Wir stellen die Gutzkow Gesamtausgabe zur Zeit auf neue technische Beine. Es kann an einzelnen Stellen noch zu kleinen Problemen kommen.

Die Diakonissin#

Metadaten#

Herausgeber
  1. Stephan Landshuter
Fassung
1.2: Abstände bei den Kapitelziffern hinzugefügt
Letzte Bearbeitung
11.06.2021

Text#

Die Diakonissin.#

Ein Lebensbild.#

Atra cura ...

Horat.

Meinen lieben Schwägerinnen Frau Minna und Frau Elise gewidmet.

1 I. #

In einem Augenblicke, wo vor einigen dreißig Jahren vielleicht eine Gesellschaft von Göttinger Studenten auf dem Brocken oder ein fröstelnder, um die Nachtruhe betrogener Trupp von Schweizerreisenden auf dem Rigi stand, um den Aufgang der Sonne zu beobachten, brach in den Gewässern des stillen Ozeans, auf der andern Hemisphäre unserer Erdkugel, eben die Nacht an.

Gewaltig wirft sich die Woge an die Spitze eines Vorgebirges auf der Insel Java. Hochauf spritzt ihr Schaum zu einer einsamen Palme, dem vorgeschobenen Wächter einer kleinen Niederlassung, die tiefer hinein in die zerrissenen Thalschluchten der gebirgreichen Insel ihre Wohnhäuser liegen hat, ihre Zeltdächer, ihre Veranden. Nur auf den höchsten Bergkuppen liegt das Gestein offen zu Tage, tiefer abwärts bedeckt es die Pracht der südlichen 2 Flora und entsendet Zauberdüfte, die selbst denjenigen immer noch berauschen, der sich an das Einathmen einer ewigen Blüthenatmosphäre hier schon gewöhnt hat.

Die Nacht aber ist die Feierstunde dieser schönen südlichen Welt. Sie bricht an, selbst nur vergleichbar dem sich erschließenden Kelche einer jener Wunderblumen, zu denen wir in unsern Treibhäusern emporblicken wie zu beseelten Wesen, zu Sitzen feenhafter Geheimnisse; sie ist selbst ein Traum, den die schlummernde Natur zu träumen scheint. Goldgelb schwimmt der Mond, der Erde näher gerückt wie zur unmittelbarsten Zwiesprache, geisterhaft in einem Meer lichtheller, wie Nebel zerfließender Wolken. Ein Dämmerungsschleier webt sich über jede Fernsicht und deckt die schlummernden zur Ruhe geschlossenen Kelche der Mimosen, während die Riesenfächer der Palmen nur von dem leisen Winde des Meeres dann und wann feierlich bewegt sind, Allem, was in dem stillen Raume lebt, sanfte Kühlung zufächelnd. Die Düfte wechseln in den sich umwerfenden Strömungen der Luft je nach neuen Blüthen, deren Geburtsstunde die Pflanze gerade in der Nacht überrascht. Leuchtkäfer blitzen auf wie 3 funkelnde Diamanten, mit denen das All sich schmückt. Am äußersten Rande des Horizontes zuckt es von Blitzen ferner, stiller, ungehörter Gewitter, die Lüfte entladen sich in elektrischen Pulsschlägen, die Niemand fühlt und die Niemanden erschrecken. Dieser Traum der Nacht wäre in seinem Stummsein beängstigend, wenn nicht aus dem Blüthenwalde der Bergschluchten zuweilen die menschenähnliche Stimme des wilden Maku oder ein Heulen der in den Reisfeldern streifenden Tiger und Schakale vernehmbar würde.

Ein junger Offizier von der Garnison der nahegelegenen kleinen holländischen Veste Samarang verschlief auf weicher Matratze diese Zaubernacht. Er hatte von seiner Garnison einen Ritt von einigen Meilen gemacht, unter mancherlei schmerzlichen Empfindungen auf dem einsam gelegenen Landhause den Abend zugebracht und war dann nur mit dem einzigen Gedanken zur Ruhe gegangen, die Netze, die sein Lager umgaben, um es zu schützen vor dem Besuche der Mosquito’s, der Scorpionen oder Fledermäuse, sich so dicht wie möglich zuzuschließen. Wie es bei heftigen Ermüdungen zu gehen pflegt, folgt auf den ersten bleischweren 4 Schlaf einiger Stunden oft ein Erwachen, wo die Sinne zwar betäubt sind, die Augenlieder aber stundenlang sich nicht wieder schließen wollen. Der junge Offizier, unbewußt klarer Vorstellungen, legte sich nach Mitternacht bald auf diese bald auf jene Seite, lüftete, um sich der Hitze zu erwehren, die leichte, feine Bastdecke, lauschte dem Summen der Käfer, die Gelegenheit gefunden hatten durch die gestreiften Vorhänge des offnen Fensters einzudringen und jetzt in das zarte Netzgatter seines Lagers Eingang suchten, doch brachte ihn nichts aus seinem traumwachen Zustande, nichts aus einer gebundenen Schwere seiner Sinne. Er hörte sogar Fußtritte über sich, er hörte das Knarren des Bodens der leichtgebauten Wohnung des Wirthes, er unterschied deutlich, daß dieser hinaustrat auf die Altane, die von einer Palme beschattet den Blick auf den fernen Spiegel des Meeres bot. Der junge Offizier war diese nächtliche Unruhe seines Wirthes schon gewohnt. Es war ein Kranker, den er von seiner Garnison aus zuweilen besuchte; der Oberst seines eignen Regiments.

Keine Woche verging, daß nicht der junge Lieutenant Gerhard Hartlaub, von Geburt ein Deut-5scher, hinausritt in die stille Einsiedelei seines auf unbestimmte Zeit beurlaubten Chefs. Van der Busch, ein Holländer, hatte sich durch Tapferkeit gegen die aufsätzigen Eingebornen und eine gegen die eigenen Untergebenen sehr nothwendige strenge Mannszucht früh zu den höheren Graden emporgeschwungen. In einem Alter von fünf und vierzig Jahren schon trug er die Epaulettes des Obersten. Sein Regiment stand theils in Samarang, theils war es in einzelnen kleinen Forts und Bastionen zerstreut, die zur Obhut der Gebirgspässe in oft gefährlichster Einsamkeit bis tief in die Sitze der Ureinwohner angelegt waren. Oberst van der Busch hatte auf seiner letzten Reise nach Europa im Haag dem Kriegsminister seinen Dank für die ihm gewordenen raschen Beförderungen aussprechen wollen und bei dieser Gelegenheit Deutschland besucht. In einer großen norddeutschen Hauptstadt machte er die Bekanntschaft eines jungen gebildeten Mädchens Namens Natalie Hartlaub. Tochter eines Beamten stand sie mit ihrer Mutter und einem um Ein Jahr jüngern Bruder, der die Landwirthschaft lernte, allein. Die Bewerbung des stattlichen, wohlhabenden, mit Orden geschmückten fremden Kriegers hatte den gewünschten 6 Erfolg und so anhänglich und edel waren die Empfindungen des Obersten van der Busch, daß er seiner jungen Braut nicht etwa zumuthete, die Mühseligkeiten einer so langen Reise zu ertragen und sich von dem heimatlichen Boden trennen zu sollen, er versprach seinen Aufenthalt künftig in Deutschland zu nehmen. Da die Pension, die er zu beziehen hoffen durfte, nach der Länge seiner Dienstzeit bemessen wurde, so wollte er, um ein gewisses, sein ganzes zukünftiges Leben angenehm sicherstellendes Maaß zu erreichen, noch auf drei Jahre nach Java zurückkehren. Die Zartheit seiner Empfindungen ging soweit, daß er seiner Braut eine Sicherstellung für ihre Zukunft in aller Förmlichkeit gab. Die Reise war mit Gefahren verknüpft, das Fieber richtete unter den Europäern auf Java furchtbare Verheerungen an; so schied van der Busch von Deutschland fast schon wie der Gatte seiner Geliebten, er kaufte sie für den Fall seines immer möglichen Todes in einer Londoner Lebensversicherung ein. Und um die Beweise der liebevollsten, ja fast väterlichen Fürsorge für das Wohl der Familie, mit der sich der Edle verbinden wollte, noch zu vermehren, machte er dem Bruder seiner 7 Braut den Vorschlag Soldat zu werden, in holländische Dienste zu treten und mit ihm als ein immer gegenwärtiges Pfand seiner zukünftigen Hoffnungen nach Java zu gehen. Der junge Oekonom willigte ein. Er folgte seinem künftigen Schwager mit der ganzen sorglosen Freudigkeit, mit der die Jugend einem ihre Zukunft neu und wunderbar bestimmenden Geschick entgegengeht.

Indessen schon auf der Reise nach Holland, von da nach Paris, nach London, wo van der Busch den Einkauf in die alte berühmte Lebensversicherung Equitable Society anordnete, und von dort nach Holland zurück, kam ein geheimer Zustand zur Sprache, der schwer und drückend auf van der Buschs Gemüth lastete. Der Oberst war krank. Er consultirte in Paris und London die berühmtesten Aerzte über ein Uebel, das er seinem jungen künftigen Schwager lange nicht nannte. Es ist der Zweck dieser Blätter, das Nachdenken und Mitgefühl mitten in die Stätten menschlicher Leiden zu führen. Wir wollen jene künstliche Welt des ewiggleichen Glückes, der immer jungen und frischen Kraft des Leibes, um tausend romantische von Dichtern geschilderte Schicksale des Herzens be-8fahren zu können, einmal umgehen und das Auge zwingen, den viel wahreren Bedingungen unseres Daseins, die in unserer Maschine selbst liegen, Stand zu halten. Möge Der, den es stört von Leiden zu lesen, diese Blätter sogleich aus der Hand legen. Wir beginnen damit, daß wir die wunderbarste Pracht der Erdenschöpfung nicht zum Schauplatz eines unsre Herzen mit Seligkeit durchschauernden idyllischen Glückes machen, sondern zur Lagerstatt eines Kranken, eines von Schmerz Gepeinigten, eines oft die Luft mit Weheschrei und Klageseufzern laut erfüllenden Märtyrers. Dem Charakter unserer Mittheilungen entspricht es, daß auch nicht etwa gesagt werde, der Oberst van der Busch litt an Uebeln, deren nähere Bezeichnung nur den Arzt interessiren könnte; wir haben dem Zweck dieser Blätter gemäß das Leiden zu nennen, das sich drei Jahre nach jenen geheimen Consultationen in Paris und London bis zu jener Katastrophe steigern konnte, die der junge inzwischen zum Offizier beförderte Gerhard Hartlaub ahnte, als er in jener wunderbaren blüthenduftdurchzogenen tropischen Nacht plötzlich auf seinem schlaflosen Lager einen Pistolenschuß hörte. Die kleine halb aus Binsen und Rohr-9geflecht gebaute Villa dröhnte mächtig und schwankte von der Wucht eines zusammenbrechenden Gegenstandes. Hartlaub sprang auf. Alle Bilder des wachen Traumes waren verschwunden. Er riß das bergende Netz seines Lagers auseinander, warf seinen Mantel über, ergriff fieberhaft schnell die Lampe, die zum Verscheuchen der Tiger und Schakale hinter dem Mousselin-Vorhange des offnen Fensters brennend stand, stürmte die schwankende Stiege zu den Zimmern des Obersten hinauf, stieß die zur Altane führende Thür zurück und fand vom Monde und den Sternen beleuchtet den jammervollen Anblick einer in ihrem Blute schwimmenden Leiche.

Krampfhaft noch hielt die rechte Hand des Obersten van der Busch die tödtliche Waffe. Ein Blutstrom schoß aus dem Munde des nicht ganz zersprengten Hauptes, das sich rückwärts an die Brüstung der Altane lehnte – die herüberlangenden breiten Fächer der Palme beschatteten es. Der Unglückliche war im Nachtgewande. Offen lag die Brust, die noch keuchend das Leben langsam verhauchte. Der Stern des Auges schon gebrochen. Hülfe war da, aber vergebens. Cogho und Zadock, zwei brave Neger mit starraufgerissenen Augen, wie 10 Hartlaub auch aus dem Schlaf erschreckt, standen hinter ihm, unfähig ein Wort zu reden. Schon heulten, vielleicht die Witterung des Blutes spürend, die wilden Wächter der Niederlassung, gewaltige Hunde an der Kette rasselnd. Das Entsetzliche war geschehen und wenn etwas den Umstehenden die Besinnung wieder geben konnte, so war es die Gewißheit eines längst so geahnten Endes, die Bestätigung einer vorausgesehenen Befürchtung durch die nun beendeten Leiden des Obersten. Sie waren drei Jahre hindurch namenlos gewesen.

Oberst van der Busch litt (wir schildern Menschendasein, wie es ist) an dem in Guinea, nicht selten aber auch in anderen tropischen Gegenden vorkommenden Goldwurm, einem im menschlichen Körper sich einnistenden und flechtenartig um sich greifenden Insecte, dessen Ei sich vielleicht im Schlaf oder sonst zufällig in der menschlichen Hautoberfläche ablagert, erst unmerklich sich entwickelt, dann polypenartig um sich greift, die edelsten Theile umschlingt, das innerste Leben des Menschen aufsaugt, ihn mit brennenden Schmerzen peinigt und erst mit dem Tode seines Wohnsitzes stirbt  . . . . . Wenden wir uns von einer Schilderung dieses Leidens ab … 11 Es ist da: warum sollte man es nicht nennen? … Van der Busch kannte sein Uebel nicht, als er Europa wiedersah; es war noch im Beginn und schien gefahrlos, eine Hautkrankheit. In London erst erkannte ein berühmter Arzt den Goldwurm. Heilungsversuche schienen einen Erfolg zu verbürgen. Die Seereise verlief ohne weitere Befürchtungen, doch die Sonne des Aequators fachte den nur halb erstorbenen Lebenskeim des Thieres wieder auf’s Neue an und ein Mensch, das Ebenbild Gottes, der Beherrscher der Natur, der glückliche Erbe der Schönheiten dieser Erde, ein guter, edler, seinen Pflichten ergebener Mann war bestimmt zu leben für ein Thier, das in ihm seine Wohnung genommen hatte!

Alle Bemühungen der Aerzte, von denen die geschicktesten unter den Eingebornen selbst lebten, waren vergebens. Van der Busch zog sich auf jene stille Einsiedelei zurück. Das oberste Commando von Batavia ertheilte ihm einen unbestimmten Urlaub. Nur von Eingebornen, zu deren natürlichen Geistes- und Herzensanlagen er immer die größte Zuneigung gehabt hatte, bedient, führte er auf seiner Villa ein dem Schmerze und der Philosophie 12 gewidmetes Leben. Seine untergebenen Offiziere, auch Priester und Häuptlinge befreundeter Stämme besuchten ihn und hofften ihn durch Gespräche und Geschenke zu erheitern. Und unter ihnen war sein treuester Gefährte der junge Hartlaub, der Bruder der fernen Geliebten, der Bruder Nataliens, die den klagenden Ton der Briefe, die aus Java kamen, nur aus dem Schmerz über die weite Entfernung herleitete. Vor seinem künftigen Schwager hatte van der Busch über seinen Zustand kein Geheimniß, doch waren beide darüber einig, daß Natalie von den Gefahren, die sein Leben bedrohten, nichts erfuhr. Der junge Hartlaub versprach sich viel von der Rückreise nach Europa. Die berühmtesten Aerzte, an die er ohne Namennennung des Leidenden geschrieben, gaben Hoffnung auf Heilung und schon länger hätte van der Busch zu Schiffe gehen und zurückkehren können, wenn ihn nicht Furcht und Schaam überkommen hätte bei dem Gedanken, in solchem Zustande ein geliebtes Wesen wiederzusehen, das ihn voll Sehnsucht erwartete. Oft schon hatte van der Busch, von seinen brennenden Schmerzen gefoltert, vom Selbstmord gesprochen, oft schon hatte sein junger Freund alle Gründe erschöpft, die die Religion gegen 13 eine gewaltsame Endigung selbst der äußersten Pein des Lebens aufstellt, immer aufs Neue kehrten die schwermüthigen Selbstzerstörungspläne des Obersten wieder. Und als der Unglückliche, ein bejammernswerthes Opfer der Geheimnisse unserer Existenz, endlich entseelt unter dem Palmendach auf den Matten der Altane vor dem jungen Krieger lag, mußte es diesen selbst befremden, wie gering sein Erstaunen war, wie gering sein Schauder, ja wie erhöhend eine gewisse Trostesstimmung ihn überkam, daß da die tapfere Hand wie Ajax mit einem einzigen kühnen Streiche sich unfähig gemacht hatte noch länger einer grausamen Fügung unseres Erdenschicksals zum ohnmächtigen Spielball zu dienen.

Noch im Mondenlichte, an dem verlassenen, mit Büchern und Scripturen bedeckten Arbeitstische las Gerhard Hartlaub den Anfang eines langen „letzten Willens“, den van der Busch nur für ihn allein aufgesetzt hatte. Die einsame Lage des Landhauses machte die Erfüllung gewisser Wünsche des Dahingegangenen nicht unmöglich. Van der Busch hatte mit ruhiger Festigkeit vom Leben Abschied genommen, er beschäftigte sich in seinem letzten Willen nur mit dem Glücke seiner fernen Geliebten. Er erzählte, 14 daß sein Vorhaben schon seit lange festgestanden. Er hatte die endliche Ausführung auf einen Tag verlegt, wo ihn sein junger Freund besuchte. Es war möglich, daß ihn dieser und seine Neger, die er reichlich beschenkt zu ihren Stämmen heimgeschickt wünschte, in aller Stille hier begruben und daß Niemand erfuhr, auf welche Art er aus dem Leben gegangen war. Er nahm seinem Freunde das heilige Versprechen ab, die Art seines Todes vor aller Welt zu verbergen, ihn in aller Stille zu begraben, ihm die militärischen Ehren der Garnison von Samarang durch eine Deputation erst dann erweisen zu lassen, wenn sein Leib, wozu die Bedingungen des Klimas ohnehin führten, bereits geborgen wäre in einer kühlen Felsengrotte, die er für diesen Fall schon lange als sein künftiges Grab hatte erweitern und ausbauen lassen.

Seiner Geliebten sollte die Ursache und die Art seines Todes auch schon deßhalb verschwiegen bleiben, weil die ihr aus London zukommende Versicherungssumme beanstandet werden mußte, wenn in London sein Tod als ein gewaltsamer bekannt wurde.

Man wird erstaunen, daß der brave und tapfere 15 van der Busch doch als – Betrüger aus der Welt gehen wollte!

Die redlichsten Charaktere pflegen von ihrer sonst beobachteten oft ängstlichen Gewissenhaftigkeit nicht selten abzuweichen, wenn es sich um Beziehungen zu öffentlichen Instituten handelt. Daß ein gewaltsamer Tod in London bei einer Kasse, deren Bestand auf mathematischen Berechnungen gegründet war, Chancen verlieren sollte, die ein anderer natürlicher Tod gefunden hätte, war vielleicht einem Krieger schwer einleuchtend, der ohnehin schon in der gezahlten Einlagesumme seinen ihm leichtzustoßenden Tod auf dem Felde der Ehre hatte in Anrechnung bringen dürfen. Hartlaub vollends war zu jung, um die Bedenken, die sich der Erhebung eines bedeutenden Capitals, das hinfort seiner Schwester gehören sollte, entgegenstellten, zum Anlaß einer Abweichung von den Wünschen seines Freundes zu machen. Er entließ bis auf einen Letzten die Diener, bestattete mit diesem seinen Freund und Gönner und ritt dann trauernd nach Samarang zurück, um einfach von dem Hinscheiden des Obersten Anzeige zu machen. Der Unglückliche war so leidend gewesen, daß sein als natürlich dargestellter Tod Niemanden 16 überraschte. Ein Commando aus allen Graden seines Regiments erschien am Tage nach gemachter Anzeige an der Villa des Obersten, die der Auditeur des Regiments versiegelte, und schoß in das stille Felsengrab drei Ehrensalven, daß die Berge weithin widerhallten. Hartlaub schrieb nach Europa an die Seinigen. Die weiteren Vorgänge, die seine Schwester zur Besitzerin eines Vermögens von 50,000 Thalern machten, kümmerten ihn nicht, da sie Ergebnisse sich von selbst verstehender gerichtlicher Proceduren waren. Die von jedem Andenken an das traurige Ende des Obersten van der Busch dann gereinigte Villa blieb lange Zeit leer, bis sie von einem Offizier zum Aufenthalt seiner Gattin erstanden wurde. Die Erben des übrigen Nachlasses des Obersten waren seine in Holland lebenden Angehörigen, von denen Gerhard Hartlaub keine weitere Kenntniß hatte.

17 II. #

Es ist eine gewöhnliche und unglaublich tolle Erfahrung, daß Menschen, die den heimischen Boden nur verlassen zu haben scheinen, um nach möglichst raschem Erproben abenteuerlichen Glückes wieder in die geöffneten Arme der Heimath zurückzukehren, die fremde Welt so liebgewinnen, daß sie sich dauernd von ihr fesseln lassen.

Gerhard Hartlaub blieb nach diesem Ereignisse fünf, zehn, fünfzehn, zwanzig Jahre in den holländischen Besitzungen. Bald in Batavia, bald in einem andern Theile der Insel stationirt, stieg er von Stufe zu Stufe und war, wie sein längstvergessener Oberst van der Busch, einige vierzig Jahre alt, als er sich endlich entschloß, nun doch einen längern Urlaub und sogleich auf einige Jahre zu nehmen, um in Europa seine Verwandte zu besuchen. Seine Mutter war todt, seine Schwester hatte einen reichen 18 Kaufmann geheirathet, hatte selbst schon wieder Kinder, fast von dem Alter in dem sie selbst einst die Neigung des holländischen Obersten gewann. Hartlaub, Major eines Bataillons, das zu einem im westlichen Theile der Insel im hartnäckigen Kampfe gegen malayische Völkerschaften begriffen gewesenen Corps gehörte, erhielt, da ein günstiger Friedensabschluß zu Stande gekommen war, vom Haag einen zweijährigen Urlaub und mit einer jetzt fast fieberhaft gesteigerten Sehnsucht, mit reichen Geldmitteln, mit Geschenken der seltsamsten und überraschendsten Art, mit Sammlungen merkwürdiger botanischer und mineralogischer Schätze, machte er sich um die Weihnachtszeit auf den Weg, um über Indien, Arabien, das Mittelmeer und Triest wieder die deutsche Heimath zu begrüßen. Er reiste im Winter, um in Deutschland mit dem Frühling einzutreffen; er durfte annehmen, daß seine Constitution nicht mehr im Stande war, das europäische Klima in seinen rauhen Abwechslungen ganz zu ertragen.

Die holländischen Offiziere pflegen in Java Sitten anzunehmen, von denen sie sagen, daß die heiße Zone sie mitsichbringe. Sie sind die ausschließlichen Beherrscher eines wunderbar üppigen Landes, haben keine andern Thatsachen, unter deren 19 Druck sie stehen, als die Vorkommnisse eines allerdings oft sehr ernsten Dienstes und so nehmen sie indische und chinesische Genußsucht, einen muselmännischen Trieb nach Ruhe und Bequemlichkeit und alle Gewohnheiten eines Luxus an, den sie so in Europa nicht fortsetzen können.

Gerhard Hartlaub hatte die südliche Sonne nicht so auf sich wirken lassen. In seiner ersten Jugend von seinem Vater, einem ansehnlichen Beamten, zum Studium der Rechte bestimmt, hatte er wissenschaftliche Beschäftigungen liebgewonnen. Er ergriff den späteren praktischen Beruf zur Oekonomie nach dem Tode seines Vaters nur deßhalb, um so schnell wie möglich Mittel zu gewinnen, der Mutter und Schwester sein Dasein nützlich zu machen. Ungern trennte er sich von seinen Büchern, von den Plänen für eine wissenschaftliche Zukunft. Als er später den Ueberredungen van der Busch’s Gehör gab und die Uniform anzog, erfüllte er wie ein Mann von angeborner Entschiedenheit des Willens und furchtloser muthiger Regung die Pflichten dieses neuen Berufes zu allgemeinster Anerkennung, was seine Beförderung zum Major bestätigte. Allein es war ihm nicht gegeben, die Sitten seiner Kameraden anzunehmen. Er behielt, wie 20 sie oft spottend zu sagen pflegten, etwas Lateinisches. Er wohnte nicht wie ein Emir, er umgab sich nicht mit einem Harem eingeborener Sclavinnen, er verträumte nicht sein halbes Leben in mehr oder minder gefährlichen Jagdabenteuern und darauf folgenden sinnlichen Erholungen. Gerhard Hartlaub hatte die Blüthe seiner Mannesjahre erreicht ohne sein Herz für die Regungen einer reinen Liebe abgestumpft zu haben und ohne erschöpft zu sein für den Genuß neuer und lebendiger Eindrücke. Eine Bewerbung, die er in jüngeren Jahren um die Hand der liebenswürdigen Tochter eines in Batavia etablirten Kaufmanns angestellt hatte, war durch den Tod gestört; das unerbittliche Klima hatte die zarte Blüthe hinweggerafft. Auch über diese Erinnerungen war die Zeit hinweggegangen und Hartlaub kam mit offnem Herzen und empfänglichem frohem Sinn auf den europäischen Boden zurück.

Der stattliche Mann mit den blauen Augen, der hohen edlen Stirn, die das vorn verlorne lockige Haupthaar in ihrer Wirkung nur hob, nahm überall für sich ein. Die militärische Welt mußte anerkennen, daß bei einem solchen Krieger die persönliche Tapferkeit über die Bekanntschaft mit den strategischen Feinheiten civilisirter europäischer Heere, die ihm vielleicht fehlte, 21 ging, aber ewig in Waffen stehend verrieth das Blitzen seines Auges die Aufmerksamkeit einer immer gerüsteten Schildwacht, die sich bald eines Ueberfalles grausamer Menschen, bald eines nahenden Tigers zu versehen hatte. Hartlaub’s Waffensammlung, in welcher man Pistolen von der vorzüglichsten arabischen Arbeit fand, vermittelte ihm schon in Wien manche Bekanntschaft unter dem Militär und in friedlicheren Kreisen staunte man einen Mann an, der das Wunderbarste von fremden Sitten und eignen Abenteuern zu erzählen wußte. Ihm selbst war Europa seit zwanzig Jahren fast fremd geworden. Er fand ein dicht zusammengeschaartes, wimmelndes Leben, wo wie in einem Ameisenhaufen Einer über den Andern hinwegkroch, die Einen bauend, die Andern einreißend, Alles sich mühend an Endzwecken, die Hartlaub in Erkenntniß so schwieriger Lebensverhältnisse, wie Europa sie bietet, Niemanden verdenken konnte, wenn sie leider auch alle nur auf persönlichen Vortheil ausliefen. Der Staat, die Industrie, der Handel, die Börse, neue Erfindungen, die Wissenschaft und Kunst gewannen ihm ein mit gebundener Scheu gepaartes und gleichsam beklommenes Erstaunen ab. Nur die Kirche allein schien ihm vertrauter und verständlicher zu sein; denn 22 für Europa’s wunderliches Gebahren auch in dieser Sphäre war er durch die seltsamsten Erfahrungen auf einem Boden vorbereitet, wo sich Islam, Buddhaismus, Fetischismus und allerlei sonstiger welthistorisch gewordener närrischer Glaube mit dem Christenthum in schönster Verträglichkeit durchkreuzten.

Die Reise mußte zuerst direkt nach Holland führen. Hartlaub hatte sich einiger Aufträge der javanischen Regierung und seines Obercommandos im Haag zu entledigen. Frei von seinen nächsten Aufgaben eilte er dann in die Vaterstadt, nicht wenig erwartungsvoll seine Schwester zu begrüßen, die inzwischen eine Millionärin geworden war und sich gewiß einer hervorragenden Stellung in der Gesellschaft erfreute, denn ihr Gatte, Jacob Wisthaler, war schon lange vom Fürsten zum Commerzienrath ernannt. Hartlaub betrat seines Schwagers glänzendes Haus. Dieser schien ihm anfangs ein kalter Geschäftsmann, der nur seinen ausgebreiteten, großartigen Handelsverbindungen lebte, bald erkannte er aber in ihm einen tiefern Kern und ganz die Kraft, die sich von unten herauf mit Hülfe des bedeutenden Vermögens seiner Braut so hoch emporzuschwingen verstanden hatte. Schützte und hüthete Jacob Wisthaler in dem untern 23 Stockwerke seines pallastähnlichen Hauses gleichsam den Grund seines Gebäudes, so war es verzeihlich, wenn es oben etwas bunt durcheinander ging. In Natalien, seiner Schwester, fand der ruhig prüfende Krieger die ganze unbestimmte Beweglichkeit, die allmälig Frauen beherrscht, wenn sie bei großem Reichthum und einer immer angeregten lebhaften Phantasie von den hunderterlei Zumuthungen der Gesellschaft hin und her getrieben werden. Jeder Tag hatte eine neue Aufgabe, jede Stunde verlangte etwas Vorausbestimmtes und schon bald mußte Hartlaub lachen, wenn er sah, wie es hier die gewaltigsten Stürme geben konnte gleichsam in einem Glase Wasser. Neue Bekanntschaften, Einladungen zu Gesellschaften, irgend ein Arrangement zu Wohlthätigkeitszwecken konnte eine ganze Tagesordnung in Anspruch nehmen, konnte die ernstesten Vorsätze umwerfen, Berathungen veranlassen von einer unendlich komischen Feierlichkeit. Ein Troß von Menschen lief auf diesem in ewigem Schwanken begriffenen Fahrzeuge emsig, unruhig, schreiend und doch nichts Rechtes vollbringend hin und her. Einer verhinderte die Bewährung des Andern und nur je bunter und umständlicher das Einfachste ins Leben trat, desto zufriedener war man mit sich und pries an 24 sich selbst die Ausdauer und die Klugheit, mit der man sich hier in den schwierigsten Lagen zu behaupten wisse. In diesem Wirrwarr, der indessen keineswegs ohne Reiz und liebenswürdige Anziehungskraft sein konnte, wuchsen des Majors Nichten auf, Ida und Laura. Beide reizende junge Wesen voll Anmuth und Schalkhaftigkeit, die sich dem Onkel aus Java um den Hals warfen und ihn mit Liebkosungen erdrückten in demselben Augenblicke, wo die jungen, im Ueberflusse erzogenen Mädchen plötzlich über irgend ein unbedeutendes Hinderniß ihrer Wünsche vor Verzweiflung außer sich gerathen und allen Grazien abschwören konnten. Dem Onkel wurde anfangs wie schwindlich in diesem Hause. Mit welcher Sehnsucht war er erwartet worden! Welche Vorbereitungen hatte man getroffen um ihn sogleich mit allen Glanzseiten der Existenz seiner Schwester bekannt zu machen! Eine Reihe von drei großen Zimmern, die glücklicherweise nach einem stillen Garten hinausgingen, wurde ihm zu Gebote gestellt. Die Namen der Beziehungen, in die man ihn einführen wollte, schienen endlos. Er begriff nicht, wie seine Schwester und Ida und Laura es aushielten so gleichsam der ganzen Welt anzugehören, bald für die Musik, bald für die Wissenschaften, für berühmte Namen, 25 für die innern Vorgänge des hohen Adels, für die Familienverhältnisse des Hofes und auf der andern Seite wieder für eine endlose Reihe der unbedeutendsten Privatbeziehungen leben zu können. Da er die Seinen dabei glücklich sah, so lächelte er und dachte nur darüber nach, wie er diesen Ueberfluß soviel wie möglich wenigstens von sich selbst abwehren konnte.

Eine stehende Redensart seiner Schwester, die trotz einer umständlichen Toilette, die sie täglich machte, gealtert war, lautete, daß sie sich recht nach einem stillen Augenblick sehne, wo sie ihm ganz allein gehören wollte. Ach, wir haben uns so unendlich viel zu erzählen! Wir müssen Alles, Alles einmal gründlich durchsprechen! So lauteten die täglichen Vertröstungen des lieben Bruders, die Vorsätze, die auch im besten Willen gefaßt wurden, aber niemals zur Ausführung kamen. Die gute Commerzienräthin konnte einen ganz warmen und liebevollen Blick gen Himmel werfen, wenn die Rede auf die alten Zeiten kam, sie konnte des Bruders Hand ergreifen und seufzend ausrufen: Wie ist das doch Alles so wunderbar gekommen! Der gute van der Busch! Mußte er sterben um mich glücklich zu machen! Und unsre gute Mutter! Sie ahnte gleich so etwas, als er für uns so liebevoll sorgte! … 26 Kam dann Hartlaub in den Zug, wirklich den Ton dieser Saite festzuhalten und wenn auch nicht das wahre Ende van der Busch’s zu erzählen, doch von seiner Liebe, seiner Anhänglichkeit, seinen Leiden und wohl gar von seiner wahren Krankheit zu sprechen, so war gewöhnlich wieder ein Wagen vors Haus gerollt, Besuche wurden gemeldet, die Stunden, um den Manen der Abgeschiedenen zu opfern, fanden sich nicht.

Nur soviel erfuhr Hartlaub, daß van der Busch’s Tod ganz eigenthümliche Berührungen zwischen seiner Familie und den holländischen Angehörigen van der Busch’s herbeigeführt hatte.

Van der Busch hatte eine bedeutende Summe anwenden müssen, um in der Londoner Lebens-Versicherung seiner Verlobten ein so großes Capital zu sichern, als sie erhielt. Er würde sich in seiner zärtlichen Fürsorge vielleicht gemäßigt haben, hätte er noch erlebt, daß seine in Holland ansässige eigne Familie von glücklichen Lebensumständen, in welchen diese sich früher befand, zurückkam. Der Vater van der Buschs war ein Kaufmann, den man für reich hielt. Als er fast gleichzeitig mit seinem Sohne starb, hinterließ er seiner einzigen Tochter Hedwig ein zerrüttetes Geschäft, dessen wahren Bestand er verborgen gehal-27ten hatte, weil er glaubte seiner ihm erst in späteren Jahren geborenen Tochter den Beistand ihres leider kränklichen, aber immer herzlich ihr zugethan gewesenen und vermögenden Bruders in Java zu hinterlassen. Nun traf sich aber, daß Hedwig nicht nur die Stütze des Bruders durch dessen Tod verlor, sondern auch erleben mußte, daß sein Vermögen einer Verbindung zu Gute kam, die dieser, als sie noch ein Kind war, bei seiner letzten Anwesenheit in Europa geschlossen hatte. Hedwig van der Busch stand nicht ganz allein, ein junger unternehmender Kaufmann, Namens Heinrich Artner, ein Deutscher vom Niederrhein gebürtig, hatte sie in ihres Vaters Hause kennen gelernt, sie geliebt und um ihre Hand geworben. Er glaubte das Herz einer vermögenden Erbin gewonnen zu haben und fand sich plötzlich durch die rasch aufeinander folgenden Todesfälle des Vaters und des javanischen Bruders getäuscht. Nicht Habsucht, sondern ein natürliches Gefühl, mißlichen Erfahrungen offen ins Antlitz zu blicken und wenn irgend möglich ihre Herbigkeit zu mildern, bestimmte ihn, sich nach den näheren Veranlassungen zu erkundigen, wie seine Geliebte in so bedauernswerther Art um die Hoffnungen kommen konnte, die sie auf die Besitzthümer der Ihrigen 28 setzen durfte. Er reiste nach Deutschland, machte die Bekanntschaft der Schwester Hartlaubs, in der er überraschend genug schon die Verlobte eines andern jungen nicht unbemittelten Kaufmannes Namens Wisthaler antraf. Es war damals vor zwanzig Jahren dem jungen Hartlaub peinlich genug gewesen, daß seine Schwester sobald nach dem Tode van der Buschs die Gattin eines Andern wurde. Der Hinblick auf die Unmöglichkeit einer Verbindung mit van der Busch milderte damals seinen Unwillen. Jetzt wurde ihm erst erklärlich, wie mehrere Jahre hindurch nach dem Tode seines Gönners bald von London, bald vom Haag, bald von dem Wohnorte seiner Schwester her allerlei gerichtliche Anfrage kommen konnte bald über die näheren Umstände, unter denen der Oberst sein Testament aufsetzte, bald über den Charakter seiner Krankheit und ähnliche Umstände, die man zu prüfen pflegt, wenn es sich um Anzweiflung letztwilliger Anordnungen handelt. Eine solche Anzweiflung war von Heinrich Artner, dem Verlobten der jungen Hedwig van der Busch, erhoben worden. Das Ergebniß war vielleicht nicht ganz ungünstig, denn überraschend genug, es eröffnete sich in Folge vieler gehässigen Hetzereien und gerichtlichen Nachforschungen plötzlich die 29 Handelsfirma: „Wisthaler und Artner.“ Die beiden jungen Kaufleute, die sich mit Processen gegenseitig verfolgten, wurden durch einen vernünftigen und braven Notar, einen gewissen von Emmen, veranlaßt, ihren durch die weiten Entfernungen höchst schwierigen und umständlichen Hader aufzugeben und sich lieber zu einem gemeinschaftlichen Wirken zu vereinigen. Wisthaler hatte bereits ein En-gros-Geschäft eröffnet. Er nahm Heinrich Artner, der sich mit Hedwig van der Busch verheirathete und nach Deutschland überzog, in seine Firma auf und eine Reihe von Jahren hindurch war es Hartlaub in Java immer eine der erfreulichsten und trostreichsten Kunden gewesen, die ihm aus Europa nur zukommen konnten, daß sich Alles, was darauf angewiesen sein konnte, von dem unglücklichen Ende seines Freundes und Gönners den Schleier zu lüften und einem Geheimniß, ja Verbrechen nachzuforschen, plötzlich versöhnt und zu einem Wirken verbunden hatte, das von den glänzendsten Erfolgen begleitet schien. Die Firma Wisthaler und Artner war eine der geachtetsten in allen Branchen des größeren Waarenverkehrs. Sie blühte, sie dehnte sich immer mehr aus, sie konnte keiner Veranlassung zu Besorgnissen Raum geben, auch als sie sich später 30 trennte und jeder Theil auf eigne Hand in der Geschäftsform fortfuhr, die ihm die liebere geworden war. In der Ferne konnte für Hartlaub diese Trennung nichts Auffallendes haben. Artnern, hörte er, hätte es nach einem frühen Tode seiner Gattin zurückgezogen an den Rhein; er hätte sich dort Besitzungen gekauft, hätte sich mit seinen Mitteln in den Fabrikbetrieb geworfen, zu dem jene Gegenden durch den reichen Vorrath von Steinkohlen unmittelbar aufgefordert werden. Kurz, in der ängstlicheren Erwägung späterer Jahre, daß Hartlaub und van der Busch die Londoner Lebensversicherung getäuscht hatten, hatte Jener immer mehr eine einschläfernde Beruhigung seines Gewissens darin gefunden, daß er hörte, wie es beiden Theilen gut und glücklich ging. Auffallend war ihm wohl, daß seine Schwester ihm über den frühern Compagnon ihres Mannes, Heinrich Artner, einst nur die kurze Antwort gab, daß er nicht mehr lebe. Die Kinder waren grade zugegen gewesen und fügten die oberflächliche Bemerkung hinzu, sie möchten wohl wissen, wo jetzt Constanze Artner wäre … Wer ist Constanze Artner? fragte Hartlaub … Artner’s Tochter, hieß es. Hartlaub forschte: Sie muß in Euren Jahren sein? Die Antwort war einsylbig; 31 weitere Erkundigung unterbrach wieder eine Strudelwelle jenes Lebens, das in dem Wisthaler’schen Hause nicht aufhörte.

Erstaunen mußte daher eines Abends Hartlaub, als er auf einem der glänzenden Bälle, deren er seit sechs Wochen hie und da wohl ein Dutzend „überstanden“ hatte, in einer Gruppe zufällig die Verhältnisse erwähnen hörte, deren Kenntniß ihm seither unvollständig geblieben war.

Es war ein Ball in dem Hause seines Schwagers selbst. Wie man gleichsam in dem Hause des Gehenkten nicht gern von Stricken redet, so hörte Hartlaub auch, daß nur in einer flüsternden fast scheuen Art Namen und Verhältnisse ausgesprochen wurden, unter welchen Artner, Constanze, Wisthaler und sogar der Name van der Buschs nicht selten mit unterliefen. Hartlaub gehörte in einer solchen Gesellschaft weder zu den Spielern, noch zu den Tänzern und gefiel sich in der Musterung und still herumwandelnden Kritik des wunderlichen Durcheinanders, das er in dieser Form erst am Mittag seines Lebens kennen lernen sollte. Es war eine ganz erlaubte Neugier, wenn er, von jenen Namen getroffen, hinter einer Wand von Zimmerpflanzen einige Augenblicke stehen blieb und den Mit-32theilungen zuhörte, die ein junger, ihm schon mehrfach in den Gesellschaften aufgefallener Mann von großer Entschiedenheit des Auftretens, zugleich aber von ansprechenden Umgangsformen, in großer Hast zweien Damen machte, von denen die jüngere ihm als die hinterlassene Wittwe jenes Notars bezeichnet wurde, der einst den vernünftigen Vergleich zwischen den beiden jungen prozessirenden Kaufleuten Wisthaler und Artner herbeigeführt hatte. Es war die Rede von Aufmerksamkeiten, die man der entweder schon angekommenen oder erwarteten Constanze Artner erweisen sollte. Frau von Emmen, die junge Wittwe des Notars, widerlegte einige Einwände, die eine ältere Dame gegen manche Vorschläge erhob, die ihnen der Herr, den man Justizrath Freydank nannte, einleuchtend zu machen suchte. Die Entfernung, ein leiseres Sprechen, seine eigene Befangenheit den Lauscher zu spielen, bestimmten Hartlaub, sich von der unbemerkt glaubenden Gruppe zurückzuziehen, aber der Reiz des Interesses, Gelegenheit zu finden die Nichte seines alten Freundes in dieser Stadt zu begrüßen, verließ ihn nicht. War er doch zu lebhaft betheiligt an Allem was sich ihm immer mehr als eine Folge jener geheimnißvollen Nacht auf der fernen Sunda-Insel ankündigte. Lieber 33 Himmel, dachte er, du hast da so ruhig auf das zerschmetterte Haupt des armen Dulders die schweren Felsgesteine seines Grabes wälzen können, hast den immer wieder auf’s Neue an dir nagenden Scrupel, daß hier etwas geschah, was nicht in der Ordnung war, niederzukämpfen gesucht und nun treten dir eine Menge von Folgerungen und Schicksalswendungen entgegen, die fast wie Mahnungen an dein Herz klopfen und dich nach zwanzig Jahren über einen Vorgang, den du fast vergessen hast, viel schwerer aufathmen lassen! . . Sein Interesse wuchs als derselbe Mann, der vorhin mit der jungen Wittwe gesprochen, auf ihn selbst zutrat und sich mit ihm in ein Gespräch einließ. Es war eine schlanke wohlgewachsene Gestalt, dieser Justizrath Freydank, das Haar auf dem bedeutungsvollen Haupte schon etwas umständlich geordnet, die Nase scharf und spitz, die Mundwinkel lächelnd, das Auge scharf zusammengedrückt, mit emporgezogenen Brauen, doch harmlos und sogar gutmüthig. Wo dieser eigenthümlich hervortretende Gesellschafter hinkam, schien ihm ein Theil ebenso auszuweichen, wie ein andrer ihn zu suchen, man liebte ihn eben so sehr wie man ihn fürchtete, man reizte, man neckte ihn, und in der That oft nur, um von ihm eine scharfe 34 Replik zu erhalten. Er sagte den Damen Artigkeiten, aber auch Bonmots, die ihm von ihnen ernsthafte Fächerschläge eintrugen, ein Beweis, daß er unter harmloser Form ihnen eine pikante Anspielung gesagt hatte. Alles was zur Geschäftswelt gehörte und vorzugsweise der Wirth des Hauses schienen ihm ganz besonders zugethan. Ida und Laura behandelten ihn fast brüderlich. Keinen dieser Vorzüge schien Freydank zu mißbrauchen. Er genoß das Uebergewicht, das ihm sein eigener Geist und das Vertrauen der Andern gewährte, ohne darum den Eindruck zu machen, als wollte er irgend Etwas zu Gunsten dieser Stellung sich herausnehmen. Nichts ist am gebildeten Manne anziehender als eine harmonische Vermischung von herausforderndem Muthe und besonnen sich bescheidendem Takt.

Es entsprach ganz der nun schon in mehreren Gesellschaften von Hartlaub beobachteten Weise des Justizraths Freydank, daß dieser sich an ihn mit den Worten wandte: Nun, Herr Major, ich bin wirklich begierig, welche von den jungen dort tanzenden Damen von Ihnen noch das Handgeld zu einer Reise nach Java bekommen wird?

Hartlaub erwiederte lächelnd: Glauben Sie, daß ich hier auf Werbung ausbin?

35 Wenn man sich einen solchen modernen Sclavenmarkt ansieht, fuhr Freydank sich neben Hartlaub in einen Sessel werfend fort, fühlt man Mitleid mit der zum Kauf ausgebotenen Waare und möchte wirklich das Seinige thun, um den Absatz zu befördern.

Hartlaub lächelte über diese Auffassung und gestand so tief noch nicht wieder in die Geheimnisse der europäischen Gesellschaft eingedrungen zu sein, um sich ein so glänzendes heiteres Ergehen der Lust, der Schönheit und Jugend hier unter dem trüben Bilde der ihm sehr wohlbekannten Sclavenmärkte vorzustellen.

Was ist denn aber der geheimnißvolle Takt, erwiederte Freydank, nach dem diese Walzer und Polkas, diese Kleider und Volants dort so hinrauschen, anders als das Klappern des Ehepantoffels? Sehen Sie jene unglücklichen Opfer ihrer Einkünfte, ihrer kleinen Gagen, ihrer langsamen Staatsbeförderung, die sich dort in dem zweiten Saale mühen, noch jung zu scheinen und mit einem schon an Stirn und Schläfen bedeutend gelichteten Haarwuchs, mit Gliedern, die morgen früh sich nicht rühren können und durch ein orientalisches Bad sich erst wieder erholen müssen, sich den Schein der himmelsstürmenden Titanenhaftigkeit zu geben, wie sie tanzen, um ihre sechsunddreißig Jahre zu verbergen, 36 ihren brummigen Haushumor, ihre pedantischen Nergeleien über den Kaffee, die Wäsche, die störenden Beethoven’schen Sonaten der Nachbarschaft! Diese forcirten jugendlichen Adonisse, die nur nach Amors Pfeife tanzen, sind nicht die Käufer etwa: dort mein alter Freund Baurath Maiduft könnte sich wohl nicht einfallen lassen, unter den reichen, jungen Parthieen, die ihm nach einer guten Anzahl von systematischen Mißhandlungen endlich für den heutigen Abend einige Tänze zugesagt haben, selbst zu wählen. Er schmachtet nach links und nach rechts, er läßt sich wählen. Irgend eine Mutter giebt ihm einmal doch eine Ermuthigung, irgend eine junge Dame, deren Familienvermögen zwar eine bedeutende Dividende, ihre Geschwister aber ebenso ein bedeutender Divisor sind, rächt sich doch einmal an einer jüngern Schwester, die ihr eigner angebeteter Freund erobert und heirathet meinen Baurath ihr vor der Nase weg, um die Rechte und Ehren der Erstgeburt sich zu sichern. So schmachten da die Männer in meinen Jahren hin und die, die einer jüngern Generation angehören, sind geradezu bloße Statisten eines solchen Balles. Besitzen sie nicht eine sehr rangirte Lebensstellung, so werden sie an solchen Abenden nur wie die kleine Münze be-37trachtet, die den Umsatz der größeren Werthe möglich macht.

Also die Männer, fiel Hartlaub lachend ein, sind hier die Sclaven des Marktes? Ich glaubte, daß es die Frauen und die jungen Mädchen wären.

Nein! Zu dieser Auffassung, entgegnete Freydank seine Lorgnette ziehend, tanzt dort zu viel Geld. Sehen Sie die Blondine dort, sie ist nicht schön, sie ist etwas schwer in ihren Bewegungen und wie kann sie denn auch anders, da sie die Nennwerthe dreier großer Häuser in der Altstadt vertritt? Dort die Brünette, die mit einem Offizier tanzt, kommt einer halben Vorstadt gleich: ihr Vater hat die Wuth, unsre Stadt zu vergrößern und so lange kleine Straßen von drei bis vier Häusern zu bauen, bis der König doch endlich die Gnade haben wird, eine davon nach ihm zu benennen, eine Ehre, die bis jetzt weder Schillern noch Goethen bei uns widerfahren ist. Dort die Große vergegenwärtigt mir die Folioseiten unsrer Hypothekenbücher! Sie ist eine Erbin, die den Advokaten doppelt interessirt, da sie einige Brüder besitzt, die ein großes Talent zur Verschwendung haben und dafür sorgen, daß man sie zeitig unter Curatel zu setzen hat. Kurz, dies ist hier weit mehr ein tibetanischer Sclavenmarkt, wo auf 38 mehrere Männer nur Eine Frau kommt, also die Frau die Herrschaft führt, als ein arabischer, wo nur Männer die Initiative ergreifen.

Die scherzende Musterung, die Freydank die tanzenden Paare passiren ließ, kam auch bei den Töchtern des Hauses an, die sich durch besondere Schönheit oder Geschmack der an sich kostbaren Toiletten nicht eben auszeichneten, jedoch in heitrer und freundlich entgegenkommender Weise sich nach allen Seiten hin als die harmlosesten kleinen Evatöchter bewährten. Da sie sich zum Verwechseln ähnlich sahen, von gleichem Wuchs und gleicher Art des Benehmens waren, nannte man sie die Inseparables. Der Gegenstand ihrer besondern Aufmerksamkeit, nicht nur diesen Abend, sondern schon in mehreren größeren Gesellschaften, denen Hartlaub beizuwohnen Gelegenheit fand, war ein junger Mann, der auf Hartlaub einen sehr angenehmen Eindruck gemacht hatte. Man nannte ihn Doctor Wolmar. Doctor Wolmar bewegte sich in den Gesellschaften mit einer ruhigen und anmuthigen Sicherheit. Kleiner als Freydank, dem er nahe befreundet schien, war er doch schlank und männlich gebaut. Die schönen regelmäßigen Züge seines Antlitzes hatten etwas Mild-Ernstes. Ja seine Art, sich den Damen zu nähern, 39 konnte man eher schüchtern nennen; er schien der Gegenstand allgemeinster Theilnahme; denn es giebt wohl für Frauen nichts Gefälligeres als einen Mann, der in den anmuthigen Formen der Gesellschaft sich ohne Zwang bewegen und ihrer eignen gewohnten zarteren Art das Leben zu nehmen entgegenkommend, doch dabei sich den Rückhalt männlicher Ueberlegenheit zu wahren weiß, beim Scherze nicht in’s Geckenhafte fällt und in allen Wirbeln heitrer geselliger Lust nicht die Vorstellung auslöscht, daß ein solcher Mann hier nur die eine Hälfte seines Wesens offenbart und in der andern noch einen ihnen nur unbekannten, aber gewiß sehr ernst und tief gemüthlichen Werth entwickeln würde. Daß dieser eigenthümliche Zauber den jungen Doctor Wolmar umgab, hatte Hartlaub schon im Hause seiner Schwester mannichfach zu beobachten Gelegenheit gehabt. Er war die Tagesordnung des Gespräches, der immer anregende Gegenstand neugieriger Erörterungen und schon hatte es Anlaß zu neckischen Fehden gegeben, wenn es sich um die Entscheidung handelte, wer von den beiden Inseparables mehr Berechtigung hätte, an dem jungen Doctor Wolmar Interesse zu finden, ob Ida, deren Zeichnentalent er gerühmt hatte, oder Laura, deren Gesang er bewundert zu haben – 40 beschuldigt wurde, wie Freydank sagte. Und Freydank schien sich dem Major jetzt nicht umsonst genähert zu haben, – er legte ihm ganz offenherzig die Frage vor, ob er nicht wisse, wie viel wohl sein Schwager, der steinreiche Jakob Wisthaler, seinen Töchtern zur ersten Aussteuer mitgeben würde?

Sind Sie selbst der Bewerber, sagte der Major, so stehen Sie ja meinem Schwager glücklicherweise als Notar so nahe, daß Ihnen diese Erörterung keine Schwierigkeiten verursachen würde.

Ich? entgegnete Freydank, ich denke nicht an die Ehe. Meine Praxis, die ich von dem seligen Notar von Emmen geerbt habe, ist so groß, daß ich meine Frau vernachlässigen müßte und wie jener österreichische Graf gesagt hat, daß der Mensch erst vom Baron anfinge, so möchte ich vom Manne sagen, daß dieser erst vom Garçon anfängt. Ich habe die bequemste Lage von der Welt, kann lieben wen ich will ohne mich durch die Ehe enttäuschen zu lassen, und wenn ich eine Tasse Thee in einem vertrauten Cirkel trinken will, Lust habe, andre Conversationen zu hören, als die vor den Gerichtsschranken und im Casino, so gehe ich zu jener niedlichen Frau von Emmen da, deren Vermögen ohnedieß unter meiner Curatel steht, mit der ich rechnen, 41 überlegen, schmollen, zanken kann, gerade als wenn ich mit ihr verheirathet wäre. Nein, lieber Major, da, für meinen Freund Alfred Wolmar, einen tüchtigen Arzt vom Rheine, mit dem ich in Bonn und Göttingen studirt habe, für diesen möcht’ ich das Terrain sondiren! Es ist ein Arzt leider noch ohne Praxis, aber seine Kenntnisse sind außerordentlich, seine Hingebung an die Wissenschaft ist höchst verehrungswürdig. Ich gönne ihm von Herzen, daß er emporkömmt. Daß dies als Arzt nicht möglich ist, ehe man nicht bereits vier Pferde im Stalle hat, werden Sie bei der eigenthümlichen Stellung, die die Heilkunde zur Gesellschaft gewonnen hat, und bei näherem Studium aller unsrer sozialen Zustände nicht in Abrede stellen können.

Hartlaub erwiederte: Er soll sich auf unsre Marine als Schiffsarzt engagiren lassen oder mit mir nach Java gehen. Gegen das gelbe Fieber können wir nicht gerüstet genug sein.

Diese Carriere bleibt uns immer noch offen, bemerkte Freydank, dann nämlich, wenn die Zahl der Körbe, die ich für meinen Freund bekommen könnte, zu groß werden sollte. Warum schon das Aeußerste? Sehen Sie diese gefällige Adonisgestalt, hören Sie dies zum Herzen sprechende Organ, beobachten Sie 42 diese natürliche Heiterkeit, mit der sich mein alter Göttinger Stubenbursche auf diesem glatten Parkett unter den liebenswürdigen mehr oder minder respectablen Erbinnen bewegt! Wie kann man ihm wünschen, daß er aus der gewöhnlichen hier landesüblichen Bahn, erst reich, dann Armenarzt um Gnade und Barmherzigkeit, dann einfach betitelter Sanitätsrath und zuletzt auf seine alten Tage doch noch mit Praxis begabter und wirklicher geheimer Medizinalrath zu werden, hinausgetrieben werde vor die vergifteten Pfeile Ihrer malayischen Heimtücker! Aufrichtig, bester Major, sagen Sie mir, haben Sie nicht bemerkt, daß Ihre Verwandte von meinem Protégé mit Interesse sprechen?

Mit dem lebhaftesten! erwiederte Hartlaub. Aber ich fürchte, seine Bewerbung wird häusliche Scenen setzen, da man bis jetzt noch nicht weiß, welcher von meinen beiden Nichten er den Vorzug giebt.

Freydank zog die Mundwinkel zurück und sagte halb scherzend halb im bittern Ernst: Das zählt Ihr Schwager dann an seinen Rockknöpfen ab oder läßt die einfache Ordnung der Jahre eintreten. In solchen Fällen, sagt’ ich schon, daß sich die Armuth der Bewerber unterordnen muß.

Und Ihr Freund könnte das? erwiederte Hart-43laub. Er könnte, um eine Existenz zu gewinnen, die Eine wie die Andere wählen, könnte sich vorschreiben lassen, wem sein Herz gehören soll?

Freydank zuckte die Achseln.

Nein, nein, wenn ich mir diese Möglichkeit nur vorstelle, sagte der Major, so löschen mir ja alle diese Lichter aus, verwandeln sich alle diese lachenden Gesichter in schmerzzerrissene, verdüstern sich diese hellen Farben, verwelken mir diese Blumen, erblinden mir diese Steine.

Halt! Halt! sprach Freydank einfallend und legte die Hand auf die Schulter des Majors, der vor Schmerz sich erheben wollte. Fassen Sie das nicht so schwer, aber Recht haben Sie! Was Sie da Alles vor sich sehen, dies Gewirr und Geschwirr, diese Bediente, die in Schuh und Strümpfen und Handschuhen dort Erfrischungen bieten, diese hinter einem Walde von tropischen Blumen versteckte Musik, diese Conversationen, mit denen man die Zeit tödtet und voll Sehnsucht nur auf den Schluß des Cotillons wartet, damit man sich an Aspiks und Majonnaisen den Magen verdirbt, Alles das ist Lüge, Alles das ist Maske und das Beste daran ist dies: Seit einiger Zeit wissen wir sogar, daß es Maske und Lüge ist, gestehen es uns ein 44 und haben die tollsten Formen erfunden, um für dies Geständniß heilige und feierliche Zeugnisse abzulegen …

Man trägt seine Religiosität prahlender zur Schau als sonst? sagte Hartlaub bitter.

Dies und noch vieles Andere! entgegnete Freydank. Wie das Alles jetzt da so tanzt, so lacht, so scherzt, trennt sich um Mitternacht Jeder wieder von dem Chaos einer zusammengewürfelten Gesellschaftlichkeit und geht seinen eignen Verdrießlichkeiten, seinem eignen Aerger nach. Vor einigen Stunden bekam ich eine Nachricht, die mich sehr erschütterte. Sie werden wissen, daß früher die Firma dieses Hauses Wisthaler und Artner hieß. Der Notar von Emmen, bei dem ich als junger Rechtscandidat arbeitete und der in seinem Leben nur zwei dumme Streiche gemacht hat, den einen, daß er ein Sechziger ein blutjunges Mädchen heirathete und den andern, daß er bald darauf starb – zwei dumme Streiche, die er vielleicht dadurch wieder gut machte, daß er mich zum Erben seiner Praxis einsetzte – ich sage Notar von Emmen war die Veranlassung dieser Association. Er führte über Dinge, die mir unbekannt sind und sich zu Hause in meinen Akten finden, einen Prozeß, den er vorzog durch eine Aussöhnung zu beendigen. Die beiden Compagnons, frü-45her verfeindet, gingen eine ziemliche Reihe von Jahren miteinander. Die alte Mißstimmung zwischen ihnen schien sich jedoch nicht gelegt zu haben; kaum hatten Beide soviel erworben, daß sie selbstständig bestehen konnten, so trennten sie sich. Artner zog an den Rhein, begründete Fabriken, speculirte, speculirte schlecht oder erlag ungünstigen Conjuncturen, kurz, vor zwei Jahren überraschte uns sein Fallissement. Wisthaler, der an ihn eine bedeutende Forderung hatte, war grade am Rheine anwesend, als über seinen ehemaligen Assoçié die Katastrophe hereinbrach. Man sagt, daß Ihr Schwager ihm hätte helfen können; ich verurtheile keinen Kaufmann, der sich in solchen Fällen von einem bergabrollenden Rade fern hält. Artner hinterließ eine einzige Tochter, ein junges Mädchen von großer Anmuth und gewählter Bildung. Nach der im Ganzen genommen sehr ehrenvollen Liquidation, zu der sich Artner durch die Umstände gezwungen sah, zog er sich irgendwohin mit seinem Kinde in eine entlegene Gegend zurück. Vom Kummer über sein Schicksal darniedergebeugt, erkrankte er und starb. Von seiner Tochter hörte man bisher nichts mehr, bis ich kürzlich einen Brief erhalte von einem früheren Geschäftsführer der Artner’schen Fabrik. Bei dem Erben der Praxis des 46 Notars von Emmen setzte man noch ein Interesse für die Artnersche Familie voraus und ersuchte mich um eine Verwendung für die bedürftige Hinterlassene. Die Tochter eines Mannes, der einst mit einem inzwischen als Millionär emporgestiegenen Kaufmann associirt war, die Tochter eines begüterten Fabrikbesitzers, ein Mädchen, gewiß mit dem vollsten Anspruch dort heiter und lachend unter den walzenden Paaren mit dahinzuschweben, ist schon seit einem Jahre Gesellschafterin in einem fürstlichen Hause gewesen, hat diese Stelle, die ihre Unbequemlichkeiten haben mag, verlassen und kommt jetzt hieher in diese Hauptstadt mit dem eifrigsten Verlangen, sich einem wunderlichen neuen Berufe unserer Tage zu widmen; sie will eine Diaconissin werden. Ich habe einstweilen Frau von Emmen gebeten, sie bei sich aufzunehmen, kann aber das Bild nicht los werden, mitten unter diesen Blumen in seidnen Gewändern, unter diesem Lüstreglanz und Edelsteingefunkel mir ein junges und schönes Mädchen in blauem Kleide, mit weißer über die Schulter gehenden Schürze, mit einer schlichten Haube auf dem Kopfe zu denken, die am Bett eines armen sterbenden Handwerksburschen sitzt, seinen Athem beobachtet und ihm zu einer bestimmten Stunde einige Löffel voll 47 Gerstenschleim einträufelt! Voilà le monde comme il est.

Freydank stand auf … Hartlaub konnte der Erschütterung, die diese Erzählung auch auf ihn hervorbrachte, nicht so Herr werden, wie Freydank, der sich ihm hier als ein Mann von Gefühl offenbarte; er fragte noch einmal nach dem Worte Diaconissin, das Freydank genannt hatte und das ihm unbekannt war.

Eine Diaconissin, sagte Freydank, ist eine protestantische barmherzige Schwester. Wir haben den Katholiken in einer Sache nachahmen wollen, die keiner confessionellen Mißdeutung ausgesetzt ist. Hier haben Sie ein Beispiel jener Selbsterkenntniß, die über die Uebel unsrer Zeit gekommen sein will. Was sonst dann und wann einmal ein welthistorischer Prophet, ein Messias, später einige Empörer oder Communisten und jetzt die ganze Welt ausspricht, daß es mit unserem irdischen Dasein im Ganzen genommen ziemlich erbärmlich aussieht, dies Geständniß haben auch die Vornehmen und die Frommen abzulegen jetzt die Geneigtheit gehabt und unter dem Namen der innern Mission ein außerordentlich künstlich verzweigtes System von allerhand Heilungs- und Besserungsversuchen 48 der Gesellschaftsschäden angelegt. Oeffentliche Krankenhäuser sind unter dem Namen von Diaconissenanstalten begründet worden. Eine Musteranstalt derselben befindet sich am Rheine im Düsselthal. Dort sind unter geistlicher und ärztlicher Anleitung Diaconissen oder Diaconissinnen vorgebildet worden, um wiederum an andern Orten neue weltliche Zöglinge für die traurige Kunst zu gewinnen, am Krankenbette die Anordnungen der Aerzte zu überwachen. Warum die früheren Krankenwärter dafür nicht mehr ausreichen sollten, weiß ich nicht. Genug, diese Blüthe der innern Mission ist im vollsten Triebe und ich gestehe, daß meine Neugier gespannt ist, morgen die junge Dame kennen zu lernen, die heute mit einem späten Eisenbahnzuge angekommen und im Bahnhofe von den Leuten der Baronin erwartet sein wird. Ich bin überzeugt, wenn dies Haus nicht grade das Wisthalersche wäre und man holte die junge Dame in Begleitung einer Putzmacherin noch in dieser Stunde in einem Wagen zu dem Ball hier ab, ihr ganzer Plan, Fieberkranke und Aussätzige zu heilen, ginge in die Brüche.

Freydank wurde in der weiteren Ausführung dieser Vermuthungen unterbrochen. Die Tanztour war 49 beendigt, das Zimmer füllte sich mit Paaren, die sich ausruhen oder Erfrischungen nehmen wollten; die Fortsetzung des Gespräches war gestört und Hartlaub hatte genug vernommen, um nicht tief ergriffen zu sein. Wehmuth erfüllte ihn, wenn er zwanzig Jahre zurückdachte an die stille Mondnacht einst auf der fernen Sundainsel. Niemals war die Erinnerung an den unglücklichen Obersten van der Busch so lebhaft wieder vor seine Seele getreten. Welche Verkettung von Umständen, daß die natürliche Erbin eines Mannes, der selbst so furchtbar unter dem Druck der jammervollen Erdenexistenz hatte leiden müssen, sich entschloß, eine Pflegerin eben solcher Leiden zu werden! Dort die Verzweiflung, hier die Geduld, dort das mit eigner Hand verströmte Herzblut des Ajax, hier aus ihm entsprießend die Blume der Liebe und Hingebung. Und Hartlaub mußte mehr empfinden; er mußte sich sagen, daß, wenn hier ein junges Mädchen sicher aus Melancholie der Welt entsagte und das Kleid der Demuth tragen wollte, Er es war, der die Verkettung dieser schmerzlichen Umstände verschuldet hatte. Er hatte die wahre Todesart van der Buschs verschwiegen, er hatte eine Schwester reich gemacht durch einen 50 Gewinn, an welchem die natürlichen Erben des Selbstmörders keinen Antheil haben durften. Er hatte seine Schwester die Hand Wisthalers gewinnen lassen, Heinrich Artnern zu dessen Feinde und wahrscheinlich dann nur zu einem scheinbaren Freunde gemacht; er hatte durch sein Verschweigen diese wohl immer fortrinnende Quelle gegenseitiger Verstimmungen genährt; er hatte Constanze Artner im Glücke geboren werden lassen, er mußte sich selbst die Veranlassung nennen, daß sie von der Höhe vielleicht der schönsten Lebenshoffnungen niederstieg und einen Beruf wählte, über den er zunächst nur den Spott eines Ironikers hörte. Es war Hartlaub als träte ihm das Bild des leidenden Obersten vor Augen, wie er ihn so oft besucht hatte, wenn er unter dem Palmendache seiner Altane saß und seine brennenden Schmerzen in Büchern und dem träumenden Hinblick auf die Spiegelfläche des Meeres zu vergessen suchte. Dämmerung senkte sich hernieder auf seine Erinnerung und eine jugendliche Gestalt, die heißerflehte Göttin der Gesundheit, Hygiea, trat aus ihr heraus und umschwebte ihn, dem Leidenden die krystallene Schaale der Genesung darreichend! … Die Zerstreuungen des Abends mutheten den Major nicht mehr an. Er zog sich früh auf 51 seine Zimmer zurück und beschloß am folgenden Morgen einen früher bei Frau von Emmen gemachten Besuch zu wiederholen und bei dieser Gelegenheit vielleicht Constanze Artner, die Diakonissin, selbst kennen zu lernen.

52 III. #

Eine Wittwe zu sein und dabei jung, reich und schön, ist wohl der angenehmste Lebensstand, falls der Verlust, den man zu betrauern hat, nicht zu schmerzlich war.

Ein solcher Verlust hatte bei Ottilie von Emmen nicht stattgefunden.

Sie wurde fast noch Kind mit einem sehr reichen und geachteten Manne verbunden, der aber ihr Vater sein konnte.

Der Justizrath von Emmen war ein Lebemann gewesen, der die ganze Zeit, die ihm die Besorgung seiner umfangreichen Praxis übrig ließ, mit der Pflege seines äußeren Wohls und der Huldigung des schönen Geschlechtes hinbrachte. Er haßte das Spiel und die Freuden geräuschvoller Geselligkeit, liebte aber die kleinen Diners, die schönen Künste und die Frauen. Der einzige Luxus, den er sich gestattete, war für Ge-53mälde, von denen er eine geschmackvolle Gallerie angelegt hatte. Schon oft kam es vor, daß ein solcher Freund der Schönheit unter der schützenden Decke einer besonnen componirten Perrücke, die auf ein Alter nicht etwa von zwanzig, sondern von vierzig Jahren berechnet war, seine sechzig vergaß und nicht etwa eine Wittwe oder die älteste sitzengebliebene Tochter einer kinderreichen Familie, sondern gradezu ein frisches, blühendes Mädchen von siebzehn Jahren heirathete. Acht Jahre hatte diese Ehe mit Ottilie Bergheim gedauert, als der Justizrath von Emmen unter der schweren Aufgabe, mit den bescheidenen und gutwilligen, aber doch immer jugendlichen Regungen seines Weibes gleichen Schritt zu halten, zusammenbrach und starb. Er hinterließ seiner Wittwe ein großes Vermögen und einem Schützling, den er sehr liebgewonnen hatte, dem Referendar Otto Freydank, seine Praxis. Die böse Welt fügte hinzu, er hätte dem Erben der Letzteren auch die Bedingung gemacht, die Erstere mit zu übernehmen, zumal da er in den letzten Jahren bemerkt haben konnte, daß die Gemahlin seinen jungen Freund vielleicht lieber hätte als ihn selbst. Indessen ist die Welt in solchen Fällen immer reicher an Erfindungen als an Thatsachen und wo einmal der Ober- und 54 der Untersatz eines Witzes von den zufälligen Launen des Begebenheitenhumors gegeben ist, kann man sicher sein, daß auch die Schlußfolgerung gemacht wird, sie mag mit der Wahrheit stimmen oder nicht. Wie wahr dies ist, beweist, daß wir oft genug irgend einen Entschluß vermeiden oder irgend ein bereits Halbgeschehenes wieder rückgängig machen, nur um den gar zu wohlfeilen Witz, der dies oder das dann sagen, jenes so oder so verbinden würde, gleich im Keime zu ersticken.

Ottilie von Emmen liebte vielleicht den Justizrath, nachdem er angefangen hatte sie als Curator ihres Vermögens zu quälen. Er controlirte ihre Ausgaben und verstand dabei ihr so derb auf die allerliebsten runden Fingerchen zu klopfen, daß sie vor dem einzigen Manne, der ihr nicht schmeichelte, Respekt bekam. Nur war es ein Unglück, daß Freydank den Werth des Mannes erst vom Garçon datirte. Er trank alle drei Tage bei ihr den Thee, ließ jeden Einkauf derjenigen Bedürfnisse, die denn doch auf treuere weibliche Augen angewiesen sind, als die Augen einer alten wieder ihn regierenden Haushälterin, von Ottilien machen, corrigirte zuweilen ein Fremdwort, das sie unrichtig gebraucht hatte, und nahm sich sonst vielerlei Tyranni-55sches heraus, was Frauen erst bis zum Haß und dann bis zur Liebe ärgern kann; allein vor der lächerlichen Rolle, sich von Ottilien von Emmen einen Korb zu holen oder erst durch ein langes Niederknieen oder ein Haltenmüssen ihres Strickgarnes ihre Gunst zu erobern, suchte er sich soviel als möglich zu bewahren. Er streifte an einer Frau, die er unstreitig doch liebte, mit einer gewissen kühlen Neutralität immer so vorüber, daß sich Ottilie oft verletzt ja beleidigt, aber immer aufs Lebendigste von ihm angeregt fühlte. Wenn man schon acht Jahre verheirathet war, reich ist, sich ohne Sorge für irgend ein wesentliches Lebensbedürfniß fühlt und dabei umschwärmt wird von tausend Huldigungen, läßt sich ein solcher Herzenszustand, gewöhnlich „Unglück bis zur Verzweiflung“ genannt, schon ertragen.

Die Sorge für das keineswegs einfache Hauswesen der Baronin führte eine schon bejahrte ältere Freundin, Frau Angelika Meyer. Diese gehörte nicht zu den Gönnerinnen des Justizraths und schmählte auch an jenem Abend hinter den tropischen Gewächsen nicht wenig über die Zumuthung, eine ihnen unbekannte „wildfremde Person“ ins Haus zu nehmen, eine Person, die einen Beruf wählen wollte, den Frau Ange-56lika Meyer kaum dem Namen nach auszusprechen verstand und die vielleicht an der herzlichen und zuvorkommenden Aufnahme, die sie fand, soviel Gefallen finden konnte, aller Sorge für das Wohl Andrer ihr eigenes vorzuziehen und im Hause der Baronin zu bleiben, in dem sie wirklich während des Balles nach Ankunft des Eisenbahnzuges verabredetermaßen abgestiegen war. Es war schon Morgens neun Uhr, als die Baronin aus ihrem Schlafzimmer trat und die Vorbereitungen zum Thee, den sie des Morgens trank, nur für zwei Personen berechnet antraf, für sie und Frau Angelika Meyer, nicht für drei wie sie doch befohlen hatte. Sie wollte ja in der Art, wie sie Constanze Artner aufnahm, sogleich zeigen, wie werth ihr der Name war, der sie empfohlen hatte. Frau Angelika Meyer rümpfte höchst verächtlich die Nase und brachte eine ihr persönlich ausgerichtete Entschuldigung der jungen Dame, die schon um sechs Uhr aufgestanden wäre, keine Geduld gehabt, in ihrem Zimmer rumort und sich endlich nach einem Glase Wasser, das sie von dem noch verschlafenen Dienstpersonal als Frühstück zu sich genommen, um acht Uhr empfohlen hätte. Es drängte sie an die frische Luft, hätte sie gesagt, und nach einer Stunde würde sie wiederkommen. 57 Ottilie fragte nach dem äußern Eindruck, nach Wuchs und Gestalt ihres „unruhigen“ Schützlings. Ist sie jung? Ist sie schön? Wie trägt sie sich? Wie hält sie sich? Männer sind nicht im Stande, all die Kennzeichen anzugeben, mit welchen sich Frauen über den gediegeneren Werth ihrer Mitschwestern zu unterrichten wissen. Sie haben für die Ergründung der Solidität oder der Eitelkeit oder der fahrigen Unordnung ihrer Mitschwestern so ganz besondere Probirsteine, die wir Männer in keiner moralischen Mineralogie antreffen würden. Frau Angelika Meyer schien verdrießlich genug, daß sie der Wahrheit die Ehre geben und Constanzen keineswegs als ein phantastisches und um ihren nächsten weiblichen Eindruck unbekümmertes Wesen hinstellen sollte. Sie gab wohl das Signalement einer Brünette von mittlerem Wuchs, von ernsten braunen Augen, von schlichtem Scheitel über der klaren offnen Stirn, von behendem Gange und ähnlichen Thatsachen, die aber durch gewisse geringschätzende Nebenbezeichnungen, als da lauteten: Schmächtig, kränklich, blaß, im Widerspruche mit sich selbst standen. Ottilie war nicht Kennerin des menschlichen Herzens genug, um den Grund dieser Widersprüche, die Eifersucht der Dame Angelika, zu erforschen, aber sie besaß Eitelkeit 58 genug, um die Betrachtung nicht anzustellen: Constanze Artner soll nur deßhalb nicht vollkommen sein, weil die gute Angelika Meyer weiß, daß du wünschest, es nur allein zu sein.

Ottilie hatte ihren zweiten Zwieback verzehrt und deren ein halbes Dutzend für einen kleinen Affenpinscher, den sie Frau Angelika Meyer zu Gefallen in ihrer Umgebung duldete, in Milch gebrockt, als sie sich bei Constanzens Eintritt von den Abweichungen unterrichten konnte, die sich ihre Gesellschaftsdame von der Wahrheit erlaubt hatte. Constanze war ein junges, liebliches Wesen von wenig über zwanzig Jahren. Es lag etwas Feierliches, ja beinahe Kaltes in ihrer ersten Erscheinung. Ohne Zweifel war es das Unglück, das ihr diesen Ausdruck der Zurückhaltung gegeben hatte. In den großen braunen Augen brannte ein Feuer wie von einer tiefen Gluth, die nur in einer edlen Seele angezündet sein konnte. Ihre Stimme war melodisch, doch leise und prüfend. Ein junges Mädchen, das einst in Glanz gelebt hatte und auf alle Freuden des Lebens angewiesen schien, mußte viel gelitten haben, wenn es bis zu dieser zurückhaltenden, ja tief verschüchterten Art kommen konnte. Wuchs, Taille, Hand und Fuß waren von einer Zierlichkeit, die Frau Angelika 59 Meyer ersichtlich nur mit den Augen der Mißgunst oder der Schmeichelei für Ottilien betrachtet hatte. Ottiliens etwas gerundete, und wie es Blondinen in älteren Tagen zu gehen pflegt fast wohlgenährten Formen kamen denen ihrer Schutzbefohlenen nicht gleich. Das Uebergewicht der Bildung endlich, die Constanzens Wesen fast königlich heraustreten ließ, hatte Frau Angelika Meyer wohl auch schon empfunden und demnach nur dem üblichen Zorn der weiblichen Mittelbildung gegen alles das, was sich innerhalb ihrer Sphäre auszuzeichnen den Muth hat, Worte geliehen.

Constanze wurde von Ottilien gebeten, an dem Frühstück Theil zu nehmen. Es war ein behagliches Zusammensein in dem traulichen Wohnzimmer, das trotz des draußen angebrochenen Frühlings doch noch die milde Wärme, die ein kleiner weißer Porzellanofen ausströmte, vertrug. Der Frühstückstisch stand in einer gewaltigen Epheulaube, die rings von den anmuthigsten Blumen in zierlichen Töpfen umgeben war. Gemälde, Vasen, Pendülen und Statuetten hoben die silbergrauen von Goldleisten unterbrochenen Tapetenwände. Ottilie, Frau Meyer und der kleine Affenpinscher genossen ganz das Behagen dieser Existenz. 60 Constanze jedoch schien dafür nicht das aufmerksamste Auge zu haben. Sie dankte Ottilien für die freundliche Aufnahme und setzte hinzu, daß sie ihr hoffentlich nicht zu lange zur Last fallen würde. Schon vor der Reise, auf welcher sie eine Fürstin als Gesellschafterin begleitet hätte, wäre an die Gräfin Ampfing, die Vorsteherin der Diaconissenanstalt Friedenthal, ein Brief abgegangen, in dem sie um die Aufnahme unter die ihrer Obhut anvertrauten Schwestern gebeten hätte. Sie hatte bei persönlicher Vorstellung, die sie heute bezwecke, die Hoffnung, der Erfüllung ihrer Bitte gewiß zu sein.

Ottilien und Frau Angelika Meyer lag das Vorhaben Constanzens so weit entfernt, wie wenn man beide nach Sanskrit oder den mathematischen Lehrsätzen des Euclid befragt hätte. Constanze, darum angegangen, gab eine Schilderung ihrer künftigen Pflichten, die ihnen beiden befremdlich genug vorkam. Auf Frau Angelika Meyer hatte die Schilderung, obgleich sie für den religiösen Inhalt derselben nicht unempfänglich war, sogar noch die besondere Wirkung, daß sie ihr den Genuß ihrer dritten Tasse Peccoblüthen verleidete, so hoch sie sich auch die kleine mehr Vase als Tasse schon mit eingeweichtem Zwieback an-61gefüllt hatte. Einst hatte sie ja auch einen Gatten, einen Beamten mittlerer Klasse vom Steuerwesen, gleichfalls in ihren Armen sterben sehen; sie hatte auch die Pflege des Justizraths von Emmen geleitet und sich bei einem sonst angebornen gutmüthigen Charakter wohl überzeugt, mit welchen traurigen Naturerscheinungen das Abscheiden des Menschen vom Leben verbunden zu sein pflegt. Sich nun zu denken, daß ein so „gebildetes“ junges Mädchen, das da vor ihnen saß und Thee trank, sich gewöhnen sollte, dergleichen außerordentliche Erscheinungen täglich zu sehen und täglich mit zu erleben, erfüllte sie weniger mit Mitleid, als mit einer Art von physischer Abneigung und plötzlich widerstehendem Appetit. Sie mußte sich erheben und unter irgend einem Vorwande das Zimmer verlassen. Ottilie aber, von geringerer Phantasie, war mehr nach der moralischen Seite hin ergriffen; sie fand, daß Constanze für die Ausübung solcher Pflichten doch wohl zu „gut“ sei und jener Beruf besser den Miethlingen aus den untern Ständen zu überlassen wäre. Constanze erwiederte nur die einfachen Worte: Sie werden sich leichter in meinen Plan finden, gnädige Frau, wenn Sie gleichsam annehmen wollten, ich wäre katholisch, was ich nicht bin. Denken Sie sich, 62 ich will in den Orden der barmherzigen Schwestern treten, das sagt Alles, was ich will und was ich fühle.

Nun trat eine eigenthümliche Pause zwischen den beiden jungen Frauen ein. Sie gehörten Beide einer ganz andren Welt an. Die Eine lebte in dem beständigen Bedürfniß der Freude und einer immer gewährten Befriedigung derselben, die Andere in Begriffen und Anschauungen, die Ottilie bisher nur hatte nennen und schildern hören und von denen sie nur soviel ganz klar wußte, daß sie ein großes religiöses und sittliches Vorrecht für sich hatten. Es war eine gewisse staunende Andacht, die sich ihrer plötzlich vor Constanzen bemächtigte, eine Verehrung, die sich mehrte, als sie vor Constanzens Art sich zu geben, vor ihrem treffenden, wenn auch oft scharfen Urtheil, vor ihrer Welterfahrung und Bildung die größte Hochachtung empfinden mußte. Durch die Worte: Kann es denn nicht Fälle geben, wo man die Neigung haben muß, auf ewig in ein Kloster zu gehen? war Ottilien das Vorhaben Constanzens in diejenige Sprache übersetzt, die ihr geläufiger war. Sie ließ ein so seltsames Wesen jetzt in ihrer Art gelten und bat sie nur noch, doch ja nichts zu übereilen und so lange, als sie mit ihrem Vorhaben noch nicht ganz im Reinen wäre, ihr Haus für eine 63 Zufluchtsstätte anzusehen, die ihr, wenn sie wolle, auch für immer gehören könnte. Die Ahnung, daß ein Mädchen, wahrscheinlich doch wohl nur um der Liebe willen und um irgend ein Geheimniß des Herzens, zu einem solchen Entschlusse kommen konnte, erweckte sogleich das Mitgefühl. Ottilie betrachtete Constanzen nun wie eine Mitleidende in dem großen Bunde weiblicher vom Leide der Liebe gedrückter Herzen.

Einen Besuch bei der Gräfin Ampfing, hatte Constanze schon bei ihrem Frühausgange in Erfahrung gebracht, würde sie am geeignetesten in der Mittagszeit in der Diakonissenanstalt zum Friedenthal selbst machen, wo sie wohne. Bis dahin widmete ihr Ottilie alle die Herzlichkeit, deren ihre harmlose Natur vollkommen fähig war. Dann machten beide ihre Toiletten, worauf Ottilie soviel Zeit verwandte, daß Constanze noch einen halben Duodez-Band aus der wenn auch nicht bestäubten, doch wie es schien wenig benutzten hängenden Zimmerbibliothek der Baronin durchlesen konnte. Gegen zwölf Uhr meldete man den Justizrath Freydank und den Major Gerhard Hartlaub.

Beide hatten sich verabredet, diesen Besuch zu gleicher Zeit zu machen. Beide kamen mit ungleicher Stimmung, aber in derselben Absicht. Sie wollten, 64 was sie konnten, versuchen, Constanze Artner von einem Plane abzubringen, der ihnen excentrisch schien. Freydank nahm Constanzens Dank für seinen ihr durch den alten Geschäftsführer ihres Vaters vermittelten Beistand in dieser großen und geräuschvollen Residenz und seine Empfehlung an die gütige Baronin mit jener ruhig prüfenden Halb-Malice entgegen, die dem überlegenen Manne von Geist und Weltkenntniß eigen ist, wenn er Menschen, die er zum ersten Male sieht, erst Zeit läßt, sich zu entwickeln. Hartlaub beobachtete die auffallende Familienähnlichkeit Constanzens mit seinem dahingegangenen Freunde, auf den als eine Jugenderinnerung des Majors sich sehr bald das Gespräch lenkte. Die Beziehung des Majors zum Wisthaler’schen Hause bot Schwierigkeiten einer wärmeren Verständigung. Constanze vermied auf diese feindlichen Verhältnisse einzugehen und bedauerte nur, daß die Traditionen über ihren Oheim van der Busch in ihrer Familie nicht die lebhaftesten gewesen wären. Die Gründe lagen nahe. Nachdem sich Freydank dann über die äußere Erscheinung und die etwaige Herzens- und Geistesart seines Schützlings hinlänglich glaubte orientirt zu haben, begann er gegen den Plan Constanzens, Diakonissin werden zu wollen, das von ihm schon 65 beabsichtigte Heck- und Neckfeuer der Polemik mit folgenden Worten:

Mein liebes Fräulein, Sie haben also die Absicht, eine Jungfrau von Orleans der Lazarethe zu werden? Was, zum Aesculap! bringt Sie auf diese merkwürdige Idee?

Constanze schien Einreden dieser Art gewohnt zu sein. Sie lächelte und entgegnete: Sollen wir Frauen uns denn nicht auch einen Beruf wählen dürfen, der unsern sonstigen üblichen Pflichten so nahe liegt? Und die Jungfrau von Orleans ist doch wohl auch schwerlich die bloße Enthusiastin gewesen, die wir im Theater beklatschen. Ich las ihr Leben. Sie hat weit mehr bei den Verwundeten hinter dem Treffen gewirkt, als mit dem Schwerte vor der Fronte.

Der Major horchte auf und nickte beistimmend.

Gut! Sie war eine Marketenderin en gros, eine Art Regimentstochter des Mittelalters, fiel Freydank ein. Ich bin auch überzeugt, daß Jeanne d’Arc wenig Zeit hatte, die schöne Toilette zu machen, die wir auf der Statue der Herzogin Marie von Orleans bewundern. Sie mag im Bivouac und auf dem Marsch soviel Beschwerden erlebt haben, daß sie es oft bitter genug an den Füßen empfunden haben mag, Frankreich retten 66 zu wollen. Aber auch Ihnen wird es so gehen, mein Fräulein! Sie, die Sie vielleicht eben in Herrn von Geibels Gedichten oder in Ihrer göttlichen Amaranth, dem Lieblingsbuch meiner verehrten Frau Angelika Meyer, geblättert haben, Sie, die Sie vielleicht eben ein Lied von Felix Mendelssohn-Bartholdy sangen, Sie wollen den Muth besitzen, den blutenden Verband eines Verwundeten zu lösen? Sie wollen aus der Patschoulyluft der Geselligkeit, die Sie bisher einathmeten, in Atmosphären treten, gegen deren verpestenden Hauch den Arzt nichts schützen kann, kein Chlor, kein Alkohol, nichts als die moralische Kraft seines Willens und die Begeisterung für seinen Beruf?

Ottilie sah befremdet, Hartlaub mit Staunen auf. Den rücksichtslosen Sprecher hatte ein heftiger Unwille ergriffen. Sein Antlitz röthete sich. Seine Finger zerrten mit Ungeduld an den ausgezogenen Handschuhen . . . .

Constanze erwiederte einfach: Ich habe diesen Muth.

Freydank konnte sich nun nicht mehr beherrschen. Er hatte seine Abneigung gegen das, was er Modeschwärmerei nannte, ausgesprochen; er wurde bitter und verstimmt. Nein, nein! sagte er; der alte Gun-67tram, eine Clientel des Barons von Emmen, wie Ihr seliger Herr Vater, dessen Geschäftsführer Guntram war, hat mir als dem Nachfolger der Praxis dieses Hauses auf’s Gewissen gebunden, Sie mit meinem Rath und Beistand zu unterstützen. Ich bin dafür, Fräulein, daß Sie in diesem Hause bleiben und mit Frau Angelika Meyer einen Vertrag über das Feld Ihrer künftigen Wirksamkeit abschließen. Das ist ohne Zweifel vernünftiger. Sie helfen der Frau Baronin die poetischen, ästhetischen und musikalischen Honneurs des Hauses machen. Sie lesen die ersten Bände der Romane etwas früher, damit Sie Frau von Emmen sagen können, ob die Geschichte gleichfalls zu lesen die Aufmerksamkeit dieser vielbeschäftigten Dame verlohnt. Sie besuchen die Modemagazine, die Musikalienhandlungen, die Kunstausstellungen, Sie studiren die Chronik der Gesellschaft, eröffnen kleine Correspondenzen, die Sie des Morgens bis eilf Uhr am eleganten Schreibtisch fesseln, ich verspreche Ihnen die Empfehlung einer Adresse der geschmackvollsten Luxuspapiere aus der Papeterie Marion in Paris, kurz ich versichere Sie, wenn Sie unsere Gesellschaft von der Seite anfassen, von der sie allein genommen sein will, so haben Sie einen angebornen Beruf, bei welchem 68 Sie manchmal wünschen werden, sich verdreifachen zu können. Die Gesellschaft verlangt von den Frauen unseres Jahrhunderts nichts als mehr oder weniger Verschönerung des Daseins.

Ottilie, die einen stechenden Blick Angelika’s nicht verstand, verwies Freydank seine Unarten, erklärte sich aber mit Freuden bereit, Constanzen als Freundin in ihr Haus aufzunehmen. Sie setzte, um den Spott des Justizraths zu pariren, hinzu: Es ist allerdings für uns eine oft unerschwingliche Aufgabe, blasirte Hausfreunde unterhalten zu müssen und den Thee mit Bekanntschaften zu trinken, die uns an Einem Abend für Wochen verstimmen können.

Da sehen Sie! fiel Freydank ein. Auch das kann Sie im reichsten Maaße in Anspruch nehmen, mein Fräulein; Studium über irgend ein treffliches Schlagwort, mit dem man doch einmal einen lästigen Freund auf Wochen stumm machen und entfernen will. Blasirte Hausfreunde! Ueber diesen Treffer wird Frau von Emmen acht Tage Zeit brauchen, sich, wenn wir fort sind, auszulachen. Beruf der Frauen! Beruf der Frauen!

Constanze war überhaucht von einer fliegenden Röthe. Sie wollte sich auf ihr Zimmer zurückziehen. 69 Als Freydank in allem Ernst um eine Antwort auf seine Vorschläge bat, schüttelte das junge Mädchen ihr Haupt und lächelte sogar mit einer Milde, die Freydank entwaffnen mußte. Es war ersichtlich, daß ihrem Entschluß entweder eine religiöse Schwärmerei zum Grunde lag oder sonst Etwas, dem nachzuforschen nicht mehr gestattet war.

Ottilie, die sich bereit erklärte, Constanzen nach dem Friedenthal zu begleiten, zog sich zurück, um zum Ausgehen ihre Toilette zu vollenden. Sie war von dem festen Willen, von der Ruhe, von der sichern Haltung Constanzens so bezaubert, daß sie gehoben von dem Siege, der ihr für das Geschlecht ein gemeinschaftlicher schien, im Gehen nicht umhin konnte, zu Freydank zu sagen: Sie sehen, daß es auch einmal Ueberzeugungen giebt, die zu fest stehen, um von Ihren Sarkasmen erschüttert zu werden.

Als Freydank mit dem Major allein war – sie blieben, um die Damen zu begleiten – polterte Jener: Nun, da sehen Sie etwas von unsern gegenwärtigen Modethorheiten! Es ist als wenn man mit poetischen Märchen, mit dem Becher der alten Könige von Thule einen Fluß ausschöpfen wollte! Noth und Elend giebt es soviel, daß die Hülfe, die den einzelnen Theilen da-70von zu Gute kommt, kaum der Rede werth ist. Ich ließe auch das Meiste davon immerhin als eine Abschlagszahlung für bessere Zeiten, wo man die Uebel an der Wurzel erkennen und ausrotten muß, gelten, wenn nur nicht der unerträgliche Hochmuth damit verbunden wäre, der demüthige Stolz, die geistliche Hoffahrt all’ dieser Unternehmungen. Wäre die reine Humanität, die Bürgertugend, die Liebe zum Volke, der Stolz des Vaterlandes die Quelle aller dieser Hülfleistungen, wie theilweise in England, so könnte man seine Freude daran haben; aber die wahren Förderer aller dieser Dinge sind bei uns die Gegner der Aufklärung, die Freunde mittelalterlicher Dämmerung. In den Diakonissenanstalten wird gesungen und gebetet. Die Kranken, kaum dem Bewußtsein zurückgegeben, werden mit geistlichen Ansprachen und Vorlesungen aus der Bibel wider Willen behelligt. Diese Krankenhäuser sind eigens dazu angelegt, daß sie nicht nur leiblich, sondern im Sinne der Orthodoxie auch geistlich gesund machen sollen. Wie viel schöner ist diese Einrichtung bei den Katholiken! Dort weiß man, daß barmherzige Schwestern die Kranken behandeln um eines Ordensgelübdes willen. Man weiß, daß die barmherzigen Schwestern Nonnen sind, die nie wieder 71 ihr Pflegeamt verlassen. Von einem Kloster wird Niemand, der seine Pflege in Anspruch nimmt, erwarten dürfen, daß es seine Art zu sein um einen Laien einstelle, man wird diese Feierlichkeit der Pflege gelten lassen um Etwas, was schon seit fast zwei Jahrtausenden vorhanden ist. Aber bei uns! Welche geisttödtende Monotonie liegt nicht in religiösen Privatkundgebungen, die sich nicht an die überlieferte feste Form der Gebetformeln, der Gesänge, der rituellen Ceremonien halten, sondern den Kranken mit einem widerlichen Auskramen von Privatauffassungen der Heilslehre quälen! In einer katholischen Kirche werd’ ich, wenn Alles kniet, gewiß nicht stehen bleiben, aber dem Wesen der protestantischen widerspricht es, daß man in die religiösen Privatkundgebungen Einzelner miteinfalle. Wir haben, um nicht dabei von persönlicher Beliebigkeit belästigt zu werden, dafür viel zu wenig Ritus. Von Allem, was uns diese Zeiten an Aehnlichem gebracht haben, sind die Diakonissenanstalten glücklicherweise noch dasjenige, woran unser Herz betheiligt ist und im Namen der allgemeinen Menschenliebe möchte ihr Wirken gesegnet sein, wenn nur nicht um diese Anstalten ein gewisser Nebel von unheimlichen Tendenzen läge, so daß ich jedesmal 72 ein Grauen empfinde, wenn mich mein Weg draußen an dem entlegenen Friedenthal vorüberführt.

Als Militair, bemerkte der Major, muß ich weibliche Krankenpflege ein Hinderniß der Genesung nennen. Meine Soldaten wurden nie gesund, wenn ihnen Frauenhände die Wunden verbanden. Aber sonst wird hier vielleicht das Gute das Schlimme überwiegen.

Nein! Nein! erwiederte Freydank. Ich wünschte, irgend ein feuriger Romeo machte dieser Julia einen andern und praktischeren Vorschlag aus dem Gebiete der alten weltlichen und viel schöneren Romantik. Mir könnte es Freude gewähren, der Gräfin Ampfing draußen diese Eroberung abzujagen.

Hartlaub verfiel in ernstes Sinnen. Er hörte kaum das Eintreten eines neuen Besuches, der von Freydank mit Erstaunen begrüßt wurde. Es war der junge Arzt vom gestrigen Ball. Alfred Wolmar kam, um sich nach dem Befinden der Herrin des Hauses zu erkundigen. Fast wallte es in dem aufgeregten Freydank wie Eifersucht auf, als er seinen Freund, dessen Schritte und Tritte er zu seinem Besten in der Residenz zu lenken sich vorgenommen, auf einer Fährte überraschte, deren Verfolgung er ihm natürlich nicht angerathen haben würde. Alfred Wolmar hatte sich 73 in der That wie mit einer gewissen Feierlichkeit auf diesen Besuch vorbereitet. Sein ohnehin ansprechendes Aeußere trat gegen sonst noch entschiedener hervor und da er seinen Besuch dahin erklärte: Frau von Emmen hätte ihm versprochen, ihm zu sagen, wen sie unter allen ihr bekannten weiblichen Parthieen für diejenige hielte, die das meiste Geld mit der größten Herzensgüte verbände, so sagte Freydank nicht ohne Ernst: Lieber Freund, das ist sie selbst, sie selbst! Und Dergleichen nähr’ ich an meinem Busen? Major, bestätigen Sie mir, für wen ich gestern Abend um die Hand einer Ihrer Nichten geworben habe?

Wolmar runzelte die Stirn. Der Schein des Leichtsinns, der gegen ihn sprach, schien seinen Unmuth zu wecken. Ist das nach unserer Verabredung? sagte er mit düstrem Blicke auf Freydank.

Eine ernstere Auseinandersetzung schnitt die zurückkehrende Ottilie ab.

Auch Constanze hatte die Thür ergriffen, hatte eintreten wollen, war schon mit einem Fuße wieder im Zimmer, als sie über irgend einen Anblick plötzlich erschrak und zurücktrat, um mit einer raschen Handbewegung den Schleier des Hutes über ihr erblassendes Antlitz zu werfen. Ottilie, die früher eingetreten, 74 nahm die Aufmerksamkeit der Herren so in Anspruch, daß sich Constanze hätte sammeln können, wenn nicht Ottilie Wolmarn mit soviel Anmuth und Auszeichnung begrüßt hätte, daß sich Constanze aufs Neue an der nur halb geöffneten Thüre halten mußte, um nicht zu sinken. Gezwungen endlich näher zu treten und durch den Schleier, den sie übergeworfen, an die Dringlichkeit ihrer Absicht auszugehen erinnernd, erwiederte sie Ottiliens Frage, ob sie in Doctor Wolmar nicht einen ihr bekannten Landsmann vom Rhein anträfe, mit den kaum hörbaren Worten: Vielleicht, daß sich Herr Doctor Wolmar erinnert …

Wolmar hörte den Namen Constanze Artner …

Schon stand Constanze an der Thüre, Hartlaub und Freydank folgten, Frau Angelika berichtete, daß sie der weiten Entfernung des Friedenthals wegen den Wagen bestellt hätte. Der Schooßhund bellte, alles ging so laut, so übereilt durcheinander, daß es nicht auffiel, wie Wolmar zurückblieb, starr, angewurzelt, den Hut in der Hand zusammengepreßt, die Schwelle der Thür, um zu folgen, nicht zu überschreiten wagte und sich zu erholen suchte wie von einem furchtbaren Schlage getroffen.

75 Vielleicht, daß sich Herr Doktor Wolmar erinnert …

Diese Worte . . wer sprach sie?  Constanze Artner . . Wolmar wollte den Namen wiederhören, sah sich nach dem zuletzt gebliebenen Major um. Frau Angelika fuhr nicht mit. Sie kehrte zurück, da hörte er noch einmal den Namen, hörte Alles, was wir wissen, hörte die Absicht, die Constanzen in die Residenz geführt, die Umstände, die sie zu Ottilien brachten, den Zweck ihrer gegenwärtigen Ausfahrt. Bewußtlos stieg er die Treppe nieder, vom Hausthore fuhr der Wagen mit Ottilien, Freydank und der noch immer verschleierten Constanze eben von dannen. Mechanisch zog er den Hut. Er wußte nicht, ob er noch lebte.

76 IV. #

Wolmar durcheilt die Stadt. Er sucht die Thore, er begiebt sich in einen großen Park, dessen Alleen sich mit dem ersten Grün des Frühlings schmückten.

Der Gruß der gefiederten Sänger empfängt ihn. Die Sprache der Natur, das Blau des Himmels, die Tausende von entfalteten jungen Keimen lösen seine Brust, daß er unter sie tretend mit einem einzigen Ach! sich wie an das Herz eines aus tiefster Seele mitfühlenden Freundes werfen möchte.

Aufschreien mochte er vor Schmerz und er that es auch.

Was war ihm geschehen!

Wo die Gruppen uralter Bäume einsamer stehen, rauschend der Wind um die mächtigen, ihres vollen Schmuckes harrenden Kronen säuselte, hielt er die Schritte inne und befreite sich in lauten Schmerzensrufen von dem Jammer, der ihn zu ersticken drohte.

77 Zu höhnisch hatte der Zufall die Rolle der Nemesis übernommen, zu grausam ihn vor Constanzens Augen gedemüthigt! Er besann sich. Er hatte einen kleinen Veilchenstrauß in der Hand gehabt. Er hatte zu Ottilien von Emmen einige jener Huldigungen eben ausgesprochen, die die Männer immer bereit haben, wo ein freundliches Auge, ein geschmeicheltes Lächeln sie für Worte belohnt, die vorläufig nur erst den oberflächlichen Schein der Empfindung annehmen. Jetzt war es ihm, als hätte die Erde sich aufreißen müssen, als Constanze, Constanze so mit verschleiertem Antlitz neben ihm stand und sein Lächeln sehen, seine Schmeicheleien hören mußte. Auf Blumen glaubte er gestanden zu haben und er sah, es war ein Abgrund. Er konnte, als er jetzt da so an einem verwitterten alten Standbilde von Sandstein lehnte, wo der Göttin Flora das Füllhorn, ihrem Arme die Hände, ihrem Fuße die Hülle des Gewandes fehlte, auf eine zur Ruhe einladende Bank sinken und nichts um sich her bemerkend, seine Thränen nicht mehr zurückhalten.

Es hatte ja einst Stunden gegeben, wo Alfred Wolmar an Constanzens Auge hing, wie der Metallstaub am Magnete. Die Liebe, die innigste Liebe 78 mit allen ihren Schauern und süßen Zaubern verband sie ja. Ein Wort von ihr, ein Wink ihrer Hand hätte einst alle Entschließungen seines Lebens bestimmen können. Der Sohn eines Beamten, der ihm die Mittel hinterließ, sein Lieblingsstudium zu verfolgen, die Naturwissenschaften, war er von der Universität einst heimgekommen in jene schöne Gegend am Rheine, deren Betriebsamkeit man schon oft mit den Kohlendistrikten Englands verglichen hat. Seine Eltern waren inzwischen gestorben, Verwandte lebten in ferner Gegend, aus der einst sein Vater in diese versetzt war. Alfred liebte die neue Heimath, die Menschen sprachen ihn an, die Natur, der große gewaltige Strom waren die Vertrauten seiner reifenden Jugend gewesen. Alfred siedelte sich an ihm an, wurde Arzt und wartete nun, welches Kranken zitternde Hand an seine Thüre klopfen, welche bebende Stimme der Liebe ihn an irgend ein Siechbett rufen würde. O, das ist ein wunderliches Leben, das Leben eines jungen Arztes. Er schlägt da so ein blank Metallschild an sein Haus, eine Nachtklingel von Messing mit hellgeputztem Griffe streckt sich daneben und nun harre, junger Asklepiade, und lausche, wer stehen bleibt und deine bescheidene einfache Stiege hinaufklimmt! Wohl, 79 es kommen so im Laufe der Woche, wenn Markt ist, Leute vom Lande genug und wollen ein Mittel, um dem alten Großvater zu helfen, von dem sie nichts zu sagen wissen, als er hätte so ein Stechen in der Seite und so einen trocknen Husten auf der Brust, und sie ziehen, lacht! jene symptomatischen Führer heraus, die auf manchen ärztlichen Bildern der niederländischen Schule die Mieris und Netscher selbst bei eleganten seidengekleideten Damen ihren Boerhaves in die Hand gaben zur Besichtigung und Diagnose der Leiden. Die neue Schule lächelt nicht mehr über den alten Volksaberglauben: sie hört, sie wiegt, sie siedet, sie kocht. Der junge Arzt verschreibt; er thut mehr, er hat Zeit dazu, er besucht den alten Großvater und thut sein Möglichstes, was sich eben thun läßt, um einem bereits im Sterben Begriffenen auf einige Wochen seinen Husten zu erleichtern. Es findet sich mit der Zeit auch so eine Art Praxis zusammen, die wie eine Beschäftigung aussieht, und beim Jahresschluß reicht ihr Ertrag gerade für die Journale und Bücher aus, die sich ein junger, noch nicht abschließender, von seiner Wissenschaft immer noch begeisterter und nicht blasirt denkender Arzt zuzulegen sucht. Man wird auch in die Gesellschaft gezo-80gen, aber nur als Hausfreund, als Tänzer, als Arrangeur von lebenden Bildern, man wird auch einmal hinter dem Rücken des seit zwanzig Jahren in der Familie accreditirten Hausarztes um diesen oder jenen Schmerz im Rücken oder an der Hüfte um Rath gefragt, aber die Discretion des jungen Anfängers zwingt ihn, sich zurückzuhalten und mit der größten Hochachtung von dem alten Dr. Isegrimm zu sprechen, der bereits sehr wüthende Blicke auf den jungen Anfänger, den Adepten der „neuen Schule“ wirft und im Bunde mit vier, fünf andern Aerzten, die die Gegend schon beschreiten oder bereiten oder beeinspännern oder bezweispännern, lauter Männern mit Kindern und Kindeskindern, aufpaßt, nicht etwa in ihr Gehege zu kommen. Nun sieht ein solcher junger Enthusiast, der vielleicht wie Alfred Wolmar noch achthundert Thaler von seinem väterlichen Erbe und seinen kostspieligen Studien übrig hat und entschlossen ist, sie zuzusetzen, wie Dr. Isegrimm auf die Leber, die Lunge und den Magen kurirt, wo Leber, Lunge und Magen nicht im Mindesten afficirt sind, er sieht, wie er den Nachbar und Gevatter Apotheker in Nahrung setzt, er fühlt den ganzen Abscheu junger Wissenschaftlichkeit und des ersten, vielleicht 81 noch einseitigen Ueberzeugungseifers gegen solche Art, den menschlichen Körper zur melkenden Kuh der Männer zu machen, die von seiner einmal in Gottes Rath beschlossenen Hinfälligkeit sich aufrecht erhalten wollen. Was hilft es? Er kann nicht dazwischen treten, kann nicht zu den Patienten sagen: Gare vos jours! Er kann für sich lächeln höchstens, still für sich im Zwiegespräche lächeln; ach es giebt so wenig, so wenig Menschen in dieser Welt, die ein leises, geistreiches Lächeln verstehen! Ihr armen jungen Aerzte, hat euch dann noch die gütige Natur ein bald feuriges bald sanftes Auge, eine edle Stirn, eine klangvolle Stimme, Sinn für Haltung und wohl gar Eleganz gegeben, dann seid Ihr vollends verloren. Die Frauen werfen wohl stillbeobachtende Blicke auf Euch, aber die wenigsten haben den Muth oder dürfen ihn haben, grade Euch von den Leiden zu erzählen, die sie ewig plagen bald da, bald dort, wie Mephisto sagt. Was hilft es Euch nun gar, gesetzt und solid zu erscheinen, Euch vielleicht das Schnupfen angewöhnt und ganz gegen Eure Natur gewisse kurze, fast grobe Manieren affectirt zu haben? Die Ehemänner wollen, daß ihre Frauen bei dem alten in Gottes Zorn zum Arzt gewordenen Dr. Isegrimm bleiben. In der 82 That, wenn es ein geheimes und ganz subtiles wissenschaftliches Proletariat in unsern Tagen giebt, so gehört das Leben eines jungen Arztes in den ersten sechs bis zehn Jahren seiner Praxis dazu.

Daß ohne eignes Vermögen oder eine Anstellung oder eine reiche Heirath ein ehrlicher junger Arzt sich nicht weiter fördern kann, durfte Wolmar um so aufrichtiger eingestehen, als er das Glück hatte, die nähere Bekanntschaft eines Hauses zu machen, das in jener Gegend für eines der reichsten galt, das angesehenste war es ohne Zweifel. Wolmar erhielt Glückwünsche von allen Seiten, seit man behauptete, daß Constanze, des reichen Fabrikanten Artner einzige Tochter, das Ziel seiner Bewerbungen wäre und wie die Zeichen sich deuten ließen, dies Ziel auch erreichen müßte. Constanze schien zwar bestimmt zu sein, die Gemahlin irgend eines Kaufmanns in Cöln oder eines Fabrikanten von Eupen oder Crefeld werden zu sollen, allein sie war zunächst das Kind der väterlichen Liebe; wenn sie Wolmar liebte, so konnte ein solcher Vater ihren Wünschen nicht im Wege stehen. Wolmar war schüchtern. Der Stolz ist zaghaft, nur eine gewisse „Demuth“ wagt Alles. Er sah, daß ihn Constanze auszeichnete, aber das Benehmen des Vaters war ablehnend, oft kalt. 83 Er wagte nicht, die Einladungen, die er zuweilen zu einem Diner, zu einem Ball erhielt, so zu benutzen, daß er sich unmittelbar darauf zum täglichen Gaste des Hauses machte. Dr. Isegrimm war ja auch der Arzt nicht nur des alten Herrn Artner, sondern aller seiner Diener, seines Comptoirs, seiner sämmtlichen Fabrikarbeiter. Er hätte dem Collegen, der zwei Söhne auf der Universität, zwei im Militär, zwei in der Handlung hatte, die Hülfsquellen seiner Existenz trüben können: er begnügte sich, seiner Liebe zu Constanzen nur mit entfernter Sehnsucht zu leben. Diese wuchs, je öfter er Constanzen dann doch sah. Welche edle weibliche Erscheinung fand er in ihr! Welche Anmuth, welche Bildung! Wie liebevoll war ihr Verkehr mit dem oft mürrischen und vergrämelten Vater! Wie schalkhaft in Augenblicken ersichtlicher Freude des Vaters war ihre Laune und wie schwärmerisch wieder ihr Aufblick, wenn die Heiterkeit des Gesprächs plötzlich an einem ernsten Gedanken anprallte. Wie stand sie diesem ernsten Gedanken dann Rede! Wie wenig wich sie ihm aus! Wolmar besaß keine von den entweder schroffen oder frivolen Eigenschaften, die Studierte bei längerem und erdrückendem Umgang mit der Geschäftswelt herauskehren. Er wurde nicht brutal wie 84 die Advokaten, die von Kaufleuten leben müssen, nicht kriechend, wie Beamte, die ihnen befehlen sollten. Er bewahrte sich dem Geldstolze gegenüber den Adel seiner Bildung. Warum sollte er nicht annehmen, daß Constanze sich in seiner Nähe gehobener und glücklicher fühlte, als bei den Besuchen der jungen Männer, die mit so vieler Virtuosität verstanden, die Engländer und die noch ungebundeneren Amerikaner zu spielen! Die Verachtung so vieler edlen und schönen Dinge und Begriffe, die die jungen Gentlemen mit um so größerer Kunstfertigkeit zur Schau zu tragen wußten, je weniger sie davon verstanden, fand bei ihrem auf die Tiefe gehenden Sinne nicht das bewundernde Gelächter, das junge gedankenleere Mädchen bei diesen Tours de force der jungen Dandywelt aufzuschlagen pflegen; und wenn auch Wolmar, wie eben junge Gelehrte jetzt sind, nichts von der persönlichen Unsterblichkeit der Seele wissen wollte und falls der alte Herr Artner nicht gut geschlafen hatte, sagte: „Mangel an Phosphorentwickelung zehrt die Geisteskräfte ab“, so blieb doch noch immer ein großes Feld übrig, wo Constanze und Wolmar sich in gleichen Stimmungen des Zweifels, aber auch denen des Glaubens begegneten.

85 Länger als ein Jahr bedurfte es, bis Wolmar nur so weit in die Nähe der jungen reichen Erbin kam, um ihrer Theilnahme für ihn gewiß zu werden. Wiederum ein Jahr währte es, bis er zu den Gästen eines Hauses gehörte, die es zu besuchen wagten, ohne eingeladen zu sein. Alles Umstände, die auch seine Praxis hinderten. Denn ein junger Arzt, der sein Glück machen will, muß zu gefallen suchen. Hundert Mütter müssen wünschen können, daß der hoffnungsvolle junge Mann sich den Mathilden oder Schwanhilden, ihren holden Töchtern, in Liebe zuwenden könne. Nun wußte man Wolmars Wünsche. Jedermann ahnte, daß Constanze Artner sie vielleicht erwiederte, wenn der Doctor sich nur ein Herz fassen wollte; wer kümmerte sich von denjenigen Kranken wenigstens, die ewig nur an verstimmten Nerven leiden, um einen Arzt, der halbversprochen schien! Endlich im dritten Jahre mußte sich Wolmar ein Herz fassen. Der Vater hatte ihn schon zum Partner seiner abendlichen Schachpartieen gemacht, er schlug Constanzen die Noten um, wenn sie sang, er las zuerst, was sie ihm nachlesen sollte, er kannte ihre besten Freundinnen und war der tägliche Gast des Hauses und nur Eines noch fehlte – das Geständniß. Oft schon hatte dies auf seinen Lippen 86 geschwebt, oft schon hatte er einen jener heiligen Augenblicke wie auf Engelsfittichen nahen hören, wo zwei Liebende den Druck von Riesenhand, der das Herz krampfhaft umballt hält, nicht länger mehr auszuhalten vermögen, wo sie ohnmächtig einander in die Arme sinken und nur noch stammeln mögen: Ach, ich kann’s ja nicht länger mehr tragen, meine Kraft ist hin und ohne dich mein ganzes Leben! Aber immer wieder war ein Zufall mistönig in diese Himmelsmomente eingefallen. Da endlich eines Tages – grade zwei Jahre vor Wolmars Verzweiflung hier im Park der Residenz – da sollte das entscheidende Wort gesprochen werden. Der reiche Commerzienrath Wisthaler aus der Residenz war grade bei seinem ehemaligen Compagnon Artner auf Besuch, er hatte einige Begleiter mitgebracht, die mit Artnern rechneten und oft bei geschlossenen Thüren rechneten. Vielleicht war es Eifersucht oder Furcht vor einer andern Bestimmung Constanzens, daß er jetzt endlich wagen wollte, zu reden. An einem Mittagsmahle, das den Gästen zu Ehren gegeben wurde, fiel ihm auf, daß der erste Geschäftsführer des Hauses, Guntram, eine feste und verschlossene Natur, den Hausherrn vom Mahle abrief, dieser kehrte verstört zurück, die Gesellschaft nahm 87 den Kaffee, man scherzte noch, man lachte, man besprach hundert Dinge, die Constanzen in die heiterste Laune versetzten. Artner aber schien zerstreut. Als die Gäste sich entfernt hatten, blieb Wolmar. Befremdlich genug war ihm, daß der Vater ihn mit Rührung fast an sich zog. Constanze sah die Bewegung des Vaters. Sie auf sich und ihre Liebe deutend trat sie näher. Jetzt oder nie schien ihm der Augenblick der Erklärung gekommen. Schon begann er seine Empfindungen zu sammeln, schon hatte er Worte gesprochen, denen nur noch eine Bitte an den Vater, ihn als Sohn anzunehmen, fehlte, da plötzlich trat unangemeldet der alte Geschäftsführer Guntram in’s Zimmer und sagte: „Herr Doctor! man schickt nach Ihnen; in der Felsenmühle, zwei Stunden von hier, ist eine Magd erkrankt! Sie liegt im Fieber! Sie müssen eilen!“ Artner, fast voraussetzend, daß sich Guntram diese Störung absichtlich erlaubt hatte, glühte auf, er schien von Zorn ergriffen, Constanze stand leichenblaß. Guntram aber, ein unerbittlicher Mahner, wiederholte seine Meldung. Wolmar, mit den wie ein Seufzer hingehauchten Worten: „Vergebung! der Beruf – eines Arztes!“ –mußte sich entfernen. Es war das letzte Wort, das er mit Constanzen gesprochen. In der 88 Felsenmühle hatte sich wirklich eine Kranke gefunden. Es war die Schwester eines Artnerschen Arbeiters. Daß man aber nach ihm verlangt hatte, war eine Erfindung Guntrams gewesen. Zurückgekehrt von dem weiten Weg wollte Wolmar den Störenfried nach dem Grunde fragen, der gerade ihn als in der Felsenmühle begehrt abrief. Er fand ihn in den dringendsten Geschäften und nicht zu sprechen. Von Artner hieß es, daß er unwohl wäre. Die Fremden waren abgereist, Wisthaler so plötzlich, daß es auffiel. Am folgenden Tage hatte Wolmar einen Krankenbesuch in weiter Entfernung zu machen. Er kam zu spät zurück, um noch bei Artner vorzusprechen. Den wieder nächsten Tag erst begegnete er Guntram, der ihm auf seine verwunderte Frage die Antwort gab: „Vergeben Sie mir meine Unwahrheit, lieber Doctor! Es kommt eine Zeit, die mich rechtfertigen soll.“ Mit diesen räthselhaften Worten alleinstehend, redeten ihn Vorübergehende mit Bedauern an. Sie werden von diesem Unfall wenig erfreut sein? hieß es. Welch ein Unfall? fragte Wolmar. So wissen Sie nicht? Artner hat fallirt. Der Schlag kam nicht so schnell, wie Wolmar schon eilte, den Unglücklichen zu sprechen. Artner aber war krank und Dr. Isegrimm bewachte ihn. Constanze 89 war gleichfalls beim Vater, zu dem er sich nicht drängen konnte. Er war ein – junger Arzt! Wolmar schrieb einige Zeilen des innigsten Antheils. Man fand natürlich wohl keine Zeit und keine Stimmung ihm zu erwiedern. Die Gerichte waren schon im Hause. Wolmar stand rathlos. Sollte er zu den Unglücklichen eilen und von einer Hülfe sprechen, die nichts sein konnte, als seine Liebe zu Constanzen? Welches Loos konnte er ihr bieten? Welche Zukunft konnte er ihr an seiner Seite ausmalen, wenn die einst reiche Constanze in dieser Gegend bleiben und hier das Weib eines armen Arztes werden sollte? Es ist unwahr, wenn man die Liebe immer nur darstellt, wie eine Flamme, die da brennt, ohne äußern Stoff zu ihrer Nahrung. Wie konnte Wolmar von Liebe sprechen in einem Augenblick, wo zwei Menschen Entschließungen für ihr Leben fassen mußten! Daß Wolmar Constanzen anbetete, wußte die Welt. Sie wußte aber auch, daß noch kein Verhältniß bestand. Man bemitleidete ihn, fand jedoch in der Ordnung, daß er seinen Schmerz überwand. In den Verhältnissen lebte er nicht, um für reich, ja vornehm geltende Menschen trösten zu können, Menschen, die aus solcher Höhe so tief niedergestürzt waren. Und ein Trostwort würde 90 ihn hingerissen haben, seine Gefühle zu offenbaren. Durfte er sie jetzt noch aussprechen?

Nach einigen Wochen schon waren Artner und seine Tochter aus der Gegend verschwunden. Die Fabriken gingen in andre Hände über. Von ihrem früheren Besitzer hörte man wenig. Erst nach einem Jahre erfuhr man, daß er am Oberrhein, wohin er sich zurückgezogen, erkrankt und gestorben war. Constanze, hieß es, hätte eine Fürstin auf Reisen begleitet, sie wäre nach Italien. Guntram, noch einmal von Wolmar um die Gründe angegangen, warum er in jenem entscheidenden Augenblicke ihn gestört hätte, erwiederte nach einigem Zögern und offenbar nur wie zur Ausrede: Hab’ ich Ihnen nicht Gutes erwiesen? Was hätten Sie, wenn Sie ein armes Mädchen zu Ihrem Weibe hätten nehmen müssen? Sie würden Beide unglücklich gewesen sein; denn daß ein junger Arzt in Ihrer Lage nur die Hand einer Reichen suchen darf, weiß ja die Welt und nun machen Sie einen Strich darüber!

Der Strich wurde mit zitternder Hand geführt und war schwarz genug. Wolmar fühlte sich namenlos unglücklich. Die Gegend, die Zeuge einer so bitter getäuschten Hoffnung werden konnte, blieb ihm nicht 91 mehr heimathlich. Er verwünschte sein Geschick und dachte oft daran, zur See zu gehen und etwa in Amerika seine Kenntnisse unter Umständen zu verwerthen, die ihn nicht mehr an die schmerzliche Vergangenheit erinnerten. Eine kleine unbedeutende Erbschaft, die ihm von Verwandten zufiel, veranlaßte ihn zu einer Reise nach der Residenz. Er begrüßte hier seinen alten Universitätsfreund Freydank, der eine für seine Jahre glänzende Carriere gemacht hatte. Freydank war Wolmarn zu sehr Ironiker, um ihn zu ermuthigen, sich ihm ganz zu erschließen. Aber das Leben von der natürlichen Seite, die Menschen von der gesunden Vernunft und Logik zu fassen, verstand Freydank so meisterhaft, daß es weniger Tage bedurfte, um Wolmar ganz von ihm abhängig zu machen. „Schiffsarzt? Prärieenarzt? sagte Freydank. Lächerlich! Ein Mensch von Deiner Statur, ein Tänzer wie Du, ein Idealist, der noch die Naivetät besitzt, sich bei lebenden Bildern zu betheiligen und als Troubadour des Gemüths Alles nach seiner Laute tanzen zu lassen, ist nur bestimmt, hier eine Eroberung zu machen. Wenn Du nicht zu wählerisch bist und Dir einige Capricen, einige Dosen Verschrobenheit, schrecklich viel schlechte Musik und einen Wuchs gefallen lassen willst, dem zwei Jahre 92 Streckbett besser ständen als die complicirte Façon eines nahtlosen Corsetts, das jedoch von den reizendsten Erfindungen des Pariser neuesten Modejournals bedeckt wird, so kannst Du hier den Grund Deines Glückes legen.“ Und Wolmar wurde von dem älteren Freunde in die Gesellschaft dirigirt, er wußte nicht wie. Die Freude ist dem Menschen ein physisches Bedürfniß und das Glück der angeborne Gefährte seiner Natur, den er immer suchen wird. So lebte Wolmar den halben Winter in dem Strudel jener Geselligkeit, die sich erst wie ein heiteres Wellenbad spielend an unsere Brust wirft, bald aber ein Strudel, ein Wirbel, eine fortreißende Stromschnelle wird, ja zuletzt noch tyrannischere Zwangsformen annehmen kann. Erst bekam Wolmar in der Gesellschaft Rechte zugestanden und schon hatte er tausend Pflichten. Sei nur Einer jung und gut, die Gesellschaft wird ihn schon auszunutzen wissen! Wolmar wurde vergöttert, aber der Ueberfluß an Huldigungen brachte ihn oft zur Verzweiflung. Er durfte nur wählen, so viel Erfolge hatte er unter den reichsten jungen Mädchen. Aber jetzt wollte er auch nur das Bessere vom Guten. Er stand auf dem Punkt zu prüfen, ob Laura oder Ida von den beiden Wisthalers ihm mehr 93 Garantieen des Glücks boten und wenn Freydank nicht gewesen wäre, so wäre ihm allerdings die gute, freundliche, immer gefällige Ottilie von Emmen, die bei allem Reichthum und aller Schönheit eine, wenn auch verwöhnte, doch im Uebrigen anspruchslose junge Wittwe war, – ließ sie sich doch von einer alten Duenna und deren Schooßhund tyrannisiren – die liebere gewesen.

Solche Zustände hatte die gewaltigste aller Zauberinnen, die Zeit, in Wolmars Herzen hervorgerufen, als er den Gegenstand der einzigen wahren Liebe wiedersah, die er mit allen Organen seines Seelenlebens empfunden. Er hatte sie wiedergesehen in demselben Augenblick, wo auch sie sogleich die ganze vollständige Kunde der Veränderungen haben konnte, die mit ihm vorgegangen waren. Die tiefste Beschämung warf ihn wie von schwindelnder Höhe zu Boden. Er verachtete sich. Er sah erst jetzt, wie er Constanzen geliebt hatte und wie er ihr erscheinen mußte: nur um ihren vorausgesetzten Reichthum konnte er einst um ihre Hand geworben haben! Und so groß, so stolz übersah sie nun dies sein Elend! So entsagend, wie eine Priesterin schwebte sie dahin! Was führte sie auf den Entschluß, sich einem Berufe zu widmen, der aussah, wie ein 94 Abschied, den sie von der Welt für immer nehmen wollte, anders, als die Verachtung der Welt selbst?

Wolmar gedachte der Möglichkeit, wie Constanze gerade zu diesem Entschluß kommen konnte. Diakonissin! Der Name war oft zwischen ihnen ausgesprochen worden, das nahegelegene Kaiserswerth am Rhein bot Gelegenheit dazu. Der dortige rühmlichst bekannte Förderer der neuen Institution war ihnen persönlich bekannt, eine vortreffliche Pflegerin, Schwester Elisabeth, war als Fortpflanzerin des Instituts hieher gegangen. Oft hatte Constanze den in den Rheinlanden nicht seltenen Entschluß junger Töchter aus den angesehensten katholischen Familien, den Schleier zu nehmen, besprochen und wohl war ihm erinnerlich, daß sie einst äußerte: Warum soll ein Herz, dem das Leben keine Freude mehr bietet, nicht ein stilles Wirken hinter den Mauern eines Klosters jeder andern Lebensweise vorziehen? Wohl trat ihm jetzt die Gedankenrichtung, deren Keime sich schon früh in Constanze vorgefunden, in vollem Zusammenhange entgegen. Es schien sich in ihr ein System ausgebildet zu haben. Wolmar begriff, daß, wenn es Frauenherzen gab, die wunderbar und groß sich heben und schwellen lassen wollen von dem Luftzug der Zeit, 95 Constanze nicht die letzte sein konnte, die selbst dem Schmerze bestritt, sich in ohnmächtiger Beschaulichkeit ergehen zu dürfen. Wie dem Manne die Erfahrung des Lebens zur Reglerin seiner Entschließungen wird, so konnte auch Constanze damals nicht ganz zusammenbrechen, als sie einen zum Tod erkrankten Vater an eine ferne Ruhestätte, wo er bald sein Auge schließen sollte, geleitete, als sie wohl oft noch mit zerrissenem Herzen sich umblicken mochte, ob der, dem sie das Ziel seiner heißesten Wünsche gewesen war, ihr nicht folgen, wirklich ihr fern bleiben und nicht wenigstens noch der Wahrheit des Herzens die Ehre geben und sein Bekenntniß aussprechen würde? Sie hatte dann, wie oft, gesagt: Des Menschen größter Stolz muß der sein, irgendwo unentbehrlich zu werden. Sie wollte, da der Freund fern blieb, es bei den Leidenden werden.

Es lebt in edlen Naturen ein Heroismus, der Opfer bringen kann, selbst wenn man nur allein davon der Zeuge ist. Büßen für eine Schuld soll sonst doch nur Die erfreuen, die durch jene Schuld gekränkt worden sind; aber ein starker und gewissenhafter Charakter büßt für sich allein und um der Sache selbst willen. Er erfährt seinen Schmerz in einem Augenblick, wo ihn eine Freude erwartet und er meidet die Freude 96 und er meidet sie für sich allein; Niemand weiß, warum er unter den Fröhlichen fehlt. So Wolmar. Er konnte nichts unternehmen, was Constanzen gezeigt hätte, wie er litt. Er hatte sich schon damals bekämpft als er nicht wagte, eine Liebe zu gestehen, die vielleicht nie sich entzündet hätte, wäre ihm nicht auch das reiche Artner’sche Haus ein Ziel seiner Wünsche erschienen. Die Romantik, daß er sich gesagt hätte: Das Leben ist mir nichts ohne Constanze! ziemte seinen Jahren und seinem Wesen nicht. Sein Bekenntniß, selbst wenn er der Gegenliebe Constanzens gewiß gewesen wäre, was er formell nicht war, hätte das Unglück damals gemehrt. Das bedenkend zog er sich zurück, da er durfte. Und nun wieder Constanzen folgen, jetzt sie beschwören, von einem Entschlusse zurückzutreten, der mit großen Entbehrungen verbunden war? Auch das würde die Handlung eines Unbesonnenen gewesen sein. Er begnügte sich seiner stillen Liebe auch nur ein stilles Opfer zu bringen. Für denselben Abend hatte er zwei Einladungen. Schon wußte er es so einzurichten, daß er seine Zeit in solchen Fällen theilte. Er beschloß, diesen Schauplatz seiner Siege ganz zu verlassen. Jeder Schritt auf dem glatten Parkett der Bälle, jede Theilnahme an Vergnügungen, 97 die bei ihm längst nicht mehr eine bloß gedankenlose war, hätte ihn beschämen müssen vor dem Hinblick auf den Beruf, dem in ihrem Unglück eine Geliebte sich widmen wollte.

So empfand er. Und das junge Grün stärkte sein Auge und stärkte sein Herz. Die Amsel sang so lockend der Feier der Natur entgegen. Das junge Gras sproßte so grün, so belebend, so nur Gutes und Schönes versprechend. Er verließ den Park beruhigter. Er eilte zu Freydank, um ihm seine Absicht anzuzeigen, erst jene entlegene kleine Provinzstadt zu besuchen, wo er eine unbedeutende Erbschaft zu erheben hatte, und dann wieder an den Rhein zu gehen und vielleicht mit der Zeit nach Amerika.

Der Zufall wollte, daß Wolmar Freydank nicht daheim traf. Im Begriff, ihm seine Absicht schriftlich mitzutheilen, lockte ihm die Feder und das sonst vielleicht zu inhaltsleer gebliebene Papier seinen wahren Zustand ab. Er schrieb dem Freunde, was ihm heute in den Zimmern Ottiliens von Emmen begegnet war. Es that ihm wohl, einige Menschen zu wissen, die diese wunderbare Begegnung erfuhren und auch damit die Saite kennen lernten, die wie bei ihm so auch in Constanzen wohl tief nachklingen mußte. Er hinterließ 98 seinen Brief einer sichern Gelegenheit, die ihn besorgte, und reiste ab. In acht Tagen hoffte er zurück zu sein und dann die Abschiedskarten überall da abzugeben, wo man ihn seither freundlich aufgenommen hatte.

99 V. #

Otto Freydank hätte mit seiner Scheu vor der Ehe nicht scherzen sollen. Er war auf dem besten Wege, ein Garçon zu werden, der sich durch die Ehe nicht mehr verbessern ließ.

Er liebte nicht die Gourmandise für sich selbst, aber er that Vieles, was den gastronomischen Neigungen seiner Freunde entgegenkam. Er gab mit Leidenschaft kleine Diners und Soupers, wie sie ihm die Ehe später nie gestattet hätte. Wenn ihm Ottilie von Emmen Vorwürfe machte, daß er zum ersten Restaurant der Stadt schickte und für einen kleinen Kreis von Freunden für sich ein Frühstück, das Couvert einen Dukaten, bestellte, so pflegte er zu erwiedern, daß er nicht wisse, wie er sich anders revanchiren solle. Es wäre ihm zu peinlich, nur von den Menschen zu empfangen und ihnen nichts dafür wieder zu geben. Im Grunde aber hatte er eine große Vorliebe für diese geheimnißvollbehaglichen Stunden. Zu den Früh-100stücken konnte er freilich nur die Sonntage wählen, da ihn zuviel Geschäfte drückten; zu den Diners wählte er jährlich die Buß- und Bettage, von denen er behauptete, sie wären recht eigentlich zu den stillen Freuden der Tafel bestimmt. Die Soupers waren an Geschäftskalender-Vorschriften weniger gebunden, nur daß sie am wenigsten vor Ottilien konnten verborgen gehalten werden.

Freydank war eitel auf seine Cigarren, seinen Wein und sogar auf seine Möbel, seine Kupferstiche, seine Vasen, von denen er jeden Geburtstag ein Paar verehrt erhielt, auf seine Rückenkissen, seine Cigarrenetuis, seine gestickten Notizbücher, kurz alle die Gegenstände, die sich allmälig um einen Mann zu versammeln pflegen, der in seinem Geschäfte für dasselbe Geld viel und wenig leisten kann. Die Aerzte mögen sich in solchen Aufmerksamkeiten noch besser stehen, als die Advokaten. Aber auch diese finden Gelegenheiten genug, die bedrängte Menschheit sich noch durch etwas mehr als nur die schuldige Pflichterfüllung zu verbinden. Freydank leitete den Ursprung der zartesten Aufmerksamkeiten, die offenbar von Frauenhand kamen, nicht etwa bloß auf die „lachenden“ Mienen junger Wittwen zurück, deren Vermögen er geordnet hatte; er 101 behauptete sie kämen von den jungen Frauen, die ihn zuweilen heimlich consultirten, welches die eigentlich vor Gericht nothwendigen Erfordernisse wären, um eine gute und richtige Scheidung zu Stande zu bringen. Doch nannte er Niemanden. Der halbe Segen aller der Menschen, die auf das öffentliche Vertrauen angewiesen sind, quillt aus der Discretion.

Für die außerordentlich behaglich eingerichteten Räume, die Freydank bewohnte, war ein Frühstück heute nur für drei Couverts angeordnet. Bei einem Frühstück mußte es also Sonntag sein. Commerzienrath Wisthaler liebte gleichfalls die Börse zu sehr, um sie der kochkünstlerischen Ostentation seines Freundes zu opfern. Der Dritte war Major Gerhard Hartlaub, dem Freydank zwar keine Revanche, aber doch eine Aufmerksamkeit schuldig war, wie er zu Ottilien äußerte, die ihn aufgefordert hatte, sie und Constanze, die gewisser Förmlichkeiten wegen in die Diakonissenanstalt erst binnen acht Tagen eintreten würde, auf eine Ausstellung von Bildern zu begleiten, die zu irgend einem der tausend milden Zwecke des Tages verloost werden sollten.

Freydank hatte für dies Dejeuner mehr im 102 Schilde, als nur eine Aufmerksamkeit, die er einem Freunde zu geben schuldig war.

Entschuldigungen, die er machte, um das Vorhandensein von nur drei Couverts zu motiviren, standen ihm nicht natürlich. Er war bald ehrlich genug, zu sagen: Commerzienrath, ich servire Ihnen heute etwas Classisches; aber ich habe auch zum Dessert einen romantischen Angriff auf Ihre Kasse im Werk. Ich will Ihnen Gelegenheit geben, einige von Ihren Geldsäcken aufzuknöpfen.

Wenn es meine kleinen sind, immerzu! erwiederte Wisthaler.

Die Herren setzten sich in guter Laune.

Als die ersten Ergebnisse einer sehr umständlichen Erörterung, die Freydank mit dem ersten Restaurant der Stadt angestellt hatte, vorüber waren, drängte Wisthaler nach dem Angriffe, den Freydank beim Dessert auf seinen Geldbeutel zu machen versprochen hatte. Worin wird er bestehen? fragte er. Ziehen Sie nur die Subscriptionsliste hervor!

Geduld! Geduld! sagte Freydank. Sie sind mir noch nicht in dem Humor, der Sie über irdische Dinge mit hinlänglicher Begeisterung hinwegsetzt. Ich habe die Absicht, soviel von Ihnen zu verlangen, daß Sie 103 heute hier von dem Stuhle nicht aufstehen sollen ohne nicht das Bewußtsein zu haben, ein höchst seltner, ja eines öffentlichen Denkmals würdiger Charakter zu sein.

Dafür verlangen Sie noch Beweise? sagte Wisthaler, der es bei vielen Gelegenheiten gewohnt war, sein „bischen Armuth“ wie er zu sagen pflegte, nicht zu schonen.

Hartlaub wurde von Freydank veranlaßt, über Java zu erzählen. Der Major verstand seine Darstellungen so klar und fesselnd zu geben, daß ein Gericht nach dem andern vorüberging und die drei Männer in eine immer angeregtere Stimmung geriethen.

Freydank rühmte den Major, der durch seine Erzählungen dem Mahle erst die rechte Würze gäbe.

Wie erstaunte er aber, als der Commerzienrath einfließen ließ: Sein Feuer ist erklärlich. Haben Sie nicht bemerkt, Justizrath, welche Veränderung mit unserm Holländer vorgegangen ist? Er kam nach Europa, verstimmt über alles und blöde wie ein Kind. Seit er Frau von Emmen kennen gelernt hat, ist er wie umgewandelt. Ich hoffe, daß wir von diesem trefflichen Dejeuner nicht aufstehen, um die Zurüstungen zu einem Duell zu machen.

104 Vergeben Sie, Justizrath! fiel Hartlaub lachend ein. Wenn sich mein Schwager von seinen Anstrengungen, reich zu bleiben, der einzigen, die sich jetzt lohne, denn das reich werden wäre nach seiner Meinung unmöglich geworden, einmal eine Erholung erlaubt, so ist es die, Heirathen zu stiften. Um ihn aber auf bessere Fährte zu bringen, will ich die Gelegenheit benutzen, meinen wahren Magnet zu nennen. Es ist die Tochter Deines ehemaligen Compagnons, des verstorbenen Artner.

Freydank war gespannt auf die Wirkung dieser Anzeige, die er schon geahnt hatte.

Meine Frau hat mir gleichfalls auch davon erzählt, erwiederte Wisthaler ruhig. Willst Du diese Schwärmerin lieber mit nach Java nehmen, so glaub’ ich wohl, daß sie Dir eher folgen würde als Frau von Emmen und Frau Angelika nebst Familie … Wisthaler meinte den Schooßhund.

Eine Vorbereitungsstelle im Friedenthal, gab Hartlaub scherzend zu, wird erst in acht Tagen offen sein. Glauben Sie, Justizrath, daß man bis dahin sich eine solche zarte Beute und Rückfracht für seine etwas entlegene Garnison erobern könnte?

Ist das Ihr Ernst? fragte Freydank.

105 Ja! Ja!, fiel Wisthaler ein. Ich verspreche ihm ein Theeservice von Vermeille zur Aussteuer, ein so schönes, daß sich’s vor dem benachbarten Kaiser von China soll sehen lassen können.

Wenn ich an den Oheim Constanzens zurückdenke, fiel Hartlaub ernster ein, an van der Busch, sein Leiden, seinen Tod, wenn ich mir vergegenwärtige, wie meine Familie die Veranlassung des Kummers wurde, der Artnern und die Seinigen traf, so würde ich eine Genugthuung darin finden, Constanzen mein nennen zu können, ob als Gattin, ob als Schwester, ob als Kind, wäre nach dem Bedürfniß der Versöhnung, das ich habe, fast gleich. Natürlich möchte ich sie als Weib am liebsten heimführen. Dort würde ich mir die Einsiedelei ihres Oheims erstehen und von meinem Herzen würde damit manche Last fallen.

Es trat eine drückende Pause ein.

Man muß mit einem Kaufmann nicht reden, wie mit Frauen, die nur in der Romanenwelt leben, sagte Wisthaler, der seines Schwagers Vorwurf auf sich bezog. Ich habe Artnern wie einen Bruder behandelt.

Auch damals, sagte Freydank, als Sie vor zwei Jahren ihn fallen ließen?

106 Ich handelte damals, sagte Wisthaler ruhig, im Interesse meiner eignen Ehre.

Ich las in den Akten Ihres Processes! ließ Freydank mit einem gewissen Nachdruck, aber doch ruhig fallen und legte von einem Salmis von Rebhühnern vor.

Thaten Sie das, so werden Sie gefunden haben, fuhr Wisthaler fort, daß ich einst die junge durch einen in der Ferne verstorbenen Verlobten reichgewordene Erbin, Natalie Hartlaub kennen lernte, um ihre Hand warb, mir diese gewann. Natalie Hartlaub, einst die Verlobte des Obersten van der Busch, ward mein Weib. War es ihre Schuld, daß die Familie des Obersten plötzlich Unglücksfälle erlitt? Hedwig van der Busch, die Schwester des Obersten, lernt in Holland den jungen Deutschen, Heinrich Artner kennen. Sie lieben sich. Sie erfahren meine Verbindung mit der Braut ihres Onkels, kommen nach Deutschland, hieher, beginnen das Testament ihres Verwandten anzuzweifeln. Eine Stimme des Innern sagte mir und meinem Weibe: Die Armen werden verlieren, aber – zieht sie an Euch! Gewinnt sie Euch durch Vertrauen! Hedwig van der Busch ist durch die nicht mehr zu ändernden Umstände ein Opfer geworden, das unsre 107 Theilnahme verdient. Wohlan! Ich biete ihrem Verlobten eine Lebensstellung. Ich nehme ihn in mein schon blühendes Geschäft, nicht als einen nur mir helfenden untergeordneten Beistand, nein als Associé, mit ungleichen Pflichten, aber gleichen Rechten. Das junge Paar willigt ein, die Firma Wisthaler und Artner eröffnet sich. Sie blüht, sie gedeiht, sie steht geachtet, bis sie nach einem aus Artners Mißtrauen fließenden ewigen Streit, nach mancher Versöhnung, mancher wieder neuen Irrung und wieder mancher neuen Hoffnung auf Einigung, sich zuletzt doch auflöste, weil Artnern mein Handelsschritt zu langsam ging und ich ihm ein Krämer schien! Wenn ich mir etwas vorzuwerfen habe, ist es, daß ich ihm dies Wort, das er einst vor Zeugen gesprochen, nicht vergeben mochte. Wie wir uns trennten, blieb eine Summe streitig. Sie war nicht gering. Wir konnten uns Jahrelang nicht darüber einigen und da Artner inzwischen an den Rhein gezogen und Fabrikant geworden war, so blieb die Summe unerledigt und wurde nur nach einer ungefähren Schätzung verzinst. Meine Frau bekam Neigung am Rheine zu wohnen. Ich suche dort einen Landsitz. Artner erfährt davon und bietet mir den seinigen an. Er wollte sich seiner Gesundheit 108 wegen von den Geschäften zurückziehen und in ein südlicheres Klima ziehen, so hieß es. Ich gehe auf den Vorschlag ein, besteige die Eisenbahn, sehe mir die Verhältnisse in Artners Umgebung an. Ich finde sie nicht nach Wunsch. Sein Wesen war unheimlich. Ich ahnte eine Katastrophe. Ich würde Mitleiden empfunden und vielleicht geholfen haben, wäre mir nicht Artner plötzlich mit Drohungen entgegengetreten. Aufs Neue wühlte er die Erinnerungen an unsern alten Prozeß auf . . . .

Sie hatten ihn gereizt, fiel Freydank ein, der über Alles unterrichtet schien.

Ich läugne es nicht, sagte Wisthaler. Ja, ich gefiel mir eine Weile in dem Uebergewicht, das mir die Lage der Umstände gab. Sie haben beide keinen Begriff von den Empfindungen eines Kaufmanns, wenn ein Compagnon ausscheidet. Es ist ein Eclat, der die unangenehmsten Erörterungen hervorruft. Oft hat man in solchen Fällen seine ganze Kraft zusammenzunehmen um nicht zu wanken. Ich ließ es Artnern fühlen, wie ich ihn da jetzt so auf seinem kühneren Handelsschritte antraf! Dennoch würde ich vielleicht durch einige Accepte ihm geholfen haben, wenn er nicht aufs Neue sich mir mit den Erinnerungen an 109 van der Busch entgegengestellt hätte. Es ist die empfindlichste Stelle meines Ehrgeizes, diese Erinnerung an den Ursprung meines Vermögens. Ich könnte Opfer bringen, welche es wären, wenn ich hier eines Unrechtes geziehen würde. Artner aber war nicht im Stande mir etwas Andres zu zeigen, als die Wuth seiner Ohnmacht. Ich verließ den überreizten Mann und später hörte ich, daß sein Geschäftsführer Guntram eine bedeutende Summe vorschoß, die ihm möglich machte, anständig zu liquidiren.

Telegraphisch, noch ehe Sie damals zurück waren, fiel Freydank ein, war diese Summe, die beim Notar von Emmen gestanden hatte, gekündigt.

Es war ein Reservecapital, sagte Wisthaler bitter, das Artnern gehörte und nur auf jenen Guntram geschrieben war.

Hartlaub und Freydank mußten schweigen, so sicher sprach Wisthaler diese Vermuthung aus. Er konnte nichts erwiedern, als man geltend machte, daß in dieser Preisgabe eines kleinen Vermögens, von dem Artner und seine Tochter sich sehr gut noch hätten behaupten können, ein nicht eben oft vorkommender Zug von Ehrlichkeit in solchen Fällen lag.

Ich geb’ es zu, sagte Wisthaler. Was ich für 110 den Vater nicht thun durfte, würd’ ich gern für die Tochter thun. Geben Sie mir ein Mittel an, ihr meine Theilnahme zu zeigen.

Man war aufgestanden und zog sich in ein Zimmer zurück, wo Freydank seine Cigarrenschätze entfaltete. Es lag ihm daran, seine Gäste in guter Laune zu erhalten. Er hatte sie zu ernsten Dingen beschieden, wollte aber den Schein der Feierlichkeit vermeiden. Er überwand sich, den Gegenstand scheinbar zu verlassen. Eine Analyse über seine Cigarren mußte dazu dienen, die Erörterung von allem Schein des Ueberraschenwollens frei zu erhalten.

Ich habe, lenkte er endlich wieder auf das verlassene Thema ein, ich habe lange nicht soviel Aktenstaub verschluckt, wie gestern und vorgestern. Ihr Prozeß mit Artner ist vor zwanzig Jahren mit großer Hartnäckigkeit geführt worden. Ist es denn wahr, Major, daß Ihr alter Freund und Gönner wahnsinnig war? In diesem Falle hätte Artner allerdings sein Testament umstoßen können.

Nein, entgegnete Hartlaub erblassend und ernst. Er war unglücklich, er litt an dem schmerzlichsten Uebel, das Sie schon kennen, aber die Klarheit seiner Sinne blieb ihm bis zum – Tode.

111 Freydank ließ den Major ruhig weiter erzählen von einer Krankheit, die zu den seltensten gehört und die von jedem Herzen den Zoll des tiefsten Mitgefühls verlangen darf.

Merkwürdig, sagte er dann, daß die Londoner Lebensversicherung den Einkauf des Obersten bei einem solchen Leiden so ruhig entgegen genommen hat. Man war sonst viel strenger, als jetzt. Die Gesellschaften sind in zu lebhafte Concurrenz getreten. Man kann jetzt sich einkaufen und sich todtschießen und die Hinterlassenen bekommen doch die Prämie. Der Selbstmord ist jetzt eine ganz zulässige und sozial entschuldigte Todesart geworden.

Freydank sprach diese Bemerkungen nur obenhin. Er hatte keinen Verdacht auf die Empfindungen, die den Major drückten. Dieser wandte sich ab. Er kam sich wie ein Verbrecher vor. Er sah sich wie auf der Bank der Angeklagten. Unsichtbare Richter saßen vor ihm, Zeugen traten auf, er begriff zum ersten Male in ganzer Vollständigkeit, daß ihn mehr als eine Schuld der Unterlassung, daß ihn ein Verbrechen drückte. Er schwankte und erwiederte nichts, als der Commerzienrath auf den heitern Ton zurückzukommen suchte und sich in der Divanecke unter einer Zahl be-112quemer Rückenkissen streckend sagte: Also, Justizrath! Was soll ich unterschreiben? Wo sind diese verdammten Subscriptionsbogen, dies Papier ohne Ende? Oder handelt es sich wirklich um einen romantischen Heirathscontrakt meines Schwagers? Der Plan der jungen Dame, hier im Friedenthal Kranke zu warten, scheint mir ein Beweis, daß sie vor Abenteuern nicht zurückschreckt.

Keinen unnöthigen Scherz, sagte Hartlaub. Wüßt’ ich ein Mittel, diesem geistvollen und liebenswürdigen Mädchen eine andre Zukunft zu sichern, als die ihr entweder auf den Wegen der Schwärmerei, die sie gewählt hat, oder im Hause der Frau von Emmen im Kampfe mit Frau Angelika bevorsteht, ich würde es gern fördern. Denken Sie darüber nach, Justizrath!

Es giebt ein Mittel, sie glücklicher zu machen, als durch eine Heirath mit Ihnen, lieber Major, die Ihnen – auch wohl nicht reüssiren würde –

Ich weiß, sagte Hartlaub und nicht ohne Schmerz erröthend. Ich weiß – ich weiß; aber nennen Sie das Mittel!

Es besteht darin, daß sie ein Vermögen besitzt. Es braucht nicht groß zu sein. Ich wünschte, der Re-133servefond des alten Guntram wäre noch nicht angegriffen. Finden Sie nichts, Commerzienrath, was noch allenfalls aus alten Zeiten zwischen Ihnen und Artnern streitig geblieben ist? So ein 30,000 Thaler wäre etwa das Höchste, was ich als einen damit berichtigten alten Rechnungsfehler von Ihnen erobern möchte.

Das nenn’ ich eine Frühstückslaune! fiel Wisthaler lachend ein. Nein, Justizrath, so theuer bezahl’ ich Ihnen mein Couvert nicht.

Auch nicht, wenn ich Ihnen Frieden im Hause stifte? sagte Freydank. Ihre Töchter zur Versöhnung und Einigkeit zurückbringe? Ihnen selbst die Unannehmlichkeit erspare, dem jungen Herrn von Specht, der um die Hand Idas, und dem Baurath Maithal, der um Laura wirbt, einen Korb geben zu müssen?

Wie so? fragte Wisthaler.

Sie kennen den Doktor Alfred Wolmar?

Schon vom Rhein her. Ich sah ihn bei Artner. Ich hätte allerdings nicht gewünscht, Justizrath, daß Sie mir diesen Störenfried ins Haus brächten.

Also entfernen Sie ihn!

Mit Freuden! Aber wodurch?

Er liebt Constanze Artner, liebt sie schon seit 114 fünf Jahren. Er durfte der Tochter eines Bankerottirers seine Liebe nicht gestehen.

Und Constanze? fragte der Major hocherstaunend.

Es schmerzt mich, Major, Constanze liebt ihn wieder, liebt ihn noch jetzt, weint wenigstens Thränen des Andenkens.

Und verachtet den Mann nicht, brauste der Major auf, der einer Armgewordenen die Empfindungen nicht ausspricht, die er für die Reiche hatte?

Oho, Major, Sie kommen unmittelbar aus den Armen der Natur! Bei uns steigen nur in den Märchen noch kleine Zaubertische aus der Erde und sind für Liebende mit all den Dingen gedeckt, die zur modernen Existenz gehören. Meinen Freund lockten damals tausend Stimmen der Nacht, des Mondscheins, der Verzweiflung auf schlaflosem Lager, Constanzen das Bekenntniß auszusprechen, das längst auf seinen Lippen gelegen hatte; er folgte ihnen nicht. Er konnte nicht. Er ist ein Arzt! Ein junger Arzt! Major, zehn Jahre der ersten Lebensstellung eines Arztes sind in den meisten Fällen bei uns ein sociales Geheimniß. Wer nicht Komödie spielen kann, wer nicht halb und halb ein Charlatan ist, erringt sobald keine Erfolge. Ehe ihn nicht zwei muthige Renner durch die 115 Straßen ziehen, ehe er nicht den Schein des Glückes hat, eher hat er das Glück selbst nicht.

Und Constanze? fuhr aufgeregter und schon überzeugt der Major fort –

Constanze ist vielleicht auch darin eine Schwärmerin, daß sie für die Vernunft schwärmt. Sie findet es ganz in der Ordnung, daß der Mann, den sie voll Sehnsucht liebte, die Wissenschaft und seinen Beruf ihr selber vorzog. Sie hatte so oft die Lieder ohne Worte von Mendelssohn gespielt. Warum sollte es nicht Liebe geben ohne Geständniß? Warum nicht ein Glück, das die Himmlischen für Jenseits aufgespart wissen wollen? Sie wünscht, daß sich Wolmar nur die Liebe einer jungen Wisthaler gewinnt. Sie wünscht, daß ihm alle Güter des Lebens, nicht blos die Reichthümer des Commerzienraths zufallen möchten. Und sie selbst wählt einen Beruf der Entsagung deßhalb, weil sie täglich sehen will, daß es größere Leiden giebt, als die ihrigen, weil sie ihren Schmerz nicht liebgewinnen, ihn nicht pflegen, nicht mit ihm kosen, nicht ihn an ihrem Herzen großziehen will. Die Welt ist da, sagte sie, die Natur ist da, die Menschheit ist da. Es sind Flammen auf dem Altare der Liebe, diese muthigen Worte, sie werden vergehen, wie alle Flammen. Aber 116 ich gönne denen draußen vor dem Thore nicht, daß sie ihnen lodern. Ich habe mich darauf capricirt, daß Constanze nicht Diakonissin wird; ich will es der Gräfin Ampfing zum Tort durchsetzen; aber unterstützen Sie mich Beide, daß ich mein Ziel erreiche.

Wie vertheidigen Sie Wolmar? fiel der Major vorwurfsvoll und doch ergriffen von Freydanks plötzlicher Wärme ein.

Wie ich schon sagte, erwiederte Freydank. Der konnte in seiner Heimath so fortleben, konnte von dem Almosen der geheilten Armuth, von manchem vertrauensvolleren Reichen die nächsten Bedürfnisse befriedigt erhalten. Aber eine Existenz begründen? Eine Existenz, die nicht ewig rechnet, summirt, bedenklich Ausgabe an Einnahme hält? Solch ein Zustand wird ja elend. Die Wissenschaft, die man liebte, wie eine Göttin, wird eine Magd. Ein Geist, abhängig von kleinlichen Verhältnissen, muß ja zusammenschrumpfen. Dazwischen läßt die Vorsehung mich treten. Ich übersehe bald des Freundes Zustand. Ich gebe ihm einen Willen, ich schlage ihm zu Liebe die Hypothekenbücher auf, ich entflamme zwei junge Millionärinnen für ihn, von denen keine weiß, welche er mehr liebt und von denen Eine gewiß einen Akt der Verzweiflung begeht, 117 wenn das Loos des Papa vielleicht für die andere entscheidet.

Wisthaler bestätigte Alles. Aber was ist zu thun? sagte er. Sie werden doch nicht verlangen, daß ich Constanze Artner dreißig tausend Thaler Heirathsgut gebe?

Warum nicht? sagte Freydank. Denken Sie nur, es wäre jenes Accept gewesen, das Sie dem Vater abschlugen.

Wisthaler sah Freydank unwillig an, griff nach dem Hut und wollte gehen. Doch hielt ihn Hartlaub zurück.

Bleibe, Schwager! sagte der Major. Es käme nur darauf an, daß jene Summe so ausgezahlt würde, daß Constanzen ein Recht darauf gehörte. Man darf ihr Ehrgefühl nicht verletzen.

Seid Ihr toll? rief Wisthaler immer erzürnter und wollte fort.

Freydank lehnte an einen Spiegelpfeiler und verschränkte die Arme. Er sah, daß jetzt Hartlaub statt seiner handelte. Der Major überwand seine eigne keimende Neigung, bekämpfte die Zurückhaltung, die er Jahre lang über van der Buschs Tod behauptet hatte, ergriff seines Schwagers Hand, führte ihn auf 118 den verlassenen Eckplatz im Kanapé zurück und sagte, ihn jetzt mit Gewalt niederdrückend: Du bist ehrgeizig auf den Ursprung Deines Vermögens? So sag ich Dir in Gegenwart eines juristischen Zeugen, daß er auf keinem richtigen Grunde steht. Die Equitable Society erhielt einst 2000 Pfund Sterling von Constanzens Oheim als Einkaufssumme meiner Schwester. Sie zahlte, als van der Busch starb, 8,000. Diese Gesellschaft ist betrogen worden; van der Busch hatte das Geschäft mit jener Bank verspielt; er endete sein Leben durch Selbstmord.

Wisthaler war sprachlos. Freydank, eine ähnliche Lösung ahnend, umarmte den Major. Dieser stand zitternd. Er hatte seine Worte nur wie geflüstert. Es lag da ein schweres Geheimniß zwischen diesen drei Männern, aber des Majors Brust athmete auf, als die Last endlich von seinem Herzen war.

Düster blickte der Kaufmann auf. Was ist zu thun? fragte er nach des Majors dann vollständig gegebener Erklärung.

Die englische Versicherungsgesellschaft, sagte Freydank, würde sehr erstaunen über die deutsche Ehrlichkeit, wenn man diesen verjährten Gegenstand etwa durch eine Rückzahlung der 8,000 Pfund, die Ihre 119 Gattin erhielt, zum Gegenstand einer Untersuchung machen wollte, bei welcher noch einige von ihren Angestellten wegen fahrlässiger Geschäftsführung um ihr Brot kommen könnten. Lassen wir diesen Pistolenschuß in jener Nacht am Meeresufer still unter uns verklingen! Wenden Sie Ihr Vermögen zu einigen milden Stiftungen an, von denen die mildeste die sein wird, daß Sie Constanzen Artner nach den, wie wir sagen werden, erst jetzt sich herausstellenden Ergebnissen der frühern Geschäftsverbindung ein Vermögen von 30,000 Thalern auszahlen. Artners Gläubiger haben liquidirt und die Zahlungen für voll genommen. Eine Masse ist nicht mehr vorhanden. Constanze kann eine Summe wie diese für keinen Almosen halten. Und daß sie ein Recht auf sie hat, würden wir beide ja jetzt mit gutem Gewissen beschwören können, wenn auch unsre Gründe dafür nicht Jedermanns Sache sind.

Es trat eine drückende Pause ein. Wisthaler erbat sich Bedenkzeit und schon in einigen Tagen versprach er sich darüber zu erklären. Es war ein sardonisches Lächeln, mit dem er beim Abschied zu Freydank sagte: Justizrath, ich nehme keine Einladung mehr von Ihnen an. Bei Ihnen bekommt man einen Vorgeschmack, wie der Satan in der Hölle seine Gäste 120 traktirt. Sie sind sehr schlimm, Mann! Aber, daß Sie es nach des Majors Enthüllung nicht noch mehr werden, soll meine Sorge sein. Und ich bin Ihnen verbunden, daß Sie mir den Frieden meines Hauses wieder herstellen. Es wird wirklich ohne eine Trauer von einigen Wochen nicht abgehen, wenn Ihr Freund sich plötzlich zurückzieht. Meine Frau protegirt ihn fast ebenso, wie die Mädchen und es sind die gefährlichsten Bewerber, die erst ein Mutterherz gewinnen. Lassen Sie’s nun übrigens gut sein! Ich fühle, daß ich das, was ich jetzt thun muß, schon vor zwei Jahren zu thun hatte, als ich gegen meinen ehemaligen Compagnon deßhalb hart war, weil er mich einen Krämer genannt hatte. Ich will mir’s überlegen.

Als Wisthaler sich entfernt hatte, sagte der Major für die Entschließungen seines Schwagers gut. Er kannte ihn im Punkte der Ehre für zu gewissenhaft. Den Ruhm, von dem Freydanks Mund für ihn selbst überströmte, lehnte er ab. Er hatte sein Herz erleichtert und sah Andre glücklich, ohne daß er selbst zu schmerzlich entbehrte. Seiner Gedanken auf Constanzen schämte er sich jetzt fast, wenn auch mit Wehmuth. Man verabredete das Verfahren, das man gegen Constanzen beobachten wollte. Wolmar zu unterrichten übernahm 121 Freydank allein. Er ließ sich bei Ottilien für den Abend zum Thee ankündigen.

Schon seit acht Tagen war ihm jeder Abend daselbst in Constanzens Gegenwart wunderbar rasch vergangen. Die Art, wie diese sich gab, ihre Erinnerungen durchsprach, ja selbst über ihre Liebe zu Wolmar Rede stand, mußte jedes Herz gewinnen. Seine Satyre gegen sie war längst entwaffnet. Das Glück seines Freundes an der Seite dieses jungen, der Liebe so würdigen Wesens schien ihm verbürgt zu sein.

122 VI. #

Es ist mit dem Glück eine eigne Sache. Man kann daran den Glauben und die Gewöhnung verlieren. Man kann das Glück besitzen im reichsten Maaße und kommt sich bei dem festesten Boden, den es uns plötzlich gewährt, vor, als schwankte man schaukelnd in einem Fahrzeuge auf hoher See. Man muß das Glück sich erst tausendmal wiederholen, um es zu glauben und bis es dann auch zu unwiderleglich vor uns steht und sich in ganzer Wahrheit und Wesenheit schon dadurch ankündigt, daß es auch schon wieder seine neuen Sorgen mit sich bringt. Vollkommen ist auf Erden nichts.

Constanze hatte im Friedenthal die Empfehlung der Fürstin, die sie auf Reisen begleitet hatte, abgegeben. Man machte ihr Hoffnung, wenn auch nicht sogleich, doch in kürzester Zeit eintreten zu dürfen. Vorläufig mußte sie zu Ottilie zurückkehren. Der freundlichste Schutz war ihr hier gewiß. Frau Angelika hüthete sich wohl, einer Neigung zu widersprechen, wo ihre 123 Herrin sich bewußt war, mit ihr auch Freydank gefällig zu sein. Schon am zweiten Tage kam Constanzens Verhältniß zu dem inzwischen abgereisten Wolmar zur Sprache. Freydank hatte bei seinem Frühstück ganz recht berichtet, als er sagte, Constanze fasse diese Trennung mit der ihr eignen praktischen und grade für das Verständige begeisterten Schwärmerei auf. Ihr Herz verläugnete sich wohl nicht; sie liebte Wolmar mit allen geheimnißvollen Regungen einer nur Einmal von allen Schauern der Liebe ganz durchzitterten Mädchenseele; sie gestand das volle Glück ein, das sie einst von seinem Besitze gehofft hatte; allein ebenso nothwendig fand sie auch, daß sich Wolmar damals zurückzog, damals als sich die Umstände, unter denen sie bisher gelebt hatte, so gänzlich verändert hatten. Ihn sich dann freilich hier zu denken auf der Werbung, ihn sich zu denken mit künstlichen, auf Berechnung einstudirten Huldigungen, that ihr weh. Dennoch verdammte sie ihn auch noch darum nicht. Sie bemitleidete ihn. Sie hatte schon längst eine Auffassung von der Welt als einer solchen, wo die Fortschritte der Bildung mit den ewigen Geboten der Natur in einem sehr ungleichen Verhältnisse stehen.

Ottilie von Emmen hatte bald auch ihr eignes 124 Leid verrathen und wenn es auch im Vergleich zu dem Constanzens mehr komisch, als tragisch war – Freydanks Sichnichterklärenwollen kannte alle Welt – so verband es die jungen weiblichen Herzen doch inniger. Constanze gab Schilderungen ihres Glückes und ihrer früheren Hoffnungen, Schilderungen, die Ottilien Empfindungen vorführten wie sie sie nur aus Büchern kannte. Dieser stille süßschmerzliche Austausch zweier „unglücklich Liebenden“ (Ottilie nannte sich auch so) dauerte bis zu jenem Sonntag Abend, wo Freydank plötzlich ins Zimmer trat, von seiner Revision des alten Artner’schen Processes sprach und von seinem Glück, eine noch nicht beseitigte Differenz zwischen den beiden ehemaligen Geschäftsgenossen gefunden zu haben. Constanze kannte Einiges von diesen Verhältnissen, mochte aber nicht glauben, daß irgend eine Thatsache, die ihr Vater selbst nicht mehr unterstützte, auf Wisthaler von Einfluß sein konnte. Wie mußte sie erstaunen, als Freydank nicht nur von seiner festesten Absicht, gegen Wisthaler mit allem Nachdruck der ihm in den Akten vorgekommenen Hülfsmittel aufzutreten, sprach, sondern Constanzen auch allmällig darauf vorbereitete, daß Wisthaler schon einen Vergleich vorziehe und ohne Zweifel bereit sein würde, sie in 125 Besitz eines nicht unansehnlichen, ihr vor Gott und der Welt gebührenden Vermögens zu setzen. Schon am Tage darauf hatte sich Freydanks Vermuthung, wie er sagte, aufs Vollständigste bestätigt. Er war bereits von Wisthaler in den Stand gesetzt, Constanzen Zahlungen anzubieten. Es war dieser natürlich wie ein Traum. Sie, die nichts besaß, als ihre Jugend, als ihre Bildung, ihre Hingebung und Opferfreudigkeit, sie hatte plötzlich wieder einen Zusammenhang mit den künstlichen Voraussetzungen unsrer Gesellschaft gewonnen, sie besaß wieder und ihre Gedanken konnten wieder die Sorgen des Besitzes werden. Das schien ihr zwar ganz in Freydanks Art, jetzt sogleich von ihm hören zu müssen: Nun geben Sie die Diakonissin auf, werden Wolmars Frau und helfen ihm mit Ihren medizinischen Neigungen in der bessern Förderung seiner Hauspraxis – aber sie konnte nicht in Abrede stellen, daß das, was sie da eben erlebte, sich in ihrem Innersten sogleich nur mit dem Namen Wolmar in Verbindung setzte. Sie empfing, um im Geiste wirklich nur mit ihm zu theilen. Die Wendung kam zu überraschend, zu gewaltsam, sie kostete ihr Thränen, die anfangs nicht ganz Thränen der Freude waren, es aber wur-126den, da sie und Andere sie vernünftigerweise nur so deuten konnten.

An alles Gute, was uns überrascht, haben wir undankbaren oder vielleicht des Glückes allzubedürftigen Menschen uns sehr bald gewöhnt. Constanze gewöhnte sich auch in wenig Tagen schon an diejenige Auffassung Ottiliens und Freydanks, die von diesen als ein Natürliches und sich selbst Verstehendes ausgesprochen wurde. Wolmars Liebe zu Constanzen konnte bei einer solchen Erschütterung seines Innern, wie sie seine Abreise, sein Brief, sein Bruch mit allen Erfolgen für seine Zukunft bezeugten, nicht bezweifelt werden. Wie konnte über den kleinen Kreis, zu dem sich bald auch der freundlich theilnehmende Major gesellte, jetzt eine andre Stimmung Herr werden, als die Voraussicht, Constanzens Schicksal würde sich nun nicht anders mehr zu erfüllen haben, als in Wolmars Nähe? An Wolmar war geschrieben worden. Eine umgehende Antwort von ihm drückte sein Erstaunen aus und kündigte seine demnächstige Rückkehr an.

Inzwischen rückte der Tag näher, wo die Gräfin Ampfing die Vorbereitungen getroffen haben wollte, Constanzen vorläufig als Novize des Amtes der Krankenpflege im Friedenthal aufzunehmen. Constanze ge-127rieth in eine schwierige Lage. Die Auffassungen Freydanks, Ottiliens, des Majors hatte sie unbemerkt zu ihren eignen gemacht. Sie wußte schon nicht mehr, ob sie sich nun für frei erklären durfte, für vollkommen so ungebunden, um das Verhältniß, das sie so heiß begehrt hatte, noch wirklich eingehen zu dürfen. Sie hatte kein ewiges Gelübde abzulegen, aber sie konnte nicht wollen, daß sie heute etwas begann, was sich morgen nicht mehr fortsetzen ließ. So stand sie rathlos und schämte sich ihrer Unentschlossenheit. Die Umstände hatten ihr den Willen genommen. Glücklicherweise erleichterte sich ihre Verlegenheit dadurch, daß ihre Vorgängerin, deren Platz sie einnehmen sollte, noch einige Tage Aufschub begehrt hatte.

Den Eindruck selbst, den ihr bereits Friedenthal gemacht hatte, giebt am besten ein Brief wieder, den Constanze nach ihren ersten Besuchen daselbst an den am Rhein weilenden Freund ihres Vaters, den mehrgenannten Guntram, geschrieben hatte. Sie sagte darin: „Denken Sie sich ein riesiges Gebäude, das in einer entlegenen Gegend der Stadt aufgeführt worden ist. Schon der Weg zu diesem stillen Asyl der Leiden weckt die ernstesten Betrachtungen. Er führt nicht durch die Straßen, in welchen sich die Prachtbauten 128 der Regierung und Wohnungen der Reichen aneinander reihen, sondern durch die Wohnungen der Armen, durch Gärten und Felder, über denen schon die Lerche sich in glücklichem Morgenjubel erhebt. Ein abgelenkter Arm des Flusses, an dem die Stadt gelegen ist, zieht sich traurig und melancholisch an dem Gebäude vorüber, das uns schon in den Verzierungen seiner Fronte als ein zur Sammlung des Gemüths auffordernder heiliger Ort erscheinen will. Doch bemitleidete ich die Kranken, deren erster Gruß ihnen hier nur von jenen Emblemen der Religion geboten wird, die uns mehr auf den Tod als auf die Wiedergenesung vorbereiten.“

„Eine Vorhalle nimmt uns auf. Sie ist einem griechischen Vestibül nicht unähnlich. Ihr gegenüber liegt eine Kirche. Die ist nur klein, aber freundlich genug, um von dem Kranken, den ein verdeckter Korb in die Anstalt trägt, beim zufälligen Aufblick einen Raum erkennen zu lassen, in dem sich’s in Gemeinschaft mit Andern dem Himmel danken läßt, wenn dieser Genesung und Rückkehr zum Leben verhängt.“

„Die drei Flanken des Gebäudes sind außerordentlich groß und in ihren lichthellen Corridoren mit Luxus angelegt. Glücklich jeder Kranke, dem nicht das Loos zu Theil wurde, unter einem düstern Dache 129 in einem engen Kämmerchen gewartet und gepflegt zu werden. Eine Anzahl junger Mädchen in der Ihnen bekannten Tracht kam bereits aus dem Eßsaale, wo man unter Gebet und Gesang sich in früher Stunde schon zum ferneren Tagewerk durch das Mittagsmahl gestärkt hatte. Der Gedanke, mit ihnen wirken zu sollen, ihnen mich anschließen zu dürfen als eine Schwester im gleichen Berufe, erschütterte mich. Ich bewunderte zwei junge Mädchen, die in die Apotheke gingen. Ihnen ist die Bereitung der Medikamente anvertraut. Sie hatten etwas Sicheres und Ueberlegenes. Ich empfand Hochachtung vor unserem Geschlecht, das im Stande sein kann, auch in der Wissenschaft mit dem Manne um die Palme zu ringen. Ich kann nicht sagen, wie mich die ruhige, fast stolze Art dieser beiden jungen Mädchen gehoben hat.“

„Die Vorsteherin hatte grade den Besuch einer vornehmen Gönnerin der Anstalt. Sie war nicht sogleich zu sprechen. Ottilie von Emmen und ich, wir fanden dadurch Gelegenheit, für uns selbst die Einrichtung des Hauses näher kennen zu lernen. Die Zumuthung an die Kraft des schwachen Geschlechts ist hier nicht zu groß. Ich entdeckte Männer und Frauen der dienenden Klasse genug, die die schwerere 130 Arbeit der Krankenzimmer sowohl, wie der Küche und des Waschhauses verrichten. Sinnig und reich war jede mechanische Erleichterung des Dienstes. Gewaltige Kessel, Waschmaschienen, Kochpfannen und ähnliche Vorrichtungen zeigten sich in eben so großer Anzahl, wie der Mechanismus, der das Resultat derselben mit den Bedürfnissen des ganzen Hauses in Verbindung setzte, bequem und praktisch war. Bei so viel Liebe und Fürsorge gewinnt sich selbst dem Elend eine freundliche Seite ab und unser Frauensinn, der früh schon beim Kinde gewöhnt wird in Entzücken zu gerathen über alles, was zum Hauswesen von praktischer Nützlichkeit ist, wird ganz mit Recht, um auch im Schwersten eine Freude zu finden, hier gleichfalls mit in’s Interesse gezogen.“

„Beklemmend genug war das Wandeln in jenen Gängen, wo Thür an Thür sich die Eingänge zu den Krankensälen befinden. In kleinen nahegelegenen Küchen können die nächsten Hülfsmittel der Pflege rasch bereitet und hergerichtet werden. Die Stationen der mittleren, der schwereren Kranken, der Frauen, der Kinder, der Kranken mit innern oder äußern Schäden, das sind Steigerungen, die Jedem einen tiefbeklemmenden Eindruck machen müssen. Eine geöffnete 131 Thür läßt auf eine Anzahl Betten sehen, auf welchen bleiche Gestalten in schmerzlicher Ergebung ausgestreckt liegen. Wieviel Schmerzenslaute mögen unterdrückt werden durch die Nähe eines Schlummernden, den der Schlaf von noch größeren Leiden ablöst! Der Mensch ist so tapfer in Gemeinschaft. Zaghaft für sich, wird er Held auf dem Schlachtfelde. Wie viel Trost hab’ ich immer in dieser Thatsache unsrer Seele gefunden, wenn ich die bluttriefenden Blätter der französischen Revolution überschlug! Mit Gleichgesinnten zu sterben ward eine Ermuthigung für den Schwächsten … Erschütternder aber noch als das physische Leid ist beim Anblick so vieler Kranken der Gedanke an das stille Weh des Gemüthes, das in solchen ruhig daliegenden Opfern der Zerbrechlichkeit unseres Stoffes lautlos fortarbeitet! Tiefe Mienen so blaß, die Augen so weiß, das Haar so todt auf dem Kissen sich abzeichnend und drinnen gewiß bei Jedem eine Welt der Sehnsucht, der Erinnerung, der Hoffnung. Gütige Allmacht, wie unermeßlich sind die Ansprüche auf Deine Liebe! Was legt sich nicht an Dein Ohr und flüstert ihm sein Leben und sein Schicksal als das Leben und das Schicksal des Einzigen, um den es sich im Erdenraume handelt, zu! Und hat die Mut-132ter, an die dieser sterbende Sohn mit Sehnsucht denkt, nicht den gleichen Werth, wie jene Braut, die dort der kranke Jüngling daheim ohne Nachricht von sich weiß und deren Sehnsucht sein einziger Gedanke ist! Oder geht es auch Euch, Ihr Armen, wie den kranken Kindern in ihren Bettchen, die nur noch zu ihrem Spielzeug aufblicken? Drückt die Ergebung auch das Wildeste in Euch auf ein Maaß des Gleichmuths nieder, wo Ihr nur noch Sinn habt für die Stundenschläge, da der Trank der Heilung Euch geboten werden soll? Ich liebe den religiösen Ton des Hauses, wenn er uns Diakonissinnen recht zu Priesterinnen machte jener Religion, die tiefinnig an die Geheimnisse des Menschenlebens anknüpft. Den Menschen lehrt das Christenthum, den Menschen nach Innen und Außen als ein Ebenbild Gottes. Die Menschwerdung Gottes will der gewöhnliche Kanzelglaube noch nicht genug verstehen.“

„Endlich wurden wir der Gräfin Ampfing vorgestellt. Sie nahm uns freundlich auf. Der Brief der Fürstin scheint mehr von mir gesagt zu haben, als ich vielleicht bewahrheiten kann. Die Gräfin rühmte meine Demuth. Ich hörte ihr fast nur schweigend zu. Sie ist ein wenig älter, als die überwiegend noch junge 133 Mehrzahl der Bewohnerinnen des Hauses. Groß und schlank ist ihre Gestalt, vornehm ihre Haltung. Sie ist natürlich eine Jungfrau, wie hier alle. Ein Leben schon lag sicher auch hinter ihr. Sie äußerte Grundsätze, die nicht aus Büchern kamen, sondern aus Erfahrungen und Auffassungen, aber mehr Auffassungen der Zeit im Allgemeinen und der Gesellschaftsschichten, denen sie angehörte. Der Rückhalt, den sie zu haben schien, war besonders bedeutungsvoll. Ich begriff nicht recht, ob dieser Rückhalt Menschen waren oder Gott. Sie wußte sich im Zusammenhang mit einem festen Glauben, der mir stark, aber etwas weltlich schien, trotz seines religiösen Zieles. Ihre Auseinandersetzungen über die Anstalt und die Pflichten ihrer Untergebenen waren vortrefflich. Sie verwies mich auf die Hoffnung, die Wohnung einer Diakonissin einnehmen zu dürfen, die die Anstalt verließ, jedoch den Ort ihres bisherigen Wirkens noch nicht geräumt hatte.“

„Beim Hinausgehen zeigte mir die Gräfin auch schon die Zelle, die Schwester Amanda bewohnt hatte und die ich künftig mit einer Andern zu theilen haben würde. Es war ein schmales Zimmer nur von Einem Fenster. Sehr hoch, von zwei Betten und wenigem Geräth. Der Eindruck war etwas kahl und im Hin-134blick auf das öde, rings die Anstalt umgebende Feld dem Gemüth wenig entgegenkommend. Meine künftige Mitbewohnerin nannte man nach der für Protestanten etwas sonderbaren, den Katholiken nachahmenden Weise Schwester Juliane. Diese saß gerade, als wir ohne anzuklopfen eintraten, und schrieb. Es war eine kleine, nicht eben sehr anmuthige Gestalt mit einem auffallenden schwarzen Augenpaar, das uns etwas starr begrüßte, wie wenn unsre Störung ihrer Arbeit sie überrascht und erschreckt hätte. Auf einige Fragen der Gräfin antwortete sie kurz und bestimmt. Ich kann nicht sagen, daß ich mich in den Gedanken, mit diesem jungen Mädchen künftig zusammenleben zu sollen, sogleich gefunden hätte. Vielleicht hat auch noch eine Veränderung statt.“ –

So hatte Constanzens Bericht vom Friedenthal gelautet. Er gab ein Bild der Verhältnisse, in die sie den nächsten Sonnabend einzutreten von einem freundlichen Billet der Vorsteherin aufgefordert wurde. Das kirchliche Abendmahl des gleich darauffolgenden Sonntags-Gottesdienstes hatte die Gräfin mit Sinnigkeit gleich als eine durch diese Anordnung mögliche symbolische Begrüßung der jungen Novize bezeichnet.

Es war Mittwoch. Auf Donnerstag wurde 135 Wolmar erwartet. Auf Freitag hatte Ottilie eine Einladung zu einem Ball erhalten, auf den sie gern Constanzen überredet hätte noch einmal mitzugehen. In ihrer von Stunde zu Stunde sich steigernden Angst und Unentschlossenheit war Constanze nur noch gegen solche äußerste Widersprüche gegen das ernste Vorhaben, das sie in diese Stadt geführt hatte, eines Widerstandes fähig. Sie lehnte diese Zerstreuung ab. Sonst aber befand sie sich in dieser bekannten so peinlichen Lage, wo zwei Möglichkeiten mit dem mächtigsten Nachdruck gleich einschmeichelnder Ueberredung unsern Willen anziehen und wir wie gefesselt und kraftlos in der Mitte stehen. Wolmar, wirklich nur er allein, konnte hier helfen.

Was man von Wolmar erfuhr, lag in den Umständen begründet. Er hatte an Freydank geschrieben: „Ich bitte Dich um Gotteswillen, sorge dafür, daß ich Constanzen nur wie durch einen Zufall wiedersehe, in einer Gesellschaft, vor Zeugen; es ist keine Kleinigkeit, was da der Zufall jetzt meinem Ehrgefühle zumuthet.“ Freydank fand diesen Vorschlag in der Ordnung und bat Ottilien alles aufzubieten, daß Constanze sich an dem Freitagsballe betheiligte. Das Haus, in das sie geladen waren, war groß, seine Räumlichkeiten waren 136 umfassend, die Gesellschaft zwanglos und nicht oberflächlich, Constanze hatte nicht nöthig zu tanzen; aber wenn irgendwo eine Wiederannäherung in der zu wünschenden Harmlosigkeit möglich war, so mußte sie dort geschehen.

Constanze, die sich zwischen den beiden Gegensätzen der Entsagung und der Freude nun wie in den Lüften schwebend vorkam und Jedem, der die Verhältnisse kannte, Mitleid abgewinnen mußte, hatte keinen Willen mehr. Sie ließ sich wirklich zu jenem Balle schmücken. Sie durchlebte mit Frau Angelika und Ottilien die ganze Aufregung, in die sich Frauen, und nicht blos die jungen, durch die Vorbereitungen auf ein solches „Vergnügen“ versetzen lassen. Sie traute dem Spiegel nicht, der ihr Bild in glänzender Toilette wiedergab. Sie kam sich vor, nicht wie zu einem Feste, sondern wie zum Tode geschmückt. Jede Blume, die ihr angelegt wurde, erschien ihr ein Verbrechen, jeder Edelstein eine Anmaßung, jedes Lob eine Beschämung, und als schon der Wagen vorrollte, um die beiden reizenden Erscheinungen an den Ort der Freude zu entführen, hielt sie an der Thüre inne, riß sich die Blumen aus dem Haar, die Schleifen und Bänder vom Kleide und rief: Nein, nein, ich kann 137 ja nicht! Laßt mich doch! Ich bin wahnsinnig! Was soll das?

Ottilie sprach ihr Muth zu. Frau Angelika rümpfte die Nase und wurde ungeduldig, weil sie alle drei sich ohnehin schon verspätet hätten. Sie selbst zeigte sich in einem rauschenden Seidenstoff. Lindor, mit der Steuermarke Nr. 714. am Halse, war in seiner Nachtruhe gestört und winselte. Es war ein Zustand der Verwirrung und Unentschlossenheit, der über Constanzens Kräfte ging. Auch über Ottiliens; fast ungeduldig sagte diese: Wie kann man! Wie kann man! Constanze! Ermannen Sie sich!

Constanze saß stumm und blickte in die letzte der Kerzen, die noch so lange am Spiegel brannte, bis die Damen sich sollten entfernt haben.

Ich gehe morgen selbst zur Gräfin Ampfing und erzähle ihr Alles! tröstete Ottilie.

Constanze stützte ihr Haupt und sah starr vor sich hin. Es war ihr als wandelte sie auf einem schwindelnden Wege, der doch wieder kein Weg war. Vor ihren Augen lag immer Friedenthal, dehnten sich immer die Corridore und Säle, wo auf Strohmatten leise hin im Dunkeln Gestalten huschten, um Sterbenden die letzte Hülfe zu bringen. Es zog sie und zog, 138 wie es den Wahn der Verzweiflung ziehen muß, wenn er ruhig in den Tod geht, ruhig von einem Thurme sich stürzt, ruhig in die Wellen springt.

Der Major machte diesem Zustand ein Ende. Er kam mit der ihm vom Justizrath aufgetragenen Meldung, Wolmar wäre vor einigen Stunden angekommen und in Begriff mit Freydank auf den Ball zu kommen. Freydank bäte die Damen, sie möchten sich nicht verspäten.

Die Wirkung dieser Meldung elektrisirte Ottilien und Angelika. Auch Constanze ließ mit sich geschehen was geschah. Sie folgte. Ein Ausweichen war nicht mehr möglich. Schon der Name des Geliebten hatte immer nur wie entwaffnend auf sie gewirkt. Von je konnte sie ihn nicht einmal nur nennen hören, ohne sich nicht sogleich wie willenlos zu fühlen. Wie konnte sie jetzt, wo er vor ihr stehen, sie anreden, sie mit den Erinnerungen an die süßeste Vergangenheit begrüßen sollte, noch zögern? Constanze ging auf den Ball; aber es war ihr doch als wär es der letzte, den sie je noch besuchen könnte.

139 VII. #

In Wolmars Herzen sah es ähnlich aus, wie in Constanzens.

Wenn Wolmar an Freydank von seiner Ueberraschung und seinem Erstaunen geschrieben hatte, so hatte Freydank noch keine Berechtigung, daraus Schlüsse auf Wolmars erneute Hoffnungen zu ziehen. Er hatte nur einfach und in Eile geschrieben, binnen einigen Tagen würde er in der Residenz sein.

Wolmar kam und fand sich auf die neue Wendung, die Freydank seinem Leben geben wollte, noch völlig unvorbereitet. Constanze, hatte es geheißen, erwarte ihn voll Sehnsucht, dieselbe Constanze, der selbst in der Entsagung oft noch all sein Denken (sein Träumen ohnehin) gehörte. Er prüfte dies Glück, er erschrak vor ihm. Er mußte voraussetzen, daß die kurze und verstandesmäßige Art seines Freundes, mit Fragen des Gemüthes umzuspringen, aus dieser 140 Versicherung mehr spräche, als vielleicht der zarte Sinn seiner Freundin. Constanze war im Begriff, einen schweren Beruf anzutreten. Es war kein Klostergelübde, das sie ablegen wollte, allein soviel durfte er schon voraussetzen, daß ohne seine einstige Entfernung von Constanzen dieser Entschluß nicht würde stattgefunden haben. Bedenklich war es schon, daß der Gedanke an alle mit dem von Constanzen gewählten Berufe verbundenen Mühseligkeiten der einzige Regler seiner Entschließungen zu werden schien. Er mußte sich voll Befremden fragen: Das, das nur empfindest du?

Wolmar empfand für Constanzen die alte Liebe, aber er bemerkte, daß er kaum den Muth haben würde, ihr diese noch zu gestehen. Deßhalb weil Constanze jetzt plötzlich in eine Lage gekommen war, die ihn sicher stellen konnte in einer Ehe, die unter seinen sonstigen Verhältnissen unmöglich war, deßhalb sollte er jetzt zu dem einst verschmähten Gegenstande seiner Liebe zurückkehren? Er stand wie taumelnd, wenn er sich prüfte, ob er die Kraft haben würde, so Constanzen unter die Augen zu treten. Er schien sich sprachlos, wenn er das Wort suchte, mit dem er zuerst wagen könnte, Constanzen anzureden.

Auch nach Freydanks Berechnung war diese 141 Schwierigkeit vorauszusehen. Aber in seiner Art hatte der auch schon ein Mittel gefunden, ihr abzuhelfen. Wolmar war kaum angekommen, als er von Freydank, dem Vielbeschäftigten und zu einer Begrüßung gerade wegen Empfangnahme und Anlage des neuen Vermögens seiner Clientin Constanze nicht Disponiblen, nur eine schriftliche Einladung fand, an dem bewußten Balle Theil zu nehmen. Dort würde er sogleich Constanzen finden. Unter dem Gewühl der Freude und Lust, schrieb er, würde die Anknüpfung am aller ersten wieder den natürlichen Faden finden, um vom Conventionellen zur Vertraulichkeit überzugehen. Wolmar fand darin wie in allen solchen und ähnlichen Voraussetzungen Freydanks Vernunft und Kenntniß der menschlichen Schwächen bewährt genug. Er rüstete sich auch, Freydanks Einladung zu folgen. Er kam in den Nachmittagsstunden an, ordnete die Zurüstungen seiner Toilette, ging um acht Uhr wirklich an das bezeichnete Haus, wo er längst eingeführt war und wo auch er mit tausend Freuden würde empfangen worden sein. Allein schon ein Blick auf die erleuchteten Fenster scheuchte ihn zurück. Er hatte den Muth nicht die Treppe hinaufzusteigen. Es hielt ihn etwas zu-142rück, etwas, was sich durch keine innere Ermuthigung überwinden ließ.

Wolmar ging in ein benachbartes Kaffeehaus und trank eine Tasse Thee. Beim Mustern der Zeitungen fielen ihm Nachrichten auf aus einer östlichen Provinz des Königreichs. In den höhergelegenen Theilen desselben war jene grauenhafte Epidemie ausgebrochen, die wir unter dem Namen des Hungertyphus kennen. Eine schon lange unter dem Druck der unglaublichsten Entbehrungen lebende Bevölkerung war die Beute einer Harpye geworden, die täglich Hunderte von Opfern forderte. Ganze Ortschaften entvölkerten sich. Kinder irrten obdachlos ohne die Angehörigen, die dahingestorben waren halb freiwillig, um mit den Nahrungsmitteln, die sie verschmähten, noch einige Tage das Leben der Ihrigen zu fristen. Alle Schrecken einer Epidemie, die Schrecken der moralischen Verwilderung, der Verläugnung menschlicher Regung, der Schrecken der Muthlosigkeit und einer thierischen Ergebung in ein nicht mehr abzuwendendes Schicksal hatten sich über einen Landestheil verbreitet, der schon lange außerhalb einer dem ganzen Publikum ersichtlichen Controle lag. Wolmar las erschüttert den Hülferuf der Localbehörden, die endlich eingestanden, was 143 die Provinzialregierung selbst in dem düstern Lichte der Wirklichkeit lange nicht hatte sehen wollen. Nun lag ein Zustand offen zu Tage, der jedes fühlende Herz in Aufregung versetzen mußte. Im neunzehnten Jahrhundert, mitten in unsrer so hoch gepriesenen Civilisation, mitten in den außerordentlichen Ansprüchen, die der auf die speciellste Fürsorge für das Wohl seiner Angehörigen so eifersüchtige Staat an seine eigne Würde und Erhaltung macht, erlebte man Erscheinungen, die an die hülfloseste Zeit des Mittelalters erinnern. Die Behörden, die Hülfscomités, die Geistlichen forderten nicht nur auf, der bedrängten Bevölkerung Gaben der Liebe zu senden, Geld, Kleidungsstücke, Nahrungsmittel, sondern auch die ärztliche Welt wurde dringend angefleht zu Hülfe zu kommen und den Verheerungen der Seuche mit der Kraft der Wissenschaft und der Aufopferung des Berufes entgegenzutreten.

Wolmar sah nachdenklich auf das Blatt. Die Worte: „Junge Aerzte, die den Beruf fühlen, der leidenden Menschheit die Hand zu reichen –“ schienen, elektrisch ihn berührend, wie auf ihn berechnet. Was konnte ihn zurückhalten, ihnen Folge zu leisten? Eine Liebe, die ihm Lebensaussichten bot unter Bedingungen, 144 die ihm jetzt verächtlich erscheinen mußten? Du sollst, sagte er sich, jetzt zu einem Auge wieder aufblicken, dessen milder Glanz über dich nur Mitleid ausströmen würde? Du sollst ein Bekenntniß, das du einst beherrschen konntest, jetzt aussprechen mit den Lippen, die entweiht wurden durch die gedankenlosen und berechneten Huldigungen, die Du hier in diesen Gesellschaften Wesen brachtest, die Du nicht liebtest? Geld, Geld soll dich zurückführen an die Schwelle eines Heiligthums, das Du einst entweihtest, indem Du vor der Armgewordenen flohst?

Und wenn auch der magnetische Zug der Sehnsucht und Hoffnung ihn noch einmal nach dem glänzend erleuchteten Hause zurückführte, wenn er auch unschlüssig schon auf der mit Blumen geschmückten Treppe stand und sein Ohr die heiteren Klänge der Tanzmusik seinen Willen fast schon verlockend auffing, die Kraft konnte er sich nicht geben, wahr zu machen, was man von ihm voraussetzte. Er kehrte wieder in jenes schon einsamer gewordene Kaffeehaus zurück, las beim schon matteren Lichte der Gasflammen noch einmal die Aufforderung an den Heroismus junger Aerzte, ging in seine Wohnung und beschloß, am nächsten Morgen sich von allen Verlockungen seines Ehr-145gefühls für immer loszureißen. Constanzen jetzt von Liebe zu sprechen, schien ihm eine Entweihung des Glaubens an ihren Werth. Dies schrieb er kurz und bestimmt an Freydank, benutzte rasch seine noch von dem letzten Ausflug vorhandene Reiserüstung und ging mit dem nächsten Eisenbahnzuge, ohne sich durch Abschied aufs Neue in eine Gefahr für die feste Behauptung seines sittlichen Gefühls zu versetzen, in jene unglückliche Provinz ab. Die Fahne meines Berufs winkt! schrieb er, wie aus Riesenarmen sich losreißend, an Freydank. Ich liebe Constanzen, aber verlangt von mir nicht, was jetzt unmöglich ist! – –

Es war Sonnabend gegen Mittag, als Constanze in vorsichtigster Mittheilung diese Wendung erfuhr. Am Abend schon schlief sie zum erstenmale im Friedenthal unter Einem Dache mit den Kranken und Sterbenden.

146 Aus Constanzens Tagebüchern.#

– Es war mir beim Eintritt ein gutes Zeichen, daß mir ein Genesener entgegenkam, der eben die Anstalt verließ. Wie glücklich war das Antlitz des Mannes! Er trug ein Bündelchen mit Wäsche unterm Arm und ein anderes trug ein Freund, der ihn abgeholt hatte. Wie lächelten beide! Wie golden sah ihnen die Abendsonne ins Antlitz! Der Genesene konnte nur am Abend fortgehen, da sein Freund ihn nur dann abholen konnte, wenn sein Tagewerk vorüber war. Es waren zwei Arbeiter, vielleicht Brüder. Der Eine stützte den Andern und geleitete ihn ins Leben zurück. Segnet das Geschick und danket dem guten Geiste, der Euch behütet hat. Dankt ihm mit Eurer Freude!

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147 Ich hatte eine erquickende Nacht. So gut schlief ich seit lange nicht. Schwester Juliane, bei der ich doch wohne, war schon in ihren Functionen, als ich erwachte. Man hatte mich nicht wecken wollen. Einfach und eng ist das Zimmer, kahl die Wand, hart das Lager; ganz so, wie es sein muß, um sich bei den Interessen seiner eignen Person nicht mehr aufzuhalten.

In die Kirche ging ich, aber am Nachtmahl mocht’ ich noch nicht Theil nehmen, obgleich die allgemeine Beichte der Bewohnerinnen des Hauses vorherging. Ich fühlte mich, sagte ich, noch nicht in der Stimmung, Gott mit mir ausgesöhnt und mich mit mir selbst ganz einig zu denken. Man fand meine Weigerung nicht auffallend und ich denke, in einem Krankenhause wird bald die Gewöhnung kommen, etwa einen Zorn auf Gott, etwa einen tiefsten Aufschrei des Unglaubens an seine Führung für eitel Thorheit zu halten.

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148 Schwester Juliane führte mich an die Betten, die ich gemeinschaftlich mit ihr bedienen soll. Die Vorsteherin war nicht zugegen. Der Arzt ließ sich, als ich in einen weiblichen Krankensaal eintrat, nicht stören, sondern schrieb ruhig an seinen Verordnungen weiter. Ein kurzer prüfender Blick auf mich genügte wohl dem Menschenkenner, meinen guten Willen zu mustern. Er hatte Eile, das große Haus zu durchwandeln und seine Aufmerksamkeit gehörte ungetheilt den Leidenden, deren Zahl für einen noch auswärts beschäftigten Arzt und zwei Nebenärzte fast zu groß ist. Die Verordnungen waren deutsch. Ich lernte dadurch Heilmittel kennen und ihre Beziehung zu denjenigen Krankheiten, deren Symptome ich beobachten mußte. Die beiden Schwestern in der Apotheke erschienen mir, wie sie die ihnen von mir zugetragenen Blätter überlasen und ruhig an die Bereitung der Arzneien gingen, wie zwei Priesterinnen. Nach der Sage war Aeskulap, wenn er zu den Kranken ging, begleitet von seinen Töchtern.

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149 Ich bin zwei Tage in der Anstalt und lebe schon für nichts mehr, als meine Kranken. Ich sehe, daß sie ganz auf mich angewiesen sind, daß ihr erster Blick beim Erwachen auf mich fallen will, daß ich ihre Hand, ihr Mund, ihr Alles bin. Wie glücklich das macht! Sie leiden an äußern Schäden und sind vor Kurzem erst operirt worden. Sie plaudern gern und ich freue mich, ihnen meinen Antheil zu verrathen. Jedes von ihnen hat ein Lebensschicksal. Wie sie so ruhig liegen, scheint Jeder von ihnen zu glauben, sein Loos erfülle die Welt und sein Herz bilde den Mittelpunkt des Ganzen. Erst die Bildung giebt uns Verallgemeinerung und lehrt uns, in solchen äußersten Fällen uns fast ganz in den auch leidenden Andern zu vergessen.

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150 Der erste Schmerz! Man wechselt die Stationen. Ich habe ein armes altes Mütterchen verlassen müssen, das in die Stadt kam, sich von einer Geschwulst heilen zu lassen. Wie gern hörte ich sie von ihren Kindern daheim erzählen und von ihrem Sohne, der im Dienst eines Gutsbesitzers steht und soviel erspart hat, ihre Heilung bezahlen zu können! Gutes Mütterchen, ich will nicht wünschen, daß Schwester Adelheid Dir nicht so gern zuhört. Adelheid ist kalt und verdrießlich.

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151 Ich bin bei Kindern. Sie erfordern wohl die meiste Geduld und können recht ermüden. Das schreit und weint und lacht und der Todesengel sitzt so harmlos unter ihnen und sie spielen mit seiner Sense, die so scharf ist. Ich fürchte mich vor meinem ersten Todten. Unter diesen Kindern sind Einige, die bald sterben müssen. Sie sind nur Flämmchen, die im Erlöschen scheinen, und doch spielen sie mit ihren blaubleichen magern durchsichtigen Fingerchen noch auf der Bettdecke mit Reiterchen und Pferdchen und achten Erde oder Himmel gleichviel, wenn es nur zu spielen giebt, dort wie hier.

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152 Ich habe meinen ersten Todten und bin tief erschüttert. Ich sah dabei auch meinen Vater wieder und meine Mutter. Die Mutter sah ich als Kind nur krank, nicht sterbend; man entfernte mich. Der Vater ging am Schlaganfall rasch und war mir genommen wie ein Traum. Meinen Pflegling aber fand ich schon in stillem Erlöschen. Er ging langsam, sehr langsam hinüber und hat mich fast mit verzehrt. Schwester Adelheid tadelt mein allzulebhaftes Mitgefühl.

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153 Ich bin nämlich zu Männern gekommen. Der Eindruck ist beklemmend genug. Einen Einzelnen in einer Zelle würd’ ich ohne Beklemmung pflegen können, aber Männer in Vereinigung überwältigen uns, auch wenn sie sterbend auf dem Lager liegen. Ich fühlte dabei den Stufengang der Heranbildung zum Pflegamte. Dies Eintreten eines Weibes in einen Saal von zwölf leidenden Männern hat für ein Weib etwas furchtbar Erdrückendes und die Liebe allein reicht nicht aus, um sich dabei aufrecht zu erhalten. Man muß viel abstreifen von dem, was zu unsrer Natur gehört und ich erkenne recht, daß man wenn auch nicht so kalt und streng werden kann wie Schwester Adelheid, die mich in Allem unterrichtet und anleitet, doch in seiner Sorge so mechanisch werden muß, wie – ich will Niemanden nennen. Ich glaube, ich sehe und beurtheile noch Alles von einem Standpunkte, der nicht mehr hieher gehört.

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154 Mein erster Todter bringt eigene Wirkungen auf mich hervor. Es war ein junger Arbeiter, dessen Eltern in der Ferne leben; er starb an der Zehrung. Sein Bewußtsein verließ ihn erst in den letzten Kämpfen des Körpers. Die Agonie dauerte einige Tage. Verliefe jeder Tod so regelmäßig, wir hätten die Unsterblichkeit bewiesen in der Hand. Denn für jeden Stoß der auskämpfenden Hülle des Geistes sieht man, wie der Geist selbst wächst und nur nach Freiheit ringt. Ein solches Ende ist Verklärung. Ich beobachtete ruhig und auch des Nachts. Am Tage sollt’ ich beten und aus der Bibel lesen. Ich that es. Des Nachts genügte ein Blick meiner Augen, der matte Schimmer der Lampe und das stille Schweigen. Ach, die Ruhe ist so göttlich. Kein Wort und wär’ es das heiligste vermag die Heiligung zu geben, die im Schweigen liegt, im Schweigen zweier Menschen, die sich anblicken und sich in treuem Bunde wissen. Hier freilich Gruß und Abschied! . . Rings Mitleidende, die schlummerten. Mein armer Wendt, so hieß er, wachte, schwieg und athmete kurz, immer bis die Anfälle kamen. 155 Dann war die Prüfung für mich hart. Aber ich hatte Muth. Ich überwand mich, auch wenn Ruhe über ihn kam, seine Hand zu halten. Er drückte sie. Es war sein stummer Dank.

Seit sie den armen Wendt aus dem Saale trugen in die Todtenhalle, seh’ ich mich eigentlich zum Erstenmale in meinem Zimmerchen um. Ich habe das Bedürfniß, es traulicher zu finden, als es ist. Auch im ganzen Hause vermiss’ ich etwas, was vorhanden sein sollte und wär’s an ihm gelegen ein Garten mit nur einem einzigen kleinen Schattenplatz, in dem man aus voller, voller Brust einmal wieder aufathmen könnte. Wie kahl das Alles ringsum! Casernenartig, leer und ohne Poesie! Die steinernen Kreuze und Cherubimköpfe an den Portalen geben die Wärme nicht, nach der das Herz sich hier sehnt. Auch die Gnade und die Wiedergeburt, die der Geistliche lehrt, will einen andern Eingang haben ins Gemüth als diese nur rein innerliche Betrachtung und ewige Reflexion über unsre Sünde. Ich erschrecke hier das Wort Sünde so oft zu hören! Ist es mir nicht schon vorgekommen, als wollte man die Krankheiten und Leiden, die hier die Unglücklichsten der Erde drücken, Folgen der Sünde nennen? Es ist fast, als müßten 156 die Armen sich ihrer Leiden schämen und als wäre ihr Leiden eine Strafe, ihre Heilung nur eine Mahnung sich zu bessern! Gott will es ohne Zweifel so angesehen haben, aber darf das ein Mensch dem andern sagen, das ein gesunder Mensch dem Kranken!

Mit meiner Zimmergenossin Juliane möcht’ ich gern mich über Vieles verständigen. Sie ist mir nicht unheimlich mehr, aber auch nicht verwandt.

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157 Wir erhalten eine theoretische Anleitung, die ganz vortrefflich ist. Wir sitzen in einem Auditorium wie die Studierenden. Schwester Hedwig vom Rheine, die zu unserm Berufe eine wissenschaftliche Anleitung empfangen hat, pflanzt ihr Wissen auf harmlose Art fort und die Nebenärzte unterstützen sie. Der Bau des menschlichen Körpers wird erklärt und der Sinn für eine rationelle Behandlung der Krankheiten entwickelt. Der praktische Gewinn ist groß. Wir sehen von den Personen, die wir pflegen, schon ganz ab und denken, wie die Aerzte selbst, mehr an das Uebel, das wir bekämpfen. Einige Hörerinnen scheinen mir stumpf, andere sind sehr aufmerksam. Man kann immer gewiß sein, daß unser Geschlecht nichts Geringes leistet, wenn man nur Vertrauen zu ihm fäßt und ihm das Werthvollere und Tüchtige zumuthet.

Eine etwas salbungsvolle Phraseologie der Schwester Hedwig stört mich. Sie sollte wirklich die Auffassung des Geistes, in dem wir wirken, uns selbst überlassen. Auch sie thut, als wenn die Krankheit 158 eine Folge der Sünde wäre. Nun ja, wir mögen ein gefallenes Geschlecht sein, allein das Paradies, das wir verscherzten, ist so ururalt; was können die Enkel Adams darunter leiden, daß unsere Hinfälligkeit einst eine Folge seines Leichtsinns war? Das ist so schön an den Aerzten, auch an denen, die uns zuweilen einen Vortrag halten, daß sie eine natürliche Anwaltschaft haben für den Menschen als ein in der Vollkommenheit möglichst zu erhaltendes schönes Kunstwerk der Natur. Sie stehen dem Menschen bei gegen den Dämon der Krankheit, bekämpfen die Krankheit als eine Anomalie der Natur, die sie allein hassen. Ihr ganzer Aufwand an Vorwürfen, die sie dem Kranken machen, besteht darin, ihm Liebe zu sich selbst einzuflößen, Sorge für das bessre Wohlergehen seines an ihn gebundenen großartiggeheimnißvollen Naturverlaufes.

Die so seltne Anwesenheit der Gräfin Ampfing bei allen unsren Verhandlungen, mit Ausnahme des Gottesdienstes und der Mahlzeiten, erklärt sich plötzlich. Wir glaubten sie von den Besuchen, die das Haus oft zu sehr bestürmen, von den Honneurs, die sie den Fremden zu machen sich nicht nehmen läßt, angegriffen und leidend. Wir deuteten ihre längere Zu-159rückgezogenheit und die abendlichen Ausfahrten, die sie machte, auf Rücksichten, die sie zur Befestigung ihrer Gesundheit zu nehmen hat. Seit heute haben wir die Aufklärung … Ja, das war ein Rennen und Laufen um die eilfte Stunde Vormittags, ein Kopfzusammenstecken, ein Erstaunen … Unsre Vorsteherin ist ja Braut.

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160 Braut! … Es macht doch einen eignen Eindruck, sich eine Ablösung von der ernsten Aufgabe dieses Krankenhauses durch ein weißes Spitzen-Kleid und einen Myrtenkranz zu denken. Ich gehöre nicht zu jenen Protestanten, deren Gemüthsschwäche und Abneigung gegen Nachdenken über religiöse Dinge in einem geheimen Einverständnisse mit dem Katholicismus steht; aber ich finde, daß wenn man einmal wie hier die Krankenpflege zu einer Pflicht der Religion gemacht hat, die kirchliche Regel und das Ordensgelübde etwas unendlich Ehrwürdiges haben. Wie das gedankenlos und zerstreut macht, zu wissen: Die Vorsteherin verläßt uns, um den Grafen von M. zu heirathen! Eine Braut kann ja schon lange, lange an nichts denken, als an den Mann, den sie liebt. Ich wünschte, die Gräfin verließe uns bald.

Zum ersten Male hab’ ich einen gewissen Zug verstanden, der regelmäßig um die Lippen meiner nicht schönen Zimmergenossin Juliane liegt. Sie ist spöttisch, ohne zu spotten. In ihrem Lächeln lag früher etwas, was mich verwundete. Meine Stimmung war 161 noch nicht darnach ihr Lächeln zu verstehen. Jetzt fand ich ihr Lächeln angenehm. Sie zog die Mundwinkel auf eine eigne bittre Weise, als sie mir sagte: Sie wissen es also auch schon? Ja, die Gräfin ist Braut.

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162 Juliane fängt an, mich für sich einzunehmen. Wenn ich früher nur flüchtig einen Blick aus ihren hellglänzenden schwarzen Augen erhaschte, erschien sie mir wie ein Kobold. Ich fürchtete sie. Jetzt find’ ich ihre Art angenehm und ihre ewiggleiche Ruhe, die stille, mit einem ironischen Zuge verbundene Art, wie sie sich ihren Pflichten unterzieht, interessirt mich. Sie ist herb ohne damit verwunden zu wollen. Und ihr Verstand scheint noch lebhafter und freier zu denken, als sie sichs merken läßt.

Unsre Gedanken über den Brautstand der Gräfin, der großes Aufsehen macht und in der ganzen Stadt besprochen werden soll, ja sogar als eine unerwartete Ueberraschung selbst den hohen Gönnern des Hauses nicht genehm gekommen ist, führten uns endlich näher. Ich bin vier Wochen ihr so nahe, so mit jedem Athemzuge, schlafend, mich ankleidend, nähend, schreibend, lesend, dicht neben ihr und sie ebenso, beide sind wir voll Höflichkeit und einer Art ausweichenden Aufmerksamkeit gewesen, die mir die Stimmung schon höchst peinlich und beklemmend machte, und erst gestern in 163 stiller Abendstunde sprach Schwester Juliane in längerer Rede eine Meinung gegen mich aus, die mich erregte. Sie sagte: Sie glauben nicht, was ich die Comtesse glücklich preise! Es muß ihr sein, als wenn ihr ein Alp vom Herzen spränge! Die Strenge und Kälte, die sie uns zeigte, war ja keine natürliche. Sie litt an den Vorurtheilen ihres Standes, aber sie besitzt ein gutes Herz, dem kindliche Freude über alles gegangen wäre, wenn man ihr dazu die reichere Gelegenheit geboten hätte. Ihr Eintritt in dies Haus war eine Modesache. Gewöhnt zu repräsentiren fand sie sehr leicht die Formen, die sich für diese Räume geziemten. Sie findet jetzt noch in ihren späteren Jahren einen Mann, der sie verehrt und liebt. Sie wird, da sie gutmüthig ist, glauben, sie trenne von dem Beruf, den sie hier übernommen, sich mit schwerem Herzen; aber das Herz ist ihr leicht. Glauben Sie mirs, sie ist glücklich, wieder der regelmäßigen Welt anzugehören, wenn sie’s auch nicht Andern und nicht einmal sich selbst gesteht.

Ich konnte mich aber dieser leichten Auffassung doch nicht fügen. Ich achte Julianens Meinung, aber ich zürne der Gräfin und weiß nicht warum.

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164 Ich lerne den innern Bau des Menschen kennen. Es ist nur der Stamm, auf dem die Seele blüht. Diese Blüthe soll mir nicht verloren gehen unter den Aesten und Zweigen, Wurzeln und Fasern, die uns, ich sehe es, so kunstvoll aufrecht erhalten. Inniger nur vergegenwärtige ich mir, was in uns dennoch einer unendlich andern Welt angehört.

Wie kommt in unsern Geist die Musik der Erinnerung? Ich will diese Töne nicht mehr hören, die von der schönsten Vergangenheit mir singen, und doch dämpft sie kein Wille, keine Kraft. Immer weil’ ich wie in einer von goldnem Sonnenlicht verklärten Ferne, immer blitzt die grüne Woge des Rheines auf und wie von tausend Harfen klingt es das Lob der süßesten Stunden wieder.

Unwiederbringliche, wart ihr denn einst? Stand ich denn auf hohen Felsen und ruhte auf verfallenem Gemäuer, sang mit dem Hirtenknaben um die Wette, der die Kraft seiner Stimme am Echo zeigen wollte und hörte und belauschte nur Einen Ton, den der Sprache des Freundes, der eben noch mit dem Führer 165 unsrer Saumthiere unterhandelte und schon rief: Kommen Sie da! Von diesem Punkt aus zeig ich Ihnen, was nur in Italien sich wiederholen kann! . . Der Drachenfels! Immer steht mir das Bild vorm Auge, wie eine gemeinschaftliche Reise von Bewohnern unsres Thales uns auf diese schöne Felsenwarte führte und wir nach einer glücklichen Umschau über Fluß, Berg und sonnige Ebene abwärts stiegen in das schöne bergumschlossene Thal, wo seine Hand mich stützen mußte, weil ich nur die steilsten Pfade aufsuchte, aufsuchte eben – um nur seine Hand zu fühlen!

Es ist eine wunderbare Welt, was so geistig in uns lebt. Als ich ein Kind war, trat ich an der Hand des Märchenerzählers am liebsten in die schönen Gärten der Sage, wo von Springbrunnen zu Springbrunnen sich neue Zauber offenbarten, Ruheplatz an Ruheplatz sich reihte, wo Tempel mit offenstehenden Hallen, in denen Edelsteine wie Sterne leuchteten, das staunende und gläubige Auge begrüßten. So ist mir das Andenken an jene Zeit des Geheimnisses und der gegenseitigen – Werbung, denn auch ich geizte nach dem Ruhme ihm zu gefallen. Ueberall blick’ ich heilige, geweihte Plätze, an die sich ein Wort, ein Blick knüpft, einfache Thatsachen, denen ja die Erinnerung der 166 Liebe unsichtbar ebenso große Monumente baut, wie nur immer Völker der Erinnerung ihrer Helden.

Jede Stunde des Tags ist im Kalender der Liebe eine geweihte. Der Morgen, der vom Abend zehrt; die Frühstunde, die uns einen Gruß des Geliebten zum Fenster hinauf schenkt wie eine emporgeworfene und erhaschte Blume; der Mittag, der ihn so oft bei uns sah; der Nachtisch, bei dem er so anregend plauderte; der Nachmittag, wo ich ihn oft bei Freunden – suchte und es den Anschein hatte, als dankte ich nur dem Zufalle die Begegnung; die Dämmerung, die wohl gar einen Spaziergang im Walde oder Felde schenkte, den seine Begleitung zu einem Wandeln wie in Lüften machte; der Abend, der ihm ganz gehörte, auch wenn er nicht kam, wenn er nicht aus dem Schatten trat, den der Lichtring der Lampe im Zimmer warf und sein süßes: Guten Abend! wie eine Erlösung klang von der Spannung und Pein eines ganzen Tages.

Wem schreib’ ich das? Den Kupferstichen, die der Arzt auf unserm Zimmer circuliren läßt, den aufgeschnittenen Profilen todter Menschen, den Muskeln und Arterien, die uns darstellen sollen halb als eine Pflanze, halb als eine Maschine. Ich suche vergebens den Schmerz in diesen Bildern, die Verzweiflung, 167 den Jammer der Täuschung und die letzte Hülfe der Entsagung, des Muthes und des Willens, der vergessen muß und es würdig thun will.

Unermeßne Welt, die an Sichtbares nicht gebannt ist! Wie spielst Du zitternd dem Lichte gleich im nächtlich schweigenden Raum! Wie füllst Du das All mit Stimmen so laut, als wenn sich am Felsen Sturmfluth bricht, und Alles bleibt doch still – bleibt still – still –

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168 Dem unentdeckten Verbrecher, dem eine gnadenreiche Zeit zu Hülfe kam, seine Schuld zu vergessen, muß es oft beim fröhlichen Mahle, unter Lachen und Jubel im tiefsten Innern kommen, als stünde sein Fuß plötzlich vor einem Abgrunde und als würde dies, wenn er vorschritte, sein Letztes sein.

So such’ ich das Vergessen. Aber mitten in der steigenden Gewöhnung an mein neues Leben zuckt ein plötzliches: Ists aber möglich? so krampfhaft durch die Seele, daß mir ein eben angefangenes Wort im Munde stockt, ein Gedanke abbricht und der muthigste Entschluß die Hand der Ausführung wie erlahmt in den Schooß sinken läßt.

Jedem Schmerz geht es so, der sich nicht ausgeweint und ausgerungen hat.

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169 Gott, was ist dies Leben! Wie viele im kräftigsten Alter seh’ ich wie Lichtlein erlöschen, wie viele die schrecklichsten Leiden erdulden! Wie gleichgültig wird das Auge beim Anblick des Blutes und der vielen natürlichen Dinge, die uns die Möglichkeit zu existiren geben!

Es ist ein Räthsel dies Leben! Ich sah Italien – was soll dies Land? Ich sah die Schönheit und Kunst – wozu dienen sie? Ich trug das sehnsüchtige Verlangen nach Glück in mir – giebt es dazu Berechtigung in einer Welt, wo Menschen mit Gebrechen geboren werden, zu denen sie nicht einmal durch die Schuld ihrer Eltern – denn dann könnte sie noch die Liebe zu diesen aufrichten – sondern nur durch eine zufällige Gedankenlosigkeit der schaffenden Natur kommen, gleich jenen im Ofen mißrathenen Gefäßen, die der Töpfer gleich zertrümmert oder zum Handel in die hintre Reihe stellt.

Nichts scheint zwecklos in der Welt. Selbst das Schöne hat einen Zweck und mir scheint, die Natur denkt nicht ästhetisch; auch das, was der Gewöhnung 170 unsres Auges ihr schönster Schmuck dünkt, ist nur praktisch. Am Kranken- und Sterbebett fühlt man, daß wir einem großen Geheimniß dienen. Es rollt ein furchtbar erhabenes Schicksal über uns hinweg, wenn eben Einer geboren wird oder Einer stirbt. Das, was die Geburt lehren soll, heißt: Lerne gleich den Tod lieben, der ist Deine Bestimmung!

Schwester Adelheid glaubt an die Existenz des Teufels. Fast möcht’ ich manchmal ihren Glauben theilen, aber eben das, was sie Prüfungen Gottes nennt, möcht’ ich für das Werk des Teufels halten. Die Erde gehört mir oft sichtbar einem Teufel, der Bau des Menschen gehört ihm, die Natur gehört ihm. Kämpfen wir denn hier im Friedenthal gegen eine gute Macht, die uns so darnieder wirft, so geschehen läßt, daß, wie ich heute sehen mußte, einem Arbeiter, den man seiner Schwäche wegen nicht chloroformirte, ein in Brand gerathenes Bein abgesägt wurde? Sollen wir diesen Herrscher über unsere Hinfälligkeit lieben? Wehren wir ihn nicht ab wie etwas Böses und stärken uns im Hinblick auf einen in weiter Ferne hinter Allem, was geschieht, thronenden guten Geist, als müßten wir durch das Elend der Hölle erst hindurch zum Himmel?

171 Unser ganzes Leben ist Mühe und Pein. Unser Geist spiegelt uns immer vor, als wenn wir Titanen wären und der kleinste Unfall belehrt uns, daß wir thönerne Scherben sind.

Es wäre grauenvoll, wenn gegen solche Zweifel nur zuletzt der Trost – der Gewöhnung hülfe.

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172 Ein vor mehreren Jahren verstorbener Monarch soll, als man auf seinen Wunsch, das Institut der barmherzigen Schwestern auch auf das protestantische Gebiet zu verpflanzen, erwiederte: Majestät, dazu gehört Religion! in seiner Art befehlend geantwortet haben: Dann Religion machen!

Juliane erzählte mir’s, als ich mich über das herrnhutherische Gesangbuch wunderte, aus dem wir in der Kirche, Morgens, Abends und vor dem Mahle singen.

Ich fühle und denke nicht katholisch, wenn ich mich in dem großen Bunde der Menschheit weiß: aber ich fühle und denke katholisch, wenn ich die protestantische Kirche so ängstlich um etwas ringen sehe, was sie eben nicht besitzen kann und, wenn sie sich recht versteht, auch nicht besitzen soll.

Wie komm’ ich zu einem herrnhutherischen Gesangbuch! Ich möchte die Tröstungen eines Franklin, die Lehren eines Herder in mich aufnehmen. Sallet führt mir das Bild des Erlösers schon seit lange rüh-173render entgegen, als Zinzendorf – wie komm’ ich mir vor, mir eine Religion machen zu lassen, die mir nimmermehr natürlich stehen wird! Bei dieser Gedankenreihe tritt mir immer das St. Clemensstift in Münster vor Augen, das alte Kloster mit seinen Bogenfenstern, seinem stillen Garten, wo die barmherzigen Schwestern in ihrer schwarzen Mütze mit weißer Krause, ihrem langen schwarzwollenen Kleide mit herabfallendem Pilgerkragen, Gemüse sammeln zum Mahl, und mancher der Genesenden glücklich ist, schon den Rechen führen zu dürfen und zwischen Blumen und Kräutern die Wege zu säubern, das St. Clemensstift, wo die barmherzigen Schwestern sich knieend vor dem mit brennenden Lichtern besteckten Altar den Muth und die Ausdauer zu ihrem Werk von der Mutter Gottes und den Heiligen erflehen.

Wo ich mich nur geistig mit Gott vermitteln soll, will ich es auch im Geist und in der Wahrheit thun. Und wäre denn ein Bund von Krankenpflegerinnen, die so recht nur um des Leides der Menschheit Willen und um das Wohl des Vaterlandes dem Bruder und der Schwester beistünden, eine Unmöglichkeit, ein Traum? Religion machen! Schiller 174 und Goethe hätten es gekonnt. Ich hasse eigentlich an ihnen, daß diese großen Männer soviel Furcht vor den Mächtigen der Erde hatten und den wichtigsten Fragen der Menschheit aus dem Wege gingen.

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175 Immer traulicher wird mein schmales, kahles Zimmerchen. In ihm und in den Krankensälen ist mir am wohlsten. Die Corridore, der Eßsaal, die Kirche, die Erbauungs- und Lehrstunden, alles das fängt an, mich entsetzlich zu drücken. Verbindung mit der Außenwelt mag ich nicht. Ich lese keine Zeitungen. Die Besuche Freydanks und Ottiliens können mich nicht erheben. Sie kommen auch nicht mehr. Einladungen, die ich an freien Tagen, die gewährt werden, annehmen könnte, locken mich nicht. So siedl’ ich mich fester und fester auf meinen Paar Quadratschuhen Eigenthum an und suche Erhebung aus neugekauften oder entliehenen Büchern, die ich nicht jedem, der mit in diesem Hause wohnt, zu zeigen wagen möchte.

Julianens Stimmung ist der meinigen jetzt so verwandt, daß ich staune, nicht von ihr sogleich aufs Angenehmste berührt worden zu sein. Aber es mag sein, daß es dieser beiden Monate erst, die ich hier bin, bedurfte, um dahin zu gelangen, wo sie sich bereits seit zwei Jahren befindet. So lange ist Juliane in diesem Hause, das sie aus Gründen aufgesucht hat, 176 die sie mir einst mitzutheilen gedenkt. Ich dränge nicht in sie. Ich sehe, sie hat einen Schmerz zu verwinden, der wohl dem meinigen nicht unähnlich sein mag.

Von dem Diakonissenwesen sagt sie, es wäre verfehlt und würde nur eine vorübergehende kurze Blüthe des religiösen Gemeingefühles bleiben. Wenn Fürsten oder Fürstinnen in den hohen Regionen ihre Lieblingsneigungen ändern sollten, sich vielleicht mehr in der Pflege gesinnungskräftiger Poesie, der gedankenvolleren Kunst und der strengen Wissenschaften gefielen, als bisher, wenn sie ihre Furcht vor den Gefahren der Zeit nicht durch eine künstliche Beförderung religiöser Stimmungen verriethen, dann würde plötzlich dies Institut in sich zusammenbrechen und die Kranken würden wieder auf die Pflege der Gutmüthigkeit und die Ausdauer der Dienenden angewiesen sein, wie sonst. Nicht auch an Pflegerinnen hätte es bisher gefehlt, sondern an Pflegeanstalten. Hat man diese geschaffen um jener modischen Erfindung Willen, so wäre ein großer Vortheil errungen und die Aerzte, die jetzt natürlich den Mantel nach dem Winde der Phrase, die sie im Stillen belächelten, hängten, würden, zufriedengestellt durch die Mehrung und Besserung 177 der Heilanstalten, die Pflege wieder ausschließlich beaufsichtigen und an Personen, die in einer so übersetzten Zeit wie die unsrige für den Lohn, den auch die Diakonissinnen bekämen, mit Aufmerksamkeit den Athemzug der Leidenden belauschten, würde es gewiß nicht fehlen.

Juliane sprach Alles aus, was ich schon im Stillen selbst beobachtete. Sie sagte: Mit einigen wenigen Ausnahmen sind wir in diesem Hause alle mehr oder weniger in unsern Gedanken zerstreut. Zwanzig bis dreißig Menschen in einer solchen Function, wie die unsrige ist, zu vereinigen, dazu gehört der strengste Ordenszwang, die ganze auch nach Innen umgestaltende äußere Regel eines festen Gelübdes. In einer kleinen Anstalt, wo vier, fünf Frauen und Mädchen die äußere Sorge für die Leidenden übernehmen wollen, werden wir uns in dieser überwiegend doch immer noch freien Form, (alles Unfreie an unserm Stande ist und bleibt drückend) ganz gut behaupten können. Allein in so großem Umfange, wie wir hier zu wirken haben und wie wir hier eine Genossenschaft bilden, entsprechen wir unserem Zwecke nicht. Wo eine Vorsteherin uns plötzlich verlassen kann, weil sie Braut wird, da sind nach allen Seiten hin die Thü-178ren geöffnet. Es liegt in der freien Gelegenheit, austreten zu dürfen, an für sich kein Unglück. Im Gegentheil sogar, es liegt darin eine Ermunterung zum heitern Erfassen unsrer Aufgabe. Geschähe aber nur auf der andern Seite nicht wieder soviel, um uns den Schein zu geben, als verbände uns eine ewige Entsagung! Denn wie soll ich anders jene nachdrückliche Religionsübung nennen, die eine Demuth voraussetzt, die nun einmal Wenige von uns haben und die das andre Mal unsern opfermuthigen Aufschwung doch mehr hemmt als fördert?

Ich entgegnete: Juliane, die Religion, richtig erfaßt, ist die einzige Ermuthigung für uns, schwere Pflichten zu üben. Trennt sie uns nicht von dem Gewöhnlichen? Führt sie uns nicht auf ein stilles Bezirk einer besondern Beziehung zum Erdenleben, die wir im Geräusche der Welt nie fühlen können? Hat nicht das Vorbild des Heilands und der durch Spott und Gefahren hindurchgehenden Jünger einen mächtigen Reiz für die Nachahmung? Und thut es nicht wohl, sich so ganz allein zu wissen mit Gott, mit seinen höchsten Offenbarungen, mit dem Endzweck aller Schöpfung, unter den großen Zeugen der Geschichte, den Märtyrern und Helden unsres Glaubens in irgend 179 einem auch an uns gekommenen seltenen und schwierigen Lebensberuf?

Juliane erwiederte, auch Schwester Elisabeth wäre dieses Glaubens gewesen, jene Diakonissin, die hier die ersten Einrichtungen gemacht hätte und die ich im Düsselthal am Rheine vor ihrer Abreise hierher in meinen jungen Jahren gekannt habe. Schwester Elisabeth ist todt, sagte sie mit Rührung und zeigte in der Ferne auf den Friedhof, wo sie begraben liegt. Um ihretwillen trat ich in diese Anstalt, sagte sie. Ihr hatt’ ich einst Dank zu bringen für mein größtes Glück und von ihr wollt’ ich mir einst Trost holen für mein größtes Unglück …

Juliane schwieg eine Weile und fuhr dann fort: Aber sehen Sie nur um sich, ob Sie überall die Demuth einer Elisabeth wiederfinden! Die war sanft und gütig, die hatte den ächten Frauensinn, der nicht leiden sehen kann, ohne gleich helfen zu wollen. Welche kalte, ich möchte sagen, schulmäßige Begeisterung ist ihr gefolgt? Weil man wußte, daß das neue Institut von Oben beschützt wurde, drängten sich die Töchter der Beamten herbei und schon mancher Assessor ist befördert worden, weil er hier eine Schwester hat. Der Geist, der bei uns im öffentlichen Leben der herr-180schende ist, ist krank, so gesund er sich glaubt. Man weiß nicht, was man alles noch erfinden und aufbringen soll, nur um dem ewigen Echorufe aller Unternehmungen auszuweichen: Sie ist auf Sand gebaut.

Der Glockenschlag Zehn rief uns zu den Pflichten der Nachtwache.

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181 Ich habe einen Besuch versäumt, der mich sehr glücklich gemacht hätte. Der holländische Major war hier. Er will, sagte er zu Julianen, die ihn empfing, bald nach Java zurückkehren. Ich hatte so schwere Kranke, daß ich nicht abgerufen werden konnte. Es scheint, der Major hat Julianen nach meinem Befinden mit besonderem Interesse gefragt. Diese schien von ihm vernommen zu haben, daß mich Erfahrungen, die er kennt, in diese Räume führten. Er will wiederkommen –

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182 Der Major war wieder da und ich wieder nicht zugegen. Juliane rühmt seine Theilnahme, sein warmes Herz. Er hat ihr von seinen reichen Nichten erzählt, Beide sind verheirathet, die Eine an einen reichen jungen Erben, Doktor Specht, die geistreiche Fadheit selbst, einen Schwätzer, der mit dem Aufwand seltener Kenntnisse ewig nur nichts zu sagen weiß und unser Zeitalter im Großen und Ganzen als das der Epigonen verurtheilt. Ich mußte schon am Rhein über ihn lachen, als Wisthaler, sein jetziger Schwiegervater, ihn mit sich genommen hatte. Alles, was die Gegenwart hervorbringt, verwirft er und würde sich doch selbst jeden Augenblick anheischig machen, ein zweiter Lessing (von dem er behauptet, daß seine Kritik allein dem Zeitalter Noth thäte) zu werden, wenn er nur, wie er hinzuzusetzen nicht unterließ, mehr Zeit hätte. Der zweite Schwiegersohn ist ein Architekt, Baurath Maiduft. Ein junger Mann, der alle die Kirchen besucht, wo die Geheimräthe Stühle mit ihren angeschlagenen Namen besitzen. Man wird ihm einige bedeutende Regierungsbauten anvertrauen, falls er 183 nicht jetzt im Besitz einer reichen Frau vorzieht, die Maske fallen zu lassen und Italiens und Griechenlands epheuumwachsene Tempeltrümmer zu studiren. Freydank hat auch endlich Ottilien heimgeführt. Ich sollte der Hochzeit beiwohnen und konnte nicht gut. Die Erinnerungen würden zu schmerzlich gewesen sein. Ottilie ist immer freundlich, aber vom ewigen Nichtsthun so in Anspruch genommen, daß sie flüchtiger erscheint, als sie ist. Sie wird sich in ihrer Ehe vielleicht mehr langweilen, als einst in ihrem Wittwenstande, wo sie sich mit ihren Seufzern unterhielt, wenn sie vom Vergnügen ermüdet war. Wie viel Frauen giebt es doch, die das Gähnen ihrer Magennerven für das Gefühl der Leere unverstandener Sehnsucht halten! Ein sogenanntes Unglück muß für sie immer nur deßhalb da sein, um die Erschöpfungspausen ihres Glückes auszufüllen.

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184 Ich begreife Julianen nicht. Sie hat etwas vor, was ich nicht wissen soll. Sie erhielt einen Brief, den ich in Empfang nahm und bei dessen Uebergabe sie erröthete. Dennoch ist sie freundlicher und hingebender denn je. Ich liebe sie nun wie eine Schwester. Sie ist älter als ich und scheint doch jünger, das macht, weil sie klein, lebhaft und ohne irgend etwas Auffallendes in ihren Gesichtszügen ist, ihre schwarzen Augen ausgenommen. Wie ich jemals vor ihr konnte Besorgniß hegen, begreif’ ich nur dann, wenn sie die Schärfe ihres Verstandes zeigt. Sie kann dann eine Bitterkeit verrathen, die sich allerdings nicht mehr darum kümmert, ob sie verwundet. Und doch vermag sie wieder so lieb und sanft zu sein und so gütig. Schon vor Wochen flüsterte sie mir halblachend, halb mit Thränen und mit unnachahmlicher Liebenswürdigkeit zu: Mein ganzer Haß und Trotz kommt nur daher, weil ich ein ganz unaussprechliches Bedürfniß habe zu lieben und geliebt zu sein und ich mich so gern wie ein Lamm schmiegen und ergeben möchte.

Was Juliane einst gelitten und was sie hieher 185 geführt hat, weiß ich jetzt. Sie ist die Tochter eines armen Schulrektors in einer kleinen Stadt, bildete sich selbst zur Lehrerin in dem kleinen Orte und in dem Wirkungskreise ihres Vaters. Ein junger Mann, mit dem sie aufgewachsen war und der sie liebte, besuchte die hiesige Universität. Er erkrankte und wurde zur Heilung in unsre Anstalt gebracht. Schwester Elisabeth lebte damals noch, die Gute, Fromme und Sanfte. Des jungen Mannes Zustand war gefahrvoll, noch ehe Juliane davon erfuhr. Als sie ihres Freundes Schicksal in Erfahrung brachte, erhielt sie auch von Schwester Elisabeth schon die Mittheilung, daß er auf dem Wege der Besserung wäre und sie sich nicht beunruhigen solle. Sie vertraute dem milden und entschiedenen Worte der Pflegerin, die das Vertrauen ihres Freundes gewonnen hatte. Als dieser selbst genesen war, konnte er in seinen Briefen nicht genug die treue Obhut Elisabeths rühmen. Diese selbst schrieb ihr noch öfter, auch als ihr Freund schon die Anstalt verlassen hatte. Da starb ihr Vater, sie verlor mit ihm den Freund, Berather, Lehrer und auch die Stelle, an der sie ihn unterstützt hatte. Juliane zeigte dem fernen Freunde an, sie würde in die Hauptstadt ziehen, um sich der gesetzlichen Prüfung der 186 Lehrerinnen zu unterwerfen und in ihrem Fache eine andre Stelle zu suchen. Sie erhielt keine Antwort. Sie fürchtete eine neue Erkrankung und schrieb an Elisabeth. Diese antwortete umgehend, sie würde sich nach dem Freunde erkundigen. Dann aber blieb auch von ihr die nähere Kunde aus. Juliane, in steigender Angst, verläßt die Vaterstadt und eilt noch in Trauer in die Residenz. Sie kam zu einem Feste an, auf welchem sich ihr Geliebter eben mit der Tochter eines Mannes, der seine Carriere fördern konnte, verlobte. Getäuscht, betrogen, ja mit Kälte zurückgewiesen, wankte sie hierher ins Friedenthal und fragte nach Schwester Elisabeth. Diese mit dem ihr eigenen sanften Ton begrüßte sie mit dem einfachen aber seelenvollen Worte, das ihre Nichtantwort entschuldigen sollte: Was ließ sich da sagen! Juliane glaubte keine Stätte zu finden, wo es ihr wohler sein könnte als in Elisabeths Nähe. Trotzdem, daß man ihr wegen eines eben ausgebrochenen ansteckenden Nervenfiebers anrieth, zu gehen, wollte sie bleiben. Sie blieb wie ich als Novize. Das Nervenfieber raffte drei Schwestern hinweg, auch Elisabeth. Juliane drückte ihr die Augen zu, blieb und blieb und sorgt immer noch für die Blumen auf Elisabeths Grabe. Sie hat sich ihre An-187sicht über das Institut gebildet, dem sie angehört, will es aber nicht verlassen. Ihre Selbstbeherrschung und die Mischung von Wahrheit und Klugheit in ihr ist wunderbar.

Juliane weiß, wie ähnlich mein Loos dem ihrigen ist. Ich konnte nicht widersprechen, als sie sagte: Wie ganz anders, wie groß, wie edel steht Wolmar da! Es ist eine andre Natur, als die meines bemitleidenswerthen – Sie nannte zu meinem Erstaunen einen Namen, den wir seit einiger Zeit – täglich hörten, einen Mann, den wir jetzt – täglich sehen. Zu den Prüfungen der Seelenstärke Julianens gehört, daß sie in Begegnungen mit einem Manne lebt, der einst ihr Herz gebrochen.

Wolmar! Darf ich Dich ihm vergleichen? Du bist größer!

Dein gedenken? Namenloses Empfinden – und doch immer nur Deine Gestalt, nur Du, nur Du! Dein Ich! in voller Wesenheit, während ich längst nur noch mein vergangenes Leben für eine verhallende Melodie nehme! Wo weilst Du? Wo breitest Du wohl jetzt die Schwinge Deiner edlen Seele?

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188 Ich bin überrascht von einem Vorhaben Julianens.

Es findet zuweilen statt, daß Schwestern des Hauses zum Krankendienst in Privathäusern erbeten werden. Juliane hat sich eben dazu eine Erlaubniß erwirkt und ich muß annehmen, daß es ein Freund des Majors ist, zu dem man sie bescheidet. Da sie zu dem Ende ganz außer dem Hause wohnen wird, nahm sie von mir auf einige Tage Abschied. Sie war bewegter als mit der Möglichkeit übereinstimmte, die ich doch behalte, sie an dem Orte, wo sie helfen will, zu besuchen. Sie küßte mich voll Innigkeit und der Major, den ich endlich nun auch gesprochen, sagte sonderbar, gleichsam wie mit einem Trost für mich: Es wird Alles gut werden.

So allein zu sein, wie jetzt, bin ich kaum noch gewohnt –

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189 Der Tag rückt näher, wo ich mich zu entscheiden habe, ob ich dauernd in diesem Verhältnisse bleiben will. Fast glaub’ ich, daß ich zusagen werde, trotz meiner Abneigung, die für die äußern Formen dieses Liebesdienstes bei mir eine immer empfindlichere ist. Ich bin nun sechs Monate hier. Der Spätherbst kündigt sich schon in der Nähe unsres großen Pallastes durch Regen und Sturm an. Vom Blätterfall sehen wir nichts, da wir mit unsern Kranken hier recht wie auf der Haide wohnen. Doch giebt es noch schöne Tage.

Juliane ist schon eine Woche fort. Es bekümmert mich, daß ich sie bei einem Besuch nicht sprechen konnte. Der Kranke, den sie zu pflegen hat, wohnt an einem entgegengesetzten Thore. Eine Nummer war bezeichnet worden, die ich auch an dem schönen vergoldeten Gitter einer reizenden Villa fand. Ich klingelte. Es währte lange bis Jemand mir zu öffnen kam. Als ich nach Julianen fragte, hieß es, sie wäre hier, aber für Niemanden zu sprechen. Melden Sie mich nur! sagt’ ich. Ich wartete. Eine Bank unter schon sich 190 entlaubenden Gebüschen lud an der Pforte zur Ruhe ein. Die Villa lag hinterwärts wohl einige hundert Schritte entfernt. Die Dienerin kam nach einer längern Weile zurück und meldete: Fräulein Juliane würde ehestens selbst nach dem Friedenthal kommen, sie dürfe hier Niemanden, auch mich nicht empfangen. Ich fragte nach dem Bewohner der Villa und seinem Leiden? Man wich aus. Ich sah wohl, daß es sich um jenen Zustand handelt, den mitfühlender Antheil nicht gern auszusprechen pflegt. Juliane hütet einen Geisteskranken. Ich ließ ihr die innigsten Grüße sagen und ging.

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191 Vom Rheine hatt’ ich eine freudige Ueberraschung. Guntram, der Freund meines Vaters, der Theilnehmer unsres Glückes und Trost in unsrem Sturze, der jetzige Verwalter meines neugewonnenen Vermögens, dessen Zinsen ich nicht verbrauchen kann, ist hier. Wie hab’ ich an seinem Anblick mich erquickt! Er kennt alles, was ich habe durchleben und durchkämpfen müssen. Er kennt die Namen der Personen, mit denen ich hier in flüchtige und innigere Begegnung kam. Er kennt sogar Julianen. Ich schrieb ihm wohl von ihr.

Juliane hat aber nicht Wort gehalten. Ich erwartete ihren Besuch und sie kommt nicht. Wohl mag ihr Pflegling Sorge und Obhut verlangen. Wie man sich doch gewöhnt, die Leiden der Menschen schon nur noch wie statistisch zu vernehmen! Ein Geisteskranker! Wer ist es? frägt man schon nicht mehr. Saal III. Bett No. 7 . . . . ob darin ein Vater liegt, der sich nach seinen Kindern sehnt, eine Mutter, ein Sohn, eine Tochter, ein Einheimischer, ein Fremder … Alles das tritt zurück; wir kennen nur, daß er leidet. Schwe-192ster Adelheid will, daß wir nur auf die Vorschriften des Arztes hören sollen und keine andere Neugier verrathen, als die nach dem geistlichen Zustand des Kranken. Schärfer denn je nimmt sie das Gebet und das Vorlesen aus der Bibel. Man sagt, sie hoffe Vorsteherin zu werden. Aber im Vertrauen auch flüstert man sich zu, aus einer andern Anstalt würde uns eine junge Dame von Adel vorgesetzt werden. Ist sie sanft und gut, so soll sie uns willkommener sein als Schwester Adelheid, die Niemand liebt. Ich gönnte diesen Ehrenplatz unserm jungen Provisor, der Schwester Apothekerin. Die würde aus der Anstalt nur ein Krankenhaus allein machen und die Begeisterung für die Wissenschaft allen andern Prinzipien des Diakonissenwesens vorziehen. Wie kann sich doch mein Geschlecht bewähren, wenn man ihm Vertrauen schenkt! Schwester Wilhelmine thut es einem Chemiker gleich. Sie arbeitet von Morgens bis in die Nacht, liest und experimentirt. Und brächte sie auch nichts zu Stande als Gerstenzucker und Hustenleder (das sie jedoch nur denen heimlich steckt, die sie lieb hat), so hat es doch eine Art und erfreut jedesmal, wenn man ihr zusieht.

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193 Andre wissen früher, wen Juliane pflegt, als ich. Es soll ein Arzt sein, der im Berufe seiner Wissenschaft erkrankte und in Folge des Typhus –

Ich werde unterbrochen. Zwei Herren wollen mich sprechen. Ich frage um die Namen …

Es sind Freydank und der Major – – –

194 VIII.#

Ruhig! Ruhig! sprach eine männliche feste Stimme zu einem jungen Mädchen, das in stürmischer Hast aus einem Wagen stieg und einem Gefährten die Hand gereicht hatte, der schon vorher hinausgesprungen war. Die Hand zitterte. Beide Männer unterstützten ihre Begleiterin, die jedoch erklärte, volle Kraft zu besitzen, nur möchte man eilen, eilen. Ihr Fuß schritt den Andern voraus, raschelnd in dem welken Herbstlaub, das auf einer Allee vor den Thoren der Stadt schon in Massen sich aufgeschichtet hatte.

Der Wagen, ein elegantes geschlossenes Coupé, rollte langsam dem Thore zu. Er wartete offenbar auf die Wiederkehr der Ausgestiegenen.

Was hilft es? sagte der Jüngere der Männer, den ein heller Ueberwurf einhüllte, wir können ihn nicht sehen, wir dürfen es nicht. Kommen Sie in den Wagen zurück! Wir fahren in die Stadt zu meiner Frau, die uns erwartet.

195 Und das Alles ist mir verschwiegen worden! Das durfte geschehen ohne mein Wissen! Die Nächsten, die um mich lebten, konnten schweigen – rief die Aufgeregte.

Weil Sie, liebe Freundin, wurde sie unterbrochen, die Früchte unserer Bemühungen ernten und nicht zittern sollten vor jeder Gefahr, die unsre Hoffnungen zu zerstören drohte. Ihren Willen, das Haus nur einmal zu sehen, wollen wir Ihnen thun. Lenken wir hier ein!

Es war um die Mittagszeit und in der entblätterten Allee ziemlich einsam. Die Sonne, die ihren höchsten Stand nicht mehr erreichte, schien doch noch freundlich und entsandte milde, sommerlich goldne Strahlen. Ein kleiner Seitenweg führte um den Garten herum, in dessen Innern die Villa lag, die Constanze schon einmal hatte besuchen wollen. Sie war die von Freydank und Hartlaub begleitete junge Dame.

Ihn nicht zu sehen, wiederholte Constanze leidenschaftlich, ihm nicht helfen, nicht dienen können wie eine Magd! Juliane, warum darfst Du, Du an der Stelle stehen, die nur mir gebührt!

Weil Sie, sagte der Major, dem Schmerze er-196liegen würden, in ein Auge zu blicken, das Sie nicht erkennt! Weil jedes zu frühe Wiedereintreten in den Lebenskreis des Unglücklichen, der hier verweilt, den Zauber zerstören könnte, den wir von diesem Wiedersehen hoffen dürfen! Wenn irgend eine Macht die Binde des Wahns von diesen Augen lösen kann, so sind Sie es! Aber der Augenblick muß günstig sein, die Gelegenheit vorbereitet, die Bemühungen Ihrer Freundin, die mit ausdauernder Hingebung schon zehn Tage ihn pflegt und hütet, müssen den Weg zum Lichte schon gebahnt haben.

Freydank wiederholte, indem sie um den Garten herumschritten und Constanze rathlos und nur mit starren Augen das Gitter der schönen und weitläuftigen Besitzung, die Ottilien von Emmen gehörte, die Büsche, die Bäume, das mit herabgelassenen Jalousieen verdunkelte Haus anblickte, ausführlicher die Mittheilungen, die er Constanzen schon im Friedenthal und unterwegs im Wagen gemacht hatte.

Die ersten Nachrichten, sprach er, die wir von Wolmar damals empfingen, als er plötzlich nach jener Provinz abreiste, kamen uns durch die Zeitungen. Der wunderliche Mensch, der sich aus den Armen des Glückes losriß, die sich nach ihm ausstreckten, weil er 197 zu stolz war, dem Mädchen, das er liebte, gegenüber zu erröthen! Wolmar wurde oft unter den Aerzten genannt, denen die unglückliche Bevölkerung jener Gebirgsgegend nicht genug danken konnte. Allen Gefahren war er voran, allen Schwierigkeiten setzte er einen Heroismus entgegen, der die Regierung auch zu einer öffentlichen Belobigung veranlaßte. Ich schrieb ihm, wie Sie denken können, nicht ohne Vorwürfe. Er antwortete umgehend, kurz, aber herzlich. Sein Beruf schien ihm jetzt über Alles zu gehen. So verstrichen Monde. Die Seuche ist im Abnehmen, fast ganz besiegt, Vorbaue gegen ihre Wiederkehr sind getroffen, da kommt uns die Nachricht zu, Wolmar wäre erkrankt, erkrankt an demselben Uebel, das er so heldenmüthig bekämpft hatte. Freund Hartlaub kam grade von einer Reise nach dem Haag zurück und übernahm zu unser Aller Dank (Ottilie und ich waren eben im Begriff, uns zu verheirathen) die Reise zu dem armen Freunde, dem wir uns zu widmen verpflichtet waren.

Ich fand ihn, fuhr Hartlaub sich selbst das Wort nehmend, fort, in einem armseligen Dorfe. Der Unglückliche lag so schwer darnieder, daß man nicht wagen konnte, ihn in die nächste Stadt zu transportiren. Die ärztlichen Vorschriften aber wurden 198 aus der Stadt ertheilt. Ein armseliges Wirthshaus, ein kleines Zimmer, Unbequemlichkeit überall war die Lage, in der ich Wolmar wieder fand. Er erkannte mich nicht. Der Typhus hatte ihn in seiner ganzen Wildheit erfaßt. Besinnungslos lag Wolmar mit geöffneten Augen in dumpfem Brüten, gefoltert von Vorstellungen, die sein Hirn beängstigten. In lichteren Augenblicken sprach er in abgerissenen, krampfhaft hervorgestoßenen Worten Wünsche aus, die Niemand erfüllen konnte. Meist glaubte er sich auf dem Meere, gleichsam als wenn dennoch meine Gegenwart ein Leiter seiner Vorstellungen war und diese sich geltend machten ohne von ihm selbst erst gebildet zu werden. Wenn ich je nach Beweisen hätte suchen mögen, daß sich in der menschlichen Seele gleichsam Vorräthe von Thatsachen und Vorstellungen bilden, die ein selbstständiges, nach eigner Geltendmachung ringendes Leben haben, unabhängig von dem sie ans Tageslicht des Bewußtseins hervorrufenden geistigklaren Willen, so fand ich ihn hier. Und noch jetzt ist Wolmars Zustand fast derselbe.

O mein Gott, fahren Sie fort! unterbrach Constanze. Sie zwang die Männer, sich trotz der Jahreszeit auf eine Bank niederzulassen. Es war, obgleich 199 sie wieder des Wagens ansichtig geworden waren, der ihrer harrte, Constanzen unmöglich, sich schon von dem Orte zu trennen, wo ihr Freund ein so unglückliches Dasein ertragen sollte.

Die Krankheit wich von dem Armen, fuhr Hartlaub fort. Die Krisen traten regelmäßig ein, gesunder Schlaf, Appetit kehrten zurück und mit gebleichtem Haare, das zur Hälfte sich gelichtet hatte, mit blassem Antlitz durfte Wolmar sich zuletzt von seinem Lager erheben und kleine Ausgänge versuchen. Ich besorgte seine Uebersiedelung in die Stadt, die ganz nach Wunsch erfolgte. Eine freundliche Gartenwohnung wurde gefunden, die jede Bequemlichkeit bot. Menschen, die schon in seine nächste Bekanntschaft und Freundschaft vorher eingetreten waren, fanden sich genug, um mein Gewissen zu erleichtern, als ich ihn jetzt ihrer Obhut überließ und eine Reise nach Wien antrat.

Hat er Sie denn gar nicht wieder erkannt? fragte Constanze, die über den Heilverlauf des Typhus Erfahrungen zu haben schien.

Zuweilen! sagte der Major; wenn auch nicht mit allen Beziehungen, die sich an mich knüpften. Die Vorsicht rieth natürlich an, ihn mit Erinnerungen an 200 die Vergangenheit nicht zu bestürmen. Ich reiste ab mit dem wärmsten Danke, den er mir mit Klarheit aussprach. Ich nahm ihm das Versprechen ab, bald zu uns nach der Hauptstadt zurückzukehren. Hier endlich vor wenig Wochen selbst wieder angekommen, mußte ich von der Ferne her die Trauerbotschaft vernehmen, daß die Folgen des Typhus Wolmars Geist verdunkelt, die Klarheit seiner Vorstellungen so getrübt hätten, daß auf eine an Freydank hierher gelangte genauere Beschreibung dieses Zustandes dieser einen Beauftragten absandte, um Wolmar, wenn irgend möglich, hierher zu führen.

Ich rechnete darauf, ergänzte Freydank, daß die Pflege und Obhut der Freunde mehr zu Stande bringen würde, als der Dienst gemietheter Wärter. Die Nachrichten, die man mir geschrieben, bestätigte der Augenschein. Wolmar kam in einem bemitleidenswerthen Zustande an. Er ist weder in einem Wahne befangen noch in einem Zustande bedenklicher Aufregung, nur die unternehmende Kraft des Geistes ist gelähmt, der Wille muthlos, das Gedächtniß umflort. Meinem energischen Gruße stand er mit vollem Bewußtsein Rede. Ich glaubte vernünftig zu handeln, als ich ihn sogleich mit hieher auf diese Villa nahm, 201 wo Ottilie leider zufällig eine kleine Gesellschaft versammelt hatte. Er gab sich dieser gegenüber künstlich eine gewisse Festigkeit, trotzte sich eine Kraft ab, die er nicht besaß; ich hielt diese Kraft für natürlich und glaubte, ein unbefangenes Einführen gleich unter Menschen, von denen er den größeren Theil kannte, würde seinen Trübsinn am ehesten zerstreuen. Alles begrüßte ihn voll Herzlichkeit, er erwiederte auch, Ottilien aber musterte er schon befremdeter und als die Fragen zunahmen, die Eindrücke sich zu bunt durcheinander drängten, entsetzte uns Alle die plötzliche Verkehrtheit seiner Antworten. Er schien sein Versehen selbst zu bemerken, verwirrte sich immer mehr, brach zuletzt in ein helles Lachen aus und als Alles entsetzt entfloh, hatt’ ich ihn in meinen Armen weinend und mit dem ihm selbst völlig klaren Ausrufe: Ich bin verloren.

Selbst weinend unterbrach Constanze: Sie hatten unvorsichtig gehandelt.

Auch die Aerzte sagten’s, fuhr Freydank fort. Meine Methode war wieder einmal falsch. Einsame Pflege, stille Sammlung, Ruhe und allmälige Gewöhnung an ein Wiedererkennen der Menschen und der Dinge war die Methode, die uns vorgeschrieben wurde. 202 Wolmar blieb auf dieser Villa. Ich zwang ihn dazu. Es handelte sich nun um seine Pflege. Wir dachten an Sie, Constanze. Doch diese Gefahr der Erregung schien zu groß. Inzwischen kam der Major und entwarf einen andern Heilungsplan.

Ich hatte Sie im Friedenthal besuchen wollen, sagte der Major. Ich wollte Sie vorbereiten auf das unglückliche Schicksal Ihres Freundes. Ich traf Sie nicht. Ihre Freundin Juliane aber, die mich empfing, flößte mir Vertrauen ein. Ihre Menschenkenntniß und Erfahrung, die Bestimmtheit ihrer Antworten, die treffenden Ansichten, die sie von ähnlichen Erscheinungen am Krankenlager aussprach, ermuthigte mich, sie zur Vertrauten meines Anliegens zu machen und sie ist es, liebe Constanze, die einen Weg der Heilung einzuschlagen gerathen hat, der nach näherer Kenntnißnahme der Umstände von allen Aerzten gebilligt wird.

Constanze sprach leise: Welcher ist das? … Wenn es neben dem innigsten Danke, neben der süßesten Hoffnung noch möglich ist, auf den, der hier das Gute vollenden wollte, einen leisen Anflug der Eifersucht zu empfinden, so drückten Constanzens leuchtende und aufmerksamgespannte Augen dies Gemisch von 203 Gefühlen aus. Fast tonlos wiederholte sie: Welcher Weg ist das?

Hartlaub berichtete, daß Wolmars einziges Leiden die Schwäche seiner Erinnerung wäre. Seine Vergangenheit wäre ihm eine verschüttete. Nur einzelne Momente tauchten zuweilen in ihm auf und erfüllten ihn so mit Wehmuth, daß er dem längern Verweilen an den stillen Plätzen seines Gedächtnisses nicht Stand hielte und rasch, um sich nur zu sammeln und aufzuraffen, an das Nächste ginge, das ihn grade beschäftigte, Lectüre, Studium, Zeichnungen, Ordnen von botanischen und mineralogischen Sammlungen, zu denen Hartlaub selbst seine eigenen von Java mitgebrachten Schätze beigesteuert hätte. Von Constanze wäre nie die Rede gewesen. Man hätte die schmerzlichste Wunde nicht berühren mögen. Fast hätte man annehmen müssen, auch die Erinnerung an sie wäre in seinem Geist verschüttet. Wie würde aber da, hätte Juliane geschlossen, sogleich der Anblick des Diakonissenkleides auf ihn wirken? Der Anblick einer Tracht, die ein Wesen trüge, das Constanze nicht wäre? Würde die Erinnerung da nicht müssen suchen, still für sich Kraft zu gewinnen? Würde sie sich nicht anheften müssen an das Kleine, um immer weiter und 204 weiter zum Großen zu gelangen? Und wenn dann zuletzt Einzelnes ihm vom alten Dasein entgegenträte, würden die Spuren sich nicht erkräftigen und mehren und würde nicht zuletzt Constanze selbst ihm erscheinen dürfen als die Königin des wiedererrungenen Bewußtseins, als Mnemosyne selbst, die Göttin des Gedächtnisses, die die Führerin der Musen ist? Sie, die ihm jetzt schon entgegentretend, allerdings seinen Zustand nur beklagenswerther verwirren müßte?

Darum, fiel Constanze freudig zustimmend ein, Guntrams Reise hierher? Guntram ist es, der dem Theuren, Geliebten auf mich und alle verlornen Hoffnungen zurückhelfen soll?

Die Antwort auf diese Vermuthung gab Guntram selbst. Alle drei waren aufgestanden und hatten den Garten umwandelnd eine Stelle erreicht, wo eine Thür konnte geöffnet werden. An dieser harrte Guntram, der des Wagens und bald auch der Freunde ansichtig geworden war. Der kleine Mann mit weißem Haare um Haupt und Kinn, gerötheten Wangen, klugen braunen Augen, behend trotz seines Alters, Kamaschen an den Füßen und fast Grau in Grau gekleidet, grüßte voll Herzlichkeit, schloß auf und erwiederte die Umarmung Constanzens, die ihm an die Brust sank, 205 mit väterlicher Herzinnigkeit. Man forschte nach Wolmars Befinden. Noch hab’ ich ihn nicht gesehen, sagte er, aber die Zeit wird nicht mehr fern sein. Fragen Sie da! Er zeigte auf ein weibliches Wesen, das in den Gängen erschien und schon in der Ferne mit einer Handbewegung Schweigen bedeutete.

Es war Juliane. Nach den ersten Ausbrüchen des Schmerzes und des Dankes am Herzen der Freundin antwortete diese auf Constanzens drängende Fragen: Wie gern möcht’ ich Euch Alle zu ihm führen! Doch läßt sich’s noch nicht wagen. Er ist in seinem Zimmer, liest, arbeitet an einem gelehrten Werke, das er herausgeben will. Ich las, was er niederschrieb. Es ist licht und klar. Nur der Gegenstand betrübt mich. Er schreibt über den Selbstmord.

Die Freunde erschraken.

Dennoch, fuhr Juliane fort, seh’ ich darin keine Gefahr, wenn man dem Gedankengange, der sich in ihm gebildet zu haben scheint, nur mit Aufmerksamkeit folgt. Er kennt seinen Zustand und grübelt über ihn –

Um Gotteswillen, warf Constanze ein, wenn ihn die Verzweiflung über sich selbst, Mitleid, Beschämung über sich selbst zu einem Schritte verleitete –

Sei ohne Sorge, entgegnete Juliane, die schon 206 seit einiger Zeit mit Constanze das schwesterliche Du tauschte. Ich bin nicht allein hier. Freydank gab uns Diener genug. Wir hüten und beobachten ihn auf allen Wegen. Laß ihm diese innere Versenkung! Er belauscht sich selbst, er sucht sich selbst und wenn er sich gefunden hat, wird er nichts Andres mehr suchen; er wird Alles haben; es wird ihm dann sein, als wenn nach einer Sonnenfinsterniß, die die Erde am hellen Tage wie in Mondlicht tauchte, die alte geliebte Mutter des Universums wieder die Erde übergießt mit ihrem reinsten goldenen Lichte.

Nach mancher Verabredung, mancher Verständigung trennte man sich. Constanze fuhr zunächst zu Ottilien, die Freunde und Guntram begleiteten sie auch später noch nach dem Friedenthal zurück.

Die Erwähnung des Selbstmords veranlaßte den Major zu Freydank zu sagen: Das ganze Leben geht doch wie im Zirkel! Immer wieder kommt das Ende in den Anfang zurück und was auch geschieht, was auch neu zu kommen scheint, immer ist es nur ein vergrößerter Schattenring von einem kleineren, der auch nur ein Schatten war. Vom Selbstmord gingen alle diese Verwickelungen aus und wieder sind sie bei ihm angelangt. Behüte der Himmel, daß sich 207 wiederholt, was ich schmerzlich genug schon einmal erlebte!

Was fürchten Sie? fragte Freydank und schloß mit einem scharfbetonten Lobe Julianens. Der Major erröthete. Der kluge Herzenskündiger im hellen Paletot hatte schon errathen, wie bewundernd und voll prüfenden Antheils das Herz des Majors ihm in diesem Lobe zustimmte.

208 IX.#

Und Guntram war es, der schon am nächsten Tage dem Unglücklichen entgegentreten durfte. Freydank bereitete das Wiedersehen vor. Er plauderte mit dem die Einsamkeit fast zu sehr liebgewinnenden Freunde, indem er neben ihm in dem dunklen Zimmer auf einem Fauteuil sich streckend seine Cigarre rauchte. Auf scherzende Art mischte Freydank Gegenwärtiges in Vergangenes, sprach von dem Doctor Specht, der unser Epigonenzeitalter nun leider auch selbst beweisen müsse, denn obgleich er vollkommen Zeit hätte, ein zweiter Lessing zu werden, hätte er sich doch auf dem Dache seines Hauses ein Atelier für die Anfertigung von Daguerreotypen bauen lassen, auf dem er von Morgens bis Abends in Hemdärmeln arbeite, um der Nachwelt die Physiognomieen seiner plötzlich nun doch ihm interessant gewordenen Zeitgenossen zu hinterlassen. Der Baurath Maiduft wende sein Malertalent dazu an, die Photographieen des Schwagers zu retouchiren. 209 Wolmar folgte allen diesen Plaudereien, folgte den Erinnerungen an die Universitätszeit, die Freydank mit Laune schilderte, eine Zeit, wo man sich über die Frage, ob Schiller oder Goethe mehr Jenaer Bier getrunken hätten, noch duelliren konnte. Was trat da nicht alles lebensvoll und frisch vor die umdüsterte Seele des armen Leidenden, der lächelnd zuhorchte und auch mancher Thatsache zunickte, die ihm wiederkehrte, wenn auch noch ohne den vollständigen Zusammenhang! Da wurde ihm ein Bekannter vom Rheine gemeldet, der ihn zu sprechen wünsche; Guntram, hieß es. Freydank beobachtete die Wirkung. Fast zu mechanisch gab Wolmar die Zusage, fast zu fremd war seine Wiederholung des Namens. Guntram trat ein. Das matte Licht erschwerte ihm die Orientirung. In einem sonst behaglichen kleinen Salon lagen Bücher und Schreibmaterialien wirr durcheinander und Wolmar selbst bot einen Anblick, der erschüttern mußte. Wie hatte ein Leiden des Körpers und der Seele den jungen blühenden Mann umgewandelt! Spärlich hingen an seinem Haupte die einst so vollen Locken, die Wange war gehöhlt, das Auge tief; weiß und mager waren die Hände und die Stimme war eine fast flüsternde vor Schwäche und Unbestimmtheit. 210 Freydank wußte nicht, ob er ein Gespräch begünstigen sollte, das unter keinen guten Vorzeichen zu beginnen schien. Die Art, wie Wolmar den Angemeldeten aufnahm, schien eine völlig befremdete. Guntram brachte das Anliegen seiner Gegend, ob nicht Wolmar in sie zurückkehren und dort sich wieder ansässig machen wollte: der Dr. Isegrimm wäre gestorben. Auch dieser Name schien wirkungslos an dem Leidenden vorüberzugehen und Freydank zog vor, Guntram auf ein Andresmal zu verweisen und für Wolmar zu antworten. Da erhob sich endlich Wolmar, trat voll Bewegung, eine Thräne im Auge, auf Guntram zu und sprach die Worte: Laß doch, Freydank! Ich und Herr Guntram, wir kennen uns Beide – sehr wohl! Der Ton dieser Worte kam aus tiefstem Herzen. Da Guntram sich nicht halten konnte, die dargereichte Hand des Leidenden ergriff, wagte Freydank beide allein zu lassen. Er empfahl sich; Guntram kam erst nach einer Stunde zurück, kam voll Freude, voll Jubel und Julianen, die draußen harrte, jede Hoffnung bestätigend. Was er mit Wolmar an Erinnerungen ausgetauscht hatte, konnte er nicht einmal Alles wiederholen. Hatte ihn doch Wolmar selbst erinnert an jenen verhängnißvollen Augenblick, wo Guntram einst ihn ab-211gerufen in einem Momente, der über sein Leben entscheiden sollte. Sie versprachen mir einst, hatte er zu Guntram gesagt, daß Sie mich über Ihre damalige Grausamkeit aufklären würden. „Daß Sie mir danken würden! sagte ich;“ hatte Guntram entgegnet und die Freude hatte ihn fortgerissen ein Geständniß zu machen über Dinge, die er zu verschweigen dem Andenken seines Freundes Artner fast verpflichtet war.

Guntram hatte gesagt: Doctor, ich wollte, daß Artner ein ehrlicher Mann blieb! Artner besaß ein zurückgelegtes Capital, das hier in der Residenz beim Notar von Emmen stand, ein Capital, das der Sicherheit wegen auf meinen Namen hier eingeschrieben stand. Diese Summe sollte Constanzen verbleiben, als ein sichres Heirathsgut selbst im Zusammenbruch der kaufmännischen Ehre ihres Vaters. Artner ahnte die hereinbrechende Katastrophe. Während eines Gastmahls, dem Sie damals in Anwesenheit Wisthalers beiwohnten, empfing er die untrüglichen Anzeigen seines bald entschiedenen Schicksals. Zitternd, in fiebernder Aufregung, suchte er sich zu beherrschen und nur Eines noch kümmerte ihn, Ihr Geständniß zu beschleunigen und das Glück seines Kindes zu sichern. Das Capital, das er auf meinen Namen besaß, 212 konnte seinen Bankerott noch mit Ehren aussprechen lassen. Das wollte er Ihnen und seiner Tochter sichern. Darum, Doctor, meine Unterbrechung eines Ihnen schon auf der Lippe schwebenden Geständnisses. Vor einem Verbrechen wollt’ ich Artnern bewahren, vor einem Verbrechen, das er an seiner kaufmännischen Ehre beging. Constanze erfuhr die geheime Veranstaltung des Vaters, ihr ein Heirathsgut auf den Fall Ihrer Werbung zu sichern. Sie schlug seine gütige Fürsorge mit heroischer Kraft aus und unvergeßlich werden mir ihre Worte bleiben, die sie damals sprach: Wenn ich dem Manne, der mich liebt, seiner Liebe nicht würdig scheine auch ohne den vergänglichen Glanz des Besitzes, dann soll meine Welt ein stiller Winkel der Erde sein, wo ich nur weiß, daß mein Vater geehrt und glücklich ist. Die Arme! Sie kannte die Lebensstellung eines jungen Arztes nicht.

Wie mächtig diese Aufklärung und Erinnerung Wolmarn ergriffen hatte, sah Guntram nicht sogleich im Augenblick. Wohl stand ein tiefes Denken auf Wolmars Stirne – das grausame Neck- und Versteckspiel des Schicksals seines Herzens trat ihm in voller Wesenheit wieder entgegen – wohl ergriff er Guntrams Hand und erwiederte der wiederholten 213 Aufforderung, an den Rhein zu ziehen, die bebenden Worte: Ich bin krank, krank, Guntram! … Aber die Freunde mußten die glücklichsten Hoffnungen schöpfen, als Wolmar wenige Minuten nach Guntrams Fortgang klingelte, voll Unruhe auszugehen wünschte, Julianen alle Entgegnungen abschnitt und nur nach Luft, Licht und Leben rief. Man mußte ihn gewähren lassen. Ein Diener folgte in einiger Entfernung. Wolmar durchrannte fast die Umgebungen der Stadt und kehrte gestärkt am Geiste, wenn auch schwerermüdet am Körper in seine Wohnung zurück, die er wie mit glücklichster Besinnung in ihrer Lage ganz von selbst auffand.

Tausendmal schwebte es ihm nun im Verlauf des Tages auf den Lippen, nach Constanzen zu fragen. Er hatte den Muth nicht, wie er ihn während seiner ganzen Krankheit nicht hatte. Denn grade vor ihr floh ja sein Geist; an sie wollte ja schon der Gesunde die Erinnerung begraben und dem Kranken stand doch diese Erinnerung allein noch nahe! Sie, sie war es, die das Bewußtsein alles Andern verdrängte. Erst als das Andre wich, glaubte Wolmar auch an sie nicht mehr. Jetzt wenigstens wußte er schon aufs Deutlichste wieder, daß sie im Friedenthal wirkte mit Julianen. Dennoch 214 konnte er sich noch nicht überwinden, nach ihr zu fragen … nach ihr, die ihm wie eine verlorne Melodie der Jugend war, wie ein Lied der Mutter, dessen einzelne Strophen sich immer deutlicher und deutlicher in uns an einander reihen, wenn wir den Schauplatz unserer Kindheit wiedersehen. Was aus den Nebeln seines Gedächtnisses heraustrat, war licht und wie Farben, die in der Sonne spielen. Die unendliche Ahnung, die unser Aller Herz erfüllt, von einem verlorenen Paradiese, von einem jenseitigen Dasein, das wir vielleicht schon auf einem andern Planeten durchlebten – ihm war sie kein Mährchen, keine plötzliche Offenbarung, wie sie uns nur kommt, wenn wir mitten in der Nacht manchmal glauben, den geheimnißvollen Pendel der Zeitenuhr hin- und hergehend zu vernehmen; ihm war diese vom Jenseits rückkehrende Welt Wirklichkeit, Wahrheit, seinen verlangenden Händen Stand haltende Wahrheit – ach, eine Vergangenheit, die in der ganzen Größe ja auch des Schmerzes, der sie abschloß, vor seinem geistigen Auge schon oft wieder gestanden hatte.

Und so sitzt er denn eines Tages in der Morgenstunde an seinem Arbeitstisch. Er hatte trotz innerer Aufregung eine erquickende Nacht gehabt. Sein Zimmer 215 hatte er sich heller gemacht, als sonst, die Unordnung, die sonst darin herrschen mußte, wenn man ihn nicht erzürnen wollte, hatte er selbst beseitigt: ein lichterer Geist schien über ihn gekommen.

Wolmar sitzt, will schreiben und liest, liest, was geschrieben schon vor ihm liegt. Es sind seine früheren Ausarbeitungen über das Thema, das ihn beschäftigte, den Selbstmord. Er schüttelt den Kopf über den Satz: „Die Juristen verurtheilen den Selbstmord nicht. Die alten Römer straften ihn nur, weil er vor der Schlacht Feigheit verbergen konnte.“ – „Feigheit?“ spricht er vor sich hin und gedenkt einer Vorstellung, die er früher hegte. „Ist, sagt er fast laut, ist es Muth, wirklicher Muth, mit dem Bewußtsein leben zu können, daß man wahnsinnig ist?“ Er blättert weiter. Alle diese Ausführungen kommen ihm jetzt so fremdartig vor. Er blickt voll Wehmuth.

Da geht die Thüre auf. Er sieht nicht um sich. Er weiß schon, es ist Juliane, seine treue Pflegerin. Er kennt ja das Kleid, das sie trägt. Er hat mit ihr schon so oft gesprochen von Schwester Elisabeth, die auch er am Rhein gekannt hatte. Er erwiedert den guten Morgen, der ihm leise geboten wird, und erfreut die Hörerin mit der Bemerkung, daß sie ihm zu viel der 216 Sorge widme, sie wäre bei schwereren Kranken wichtiger, er fühle sich besser, er hoffe mit der gewöhnlichen Umgebung, die ihm Freydank zu Gebote stelle, auszukommen.

Keine Antwort erfolgt. Er liest weiter. Er hört das Aufräumen um ihn her.

Oeffnen Sie doch das Fenster! spricht er. Die Luft ist so erfrischend.

Octoberluft? war die leise Antwort. Sie dürfte Ihnen nicht wohlthun.

Er schweigt und liest weiter.

„Selbstmord“ lautet sein Geschriebenes, „ist Wahnsinn. Und was ist Wahnsinn? Das ewige Drängen der Natur, consequent zu bleiben. Selbst die kranke Natur sucht consequent zu sein; daher die Methode in ihrem Irren. Ein Geisteskranker ward es oft erst dadurch, daß er das halbe Bewußtsein, das ihm eine physische Krankheit zurückließ, zu schnell schon wieder mit dem Leben, das er noch nicht ertragen, mit der Luft, die er noch nicht athmen konnte, mit den Zerstreuungen der Bewegung, die er noch nicht zu unterscheiden verstand, vermitteln wollte. Sein Wahn ist die Consequenz seiner Vorstellungen, die er mit Aengstlichkeit und ohne Ueberlegung suchte.“

217 Wolmar hält inne und übersieht, wie viel davon auf ihn selbst paßt. Er will sich zerstreuen, steht auf, geht ans Fenster, setzt sich ans Piano und sucht eine Melodie.

Kennen Sie nicht die Melodie, Fräulein, „Mein Herz ist am Rheine, am heimischen Strand“? fragt er.

Er sieht sich nicht um. Er hört eine Stimme, die mit zitterndem Anschlag den Anfang des Liedes intonirt. Die Stimme ist so lieblich, so zum Herzen sprechend. Erschüttert hört sie mitten im Gesange auf.

Wolmar schlägt die Tasten an und spielt die Melodie nach.

Was ist Ihnen? sagt er, als die Sängerin abbricht, ohne sich umzusehen. Sind Sie nicht wohl?

Ich bin wohl – ist die Erwiederung, die ihn befremden mußte; denn von Thränen schien das Wort erstickt zu sein.

Wolmar blickt auf. Er sieht die Gestalt seiner Pflegerin abgewandt. Es ist die Diakonissentracht, die sie trägt –

Indem fällt ihm auf, daß die Gestalt seiner Pflegerin heute schlanker und größer scheint –

Ist das Schwester Juliane? sagt er sich und springt vom Piano auf.

Die Pflegerin will gehen. Sie hat die Thür 218 in der Hand. Eine Bewegung, die sie zu machen hatte, zeigt jetzt ihr Antlitz. Wolmar stößt einen Ruf des Schreckens, der Freude aus. Es ist ja Constanze, die er sieht, Constanze, und Sehen und Erkennen und Staunen und Bekennen seiner Liebe – was kann die in Eins strömenden Empfindungen von einander trennen?

Er stürzt auf sie zu, er ergreift ihre Hand, er bedeckt sie mit seinen Küssen, er spricht Betheuerungen der Liebe, die Jahrelang auf seinen Lippen geschwebt hatten; er weiß im Augenblicke wahrlich nicht, was ihn einst konnte gehindert haben, sie auszusprechen, er sagt nur, was er fühlt, er sagt nur, was er sagen muß, und weinend vor Glück und Seligkeit liegt Wolmar fast vor Constanzen auf den Knieen und Constanze schon längst an seinem Herzen.

Die Freunde waren in der Nähe. Sie hatten mit pochendem Herzen den Folgen dieses Wiedersehens gelauscht. Freydanks scherzender Einwurf: Vergissest Du, daß Constanze ein Vermögen hat? Hartlaubs Anzeige, daß die Regierung dem jungen Arzte, der sich so heldenmüthig bewährte, ein Physikat am Rheine antrage, Ottiliens innigste Glückwünsche, alles verlor sich im Antheil am Glück der Liebenden und Worte, regel-219mäßige Verständigungen kamen erst bei der Spannung der Frage, die Guntram an Constanzen richtete, ob sie denn wirklich da ihr selbstangehörend das Kleid der Demuth in dem Augenblick angelegt hätte, wo sie jetzt nur die Farben des Stolzes, die rauschenden Gewänder des Glückes tragen sollte?

Constanze erwiederte: Wir haben im Friedenthal eine Hochzeit. Die Gräfin Ampfing stand im weißen Kleide und dem Myrtenkranz in der Kirche des Krankenhauses und empfing die Weihe des kirchlichen Segens. Warum sollt’ ich da nicht sagen:

O laßt mich scheinen, bis ich werde,
Zieht mir das dunkle Kleid nicht aus –

ich will es tragen bis ich seinen Zauber erprobt habe. Gewinn’ ich den geliebten Freund zurück, so gönnt mir, dem Beispiele meiner Oberin zu folgen! Was können wir dafür, daß wir in diesem Berufe noch die Fäden hinübernehmen dürfen, die uns ans Leben binden? Ziehen die so mächtig zurück, wie das Wiedersehen eines Mannes, den wir lieben, wer kann widerstehen? Ich wollte Diakonissin werden, aber ich bleibe dann nur unter Euch, wenn ich die Religion habe, daß ich unglücklich bin und bei den Leidenden die Kraft meiner Erhebung suche.

220 Constanze war glücklich, war dem Freunde verbunden, der alle Bedenken seiner früheren Werbung dem seligsten Augenblicke opfern mußte; ob arm, ob reich, das hatte er zu bedenken vergessen; nur Constanzens Auge war im Augenblick seine Welt; zu ihm blickte er auf, als er sie an sein Herz zog. Von ihm strömte ihm auch Trost und Genesung zu; sein Strahl wollte für ihn wachen, wollte ihm leuchten, bis er selbst die volle Kraft seiner Jugend wiedergewann.

Er gewann sie. Constanze verweilte nur noch einige Wochen in dem ihr unheimlich gewordenen Friedenthal, dem sie aus tiefster Seele einen andern Geist, den Geist der reinen Menschenliebe und Humanität, wünschen mußte, bis Wolmars Angelegenheiten, seine Anstellung, seine Uebersiedelung in die zweite Heimath am Rheine geordnet war. Auch ihr war es, als wenn sie genas von einer schweren Krankheit. Freydank hatte nur halb Recht, sie die Krankheit der Schwärmerei zu nennen. Sie war mehr als nur einem Wahne der Zeit gefolgt und dem Friedenthal dankte sie gern, daß sie Julianen und mit ihr Wolmarn wiederfand. Sie schlug eben wie immer ihr Herz nicht an, das sie dorthin geführt hatte, und 221 besiegt und versöhnt, schrieb Freydank ihr zum Abschied in ihr Album:

Dem reinen Sinne
Wird selbst ein Wahn noch zum Gewinne.

Und gibt es ein schöneres Loos, als von einem glücklichen Leben zu sagen: Du hast es Dir selbst errungen! Hoffnung, Furcht, Entsagung, neue Freude, neue Täuschung, alle Abwechslungen unseres Erdenlooses hatten zwei edle Herzen bald in lichte Höhen geführt, bald in dunkle Abgründe gestürzt. Und nun hielt Eine Hand fest die Andere, Ein Herz schlug hörbar dicht dem Andern, Eine Welt wurde das feste Geäst und das grüne Laub Eines und desselben Stammes von Willenskraft und Ueberzeugung. Wie lieblich ein solcher junger Ehebund, wo zwei schon geprüfte Herzen sich vereinigen! Jeder giebt, jeder nimmt. Der Mann senkt das gewaltige Schwert seiner Kraft zur Erde vor der wie in Märchen ihm entgegengehaltenen Zauberblume weiblicher Huld, deren Duft ihn oft berauscht bis zum kindlich gebundenen Gewährenlassen und zur Unterwerfung unter die mildere Einsicht. Die Gattin aber wird umweht von den Winden, die durch die Welt des Mannes brausen, wird zur Seherin in flatterndem Gewande, ja legt sich den Harnisch 222 männlicher Entschließungen an und steht der Lüge des Lebens gegenüber, wie die gewappnete Tochter des Zeus. So sich ergänzend, so Einer durch die Umarmung des Andern riesig emporwachsend standen Wolmar und Constanze inmitten vieler Liebe und Verehrung, die doch selbst in einer auf das innere Leben der mit uns Athmenden so wenig achtenden Welt, wie die unserige jetzt ist, solchen Menschen nicht fehlen können.

Aber auch Juliane verließ das immer mehr und mehr dem modischen Religionston verfallende, an sich so ehrenwerthe Friedenthal. Die Reise zu ihrem Glück ging weiter als nur bis zum Rheine. Sie ging über Länder und Meere bis zu jener Zauberinsel, wo einst eine stille Tropennacht den ersten Anfang der hier geschilderten Verwickelungen barg. Julianens muthiger, geprüfter, tiefverständiger Sinn wird Hartlaubs langes Harren auf das Glück der Ehe lohnen, und kehrt sie einst aus dem Land eines ewigen Frühlings, wo ihr tapfrer Gatte sie in Liebe hütet, wieder zurück (sie wollte nicht dem Beispiele der Schwester ihres Gatten folgen, sondern selbst die wenigen Jahre noch mit ausharren, die zu seiner vollendeten Dienstzeit fehlten), so 223 wird sie allein das Glück der Freunde vollenden, denn diese genießen keine Freude, gestehen sich nie das Verdienst zu, eine genießen zu dürfen, ohne nicht auch dankerfüllt und voll Sehnsucht zu gedenken ihrer Lieben im Lande der Palmen.

Apparat#

Bearbeitung: Stephan Landshuter, Zürich#

 

1. Textüberlieferung #

1.1. Handschriften#
1.1.1. Übersicht#

Es sind keine handschriftlichen Überlieferungsträger bekannt.

 

1.2. Drucke#

Der kleine Roman Die Diakonissin liegt zu Lebzeiten Gutzkows in zwei voneinander abweichenden Druckfassungen (E, A2) vor. Für die Ausgabe letzter Hand nahm Gutzkow zahlreiche stilistische Glättungen vor und behob einige Druckfehler. Die Exemplare der Erstausgabe von 1855, die uns vorliegen, weisen allesamt eine nicht geringe Zahl an ausgefallenen Lettern auf. Es konnte nicht ermittelt werden, zu welchem Zeitpunkt des Druckprozesses diese Lettern ausfielen. Womöglich waren sie schon zu Beginn des Drucks nicht vorhanden. Die folgenden Angaben beziehen sich auf Wolfgang Rasch: Bibliographie Karl Gutzkow (1829-1880). Bielefeld: Aisthesis-Verlag, 1998. Bd. 1, S. 65 und 114:

 

E    Die Diakonissin. Ein Lebensbild. Frankfurt/M.: Literarische Anstalt, 1855. (Rasch 2.31)

A2  Die Diakonissin. In: Gesammelte Werke. Erste vollständige Gesammt-Ausgabe. Erste Serie, Bd. 3. (Kleine Romane und Erzählungen. Zweiter Theil.) Jena: Costenoble, [1873]. S. 329-443. (Rasch 1.5.3.7)

 

2. Textdarbietung#

2.1. Edierter Text#

E. Der Text folgt in Orthographie und Interpunktion unverändert dem Erstdruck. Textsperrungen werden übernommen. Silbentrennstriche (=) werden durch - wiedergegeben. Die Seitenzählung wird mit eckigen Klammern [ ] an den betreffenden Stellen in den Text eingefügt.

Die Liste der Texteingriffe nennt die von den Herausgebern berichtigten Druckfehler sowie die Emendationen. Fehlende oder überzählige Spatien im Erstdruck wurden stillschweigend korrigiert.

Die Seiten- und Zeilenangaben im Apparat beziehen sich auf die Druckausgabe des Bandes: Die Diakonissin. Hg. von Stephan Landshuter. Münster: Oktober Verlag, 2014. (= Gutzkows Werke und Briefe. Abt. I: Erzählerische Werke, Bd. 10).

 

2.1.1. Texteingriffe#

10,15 nennen? … nennen? . . (ausgefallener Punkt am Zeilenende)

18,23 unbedeutendsten unbedeutensten

24,5 herausforderndem herausfordendem

28,30 meinen meiner

29,3 Hart-[43]laub. Er Hart-[43]laub Er (ausgefallener Punkt)

30,9 Compagnons, frü-[45]her Compagnons frü-[45]her

31,17 Erschütterung Erschütternng

50,18 aufpaßt aufgepaßt

50,26 vielleicht vielleich (ausgefallene Letter am Zeilenende)

54,26 hingehauchten hingegehauchten

56,1 waren war

69,19 eines Bankerottirers eine Bankerottirers

74,4 reichsten Maaße reichsten, Maaße

77,5 dadurch, daß dadurch daß (ausgefallenes Komma am Zeilenende)

78,1 Kämmerchen Kämmercheu

80,16 Auffassungen der Zeit Auffassungen Zeit

82,19 die beiden bie beiden

82,20 riß rieß

85,5 Wolmar Wom ar

98,5 unterstützen sie. Der unterstützen sie Der (ausgefallener Punkt am Zeilenende)

123,15 Kommen Komm n (ausgefallene Letter im Wortinneren)

130,14-15 Behüte der Himmel, daß sich [207] wiederholt Behüte der Himmel, daß sich [207] kommen. Behüte der Himmel, daß sich wiederholt (Satzfehler beim Seitenumbruch, emendiert nach A2)

 

Problemstellen ohne Emendationen

 

An zwei Stellen entschied sich der Herausgeber, nicht in den Text einzugreifen, obwohl dies auf den ersten Blick naheliegend erscheint:

 

20,17 sobald (möglicherweise intendierte Kontraktion)

111,23 an für sich (möglicherweise Nachbildung mündlicher Rede)

 

Kommentar#

Der wissenschaftliche Apparat wird hier zu einem späteren Zeitpunkt veröffentlicht.

 

Stellenerläuterungen#