochter …

Die Entfremdung blieb die alte …

Eine Annäherung an den Grafen war aufs neue gestört … Eine bloße Formalität, die Bonaventura zur Beruhigung Paula’s und der Verwandten schnell zu beenden glaubte, wurde immer unmöglicher …

Er rannte dahin – wie von Rossen gezogen … Er hatte sich noch von der Gräfin und von der alten Italienerin über seinen vermeintlichen Vater erzählen lassen …

Jeder Zug bestätigte seine Ahnung … Sein Vater lag nicht in dem Schnee der Alpen begraben, nicht in Sanct-Remy – er lebte – war seiner Freiheit beraubt … Beraubt durch Fefelotti, dem er berechtigt sein konnte, gegenüberzutreten …

Es gab jetzt keine Wahl mehr für ihn … Er mußte Bischof von Robillante werden … Paula gegenüber das zu bleiben, was er bisher war, ein Entsagender – diese Kraft für ein ganzes Leben sich zuzutrauen, entmuthigte ihn ja nichts …

Wie aber jetzt die Vereinigung aller Interessen! … Er hätte dem Grafen sich so gern ganz vertrauen, ihn in seine Seele blicken lassen mögen … Die Heirath Paula’s mußte stattfinden … Aber auch von seinem Bischofsstabe konnte er nicht lassen … Sollte er sich dem Chorherrn anvertrauen? … Dem Cardinal Ceccone selbst? Sollte er dem Grafen an die Brust sinken? Gerade da sich ausweinen? … Wäre Benno’s Vermittelung möglich gewesen! … Fast war es ihm ein Trost, 376 den Doppelgänger Lucindens oder sie selbst zu sehen … Er konnte annehmen, daß sie noch nicht alles, alles kannte, was seine Seele belastete …

Daheim erwartete ihn Leo Zickeles, der älteste der Söhne des großen Handlungshauses, und beklagte aufs bitterste, daß der Gang der Geschäfte mit dem Grafen eine so üble Wendung zu nehmen drohte … Alle Hoffnungen schienen zerstört, die Aussichten auf die Heirath schienen gescheitert … Die Gräfin, hörte er, hätte neue Verbindungen mit Geldleuten eingeleitet … Sogar an Herrn von Pötzl wäre eine Annäherung erfolgt … Zweideutige Agenten riefe sie in ihr Palais … Der „ungerechte Mammon“ brachte die liebende Mutter um alle Haltung …

Leo Zickeles sah in dem seufzenden Schweigen des jungen vornehmen Geistlichen nur – die Verstocktheit der Kirche gegen eine gemischte Ehe, äußerte sich aber darüber mit der seiner Stellung geziemenden Zurückhaltung …

Am Abend durfte Bonaventura nicht beim Cardinal Ceccone fehlen … Er ließ sich getrost als „Bischof von Robillante“ begrüßen, komme was da wolle – und doch sagte er sich: Treulos handelst du an den Verwandten Paula’s – an dem Grafen Hugo! … Er war mit seinem ganzen Dasein zerfallen …

Den folgenden Morgen hatte er verzweifelnde Briefe an den Onkel, an Benno geschrieben … Aber er war willens, in die Kirche „Maria Schnee“ zu gehen, die alle geistlichen Functionen, Messe, Beichtstuhl, Predigt ihm schon gestattete …

377 Dann wollte er nach Schloß Salem fahren und den Grafen dort begrüßen – oder nicht eher weichen, bis er ihn gesprochen, ihm – er hoffte es – Vertrauen abgewonnen hätte …

Um halb zehn Uhr erhielt er einen Brief vom Grafen selbst …

Er war datirt aus der Stadt und vom frühesten Morgen … Man hatte den Brief zurückbehalten, bis Bonaventura sein Zimmer öffnete …

„Hochwürdigster Herr Domkapitular!“ lautete er. „Noch immer ist es mir nicht möglich gewesen, in der Stadt Ihren Besuch zu empfangen und zu erwidern, da ich durch vielfache Geschäfte an meinen Landaufenthalt gebunden bin. Gestern Abend bin ich von Schloß Salem hereingekommen und zwar auf Grund eines Briefes, den ich von Herrn von Terschka aus London erhielt. Er wiederholt die Behauptung, daß die Urkunde, die unsere Linie um Hoffnungen betrog, die Jahrhunderte alt sind, eine gefälschte ist. Er verwies mich ausdrücklich auf eine gewisse Lucinde Schwarz, mit der ich mich über diese Angelegenheit verständigen sollte. Sie wäre, wie er gehört hätte, jetzt in Wien und stünde zum Herrn Oberprocurator Dr. Nück in Beziehungen der größten Intimität. Die Ehre und der Bestand meines Hauses stehen auf dem Spiele. Ich erkundigte mich noch gestern Abend nach dieser Dame und fand sie in der That hier anwesend. Ich sprach sie. Ich will jedes Aufsehen meiden, aber ich muß die Dame durch meine Mittheilungen für sichtlich in Verlegenheit gesetzt erklären. Wenn ich nicht sofort gegen sie einschreite, so ist es, weil mich eine außerordentliche Aehnlichkeit derselben mit einem We-378sen rührt, das mir unendlich theuer war. Auf mein wiederholtes Androhen, daß ich nichts unterlassen würde, um eine Frevelthat aufzudecken, an der, wie ich weiß, meine Verwandte unbetheiligt sind, erklärte sie mir, sie würde mir eine Antwort zukommen lassen durch Eure Hochwürden – nach einer in der Beichte genommenen Rücksprache – – Somit ersuche ich Sie in aller Ergebenheit, haben Sie die Güte, von ihr in der Kirche der Italiener, wo Ihnen Kanzel und Beichtstuhl eingeräumt wurden, die Beichte entgegenzunehmen – und zwar heute in der Frühe, zehn Uhr. Ist diese mit Ihnen genommene Rücksprache vorüber, so bitt’ ich mir die Stunde bestimmen zu wollen, wo ich die Ehre haben kann, Ihnen meine Aufwartung zu machen. Um meine gute Mutter nicht aufzuregen, bitt’ ich dringend um die Adresse: Professor Dalschefski, beim St.-Stanislaushause auf der Currentgasse. Mit aller Hochachtung Hugo, Graf von Salem-Camphausen.“ …

Bonaventura’s Athem stockte …

Er sah auf die Uhr …

Es war schon dreiviertel auf zehn …

Nach einigen Minuten Besinnung begab er sich, geführt vom Chorherrn, in die Kirche „Maria zum Schnee“…

Bald standen sie auf einem kleinen Platz, wo ihn der freundliche Führer weiter wies …

Die Sakristei liegt ein wenig abseits von der uralt ehrwürdigen Kirche …

Wie er sich zitternd in geistliche Kleidung warf, starrten ihm durchs Fenster von einem Kreuzgang 379 her alte Grabmäler und Statuen wie der Tod entgegen …

Er betrat das Innere des gothischen, hellen, nur zu sehr modernisirten Gottestempels …

Es war ihm, als träte er ein – in die Welt des Südens … Doch auch wie ein heißer Sirocco wehte es zugleich ihn an …

An einem der hohen Pfeiler ragte die Kanzel, wo er am nächsten Sonntag predigen sollte …

Er verbeugte sich dem Hochaltar und schritt an dem Standbild Metastasio’s vorüber – …

Der Meßner führte ihn in einen Beichtstuhl, dicht an einem kleinen Nebenaltar mit brennender Lampe …

Ein Bild des Gekreuzigten, zu dessen Füßen zwei Frauengestalten, alte Holzschnittwerke, beteten, zur Rechten – zur Linken das hohe Eingangsportal …

In dem engen braunen Häuschen sank er zusammen, wie das Vorbild all seines Duldens – als diesem auf seinem Todesgang Simon von Cyrene zu Hülfe kam …

Es schlug zehn Uhr …

Wenig Secunden – und eine Gestalt – in weiblicher Kleidung – kniete neben ihm …

Es war Lucinde.

Ende des sechsten Buchs.

Apparat#

Der Apparat für alle Bände des Zauberers von Rom ist unter dem ersten Band einzusehen.