Der Zauberer von Rom. Achtes Buch#

Metadaten#

Herausgeber
  1. Kurt Jauslin
  2. Stephan Landshuter
  3. Wolfgang Rasch
Fassung
1.2: TEI-Auszeichnung
Letzte Bearbeitung
04.10.2021

Text#

Achtes Buch.#

3 1.#

Mühsam windet sich ein mit fünf Rossen bespannter Reisewagen die Höhen eines kahlen Gebirges hinan …

Die Straße ist es, die von Nizza über den Col de Tende nach dem Piemont führt …

Kreidige Felsen, Reste vulkanischer Zerstörungen, heben sich schimmerndhell vom tiefblauen Himmel … Die Vegetation wird immer lebloser, je näher dem höchsten Kamm der vom mächtigen Rückgrat der Schweizer- und Savoyer- sich abzweigenden Seealpen … Noch jetzt, noch am Ende des Juni, liegt Schnee in einzelnen versteckten Spalten, die ein schneidend scharfer Wind bestreicht …

Zeitig waren die Passagiere von Sospello aufgebrochen … Sie hatten Vorspann nehmen müssen … Bald verließen sie den Wagen, um den Pferden die Last zu erleichtern … Drei Frauen, die rüstig zuschritten, schienen an Anstrengungen gewöhnt … Ein Kind, das bald ermüdete, ließ man wieder einsitzen … Die beiden Männer schritten anfangs mit wetteifernder Ausdauer …

4 Bald aber ermüdete auch von ihnen der eine … Ein heftiger Husten zwang ihn oft, still zu stehen … Nun machten ihm die übrigen Vorwürfe über die Anstrengungen, die er sich zumuthete … Er lächelte eine Weile, schüttelte den Kopf, deutete an, es würde gehen … Zuletzt zwang man ihn, in den Wagen zu steigen … In einen grauen Leibrock mit Metallknöpfen gekleidet, schien er ein Diener zu sein – ein weißes Staubhemd darüber flatterte im Winde …

Im Wagen nahm er das etwa dreijährige Kind, ein heiteres, schwarzäugiges Mädchen, auf den Schooß … Eine der Frauen – man hätte sie für die Zofe der beiden andern Damen halten dürfen – ging im ärgsten Staube neben dem Schlage des Wagens und reichte zuweilen die Hand hinauf, die der Kranke dann mit Liebe drückte, während gleichzeitig ein sanfter Blick seines Auges auf die Frauen deutete, die seine Begleiterin nicht aus dem Auge verlieren sollte …

Jene aber nahmen die kürzeren Wege und kletterten wie die Ziegen, die in Schaaren auf den kahlen Höhen die wenigen Stellen suchten, wo die Vegetation von ihren üppigsten Entfaltungen, die die Reisenden noch gestern begleitet hatten, in letzten Kräutern und Grashalmen erstarb … Gestern noch Oliven, Gärten voll Orangen, Gebüsche von Myrten und hier und da die einsam träumende Dattelpalme; noch in Sospello die nächsten Anhöhen bewaldet von Kastanien – jetzt aber schon seit einer Wanderung von zwei Stunden nichts als niedriges Buschwerk und selbst die Alpenflora durch die große Trockenheit des Bodens gehindert … Hier und 5 da leuchtete wol das schöne Himmelblau der Genzianen …

Die beiden Frauen, in breitrandigen, am Kinn befestigten „Nizzahüten“, deren Strohgeflecht fest genug ist, um von den jeweiligen Windstößen nicht bald diese, bald jene Gestalt zu gewinnen, sammeln dem Kinde, der kleinen Erdmuthe, was sie allenfalls an blauen, auch hier und da noch weißen und rosenrothen Blumen entdecken können …

Die Alpenrose findet sich hier nicht, sagte die ältere und kleinere Dame; sie muß doch mehr Schnee und Eis haben, um fortzukommen …

Vielleicht jenseits – auf dem niedergehenden Abhang – entgegnete die jüngere und nickte vertröstend der Kleinen zu, die verlangend von der Straße her aus dem Wagen ihr Händchen streckte, an ihrem hastigen Begehren durch den Fahrenden gehindert, der sie auf seinem Schooße schaukelte …

Der Arme! Wie er hustet! seufzte die ältere der Frauen mit Hindeutung auf den Mann im weißen Staubhemd … Sie fügte hinzu: Er hätte gar nicht aussteigen sollen …

Auch die Nähe eines Kranken kann bald zur Gewöhnung werden … Selbst ein hoffnungsloser Zustand wird zuletzt mit Ergebung in die einmal nicht zu ändernde Lebensordnung seiner Umgebungen hingenommen …

Auf den schottischen Hochgebirgen fand ich, wie hier am Mittelmeer, nahm die jüngere mit Beziehung auf die fehlende Alpenrose wieder die frühere Aeußerung auf, ganz die gleichen Blumen … Dieselben Formen haben 6 sie, dieselben Farben … Auch die langen Wurzeln, mit denen sie sich festklammern müssen, um den Stürmen zu trotzen … Die Stiele sind immer kurz … Keine wagt sich zu sehr über den schützenden Boden hinaus … Und siehe da! Die kleinen Sternblümchen schon verwelkt! … Alles wie in Schottland … Ein kurzer schöner Frühling – kein Sommer – gleich der Winter …

Die Mutter, die wir an ihren grauen Locken als Monika von Hülleshoven erkennen, war schon an sich bewegt vor Erwartung des Ziels dieser Wanderung … Noch heute konnte sie hoffen, endlich nach langer, langer Trennung die greise, dem Tod nahe Gräfin Erdmuthe von Salem-Camphausen auf Castellungo zu sehen, die Pathe da der kleinen Erdmuthe Hedemann … Mehr als zehn Jahre nach den Tagen damals in der Residenz des nun auch schon zu seinen Vätern versammelten Kirchenfürsten, als die Gräfin so fest darauf gerechnet hatte, ihre geliebte Monika würde schon den nächsten Frühling in Castellungo zubringen … Was war nicht alles dazwischengekommen, bis sie die edle Greisin endlich auf ihrem schönen italienischen Schlosse wiedersah … Nun ergriff sie noch Armgart’s Wort: „Ein kurzer Frühling – ohne Sommer – gleich der Winter!“ … Auf wen wol paßte die Vergleichung mit dem Leben der Alpenblumen mehr, als auf sie, die jetzt – achtundzwanzigjährige – unvermählte Armgart! … Sie hatte sich mit den Jahren dem Vater da, der, um sich etwas zu verschnaufen, mit einem Ziegenhirten plaudert, nachgebildet, war in Wuchs gekommen und ein hochaufgeschossenes, schlankes Fräulein geworden, wofür sie nie Aussicht gegeben … 7 Um so zarter und behender waren ihre Glieder geblieben … Der Kopf unter dem Strohhut war wol jetzt vom Steigen rosig erglüht; sonst aber sah ihr Antlitz bei weitem blasser aus, als in ihrer Jugend und als noch jetzt die Mutter aussieht, die an ihrer apfelgleichen Frische und Rüstigkeit nichts eingebüßt hat … Jenes ihr eigene halbe Lächeln mit den beiden schimmernd weißen Vorderzähnen hatte Armgart behalten, aber es gab ihr jetzt eher etwas Strenges; ihre schönen Augen waren ernst und fast ein wenig starr geworden … Eine Jungfrau, die mit ihren Hoffnungen abschließt, macht schmerzhafte Krisen der Seele durch …

Im übrigen würde Monika, die immer die Gegenwart und die nächste Pflicht im Auge behielt, kaum so in Rührung gekommen sein über diese Vergleichung … Noch in Sospello, wo sie den Berg taxirte und dem Posthalter, der drei Pferde Vorspann begehrte, eines als einen Misbrauch abgehandelt hatte, war sie wie immer laut und entschlossen gesprächsam gewesen …

Jetzt lag das Jenseits des hohen Kulms geheimnißvoll vorm Auge … Nun konnte sie nur mit Wehmuth auf die da und dort sich sorglos bückende Armgart sehen – konnte sich nur sagen: Arme Alpenblume auch du! Auch du hattest einen schönen Mai- und Wonnemond, dann sogleich den Herbst und vielleicht – den ewigen Winter! …

Armgart aber rief jetzt lachend:

Fühlt ihr nun, daß der Col de Tende sich sehen lassen kann? … Ich sagt’ es ja gleich nach allem, was ich in Nizza erzählen hörte … Den Gipfel er-8reichen wir noch vor drei Stunden nicht … Seht ihr auch da oben noch das Haus? … Da füttert der Postillon noch eine Stunde und auch wir werden ohne Collation nicht fortkommen …

Armgart schien die Ruhe und Ergebung selbst geworden zu sein … Sie war selbst um Paula und ihre liebe alte Gräfin, ihr ketzerisches „Großmütterchen“, nicht aufgeregt, die auch sie seit zehn Jahren nicht gesehen hatte und dort – jenseits der kahlen Höhe morgen, eine Sterbende, finden sollte! … Paula! Sogar von ihrer geliebtesten Freundin hatte das Leben und die bewegte Zeit sie fast im Geist verdrängen können … Zu den bitteren Kämpfen, die sie alle und zumal ihre Familie seit zehn Jahren durchgemacht, gehörte ein wehmüthiger, wenn auch unausgesprochener Zwiespalt Armgart’s mit Paula, hervorgerufen durch die so mannichfache Verschiedenheit der Meinungen und Ueberzeugungen … Nächster Anlaß dieser Reise war keinesweges allein das dringende Bedürfniß, sich endlich wiederzusehen, sondern mehr noch der zufällige Umstand, daß Hedemann, der sich in einer bewegten Zeit dem Wohl des Obersten von Hülleshoven geopfert hatte, heftig an der Brust erkrankt war, Genf, wo der Oberst mit den Seinigen seit den letzten Jahren gewohnt hatte, erst mit Nizza vertauschte und dann in der Heimat seiner Porzia für immer zurückbleiben – vielleicht dort sterben wollte … Die Aerzte hatten ihn aufgegeben … Doch die Auflösung eines so kraftvoll gebauten Körpers ließ einen langen Kampf erwarten …

Ulrich von Hülleshoven, dessen Locken nun auch schon 9 ergraut sind, schreitet schon wieder wacker voraus … Seit Jahren begleitete ihn auf solchen und ähnlichen Wanderungen immer derselbe mächtige Alpenstab … Er kehrte diesen jetzt um, hielt das Ende mit der eisernen Spitze oben und streckte den Griff seiner Frau und Tochter zu mit der scherzenden Aufforderung, sich festzuklammern, er wollte sie hinaufziehen … Aber Armgart stemmte im Gegentheil beide Hände an seinen Rücken, um ihm hinaufzuhelfen … Vorwärts! Vorwärts! rief sie und ihre Kraft gab ihr das Zeugniß noch der Jugend …

Porzia unterhielt sich indessen mit dem Postillon über ihre endlich wieder begrüßte Heimat, in der sie die Aeltern nicht, die in Deutschland waren, nicht die alten Seidenwürmerkammern ihrer mütterlichen Hütte fand, aber die Pathin ihres Kindes, die edle Gräfin, die sie einst nach England mitgenommen hatte … Die kleine Erdmuthe plauderte bald deutsch, bald italienisch … Da sie so viel vom Sterben hörte, fragte sie, ob es von hier in den Himmel ginge …

Das war nun alles so, wie es war und nicht anders sein konnte … Darum brannte die Sonne so drückend wie nur in jedem Juni, pfiff ein scharfer, der Hitze widersprechender Wind aus Nordost herüber – hüpften die Ziegen, zankten die Hirten, grüßten die über den Berg gekommenen Fuhrleute, die in zweirädrigen, maulthierbespannten Karren den guten Wein von Coni und Robillante nach diesseits führten, und – zankte auch wol Monika, die, als der Postillon am Wirthshaus wirklich hielt und die Locandiera auf die Bestellung einer Collazione lauerte, sagte:

10 Das muß man den Leuten ganz abgewöhnen, den Reisenden ihren freien Willen rauben zu wollen … In Italien soll man nur immer den Muth haben, in jeder Lage Ja! oder Nein! zu sagen …

Sie ließ der kleinen Erdmuthe nur Milch geben …

Mutter, entgegnete Armgart, milde lächelnd, dies Haus ist in der Voraussetzung gebaut worden, daß man hier nach Eiern und Schinken, nach Wein und vielleicht selbst nach einem kalten Huhn frägt … Es zu bauen hat Mühe gekostet … Die Galerie da, die Thüren, die Verschläge sind von Holz und Holz wächst hier nicht … Unser Leben ist ja eine einzige große Verschwörung der verbündeten Menschheit gegen den Schöpfer, der uns vieles doch so gar, gar schwer gemacht hat, besonders die Existenz … Muß denn nun immer alles so regelrecht gehen? … Wenn es nach mir ginge, ich kehrte in jedem Wirthshause ein – ich bestelle auch hier Schinken, Eier und Wein …

Das waren nun so die kleinen Intermezzis des gemeinschaftlichen Reisens, wo sich die gegenseitigen Stellungen ergaben … Der Oberst ging gern auf den Ton seiner Tochter ein, der ihm sympathisch war, wenn er auch wol sich hütete, die Mutter in solchen Fällen ganz Unrecht behalten zu lassen …

Der kleine Imbiß wurde bestellt … Am öde und einsam gelegenen Wirthshause wurde es mit der Zeit ganz lebhaft … Die Weinfuhrleute richteten an den abgestiegenen und sich ganz, als wäre er gesund und nur ein Diener, benehmenden Hedemann die Frage, ob 11 sie denn auch Neuigkeiten aus der Welt mitbrächten und vor allem von Rom Entscheidendes über die Belagerung der ewigen Stadt durch die Franzosen …

Armgart trat über diese Fragen zur Seite und Monika wußte, warum sie es that … Nun bestellte die Mutter selbst noch mehr, als Armgart gewollt hatte …

Auch der Oberst verstand Armgart’s Beiseitetreten, seufzte und bedeutete Hedemann, der den Fuhrleuten in gebrochenem Italienisch kurz erzählte, was er wußte, daß er sich dem scharfen Winde nicht aussetzen und sogleich ins Zimmer treten sollte …

Hedemann erwiderte mit einer Stimme, die seine alte Kraft und Männlichkeit nicht mehr erkennen ließ, daß ihm wohl wäre … Auf dieser luftreinen Höhe, unter dem blauen Dach des Himmels hatten aus dem Munde eines rettungslos Dahinsiechenden die Worte der Ergebung einen doppelt wehmüthigen Nachdruck …

Nach einer Rast von mehr als einer Stunde erklommen die Gefährten neugestärkt die Spitze des nun immer noch kahler werdenden Passes … Wie glich ihr mühsames Aufwärtsschreiten den Kämpfen ihres eigenen Lebens selbst, denen erst jetzt eine etwas glücklichere Ruhe gefolgt war! …

Aber Muth! leuchtete aus dem Auge Monika’s, Hoffnung! aus dem Auge Armgart’s …

Des Vaters kräftige Hand half jetzt den Klimmenden nach und mancher Scherz über die Possirlichkeiten der Kleinen erheiterte die Stimmung, trotz Porzia’s Trauer, trotz Hedemann’s wiederholtem: Die Gräfin ruht wol schon 12 in Gottes Schooß! trotz aller der Mischungen von Freude und Schmerz, die ihnen die Nennung der Namen Paula’s, des Grafen Hugo und des jetzigen Erzbischofs von Coni, Bonaventura von Asselyn, bereiten durften.

13 2.#

Das waren denn jene muthigen Menschen, die einige Jahre hindurch, schon vor Paula’s Vermählung, mit einer Stadt wie Witoborn, mit einer Landschaft wie die um Kloster Himmelpfort und weit hinaus in die Ebene hin, einen geistigen Kampf zu beginnen gewagt hatten, in dem sie auf alle Fälle unterliegen mußten …

Sie waren nur Sieger über sich selbst geworden oder trugen, wie Hedemann sich ausdrückte, das Sterben des Herrn am eigenen Leibe, auf daß an ihnen auch das Leben des Herrn offenbar würde …

Der Oberst hatte sein kleines Vermögen, auch fremdes, auf die Anlage einer Papierfabrik verwandt … Gerade deshalb, weil in jener Gegend diese Industrie brach lag, hatte er geglaubt, die Wasserkraft der Witobach und die schon vorhandenen Mühlenwerke für eine solche Unternehmung nutzen zu können … Die Kapitalien wurden vom Onkel Dechanten, sogar zuletzt vom Onkel Levinus dargeboten, letztere allerdings nur von Paula entlehnt – vor dem mächtigen Blick und der bündigen Rede Monika’s verstummte auf Schloß Westerhof jeder 14 Widerspruch … Lenkte doch auch sie die so wünschenswerth gewordene friedliche Ausgleichung mit der jüngeren Linie der Camphausen in einer so entschiedenen Weise, daß überall die nächsten äußerlichen Sorgen schwanden … Endlich hatte auch der Oberst magnetische Gewalt über Paula … Unentbehrlich war er ihr geworden in jenen Zeiten, wo sich in Paula’s Herzen die schmerzlichsten Kämpfe vollzogen, Kämpfe, die ihren Körper zu zerstören drohten – ihr Wachschlummer, ihre Visionen, die sonst lindernd auf sie gewirkt hatten, traten nach und nach zurück …

Der Oberst mußte seiner Pensionsansprüche wegen dann auf kurze Zeit eine Reise nach England machen … Um Paula’s Leiden kehrte er zeitiger heim, als er im Interesse Armgart’s wünschen konnte … Diese hatte er mitgenommen, da sie trotz der Aussöhnung ihrer Aeltern, trotz der Befreiung von Terschka’s Werbungen ein tief in sich verschüchtertes Leben darbot und in ihrem Stift Heiligenkreuz um so weniger sich heimisch fühlte, als Armgart, wie Lucinde, zu jenen Naturen gehörte, die selten die Anerkennung der Frauen gewinnen … Was sie that, wurde wenigstens in ihrer Heimat abenteuerlich gefunden; was sich an ihren Namen knüpfte, wurde ihr zur Ungunst gedeutet … Sie hatte, sagte man, Benno von Asselyn, Thiebold de Jonge, vielleicht selbst Terschka „auf dem Gewissen“ … Die Scheu der katholischen Rechtgläubigkeit vor allem, was den Nimbus ihrer Kirche gefährden konnte, verhinderte, daß man um Witoborn offen von Terschka, als von einem „Jesuiten der kurzen Robe“ sprach, von einem Proselyten dann, 15 der Glauben und Gelübde in London gewechselt … Die Aufregung der Gegend um die Vorgänge auf Westerhof, um den Brand, um die Urkunde, den vielleicht erneuerten Proceß, das mögliche Auftreten und Erstarken lutherischer Elemente in dortiger Gegend wurde so groß, daß Armgart den Vater auch ganz gern begleitete … Er ließ sie zurück bei Gräfin Erdmuthe, die bei Lady Elliot theils in der Stadt, theils auf dem Lande wohnte …

Armgart wurde allmählich den Töchtern der Lady unentbehrlich; sie hatte in der Gesellschaft Erfolge, die die Aeltern nicht stören mochten … Selbst die Nähe Terschka’s beunruhigte sie nicht … Ihr Vater hatte ihn in London wiedergesehen, hatte seinen Muth, mit den Jesuiten zu brechen, bewundert und vermittelte eine Verständigung des Flüchtlings mit dem Grafen Hugo … Letztere gelang äußerlich, zumal da der Graf durch Terschka die Aufforderung erhielt, der beim Brand von Westerhof gefundenen Urkunde entschieden zu mistrauen und unerschrocken wieder aufs neue den Proceß zu beginnen … Als man Terschka’s Einfluß auf diese von Wien verlautenden Drohungen erfuhr, wollten ihn zwar auf Schloß Westerhof Tante Benigna und Onkel Levinus als einen unverbesserlichen Sohn der Hölle darstellen, Monika aber fand sein Benehmen in der Ordnung und erklärte, daß sie an des Grafen und Terschka’s Stelle ebenso handeln, vor allem Lucinden in Wien, den Mönch Hubertus in Rom, den Doctor Nück in der Residenz des Kirchenfürsten vernehmen, ja verhaften lassen würde … Als dann Bonaventura, nach Lucindens Beichte zu Maria-Schnee in Wien, dies große Aergerniß von einer der 16 ersten Familien Deutschlands abgewandt hatte, als Graf Hugo plötzlich auf Westerhof erschien und Paula nach dem ausdrücklich und wunderbarerweise von Robillante gekommenen Zeugniß Bonaventura’s: Dieser Mann darf dir gehören und du ihm! jetzt willenlos geworden, ja durch Bonaventura’s plötzliche Verpflanzung auf einen Boden, auf den sie ihm gebührenderweise – als Gattin des Grafen – sogar folgen durfte, überwältigt, ja davon wie berauscht, nachgegeben hatte, gewannen der Oberst und Monika eine mächtige Anlehnung auch an den von ihnen immer empfohlenen Grafen … Dieser schätzte und verehrte schon lange die ehemalige Bewohnerin des Klosters der Hospitaliterinnen in Wien … Paula selbst fand er dann unter dem magnetischen Rapport des Obersten … Sein eigenes beklommenes, tief verdüstertes, erst durch jenen mit Bonaventura auf Schloß Salem hingebrachten „Einen Tag“ dem Leben wiedergewonnenes Gemüth schloß sich zuletzt besonders innig dem frischen, lebendigen Sinn der Bewohner Witoborns, den „Papiermüllers“ an, wie Oberst Hülleshoven und die Seinen spottend von der ganzen Provinz und den adeligen Genossen genannt wurden …

Und anfangs machten sich die Verhältnisse ganz nach Wunsch … Monika’s Rath war für die irrend hin- und hertastende Schwester Benigna, für den vom Erscheinen des Grafen Hugo um alle Fassung gebrachten Levinus unerlaßlich … Paula’s Aufregung mußte freilich die Freunde und Verwandte mit Schrecken erfüllen … Sie schlief zwei Wochen lang nicht eine Nacht und sprach und that dabei doch alles, was man verlangte, ordnete ihre 17 Ausstattung, wobei sie selbst wie eine Magd angriff, der ein höheres Geheiß geworden … Wenn alles erstaunte: „Der Domkapitular ist Bischof in Italien!“ – wenn man lächelte: „Bischof in dem Sprengel, wo die Güter der künftigen jungen Gräfin Salem-Camphausen liegen!“, so hörte und sah Paula nichts von Alledem … Graf Hugo wurde ihr in der That noch der liebste von all den Menschen, die es außer Bonaventura und Armgart in der Welt gab – war er nicht der Bote, der Bevollmächtigte Bonaventura’s – war er nicht zart und rücksichtsvoll in seinem Benehmen …? Paula war scheinbar so lebensmuthig geworden, daß sie selbst dem Trostworte Monika’s nachdenken konnte: „Un mariage de raison! Le comte renoncera à tout droit de possession –!“ … Freilich hörte sie nicht, was Monika zur Schwester Benigna hinzusetzte: Muß man französisch sagen, was uns nicht erröthen lassen soll! … Sie hörte das Schmollen nicht über die Unnatur des katholischen Priesterstandes, über die Unnatur des Lebens der höhern Stände überhaupt … Doch allerdings erklärte Monika, hier keinen andern Weg zu wissen, als den „eurer üblichen Convenienz“ – … Die Familienzweige der Dorstes durften nicht auseinander gehen …

Niemand unterstützte diese Wendungen mehr, als Bonaventura’s Mutter, die Präsidentin von Wittekind-Neuhof … Ihr war es fast, als könnten nur so die düstren Schleier gewahrt bleiben, die sich inzwischen schon theilweise von Angiolinen, von Benno und von der Herzogin von Amarillas gelüftet hatten … Wenn Graf Hugo fand, daß gerade er es „nicht um Benno und Bonaven-18tura von Asselyn verdient“ hätte, auf Schloß Neuhof so scheu empfangen zu werden, so gab seine „lutherische Religion“ einen Entschuldigungsgrund für eine Scheu, eben in ihm den Pflegevater, den Geliebten Angiolinens zu sehen … Durfte man doch die Besorgniß hegen, ihn wol gar von dem flüchtigen Terschka über alles unterrichtet zu wissen, was damals in jener von Löb Seligmann belauschten Verhandlung zur Sprache gekommen war … Die kluge Präsidentin wollte ihren Gatten, den „Büreaukraten“, wie er um Witoborn hieß, mit dem Geist der Provinz versöhnen und nahm sogar an den Exercitien der ab- und zugehenden, seltsamerweise dem Schloß Westerhof entschieden feindlichgesinnt bleibenden Frau von Sicking Theil …

Schon war Paula, opferfreudig und nunmehr in ihrem katholischen Sinn heilig überzeugt, daß sie gerade durch ihre Heirath dem Abgott ihrer Seele, einem Priester, noch eine Glorie des Himmels mehr gäbe – ihrem Gatten nach Wien gefolgt, als man immer anregendere und überraschendere Mittheilungen aus England erhielt … Terschka spielte in London eine glänzende Rolle … Auch dort standen ihm fördernd seine geselligen Talente zur Seite … Sein Bruch mit dem katholischen Glauben, seine Flucht vor den Jesuiten, zu deren Orden er gehört hatte, sein Anschluß an Giuseppe Mazzini, den italienischen Agitator, und dessen Freunde, alles das gab ihm selbst in den Kreisen der englischen Aristokratie einen Nimbus … Armgart begegnete ihm in den hohen Kreisen, in denen sie lebte … Freilich sah sie in ihm ihrerseits nur das Abbild jener düstern Tage, wo sie 19 geglaubt hatte, sie müßte sich dem ungewissesten Schicksal opfern, um nur ihre Mutter vor einer Verirrung zu bewahren, die die Aussöhnung mit dem Vater unmöglich machte … Aber ihre ganze Verachtung vor dem innerlich hohlen, nur gesellschaftlich verwendbaren Mann durfte sie ihm nicht ausdrücken, da die Aeltern selbst zu viel auf seine gegenwärtige Gesinnungsänderung hielten, die Gräfin Erdmuthe ihm verziehen hatte, Lady Elliot ihm eine Stellung über allen Makel gab …

Die Briefe, die in Witoborn bei dem „Obersten Papiermüller“ ankamen, brachten immer überraschendere Mittheilungen … Um Terschka fingen an sich Gerüchte zu verbreiten, als spielte er eine doppelte Rolle … Er hätte nicht aufgehört das zu sein, was er war … Ganz übereinstimmend mit jener vom alten Zickeles in Wien zu Benno gethanen Aeußerung: „Die Jesuiten lassen ihn auch sein Protestant!“ … Schon verlautete mancher Zweifel an seiner fanatisch zur Schau getragenen lutherischen Kirchlichkeit und italienischen Freiheitssympathie … Armgart sprach von ihm als von einem „ewig Gezeichneten“ … Sie lehnte seine Begleitungen ab, schlug die Huldigungen aus, die ihr seine immer noch lebhafte Galanterie und unbeugsame Elasticität im geselligen Verkehr brachte … Manche behaupteten, schrieb sie, Terschka spiele leidenschaftlich und wäre stets in Verlegenheiten … Letzteres mußte wol der Fall sein; denn man bemerkte, daß ihm der Präsident von Wittekind Geld schickte …

Armgart selbst befand sich im Punkt der Religion immer noch da, wo sie gleich anfangs mit ihrem, in-20zwischen nach Westerhof, Wien und Italien gegangenen „ketzerischen Großmütterchen“ Gräfin Erdmuthe gestanden … Lady Elliot besaß denselben Bekehrungseifer, wie Gräfin Erdmuthe – hätte sie nicht Gegner gefunden, sie würde sie gesucht haben … Da kam nun ihrer dogmatischen Streitsucht ein geistesfrisches Mädchen nach Wunsch, das von den Entdeckungen, die Armgart an dem Glauben ihrer Aeltern machte, in einer steten, oft, nach Empfang von witoborner Briefen und Nachrichten, fieberhaft kampflustigen Beunruhigung lebte … Die Engländerinnen konnten Armgart um die Geltendmachung ihrer noch ungebrochenen katholischen Gesinnung nicht zürnen; denn einmal war und blieb sie in ihrem Wesen für eine weniger engherzige Beurtheilung, als die in Stift Heiligenkreuz, die Anmuth selbst und ebenso bestrickend war die eigenthümliche Art ihres Wahrheitssinns, der seinerseits aus freiem Trieb selbst nichts schonte, was ihr am katholischen Leben die flüchtige und entstellte äußere Erscheinung war. Sie behauptete, nur den Kern festzuhalten, und rechnete dann freilich dazu das Martyrium, ihren Umgebungen so beschränkt und lächerlich wie möglich zu erscheinen. Sie aß am Freitag kein Fleisch, sie machte ihre Kreuze, sie ging in die Messen; sie sagte: Das ist blos meine Religion, euch lächerlich zu erscheinen! … Wenn man ihrer spottete und sie fragte: Wie viel Jahre Ablaß und Milderung für die Läuterung im Fegefeuer sie schon gewonnen hätte? zeigte sie ihr Büchelchen und gab die Addition von einigen Millionen Jahren an mit den Worten: Die Ewigkeit ist lang! …

Aber im Grunde der Seele wurde sie über dies und 21 anderes doch ernster und bekümmerter … Aus ihrer sichern, ja trotzigen Lebens- und Denkweise, die von einigen großartigen, bis zum Anerbieten glänzender Heirathspartieen gehenden Huldigungen unterbrochen wurde, weckten die, trotz ihres Protestes dagegen, doch zur halben Engländerin Gewordene mehre der erschütterndsten Botschaften, die fast zu gleicher Zeit in England eintrafen …

Die eine war die Nachricht von jener Bewegung um den „Trierschen Rock“, der sich die Aeltern, Hedemann und einige Gleichgestimmte, selbst in dem urkatholischen Witoborn, angeschlossen hatten … Die Aeltern hatten in der That förmlich mit der Kirche gebrochen … Sie hatten eine deutschkatholische Gemeinde gebildet, der sich auch Protestanten anschlossen … Den Gottesdienst leiteten abwechselnd durchreisende, von ihren Pfarreien oder Vikarieen gewichene Kaplane … Statt der Orgel spielte die Tochter des Pfarrers Huber die Harmonika … Sogar Püttmeyer wurde seinen Gönnern und geistigen Gefängnißwärtern rebellisch und ließ sich einigemale bei jenen Erbauungen betreffen, bis dann Angelika Müller von den Adeligen aus Wien verschrieben wurde und die Rechte einer zwanzigjährigen Verlobung geltend machte, um den großen Mann in die Kirche und die Beichtstühle von Eschede wieder zurückzuschmeicheln … Manche in gemischten Ehen lebende Gatten oder Brautpaare entschlossen sich, diesen Ausweg einer neuen Kirche aus allerlei confessionellen Bedrängnissen zu ergreifen … Der protestantische Staat, damals überwiegend jesuitisch inspirirt, erschwerte die Bildung auch dieser witoborner Gemeinde, konnte sie aber nicht hindern …

22 Für Witoborn und Umgebung war hiermit ein Aergerniß ohne gleichen gegeben … Norbert Müllenhoff betheuerte auf der Kanzel der Liborikirche: Die Familie des Obersten von Hülleshoven und sein Anhang müßte aus dieser rechtgläubigen Gegend, wo bisher nur Gottes Athem geweht hätte, weichen, es kostete was es wolle! … Stutzig wurde er zwar, als die alte Hebamme, auch der buckelige Stammer und sogar die Finkenhof-Lene der neuen Religion sich anschlossen – Das ist das schmerzliche Verhängniß der besten Principien, daß sie anfangs die umirrenden und moralisch heimatlosen Naturen zuerst anlocken! – Aber sein Wort verhallte nicht und da die Familie Hülleshoven nicht wich, da die Gemeinde sich durch die achtbarsten Elemente vergrößerte, so kam es zu Aufläufen, zu Beschädigungen der Fabrik, zum Einschreiten der bewaffneten Macht … Allen diesen Prüfungen setzte die kleine Gemeinde, die ihre schlechten Elemente bald ausschied, Muth und Entschlossenheit entgegen … Sie vergrößerte sich durch die Arbeiter der Fabrik, die aus fernen Gegenden genommen werden mußten, weil auf Priestervorschrift heimische schon gar nicht mehr in sie eintreten durften … Damals holte sich Hedemann die Keime seiner Krankheit … Der Vielgeprüfte, der an seinen verkümmerten Aeltern erlebt hatte, wohin getäuschtes Vertrauen zur Priesterwürde führen konnte, wollte nach beiden Richtungen hin auf dem Platze bleiben, wollte den Betrieb des Geschäfts ebenso abwarten, wie den Ausbau einer von Rom abgefallenen, apostolischen Kirche … So gewaltig seine Körperkraft war, sie erlag diesen Mühen, Beunruhigungen, Nachtwachen, Kämpfen, die bis zum Handgemenge gingen … 23 In einer kalten Winternacht, als Hedemann im Mühlenwerk noch spät allein gearbeitet hatte, ging er, über und über in Schweiß gebadet, in seine nahe gelegene Wohnung … Dort warf ihn ein auflauernder Haufe Fanatiker in die an ihrem Ursprung nicht frierende, aber eiseskalte Witobach … Mit Stangen hatten sie den Unglücklichen verhindert, aus dem bis an seine Brust gehenden Strom herauszukommen … Sein Hülferuf, der Hülferuf Porzia’s, die schon im Bett lag und durch die lärmende Scene ans Fenster getrieben wurde, verjagte die böse Rotte und endlich konnte der Mishandelte ans Ufer … Fieberfrost durchschauerte ihn; eine lange Krankheit warf ihn aufs Lager … Von dieser Nacht an schrieb sich der Keim einer Krankheit, die seine Lungen zerstörte …

Noch aber würde vielleicht Armgart auf solche Schreckenskunden nicht aus England zurückgekehrt sein, hätte sich nicht auch um dieselbe Zeit auf ihre stillverschwiegene Liebe zu Benno und Thiebold – die seltsame Einigkeit beider Namen dauerte fort – der trübste Schatten gesenkt … Die Nachricht, daß sich Benno in die Verschwörung der Brüder Bandiera eingelassen hätte, gefänglich eingezogen und auf die Engelsburg gebracht war, hatte nur vorübergehend erschütternd gewirkt; denn wenige Wochen darauf kam die frohe Botschaft seiner Befreiung … In diesen Wochen aber fühlte Armgart erst, daß es ihr wie Fürstin Olympia Rucca ging und Thiebold doch nur „eine schöne Eigenschaft an Benno mehr“ war. Sie hatte Benno sonst nur, wie sie selbst glauben wollte, schwesterlich geliebt; gibt es aber in der Liebe Stufen? … Gott, Weib, Kind – es ist dasselbe allzündende 24 Feuer, entglommen demselben Altar, entlodert derselben Sonne – nur verehren will dies Gefühl und zuletzt erst erkennt es sich ganz – in der Sehnsucht nach Erwiderung …

Im stillen hatte sich diese Sehnsucht immer höher gesteigert … Wer schärfer beobachtete, sah, Armgart hatte ihre Heiligen, von denen sie sprach; sie hatte noch Heiligere, von denen sie schwieg … So war Paula ihrem wehmüthigen Blick schon lange der Sphäre des Irdischen entrückt – sie billigte ihre Ehe, aber sie trauerte doch um sie … „Katholisch sein heißt einen geheiligten Willen haben“, hatte sie einst zu Lucinden gesagt – diese Lehre war groß und doch in den meisten Fällen – schmerzlich … Ebenso mit Benno und Thiebold … Sie hatte beide in ihrer Verblendung um Terschka’s Willen gekränkt, von beiden für immer Abschied genommen – wie gedachte sie jener Scene in der Kapelle mit Thiebold, des Abschieds von Benno, als dieser sie so tief beklagte! … Sie schrieben sich nun nicht, einer ließ den andern nichts von sich hören – und doch war alles, was Armgart erlebte, nur wie ein Stoff zum künftigen Bericht an beide, deren sie als Freunde so gewiß zu bleiben glaubte wie ihres Schattens … Sie tummelten sich ja jetzt nur in der Welt, wie sie; sie würden schon wieder zusammenkommen und Benno würde dann alles vergeben, was zu vergeben war, würde ausgleichen, was auszugleichen – Damals hatte sie einem alten Herzog, der sie, für so arm und papistisch sie galt, zu seinem Range erheben wollte, gesagt, sie wäre verlobt …

In jenen Wochen der Angst und Verzweiflung um 25 Benno’s Schicksal, hätte sie sogar Terschka’s Rath und Beistand angehen können; denn zu, zu verlassen fühlte sie sich … Wem sollte sie sagen, was ihr Benno von Asselyn gewesen und geworden! … Sie flatterte wie ein zum Tod verwundeter Vogel und suchte nun auch Terschka selbst auf – sie schrieb ihm … Aber gerade jetzt fehlte der sonst so Zudringliche, jetzt verbarg er sich – wo und warum? …

Sie erhielt einen Brief von Schloß Neuhof, in welchem sich eine Einlage des Präsidenten für Terschka befand … Diese wollte sie ihm überschicken; es hieß, Baron Terschka wäre verreist – einige Italiener sagten, seine Abwesenheit hinge mit dem Aufstand der Brüder Bandiera zusammen, die von Korfu nach Calabrien eingebrochen waren, mit ihrer kleinen Schaar geschlagen wurden, im Silaswalde lange umirrten, dann von einigen Gefährten verrathen und in Cosenza – standrechtlich erschossen wurden*) – – …

Den Zusammenhang des Geschicks dieser edlen, damals von ganz Europa bemitleideten Jünglinge mit Benno kannte sie nicht … Sie hörte nur überall den Schrei der Entrüstung über die Grausamkeit der Regierung Neapels … Sie durfte damals noch das Aeußerste auch für Benno fürchten … Im Begleitschreiben der Einlage an Terschka las sie, daß der Präsident sofort die Vermittelung der Regierung zu Gunsten Benno’s in Anspruch genommen hatte, aber der traurige Bescheid war gekom-26men, daß diese den ehemaligen Landwehrmann Benno von Asselyn schon lange als fahnenflüchtig, zum mindesten als aus dem Unterthanenverband ausgeschieden betrachten und ihn seinem Schicksal überlassen müsse … Man solle sich an Oesterreich wenden, hatte es mit bitterer Betonung geheißen, in dessen Diplomatie er eingetreten schiene seit seiner „Courierreise“ nach Rom …

Bald aber kam die Kunde, Benno wäre befreit und von der Engelsburg entflohen … Terschka war es, der diese Botschaft brachte … Von ihrer Liebe konnte er sich an Armgart’s Jubel überzeugen … Seiner Erzählung nach wurde Benno mit dem Advocaten Bertinazzi und einigen angesehenen Männern gefangen genommen … Ein Graf Sarzana konnte sich nicht unter ihnen befunden haben; denn von Lucinden erzählte Terschka zu gleicher Zeit, daß ihre schon in London bekannt gewordenen Hoffnungen, eine Gräfin Sarzana zu werden, nicht die mindeste Störung erlitten hätten … Durch eine Fallthür war es dem größten Theil der überraschten Loge möglich gewesen, einen aus dem Hause des Advocaten führenden geheimen Ausgang zu gewinnen … Nun aber wäre Benno frei, befände sich in Marseille und müßte in diesem Augenblick in Paris sein … Der Stachel, den Terschka mit den Worten: „Man sagt, die allmächtige Nichte des Cardinals Ceccone hätte ihn befreit!“ in ihr Herz drückte, haftete nicht allzu lange, denn Terschka führte den Stich nur zögernd; er schien vollauf mit dem Brief des Präsidenten beschäftigt – mit welchem er über die von ihm noch zurückgehaltene vollere „Orientirung des Grafen Hugo in Betreff Angiolinens und der 27 Herzogin von Amarillas“ schon lange correspondirte und – rechnete …

Während Armgart nun von Tag zu Tag auf Nachrichten aus Marseille oder Paris harrte oder wenigstens aus Witoborn oder Kocher am Fall – auch mit dem Onkel Dechanten correspondirte sie – erfuhr sie die überraschende Anwesenheit Paula’s und ihres nunmehrigen Gatten wieder auf Schloß Westerhof … Paula hatte sich in Wien nicht heimisch fühlen können und war in ihre magnetischen Zustände zurückverfallen … Der Oberst stand mit ihr im Rapport – Graf Hugo sah ihr jeden Wunsch am Auge ab … Noch mehr, als die Provinz erleben sollte, der deutschkatholische Oberst magnetisirte die Gräfin Dorste, entführte sie ihr Gatte selbst diesen Conflicten und wollte mit ihr nach Italien … Die Mutter des Grafen sah darin nichts als die äußerste Schwäche ihres Sohnes, der sogar seine Gattin dem Priester zuführe, den sie liebe … In jenen Tagen geschah dies alles, wo Bonaventura in Rom war, um sich zu vertheidigen wegen seines Schutzes waldensischer Sektirer, ja wegen seines Rufs, ein Magnetiseur gewesen zu sein …

Wie mußte Armgart erstaunen, als Terschka die Botschaft brachte: Bischof Bonaventura kehrt nach dem Thal von Castellungo als Erzbischof von Coni zurück! An die Stelle seines grimmen Feindes Fefelotti! … Wieder war es, wenigstens in Terschka’s Darstellung, Fürstin Olympia Rucca, die als die Retterin und Vorsehung auch dieses Asselyns genannt wurde … Schon setzte Terschka mit zweideutigem Lächeln hinzu, Fürst Ercolano Rucca hätte sich zum Attaché der Nuntiatur in 28 Paris machen lassen und seine Frau wäre ihm vorausgeeilt, um in Paris – eine Wohnung zu bestellen …

Noch glitt aller Verdacht von Armgart’s reiner Seele … Nur das Eine begriff sie nicht, warum von Thiebold nichts verlautete, warum Benno nicht nach London kam, wo sich doch alle Freunde Italiens sammelten, auch die Trümmer jener so unglücklich gescheiterten Bandiera’schen Expedition … Terschka konnte dann nicht länger bei ihr gegen Benno wühlen … Wieder war er für einige Zeit vom Schauplatz der Gesellschaft Londons verschwunden …

Seit dann Bonaventura in der That mit glänzender Genugthuung Erzbischof von Coni geworden war, hörte sie von Westerhof, mit Ausnahme der ihre Aeltern betreffenden Nachrichten, eine Weile nur Frohes und Gutes … Noch war Paula in Westerhof … Armgart schrieb ihr, sie möchte alles aufbieten, die Aeltern vor dem Aeußersten ihrer Unternehmungen zu bewahren … Als sie Briefe erhielt, die hier jede Möglichkeit der Einwirkung in Abrede stellten, kämpfte sie mit sich, ob sie nicht sofort abreisen sollte … Sie würde diesem Triebe gefolgt sein, wenn nicht von ihrer Mutter das ausdrückliche Verbot gekommen wäre … Die Mutter fügte hinzu, daß sich auch gegen Paula’s und des Grafen längeres Verweilen in der Provinz Intriguen zeigten … Die Geistlichen hätten gegen die Wunderkraft Paula’s gepredigt … Der Zustrom derer, die Heilung begehrten, hätte, seitdem überall in den Beichtstühlen der Besuch Westerhofs widerrathen würde, abgenommen … Die Ehe mit einem Lutheraner, die geistige Verbindung mit einem 29 Deutschkatholiken könnte ja auf alle Fälle nur Unheil bringen … Man trüge sich mit Abschriften der Gesichte, die Paula unter des Vaters magnetischer Hand gehabt hätte, und fände in ihnen einen Himmel und eine Erde, die mit den rechtgläubigen Bedingungen nichts gemein hätten … Während Paula alle Obliegenheiten ihres Glaubens noch immer erfülle, erschiene ihr in ihren Wahn- und Ahnungsgebilden weder der blutende Christus, noch sein durchstochenes Herz, weder das Lamm mit der Fahne, noch die Mutter Gottes … Sie sähe Tempel, aber sie wären ohne Hochaltar; sie sähe Opfer, aber sie schienen nichts als der Duft der Blumen zu sein … Paula behaupte, von jedem Dinge die Seele zu erblicken und diese trüge nichts zur Schau von einem Verlangen nach Erlösung … Meist schwebte alles, was sie sähe und erkenne, über einen unermeßlichen Regenbogen hinweg … Armgart’s Bildung und Stimmung war reif genug, zu sagen: Sie sieht aus den inneren Erfahrungen ihres Herzens das Land ihrer Sehnsucht, wo es keinen Haß und keine Verfolgung mehr gibt! … Die Mutter sagte: Sie sieht, unter meines theuern Gatten Hand, das Land der Wahrheit … Der Onkel Dechant schrieb: Sie sieht – Italien! …

Die Gegensätze hatten, das erkannte Armgart, um Witoborn eine Höhe erreicht, wo es keine friedliche Ausgleichung mehr gab … Schon hatten Monika und Benigna, Ulrich und Levinus Hülleshoven wieder ihre natürlichen Stellungen eingenommen und trotzdem, daß oft der Oberst nach Westerhof kam, innerlich gebrochen … Selbst Graf Hugo war geneigt, für die Bewahrung 30 des Alten Partei zu nehmen, wenigstens keinen Anstoß erregen zu wollen durch zu auffallende Begünstigung der kleinen Ketzergemeinde in Witoborn … Und Monika sagte offen, daß Paula noch den Grafen zu ihrem Bekenntniß hinüberziehen würde … Briefe voll äußersten Schmerzes kamen darüber aus Castellungo von des Grafen Mutter … Armgart schrieb hin und her zur Vermittelung, zur Aufklärung … Vergebens; der Bruch zwischen ihrer Mutter und Westerhof wurde unheilbar … Graf Hugo konnte sich nur mit Schwierigkeit, Oberst Hülleshoven unter keinerlei Bedingung mehr in Witoborn halten …

Armgart’s Aufregung wuchs, als der Onkel Dechant, der von allen diesen Vorgängen, von Benno’s Schicksalen, von den allmählichen Entdeckungen über dessen Herkunft seine schon dem Erlöschen nahe Lebensflamme noch einmal neu und nicht wohlthuend geschürt sah, gerade ihr, der er sich, seit Armgart’s vertrauensvoller Bitte um seine Hülfe beim Aussöhnen ihrer Aeltern, besonders theilnehmend zugewandt hatte, aus Kocher schrieb: „Zu den Mislichkeiten des Kampfes deiner Aeltern gehört vorzugsweise die ausbleibende Unterstützung durch den Staat … So tiefe Wurzeln hat bereits die durch die katholische Reaction geschürte Reue über den Abfall von Rom bei den maßgebenden Protestanten geschlagen, daß sich niemand findet, der diese große Bewegung einer Reform des römischen Glaubens würdig unterstützt … Die protestantischen Regierungen fühlen ganz das, was die Jesuiten zum Staatskanzler gesagt haben sollen: Wir sind Conservatoren! Wir erhalten und bekämpfen eben das, was ihr! … Die Fürsten Deutschlands suchen die kleinste Aen-31derung des Gegebenen zu hindern, im Vorgefühl, daß ein einziges weggenommenes Sandkorn zur stürzenden Lavine anwachsen könnte … So muß diese denkwürdige Bewegung, da sie ohne den Beistand tieferer Geister bleibt, in sich ersterben, ja sie wird zum Gewöhnlichen herabgezogen und, ganz nach den Anweisungen der Jesuiten, zu einer Sache mehr oder weniger nur des Pöbels gemacht werden“ …

Die kindliche Liebe, die Bewunderung, die Armgart vor der treuverbundenen Zärtlichkeit ihrer Aeltern erfüllte, entwaffnete ihren Widerspruch gegen alles, was von den Aeltern unternommen wurde … Wie es verzweifelte Aufgaben mit sich zu bringen pflegen, die Wahl der Hülfsmittel, die die Aeltern ergriffen, konnte sie unmöglich alle billigen … Selbst der ruhige, kaltblütige Vater ließ sich vom trotzenden Sinn der Mutter zu Unbedachtem fortreißen … Allen Adelsgenossen der Gegend bot er das Schauspiel eines mit Absicht den Nimbus seiner Geburt Zerstörenden … An seiner Fabrik betheiligte er sich wie ein Arbeiter, ließ sich wie ein Schreiber in seinem kleinen Wohnhause mit der Feder hinterm Ohr erblicken, unterschrieb die kleinsten geschäftlichen Veröffentlichungen mit seinem vollen Namen und löste auf diese Art jeden Zusammenhang mit seinen Standesgenossen … Und doch rührte es Armgart, daß die Mutter bei allen diesen Dingen gleichsam nachholte, was sie in zwölfjähriger Trennung ihrem Manne zu sein unterlassen hatte …

Zur selben Zeit, als es dann plötzlich hieß, Paula ist wirklich nach Italien gereist – es mußte in schnellem Entschluß geschehen sein, da Armgart nicht einmal von Paula 32 selbst die Nachricht erhielt – erlebte Armgart den Schrecken, daß Thiebold in London war und sie nicht besuchte … Terschka war seit einiger Zeit ihren Blicken ganz entschwunden, sie konnte von ihm über diese betrübende Erfahrung keine Aufklärung erhalten … Allmählich hörte sie, daß Thiebold in jener trüben Gensdarmenzeit seinerseits in der Heimat sich auch nur mit Mühe von politischem Verdacht über seinen Aufenthalt in Rom hätte reinigen können … Ueber Benno hörte sie, daß der Präsident für ihn die freie Rückkehr zu erwirken gesucht hätte, aber auch damit nicht durchdrang … Die Mutter schrieb ihr nach allerlei seltsamen Andeutungen über Benno’s jetzt immer mehr sich lüftende Herkunft, daß ihr alter Freund undankbar genug gegen diese Verwendungen protestire; Benno wollte, hätte er aus Paris geschrieben, jetzt ganz nur noch Italiener sein … „Man weiß ja“, schrieb die Mutter, „wer alles seine Flucht ermöglicht hat! … Die dir wol noch bekannte Lucinde Schwarz hat das römische Staatsruder in Händen! … Ist die Abenteurerin vielleicht einer Regung von Dankbarkeit für die Familie gefolgt, die ihr und dem Doctor Abaddon, Herrn Oberprocurator Nück, das Zuchthaus ersparte? … Wie solche und ähnliche Menschen Rom nach Gutdünken regieren, ersieht man ja aus Bonaventura’s Laufbahn … Trotz des Staatsverbrechens seines Anverwandten Benno, trotz der gegen ihn erhobenen Anklage über seine Antecedentien als „Magnetiseur“, trotz seiner an und für sich höchst achtbaren Unterstützung der waldensischen Bewegungen Italiens ist er nach einem kurzen Aufenthalt in der „ewigen Stadt“ als Erzbischof in die Thäler 33 seiner neuen Heimat zurückgekehrt, nachdem er vorher Lucinden in der Kirche der Heiligen Apostel in Rom mit einem päpstlichen Gardisten getraut hat … Freilich soll die in Paris verweilende Fürstin Olympia Rucca, die Beherrscherin des Kirchenstaats, alles möglich machen – –“

Hier brach der Brief mit räthselhaften Gedankenstrichen ab … Centnerschwer wälzten sie sich auf Armgart’s vereinsamtes Herz … Es folgten dann in dem verbitterten, im Ton höchster Reizbarkeit geschriebenen Briefe noch Scherze über den Onkel Levinus, der in allen Bibliotheken nachschlüge, um eine klare Vorstellung über das alte Cuneum, jetzt Cuneo oder Coni, zu gewinnen – Tante Benigna vergliche die Ehrfurcht, die hier zu Lande vor dem entthronten Kirchenfürsten geherrscht hätte, die Trauer über seinen nach seiner Freisprechung bald erfolgten Tod, die Festlichkeiten der Inthronisation seines Nachfolgers mit dem Bilde der Festlichkeiten in Coni, zu denen wol Paula nun persönlich erscheinen würde – Paula’s Gatte hätte vor seiner Abreise seine Besitzantretung vollständig geordnet, hätte die Verträge mit den Agnaten abgeschlossen, hätte das voraussichtliche Erlöschen seines Stammes mit dem Präsidenten von Wittekind, dem nächsten Erben, zum Gegenstand gerichtlicher Punktationen gemacht – und da dann auch der Präsident ohne Kinder wäre, so wäre manche geheimnißvolle Seite aus dem Lebensbuch des verstorbenen Kronsyndikus, des Tyrannen, jetzt zur offenen Kunde gelangt – Noch läge ihr zwar nicht offen, warum in letzter Instanz das ausschließliche Erbrecht Bonaventura’s durch eine anderweitige Beziehung gemodelt werden könnte – aber man 34 spräche jetzt allgemein, durch Hülfe des kanonischen Rechts könnte selbst Benno noch vor Bonaventura die Vorhand gewinnen – Nicht unmöglich, schrieb die Mutter, daß eine in Rom, jetzt in Paris lebende Herzogin von Amarillas, eine ehemalige Sängerin aus Kassels westfälischer Zeit, mit dem Kronsyndikus eine geheime Ehe geschlossen hat und Benno ihren Sohn nennen darf –! … Benno Sohn des Kronsyndikus! … Ueber alle diese so räthselhaften und ganz nur abgerissen mitgetheilten und mit religiösen Betrachtungen schließenden Dunkelheiten durfte Armgart wol in eine Aufregung gerathen, die sie der Mutter kaum schildern konnte …

Sie sah Benno in Rom – in Paris – in den Armen einer Mutter, die eine Herzogin war – eine Fürstin hatte ihn gerettet – Lucinde war eine Gräfin Sarzana geworden –! … Noch flossen ihre Thränen nicht; noch glaubte sie an den Sieg des Guten und Edeln; noch standen nur lichtverklärte Bilder vor ihren Augen … War nicht das Höchste möglich –: Graf Hugo führte Paula nach Coni zum Freund ihrer Seele! … Sie sah noch ihre magisch seraphische Welt, ihre in den Wolken schwebenden Rosenkränze, ihre großen Thaten der Entsagung und der opfernden Liebe … Aber schon die Vorstellung: Benno ein Sohn des Kronsyndikus! – das war ja ein Bild wie aus der Welt des Teufels, an die jetzt auch die Mutter nach ihren religiösen Ausdrücken zu glauben schien …

Der Onkel Dechant, den Armgart’s reife und inhaltreiche Briefe besonders zu erfreuen schienen, schrieb ihr: „Nun hat deine sonst so treffliche Mutter gar den Standpunkt einer bloßen Vernunftopposition gegen den Katho-35licismus verlassen! … Der der deutschkatholischen Bewegung gemachte Vorwurf, es läge ihr ja kein Bedürfniß nach Religion, am wenigsten nach dem Christenthum, zu Grunde, bestimmt sie, sich dem Einfluß unterzuordnen, den Hedemann um so mehr auf sie ausübt, als die freudige Geduld und werkthätige Liebe, mit der dieser Treueste sich seinem Beruf widmet, allerdings jeden, der sein Leiden, den schmerzlichen Hinblick auf die junge Frau sieht, die sich so innig ihm anschloß, ergreifen und rühren muß … Aber eine Monika verirrt sich in die trübe Lehre von der Rechtfertigung durch den Glauben! … Ich mußte deiner Mutter schreiben: «Durch den Grundverderb unserer Kirche, den auch ich in unsern Ehegesetzen finde, sind Sie aus dem Denken und Fühlen Ihrer Jugend hinausgedrängt worden – aber daß Sie, Sie einen Teufel durch den andern austreiben, das ist beklagenswerth! … Sie herrliche, klare, geistesfrische Frau, wie kommen Sie zu Hedemann’s Bibelgefangenschaft? … So oft ich dem von Amerika angesteckten Quäker hier beim Obersten begegnete, erkannte ich die unwürdigste Abhängigkeit des Menschen, die vom Buchstaben … Unsere Zeit ist nicht zu neuen Religionsschöpfungen gemacht, die einzige Religion des Bruchs mit aller Religion etwa ausgenommen, und was wir von Verbesserung unserer kirchlichen Zustände gewinnen können, wird immer nur die Folge gelegentlicher Veranlassungen sein … Selbst zu Luther’s Zeiten war es nicht anders … Deutschland hatte sich damals in seiner Reichsverfassung überlebt, die Fürsten waren zu mächtig geworden und suchten sich zu kräftigen durch alles, was schwach und leicht zu erobern war; sie rissen die geist-36lichen Güter an sich und so zerfiel der Zusammenhang mit Rom von selbst … Aehnliche Umwälzungen werden auch wir wieder erleben und aus Benno’s traurigen Verirrungen erseh’ ich wenigstens eine schöne und große Hoffnung … Was er von Italien schreibt, der arme Verlorene, ist herrlich … In der Geschichte straucheln die Bewegungen der Massen und Interessen über einen Strohhalm und ich juble im Geiste dem neuen Tag entgegen, wenn Italien dem Papstthum selbst den Schemel unter den Füßen wegzieht …»“

Wie erschrak Armgart! … „Traurige Verirrungen?“ … „Der arme Verlorene?“ … Schon flossen ihre Thränen … Sie schrieb an Bekannte in Paris, ihr von einer gewissen Herzogin von Amarillas zu berichten …

Am Tage darauf kam wieder ein Brief aus Kocher am Fall … Der Dechant, wie aus Reue, die Mutter bei Armgart angeklagt zu haben, schickte ihr auch eine eben erhaltene Antwort der Mutter auf seinen Brief …

Die Mutter hatte dem Dechanten geschrieben, daß sie sonst immer so gedacht hätte, wie er, und mit Hedemann und Erdmuthe hätte sie in gleicher Weise gestritten … Indessen wäre der Vorwurf, daß die Gegner Roms ohne ein religiöses Bedürfniß überhaupt wären, zu empfindlich für die Sache der geistigen Freiheit geworden und deshalb hätten ihre Angehörigen den Beweis liefern müssen, daß sie dem gemeinschaftlichen Urquell des Lichtes näher stünden, als ihre Feinde … „Ich erkannte“, las Armgart, „daß die Verneinung nur auf der Schärfe eines Messers geht und dabei keinen Schritt vor dem Aus-37gleiten sicher ist … Das erkannt’ ich, als ich in unsrer kleinen Gemeinde, die eines Tages ohne Lehrer war, reden wollte … Man kann nicht reden, wenn nicht aus der reichsten Fülle des Stoffs … Jede andre Belebung zum Sprechen ist todt und hülflos … Hier einen Satz zugeben, dort einen wegnehmen, da halb, da beinahe halb dies oder jenes wollen oder sagen, das erzeugt vielleicht das Feuerwerk eines feinen und ironischen Kopfes, aber es leuchtet nur eine Weile und verpufft … Nun sah ich, warum unser herrlicher Hedemann immer und immer sprechen kann … Einfach ist seine Rede, aber sie hat die Fülle der Beredsamkeit und erwärmt … Warum? Ich mußte mir sagen: Aus dem Vollen nur kann ein lebendiger Glaube kommen und sich auch im Aussprechen lebendig bewähren! … Glaube ist nicht die blinde Annahme des Uebernatürlichen, sondern Versenkung in die ganze Erscheinung einer Sache … Das Evangelium wird dem Glaubenden wie ein Freund, auf den man schwört, weil man ihn in einer großen Probe einmal erkannt hat … Die Ueberzeugung, daß die Bewährung im Einen da ist, erleichtert das Vertrauen dann auch auf die Bewährung im Andern … So versenkt’ ich mich in die Schrift und die beiden Hauptgegenstände ihrer Verherrlichung, in Gott und seinen Sohn … Mehr braucht die Religion der Menschheit nicht … Diese beiden großen Bilder haben so tausendfache zarte Pinselstriche, daß sie jede andere Weisheit überflüssig machen … Nicht daß ich Wissenschaft und Kunst zurückwiese und wie Omar alle Bücher verbrennen wollte, wenn nur die Bibel bleibt; aber ein ganzes volles Leben und ein 38 Leben der Gemeinsamkeit zwischen vornehm und gering, zwischen gelehrt und arm an Geist ist nur durch die Schrift möglich … Und dieses gemeinsame Feld ist nicht etwa eng und das Ergehen auf ihm bald ermüdend; im Gegentheil, ich entdeckte einen Schatz nach dem andern, als ich die Bücher noch einmal zu lesen begann, die ich früher als eine Quelle der Verdunkelung des Verstandes geflohen war … Ich finde die höchste Weisheit in dem, was uns belohnt für das Gebot des Apostels: Forschet in der Schrift! … Das menschliche Herz will nun einmal Liebe und Liebe muß fühlen und Gebet ist Erhöhung des Gefühls, Sammlung zum Aufblick. Worauf? Auf das Bessere und die Besseren … Die große Zahl von Besseren, die die Katholiken als Heilige verehren, sind die zu üppige Erweiterung eines Gefühls, das an sich ganz richtig ist … Die Liebe gestaltet alles persönlich und das ist denn der persönliche Gott, der lebendige, der unmittelbar auf uns wirkende, der Gott der Offenbarung … Mein Glaube sieht im persönlichen Gott keine irdische Gestalt, sie zieht das Unaussprechliche und Unbegreifliche nicht in die Sprache der Dichter und Propheten herab; für mich und für die, die fühlen wie ich, ist der persönliche Gott die Wirkung seines Vorhandenseins in uns; seine größte Offenbarung war die in jenem, der den Muth hatte, sich deshalb auch geradezu Gottes Sohn zu nennen … Nehmen Sie nur einmal wieder die Evangelien in die Hand, mein theurer Freund, und nicht Ihren Horaz und Virgil! Wischen Sie weg, was auf diese ehernen Tafeln der Witz, der menschliche Spott und selbst die gelehrte 39 Kritik geschrieben haben, und sehen Sie dann, was übrig bleibt … Von dem Tage an, wo ich priesterlich fühlte – und jeder Religionsstifter muß priesterlich fühlen, keine Religion macht sich am Theetisch – von dem Tage an ist mir die Erscheinung unseres Herrn und Heilandes Jesu Christi aufgegangen wie die meines besten Freundes … Ich wandle mit ihm am See Tiberias, ich spreche mit ihm bei seinem Freunde Lazarus vor, ich sehe die Fußtapfen, die er hinterlassen hat und die überall gesegnete sind … Sein Leiden ist ganz persönlich das meine; seinen Todeskampf ring’ ich mit; er lehrt mich am Kreuz lieben und vergeben … Auf Liebe, Glaube, Hoffnung, begründet durch Christus und einen persönlichen Gott, müssen wir unsere Kirche erbauen –“ … Darunter hatte denn der Onkel mit seiner alten zitternden Hand und in seinem friedlichen Sinn geschrieben: „Im Grunde ganz unverfänglicher Glaube des Petrus Waldus, in Ruhe gestorben um 1200, aber in seinen Anhängern, den Waldensern, gekreuzigt, gerädert, geviertheilt, verbrannt bis auf den heutigen Tag. Fiat lux in perpetuis!“ …

Das Unkatholischste, was sich denken läßt, ist eine in der Kirche sprechende Frau … Aber Armgart, ohnehin schon in einem geknickten Zustande, fühlte sich durch diesen Brief der Mutter vollends daniedergebeugt … Weniger empfand sie Rührung um das Bekenntniß der Mutter, als um den tiefinnern, soweit schon gekommenen Schmerz, der ihm offen zu Grunde lag, um die ungeheure Aufregung, den Bruch der Seele in dieser stolzen Frau zu erkennen zu geben … Sie sah die erbangende Liebe für den Vater, 40 Liebe für den von seiner Krankheit gebeugten Hedemann … Ein schlichter, wissenschaftlich ungebildeter Mann hatte durch die immer gleiche Gediegenheit seines Charakters und die unerschütterliche Consequenz seiner Denkweise die Oberherrschaft über seine Umgebungen gewonnen … Die Mutter wollte nichts mehr wissen von der Herrlichkeit und Einbildung dieser Welt – sie wollte fühlen wie der geringsten einer und ihr Gatte folgte dem Beispiel, das sie mit so beredten und feurigen Worten zu erläutern wußte … Armgart durfte sich bei Alledem wenigstens sagen: Du allein hast die Aeltern so verbunden! …

Voll Rührung schrieb sie der Mutter, sie wolle nun zu ihnen kommen …

Die Mutter, ihr selbst sich nicht im mindesten ebenso weich offenbarend, wie dem Onkel, entgegnete ihr: „Kind, du weißt, daß Paula, dein einziger hiesiger Anhalt, den ich gestatten würde, in Italien ist … Daß du deine Stelle im Stift einnimmst, wieder mit Benigna, die dich mir einst schon raubte, in Westerhof lebst, ist nicht möglich … Es wäre ein Bruch mit allem, was unser Stolz, unsere Erhebung geworden ist … Diese Menschen hier sind ja wahnsinnig … Gott der Herr wird auch an ihnen gute Gründe finden, warum er sie nicht ganz verwirft; ich verwerfe sie … Im Stift Heiligenkreuz würdest du nur zu unserer und deiner Kränkung deine Stelle einnehmen … Glücklicherweise ist dir auch gestattet, deine Pension auswärts zu verzehren … Wir sehen jedoch ein, daß unsere eigenen Wege für deine Jugend noch zu rauh sind! Bleibe also noch getrost bei deiner trefflichen Lady!“ … Dann folgte eine Antwort auf die Frage nach den 41 räthselhaften Andeutungen über Benno’s Ursprung in dem letzten Briefe der Mutter, die Versicherung, daß Benno der Bruder des Präsidenten von Wittekind wäre und noch eine Schwester besessen hätte, die einst Graf Hugo entdeckt, erzogen, geliebt und daß er lange ihr trauriges Ende beweint hätte …

Das war, alle ihre Lebensgeister erschütternd, gerade der empfangene Eindruck, als sie nun von jener Freundin in Paris, die von ihr um die Herzogin von Amarillas befragt wurde, Aufklärungen erhielt, die diese, ohne das nähere Interesse Armgart’s zu kennen, in aller Harmlosigkeit gab … Die Herzogin von Amarillas, hieß es, hat aus erster Ehe einen Sohn, der sich Cäsar von Montalto nennt und sie mit einer wahrhaft schwärmerischen Liebe verehrt … Herr von Montalto ließ sich in Conspirationen ein und gerieth in die Engelsburg … Seine Retterin, sagt man, war die Nichte des Cardinals Ceccone selbst, die ihm hierher nachgereiste Fürstin Olympia Rucca … Herr von Montalto soll anfangs nur an die Hülfe seiner Mutter, der Herzogin von Amarillas, geglaubt haben … Natürlich ergriff er die Hand, die ihm die Mittel bot, aus einer so verzweifelten Lage zu entfliehen … Schon die Untersuchung, schon die bis zur Tortur gehenden Fragen nach den übrigen Mitgliedern der nicht ganz gesprengten Loge, die Fragen nach dem Zusammenhang seiner Verhältnisse mit denen jener in eine Falle gelockten Gebrüder Bandiera, erzählte man uns, hätten jahrelang dauern können … Herr von Montalto erkannte erst durch die Bequemlichkeit der ihm gebotenen Hülfsmittel, durch den Fund eines geregelten Passes, 42 durch die sichere Einschiffung in Civita-Vecchia auf einem nach Marseille bestimmten Handelsschiff die mächtige Hand, die über ihm waltete … Wenige Wochen und die pariser apostolische Nuntiatur erhielt einen neuen Attaché im Fürsten Ercolano Rucca … Seine Gattin, eine allerliebste kleine Hexe, wenn ihr Teint auch fast grünlich ist und ihr Wuchs einem Däumling gleicht, doch mit Augen wie funkelnde Diamanten und einem wahrhaft märchenhaft blauschwarzen langen Haar, das sie in reizenden Flechten trägt, und die Herzogin von Amarillas wohnen gemeinschaftlich in einem und demselben Palais der Rue Saint-Honoré … Beide stehen im Vordergrund der pariser Gesellschaft … Cäsar von Montalto wird täglich mit der wilden Italienerin gesehen, die Furore macht … Ich höre, die französische Regierung hat von Metternich Befehl erhalten, alle italienischen Flüchtlinge auszuweisen … Herr von Montalto wird dann wahrscheinlich mit seiner Mutter und der Fürstin Rucca nach London kommen …

Düstere Nacht legte sich nach dieser Mittheilung auf Armgart’s Auge … Nun wußte sie alles … Und doch sollte sie ihre Geisteskraft zusammennehmen, um aus London zu entfliehen … Denn bleiben konnte sie nicht … Sie lebte in der großen Welt, sie konnte, sie mußte den Ankömmlingen begegnen … Sie mußte, vor dem Verlorenen entweichend, in die Heimat zurück … Nun erst verstand sie gewisse Aeußerungen in den Briefen des Onkel Dechanten, verstand, warum er ihr überhaupt so oft und so eingehend schrieb – Er wollte sie zerstreuen, vorbereiten auf die Entdeckung … O mein Gott! beteten 43 ihre zitternden Lippen, als sie nach diesen Briefen suchte … „Wir Menschen“, hieß es noch vor kurzem in einem derselben, „sind das Product unserer Verhältnisse … Die Freiheit des Willens ist eine Illusion … Die Tugend, auf die Spitze getrieben, wird Laster … Dem Mann gehört die Welt und gewisse Dinge müssen ihm kaum bis an die Knöchel reichen …“ – – Das waren halbe Scherze, schienen nur Aeußerungen zu sein, um Frau von Gülpen zu necken oder den alten Windhack mit seinen auf dem Monde entdeckten vorurtheilslosen Sitten und Einrichtungen zu vertheidigen; aber – nun sah sie, ein wie bitterer Ernst ihnen zu Grunde lag –! Der Ernst, daß Benno durch den Einfluß seiner Mutter, durch die Rührung und Liebe für sie, endlich durch die Dankbarkeit für seine Retterin aus ihrem Lebensbuche gestrichen war …

Es bestätigte sich, daß Fürst Ercolano Rucca Attaché in London wurde … Sie schrieb nichts darüber nach Witoborn … Ein klares Gefühl wurde ihr überhaupt nicht mehr zu Theil … Auch nicht in den jeweiligen Anwandelungen des Hasses gerade gegen Benno’s Mutter, die von andern Bekanntschaften, die in Paris waren, als eine hochmüthige Frau geschildert wurde … Dem Haß auf den Vater konnte sie ihre Kinder opfern! sagte Armgart, nun den Verhältnissen immer vertrauter und den von der Mutter und vom Dechanten erhaltenen Aufklärungen folgend. Gott hat sie schon in Angiolinens Tod bestraft; sie wird auch noch Benno’s Verderben sein! … Cäsar von Montalto! …

In Fieberhast flog Armgart nach Deutschland zurück …

44 Sie überraschte die Aeltern, die ihr Kommen nicht ahnten … Sie fand die ganze Verwirrung, die sie erwarten durfte – den Vater mit Pistolen bewaffnet … Das Besitzthum verkauft; ein Anerbieten, sich an einer großen Fabrik im Magdeburgischen zu betheiligen, war vom Vater für sich und Hedemann angenommen worden … Sie wollten reisen … Hedemann, ein Schatten gegen sonst, doch in der That von einer wunderbaren Durchgeistigung … Auch die Mutter gab sich seltsam feierlich … Nur der Vater blieb, wie immer, ruhig, natürlich und entschieden …

Die Gründe, warum Armgart so rasch und unvorbereitet aus London kam, lagen insofern auf der Hand, als über die Ausweisung der Flüchtlinge aus Frankreich genug in den Zeitungen gesprochen wurde und Marco Biancchi, Porzia’s in London lebender Onkel, von einem Besuch bei Cäsar von Montalto schrieb, dem er vor einigen Jahren den Rath zur schnellen Abreise aus Deutschland verdankte … Doch wurde aus Schonung von alledem nur ausweichend gesprochen … Wie fühlte sie aber diese Schonung! … Wie durchbohrte sie die harmlose Frage der in Eschede der Welt entrückten Angelika Müller nach Benno, als sie der seltsamsten Hochzeit beiwohnte, die je geschlossen wurde, der zwischen Püttmeyer und seiner alten Verehrerin! … Zwei in sich vertrocknete Menschen, die noch alle Stadien der Aufregung, sogar der Eifersucht durchmachten! … Frau von Sicking, Gräfin Münnich, Präsidentin von Wittekind, Benigna von Ubbelohde, alle drangen auf die Ehe Püttmeyer’s, die doch erst durch das Erringen des 45 Hegel’schen Lehrstuhls hatte möglich werden sollen; sie erwirkten eine Beförderung des von Pfarrer Huber’s harmonicaspielender Tochter bedenklich Begeisterten zum bischöflichen Archivar in Witoborn und die Versetzung Huber’s … Wie war Armgart, durch ihren dreijährigen Aufenthalt in London, allen diesen kleinen Anschauungen entrückt … In ihrem Stifte war sie nur einen Tag … Nach Westerhof durfte sie der Mutter wegen auch nur ein einziges mal – … Tante Benigna und Onkel Levinus umschlangen sie voll Inbrunst und hätten jetzt alles darum gegeben, das sonst so viel gescholtene Kind bei sich zu behalten und schon fingen wieder die alten Entführungspläne an … Da entschied der Vater für den Ausweg, daß Armgart, die zwar nicht zu den Deutschkatholiken übertreten, wol aber mit Freuden in die Gegenden der Elbe mitziehen wollte, wohin die Aeltern gingen, die Mühseligkeit dieser Irrfahrten nicht theilen, sondern nach Kocher am Fall zum Onkel Dechanten, zur lange schon kränkelnden „Tante Gülpen“, ziehen sollte …

Armgart erfüllte dies Gebot der Aeltern und zog nach Kocher am Fall …

Hier war sie denn des mit dem freudigsten Willkommen! sie aufnehmenden Dechanten letzte und würdigste „Nichte“ … Tante Gülpen hatte sie nicht aus dem Wochenblatt verschrieben, hatte sie nicht auf fremde Empfehlung in die Dechanei geschmuggelt … Sie war in Wahrheit eine nahe Verwandte und gab der immer schroffer gewordenen Beurtheilung gegen den Dechanten keinen Anstoß … Franz von Asselyn erklärte, sich auf seine letzten Lebenstage keiner solchen „Eroberung“ mehr gewär-46tig gewesen zu sein … In dieser holden äußern Anmuth besaß er alles, was seinem Auge, in Armgart’s innerm Wesen, was seinem Herzen wohlthat … Da waren einige gute Elemente der Feuernatur Lucindens ohne die verheerenden Folgen derselben; da war die ewig dienende Natur Angelika Müller’s ohne deren trockene Regelmäßigkeit … Da hatte er eine der Seelen, von denen er sagte: Die gehen in solche kleine Vögel über, wie sie unter meinem Baum am Fenster nisten! … Von Armgart’s Seelenwanderung versprach er sich vorzugsweise den Besuch seines Grabes, von dem er oft und gern sprach … Er war gerüstet, täglich hinabzusteigen … Die Aufregungen der letzten Jahre waren für ihn zu mächtige gewesen … Seine heitere Laune kam schon seltener und währte nicht lange …

Während nun der Oberst unter den mannichfachsten Bedrängnissen in Deutschland umirrte – in Magdeburg lösten sich bald die angeknüpften Verhältnisse – und sich zuletzt, ermüdet durch die gänzlich durch den Protestantismus selbst zerstörte Hoffnung auf eine große geschichtliche Bewegung der Geister, nach der Schweiz begeben hatte, verlebte Armgart noch einige Jahre in Kocher am Fall … Die Eindrücke hier waren nicht immer erhebend … War auch die Verbindung mit allen den ihr werthen und theuren Menschen gerade durch die Dechanei die lebhafteste, so erfolgten doch selten Mittheilungen, die eine wahre Freude verbreiten durften … Die schmerzlichsten von allen betrafen Benno … Sie waren so trüb, daß selbst Thiebold nur einmal nach Kocher kam … Einmal hatte sich Thiebold mit der ganzen Liebe und 47 Hingebung seines Gemüths, wenn auch wie immer als „närrischer Kerl“ sich einführend, einige Tage zum Gast der Dechanei gemacht, hatte, „über sich, als Mann, fast schamroth“, die Reife Armgart’s, ihre vorgeschrittene Bildung, die Sammlung ihres Charakters bewundert, hatte italienische Anekdoten, Reiseabenteuer erzählt, von Nück berichtet, dem in Italien, andere sagten im Orient Verschollenen, hatte von Schnuphase, der eine Pilgerfahrt zum heiligen Grabe mit Stephan Lengenich und mehreren andern Erleuchteten bezweckte, erzählt – aber die Art, wie er von Benno’s italienischer „Nationalisirung“, von den Erlebnissen in Rom, vom gegenwärtigen londoner Wirken und Treiben Benno’s als eines „mit Gott und der Welt zerfallenen“ Sonderlings und Grillenfängers sprach, überhaupt als von einem Menschen, den man „nach dem allerdings bedauerlichen Ende der Gebrüder Bandiera“ gar nicht mehr wiedererkannte – alles das sagte genug, um sein einziges – das dann „etwas deutlich gegebenes“ Wort zu verstehen: „Als wir ja damals für immer Abschied nahmen in der westerhofer Kapelle!“ … Armgart lächelte zustimmend, sie verstand, was Thiebold mit „für immer“ sagen wollte … Thiebold war dann nach dem kocherer Besuch gleich nach London gegangen, wo er oft monatelang verweilte … Von dem Luxus und den Extravaganzen Olympiens konnte sein Bericht nicht genug erzählen … Drei Briefe von Olympien wurden ihm nach Kocher mit einem Carissimo nach dem andern nachgeschickt …

Für Armgart gab es in Kocher Zerstreuungen der in Wehmuth erbangenden Seele an sich genug … 48 Darunter freilich auch die erschütterndsten … Der Onkel wollte noch einmal vor seinem Ende nach seinem geliebten Wien, wohin ihn die Curatverhältnisse des Doms von Sanct-Zeno riefen – da starb an einer Erkältung Windhack … Und als für das alte treue, gelehrte Factotum der Versuch mit einem neuen Diener gemacht werden sollte und der Dechant dabei blieb, reisen zu wollen, kam aus Wien die Nachricht, sein alter würdiger Gastfreund, Chorherr Grödner, wäre dem österreichischen Landesspleen erlegen und hätte sich erhängt … Die Schrecken mehrten sich dem tieferschütterten Greise; Frau von Gülpen that des Nachts, wo sie schon sonst um jedes kleine Geräusch aufstehen konnte und nun nicht mehr den Lolo als Führer hatte und überall ihre Schwester, die Hauptmännin, und ihren Mörder, den Hammaker, sah, und dennoch das nächtliche Rumoren und Wandeln und Pochen an alle Thüren, ob sie auch gut verschlossen wären, nicht lassen konnte, einen unglücklichen Fall – woran sie starb … Und wenige Monate darauf legte sich auch der Dechant und hauchte seine edle Seele in Armgart’s Armen aus …

Sein Testament hatte Franz von Asselyn schon lange geändert und sein ansehnliches Vermögen in drei Theile zerlegt, für Bonaventura, Benno und Armgart … Benno, in einem Briefe Thiebold’s, und Bonaventura, in directer Zuschrift an Armgart, verzichteten zu ihren Gunsten … Armgart war nun ein vierundzwanzigjähriges wohlhabendes und mit einer auch von Heiligenkreuz sich mehrenden Rente ausgestattetes Stiftsfräulein …

Alle diese erschütternden Vorgänge erlitten diejenigen 49 Unterbrechungen, die das Traurige haben – andere sagen das Gute –, das Leben selbst beim größten Schmerz immer noch erträglich und anziehend zu machen … Die Sonne leuchtete auch so und die Blumen blühten auch so … Für Armgart gesellte sich zu den Zerstreuungen der Dechanei, zu kleinen Reiseausflügen, zu Briefen von nah und fern und zu jenen Fortschritten der innern Bildung, die uns sogar selbst überraschen und erfreuen dürfen, die Steigerung des Interesses, das an ihrer Person genommen wurde … Mancher Offizier mit dem flatternden Husarendolman ritt im Park der Dechanei täglich die Schule, um nur von ihren Fenstern aus beobachtet werden zu können; mancher junge Beamte interessirte sich für die alten Möpse und Papagaien der in Kocher lebenden Honoratioren, um nur auch bei ihren Kaffees zuweilen der interessanten jungen Stiftsdame zu begegnen … Armgart blieb jugendlich wie ihre Mutter, wenn sie „im Geist auch schon eisgraue Haare“ hatte und über die Rosenzeit des ersten Mädchenfrühlings hinweg war … Sie gehörte dem Leben an, wo es sich nur regte, nicht um seine Freuden zu genießen, sondern um seine Räthsel zu belauschen und seine Aufgaben zu lösen … Am liebsten wandelte sie mit dem Onkel, wie er in seinen letzten Tagen liebte, über den Friedhof … Schon lange und seit dem Tode Windhack’s und der Mutter Gülpen sagte der Onkel nicht mehr: „Der allein richtige Gattungstrieb des Menschen ist der, leben zu wollen; kommt der Tod, so ist er da und es kann ja auch einmal eintreffen, daß gerade unsereins den Beweis führt, daß das Sterbenmüssen seit Jahrtausenden 50 nur ein bloßes Versehen der Aerzte gewesen! Die Wissenschaften machen so außerordentliche Fortschritte!“ … Diese Lebensfreudigkeit, sonst auch zu Benno und Bonaventura ausgesprochen, hielt im letzten Jahre nicht mehr Stand … Er liebte die Gräber und las ihre Inschriften … Aus jeder ihrer goldenen Lettern hörte er seine eigene Grabschrift heraus, bestellte sich, wie er die seine haben wollte, und sah im Geist die Leute an einer solchen Stelle eines kleinen Kreuzgangs hinter dem Sanct-Zeno stehen und lesen: „Hier ruht in Gott“ – Nun setzte er wol hinzu: „Der alte Narr, der –“ … Eine Selbstkritik folgte … Alles das plauderte er im langsamen Gehen und bestellte sich in der Nähe des einst ihn im Kreuzgang deckenden Steines Rosen und Vergißmeinnicht … Armgart erfreute ihn dabei durch Eines – durch jenes gründliche Eingehen auf seinen Tod und sein Begräbniß – eine Tugend, die viel besser wirkt, als ein ewiges Weg- und Ausredenwollen des Sterbens … „Darin kann ich Karl V. ganz verstehen, daß er sich Probe begraben ließ!“ sagte sie …

Des Dechanten Hauptbeschäftigungen im letzten Lebensjahr waren seine Briefe mit Cäsar von Montalto und Bonaventura … Armgart erfuhr wenig von ihrem Inhalt – aus den von Italien kommenden nur das, was Paula und Gräfin Erdmuthe betraf … Oft fuhren Onkel und Nichte zusammen nach Sanct-Wolfgang, besuchten das Pfarrhaus, auch das erbrochene, jetzt wohlerhaltene Grab des alten Mevissen … Ja noch ein Studium nahm der Dechant in seinem letzten Lebensjahre vor, die italienische Sprache … Oft sprach er von Bonaventura’s Vater 51 und versenkte sich in dessen Entwickelungsgang. Als Paula einmal schrieb, sie lerne provençalisch, die Sprache der Troubadours, rühmte der Dechant seinen „verstorbenen“, im Schnee des Sanct-Bernhard „so elend verkommenen“ Bruder, der in seinem immer romantisch gewesenen Jugendsinn auch diese Sprache sich angeeignet hätte vom dritten Bruder Max, dem Offizier, dem Adoptivvater Benno’s, der die Kenntniß derselben aus dem südlichen Frankreich und den Pyrenäen mitbrachte … Er las die Minnesänger und vergaß seine Acten! sagte der Dechant träumerisch von seinem Bruder Friedrich … Es war ein Thema, über das er in ein langes, seltsames Schweigen verfallen konnte … Ueber Benno’s Ursprung wurde wenig gesprochen … Die Erinnerung an die falsche Trauung im Park von Altenkirchen war dem Greise zu unheimlich …

Kurz vor seinen letzten Stunden raffte der Greis noch den Rest seiner Kraft zusammen und ließ sich über mancherlei in einem langen Briefe an den Erzbischof von Coni aus, den er schon theilweise Armgart dictiren mußte … An gewissen Stellen nahm er selbst die Feder und ließ Armgart nicht lesen, was seine zitternde Hand geschrieben … Er verbreitete sich über alles, was noch in Bonaventura’s Leben, nach seinem Wissen, unaufgelöst und zu verklingen übrig blieb … Auch die Losung: Fiat lux in perpetuis! wiederholte sein entschwebender Geist still vor sich hinmurmelnd … Armgart schrieb mit Erstaunen und schon an Irrereden glaubend: Nun würde er diese Worte nicht mehr unter den Eichen von Castellungo, sondern im Vorhof der Seligen hören; sein 52 Huß- und Savonarola-Scheiterhaufen würde die läuternde Flamme des gelösten Weltenräthsels sein! Sollte Bonaventura noch einst, dictirte er, den Eremiten im Silaswalde sehen, so mög’ er ihm sagen: Im Leichenhause des großen Sanct-Bernhard hätte auch er eine neue Offenbarung über Gott und die Welt gefunden – – Da besann sich der Greis und stockte … Er ließ sich die Feder in die Hand geben und versuchte selbst weiter zu schreiben … Die Hand versagte den Dienst … Armgart mußte noch den Brief vor seinen Augen verschließen und dann sorgsam siegeln …

Man senkte den Greis unter die kalten Steine des Kreuzganges, pflanzte aber um die Oeffnung des Bogens, der in den Friedhof führte, Rosen und Vergißmeinnicht …

Beda Hunnius, auf dem nun ganz von den Jesuiten eroberten Terrain, auch jenseits der Elbe, wieder zu Ehren gekommen, wurde sein Nachfolger … Zu seinem Kaplan machte sich dieser neue Dechant den in Lüttich erzogenen Schifferknaben von Lindenwerth, den Thuriferar von Drusenheim, Antonius Hilgers … Der Arme hatte die ganze Erziehung und Abrichtung erhalten, wie sie Rom für seine Priester beansprucht … Er war noch ärgerer Zelot als Müllenhoff …

In dem schweren Amt der Bestattung und der Uebernahme der Hinterlassenschaft fand Armgart Beistand und überwand alles voll muthiger Entschlossenheit, noch ehe ihr Vater zu ihrer Hülfe aus der Schweiz herbeigeeilt kam … Armgart hatte ganz Kocher zu Freunden … Ihre Maxime war, bei jedem, der „ihr etwas zu haben schien“, still zu stehen und zu fragen: Ist etwas zwischen uns? 53 … Das konnte sie selbst dem hämischen Hunnius gegenüber, der mit ihr wie mit jeder „Nichte“ der Dechanei gegen deren Bewohner zu conspiriren suchte … Sie erfreute ihn durch ihre Empfänglichkeit für seine geistliche Poesie … Die „Dichterapotheke“ von Weihrauch, Myrrhen, Narden, Aloë und ähnlichen Spezereien, die so stark aus seinen Versen „stank“, wie der Onkel sagte, erinnerte sie doch noch immer an die Zeit ihrer ersten Jugend, wo sie den Rosenkranz mit seinen fünf schmerzhaften, fünf freuden- und fünf glorreichen Geheimnissen in alle Himmel ausgebreitet sah, die Sonne als Monstranz und die Seelen als beflügelte Kreuze dem großen Herzen Gottes mit der lodernd über ihm thronenden Flamme zufliegend … Die Zeiten dieser Anschauungen waren freilich auch bei ihr vorüber … Nur hielt sie an ihrer allgemeinen Stimmung fest und die blieb eine gebundene – schon um Paula’s willen, die ihr in der Ferne wie eine leuchtende Glorie, ein Ziel der Sehnsucht und heißesten Wünsche verblieb …

Unter den Beileidbezeugenden erschien auch Löb Seligmann … Er war ja so engverbunden der Dechanei, so engverbunden auch den Geheimnissen von Westerhof, von Kloster Himmelpfort und Schloß Neuhof … Seitdem man allgemein wußte, daß Benno von Asselyn der Sproß einer ruchlos geschlossenen Ehe des Kronsyndikus war, hatte endlich auch Löb seine Miene vertraulicher Protection gegen den Dechanten gemildert … Diesem hatte er sich wirklich eines Tages ganz offenbart, als er gerade von Reisen zurückkehrte und auch voll Wehmuth Veilchen Igelsheimer auf den Friedhof 54 hatte tragen helfen … Sein Auge weinte … Die sanfte Zimmerblume war an ihrer stillen Hektik dahin gegangen und hatte den rauhen Nathan von ihrem Husten befreit, den ihre zarte Schonung, sagte Löb, sich nur des Nachts gestattete! Am Tag, da hielt sie jeder unter den lachenden Masken und bunten Schellenkappen für wohlauf und gesund … Bis zum letzten Augenblick hatte Veilchen zum „Carneval des Lebens“ gescherzt – und selbst noch im Tode waren ihre langen Locken so schwarz wie in ihrer Jugend geblieben, wo sie in eben diesem Park der Dechanei Spinoza kennen gelernt … Der Dechant, nicht wenig erschreckend über Seligmann’s befremdliche Beichte, sagte damals zu ihm: Auch daran trag’ ich schuld, daß Leo Perl diese bescheidenen Mädchenträume nicht erfüllte! … Löb, durch und durch „Trauermarsch“ aus „Montecchi und Capuletti“, erzählte dem Dechanten mehreremale, in mannichfachen Variationen, was ihn das Schicksal in Schloß Neuhof belauschen ließ … Er gab aber die Bürgschaft seiner Discretion fürs ganze Leben und hatte gleich alles doppelt erzählt, gleich auch für die, vor denen er zu schweigen gelobte … Armgart wurde die besondere Flamme Löb’s … Wie oft auch besuchte sie die noch lebende „Hasen-Jette“ und hörte dort die Neuigkeiten – über ein seidenes Kleid, das Frau Treudchen Piter Kattendyk schickte, über die in Rom eine Gräfin gewordene „damalige Lucinde Schwarz“, von der auch Veilchen noch oft gesprochen hätte, über die Barone von Fuld, die den Seligmann zuweilen noch in Drusenheim sahen, aber nicht mehr zum „Speisen“ einluden, ohnehin, seitdem sie die Rothschilds stürzen wollten; vor allem aber die Ent-55zückungen der glücklichen Mutter über David, ihren Sohn … David Lippschütz war auf die Beine gekommen, hatte Schulen, hatte schon einige Jahre die Universität besucht und war bereits ein berühmter Dichter … David Lippschütz und Percival Zickeles in Wien vertraten vorzugsweise diejenige neueste lyrische Schule, der es „die Loreley angethan“ hat … Allerdings kostete diese Liebe zur Nixe des Rheins dem Onkel Seligmann viel Geld … Monat für Monat gingen seine mit einem frommen „Jehova“ beschriebenen Zehnthalerscheine (ein bekannter jüdischer Heck-, Vermehrungs- und Verlustabwendungs-Segen) in die Ferne und suchten den David unter nordischen Tannen und südlichen Palmen, tiefunten am Kyffhäuser beim schlummernden Rothbart oder auch „dort oben auf luft’gen Höh’n, wo Adler die Nester sich bau’n“, und ähnlichen halsbrechenden Adressen auf … Dafür war aber auch David Lippschütz mit Percival Zickeles der Träger der neuesten Romantik, blies mächtig des Knaben Wunderhorn in allen Zeitschriften und sorgte dafür, daß dem deutschen Volk seine Nixen, Zwerge, Held Siegfried, sein Ritter Tannhäuser, vor allem aber die Anerkennung solcher Bestrebungen nicht abhanden kam … Ja Beda Hunnius sogar blieb zuweilen auf dem Markt in Kocher am Fall stehen und fragte die ihm begegnende Hasen-Jette: Ja, ist denn das da wirklich euer – es folgte ein intolerantes und liebloses auf Reinlichkeit gehendes Eigenschaftswort – euer David, der jetzt soviel die Nixe belauscht, so ihr Goldhaar strählt mit dem silbernen Kamm? … Die Mutter, allerdings gedenkend, wie ungern ihr David sonst sich kämmen ließ, 56 bestätigte leuchtendes Auges die volle Identität … Die reiche Frau Piter Kattendyk, weiland Treudchen Ley, erzählte sie, hätte den David auch in Wien – Piter, noch im Bruch mit seiner Familie, war meist auf Reisen – „zur Tafel gehabt“ … Eine solche Hunnius’sche Anrede wirkte dann unten im Ghetto von Kocher am Fall mit einem spät verklingenden Echo als belohnender Ersatz für all die Summen, die der Onkel auf die Länge nicht mehr ganz mit dem Humor in die grünen Fluten warf, mit dem er sonst beim Rasiren die Barcarole sang: „Werft aus das Netz gar fein und leise“ …

Der brave Grützmacher war nach der Gegend von Jüterbogk zurückversetzt worden und wohlbestallter Schleusenmeister an einem jener Kanäle, die Elbe und Oder verbinden … Und Major Schulzendorf hatte das eigenthümliche Loos gezogen, eine große Strafanstalt für sittliche Verwahrlosung zu dirigiren, die zu den Werken der „Innern Mission“ gehörte, jener bekannten, hier offen, dort geheim wirkenden Bundesgenossenschaft der Jesuiten … Einer seiner Söhne, der die Rechte studirt hatte, war bereits bis zum Präsidenten eines Regierungsbezirks, als Nachfolger des Herrn von Wittekind-Neuhof, avancirt … Dieser kluge Mann hatte die Gewohnheit gehabt, auf Reisen, selbst an offner Table-d’hôte, vor der Suppe erst die Hände zu falten und zu beten … Diese Gewohnheit wurde in den maßgebenden Kreisen bekannt und so wohl aufgenommen, daß man ihn in seiner Carrière einige Zwischenstufen überspringen ließ …

Oberst Hülleshoven nahm nach des Dechanten Tode seine Tochter mit nach der Schweiz, wo er und Hede-57mann, soweit letzterer noch konnte, sich in industriellen Unternehmungen zu bewähren suchten und Monika jede Aufforderung ergriff, theilzunehmen an irgendeinem Werk der Gesinnung und der auch den Frauen gestatteten öffentlichen Bewährung … Sie hatten abwechselnd in Basel-Landschaft, dann im Aargau, zuletzt am Genfersee gewohnt … Der Oberst leitete Ingenieurarbeiten für die schweizerische Armee; Hedemann bebaute mit Porzia’s Hülfe das Feld; Monika reiste viel; sie hatte zuletzt eine große Vorliebe für Genf und die calvinistischen Anschauungen … Daß sie sich das Denken durch eine immer weiter gehende Vertiefung in Christus vereinfachen zu müssen erklärte, war theils die Rückwirkung Hedemann’s, theils der auch jetzt nicht nachlassende Trotz gegen Armgart …

Der unruhige Sinn der Aeltern ging glücklicherweise im gleichen Takt; uneins mit der Welt und der Zeit, waren sie doch einig mit sich … Sie kauften jetzt – in jener Hast, die Monika eigen war – mit Armgart’s bedeutendem Gelde sofort eine herrliche Besitzung, die Armgart gehörte, dicht am Genfersee … Es war das Schloß Bex, das einem Patricier Berns gehört hatte – dicht in der Nähe jenes Waldes, wo sich im Jahr 1689 von den aus ihren Thälern in Italien mit Feuer und Schwert vertriebenen Waldensern 900 wieder sammelten und unter Heinrich Arnaud’s tapferer Führung jenen Heldenzug über den Genfersee, durch Savoyen hindurch und zurück in ihre heimatlichen Thäler unternahmen, eine Unternehmung, die nach dem Aufgebot zweier Truppencorps Ludwig’s XIV. und Victor Amadeus’ vollständig vom Siege gekrönt wurde …

58 Als sie das Schloß bezogen, entdeckte man freilich hundert Fehler und hätte es gern wieder veräußert … Aber Armgart sagte nun: Ihr reißt euch gleich das Bein ab, wenn euch der Schuh drückt! … Sie drang darauf, das Schloß, den Park, die schönen Weinberge mit allem, was daran schadhaft war, zu behalten … Dabei grenzte sie sich ihr Leben eigenthümlich streng von dem der Aeltern ab … Sie hatte ihre eigenen Zimmer, Freitags ihre eigene Mahlzeit, manchen Abend sogar in ihrem Flügel Gesellschaft für sich und die Aeltern eine andere in dem ihrigen … Der Ton war mild, oft innig … Die Aeltern wußten, was im Innern ihres Kindes zu schonen war und woher sie den Anlaß zu ihrem jetzt schon eigenthümlich gehaltenen, allmählich sogar spröden und ablehnenden Wesen nahm … Benno von Asselyn, überall anerkannt als Halbbruder Friedrichs von Wittekind und demgemäß mit Lebensgütern reich gesegnet, verweilte nach wie vor als Cäsar von Montalto in London – bei ihm die Mutter und die Fürstin …

Diese Existenz währte einige Jahre, bis eine unerwartete Wiederbegegnung den schon mächtig hereinzubrechendrohenden Stillstand und Abschluß in Armgart’s jungfräulichem Leben unterbrach und überhaupt die Schicksale der ganzen kleinen Colonie wieder in neue Bewegung brachte.

59 3.#

Eines Winterabends herrschte auf Schloß Bex eine große Aufregung …

Sie galt einer Karte, die man, heimkehrend von einer Thalfahrt an den See, auf dem großen grünverhangenen, von einer brennenden Ampel beschienenen Tische des Eintrittsvestibüls vorgefunden hatte, wo regelmäßig die Karten der inzwischen dagewesenen Besucher niedergelegt wurden …

„Der Baron Wenzel von Terschka“ lautete die Aufschrift …

Dazu sein Wappen und die mit „p. f. v.“ bezeichnete Ecke eingebogen …

Terschka! … rief Monika erstaunt und reichte Armgart die Karte … Der lebt noch! …

Seit lange hatte man von ihm nur gehört, daß er nach Amerika gegangen war …

Armgart, die nun schon über die Mitte der Zwanzig gerückte schlanke, stattliche Herrin von Schloß Bex, schlug ihren Schleier auf, der sie beim Heimfahren im offenen Wagen gegen die rauhe Winterluft geschützt hatte, und 60 sah, so erröthet sie war, sogleich erblassend auf die Karte, die in ihren Händen zitterte …

Erregt ergriff auch der Oberst die Karte … Düster drückte er die Augenbrauen zusammen und wiederholte mehrmals:

Ist der aus Amerika zurück! …

Armgart hatte den Abend für sich allein sein wollen … Es war der 28. Januar, der Tag der heiligen Paula … Sie hatte ihren Kalender, den sie auf eigene Art einhielt … Schon freute sie sich auf die Wärme ihres Zimmers … Am Kamin wollte sie sitzen, ihren Thee für sich allein nehmen, ihre alten Angedenken hervorsuchen und über den Montblanc hinweg so stark und lebhaft nach Castellungo und Coni, wo Paula mit ihrem Gatten in Bonaventura’s unmittelbarer Nähe wohnte, hinüberdenken, daß Paula, dachte sie, sie sehen müßte … Schon hatte sie sich ausgemalt, wie zu gleicher Zeit, während die Uhr über ihrem Sopha tickte, Paula den Brief las, den sie ihr zu ihrem Namenstage geschrieben … Vielleicht war der, wie man hörte, in viele Händel verwickelte Erzbischof bei ihr … Schwerlich die alte Gräfin … Aber gewiß alle Freunde und Verehrer, die einer so hochgestellten Dame, wie Paula, auch dort nicht fehlen konnten … Sie hatte in jenem Briefe von Sancta-Paula geschrieben, jener römischen jungen Witwe, die sich von ihren Kindern trennen konnte, um die Stätten Jerusalems zu sehen und mit Hülfe des heiligen Hieronymus über dem Grab Christi ein Kloster zu bauen … Und um so lieber träumte sie von jenem eigenthümlichen Verhältniß, in dem ihre Lieben dort lebten, als 61 sich vieles davon aus Paula’s Briefen doch nur zwischen den Zeilen ersehen ließ und der immer und immer besprochene endliche Besuch des Thals von Castellungo seine Mislichkeiten bot … Ohne die Aeltern mochte sie nicht gehen und mit ihnen hatte es der religiösen Differenzen wegen ebenso seine Schwierigkeiten, wie in Rücksicht auf den Vater, der mit Paula im magnetischen Rapport gestanden hatte … Diese Zustände hatten in Italien abgenommen; aber Gräfin Erdmuthe, so sehr sie die Familie der Hülleshovens schätzte und liebte, schien eine verstärkte Rückkehr derselben zu befürchten, wenn sich ihrer Schwiegertochter wieder die alten Elemente ihres Umgangs näherten … Die alte Gräfin trug schon schwer genug an Bonaventura, den sie lieber ganz gemieden hätte, wäre nicht einst sein Eifer so muthvoll für ihren Eremiten aufgetreten … Die Reise über die Alpen war unter solchen Umständen nur ein Sehnsuchtsziel der Familie geblieben …

Dies stille Abendträumen mußte sich Armgart nun versagen … Denn mit dem Namen Terschka zog Beunruhigung ins ganze Haus, Schrecken vorzugsweise in ihre eigene Seele … Ein eisiger Winter war es wieder … Sie sah sich wie damals im frosterstarrten Walde zwischen Westerhof und ihrem Stifte, sah an ihrer Seite den dämonischen Schmeichler, von dem sie damals mit Recht geglaubt hatte, daß er die Mutter berückte … Ein Schauder ergriff sie in Erinnerung an ihr Gelübde, an ihr Suchen der Gefahr, an ihre Hingebung an diesen Mann ohne jede Spur der Neigung, an alles, was sie um ihn verloren und freiwillig geopfert hatte … Wieder 62 in ihrer Nähe dieser Schein der Harmlosigkeit, diese leichte zutrauliche Manier, die nichts begehren zu wollen schien und eben deshalb sogleich alles besaß? …

Vater und Mutter, die sich mit politischen Dingen deshalb ausdrücklich nicht befaßten, weil ihrer religiösen Richtung vorgeworfen wurde, daß sie nur die maskirte Revolution wäre, hatten nichts mehr über Terschka’s Leben und Treiben vernommen … Nur das eine war ihnen zu Ohr gekommen, daß Terschka in irgendeiner Weise, welche, wußten sie nicht, sogar mit dem Untergang der Brüder Bandiera in Verbindung stand, einem Ereigniß, an dem der Oberst den schmerzlichsten Antheil nahm, da ihm in Amerika der Vater der Jünglinge bekannt geworden war und durch Thiebold auch dessen an Benno aufgetragenen Grüße ihm ausgerichtet wurden … Noch hatte man vernommen, daß Terschka in dem Augenblick London verließ, als Benno dort ankam … Eine große Geldsumme, die ihm später, als er wieder zurückgekehrt war, von Witoborn aus zugekommen sein sollte, mußte, glaubte man im engern Kreise des Obersten, vom Präsidenten auf Neuhof herrühren, der mit ihm über die Enthüllungen der zweiten Heirath seines Vaters schon längere Zeit in näherer Verbindung stand … Dann war er nach Amerika gegangen …

Monika konnte nie wieder ganz das Bild jener wiener Zeiten bannen, wo Graf Hugo und Terschka so heiter und sorglos verkehrten, die alte Gräfin trotz erster Abneigung gegen Terschka für ihn schwärmte, ja sie selbst von ihm mit einer Leidenschaft verehrt wurde, die ihr Herz in Unruhe, ihre Entschlüsse in Schwankungen 63 versetzte … Daß Terschka, der schon immer und immer mit dem Uebertritt umging, wie Monika selbst, die Hoffnungen auf ihre Gegenliebe damals, als er Armgart und deren förmliches Sich-ihm-anbieten, um die Mutter von ihm abzuziehen, kennen gelernt hatte, aufgab, schien ihr natürlich zu sein; eine alte Theilnahme löscht sich im Frauengemüth nie aus; wo sie einmal Partei genommen, sind ihre Entschuldigungen unerschöpflich …

Nur Armgart, die nun schon wieder ganz allein in ihrer Abneigung zu stehen fürchtete, sagte: Er hat irgendeine Schuld auf seinem Gewissen! Diese jagt und verfolgt ihn! Diese treibt ihn vom Guten auf, wenn er das Schlechte eben verlassen hatte und das Gute lieben möchte! Diese macht ihn zum Werkzeug jedes energischen Willens, der ihm imponirt! …

In ängstlicher Spannung saßen sie beim Thee; der Sturm mehrte sich, manche Zweige an den ächzenden Pappeln, die in nächster Nähe des Schlosses standen, brachen … Jeden Augenblick, glaubte man, müßte die Glocke an der Eingangspforte gezogen und Terschka’s Rückkehr gemeldet werden …

Es wurde neun, zehn Uhr … Schon wollte man zur Ruhe gehen, da zog es an der Glocke … Es war eine weibliche Stimme, die sich hören ließ … Porzia Hedemann kam noch so spät aus ihrem dem See näher gelegenen Häuschen … Sie hatte sich nicht überwinden können, ihren theuren Gönnern und Beschützern noch von einem Besuch des Barons von Terschka zu erzählen … Freude strahlte aus ihrem Auge und ergänzte ihre gebrochene deutsche Rede … Terschka hatte in gewohnter 64 Weise die Spuren seines Erscheinens sogleich angenehm bezeichnet, hatte von Mitteln gesprochen, die unfehlbar die kranke Brust Hedemann’s heilen müßten … Alle Zauber Amerikas breiteten sich schon um ihn, als nun auch der Oberst einräumte, die Indianer besäßen Heilmittel, von denen sich die Weisheit unserer Aerzte nichts träumen ließe … So schwebte schon Terschka, noch ehe man ihn wiedersah, in dem gewohnten Nimbus seiner Liebenswürdigkeit …

Am folgenden Tage erschien er in der That …

Er war in Genf abgestiegen, kam in einem Einspänner dahergeflogen, den er selbst führte, und sah in seinem schnurbesetzten Pelzrock, von Wetter und Sturm geröthet, trotz seiner fünfzig Jahre, noch immer ganz stattlich aus … Die kleinen Formen des Siebenmonatkindes konnten eher, als plastischer ausgebildete, durch die Jahre zusammengehen … Sein Auge hatte das alte lebhafte Feuer; sein kurzgeschnittenes Haar war, trotz der Beängstigungen, die sein Gemüth die Reihe von Jahren hindurch schon ausgestanden haben mochte, nur von einem leichten Hauch der Verwandlung in Grau überflogen … Mit einer Unbefangenheit gab er sich, als setzte die Gegenwart die nur kurze Zeit unterbrochen gewesene und völlig ungestört gebliebene Vergangenheit fort …

Die befangenen Mienen des Obersten klärten sich auf, als Terschka mit Begeisterung von Amerika sprach … Monika sah in jeder Freude ihres Gatten ihre eigene und schürte dies Behagen … Vom frühern Jesuiten, von der Umwandelung in einen Protestanten, vom Freunde der italienischen Emigranten konnte um 65 Armgart’s willen nicht lange die Rede sein … Diese noch unverheirathet zu finden, sagte Terschka, überraschte ihn nicht, denn er hätte sie und ihre Familie auch jenseits des Oceans nicht aus dem Auge verloren … Sein Wesen blieb harmlos; nicht eine Miene verrieth: Du liebtest einst diese Mutter, deren Locken nun immer silberner geworden! Und wie nahe warst du, auch die Tochter, diese immer noch blühende, schöne, reiche Herrin von Schloß Bex die Deine zu nennen! …

Hedemann wurde gerufen … Trotz seines „Sterbens in Christo“ kam er neubelebt … Porzia war hoch in der Hoffnung und der Gedanke des Todes, sonst ein ihm so lieber und vertrauter, erfüllte ihn jetzt mit Trauer … Terschka versprach, ihn seines Mittels wegen zu besuchen … Im Plaudern hatte er eine noch auffallend genaue Kenntniß aller Verhältnisse und Personen, mit denen er sonst gelebt, verrathen und bedurfte darüber keines Unterrichts, den er eher noch selbst ertheilen konnte … Ohne Schärfe ließ er zuweilen und wie zufällig eine Anspielung auf den natürlichen Sohn des Kronsyndikus, Cäsar von Montalto, oder auf die Fürstin Rucca fallen … Er übertrieb, bei Gelegenheit des Grafen Hugo, das Princip der Dankbarkeit, sagte aber auch, in Anspielung auf Benno’s Dankbarkeit für seine Befreierin, die Fürstin Olympia:

Meine Damen, als ich noch ein Jesuit war, kam im Colleg zu Rom die Frage auf die Dankbarkeit … Wir trieben Moral nach allen möglichen Unterscheidungen hin; aber von Dankbarkeit war wenig die Rede …

„Seid dankbar in allen Dingen, denn das ist der 66 Wille Gottes in Christo Jesu an euch!“ sagte Hedemann und freute sich der vorgeführten Bilder aus der alten Zeit Witoborns …

Das ist aber die Dankbarkeit nicht, nahm die streitsüchtige, schon außerordentlich angeregte und ein gewähltes Mittagsmahl anordnende Monika auf, die Terschka meint … Sie wollte hören, wie es mit Terschka’s religiösem Innern stand … Terschka hatte vom Tode Ceccone’s gesprochen, der wol auch die Ursache gewesen sein mochte, sagte er harmlos, daß seine Nichte seit Jahren nicht nach Rom zurückkehrte … Ebenso lange war Ceccone todt – er war unter seltsamen Umständen gestorben …

Auch der Oberst achtete nicht darauf, daß sich Armgart dem Fenster zuwandte; er sah nur und freute sich dessen, wie geheimnißvoll seine Frau für den Mittagstisch sorgte …

„Und seid gewurzelt und erbaut in ihm und seid fest im Glauben, wie ihr gelehrt seid, und seid in demselben reichlich dankbar!“ wiederholte Hedemann zum festen Zeugniß, daß die Bibel die Jesuitenlehrer beschäme …

Die Mutter, während Armgart schwieg und am Fenster auf den See und die im Violett strahlenden Schneeberge Savoyens blickte, wollte heute gar nicht Hedemann’s Partie nehmen und meinte, manches Verhältniß des modernen Lebens, manche Verpflichtung unserer künstlichen und unnatürlichen Verhältnisse ließe sich kaum aus der Bibel herleiten … In diesen Gegenden, wo der Bibelglaube und die religiöse Phrase fast an jedem Bissen Brot, den man in den Mund nimmt, haftete, war Monika allerdings etwas weltlicher 67 geworden; aber auch die Erinnerung an die schönen Stunden, die sie in Wien verlebt, erregte sie …

Hedemann ließ die Meinung nicht aufkommen, daß die Schrift nicht die umfassendstverpflichtende Dankbarkeit anempföhle … David war dankbar gegen Abjathar, den Sohn Abimelech’s, der für David gestorben … David war dankbar gegen Barsillai, den achtzigjährigen, den er mit nach Jerusalem in seine Burg nehmen wollte, weil er ihm früher in Noth gedient … David war dankbar dem Gedächtniß Jonathan’s, des Sohnes Saul’s, der ihm angehangen, und rief in alle Lande: Wo ist jemand übriggeblieben von dem Hause Saul’s, daß ich Barmherzigkeit an ihm übe um Jonathan’s willen?! …

Dennoch hielt Monika die Frage der Dankbarkeit in einem andern Sinne fest und sagte:

Die Dankbarkeit, die Terschka meint, heißt nicht das Erweisen von Wohlthaten an den, der auch uns Wohlthaten erwies, sondern die Unterordnung des eigenen Willens und Interesses unter den Willen und das Interesse eines andern für ein ganzes Leben lang – …

Eine Stille trat darauf ein … Terschka genoß ihre Wirkung und sagte, so hätte er sich allerdings dem Grafen Hugo hingegeben und ganz von ihm regieren lassen … Unsre Professoren auf dem Collegium, fuhr er fort, ließen wenigstens nicht mit offnen Worten, aber halt ziemlich deutlich keine Dankbarkeit gelten, die eine eigene Benachtheiligung voraussetzte … Den Vortheil, den sie auf alle Fälle gewahrt wissen wollten, nannten sie die eigene Vollkommenheit … Hatten wir nicht einen ganzen Tag Disputation über die Frage: Ist man ver-68pflichtet, hundert Zechinen einem Mörder auszuzahlen, der sich dafür erbot, einen Mord zu begehen? … Der erste Satz war natürlich: Solange der Mord nicht vollzogen ist, kann auch von Zahlung gar keine Rede sein …

Man lachte … Selbst Armgart mußte es …

War aber halt der Mord vollzogen, fuhr Terschka fort – wie dann, wenn der Anstifter in den Beichtstuhl kommt und, nachdem nun sein Vortheil bereits gewahrt ist, jetzt keine rechte Lust mehr bezeugt, die hundert Zechinen zu bezahlen? … Darüber waren die Meinungen der Theologen getheilt … Einige glaubten, daß das Geld, ob vor oder nach der That, wenn auch versprochen, unter keinerlei Umständen bezahlt zu werden brauchte …

Schändlich! rief Monika aufwallend … Selbst dem Mörder muß man die Treue halten …

Sie urtheilen, meine Gnädigste, fiel Terschka ein, grad’ wie der heilige Liguori, der Stifter der Liguorianer, unser Schutzpatron, auch urtheilte … Rund und fest hat der Liguori erklärt: Die hundert Zechinen müssen dem Mörder unter allen Umständen bezahlt werden! …

Das beste Wort, das ich je von einem Jesuiten gehört habe! fiel die Mutter ein und setzte die Entwickelung ihrer Moral der Hochherzigkeit und des Edelmuthes fort, bis der Oberst von der Dankbarkeit hinzugefügt hatte, daß er Beispiele aus seinem eigenen Leben kenne, wo sie manche Charaktere vollständig aus ihrer Bahn gelenkt hätte, wo Menschen, einmal verpflichtet, nie wieder ihren freien Willen bekommen hätten, Offiziere, die das Opfer eines einmal unbedacht geschlosse-69nen Verhältnisses sogar mit ältern Damen geworden und elend untergegangen wären … Da erst verstanden denn Monika und Hedemann die wechselnde Gesichtsfarbe Armgart’s und setzten das Gespräch, dessen Bezüglichkeiten sie sich jetzt auf Benno deuten konnten, nicht fort …

Aber von Lucinden und einem seltsamen Zusammenhang des überraschenden Todes ihres Gönners, des Cardinals Ceccone, wußte nun Terschka Dinge zu erzählen, die, wenn sie auch fragmentarisch bleiben mußten, weil sie für Armgart’s Ohr nicht gemacht waren, doch die ganze Behaglichkeit verbreiteten, durch Terschka wieder in einen Zusammenhang mit der Welt zu kommen … Armgart hörte aus dem Flüstern nur, daß Graf Sarzana gleichfalls als Flüchtling in London und gleich in den ersten Wochen seiner Vermählung von seiner Frau getrennt lebte …

Acht Tage verflossen und Terschka war in dieser und ähnlicher Art auf Schloß Bex die Hauptperson geworden … Die Mutter konnte schon sagen: Was sollte denn nun auch werden, wenn jedem Menschen, der einmal strauchelte, der Kainsfluch immer und ewig auf der Stirn gezeichnet bliebe! … Warum gibt es denn keine großen Männer mehr? … Weil die Keime dazu in unserer Civilisation falsch aufblühen und leider zuweilen eher in den Zuchthäusern, als in den Walhallen reifen! … Verpflanzt doch nur einmal unsern Herrn und Heiland in das Zeitalter der Gensdarmen! … Würde Jesus von Nazareth drei Jahre haben lehren und hin- und herwandeln können? … Nicht drei Tage hätte sein hochheiliges Lehramt gedauert …

70 Von Lucinden, Gräfin Sarzana, hatte Terschka, wie nun Armgart vertraulich von der Mutter erfuhr, erzählt, daß die Klügste ihres Geschlechts das Opfer einer Intrigue geworden war, die auch nur in Italien vorkommen konnte … Graf Sarzana war in der That ein Verschworener des „jungen Italien“, theils aus Ueberzeugung, theils aus Rache gegen Ceccone, der seit Jahren seine Familie entwürdigte und wahrhaft misbrauchte … Auch ihm wollte der Cardinal die Hand einer Frau geben, die nur ihm gehören sollte … Hatte der Cardinal Berechtigung, von Lucinden solche Hoffnungen zu hegen oder nicht, der Gardist Sr. Heiligkeit ging wenigstens scheinbar auf den Vertrag ein … Seine Rache wollte einen erlaubten Anlaß haben, Ceccone gelegentlich aus der Welt zu schaffen … Die Ehe wurde vollzogen; der gerade in Rom anwesende neuerhobene, glänzend gerechtfertigte, wie von unsichtbaren Armen geschützte Erzbischof von Coni hatte früher Gräfin Paula nicht trauen können – aber Lucinde wollte diesen Vorzug genießen und Terschka hatte sogar angedeutet, daß Lucinde Mittel besäße, den Erzbischof zu allen möglichen Dingen zu zwingen … Kaum hatte das Sarzana’sche Ehepaar jenen Palast bezogen, in dem früher die Herzogin von Amarillas wohnte, so verbreitete sich ein Gerücht, der Cardinal hätte bei einem Abendbesuch in diesem Palast einen unglücklichen Fall gethan … Blutend fuhr er nach Hause … Wol ein Jahr hätte er sich dann elend hingeschleppt, hätte sehen müssen, wie Fefelotti seinen ihm immer mehr abgerungenen Einfluß gewann und wäre zuletzt still vom Schauplatz verschwunden und sogar außerordentlich heilig 71 gestorben … Bald aber nach jener Nachricht von dem „unglücklichen Fall“ wäre Graf Sarzana heimlich aus Rom entwichen, seine Gemahlin in ein Kloster, das der „Lebendigbegrabenen“, gegangen, wohin schon einmal ein dunkler Vorfall aus dem Leben des Cardinals sich der Welt entzogen hätte – … Jetzt wisse es alle Welt, hatte Terschka erzählt, Graf Sarzana hätte seine Gemahlin in einer „Scene“ mit dem Cardinal überrascht, die Thür gesprengt und auf frischer That auf ihn den Degen gezückt … Der Stoß war nicht tödtlich und erst nach einem Jahr erlag Ceccone den Folgen der Wunde … Gräfin Sarzana wäre seitdem noch gar nicht lange erst wieder aus dem Kloster ans Tageslicht gekommen …

Armgart wußte freilich aus Briefen, die aus dem Thal von Castellungo kamen, daß Gräfin Sarzana schon seit zwei Jahren in Genua lebte, ja sogar in Coni erwartet wurde … Sie sagte also: Alles das wird sich auch wol noch anders verhalten! …

Ueberhaupt kannte Terschka von den Verwickelungen im Leben der Nahebefreundeten Monika’s und Ulrich’s mehr, als diese in ihrem reinen Sinn hören mochten … Selbst Lucinden ließ der Oberst, der sich ihrer wenig entsann und von der er nur hatte erzählen hören, das Urtheil angedeihen: Wir wissen nicht, ob die Menschen, die sie verurtheilen, recht haben oder nicht; aber für soviel Unglück, als auch gerade ihr beschieden zu sein scheint, könnte sie jeden fast dauern und ihre Erbitterung gegen die Welt gar nicht wunder nehmen …

An den in jener Gegend üblichen Erbauungsstunden und religiösen Versammlungen, an den Streitigkeiten 72 über die Erbsünde und die Gnade nahm Terschka, der nun eingebürgert blieb, ohne besonderes Interesse theil … Geistige Bedürfnisse lagen ihm überhaupt, wenn sie Ernst voraussetzten, fern … Wenn von Paris, London und Wien die Rede war, seufzte er sehnsuchtsvoll … Anfangs kehrte er immer wieder, wenn er Schloß Bex besucht hatte, nach Genf zurück … Zuweilen kam von dort mit ihm Gesellschaft, anfangs achtbare Persönlichkeiten, die in einer mit Fremden überfüllten Stadt leicht gefunden sind … Der einförmige Kreis des Landlebens im Winter erhielt durch ihn Belebung; sogar mehr, als man wünschen konnte … Es stellte sich eben eine Toleranz gegen den Erzähler seiner Abenteuer und Reisen wieder her, die alle Bedenklichkeiten des Vergangenen vergessen zu haben schien …

Nur Armgart blieb gegen den nur zu schnell wieder zu Gnaden Angenommenen kalt, vermied ihn, wo sie konnte, blieb, wenn er nicht noch vor Nacht nach Genf heimkehrte, vorsichtig auf ihren Zimmern und lebte ihrer innern Welt, die sie schon so früh verstanden hatte zu ihrem Universum zu machen … Ein Kind, das mit einem aus Baumrinde geschnittenen Schiffchen sich stundenlang den Ocean träumen konnte, war sie sonst; jetzt kannte sie den großen Ocean des Lebens und suchte auf diesem nur ihre kleinen Schiffchen …

Der Oberst und Monika waren im Grunde doch nur Gemüthsmenschen und entbehrten, ungeachtet ihrer steten Berufung auf den Verstand, eines scharfen psychologischen Blicks … Sie übersahen, daß es eine Verkommenheit im Menschen gibt, die dem Kenner selbst durch den 73 äußern Schein des größten Behagens hindurchschimmert, wie eine nur scheinbar gepflegte Toilette durch eine zerrissene Naht und ein nicht gehörig verstecktes Bändchen in ihren geheimen Schäden sich verräth … Eine solche im Sinken begriffene Natur lacht und scherzt dann und am Uebermaß des Widerhalls läßt sich erst erkennen, wie innerlich alles so hohl … Jedes Wort hört der scheinbar so unbefangen Sprechende dann gleichsam selbst zuerst; sein Gang ist berechnet; der Schatten, den er wirft, ängstigt ihn … Unruhig sucht er dann Haltpunkte und Anlehnungen … Sie sind aber ganz wie im Zufall und wie im Traum gewählt … Eine alabasterne Vase, ein Spiegel, um im Bilde zu bleiben, ist von dem Vorsichtigsten dann zertrümmert, er weiß nicht wie …

Für die sich ganz ebenso zeigende tiefinnere Verkommenheit Terschka’s hatte Armgart einen klarsehenden Blick … Während der Unheimliche den Vater durch seine Ställe und seine Vorschläge für die Oekonomie fesselte, die Mutter durch hundert Aufträge, die von ihm für Genf übernommen wurden, Hedemann und Porzia durch Heiltränke, die in der That vorübergehende Linderungen verschafften, sah allein Armgart mit Schrecken, wie Terschka schon so im Zuge des Eingreifens in alle Verhältnisse auf Schloß Bex war, daß ihr bereits die Geldsummen verloren schienen, die ihm anvertraut wurden … Sie sah eine Lebendigkeit um sich her, die sie im höchsten Grade beunruhigte … Terschka’s Genossen, jetzt größtentheils Franzosen von unheimlichen Manieren, gingen ab und zu … Schon wurden Jagdpartieen arrangirt… Oft war 74 die Tafel, ohne irgend eine Einladung, zwanzig Personen stark … Der Oberst liebte die Jagd und Monika unterstützte diese Neigung ohnehin, weil sie – sie sagte es scherzend – gutmachen wollte, daß der Anfang ihres früheren Zerwürfnisses mit ihm ein Lachen über die Fehlschüsse des eben Erheiratheten war … So ging es hinauf in die Schluchten der Berge, gerade wie um Witoborn her in die Wälder … Monika, der es an Gründen nie fehlte, wenn etwas Inconsequentes durch Gesetze der Nothwendigkeit entschuldigt werden sollte, fand diese Bewegungen dem Gatten zuträglich, sorgend nur, daß Armgart von den Zumuthungen der Theilnahme verschont blieb … Wohl kannte sie Armgart’s Erinnerung an jenen Tag, wo sie, todtbetrübt und die Mutter an Terschka gebunden glaubend, sich infolge ihres Gelübdes in die gräflich Münnich’sche Jagd stürzen konnte, um für die Erkorene Terschka’s zu gelten …

Der Winter verstrich … Armgart saß nicht immer mit ihren Büchern im Zimmer … Sie unterstützte Hedemann und Porzia im Reinigen und Schwingen der Sämereien, stieg in die Keller und wahrte die Wurzelgewächse gegen üble Wirkung dumpfer und feuchter Luft, benutzte jeden sonnigen Tag, wo der Boden der großen Gemüsegärten sich auflockert, um die Aussaat solcher Pflanzen zu leiten, denen längeres Verweilen des Samens im Schoos der Erde nützt, ließ die Obstspaliere und manche freischwebende junge Pflanzung mit Stroh umhüllen, unterstützte gegen den Sturm, der oft aus dem Walliserland und vom großen Sanct-Bernhard her mit Ungestüm wehte, die jungen Obstbäume mit 75 kräftigen Stecken, ließ die Weinstöcke niederlegen und gerade wenn ihr Blumengarten dicht voll Schnee lag, säete sie die ersten Boten des Frühlings, Primeln und Aurikeln – ihr Same darf die Erde nur leise berühren, nicht in sie eindringen – … Bei diesen Beschäftigungen, auch beim Pflegen der Hyacinthen, die in ihren Zimmern, wie ehemals bei Paula, die grünen Keime ansetzten, trug sie ihr seltsames Lebensloos und gab, wie in einem spanischen Gedicht, das Bonaventura auf Westerhof einst ihr und Paula vorgelesen, „Des Gärtners Lohn“ – auf die Frage:

„Herr, unter Steinen und Moosen
Was schöpfst du soviel aus dem Born?“

durch Blick, Rede und ganze Haltung die Antwort:

„Dir will ich benetzen die Rosen! –
Mir will ich benetzen den Dorn!“

Es war ein Nonnenleben ohne Klausur, das ihr Ideal zu werden schien … Die Welt hüllte sich ihr in eine Trauer, die sie nicht deuten, ja in einen Schmerz, den sie kaum anerkennen mochte … Sie wurde ablehnend und streng; vielen erschien sie kalt …

Der Frühling war gekommen, die Hollunderbüsche blühten, die Kastanienbäume setzten ihre braunen Knospen an, der Leman braute jene durchsichtigen, sonnigen Nebel, die die wild aus den Bergen stürmende „Bise“ nicht mehr zerriß … Terschka wohnte nun schon oft wochenlang auf dem mit allen Reizen der Natur sich schmückenden Schloß Bex … Zu andern Zeiten wieder überredete er den Obersten, mit ihm nach dem fremdenüberfüllten Genf zu gehen … Wer das 76 Gefühl hat, mit gegebenen Zuständen in Bruch zu leben, ergreift gern die Gelegenheit, aus seiner Isolirung herauszutreten und da sich anzuschließen, wo von den unbefangener Urtheilenden die langentbehrte Zustimmung nicht ausbleibt … Diese reichen Patricierfamilien Genfs mit ihren strengen calvinistischen, aber in andern Dingen wieder republikanisch unbefangenen Formen wurden eine Welt, in der sich Monika sorglos bewegen durfte … Sie sprach gut französisch, konnte mit den Professoren der Universität Streitigkeiten führen, die für jeden Zuhörer genußreich waren, der Rath des Obersten wurde in mancher technologischen und Ingenieurfrage begehrt, Terschka war die Seele der auch in Genf vorhandenen aristokratischen Gesellschaft … Von den Flüchtlingen, den Polen, Italienern, Deutschen, hielten sich alle in Entfernung …

Aber gerade von dieser Seite aus gab es scharfe Augen und der geschmeidige, lebensschlaue Böhme, der überall nach Macht, Einfluß, Stellung trachtete, mußte erleben, daß ihm schon manches fehl schlug … Bald hieß es sogar auch hier: Er spielt eine falsche Rolle! Er hat sie schon in London gespielt! Sein Gewerbe kann nur das eines Spions sein! Er correspondirt mit Wien und Rom! … War dem nun so oder nicht, Terschka blieb jener Jesuitenzögling, der zwar mit scheuer Vorsicht seinen Weg Schritt für Schritt macht, nie aus sich selbst heraus, sondern immer nur aus den andern die Situationen seines Lebens entwickelt, niemals kann er recht ein Herr werden, immer nur Diener … Durch sein Dienen verpflichtet man sich die Menschen und zuweilen sind die Menschen edel und heben dafür den andern, der uns dient, wie 77 einst mit ihm Graf Hugo gethan; jetzt aber hatte er zuletzt doch nur noch den Obersten und Monika für sich, hundert Zerwürfnisse und Streitigkeiten schon gegen sich … Bereits hieß es beim Obersten und Monika: Man müßte doch aus dieser Gegend fort! Man müßte doch Bex verkaufen, so schön es auch wäre! Schon wegen – Hedemann’s sollte man in eine mildere Gegend ziehen! …

Die Herrin von Schloß Bex hatte auch hier, trotz ihrer Schroffheit, Verehrer und Bewerber … Angesehene Namen aus Genfs Patricierfamilien, umwohnende Grundbesitzer, Reisende, wiederum auch mancher Engländer, huldigten Armgart mit oft maßlosem Eifer … Die Mutter wünschte die endliche Verheirathung; auch der Vater; schon deshalb, um den Schein aufzuheben, als bestimmten sie die Tochter ihres Vermögens halber unvermählt zu bleiben … Alledem geberdete sich Terschka trotz seiner fünfzig Jahre eifersüchtig, als scheute er mit der Jugend keinen Wettkampf … Nicht daß er seine eigene Liebe zur Schau trug – wenigstens warf er ein: Ich werde so lächerlich nicht sein! – immer aber hatte er Gründe, die Bewerber zu verdächtigen und suchte Scenen herbeizuführen, die zuweilen so ausarteten, daß die Frauen, vor allem Armgart, wahrhaft darunter litten … Conflicte gab es, wo man erstaunen mußte, wie ein einziger Mensch, dem der wahre innere Halt des Charakters fehlt, dennoch einen ganzen Lebenskreis verwirren und beschäftigen kann … Zuletzt standen auch endlich die Hülleshovens mit Terschka so allein, daß ein Entweder-Oder sich ihnen als unabweisbar aufdrängen mußte … Terschka, fünfzig Jahre alt, in Fällen, wo 78 sein Benehmen Zeugen hatte, muthig und entschlossen, wo er allein war, hinterlistig, feige sogar oder doch nur schlau, konnte schon wieder die Hände vor die Augen legen, weinen wie ein Kind und sein Lebensloos beklagen, sodaß die Frauen entweder mit einstimmen oder entfliehen mußten, um sich nur dem magischen Einfluß eines Gauklers zu entziehen, der die besonnensten Menschen bethörte, seine geschworensten Feinde irre machte und, das sah man nun wohl, Armgart noch erobern wollte …

Terschka hatte Schulden; der Oberst konnte ihm nicht mehr helfen … Monika schmollte mit ihm tieferbittert, seitdem er, ganz nur wie zum Scherz, die Aeußerung hatte fallen lassen, er würde, wenn Armgart es beföhle, in den Schoos der römischen Kirche zurückkehren … Armgart besuchte zuweilen die Messe in einem zwei Meilen höher hinauf gelegenen katholischen Dorfe … Terschka fing an, sie dorthin zu begleiten … An der Kirchthür wartete er dann, bis sie zurückkam … Wieder wurde ihr der Mann wie die Schlange, deren Athem den Vogel besinnungslos macht … Sie stand ohnehin mit ihrem katholischen Gefühl hier allein und nun gesellte sich diesem, wie sympathisch ergriffen, Terschka zu … Monika sagte ihm seitdem, so oft er sich auf dem Schlosse sehen ließ, mit dem Ton des gebietendsten Ernstes: Terschka, verlassen Sie uns endlich! … Der Oberst erklärte in Güte: Terschka, Ihre Rolle ist hier ausgespielt! Reisen Sie mit Gott! … In leisem, gemüthlichem Ton konnte er dann seufzen: Ich gehe! … Er ging und kam wieder … Nur einen Augenblick 79 blieb er dann, schwieg und warf einen Blick des tiefsten Schmerzes auf Armgart … Nicht lange währte es, so kniete er hinter ihr in der Messe des kleinen Kirchleins im Gebirge … Armgart erhob sich dann, sprach nicht mit ihm beim Verlassen des Gottesdienstes und wich ihm für den Heimweg aus, aber sie sammelte nur mühsam die Kraft dazu, wankte, wenn er sich ihr näherte, suchte zu entfliehen und konnte nicht von der Stelle … Alles, alles, als wär’ er durch sie und um ihretwillen im Begriff, wieder Katholik zu werden und als wär’ er’s schon längst geworden, wenn er nur sicher wüßte, ob er in diesem Fall seines Priestergelübdes entbunden würde … Er behauptete, deshalb in Genf alle Bibliotheken nachzuschlagen …

So überraschte er Armgart einst auf ihrem Zimmer … Seine Jahre verwünschend, nannte er die Empfindungen, die ihn beherrschten, wahnsinnig, dennoch erklärend, gewisse Namen, die gerade damals als Armgart’s Bewerber genannt wurden, tödten zu können; er drohte sich eine Kugel vor den Kopf zu schießen und hoffte bei solchen Worten nur, durch Armgart’s Erklärung, daß sie ihn für jung, lebensberechtigt und ihrer endlichen Erhörung für vollkommen würdig hielte, aufgerichtet zu werden … In wilder Hast ergriff er ein an der Wand hängendes Crucifix, küßte es mit leidenschaftlicher Inbrunst und bat dem „heiligen Holze“, wie er es nannte, mit lauter Stimme ab, was seither von ihm ruchlos am katholischen Glauben verbrochen worden … Seinen Priesterstand würde er nicht zu erneuern brauchen, sagte er – weil er ihn ja ewig geschändet hätte … Alles das kam 80 mit einer Wahrheit von seinen Lippen, als machte er im Al-Gesù eine jener rhetorischen Uebungen durch, wo sich ein Sprecher in einer von ihm geschilderten Situation ganz wie ein Schauspieler verlieren muß …

Armgart stand am Fenster und zitterte … Terschka sprach, als wäre sie nicht anwesend … Laut recitirte er eine Litanei an die allerseligste Jungfrau … Er kniete nieder, um sein Gelübde auszusprechen, in den Schoos der von ihm verlassenen Kirche zurückzukehren, auch wenn ihm, dem Leviten, nie wieder Vergebung zu Theil werden würde … Engel würden dann für ihn die Hände erheben und vielleicht im Jenseits eine besonders begnadete Seele ihn rettend in ihren Schoos nehmen …

Ohne Zweifel erwartete Terschka, daß Armgart ihn emporziehen, irgend mit ihm einen Ausweg aus dem Labyrinth seiner Verhältnisse bereden würde … Aber so sehr sich in ihr die alten Stimmungen des Selbstopfers, die Seligkeiten des gebundenen Willens regten, die Jugendzeit mit ihren Schwärmereien war vorüber … Mit einem verachtenden Ausdruck ihrer Augen, der den unverkennbarsten ewigen Bruch zwischen ihr und Terschka verrieth, rief sie: Nein! Nein! Nein! ließ ihn auf dem Teppich vor ihrem kleinen Hausaltar liegen und entfloh aus dem Zimmer …

Da begegnete ihr der Vater, sah ihre Aufregung, traf Terschka, noch mit dem Crucifix, das er unaufhörlich küßte, in der Hand, schleuderte ihm einige Verwünschungen zu und wies ihm die Thür …

Terschka erhob sich von der Erde, auf der er gekniet hatte, schwankte eine Weile, taumelte unentschlossen, maß den 81 Obersten, halb als ob er an seinem Halse sich ausweinen, halb – als ob er ihn tödten wollte … Und als dieser wiederholt rief: Sie sind ein unverbesserlicher Abenteurer! Man weiß alles von Ihnen! Sie sind unter Räubern erzogen, Sie sind ein Kunstreiter – noch haben Sie nicht aufgehört den Jesuiten zu dienen! Die Brüder Bandiera sind durch Sie verrathen worden – durch einen gewissen Jan Picard – ha, kennen Sie den Namen –? – da erblaßte Terschka, erhob sich lautlos und verschwand – …

Allgemein glaubte man, er säße in Genf im Schuldgefängniß … Seine Sucht, sich in den vornehmsten Kreisen zu bewegen, Cavalier zu sein, Matador der Gesellschaft, hatte ihn in nicht endende Verlegenheiten gestürzt … Nach und nach aber verbreiteten sich Gerüchte, er wäre in den Canton Freiburg gegangen und hätte sich dort reuig in das dortige, damals allgewaltige Collegium der Jesuiten zurückbegeben … Die Strafen, die ihn in diesem Fall dort erwarteten, mußten, wenn er nicht schon früher Verzeihung gefunden, furchtbare sein – deshalb wurde auch von andern die Möglichkeit eines so gewagten Entschlusses bezweifelt …

Auf Schloß Bex stellte sich der Friede wieder her und die Gegensätze versöhnten sich in der einstimmigen Verwerfung eines sittlich Haltungslosen, an den man vergebens Milde, Langmuth, Wohlthaten verschwendet hätte … Die Schulden, die Terschka beim Obersten nicht getilgt hatte, konnten als Vorwand dienen, in Freiburg nach ihm Erkundigungen einzuziehen … Man gab dort eine kaltausweichende Antwort … Der Uebermuth der im Steigen begriffenen klerikalen Partei hatte gerade damals, 82 in der von Bürgerkämpfen zerrissenen Schweiz, den höchsten Grad erreicht …

Aber nur noch eine kurze Weile und es schlug die Stunde einer großen Bewegung …

Jener dreifachgekrönte arme leidende Mann mit dem tücherumwundenen Antlitz auf dem apostolischen Stuhl hatte seinen letzten Seufzer ausgehaucht, wie ihn die Stellvertreter Christi aushauchen – einsam, verlassen, in den schauerlich öden Marmorsälen des Vaticans ein dem Reiz nach Neuem allzulang verweilender Gast … Draußen eine unruhige, großer Umänderungen harrende Menge, die die neue Bescherung, das beginnende Conclave und den Namen und die Person eines neuen Trägers der Himmelsschlüssel erwartet … Der Sterbende ist dann nur noch eine leere Hülse … Nur noch einige geringe Würdenträger bleiben bei ihm, die auf den Augenblick harren, wo ihnen gewisse Functionen für den Todesfall der Päpste vorgeschrieben sind, das Zerbrechen der Siegel, das Aufbewahren des Fischerrings, das Läutenlassen einer kleinen silbernen Glocke der Peterskirche … Ertönt diese geheimnißvolle Glocke, dann müssen alle Gerichte aufhören, alle Glocken Roms fallen mit schauerlichem Geläute ein; auf allen Tribunalen wird die Feder ausgespritzt und nicht die Trauer, sondern – die Freude beginnt … Armer Stellvertreter des Gottessohns! … Nun verlassen dich die Deinen, die sonst vor dir knieten! … Nun eilen sie sich, ihre gesammelten Schätze in Sicherheit zu bringen … Nun schleichen sie schon von deinem Sterbebett, noch ehe du erkaltet bist! … Noch einmal tastet dein erstarrter Arm nach einem Glockenzug, du 83 jammerst um einen Labetrunk Wassers und niemand will kommen, dir deine verschmachtenden Lippen zu benetzen! … Wo sind sie, die Köche, die Haushofmeister, die Frauen deines Barbiers, des Allgewaltigen, den du zum Camerlengo erhoben hattest? … Sie sind beim Packen ihrer Papiere, bergen ihr Gold, ihr Silber … Sowie das Auge ihres Herrn gebrochen ist, verweist sie die jahrtausendjährige Regel sofort aus dem Bereich der neuzulüftenden und frisch zu reinigenden Gemächer des Nachfolgers … Das ist der Brauch, der nach Rom von Byzanz herübergekommen zu sein scheint – Im Orient ist der Tod das Gesetz, das sich auch auf die Umgebungen eines sterbenden Sultans erstreckt … Sogar seinem Arzt sieht der sterbende Herr der Kirche an, daß ihn der Unmuth drückt um den Verlust seiner Stelle – diese alten Cardinäle haben seit Jahren schon ihr Leben auf eigene Art eingerichtet und nichts verpflichtet sie, das Privatleben ihres Vorgängers fortzusetzen oder zu ehren … Nicht die jugendliche Sorglosigkeit eines geborenen Erben nimmt Besitz vom Throne, nicht die Pietät eines Verwandten, eines Bruders für einen Bruder, eines Neffen für seinen Onkel, sondern ein fremder Greis folgt einem fremden Greise, die langjährige Verwöhnung eines Hagestolzen und die vollkommen schon hartnäckig eingewurzelte Lebensart eines Cardinals den Gewohnheiten und Launen eines dahingegangenen andern …

Neun Tage währt dann äußerlich Klage und Trauer, aber im Stillen läuft und flüstert die Neugier und Intrigue von Haus zu Haus … Wer wird der Nachfolger sein! … Couriere kommen und gehen, die 84 Diplomatie hält Besprechungen, Parteien bilden sich, Stimmen werden gezählt, die Frauen werben und stiften Versöhnungen, alte Cardinäle vergessen, daß die Aerzte sie längst aufgaben, sie werden jung, haben keine Gicht und keine Wassersucht mehr, die Frivolen werden fromm, die Frommen weltlich – … Welche Gedanken würden sichtbar werden, wenn diesen Cardinälen (siebzig sollen es sein – nach der Zahl der Aeltesten der Stämme Israels), die im Sanct-Peter die Messe um Erlangung des Heiligen Geistes für die Neuwahl hören, die Decke der demüthig gesenkten Häupter gelüftet würde! … Nun ziehen sie feierlich in den Quirinal und finden da die wunderlichsten Holzverschläge für sich hergerichtet … Schon haben tagelang die Maurer alle Thore des Palastes außer einem einzigen vermauert, schon sind mindestens zweihundert Fenster in ihren Fugen mit Kalk und Mörtel verstrichen … Die vierzig oder funfzig anwesenden Wähler leben ohne frische Luft, wie ebenso viel Mönche, und so lange abgesperrt von der Welt, bis der Geist der Erleuchtung zum Siege, zur richtigen Stimmenzahl geholfen hat … Sie leben in schnellgezimmerten, auf die langen Corridore verpflanzten Zellen, die aussehen, wie Meßbuden … Jede hat ein kleines Fenster auf den Corridor … Die unbequeme Lage ist peinlich und unterstützt die Neigung, einig zu werden … Haß und Abneigung schwinden mit dem Druck der Entbehrungen … Fefelotti’s Pracht- und Bequemlichkeitsliebe, eingesperrt in einen solchen weihnachtlichen Hirtenstall! Fefelotti ohne die Hülfsmittel – nur allein seiner Toilette! … Der einzige Cardinal Vincente Ambrosi und einige Ordensgenerale mochten 85 wenig den Unterschied von ihrer gewohnten Lebensweise spüren …

An dem Hauptthor, gegenüber den Rossen des Monte-Cavallo, sind vier Oeffnungen mit Drehrädern angebracht, durch welche die Speisen eingeschoben werden … Die Massen des Tag und Nacht ringslagernden Volkes sehen es wohl – Fefelotti entbehrt kein einziges seiner Leibgerichte; die verdeckte Tragbahre verbreitet den köstlichsten Duft … Aber der seither Allmächtige muß sich gefallen lassen, daß ein mit der polizeilichen Controle des Conclaves seit Jahrhunderten betrauter Fürst Chigi jede Pastete mit eigener Hand aufschneidet und sich überzeugt, ob sie im Füllsel nichts Geschriebenes enthält, keinen Brief vom Staatskanzler des Kaisers von Oesterreich, keine Mahnung aus Frankreich oder Spanien, kein Billet einer Verehrerin, die auf dem Corso Francesco angstklopfenden Herzens wohnt und Mittel und Wege sucht, mit den heiligen Holzverschlägen in Verbindung zu bleiben und die Stimmen zu addiren, ja von außen her den Cardinalbischof von Ostia mit dem Cardinalgeneral der Kapuziner, den Cardinaldiakon der Santa-Maria in Via Lata mit dem Cardinalpriester von Santa-Maria della Pace zu versöhnen … Hülfe, Hülfe – durch die fremden, noch nicht angekommenen Cardinäle! schrieb Fefelotti in einer mit der Gräfin Sarzana verabredeten Chiffreschrift, die aus Compotkirschkernen, Geflügelknöchelchen und andern Resten seiner Mahlzeit bestand … Die Antworten ertheilte ihm die Gräfin und manche andere seiner Angehörigen unter der Etikette jener Weine, die ihm nicht vorenthalten werden durften … 86 Fürst Chigi betrachtete jede Flasche am Lichte, ob sich nicht im Burgunder vielleicht unterm Kork ein verdächtiges Telegramm befand – die Etiketten abzureißen unterließ sein Mitleid mit einem Manne, der nicht einerlei Wein genießen konnte und ohne Etikette vielleicht die Sorten verwechselte – …

Anfänglich hatte der gottselige, heiligstrenge Sinn des Hüters der Katakomben und Reliquien, des Cardinals Vincente Ambrosi, des geheimnißvollen Flüchtlings vor dem Eremiten von Castellungo, des Beichtvaters der kleinen Olympia Maldachini, des Gefangenen im Kerker des heiligen Bartholomäus von Saluzzo und des dem Erzbischof von Coni seit sieben Jahren innigstverbundenen Freundes die allermeisten Hoffnungen … Aber eigenthümlich, wie selbst die Frommsten und Trefflichsten unter den heiligen Wählern nicht ganz der Meinung leben, daß der zu Wählende ein durchgreifender Reformator sein müsse … Man wollte denen, die nur einen politischen Kopf, einen Lenker des Kirchenstaats, einen Politiker im Geist der Cabinete Neapels und Modenas begehrten, ebenso wenig das Feld räumen, wie einer kleinen Anzahl, die überzeugt war, es müßte ein Freund der neuen politischen Ideen, der Hoffnungen Italiens gewählt werden … Die Verwirrung wurde die größte … Darin aber waren alle, jetzt wie immer, einig, daß der Stellvertreter Christi ein Mittelwesen zwischen Hart und Weich, zwischen Strenge und Milde sein müßte – Nicht zu heilig und nicht zu weltlich –! Nil humani a me alienum! die Losung … Fefelotti täuschte sich indessen gründlich … Bei jedem Scrutinium schmolz seine 87 Stimmenzahl … Auf die besten Freunde war kein Verlaß mehr … Fefelotti legte sich ins Bett, um durch Abwesenheit zu schrecken; dann, als dies Mittel fehl schlug, erklärte er sich für in Wahrheit krank, so krank, daß man ihn nach Hause tragen sollte – nach der Praxis früherer Wahlen war das eine erwägenswerthe Empfehlung – denn um so schneller machte er einem Nachfolger Platz … Vergebens – Die Cardinäle lachten – Fefelotti regierte draußen die katholische Christenheit, aber nicht mehr fünf Stimmen im Conclave und er bedurfte zwei Drittel aller Stimmen! …

Seit sieben Jahren war Cardinal Vincente Ambrosi aus seiner früher im Mönchsgewand so passiven Rolle mit überraschender Energie herausgetreten … Er hatte die Hoffnungen aller seiner Protectoren getäuscht … Schon vor sieben Jahren hatte der junge Cardinal mit Entschiedenheit Bonaventura’s Partei genommen und diesem kurz vor Lucindens Einsegnung in der Apostelkirche mit unverhohlener Freude die Botschaft einer Genugthuung gebracht, die ihm der Heilige Vater mit Einsetzung auf Fefelotti’s verlassenen Hirtensitz schenkte … Ambrosi, nun schon graulockig, aber immer noch der „Ganymed unter den Cardinälen“ genannt, trat bei allen Gelegenheiten hervor, wo irgendein Misbrauch abgestellt oder wenigstens öffentlich gerügt wurde … Er sowol wie der Erzbischof von Coni, dann ein neuer General der Dominicaner, auch der General der Theatiner und mehre erste Pfarrer Roms, galten für muthige Kämpfer gegen die Herrschaft der Jesuiten … Nachdem noch selbst Cardinal Ceccone gegen sie gestritten hatte, war mit Fefelotti Schule, Haus, 88 Kirche, diesseitiges und jenseitiges Leben dem Al-Gesù gebunden in die Hände gegeben worden … Man trug zwar ruhig, man beugte sich dem Joch Fefelotti’s, das schwerer noch drückte, als das Ceccone’s; im Conclave aber hörte plötzlich alle Verstellung auf … Da zitterten die Mächtigen, da erhoben sich die Schwachen … Nehmt Ambrosi oder – mich! donnerte der lange weißbärtige, kahlköpfige General der Kapuziner, ein mit kaustischem Witz begabter Greis … Sich selbst zu empfehlen, seine eigenen Tugenden zu preisen ist im Conclave durchaus erlaubt … Das wispert dann nachts auf den langen Corridoren … Da schleichen die schlaflosen Greise von Thür zu Thür; da wird geflüstert und hoch und theuer geschworen und Vortheile werden versprochen und die Stimmen schon für künftige Aemter und Einnahmen ver- und erkauft … Ambrosi hatte bereits zwanzig Stimmen und bot sie dem General der Kapuziner … Darüber gerieth das Conclave in Entsetzen … Der? hieß es. Ein neuer Sixtus V., der Rädern und Köpfen zur Tagesordnung macht! Nimmermehr! scholl es durch die Bretterwände und verdrießlich legte sich nun auch dieser Alte ins Bett und brummte: Wählt wen ihr wollt! … Als er sich bald in sein Schicksal gefunden hatte, pochte der General der Dominicaner, der die Jesuiten über alles haßte, an seine Thür und bat: Bruder, wollt Ihr denn das Feld verlassen? Wählen wir doch wenigstens einen, der uns vom Al-Gesù befreit! … Der alte Kapuziner erwiderte: Ihr seht ja, wie sie ihm alle verkauft sind! Aber ihr habt Recht! Wollen wir nicht ganz erliegen, schlagt eine Tabula rasa vor, einen 89 Menschen, von dem bisher nichts gesprochen wurde! Einen Menschen, der unter uns ist und den Niemand kennt! Geht alle Namen durch und von wem ihr nicht wißt, ob er Jesuit oder Carbonaro oder Theologe oder Heide ist, den ruft durch Inspiration aus! … Das Ausrufen durch Inspiration ist eine eigenthümliche Wahlmethode; mitten im Debattiren, Beten, Singen springt plötzlich ein Inspirirter auf und ruft: N. N. soll es sein! … Diese an Luft, Bewegung, ihre häusliche Ordnung gewöhnten Greise sind durch ihr gefangenes Beisammenleben und die stete Spannung dann so nervenerregt, daß solche Rufe zuweilen Erfolg hatten und unter Scenen krankhafter Verzückung Wahlen durch Acclamation zu Stande kamen …

Der Kapuziner kannte selbst keine solche Tabula rasa … Aber General Lanfranco kannte eine … Es gab einen der jüngern Cardinäle, der während aller dieser nun schon mehrtägigen Kämpfe der eingesperrten Priester wenig gesprochen hatte und als Erzbischof aus der Provinz den meisten unbekannt geblieben war … Jeder dieser Gepurpurten hatte schon eine lange Chronik seines Lebens, der heilige Cardinal der Katakomben die allbekannteste – … Von diesem aber wußte man nur, daß er einem Grafengeschlecht in einer kleinen Stadt an der nördlichen Meeresküste, dem Schauplatz der Thaten Grizzifalcone’s, angehörte, in seiner Jugend an dem Uebel der fallenden Sucht gelitten hatte, darum sowol vom Eintritt bei der päpstlichen Nobelgarde, wie anfangs vom Priesterstande abgewiesen wurde, dann in die besondere Pflege vornehmer Frauen gerieth und durch 90 deren Betrieb endlich auch zum Priesteramte zugelassen wurde. Durch das Gebet der Fürstin Colonna verlor er jene Krankheit … Vollends verlor er sie durch eine Seereise, eine Reise nach Amerika … Zurückgekehrt erklomm er eine Würde nach der andern und um Rom hatte er sich als Erzbischof von Spoleto das besondere Verdienst erworben, daß er einen Revolutionshaufen unter Anführung Louis Napoleon’s durch Zahlung von 6000 Scudi an den Freund desselben, Sebregondi, von ihrem Marsch auf Rom zurückgehalten haben soll*)

Der Erwählte fiel in Ohnmacht, als auf begeisterte Empfehlung Ambrosi’s und der beiden Generale aus dem Scrutinium mit der vollen Stimmenzahl sein Name hervorging … Beinahe hätte sich gezeigt, daß das Gebet der Fürstin Colonna und die Seereise noch nicht die volle Wirkung erlangt hatten … Alle mußte es rühren, daß, nachdem man sich zugeflüstert hatte, in der ewigen Stadt wäre einst ein Jüngling verzweifelnd am Strande der Tiber auf- und niedergegangen in der Absicht sich in die Wogen zu stürzen – Militär und Klerus hatten ihn um sein bemitleidenswerthes Körperleiden abgewiesen – nun das Schicksal in dieser selben Stadt die dreifache Krone auf sein Haupt hob! … Der Erwählte erholte sich in den Armen Ambrosi’s und der Ordensgenerale; man legte ihm die Kleider seiner neuen Würde an und nannte ihn der Welt und zeigte ihn den Völkern …

91 Dem Stuhl Petri, sagt man, naht sein Verhängniß … Diesmal erst hatte ihn ein Anhänger jener Partei bestiegen, die damals in Bertinazzi’s Loge vom Kohlenbrenner – es war Pater Ventura – die der Phantasten genannt wurde … Durch den Patriarchen von Rom sollte vorerst nur Italien erlöst und die katholische Christenheit über das allen Völkern ihre Freiheit raubende Wirken der Jesuiten beruhigt werden … Liebenswürdig ist der Eindruck jedes guten und gläubigen Willens … Wie im rosigen Lichte schwimmt noch jede auf ihn gesetzte Hoffnung … Will sie scheitern, so müht sich die edle Absicht, ihr den Sieg zu erleichtern, wirft aus dem zu schweren Fahrzeug Ballast über Ballast, will nur das Glück, nur den Erfolg, nur den Sieg, den ewigen Sonnenschein … Umrauscht vom jauchzenden Zuruf der Völker hebt sich dann die Brust und wagt und wagt und wofür sonst jeder Wille gefehlt haben würde, doch wird es vollzogen; Vertrauen heißt die Hand, die den Zagenden weiter und weiter führt; schon kann er das Läuten der Glocken, die Freudenfeuer, die donnernden Salven der Geschütze, das tausendstimmige Hoch der Liebe nicht mehr entbehren … Der neue Zauberer vollzog das Verhängniß eines Wunderthäters von größerer Macht, der über die Geschicke der Menschen thront … In der That brachte nach Italien die erste Botschaft vom Evangelium der Freiheit – ein Papst …

Doch es war und blieb – eine phantastische Wahl! … Ein junger Student, ein Graf, ein neugekleideter Priester hatte einst auf dem Marktplatz zu Sinigaglia nachts seine Predigten gehalten, unter freiem Sternenhimmel, umgeben von erleuchteten, mit Tausenden von 92 Menschen geschmückten Fenstern, an einem improvisirten Altar, auf dem im Augenblick, wo in poetischen Bildern von seinem beredten Munde das Fegefeuer geschildert wurde, eine große Schale von Spiritus angezündet wurde, sodaß hoch die blaue Flamme aufschlug und den Platz, die Fenster, das Antlitz aller Hörer geisterhaft beleuchtete*) … Nun aber schlugen freilich andere Flammen auf … Erst wurden die Kerker geöffnet, die Verbannten zurückgerufen … Bertinazzi hatte bis dahin auf der Engelsburg geschmachtet; er wurde im Triumph durch die Straßen gezogen … Die wenigen, die sich damals, als Benno gefangen genommen wurde, durch eine Versenkung retteten – Graf Sarzana hatte zu ihnen gehört, Benno hatte sich in dem Leichenbruder nicht geirrt – waren größtentheils nach England geflüchtet und kehrten nun zurück … Auch Sarzana, der, wie man sagte, „aus Misverständniß“ der Mörder Ceccone’s geworden, kehrte heim – Benno dachte oft an sein stilles Tibergespräch mit dem Unheimlichen „über die misverständlichen Morde zur Cholerazeit“ – … Die Herzogin von Amarillas, die Fürstin Rucca, auch Cäsar Montalto kamen von London … Rom war überfüllt mit Fremden, mit Flüchtlingen, Enthusiasten … Die Freudenbezeugungen, die Feste, die Ovationen nahmen kein Ende … Waren es doch – – die Theaterflammen vom Markte zu Sinigaglia –? …

Anfangs machten sich die Ereignisse von selbst … Es gibt Zeiten, die ohne Hinzuthun von Menschenwitz nur 93 die Additionen der Vergangenheit sind … Das Anathem, das über so vieles bisher geschleudert worden, wurde ihm jetzt von selbst zum Segen … Nicht blos die Eisenbahnen wurden von dem Bann der Gottlosigkeit, der auf ihnen ruhen sollte, befreit, nicht blos die von Rom als Teufelswerk verworfene Gasbeleuchtung; nicht blos die „materiellen Fortschritte des neunzehnten Jahrhunderts“, wie Thiebold mit Satisfaction sagte, wurden anerkannt … Pater Ventura – General der Theatiner – predigte und entflammte das Volk auf offener Straße mit noch viel weiter greifenden Aufklärungen über die neue Zeit … Im Coliseum, wie Klingsohr einst verlangt hatte, sprach Ventura’s flammende Beredsamkeit und erläuterte den Römern, was ihrer geringen Bildung zu begreifen fast noch versagt war … Ein Fuhrmann aus Trastevere, Brunetti, der jene Schenke liebte, wo Benno damals den Orvieto getrunken, ein Freund des Wirths, dessen Weinkeller mit dem Bertinazzi’s in Verbindung stand und damals die Flucht eines Theils der Verschworenen ermöglichte, Retter des „Kohlenbrenners“, des Grafen Terenzio Mamiani, des Advocaten Pietro Renzi, die alle bei Bertinazzi zum „jungen Italien“ geschworen hatten, schwang sich auf seinen zweirädrigen Karren und wurde ein so beliebter Volksredner, daß sein Ruf als „kleiner Cicero“ (Ciceruacchio) durch die Welt erscholl … Freisinnige innere Reformen wurden versucht … Der alte Rucca, ohnehin entsetzt über die Rückkehr seiner Schwiegertochter aus London, wo sie fast das ganze Vermögen ihres Onkels, des Cardinals, vergeudet hatte, verlor die Pacht der Zölle, die ihm Fefelotti bereits für den ganzen 94 Kirchenstaat verschafft hatte … Der Schrecken und der Widerspruch der Cardinäle, die Besorgniß der Gesandten wurde durch vorsichtige Allocutionen niedergehalten … Die Amnestie fand ihre unbeschränkte Ausführung … Aus Beethoven’s „Fidelio“ kennt ihr jene rührenden Züge von Staatsgefangenen – Schaaren, zerlumpt, verhungert, hohläugig, gingen so aus den überfüllten Kerkern hervor … Das Volk holte sie im Triumph, hob sie auf Wagen, schmückte und bekränzte sie … Bürgerwachen wurden gebildet … Ja eine Aussicht auf eine Repräsentativverfassung zeigte sich, als eines Morgens ein Decret die Vorstände der Provinzen aufforderte, Männer des öffentlichen Vertrauens zu bezeichnen, die die Regierung in den nothwendigen Reformen des Kirchenstaats durch Rath und That unterstützen sollten … Die Bewegung griff weiter und weiter … In der That bewährte sich, wie noch die Welt durch Rom getragen und regiert wird … Mit dem, wie sonst im Schlechten, so hier im Guten sich gleichbleibenden Zauber Roms griff die Bewegung über Italien hinaus, stürzte den Julithron, rief in Frankreich die Republik hervor, brach die Knechtschaft Deutschlands, verjagte den Staatskanzler, entfesselte alle Völker, die in unnatürlicher Zusammenkoppelung zu dynastischen Zwecken mit Aufgebung ihrer eigenen Nationalität um so weniger länger leben mochten, als gerade die zunehmende Förderung der Volksbildung an nichts anderes zunächst angeknüpft hatte, als an die Erhebung des Sinns für Sprache, Geschichte, eigenthümliche Volkslebensart … Auch Dalschefski und der nunmehr ganz zusammengegan-95gene, mumienhaft vertrocknete Luigi Biancchi kamen vom Spielberg herunter und Resi Kuchelmeister weinte in ihren Armen … Auch sie gingen nach Rom, wo aus London Marco Biancchi eintraf – Napoleone blieb bei seinen Gipsfiguren, bei seiner Giuseppina, seinen Kindern und Ersparnissen in Deutschland und ohnehin war er mit seiner Tochter Porzia Hedemann gespannt. Sie hatte sich nicht bereit finden lassen, in Witoborn ein Depot für seine Heiligen zu übernehmen … Da aber bangte dem nächtlichen Schwärmer vom Marktplatz zu Sinigaglia – … Die blaue Theaterflamme war ihm wider Willen zu einem Fegefeuer schon hienieden für Gut und Böse geworden …

Größer und größer wurde der Druck der Mahnungen von Fürsten und Staatsmännern auf den Träger der dreifachen Krone … Immer weiter griff der Zwiespalt im geheimen Consistorium … Fefelotti, das Al-Gesù, dessen Bewohner sich beim ersten Anbruch der großen Veränderungen geflüchtet hatten (die jesuitischen Rundhüte sind seitdem ganz in Italien abgeschafft und eckige geworden wie die Hüte aller andern Priester), alle Vertreter des geistigen und weltlichen Despotismus suchten den dreifach gekrönten Schwärmer zur Besinnung zu bringen … In der That stutzte er … Seine Wonne war zu sehr nur die äußere Acclamation gewesen … Diese blieb schon zuweilen aus; der tausendstimmige Mund des Volks schwieg zuweilen bei seinen Segnungen und solche Kränkungen wurzeln im Gemüth eines Mannes, der, wie alle Italiener, den Beifall liebt … Schon schmollte er zuweilen … Er fand 96 Freunde und Freundinnen, die sein Schmollen für gerecht nahmen … Noch nannte er seine Erfahrungen die gewöhnlichen Belohnungen des Undanks … Mit der Zeit vergrößerte sich die Zahl derjenigen, die mit ihm nicht gern in der Minorität standen … Endlich sollte gar sein kleines Heer zu den Kämpfern stoßen, die Oesterreich gegenüber mit den Waffen behaupten wollten, was bisher nur in Liedern gesungen, in Declamationen gesprochen worden … Da fing die Hand, die die Fahnen zum Unabhängigkeitskriege segnen sollte, zu zittern an … Die Zeit der Dictatoren, der Consuln und Tribunen Roms mit dem ganzen Gefolge der Demüthigungen des geistlichen Primats schien im Anzuge … Nun rief der Heilige Vater vom Balcon des Quirinal herab: „Gewisse Rufe, die nicht vom Volke, sondern von wenigen herrühren, kann ich, darf ich, will ich nicht hören!“ …

Es sanken die Fahnen der Erhebung Italiens gegen Oesterreich … Die von Sardinien erhobenen Banner mit dem weißen Malteserkreuz zersplitterten … Das „Schwert Italiens“ brach in Stücke … Das hatt’ ich nimmermehr gewollt! erklärte der Zauberer aller dieser Stürme; Prospero, der Beherrscher der Winde, ging zum Sieger über … Er dachte noch nicht wieder an Fefelotti, den er haßte; noch bot eine starke Hand, die den Nachen Petri retten sollte, Pellegrino Rossi … Als dieser vom Dolch eines Mörders durchbohrt, der Vatican von einer Revolution belagert wurde, Kugeln in die Gemächer des Stellvertreters Christi flogen – da verkleidete sich der Ueberwundene in den Diener eines deutschen Grafen, täuschte seine Wächter und überließ die ewige 97 Stadt ihrem Verhängniß, den Siegern, den Bertinazzis, Venturas, Sarzanas, allen denen, die auf Crucifix, Todtenkopf und Rosenkranz geschworen hatten für eine Sache, der sie jetzt auf dem Capitol als Rächer saßen – Sarzana, das wußte jetzt alle Welt, hatte an Ceccone die geheiligte Rache eines Italieners geübt …

Rom war eine Republik geworden und stand unter dem Bann der kirchlichen Excommunication … Die Stadt selbst kümmerte die Ungnade des Himmels wenig; – in einem mit Priestern und Mönchen überfüllten Lande fanden sich Hände genug, die die nothwendigsten Sacramente ertheilten … Das „Schwert Italiens“ rüstete sich am Fuß der Alpen zu einem zweiten Gange … Viele Flüchtlinge der Staaten, wo die frühere Ordnung schon wiederhergestellt war, strömten nach Rom … Cäsar von Montalto – Italiener geworden – nach manchem bittern Seelenkampfe – nun schon mit ergrauendem Haar, fehlte nicht unter denen, deren Namen bei Wahlversammlungen und Ehrenämtern auftauchten …

Alles das verlautete nach und nach bis zum Genfersee – dann aber nach Nizza hin, wohin man von Schloß Bex in der That übersiedelte …

Monika hätte sich anfangs selbst in diese Bewegung stürzen mögen … So vieles sah sie, was, bei aller Uebereinstimmung, doch noch, nach ihrer Meinung, anders, besonnener, vorsichtiger hätte unternommen sein können … Jener Trieb, der 1793 eine Manon Roland in den Rath der Männer und aufs Schaffot führte, regt sich in großen Krisen bei jeder Frau von Geist – und keine 98 große Begebenheit der Geschichte ist ohne die Mitwirkung der Frauen geblieben … Aber die Besorgniß um den Gatten, die Rücksicht auf den dahinsiechenden Hedemann, die Gewöhnung an die biblischen Auffassungen der Ergebung in den Rathschluß Gottes hinderten die Ausführung der sich anfangs wirr durchkreuzenden Entschlüsse, die zuletzt nur am Ziel einer Entäußerung des Schlosses Bex anlangten …

Als die Franzosen der Republik gegen die Republik Rom zogen, sah die Familie von Nizzas Molo aus die leuchtenden Segel ihrer Flotte …

Nizzas mildes Klima war für den Winter dem leidenden Freunde von einigem Nutzen gewesen … Der Oberst und Monika verschlangen die Zeitungen des Café Royal … Armgart hatte sich dem Zeichnen und Malen ergeben und hörte aus der Welt nur das Allernothwendigste … Sie wohnten in einem Gartenhause, nicht weit vom Ufer des Meeres … Tag und Nacht vernahmen sie den gleichmäßigen Schlag der Wogen an das Gemäuer der Meerterrasse … Einen Winter gab es hier nicht … Selbst im Januar konnte Armgart im Freien, unter dem immergrünen Laub von Lebenseichen ihre kleinen Landschaftsskizzen ausführen, während Erdmuthe, Porzia’s Kind, um sie her auf den mit zerbröckeltem Marmorkalk bestreuten Wegen zwischen den buchsbaumumfriedigten Beeten des kleinen Ziergartens sich tummelte … Armgart hörte, daß in Rom drei Männer das Heft in Händen hielten, Terschka’s früherer Beschützer, nach dem Untergang der Bandiera entschiedenster Gegner Mazzini, mit ihm Saffi und Armellini … Graf Sarzana befehligte 99 einen Theil des Heeres … Oft wurde Cäsar Montalto genannt – einmal als Befehlshaber einer Truppenabtheilung, die in den Umgebungen Porto d’Ascolis eine Gegenrevolution unterdrückte; die Räuberelemente wurden noch immer benutzt, um den gestürzten Machthabern als Anhalt zu dienen und an andern Orten wurde, eine Veranstaltung derselben Intrigue, der Fanatismus bis zur Schreckensherrschaft gesteigert – Opfer über Opfer fielen dann unter den Dolchen dieser wahnsinnig Gemachten ober Erkauften … Alles das waren bekannte Stratageme aus dem geheimen, allerdings ungeschriebenen, aber praktisch vorhandenen Codex der Monita secreta Loyola’s …

In diese Schrecken der aufgeregten Leidenschaft donnerten nun die Kanonen der Belagerung Roms … Die Höhe, bis zu der die Bewegung durch Rom gekommen, sollte selbst in den Augen der französischen Republik aufhören, die sich schon für den Uebergang zum Kaiserreich rüstete … Wir kommen als Freunde! riefen die Abgeordneten der Franzosen – aber Rom antwortete durch eine Rüstung zum Kampf auf Leben und Tod … Avezzana, Garibaldi, Sarzana befehligten … Der Kampf entbrannte an der Porta San-Pancrazio zu einer Schlacht … Die Römer siegten … Die Franzosen, ohne Enthusiasmus für ihre Aufgabe, zogen sich zurück … Vom Norden kamen die Heersäulen Oesterreichs, vom Süden die des Königs von Neapel … Spanier landeten und die Franzosen erhielten Verstärkung … Vergebens rief das römische Triumvirat: „Ein fester Zug waltet im Herzen des römischen Volkes: der Haß gegen die Priesterherrschaft, 100 unter welcher Form sie auch auftrete, der Widerwille gegen die weltliche Herrschaft der Päpste!“*) … Der Kampf entbrannte aufs neue … Die Franzosen nahmen die Villa Pamfili und die Villa Corsini … Garibaldi stürzte sich mit seiner italienischen Legion auf die letztere und ließ sie wieder im Sturm angreifen … Drei Stunden der äußersten Anstrengung und es gelang, die Franzosen von den Wällen zu vertreiben, zwölfhundert Todte bedeckten das Feld; wieder war der Sieg den Belagerten geblieben … Aber die Uebermacht war zu groß; nicht endender Kanonendonner verwirrte die Gemüther; glühende Bomben flogen bei Tag und bei Nacht, die Luft war ein Feuermeer; unter Schrecken, die dem entsetzten Volk dem Weltuntergang gleichzukommen schienen, ließen sich über Rauch und Trümmern die ersten Franzosen in der Stadt sehen … Am 2. Juli empfing Oudinot die Capitulation …

Noch vor diesem Tage, während sich das blutige Schauspiel des untergehenden republikanischen Roms vollzog, hatte sich die Aufregung der Gemüther nicht länger in Nizza beruhigen können … Der Aufenthalt daselbst war ohnehin im Sommer zu widerrathen. Trockene scharfe Winde wehen von den Alpen her, die Luft ist heiß, spärlich die Erquickung des Schattens, der kreidige Boden setzt einen dem Athem beschwerlichen beizenden Staub ab – die kleine Colonie suchte sich durch Ausflüge in die Berge zu helfen, suchte die kühleren, von einer üppigen Vegetation geschmückten Schluchten der Cimiés auf – 101 aber das Steigen ermüdete Hedemann … Blieb er auch meist daheim und athmete die Blumendüfte zahlloser Gärten, wo allabendlich Tausende von Orangeblüten frisch gebrochen in die Fabriken künstlicher Duftgewässer getragen werden – alles das, was man von Schönheit und Wohlbehagen als Grund zum Bleiben sich einredete, half zuletzt nichts, um die große Vereinsamung der Gemüther zu verbergen … Nun schrieben Paula und ihr Gatte von Gräfin Erdmuthens zunehmender Schwäche, von einer bedenklichen Erkrankung, bevorstehender Auflösung, vom dringendsten Verlangen der Gräfin, sie alle noch einmal zu sehen – nun beschloß man, die bisher aufrechterhaltenen Ueberzeugungen über die Schwierigkeit dieser Begegnungen, alle Gründe dieses gegenseitigen langen Vermeidens zu durchbrechen und die Reise anzutreten … Paula war von ihrem magnetischen Leben befreit … Was die Nähe des Erzbischofs nicht mehr hervorrief, konnte doch wol nicht mehr der Oberst wecken …

Zu den Beweggründen der Reise gesellte sich ein nicht zu unterdrückendes Interesse für Benno von Asselyn … Bellona’s Sichel war in mächtiger Arbeit … Graf Sarzana befand sich bereits, hieß es, unter den Gefallenen … Benno’s Schicksal wurde selbst in Paula’s Briefen für eine gemeinsame Sorge erklärt … Armgart irrte oft einsam wie die Möve am Meeresstrand … Entsagt ein Frauenherz, so bildet sich mit den Jahren ein Cultus des Gemüths, der unbewußt die Rechte auf sein Verlorenes übertreibt, ja sich das, was nie besessen und genossen, wie ein wirkliches, ein volles Glück ausmalt …

102 Und so erklomm denn jetzt die kleine, aus so eigenthümlichen Elementen bestehende Colonie den Col de Tende …

Sie alle trugen über die Felsen hinweg eine Welt voll Trauer … Ihr Innerstes war schwerbeladen und doch schienen sie am Nächsten interessirt … An Steinen, an Blumen, am Plaudern des Kindes … Weiß man denn, was von den Fähigkeiten unserer Natur mehr zu hassen ist, die schnelle Gewöhnung an Glück oder die schnelle Gewöhnung an Unglück! …

Nun ist die Höhe erreicht … Aber der niederwärtsgehende Weg blieb noch unabsehbar bis zu den grünen prangenden Thälern, die erwartet werden durften … Kahle und öde Gesteine ringsum … Einsame Sennerhütten wechseln mit Holzschuppen, Zufluchtstätten des Wanderers im Wintersturm … Mächtige Steine müssen an ihnen die Schindelbedachung gegen die Stürme festhalten … Zwischen Felsen und Wasserstürzen, oft wunderbaren Lichtungen, wo überrascht der Blick bis in die Cottischen Alpen hinüberschweift, zwischen Resten alter Römerbauten und zerbrochenen Schlössern der rauhesten Zeit des Mittelalters hindurch, war dann endlich gegen Mitternacht das Städtchen Limone erreicht …

Hier überraschte die Reisenden Graf Hugo, der die Aufmerksamkeit gehabt hatte, ihnen entgegenzukommen … Er kam ohne Paula … Der alte freundliche, herzliche Ton der Bewillkommnung half sogleich über die lange Reihe von Jahren hinweg, wo man sich nicht gesehen hatte … Armgart und der Graf sahen sich sogar zum ersten mal – Sie staunten einander an … 103 Das ist das Große im Menschen – zwei erdgeborene hülflose Wesen können sich betrachten, wie ein nur einmal in der Welt vorhandenes Schauspiel der Natur und wie eine Begebenheit, die so, wie in dieser Erscheinung, nirgend und niemals wiederkehrt …

Nach einer Versicherung des Grafen, daß die Mutter noch einige Tage leben würde, überließen sich die Ermüdeten dem aufgethürmten Maisstroh in einem Wirthshause, das – in Limone! – den Namen führte „Grand Hôtel de l’Europe“ …

104 4.#

Im Widerspruch mit dem im goldensten Sonnenglanz strahlenden Limone lag am frühen Morgen auf den Mienen der nach so langer Trennung sich Begrüßenden der Ausdruck der Trauer … Die Ankömmlinge sahen wohl, daß den Grafen gestern nur die Besorgniß, die von seiner Mutter so heißersehnten Freunde möchten nicht mehr rechtzeitig eintreffen, bis nach Limone getrieben hatte, von wo er über den Col Stafetten aussenden wollte, als sie dann endlich ankamen … In erster Morgendämmerung hatte ein reitender Bote den Wink des Arztes gebracht, daß seine eigene Rückkehr zu beschleunigen war …

Graf Hugo hatte gealtert … Sein braunes Lockenhaar war lichter geworden und an vielen Stellen ergraut … Die stattliche Haltung war der zurückgebliebenen Gewohnheit seines militärischen Standes zuzuschreiben; seiner Stimmung entsprach sie nicht … An seinen Antworten auf Monika’s Bewunderung der ent-105zückenden Gegend sah man, daß Schloß Castellungo ein Ort der Trauer war … Auch Paula war, erfuhren sie, von Coni, wo sie wohnte, heraufgekommen und harrte ihrer in Castellungo …

Der italienischen Sitte gemäß, wo Rang und Reichthum ihren äußern Ausdruck finden müssen, fuhr mit dem Reisewagen des Obersten auch ein Staatswagen, ein Viergespann prächtiger Rosse vor und erlaubte die Theilung der Gesellschaft … Obgleich sich Armgart zum Grafen hingezogen fühlte, blieb sie doch bei den Hedemanns … Monika, der Oberst, Graf Hugo nahmen die Plätze der offenen großen Equipage ein, die von einem buntgekleideten Kutscher vom Sattel aus geführt wurde … Zwei Bediente leuchteten in neuen Livreen mit den Dorste’schen Farben … Man konnte sich nach Westerhof versetzt glauben, wenn die schöne Natur und der blaue Himmel nicht zu sehr an die Glückseligkeit Italiens erinnert hätte …

Die Gespräche ringsum, schon im Gasthof und im Städtchen, berührten auch die Weltbegebenheiten … Armgart hatte gehört, daß die Kämpfe in Rom zwar noch fortdauerten, aber schon für die Republik hoffnungslos waren … An einem geheimen Blick der Aeltern sah sie, daß auch von Benno gesprochen wurde … Zitternd stand sie, mochte hören und auch nicht – jetzt saß sie abwesend, fast fiebernd, auch in Folge der gestrigen Anstrengung und einer nur kurzen Nachtruhe … Neben ihr suchte sich Porzia, in den Wonneschauern des Wiedersehens ihrer Heimat, durch ein Durcheinandersprechen zu helfen; sie erklärte jedes Haus, jede Mühle 106 und grüßte jeden Vorübergehenden, als müßte sie noch von allen gekannt sein … Erdmuthe langte nach den Früchten, die aus den Gärten blinkten – Armgart nahm sie auf den Schoos, um sie zurückzuhalten … Dabei schwankte sie doch selbst vor Freude und Bangen in ihrer hochgespannten Brust …

Nach zweistündiger Fahrt, die unter Kastanien- und Nußbäumen, oft wie unter dem Laubdach eines Parkes dahinging, hielt plötzlich der vorausfahrende Wagen des Grafen … Eine Biegung des zuweilen von rauschenden Bergwässern unterbrochenen Weges verhinderte noch, die Ursache des Haltens zu entdecken … Als Armgart’s Wagen näher gekommen war, sah sie unter einer Pflanzung von Eichen, die am Wege auf einer grünen Böschung standen, eine Gruppe sich herzlich Bewillkommnender … Eine Dame, die, vom blauen Sonnenäther sich abhebend, hingegeben in den Armen des Vaters und der Mutter lag und doch zugleich mit einem weißen Tuch in die Ferne wehte, um die noch Zurückgebliebenen schon zu begrüßen, konnte wol nur Paula sein …

Im ersten Augenblick hätte Armgart laut rufen und alle ihre krampfhaft zusammengedrängten Empfindungen in einem Schrei lösen mögen … Ihr Wagen flog jetzt dahin und hielt … Der Schlag wurde geöffnet; sie schwebte, sie wußte nicht wie … Paula lag überwältigt in ihren Armen und senkte ihr Haupt auf die Schultern der athemlosen Freundin …

Daß beide weinten, trotz der Freude – lag es nur allein im Hinblick auf die Sterbende in Castellungo? … Angenommen wurde es … Ihr krampfhaftes, 107 in kurzen Sätzen erfolgendes Schluchzen, das beiden ihre Empfindungen erleichterte, sagte wol mehr …

Ein dritter Wagen, mit dem nun noch Paula gekommen war, nahm diese und Armgart allein auf … Sie wollten für sich und hinter allen zurückbleiben … Die andern, dabei eine Italienerin, Begleiterin Paula’s, fuhren voraus … Nun erst begrüßten sich die Freundinnen ganz so, wie sie es für sich allein bedurften; nun erst sahen sie, was sie inzwischen geworden – sie spiegelten sich in ihren thränenblinkenden Augen … Paula trug keine Locken mehr … Sie bot vollkommen das Bild einer Dreißigjährigen … Sie war noch nicht verblüht, hatte aber Linien des Grams auf ihrer Stirn und um den Mund jene Einschnitte, die nicht mehr weichen wollen … Ein leichter, mit blauen Florentinerblumen geschmückter Strohhut umrahmte ihr edles Antlitz … Die Freundinnen prüften sich fort und fort, Auge in Auge … Wer beide beobachtete, konnte zweifelnd bleiben: Sind das zwei Jungfrauen oder zwei Witwen? …

Das also das Land deiner Verheißungen! … Das das Land – deiner Träume … begann Armgart sich nun erst findend und in der immer paradiesischeren Gegend umblickend – …

Der Bediente war auf die andern Wägen geschickt worden … Der Kutscher hatte mit seinen Rossen zu thun … Die Freundinnen konnten annehmen, daß sie allein waren …

Seit ich hier bin, träum’ ich schon lange nicht mehr, erwiderte Paula … Ich sehe irdisch wie alle … Die Luft dieser Berge ist gesund … Du und die 108 Aeltern, alle müßt ihr nun bei uns bleiben … Mein Gatte – sagt’ er es nicht schon? – sehnt sich freilich in die Welt zurück … Der Kriegslärm lockt ihn schon lange, um wieder in die Armee zu treten … Aber – ihr bleibt …

Die Beziehung zu dem Lande hier war im Kriegssturm gewiß die bitterste und schwerste? unterbrach Armgart …

Die Mutter glich alles aus – erwiderte Paula … Sie war – so hochverehrt … War! … O, daß ihr zu solcher Trauer kommt! …

Und auch wir bringen Leid … Der arme Hedemann! …

Paula war voll herzlichsten Antheils … Die Freundinnen sprachen wehmuthbewegt von Westerhof, Witoborn, vom Stift Heiligenkreuz … Neuigkeiten gab es genug … Vom Erzbischof von Coni war noch nicht die Rede – nur von Coni selbst, wo Paula wohnte …

Coni ist zwölf Miglien von hier … sagte sie und bediente sich der italienischen Bezeichnung für eine Entfernung, die Armgart auf drei deutsche Meilen zu deuten wußte … So weit lag etwa von Heiligenkreuz Schloß Neuhof entfernt … Jedes Wort, das die Freundinnen wechselten, weckte heilige Erinnerungen …

Paula deutete auf einen zur Linken sich erhebenden grünen Hügel, auf den sich terrassenförmig ein Stationsweg hinaufschlängelte und oben eine kleine Kirche malerisch vom blauen Hintergrunde abhob …

Die Kapelle der „besten Maria!“ erklärte Paula der den landschaftlichen Reizen schon als Künstlerin lauschenden Freundin …

109 Diese konnte in einem Augenblick, wo sie schon soviel trübe mit dem Religionszwiespalt zusammenhängende Verhältnisse theurer Angehöriger besprochen hatten, in dieser Hindeutung auf die „beste Maria“ nur einen Anlaß finden, an das unsichtbare und ohne Bild verehrte Princip der schmerzverklärten weiblichen Liebe überhaupt zu denken … Sie faltete die Hände und sagte:

Das also der Altar, wo die Cocons gesegnet wurden, die dein Brautkleid werden sollten! …

Paula erröthete …

Armgart hielt eine Lobrede auf den Grafen, rühmte den Eindruck, den er mache, seine Natürlichkeit, seine Trauer um die Mutter …

Er ist gut! bezeugte Paula …

Das der beste Schmuck eines Mannes! entgegnete Armgart mit Andeutung ihrer eigenen trüben Lebenserfahrung …

Nun schwiegen die Freundinnen … Was sie fühlten, verstanden sie ja … Ihr Briefwechsel hatte nichts von ihren tiefern Lebenslagen verschleiert, wenn sie auch nicht in Allem gleicher Meinung waren …

Die Zahl der Wegwanderer, der Fahrenden, Reiter mehrte sich inzwischen … Obgleich die Embleme des katholischen Cultus nicht fehlten, bemerkte doch Armgart Landleute, die einen eigenen Ausdruck der Mienen hatten und der ihr aus Lausanne und Genf bekannt war … Sie forschte für sich nach Waldensern – nach der ganzen Sehnsucht Hedemann’s und ihrer Aeltern …

Ein Städtchen kam mit einer mächtigen, dem Ort kaum angemessenen Kathedrale … Eine hochgewölbte 110 Kuppel ragte weit über das ganze Städtchen hinweg …

Das ist Robillante! sagte Paula …

Armgart’s Augen fanden schon von selbst vor dem Thor der Stadt das bischöfliche Kapitel … Ein mächtiges Gebäude im Jesuitenstyl, die Kirche daneben mit Kuppel und schnörkelhafter Façade … Die Kirche hatte ein Glockenspiel und intonirte soeben mit kurzem Ansatz den Schlag der zehnten Stunde, dem dann ein Musikstück, wie eine Galopade, folgte …

Das war nun in Italien nicht anders … Bonaventura hatte hier als Bischof, erzählte Paula, die Melodie geändert … Sein Nachfolger hatte wieder die Tänze zurückgeführt …

Mit dieser kurzen Erwähnung waren denn auch jene Kämpfe angedeutet, die der fremde Eindringling auf diesem Boden zu bestehen hatte … Im letzten Revolutionssturm hatten sie nachgelassen … Jetzt, nach Piemonts Demüthigung, begannen sie wieder … Auch gegen die neue, in Turin im Bau begriffene Waldenserkirche hatte der neue Bischof von Robillante energischen Protest erlassen …

Armgart’s Phantasie hatte inzwischen Spielraum, sich auszumalen, wie dort Bonaventura in dem von ehrerbietig grüßenden Priestern umstandenen, nicht endenden Palaste wohnte und wie auch einst Benno und Thiebold hinter jenen stattlichen Fenstern mit den Balconen und grünen Jalousieen dort von ihm aufgenommen wurden – …

Die Stadt selbst wurde umfahren … Wieder glänzte im Sonnenschein Berg und Flur … Nur die vielen, um 111 der Seidenwürmer willen entlaubten Maulbeerbäume störten den malerischen Eindruck … Wieder folgten die Grüße von Landleuten, die auf Armgart einen schweizerischen Eindruck machten …

Waldenser! bestätigte auch Paula … Wohlhabende Leute darunter … Dank der Fürsorge der Mutter … Unsere Gemeinde hier ist nur klein – … Die Mehrzahl wohnt dort oben … In den Thälern um Pignerol sind ihrer Tausende …

Schon suchte Armgart’s Auge nach Castellungo … Viele Schlösser gab es, die auf den grünen Hügeln, den Vorbergen hinterwärts aufstarrender schrofferer Felswände, leuchteten … Paula deutete auf einen schimmernden Punkt in weiter Ferne – eine unter einem tiefdunkeln Waldkranz hervorragende Flagge …

So krank die Mutter ist, sagte sie, hat sie zu eurem Empfang das Aufziehen aller Fahnen befohlen … Auch eure Farben und die der Hardenbergs werdet ihr finden … Bei hohen Festen sind alle Zinnen damit geschmückt … Bald wird die schwarze Trauerfahne wehen …

Das Gespräch kam auf die Waldenser zurück und Paula sprach von ihnen, ohne das mindeste Zeichen der Abneigung … Alle diese Verhältnisse umschlang hier schon lange das gemeinsame Band der Schonung und Familienrücksicht … Eine Frage wie die: Wird wol Graf Hugo nach dem Tode seiner Mutter katholisch werden? kam nicht von Armgart’s Lippen; edle Bildung scheut nichts mehr, als das Aussprechen des Namenlosen; sie läßt das Misliche an sich kommen, ohne es zu 112 rufen … Wie Paula, ihr Gatte und der priesterliche Freund in Coni zusammenlebten, wußte ja Armgart seit Jahren aus dem Briefwechsel der Freundin … Sie kannte, was hier im Herzen edler Menschen möglich, freilich auch nach der Anschauung ihrer Mutter und der Mutter des Grafen ein sprechender Beweis für die tiefe Verwerflichkeit der katholischen Kirche war …

Um dieser Schonung ihres Verhältnisses zu Bonaventura willen berührte auch noch Paula nichts, was zum Unaussprechlichen in Armgart’s Seele gehörte … Seitdem Benno ein Opfer der Dankbarkeit für Olympia geworden, hatte er aufgehört, für diese ohnehin im Politischen nicht mit dem herrschenden Zeitgeist gehenden Kreise anders, als in den Bildern alter Zeit zu existiren … Der Graf hatte schon in Limone seine alte Anhänglichkeit an Oesterreich zu erkennen gegeben … Die Gegend würde ihn, sagte er, in dieser anarchischen Zeit mit dem feindseligsten Mistrauen betrachtet haben, wäre die Mutter nicht so hochverehrt … Paula verschwieg nun auch nicht, daß sie alle anfangs dem Ruf des Erzbischofs geschadet hätten … Armgart erkannte an allem, was sie so abgebrochen hörte, daß nach dem Tode der Gräfin irgendeine große Entschließung im Werke war … Der Tod Sarzana’s wurde von Paula bestätigt … Von Lucinde, von Cäsar von Montalto hatte man keine Nachricht …

Im Austausch der durch alle diese Namen und Verhältnisse hervorgerufenen Empfindungen entdeckte man endlich die deutlichen Umrisse des sich allmählich als Beherrscher eines dichtbevölkerten Thals und einer kleinen Ortschaft erhebenden, aber mehr den Bergen zugelegenen Schlosses 113 … Wohl konnte Armgart begreifen, wie sich Graf Hugo’s Vater mit diesem Prachtgebäude hatte in Schulden stürzen müssen … Castellungo gehörte der Gräfin, aber ihr Gatte hatte beigetragen, es weit über ihre Mittel zu einem leuchtenden Mittelpunkt der reizenden Landschaft zu erheben – es war der einzige Adelssitz, der hier noch an die Zeiten der gebrochenen Burgen der Tenda und Saluzzo erinnern konnte … Thürme erhoben sich mit gezackten Zinnen, mit Altanen, freischwebenden luftigen Brücken – alles hätte, ohne den düstern Flor, der auf dem Ganzen lag, einen um so anziehenderen Aufenthalt verheißen können, als die Reize der Natur, wie ihm schmeichelnd, sich rings um den mächtigen Bau lehnten … Eine üppige Fruchtbarkeit, gute, freundliche Menschen, die ihre Wohnungen bis weit hinauf über die Berggelände hatten, alles das machte den wohlthuendsten Eindruck …

Wie schmerzlich, daß die Diener, die den auf dem bequemsten Schlängelpfade bis zum Schloß anfahrenden Wägen entgegeneilten, schon in ihren Mienen die angebrochene letzte Stunde der Gräfin berichteten …

Hedemann, nach dem die Sterbende ein besonderes Verlangen trug, stand schon an der Eingangspforte unter den mächtigen Wappenschildern von Marmor und sah sich in der weiten schönen Gegend und in den blumengeschmückten Höfen des Schlosses mit einem Blick um, als wollte er sagen: Hier wirst auch du dein letztes Lager finden! …

Eilends stiegen alle aus … Bangklopfenden Herzens folgte man dem Grafen, der Monika den Arm bot … 114 Paula wurde vom Obersten geführt, der sich noch scheute, sich ihr zu sehr zu nähern … Aber Paula’s gen Himmel erhobener Blick schien den Dank aussprechen zu wollen, daß sich ihr Leben schon lange unter die allgemeinen Bedingungen der Natur gestellt hätte … Fest klammerte sie sich an den ihr sympathischen Mann – den Vater ihrer geliebten, so langentbehrten Armgart … Auch der Mutter warf sie nur Blicke der Liebe und Versöhnung zu …

Der Aufgang, das Treppenhaus, alles gab sich in hohem Grade würdig … Decken lagen ausgebreitet auf Marmor und Granit … Die Diener gingen leise auf und ab in reicher Zahl … Die alte Gräfin hielt auf den Glanz ihres Hauses; zumal, seitdem die frühere Entbehrung geschwunden … Ordnung und Sauberkeit waltete auf allen Gängen … Die steigende Mittagshitze verlor sich in Schatten und Kühle … Im Schmuck der dann betretenen hohen, luftigen und hellen Zimmer herrschte ein gewählter Geschmack … Graf Hugo’s Liebhaberei waren schon in Salem kunstvolle Möbel und gediegene Einrichtungen … Schon in Limone deutete er dem Obersten an, daß ihn Langeweile nie beschlichen hätte – zu thun gäb’ es bei großem Besitz immer und oft fehle ihm die Zeit, alles allein zu besorgen – Schloß Salem war unverkauft geblieben und seit diesen zehn Jahren jährlich von ihm auf einige Wochen besucht worden … Für die Ankömmlinge, die er gern für immer gefesselt hätte, war ein ganzer Flügel des Schlosses eingerichtet … In einem hellleuchtenden, säulengeschmückten Saale stand dann eine von 115 Silber und Krystall glänzende, gedeckte Tafel … Hier fanden sich alle Schloßbewohner beisammen … Und wohl sah man, daß der Todesengel waltete … An einer hohen, schwarzen, reich mit Holzschnittarbeit gezierten Thür standen weinende Frauen … Einige davon erkannten sogleich von alten Zeiten her Porzia und begrüßten sie … Auch Monika und Armgart fanden Bekannte, jene aus Wien, diese aus London … Inzwischen öffnete der Graf jene schwarze Thür und bedeutete die Freunde ihm zu folgen … In einem Vorzimmer sollten alle so lange verweilen, bis er die Mutter auf die endliche Ankunft derselben vorbereitet hätte …

Von einem würdigen Manne in schwarzer Kleidung, der ein Prediger schien, wurden zuerst der Oberst und Monika allein hereingerufen … Paula schloß sich ihnen an …

Nach einer Weile rief Paula auch Armgart herein …

Dann durften Hedemann und Porzia und mit ihnen das kleine Pathenkind kommen …

In einem grünverhangenen Eckzimmer lag auf einem Rollsessel ausgestreckt die Mutter des Grafen, schon einem ausgelebten Körper ähnlich … Ihre knöchernen Hände hatte sie auf der gepolsterten Lehne des Sessels liegen … Sie fühlte wol kaum noch die Küsse, die die um sie her Stehenden oder Knieenden auf die kalten Finger drückten … Porzia schluchzte laut – die andern schwiegen ehrfurchtsvoll, wenn auch ihre Augen voll Thränen standen …

Gräfin Erdmuthe winkte, daß niemand wieder hinaus 116 gehen sollte; sie wollte sie alle in ihrer Nähe behalten … Die Augen lagen tief in ihren Höhlen … Doch erkannte sie jeden … Lichtstrahlen der Freude, daß sie Menschen, die ihr zu allen Zeiten so werth gewesen, noch einmal sehen konnte, brachen unverkennbar aus ihren, schon halb erstarrten Zügen …

Wo gehst du denn hin? sprach die kleine Erdmuthe, da die Gräfin ihre Rede mit einem mehrmaligen: „Ich gehe –“ begonnen hatte …

In einen schönen – Garten –! … antwortete die Sterbende mühsam jede Sylbe betonend …

Wol in den, in den auch der Vater geht? … fragte das Kind und wurde um dieser Fragen willen leise von Porzia weggezogen …

Aber die Gräfin langte nach ihrem Pathchen und wehrte allen, ihm sein zutraulich Fragen zu verbieten …

Hedemann stand hinter dem Stuhl der Sterbenden und verrieth sein Leiden durch seinen Husten … Die Gräfin hatte ihn mit besonderer Theilnahme begrüßt … Da sie ihm nun, sich nach ihm wendend, zuflüsterte: „Ei – du – frommer – und – getreuer Knecht!“ fiel er, das Wort des Kindes bestätigend, ein: „Gehe ein zu deines Herrn Freude!“ …

Eine Pause trat ein, unterbrochen vom Weinen Porzia’s, auch jetzt vom Weinen des erschreckten Kindes …

Als es stiller geworden, winkte die Matrone dem Obersten, der ihr in Witoborn und Westerhof immer einen so vortheilhaften Eindruck gemacht hatte und dem sie schon aus Reue über ihre Absicht, Monika mit Terschka zu vermählen, besonders ergeben war, und 117 sprach mit ihm … Es währte lange, bis der Oberst verstand, was sie wollte …

Wie ist es – mit – Rom? verstand er endlich …

Er nannte ihr mit scharfbetonten Worten die gegenwärtige Sachlage des Kampfes … Der Sieg der Franzosen wäre, sagte er, so gut wie entschieden …

Sie überlegte lange, was gesprochen worden …

Monika errieth ihren Gedankengang und half dem Aussprechen desselben nach … Dieser Sieg, sagte sie dicht am Ohr der Gräfin, wird noch einmal die Herrschaft des Heiligen Vaters wieder zurückführen – bis – einst – …

Die Gräfin verfiel in einen röchelnden Husten, ergänzte aber, als der krampfhafte Anfall vorüber war, mit einer überraschenden Kraft: Bis einst die wahren Streiter kommen … Das ist das Lamm auf dem Berge – und mit ihm hundert – und vierzigtausend ohne andere – Waffen – als – …

Nun versagte die Stimme der Gräfin und Hedemann und Monika fielen ergänzend ein:

Als – den Namen des Herrn …

Den Namen des Herrn aus Monika’s Munde zu vernehmen schien der Gräfin außerordentlich wohlzuthun … Sie hatte früher an ihr den „rechten Grund“ vermißt, wußte nun aber aus Briefen schon lange, um wie viel die jüngere Freundin ihr näher gerückt war …

Der Sohn trat heran, um die Erregung der Mutter zu beschwichtigen …

Die Mutter hielt seine Hand fest und sah ihm mit weitgeöffneten Augen ins Antlitz …

118 Warum läuten die Glocken? … fragte sie ihn feierlich …

Es klangen keine Glocken … Nur im Nebenzimmer regte sich der Arzt, der hochberühmte Doctor Savelli aus Coni, der mit einem Glase näher trat, an dem nur so der silberne Löffel erklang …

Die Mutter hörte wol diesen Klang und deutete ihn auf das Läuten von Glocken und starrte wie ins Leere …

Nimm, Mutter! sprach der Graf mit liebevoller Bitte und reichte ihr selbst das Glas dar, das kräftig und würzig duftete … Es war die letzte Stärkung eines von seinen Lebensgeistern immer mehr Verlassenen – edler Tokayerwein …

Die Mutter betrachtete das Glas und erkannte wohl, daß das dargereichte Getränk Tokayer war … In ihrem Ideengang unterbrochen, sah sie den Sohn mit einem schmelzenden Liebesblick an … Nun zog sie ihn näher und heftete die Augen auf ein gerade vor ihr befindliches lebensgroßes Bild, das den Vater Hugo’s in Generalsuniform darstellte … Der Sohn verstand ihre Empfindungen … In Ungarn hatten ja er und der Vater gestanden … Er trocknete den Schweiß vom kalten Antlitz der immer mehr sich Aufregenden …

Hinter dem Arzt trat der Mann hervor, der alle anfangs empfangen hatte … Es war der Geistliche, der „Barbe“ des jenseits des Waldes, der sich hinter dem Schloßgarten erhob, gelegenen Waldenserdorfes, ein Herr Baldasseroni … Er hatte bisher für sich in Diodati’s italienischer Bibel gelesen …

Die Mutter sah zu ihm hinüber, langte nach der 119 Bibel, ließ sie sich auf den Schoos legen und setzte mit zitternden Händen das Glas mit dem Tokayerwein darauf … An seinem Inhalt, deutete sie an, wollte sie sich nach und nach erquicken … So sitzend hielt sie lange des Sohnes Hand …

Sie wiederholte aber, daß sie Glocken hörte, und murmelte, das Ohr gegen das Fenster richtend:

Glocken haben die Armen ja nicht – und keine Thürme … Nimm nicht die Glocke – von Federigo’s – Hütte … hörst du, mein Sohn? …

Der Graf nickte mit einer Miene, die fast vorwurfsvoll war … Er that, als traute sie ihm Unwürdiges zu …

Dann winkte sie Monika und Armgart, daß auch sie näher treten sollten … Beide nannte sie Du und langte nach Monika’s Locken, streichelte ihr auch die thränenfeuchte Wange und legte ihre und Armgart’s Hände ineinander … Dabei sprach sie langsam jenen ihren Lieblingsvers, der sie einst mit dem deutschen Fremdling verbunden hatte:

Wenn alle untreu werden,
So bleib’ ich dir doch treu,
Daß Dankbarkeit auf Erden
Nicht ausgestorben sei – …

Wieder trat eine Pause ein – jene Stille, die man den Engel nennt, der durchs Zimmer geht …

Die Kleine verscheuchte ihn … Da sie den Ernst der Scene störte, so duldete jetzt die Leidende, daß Armgart und Porzia das Kind den Dienern im Nebenzimmer zuführte …

Die Sterbende starrte wie tief innenwärts und hörte 120 nur ihre Glocken … Sie war so abwesend, daß man sanft das Glas mit der Bibel von ihrem Schoose fortnehmen konnte, ohne daß sie es bemerkte …

Ein großes Wasser – sprach sie dann in abgerissenen Sätzen, wird gehen und ein Donner wird ertönen – lass’ – die Glocke unberührt – Zum Gericht – des Herrn – Schwöre mir’s, mein Sohn, auch – wenn – du dem Thiere folgst – …

Mutter –! rief der Graf voll äußersten Schmerzes – und vielleicht weniger über den Verdacht, daß er seinen Glauben ändern könnte, als über die Sorgen, von denen sich die Mutter noch in ihrer letzten Stunde beunruhigen ließ …

Die Hochaufgerichtete fühlte den Stachel ihrer Worte in – Paula’s Herzen nach … Diese stand bescheiden hinter ihrem Sessel und beugte trauernd ihr lichtblondes Haupt auf die hohe schwarze Sammetlehne … Jetzt zog sie ihr Gatte näher und Paula kniete nieder …

Die Mutter gab ihr ein Zeichen versöhnlicher Gesinnung durch eine Aeußerung, die nur der Graf und die näher Eingeweihten als eine solche verstehen konnten … Sie tastete nach dem Buche, das man weggenommen … Als Baldasseroni es ihr wiedergeben wollte, sagte sie:

No! No! Signore! La Nobla Leyçon

Der „Barbe“ ging in das dunklere Nebengemach und brachte ein altes kleines Pergamentbändchen, in welchem er blätterte …

Sie –! … sprach die Gräfin und deutete auf ihre Schwiegertochter …

121 Mit erstickter Stimme, vor der Sterbenden knieend, las Paula in einer seltsamen Sprache aus diesem Buche vor … Es war kein Italienisch und kein Französisch, doch eine wohllautende Sprache … Man hörte Reime … Monika, Armgart und der Oberst glaubten das Patois von Nizza zu erkennen …

Paula las allmählich mit Begeisterung … Sie nur und Graf Hugo begriffen, wie die Mutter gerade in dieser Zumuthung, ihr aus der Nobla Leyçon vorzulesen, eine Versöhnung mit Bonaventura aussprach, den die Mutter mit unausrottbaren Gefühlen des Mistrauens verfolgte – trotz der damals alles für seine Stellung aufs Spiel setzenden Verwendung desselben für den in Neapel verschollenen Frâ Federigo, trotz seines zehnjährigen Kampfes gegen Lug und Trug im hierarchischen Leben um ihn her – sie konnte eben nur die ihrem Sohn abgewandte Seele seiner Gattin festhalten, deren Kinderlosigkeit, die unmoralischen Consequenzen im römischen Priesterleben, endlich die mögliche Gefahr, daß ihr Sohn nach ihrem Tode übertrat und den mystischen Bund, der hier zwischen drei Personen waltete, immer noch enger und enger schließen half …

Die Nobla Leyçon ist das älteste in provençalischer Sprache geschriebene Gedicht der Waldenser … Niemand verstand einst die provençalische Sprache so vollkommen und so rein und wußte den umwohnenden Waldensern ihre alten, sämmtlich in der Sprache der Troubadours geschriebenen Werke so zu übersetzen und zu erläutern wie Federigo, der diese Sprache kannte, noch ehe er von der Sekte der Waldenser wußte … Auch 122 Bonaventura, immer von den Erinnerungen und Sorgen um seinen Vater geleitet, auch in seinem Interesse für die Blüten der alten Kirchenpoesie, kannte diese alte Mundart und Paula erlernte sie in Coni ihm zu Liebe … Daß nun die Mutter im Stande war, sich von ihr noch zum letzten mal aus diesem Buche, einem für Paula allerdings ketzerischen, vorlesen zu lassen, war ein Act der Liebe, der Versöhnung, ein Gruß an den Erzbischof … Ihre Aufforderung gab auch Paula wahrhaft Schwingen … Sie las so laut die schönen wohlklingenden Verse, als wollte sie sagen: Im Geist rufst du nun ja auch noch Bonaventura an dein Lager und versöhnst dich mit dem edelsten der Menschen! … Als Paula bis zu den Worten gekommen war:

Intrate in la sancta maison!

blickte sie auf …

Die Mutter schien entschlummert … Paula erhob sich …

Aber auch die Sterbende hob die Augen, sah eine Weile, als wäre sie abwesend, starr um sich und sprach:

„Ich bin – der Weg – die Wahrheit und das Leben – niemand kommt – zum Vater, denn durch mich!“ …

Das sahen alle, sie verweilte in den Erinnerungen an die Hütte jenes Einsiedlers, den sie so wahrhaft verehrt und lieb gehabt und von dem sie seit seiner Entweichung nichts mehr vernommen, als, in einem einzigen Abschiedsbriefe für dies Leben, die Bitte an jeden, der ihm Gutes erwiesen und noch erweisen wollte, nie, aber auch nie mehr nach ihm zu forschen …

123 Intrate in la sancta maison! … wiederholte sie mit einem Aufblick gen Himmel …

Monika und Armgart, die das noch im Nebenzimmer plaudernde Kind nun ganz entfernt hatten, gingen hin und wieder …

Immer stiller wurde es – still wie schon im Grabe … Jeder hielt den Athem zurück … Da noch einmal streckte die Sterbende die Hände aus und flüsterte mit dem Hohenliede, sicher in Anregung ihres Gedächtnisses durch Armgart’s Abbildung der im Herzen Gottes als befiederte Kreuze aufsteigenden Seelen:

„Hätt’ – ich – Taubenflügel!“ …

Mit diesen Worten sank sie, von Schmerzen überwältigt und nach Erlösung ringend, zurück … Lange noch wehrte sie Bilder ab, die sie beängstigten … Ihre Stimme blieb erstickt … Ihre Hände sanken erstarrt … An ihrem geöffnet stehenbleibenden Munde traten kleine Schaumbläschen hervor … Sie war noch nicht ganz todt, aber schon zeigte ihr Antlitz jene herbe Strenge, die unsern Gesichtszügen der Tod verleiht …

Der Arzt, der Geistliche traten eilends näher … Leise begab sich alles aus dem Zimmer und trat in den Saal zurück, während die Sterbende auf ihrem Lehnsessel von Dienern unter Hugo’s Leitung sanft zurückgerollt wurde in die dunkleren Nebenzimmer …

„Ach, hätt’ ich Taubenflügel!“ … wiederholte Hedemann …

Auch ihm erklang dies letzte Scheidewort der edlen Frau wie der Ruf nach Erlösung von den Schmerzen, die auf seiner kranken Brust lasteten …

124 Im Saale, in welchen alle zurückkehrten, brach die Theilnahme in ihrer ganzen bisher zurückgehaltenen Macht aus … Die Frauen schluchzten … Auch die Männer traten bei Seite … Monika trat bald zum Gatten, bald zu Hedemann, der am Fenster saß und Weib und Kind liebevoll an sich gezogen hatte …

Es war dann ein Trauermahl, das in dem schönen Raume genommen wurde … Unsere menschliche Natur erscheint uns nie geringer, wird nie von uns unlieber befriedigt, als wenn unsere himmelentstammte Seele aufjammern möchte vor Schmerz und doch unser Leben und Sein unter dem Druck des physischen Erdenverhängnisses steht …

Noch ehe das Mahl, dessen stärkende Wirkung alle bedurften, zu Ende war, wurde dem Grafen heimlich eine Botschaft überbracht, die ihn bestimmte, sofort aufzuspringen und sich zu entfernen …

Alle folgten ihm erschreckt …

Der Bote sagte, die Gräfin hätte vollendet …

Bebend folgte man dem Grafen … Paula vor allen, deren Brust von so vielen Schmerzen durchwühlt wurde, deren Gründe sich von den Andern wol ahnen ließen … In ernsten Krisen erkannte sie, wie sehr der Graf zu lieben war …

Der Arzt und der Geistliche lüfteten die Vorhänge des Schlafzimmers … Der schöne sonnenhelle Tag schien herein und beleuchtete die Züge der Entschlafenen … Sie hatte, hörte man, noch versucht, die Worte nachzusprechen, die über ihrem Bett unter ein Bild des ihr verwandten Dichters Novalis-Hardenberg geschrieben waren:

125 „Und wenn Du Ihm dein Herz gegeben,
So ist auch Seines ewig dein!“ …

Da stockte die Zunge wie gelähmt … Sie hatte ausgehaucht …

Nun läuteten in der That fernher die Glocken … Die ehernen Zungen eines andern Bekenntnisses waren es … Auch Gesänge mischten sich ein, dicht in der Nähe … Diese galten der Entschlafenen … Ein Chor von Kindern stimmte ein geistliches Lied unter ihren Fenstern an … Regelmäßig an jedem Nachmittag hatte sich die Gräfin von den Kindern der Waldensergemeinde, die vom Gebirg herunterkamen, diese Erquickung erbeten – der Pfarrer erklärte dies den Hörern …

Jetzt kam auch ein Herr Giorgio, der sogenannte Moderatore oder Kirchenvorstand der kleinen Colonie und brachte zu aller Erstaunen eine Schrift, die die Gräfin in seine Hand gelegt hatte mit dem Bedeuten, sie erst ihrem Sohne zu zeigen, unmittelbar wenn sie die Augen geschlossen hätte …

Der Graf erbrach das unversehrte Siegel, las und theilte die Wünsche der Mutter den Umstehenden mit …

Sie hatte befohlen, erst in der kleinen Kirche des Schlosses ausgestellt, dann aber in der Kirche der Waldenser und nicht in der Schloßkirche begraben zu werden …

Der Graf erkannte, daß dieser Bitte die Voraussetzung zum Grunde lag, er würde Castellungo nicht behalten … Aufregungen, wie sie mit dem Aussprechen und Erörtern dieser Voraussetzung verbunden sein konnten, hatten sie jedenfalls bestimmt, ihm ihr Verlangen nur schriftlich auszusprechen …

126 Porzia ließ sich nicht nehmen, die Leiche zu entkleiden, Hedemann nicht, den Katafalk zu ordnen, dem noch für denselben Abend im Betsaal des Schlosses jeder nahen durfte, der der Abgeschiedenen seine letzte Ehrfurcht bezeugen wollte …

Es kamen ihrer von nah und fern … Der Betsaal drückte die ganze Geschichte und Richtung der Gräfin aus – schon an den Bildern, die rings an den Wänden hingen … Der tapfere Heinrich Arnaud in kriegerischer Tracht … Bischof Scipione Ricci, der die Souveränetät der Concilien gelehrt hat und vom römischen Stuhl als Lutheraner verdammt wurde … Graf Guicciardini, der kürzlich in Florenz Protestant geworden … Der Engländer Oberst Beckwith, der sein ganzes Vermögen den Waldensern schenkte … Der mächtigste Beistand der Gräfin, Friedrich Wilhelm III. von Preußen, hatte unter den Porträts den ersten Platz …

Die Reisenden richteten sich inzwischen in den für sie vorbereiteten Zimmern ein … Mit einer eigenthümlich bedingten Theilnahme beobachteten sie, wie eifrig Graf Hugo bemüht war, den Erzbischof in Coni noch vor Anbruch des Abends über das Ableben seiner Mutter mit Angabe aller Einzelheiten in Kenntniß zu setzen … Ja er zeigte erst Paula den Brief und diese fügte noch die mehrmalige Aeußerung um die Glocke jenes Eremiten hinzu, um den sich Bonaventura so verdient gemacht … Ueber Paula’s Lesen aus der Nobla Leyçon hatte schon Graf Hugo geschrieben …

Paula schien in der That erkräftigt und gesund … Sie ertrug den lange und voll Rührung auf ihr ruhen-127den Blick und die unmittelbare Nähe des Obersten, ohne die Befürchtungen zu bestätigen, die man so lange Jahre über diese Wiederbegegnung gehegt hatte … Monika sagte: Fast scheint es, als wäre eine Kraft über sie gekommen, die sie früher nicht gekannt hat – die Kraft des Willens …

Armgart trauerte …

Ob darüber, daß unter denen, auf deren Leben ein letzter Segen und eine letzte versöhnte Erinnerung hier zurückgeblieben war, ein einziger ausgestoßen und unberücksichtigt blieb – Benno von Asselyn? …

Oder über ein unausgesprochenes, ersichtlich vorhandenes Leid der Freundin, ihres Gatten und des hohen Geistlichen in Coni – ein Leid, das schon mit gesteigerter Offenheit von ihrer Mutter als ein unerlaubt unnatürliches verworfen wurde? …

Oder endlich über den Heimgang ihres „Großmütterchens“ nur allein? …

Der Aufenthalt in Castellungo hatte jedenfalls erschütternd und bedeutungsvoll begonnen …

128 5.#

Nach Beisetzung der Gräfin in der von ihr selbst erbauten, oberhalb Castellungo’s in den Bergen liegenden Kirche der Waldenser, einer Feierlichkeit, zu der aus den Bergen und aus der Tiefe des Thals auch die Rechtgläubigen, Jung und Alt, herbeiströmten, aus den Thälern von Saluzzo und Pignerol, wo die Waldenser in Masse wohnen, von allen Gemeinden die „Barben“, „Evangelisten“, „Moderatoren“ – nach diesem Tage hätten nun ruhigere Stunden eintreten können, wenn nicht die politische Welt die Aufregung wach erhalten und nun auch Hedemann’s Abschied vom Leben sich genähert hätte … Die Freude am Tod war bei diesem wieder bereits eine solche, daß er sich in seinen Gebeten Vorwürfe machte, ihn zu eifrig zu wünschen …

Rom war inzwischen gefallen …

Die letzten Spuren der Revolution wurden in ganz Italien getilgt … Die ersten Vorzeichen jener Zeit brachen an, die in drei Jahren wieder die Kerker nur des Kirchenstaats allein mit sechstausend Menschen füllen 129 sollte*) … Fefelotti ergriff jetzt auch noch das weltliche Ruder außer dem geistlichen … Staat und Kirche gehörten ganz den zurückkehrenden Jesuiten …

Auch in der kirchlichen Sphäre der Umgegend zeigte sich manche Wiederkehr des Alten … Die Jesuiten hatten in Coni ein von Fefelotti begünstigtes Collegium besessen, das sie freilich nicht wieder beziehen durften, da Sardiniens Verfassung sie verbannte … Aber schon war in Schule, Staat und Kirche ihr dennoch geheimwirkender Einfluß bald wieder ersichtlich … Robillante und Pignerol waren zwei Bischofssitze, die ausdrücklich schon lange durch Männer besetzt wurden, die dem deutschen Eindringling, dem Erzbischof von Coni, wo sie nur konnten, wehren sollten*)

Der Oberst und Monika konnten inzwischen dem Grafen im Ordnen des Nachlasses seiner Mutter, in Auszahlung einer Menge von Legaten an die Gemeinden der Thäler hier und drüben am Fuß des Monte Viso behülflich sein … Der Graf war es, der am meisten darauf drängte, daß Paula nach ihrem Wohnhause in Coni zurück sollte … Armgart wollte sie begleiten … Wohl sprach sie ihr dringendstes Bedürfniß aus, den Erzbischof zu begrüßen, der sich, seiner Stellung gemäß, vom Leichenbegängniß der Gräfin hatte entfernt halten müssen …

130 Monika, die zwar zu Paula’s Heirath dringend gerathen hatte, empfand und tadelte doch, was sie das Anstößige dieser Beziehung nannte, im höchsten Grade … Hatte sie schon sonst die Partie des Grafen genommen und ihn über das Meiste entschuldigt, was sich seinen jungen Jahren vorwerfen ließ, so erklärte sie vollends mit ihm Mitleid zu fühlen, seitdem sich jenes mystische Dreiblatt gebildet hatte, dem womöglich fern bleiben zu wollen sie sich auf Schloß Bex gelobt hatte … Nun sah sie dies Verhältniß einer „Standesehe“ in nächster Nähe … Und das sei denn die rechte Höhe, sprach sie schon eines Tages in Paula’s Gegenwart, Opfer über Opfer anzunehmen, nur deshalb, weil man wisse, sie würden von schwachen Menschen ohne Murren gebracht … Ja sie sagte schon zu ihrem Gatten: Der Graf leidet, weil er Paula liebt – und zu Armgart: Auch Paula, scheint es, ringt mit ihrem Herzen, weil sie den Grafen mehr als achten muß …

Daß Paula und Armgart zum nächstbevorstehenden Bonaventura-Tage in Coni sein und der Celebration der Messe durch den Erzbischof an diesem Tage beiwohnen wollten, konnte Monika nicht hindern … Doch bekam es Armgart bitter zu hören,warum sie gerade diesen Tag wählen wollten … Die Mutter sagte, daß sie den Doctor Seraphicus, wie Sanct-Bonaventura in der Vätergeschichte heißt, nicht im mindesten zu jenen Bekennern und Märtyrern zählen könne, die allenfalls auch die Freude evangelischen Sinnes sein dürften …

Ich schätze den heiligen Bonaventura noch höher, entgegnete Armgart, als die andern Märtyrer, die nur 131 zufällig in den Tod gingen und der Nachwelt nichts von ihrem Leben hinterlassen haben …

Von ihrem Leben? entgegnete aufwallend die Mutter … Dieser Johannes von Fidanza ist ja das Prototyp aller katholischen Schwärmer! Dieser heilige Bonaventura hat mit seinem sogenannten Gemüth alles verklären und verschönern wollen, woran wir noch heute leiden … Was nur immer Gregor und Innocenz aus weltlichen Rücksichten für die Kirche erfunden haben, umgab dieser Italiener mit dem Schein beinahe der Philosophie … Mariendienst, Cölibat, Entziehung des Kelches – alles, alles, was das Tridentinische Concil später in die todesstarren Formeln gezwängt hat, brachte dieser heilige Bonaventura als Gemüthssehnsucht in Curs, gerade wie auch jetzt wieder mit dem Dogma der ohne Sünde geboren sein sollenden Mutter Gottes geschieht … Mir ein Räthsel, wie euer Erzbischof zu den Freisinnigen zählen kann, schon in Deutschland unter den Anfechtungen der Fanatiker leiden mußte und immer noch seine Krone, immer noch seinen Krummstab trägt … Wären solche Männer vor einigen Jahren wahr gewesen und in den Zeiten der Bedrängniß zu uns übergetreten, wie anders stünde es mit der Sache des Lichts und des Evangeliums! …

Hedemann und der Vater dachten ebenso und sagten das Nämliche …

Arrmgart aber stritt schon lange nicht mehr gegen dies stete Verurtheilen, seitdem sie für ihre frühere Behauptung, daß Bonaventura seine Erhöhung weder Lucinden noch Olympien verdankte, kürzlich Recht erhalten 132 hatte. Ihr richtet und richtet, wie ihr’s eben versteht! sprach sie damals und verwies auf bessere Erkenntniß der wahren Sachlagen, wenn sie auch leider meist im Leben zu spät käme … Hier in Castellungo wurde für bestimmt eine schon früher von Paula brieflich ausgesprochene Versicherung wiederholt, daß der aus Robillante gebürtige Cardinal Vincente Ambrosi vor zehn Jahren in Rom der eigentliche Freund und Fürsprecher Bonaventura’s gewesen … Armgart verwies auch jetzt die Ankläger auf die Siege, deren sie sich ja täglich rühmten … War nicht vor kurzem der vom greisen General der Kapuziner als Dekan der Studien über die römischen Theologen als Examinator gesetzte de Sanctis, Professor der Theologie, Parochus an Maddalena, Beichtvater in den Gefängnissen der römischen Inquisition, von den Jesuiten in seinen wahren Gesinnungen erkannt, gefangen gesetzt worden, entflohen und in Malta zum Protestantismus übergetreten –?*) … Wisset ihr, sagte sie mit Ironie, was in Bonaventura’s Innern vorgeht und was euch alles vielleicht noch von ihm werden kann? …

Die hinterlassene Bibliothek der Gräfin war eine Fundgrube der interessantesten Anregungen für Monika, den Obersten und Hedemann … Auch Baldasseroni und Giorgio waren Männer, die auf Kosten der Gräfin in Genf, Tübingen und Berlin studirt hatten … Ihr Ton gab sich milde und rücksichtsvoll – sie wußten, was bei ihrer jetzigen Schloßherrschaft zu schonen und zu achten war … Auch sie gaben dem Erzbischof das 133 Zeugniß, daß allein schon sein persönliches Erscheinen in Rom alle Intriguen hätte entwaffnen müssen und daß er noch täglich diese Macht der Beschämung über seine Gegner übe …

Ein Glück, daß Armgart’s Vater die Schroffheiten der Mutter milderte … Eine Rechtfertigung der amerikanischen Weise, sich zur Religion zu verhalten, sagte er beim Durchmustern eines Schranks voll Alterthümer und beim Anblick einer kleinen Schaale, die wie eine Tasse aussah, aus der einst Huß den Wein beim Abendmahl dargereicht haben sollte, find’ ich in dem Schicksal des Kelches … Das Trinken aus einem und demselben Gefäß ist vielleicht in der That nur einer Gemeinde möglich, wo sich alles so persönlich nahe steht, wie zur Zeit der Apostel und der ersten Bekenner … Wo noch der Liebeskuß als Gruß der Verbundenen möglich war, war auch die Ertheilung des Kelches möglich … Als jedoch die christliche Lehre Staatskirche wurde, als ganze Völker im nächsten besten Flusse getauft werden mußten, mußte vieles von den ersten Satzungen des Glaubens verloren gehen … Welcher Reiche gab da noch seine Reichthümer hin und warf sie, statt in die Kasse einer ihm befreundeten Gemeinde, in das weite, wüste Meer des Proletariats! … Wer setzte noch gern die Lippe an ein Gefäß, aus dem Hunderte und noch dazu zur Zeit der einst so allgemeinen Pest und des Aussatzes tranken! … Man hat das Christenthum eine Weltreligion genannt; sie ist es auch dem Geiste nach, nicht nach dem Buchstaben … Wer den apostolischen Anfängen nachgehen will, muß die Freiheit Amerikas wünschen, wo 134 sich jede Form, Gott zu dienen, auf eigene Art befestigen kann … Geschieht es dort würdelos, so ist nur der Mangel an Bildung schuld … Unsere Gotteshäuser und die Priester, die in ihnen lehren und Ceremonien abhalten, sollten, wie ich von Ihnen höre – er wandte sich an Baldasseroni – nach dem Ausdruck des Bruders Federigo nur noch Hüter und Wächter des Christenthums sein, gleichsam die Sänger, die Dichter, die Historiker der Kirche – ohne sich den mindesten Eingriff in die Lebens- und Gesellschaftsformen gestatten zu dürfen …

Solcher Streitigkeiten gab es viele … Sie konnten zu tagelangen Verstimmungen führen – namentlich wenn Armgart sagte: Ein Einzelner gewonnen ist nichts – Könige, die ohne ihre Krone kommen, sind vollends nichts; die müssen gleich ihre Reiche mitbringen …

Wieder den heutigen Streit unterbrach Paula’s Eintreten … Schon hatte Armgart musternd unter den waldensischen Schwertern, hussitischen Kelchen, den alten Bibeln, Luther- und Zinzendorf-Ringen gesagt:

Ihr habt doch auch eure Reliquien! …

Zu einer Erwiderung kam es nicht, da Paula allerlei Geschäfte mitbrachte, die sich auf die sittlichen Zustände der Gegend bezogen … Seit dieser langen Reihe von Jahren hatte Graf Hugo für sich und Paula den Weg der Zerstreuung eingeschlagen … Nicht nur beschäftigte er sich und Paula mit einer umsichtigen Pflege der hier so reizenden und reichen Natur, sondern auch mit den Vorkommnissen seiner gesellschaftlichen Beziehungen, mit Aufgaben der Wohlthätigkeit … Der gute Wille, 135 nützlich sein zu wollen, ist bei gebildeten und gutgearteten Vornehmen immer rege und hier kam ein fast ängstliches Verlangen hinzu, durch solche äußere Werkthätigkeit aus dem Versenken in zu große Innerlichkeit entfliehen zu können … Monika mußte freilich schon wieder lächeln, wenn sie sah, mit welcher emsigen Umständlichkeit und mit welchem offenbaren Nichtberuf für praktische Bewährungen die junge Schloßherrin, nun die souveräne Gebieterin von Castellungo, die an Glücksgütern gesegnete Herrin von Westerhof, von Schloß Salem, Besitzerin eines Palastes in Coni, ihre unerschöpfliche Wohlthätigkeitsliebe zu einer segensreichen und mit Vorsicht gespendeten zu machen sich mühte, wie sie in die Hütten der Armen trat, momentane Hülfe, aber selten, nach Monika’s Meinung, den rechten Rath und die rechte Warnung brachte … Sie weiß nicht, sagte sie, wie sie sich schon mit ihrer Krone am Giebel der Eingangsthür in solche Hütten den Kopf stößt, vollends, wie sie zuletzt bei solchen Leuten mehr Aufsehen und Schrecken, als Freude, wenn nicht gar Schlimmeres, zuweilen Spott, hinterläßt … Sie spricht mit diesen Menschen wie ein Buch … Sie werden sie alle zu Gevatter bitten – Das pflegt noch die nützlichste Folge solcher vornehmen Herablassungen zu sein …

Da nach dem Wunsch des Grafen, dem gleichfalls solche Herbigkeiten nicht erspart wurden und der dann oft träumerisch von Wien als einem Ausweg aus allen Labyrinthen sprach, der Oberst fürs erste hier als Verwalter wohnen bleiben sollte – auch gegen die winterlichen Verheerungen der Berggewässer sollten Brücken und 136 Wehre gebaut werden – so sammelte auf dem Schlosse schon allabendlich Monika die hervorragenderen Persönlichkeiten der Umgegend zu einem behaglichen Kreise und hatte für diese sichere und feste Einwohnung ganz den Beifall sowol des Grafen wie der gütigen Paula, deren weicher Sinn keine ihrer Schroffheiten aufbieten konnte … Die italienische Sitte kennt nicht die deutsche Unterscheidung zwischen den Ständen … Der größte Theil des umwohnenden Adels war nach deutschem Gesichtspunkt eine wohlhabende Bauernschaft – die Contes und Markeses ritten mit hohen Lederkamaschen über ihre Felder und sprangen nicht selten ab, um bei den Arbeiten mit anzugreifen … Aeltere Diener gehörten mit zur Familie … Gemeindevorsteher, Forstwarte, Recheneibeamte sammelten sich allabendlich in den unteren Räumen des Schlosses und selbst der Graf und der Oberst setzten sich manchmal zu ihnen und verschmähten nicht den Trunk aus gemeinschaftlichem Krug … Einige reiche Seidenweber, die zu den Waldensern gehörten, hatten sich sonst allabendlich auf dem Schlosse im engern Kreise der verstorbenen Gräfin eingefunden; sie blieben auch jetzt nicht aus; um so weniger, als in der That das Benehmen des Grafen die Besorgniß erwecken durfte, die Mutter hätte in seiner Seele recht gelesen. Man sah ihm eine große Unruhe an; man fürchtete allgemein den Verkauf Castellungos, ja sogar seinen Religionsübertritt … Wenigstens schiene ihm, sagte man, daran zu liegen, nicht allein nach Oesterreich zurückzukehren, sondern nur mit Paula, für die es dann, so offen lag allen das bekannte Verhältniß mit Coni, eine letzte große Entscheidung geben müßte …

137 Des österreichischen Grafen vertrauliche Stellung zum Erzbischof hätte dem letztern in den Augen der Italiener schaden müssen, wenn nicht die alte Gräfin so beliebt gewesen wäre und seinerseits auch Bonaventura ein Anhalt aller Freigesinnten … Schon mit dem Hirtenstab des Bisthums Robillante hatte er gewagt, den Neuerungen Fefelotti’s die Spitze zu bieten … Als er dann zur Verantwortung für die Vorwürfe, die er den Dominicanern wegen Frâ Federigo zu machen gewagt hatte, nach Rom gefordert wurde und statt dort verurtheilt zu werden als Nachfolger Fefelotti’s heimkehrte, hatte er den muthigsten Kampf begonnen, den ein Fremder auf diesem gefahrvollen Boden nur wagen konnte … Dem Colleg San-Ignazio zu Coni entzog er sogleich eine Kirche, auf die die Patres Jesuiten, damals noch nicht verbannt, Ansprüche machten – er setzte bei den Stadtbehörden durch, daß diese ihn in seiner Weigerung unterstützten … Ein gewöhnliches Hülfsmittel der Jesuiten, das sie bei neuen Niederlassungen, um sich die Herzen der Umwohner zu gewinnen, anwenden, besteht in dem Schein bitterster Armuth, den sie sich geben. Plötzlich erschallt dann durch die Stadt die ängstliche Kunde, die unglücklichen Väter verhungerten hinter ihren Mauern. Nun rennen fanatische Sammler durch die Häuser und rufen um Hülfe. Man bricht fast gewaltsam mit dem gesammelten Gelde, den Speisen, den Kleidungsstücken in das Colleg ein und findet auch in der That die armen Väter beim Gebet – verschmachtet, abgezehrt, vom gezwungenen Fasten fast leblos*) … Bo-138naventura bewies jedoch dem Rector Pater Speziano, der dieselbe Komödie aufführte, und dem Magistrat der Stadt, daß das Colleg aus dem Profeßhause in Genua eine regelmäßige Einnahme bezog, die weit über die Einkünfte der sämmtlichen andern Klöster der Stadt zusammengenommen ging … Den Bischof von Pignerol zwang er, ein höchst gehässiges Institut zu schließen. Man entzog unter allerlei Vorwänden den Waldensern ihre Armenkinder, besonders ihre Waisen, taufte sie schnell nach römischem Ritus und gab sie nicht wieder her … Jedes uneheliche Kind der Waldenser gehörte an sich schon diesem „Ospizio dei Catecumeni“ … Als vorgekommen war, daß eine Gefallene, um ihr Kind zu behalten, sich auf die höchsten Spitzen des Monte Viso vor den Gensdarmen geflüchtet hatte und Kind und Mutter im Schnee elend umgekommen waren*), wallte Bonaventura’s Zorn so auf, daß er nicht eher ruhte, bis jenes Ospizio geschlossen wurde … Das Verkommen im Schnee – – gehörte ohnehin zu den erschütterndsten Vorstellungen seines Gemüths und zumal, da seines Freundes, des Cardinals Vincente Ambrosi, Vater, Professor der Mathematik in Robillante (er erfuhr dies zu seiner höchsten Ueberraschung in Rom), eines solchen Todes im Alpenschnee wirklich verstorben war …

Von Genua aus, wohin sich Gräfin Sarzana begeben hatte, als sie wagte, wieder ans Tageslicht zu kommen von den „Lebendigbegrabenen“, in deren Kloster sie sich geflüchtet hatte nach dem Attentat ihres Mannes auf 139 Ceccone, wurde der Kampf mit den freisinnigen Richtungen Italiens um so erbitterter geführt, als Genua auch für die Pforte der Mazzini’schen Einflüsse und des englischen Ketzerthums galt … Fefelotti bot alles auf, die weibliche Bundsgenossenschaft der Jesuiten gerade in Genua zu mehren und zu kräftigen … Ein Orden, der sich offen „Jesuitessen“ nannte, „Töchter Loyola’s“, gestiftet vor zwei Jahrhunderten, hatte sich nicht erhalten können; Papst Urban VIII. schaffte ihn schon 1631 ab … Aber unsere Zeit hat diesen Orden erneuert – vorzugsweise in den Damen vom Heiligen Herzen Jesu (Sacré Coeur) … Sie leiten, schaarenweise von Frankreich kommend, die Erziehung der vornehmen Stände und halten auch außerhalb ihrer Klöster Schulen für die ärmere Klasse; sie sind in weiblicher Sphäre das, was die Väter der Gesellschaft Jesu für die Erziehung in männlicher … Wo diese Heiligen Schwestern vorangehen, folgen ihnen in noch nicht einer Generation ihre Brüder, die Jesuiten, nach … Sie bereiten ihnen den Weg; sie wecken in den Familien, bei allen Müttern, Vätern, Kindern, eine solche Sehnsucht nach diesen Rathgebern nicht nur der Seele für ihre jenseitige Bestimmung, sondern des ganzen auch diesseitigen Lebens, daß die Berufung der Väter nicht lange ausbleibt … Umwälzungen folgen dann in den Familien, in der Gesellschaft … Der süße Ton der Andacht, verbunden mit den feineren Rücksichten der Geselligkeit und Eleganz, führt dieser Congregation des Sacré Coeur alle jungen weiblichen Herzen zu … Mütter, oft bereuend, was sie selbst in ihrem Leben verschuldeten, 140 glauben in ihren Töchtern durch so zeitige Fürsorge alles nachholen zu können, was sie an sich selbst versäumten … So strömte auch in Genua und Turin die weibliche Jugend den Herz-Jesu-Damen zu … Zweigvereine bildeten sich unter dem Namen der „Dorotheïnerinnen“ bei den Frauen, der „Raffaëliner“ bei den Männern, der „Leonhardiner“ unter den Klerikern … Die obere Leitung aller dieser weitverzweigten und auf ein System gegenseitiger Ueberwachung (in den lieblichsten Ausdrücken, als: „Bewahre dir den Duft der geistlichen Blume zur einstigen festlichen Ausstellung am Altare!“ d. h.: Lebe so, daß es dich nie verdrießen wird, in den Conduitenlisten von andern nach deiner geistlichen Aufführung beurtheilt zu werden!) begründeten Genossenschaften hatten die Superioren der Jesuitenklöster … Ihnen gehörte das Beichtbedürfniß, Tod und Leben dieser Seelen und ihres ganzen Anhangs …

Die Stadt, das Land wußten, wie nahe der Erzbischof von Coni wiederum bei den äußersten Gefahren für seine Stellung angekommen war, als die neue Aera der Hoffnungen Italiens anbrach … Schon vorher war eines Tages Lucinde – sie zählte nun schon dreißig Jahre – in Coni erschienen und hatte, man sprach wenigstens so, dem Erzbischof aus Rom die ernstesten Warnungen gebracht … Die Leiden, die ihm dieser fast ein Vierteljahr dauernde Aufenthalt Lucindens in Coni zuzog, gehörten seinem Innenleben an und konnten nur von wenigen verstanden werden … Graf Hugo war es, der die Gräfin Sarzana damals mit Gewalt aus der Gegend vertrieb; er erinnerte sie an Nück und den 141 Mordbrenner Picard … Hier erst erfuhr die kleine genfer Colonie, daß Lucinde von hier nach einem Abend verschwunden war, wo auf Castellungo im Kreise der alten Gräfin, die sie nur widerstrebend empfangen hatte, die Rede auf den Bruder Hubertus kam, der noch im Silaswalde beim Eremiten Federigo leben sollte … Man hatte erfahren, daß Hubertus einen der Verräther der Brüder Bandiera entdeckt und in seinem wilden Zornesmuthe gerichtet haben sollte – einen Belgier oder Franzosen, den die Emigration aus London absandte, um von Korfu aus die Bandiera zu unterstützen … Viele behaupteten – erst jetzt erfuhren dies die alten Bewohner Witoborns – daß dieser Genosse Boccheciampo’s*) jener Jan Picard gewesen, der ohne Zweifel den Schloßbrand in Westerhof angelegt und damals spurlos verschwunden war … Allen schien ein Zusammenhang Lucindens mit diesen Vorgängen erwiesen … Graf Hugo lehnte die Aufklärungen ab, die von ihm den Freunden gegeben werden konnten … Man drängte in ihn … Erst als sogar Terschka’s Name als dessen, der jenen Picard der Emigration empfohlen und später Vortheile vom Scheitern der Expedition gezogen haben sollte, mitgenannt wurde, brach man von den dunkeln, Monika, den Obersten und Armgart erschreckenden Vorgängen ab … Von Gräfin Sarzana sah man wol, daß ihr Muth, ja ihre Keckheit, auf Castellungo zu erscheinen, ihr theuer zu stehen gekommen war … Paula behandelte sie mit Artigkeit, der Graf aber nur als eine Störerin der Ruhe seines 142 Freundes Bonaventura und die alte Gräfin vollends wandte der Apostatin den Rücken … Statt ihrer erschien dann die rechte Hand Fefelotti’s selbst, Abbate Sturla aus Genua … Die Welt erzählte sich, daß Sturla’s erster Besuch beim deutschen Erzbischof einige Stunden gedauert und bei diesem eine Aufregung hinterlassen hätte, die ihn mehrere Wochen aufs Krankenlager warf …

Bald nach Sturla’s Abreise gingen dunkle Gerüchte von einer neuen Reise des Erzbischofs nach Rom, ja von baldiger Niederlegung seiner hohen Kirchenwürde, von seinem bevorstehenden Eintritt in den Benedictinerorden und seinem Uebergang in ein deutsches Kloster … Da brach die neue Aera an … Abbate Sturla, der inzwischen in Turin und Mailand gewesen (auch hier war der Erzbischof ein Deutscher*)) und über Coni nach Genua zurückkehren wollte, predigte in Robillante … Sturla erlaubte sich am Schluß seiner Rede gegen das in wenig Wochen umgewandelte Rom die Wendung: „Laßt uns beten für das Seelenheil des Heiligen Vaters! Laßt uns beten, daß Gott ihn vor dem Schicksal, ein Atheist zu werden, bewahren möge!“**) Da verlangte Bonaventura, daß der Bischof von Robillante dem Abbate die Kanzel verbot und zeigte den Obern desselben in Genua an, Sturla schiene ihm dem Wahnsinn nahe gekommen und müßte angehalten werden, sich Geistesübungen zu unterwerfen … Sturla floh mit 143 der wachsenden Bewegung nach Frankreich und Spanien***)

Nach einer wilden, an Hoffnungen und ebenso vielen Täuschungen reichen Zeit, wo namentlich Graf Hugo in der größten Aufregung lebte und unter dem Druck seines politischen Doppelverhältnisses bis zu sichtlicher Verzweiflung litt, war Sturla der erste, der in Genua wieder die alten Umtriebe begann … Noch ehe die Franzosen im Kirchenstaat landeten, erhob schon die Reaction ihr Haupt … Was sich zwei Jahre wie die Schwalben im Sumpf versteckt gehalten, flog wieder auf … Die Dorotheïnerinnen hatten sich in Pisa, in der Nähe von Florenz, niedergelassen … Die Leonhardiner suchten wieder die Priester für das Gelübde der „Ignoranz“ zu gewinnen … Die Raffaëliner waren jene süßliche Bruderschaft, die dem Rosenbunde Schnuphase’s entsprach, sich und andere als Blume pflegte und begoß und die kleinen Insekten der Fehler und Sünden, die etwa dem Wuchs der Nachbarblüte gefährlich werden konnten, in Form von Angebereien, letztere in kleine beschriebene Zettel gewickelt, in eine monatlich am Altar aufgestellte Büchse warf … Diesen Bündnissen gehörte der mächtigste Einfluß auf die politischen Wahlen für Staats- und Gemeindeleben … Nach Toscana kehrte eine Dynastie zurück, die sich gelobte, ganz nur die Jesuiten walten zu lassen … Jede Bibel, die in eines Katholiken Hand gefunden wurde, wurde verbrannt … Pater Speziano wagte aus der Schweiz 144 nach Coni zu schreiben, er würde mit acht Priestern, fünf Scholaren und sieben Laienbrüdern zu San-Ignazio wieder einziehen und getrost das Martyrium des Kerkers erdulden … Beichtstuhl, Schule, Pensionat, Universität, Oberaufsicht der Nonnenklöster, Missionspredigt, die ganze Richtung vorzugsweise dieses freisinnigen Staates sollte aufs neue zu einem äußersten Kampf den Fehdehandschuh hingeworfen erhalten … Nun war Rom gefallen und die Einnahme der ewigen Stadt das Signal für die Rückkehr aller alten Positionen Fefelotti’s …

Das Interesse an Ruhe und Ordnung blieb allerdings bei den Possidenti das überwiegende; selbst bei den Waldensern, größtentheils fleißigen und wohlhabenden Bauern … Verwünschungen genug wurden gegen Garibaldi ausgestoßen, der den unnützen Widerstand durch das Sprengen der Tiberbrücken um einige Tage hatte verlängern wollen … Abendlich las man die Schilderungen aus dem „Monitore Romano“, wie die einrückenden Soldaten zwar mit Zischen und den Rufen: „Nieder mit den Pfaffen! Nieder mit den Fremden!“ empfangen wurden; aber das Drama der Befreiung Italiens von äußern und innern Feinden hatte ausgespielt … Die Vertheidiger Roms hatten den Versuch gemacht, sich nordwärts durchzuschlagen … Dort kamen ihnen die Colonnen der Oesterreicher entgegen … Man erstaunte, wie Garibaldi die Trümmer seines kleinen Heeres noch bis nach San-Marino führen konnte, wo dann alles sich auflöste und wohin irgend möglich zu entkommen suchte …

Die ersten Acte der wiederhergestellten Priesterherr-145 schaft wurden oft besprochen … Die flüchtigen Jesuiten, hörte man, waren im Al-Gesú wieder eingezogen … Statt des Monitore kam wieder das alte censurirte „Diario“ … Auch Gräfin Sarzana, las man, kam nach Rom … In den Todtenlisten, die allmählich bekannt wurden, befand sich ihr Gatte als Gefallener … Eines Abends wurde unter den Verwundeten auch Cäsar von Montalto genannt …

Die Gesellschaft befand sich gerade am Vorabend des Bonaventuratages, an dem in erster Morgenfrühe der Graf, Armgart und Paula nach Coni reisen wollten, im großen Speisesaal, als aus den Zeitungen diese Nachricht vorgelesen wurde … Das Gespräch war bunt durcheinandergegangen … Einigen Gutsbesitzern der Umgegend, die von Monika’s Stellung zur Kirche keine rechte Vorstellung hatten und von Hoffnungen sprachen, die man noch auf Se. Heiligkeit und dessen persönlichen guten Willen setzen dürfte, hatte diese geradezu erwidert: Solche Menschen sollen erst noch geboren werden, die, wenn sie von Natur eitel sind, ertragen, daß man ihnen auch nur eine einzige ihrer gewohnten Huldigungen entzieht … Solche Naturen schmollen ewig, wie die Koketten, die uns ein Wort über ihren Teint nicht vergeben können … Von Dem erwarten Sie nichts mehr …

Paula war wegen Benno’s aufgestanden … Armgart erblaßte sogleich und saß still in sich versunken … Graf Hugo nahm die Zeitungen, aus denen Baldasseroni vorgelesen hatte und wiederholte voll Schmerz: Also – Cäsar Montalto – verwundet …

Der Vater, die Mutter sahen auf Armgart … 146 Paula wollte sich der Freundin hülfreich erweisen; denn langsam erhob sich jetzt Armgart …

Man konnte zum Glück hinter der Theilnahme für eine Störung, die dem Grafen wurde, die Betroffenheit verbergen …

Diesem hatte man eben einen Brief überbracht, mit dem Hinzufügen, auf der Terrasse draußen harre der betreffende Herr, der ihn abgegeben, und wünsche den Grafen selbst zu sprechen …

Graf Hugo hatte die wenigen Zeilen des Billets wieder und wieder überflogen und stand halb auf dem Sprunge, zu gehen, halb kämpfte er mit sich zu bleiben – ob aus Theilnahme für Benno, ob aus Interesse für Armgart, ob vor Erstaunen über den Brief, ließ sich nicht unterscheiden … Erst auf Paula’s an ihn gerichtete Frage, wer so spät ihn noch zu sprechen käme, faßte er einen Entschluß …

Der sonst so Aufmerksame erwiderte seiner Gattin kein Wort … Wie abwesend verließ er den Saal …

Die übrige Gesellschaft fand in alledem kein Arg und blieb noch beisammen … Angeregt plauderte man durcheinander, auch nachdem Paula und Armgart sich entfernt hatten … Stumm, doch innig theilnehmend hatten ihnen die Aeltern nachgeblickt, blieben aber um so mehr im Saale, als jetzt auch der Graf fehlte …

Nur durch einige Zimmer brauchten die Freundinnen zu schreiten, um auf eine Altane zu treten, von der sich in den Garten blicken ließ … Es war ein milder Juliabend, der nach brennender Hitze des Tags die sanfteste Kühlung brachte … Der Mond, dessen vollen Strahl 147 Paula noch immer vermied, war im abnehmenden Licht … Nur die Sterne erhellten die stille Nacht und weckten, wie sie so dicht auf der Höhe der Seealpen lagen, Sehnsucht in die Ferne, Sehnsucht nach dem großen jenseitigen Meer … Die Terrasse, auf die Graf Hugo hinausgerufen, lag unter der Altane zur Seite und stieß an ein offenes Gewächshaus, in das man eintreten konnte, um sich, wenn man wollte, dort auf Ruhebänken behaglich niederzulassen …

Benno verwundet –! sprach jetzt Paula und zog liebevoll die tiefergriffene Freundin an die Brust …

Alles geht hin –! Was bleibt übrig! … hauchte Armgart leise und schien gefaßt …

Wird er sterben? … lehnte Paula ab …

Ich begrub ihn längst – erwiderte Armgart, mit sich kämpfend, um nicht, wie sie sagte, – „thöricht“ zu erscheinen …

Eine Thräne aber perlte an ihrem Auge … Die Freundin küßte ihre Stirn … So lagen sie eine Zeit lang aneinander …

Vom Saale herüber erscholl wieder die lebhafte Unterhaltung der Gesellschaft …

Wie wird dir’s wohl thun, begann Armgart, um mit Gewalt die Gedanken an Benno zu verscheuchen, wenn du wieder in deinem Hause in Coni bist! … Ich glaube nicht, daß dir für immer die hiesige Welt behagen könnte …

Der Graf und ich, erwiderte Paula im Gegentheil, wären dennoch lieber hier … Aber müssen auch wir nicht in Coni um den Freund erbangen? … Oft ist 148 uns, als könnte sein Lebenslicht in Einer Nacht erlöschen …

Nenne sie nicht beide zusammen! … fiel Armgart ein … Dann schwieg sie lange und sagte entschuldigend: Benno liebte fast zu sehr seine Mutter … In ihr liebte er Italien … Italien ist ein Gift … O diese Mutter! … Sie trägt die Schuld an allem … Sie hat ihn auch jetzt getödtet …

Paula hörte, was schon so oft von den Freundinnen besprochen worden … Sie kannte die Mutter Benno’s nur aus den Schilderungen, die Bonaventura und Lucinde von ihr gegeben … Die aus dem Munde der letztern gekommenen waren wenig vortheilhaft für die Herzogin von Amarillas – auch Angiolinens, ihres Kindes Schicksal hinderte den Grafen, mit besonderer Anerkennung von ihr zu sprechen … Alles das waren schmerzliche Erinnerungen, wehmüthige Vorstellungen für beide …

Armgart bekämpfte sich, schwieg und setzte sich, ihr Haupt aufstützend, auf einen der gußeisernen Sessel, die unter einem zeltartigen Dach von gestreiftem Zeuge standen …

Nach einer Weile fragte sie:

Wer mag den Grafen so spät noch abgerufen haben? …

Man entdeckte den Grafen nicht … Vielleicht war er weiter hinaus in den Garten gegangen, der offen, in nächtlicher Stille und mit seinem berauschenden Dufte vor ihnen lag …

Paula sagte, sie brauchten wol über das Verbleiben 149 des Grafen keine Besorgniß zu hegen; sie setzte sich zu Armgart, die es beklagte, dem Erzbischof zu morgen kein würdiges Geschenk bringen zu können … Wol mochte sie inzwischen an den Aschenbecher gedacht haben, den sie einst Benno gegeben …

Paula sagte:

Dich selbst wieder zu sehen, wird ihm die liebste Gabe sein …

Wie fürcht’ ich seine Begegnung mit meinen Aeltern! … fuhr Armgart fort …

Paula bestätigte diese Furcht, wenn sie sagte:

Oft spricht der Freund: Auch wenn zwei dasselbe sagen, ist es darum noch nicht dasselbe! …

Sie deutete damit den verschiedenen Grund an, auf welchem von beiden Parteien das Leben der Kirche gebessert werden sollte, setzte aber begütigend hinzu:

Aber auch mein Glaube ist schon längst, daß alles, was wir zu sehen und zu begreifen wähnen, eine Täuschung ist … Ist das ein Haus? Sind das Berge? Wir nennen es so …

Das mein’ ich nicht! widersprach Armgart … Die Verstandeskräfte, die uns nun einmal gegeben sind, sind unsere sichern Wegweiser … Wir haben gar kein Recht, ihnen zu mistrauen … Für uns ist wahr, was sie sagen … Gibt es eine andere Wahrheit, so kommt sie uns gar nicht zu …

Waren es die gewöhnlichen Sinne, die mich einst bei wachem Auge schlafen und wachen ließen bei geschlossenem? entgegnete Paula … Damals als dem heiligen Stuhl meine Angelegenheit vorgelegt und mein 150 Zustand verurtheilt wurde, glücklicherweise ohne Nachtheil für Bonaventura, hab’ ich ein Heft in die Hand bekommen, wo vieles verzeichnet stand, was ich gesprochen haben soll … Als ich alles das las, war mir’s doch wie einem Menschen, der sich an den Glauben gewöhnen soll, schon einmal vor seiner Geburt gelebt zu haben … Das glauben freilich auch viele und trauen dem Schöpfer die Armuth zu, den Stoff, aus dem er Menschen bildete, so sparsam aufbewahren, so vorsichtig verwerthen zu müssen …

Armgart gedachte lächelnd des Dechanten, dem sie Gleiches gesagt, als er sie in einen Vogel verwandelt prophezeite …

Ich las damals, fuhr Paula fort, daß aus mir heraus eine Macht gesprochen hätte, die Frau von Sicking die des Teufels nannte … Meine angebliche Wunderkraft, die Kraft des Gebets verlor sich in der That; schlimme Sagen wurden über mich verbreitet; als ich gar den lutherischen Grafen ins Land zog, erlosch an mich der Glaube ganz … Nun sah ich, was mein Traumreden war; es war die stille Ansammlung von tausend unausgesprochen in mir lebenden Urtheilen und die für sich selbst fortarbeitende Unruhe des Geistes, der seine Eindrücke wider Willen aussprach … Ich sah einen neuen Himmel und eine neue Erde; warum? Weil ich eine Welt haben wollte für mich und Bonaventura … Ich sah die Kirchenväter; sie schlugen andere Bücher auf, als die wir kennen, lesen und befolgen sollen … Ich sprach, zumal aus der Seele deines Vaters, Dinge, die ich glaube jetzt auch ohne Hellschlaf verkünden zu können – 151 freilich fehlt mir der Trieb dazu … Die Sprache, die deine Mutter redet, ist die nicht, die ich dann wählen möchte … Doch glaube mir, Armgart, auch der Erzbischof denkt wie deine Aeltern; oft verheißt er Zeiten der größten Umgestaltung – nur müsse die Kraft, die sich dann bewähre, eine gesammelte und vorbereitete sein … Rüste dich, manches an ihm zu entdecken, was dich überraschen wird – …

Dem Gedanken, meine Aeltern zu versöhnen, sagte Armgart, hab’ ich meine Jugend geopfert und es scheint, mein ganzes Leben wird diesem Opfer folgen … Trennen kann ich mich nicht mehr von dem milden und gütigen Sinn des Vaters und dieser wieder hat alles in der Mutter, was ihm sein Leben noch zur Freude macht … Was ihn sonst an ihr verletzte, gerade das ist jetzt seine Erhebung geworden … Beide seh’ ich treuverbunden und darum trag’ ich alles und murre nicht und durch Schweigen helf’ ich mir oft mehr, als durch Worte … So hoff’ ich, komm’ ich auch mit dem Erzbischof aus, der mir ohnehin zu allen Zeiten mehr streng als nachsichtig war …

Paula suchte der Freundin liebevoll diese Voraussetzung zu nehmen und umarmte sie … Beide standen schön und schlank im Abendlicht … Paula schien jetzt kleiner – doch war die Höhe der Freundinnen gleich … Paula küßte Armgart’s Stirn …

Wie vieles von dem, was ich in meiner Krankheit sah, ist eingetroffen, sagte sie, und nur das eine – eine Bild, wo ich dich und Benno immer nur verbunden erblickte, traf nicht zu …

152 Du sahst mich mit ihm auf Felsen, entgegnete Armgart, sahst mich mit ihm am Ufer des Meeres … In jeder Gefahr war ich ihm zur Seite … Ist das nicht alles eingetroffen? Jetzt – bin ich auch bei ihm und bald – – bald – …

Armgart –! unterbrach Paula die düstere Erwartung und zog die Freundin an sich, der ein Strom von Thränen entquoll …

Dann entwand sich Armgart mit stürmischer Geberde und trat an den Rand der Altane, ihr Haupt auf die hohen Vasen der Blumen legend …

Eine Weile dauerte Paula’s beruhigendes Streicheln der Stirn, der Wangen und der Hände der Freundin …

Ein leichter Abendwind erhob sich und brachte noch würziger die Düfte der Rosen und Orangen … Nun wandte sich Armgart und erinnerte, daß sie schon in aller Frühe aufbrechen müßten … Sie wollten zur Ruhe gehen …

Da ist der Graf … unterbrach sich Paula im Gehen und deutete auf den Garten …

Armgart entdeckte unter den dunklen Schatten des Schlosses, heraustretend aus einem Boskett von Lorberbüschen, die mit hochstämmigen Camellien durchzogen waren, den Grafen mit einem Begleiter …

Kaum hatte sie hingeblickt, so stieß sie einen unterdrückten Schreckensruf aus und sagte:

Das ist ja – Terschka! …

Paula hatte Terschka’s Bild im Gedächtniß fast verloren und lehnte die Richtigkeit der Erkennung ab …

Armgart versicherte aber:

153 Er ist es … Verlaß dich … Das ist sein Gang … Das seine Art, so mit den Händen zu fechten …

Der Dämon seines Lebens –! sprach Paula dumpf und mit einer Theilnahme für den Grafen, die die Macht der Gewöhnung über ihr Herz verrieth … Sie konnte nicht liebevoller von einer Gefahr für Bonaventura sprechen, als jetzt von einer für den Gatten …

Der nächste Gedanke an eine für den Grafen zu befürchtende persönliche Gefahr konnte nicht lange anhalten … Der Graf ging ruhig … Nur der dunkle kleine Schatten neben ihm schwankte – … Jetzt standen die Wandelnden still …

Armgart fuhr von einigen hohen Cactustöpfen der Balustrade zurück, die sie verbargen – erbebend vor dem Blick, den Terschka durch das Dunkel der Nacht auf sie herüberwarf …

Was kann er wollen? … fragte Paula ängstlicherregt … Die Freundschaft, die sie für ihren Gatten empfand, ließ sie mit einem einzigen Blick die Gefahren übersehen, die im Gefolg einer solchen Wiederbegegnung eintreten konnten … Daß Terschka zu den Jesuiten zurückgekehrt war und vielleicht in Freiburg, wo noch vor kurzem Hunderte der vornehmsten Adligen erzogen wurden, streng, doch mit offenen Armen, vorläufig – als Lehrer der Reitkunst aufgenommen wurde, hatte oft Graf Hugo selbst gesagt … Unmittelbar nach Terschka’s vorausgesetzter Rückkehr zum Orden brachen die Ereignisse an, die die Jesuiten von Freiburg verjagten … Paula kannte jetzt alles, was Pater Stanislaus einst bei ihrem Gatten im Auftrag des Al-Gesú hatte 154 sein sollen; gerade diese Gedankengänge hatten so oft Veranlassung gegeben, im kirchlichen Glauben das Aechte vom Falschen zu unterscheiden und Bonaventura’s Entrüstung über die seelenmörderische Thätigkeit der Jesuiten zu theilen … Paula wußte, daß die verführerischen Plane des Paters an ihres Gatten gesundkräftiger Natur und Terschka’s Mangel an Selbständigkeit scheiterten … Was er wäre, hatte oft der Graf zu Paula gesagt, verdankte er dem Leben und – dem Tode Angiolinens, dann freilich vorzugsweise dem einen Tage, den Bonaventura mit ihm auf Schloß Salem zugebracht … Verließ sich auch Paula auf die Wahrheit dieser Worte, so war doch schon lange ein trüber Stillstand in des Grafen Leben eingetreten … Die unerwiderte Zärtlichkeit für seine Gattin, sein mannichfach getheiltes Herz, die jetzige Erfüllung aller seiner äußern Wünsche hatten einen Zustand der Muthlosigkeit hervorgerufen, aus dem sich emporraffen zu wollen sein fester Wille schien … Der Tod der Mutter, die Ankunft des Obersten schien Pläne zu erleichtern, deren Ausführung nun vielleicht in die Hand – Terschka’s gerieth? … Paula gerieth in die heftigste Erregung …

Armgart, aus natürlichen Ursachen selbst erbebend, konnte nicht alles übersehen, was sich so in Paula’s Seele an Angstgedanken jagen konnte … Aber sie fühlte die Hand der Freundin erkalten, fühlte, daß in Paula’s Brust eine Theilnahme für den Gatten zitterte, die ihr schon lange viel mehr, als nur die Folge der Gewöhnung an ihn schien … Staunend und ihres eigenen Schreckens nicht achtend sagte sie:

155 Beruhige dich! Sieh, wie friedlich beide nebeneinander gehen …

Ausgesöhnt! … Und – dem Walde zu! … sprach Paula voll Bangen …

Eben gingen der Barbe Baldasseroni und der Aelteste der Waldenser denselben Weg dem Walde zu … Im untern Schlosse wurde es lebendig; die Gesellschaft trennte sich, Diener waren in Bewegung … Armgart glaubte, daß man Paula’s Befürchtungen nicht zu theilen brauchte … Sie stockte eine Weile, ob sie den Aeltern von Terschka’s Nähe sprechen sollte, unterließ es aber, aus Besorgniß, daß ihnen mit dieser Nachricht die Nachtruhe geraubt würde … Zu Paula’s Beruhigung zog sie zwei Diener ins Vertrauen, die sie beauftragte, in einiger Entfernung dem Herrn und seinem Gast zu folgen … Der Abendwind wurde frischer; sie sollten dem Grafen und seinem Besuche Mäntel nachtragen … Armgart zog die Freundin in ihr Schlafgemach, dessen Thüren auf die Altane hinausgingen … So lange wollte sie bei ihr bleiben, bis der Graf zurück wäre … Schon allein das Bedürfniß, sich über die gebundenen Stimmungen ihrer Seelen auszusprechen, hielt sie inzwischen beide wach …

In der That hatte sich Armgart nicht geirrt …

Terschka war es – und in leichtem, unpriesterlichem Reisekleide … Er hatte den Grafen um einen unbemerkten Empfang gebeten und demzufolge ihn draußen auf der Terrasse begrüßt … Die Ruhe, die die Frauen am Grafen beobachtet hatten, kam von einer innersten Erkältung her, mit der er dem enthusiastischen Gruß 156 und der beredsamen Darstellung eines abenteuerlichen Irrgangs durchs Leben vom Tage seiner Abreise nach Amerika an bis zum gegenwärtigen Augenblick gefolgt war … Damals als ich Ihnen rieth: Greifen Sie die Urkunde an! Sie ist falsch! Lassen Sie jene Lucinde verhaften! konnte alles noch anders werden; aber Sie folgten mir nicht! hatte Terschka, an den durch die Abreise nach Amerika unterbrochenen Briefwechsel anknüpfend, offen ausgesprochen und angedeutet, um wie viel weniger grausam ihn dann die Schläge des Misgeschicks getroffen haben würden …

Graf Hugo war auch darin eine vornehme Natur, daß er sich sogar gegen das Zweideutige und Schlechte nicht mit sofort aufwallender Entrüstung, nur mit einer Art naiver Ironie, ja einer scheinbaren Toleranz verhielt, die jedoch tief erkältend und alles Ungebührliche von sich ablehnend wirkte … Ein sich immer gleiches entwaffnendes Lächeln lag dann auf seinen Gesichtszügen, sein wienerisch gemüthlicher Accent bekam eine ironische Schärfe, die verwirrte … So bemerkte er auch jetzt mit einem Schein von Humor:

Wirklich, mein alter guter Terschka, wenn ich Ihnen dienen kann, so sagen Sie es offen! … Ich bin ja reich … Mama starb vor kurzem … Verfügen Sie über mich! …

Terschka kannte diese Manier, fürchtete sie und erwiderte nach einer Weile:

Graf, das ist alles zu spät! … Was ich brauche, brauchen darf, das hab’ ich ja … Ich muß arm bleiben, wie mein unseliges Gelübde befiehlt … 157 Ja, ja, Graf, ich kann nicht mehr zurück – bleibe, was ich war und – wieder bin … O, diese Kämpfe – diese Martern! … Aber Graf – – Wenn Sie – Sie wollten – …

Ich? … Was soll ich wollen? … sagte der Graf …

Mit dem Ausdruck des höchsten Schmerzes stockte Terschka und sah sich um, ob niemand ihnen folgte …

Der Graf wiederholte mit dem Ton der alten Sorglosigkeit, wenn auch scharf aufhorchend, mehreremal:

Sie sind also wieder Katholik, Priester, Jesuit – haben in dieser wilden Zeit – wo? – in Tirol gelebt? …

Unter fremdem Namen leitete ich die Erziehung der Söhne eines Grafen von Wallis in Steiermark …

Versteckten sich bei den Gemsen und auf den Eisfeldern der Tauern … Hören Sie, da thaten Sie recht … Ich hörte, daß Ihre alten Freunde in London einige Dolche für Sie geschliffen hatten, die Ihnen – den Tod der Brüder Bandiera heimzahlen sollten …

Sprechen auch Sie diese Verleumdung nach? … wallte Terschka auf und begleitete seine Rede mit den heftigsten Gesticulationen …

Durch wen sollte die Erhebung von Porto d’Ascoli zu einer Espèce Räuberfeldzug werden? … entgegnete der Graf mit Schärfe und wiederholte, was durch Bonaventura und Benno’s frühere Briefe ihm erinnerlich war … Durch einen gewissen Boccheciampo und Jan Picard, den man aus London nach Korfu geschickt hatte, um an jener Expedition theilzunehmen … Das Experi-158ment misglückte … Der Einfall fand in Calabrien statt … Aber doch ereilte die Nemesis einen Ihrer Abgeordneten durch den Bruder Hubertus, der Ihnen, hör’ ich, schon in Westerhof eine unheimliche Erinnerung gewesen sein soll … Was hatten Sie gegen den Mönch mit dem Todtenkopf, den „Bruder Abtödter“? … Ihren Sendling soll er wie den Grizzifalcone in Rom bedient haben … Daß die Italiener doch noch manchmal vor uns Deutschen Respect bekommen! …

Alles das schrieb Cäsar Montalto aus London an den Erzbischof? … entgegnete Terschka mit funkelnden Augen … Ich versichere Sie Graf! Es sind Lügen …

Der Graf hatte die Anklage ausgesprochen, die Terschka seit einigen Jahren verfolgte; die Anklage, die ihn nach Amerika getrieben; die Anklage, die ihn, aus Furcht vor den Flüchtlingen in Genf, zuletzt die Pforten des Asyls von Freiburg wieder aufsuchen, ja in den Zeiten der entfesselten Revolution sich ganz in der Welt verbergen ließ … Der Graf that dabei so, als wenn es ihm gar nicht einfiele, Terschka’s etwaige, höchst respectable Motive verdächtigen zu wollen …

Man verlangte damals für die Bandiera, begann Terschka, entschlossene und verzweifelte Männer … Ich schickte einen solchen … Es war ein Mensch, der mir in London, ich gesteh’ es, unbequem wurde … Ich habe Ihnen nie ein Hehl gemacht, Graf, daß, ohne meine Schuld, meine erste Jugend abenteuerlich war … Nun führte mich eine zufällige Begegnung mit einem Menschen zusammen, der sich an mich klettete, mich aus-159preßte, belästigte in jeder Weise … Ich wußte ihm nichts zu bieten, als das Handgeld der Verschwörer … Noch mehr, ich suchte diesen Picard zuerst in Londons Tavernen aus freien Stücken auf; ich war ihm als Brandstifter von Westerhof auf der Spur … Zwar leugnete er, vermaß sich hoch und theuer – ich setzte ihm aber – in Ihrem Interesse, Graf – so lange zu, bis ich, ohne Ihre dringende Abmahnung, diesen Gegenstand weiter zu verfolgen, ohne Zweifel der Wahrheit über den Schloßbrand auf den Grund gekommen wäre – …

Sie wußten, daß es ein Gauner war, sagte der Graf, und empfahlen ihn doch jenen Flüchtlingen, deren Partei ich nicht nehme, die aber, mein’ ich, einige brave Menschen in ihren Reihen zählen … Empfahlen ihnen einen Kerl, der ganz gewiß jener Diener auf Westerhof war, Dionysius Schneid ja wol, für den Ihr alter Hubertus hätte verantwortlich gemacht werden müssen, wenn der alte Freund und zuweilen nicht zurechnungsfähige Protector Ihrer Jugend, einer unter Räubern zugebrachten Jugend, nicht damals mit dem Doctor – Klingsohr ja wol – entflohen wäre – …

Graf –! unterbrach Terschka mit verdrossener Geberde und hielt, vorauseilend, beide Hände an seine Schläfe, als könnte er Dinge nicht hören, die – das Mal auf seinem Arm erglühen machten …

Nun, nun, beruhigen Sie sich nur! rief ihm der Graf nach und folgte langsam … Mein Vorwurf trifft nur die Möglichkeit, wie Sie Ihren Freunden in London einen notorischen Bösewicht haben empfehlen können! …

160 Meine Freunde! wiederholte Terschka und lachte … Was ist, was war mir diese Freiheit Italiens! Diese Aufstände, diese Bewegungen! … Ich bin zu Grunde gegangen an meinem Bedürfniß, andere froh und glücklich zu sehen … Jesus, mein Ehrgeiz war schon da befriedigt, wenn ich unter dem Schein der Freundschaft so viele Jahre nur Ihr Bedienter war … Protestiren Sie nicht, Graf! … Ich liebte die Geselligkeit, habe die Rechte, die sie gab, nie misbraucht, ich lebte ihren oft sehr schweren Pflichten … Sie haben es gesagt, das unglückliche Gespenst meiner geringen Herkunft ist es, das mich überall verfolgt … Sie haben sich gut erinnern –; ich gestand es Ihnen selbst – damals, als Sie sich von dem lieblichen – Kinde in Zara nicht trennen konnten …

Terschka sah den Eindruck seiner an dieser Stelle in Weichheit übergehenden Stimme am Stillstehen des Grafen … Ein stürzendes Bergwasser begrenzte den Garten … Eine Erlenbrücke führte hinüber … Der Graf lehnte sinnend über die weißen Stämme dieser Brücke hinweg und blickte in die rauschende Flut …

Angiolina! fuhr Terschka in melancholischem Tone fort … Ach, wenn du, du noch lebtest! … Nie würde dein alter, verwitterter, lebensmüder Freund so tief ins Elend gerathen sein! … O, diese Zeiten! … Graf, oft hör’ ich sie noch im Geiste weinen und – lachen … Wie sie lachen konnte – die Angiolina – wie sie halt wieder gut machte, was ihre Wildheit zerstört hatte … O Graf, um Angiolinen schont’ ich ihren Bruder – noch vor drei Tagen sah ich ihr Bild wie 161 zum Verwechseln vor mir – in den Zügen dieses – mir immer nur impertinent gewesenen Bruders – …

Sie sahen – Montalto? erhob sich der Graf vom Geländer der Brücke … Wo? … Er soll ja verwundet sein – …

So wissen Sie noch nicht, daß er in Coni beim Erzbischof ist? …

Wer? fuhr der Graf auf … Benno von Asselyn? – in –? …

Coni! Auf meiner Fahrt von Genua hierher begegnet’ ich ihm … Vor wenig Tagen … Ich glaubte damals nicht, daß er noch den nächsten Tag überlebt … Aber er ist, verlassen Sie sich, in Coni – …

Der Graf gerieth in die höchste Aufregung … Dachte er auch nur an die morgende Fahrt nach Coni, so war Grund genug vorhanden, sich zur Umkehr zu wenden …

Lassen Sie mir diese letzte Stunde! bat Terschka und ergriff die Hand des Grafen … Es ist die letzte – meiner Freiheit! Graf, lassen Sie uns so nicht scheiden! … Ich bin eine elende Ruine, zu Grunde gerichtet, verloren … Das ist mein Unglück, ich kann ohne die Vorsehung anderer Menschen, ohne eine Kette nicht leben … O diese Kette – wie ist sie unendlich – und ach! – wie schwer –! …

Sie sind also in der That der Pater Stanislaus wieder! … sagte der Graf nicht ohne wärmeren Antheil …

Die Fessel ist dehnbar aber sie reißt – nie! … antwortete Terschka im Tone der Vernichtung …

162 Eine dumpfe Pause trat ein … Eine öde Stille … Nur die Blätter der Bäume fingen mächtiger und mächtiger zu rauschen an …

Der Graf empfand die ganze Verwerflichkeit eines Ordens, den er schon lange gelernt hatte vom Katholicismus selbst zu unterscheiden … Aber er empfand mit Terschka persönlich Mitleid …

Sie Aermster gehen also nach Rom! …

Zum Gericht! fiel Terschka ein …

Und kommen direct? …

Von Genua – …

Da sahen Sie – Benno von Asselyn! …

Auf dem Wege nach Coni … Ich sprach ihn natürlich nicht … Schon in Witoborn war er mein Todfeind … Ich sah ja Armgart eben – auf der Altane … Graf, es wird kühl … Schließen Sie Ihr Kleid … Armgart wird erstaunen – ihren Benno wiederzusehen – …

Die nächtlichen Wanderer standen am Eingang zu jenem mächtig sich ausdehnenden Eichenwalde, der die noch unzerstörte Einsiedelei des Eremiten barg … Sie schritten in die sich mehrende Dunkelheit hinaus … Eben gingen der Pfarrer und der Gemeindeälteste an ihnen vorüber und sprachen, als beide stillstanden und sie vorüberließen, ein: Salute!

Buon viaggio! durfte der Graf erwidern, da die Wanderer bis zu ihrem Gebirgsthale eine weite Strecke hatten …

Terschka wandte sich abseits, um nicht erkannt zu werden … In früheren Jahren war er nicht selten hier ge-163wesen und geredet wurde noch oft genug von ihm … Er kannte hier Weg und Steg …

Werden Sie denn auch für diese Schwärmer, fragte er den Vorausgehenden nach, ebenso ein Protector sein, wie Ihre Mutter? …

Die Gesetze protegiren sie … entgegnete der Graf und sah, nur noch Benno’s gedenkend, nach der Uhr …

Terschka wollte ihn nicht lassen … Er suchte ihn in Interessen zu verwickeln, die für beide gemeinschaftliche waren …

Man sagt, begann er, daß Ihre Freundschaft für den Erzbischof von Coni – Ihre Zärtlichkeit für – Ihre Gemahlin jetzt vielleicht – nach dem Tode – Ihrer Mutter – – …

Der Graf hörte nicht … Seine Gedanken waren nur dem Schlosse und Coni zugewandt …

Warum bin ich nur so feige und tödte mich nicht selbst! … unterbrach sich Terschka mit wilder Geberde und weckte somit gewaltsam den Grafen aus seinem fortgesetzten Brüten …

Sie erwarten wirklich jetzt erst in Rom die ganze Strenge Ihres Ordens für Ihre Flucht! … sagte der Graf, mit zerstreuter Theilnahme auf seine Worte hörend …

Terschka erwiderte nichts, sondern blickte nieder …

Sie haben mir von den Exercitien des heiligen Ignatius erzählt! fuhr der Graf, um ihn zu beruhigen, fort … Werden Sie also in einer dunklen Zelle zubringen müssen mit einem Todtenkopf auf Ihrem Betpult, mit 164 dem Bild einer – verwesenden Leiche in Ihrem Bett –?*)

Terschka schwieg …

Das sind doch in der That nur kindische Dinge … Auch hab’ ich gehört, daß Sie Ihren Uebertritt, Ihren Verrath am Orden, wenn Sie wollen, als eine wohlberechnete Strategie darstellen dürfen, als ein Mittel, desto besser zu Ihrem Ziel zu gelangen – …

Ja – was war – denn mein Ziel? fiel Terschka mit zustimmendem Aufhorchen ein …

Der Graf bereuete diese Andeutung gegeben zu haben …

Sie werden, begann Terschka anfangs lebhaft, bald aber seine Stimme dämpfend, als könnten die Blätter der immer mehr bewegten Bäume seine Worte weiter tragen, Sie werden in diesem Thal, in diesen öden Wäldern nicht ewig bleiben wollen … Ihre Liebe zu den Waffen wird sich wieder regen, zumal wenn Sie sehen, daß eine Zeit kommt, wo nur noch die Waffen die Welt regieren … Oft schon sind Ihnen glänzende Anerbietungen zum Rücktritt in die Armee gemacht worden … Ihre Lage, zweien Staaten angehören zu sollen, zumal zweien, die sich unausgesetzt befehden werden, wird Sie zuletzt zu einem Entschluß veranlassen müssen … Ich weiß nicht, wohin Sie Ihre Ueberzeugung zieht … Katholisch sein! … Selbst in jenen lächerlichen Exercitien des Ignatius liegt ein – dumpfer Ernst – mache nur Einer mit, was ich in Freiburg habe erleiden müssen 165 … Die Revolution machte dem schrecklichen Kinderspiel, das man mit mir trieb, ein Ende …

Was in Freiburg unterbrochen wurde, wird in Rom wieder aufgenommen werden –? …

Ja Graf –! Aber gesetzt, Sie nähmen wieder bei Ihren alten Waffengefährten Dienste, Sie lebten in Wien, wofür sich doch zuletzt die Sehnsucht Ihres Herzens entscheiden wird – Gesetzt – Sie brauchten ja Castellungo nicht zu verkaufen – die Nothwendigkeit für Ihre Gemahlin, in des Erzbischofs Nähe leben zu müssen – …

Was reden – Sie! … unterbrach der Graf …

Vergebung! schmiegte sich Terschka in demüthiger Geberde … Sie misverstehen mich – Ich meine, der Oberst von Hülleshoven ist ein Projectenmacher und eigensinnig wie seine Frau … Hedemann wäre für die Verwaltung Castellungos zu brauchen gewesen – Aber der ist – ja wol auch todt? …

Sie sind – ein schneller – Reiter! … entgegnete Graf Hugo, sich erst langsam beruhigend … Nie noch hatte jemand gewagt, ihm persönlich die Nothwendigkeit, Paula in des Erzbischofs Nähe zu lassen, so offen auszusprechen, wie Terschka … Ihm war Bonaventura nothwendig, Er nur blieb in des Freundes Nähe –! So und nie anders hatte sich seit Jahren das Verhältniß im Munde seiner Umgebungen gestalten dürfen …

Wollen Sie diese herrliche Besitzung zu Grunde gehen lassen? fuhr Terschka immer demüthiger fort … Konnten Sie über meine Art, in Westerhof zu Geld für Sie zu kommen, klagen? … Behalten Sie mich hier! …

166 Ich verstehe nicht – entgegnete der Graf …

Ich fürchte mich vor Rom … Man wird Dinge von mir verlangen – die über meine Kraft gehen … Die einzige Möglichkeit der Rettung für mich wäre, daß ich draußen in der Welt eine Aufgabe fortsetzte … Was ich Ihnen früher im Geheimen war, Graf, wenn ich es offen würde – und – sagen könnte – …

Der Graf horchte auf …

Treten Sie über! … Lassen Sie mein jahrelanges Werk endlich mit Erfolg gekrönt sein! … Thun Sie es öffentlich, so soll es mir nicht zu schwer werden, es meinen Obern so darzustellen, als wenn alles, was ich mir seither habe zu Schulden kommen lassen, nur ein Mittel war zu höherm Zweck … Thun Sie es geheim, wohlan dann desto besser … In diesem Fall würd’ ich Ihr Gewissensfreund bleiben, würde Ihr Wächter scheinen dürfen und könnte so fortleben, wie bisher – selbst unterm Schein, Priesterstand und was nicht alles verwirkt zu haben … Oesterreich erhält die Weisung, meine Lage zu ignoriren – Piemont schützt uns ohnehin … Werden Sie katholisch, Graf! …

Graf Hugo brauste nicht auf und entsetzte sich nicht … Es gab eine Stelle in seinem Innern, die von Terschka’s Vorschlägen elektrisch berührt wurde … Die Jesuiten waren ihm nicht der Katholicismus … Religion nannte er übliche Sitte und Landesart … Der geselligen Spaltungen, die in seiner frühern militärischen Stellung für ihn als Akatholiken lagen, erinnerte er sich ungern … Den stolzen Muth seiner Mutter, gerade im Widerspruch mit weltlichen Rücksichten zu 167 leben, besaß er nicht … Mehr noch, wirkliche Liebe zu Paula fing ihn zu bestimmen an … Um sich, um die Mutter aus bedrängten Verhältnissen zu reißen, hatte er eine Standesehe geschlossen, ohne Paula die Zumuthungen einer Gattin zu machen – … Und die ersten Jahre war es ein Verhältniß gewesen, wie auch nur je eine Vernunftehe unter hochgestellten Personen geschlossen wurde … Als aber Paula in Italien, in Bonaventura’s unmittelbarer Nähe lebte, als sich die hochgespannte Leidenschaftlichkeit dieser Beziehung milderte, als die bescheidene Unterordnung des Grafen unter den Erzbischof diesen nicht minder, wie Paula rührte – die Jahre und die Reife des Geistes bringen allem Menschlichen sein Maß und lehren uns die wahren Güter des Lebens in Höherem suchen, als im persönlichen Glück – da hegte Graf Hugo Hoffnungen auf sein Weib ganz mit der Werbung eines Liebenden … Das Aussterben seines Stamms, die der Möglichkeit, noch einen Erben zu gewinnen, immer mehr gezählten Stunden – schon allein diese Rücksicht verlangte ein Entweder-Oder … Und da glaubte denn Graf Hugo schon lange, daß er sich und Paula diese Entschlüsse durch seinen Uebertritt erleichtern würde … Den kirchlichen Beziehungen seiner Mutter war er entrückt; die fortzusetzende Verbindung mit den Waldensern setzte eine größere geistliche Neigung voraus, als er sie besaß … Aus solchem Indifferentismus, verbunden mit Resignation des Gemüthes, erfolgte schon oft ein Uebertritt zur römischen Confession … Und so konnte er Terschka’s Vorschläge hören, ohne sie sofort von sich zu weisen … Hatte er nicht auch eine Reihe der glücklichsten 168 Jahre mit diesem Menschen verlebt, oft über seine Rathschläge den Stab gebrochen, oft sie dennoch befolgt –? … Zwischen ihm und Terschka hatte von jeher die mitleidige Toleranz eines Herrn für einen erwiesenermaßen nicht immer ehrlichen, aber bei alledem in seiner Art unersetzlichen Diener geherrscht …

Der Abendwind erhob sich mehr und mehr … Wolken legten sich über die Sterne …

Graf Hugo ließ Terschka reden – ließ sich ihm bald rathen, bald schmeicheln – ließ sich von ihm den Rock zuknöpfen, aus Besorgniß, der Graf möchte sich „verkühlen“ – Bald an dieser bald an jener Stelle seines Gemüthes wurde er berührt … Auch das Glück schilderte Terschka, das er sonst hier gefunden haben wollte bei des Grafen Mutter …

Die Herrliche, Gütige! sprach Terschka … In London – da lag ich zerknirscht zu ihren Füßen … Sie schickte mir einen Geistlichen, dem ich meinen Glauben abschwören sollte … Oeffentlich in einer Kirche hab’ ich es nicht gethan – ich ging zum Abendmahl und nahm es in beiderlei Gestalt … Graf, darin sind wir – einig; was mich einst zum Priester machte – was war es? … Für mich waren die Weihen nichts, als eine Erlösung vom Gewöhnlichen … Die klugen Väter erkannten es zu spät und gaben mir einen Auftrag, der mich dem Weltleben zurückgab … Kann man den Jesuiten, den Soldaten der Kirche, verdenken, daß sie Werth auf den Besitz eines Namens legen, wie des Ihrigen? …

Graf Hugo verabscheute, was er hörte, aber – er dachte an Paula und die Zukunft seines Namens … 169 Der Zauber des gebundenen Willens lag schon lange auf ihm … Was jeder verworfen hätte, was Monika Unmoralität nannte, vertrug sich bei ihm mit manchen geheimnißvollen Stimmungen der Seele … Es gab keinen andern Ausdruck für sein Gefühl, als den, daß die reinere Natur des Katholicismus, die Natur, die selbst ein Terschka nicht entweihen konnte, geheime und mystische edle Dinge verklärte … „Der erste Beichtstuhl wurde aus dem Baum der Erkenntniß gezimmert“ hatte die Gräfin Sarzana vor einigen Jahren hier gesagt … Graf Hugo versank immer mehr in ein brütendes Nachdenken …

Terschka erging sich in Lobpreisungen des katholischen Glaubens vom Standpunkt der Weltlichkeit, die beide früher so eng verbunden hatte … Und hätte ihn ein noch schlimmerer Ruf verfolgt, als der, den der Graf kannte, es lag zu viel Gemeinsames in ihren Lebensbezügen, ihre Erinnerungen trafen so oft auf einem Punkte zusammen, daß ihn der Graf nahm, wie er sich gab … Terschka knüpfte immer und immer an Angiolinen an … Und der Graf wußte, wie energisch Terschka auf Schloß Neuhof für sie gesprochen hatte … Terschka kam auf Angiolinens Mutter, die Herzogin von Amarillas, die aus London erwartet würde und wieder in Rom wohnen wollte, wenn sie nicht, unterbrach er sich, wol gar noch hierher kommt, um ihren, wie ich glaube, hoffnungslosen Sohn aufzusuchen …

Der Graf gab alle diese Möglichkeiten zu, hörte sie aber voll Schrecken und Wehmuth …

Terschka erzählte von Fürstin Olympia, deren Ver-170hältniß mit Benno schon seit lange nicht mehr das alte gewesen sein sollte …

Der Graf hörte Terschka’s welt- und herzenskundige Auffassungen; aber so groß seine Theilnahme für Angiolinens Bruder war, so sehr er Benno’s Seelenkraft bewunderte seit jenem Schreckenstage auf Schloß Salem, wo Schwester und Mutter in einem und demselben Augenblick von ihm gefunden und verloren wurden, so sehr ihn der Eindruck ergriff, den nun Benno’s Anwesenheit in Coni auf alle, vornehmlich Armgart hervorrufen mußte – sein Fragen und Forschen nach Diesem und Jenem war nur ein Verbergenwollen der größeren Sorgen, die sein Inneres um Paula drückten …

Terschka sah seinen Einfluß wiederkehren, sah, wie Graf Hugo sich an seinen Ton, seine alte Weise gewöhnte … Er blickte um sich … Sie waren tief im Waldesdunkel vorgedrungen und Zeit hätte es werden müssen, an die Rückkehr zu denken … Immer mehr und mehr verstärkte sich der Wind, der von den Bergen wehte … Die schwanken Wipfel der Bäume ließen Raum hier und da zu Durchsichten, wie in einem kunstvoll angelegten Park … Die Wanderer gingen einen Bach entlang, der behend unter den jetzt hin- und hergepeitschten Blütenbüschen dahinschoß … Nur allmählich erhob sich die grüne Bergwand … Schon war die Einsiedelei Federigo’s in der Nähe … Eine Gruppe der mächtigsten Eichen stand auf der Höhe so dicht beieinander, daß ihre Baumkronen von fern her zu einem jetzt im Winde den Einsturz drohenden Dach verwachsen schienen …

171 Ich war vor drei Tagen noch in Genua, erzählte Terschka, des Brausens und Rauschens um ihn her nicht achtend, wo eben Sturla aus Barcelona angekommen war … Dort schon hört’ ich, daß sich Cäsar von Montalto, schwer verwundet, unter den Trümmern der römischen Aufstandsarmee befand und auf dem Wege nach Coni war, ohne Zweifel zum Erzbischof … Auf der steilen Riviera di Ponente begegneten wir ihm …

Wir? wiederholte der Graf …

Pater Speziano und ich – …

Pater Speziano! Wagt ihr euch so weit schon wieder ins Land! …

Wir stiegen in Robillante aus – wohin ich bis morgen früh –zurück muß … Incognito – bis – – nach Rom – Graf! …

Erzählen Sie! …

Durch Vintimiglia fuhren wir im Postwagen und hielten eine Weile, ohne auszusteigen … Vor einem Kaffeehause, wo unsere Pferde gewechselt wurden, stand ein halb offner Wagen … Sehen Sie da! rief Pater Speziano und deutete auf den Wagen … Ein Kranker lag in ihm zurückgelehnt … Ich blicke näher – mich schützten die Jalousieen des Postwagens – und erkenne den Bruder Angiolinens … Sollt’ ich es wagen auszusteigen und ihn anzureden? … Sein Zustand sah dem eines Sterbenden ähnlich … Speziano hielt mich zurück …

Der Graf gerieth in eine Stimmung des unsaglichsten Schmerzes … Sollte alles dem Verhängniß verfallen, überall der Tod seine Opfer suchen! …

172 Wo sind Sie abgestiegen? fragte er noch einmal, ehe sie sich zur Rückkehr wandten …

In Robillante – … Aber für diese Nacht unten in San-Medardo beim Pfarrer …

Und die Herzogin – seine Mutter –? …

Ist mit Fürstin Olympia eilends aus London gekommen … Die letzten Nachrichten von diesen Frauen hatte man aus der Schweiz … Erfuhren sie von Montalto’s Verwundung und Gefahr und seiner Reiseroute, so kommen sie ohne Zweifel hierher …

Olympia –! rief der Graf und dachte an eine nothwendig werdende Vorbereitung Armgart’s auf so erschreckende Möglichkeiten … Vielleicht klopfte er noch jetzt dem Obersten und zog zunächst diesen ins Vertrauen …

Aber werden Sie katholisch, Graf! drängte Terschka … Es ist die Religion der reinen Menschlichkeit … Krönen Sie mein Werk, dem ich dann achtzehn Jahre meines Lebens geopfert habe – So läßt es sich wenigstens darstellen … Die Mittel, die ich anwandte, sind natürliche gewesen und ich bin gerettet – … Sie erlösen mich von Strafen, die alles überschreiten werden, was meine Natur erträgt … Das Al-Gesú macht ein Endurtheil über mich – … Ich habe keine Kraft, einem Geschick zu trotzen, das mich in die Mitte der beiden mich verfolgenden Parteien nimmt … Wollt’ ich auch zum zweiten male entfliehen, ich wäre vor Mazzini’s Rache ebenso wenig sicher wie vor der des Al-Gesú … Graf, werden Sie katholisch! … So hab’ ich wenig-173stens Ruhe vor Denen, die auf mich die ersten Rechte hatten …

Terschka versicherte dann, daß ihn Pater Speziano nach Rom führen müsse wie einen Gefangenen …

Der Graf stand schon lange wie eingewurzelt … Er blickte um sich und sah, daß er in dem Hain des Eremiten unter dem majestätischen Dach der uralten „Eichen von Castellungo“ stand … Noch glänzte die von Birkenzweigen und verwittertem Moos gebaute Hütte … Noch lag wie sonst der Verschlag für Federigo’s treuen Hund, den „Sultan“, wie er hieß, unverändert; noch die Hütte für die Ziege, beide Thiere, die die einzige lebende Gesellschaft des Freundes seiner Mutter waren … Eine mächtige runde Steinplatte, verwittert und mit gelblichen Moosflechten überzogen, die als Altar zu dienen pflegte, stand in der Mitte des mächtigen Rundes, über dem die Baumkronen sich schüttelten im zunehmenden Sturm … Noch hing in den ächzenden Zweigen des stärksten dieser Bäume die Glocke, durch deren Ruf der Einsiedler in einiger Verbindung mit der Welt blieb … Die schlummernden Vögel auf den Zweigen schienen zu träumen, mancher leise Laut erscholl, mancher Vogel flog erschreckt vom Neste … Der Wind bewegte durch die Zweige auch die Glocke … Zuweilen schlug sie an – leise, geheimnißvoll, geisterhaft – Graf Hugo sah ein ganzes Leben ihn hier wie mit stiller Bitte mahnen; er hörte den Ruf der Mutter, als sie ihn um die Erhaltung der Glocke – um die Erhaltung Castellungo’s und des Glaubens seiner Väter bat …

174 Terschka erkannte diese Zauber der Bestrickung für den Grafen … Oft hatte er hier selbst den Eremiten gesprochen, hatte sich mit dem „Sultan“ in der Hütte dort geneckt; er wußte, daß dies treue Thier dem vermeintlichen Gefangenen der Inquisition gefolgt sein sollte … Noch deutlich sah er die Gräfin auf einem Sessel von Baumzweigen, auf dem sie hier oft stundenlang bei ihrem Schützling zu verweilen liebte … Gerade damals war Terschka hier zum ersten mal gewesen, als sich die Sage von Vincente Ambrosi verbreitet hatte, der vor Frâ Federigo’s Lehren geflohen wäre …

Träumend stand der Graf und blickte auf die Glocke, deren Bewegungen immer stärker und stärker wurden … Er fuhr auf, als er Fußtritte hörte und die beiden Diener sah, die gefolgt waren und jetzt näher kamen, um die Mäntel anzubieten …

Mechanisch nahm er den einen und bot Terschka den andern … Dieser nahm ihn schnell, nur um die Diener zu entfernen … Lebhafter und lebhafter drängte er auf Entscheidung … Er schilderte alles, was er wünschte, als ein Facit von Umständen, die gebieterisch gegeben wären …

Der Graf lauschte der Glocke unter den Bäumen, die die heftigen Windstöße in Bewegung erhielten … Der ungleiche Klang war wie die unregelmäßigen Athemzüge einer von Angst bedrängten Seele … Das Bild der sterbenden Mutter stand dem Sohn vor Augen … Ihr Wort: „Du wirst dem Thiere folgen!“, ihre Bitte für diese Glocke, ihre Bitte für den jetzt schon in so wilder Störung begriffenen Frieden dieses 175 einsamen Ortes sprach ihm aus dem Wehen jedes zitternden Blattes …

Lassen Sie, Terschka! schnitt er jetzt, wie aus Träumen erwachend, alle Vorstellungen ab, die ihm dieser im Ton einer unverstellten Verzweiflung machte – Es war eine Proselytenwerbung so eigner Art, wie sie auch nur durch Jesuiten veranstaltet werden konnte … Keine Salbung, keine Ueberzeugung – eine Sache nur der Etikette und der praktischen Psychologie … Der Graf widerstand … Dort hinaus führen Sie meine Diener auf kürzerm Weg nach San-Medardo zurück, sagte er … Was die Zukunft bringen wird, weiß ich nicht … So, wie Sie es begehren, Terschka, wird und kann es nicht sein …

Graf! flehte Terschka … Ist das Ihr letztes Wort? …

Mein letztes, Terschka! Mein Inneres – Sie haben es errathen – ist zerrissen und unglücklich … Noch weiß ich nicht, was werden soll und ob ich länger mein Loos ertrage … Ich liebe – mein Weib! … Aber Ihr Auskunftmittel – – Weiß ich doch kaum, ob die Gräfin gerade dies noch begehren würde –! …

Graf, um so mehr! fiel Terschka ein. Allbekannt ist die Gesinnung des Erzbischofs … Auch die Gräfin, sie, die einst eine Seherin war, erkaltete in ihrer alten Glut und Andacht für den Glauben … Es ziehen Gefahren für Ihren Freund herauf, denen er jetzt erliegen dürfte, jetzt, wo die Richtung der Zeit sich ändern wird … Verachten Sie meinen Beistand nicht – auch ein Sturla kann mich kennen lernen … Aber nehmen Sie mich wieder auf! Schützen Sie mich durch 176 Ihren geheimen Uebertritt! Ich lenke alles, was Ihr Herz, Ihre Natur, das Glück Ihrer Freunde verlangt … Und Monika, selbst den Obersten gewinn’ ich – pah durch einen einzigen Tag … Selbst Armgart soll nicht vor mir entfliehen … Ich bin ja – ein Greis – alt – ich entwaffne halt jeden durch meine Ergebung – durch meine Demuth … Graf, zum letzten mal, ich, ein Abtrünniger, rettungslos Verlorener, ich darf mit einem großen Zweck leben, wie und wo ich will – ich darf mit den Waldensern gehen – Protestant scheinen … Nur besuchen Sie die Messe in Coni, in Robillante – wo Sie wollen – man liest sie Ihnen geheim … Dann gehen wir zuletzt alle nach Wien – Ihre Gattin folgt – Ihr erstes Kind wird auf einen Heiligen getauft – Das ist die Sprache der Welt, der gesunden Vernunft, der Verhältnisse, in denen Sie leben, die Sprache des Trostes, der Erhebung für – die Gräfin selbst – …

Der Graf schüttelte den Kopf und entgegnete:

Ein Abschied fürs Leben … Wir sehen uns nicht wieder –! …

Haben Sie Mitleid mit mir –! rief Terschka …

Die Glocke schlug unausgesetzt … Die Bäume rauschten im Sturme … Die Natur war im Aufruhr … Der Graf ging jetzt und wie auf der Flucht …

In französischer Sprache rief ihm Terschka nach:

Graf! Ich beschwöre Sie! … Sie werden es einst aus eigenem Antriebe thun … Thun Sie’s jetzt um mich, um Ihren alten – treuen – unglücklichen Freund! …

177 Die Glocke tönte … Mit hellen, mit klagenden, mit stärkeren, mit schwächeren Klängen …

Noch einmal wandte sich der Graf zu Terschka, wartete, bis dieser näher kam, bot ihm die Hand und sagte ihm ein letztes Lebewohl – … Unsere Wege sind getrennt, setzte er hinzu … Erde und Himmel können vielleicht für mich bürgen und für das, was ich thue oder lasse, Sie nicht mehr … Das sag’ ich alles ohne Groll, Terschka, ohne Sie kränken oder verurtheilen zu wollen; ich urtheile, Sie wissen es, über Menschen überhaupt nicht; lassen Sie alles wie es ist … Beschütze Sie jetzt der Himmel, Terschka! … Sans adieu! Sans adieu!

Der Graf schritt mächtig zu, gleichsam – um dem drohenden Unwetter zu entfliehen … Auch begann es in der That zu regnen …

Ein Diener blieb bei Terschka in dem wildbewegten Eichenhain zurück …

Der Graf sah sich nicht mehr um … Ohnehin ging es bergab … Er eilte wie jetzt selbst vom Sturm ergriffen …

In einer halben Stunde hatte sein Fuß das Schloß erreicht … Die Frauen wachten noch … Aber er wollte ihnen nicht die Nachtruhe nehmen durch die Mittheilung über Benno … Sein Mund blieb auch dem Obersten noch geschlossen über alles, was er gehört … Sein Auge durchwachte aber die ganze Nacht und sein Ohr vertausendfachte ihm alles, was er vernommen … Die grünen sturmbewegten Wipfel der Eichen rauschten um ihn her wie ferne Donner … Der Geisterton der klagenden 178 Glocke wurde eine Mahnung, als bedrohte eine Feuersbrunst die Welt und – vor allem die theuersten Menschen, die um ihn her in Ruhe schlummerten … Hatte es also zehn Jahre und erst des Todes seiner Mutter bedurft, um seinen ganzen innern Menschen so mächtig aus einem Zustande der Lethargie zu erwecken –! …

Terschka stand eine Weile vernichtet, bis er sich sammelte … Endlich erhob er trotzig sein Haupt, das nun schon durch die Jahre eine natürliche Tonsur trug, griff in die Tasche – gab dem Diener ein Trinkgeld und ließ sich im Gehen erzählen von den Bewohnern des Schlosses, vom Tod der Gräfin, vom morgenden Fest in Coni, von den Ueberraschungen für den Erzbischof, von den Reiseplänen des Grafen, von der dem Obersten hier schon gegebenen Stellung, von Monika’s Reformen, von Armgart … Auch von Federigo ließ er den Diener plaudern, vom Einsiedler, der noch im Silaswalde leben sollte, nachdem er in die Hände der Räuber gefallen, aus denen ihn Frâ Hubertus – wie alle Welt erzählte, mit Hülfe seines Hundes, des treuen Sultan – errettet haben sollte … Terschka forschte mit kurzen Fragen diesem unheimlichen Namen nach, forschte Allem, was von Franz Bosbeck, seinem ehemaligen Retter, den die Nemesis schon zum Richter über Jan Picard gemacht, im Volksmunde hier bekannt war … Auch Frâ Hubertus mit dem Todtenkopf sollte noch leben … Er erstaunte – künstlich … Alles, was er hörte, war ihm schon bekannt – …

Frost durchschüttelte seine Glieder – Jetzt erst warf er des Dieners Mantel um, den er bisher überm Arm 179 getragen hatte, und bat um die Angabe eines kürzern Weges, um ins Thal und dort zum Pfarrer zu gelangen …

Der Wind hatte aufgehört … Regenströme ergossen sich … Noch schützten ihn und den Diener hier und da die Bäume der Alleen … Sie umgingen das geheimnißvoll nächtlich schlummernde Schloß … Eine Weile sah es Terschka mit dem Blick verzweifelnden Neides an … Dann fragte er den Diener, ob er sich auch der Gräfin Sarzana erinnern könnte … Auch von ihr ließ er sich einiges erzählen … Den im spottenden Ton gemachten Bericht über diesen Besuch unterbrach er mit den dumpf vor sich hingesprochenen Worten: Auch sie – ist in Rom! …

Terschka befahl jetzt dem Diener, ihn allein zu lassen … Den Mantel sollte er morgen vom Pfarrer im Thal abholen … Es war über die elfte Stunde – rings stichdunkel … Durch ein labyrinthisches Gewinde von Gärten, über schwellend brausende Bäche – endlich an einem malerisch gelegenen Friedhof mit unheimlich blitzenden Kreuzen vorüber erreichte er das Pfarrhaus San-Medardo …

Aus einem geöffneten Fenster, wo noch Licht brannte, begrüßten ihn die heisern Worte:

Ecco! Ecco! Al fine venuto!

Sie kamen von Pater Speziano und klangen wie die Beruhigung eines angsterfüllten Kerkermeisters, dem ein entflohener Gefangener endlich wiederkehrt …

180 6.#

Als derselbe Tag noch goldensonnig am unbewölkten Himmel geleuchtet hatte, fuhr ein kleiner, mit Staub bedeckter Halbwagen langsam auf der Landstraße zwischen der Stura und dem Gesso dahin, zweien Bergströmen, die hinter Robillante in ihrem Lauf miteinander wetteifern … Um die Dämmerung gelangte das kleine Gefährt an die Thore einer Stadt, die in frühern Jahrhunderten stark befestigt gewesen sein mußte … Noch erhoben sich in dem alten Cuneum Römerthürme; noch erstreckten sich rund um die Stadt zackige Mauern und tiefe Gräben …

Die Straßen Conis, einer 15000 Einwohner zählenden Stadt, waren am südlichen Thor eng und düster, aber belebt von einer schwatzenden, muntern Bevölkerung, wie sie in Italien der Abend auf die Gasse lockt … Kinder, Frauen, Greise, nichts bleibt dann daheim im geschlossenen Raume; selbst die unterste Volksklasse sitzt in Hemdärmeln, Manchesterjacken, Blousen vor Kaffeehäusern, raucht, trinkt, schwatzt, streitet über die Tagesneuigkeiten, für deren Kunde ein ein-181ziges Zeitungsblatt ausreicht, da unter zwanzig meist nur einer lesen kann …

Gesang ertönte … Drehorgeln durchkreuzten sich in ihren Melodieen … Der Kutscher erfuhr in dem Lärm erst von Andern, daß hinter ihm sein Passagier nach ihm verlangte …

Er wandte sich theilnehmend …

Coni ist eine ansehnliche Stadt … Aber die schlechtgepflasterte Straße mußte dem Passagier, der ausgestreckt im Innern der Halbchaise lag, empfindlich werden … Der Kutscher erfuhr, er sollte langsamer fahren … Zugleich wurde nach dem Palast des Erzbischofs gefragt und von einem Dutzend Stimmen die Antwort ertheilt … Man begleitete den Wagen, der einen Kranken führte … Es war ein todtbleiches, männlich gefurchtes Antlitz mit vollem wilden, hier und da ergrauten Bart … Benno war damals ein Mann von vierzig Jahren …

Die Straßenjugend folgte dem Wagen, der auf einen großen Platz einbog, einen Exercirplatz, wie es schien; rings war das mächtige Quarrée mit duftenden Lindenbäumen besetzt … Nicht zu entfernt von einer stattlichen Kirche lag hinter einem gegitterten Vorhof ein großartiges Gebäude, vor welchem der Kutscher in seinem weißen Hute, seiner braunen Jacke, seiner rothen Halsbinde ebenso sicher anfuhr, wie der Führer einer sechsspännigen Carrosse … Er wußte ja, daß er dem Erzbischof einen theuren Verwandten brachte …

Ein Carabinier mit gezogenem Säbel hielt vor der hohen Eingangspforte des Palastes Wache … Er deutete auf die Klingel, die der Kutscher, der schon abge-182sprungen war, nur anziehen sollte … Ein Diener erschien … In einer Art Livree von schwarzem Frack, schwarzen Beinkleidern, schwarzen Strümpfen und Schnallenschuhen …

Der Kutscher hatte schon eine Karte in Bereitschaft, die dem Diener zur Anmeldung des Besuches übergeben werden sollte … Zugleich bat er um Hülfe, den Kranken aus dem Wagen zu schaffen … So wie er da läge, il povero, brächte er ihn dritto aus Genua … Miracolo! setzte er mit beredsamem Blick hinzu – er brächte einen Mann, der nur durch ein Wunder noch lebte …

Benno, bleich, mit blassen Lippen, starren Gliedern, auf einer halb zum Sitzen, halb zum Liegen eingerichteten Matratze, hörte und sah alles, was sein Führer trieb, aber er schwieg … In der That schien er an den äußersten Grad der Erschöpfung angelangt … Noch manches Jugendliche hatte sich in seinen Zügen erhalten … Schmächtig und mager schien er geblieben, aber sein Haupthaar war fast grau, wie der mächtige Bart hier und da von gleicher Farbe … Geronimo, der Kutscher, erzählte den sich schon mehrenden Dienern, zu denen sich Priester gesellten, der Kranke hätte in Rom einen Schuß in die Brust bekommen und die Kugel säße noch fest; die Aerzte hätten behauptet, der Verwundete würde, nachdem die Anstrengungen der Flucht von Rom nach Genua ihn schon dem Tode nahe gebracht, eine weitere Reise schwerlich überstehen, aber nichts hätte ihn abbringen können, seinen Transport bis nach den Thälern von Piemont zu verlangen. Ihn selbst zwar hätte das Hospital gemiethet 183 und ihm als Ziel seiner Reise nur Nizza genannt. Daß es Coni und dort das erzbischöfliche Palais sein sollte, erfuhr Geronimo erst vom Verwundeten selbst in Vintimiglia. Dieser konnte die Arme nicht bewegen, konnte keine Briefe schreiben – sie aber von andern schreiben zu lassen, hätte er abgelehnt. Niemand sollte erfahren, wohin seine Reise ging. Selbst im Spital hätte man sein wahres Ziel nicht wissen sollen … Wenn der Verwundete jedem die Fährte der Nachfrage nach ihm abschneiden wollte, so war es wol die natürliche Lage eines politischen Flüchtlings …

Schon wurde Benno emporgehoben und auch die Schildwache griff mit an … Der Leidende überwand die Schmerzen, die ihm diese Bewegungen zu verursachen schienen … War doch die Sehnsucht seines Herzens erfüllt, die letzte Freude seines Lebens gewährt … Geronimo hatte recht berichtet – Benno wollte allen denen, die noch an seinem Leben Interesse haben konnten, selbst seiner Mutter, verborgen bleiben … Deshalb vertraute er selbst dem Spital in Genua nichts über seine Absichten, am wenigsten der Post – … Und selbst die Feder zu führen, verbot ihm sein Zustand … Still in Bonaventura’s Armen zu sterben, war alles, was er vom Leben noch begehrte … Diesen hoffte er zu finden, auch ohne sich ihm angekündigt zu haben … So kam es, daß ihn hier niemand erwartete …

Die Diener jedoch, auch wenn sie den Namen „Cäsar Montalto“, der auf der Karte stand, nicht zu deuten gewußt hätten, thaten darum nicht befremdet … Was 184 sollte nicht bei ihrem Herrn ein Sterbender seine letzte Zuflucht suchen können –! …

Noch war der Fremde nicht bis an die große Marmortreppe getragen worden, als auch schon von oben her, gefolgt von Priestern und Dienern, der Erzbischof in seinem wallenden Hauskleid, einem priesterlichen Rock mit violettem Ueberwurf und goldener Kette, in athemloser Hast erschien, sich über den unglücklichen Freund warf, ihn in beide Arme schloß und unter Thränen an sein Herz drückte …

Mein Bruder –! rief er unausgesetzt …

Mehr konnte nicht von seinen Lippen kommen – und Mein Bruder! Mein Bruder! hatte er auf der Stiege schon, abwechselnd in deutscher und in italienischer Sprache, gerufen … Italienisch, um seine Umgebungen über den Anlaß eines so außergewöhnlich großen Schmerzes und sein Verlassen aller Formen der Etikette, die in diesem Hause waltete, gebührend aufzuklären und sie aufzufordern, in seine Trauer miteinzustimmen …

Das Bedürfniß, zu helfen, drängte nun sofort jede andere Empfindung zurück … Schon wurden die ersten Aerzte der Stadt gerufen … Schon hörte man oben Thürenschlagen, ein emsiges Rennen, ein Klopfen und Hämmern, um Zurüstungen für ein Lager zu treffen … Das ganze, nur von Priestern bewohnte Haus war in Bewegung …

Die Worte: Wie konntest du in diesem Zustand eine solche Reise unternehmen! kamen nur halb von Bonaventura’s Lippen … Laßt! bat der Majorduomo, ein 185 stattlicher Herr mit einer silbernen Kette auf der Brust und wehrte der Ueberzahl der helfenden Hände … Nach Benno’s Wunsch leitete dieser dann allein den Transport …

Auch für den Erzbischof war Sorge zu tragen … Am eisernen Geländer der mächtigen Treppe hielt er sich mühsam aufrecht; anfangs vermochte er den Männern, die Benno hinauftrugen, vor physischer Schwäche nicht zu folgen … In meine Schlafkammer! war alles, was er zu sagen vermochte, und wieder doch zum Kutscher mußte er sich wenden, der auf die Anrede des Majorduomo, woher sie kämen, vor dem Erzbischof sein Knie beugte und Segen – und Trinkgeld begehrte … Ohne den Auseinandersetzungen Geronimo’s, so wichtig sie ihm waren, länger zuzuhören, riß der Erzbischof unter seinem Ueberwurf sein Almosenbeutelchen hervor und reichte dem Knienden den ganzen Inhalt …

Jetzt raffte sich der Erzbischof auf und schwankte am Geländer der Stiege entlang … In den hohen weiten Sälen des ersten Stockwerks standen alle Thüren geöffnet … Die letzten Abendsonnenstrahlen beleuchteten die kostbaren Tapeten von Seide, die bunten Malereien, die sich sein Vorgänger Fefelotti für die kurze Zeit seines Verweilens in diesen Räumen hatte anfertigen lassen … Die Fußböden waren parquettirt … Die Wände starrten von Bronze und Krystall … Die Wohnung eines Fürsten schien es zu sein und erst in dem mit grünen Vorhängen von einem Bibliothekzimmer getrennten Schlafgemach des Erzbischofs sah es einfacher aus … War auch hier nicht die rauhe Kasteiung sichtbar, die einst 186 Bonaventura beim Kirchenfürsten am großen vaterländischen Strome beobachtet hatte und die in dem dem Schönen abgeneigten Sinn desselben eher ihren Grund gehabt haben mochte, als im ascetischen Bedürfniß, so hatte doch Bonaventura hier sowol wie in seinen nächsten Zimmern die Spuren der Ueppigkeit seines Vorgängers so weit getilgt, als das dem Palast erblich angehörende Mobiliar von ihm verändert oder entfernt werden durfte … Da lag nun Benno schon auf seinem einfachen Lager, verlangte von allem, was ihm zur Erfrischung angeboten wurde, nur ein kühlendes Citronenwasser, vor allem Ruhe und – allein zu sein mit dem geliebten Freunde, der an sein Bett niederkniete, um Benno’s glühheiße Hand zu küssen … Alle Umgebungen waren in Bestürzung über den Schmerz des Erzbischofs – … Noch dazu wurde ihm dies Erlebniß am Abend seines Namenstages …

Der Majorduomo sorgte dafür, daß die Verwandten allein blieben und nur die Aerzte noch zugelassen wurden … Auch zu einem Kloster der Barmherzigen Brüder wurde geschickt, um einen erfahrenen Krankenwärter zu holen … Mit den von Fefelotti eingeführten Töchtern des heiligen Vincenz von Paula hätte man dem Erzbischof nicht kommen dürfen – …

Die Freunde waren allein – allein mit dem letzten Strahl der Sonne, der sich durch die herabgelassenen Vorhänge stahl – allein mit dem Todesengel, dessen dunkler Fittich seit einiger Zeit von Bonaventura’s Lieben nicht mehr weichen zu wollen schien – allein mit den Rückblicken auf ein so tief verfehltes Leben, wie es Benno geführt, 187 auf ein so tief vereinsamtes, wie es Bonaventura mitten im rauschenden Gewühl der Zeit und der Welt führte … Wie brachen die schönen freundlichen Sterne der Jugend wieder aus den Wolken, die sie so lange verschleiert gehalten hatten … Wie klang ein Ton so wehmüthig und klagend durch die bangen Seelen der Freunde und sprach: Das, das wollten wir – und das haben wir gefunden! …

Bonaventura’s Lippen bebten, ob sie fragen sollten: Weißt du denn auch, wie dein irrend Leben gerade jetzt hier angekommen ist bei seinen ersten Anfängen – und daß die liebliche Armgart in unsrer Nähe weilt? Weißt du, daß ich aus Deutschland den Besuch meiner erkrankten Mutter, den Besuch Friedrich’s von Wittekind, deines Bruders, soeben gemeldet erhielt? Wird dich denn auch, ohne ihre letzten Küsse, deine in der Schweiz genannte Mutter sterben lassen? Wird jene Verirrung, die für immer die Flügel deines Lebens knickte, Olympia, deinen Tod ertragen können, jene Circe, die deine Sinne verwirrte mit dem Zaubertrank ihrer – wer kennt den Inhalt der Mischungskünste, die eine Frauenhand bietet! Oder – nun kehrten ihm Klänge des längst abgebrochenen Briefwechsels wieder – war es deine eigene Seele, die dich berauschte, deine eigene Natur, die sich des Höchsten vermaß und sich doch besiegen ließ von dem, was die Menschen dir immer und du dir selbst als dein ärmstes deuteten – deinem Gemüth! … Dankbar wolltest du sein –! Deutscher nicht mehr bleiben – seit du eine von Deutschen gemishandelte Mutter gefunden – und, fast möcht’ ich nach deinen Briefen 188 sagen, mehr noch – seit die Bandiera deine Freunde geworden, die Bandiera, die die Kugel des Henkertodes traf – Benno, Benno, welche Dämonen haben dich fortgeschmeichelt von Deutschlands Herzen und hinüber in soviel Irrgänge deines Lebens und in dies ersichtliche Ende! …

Zehn Jahre –! sprach jetzt Benno mit einer dumpfen, heisern Stimme, die sich mühsam von seiner keuchenden Brust rang …

Rege dich nicht auf! entgegnete Bonaventura und setzte sich auf den Rand des Bettes … Schlummre! … Du bedarfst nur der Ruhe! …

Benno winkte, daß Bonaventura die Vorhänge am Fenster lüften möchte … Er wollte den Erzbischof sehen, wollte vergleichen, wie auch ihn das Leben nach so langer Trennung gezeichnet hätte …

Bonaventura erfüllte sein Verlangen und sah Benno’s noch volles, aber ergrautes Haar – … Sein eigenes war ebenso gefärbt … Die Magerkeit des Erzbischofs hatte zugenommen … Die glanzvollen Augen lagen tief in ihren Höhlen … Furchen umgaben den Mund … Aber die edle Bildung des Kopfes, die Gestalt selbst konnte durch die Spuren der Jahre nicht geändert werden und vielleicht der jüngste und noch immer jugendlichste Kirchenfürst in Roms Hierarchie blieb er nächst Vincente Ambrosi in Rom bei alledem …

Bonaventura sprach von der Kunst der hiesigen Aerzte … Vom Doctor Savelli, der das Leben der Gräfin Erdmuthe so lange erhalten hätte … Von dem Arzt der Garnison, der sich auf den letzten Schlachtfeldern bewährt hätte …

189 Benno schüttelte das Haupt und erwiderte:

Die Kerze ist – nieder …

Bonaventura konnte solcher Schwäche gegenüber nichts entgegnen … Man brachte den Erquickungstrank …

Der Freund reichte ihn dem Verschmachteten und als er getrunken, winkte nach einer Weile Benno selbst, daß das Fenster wieder verhangen würde … Fieber durchschüttelte ihn plötzlich … Sogar auf die grünen Vorhänge des Bibliothekzimmers, durch die sich zu viel Licht stahl, deutete er … Sie wurden zurückgeschlagen und dafür die Thürflügel ganz geschlossen … Die Erschöpfung schien durch den Lichtreiz gemehrt zu werden …

Bonaventura bat ihn vor allem, nur zu schweigen … Reden und Denken griffe ihn ersichtlich an … Nur fühlen, träumen sollte er – glücklich sein – … Du bist – bei mir! sprach er mit der ganzen Innigkeit liebevoller Sorge und fast schon hätte er, an Armgart denkend, gesprochen: „Bei uns“ – …

In Benno’s Auge, das wol von Armgart weit-, weitab irrte, traten Thränen … Er schwieg und lehnte das Haupt zur Seite, jetzt in der That, wie um zu schlummern …

Nun fast störte es, daß die Aerzte kamen …

Sie nahten sich dem Lager, streiften die Decke auf und riethen, trotzdem daß der Kranke sich nicht bewegen konnte und mochte, ihn ganz von seinen Kleidern zu entblößen … Die entzündete, den Lungen nahe Stelle, wo die Kugel sitzen mußte, war bald gefunden … Der Kranke zuckte mit einem kurzen Schrei auf, als sie berührt wurde … Die Kugel herauszunehmen hätte den sofortigen Tod veranlaßt …

190 Im Blick der Aerzte lag die Andeutung, daß auch so die Auflösung schwerlich ausbleiben würde … Die Ruhe, ja die starre, krampfartige Erschöpfung, in der sie den Kranken fanden, verordneten sie durch nichts zu stören … Zwei Barmherzige Brüder, die inzwischen gekommen waren, wußten, was sie die Nacht über zu beobachten hatten … Jetzt galt es, den von der Untersuchung seiner Wunde Ohnmächtigen sich allein zu überlassen …

Bonaventura kehrte, die Hände gen Himmel erhebend, in seine hohen, so prachtvollen, durch die eigenthümlichen Anordnungen, die er ihnen gegeben, wohnlich umgestalteten Zimmer zurück …

Sein einfacher Abendimbiß, der inzwischen aufgetragen wurde, konnte ihn nicht zum Niedersitzen bewegen … Nur wie schwebend schritt er dahin, faltete die Hände und sah nieder wie ein Verzweifelnder … Ein einziger Augenblick – wie hatte dieser so den Frieden um ihn her verwandeln können! … Den Frieden! … Hatte seine Seele Frieden? … Erlosch um ihn her nicht ein Auge nach dem andern? … Das tragische Geschick, das über sein Haus und über sämmtliche Angehörige desselben hereingebrochen schien, hatte er erst heute wieder gesehen, als vom Präsidenten die Nachricht gekommen, daß die Aerzte seiner Mutter den Aufenthalt im Süden vorschrieben … Sie würden nach Neapel gehen, hatte der Präsident geschrieben … So nahe dem Silaswalde! seufzte Bonaventura – und die Mutter bat ihn inständigst, vorher noch in Rom mit ihr zusammenzutreffen –! …

Eben noch hatte Bonaventura an seinen Freund, den Cardinal Vincente Ambrosi, geschrieben – hatte 191 sich ihm auf Besuch angemeldet … Eben noch hatte er ihm die Nachricht mitgetheilt, daß Pater Speziano wagte, heimlich eine Nacht in Robillante sich aufzuhalten, in Begleitung des Doppel-Apostaten Terschka … Wie mußte bei solchen Bildern die Erinnerung an die alten Tage des Glücks und der Hoffnung über ihn hereingebrochen sein … Im Lehnsessel, am Schreibtisch, an seinem hohen Fenster hatte er gesessen und beim Abendläuten in die rosige Glut des Himmels geschaut … Morgen war sein Namenstag … An den schönen Strom der Heimat hatte er denken müssen, an sein kleines erstes Pfarrdorf Sanct-Wolfgang, an eine Gemeinde, wenn sie zum ersten mal den Namenstag ihres Seelsorgers feiert … Das stille Leben eines Landpfarrers hatte ihm wieder als ein so beneidenswerthes Glück vorm Auge gestanden … Er hörte die Frühglocke seiner Kirche; von seinem Gärtchen aus zählte er die Reihe der Kirchgänger; fühlte seine erste Pfarrersangst, ob ihrer auch genug kämen, um ihm die Beruhigung zu geben, daß sie ihn liebten … Wieder sah er sich auf dem engen, kaum zum Umwenden ausreichenden Platz vor seinem Hochaltar, hörte seinen eigenen Gesang und in der markigen edlen Sprache der Heimat, die er nun schon so lange auf immer abgeschworen, seine Predigt … Wie sah er denn auch nur gerade heute den alten Mevissen so ernst und feierlich in seinem Stuhl sitzen, den treuen Hüter der Geheimnisse, die so ganz, ganz anders, als vielleicht sein Vater gewollt, in sein Leben griffen … Auch seines Kainsmaals gedachte er, jener noch immer unenthüllten Beichte Leo Perl’s, eines Spuks, 192 der ihn freilich nicht mehr wie sonst schreckte … Die Jahre und die innern Revolutionen seiner Ueberzeugung hatten ihn allmählich bewahrt, über die Thorheit eines wahnwitzigen Priesters dauernd in solcher Verzweiflung zu leben, wie anfangs … Das erzbischöfliche Pallium trug er nicht wie eine gleißnerische Hülle innerer Unwahrheit; mit sichrem Vertrauen auf seine Lebenskraft hatte er sich ein Ziel gesteckt, dem er nachlebte, ein Ziel, das nur durch den Hirtenstab eines mächtigen Bischofs erreicht werden konnte, ein Ziel, dem die Enthüllung seiner unvollendeten Taufe eine Glorie mehr werden sollte … Als Lucinde von ihm mit dem Grafen Sarzana getraut wurde, hatte er mit ihr Frieden geschlossen (sie schickte ihm an jedem Namenstage, anfangs aus dem Kloster der Lebendigbegrabenen, später aus Genua, dann aus Rom, das letzte mal aus Venedig, zu diesem Tage ein Angedenken und ihr diesjähriges war bereits wieder von daher eingetroffen) – von ihrer alten Drohung, „ihn vernichten zu wollen“, war nichts mehr zurückgeblieben, als eine Art Superiorität, die ihr wenigstens in des Erzbischofs Nähe z. B. bei ihrem Besuch in Coni eine Stellung sicherte, auch wenn andere sie eine Jesuitin, wol gar eine Brandstifterin nannten … Ihr diesjähriges Geschenk war ein Kelch von Krystall, umsponnen mit silberner Filigranarbeit, eine Arbeit aus den Werkstätten Venedigs, von wo sie noch ihre Begleitzeilen datirt hatte … Sie wäre auf dem Wege nach Rom, hatte sie geschrieben, „um den Raben auf den Leichenfeldern ihren Mann zu entziehen und ihn anständig begraben zu lassen“ … Wie hatte sich das alles mit den Jahren umgewandt! … 193 So weilten Bonaventura’s Gedanken in fernen glücklicheren Zeiten – da kam diese neue trübe Mahnung an die Gegenwart …

Bonaventura hatte nun den steten Anblick und Umgang Paula’s, hatte die seltenste Freundschaft des Grafen, hatte die unermüdliche Sorgfalt Aller für sein Wohl, hatte die edelsten Freuden der Geselligkeit, jede nur erdenkliche Fürsorge und Ueberraschung, die sonst nur einem Gatten von seinem Weibe, einem Vater von seinen Kindern kommt – und doch fehlte das Glück … Der Kampf mit Roms Hierarchie war ihm an sich eine Freude – er hatte hier und da offene und geheime Bundesgenossen – aber Inneres und Aeußeres in ihm war nicht ausgeglichen … Nur das Nächste brauchte er zu betrachten – im Grafen sah er Krisen entstehen, die zu neuen Kämpfen der Seele führen mußten – und, blickte er in die Ferne, war denn jenes in die Ferne gerückte Räthsel des Eremiten, seines Vaters, gelöst? – – …

Friedrich von Asselyn, sein Vater, war damals nur vor seinem Sohn aus Castellungo entflohen … Er wollte todt sein und das Schicksal sendete ihm in seine Verborgenheit gerade den eigenen Sohn! … Er erblickte darin die Entdeckung seines Geheimnisses … Seit den lebensgefährlichen Abenteuern, die er bestehen mußte, lebte er jetzt im Silaswalde – … Cardinal Ambrosi hatte erst vor Kurzem wieder geschrieben, daß sein Jugendlehrer dem muthigen Kirchenfürsten ewig Dank wissen werde für die Mühe und Sorge, die er ihm damals, mit Gefahr seiner hohen Würde, gewidmet; daß er ihn aber fort und fort beschwöre, bis zu einer be-194stimmten Stunde seiner Lebensspur nicht zu folgen, ja daß er ihm das heilige Versprechen abnähme, ihn bis dahin nie mehr unter den Lebenden zu suchen – … Fiat lux in perpetuis! hatte diese erneute Bitte des Eremiten geschlossen … Das Losungswort der Briefe, die ihm und dem Onkel Dechanten einst aus Italien gekommen waren – der Augenblick der Versammlung unter den Eichen von „Castellungo“ an einem Sanct-Bernhardstage … Noch lag dieser Tag um Jahre hinaus und doch mußte er bestimmend und bindend wirken … Mußte nicht Bonaventura des Vaters Bitte schon um seiner noch lebenden Mutter willen erfüllen? … Zu seiner Beruhigung diente, daß dem Vater ein treuer Wächter im Silaswalde geblieben war, sein Retter aus Räuber- und Mörderhand, jener kühne Laienbruder Hubertus … Wie die Reise der Mutter nach Neapel in diese Räthsel eingreifen konnte, hatte sich der Sohn mit banger Spannung eben vergegenwärtigt … Cardinal Ambrosi war inzwischen der innigste Vertraute seines Lebens geworden – nur wußte derselbe nicht, daß Federigo des deutschen Freundes Vater war; Vincente Ambrosi und Bonaventura hatten sich so gefunden, daß in den Zeilen, die er ihm eben geschrieben, jene Beziehung ausgenommen, sonst die geheimsten Saiten seines Innern widertönen durften …

Ein Erzbischof kann, wie ein Fürst, nicht frei gehen und wandeln; er ist der Gefangene seiner Würde … Im Speisezimmer wurde Licht angezündet und der Haushofmeister kam mit bittender Miene, Excellenza möchte sich nicht dem Mahl entziehen und die nothwen-195dige Stärkung zu sich nehmen … Der Erzbischof aß nicht allein … Eine Anzahl Hausbewohner, Hülfspriester, Secretäre, Schüler, waren seine regelmäßigen Tischgenossen …

Gelassen gab Bonaventura den Bitten nach, setzte sich zur Tafel auf seinen Ehrensessel und sah voll Wehmuth auf ein neben ihm liegendes Buch, das er befohlen hatte, heute Abend neben ihm aufzuschlagen … Es war ein Theil der Werke des heiligen Bonaventura, denen er sich seines Namenstages wegen hatte widmen wollen …

Es ist mein Namenstag morgen – sprach er mit leiser Stimme und im reinsten Italienisch; ich beschäftigte mich gerade mit unserm Doctor seraphicus … Die Stelle, die ich vorlesen wollte, – (er blätterte mit seinen magern weißen Fingern) – ich kann sie nicht wiederfinden … Lesen Sie, wandte er sich erschöpft zu einem jungen Vicar, der bei ihm den Freitisch genoß – eine jede Stelle wird auf unser Leben passen …

Der junge Mann las, was er fand: „O wär’ ich doch jener Baum des Kreuzes und wären die Hände und Füße des Gekreuzigten an mich geheftet gewesen, so hätt’ ich zu jenen Menschen gesprochen, die ihn vom Kreuze abnahmen: Nimmermehr laß’ ich mich trennen von meinem Herrn; begrabt mich mit ihm! Doch da ich das dem Leibe nach nicht thun kann, so thu’ ich es der Seele nach. Drei Stätten will ich mir im Gekreuzigten erwählen; die eine in den Füßen, die andere in den Händen, die dritte in seiner Brust! Dort will ich athmen und ruhen! Dort wohnen, trinken aus dem Quell ihrer 196 unaussprechlichen Liebe! Oft wandelt mich Furcht an, ich möchte herausfallen aus diesem Aufenthalt! Glückselige Lanze, glückselige Nägel, die ihr diesen Weg des Lebens uns öffnet! O wäre es mir vergönnt gewesen, jene Lanze zu sein, nimmermehr wär’ ich dann aus dieser göttlichen Brust zurückgekehrt!“ …

Lästerung! unterbrach der Erzbischof plötzlich aufwallend und nahm das Buch an sich …

Alle erschraken … Doch bei näherer Besinnung war ihnen diese Kritik nicht befremdlich an ihrem Oberhirten, der die Wärme der Religion nur beim Lichte suchte …

Er winkte mit der Hand und deutete an, daß man unbehindert den Speisen zusprechen sollte … Da er selbst nur wenig aß, konnte er seinen Tischgenossen sagen:

Wohin verirrt sich nicht der spielende Witz einer Andacht, die mit der Feder in der Hand betet! … Wahrheit! Wahrheit! … Und vor wem denn mehr, als vor dem Herrn der Welten, vor dem Gedanken: Was ist die Ewigkeit! …

Dann erzählte er von Benno’s Leben – bis seine Thränen ihn hinderten …

Der Haushofmeister, der am untern Ende der Tafel vorlegte, kannte Benno noch von seinem Aufenthalt in Robillante her … Es war ein schlichter Mann, der dem Erzbischof von dort gefolgt war und Ordnung und Sparsamkeit in Fefelotti’s Hinterlassenschaft gebracht hatte … Daß der sich jetzt Cäsar von Montalto nennende, verwundete Vetter des Erzbischofs vom Kriegsschauplatz in Rom kam, war kein Geheimniß und 197 mehrte das Interesse; in diesem Lande war das Urtheil über Italiens Angelegenheiten freigegeben … Allgemein nahm man die Möglichkeit, in so krankem Zustand von Rom bis hierher reisen zu können, für ein Hoffnungszeichen möglicher Genesung …

Bonaventura dachte anders … Es hat ihn nur gezogen, hier sein letztes Lager zu suchen … Noch einmal wollte er in seinen Anfang zurück … So nur war ihm dies Suchen eines letzten Wiedersehens erklärlich …

Das bescheidene Mahl war zu Ende, als das lebhafte Gehen der Thüren nach dem Schlafzimmer zu auf ein Vorkommniß im Zustand des Kranken schließen ließ … Der Erzbischof erhob sich eilends und ging in die anstoßenden Zimmer … Alle folgten … Einer der Brüder kam ihnen mit einem Gefäß voll Schnee entgegen, den man anwenden wollte, um den Blutandrang zum Kopf des Kranken zu mildern …

Bonaventura hörte ihn laut phantasiren … Als er näher gekommen war, fand er Benno hochaufgerichtet im Arm des andern Bruders, seiner nicht bewußt – auch Bonaventura nicht erkennend … Es schien, als befehligte er noch auf den Breschen der Mauern Roms – als riefe er die Wankenden zusammen … Mit erhöhter Stimme sprach er bald italienisch, bald deutsch, bald englisch … Er redete Personen an, die er leibhaft vor sich sah … Sarzana! rief er und lachte sogar … Da haben Sie’s denn nun! … Leichenbruder! … Auch Hamlet hatte erst Muth, als eine Ratte hinter der Wand raschelte! … War’s nicht so auch mit Ihnen, Ihrer neuen Loge damals –? … Stehen Sie jetzt auf, Sar-198zana! … Ich bitte Ihnen ab, daß ich Sie für einen Verräther hielt … Ein tollerer Hamlet waren Sie freilich noch als ich … Achtung aber der Dame, die da kommt und die eine Krone zu tragen würdig ist – Nein – es ist – ja nur die Kammerjungfer – …

Bonaventura las aus Benno’s wilden und lachenden Mienen die Erinnerungen, die ihn quälten … Die letzteren schienen Lucinden zu gelten … Er redete dem Freunde zu, sich zu fassen … Seine Hand strich ihm das Haar aus der Stirn …

Endlich schien der wie von Gespenstern verfolgte und wie um Hülfe bittende Blick des Phantasirenden den Freund zu erkennen … Seine wilde Rede stockte … Das Auge starrte um sich; der Kopf neigte sich zum Kissen zurück und nur die abwehrenden Hände verriethen, daß die Gedanken des Leidenden keine heitern waren … Fort! Fort! rief er und suchte sich der Annäherung von Menschen zu erwehren, dann murmelte er vor sich hin in jetzt nicht mehr zu verstehenden Lauten … Allmählich trat eine Entkräftung ein, so bedenklich, daß die hinzugekommenen Aerzte dem Bewußtlosen Stärkungen einflößen mußten … Darüber verfiel er in einen Halbschlummer …

Inzwischen war im Nebenzimmer ein Bett aufgeschlagen worden … Bonaventura hatte angeordnet, daß hier, in seiner Bibliothek, sein Nachtlager sein sollte … Man beschwor ihn, seiner selbst zu schonen – Morgen in erster Frühe wollte er die Messe lesen … Er erwiderte: Nachtwachen bin ich gewohnt … Dann trat er ans Fenster und deutete an, daß ein Unwetter heraufzöge; 199 man möchte die Fenster schließen und sich zur Ruhe begeben … In der That brauste ein plötzlicher Wind, warf offenstehende Thüren und Fenster … Man entfernte sich und ging scheinbar zur Ruhe … In Wahrheit schmückte man heimlich den Palast zum morgenden Feste …

Der Kranke lag, als Bonaventura an sein Lager zurückkehrte, in Schlummer versunken … Sein Athemzug ging schwer und ungleichmäßig … Die Brüder schlossen nebenan die Fenster und Thüren – das Brausen des Windes nahm zu … Auch die Thür, die das Schlafcabinet vom Bibliothekzimmer trennte, wurde wieder geschlossen … Bonaventura trat in letzteres zurück und war nun allein – unter seinen Büchern, von denen die meisten ihm über die Alpen (ohne Renate, die gutversorgt daheimgeblieben bald nach der Trennung von ihrem Pflegling starb) nachgekommen … Seine Studirlampe brannte auf dem grünbehangenen Tische … Die Glocken schlugen zehn …

„Nachtwachen bin ich gewohnt“ … Bonaventura war es schon in seinen glücklicheren Tagen … Wie viel mehr in denen, die seiner Reise nach Wien folgten … Seinen Brief an Ambrosi holte er hervor … Ambrosi hatte dem Heiligen Vater auf seiner Flucht folgen müssen … Nun zog er wol wieder mit ihm in Rom ein … In Rom, wohin auch ihn, den Sohn – die Mutter rief … Bonaventura hatte vor zehn Jahren Rom nur flüchtig kennen gelernt … Damals war er als ein Angeklagter erschienen, anfangs in seinen Schritten gehemmt, dann, als sich alles zum Guten wandte, von Huldigungen der maßlosesten Art, durch die Herzogin von Amarillas, Olympien, Lucinden, am wenigsten freigegeben …

200 Damals war Benno bereits durch die Hülfe der Frauen gerettet … Die Herzogin von Amarillas hatte sich mit Olympien durch die Sorge um ihren Sohn ausgesöhnt … Daß Benno ihr Sohn, verkündete sie nun selbst; ihr verzweifelndes Muttergefühl hatte ohne jedes Besinnen den Schleier des Geheimnisses zerrissen – und Lucinde, die vorher so gefürchtete Mitwisserin des Geheimnisses, wurde nun ohne Scheu die Dritte im Bunde; die Herzogin hatte jede Demüthigung vergessen … Zwei Menschen gab es nur, die helfen konnten, Olympia und Lucinde – ihr erschienen sie jetzt wie Engel und gottgesandte Heilige …

Als Benno in Sicherheit war, errichteten die Frauen Pforten des Triumphes für Bonaventura … Fefelotti mußte ihn von ganz Rom wie auf Händen getragen und sogar vom Heiligen Vater begnadet sehen … Ermüdet und beschämt von soviel Glück und Erfolg, hatte Bonaventura den Trost, zu sehen, daß seine Sache wenigstens von einigen unabhängigen Männern und Richtern aus Ueberzeugung gefördert wurde … Er hatte gehört, daß seine Angelegenheit besonders freundlich Ambrosi vertrat … Diesen seltsamen Menschen, für den er ja selbst in Robillante Bischof geworden und von dem er mit doppelt begründeter Rührung vernommen, daß sein Vater ein Professor in Robillante war, der auf einer Alpenwanderung, wo Vermessungen von ihm vorgenommen werden sollten, umgekommen – diesen besuchte er jetzt … Wie drängte es ihn, zu hören, ob sein Vater, der einen solchen Tod nur fingirt hatte, wirklich als Lehrer oder Ver-201führer zu ketzerischen Gesinnungen mit ihm in näherer Verbindung stand …

Im früheren germanischen Collegium liegt die „Custodia der Reliquien und Katakomben“ … In dem untern Geschoß des düstern Palastes befinden sich lange, an den Fenstern vergitterte Säle, in denen die alten Steinsärge ihres Inhalts entleert, die vermoderten Knochen gesäubert und in grünangestrichene Kisten gesammelt werden … Nach den Inschriften der Särge werden die Namen der Bekenner festgestellt … Findet man kleine Phiolen mit einer eingetrockneten Flüssigkeit, die vielleicht Blut war, so hegt man die Ueberzeugung, die Knochen eines Märtyrers gewonnen zu haben … Ueberall liegen hier Glassplitter, zerbrochene thönerne Lampen, selbst Kleiderreste einer uralten Vergangenheit …

Soeben war Cardinal Ambrosi beschäftigt, einen von einem Professor des Collegiums, einem Jesuiten, „getauften“ heiligen „Xystus“ nach Amerika zu versenden, wo man in Mexico das dringendste Bedürfniß ausgesprochen und viel Geld darum nach Rom gesandt hatte, für eine neugebaute Kathedrale den kostbarsten Schmuck in einem heiligen Reliquienleib zu besitzen …

Bonaventura wartete in einem Nebenzimmer und gedachte an das Wort: „Ich ziehe in die Katakomben!“ ein Wort, das Frâ Federigo zu Klingsohr und Hubertus gesprochen hatte … Ueber Hubertus hatte sich Bonaventura schon bei Klingsohr beruhigt, den er mehrmals in Santa-Maria besuchen wollte, endlich nur im Archiv des Vatican fand, wo Pater Se-202bastus die deutschen Schriften excerpirte, die Rom auf den Index setzt – Wohl eine Thätigkeit, die Bonaventura an Benno’s Wort vom Vatermorde erinnern konnte, dessen dieser den Sohn des Deichgrafen mehr bezichtigte, als seinen eigenen Vater, den Kronsyndikus … Klingsohr’s demüthiger Brief aus San-Pietro in Montorio nach Robillante, den Lucinde damals besorgen sollte und besorgt hatte, stand im auffallendsten Widerspruch – mit einer Cigarre, die Pater Sebastus am offenen Fenster in der Nähe der Loggien des Raphael zu rauchen wagte … Soviel stand fest – die Situation hier oben, dieser Blick auf die Größe Roms, dieser heraufströmende Duft aus den lieblichen Gärten des Vatican – es verlohnte sich, mit dem deutschen Vaterland, mit Schiller, Goethe, Kant gebrochen zu haben … Klingsohr analysirte sein Glück mit der ganzen Kraft der ihm zu Gebote stehenden poetischen Reproduktion – … Die „dummen, albernen Wahngebilde“ in den Büchern vor ihm, die ewige Schönheit Raphael’s um ihn her – auch Lucindens beseligende Nähe – alledem wußte der kahlköpfige, hektisch hustende Mönch goldene Worte zu leihen … Von Hubertus berichtete er, daß dieser den Pilger von Loretto aus der Gefangenschaft der Räuber mit Lebensgefahr befreit hatte, dann aber leider, den Verfolgern ausweichend, mit dem Geretteten nach dem Süden verschlagen wäre … Hubertus unterhandelte damals mit dem General der Franciscaner um die Erlaubniß, in dem Kloster San-Firmiano, am Eingang in den Silaswald, für immer bleiben zu dürfen und schon hatte seine Bitte die Unterstützung Lucindens 203 und Ceccone’s gefunden – Beide waren froh, den Unheimlichen in der Ferne zu wissen … In ruhiger Ergebenheit ließ Bonaventura Klingsohrn die Gelegenheit, alle Erfahrungen seines Gemüthes gegen einen Mann durchzusprechen, der ihm so mannichfach nahe stand … Und wie orakelte Klingsohr! … Am längsten verweilten seine Einfälle und Paradoxen diesmal beim Leben – der „Thierseele“ … Hubertus sollte den Pilger mit Hülfe eines Hundes, ohne Zweifel des seinem Herrn bis nach Loretto und dann bis an die Bai von Ascoli nachgelaufenen „Sultan“ entdeckt haben … Den Pilger selbst charakterisirte Klingsohr als einen Deutschen, der der alten Zeit des Turnerthums und der Romantik entlaufen wäre und „sozusagen Eichendorff ins Protestantische übersetzt hätte –“, wahrscheinlich hätte er in Loretto „die Andacht statistisch studiren“ und das hochheilige Wunder von der durch die Lüfte nach Loretto getragenen Heilandskrippe in der Darmstädter Kirchenzeitung lächerlich machen wollen … Grizzifalcone hätte einen scharfen Blick verrathen, als er diesen Mann zu seinem Schreiber machte …

Bonaventura hielt seinen heftigsten Zorn und Unwillen zurück und rühmte nur die Bildung des Verschollenen …

Klingsohr räumte diese ein und erzählte: Als wir in einer Nacht im Walde campirten und ich nicht schlafen konnte, sang er, neben mir im Moose liegend, ein provençalisches Lied … Von einer edlen Dame, glaub’ ich, der ein in den Kreuzzug ziehender Ritter seinen Hund und seinen Falken zurückläßt … Ich übersetzte es – glaub’ ich:

204 Weil ich Dich, Liebste, lassen muß,
Wie darf ich je noch fröhlich werden!
Nimm hin noch mit dem letzten Kuß
Das Liebste mir nach Dir auf Erden! – –

Bonaventura ging dann erschüttert … Er sah ja den Abschied des Vaters von Gräfin Erdmuthe … Als er erfahren hatte, daß sich in Santa-Maria vielleicht eine Möglichkeit fand, mit dem Silaswald in Verbindung zu treten, als Klingsohr mit elegischem Aufschlag seiner schwimmenden hellblauen Augen von Lucindens Macht und Einfluß und, Bonaventura’s fast spottend, von ihrer baldigen Grafenkrone gesprochen hatte, verließ er ihn, um ihn nicht wiederzusehen … Klingsohr behandelte ihn, im Hinblick auf Lucinden, mit Vertraulichkeit, fast Protection …

Es währte eine halbe Stunde, bis Ambrosi, den er für fernere Nachforschungen im Silaswalde zu interessiren hoffte, sich ihm widmen konnte … Er sah sich die auch in seinem Wartezimmer befindlichen alten Marmorsärge an … Auf allen Verzierungen derselben fanden sich die nämlichen Embleme des Glaubens an Auferstehung … In roher Darstellung, ohne Zweifel von Fabrikhänden gefertigt, waren die Verstorbenen als Jonas im Bauch des Walfisches dargestellt, ein Mythus, der den Formen der Schönheit wenig entgegenkommt – ebensowenig wie der auf allen Särgen wiederkehrende Fisch, der in seinem griechischen Namen die Anfangsbuchstaben für Jesus und seine Erlöserwürde ausdrückt …

Endlich erschien der Cardinal … Bonaventura fand eine kleine Gestalt, von weiblichweichen Formen, von einer 205 noch ebenmäßigeren Schönheit, als sie ihm oft war geschildert worden … Ambrosi’s Lächeln war fein, sarkastisch sogar, seine Sprache sanft und melodisch …

Was er Bonaventura zur ersten Begrüßung sagte, schien ein Herzensbedürfniß auszudrücken, das schon lange von ihm genährt wäre und in dem Wunsch nach inniger Bekanntschaft mit einem Manne bestünde, der einen Bischofssitz einnahm, der vor einem Jahre ihm bestimmt gewesen …

Nach Entschuldigungen dann für die Eile, die die Verpackung des heiligen Xystus hätte, da ein Segelschiff in Civita-Vecchia nach Mexico bald die Anker lichte, nach den ersten schärferen Forschungen in der Natur der beiden sich in ihrem innern Grund bereits bekannten Männer, sagte Bonaventura beziehungsvoll:

Es weht mich aus diesen Symbolen, so unschön die Formen sind und so – man kann wol sagen, roh, einem Bauer gleich, die Gestalt Jesu abgebildet wird, doch eine seltsame Weihe an … Man sieht einen nächtlichen Gottesdienst geheimnißvoller Verbrüderung in einer unterirdischen Krypte …

Die nahe Erwartung des Heils liegt in diesen mystischen Zeichen! sprach Ambrosi und führte seinen Besuch an den Steinsärgen entlang, auch an noch uneröffneten … Der Geruch in diesen Sälen war peinlich genug; die Stimmung aller Anwesenden seltsam beklommen; nicht gerade des Moders wegen, sondern wie im verschütteten Pompeji nicht Ein Glasscherben von den Arbeitern mitgenommen werden darf, so hier keiner dieser einträglichen Knochen, die im Preise von Juwelen standen 206 … Ein Priester mußte den andern bewachen und die Wächter hatten wieder über sich ihre Wächter …

In der That – als wenn man eine Orphische Nachtreligion mit geheimnißvollen Wunderzeichen dargestellt sähe! sprach Bonaventura, staunend über die an den Särgen angebrachten Basreliefs …

Der Cardinal unterrichtete seinen Besuch über die neuesten Forschungen in den Katakomben … Dann sagte er: Die Gleichheit aller Särge und die gemeinsame Begräbnißstätte erweckt die Vorstellung von einer fast familienartig zusammenhängenden Gemeinde …

Inzwischen wurden dem Cardinal eine Kerze und Siegelwachs entgegengehalten … Ein großes Petschaft zog er aus seinen Kleidern und versah mit dem Wappen der gekreuzten Schlüssel und der dreifachen Krone die Stricke und die Nähte der Emballage …

Nachdem wollte der Cardinal seinen Besuch in die obern Zimmer führen; wieder fand sich eine Störung … Gleichsam als käme alles zusammen, was den Gedanken wecken mußte: Sind denn das nicht Heuchler, die einen gottseligen Sinn haben wollen und solchem Aberglauben huldigen? – traten ihm die Superiorin, die Vicarin und Sacristanin der „Lebendigbegrabenen“ in ihren braunen Röcken und weißen Schleiern als Abgeordnete ihres Klosters entgegen, um das Fürwort des jüngsten der Cardinäle für die Heiligsprechung ihrer Mumie zu gewinnen … Sie verneigten sich tief … Ambrosi nahm ruhig ein Verzeichniß aller Wunder entgegen, die weiland Eusebia Recanati schon bewirkt haben sollte …

207 Bonaventura sah, daß Ambrosi nicht lächelte, sondern ernst die Blätter überflog, sie zu sich steckte und die Angelegenheit der Nonnen zu prüfen versprach … Beide begegneten sich als katholische Priester … Beide waren erzogen und emporgekommen in ihrem Beruf … Jedenfalls kannten sie keine Reform, als die auf Grundlage des katholischen Lebens … An einen Uebertritt zum Lutherthum denkt nicht der alleraufgeklärteste, nicht der allerunabhängigste unter den Katholiken …

Als die Nonnen sich entfernt hatten, saßen zwei Menschen, Heilige, wie sie oft genannt wurden, sich gegenüber und forschend ruhten auf einander ihre Blicke … Der eine war ein Märtyrer des Duldens und stand deshalb jetzt erhöht … Der andere wurde immer verfolgt und entfloh nur von Würde zu Würde … Jener ein contemplativer Charakter, dieser zum Handeln und zur praktischen Bewährung geneigt … Die Ruhe beider die gleiche; beim einen war sie ein Wachen wie über einen Schatz von schönen Hoffnungen, die alles Leiden endlich belohnen würden, beim andern wie über einen Schatz voll Ergebung, dem kein neues Leiden mehr eine Ueberraschung bieten konnte …

Ambrosi lobte Bonaventura’s Eifer für die Waldenser, nicht weil er ihre Lehre billigte, sondern weil die Waldenser ihre Rechte hätten … Voll Theilnahme und beruhigend sprach er über den Eremiten, den er einen Landsmann des neuen Erzbischofs nannte und im Silaswalde wußte … Die Berichte, die er gab, bestätigten, was Bonaventura inzwischen schon zu seiner Beruhigung erfahren hatte …

208 Als Bonaventura von Frâ Federigo nähere Kunden zu hören wünschte, wich allerdings sein Gönner aus und rühmte nur – die Gegend um Robillante …

Auf einsamen Wegwanderungen hab’ ich da die großen Begebenheiten kennen gelernt, die dem Einsamen Stoff zur Betrachtung geben – sagte er … Mein erstes Evangelium war tagelang ein Vogel oder eine Wolke … Als ich später in die Schule, ins Seminar, ins Kloster kam, fand ich freilich, daß ich infolge dieses Träumens alles, was eine Unternehmung werden sollte, linkisch anfaßte; der Erfolg war immer kleiner, als meine Absicht … Da begann ich nichts mehr und nun hatt’ ich alles …

Gefahrvoll für die Welt, griffe solcher Quietismus um sich! … sagte Bonaventura mit aufrichtigem Tadel …

Darauf machte mich Frâ Federigo aufmerksam, dem ich mein Leiden klagte … fuhr der Cardinal mit voller Zustimmung, offenbar über seine Worte wachend, fort …

Warum suchten Sie ihn auf? … fragte Bonaventura …

Ich wollte deutsch von ihm lernen, um in die Schweiz zu reisen … Ich brachte es nicht weit … Ihre Heimatsprache ist schwer und wir plauderten wenig über die Grammatik, mehr über Gott und die Welt …

Bonaventura sah den Einfluß seines Vaters auf den jungen Theologen und fragte:

Sie wußten, daß Sie mit einem Ketzer sprachen? …

209 Das wußt’ ich … Ich ging auch mit großer Angst zu ihm … War ich aber bei ihm und es wurde Nacht und ich ging dann heim, so erschien ich mir wie Jakob, der auf dem Felde einem Engel begegnete und im Nebel mit ihm rang … Ich kämpfte oft einen Riesenkampf gegen diese mächtige Erscheinung und doch suchte ich meinen Gegner wieder auf, gerade weil ich bei ihm die Kraft fand, um mit jenem Engel im Nebel, mit Gott zu ringen … Jeder Schlag, den ich von Gottes allmächtigem Geist empfing, verbreitete Kraft durch meine Glieder … Sie hatten Recht, mein theurer Bruder, sich für diesen edlen Landsmann zu verwenden … Ich denke, Sie sind jetzt über ihn beruhigt? …

Bonaventura’s Brust hob sich mit dem Gefühl der Beseligung und zugleich der Spannung auf die Möglichkeit, daß Ambrosi seine nähere Beziehung zum Eremiten kannte …

Ist es wahr, begann er nach einigem Schweigen, während dessen seine Augen umirrten, daß Sie doch zuletzt vor seinen Lehren geflohen sind? …

Der Cardinal erröthete, wie öfters, so auch jetzt – gleich einem Mädchen … Dann wiegte er den schönen Kopf wie über die Seltsamkeit aller solcher Gerüchte und über sein Antlitz verbreitete sich ein mildes Lächeln … Er hatte geschwiegen, aber seine Geberden sagten ein Ja! und wieder auch ein: Nein! … Nur ein Italiener oder ein Orientale besitzt die Fähigkeit eines so ausdrucksvollen Mienenspiels …

Ein Mönch zu sein! fuhr Bonaventura beobachtend 210 fort. Konnte – Sie das so reizen – so zu den staunenswerthesten Entbehrungen –? …

Ein Mönch in alten Tagen, unterbrach der Cardinal die ihm dargebrachte Huldigung mit lächelnder Miene, war ein lebensmüder Einsiedler … In den unsern bedeutet er entweder weniger oder – mehr … Ich stellte mir mit meinem Verlangen nach Gott eine Aufgabe … Ist es nicht mit unserm ganzen Glauben so, daß wir unsere Schultern nur zum Tragen göttlicher und unsichtbarer Dinge stärker machen wollen? … Diese Reliquien, diese Seligsprechung, von der Sie eben hörten – diese rechne ich auch zu dem, was mit dem Baldachin des Himmels, der Offenbarung, der Verehrung für überirdische Dinge überhaupt zu tragen ist … Warum tragen wir es noch und handeln danach? …

Noch? wiederholte Bonaventura …

Ein flüchtiges Zittern bewegte die Augen- und Mundwinkel des Cardinals … Wieder folgte ein vielsagendes Mienenspiel, ein beredsames Schweigen … Wie mit plötzlicher Erleuchtung glaubte Bonaventura eine Vision zu sehen … Dieser Priester, sagte er sich, ist ein Schüler deines Vaters! … Alle Grundsätze desselben hat er eingesogen! … Um sie in die katholische Kirche einzuführen trachtete er danach, eine hohe Würde zu erklimmen, die ihm möglich machte, Reformator mit Erfolg zu sein … Unter allen Mitteln, um zu steigen, wählte er das – eines Lebens der Ascese … Bonaventura gedachte der Mahnung an die Eichen von Castellungo, an den Tag des heiligen Bernhard, an den Tag, wo Scheiterhaufen oder göttliche Läuterungsflammen der 211 Kirche sich erheben würden … Fiat lux in perpetuis! schwebte auf seinen Lippen … Schon wollte er die geheimnißvolle Losung aussprechen …

Da fuhr der Wagen mit dem heiligen Xystus vom Hause ab … Nicht zu weit entfernt vom Sopha, auf dem sie saßen, stand ein Tisch, auf dem eine Anzahl jener gelben, wie Ockererde zerbröckelnden Reliquienknochen lag … So mußte er seine Vision wol als eine Vorstellung des Wahns wieder von seinen Augen bannen …

Sie sind befremdet, sprach der Cardinal, der ihn so in Gedanken verloren fand, wenn ich Ihnen gestehe, daß ich diesem Ihnen vielleicht verdrießlich erscheinenden Amte sogar mit Liebe obliege? … Es erinnert mich doch gewiß an Eines – an den Tod, der unser aller sicherstes Loos ist …

Aber diese Reste der Vergangenheit verehren? entgegnete Bonaventura mit wiederkehrendem Muthe … Sogar Wunder verlangen von diesen – todten Knochen? … Ich habe in meinem Wirken als Pfarrer und Bischof die Reliquienanbetung – nie unterstützt …

Es war ein gewagtes Wort, das Bonaventura gesprochen – … Der Cardinal nahm es ruhig hin …

Der Aufgeklärte und Denkende, sprach er, wird immer trauern, wenn er sieht, daß diesen todten Resten der Vergangenheit eine göttliche Ehre erwiesen wird … Aber trägt man denn nicht auch den Ring einer Geliebten, das Haar einer theuern Mutter, und treten Sie nicht mit feierlichem Gefühl in die Gruft der Scipionen, die Sie auf der Via Appia finden? … Ist nicht der Besuch der Gräber die heiligste Gelegenheit, unsere 212 irdischen Gedanken zu läutern und von uns so vieles abzustreifen, dem wir allzu thöricht nachjagen? … So möcht’ ich auch diese Gebeine, die man tausend Jahre lang heilig hielt, nicht sofort, wie die Sansculotten mit den Gräbern der französischen Könige in Sanct-Denis thaten, auf die Straße werfen … Aber den wahren Sinn des Sicherinnerns im Kirchenleben wünsch’ ich allerdings gedeutet und die Verehrung vor den Reliquien nur zu einer Sache der Dankbarkeit gemacht … Bewundert doch, möcht’ ich rufen, den Zusammenklang der Zeiten! Diese von uns fortgeführte Melodie alter Hoffnungen und Tröstungen! … Wer kann die Heiligen mit einem Federstrich tilgen! Sie leben so gut wie Christus … Aber auch hier: Sie können immer mehr dem rein äußerlichen Bann ihrer Bilder entschweben, können immer mehr in ihren irdischen Farben erbleichen und vergeistigt in die Herzen der Menschen einziehen – das soll und muß und wird kommen – … Aber wie soll unsere Kirche diese Formen so schnell zertrümmern ohne Gefahr, auch das Gute zu verlieren, das sich an sie knüpft? … Zumal in südlichen Ländern, wo Jahrtausende hindurch die Religion nur auf dem Weg der Phantasie in die Herzen zog …

Bonaventura sah die Richtung seiner eigenen Stimmungen … Auch ihn band Pietät … Doch hatte sein Glaube angefangen, alles auf die Bibel zu geben … Und er sagte dies …

Sorgen Sie nur, daß sie alle lesen können! … erwiderte der Cardinal mit einem Seufzer …

Das Bild des Aberglaubens im Volke, der Unbil-213dung der Massen lag nun ganz vor den beiden freigesinnten Priestern … Ambrosi hörte die beredte Schilderung des Bischofs, wie Deutschland so weit voraus wäre … Wie Italien dagegen zurückstand, zeigte die Erinnerung an die Gefangenschaft Federigo’s unter den Räubern – alle ihre Qualen verdankte der Unglückliche allein seiner Schreibekunst …

So sprachen beide noch lange fort und Bonaventura ahnte die Erfüllung seiner kühnsten Träume in den Gedanken einer gleichgestimmten Seele … Die Formen der katholischen Kirche aufzugeben und so zu denken, wie Luther dachte, war ihnen nicht gegeben – sie wollten diese Formen zurückgelenkt sehen in die Bedürfnisse des Gemüths, diese geläutert durch einen Geist, dessen allgemeiner Ausdruck die Anerkennung der bisher im katholischen Kirchenleben verpönten Bibel war … Im Haß gegen die Gesellschaft Jesu waren sich beide gleich; beide gelobten, sie mit allen Mitteln bekämpfen zu wollen … Das läßt mich meinen Krummstab lieben, daß er in diesem Feldzuge ein Commandostab ist, keine schwache einzelne Kriegerwaffe –! … sagte Bonaventura … Bald verrieth Ambrosi’s leuchtendes Auge, daß auch ihm der Protest eines einzelnen Pfarrers oder Mönches nur ein Tropfen auf einen glühenden Stein war; das zischt auf und hinterläßt nichts, als ein wenig Rauch … In der Frage, die er dann an den Bischof richtete, ob er diesen oder jenen Namen der Hierarchie schon kannte, lag die Andeutung, wie schon die Zahl der Gegner Ceccone’s und Fefelotti’s im Wachsen war …

214 Bonaventura versprach, sich den genannten zu nähern … Die hohe Wonne, die dem Menschen Uebereinstimmung gewährt, verklärte sein Angesicht … Noch mehr, selten ist das Glück gewährt, noch in späteren Lebensjahren, in Stellungen, die den Anschluß der Herzen nicht mehr erleichtern, eine Freundesbrust zu gewinnen … Das hob ihm jetzt die seinige … Das Gespräch wurde lebhafter und zutraulicher … Diesem Priester, den Bonaventura einen „heiligen Scheinheiligen“ hätte nennen mögen und mit mancher ähnlichen Erscheinung der Kirchengeschichte, mit Philippo Neri verglich, hätte er sich ganz entdecken mögen … Kämpfend mit dem, was in ihm hindernd noch dazwischenlag und doch schon auf sein Bedürfniß der vollen Hingebung zielend, sagte er:

So vieles in unserm Glauben ist wie die Beichte … Auch ihr liegt eine Erfahrung des Gemüths zum Grunde, die ohne höhere Einbuße niemanden entzogen werden kann … Aber wie sie jetzt besteht, ist sie doch der unwürdigste Zwang … Eine Zeit wird kommen, wo man erkennt, daß sie dem Priester das Unmögliche zumuthet … Was drückt unsere innere Würde mehr als die Beichtbürden, die wir tragen, ohne das Gute befördern, das Schlechte, das wir erfahren, verhindern zu können … Wenn die Unmöglichkeit und der nothwendige Heuchelschein des katholischen Priesterthums erst erkannt sein wird, dann – …

Bonaventura brach ab und erhob sich, weil ein Geräusch vernehmbar wurde …

Auch der Cardinal erhob sich und betrachtete Bonaventura mit heißen, glänzenden Augen …

215 Ich möchte nur von dem die Beichte hören, dem ich sie selber spräche, sagte er … Ein Austausch des Vertrauens unter Freunden – …

Ihnen – – könnt’ ich wahr sein – … wallte Bonaventura in seiner deutschen, vom Herzen kommenden Regung auf und hielt dem Cardinal die Rechte hin …

Der Cardinal nahm sie zitterndbewegt – …

Da trat einer der Caudatarien ein und erinnerte an die vorgerückte Stunde … Eine Sitzung des Consistoriums rief ihn ab …

Der Caudatar ließ die Thür offen, durch die er gekommen und wieder gegangen war, und harrte im Nebenzimmer …

Es handelt – sich heute – um Ihre Ernennung zum Erzbischof von Coni – sprach Ambrosi tief bewegt. Sie sollen an die Stelle Fefelotti’s kommen …

Bonaventura’s Mienen drückten einen Schmerz aus, als trüg’ er zu schwer schon an seinem gegenwärtigen Kleide des Nessus …

Der Cardinal winkte ihm – zu schweigen – Die Zahl der Diener, die draußen harrten, mehrte sich …

Denken Sie an Ihren Commandostab! sprach er … Es muß ein Feldherrnstab sein –, den wir in unsern Händen haben! Was ist ein – einzelnes Kriegerschwert! …

Der Ton dieser Worte war so muthig, so offen – daß Bonaventura seine Vision bestätigt sah … Ambrosi hatte Jahre lang sich selbst getödtet, um eine Auferstehung zur That zu feiern … Kein Zweifel, daß diese Annahme die richtige war … Und nun hätte er weiter 216 forschen, von seinem Vater beginnen mögen, fragen, ob nie über dessen Herkunft, über dessen frühere Verhältnisse von ihm gesprochen wurde – nur seiner Mutter wegen hemmte er den Drang der Mittheilung, der immer höher stieg – Endlich begann Ambrosi, der Umgebung lauschend, von gleichgültigen Dingen … Ein Schimmer von List sogar blitzte aus seinem Antlitz … Einige Worte wagte er in deutscher Sprache; seine Gedanken wurden nicht klar; er sprach wieder italienisch … Anerkennend urtheilte er von Klingsohr’s Gelehrsamkeit … Vom Bruder Hubertus sagte er:

Dem kommt es zu statten, daß der geistliche Stand im Süden Europas etwas anderes ist, als im Norden … Unsere Mönche sind schwer an ihre Regel zu bannen … Sie ergreifen jede Gelegenheit, ihrem Temperament zu folgen und viele gibt es, die immer unterweges sind … Aufträge gibt es genug und wenn sonst kein Entschuldigungsgrund vorliegt, wird dem Drang zum Betteln als einer heiligen Vocation Gehör gegeben … Ich war zugegen, wie der Todtenkopf den Auftrag erhielt, den Bischof von Macerata zu befreien, und noch dringender, den Gefangenen des Grizzifalcone, den Pilger von Loretto … Eines gelang ihm durch List, das andere, hör’ ich, durch wunderbare Abenteuer, an denen – sogar die Treue eines Hundes betheiligt ist … Der Cardinal erzählte, was Bonaventura durch Klingsohr wußte …

Die Vertraulichkeit kehrte wieder ganz zurück … Mit leiser Stimme gaben sich diese Gefangenen ihrer Würde der Geständnisse immer mehr … Ambrosi gab die 217 Bestätigung der Schilderungen, die Bonaventura von Benno nach seiner Befreiung von Frankreich aus über die Loge bei Bertinazzi und den Brief Attilio Bandiera’s erhalten hatte … Bonaventura hörte die Vermuthung, daß sein unglücklicher Vater in seiner Gefangenschaft die Doppelrolle Grizzifalcone’s hatte unterstützen müssen, die Dienste, die er dem Fürsten Rucca im Interesse der römischen Finanzen und die er dem Cardinal Ceccone im Interesse der Politik leisten sollte … Nur angedeutet zu werden brauchte diese Vermuthung, um auch die Gefahr auszusprechen, in die sich Federigo gestürzt haben würde, wenn er, durch die Kunst der Federführung zum Vertrauten des verschmitzten, beutegierigen Räubers geworden, nach Rom gekommen wäre und seine Geständnisse wirklich dem alten Rucca hätte aus dem Gedächtniß wiederholen wollen … Ich würde sagen, schloß der Cardinal, vom erglühten Aufhorchen seines Besuches nicht zu auffallend befremdet, ich würde sagen, beide, der Gefangene und sein muthiger Befreier, verabscheuten die Rückkehr in eine so verderbte Welt, wenn nicht auch der stille Waldesfriede, den sie dann gefunden haben, wiederum von menschlicher Verworfenheit wäre heimgesucht worden; man sagt, daß im Silaswald der von Grizzifalcone angelegte Verrath zum Ausbruch kam und auch dort der muthige Mönch seine Mission der strafenden Gerechtigkeit an einem der gedungenen Verräther vollziehen konnte …

Bonaventura hörte zum ersten mal von den näheren Umständen, unter denen die Invasion der Bandiera gescheitert war … Bisher hatte er nur gewußt, daß die kleine 218 Schaar durch einige aus ihrer Mitte verrathen wurde …

Die Caudatarien hatten sich zurückgezogen, blieben jedoch hörbar … Der Cardinal sah auf die Uhr … Er hatte nur noch einige Minuten Zeit …

Wir sehen uns leider so bald nicht wieder! sprach er mit Trauer … Ich muß einige Tage von Rom fort und auch Sie werden Eile haben, in Turin die Wünsche des Consistoriums früher geltend zu machen, ehe dort die Intriguen Fefelotti’s ankommen … Lassen Sie sich’s nicht verdrießen, daß Ceccone es ist, der Ihre Erhöhung fördern muß … „Die Gottlosen richten ihre Schemel auf und erheben nur die Gerechten“ …

Nicht wiedersehen – Nach Turin eilen – dachte Bonaventura mit Schmerz und stand im Kampf mit sich selbst … Sollte er dem Cardinal sagen, daß es auch ihn aufs mächtigste nach dem Silaswalde zog? … Aber – wie konnte er es – da sein Vater offenbar nur vor ihm, nur vor seines Sohnes wunderbarer Verpflanzung nach Robillante geflohen war …

Cardinal Ambrosi sagte, daß er nichts unterlassen würde, sich durch die Klöster über Federigo’s Befinden zu unterrichten und dann seinem muthigen Vertheidiger über ihn Kunde zu geben … Ohne das mindeste Anzeichen, als wäre ihm Federigo’s näheres Verhältniß zu seinem Besuche bekannt, kam er wieder auf seine Heimat und seinen eignen Vater zurück … Dieser war ein Lehrer der Mathematik auf dem Lyceum zu Robillante gewesen, hatte eine Alpenreise gemacht, war nicht wiedergekehrt und nie wieder aufgefunden worden … Um im Berner 219 Oberland, wo er Höhenmessungen hatte vornehmen wollen, Spuren seines Verbleibens aufzufinden, hatte der junge Student des Seminars von Robillante bei Federigo Deutsch lernen wollen … Die Reise, die er dann wirklich gemacht, war ohne Erfolg geblieben …

Bonaventura, der dies Verhältniß nie so vollständig übersehen hatte, wie nach dieser Erzählung, stand wie an einem Abgrund … Warum nur trat ihm die furchtbare Morgue auf dem Sanct-Bernhard vors Auge! … Er gedachte: Wie muß diese Eröffnung des jungen Mannes damals auf den Vater gewirkt haben, der eine mit dem Vater des Cardinals so ganz gleiche Lage – nur fingirt hatte – …

Federigo konnte damals – wol noch nicht lange – bei Castellungo sein –? fragte er …

Als ich ihn zuerst sah? …

Als Ihr Vater vermißt wurde – …

Einige Wochen erst …

Sprach Ihnen – Federigo – nie – von den Gefahren des Schnees – denen auch – Er –? …

Ambrosi blieb dem plötzlich stockenden Wort ein unbefangener Hörer und verweilte nur bei seinem eigenen Leid … Ohne Mutter, ohne Verwandte, wär’ er nur der Zögling der Liebe seines Vaters gewesen … Als er ihn verloren, hätte er ein Gefühl der Theilnahme bei allen gefunden; doch ein solches, das ganz seinem Schmerze gleichgekommen, nur bei Federigo … Dieser Edle hätte seine Thränen aufrichtig zu denen gemischt, die er selbst vergossen … Er hätte ihn seinen Sohn genannt – …

220 Bonaventura stand über eine dunkle Ahnung zitternd …

Er versicherte mich, fuhr Ambrosi, des Sichabwendens seines Besuchs nicht achtend, fort, für bestimmt, daß mein Vater todt wäre, er säh’ es im Geist, – doch sollte ich ihn nur aufsuchen … Verlorenes, wenn auch Unwiederbringliches suchen wäre so gut wie es finden – wenigstens fände man anderes, neue Schätze … Seine Thränen deutete mein Gönner nicht allein auf die Theilnahme für den Vater, sondern auch auf die Erkenntniß, daß auch ihm aus tiefster Reue über seine begangenen Fehler, aus Suchen nach ewig Verlorenem erst die Kraft der Erhebung geworden wäre …

Bonaventura verbarg die Thränen in seinem Auge – er verrieth nichts von einer Ahnung, daß des Vaters fingirter Tod – wol gar mit dem wirklichen Tode des Professors Ambrosi zusammenhing … Wenn hier eine Schuld des Vaters vorläge? dachte er schaudernd … Seine Hände zitterten … Das erbrochene Grab des alten Mevissen, die aufgefundenen Angedenken, die Urkunde Leo Perl’s, alles trat ihm gespenstisch entgegen … Sein Vater – konnte doch – kein – Verbrecher sein –! …

Ist Ihnen nicht wohl? fragte Ambrosi, ihm näher tretend …

Bonaventura hätte sich ihm an die Brust werfen, alles offenbaren, alles von sich und von seinem Vater eingestehen mögen … Aber diese neue Verwickelung wieder – war zu beängstigend – sie zwang ihn, seine Worte zu hüten … Nachdem er sein Befinden als wohl bezeichnet, wagte er noch ein Entscheidendes, indem 221 er leise, gleichsam nur in Hindeutung auf den verschollenen Vater Ambrosi’s, die Worte sprach:

Räthsel – Räthsel … Fiat lux in perpetuis!

Eine Bewegung in den Mienen des Cardinals blieb aus … Sein Antlitz blieb ruhig … Von einem besondern Sinn dieser Worte schien er nicht betroffen …

Nun mahnten die Caudatarien wiederholt … Ambrosi mußte Abschied nehmen und sofort für längere Zeit, da ihn unmittelbar nach dem Consistorium Ausgrabungen am untern Lauf der Tiber zu einer Reise veranlaßten … Noch sprach er sein sichres Vertrauen aus, daß der an die Krone von Piemont gehende Vorschlag, das Erzbisthum Coni an den Bischof von Robillante zu geben, Erfolg haben würde – rieth aber, nach dem Entschluß des Papstes sofort nach Turin zu reisen … Er wünschte Bonaventura Glück und trennte sich von ihm, nur noch mit einer bedeutungsvollen Erinnerung an die einst zwischen ihnen auszutauschende Freundesbeichte und einer vollkommen unbefangenen Versicherung, daß es aufgeklärte, brave und wohlwollende Priester auch in Rom gäbe … Ueber den Eremiten im Silaswalde würde er ihm unfehlbar binnen kurzem nach Coni schreiben …

Bonaventura wurde vom apostolischen Stuhl zum Erzbischof von Coni vorgeschlagen … Auch Ceccone verlangte, daß er, um Intriguen vorzubeugen, sofort nach Turin eilte … Den Cardinal Ambrosi hatte Bonaventura seitdem nicht wiedergesehen … Aber ihr Briefwechsel blieb der lebhafteste, blieb die Fortsetzung ihrer ersten Begegnung … Bonaventura sah das Wachsen des Lichts und der Aufklärung auch in Italien … Ambrosi 222 gestand in aller Offenheit, daß schon lange und noch immer eine fortgesetzte Beziehung zwischen ihm und Frâ Federigo bestand … Aber das Wort desselben: Er beschwöre den Erzbischof von Coni, bis zu einer bestimmten Zeit seiner Spur nicht zu folgen! wurde von ihm ohne die mindeste Ahnung der Verwandtschaft wiederholt; es wurde nur auf die Lage des Erzbischofs, seine Theilnahme für einen Deutschen bezogen … Unterwarf sich Bonaventura diesem Befehl? … Die That eines Mannes, sagte er sich zuletzt über diese schmerzliche Lücke seines Lebens, darf nicht halb sein … Darf ich den Vater hindern, seinen Ausgang aus dem Leben so weit zu vollenden, als er ihm ohne den Selbstmord möglich schien? … Noch lebt die Mutter … „Es ist eine der grausamsten Handlungen, die es geben kann, jemand an einem schon begonnenen Selbstmord hindern“, hatte ihm der Onkel Dechant geschrieben und noch in dem letzten, theilweise Armgart dictirten Briefe an Bonaventura stand: „Ich nehme dein Ehrenwort, Bona – nehme es nicht vom Priester, sondern vom Asselyn, daß du vor dem Tod deiner Mutter den Eremiten vom Silaswalde nie suchst – nie kennst –“ … Bonaventura gelobte es … Sein Brief kam zwar nach Kocher am Fall zu spät, das Gelöbniß blieb aber gegeben …

Mit Freuden riß sich damals der so mannichfach gebundene und durch seinen Beruf, durch das ihm auch in Rom geschenkte Vertrauen so mannichfach willensunfrei gewordene Priester von der ewigen Stadt los … Er sah die Leidenschaft Olympiens für Benno – er sah die Aussöhnung der ihm schon in Wien nur wenig 223 sympathischen Mutter mit ihren ärgsten Feindinnen … Er sah die Zurüstungen der Reise, durch die Ercolano Rucca „an die Brust seines besten Freundes zu gelangen“ wünschte … Er ahnte alles, was kommen mußte, las es aus den Mienen Lucindens, die wol auch ganz offen sagte: „Benno liebt ja Olympien! Man liebt mit Leidenschaft nur das, was man versucht sein könnte unter andern Umständen zu hassen! Er sieht alle ihre Fehler, aber er wird sich überreden, sie verbessern zu können. Und ist es unmöglich? Wir Frauen sind die Erzeugnisse unseres Glücks oder unseres Unglücks!“ …

Bonaventura traute Lucinden mit dem Grafen Sarzana, nachdem er die Bedingung gemacht, daß ihm Beichte und Examen (beide müssen jeder Trauung vorangehen) vom Pfarrer der Apostelkirche, der die Cession gegeben, abgenommen wurde …

Wie traten ihm die Stimmungen jener Tage aus dem Briefe wieder entgegen, mit dem Lucinde ihr heutiges Geschenk begleitet hatte! … Grade heute hatte sie ihm geschrieben: „Dieser Sarzana! So hat er denn die Glorie seines Lebens gefunden, der tückische Schurke, den sie in die Grube geworfen haben ordentlich mit Ehren! An den Galgen gehörte er von Rechts wegen – wenn ich auch die Posse mitmachen und ihm durch eine Beisetzung eine anständige Entsühnung geben will … Ich beschwöre Sie, mein hochverehrter Freund! Lassen Sie doch von nun an Ihre kleinen Fehden gegen den Geist der Zeit! Mit unversöhnlicher Macht ergreift Rom jetzt die Zügel und ich weiß, es wird 224 niemand mehr geschont werden! Der Schrecken wird die Welt regieren – und es ist gut so, denn die Tyrannen hab’ ich immer menschlicher gefunden, als die Philosophen, die Humanitätsschwärmer, die Tugendhelden, die Volksfreunde, die Aufklärer, die Pietisten, die Gensdarmen, die Vertreter der unendlich suffisanten Ordnung und Richtigkeit des Lebens – die fand ich immer grausam, herzlos und da, wo sie recht tüchtig Widerstand finden, recht feige und erzdumm … Denken Sie nur allein an die Intrigue, die mich damals zur Gräfin Sarzana machte – muß man nicht das italienische Volk gehen lassen, wie es ist? Eine Bestie ist’s und zum Gehorchen bestimmt … Und, mein Freund – die Kirche! Ich begreife in der That Ihr Reformiren nicht! … Die katholische Kirche ist gerade darum so schön und rührend, weil sie ganz und gar eine Antiquität ist. Mir ist sie nun auf die Art geradezu eine wurmstichige alte Kommode geworden, in der ich meine liebsten Siebensachen, meine alten verblaßten Bänder, meine alten zerknitterten Ballblumen liegen habe … Aus meinem im Herzen noch manchmal wiederkehrenden Frühling leg’ ich dann und wann eine Rose in die alten Schubläden hinein und deren Duft durchzieht dann die alte beweinenswerthe Herrlichkeit … Ein bischen moderig bleibt’s immer, nun ja! aber der Duft der Rose dringt doch auch in das alte, wurmstichige Holz mit den messingenen Ringen und schnörkligen Schildern dran ein – ach! auch schon manche Thräne ist mir in den alten Rumpelkasten gefallen … Lassen Sie doch Ihre Principien, hochverehrter Freund! Der alte Gott sorgt ja schon selbst für seine Anerkennung! … Der Vernünftigste, den ich seit lange be-225obachtet habe, war Ihr Vetter Benno, von dem ich gar nicht einen solchen Cäsar Montalto erwartet hätte – den dummen Rückfall ausgenommen, der ihn nach Rom unter die Narren von 47 trieb! … Glauben Sie mir, er hat in Paris und London glückliche Stunden verlebt; er nahm, was sich ihm bot, und reflectirte nicht … Kommen Sie nun auch endlich einmal ordentlich nach Rom? – Sie müssen Cardinal werden, und mehr! Nur beschwör’ ich Sie, machen Sie es einst, wenn Sie die dreifache Krone tragen, wie es alle machten, nicht etwa wie unser jetziger Phantast, der sich auf den Vatican, die Hochwarte des wenigstens mir sicher bekannten Universums, wie ein Kind hinstellen und aus einem thönernen Pfeifenstummel Seifenblasen puhsten konnte! … Wie leben Sie denn, mein hochverehrter Freund? … Ist die alte Gräfin auf Castellungo entschlafen in jenem «HErrn», bei dem nur sie allein courfähig war? … O, des Hochmuths dieser Frommen! … Finden Sie nicht, mein hochverehrter Freund, daß Jesus in den Evangelien eigentlich nur recht bei denjenigen steht, die sich gegen Gesetz und Regel auflehnen, tief in der Irre gehen und mit den respectabeln andern Leuten auf gespanntem Fuße leben? … Rauft einer am Sonntag Aehren aus, gleich entschuldigt er ihn; wäscht ihm eine Frau die Füße mit kostbaren Salben, gleich sagt er: Laßt doch die gute Närrin! Alles, was Jesus that, war, wie’s die andern Leute nicht thun – … Und das wäre denn der Herr für diese wohlanständigen, vornehmen Seelen, deren Sünden höchstens Neid und Hochmuth sind? Nimmermehr! … Auch das hat mich katholisch gemacht, daß 226 mein allersüßester Jesus Mein ganz aparter Freund ist … Im Dunkel einer kleinen Kapelle, da ein Gekennzeichneter, ein polizeilich Verfolgter, vom vornehmen Pharisäervolk Gesteinigter wie ich, gehört er ausschließlich Mir an … Vor dem dunkelsten Altar, da, wo von einem Crucifix, von einem schlechten Tüncher geklext, die Tropfen Blutes am Haupt und in der Seite, zum Greifen dick, herunterfließen, da hab’ ich den Liebling meiner Seele und hör’ es, als sagte er: Lucinde – Alte, wie geht es dir? Bist du immer noch in der Irre, immer noch unverstanden und ohne Herzen, die dich lieben? … Das ist wahr, vor der allerseligsten Jungfrau, zu der Sie mir vor langen Jahren riethen, mich besonders vertrauensvoll zu beugen, vor Maria entzündet sich noch immer nicht ganz mein Herz, wie ich möchte … Ach, die Königin des Himmels hat einen Sohn verloren, hat den gelästert gesehen – das sind gewiß, gewiß große Leiden – aber sie selbst litt nicht viel unter Lästerungen … Maria ist noch immer meine Feindin, wie alle Frauen … Grüßen Sie Paula, die ich mehr liebe, als sie glaubt … Hindern Sie den Grafen nicht, katholisch zu werden … Es wird sich dann alles zwischen Ihnen leichter machen … Die katholische Religion ist die der menschlichen Schwäche – und eben in seiner Schwäche liegt die Größe des Menschengeschlechts …“

Jahr ein, Jahr aus kamen diese Ausbrüche einer erbitterten Welt- und Lebensanschauung … Näherer persönlicher, so innigst von ihr gesuchter Umgang war ihm mit Lucinden vor einigen Jahren in Coni unmöglich gewesen – eben durch die Art, wie sich ihre Denk- 227 und Gefühlsweise mit einer scheinbar tiefüberzeugten Art, allen, selbst den bigottesten Vorschriften der Kirche nachzukommen, vertrug und wie sie ihm dadurch den katholischen Glauben, dem er immer noch sein Tieferes und Besseres abzuringen suchte, ganz verhaßt machen konnte …

Unrichtig getauft zu sein hatte Bonaventura nur damals schrecken können, als er es zuerst erfuhr und das Bekenntniß eines verbitterten Hypochonders in den Händen einer rachsüchtigen Feindin wußte … Diese Feindschaft hatte sich durch Paula’s Heirath, durch Lucindens nothwendig gewordene Beichte zu Maria-Schnee in Wien gemildert, ja sie hatte wieder der alten Hoffnung und dem alten Werben um Bonaventura’s Liebe das Feld geräumt … In Bonaventura’s Innern gingen soviel Veränderungen vor, daß ihm an ein Verhältniß, das er nur zum größten Triumph derjenigen Richtungen hätte aufklären können, die er bekämpfte, die Gewöhnung kam … Einen Augenblick, der in den immer höher gesteigerten Wirren der Zeit einst ihm noch kommen müsse, einen Augenblick großer Entscheidungen dachte er als ihm ganz gewiß beschieden. Dann wollte er zur Widerlegung des tridentinischen Concils sich erheben und sagen: „Priester oder Gott – das ist die Frage! Hat Christus seine Vertretung in der Gemeinde oder nur im geweihten Vorstand derselben? Kann der Wille eines schwachen Menschen deshalb, weil er gesalbt wurde, die Menschenseele zu seinem Spielball machen? Seht, ich bin getauft nach allen Regeln der apostolischen Einsetzung der Taufe! Und doch, doch bin ich ein Heide, wenn unsere Seele von Priestern abhängt! 228 Unsere Kirche steht und fällt mit der Entscheidung über mein Lebensschicksal!“ … Dann sich denkend, daß alle seine Würden von ihm niedergelegt werden müßten, alle kirchlichen Acte, die er vollzogen, für ungültig erklärt, sich vorstellend, daß er in ein Kloster gehen, sich neu taufen, neu weihen lassen müßte, fühlte er das mächtigste Verlangen, bei irgend einer großen Krisis der Zeit seine Lage selbst zu offenbaren … Einstweilen hatte er Leo Perl’s Beispiel befolgt und eine Urkunde aufgesetzt, die nach seinem Tode erbrochen werden sollte … In ihr hatte er seinen Fall ausgeführt … Noch wußte er nicht und kämpfte mit sich, ob er dies Bekenntniß in die Hände des römischen Stuhls selbst oder nur in die seiner näherverbundenen Freunde legen sollte … Innerlich war er mit sich im Reinen – er verachtete den Spuk des Zufalls …

Nur der höhnende Schatten desselben konnte ihn zuweilen schrecken – Lucinde … Aber selbst als sie von Castellungo im äußersten Zorn damals geschieden war, selbst da hatte sie zu Bonaventura, der sie, um Abschied von ihr zu nehmen, im Kloster der Herz-Jesu-Damen besuchte, auf ein Kästchen gedeutet und versöhnt gesagt: „Dort liegt mein Testament! Sie überleben mich und ich vermache Ihnen alles, was ich hinterlasse – cum beneficio inventarii – meinen Schulden! Sie finden Serlo’s Denkwürdigkeiten, die, wie ich Ihnen schon vor Jahren sagte, die Schule meiner Kunst wurden, Leiden zu ertragen. Glauben Sie mir, Thomas a Kempis war nichts als der geistliche Serlo und Thomas a Kempis hat ganz die nämliche Philosophie, nur daß der Mönch seine Verachtung der Welt und 229 Menschen in religiöse Vorschriften kleidete … Wenn Thomas a Kempis anräth, Gott zu lieben, so wollte er nur wie der Schauspieler Serlo sagen: Verachtet die Welt und die Menschen! … Dann finden Sie – noch –“ setzte sie stockend und leise hinzu: „die Hülfsmittel jener – Rache, die ich Ihnen einst in einem kindischen Wahnsinnanfall geschworen hatte –“ … Und die Sie noch immer nicht Ceccone ober Fefelotti auslieferten? warf Bonaventura ein … Lucinde erhob sich, nahm einen Schlüssel, der an dem immer auf ihrer Brust blinkenden goldenen Kreuze hing, ging an ihr Kästchen und schloß es auf … Nehmen Sie, sagte sie und deutete auf ein gelbes, vielfach gebrochenes großes Schreiben mit zerbröckeltem Siegel …

Es war ein Moment, an den Bonaventura oft zurückdenken mußte … Damals drängte sich alles zusammen, was oft so centnerschwer auf seiner Brust lag und nun – ein Augenblick der seligsten Erleichterung –! … Aber wie ein Blitzstrahl fuhr es auch zu gleicher Zeit durch sein Inneres: War und ist dein Leben und Ringen wirklich nicht mehr, als die Furcht vor diesem zufälligen Verhängniß? Bist du nicht Herr deines Willens, Schöpfer deiner Freuden und Leiden? Wie kannst du erbangen vor einer Anklage, die du verachtest, weil sie die teuflische Verhöhnung der christlichen Idee ist? … Bonaventura wandte sich und sagte: Behalten Sie! … Lucinde verstand diese Weigerung im Sinn eines ihr geschenkten Vertrauens und wurde davon so überwältigt, daß sie eine Weile hocherglühend und in zitternder Unentschlossenheit stand, dann ihr Knie beugte und sich 230 vor Bonaventura zur Erde niederließ … Gräfin, lassen Sie! bat er erbebend und der alten Scenen gedenkend … Lucinde neigte den Kopf bis auf seine Füße … Ein in der Nähe entstandenes Geräusch mußte sie bestimmen, sich zu erheben … Man hörte Schritte … Noch ehe sie den Schrein geschlossen, den Schlüssel wieder zu sich gesteckt hatte, trat die Aebtissin der Herz-Jesu-Damen ein, die nicht verfehlen wollte, dem Erzbischof bei seinem Klosterbesuch die schuldige Ehrfurcht zu bezeugen …

Einige Zeit nach einem ihm unvergeßlichen Seelenblick, den damals Lucinde auf ihn warf, war es Bonaventura, als fand sich in den Drohungen Sturla’s, der von Genua kam, ein Anklang an die Urkunde Leo Perl’s … Doch konnte er sich auch irren … Der kecke Jesuit hielt ihm ein Bild der deutschen Geistlichkeit vor, dessen Züge auf den fremden Eindringling passen sollten, und unter anderm lief die Bemerkung unter: „Unglaublich, was die Archive Roms von Deutschland mittheilen könnten, hätte nicht die Kirche vor allem an ihren eigenen Organen Aergerniß zu vermeiden!“ …

Wie bitter, und sogar triumphirend waren im Briefe Lucindens die Andeutungen über Paula! … Auch er fühlte es ja nach, was die lutherischen und abgefallenen Freunde der Familie oft genug unter sich sagten: Solch ein unnatürliches, jede Empfindung verletzendes Verhältniß ist nur auf katholischem Gebiete möglich! … An sich, vor den Augen der Welt war jede Rücksicht auf Misdeutung gewahrt – Paula war die Nichte des Kronsyndikus, Bonaventura der Sohn des Präsidenten, ihres Vetters – die Verwandtschaft war die allernächste des 231 Blutes und Graf Hugo durfte, ohne Anstoß zu erregen, in Coni einen schönen Palast bewohnen, wo im Kreise einer Geselligkeit, die Paula mit Mitteln zu unterhalten wußte, die sich ihr in dem fremden Lande mit sonst nicht gewohnter sicherer Beherrschung zu Gebote stellten, allabendlich der Erzbischof verweilte … Meist war Musik das Organ der Verschmelzung oft schroffer Gegensätze, ja Paula wurde erfinderisch und ergab sich jenem schönen Triebe, nach- und vorauszudenken allem, was über rauhe Stunden des Lebens zerstreuend hinweghelfen kann … Aber ein Vorwurf des Gewissens fehlte nicht bei Alledem – es war ein Verhältniß, an dem, wie sich Bonaventura sagte, „Gott keine Freude haben konnte“ …

Ein zärtliches Ueberwallen der Liebe hatte sich in Bonaventura und Paula längst gemildert … Auf Entsagung blieb ihr Gefühl ja auch gleich anfangs begründet … Und lenkt nicht jede Liebe, selbst die leidenschaftlichste, zuletzt die Flut in ruhiger wallende Strömung? … Kuß und Umarmung! Was sind sie denn, als ein letztes Ziel, ein Zerreißenwollen jedes Rückhaltgedankens, der Brücke, die den geliebten Gegenstand noch einmal zur alten persönlichen Freiheit zurückführen könnte; Kuß und Umarmung werden begehrt und gewährt, weil sie den Begehrenden und Gewährenden als Ich vernichten, künstlich gleichsam eine gemeinschaftliche Schuld erzeugen, die beide Theile fast zwingt, auf ewig Eins zu sein … Aber bald tritt die volle Beseligung der Liebe nur im Austausch des seelischen Lebens ein. Ineinander zu leben ist dann nur noch ein Bedürfniß des Herzens. Kommen 232 erweckt ein Jauchzen der Brust und Gehen ist die Hoffnung nur auf den Gruß, auf das Lächeln des Wiedersehens … Dann zerlegt sich in seine Stunden der Tag, in ihre Minuten die Stunde, jedes Atom der Zeit ist erfüllt vom Glück der Gewöhnung an so viel willkommene Freuden und noch willkommenere Sorgen – Das ist das Glück, das auch in der Ehe, lange schon vorm Ersterben der Leidenschaft, Ausdruck des wahren Besitzes bleibt …

In diesem letzten Stadium des Verbundenseins der Liebe befand sich der Erzbischof, nachdem er in jedem früheren längst überwunden hatte … Jeden Abend war er auf dem Schloß des Grafen, das mitten in der Stadt lag und einer der vielen weiland großen Familien des Landes gehört hatte, die im Lauf der Zeiten zu Grunde gingen und nichts behielten, als die glänzende Hülle ihrer Vergangenheit … An diesen Palast schloß sich ein Garten, altmodischen Geschmacks, wie die Gärten auf den Borromäischen Inseln … Der Graf hatte eine Aufgabe, diesen Garten der freien Natur zurückzugeben … Ein geselliger Kreis wurde vor dem Kriege durch nichts gestört … Später blieben freilich nur Einige, die sich durch die Empfindungen des Grafen nicht stören ließen … Gewiß wäre der Graf, als die Revolutionen ausbrachen, nach seinem deutschen Vaterland zurückgekehrt, wenn nicht auch dort die Verwirrung für seine Denkweise das Maß überschritten hätte … Seit lange hatte Oesterreich gesiegt – er mäßigte den Ausdruck seiner Freude und konnte infolge dessen bleiben … Bonaventura kannte die Sehnsucht nach Thätigkeit, die den Grafen bestimmen mußte, entscheidende Entschlüsse zu fassen, ja er 233 kannte des Grafen Sehnsucht – nach einem Erben – … Noch mehr, Graf Hugo liebte Paula … Es mußte kommen, daß dies zehnjährige Zusammenleben in Coni aufhörte … Und doch, doch kannte er den Grafen dafür, daß dieser im Stande war, die Nachricht von seiner Berufung zur Mutter nach Rom mit den Worten aufzunehmen: Die Frau Präsidentin ist krank und Herr von Wittekind in Rom? Das wird Ihre Kraft übersteigen, mein theurer Freund, wir müssen Sie begleiten; wir gehen mit nach Rom …

In solchen, sein Inneres zerreißenden Stimmungen, zu denen sich an jedem der ihm besonders wichtigen Gedenktage seines Lebens noch der Hinblick auf den mit jedem Tag sich dem Abscheiden vom Leben nähernden Vater gesellte, verweilte Bonaventura heute unter seinen Büchern … Hier, wo ihn so oft die nächtliche Stille geheimnißvoll umfing – hier, wo sein Gemüth der Muttersprache noch zuweilen ein Opfer brachte, wie in den Versen:

Du wunderbare Stille,
Wer deutete dich schon,
Im Erd- und Himmelschweigen
Den Weltposaunenton!
Die namenlose Sehnsucht
In flücht’ger Welle Gang,
In stiller Brunnen Plätschern
Den mächt’gen Rededrang!
Wenn Mondenglanz die Rose
Sanft zu entschlummern ruft
Und Nachtviole trinket
Den Thau der Abendluft,
234 Wenn frei die Sterne treten
Aus ihrem blauen Zelt,
Worin das Licht der Sonne
Sie Tags gefangen hält –
Wie predigt da die Rose!
Viole singt im Chor;
Das kleinste Blatt hält Tafeln
Der Offenbarung vor!
Es rauschet und es klinget
Ein jeder todte Stein;
Der Stäubchen allgeringstes
Will nur verstanden sein!
Nur in die dunklen Schatten
Hat Gott das Licht gestellt,
Nur in die öde Wüste
Die Herrlichkeit der Welt;
Nur brechend nimmt ein Auge
Den rechten Lebenslauf!
O, schließet euch, ihr Zauber
Der ew’gen Stille, auf!

Der buntfarbigen Blume sich zu vergleichen, die, hochragend und stolz, doch erst aus welken Blättern emporsteigt – so erhebt sich die Lilie über den am Fuß des Schaftes schon beginnenden Tod – dafür besaß seine Selbstschau zu viel Demuth und doch – nun schon wieder um ihn die „heilige Stille“ und ein brechend erst den rechten Lebenslauf nehmendes Auge – –! …

Ein wilder Sturm, wie er in Berggegenden oft ohne die mindeste Vorbereitung entsteht, hatte sich erhoben und störte die Stille der Nacht … Während die Fensterläden des Palastes gerüttelt wurden, der 235 Wind in den rauschenden Wipfeln der Bäume des großen Platzes tobte, konnte kein Schlaf über Bonaventura’s Auge kommen … Und doch nahm der morgende Tag seine ganze Kraft in Anspruch. Er wußte, daß sich Stadt und Umgegend nicht nehmen ließen, den Namenstag ihres Oberhirten zu feiern … Schon nach fünf Uhr wollte er die Messe lesen … Nie ergriffen ihn die Anfangsworte der Messe: „Der du meine Jugend erfreust, o Herr!“ mächtiger, als an diesem Tage der Jugenderinnerung …

Wo das Gehör einen Dienst der Liebe verrichtet, versagt die Natur den Schlaf … Bonaventura mochte sich zuletzt auf seinem Lager noch so ermüdet strecken, sein Ohr lauschte jeder Bewegung im Nebenzimmer … Sturm und Regen hatten aufgehört, der Morgen graute schon und noch hatte Bonaventura kein Auge geschlossen …

Eben mochte sich vielleicht für einige Minuten die ermüdete Wimper gesenkt haben, als sie sich sofort wieder erhob … Bonaventura hatte das schnelle Auftreten der dienenden Brüder gehört … Erschreckend über eine mögliche Verschlimmerung im Befinden des Kranken, sprang er, wie er war, halbangekleidet, vom Lager …

Als er die Thür geöffnet hatte, fand er, von einem Licht beschienen, den Leidenden aufgerichtet … Die dienenden Brüder reichten ihm eben von einer Arznei … Benno lehnte das Glas ab … Als er Bonaventura erkannte, sagte er, er hätte lange und fest geschlafen … In der That blickte sein Auge weniger fieberhaft und seine Hand, die er in der Bonaventura’s ruhen 236 ließ, hatte die feuchte Wärme, die fast auf eine Krisis schließen ließ …

Welche Zeit ist’s? fragte er …

Man sah auf die Uhr und nannte die vierte Stunde …

So geh zur Ruhe! bedeutete er den Freund …

Dieser nahm jedoch an seinem Lager Platz und sagte, daß er der Ruhe nicht mehr bedürfe …

Auf dies beharrlich wiederholte Wort der Liebe wandte der Kranke sein Haupt nach den beiden Mönchen und gab seinen Wunsch zu erkennen, mit dem Erzbischof allein zu sein …

Ein Wink desselben und die Mönche traten in ein Nebencabinet, das nach Osten lag … Beim Oeffnen der Thür sah man den ersten Frührothschimmer der aufgehenden Sonne …

237 7.#

Ehe ich vom Leben scheide – begann Benno …

Mein theurer Freund, unterbrach ihn Bonaventura, du wirst leben! …

In deinem Gedächtniß – im Gedächtniß manches, der auf meine Zukunft Hoffnungen setzte und schwer begreifen wird, warum sie nicht erfüllt wurden und warum sie gerade so – so – endigen mußten … Meine Minuten sind gezählt … Noch deinen Namenstag feir’ ich, dann ist das Liebste da, was ich – vom Weltgeist begehre …

Freund! … unterbrach Bonaventura voll äußersten Schmerzes … Diese Worte Benno’s wurden so zuversichtlich, so fest gesprochen, daß sie keine Widerlegung zuließen …

Ich will nicht sterben, sagte Benno, ohne mit den letzten Segnungen unserer Kirche versehen zu sein … Sorge dafür … Die Rücksicht deines Hauses erfordert es … Wer mit den Priestern ein Leben des Kampfes geführt hat, mag sich im Tode ihre Nähe verbitten; ich kämpfte nicht mit ihnen – meine Gegner 238 sucht’ ich mir auf andern Schlachtfeldern auf … Einem deiner Vicare werd’ ich beichten, daß ich nie an Religion betheiligt war … Sie war mir kein Bedürfniß …

Bonaventura schwieg … Er wußte, daß keine Confession so sehr religiösen Indifferentismus bei Gebildeten erzeugt, wie die katholische …

Einen Kranken erquickt nichts mehr, als von seinen Umgebungen die Anerkennung zu hören, daß er krank ist; einen Sterbenden nichts mehr, als die Anerkennung, daß er stirbt … So kam es, daß Benno mit jener Kraft der Stimme sprach, die in letzten Augenblicken oft wunderbar wiederkehrt …

Ich erfülle, sagte er, das Geschick unseres Hauses – wie mir einst in Rom der feindliche Dämon deines Lebens verheißen hat – als Lucinde jene Klagen ausstieß, die ich dir vor Jahren – von London berichtete … Vor – fast zehn Jahren! … Deinen letzten Brief hab’ ich in meinem Portefeuille – und heute erst beantwort’ ich ihn durch mein – Testament … Was konnt’ ich dir sagen, nachdem ich mit allem gebrochen, was andere von mir voraussetzten? … Skeptiker, Indifferentist – das gibt eine imposante Lebensstellung, wenn man in die Lage kommt, nur reflectiren zu brauchen, sich die Zähne zu stochern, im Salon die Beine übereinanderzuschlagen … Stell’ einen der Weisen, die im Chor der Tragödie den Heroen so gute Lehren geben, selbst auf die Breter, er macht die Tragödie zur Burleske …

Benno hielt inne, sammelte neue Kraft und lehnte Bonaventura’s Entgegnungen mit einem Zeichen der Hand ab …

239 Ich saß auf der Engelsburg, fuhr er fort, mit Räubern, deren Ungeziefer mich die Freiheit ersehnen ließ … An sich ist die Freiheit zu verlieren kein besondres Unglück … Ich hätte Steine klopfen können, um ungestört über mich und die Dinge und dann vielleicht endlich Gott nachzudenken … Nur der Schmuz des Gefängnisses entsetzte mich …

Wieder hielt der Kranke inne … Wieder fuhr er, um des Freundes Nachsicht bittend, nach einer Weile fort:

Eines Tags stand die Thür meines Kerkers offen und eine Mutter war es, die ich glücklich machte durch meine Flucht … Selbst Lucinde nahm es ernst mit meinem Schicksal, war ganz bei der Sache, ohne meiner Verkleidung zu spotten – Der arme Bertinazzi erhielt die Galeere auf Lebenszeit … Als ich die Hinrichtung der Bandiera erfuhr, brach mein Lebensmuth – die Mutter – konnte mich damals – gängeln wie ein Kind – …

Bonaventura folgte aufmerksam allen diesen schmerzlichen Erinnerungen …

Man soll die Seinen nicht analysiren … fuhr Benno fort in offenbarer Wallung gegen seine Mutter … Wo Uebermaß im Verkehr der Herzen waltet – da welkt nur zu bald die Blüte …

Bonaventura wußte, daß Benno von London im tiefsten Bruch von seiner Mutter und von Olympien sich losgerissen und gleichsam nach Rom nur entflohen war … Er hörte nun alles das, neigte sein Ohr dicht an den Mund des Freundes und bat ihn nur, sich zu schonen …

Meine Retterin, fuhr Benno in Erregung fort, war 240 die Fürstin Olympia Rucca … Es hat schon oft Seelen gegeben, die plötzlich den Teufel in seiner Rechnung betrogen – Die Heiligengeschichte erzählt von ihnen … Eine Heilige ist Olympia nun nicht geworden … Aber aus einer Tyrannin wurde sie eine Sklavin … Ich habe nie so dienen sehen, wie Olympia ein Jahr lang dienen konnte … An einem Tigerkäfig hab’ ich sie kennen gelernt; sie war nun selbst gezähmt zu einem der jungen Lämmer, die sie – als Kind erwürgt haben soll – aus – Zärtlichkeit … Solche Frauen gibt es nicht – in – deiner germanischen Welt! …

In meiner? … fragte Bonaventura mit leisem Vorwurf …

Benno schwieg eine Weile … Dann sprach er einen Vers des Bonaventura’schen Gedichtes:

„Einmal, eh’ sie scheiden,
Färben sich die Blätter roth –“

Er legte in den Ton der Recitation die Anerkennung deutschen Wesens im Denken und Empfinden, fügte aber hinzu:

Als ich mein Lebensräthsel erfuhr, als ich meine todte Schwester sah, die Mutter an ihrer Leiche kennen lernte, ergriff mich Haß gegen alles, wofür ich bisher und worin ich gelebt hatte … Ich brach mit einem Vater, der lügen und morden konnte; ich brach mit einem Staat, der damals keine freien Bürger duldete; ich brach mit einem Volke, das der Tyrann andrer Völker sein konnte; ich folgte in allem meiner Mutter, deren Namen ich annahm …

241 Bonaventura kannte diese Umwandlung, die nicht der seinigen glich …

Nicht lange war ich in Paris, fuhr Benno fort, so erschien Olympia, ausgesöhnt, engverbunden mit meiner Mutter, die mich anbetete … Du mußt wissen – – als ich Olympien zum letzten mal gesehen hatte, war mir in – der Villa Hadrians durch eine seltsame Scene – durch die Umgebungen – durch die Umstände, die meine Sorge um das Schicksal der Bandiera heraufbeschworen, – – ein Stelldichein von ihr aufgedrungen worden … Es war ein Zwang, der sich nicht ablehnen ließ … Was dem Mann Bettelpfennig, wird dem Weibe Krösusschatz – kann ein Mann mit Bettelpfennigen geizen! … Tugend –?! – – Ich fühlte eine mächtige Hand, die mich zurückhielt – ich suchte fast den Tod, um dem Wiedersehn auf Villa Rucca zu entfliehen – … Olympia und das Schicksal hielten sich an mein erzwungenes Ja! … Nicht Nacht war es, als ich sie wiedersah in einem eleganten Salon – in der Rue Rivoli zu Paris – sie hatte mich befreit – ich hieß Cäsar Montalto, haßte die Tyrannen, liebte meine Mutter, Italien – dennoch wehte Afrika’s Wind vom Meer herüber, Millionen Blüten hauchten ihren Duft in linde Abendstille … Die Fürstin nahm sich den Dank, wie sie ihn begehrte …

Wieder trat eine Pause ein … In Bonaventura’s Blick lag die Anerkennung alles dessen, was hier möglich gewesen … Saß er nicht an einem Leichenstein, der versöhnt –? …

Frankreich, England, das Land der schönsten Frauen, 242 konnte an sich kein Schauplatz für die an Triumphe des persönlichen Erscheinens gewöhnte Nichte Ceccone’s sein … Der Cardinal wurde ein Opfer der dir bekannten Italienerrache … Olympia gerieth in Bedrängnisse und die Reihe, ihr zu helfen, kam nun an mich … Einander nützlich sein – veredelt – bindet – fesselte hier aufs neue … In Olympia kehrten Regungen des Gefühls, die sie schon dem Mönch Vincente Ambrosi einst bewiesen hatte, zurück … Sie ertrug den Verlust ihrer glänzenden Lebensstellung, ertrug die ihr folgende Verringerung ihrer Hülfsmittel … Einige Jahre fand sie in der That in mir die Fülle ihres Glücks wie ein Kind … Diese abzuwehren war unmöglich … Wie die Schlange ihr Opfer nicht läßt, fand ich bei jeder Pforte, durch die ich hätte entfliehen wollen, meine Bestimmung … Diese war verloren an – zwei Frauen …

So dachte auch die Welt und entschuldigte dich … warf Bonaventura mit mildem Tone ein …

Ein Zustand des Elends blieb es … fuhr Benno fort, während seine Züge einen Ausdruck des höchsten Schmerzes annahmen … Jedes einzelne Leid fühlte ich wie das natürliche Kettenglied der Folgen, die ich über mein Leben heraufbeschworen hatte, als ich dem südlichen Blut in meinen Adern folgen wollte … Ich wollte Partei nehmen für die betrogene Hälfte meines Erdenlebens und – von Wahn zu Wahn, von Traumbild zu Traumbild lockte mich die mütterliche Welt, die mir zuletzt ein Gift wurde, das mich – langsam tödtete – …

243 O mein Freund! war alles, was Bonaventura aus der Tiefe seines Herzens entgegnen konnte …

Beklage mich nicht! sprach Benno … Ich hatte zahllose, flüchtige Stunden des Glücks; ich trotzte der Sehnsucht meines Gemüths … Reich ist der menschliche Geist an Gedanken, die einen Kampf gegen die innern Vorwürfe des Gewissens unterstützen, ja auf Augenblicke ihn siegen und triumphiren lassen … Ich durfte mir ein – künstliches Pflichtenleben schaffen – die brüderliche Freigebigkeit des Präsidenten entzog mich den Sorgen für meine Erhaltung … Ich las, studirte, schrieb – … Da ich für einen Italiener gelten wollte, hatte ich Mühe und Verdruß genug durch die Vorbereitung zu dem, was nun – gescheitert ist … Welche Menschen! Verunreinigend durch ihre Schwächen und Laster die heiligen Dinge, die sie im Munde führen – … Freilich – die Gegner –! Sind sie nicht ebenso verächtlich? … Ich kannte sie ja alle, die Diplomaten von Paris und London … Nur in den Formen liegt der Unterschied … Oft gab es Stürme im Glase Wasser – elende Streitigkeiten; doch konnten sie mit dem Schiffbruch der Betheiligten enden … Terschka – wo wol mag – der Schurke – hingerathen sein –! …

Bonaventura ließ dem Freund den Glauben an eine hienieden schon waltende Nemesis … Drängte es ihn auch, von Terschka’s Beziehung zum Verrath der Bandiera zu erfahren, so gab er es doch auf – denn die Kraft des Freundes drohte zu versiegen …

Benno schloß eine Weile die Augen; dann erhob er sie wieder und ließ die irrenden Sterne derselben wie 244 ausruhen an der Decke des immer mehr sich erhellenden Zimmers; unbeweglich starrten sie wie in eine unergründliche Tiefe …

Es gab auch Edle unter diesen Kampfgenossen! begann er aufs neue wie mit feierlicher Andacht … Euch hab’ ich folgen wollen, ihr Brüder, die ihr den grausamsten Tod erlittet! Ihr leuchtetet mir voran, Dioskuren am Himmelszelt auf weißen Rossen! … Die Welt sich zu erschaffen aus freiem Willen – ist edler Mannestrotz! … Lernt’ es auch, als ich, ein Katholik, dem heimatlichen Staate trotzte … Haben mir’s später bitter heimgezahlt, als – dem Präsidenten – auf seine Verwendung die Antwort – wurde: Ist ja österreichischer Cabinetscourier –! … Warum wurde Germanien nur so – russisch … Lebt – denn – noch – Nück? … Und – schreibe sogleich – wenn ich – … an – Thiebold – …

Weiter reichte nicht mehr die erschöpfte Kraft, die sich übernommen hatte …

Die Aerzte kamen … Schon läutete draußen von allen Thürmen das Angelus … Es war fünf Uhr … Der helle Tag lag hinter den Vorhängen der Fenster … Benno hatte sich eine zu große Anstrengung zugemuthet und war erschöpft in die Kissen gesunken … Fast schien seine Zunge gelähmt … Die Aerzte sagten, die letzte Stunde ließe sich nicht vorausbestimmen … Sie baten den Erzbischof, sich zu schonen …

Bonaventura rief die Mönche und überließ ihnen und den Aerzten die Sorge für den Geliebten, für den von heißen Qualen – der Seele Zerrissenen … Zur 245 Frühmette wollt’ er nun in den Dom, wo an diesem Tage seit Jahren die Stadt gewohnt war, ihn erwarten zu dürfen …

Bonaventura’s Aufmerksamkeit, in die Mittheilungen Benno’s verloren, hatte nichts vernommen von den Zurüstungen der Ueberraschungen, welche ihm Verehrung und Liebe bereiteten … In sein Wohnzimmer getreten, fand er die Wände mit Blumen geschmückt … Kostbare neue Teppiche lagen über die Stühle gebreitet … Geschenke von Gold und Silber standen auf den Tischen … Alte Werke, seltene Drucke und Holzschnitte hatte ihm Graf Hugo hinlegen lassen … Der Haushofmeister, die Caudatarien, ihre Glückwünsche ertheilend, nannten die Namen der Geber, unter denen Paula’s Name obenan glänzte …

Es lag in seinem Berufe, daß sich Bonaventura in seine goldstarrenden Gewänder werfen mußte … Die Bischofskrone prangte auf seinem Haupte … Schon spiegelte sich die nach der allmählich wieder ruhiger gewordenen Nacht goldig aufgegangene Sonne in den kostbaren Edelsteinen ihrer Verzierung … Unter einem von sechs Knaben getragenen Baldachin, begleitet von allen im Treppenhause versammelten Abgeordneten der Kirchen und Klöster der Stadt, den Civilbehörden, den Oberoffizieren des Militärs, trat der Erzbischof, gebeugt und trauernd, aus dem Eingang des Portals, das mit Guirlanden geschmückt war … Der Vorhof innerhalb des Gitters war leer, draußen wogte die Menschenmenge … Die halbe Stadt war in Bewegung … Selbst einer vom Erzbischof sonst verfolgten Unsitte, der rauschen-246den Musik des Militärs bei Kirchenfesten, konnte heute, auf Anlaß eines solchen Freudentages, nicht gewehrt werden … Jung und Alt schloß sich der glänzenden Procession an, die in den Dom zog … Bonaventura hatte sonst diese Ueberraschungen an seinem Namenstag unmöglich machen wollen; hatte kurz vorher Reisen angetreten oder war ein andermal in ein Kloster gegangen … Allmählich aber hatte er auch hierin der Landessitte nachgegeben und dem Onkel Dechanten beigestimmt, der ihm geschrieben: „Nimm doch Liebe, wo sie geboten wird! Ist die Zeit angethan, sich der Ernte seiner Saaten zu entziehen! –?“… Angeregt von solchem Zuspruch konnte er wol einmal auch ausrufen und den gewohnten Klageruf seiner Selbstgespräche unterbrechen:

Nimm an der Welt dein ganzes Theil,
Nimm es mit vollen Händen!
Was du verschmähst, wird nicht zum Heil,
Nicht zum Gewinn sich wenden!
Der Blüten nur im Lenz gedenk’,
Die rings den Rasen decken,
Vom Apfelbaume ein Geschenk
Den Winden, sie zu necken!
Und doch im Herbst – der liebe Baum
Was er an Früchten spendet!
Erinnern kann er sich noch kaum
Der Blüten, die verschwendet.
Zur Erde blicke nicht hinab,
Wenn Götter dich umschweben!
Für jeden ist das kühle Grab,
Für jeden erst das Leben!
247 Für jeden dreifach ein Genuß
Und Einmal nur Beschwerde!
Es wogt ein sel’ger Ueberfluß
Der Freude durch die Erde!

Heute dagegen trug er im Herzen „Maria’s achtes Schwert“, wie er jene Leiden nannte, die jedem nur allein verständliche, nur allein von Gott ihm zu tröstende und zu theilende wären … So schritt er in seinem Trauer-Triumphzug, unter dem Geläut der Glocken dahin … Die große, mit drei Kuppeln gebaute, dem vorigen Jahrhundert angehörige Kirche war überfüllt … Seine Ministranten waren heute seine nächsten Würdenträger … Den geheimnißvollen Ritus der Messe aus der Kirche zu verbannen würde sich Bonaventura nicht verstanden haben … In einem gelegentlichen Streit mit Gräfin Erdmuthe hatte er gesagt: „Allerdings, die Messe sollte in der Landessprache gelesen werden! Aber ich gebe auf die stummen Augenblicke in der Messe mehr, als auf die gesprochenen … Ein Gottesdienst muß mehr als nur eine Predigt sein … Unsrer Messe ist lediglich der Schein, daß sie ein unblutiges Opfer wäre, sonst nichts von ihren mystischen Vorgängen zu nehmen … Kirchen, die nur um der Predigt willen da sind, müssen ja mit der Zeit leer stehen – wer verbürgt denn nur dem Preise Gottes immer würdige Sprecher, Zungen, die nicht anstoßen, Kehlen, die nicht heiser und rauh erklingen? … Was macht die Gotteshäuser der Protestanten so leer? Die alleinige Herrschaft der Kanzel und die Einsamkeit am Altar! … «Gott wohne nicht in Häusern, von Menschenhänden gemacht?» Gewiß! Aber der ge-248wölbte Raum der Kirche sagt Ihnen, daß Gott nicht Ihr Gott allein ist, nicht der, den Sie in Ihrem «Kämmerlein» sich zurecht gemacht haben, sondern der Gott des Universums! … Gerade da muß Ihr Eifer, ihn persönlich für sich aus der Masse der um seine Gunst Werbenden herauszugewinnen, um so lebendiger angefacht werden; die Entschließungen Ihrer Brust können erst in der Kirche erkennen, wie schwer es ist, unter so vielen, die seine Liebe zu gewinnen suchen, gleichfalls mit Würde zu bestehen … Still dann zu sein in einer Kirche mit tausend andern Stillen – das ist, denk’ ich, die feierlichste Aufforderung zur Einkehr in sich selbst … Oder – soll die Religion ohne Formeln sein? Dann ist sie Philosophie … Daß die Philosophie eben Wahrheit des Lebens werde, zwingt sie, die Religion bestehen zu lassen … Der protestantische Gottesdienst sagt nur: Wir sind nicht katholisch! – Das ist gewiß wahr und war historisch richtig – Soll aber diese Zeit des Protestes ewig dauern? Kann ein Gottesdienst der ewigen Negation bei den Protestanten Sinn haben, wenn die katholische Kirche sich läutert? … Eure Predigt wird sich unsere Messe zu Hülfe rufen müssen, um – schon allein die Herrsch- und Streitsucht Eurer Parteien zum Schweigen zu bringen … Dann werden die Protestanten nicht mehr Nichtkatholiken, die Katholiken nicht mehr Nichtprotestanten, sondern beide erst wahre Christen sein –“ …

Unter den Anwesenden waren Paula und Armgart zugegen … Beide eben von Castellungo angekommen – beide eben von der schmerzlichen Ueberraschung unter-249richtet, die ihrer harrte … Der Graf hatte ihnen Benno’s Anwesenheit und Lebensgefahr erst gemeldet, als sie sich trennten, er, der Protestant, zu Benno’s Lager eilte, sie mit dieser Nachricht nun in die Messe schwankten … Erkundigungen, welche Graf Hugo auf der Herfahrt eingezogen, hatten ihm bestätigt, daß Benno wirklich in Coni war … Mit diesem Stich im Herzen sank Armgart unter die tausend Beter nieder, die am Fuß des Hochaltars knieten …

Sollte sie weniger vermögen, als jener Priester dort, den die gleiche Nachricht nicht hinderte, laut seine Psalmen zu singen? …

Als die Feierlichkeit vorüber und Bonaventura auf einem kürzern Wege, unbemerkt und in einfacher Kleidung, in seine Wohnung zurückgeeilt war, fand er den Grafen schon lange mit Benno beschäftigt … Die beiden Frauen harrten in einem Gemach, wo des Kirchenfürsten Audienzen gegeben wurden, vom Schmerz überwältigt und in Thränen gebadet … Natürlich hatte man bereits die Veranstaltung getroffen, daß der Erzbischof heute nur noch seinen nächsten Freunden gehörte … Die Glückwünschenden wußten nun, welches Leid diesem Hause an einem Freudentage beschieden war …

Graf Hugo hatte dem Sterbenden Armgart’s Anwesenheit angezeigt … Den Frauen hatte er dann nicht verschwiegen, wie diese Nachricht Benno erschütterte … Bonaventura richtete sein Auge auf Armgart – auch er hatte sie seit so vielen Jahren nicht gesehen … Sie war ihm aber wie gestern erst von ihm geschieden … Ihr gemeinsames Leid verband sie 250 sofort und sein seelenvoll auf sie gerichteter Blick schien fragen zu wollen: Aermste, wie trägst – nun gar erst Du das alles –? …

Ein Gesang der christlichen Dichtkunst spricht aus, was edle Herzen bei höchstem Leid erfüllt … Das „Stabat mater“ in seiner unnachahmlichen Magniloquenz … Jacopone da Todi war der Dichter dieser Threnodie der verlassenen Liebe, die zurückgeblieben am letzten Rest ihres Daseins, dem todten Leib des Geopferten, trauert … Die Erde ist verfinstert; die Menschen, von Furcht und Bangen erfüllt, sind geflohen – Gott hat seine größte Offenbarung gegeben und doch leiden und weinen grade diejenigen Menschen, denen seine große Wohlthat zuerst zugute kommt … Wer kennt denn, was uns frommt –! … Jacopone hatte sein Stabat aus eigenem Schmerz gedichtet … Zeitgenosse Dante’s, berühmter Rechtsgelehrter, Liebhaber der Weltfreuden, sah er bei einem Fest eines vornehmen Hauses die Decke des Tanzsaals einstürzen, sah die edelsten Frauen todt oder verwundet – und sein eigen Weib, eine blühende Schönheit, hoffnungslos aus den Trümmern davongetragen … Man entkleidete die Sterbende und unter den rauschenden Prachtgewändern trug sie, die eben nach des Gatten Wunsch noch heiter und scheinbar lebensfroh getanzt hatte, ein grobes Büßergewand … Jacopone, von Beschämung und Schmerz überwältigt, verlor den Verstand … Die Verwirrung seiner Gedanken hellte sich erst allmählich auf; doch beherrschte ihn ein räthselhafter Zustand, welchen er nicht bewältigen konnte; er redete in der Irre und wußte es, daß er so redete; er wußte die Weisheit der 251 Welt, aber er vermochte nicht, in ihr sich auszudrücken … Endlich meldete er sich am Thor eines Klosters, um als Mönch aufgenommen zu werden … Die eben neugegründete Regel des Franz von Assisi wies ihn ab, wenn er nicht Beweise seines Verstandes gäbe … Da zwang er den sich jagenden, fiebernden Gedanken seiner Seele gewaltsamen Halt auf und dichtete, wie zu gleichem Zweck einst Sophokles den Chor „Im roßprangenden Land“, so sein „Stabat mater“ … Nun erhielt er die Aufnahme … Beweise seines wiedergekehrten Geistes gab er dann ferner genug, gab sie auch im Freimuth seiner Gedichte … Ueber die Sophisten von Paris schwang er die Geißel seiner Satire … Dem aus den Felsschluchten der Abruzzen auf den apostolischen Stuhl berufenen Einsiedler Petrus von Morrone, der als Cölestin V. dem verwilderten Rom die Zügel halten sollte, sagte er:

„Jetzo kommt an Tageshelle,
Was du sannst in stiller Zelle –
Ob du Gold, ob Kupfer, Eisen,
Muß sich jetzt der Welt beweisen!“

Dante ging einst zu einem Turnier und blieb unterwegs im festlichen Gewande an einer Goldschmiedbude stehen, um eine Spange zu kaufen, die noch seinem Kleide fehlte … Da sah er ein Buch auf der Lade des Goldschmieds liegen und fing, während die Wagen und Reiter an ihm vorübersausten und der Goldschmied die passende Spange suchte, zu lesen an … Noch kannte er die Gedichte Jacopone’s nicht … Immer mehr vertiefte er sich in die Ergüsse einer verwandten Seele, 252 überhörte die Mahnungen des Goldschmieds, sich zu eilen, und versäumte das Turnier … Als bereits die Kämpen mit zersplitterten Lanzen nach Hause ritten, stand Dante noch immer in die Pergamentblätter verloren, die ihm der Goldschmied nicht verkaufen wollte … Lucinde, die Dante nicht leiden konnte, sagte bei der Erzählung dieser Geschichte: Da sieht man, wie die Dichter ihre Rivalen lesen! Mit einem Neide, der ihnen Hören und Sehen vergehen läßt! …

Paula und Armgart wurden an Benno’s Lager gerufen …

Armgart beugte sich über den todblassen Mann … Die Thränen, die ihr sonst versagten – rannen jetzt in Strömen … Benno mit seinen grauen Locken lag starr und drückte die Augen zu … Seine Lippen sogen die Tropfen ein, die über seine Wange aus Armgart’s Augen rieselten … Daß es Armgart war, die so weinte, wußte er … Er wußte auch, daß Paula in der Nähe stand …

Allmählich trat eine Todtenstille ein …

Des Sterbenden Stimme erhob sich wieder, aber die Worte, die noch verstanden wurden, gaben den Entfernterstehenden keinen Zusammenhang …

Nur Armgart, die sich dicht über ihn beugte, verstand allmählich:

Armgart – nordische – kalte – Maid! …

Lebe! Lebe! rief Armgart und küßte die Stirne Benno’s, strich die grauen Locken vom perlenden Schweiße zurück und weinte so heftig, als wollte sie jetzt die Beweise ihrer Herzensglut nachholen …

253 Einst – warnt’ ich dich – vor – deiner Zukunft, Mädchen! … Ich – – Thor –! …

Die Worte, die noch folgten, blieben auch Armgart nicht vernehmlich …

Der Graf trat näher … Paula wandte sich erschüttert zum Vorzimmer …

Indessen war Bonaventura eben eiligst abgerufen worden …

Auch Armgart wollte sich erheben und zurücktreten … Der Sterbende ließ ihre Hand nicht frei …

Armgart starrte Alledem mit Blicken, die dem Grafen Sorge um sie selbst einflößen mußten … In ihrem Antlitz lag eine ihrer ganzen Natur fremde, fast wilde Geberde …

Unser – guter – Thiebold! sprach Benno … Schreib’s – dem besten – Freund – der Erde – … Auch – Du – Mit – Bona –! …

Armgart versprach jeden seiner Aufträge zu erfüllen und setzte mit bitterm Lächeln, ja wie mit prophetischem Schwunge hinzu:

Stummes Räthsel der Frauenbrust! … Starrer Mund, der nicht reden kann, wenn doch ein Mädchenherz überquellen möchte vom Drang nach helfenden Worten! … Lieber erstirbt das eigene Leben in uns, als daß die Lippe zu brechen wäre, die Starrsinn schließt! … Ach nur dir, nur dir hab’ ich jeden Gedanken meiner Brust geweiht! Nur dir jeden Schlag des Herzens – dir hab’ ich gesprochen in öden, sternenlosen Nächten – …

Armgart –! hauchte Benno und erhob sich – geisterhaft und streckte seinen Arm so aus, daß der Graf, aufs 254 tiefste von diesem freien Bekenntniß der Liebe überrascht, vom Zuspätkommen eines so heroischen Muthes erschüttert, sich zwischen die Umschlungenen drängen mußte …

Benno sah ihn lange und wildfremd an …

Freund – meiner – Schwester Angiolina! sprach er, wie jetzt ihn erst erkennend … Bezeuge – was – die – Liebe eines – Weibes – vermag –! …

Auch in des Grafen Augen traten Thränen …

Bona! Bona! wandte sich Benno an diesen, der eben zurückkehrte … Dann sah er sich fieberhaft um, sah Armgart mit dem zärtlichsten Blick der Liebe an und sank in sein Kissen zurück, die Hand Armgart’s krampfhaft festhaltend …

Bonaventura kam, durch irgend eine neue Veranlassung sichtlich aufgeregt … Das Geflüster der Aerzte, die im Nebenzimmer sich befanden, mehrte sich … Auch verbreitete sich Weihrauchduft … Der Priester, den Benno begehrt hatte, war in der Nähe mit dem Sterbesakrament …

Aber noch eine andre Ursache schien Anlaß der Erregung des Erzbischofs zu sein … Er nahm den Grafen bei Seite und flüsterte ihm, während Benno in ekstatischer Begeisterung: „Einmal – eh’ – sie – scheiden“, sprechen wollte und auf Armgart als die „letzte Freude“ seines Lebens deutete …

Dieser Taumelkelch des letzten Entzückens sollte entweder zu hoch aufschwellen oder sich bitter – vergällen … Bonaventura berichtete laut die eben gemeldete Ankunft eines sechsspännigen Reisewagens, der, 255 mit einigen Damen besetzt, sofort am Portal seines Hauses angefahren wäre … Die eine der Damen, die ältere, wäre schon in den Vorzimmern – während die andere noch im Wagen verweilte …

Armgart erhob sich … Eine Todtenstille trat ein … Auf Bonaventura’s Lippen lag die Ergänzung des Berichtes: Die Fürstin Olympia – und die Herzogin von Amarillas …

Alle blickten auf Benno, ob er gehört hätte – …

Das – Sakrament – … sagte er leise …

Die Umstehenden, zu denen sich jetzt in höchster Angst auch Paula gesellte, glaubten, daß Benno die Worte des Erzbischofs nicht verstanden hatte …

Deine Mutter ist da … Bereite dich, sie zu empfangen … wiederholte Bonaventura mehrmals und dicht an seinem Ohre …

Schon vernahm man eine wehklagende Stimme in der Nähe, der sich die Stimmen der Mönche gesellten, die nach vorn gegangen waren und die plötzliche Bestürmung des Kranken hindern wollten … Paula und der Oberst gingen schleunigst, um ihre Bitte zu unterstützen …

Bonaventura hielt den Freund in seinen Armen, der mit Geberden, die denen eines flehenden, fiebergeängsteten Kindes glichen, ihn ansah und sprach:

Die besten Jahre – meines Lebens hab’ ich ihnen – geschenkt – Der Tod – sei wenigstens mein und – sei euer – Laßt mich – von ihnen – frei … Fort! Fort! … Beide! – Beide –! …

Eiligst war der Graf an die Thür, welche in die Bibliothek führte, getreten und hatte diese verriegelt …

256 Benno sah diese Handlung, dankte mit zitternd ausgestreckten Händen, sah flehend in Bonaventura’s Augen und krampfte sich um seinen Hals wie ein Schutzsuchender, wie ein Verfolgter, und wiederholte sein erschreckendes, wie Gespenster verscheuchendes Fort! Fort! …

Bonaventura, ohne Fassung, that jetzt nur alles, was Benno’s nächsten Wunsch unterstützen konnte, verriegelte auch noch die zweite Thür, die in jenes Cabinet führte, in welchem die Mönche sich aufgehalten hatten und jetzt der Priester mit dem Sakrament harrte … Im Bibliothekzimmer wurde es still …

Bonaventura bat wiederholt, die Mutter und die Freundin nicht abzuweisen …

Rufe den Priester – entgegnete Benno – Ich kann – nicht mehr – italienisch – sprechen … Armgart – mein Cherub! Helft, helft mir –! … Fort! – … Und – Beide! – …

Du wirst leben, Freund! betheuerte Bonaventura, in der That noch in Hoffnung auf die große Kraft, die soviel Erregungen zu ertragen fähig war … Wie könntest du bei diesem Entschluß verharren? …

Ich riß mich – von meinen – Fesseln los und gelobte, sie – nie wieder – anzulegen! … Ich sehe dich, Schwester –! … Mag die Selbstanklagen, die wilden Worte nicht – hören … Friede! – Friede! – Friede! … Mein – Gefühl für diese Mutter war – wie der angesammelte Schatz meiner unerwiderten Liebe zu allen Menschen der Erde … Was hab’ ich ihr – nicht alles hingegeben … Als diese heiligen Flammen verloderten, sah ich nur die Asche 257 – Berechnung – Eigenwille – List, Rache, Haß … Hab’s – lange ertragen – … Abgerechnet – nun mit – ihr und – ihrem Schatten – … Stille – nur Stille – um – mich her … Ich – ersticke – noch – vor – südlicher – Luft –! …

Bonaventura und Armgart erbebten … Sie sahen zehn Jahre eines Lebens voller Qualen, eines Lebens ohne Willen, eines Lebens der Gebundenheit und eine furchtbar ausbrechende Reue … Wie sollten sie helfen –! … Eben mußte auch die Fürstin heraufgekommen sein – Wieder wurde es im Bibliothekzimmer unruhig … Man hörte das Schluchzen und laute Reden italienischer Frauenstimmen …

Benno bat mit stummem Blick, die Thür nicht zu öffnen … Die Kraft seines Blicks stand in wunderbarem Contrast mit dem ersichtlichen Zunehmen seiner Schwäche …

Ich will gehen, Freund … sprach Armgart athemlos … Laß’ sie ein, sie, denen du jahrelang ihr Glück gewesen bist …

Benno hielt krampfhaft ihre Hand fest und ebenso die des Erzbischofs … Die Frauenstimmen verhallten wieder und nun sagte Bonaventura, er wolle gehen und sie beruhigen, Benno würde inzwischen selbst auf einen andern Entschluß kommen …

Nein … Nein –! … sprach dieser und fuhr in kurzen Unterbrechungen fort: Priester! … Wenn der letzte – Wunsch eines – Sterbenden – dir heilig ist, bewahre mich vor diesen Klagerufen! … Die Todten 258 – hören noch lange – hören die Klagen um – ihr – Abscheiden … Angiolina, auch du vernahmst – den Ruf der Mutter –! … Abgerechnet – Stille – Stille – wie im Walde – die Blätter – rauschen – an unserm – schönen – Strom – Armgart! – Laßt – – mich – …

Im Hinblick auf Hüneneck, Drusenheim und Lindenwerth schien sein Bewußtsein zu erlöschen … Erschöpft sank Benno in die Kissen zurück …

Bonaventura fragte Armgart, ob sie die Kraft behalten würde, eine Weile allein beim Freunde auszuharren, bis er den Vicar schicken würde …

Armgart verneigte bejahend das Haupt …

Bonaventura verließ durch die hintere Thür das Zimmer, machte einen Umweg durch mehrere der Gemächer und kam in den Empfangssaal zu den Aerzten und den Brüdern, die er glücklicherweise allein fand … Er bedeutete sie, leise und unbemerkt mit dem Priester und dem Sakrament zum Lager des Kranken zu treten … Dann ging er ins Nebenzimmer, aus dem die wildesten Weherufe der Frauen erschallten …

259 8.#

Vier Personen traf Bonaventura, die wol die größten Gegensätze der Charaktere und der äußeren Erscheinung bildeten …

Olympia, die jetzt Dreißigjährige, in Reisekleidern …

Die Herzogin von Amarillas, eine weißhaarige Matrone – redend gegen die verschlossene Thür, ja an ihr – mit den Nägeln kratzend …

Graf Hugo, der die Herzogin von Amarillas, nachdem sie ihm als Angiolinens Mutter bekannt war, heute zum ersten male sahe …

Die reine, nur in der Hoheit ihres Schmerzes strahlende Paula trostspendend und versuchend die Frauen zu beruhigen …

Olympia ging, wie die Löwin im Käfig, auf und nieder … Schmerz, Reue, tiefbeleidigter Stolz kämpften in ihren Mienen … Reue – denn sie hatte seit einigen Jahren mit Benno in Streit gelebt, hatte ihm, als er ohne sie nach Rom gegangen war, Lebewohl für immer gesagt … Die kleine Gestalt war bewegt von 260 Athemzügen, die ihr mächtig die Brust hoben … Ihre seidnen Gewänder rauschten ganz schrillenden Tones …

Die Herzogin, ohnehin von der Reise erschöpft, sank zitternd, beengt von den Umgebungen, auf einen Sessel … Sie blickte auf den Grafen, auf die Thür … Ihr ganzes Benehmen drohte mit einem Ausbruch von Irrsinn …

Der Graf mußte sich mit Paula beschäftigen, die keine Kraft besaß, diesen wilden südlichen Leidenschaften, denen, wie man deutlich ersah, Benno’s Kraft schon in Paris und London hatte erliegen müssen, länger die Spitze zu bieten …

Noch ahnten die Ankömmlinge nicht die Ablehnung Benno’s … Sie jammerten nur um die lange Verzögerung, die Vorbereitung des Todkranken auf ihr Erscheinen … Sie wußten doch, daß Armgart von Hülleshoven am Krankenlager war … Olympia kannte diese als Benno’s Jugendliebe … Ihre Mienen glichen dem elektrischen Leuchten eines dunkeln Gewölks, das ein Ungewitter birgt …

Als die Herzogin und die Fürstin Bonaventura eintreten sahen, stürzten sie auf ihn zu, warfen sich ihm an die Brust, umklammerten sogar sein Knie und beschworen ihn, sie wissen zu lassen, wie es ihrem Cäsare erginge … Sie wollten den Geliebtesten sehen …

Graf Hugo und Paula traten in die vorderen Zimmer … Sie sahen am Benehmen des Erzbischofs eine feierliche Bewegung des Ueberlegens, eine ernste Entschlußnahme … Wohl kannten sie die Strenge, deren sein sonst so mildes Gemüth unter Umständen fähig 261 war, kannten die ganze Aufrichtigkeit, mit welcher in solchen Lagen selbst der Schein der Grausamkeit von ihm nicht gescheut wurde …

Meine Damen! begann er in italienischer Sprache … Welches traurige Wiedersehen! … Tröste Sie wenigstens die Gewißheit, daß mein edler Freund in den Armen von Menschen weilt, die ihn lieben …

Mehr, mehr, als wir?! – Als wir?! – Lassen Sie uns zu ihm! riefen beide Frauen zugleich und wie im Ton der wildesten Eifersucht …

Erfüllen Sie mir eine Bitte, sprach Bonaventura … Die Augenblicke des Geliebten sind gezählt …

Er stirbt? … riefen beide zugleich und die Mutter brach in ein krampfhaftes Schluchzen aus …

In wenig Stunden ist seine edle Seele hinüber … Lassen Sie ihm die Ruhe – die jetzt um ihn her waltet … Eben versieht ihn – die Hand des Priesters …

Ohne mich, ohne – sein Weib? – fiel die Fürstin ein …

Sie konnte nicht ganz ihre Rede vollenden … Ein strafender Blick traf sie sowol aus dem Auge des Erzbischofs, wie aus dem des Grafen, der die Thür zuzog … Dem Grafen war die Wiederbegegnung mit diesen Frauen eine so aufregende, daß Paula jetzt ihn beruhigen mußte … Angiolinens Tod, der Ritt Olympiens durch den Park von Schloß Salem stand vor seinen Augen … Die Herzogin war im Casino damals anfangs seinem Schmerz theilnehmend verbunden gewesen – die Zeit, die Ueberlegung, die Beurtheilung des Preisgebenkönnens ihrer Kinder hatte die freundliche Stimmung des Grafen von damals verändert …

262 Beruhigen Sie sich beide, sprach der Erzbischof, ich achte die Ansprüche, die Sie auf den letzten Händedruck des Freundes haben – …

Meines Sohnes! verbesserte die Herzogin und richtete ihr Auge auf die Thür, die zu den nach Benno’s Lager auf andrem Wege führenden Zimmern offen stand und jetzt von Bonaventura geschlossen wurde, indem er sprach:

Nehmen Sie an, Sie hätten für immer von Ihrem Sohne Abschied genommen – …

Für immer –? – riefen beide Frauen und Olympia fügte mit gellender Betonung hinzu: …

Er will uns nicht sehen –? …

Bonaventura schwieg …

Die Mutter blickte wie geistesabwesend um sich … Dann schien sie nachzudenken, welche Empfindungen ihren Sohn zu dieser Erklärung hätten bestimmen können … Endlich raffte sie sich mit leidenschaftlichem Entschluß auf und wollte an die Thür des Bibliothekzimmers …

Der Erzbischof vertrat ihr den Weg und wollte jedes störende Geräusch verhindern … Herzogin –! … sprach er fest und bestimmt …

Dann seine Stimme mildernd und auf die der Herzogin sich anschließende Olympia blickend, begann er:

Geben Sie diese Beweisführung Ihrer Liebe auf! … Niemand zweifelt daran! … Aber der letzte Augenblick eines Sterbenden, sein letzter Wille sei Ihnen heilig … Vereinigen Sie Ihre Klagen mit den unsrigen, weinen Sie mit uns –! … An seinem Bett wacht die Liebe seiner Freunde – … Lassen Sie ihm die stille Ruhe des Abschieds vom Leben … Er entschläft – 263 in Gott … Er bat nur um Eines – um – ewige Ruhe …

Welche Liebe? wandte sich jetzt Olympia mit einer Miene, als hätte sie des Erzbischofs Worte nicht verstanden … Meinen Gatten will ich sehen – denn das ist er –! …

Sie rasselte an der Thür, bis Graf Hugo eintrat und ihr nicht endendes Mia anima! Mio cuore! zu beschwichtigen suchte …

Wie aus einer fremden Welt verhallten diese Klagelaute – ohne Echo, ohne ein Zeichen, daß sie drüben vernommen und erhört wurden …

Graf Hugo schloß noch die von innen verriegelte Bibliothekthür ab, steckte den Schlüssel zu sich, ging zu Paula zurück und blickte nur im Vorübergehen auf den Erzbischof, andeutend, ob er nicht besser thäte, zu Benno zurückzukehren und zu versuchen, ihn umzustimmen …

Aber Bonaventura stand regungslos …

Wir stören die heilige Handlung des Abbate Orsini, sagte er … Beten können wir auch hier …

Olympiens Augen wurden weiß vor Zorn … Ihre Gestalt schien wie von Luft … Sie schwebte hin und her und murmelte eine Reihe zusammenhangloser Worte, die dem Erzbischof sehr wohl als Erinnerung an sein Emporkommen und Verurtheilung seiner Undankbarkeit verständlich waren …

Nichtsdestoweniger wiederholte er: Beten wir! …

Drüben hörte man die Klingel des Ministranten … Weihrauchduft durchzog die Zimmer …

Die Herzogin weinte nur noch …

264 Bonaventura sprach ihr mit weicher Stimme:

Die Seele unseres Freundes ist ebenso krank, wie sein Körper … Lassen Sie ihm den letzten Frieden, um den er gebeten … Mich, einen Priester, bat er, die Mutter und die ehemalige Freundin selbst dann noch fernzuhalten, wenn sein Auge gebrochen ist … Es muß ihm ein heiliger Ernst mit diesen Wünschen sein … Kann ich etwas dagegen thun? … In jener Zeit, wo der Freund nur noch Ihnen und Italien angehörte, muß er schwer gelitten haben …

Wahnsinn! … Wahnsinn! … rief Olympia …

Sagen Sie: Verklärung und Erhebung vom Irdischen! entgegnete Bonaventura … Ein Gericht hat er nicht über Sie halten wollen, sondern über sich … Sie können nicht begreifen, wie sein Leben von Deutschlands heiligen Eichen ausging, wie die Wipfel der Tannen, unter denen Sie einst betrogen wurden, Herzogin – wir alle wissen es mit Beschämung – doch ihm die süßesten Märchenträume sangen … Anfangs wand er sich künstlich vom Zauber seiner Heimat, seines deutschen Vaterlandes los und verbitterte künstlich sein Gemüth gegen die Welt, in der er lebte … Da fand er dann Sie und der künstliche Haß wurde ein scheinbar natürlicher … Ihnen, dem Lande seiner Mutter, Ihren Interessen, Ihren Hoffnungen widmete er sich ganz … Das wurde zum Fieberbrand, der ihn zuletzt verzehrte … Der nordischen Sehnsucht zum Süden ging es immer so … Nun aber, nun weht ihn noch einmal die Kühle aus den deutschen Eichen an – umgaukeln ihn die Bilder aus den grünen Tannenwäldern 265 der Heimat des Mannes, der ihn erzog, seines wahren Vaters, des Dechanten – lassen Sie ihm diese letzte Erquickung des Verlorenseins in seiner deutschen Jugend nach dem heißen Sonnenbrand, während Sie drei ja einst – genug zusammen glücklich waren – …

Die Zauberei eines Mädchens seh’ ich, das ihn in seinen letzten Augenblicken bestrickt! unterbrach Olympia und ihre Zähne glänzten, wie sie der Wolf im Anblick seiner Beute wetzt …

Lästern Sie nicht, Fürstin! sprach Bonaventura voll Unwillen, doch kehrte er zur Milde zurück und sagte zur Mutter: Reisen Sie mit Gott, Herzogin! … Sie haben lange ein Herz besessen, das sich Ihnen opferte … Wenn dies Herz im letzten Augenblick umfangen sein will nur von jener Einsamkeit, die den armen verstoßenen Knaben, der sich selbst so oft einen Zigeuner im Leben nannte, umfing, wenn er an die grünen Wälder zurückdenkt, die Sie verfluchten, weil Ihr Ehrgeiz dort betrogen wurde, lassen Sie ihm diese Erinnerungen … Armgart von Hülleshoven schloß ebenso die Augen seines zweiten Vaters, des Dechanten … Ich vermochte nichts gegen einen Wunsch des Freundes, der so fest, so unwiderruflich fest ausgesprochen wurde – …

Die Herzogin weinte und schien sich zu ergeben … Sie erinnerte sich der letzten Jahre in London, die unausgesetzt für Benno nur Qualen geboten hatten – Olympia hatte wieder angefangen, ihre tyrannische Natur, Eifersucht und jede Plage geltend zu machen – … Die Mutter verstand, was Benno gethan, als er floh, und was er eben that – sie verstand, warum sein 266 schroff gewordener, verdüsterter Sinn so und nicht anders aus dem Leben scheiden wollte …

Olympia fühlte die gleiche Berechtigung so harter Strafe, aber sie ergab sich nicht … Starr blickte sie zur Erde … Sie hatte sich allmählich setzen müssen … Ihre Brust kochte vor Rache und Eifersucht …

Die Thränen der Herzogin rührten den Erzbischof … Er gedachte der eigenen Mutter, die nun auch vielleicht bald vom Leben schied und im brechenden Auge das Gefühl einer großen Schuld zeigen konnte … Er bemerkte die wiederholt bittenden Blicke des Grafen, der von Olympiens Kälte und ihrem drohenden Schweigen allmählich das Schlimmste befürchtete … Schon hatte er gehört, daß sie in Verbindung mit Gräfin Sarzana stand … Jetzt mußte er sogar der Terschka’schen Drohungen gedenken … Bitte! sprach er zum Erzbischof und deutete an, daß man besser thäte, den Versuch zu machen, ob sich nicht Benno umstimmen ließe …

Wollen Sie mir versprechen, sich ruhig zu verhalten? erwiderte Bonaventura … Ich will noch einmal an Ihres Sohnes Lager treten …

Die Frauen hoben flehend die Hände, selbst Olympia …

Da trat Paula, die inzwischen durch die andre Verbindung der Zimmer in der Nähe der Sakramentsertheilung geweilt hatte, ihm entgegen und sank weinend in die einzigen Arme, die sich ihr entgegenstrecken durften – die ihres Gatten … Sie sagte mit erstickter Stimme:

Er ist hinüber …

267 Der Ausdruck des Schmerzes bei den beiden Italienerinnen war unverstellt … Sie schwiegen eine Weile, wie vom Strahl des Himmels getroffen – und in der That wie bestraft für all’ die Qual, welche Frauen, unter dem Vorwande der Liebe, über die Freiheit des männlichen Willens und ein nothwendiges Sichbewußtbleiben seiner Kraft verhängen können – …

Sie drängten, Benno sehen zu wollen – die Mutter wie eine Irrsinnige – …

Bonaventura erinnerte sie, wie oft der Freund von Angiolinens Tod gesprochen, wie oft er behauptet, die Schwester hätte die entsetzliche Scene zwischen ihm und der Mutter noch hören müssen, die Todten verließen die Erde weit langsamer als wir glaubten … Und eben noch hatte der Freund in diesem Sinn um die Stille seines Sterbelagers gebeten … Bonaventura bat die Frauen, zu bleiben … Selbst Klagen, selbst Thränen nicht in seiner Nähe! … Er hätte dies dem Freunde geloben müssen …

Abbate Orsini ging eben mit den Sterbesakramenten an der offengebliebenen Thür vorüber …

Der Anblick der Monstranz gebot den verzweifelnden Frauen Ruhe und Selbstbeherrschung …

Bonaventura benutzte diesen Moment, um sich zu entfernen … Graf Hugo begleitete ihn … Es drängte beide an das Lager des todten Freundes … Beide durften es Paula überlassen, mit der ihr eigenen Güte des Tons, mit der ihr im bittersten Leid eigenen Hoheit den zurückbleibenden Frauen Worte des Trostes zu spenden …

268 Die Fürstin sah, daß die Herzogin dieser edlen Erscheinung gegenüber schon lange die Fassung verloren hatte, ob sie gleich wußte, daß diese blonde Deutsche die Ursache des Bruchs zwischen dem Grafen und Angiolinen war … Oft, wenn von ihrem Ritt durch den Park von Schloß Salem als Ursache des Todes Angiolinens gesprochen wurde, hatte Olympia die Schuld auf diese Gräfin und ihr Geld geworfen … Jetzt auch sah Olympia allmählich schon verächtlich zu ihr empor und sprach zur Herzogin, die auch von den Jahren schon tiefgebeugt schien, ein Andiamo! nach dem andern; ja als diese mit den Nägeln in ihrem Antlitz wühlte, brauchte sie die kalten Worte: Keine Schwäche! … Die Nähe des nun wirklich eingetretenen Todes beängstigte im Grunde niemanden mehr als Olympien … Sie hätte den ehemals heißgeliebten Freund vielleicht nicht einmal im Tod betrachten können … „Nichts ist schöner, als der Tod!“ hatte einst die Mutter Benno’s gesagt, als sie zu Angiolinens Leiche trat … Sie wiederholte dies Wort – … Sie kannte aber Olympiens abergläubische Furcht, ergab sich und sagte nun schon, daß sie auch ihrerseits fürchtete, dem Anblick zu erliegen … Die aufgeregt hin- und hereilenden Bewohner und Diener des Hauses konnten es zuletzt natürlich finden, daß die greise Dame, die zum allgemeinem Staunen die Mutter des Hingeschiedenen war, langsam die Treppe niederstieg und am Portal in ihren Wagen sank … Die Fürstin ging der Schluchzenden zur Linken … Paula begleitete sie zur Rechten …

Auf der Mitte der Stiege waren ihnen noch der 269 Erzbischof und der Graf nachgekommen und begleiteten sie beide bis zum Portal … Noch einmal bat Bonaventura um Vergebung und lud die Frauen ein, in einigen Stunden wiederzukommen – Graf Hugo träfe Anstalten, dem Geschiedenen einen militärischen Katafalk zu errichten mit allen kriegerischen Reliquien, die sich noch in Benno’s Gepäck vorgefunden hätten … Ohne Zweifel strömte die ganze Stadt herbei, den römischen Republikaner zu sehen … Die Herzogin versprach, in einigen Stunden zu kommen …

Olympia schwieg … Sie sah sich mit Verachtung und einer vor Zorn bitterlächelnden Miene um … Ihre Gedanken schienen abwesend … Fast war es, als wollte sie die Menschen messen, die sie sah, und etwa wahrnehmen, bis wie weit sie an ihnen ihre Rache kühlen könnte …

Der Graf bot sofort den beiden Scheidenden eine Wohnung in seinem Palais an, ja er traf in ihrer Gegenwart Anordnungen, sie bis zum Begräbniß und noch auf längere Zeit würdig bei sich zu beherbergen …

Die Herzogin sah gerührt und bittend auf Olympien … Diese nickte gelassen mit dem Kopf und ließ zum Hotel fahren …

Olympia hatte anders beschlossen …

Von den flehentlichsten, ja fußfälligen Bitten der Herzogin, daß sie beide wenigstens bis zum Begräbniß blieben, erfuhren nur zufällige Lauscher an den Thüren des Hotels … Trotz Benno’s Beistand, trotz der Mittel, die ihr Benno schon bei seiner Abreise nach Rom lebenslänglich ausgesetzt hatte, war die Herzogin schon 270 wieder nur die Duenna Olympiens … Sie hatte gegen diesen wilden Charakter keine Kraft des Widerstands …

Olympia fragte die gebeugte, reuevolle Frau mit durchbohrender Ironie, ob sie Verlangen trüge, Armgart von Hülleshoven kennen zu lernen –? …

Alle Welt erstaunte, als sie dann Postpferde bestellte … Diese kamen nicht sofort und schon machte sie dem Wirth eine Scene …

Ihr Reisewagen fuhr an, sie bezahlte den Aufenthalt dieser wenigen Stunden und schritt ruhig die Treppe des Hotels nieder an den geöffneten, rings von Menschen umstandenen Schlag ihres Reisewagens … Die Herzogin kam nicht … Olympia ließ den Postillon eine Mahnung blasen … Zehn Minuten und die Herzogin erschien …

Wären die Frauen noch einen Tag geblieben, so hätte sich ein Zwiespalt, der, wie sämmtliche über diese Abreise erstaunten Freunde fürchten mußten, nicht ohne Folgen bleiben konnte, durch eine glückliche Vermittelung vielleicht gelöst … Thiebold de Jonge traf am Morgen nach dem erschütternden Heimgang Benno’s ein und bot eine wahrhafte Erquickung allen trauererfüllten Herzen, die er hier antraf … Auch der Oberst und Monika waren von Castellungo herübergeeilt, sogar Hedemann, der dem ersten Jugendleben Benno’s so nahe gestanden hatte … Thiebold, der in innigster Verbindung mit Benno geblieben war, hatte kaum von den ersten Opfern der Belagerung Roms an Porta Pancrazio gelesen, als er sich „vom Geschäft“ losriß und „bei 271 allem Unglück den glücklichen Gedanken“ hatte, erst über Coni und Castellungo zu reisen … Mit dem ganzen Schmerz der hingebendsten, treuesten, bis über den Tod ausdauernden Freundschaft traf er den Freund schon vom Leben geschieden … Bebend trat er an den ausgestellten Leichnam, weinte wie ein Kind – ordnete aber doch sogleich des Freundes graue Locken mit seiner Linken und drückte mit der Rechten Armgart’s Hand, die ihn gewähren ließ … Fand er von allen gebeugten Herzen den Ton der natürlichen Ergebung zuerst wieder und konnte, den theuern, mit seinem Leben so innig verwachsenen Freund betrachtend, mit liebevollster Prosa sagen: „Merkwürdig; eigentlich hat er sich nicht verändert!“ so konnte er doch sein „Er hat mich erzogen!“ mit einem Schluchzen sprechen, wie eine mit vierzig Jahren „mutterlos dastehende Waise“ … Die Verbindung mit Benno war ungetrübt geblieben; seine von unermüdlichem Hin- und Herreisen begleitete Vermittlerschaft hatte in den stürmischen letzten Lebensjahren des Freundes die äußersten Katastrophen zu verhindern gewußt … Jetzt war alles so gekommen, wie jener Scherz in den zauberischen Tagen auf Villa Torresani bei Rom nicht ahnen ließ und wie er doch, nach den Regeln der Nemesis, hatte enden müssen …

Armgart und Thiebold konnten an Benno’s Leiche noch manche Melodie aus alten Zeiten vernehmen … Diese Melodieen rissen freilich schmerzlich ab – „Durch wessen Schuld –?“ lag in Thiebold’s Blicken, als er die hohe, so seltsam anders, als er erwartet, entwickelte Gestalt Armgart’s betrachtete und an den räth-272selhaften Abschied erinnerte, den sie ihnen beiden einst im Schloß zu Westerhof – ihres Gelübdes wegen – hatte geben können … Jetzt erdrückte ihn fast eine Art „Ehrfurcht“ vor Armgart’s Geist und gereiftem Urtheil …

Die Veränderung des tiefbetrübten Lebenskreises wurde die mächtigste, als Bonaventura unmittelbar nach Benno’s Bestattung zu seiner inzwischen in Rom angekommenen Mutter gerufen wurde und in der That der Graf, trotz aller Gährungen seines Innern, erklärte, das Bedürfniß zu haben, auch seinerseits den Präsidenten zu begrüßen und deshalb mit Paula den Erzbischof zu begleiten … Monika erglühte über diese Ausrede, die einer ganz andern Rücksichtsnahme galt, vor mächtigster Regung einer Entrüstung, die sie sich nur gerade jetzt in dieser allgemeinen Trauerstimmung auszusprechen scheute …

Ein Glück, daß Thiebold’s rege Fürsorge für alle und über alles wachte … Das Begräbniß des Freundes, die Ausschmückung des Grabes, das Errichten eines Denksteins, alles das fiel auf seinen Theil und nichts ließ er sich von dem, „was sich ja von selbst verstände“, nehmen … Er sagte: „Auf unserm gegenseitigen Contocorrent hat Benno noch so viel Saldi und Ueberträge zu gute, daß ich sie in diesem Leben nimmermehr auslöschen kann!“ …

Armgart, wie die Sonne am herbstlichen Tag, dankte ihm voll wehmüthiger Freude – so für sein Kommen wie für sein längeres Bleiben – …

273 9.#

Zwischen dem Ionischen und dem Mittelmeer erstreckt sich die eine Hufeisenhälfte des südlichen Italien und berührt in ihrer Spitze beinahe das Haupt der alten Trinacria, Siciliens …

Die Scheide zwischen beiden Meeren bilden die Ausläufe der Apenninen mit den hohen Bergspitzen des Monte Januario und Monte Calabrese …

Zwischen beiden erhebt sich eine bewaldete, hier in schroffe Felsklüfte zerspaltene, dort in grüne, weidenreiche, aber engumschlossene Thäler sich absenkende Gebirgskette, der Silaswald …

Wer da weiß, daß man auf dem Aetna, während unten die Dattelpalme und Feige grünt, auf der Höhe von Schneestürmen überfallen werden kann, begreift, daß zwar auch der benachbarte Silaswald an seinen Füßen und an beiden Meeren hin die ganze Pracht der südlichen Vegetation entfaltet, auf seinen Höhen aber und in seinen Schluchten den Alpencharakter der Schweiz tragen muß – schmale, an reißenden Berggewässern hingehende Wege, Thäler, die von hohen Felsen 274 umgeben sind, auf denen Adler horsten, Wälder, an die sich seit Jahrhunderten die Axt nicht legte, weil die Mittel und die Kräfte fehlen, die Stämme in die Ebene zu führen … Oft wirft die Sonne ihre südlichen Strahlen senkrecht in die feuchten Felsritzen und läßt in ihnen eine tropische Luft entstehen, wie in einem Treibhause; aber an anderen Stellen pfeift dann wieder durch die offenen Lücken zwischen den von Zwergeichen umkränzten Spitzen des Hochgebirgs die Bora so eisig, daß die Hirten ihre ungegerbten Schaffelle, mit denen sie den nackten Körper bekleiden, über und über zusammenbinden müssen wie die Grönländer … Weiße spitze Hüte decken die schwarzbraunen, scharfgeschnittenen Köpfe mit ihren dunkelbraunen Augen, deren lange schwarze Wimpern manchen Physiognomieen einen sanften, gutmüthigen Ausdruck geben … Andere blicken dafür wieder desto wilder … Die Schaffelle sind am Leib nach innen, an den Füßen nach außen gekehrt und bis zum groben Holzschuh hinunter durch Schnüre befestigt … Ein braunrother Mantel dient als Decke für die Nacht oder gegen die zuweilen urschnell ausbrechenden Gewitter … Die Thätigkeit der Silaswaldbewohner ist größtentheils Viehzucht … Die Ziegen Calabriens, die zu Tausenden an den schroffen Felsabhängen ihre Nahrung suchen, während die Hirten den Dudelsack blasen oder auf der alten Pansflöte vielstimmiges Echo wecken, liefern jene elegantesten Handschuhe von Paris und Mailand …

Wer im Silaswald nicht Ziegen treibt oder für Schafe und Rinder die fetteren Weideplätze sucht oder Kohlen brennt, verlegt sich auf das einträgliche 275 Gewerbe des Schmuggels, seit uralten Tagen für dies buchtenreiche Land ein ebenso überliefertes wie der Raub … Hier weht die classische Luft, die uns umfängt, wenn wir von den Thaten des Hercules, der die Landstraßen säuberte, von Theseus, von den strengen Gesetzen der Republiken des alten Griechenland lesen … Von Osten her weht hellenische Luft, vom Süden sarazenische … Flibustierthum ist die eigentliche Lebensbewährung aller dieser am Meer wohnenden Völker, die auch schon deshalb das Leben nicht so ruhig, wie andere, nehmen können, weil unter ihnen der Boden vulkanisch wankt und zu sagen scheint: Was du dir nicht heute genommen vom Ueberfluß der Erde, das verschlingt vielleicht schon morgen der uralte Neid der Götter auf unser Menschenglück – …

Wenn sich auf einem zweirädrigen, aber menschenüberfüllten, von einem Pferd und einem Maulthier zugleich gezogenen Karren, der in Kalkstaub gehüllt die Felsenstraße von Cosenza sich hinaufwindet, die Furcht ausspricht, daß auf dem Wege bis Spezzano der Abend hereinbrechen würde und mancher seine kleine Baarschaft an ein mit Flintenläufen unterstütztes: Gott grüß! hingeben müßte, so hatte sie vollkommene Begründung … Nur dürfen ebenso die acht Personen, die, an dem zweirädrigen Karren wie Bienen an einem Baumast hängen, dem Impresario der Gebirgsdiligença, Meister Scagnarello, Recht geben, der die unausgesetzten, bald liebkosenden, bald drohenden Anstachelungen seiner Thiere mit einem lauten Lachen unterbrach, als ein Handschuhmacher aus Messina in seinem sicilianischen Dialekt noch 276 von dem furchtbaren Räuber Giosafat Talarico zu meckern anfing und vom Scagnarello hören mußte:

Das wißt ihr also noch drüben nicht, wer euer vornehmer Nachbar geworden ist? … Auf Lipari, dicht vor eurer Nase, könnt ihr den Vater Giosafat und seine ganze Familie wie einen Prätore leben sehen … Seine Excellenz der Minister waren selbst von Neapel nach Cosenza gekommen, sprachen ein ernstes Wort mit dem tapfern Mann und für achtzehn Ducati monatlich vergnügt er sich jetzt auf der Jagd am Strand der See … Sie klagen in Cosenza, daß seitdem so wenig wilde Gänse mit dem Südwest zufliegen …

Die Gesellschaft, die auf dem Karren trotz eines Umfangs desselben von nur acht Fuß Länge und sechs Fuß Breite doch in mehreren Stockwerken saß, ordentlich, dem Preise nach, ein Coupé, ein Intérieur und eine Impériale hatte, ja noch Körbe, Säcke und Felleisen in einer wahren Laokoon-Verschlingung unterzubringen wußte, mußte bestätigen, daß Meister Scagnarello vollkommen Recht hatte … Nachdem die Regierung in Cosenza damals an einem Tage zwanzig Insurgenten, die Brüder Bandiera an der Spitze, hatte erschießen lassen, mußte sie wol des Blutes für einige Zeit genug haben … Del Caretto, gewöhnlich der „Henker Neapels“ genannt, kam nach Cosenza, nahm die Fürbitte des Erzbischofs für die durch einen glücklichen Zufall gefangene Bande des Giosafat Talarico, der an Morden und unzähligen Räubereien mit Pasquale Grizzifalcone in der Mark Ancona wetteifern konnte, in ernste Erwägung und vollzog es wirklich, was 277 der alte Principe Rucca in Rom und der selige Ceccone nur für eine erwägenswerthe Möglichkeit gehalten hatten … Lipari erhielt den Giosafat zwar nicht als Bürgermeister, wie sich, vor dem Schuß des deutschen Mönches Hubertus, Grizzifalcone von Ascoli geträumt hatte, aber er lebte daselbst freier und vergnüglicher, als Napoleon auf Sanct-Helena … Mit den achtzehn Ducati hatte es seine vollkommene Richtigkeit*)

Darum war es aber im Silaswald noch nicht eben viel geheurer geworden … In Cosenza sah man ja hinter den Gittern eines Thurms dieser alten Stadt, wo einst am Busento Alarich, der Gothenkönig, sein geheimnißvolles Grab gefunden, genug halbnackte Gefangene um Almosen betteln und, wenn sie keins erhielten, hinterher eine höhnische Frazze schneiden …

Bis die Diligença Signors Scagnarello in der Nothwendigkeit war, um der engen Wege willen die Thiere so zu spannen, daß sein Maulthier voran, sein Rößlein hinterher ging, war die Zahl seiner Passagiere bedeutend zusammengeschmolzen … Der Handschuhmacher traf die Ziegen, die er erhandeln wollte, schon in Pedaco, dann wollte er sich um den unheimlichen Silaswald herum nach Rossano auf die große Ledermesse begeben – ein Männlein war’s, wie die feinen Leute dort gehen, in dunkelgrüner Jacke, kurzen braunen Beinkleidern, braunen Strümpfen und schwarzen Kamaschen, mit einem braunen Mantel und einem weißen Hut, so spitz wie ein Zuckerhut, eine rothe Feder 278 darauf, als gehörte auch er zur Bande des Talarico … Hinter ihm her wurde vielfach gelacht, auch von zwei Priestern, die hier in vergnüglichster Weise ganz zum Volke gehören und oft vertrauter mit den Räubern sind, als mit ihren Verfolgern … Zuletzt blieb dem Scagnarello von Männern nur noch ein Soldat treu, der den Weg von Cosenza zu Wagen machte, obgleich er zu den berittenen Scharfschützen gehörte – Sein Pferd lag hüftenlahm, erzählte er, in Spezzano, einem Oertchen, das sonst keine Besatzung hatte, heute aber mit Soldaten überfüllt war – eine Erscheinung, die die Passagiere nicht zu sehr überraschte, denn wo waren nicht die Truppen jetzt nöthig, um heute eine Verhaftnahme eines noch aus den kaum beschwichtigten Stürmen der letzten Jahre zurückgebliebenen versteckten Compromittirten vorzunehmen, morgen eine wiederum drohende neue Conspiration zu ersticken – Sicilien und Calabrien hatten auch für ihre politischen Vulkane geheime Zusammenhänge genug …

Außer dem Soldaten blieb auf dem Karren noch eine Frau mit einem Kinde, die weiter wollte als bis Spezzano und schon seit Cosenza mit Signore Scagnarello in Unterhandlungen stand, was sie wol zahlen würde, wenn sie die Diligença noch bis in die letzte fahrbare Gegend des Gebirges benutzte, bis nach San-Giovanni in Fiore hinauf … Eigentlich wollte sie zum Franciscanerkloster San-Firmiano, wo die hierorts bekannte Welt aufhörte; denn jenseits Firmianos begann die Wildniß, die nur den Räubern, einigen Hirten und den Geistern gehört, sowol den alten 279 dorthin gebannten classischen, als welche im Volksglauben besonders noch Cicero und Virgil spuken, wie den neueren muselmännischen, besonders seeräuberischen, vorzugsweise dem berüchtigten Renegaten Ulusch-Ali und ähnlichen Dämonen, die schon manchen hier in die Hölle abholten …

Sechs Uhr war es und doch lag das enge Thal, aus dessen Mitte Spezzano auf einem hochgelegenen Felsen hervorragte, schon in einiger Dämmerung … Nur das Städtchen selbst oben langte noch in den vollen goldenen Sonnenschein … Der Ort war schwer zu erreichen … Langsam wand sich der Weg auf und ab, oft tief hinunter über das brückenlose wilde Rauschen hier des Crates, dort des Busento, die querdurch vom Wäglein mit Sack und Rock passirt werden mußten, bald wieder hinauf in die steilste Höhe, wo es dann einen entzückenden, die Phantasie dieser Reisenden wenig beschäftigenden Fernblick auf das dunkelblaue Meer bis hinüber zu dem Felseneiland Lipari gab … In den Schluchten war die Vegetation die üppigste, aber kaum ließ sich begreifen, wie sich an den schroffen Abhängen den Kastanienbäumen beikommen ließ, um die schweren Lasten, die sie trugen, abzuernten …

In Spezzano, einem Oertchen von einigen hundert Seelen, einem Durcheinander von Lumpen, Schmutz, von wie Wäsche aufgehängten frischgewalzten Nudeln, von wildwuchernden riesigen Feigenbäumen an Schutthaufen alter Castellmauern, fanden die beiden letzten Passagiere die größte Aufregung durch die Soldaten, die schon einen Tag hier campirten … Das rasselte mit langen 280 Säbeln über die höckerigen Straßen, die fast erklettert werden mußten. Die Pferde konnten nur am Zügel geführt werden … Außer den Reitern gab es ein Detachement Fußschützen, die zur Schweizerarmee gehörten – Leute, die nicht eben heiter blickten, da die militärische Zucht in den Schweizerregimentern von furchtbarer Strenge ist und die Offiziere gegen die Gemeinen mit einer das deutsche Gemüth wahrhaft verletzenden Unfreundlichkeit verfahren … Fast scheint es, als hätten die in der Schweiz so wenig bedeutenden höhern Ansprüche einiger alten Adelsgeschlechter, besonders in den Urcantonen, durch die militärische Organisation der Fremdenregimenter sich in Rom und Neapel eine Satisfaction für die heimatliche Abschaffung des Mittelalters holen wollen …

Was aber mag denn nur vorgehen? fragte jetzt doch Signor Scagnarello, als er seinen Pepe, das Maulthier, und seine Gallina, das Rößlein, ausspannte und ganz Spezzano zusammenlief, um die wichtigen Begebenheiten des Tränkens, Fütterns, Verwünschens der Wege, Verwünschens der Fliegen, des Ausscheltens des noch trinkscheuen „Pepe“, Schmeichelns der alten geduldigen „Gallina“ lachend und spottend mit durchzumachen – (in Italien geht das nicht anders und Neapel scheint vollends die Stammschule aller Possenreißer zu sein und trotz der schönen, edlen, malerischen Gestalten, die überall sich lehnten und kauerten, den Uebergang vom Affen- zum Menschenthum zu vertreten) … Was mag nur vorgehen? rief Scagnarello im Stall … Die Kopfsteuer haben wir doch schon am Ersten bezahlt 281 und die Vettern des Talarico – die hoffen ja auch auf ihre Anstellung beim Zollfach und halten sich … Das Fest der Madonna von Spezzano ist erst übermorgen und zu unserer Illumination, seh’ ich, hilft von den Soldaten Keiner, obgleich die Offiziere beim Pfarrer wohnen … Die Swizzeri bringen uns nie etwas, sondern holen nur … Von Spezzano –! … Unser armes, frommes Spezzano! … Bauen sie nicht schon wieder der heiligen Mutter Gottes einen Triumphbogen und die Bora hat erst zu Maria Ascensione alle Lampen zerbrochen –! …

Von den durch die letzten Abstrafungen revolutionärer Regungen gründlich abgeschreckten Bewohnern Spezzanos konnte niemand diese starke Einquartierung begreifen, noch auch von den Soldaten, die ihre eigene Verwendung nicht kannten, darüber eine Aufklärung erhalten … Ein bunter Kreis bildete sich um das von Scagnarello gehaltene Gasthaus, die „Croce di Malta“, wo seine Giacomina die Militärchargen bewirthete und des Hausherrn Einmischung in ihr Departement nicht litt … Die Offiziere hörten dem Handel der von Cosenza mitgekommenen jungen Frau zu, die, ihr Kindlein im Schose, auf einem verwitterten Steinblock saß und ihre Weiterreise nach San-Giovanni in Fiore in die Wildniß hinein und zwar aufs lebhafteste erörterte … Alles bewunderte den Muth Scagnarello’s, der sich bereitwillig fand, nach einer einstündigen Rast seines Pepe, noch bis in die späte Nacht hinaus in die Berge zu fahren. Die alte Gallina besaß die Ausdauer nicht, wie der wilde ohrenspitzende Pepe, dem die Freuden im „Torre del 282 Mauro“, dem besten und einzigen Wirthshaus von San-Giovanni in Fiore, so lebhaft von seinem Herrn geschildert wurden, als müßte die ganze außergewöhnliche Unternehmung, die der Frau baare zwei Ducati (Thaler) kostete, erst von seiner gnädigsten Zustimmung abhängen …

Die Frau, die sich ihrerseits des freundlichsten Gesprächs der auf guten Erwerb bedachten Giacomina zu erfreuen hatte, kam aus Nocera, das über Cosenza hinaus dicht am Meere liegt … Sie hätte ihrem Kinde zufolge noch jung sein müssen; aber sie trug schon, wie hier überall die Frauen, die Spuren zeitigen Verblühens … Sie war die Frau eines Krämers in Nocera und konnte sich etwas zu Gute thun auf die Feinheit ihres Hemdes, das mit schönen Spitzen besetzt theils über ihr Mieder hinauslugte, theils an den Achseln sichtbar wurde, wo die Aermel ihres braunen Kleides nur durch Schnüre am Leibchen befestigt waren … Auf dem Kopf trug sie ein rothgelbes Tuch, das in Ecken gelegt flach am schwarzen Scheitel auflag und mit seinen Enden, die mit gleichfarbigen Franzen besetzt waren, an sich gar schelmisch in den Nacken fiel … Die schwarzen Augen der sonst schmächtigen und behenden Frau gingen hin und her, schon vor Aufregung über die wilde Bewegung in dem sonst so friedfertigen Spezzano … Ihre kleine Marietta zappelte bald nach den bunten Lampen, die schon an den Gerüsten für das Madonnenfest hingen, bald nach den bunten Uniformen der Soldaten, von denen einige Liebkosungen mit ihr wechselten wie „Bisch guët?“ „Willsch Rössli reita?“ und ähnliche deutsche 283 Herzenslaute, die auch keineswegs der Mutter in ihrem Sinn verloren gingen; denn auch ohne Wörterbuch, und keinesweges nur durch den Austausch von Blicken und Geberden, verstehen sich in guten Dingen alle Nationen – nur Haß und Eigennutz hat die Verschiedenheit der Sprachen erfunden … Durch den dolmetschenden Beistand der Umstehenden kam es heraus, die Frau war an den Gewürzkrämer Dionysio Mateucci in Nocera verheirathet, hieß ursprünglich Rosalia Vigo und wollte nach San-Firmiano, wo ihr Bruder im Kloster lebte …

Auf diese Mittheilung hin belebten sich Scagnarello’s Züge und niemanden mehr, als dem Pepe wurde nun voll Staunen und Verwunderung die ganze Geschichte dieser Frau erzählt … Die Rosalia Vigo! Die Schwester des ehemaligen Pfarrers von San-Giovanni in Fiore! … Das ist nur gut, daß Herr Dom Sebastiano (der Pfarrer von Spezzano) beim Erzbischof in Cosenza ist – denn noch in seiner letzten Predigt an Mariä Ascensione nannte er ihren Bruder einen Unglücklichen, der im Fegfeuer noch einmal so lange sitzen müsse als andere, weil ihm sein geschorenes Haupt mit heiligem Priesteröl gesalbt wäre und bekanntlich Oel im Feuer nicht eben löscht … Scagnarello war nunmehr auf die interessantesten Neuigkeiten und noch ein ganz besonders gutes Trinkgeld gefaßt …

Vollends hörte er von der Absicht der Schwester des Pfarrers, ihren geliebten Bruder wol gar aus San-Firmiano ganz abzuholen und mitzunehmen … Der seitwärts schielenden Blicke einiger alten Bettler von Spezzano, des Murmelns einiger Graubärte, der Bekreuzigungen 284 einiger Matronen, die Hexen nicht unähnlich sahen, achtete Scagnarello nicht – obgleich er alles zu deuten verstand und vollkommen wußte, wie sehr es eine ganz eigene Bewandtniß hatte mit der Geschichte des Pfarrers von San-Giovanni in Fiore … Ach, auch Rosalia Matteucci verstand, warum einige alte Schäfer, die in der Nähe standen und den Soldaten gegenüber ihre Flinten, über ihre Schaffelle hinausragend, mit aller Keckheit trugen – sie wollten zur Messe nach Rossano – auf ihre großen Hunde blickten und deren Blässe berührten, die der Pfarrer von Spezzano mit Weihwasser besprengt hatte … Pepe und die Gallina und alle Pferde, Esel und Maulthiere, alle Hunde und Katzen, überhaupt was nur irgend mit dem Menschen hier in näherem Umgang lebte – das wilde Heer des nächsten Umgangs der Flöhe u. s. w. ausgenommen – hat in Italien durch Priesters Hand die Heiligung empfangen*)

Mit dem allgemeinen, die junge Frau mehr beschämenden, als erhebenden Rufe: Das ist die Rosalia Vigo! Die Schwester des Pfarrers von San-Giovanni in Fiore! fuhr die Schweigsame und nun recht in Gedanken Verlorene endlich nach sieben Uhr aus dem noch hellsonnigen Spezzano in die schon dunkeln Felsenschluchten nieder … Schauerlich durfte es ihr erklingen, als am Fuß des Felsens, auf dem Spezzano liegt, ein Schweinehirt, der dem auf dem zerbröckelten Gestein des Weges hin- und hergeschleuderten Karren Platz machte, ihr einen Will-285kommen und Abschied auf einer riesigen Meermuschel blies …

Scagnarello offenbarte im Fahren dem Hirten, der ihnen folgen konnte – sogleich ging es wieder bergauf – sein abenteuerliches Unternehmen, noch in die lichte Mondnacht hinaus bis in den Torre del Mauro von San-Giovanni fahren zu wollen … Rühmte er sich auch nicht, mitzutheilen, was er damit verdiente, so schilderte er doch die Fahrt als eine, die sich schon allein durch die guten Leute von San-Giovanni belohne … Im Grunde alles nur, um die vollere Zustimmung des Pepe zu gewinnen, dessen beide Ohren an dem furchtbaren Klange der Muschel einen musikalischen Genuß empfunden haben mußten; Pepe schlich, wie in sehnsuchtsvolle Gedanken verloren …

Auch Rosalia blieb nachdenklich … Ohnehin an Unterhaltung durch den Lärm der rauschenden Gewässer, die wieder ohne Brücken zu passiren waren, gehindert, begann sie ihre Marietta in Schlummer zu singen … Sie brachte dies zu Stande nicht etwa durch ein heiteres Wiegenlied, sondern durch einen einzigen, lang gehaltenen Ton in A … Diesen setzt die italienische Mutter so lange endlos fort, bis ihr Kindchen einschläft … Eine Melodie würd’ es ja wach erhalten – …

Auch Scagnarello rief seinem Pepe unausgesetzt ein Wort, das freilich im Gegentheil ein Wachbleiben und muntres Traben hervorrufen sollte: Maccaroni! … Der Neapolitaner legt dabei den Ton auf die letzte Silbe … Soll es dem Zugthier die Hoffnung erwecken, am erreichten Ziel seines Führers Lieblingsspeise theilen zu dürfen, 286 oder ist es noch ein alter Rest der hier einst üblich gewesenen Griechensprache, wo Μακάριε! ein Schmeichelwort war, wie: „Du altes gutes Haus!“ –? Gleichviel, Pepe that sein Möglichstes … An die Stelle der Liebkosungen traten freilich auch zuweilen die in Italien üblichen energischen Peitschenhiebe …

Zur Linken sah man nach einer Stunde nichts mehr, als einen Wald von riesigen Farrenkräutern, die sich zum Ufer des auf dem Gebirgskamm entspringenden Neto niederzogen … Zur Rechten starrte die schroffe Felswand … Jenseits der Anhöhe leuchteten noch in der Sonne die Kronen eines Buchenwaldes, die dann jede weitere Aussicht versperrten …

Miracolo! … begann jetzt Scagnarello; ihr sagt, Euer Bruder würde San-Firmiano verlassen können und wieder nach San-Giovanni in seine Pfarre kommen, die er vor zehn Jahren – der Aermste –! – hat verlieren müssen? Warum doch? …

Die Frau unterbrach ihr Singen und mußte die kleine Marietta aufheben, die sich noch nicht ganz wollte zum Schlafen bändigen lassen …

Ihr glaubt, sagte sie, auf eine solche Pfarre, wo die Birnen aus nichts, als kleinen Steinen bestehen? … Nein, ich glaube nicht, daß in San-Giovanni auch jetzt noch ein anderer Wein wächst, als den zu meiner Zeit kaum die Ziegen getrunken hätten … Signore! Nein! … Seine Excellenza hat mir eine bessere Hoffnung gemacht … Mein Bruder wird Pfarrer zu San-Spiridion in Nocera …

Ho! Habt ihr Euch nicht versprochen, Frau? brach 287 Scagnarello in Erstaunen aus und Pepe benutzte ein Sichumwenden seines Herrn, um sogleich still zu halten … San-Spiridion in Nocera? … Da tauscht er ja mit keinem Erzbischof drüben in Sicilien … Dies setzte er mit einem Avanti! und einem tüchtigen Peitschenhieb hinzu … Freilich – in Sicilien hab’ ich ein Kloster gekannt, wo die Brüder verhungerten, wenn sie nicht abends mit der Flinte aufpaßten, ob Engländer vom Aetna kamen … Aber in Nocera soll Euer Bruder Pfarrer werden! …

Scagnarello war gutmüthig genug, seine Meinung: „Ich dachte, daß ihm sowol im Jenseits, wie schon hienieden die ewige Verdammniß bestimmt ist“ – nicht auszusprechen …

Bei San-Gennaro! sagte die Schwester Paolo Vigo’s; ich dächte, daß er sich diese Auszeichnung redlich erworben hat … Zehn Jahre hat er büßen müssen und die Heiligkeit ist er selbst geworden …

Wißt Ihr für ganz gewiß, daß sie ihn losgeben? äußerte Scagnarello mit bescheidenem Zweifel und der giftigen Rede des Pfarrers von Spezzano gedenkend …

Der heilige Erzbischof von Cosenza, fuhr die Frau fort und reichte ihrem mildurtheilenden Führer, der die schlimmen Ansichten der übrigen Bewohner von Spezzano gegen ihren Bruder nicht zu theilen schien, eine Flasche Wein aus einem ihr zu Füßen stehenden großen Korbe, der mindestens auf eine Woche mit all’ den Dingen versehen war, die man, nach ihrer Erfahrung, hinter San-Giovanni in Fiore nicht mehr als in der Welt auch nur gekannt vorauszusetzen berechtigt war – der heilige Erzbischof von Cosenza, sagte sie zuversichtlich, hat es noch gestern 288 betheuert … Ich bin dreimal von Nocera herübergekommen und jedes mal war der heilige Herr liebreicher und gnädiger mit mir … Alles hab’ ich ihm erzählt, warum mein Bruder ins Unglück gekommen ist – …

Redet nur nicht davon! … unterbrach sie jetzt Scagnarello mit einigem Schaudern, die Flasche zurückgebend, aus der er einen kräftigen Zug gethan hatte … Der Trunk hatte, schien es, sein Gedächtniß gestärkt, das ihm anfangs versagte, als es sich um den Gewinn von zwei Ducati handelte …

Rosalia Mateucci nahm die Flasche, stellte sie wieder in den Korb und schwieg in der That … Sie verstand vollkommen, daß es gewisse unheimliche Dinge im Leben ihres Bruders gab, von denen man in solcher Abenddämmerung und in der stillen Gebirgswildniß nicht sprechen soll … Ohnehin galt der Silaswald für verzaubert … Es ist dies die Ruhestätte, wo noch immer der „große Pan schläft“ … In Abenddämmerung begegnen uns hier noch Satyrn mit Bocksfüßen und Hörnern genug, sehen aus den Bäumen noch nickende langhaarige Dryaden, ertönt oft noch ein schrilles Lachen in der Luft und niemand weiß, wo all die vergessenen Schelmerein des Alterthums am Tage sich versteckt halten; des Nachts sind sie da …

Rosalia Mateucci begann wieder ihr Wiegenlied …

Die Sonne war höher und höher an die Buchengipfel gestiegen und endlich ganz verschwunden … Schon hatte der Mond sich in dem weiteren Himmel, der auf kurze Zeit jetzt zur Rechten sichtbar wurde, mit silbernem Glanze gezeigt … Die Straße, die eigentlich 289 nur ein jetzt ausgetrocknetes Flußbett war, zwängte sich durch zwei Felsen, die sich so nahe standen, daß sie oberhalb, einige hundert Fuß höher, durch eine Brücke hätten verbunden werden können …

Scagnarello wußte nun allmählich im vollen Zusammenhang, daß seine Passagierin Rosalia Vigo, die jüngste Schwester ihres Bruders Paolo Vigo war, der in Neapel Theologie studirt hatte und doch nur die ärmste Pfarre der Welt, zu San-Giovanni in Fiore im Silaswalde, gewann … Ein feuriger, muthiger, wissensdurstiger Jüngling, hatte er aber diese Pfarre bereitwilligst angetreten, weil sie mit einer Aufsicht über das naheliegende Kloster San-Firmiano, eine Art geistlicher Strafanstalt, verbunden war; andererseits weil das Innere des theilweise unzugänglichen Silaswaldes noch von Ketzern bewohnt sein sollte, welche sich aus urältesten Zeiten dort erhalten haben und mit zerstreuten Anhängern in Verbindung standen, die an gewissen Tagen, auf nur ihnen bekannten Wegen, dort zusammenkamen*) … Seinem jugendlichen Glaubenseifer hatte sich die Bekämpfung und Ausrottung dieser Secte gerade empfohlen … Die Ketzer trieben Zauberei, besonders mit Hülfe der Bibel … Da erfuhr dann aber alle Welt, daß im Gegentheil auch Paolo Vigo plötzlich von ihnen verwirrt wurde, die Bibel auf die Kanzel von San-Giovanni mitbrachte und auf Denunciation des Pfarrers von Spezzano suspendirt, ja nunmehr selbst in jenes Kloster der Pönitenten verwiesen wurde, wo er hatte erziehen und bessern wollen … 290 Der Guardian dieses Klosters mußte in San-Giovanni solange die Messen übernehmen, während die übrigen pfarramtlichen Handlungen von Spezzano aus verrichtet wurden …

Rosalia Mateucci wußte gegen die Auffassung des Pfarrers von Spezzano und des Signor Scagnarello über ihren Bruder an sich nichts einzuwenden … Doch behauptete sie, daß ihr Bruder, wenn auch eine Zeit lang von Zauberern verblendet, doch nie im Stande gewesen wäre, in die unkatholischen Greuel mit einzustimmen … Daß Paolo Vigo beschuldigt wurde, vorzugsweise gegen Einen, den auch Scagnarello vollkommen als einen gefürchteten Hexenmeister kannte, Nachsicht geübt zu haben – das alles ließ sich nicht wegleugnen … Auch nicht die haarsträubende Geschichte von einem feuerschnaubenden, geradezu aus der Hölle gekommenen Hunde, welcher auf dem Markt von San-Giovanni in Fiore einst laut geredet und die Seele des Pfarrers in seine Gewalt zu bekommen begehrt haben sollte, obgleich derselbe ihn dann mit eigener Hand todtschoß … Scagnarello wußte das alles und sagte beim Anstreifen an diese unheimlichen Erinnerungen: Bitte! Bitte! – fragte aber doch, ob sich die Frau noch des Skeletts erinnerte, das dazumal ihren Bruder um den Tod des höllischen Hundes so in Harnisch gebracht hätte? …

Des Frâ Hubertus! sagte die Frau mit einem halb beklommenen, halb freudigen Tone … Er lebt noch … Ich weiß es ja –! …

An seinen Knochen kann man zwar von Fleisch kein Pfund mehr zählen! entgegnete Scagnarello, aber – 291 gewiß lebt er noch – und ich will Euch nur gestehen – ich hätte mich nicht heute Nacht noch in den Wald gewagt, könnten wir nicht hoffen, noch den Bruder Hubertus einzuholen …

Heilige Mutter Gottes! rief die Frau freudig erregt und wagte die gefährlichste Stellung von der Welt in Scagnarello’s zweirädrigem Karren. Sie stand auf, hielt ihre schlafende Marietta mit Gefahr, selbst überzustürzen, im Arm und reckte spähend den Hals in die Weite … Saht Ihr denn den Frâ Hubertus? rief sie und lugte in die dunkle Ferne …

Beruhigt Euch! sprach Scagnarello und bezog diese Aufregung misverständlich auf eine Anwandlung von Furcht … Wenn ich meiner Frau, meinen Kindern und dem Pepe zugemuthet habe, mich bis Mitternacht noch auf die Straße zwischen Spezzano und San-Gio hinauszulassen, so ist es, aufrichtig gesagt, geschehen, weil ich hörte, daß Frâ Hubertus uns ein paar hundert Schritte voraus ist … Denn was der Frate nun auch sein mag, ob ein Russe oder von Geburt ein Türke, wir alle haben ihn hier anfangs gleichfalls für den leibhaftigen Boten der Hölle gehalten – ja da erst gar, als er den fremden Mann nicht weit von hier in den Neto gestoßen –! …

Ich bitte Euch! … sagte die Frau sich niedersetzend …

Aber habt darum keine Furcht! fuhr Scagnarello fort … Holen wir den Bruder ein, so haben wir mit ihm ein Regiment Soldaten … Der Pfarrer von Spezzano, im Vertrauen gesagt, mag ihn noch jetzt nicht – aber darum hat der Bruder, der soeben in Neapel war, doch hohe Gönner und Beschützer und, was seine Leibeskräfte 292 anlangt, so kenn’ ich manchen, der ihm noch jetzt abends aus dem Wege geht – …

Er war in Neapel – Und ist zurück! … Ich weiß es ja – weiß alles – … rief Rosalia freudig und verstummte dann. Letzteres zum Aerger Scagnarello’s … Er merkte, daß es etwas ganz Neues aus dem Leben seiner Passagierin zu erfahren gab … Diese wich seinen Fragen aus und versank in eine wehmüthige Stimmung …

Es knüpften sich ihr aus der Zeit, wo sie vor Jahren ihres Bruders Wirthschaft in San-Giovanni geführt hatte, an diesen „Bruder mit dem Todtenkopf“ Erinnerungen voll Schrecken … Ihr Bruder Paolo hatte lange liebevoll für die Seinigen gesorgt, hatte ihnen jede Ersparniß nach Salerno, wo sie her waren, geschickt, hatte, der gute Sohn, die Gebühren seiner ersten Messen nur seiner Mutter verehrt … Zwei Jahre war sie dann bei ihm im Silaswalde gewesen und hatte das Ihrige gethan, ihm einen so traurigen Aufenthalt einigermaßen erträglich zu machen … Aber Paolo Vigo verfiel in Melancholie, zumal durch die Nähe des Klosters San-Firmiano selbst … Seinem Gemüth mußte es schmerzlich sein, so viel verabscheuungswürdige Priester kennen zu lernen, die in jenem in Felsen eingezwängten, eine melancholische Aussicht in eine düstere Waldgegend bietenden Kloster leben mußten … Außerdem lebten hier alle ehrlichen Leute damals im Kampf mit Giosafat Talarico … Die Räuber der Abruzzen, die Genossen des Grizzifalcone, standen mit denen Calabriens in einem Schutz- und Trutz-293bündniß und bedrohten unausgesetzt die Sicherheit der Einsamwohnenden … Schon waren aus dem Kirchlein in San-Giovanni die heiligen Geräthschaften des Opferdienstes gestohlen worden … Kein Wunder, daß der Pfarrer sich mit Waffen versah und zu jeder Zeit eine geladene Flinte über seinem Bett hängen hatte … Nun geschah es aber eines Tages, daß die Bewohner von San-Giovanni in der größten Aufregung durcheinander rannten, auf dem Marktplatz, dicht vorm Fenster des Pfarrers auseinander flohen und sich in ihren Häusern versteckten … Rosalia und ihr Bruder traten ans Fenster und erkundigten sich nach dem Grund des lauten Geschreis … Da hieß es, im Orte wär’ ein toller Hund … Vom Fenster aus erblickte man in der That ein wandelndes Thiergerippe, die Zunge lang aus dem Munde hängend, die Haare borstig aufwärts gebäumt – es war ein Hund, der einem verhungerten Wolfe glich … Kaum konnte das entsetzliche Thier sich aufrecht erhalten … Schon knickte es zusammen und taumelte dann wieder wildschnappend auf, bis es aufs neue zusammensank … Der Pfarrer erwies den Bewohnern von San-Giovanni die Wohlthat, in rascher Regung die Flinte zu ergreifen, abzudrücken und das Ungethüm niederzuschießen … Und eben die Folgen dieser raschen That waren die seltsamsten … Sie lagen in Schleier gehüllt, endeten aber damit, daß Rosalia’s Bruder oft tagelang abwesend war, mit dem Bruder Hubertus gesehen wurde, sogar einen Ziegenhirten in San-Giovanni, der schon seit lange für einen Ketzer galt, an seinen Tisch nahm, zuletzt mit der Bibel auf der Kanzel 294 erschien und in einer Weise predigte, die einen so großen Anstoß erregte, daß ihn sein Diöcesanbischof suspendiren mußte … Man ließ ihn bis auf Weiteres im nahgelegenen Kloster wohnen und verbot ihm seine kirchlichen Functionen und Reden … Aus dieser provisorischen Maßregel wurde ein Zustand, welcher Jahre dauerte und nicht mehr enden zu wollen schien … Die Stolgebühren von San-Giovanni behagten auch dem Dom Sebastiano von Spezzano …

Scagnarello war durch die Hoffnung, bald den riesenstarken Bruder Todtenkopf einzuholen, so ermuthigt, daß er, trotz der schauerlichen Einsamkeit, wagte, auf alle diese unheimlichen Dinge anzuspielen … Es ist eine Pflicht unserer Seelenhirten, sagte er nach einer Betrachtung über feurige Hunde, die sich öfters hier den Schäfern nächtlich zugesellen, für das geistige und leibliche Wohl der Ihrigen zu sorgen … Der Pfarrer in Spezzano ist gewiß ein Santo, aber auch er heilt die Kröpfe und kann Geister bannen … Meinen Pepe da hat er mit allen Weihen versehen …

Rosalia Mateucci hatte das Thema des verhängnißvollen Hundes verlassen … Scagnarello richtete jedoch mit umspähender Miene an sie die Frage:

Frau – noch seh’ ich den Bruder Franciscaner nicht – sagt: Ist es wahr, hat der den Hund ganz feierlich begraben –? …

Kaum war das aus der Hölle gekommene Thier, erzählte sie, gefallen, so kam, wie wir damals glaubten, ein Abgesandter des Satans, der die ihm verfallene unreine Seele abholen sollte … Auf dem Platz 295 erschien ein langer hagerer Mönch mit einem Todtenkopf, der, wie die Magd erzählte, im Kloster Firmiano vor kurzem erst Herberge gefunden hatte … Die Kinder liefen ihm aus dem Wege – eine Sprache hatte er, wie unser Truthahn, wenn ich mein rothes Kleid anziehe …

Das alles hat sich geändert! unterbrach Scagnarello … Jetzt fürchten ihn nur noch die Leute mit zu langen Flinten und besonders der Schmied von Spezzano … Denn ein Hufeisen bricht er wie trockene Nudeln entzwei, wenn die Arbeit schlecht ist … Gäule heilt er, die schon unter den Galgen kommen sollten … Talarico! Der bekam Angst vor ihm, als er hörte, daß das der Frate war, der in Rom dem Grizzifalcone den Garaus gemacht … Nun, bei San-Firmiano! Der heilige Vater hat ihn auch gewiß nur hergeschickt, daß er’s dem Giosafat ebenso machen sollte … Signora, ich hörte aber doch – mit dem Hund hatt’ es Dinge auf sich, die einen guten Christen um die Absolution bringen können … Andere meinen, der Alte mit dem Todtenkopf hat wenigstens seitdem nichts mehr mit der Hölle … Ein Heiliger ist’s geworden, wie nur der Erzbischof von Cosenza auch – und – Euer, unter uns gesagt, vortrefflicher Bruder – …

In voller Glückseligkeit über diese Anerkennung sagte Rosalia:

Ja, Signor! … Ich glaube es für gewiß, daß Frâ Hubertus sich zu Gott gebessert hat … Gerade von ihm hat mir der heiligste Erzbischof von Cosenza gesagt: Geht getrost, liebe Frau! Bis Ihr in San-Giovanni in Fiore seid, ist Frâ Hubertus von Neapel zurück-296gekehrt … Und nun ist er da … Und ich denke doch, es muß alles gut werden …

Scagnarello erhielt noch einmal die Flasche, leerte sie und lobte sehr den Wein von Nocera …

Auf seine Frage, was nur der Todtenkopf in Neapel gethan hätte, erhielt er die Antwort:

Der heilige Erzbischof schickte ihn nach Neapel, um sein Begehren beim rechten Mann vorzubringen …

Beim rechten Mann? … wiederholte der Kutscher … Und welches Begehren – …

Daß die Bewohner von San-Firmiano nicht mehr – wie die Canarienvögel von Cosenza gehalten werden … Sind sie denn nicht alle Santi geworden? Hat mein Bruder sie nicht bekehrt? Hat der Todtenkopf ihnen nicht allen die Schrecken der Hölle zu Gemüth geführt, die er so gut kannte –? … Ich sage Euch, bis nach Nocera hin steht das Kloster im Geruch der Heiligkeit –! …

Scagnarello wußte vollkommen, daß unter den Canarienvögeln die gelbgekleideten Galerensträflinge zu verstehen sind, die in Neapel öffentlich im Dienst der Straßen- und Hafenpolizei arbeiten müssen … Auch über die gute Aufführung der Bewohner von San-Firmiano herrschte nur Eine Stimme und Alle wußten, daß Dom Sebastiano darüber nicht reden konnte, ohne so zornig zu werden wie ein Puterhahn … Nach einer seiner letzten Predigten gab es Tugenden, die blos vom Teufel kämen – … Doch war Scagnarello vorsichtig und hielt seine Meinung zurück …

Die Einsamkeit, welche dann und wann nur vom 297 Gruß eines Hirten oder eines mühsam ausbiegenden Eseltreibers unterbrochen wurde, hörte bei Annäherung an San-Giovanni auf … Es wurde lebhafter rings im Gebirge … Zwar war die Nacht nun ganz hereingebrochen, Nebel stiegen auf, welche die Feuchtigkeit der Luft so vermehrten, daß Scagnarello und Rosalia ihre braunen Mäntel übernahmen; der mondscheinblaue Luft- und Nebelhauch gab den grünen Waldabhängen, den einzelnen Wiesenteppichen eine geisterhafte Beleuchtung; aber, wo der Strom der Gewässer am Wege nicht zu rauschend stürzte, da hörte man deutlich und von mannichfachem Echo weitergetragen, das Locken und Rufen der Hirten an ihre Heerden, die zur Nachtruhe unter den mächtigen Eichen sich lagerten, hörte das Blasen einer einsamen Schalmei oder an einer andern Stelle das unaufhaltsame und unerschöpfliche Lungen voraussetzende Schnurren eines Dudelsacks … Jagdschüsse erschollen sogar zuweilen dicht über den Häuptern der Gefährten und machten den Pepe stutzig und unterbrachen dann die Reise durch ein Intermezzo von Apostrophen, die Scagnarello an die Vernunft des Thieres richtete … Tüchtige Peitschenhiebe unterstützten die Beweiskraft …

Um ein verhältnißmäßiges Stück war man schon ganz in die Nähe San-Giovannis gekommen … Rosalia erkannte die Gegend … Die mit Früchten überladenen Kastanienbäume, die zuweilen am Wege standen, rauschten ihr wie mit vertrautem Gruß … Dort stand ein altes Gemäuer, das der urältesten Zeit Groß-Griechenlands angehörte … Der Mond schien durch die zer-298klüfteten Fenster … Sie kannte jeden dieser, bald als Aufbewahrungsort des frischgemähten Heus, bald als Versammlungsort der Hirten bei Unwettern benutzten Orte … Ihr Herz wurde ihr immer frohbanger und zagendhoffnungsvoller …

Scagnarello erzählte jetzt von einem Stein, an welchem sie bald angekommen sein müßten, wo Frâ Hubertus vor Jahren mit jenen zwei Männern gerungen hätte, die im Silaswald umirrten und die „Freimaurer“, welche später in Cosenza erschossen wurden – die Bandiera und ihre Genossen – verrathen wollten … Denen begegnete „dort oben am Kreuz“, erzählte er, der Bruder mit dem Todtenkopf, redete den einen, den er kannte, in fremder, ich glaube russischer Sprache an und warf ihn jählings von oben da am Kreuz hinunter in den Neto …

Die Bürgersfrau von Nocera, die sich auf Betrieb des Bruders vortheilhaft mit einem Verwandten verheirathet hatte, war in diesen Ereignissen bewandert … Sie konnte lesen und schreiben und führte ihrem Mann sein Hauptbuch … Was im Silaswald vorging, hatte sie seit Jahren um des geliebten Bruders willen mit dem größten Interesse verfolgt … Lebhaft stand ihr in Erinnerung, wie man sich damals gewundert, warum der fremde Mönch, ein Sohn des heiligen Franciscus, wiederum auch für diese wilde That so heil und ungestraft davonkam … Diesmal wie bei Gelegenheit der immerhin bedenklichen Todesart des Grizzifalcone … Rosalia sprach noch jetzt dies Erstaunen nach …

Er hat gute Freunde, sagte Scagnarello … Er hat sie da, wo sie am meisten nützen können – in Rom 299 … Und wenn man Rom hat, hat man Neapel … Damals, als der Freimaurer in den Neto flog, sah und hörte man lange nichts mehr vom Frâ Hubertus … Mit Einem mal war er wieder da und der Sindico von Spezzano zog den Hut vor ihm ab … Hätte der Bruder die Weihen, er wäre längst in San-Firmiano Guardian …

Rosalia kannte alles das und schwieg, in Hoffnung auf die Geltendmachung eines so großen Einflusses in Neapel …

Nach einer Weile fragte Scagnarello:

Signora – wart ihr denn auch schon dazumal an – den – ich meine, an den Bluteichen –? …

Die Frau erschrak über diese Frage und schwieg …

Ich meine, habt Ihr ihn nie gesehen? fuhr Scagnarello leise und lächelnd fort …

Die Frau wußte vollkommen, was und wen Scagnarello mit seiner Frage meinte …

Hm! Hm! räusperte er sich und fuhr fort: Ich möcht’ es, bei San-Gennaro, auch einmal wagen und ihn besuchen … Nur um die Nummern zu hören, die ich im Lotto spielen soll … Da war ein Mann von Cotrone – wißt Ihr, was er dem gesagt hat, als der die nächsten Nummern hören wollte, die herauskommen –? …

Er sollte arbeiten und auf Gott vertrauen –? … antwortete Rosalia …

Nein, entgegnete Scagnarello – Das kann sich Jeder selbst sagen –! Dem Mann von Cotrone hat er gesagt: Wer gab dir früher deine Nummern? … „Der Pfarrer 300 von San-Geminiano in Cotrone!“ … Kamen sie heraus? … „Nein! Auch die auf den Namen Mariä nicht!“ … Warum nicht auf den Namen Mariä? … „Der Pfarrer rechnete die Nummern nach den Buchstaben aus – M. war 12. Sie kamen aber nicht heraus.“ … Ich verstehe! Kannst du lesen? … „Nein!“ … Auch nicht das ABC? … „Nein!“ … Im Namen Maria kommt zweimal A vor – das gab zweimal 1 … „Da nahm der Pfarrer für das zweite 1 das Doppelte; manchmal das Dreifache; so hab’ ich zehn Jahre auf «Maria» und die Heiligen gesetzt, aber nicht mehr gewonnen, als ausreichte, um den Pfarrer zu bezahlen –“ … Der Pfarrer ließ sich bezahlen? … „Ich bezahlte die Messen, die meine Todten aus dem Feuer erlösten!“ … Nun, mein Sohn, sagte der Alte von den Bluteichen, so nimm einmal den Namen „Jesus!“ Siehst du, das sind auch fünf Buchstaben, auch fünf Zahlen und die letzte nimm dann gleichfalls doppelt – 9. 5. 18. 20. 36 … – So hab’ ich sie behalten –! unterbrach sich Scagnarello – Gewinnst du, sagte der Hexenmeister, dann danke deinem Erlöser durch gute Anwendung des Geldes! Verlierst du aber, so nimm an, daß er dir eine christliche Lehre geben wollte und dich blos durch deine Arbeit reich machen wird! … Der Mann aus Cotrone spielte und gewann – eine Terne; es ist auch so ein ganz reicher Mann … Das Ding sprach sich aus; alles setzte auf den Namen Jesus; es hat aber keinem mehr so glücken wollen, wie dem Mann aus Cotrone …

Rosalia seufzte über diese Zaubereien und sann über 301 Scagnarello’s Aeußerung, daß der Mann von Cotrone wol noch eine besondere Anweisung bei diesem kabbalistischen Spiel des Einsiedlers von den Bluteichen hinzu empfangen haben müßte … Sie hatte die vollkommene Geneigtheit, dieser Meinung zuzustimmen … Zuletzt bat sie ihn beim Blut des heiligen Januarius, von solchen durch die Hölle angerathenen Lottonummern, auch von den Bluteichen, von den nächtlichen Versammlungen, welche dort die Geister hielten, besonders aber von dem erschossenen feurigen Hunde und den blutigen Thaten des Bruders Hubertus zu schweigen und auf eine baldige glückliche Ankunft in San-Giovanni zu hoffen …

Nach einer halben Stunde, welche Scagnarello im schmollenden Gespräch mit Pepe und zuletzt mit Klagen über die theuere Zeit und die von der Hitze versengte zweite Heuernte zubrachte – letzteres im Interesse eines erhöhten Trinkgeldes – deutete er mit der Peitsche auf einen im Mondlicht grell beleuchteten Gegenstand an demselben Wege, welchen sie fuhren …

Schon lange hatte auch schon Rosalia ihr Auge auf diesen Punkt gerichtet und fragte jetzt:

Seht Ihr denn da etwas, Signor? …

Es ist – so wahr ich Napoleone heiße – endlich der braune Bruder … Ich wette um meinen Pepe – er ist’s …

Sein Maccaroni wurde jetzt wacker durch die Peitsche unterstützt …

Die Frau konnte nicht umhin anzuerkennen, daß Scagnarello’s Vermuthung über einen an einem hölzernen Kreuz auf einem Stein sitzenden Mönch Wahr-302scheinlichkeit für sich hatte … Die braune Kapuze war halb niedergeschlagen; so schwarz und starr konnte darunter hervor nur ein Kopf lugen, der so gut wie keiner war oder wenigstens nur dasjenige, was übrigbleibt wenn von einem Kopf Haare und Fleisch weggenommen werden …

Scagnarello, jetzt vollends ermuthigt und sogar von dem hinter den Felsen her immer heller und heller läutenden Glockenthurm von San-Gio schon angenehm überrascht, schwang seine Peitsche und gab der hochgespannten Frau, die glücklich war, schon jetzt dem Manne zu begegnen, welcher die gute Kunde aus Neapel nach San-Firmiano bringen sollte, jede tröstliche Versicherung …

Ein Franciscaner, in Sandalen, mit brauner Kutte, den weißen wollenen Strick um die magere Hüfte, saß in der That auf dem Stein am Wege … Es war Frâ Hubertus … Er saß am Gedächtnißkreuz des von ihm vor Jahren hier in den brausenden Neto geschleuderten Jân Picard … Als er die Klingel des Pepe hörte, stand er auf und ging fürbaß … Er schien keine Neigung zu haben, auf eine verspätete Equipage zu warten und sich in seinen wahrscheinlich düster angeregten Empfindungen stören zu lassen …

Ihn einzuholen wäre beim Bergauf unmöglich gewesen, wenn ihm nicht Scagnarello alle möglichen Interjectionen nachgerufen hätte aus jenem unerschöpflichen, in seinem Reichthum noch von keinem Gelehrten würdig abgeschätzten Wörterbuch der neapolitanischen Natursprache … Zu den thatsächlichen Motiven, welche Scagnarello mit civilisirteren Worten einmischte, um den rüstigen 303 Greis zum Stehenbleiben zu bewegen, gehörte, in seltsamen Abkürzungen freilich, die ganze Geschichte der Frau, welche hinter ihm hochaufgerichtet stand, in der Linken mit dem schlafenden Kinde, in der Rechten mit ihrem Tuch, mit dem sie unablässig wehte; gehörte endlich auch ein Gruß vom Erzbischof von Cosenza und die ganze Ausmalung aller der Glückseligkeiten, die sich nun in San-Firmiano und in San-Spiridion zu Nocera begeben würden …

Der lange hagere Knochenmann stand endlich still und lachte des tollen Gewälschs … Sein Kopf wurde darüber ein einziges – Gebiß von Zähnen …

In der „Campanischen“ Sprache, jenem Italienisch der Neapolitaner, in welchem die Buchstaben mit allen nur erdenklichen Freiheiten behandelt werden, oft der eine ganz für den andern eintritt und statt „Michel“ Kaspar gesagt wird, hatte Hubertus in der That Fortschritte gemacht … Er blieb stehen …

Dann freilich entsprach seinem ersten frohen Gruß an die ihm sehr wohl erinnerliche Schwester Paolo Vigo’s keineswegs sein fernerer Mittheilungsdrang … Letzterer schüttelte er zwar als alter Freund die Hand und nahm das jetzt erwachte, schreiende Kind auf den Arm, versichernd, daß seine Sehnsucht, den trefflichen Bruder der Signora nach sechs Wochen wiederzusehen, nicht minder groß, als die ihrige nach so vielen Jahren wäre – ja er kannte das schöne dem Bruder winkende Gotteshaus zu San-Spiridion in Nocera vollkommen und gab zu, daß der Erzbischof von Cosenza hinlänglich heilig wäre, um auch weissagen zu können … 304 Gewiß! Gewiß! Es wird alles gut werden! wiederholte er zum öftern … Aber – dem ganzen Wesen fehlte die rechte, von Innen kommende Freudigkeit …

So kommt Ihr von Neapel und habt noch nichts Bestimmtes erfahren? fragte die Frau voll Bestürzung über dies Benehmen und lud den frommen Bruder ein, neben ihr Platz zu nehmen …

Hubertus folgte dieser Aufforderung, nahm die noch an Schönheitsanschauungen nicht gewöhnte und wenig vor ihm erschreckende kleine Marietta auf den Schoos, sang ihr eine alte holländische Liedstrophe und versicherte, die Hoffnung wäre das schönste Lebensgut, das sich der Mensch nur immer frisch in allen Nöthen bewahren müsse …

Die Hoffnung? … Bei San-Gennaro! rief die Frau und zitterte … Weiter bringt Ihr nichts von Neapel zurück, als – Hoffnung? …

Und schöne Feigen! Seht die Feigen! erwiderte Hubertus und reichte deren aus seiner Kutte Marietten eine Hand voll, während die Frau ihm bereits ihre Eßwaaren angeboten hatte …

Was kann mir alles das helfen? wehklagte Rosalia Mateucci … Hab’ ich darum so viele Jahre die Reise von Nocera nach Cosenza gemacht? … Haben wir darum zwanzig Ducati an die Mutter Gottes Della Salute und abermals funfzehn an den heiligen Gennaro von Cosenza bezahlt? …

Das wird sich einbringen, Frau … Hofft in Gottes Namen! wiederholte Hubertus …

Inzwischen fing er mit einem bei weitem dringli-305cheren Interesse an, dem Meister Scagnarello sein Erstaunen über die neue Garnison von Spezzano auszudrücken … Was wollen nur all diese Reiter und Jäger wieder? Geht der Weg nach Frankreich durch den Silaswald? …

Scagnarello deutete an, daß nicht gut von solchen Dingen zu reden wäre, seitdem hier schon die besten Leute zu den „Canarienvögeln“ in Neapel gekommen wären …

Guter Bruder, was bringt Ihr von Neapel? … drängte die Frau … Ihr redet von Canarienvögeln … Nur zu wohl weiß ich, die Raben, die schwarzen, die hacken dem heiligen Franciscus gern die Augen aus …

Steht das wo geschrieben? entgegnete Hubertus und schien betroffen von dieser Rede, die er vollkommen verstand und für ebenso prophetisch hielt, wie sie wohlgesetzt war … Die Jesuiten (diese nur konnte Rosalia unter den schwarzen Raben verstanden haben), hatten allerdings hier die Hauptentscheidung … Auf den Spruch der Jesuiten hatte der Erzbischof von Cosenza als die letzte Instanz verwiesen, von welcher hier alles abhängen würde … Alle Welt wußte, daß zwar in den Bewegungstagen zwanzig Kutschen voll Jesuiten aus Neapel hatten entfliehen müssen, sie waren aber in vierzig wiedergekommen und die rechte Hand des Herrschers über dies unglückliche Land blieb des Königs Beichtvater, Monsignore Celestino Cocle, Erzbischof von Neapel, ein fanatischer Agent des Al Gesú, eben jener „rechte Mann“, von welchem die Wünsche der Bewohner San-Firmianos abhängen sollten …

306 Zehn Jahre, erzählte wehklagend die Frau, hab’ ich meine Kniee gebeugt vor dem heiligen Erzbischof von Cosenza … Jeden Quatember, wenn neue Priester geweiht wurden, lief ich zu Fuß die zehn Miglien von Nocera nach Cosenza und beugte meine Kniee auch nach der Messe noch … Wenn der heilige Herr in seinen Palast ging, rief ich ihn um Gnade an für meinen unglücklichen Bruder … Und immer gab er mir seinen Segen und sagte: Ihr seht ja, liebe Frau, die Pfarre von San-Giovanni bleibt ihm offen; das Sacro Officio prüft lange, aber gründlich –! … Heiliger Gennaro! … Zehn Jahre prüfte das Officio –! … Ich wußte nicht, ob mein Bruder noch lebt –! … Wir schickten – mein Dionysio ist gut – was wir nur vermochten – bald an den ehrwürdigen Guardian, bald an den heiligen Erzbischof – aber meines Paolo Briefe meldeten nichts von seiner baldigen Freiheit … Sogar damals, als doch alles frei wurde, als selbst die, denen zeitlebens die Kugel am Fuß zu tragen besser gewesen wäre, zu Ehren kamen, kehrte mein Bruder nicht aus dieser traurigen Einöde zurück … Damals hatte nur Marietta leider das Fieber, mein Dionysio mußte unter die Guardia civica, Jeder war froh, wenn in seinem Garten noch die Feigen wuchsen – Verdienst gab es nicht … Dann aber, als die Ruhe wiederkehrte, als alle Welt erzählte, wie die Gefangenen und Verwundeten in San-Firmiano christlich verpflegt wurden, da fiel ich vor dem heiligen Erzbischof in der Kirche selbst auf die Kniee und bat vor allem Volk um Paolo’s Freiheit … Zum Glück – verzeih’ mir’s die heilige Jungfrau! – war 307 gerade unser Pfarrer von San-Spiridion gestorben und weil ich hörte, daß sich zehn Pfarrer um die Stelle bewarben und sie vorerst keiner bekommen sollte, weil auf ein Jahr die Einkünfte auch dem heiligen Erzbischof gutschmecken, kauft’ ich nochmals, nach allem, was schon draufgegangen war, für zehn Ducati Wachskerzen und schenkte sie in Cosenza der heiligen Rosalia … Seitdem hieß es: „Seid gutes Muthes, Frau, reist getrost nach San-Giovanni – In San-Firmiano sind Wunder geschehen – Der Guardian hat einen Boten nach Neapel geschickt an das heilige Officio. Wir wissen es ja, das ganze Kloster ist heilig geworden – Sie bekommen alle die besten Stellen in der Christenheit, denn die Mutter Kirche ist gütig und belohnt jeden, welcher sie liebt – ja, und ein Bote, Frâ Hubertus, muß bald zurück sein von Neapel –“ … So sprach der Erzbischof und das ganze Kapitel stimmte ein … Da vertraut’ ich denn und machte mich auf den Weg und jetzt bin ich da und Ihr seid es auch und nun bringt Ihr doch nichts und schweigt –? Ihr wißt, denk’ ich, nur zu gut, daß mein guter Bruder nur durch Euch ins Elend gekommen ist … Ohne Euch könnte er längst in Nocera Bischof sein …

Diese muthige, für Scagnarello zum Bewundern sachgemäße und kenntnißreiche, nur am Schluß etwas frauenzimmerlich ausfallende Rede hatte Hubertus theils mit seufzenden, theils mit begütigenden Worten begleitet … Scagnarello hoffte, der schwer Beleidigte würde mit einer Rechtfertigung früherer Misverständnisse, vor allem mit Rückblicken auf die wunderbare Geschichte vom feurigen Hunde vernehmbar werden; aber Hubertus be-308schäftigte sich allein mit dem Kinde und sang seine „russischen“ Lieder …

Rosalia Mateucci ersah nun wol aus Allem, daß Hubertus kein Vertrauen auf den Erfolg seiner Mission hatte, und fuhr in ihren Klagen über diese arge Welt fort … Sie ließ dabei jedem seine äußere Ehre, bezeichnete ihn aber bei näherer Betrachtung um so mehr als Spitzbuben … Vom Standpunkt einer vermögenden Krämerin von Nocera gab sie einen Rückblick auf die ganze bewegte Zeit der letzten Jahre – namentlich auf die wilde Anarchie, welche damals entstand, als die in Neapel durch Lazzaroniaufstand und Schweizerregimenter gesprengte Nationalvertretung sich in Cosenza noch einmal, unterstützt von einem Aufstand der Calabresen, wieder gesammelt hatte, doch von jenem ehemaligen Räuber, spätern General Nunziante, im Süden, vom General Lanzi im Norden angegriffen mehr durch Uneinigkeit, als Ueberlegenheit der Truppen sich auflöste … Die Bewaffneten wurden damals zu Flüchtlingen, und wie es im Süden geht, zu Wegelagerern und Räubern … Dieser anarchische Zustand hatte im Silaswald erst seit kurzem aufgehört … Das Kloster San-Firmiano hatte lange Zeit nur ein Gefängniß und Lazareth sein können, wo die Brüder sich wahrhafte Verdienste erwarben … Und nun sollten alle diese guten Thaten ohne ihren Lohn bleiben? Märtyrer sollten sich bewährt haben und keine Krone gewinnen –! Da müßte ja der Giosafat von Lipari als ein wahrer Retter ersehnt werden und mit der Zeit in Neapel am königlichen Schlosse kein Stein mehr auf dem andern bleiben …

309 Hubertus entgegnete in leidlichem „Campanisch“ auf diese unausgesetzten Verwünschungen, die schon Marietta’s Weinen und Scagnarello’s loyalen Protest zur Folge hatten:

Beim heiligen Hubert, meinem Schutzpatron! Frau, ich kann Euch versichern, daß ganz San-Giovanni und wer anders noch von damals am Leben ist, sich freuen wird, Euch und die kleine Marietta zu sehen … Euern heiligen Bruder nehm’ ich nicht aus, wenn ich auch zweifle, daß Eure Hoffnung, ihn als Pfarrer in San-Spiridion nach Nocera zu bekommen, so bald in Erfüllung geht, zugleich auch, ob dies seinen Wünschen entspricht … Indessen beruhigt Euch! … Ei, so weint nicht! … Ich will Euch sagen, wie es ist … Ich hätte gute Freunde und Gönner – sagt man? … Nun, das San-Officio in Neapel war sackgrob – … Aber gut – ich fand immer, die Leute sind geneigter, uns Gehör zu geben, wenn sie grob sind … Leider, leider – kann ich dasselbe nicht vom Ohr und Mund Seiner Majestät, Monsignore Celestino, sagen … Das ist wahr, artig war er … Dem mußt’ ich haarklein erzählen, was seit Jahr und Tag hier in diesen Bergen vorgegangen ist! … Und wenn ich jetzt so schlummerköpfig nachdenklich bin, so ist es blos, weil ich, aufrichtig gesagt, meine Erzdummheit bereue … Ich ging auf alle seine Artigkeiten ein … „Gut! Gut! Das freut mich! Um so besser! Und was wünschen die guten Brüder von San-Firmiano?“ – … Ich Tropf! Das hätt’ ich mir doch sagen sollen, daß es mit all diesen Süßigkeiten nur bitter stand –! … Wir Brüder haben in San Firmiano um nichts gebeten, 310 als um was die Hechte bitten, wenn in einem Teich ihrer zu viel sind … Laßt Euer Licht leuchten vor den Leuten! hat schon unser allerheiligster Erlöser gesagt – und nur deshalb sehnen sich unsere Gefangenen von San-Firmiano in ihre Klöster und Pfarreien zurück, um zu zeigen, daß sie aus Wölfen gute Hirten geworden sind … Seht nun, das alles hab’ ich in Neapel vorgetragen; aber – Ei was! Bei Alledem kann ich mich irren! Es ist im Namen unsres heiligsten Erlösers gar nicht unmöglich – wir finden in San Firmiano fröhliche Gesichter und Euer edler Bruder lacht hellauf, wenn er morgen früh – eher rath’ ich nicht bei unserm Kloster anzupochen – die Ueberraschung hat: Gelobt sei Jesu Christ! von seiner Schwester zu hören und gar von der Kleinen da – wie heißt sie? … Alles heißt hier Marietta … Kommt niemand von Euch auch einmal – auf den Namen – Hedwigis –? …

Diese Worte waren so gutmüthig, endeten mit einem so elegischweichen Tone, daß Rosalia Mateucci der wohlthuenden Wirkung derselben sich nicht entziehen konnte … Sie sagte: Bei San-Gennaro! Hat denn San Gio jetzt gar die neue Beleuchtung von Neapel –! Seht, wie hell es da liegt! … – Nun lachte sie freudiglich …

Scagnarello fand die Aufnahme des Mönches beim Erzbischof von Neapel ebenfalls nicht so bedenklich und im Gegentheil außerordentlich schmeichelhaft … Nun versteh’ ich, sagte er, warum die Leute Recht haben, wenn sie sagen, daß sogar Seine Heiligkeit in Rom ein alter Freund und Bekannter von Euch wäre und Euch schon in Rußland kannte; denn unser heiliger Vater ist weit-311gereist! – … Ja aber auch mit Recht! Habt Ihr nicht das hochheilige Erbe Petri vom Grizzifalcone befreit? … Wußte denn auch der Erzbischof das alles von Euch? … Hm! auch vom Kreuz – da überm Neto? … Und – hm! hm! – von Eurem – feurigen Hunde? …

Auf den ich Euch manchmal aufbinden möchte! schnitt Hubertus die neugierige Rede ab … Was schlagt Ihr nur so grausam auf Euern armen Pepe! In Spezzano, vor Eurer Abfahrt nach Cosenza, da konntet Ihr ihm gewiß schmeicheln! Da konntet Ihr ihn nennen: Pepito! Mein zuckersüßes Brüderchen! Unterwegs aber ist alles vergessen! … Der Gerechte erbarmt sich auch seines Viehs und Wort halten muß man Jedermann – selbst seinem Maulesel! … Ein alter Jäger weiß ich, daß im Wald und auch draußen in der Welt unsere besten Freunde – wie oft – doch nur unsere Pferde und unsere Hunde sind! – …

Hubertus sprach voll Scherz, aber auch voll Wehmuth und hörbaren Anklangs an einen Gegenstand, der ihn rührte – … Doch kam er nicht auf den Hund … Im Gegentheil zeigte er Rosalien die sich jetzt ein wenig öffnende Gegend, an deren östlicher und walddunkler Grenze, dicht unter den glänzendsten Sternbildern, eine schwarze Thurmspitze in die Höhe ragte – das Kloster San-Firmiano …

San-Giovanni war erreicht … Ein Bergflecken, wo sich vor Jahrhunderten einige Menschen um einige halbzerstörte Thürme der Normannenzeit angesiedelt und einige hundert Nachkommen hinterlassen haben, die keinen Anblick für Götter bieten … Aber ein Maler hätte 312 darum doch seine Lust an diesem Städtchen gehabt … Die Thurmmauern ragten von Epheu überwuchert … In riesiger Ausdehnung spazierte der immergrüne Kletterer bis auf die Felsen hernieder und an diesen wieder, wie eine einzige Wiese, entlang bis zu den rauschenden, sich hier vereinigenden Gewässern des Neto und des Arvo … Ein viereckiger Glockenthurm der Kirche war der Mittelpunkt einiger im wirren Durcheinander von den beiden Wildbächen sich aufdachenden sogenannten „Straßen“ …

Nun erst entdeckte man, warum es scheinen konnte, als wäre in San-Gio die Gasbeleuchtung eingeführt … Schon in einiger Entfernung hörte man die beim Morraspiel üblichen, aber in San-Gio nie so laut vernommenen Flüche und Verwünschungen … Auch deutsche Laute wurden hörbar … Pechkränze und Bivouakfeuer loderten auf …

Auch San-Giovanni war von Soldaten überfüllt …

Hubertus sah das voll äußersten Erstaunens, sprang vom Wagen und eilte in wilder Erregung auf den Marktplatz …

313 10.#

Der „Torre del Mauro“ eine Locanda, die einer Scheune ähnlich sah, war erreicht …

Man fand sie von Soldaten in Beschlag genommen …

Ein Leutnant in einer jener überladenen südeuropäischen Uniformen, mit Troddeln und Stickereien, die bei uns keinem Obersten zukommen würden, stand mit der Cigarre im niedrigen rauchgeschwärzten Thor eines von brennenden Spänen erleuchteten Hofraums …

Die Bivouakfeuer brannten auf dem Platz vor der Kirche … Dünste von gebratenem Speck, von Zwiebeln, von Käse ließen auf einen eben abgehaltenen reichlichen Abendimbiß schließen … Viele der Soldaten, in Mäntel gehüllt, schnarchten schon auf ausgebreitetem Stroh unter freiem Himmel …

Diese fliegenden Corps waren in den letzten Zeiten im Silaswalde so oft gesehen worden, daß sie eigentlich niemanden besonders auffallen durften … Nur Hubertus, schon aufs bedenklichste aufgeregt, sah neues Unheil und Scagnarello, der sich mit San-Gios Einwohnerschaft 314 in lebhafteste Conversation versetzt hatte, schürte jetzt seine Besorgniß – denn Dom Sebastiano von Spezzano hatte allerdings kürzlich gepredigt, San-Gio müßte noch einmal untergehen wie Sodom und Gomorrha …

Den Mönchen wurde von Del Caretto’s und Celestino Cocle’s Regierung wenig getraut … Ein Schweizeroffizier, welchen Hubertus in deutscher Sprache um die Ursache dieser Expedition anging, schien zwar vom Laut der Muttersprache freundlich berührt, aber Ordre hatte auch er, nichts verlauten zu lassen … Auf den im verlassenen Pfarrhaus einquartierten Oberoffizier verweisend, mischte er sich unter die andern Offiziere, die sich mit ziemlich derben Späßen auf Kosten einer Frau unterhielten, die „der schöne Mönch wol nicht in sein Kloster entführen, sondern ihnen überlassen würde –“ …

Hubertus wandte sich einem Hause zu, das hier ein Ziegenhirt ersten Ranges, ein „Rico“, ein Reicher bewohnte … Messer Negrino hieß er; er war ihm besonders befreundet … Leider aber war dieser im Ruf der Ketzerei stehende erste Bürger von San-Gio nicht zu Hause … Mit seiner Heerde war er unterwegs und vielleicht auf der Messe von Rossano …

Schon wußte ganz San-Gio, wer mit Scagnarello gekommen war … Schon hatten sich Gruppen von alten Bekannten gebildet, welche die Schwester ihres in San-Firmiano wohnenden ehemaligen Pfarrers sehr wohl erkannten und sich zu Theilnehmern einer Verhandlung über die Frage machten, ob es gerathener wäre, daß Rosalia Mateucci noch mit ihrem Kinde dem Bruder Hubertus folgen und am Eingangsthor des Klosters 315 unter einem Dach, das die Madonna schützte, übernachten oder in einem Bette bleiben sollte, das ihr der alte, hocherfreut sie begrüßende Meßner ihres Bruders in seinem niedrigen Häuschen anbot … Scagnarello hatte schon den Pepe ausgespannt und mußte ihm die Streu im Freien machen, da den Stall die Soldaten eingenommen hatten … Als weltkundiger Mann hatte er zum Bleiben gerathen … Es schien ihm, als würde Paolo Vigo schwerlich sich ihm morgen als Rückpassagier anschließen können …

Hubertus, vom Hause Negrino’s zurückkehrend, scherzte bei allen diesen Verhandlungen mit Jung und Alt, nahm die jetzt verdrießlich aus der Ruhe gekommene Marietta auf den Arm, gab Auskunft über seine Reise sowol dem „Sacristano“ wie dem „Sindico“, welchem letztern er einige auf seine Reise übernommene Aufträge ausgerichtet hatte – aber die Soldaten, deren Absichten auch die erste Magistratsperson des Ortes nicht zu deuten wußte, beunruhigten ihn so sehr, daß er von Rosalia Mateucci für heute Abschied nahm und sofort nach San-Firmiano aufbrach, um, wie er versprach, schon beim Mitternachtgebet dem Bruder die frohe Kunde zu bringen und diesem zur Ueberlegung Zeit zu lassen, wie er am passendsten seine Schwester empfangen wollte …

Unter den Scherzen der Soldaten, die Hubertus seines Todtenkopfes wegen schon gewohnt war, verließ er den Platz und begab sich in großer Spannung nach seinem Kloster … Der Sindico, der zugleich die Post von San-Giovanni hielt, hatte versichert, daß allerdings amtliche Briefe seit einigen Tagen für den Guardian 316 des Klosters genug angekommen wären … Das gab ihm Hoffnung … Der Sindico wußte, Hubertus hatte die in San-Firmiano seit Jahren Eingekerkerten in Neapel erlösen wollen … Zöglinge waren sie alle der seltnen Strenge dieses einfachen Mönches, Zöglinge des ihm von Frâ Federigo eingepflanzten leidlich evangelischen und aufgeklärten Geistes … Mit seiner Fürbitte war Hubertus von Cosenza nach Neapel verwiesen worden … Hier hatte er nur die Dominicaner verdrießlich und unfreundlich, alle andern Behörden gütig und ganz erfüllt von der ihm immer gewährten Nachsicht gefunden … Allerdings wurde Hubertus von Rom protegirt … Seit Jahren hatte man ihm gestattet, in Firmiano zu leben; sogar die Untersuchung über den Tod eines Genossen des Boccheciampo war ihm erlassen worden; man gestattete ihm all die Freiheiten, ohne welche sein unruhiges Temperament nicht leben zu können schien … Der Sindico konnte nicht genug schildern, was ihm die angekommenen Briefe schon von Außen inhaltreich und bedeutsam erschienen wären …

Hubertus verließ San-Gio … Einsam ging er den dunkeln Weg …

Seine aufgeregte Phantasie brachte diese Soldaten mit seiner Reise in Verbindung … Der Erzbischof von Neapel hatte eine Menge Fragen an ihn gerichtet – vorzugsweise über Frâ Federigo … Dem hohen Herrn war alles bekannt gewesen, was diesen Einsiedler betraf, der deutsche Ursprung desselben, seine Flucht aus einem piemontesischen Thal, seine dortige Förderung ketzerischer Bestrebungen, seine Gefangenschaft unter den Genossen 317 Grizzifalcone’s, dann Hubertus’ muthige Befreiung desselben … Daß Frâ Federigo noch lebte, wußte der Erzbischof nicht minder, ja er beschrieb mit genauester Ortskenntniß ein von Bergen umschlossenes enges Thal im Silaswalde, wo jener Flüchtling unter den sogenannten Bluteichen seit vielen Jahren einsiedlerisch lebte … „Bluteichen“ hießen jene uralten Stämme aus den Tagen, wo auch in Calabrien für die evangelische Lehre Blutströme geflossen waren und Scheiterhaufen loderten … Paolo Vigo war infolge einer Bekanntschaft mit Frâ Federigo in seinen Kanzelreden verdächtig und dem Kloster Firmiano zur Correction übergeben worden … Allen diesen Verhältnissen hatte der Erzbischof seine volle Aufmerksamkeit geschenkt, wußte, daß Cosenzas Kirchenfürst vom Guardian zu San-Firmiano Bericht über Bericht über die Umwandlung erhielt, welche mit den unter seine Obhut gegebenen Spielern, Fluchern, Gotteslästerern vor sich gegangen war und dennoch gab er auf die Frage, ob nicht endlich die jetzt so anerkennenswerthen Bewohner des Klosters in ihre Aemter zurückkehren durften, keine entscheidende Antwort …

Bruder Hubertus hatte in San-Giovanni einige Stärkung zu sich genommen … Der alte Franz Bosbeck, der noch im hohen Alter einer ungebrochenen Kraft sich rühmen zu können gehofft hatte, war er nicht mehr … Die lange Kette seiner Lebenserfahrungen war zu drückend und schwer geworden …

Schon war es über zehn Uhr – nach italienischem Zifferblatt die dritte Stunde – seine Klostergenossen mußten schon schlafen – wecken wollte er niemand, da 318 ohnehin die Matutin in den nächsten zwei Stunden sie wach rief … So unterbrach er sein Steigen auf dem schmalen Felsenpfade und setzte sich auf einen verwitterten, mit Moosflechten überzogenen Stein, traurig hinausblickend in die grüne Wildniß, in die stille Mondnacht, in die rauschenden Wasserstürze am Abhang des Felsens – hinaus in jene noch entlegenere Einsamkeit, wo ein deutscher Schwärmer seit länger als zehn Jahren unter Büchern, Schriften und ländlichen Beschäftigungen sich vergraben hatte – …

Alles nächste rundum und in der Ferne war grabesstill – auch San-Giovanni, das zum Handausstrecken vor ihm liegen blieb, ob er gleich um eine Stunde Weges schon von ihm entfernt war … Die Schwester Paolo Vigo’s wiedergesehen zu haben, die Erwähnung des „feurigen Hundes“, der Anblick des Kreuzes über dem Neto – alles das hatte mächtig die alten Erinnerungen seines Lebens geweckt – …

Welche Reihe von Schicksalen konnte er überblicken –! …

Seine Jugend verlebt unter Räubern … Die einsame Mühle eines Diebshehlers … Die Gefangennahme der Picard’schen Bande … Das Hochgericht … Die Meeresfahrt des holländischen Rekruten … Java mit seinen braunen Menschen, Palmen, Löwen, Schlangenbeschwörern … Wieder dann Europa … Deutschland, zur Zeit Napoleon’s – Schloß Neuhof mit seinen grünen Wäldern – Der grimme Wittekind – Hedwig, seine geopferte Liebe … Brigitte von Gülpen’s Betrug – … Die Flucht in ein schützendes Kloster – die 319 Verwilderung der dortigen geistlichen Zucht – sein treuer Beistand durch Abt Henricus – seine Reisen – seine That am melancholischen Bruder Fulgentius, den seine Hand vom Riegel nicht losschnitt, an dem er sich erhängt hatte – die Begegnung mit Hammaker, einem so hochgebildeten Manne, der dennoch ein Mörder werden konnte – mit Klingsohr – mit Lucinden – die Flucht in den blitzgespaltenen Eichbaum – die Flucht nach Italien – die Gefangenschaft auf San-Pietro in Montorio – die Nacht auf Villa Rucca – Pasqualetto’s Tod – dann seine Reise, um den Bischof von Macerata und den Pilger von Loretto zu entdecken – …

Wie führte ihn schon allein die Erwähnung des treuen „Sultan“, welcher durch Paolo Vigo, den Pfarrer von San-Giovanni, ein so trauriges Ende nehmen sollte, so lebhaft in die Tage zurück, wo Italiens Reiz dem „christlichen Schamanen“, wie ihn Klingsohr genannt, die alte Abenteuerlust weckte –! …

Als damals Hubertus, entlassen und abgesandt vom Fürsten Rucca, vom Cardinal Ceccone, von Lucinden und vom frommen Mönch Ambrosi, dem bischöflichen Kapitel von Macerata gerathen hatte, die wunderthätige Madonna zu verbergen, hatte er sich die Bevölkerung der nördlichen Felsenküste des Kirchenstaats zu Bundesgenossen für die Ausführung der Befreiung des Bischofs gemacht … Durch die Volkswuth über die fehlende Madonna geängstigt, lieferten die Anhänger Grizzifalcone’s den Bischof ohne Lösegeld aus … Ueber den Pilger von Loretto jedoch hatte Hubertus vergebens gesucht, irgend etwas in Erfahrung zu bringen … Schon 320 konnte sich Verdacht regen, daß wol gar der gespenstische fremde Mönch, der, ohne sich deutlich ausdrücken zu können bettelnd bald hier bald dort auftauchte, selbst der Mörder des Grizzifalcone sein mochte … Hubertus mied die ausgestellten Wachen der Schmuggler, mied die Gensdarmen, welchen er schwerlich, in Folge der Rucca’schen Drohungen, eine willkommene Erscheinung sein konnte, und quartierte sich auf einer Strecke von zehn Miglien bald an der Küste bei Fischern, Zöllnern ein, bald landeinwärts sich wagend, in Klöstern oder bei einsamen Häuslern …

Vorausgeeilt war er der Kunde, daß Grizzifalcone in Rom von der Hand eines Mönchs gefallen war … Er vernahm sie zuerst im Kreise von zechenden und ihre Beute theilenden Schmugglern … An der Art, wie sie ihre Dolche schwangen und ihm Rache schwuren, erkannte er seine Gefahr … Von den vielen Wohnungen, welche der Räuberhauptmann innezuhaben pflegte, hatte er eine nach der andern durchspäht und nichts konnte er in ihnen von einem Gefangenen entdecken …

Da schloß sich ihm eines Morgens ein Hund an, der, von langer Wegwanderung so hinfällig wie er selbst, ihm zur Seite schlich, anfangs ihm einen unheimlichen Eindruck machte, dem er ausweichen mußte, der aber dann immer mehr sein Mitleid erregte … Mit dem Wenigen, was er selbst noch an Eßwaaren bei sich trug, erquickte er das verhungerte Thier … Der Hund umschnupperte ihn, wie einen alten Bekannten … Auffallend war ihm der stete Trieb des Thiers, zum Meeresstrand zu gelangen … Schon war vorgekommen, 321 daß gegenüber kleinen Eilanden, die vom Felsenufer abgerissen aus dem Meeresspiegel aufragten, sein Begleiter ins Wasser sprang, hinüber zu schwimmen versuchte und vom mächtigen Wogendrang zurückgeworfen, winselnd wieder zu seinen Füßen kroch … Hubertus war ein zu guter Jäger, um sich nicht zu sagen: Dem Thier muß irgend eine große Sehnsucht inne wohnen, der nur die Sprache fehlt …

Jener Felseneilande gab es hie und da größere … Sie schienen bewohnt; wenigstens wurden sie dann und wann, besonders im Abenddunkel, von Nachen umfahren … An einem der schroffsten, zu welchem gewiß eine schützende Bucht gehörte, die sich, da sie dem Meere zulag, dem Auge nur entzog, entdeckte Hubertus die Segel eines schon leidlich großen Schiffes … Das Benehmen des Hundes, das Spitzen seines Ohrs, sein heiseres unterdrücktes Bellen erschien ihm immer auffallender … Schon nahm Hubertus an, das treue Thier hätte wol gar dem Pasqualetto selbst gehört und suchte zu den nächsten Verbündeten des Räubers zurückzukommen …

Seine Erkundigungen machten ihm immer mehr und mehr wahrscheinlich, daß jene wie ein riesiger Felsenzahn aus dem Meer aufragende Klippe die Stelle war, die er suchte … Eine unruhige, über Entschlüsse brütende Nacht verbrachte er auf dem Steingeröll am felsigen Ufer … Hubertus setzte sich der Gefahr aus, vom Anwachsen der Flut verschlungen zu werden … Ueber ihm ragten die starren Häupter der Küste, umflattert von aufgeschreckten Seegeiern … Zuweilen ließen sich oben die Stimmen dort hanthierender Menschen 322 vernehmen … Um Mitternacht tauchten auf dem Wasserspiegel Segel auf … Deutlich sah Hubertus, wie nur immer und immer drüben die eine Klippe gesucht wurde … Schon richtete sein bei Nacht doppelt wachsamer Hund Auge und Ohr mit starrem Verlangen hinüber …

Plötzlich hörte Hubertus in der Nähe des Ufers ein Rauschen … Er erhob sich von seinem Versteck am Fuß des feuchten Felsens, den nur zu bald wieder die herantretende Flut bespülen konnte, hielt dem Hund, um durch sein Bellen nicht verrathen zu werden, fest die Lefzen zusammen und lauschte, ob es wol eine Barke war, was am Kieselsand die Felsenküste entlang so anschlug und vom Wellenschlag mehr geworfen, als getragen wurde …

Vom Seetang, auf welchem Hubertus ruhte, kroch er vor und entdeckte einen Kahn, den ein einziger Ruderer mit größter Anstrengung führte … Ein Moment und Hubertus rief sogleich in seiner humoristischen Zutraulichkeit: Heda, seid Ihr’s denn –? Endlich! Endlich! …

Ja, Tonello! lautete die Antwort … Sind die Kisten herunter? …

Die Kisten herunter –? dachte Hubertus –. Sie lassen oben an Stricken die Schmuggelwaaren herunter, die zu Wasser dann am Ufer entlang weiter geführt werden sollen – … Rasch hatte er seine Kutte ausgezogen, sie wie einen Mantelsack zusammengerollt, auch die Sandalen von den Füßen geschnallt, alles, um nicht auf den ersten Blick als Mönch erkannt zu werden … Ebenso schnell nahm er die volle Sprache eines Holländers an … Da er der Tonello nicht sein konnte, 323 wollte er sich wenigstens für einen mit Tonello im Einvernehmen stehenden fremden Matrosen geben …

Inzwischen war die Barke ganz um den Felsenvorsprung herumgekommen … Ihr Führer war ein junger Bursche … Nicht wenig erstaunte er, hier statt des Tonello einen halbnackten Menschen zu finden, der sich ihm durch unverständliche Reden, aber deutliche Geberden, vorzugsweise durch ein Zeigen bald aufs Meer, bald auf seinen Hals, dem gewiß die Schlinge drohe, als einen Ausreißer von seinem Schiffe zu erkennen gab, der mit den oben vorausgesetzten Helfershelfern im Einvernehmen stand …

Ohne weiteres deutete Hubertus an, der Schiffer möchte ihn ja in seine Barke aufnehmen und auf den Felsen hinüberfahren, wohin schon lange die andern, so sprach mit unwiderstehlicher Beredsamkeit sein Mienenspiel, voraus wären …

Durch sein Fragen bestimmte der Bursche schon immer selbst die Antworten, die Hubertus geben konnte … Und bald war die Barke dem Ufer so nahe, daß sein Hund nur einen Satz brauchte, um hinüberzuspringen … Hubertus folgte, ergriff noch ein zweites Ruder, das am Boden lag, und deutete auf den Felsen, dem zusteuern zu sollen der Bursche unausgesetzt in einer kauderwelschen Sprache von ihm bedeutet wurde; die Genossen hier am Meer gehörten allen Nationen an; vorzugsweise fehlten flüchtige Matrosen von Dalmatiens Küste nicht, deren Sprache vielleicht nach des Knaben Meinung es war, die der halbnackte Mensch mit dem grinsenden Todtengesicht sprach … Hu-324bertus hatte seine Kutte mit seiner weißen Schnur umwickelt …

Je mehr Hubertus durcheinander sprach, desto sichrer wurde der Knabe und noch sichrer mußte ihn das Benehmen des Hundes machen, der mit vorgestreckter Schnauze und aufgereckten Ohren wie auf dem Sprunge stand – keine Muskel rührte, das Auge unverwandt dem Felsen zu gerichtet … Die glückliche Erwartung des Thiers verrieth dann und wann ein leises kurzes Bellen …

Die Fahrt dauerte länger, als sich Hubertus vorgestellt … Das Meer lag durchaus ruhig und doch ging bis zum Landen eine Stunde hin …

Die wunderlichsten Bewegungen, Sprünge und das kurze Bellen des Hundes mehrten sich … Kaum war der Nachen an einem zum Landen geeigneten Vorsprung des Ufers angekommen, so war Hubertus nicht mehr im Stande, dem Knaben Auskunft zu geben; denn sein Hund sprang wie der Blitz aus dem Nachen und im Zanken darüber, im Begehren, den Flüchtling festzuhalten, konnte ihm Hubertus nacheilen ohne damit aufzufallen … Satz über Satz ging es vorwärts, als wäre der Hund auf der Insel zu Hause – … Kaum konnte Hubertus folgen …

Nun mußt’ er wol fürchten, der Hund möchte den Räubern gehören, deren Anwesenheit ihm jetzt aus Tonnen, Waarenballen, großen runden Flaschen, wie sie auf Schiffen gebraucht werden, unzweifelhaft wurde … Erkannte man ihn, so hatte seine letzte Stunde geschlagen …

Alles blieb still … Die Waaren lagen aufgespei-325chert unter den Wölbungen hoher Felsgesteine, verborgen von wildwucherndem Strauchwerk … Manche dieser Wölbungen waren tiefgehende Höhlen … Der hellste Mondschein ließ alles deutlich erkennen … Im Schneckengang wand sich der oft schlüpfrige und unterm Fuß zerbröckelnde Felsenpfad hinauf, bis endlich ein lautes Bellen des Thieres anzeigte, daß seine Anstrengungen belohnt waren … Hubertus folgte und sah, wie der Hund an einem Holzgatter kratzte, das einen mannshohen Felsenspalt verschloß … Offenbar war dieser hinterwärts sich erweiternde Raum eine menschliche Wohnung … Hell schien an einer andern Seite, der See zu, durch einen kleinern Spalt das Licht des Mondes …

Kaum hatte Hubertus, den Hund beschwichtigend, die Pforte des Gitters ergriffen und sie geschlossen gefunden, kaum einige Geräthschaften wie Tische, Sessel unterschieden, so beschien auch vom jenseitigen, zum Meer gehenden Spalt aus der Mond eine auf einem Lager am Boden ausgestreckte menschliche Gestalt …

Die Freude, die Aufregung des Hundes war nicht mehr zu stillen … Hubertus schwebte zwischen Leben und Tod – … Gleichviel ob dort der Pilger, der Gefangene Pasqualetto’s, lag oder ein Angehöriger der Räuber, sein Leben hing an einem Haar … Er packte den Hund und erstickte ihn fast durch Zusammenwürgen der Kehle …

Der Schläfer auf dem Lager erhob sich indessen … Hubertus sah einen Kopf, den ein langer weißer Bart umflutete … Es war nicht möglich, die Gesichtszüge zu erkennen … Die Gestalt erhob sich allmählich … Der 326 Mondstrahl der jenseitigen Felsöffnung beleuchtete sie … Der Mann kam langsam näher und mit einer Hubertus nun bekannten Stimme hörte er auf italienisch: Was ist dein Begehr? – Weißt du nicht, daß der Eingang am andern Gitter ist –? …

Jetzt unterbrach der Gefangene sich schon selbst … Er erkannte den Hund und sank zu diesem nieder … Machtlos streckte er durch das Gitter die Hände nach ihm aus …

Hubertus ließ die Kehle des Thieres jetzt frei und sagte in deutscher Sprache: Mann! Mann! Du bist es! Gott gelobt! Ich komme, dich zu befreien! Erhebe dich! Auf! Auf! Verweilen bringt Gefahr – …

Noch hatte Frâ Federigo, der es war, nicht die Sprache gewonnen; er sah nur auf seinen Hund … Aus Piemont bis hieher war ihm das treue Thier gefolgt … Hubertus konnte nun dem Thier nicht mehr wehren; durch lautes Bellen gab es seine Freude kund … Aber ohne Zweifel gab es auf dem einsamen Felsen Schläfer, die geweckt werden konnten … Auch Federigo erhob sich jetzt von seinem Niederknieen, hielt seine Hände durchs Gitter, zog den sich aufbäumenden Sultan zärtlich an sich und suchte ihn zu beruhigen …

Inzwischen entdeckte Hubertus die Stelle, wo ein Eingang hinter dem Felsen an der Meeresseite lag und wie dieser zu erreichen war … Er entdeckte ein Bret, das von den Räubern aufgelegt und wieder weggenommen werden konnte und das den Zugang zur Höhle bildete … Das Bret stand an die Felsenwand ge-327lehnt und mußte über eine Spalte gelegt werden, unter welcher ein tiefer Abgrund gähnte … Hubertus hatte Mühe, den Hund zurückzuhalten, der schon Miene machte, hinüberzuspringen …

Glücklicherweise schwieg jetzt Sultan und winselte nur vor Begier, über die furchtbare Lücke zu kommen … Hubertus legte das Bret sorgfältig auf und konnte auf eine andere Kante des Felsens gelangen, auf welcher sich bequem bis zu jener dem Meere zu gelegenen Oeffnung gehen ließ, die in halber Manneshöhe den Eingang bildete …

Da fand denn Hubertus seinen Reisegefährten, den Pilger von Loretto … Er fand den greisen, einem Schatten ähnlichen Bewohner dieses grausamen Behälters, eines Nestes für Raubvögel – fand ihn in den Umarmungen seines Thieres, die Augen voll Thränen und sprachlos vor Bewunderung und Freude …

Zu Verständigungen war keine Zeit gegeben … Hubertus, gleichfalls vom Pilger sofort als der Gefährte jenes deutschen Mönches Klingsohr erkannt, drängte zu sofortiger Flucht … Laßt mich hier sterben! sprach Federigo … Doch Hubertus zog ihn an die Oeffnung und deutete auf Stimmen, die am Fuß des Felsens ihm vernehmbar schienen … Es ist die Welle, die brandet! sagte Federigo und tastete schon unwillkürlich nach seinem Pilgerkleide, raffte einige Wäsche zusammen und suchte seinen Stab …

Ich bringe Euch nach Rom! sprach Hubertus. Mich schicken Eure Befreier! Wer weiß, ob diese Bösewichter, wenn ich auch den Kahn gewinne und allein entfliehen 328 wollte, Euch nicht inzwischen an einen andern Ort führen, falls ich auch morgen mit der Küstenwache hier einträfe und Euch abholen wollte … Kommt lieber sogleich! … Ihr habt Recht, nur die Brandung ist’s! … – Wohlan – Gut Heil –! …

Hubertus half dem Greise zusammenraffen, was um ihn her ausgebreitet lag und nur irgend rasch zu erfassen war … Selbst die Decken, auf denen er schlief, bürdete er sich auf; die Papiere, auf die ihn Rucca so ausdrücklich verwiesen hatte, ballte er zusammen … Der Hund hüpfte und tänzelte nur um beide her und schon waren sie zur Oeffnung hinaus, schon schwankte Federigo auf dem schmalen Stege über die grausige Tiefe – schon rafften sie die andern Sachen zusammen, die sie ans Gitter der größeren Oeffnung geworfen hatten, schon schickten sie sich an, in eilendem Schritt den Felsenpfad hinunter zu entfliehen und das Ufer und den Nachen zu gewinnen …

Das kluge Thier, gleichsam als merkte es die Vorsicht, die hier zu üben war, begleitete sein Laufen und Wiederlaufen, sein Springen und Schmeicheln nur mit einem leisen freudigen Winseln … Aber dennoch war es auf dem Eilande lebendig geworden … Federigo hielt inne … Lichter schwankten unterwärts am Gestade auf und nieder, Fackeln leuchteten auf, Laternen … Durch einen Spalt des immer noch schroffen Gesteins sah Hubertus, daß der Knabe den Nachen verlassen hatte und wahrscheinlich zum Lager der Räuber gegangen war und diese geweckt hatte … Vorwärts! Vorwärts! trieb er den Befreiten an … Dieser 329 folgte, sprach aber besorgt den Namen Grizzifalcone’s aus …

Wißt Ihr denn nicht, daß Euer Peiniger todt ist? flüsterte Hubertus …

Er ist todt – seit acht Tagen – wiederholte er dem Staunenden und setzte hinzu: Und ich bin es selbst, der ihn erlegte …

Unglücklicher! rief Federigo voll Entsetzen über diese Tollkühnheit und die mögliche Rache seiner Genossen … Er hielt aufs neue seine Schritte an … Nun aber war schon der Weg zu schroff, als daß sein Fuß sich noch selbst regieren konnte; er mußte vorwärts wider Willen …

Indessen wuchs der Lärm an den Stellen, wo man Licht bemerkt hatte … Nur noch hundert Schritte waren die Fliehenden entfernt vom Nachen; dennoch konnte der kurze Weg den Tod bringen … Die Gefahr wuchs, als Sultan die Herbeieilenden bemerkte, wüthend zu bellen anfing und sich zum Angriff rüstete … Schon sprang er einigen Männern entgegen, die mit Pistolen und Flinten, halbnackt und schlaftrunken, von einem Felsenvorsprung her sich näherten …

Indessen hatte Hubertus den Nachen gewonnen und den ermatteten Federigo mit Gewalt vom Ufer zu sich herübergezogen …

Sultan! Sultan! riefen beide im schaukelnden Kahne, den Hubertus schon losband …

Da blitzte Pulver auf den Feuerröhren der Ankommenden auf, Schüsse fielen, Kugeln sausten … Darüber flog der Nachen vom Ufer …

330 Sultan, der nachsprang und von Federigo’s ausgestreckten beiden Armen nachgezogen werden sollte, sank unter, getroffen von einer Kugel, die seinem Herrn gegolten … Von der unruhigen Brandung geschleudert flog der Nachen machtlos in die Weite … Das treue Thier blieb auf dem Meeresgrund oder in der Gewalt der Verfolger zurück …

Mit einem Schmerz, der sich in lauten Jammertönen kund gab, brach Federigo auf dem Boden des Fahrzeugs zusammen – …

Ja – dieser wunderbaren Nacht mit ihrem Gefolge von Freude und herzzerreißendem Leid mußte jetzt Hubertus gedenken auf dem stillsten Orte der Welt, in diesem einsamen Gebirgsthal Calabriens, ruhend auf einem Stein, um den selbst die Eidechsen und Käfer jetzt schliefen … Bilder des Kampfes, Bilder neuer Gefahren traten vor sein erregtes Gemüth … Eine Ahnung, welche mit dem von Neapel hinweggenommenen Eindruck der Falschheit zusammenhing, sagte dem schlichten Mann, der alles, nur kein Menschenkenner war: Wenn sich Federigo’s ruheloses Leben erneuerte! Wenn der hochbetagte Greis in seinem düstern Waldesdunkel nicht länger sicher bliebe! …

Seit jener Flucht vom Felseneiland bei Ascoli waren fast zwölf Jahre vergangen … Doch traten gerade heute alle Einzelheiten derselben vor die Seele des einsamen, hier wie am Grabe der Natur wachenden Wanderers … Er gedachte, wie damals der erste Schmerz um den Verlust des wie man glauben mußte todten Thieres alles andere überwog – wie die Flüchtlinge da-331mals sich vorstellen mußten, wie oft der brave Sultan gefangen gewesen sein mußte, um ein Jahr zu brauchen, die Spur seines Herrn von Piemont bis zur Mark Ancona wiederzufinden –! … Und am Ziel seines edlen Naturtriebes*) mußte das treue Thier zusammenbrechen – …

Aber Hubertus gedachte nun auch, wie damals mit dem anbrechenden Tage die Sorge wuchs und ihre Kräfte nicht mehr ausreichten, den Nachen zu regieren – wie der Nachen ans Ufer getrieben wurde und die Landung neue Gefahren brachte, da Federigo dem Vorschlag, sich den Grenzbeamten zu überliefern und nach Rom zu fliehen, aufs allerentschiedenste widersprach, immer und immer als das Ziel seiner vor dreiviertel Jahren unterbrochenen Pilgerschaft nach Loretto, das er sich nur der Merkwürdigkeit und des allgemeinen Pilgerstromes wegen hatte ansehen wollen, nur den Silaswald in Calabrien bezeichnete … Wie erbebte noch jetzt des guten Bruders Theilnahme unter der Erinnerung an die seltsamen Gründe, welche für diese Reise damals Federigo angab und Hubertus wol schwerlich sämmtlich erfahren hatte – …

Die von Ceccone geleiteten Fäden der Verlockung der Bandiera in einen Aufstand der Räuber hatten ebenso in Federigo’s Händen gelegen, wie die jener Mittel, durch welche sich Grizzifalcone die Erkenntlichkeit des Fürsten Rucca erwerben wollte … Jene Listen, welche er dem Räuber hatte schreiben müssen, besaß er – er warf sie zu Hubertus’ Erstaunen zer-332rissen ins Meer … Lebhafter war Federigo’s Drang, die Insurgenten in Korfu zu warnen … Federigo hoffte irgendwo eine Post anzutreffen, um einen Brief nach Korfu an die ihm wohlbekannten Adressen der Emigration zu schicken … Dies that er dann auch … Um die Landung in Porto d’Ascoli zu hintertreiben, um vor den Namen zu warnen, die bisher nach Korfu gleichsam als Einverstandene und zur Invasion Ermunternde geschrieben hatten, ergriff er die erste Gelegenheit, um einige Zeilen aufzusetzen … Hubertus erfuhr, daß der Gefangene in jener Höhle Briefe, deren Zusammenhang und Bestimmung er nicht kannte, anfangs harmlos geschrieben … Als er die Absichten ahnte, die ihm die unheimlichsten schienen, zwangen ihm nur noch die furchtbarsten Qualen und Drohungen der von Cardinal Ceccone gedungenen Räuber die Feder in die Hand – …

Eine Folge der, des unsichern Postganges wegen, mehrfach aufgesetzten, aber in Korfu richtig angekommenen Briefe war dann die Landung der Bandiera in Calabrien … In jenem Briefe Attilio’s, von welchem damals in Bertinazzi’s Loge sich Benno so mächtig hatte aufregen lassen, waren diese Mittheilungen Federigo’s sämmtlich wiedergegeben worden …

Langsam kamen der Gerettete und Hubertus, welcher sich von seinem neuen Freunde nicht zu trennen vermochte, durch die Abhänge des Monte Sasso und durch die Abruzzen … Endlich erreichten sie jenen alten Wald, in welchem Federigo seine Tage beschließen wollte … Die religiösen Gespräche des Pilgers, seine genaue Bekanntschaft mit jenem deutschen Landstrich, wo Hubertus soviel 333 Freude und Leid erfahren, des Pilgers Bekanntschaft mit soviel Personen, die in die schmerzlichsten Schicksale seines Lebens verwickelt waren, fesselten ihn in dem Grade an den deutschen greisen Sonderling, daß er sich nicht mehr von ihm trennen mochte … Durch ihn ließ er dann an Lucinden nach Rom schreiben, bat sie, seinen Aufenthalt vorläufig noch dem Cardinal und dem Fürsten Rucca zu verschweigen, fügte hinzu, sie möchte ihm insgeheim von seinem General die Erlaubniß erwirken, in San-Firmiano, einem Franciscanerkloster, bleiben zu dürfen, das glücklicherweise in der Nähe des Ortes lag, wo sich Federigo seine Hütte gebaut … Sein früherer Pflegling, Pater Sebastus, war genesen und hatte eine seinen Wünschen entsprechende Stellung gefunden … Lucinde vermittelte alles, was er wünschte und seine Bitte wurde gewährt …

Durch eine wunderbare Fügung des Zufalls traf es sich auch, daß gerade dies plötzliche Verschlagenwerden nach dem Süden Italiens zugleich die Anknüpfungen an eine so lange von Hubertus verfolgte Absicht bot, sein von Brigitte von Gülpen ererbtes Vermögen dem verhaßten Kloster Himmelpfort zu entziehen und zweien Personen zuzuwenden, die ihm seine von Gott ihm auf die Seele gebundenen Kinder schienen, da sie einst in seinen Armen gerettet blieben bei jenem verzweifelten Sprunge aus der Höhe eines brennenden Hauses in Holland …

Einer derselben hatte seine Güte nicht verdient … Und doch hatte wiederum Jân Picard, damals Dionysius Schneid genannt, aus dem Brand von Westerhof von ihm gerettet werden müssen … Anderthalb Jahre war es da-334mals her, daß Löb Seligmann am Eingang zur Kirche des Klosters Himmelpfort jenes furchtbare Krachen gehört und im Todtengewölbe Licht gesehen hatte … Damals benutzte Hubertus die gerade noch im Bau begriffene Begräbnißstätte des Kronsyndikus, um den muthmaßlichen Brandstifter im Todtengewölbe der Kirche zu verbergen … Die mächtige Marmorplatte, auf welche Namen und Würden des Geschiedenen gemeißelt werden sollten, ließ er oberhalb der Grube niederfallen, in die sein damals noch unwiderstehlicher Arm den Verwundeten über die hinunterführende Leiter trug … Für einige Augenblicke machte er dann Licht und bereitete unter den Särgen dem Kranken ein Lager … Seine Drohungen mußte Jân Picard aus einem so entschlossenen Munde für Ernst nehmen … Drei Tage und drei Nächte verpflegte ihn Hubertus, ohne in den Verstockten dringen, ganz seine auf Westerhof vollführte That erforschen zu können … Sein Interesse für Terschka, seine Sorge für den auf seiner Zelle und unter des Pater Maurus’ Zucht verzweifelnden Klingsohr bestimmten ihn, diese Last sich je eher je lieber abzuschütteln … Lucinden hatte er das Wort gegeben, ihn nicht zu verrathen … Zugleich vertraute er dem Ton der Verstellung, die von einer dumpfen Bigotterie, die in Picard lebte, unterstützt wurde, nahm von ihm das Gelöbniß der Besserung entgegen, ließ den gegen religiöse Eindrücke nicht Verschlossenen bei einem der auf den Gräbern angebrachten Kreuze schwören und vertraute dem Versprechen, daß der Zögling der Galeeren nach Amerika auswandern und dort mit Hülfe 335 der großen Summe, die er ihm für diesen Fall bestimmt hatte, ein neues Leben beginnen wolle … Diese Summe, vor kurzem erst erhoben, trug Hubertus in Papieren bei sich … Die Ueberraschung und Geldgier des Räubers nahm die Form einer Dankbarkeit an, die aufrichtig schien … Picard vermaß sich hoch und theuer, an den Ufern irgend eines der Ströme Amerikas Grundbesitz kaufen und sein Leben hinfort nur noch der Reue und Arbeit widmen zu wollen … Nach einigen Tagen, während ihn Hubertus unter den Särgen verpflegt hatte, brachte er ihn mit größter Behutsamkeit auf den Weg nach Bremen …

Picard ging, wie wir wissen, über London und gerieth unter seine gewohnte Gesellschaft … Er verthat die für England nicht zu große Summe in kurzer Zeit … Ohne Mittel, fiel er in seine frühern Gewohnheiten zurück … Die französische Sprache, deren er mächtig war, die anfänglich ihm so reich zu Gebote stehenden Summen hatten ihn in Verbindungen gebracht, die weit über die Sphäre gingen, auf welche seine rohe Bildung angewiesen war … So war es möglich geworden, daß er Terschka begegnete, den er von Westerhof kannte … Ohne sich ihm als Dionysius Schneid zu erkennen zu geben – seine kunstreichen Perücken sind uns vom Finkenhof her bekannt – knüpfte er an die ihm von Hubertus ausgesprochenen Vermuthungen über Terschka’s Person an, erinnerte an ihre gemeinschaftlich bei einem Müller, später bei einem Scharfrichter verlebte Jugendzeit und hatte, da sich Terschka, trotz der lockenden Aufforderung, die sein Jugendgespiele an ihn richtete, er 336 sollte sich getrost die auch ihm bestimmte Summe vom alten Jugendkameraden, Franz Bosbeck, dem jetzigen närrischen Mönch Hubertus kommen lassen, befremdet und höchst entrüstet zeigte und diese Reden zurückwies, die Frechheit, Terschka’s Rock- und Hemdärmel aufzureißen und ihm das holländische Brandmal der Verbrecher auf seinem Arm zu zeigen … Terschka, nun zum Schweigen verurtheilt, kämpfte mit sich, was er thun sollte … Hubertus war nach Italien gegangen; eine Correspondenz mit dem in Rom auf San-Pietro in Montorio Verweilenden war nicht möglich, ohne sein Geheimniß noch mehr zu compromittiren; – die große Summe reizte ihn aber – für ihn bestimmt war sie in Witoborn niedergelegt … Terschka mußte sie zu bekommen suchen …

Einstweilen suchte sich Terschka Picard’s selbst zu entledigen … Die Reihen der Emigrationen waren von je gemischt … Mit dem Schein des politischen Flüchtlings umgibt sich der betrügerische und flüchtige Bankrottirer, der Spion, der falsche Spieler … Unter den verbannten Karlisten und Sicilianern gab es Charaktere, für deren erste Lebensanfänge niemand gutsagen konnte … Nicht nur Ceccone’s Intrigue, die Intrigue der meisten Regierungen ging in England dahin, irgendwie in das innere Getriebe der Conspirationen einzutreten. Zu Horchern und Provocatoren geben sich dann reine Charaktere nicht her – so mußten sich den oft phantastischen und der Welt unkundigen Edelgesinnten Betrüger zugesellen … Das große Weltgewühl erschwert die gegenseitigen Prüfungen … Picard, der seit Jahren schon verschiedene Namen geführt und in den 337 abwechselndsten Lagen gelebt hatte, schloß sich den für Malta und Korfu geworbenen entschlossenen Revolutionären an … Boccheciampo, ein ehemaliger sicilianischer Bravo, ging wie jeder andere Flüchtling unter einer Mehrzahl unbescholtener und den reinsten Ueberzeugungen lebender Männer … Diesem schloß sich Picard an … Mit goldenen Ringen, Uhrketten überladen, nannte er sich einen Belgier van der Meulen … Boccheciampo leitete jene Intrigue des Cardinals Ceccone, der zufolge mit den römischen Invasionen der Flüchtlinge, um sie zu compromittiren, die Räuberelemente der Mark Ancona und der Abruzzen verbunden werden sollten … Van der Meulen reiste mit Boccheciampo über Gibraltar und Malta nach Korfu … Hier musterten die Bandiera ihr Fähnlein und beurtheilten es im besten Vertrauen auf die Bürgschaft der londoner Absender … Schon sollte ein von ihnen gemiethetes und commandirtes Schiff nach Porto d’Ascoli in See stechen, als die Briefe des von Hubertus befreiten Federigo ankamen und die Insurgenten vor einer ihnen gelegten Falle warnten … So spielte sich der Schauplatz der demnach schon im Keim hoffnungslosen Unternehmung auf eine andere Stelle Italiens, wo eine gleichzeitige Erhebung Siciliens in Aussicht gestellt wurde …

Hier offenbarten sich die schlechten Elemente, die sich unter den Insurgenten befanden*) … Mit der dreifarbigen Fahne marschirten die Verschworenen, die in 338 Punta d’Allice landeten, über Rossano auf Salerno zu, wo gleichfalls eine Erhebung angesagt war … Aber im Gegentheil; vorbereitet fand man überall nur den Widerstand; sämmtliche Bürgergarden waren einberufen … Wuchs auch der Haufen der Insurgenten von Ort zu Ort, so konnte er doch die erste Begegnung mit regulären Truppen nicht aushalten … Die Trümmer des zersprengten Corps suchten Schutz auf dem hohen Kamm der Apenninen …

Hier irrten sie bis auf die höchsten Gipfel und bis da hinauf, wo im schmelzenden Schnee die Ströme des Neto, Leso, Arvo ihren Ursprung nehmen … Hubertus erfuhr im Kloster, daß die Bandiera mit zwanzig ihrer Angehörigen in jene Schlucht gedrungen waren, wo unter den Bluteichen Frâ Federigo seine Hütte erbaut hatte … Unruhig, ob sich die Nachricht bestätigte, daß von Spezzano aus eine Militärcolonne in den Wald rücken sollte, verließ Hubertus sein Kloster, ging die Windungen des Neto entlang und begegnete zweien zerlumpten, Banditen ähnlichen Männern, die in Eile daherlaufend und sich scheu umblickend ihn anriefen: Sind in San-Giovanni Soldaten? … Kaum waren sie so nahe, um unter seine Kapuze zu blicken, so wandte sich der eine … Die Stimme, die Hubertus gehört, schien ihm bekannt; der flüchtige Blick hatte ihm eine selbst in solcher Verwilderung erkennbare Physiognomie ins Gedächtniß gerufen … Das ist ja Picard! sagte er sich mit dem höchsten Erstaunen und beflügelte seine Schritte, die Flüchtigen einzuholen … Je lebhafter sie von ihm verfolgt wurden, desto schneller eilten sie vorwärts … 339 Bei San-Giovanni machten sie einen Umweg und schlichen unterwärts durch die Kornfelder … Hubertus folgte rastlos; zumal da er sah, wie sie sich furchtsam die Mauern entlang drückten und den Schutz der Gärten suchten … Es ist Picard! wiederholte er sich. Picard, den ich in Amerika glaubte! Picard, der die Kraft meines Armes fürchtet! …

Der Ideenkreis unsres guten Hubertus war klein – aber klar trat ihm Picard’s Theilnahme an jener von Porto d’Ascoli aus irregeleiteten Unternehmung vors Auge … Eine Gefahr, sowol für die ihm durch Federigo’s Mittheilung bemitleidenswerth gewordenen Brüder Bandiera, wie für Federigo, welcher die der deutschen Sprache Kundigen vielleicht gastlich aufgenommen – stand lebhaft vor seinen Augen … Ahnend, daß die Flüchtlinge trotz der Soldaten ausdrücklich Spezzano suchten, schnitt er ihnen bei seiner schon gewonnenen Terrainkenntniß den Weg ab …

Inzwischen kletterten die Flüchtlinge aus der Tiefe, die keinen Weg mehr bot, zur obersten Saumthierstraße empor … Hier erwartete sie jedoch schon der schreckhafte Mönch, ein Knochenskelett … Hubertus trat ihnen muthig entgegen … Picard! rief er, noch zweifelnd; aber Picard war es, er erkannte den Räuber … Zurückbebend sagte dieser, und zum Tod erschrocken, in deutscher Sprache: Jesus Maria! Seid Ihr es, Bosbeck? Ich glaubte Euch in Rom! Dort wollt’ ich Euch aufsuchen! Steht uns bei! Wir müssen nach Spezzano … Sind Soldaten in Spezzano? unterbrach der andere auf italienisch … Picard fuhr fort: Ist alles vorüber, Alter 340 so erzähl’ ich Euch, wie schlecht es mir am Ohio gegangen … Und wieder rief mit wildem Ungestüm der andere: Sagt rasch, rasch, rasch; sind Soldaten in Spezzano? …

Was wollt ihr mit Soldaten? antwortete Hubertus, der wohl begriff, daß des Italieners Worte nach Soldaten ein Verlangen nach ihnen und keine Besorgniß ausdrückte … Sie werden euch fangen –! setzte er forschend hinzu. Gewiß seid ihr von der Bandiera-Bande aus Korfu …

Das mag recht sein! erwiderte der andere – es war Boccheciampo … Aber nur schnell! Schnell! Führt uns auf dem kürzesten Wege nach Spezzano! …

Aus Dem, was die athemlosen und erschöpften Männer sonst noch vorbrachten, ersah Hubertus, daß sich beide von den übrigen Flüchtlingen getrennt hatten, sich mit den ausgestellten Posten der bewaffneten Macht in Verbindung zu setzen hofften und ohne Zweifel einen Zug anzeigen wollten, welchen, wie er erfuhr, der Rest der Insurrection von den Bluteichen aus diese Nacht über den Kamm der Montagne delle Porcine hinweg unternehmen wollte, um den Meerbusen von Squillace und von dort die See zu gewinnen … In San-Giovanni di Fiore, hörte er, würde dieser Zug um Mitternacht ankommen und leicht von den Truppen aufgehoben werden können, wenn diese ihm nicht sofort bis zu den Bluteichen entgegengehen wollten … Hubertus sah die verrätherische Absicht …

Diesen Zug wollt ihr angeben? fragte er und hielt schon Picard’s Arm fest …

341 Picard kannte die Stärke des Mönchs und erblaßte nicht wenig über die funkelnden Augen, deren unheimliche, einer Kraftentfaltung vorausblitzende Macht er aus seinen Jugenderinnerungen heute zum zweiten mal wieder erkennen sollte …

Mit dem Narren in die Hölle! rief Boccheciampo, Hubertus’ Gesinnung ahnend, zog ein Pistol und ergriff zu gleicher Zeit Picard’s Arm, um seinen Gefährten zu befreien und ihn sich nachzuziehen …

Einen Augenblick fuhr Hubertus vor dem Pistol zurück, sah auch, mit einem zuckenden Blitz des Auges, daß Picard mit der Linken ein blankes Messer aus seinen Lumpen zog … Doch schon hatte den wilden Mönch der Anblick zweier Bösewichter, die, um den Preis ihrer eigenen Freiheit, andere ins sichere Verderben ziehen wollten, zur Wuth entflammt … Seine Hand drückte Picard’s Arm so mächtig, daß dieser aufschrie und seinen Arm für gebrochen erklärte …

Hubertus suchte am Felsen seinen Rücken zu decken, ohne dabei Picard’s rechten Arm loszulassen …

Laßt mich! schrie dieser, drängte vorwärts und drohte mit seinem blitzenden Messer in der Linken … Wie ein dem Ertrinken Naher, mit der ganzen fieberhaften Kraft, deren selbst die Feigheit fähig ist, wenn sie sich vor äußerster Gefahr zu retten sucht, suchte sich Picard loszuwinden und dem Italiener zu folgen, dessen Pistol sich jetzt zur Mehrung seiner Wuth als nicht geladen erwies …

Nun mußte Hubertus auch Boccheciampo abwehren … Alle drei rangen … Hubertus gegen zwei … 342 Immer näher kam der wilde Knäul dem jähen Abgrund des Felsenweges … Mit verzweifelnder Anstrengung wollten sich die Ringenden der andern Seite zuwenden, wo die Felswand wieder höher emporstieg … Da riß sich mit einer höhnischen Lache Boccheciampo plötzlich aus dem Knäul los, stürzte die andern vom Rand des Weges in die Tiefe und entfloh …

Mit einem gellenden Schrei suchte Picard sich im Fall zu halten – Vergebens; die beiden Sinkenden glitten tiefer und tiefer … Unten rauschte die wilde Flut des Neto … Hubertus hielt sich an einer hervorragenden Strauchwurzel – ein Moment – und er hörte, daß Picard, der die Besinnung verloren hatte, unaufhaltsam in die zuletzt nur noch schroff sich absenkende Tiefe stürzte …

Eine Besinnung, eine Entschlußnahme war anfangs auch für Hubertus nicht möglich … Eine Viertelstunde verging, bis er so viel Kraft gesammelt hatte, um sich wieder auf die Straße hinaufzuarbeiten … Da hörte er in der Ferne Schüsse … Als er auf die Straße kam, hatte sie ein Piket Soldaten besetzt und hielt Boccheciampo gefangen … Auch den Mönch nahm man mit und ließ ihn streng bewachen …

In der Nacht krönte sich Boccheciampo’s Verrath … Aus dem Thurm zu San-Giovanni, in welchen Hubertus, ohne die Flüchtlinge warnen zu können, gefangen gesetzt wurde, vernahm er, wie oberhalb Firmiano’s, wo ein einsamer, unbekannter Waldweg über den höchsten Gebirgskamm führt, ein kurzer verzweifelter Kampf der kleinen Schaar stattfand, die auf ihrem Wege gekreuzt 343 und zuletzt gefangen genommen wurde … Boccheciampo hatte den Soldaten die richtige Anzeige ihres nächtlichen Zugs gemacht … Man führte die Verlorenen nach Cosenza – …

Auch Frâ Hubertus wurde später dorthin abgeführt … Der Erzbischof nahm sich des Klerikers an, berichtete an den General der Franciscaner nach Rom und wieder kam die Weisung, den Worten des Bruders Hubertus vollen Glauben zu schenken und ihm jede Nachsicht zu gewähren … Die Nachforschung nach dem verunglückten Gefährten des mit Pension nach Stromboli geschickten Boccheciampo gerieth ins Stocken … Einige Wochen nach Hinrichtung der Bandiera, kam Hubertus auf freien Fuß …

Wie Hubertus erst heute wieder jene Stelle des Ringkampfs gesehen, wie er jetzt zu jenem Felsenpfade über sich emporblickte, der damals ein Todespfad für zwanzig Menschen geworden war, brachte ihm die bange Stimmung seines Gemüths in voller Gegenwärtigkeit auch den Augenblick zurück, wo er damals, nach Entlassung aus seiner Haft in Cosenza, von jenem Kreuze aus, das er am verhängnißvollen Orte vom Sindico zu San-Giovanni auf Befehl der Regierung errichtet fand, ein Wagstück vollführte, welches allen, die davon erfuhren, unglaublich erschien …

Mit Stricken, Hacke und Beil stieg der Tollkühne am schroffen Felsabhang nieder und suchte dem Opfer beizukommen, das dort unten noch im feuchten Schose des an jener Stelle von Menschenfuß noch nicht berührten Neto ruhte …

344 Im Ringen hatte Hubertus bemerkt, daß Picard unter seinen zerlumpten Kleidern ein Portefeuille trug, auch Geld und Geldeswerth bei sich hatte … An letzterm lag ihm nichts; im erstern aber fand er vielleicht Aufklärungen über die ihn wahrhaft empörende und mit höchstem Zorn erfüllende Täuschung, der er sich hingegeben vor noch nicht zwei Jahren, als er glaubte, Picard wäre nach Amerika gegangen … Nur eine so von frühster Jugend gehärtete, an jede Lebensgefahr gewöhnte Natur, wie die seinige, konnte die Schwierigkeit dieser Unternehmung überwinden … Hundertmal glitt sein halbnackter Fuß am zuletzt völlig senkrechten, glücklicherweise strauchbewachsenen Abhang aus … Nichts hielt dann die Wucht des Körpers, als ein Zweig, eine Wurzel, welche die schon blutig zerrissene Hand unterstützte … Wo ein hervorragender Stein oder ein Ast kräftig genug schien, befestigte der Muthige mitgenommene Stricke, die den Rückweg erleichtern sollten, falls sich aus der Tiefe der Schlucht selbst kein anderer Ausweg bot … Ganz allein, und ohne irgend einen Zeugen sich an diese muthige Unternehmung wagend, kam Hubertus, blutend an Armen und Füßen, endlich bei den an dieser Stelle gehemmten, in einem Kessel wildtobenden Fall des Neto an …

Hoch spritzte der Schaum des von zerrissenen Felsblöcken zurückgeworfenen Gewässers auf – weitab nur vom Rande des Strombetts ließ sich an den Büschen mühsam weiterklettern … Die Kohlenaugen des alten Jägers spähten rundum … Hubertus fand, daß der Wildbach irgendwo ein Hemmniß hatte … Von Weißdorn-345büschen wildüberwuchert zeigte sich ein Vorsprung, um den das schäumende Gewässer sich herumzwängen mußte …

Endlich fand sich – unter den Büschen das Schreckbild einer zerschmetterten und verwesten Leiche … Der Kopf war schon unkenntlich, aber die andern Glieder hatten sich noch unzerstört erhalten – die kühle Wasserluft verzögerte die Auflösung …

Eine Weile währte es, bis Hubertus es wagte näher zu treten und den vollen Anblick des Schreckens dauernd zu ertragen … Ein Dolch, den er nach Landessitte in seiner Kutte trug, schnitt die Kleider der Leiche auseinander … In den Taschen lag noch Geld, eine Uhr; die Brieftasche war nicht zu finden … Hubertus durchsuchte den ganzen Körper …

Das Portefeuille war verschwunden … Ohne Zweifel war es beim Sturze aus der Tasche geglitten … Aber auf dem steinigen Grund der krystallenen Woge blinkte Gold auf …

Hubertus blickte weiter um sich … Da lagen auch Blätter Papier, eingeklemmt in die spitzen Steine … Die nassen Blätter gingen beim Aufnehmen auseinander … Hubertus sah, daß es Bruchstücke waren, die einem Paß oder einem ähnlichen Document angehörten … Wieder suchte er mit spähendem Auge. Es fanden sich, jetzt auch am Ufer, einzelne zerstreute Blätter … Vom Regen und vom Schaum des Neto waren sie so aufgeweicht, daß sie schon beim Aufnehmen unter der Hand auseinandergingen … Dennoch nahm er alles vorsichtig an sich und wickelte es zum Trocknen in sein Taschentuch …

346 Nach langem Suchen dann nichts mehr findend, nahm er einige wild durcheinanderliegende Steine, bildete in Manneslänge in der Erde eine Höhlung, warf in sie die Reste des verwesten Körpers und bedeckte alles mit den Steinen und buschigen Weißdornzweigen, die er mit dem Dolch abschnitt … Uhr und Geld nahm er in sein Bündel noch hinzu, sprach einen kurzen Segen und machte sich auf den Heimweg, dessen noch gesteigerte Schwierigkeiten die Gewandtheit seines Körpers überwand …

Von jener Brieftasche fand sich nichts mehr – er durfte sich sagen, daß die Papierreste, die er gefunden, hinreichten, um einem so kleinen Behälter schon einen ansehnlichen Umfang zu geben … Das Geld floß dem nächsten Opferstock an der Kirche von San-Giovanni zu; die Uhr und die Papiere wurden bei passender Gelegenheit für einen Besuch bei Federigo aufgespart … Sie zu lesen verhinderten – natürliche Schwierigkeiten …

Nicht zu oft durfte es Hubertus wagen, die Bluteichen zu besuchen … Nur dann ging er, wenn ihn zu mächtig die Sorge für den immer mehr verwitternden Greis ergriff – nach einem stürmischen Wetter, nach einem Briefe, deren zuweilen welche für Federigo – dann waren sie eingelegt an Hubertus – beim Guardian einliefen; diese kamen von Rom und waren, wie Hubertus gelegentlich bemerkte, in seltsamen Chiffern geschrieben …

Als den Mönch eines Tages wieder die Hütte seines Freundes mit seinem, dem Leichnam abgenommenen Funde beherbergte, betrachtete dieser die Uhr mit äußerstem Erstaunen … Der Eremit erkannte sie für die seinige 347 … Nicht daß sie ihm jetzt geraubt war, sie hatte ihm vor vielen Jahren gehört … Daß Picard sie aus dem Grabe des alten Mevissen gestohlen, konnte durch die Mittheilungen des Mönches theilweise errathen werden – Hubertus wußte, daß Picard auf dem Friedhof eines deutschen Dorfes ein Grab erbrochen hatte … War es das des alten Mevissen –? dachte Federigo. Welche Verwickelungen konnten dann entstanden sein, falls sein Vertrauter an solchen Erinnerungen noch mehr in die Grube mit sich genommen hatte! – … Mit einer Aufregung, die Hubertus an seinem Freunde sonst nicht gewohnt war, durchflog dieser die Papierreste, die sich in Picard’s Nähe gefunden hatten … Ihr Inhalt schien ihn allmählich zu beruhigen …

Aus einigen Brieffragmenten ergab sich aber eine Beziehung Picard’s zu Terschka … Sie hatten sich, das ersah man deutlich, in London gekannt … Die Briefe waren vorsichtig abgefaßt und enthielten sogar besonnene Mahnungen, manche Ablehnung der Picard’schen Zudringlichkeit – Terschka’s Ton war hier in hohem Grade vertrauenerweckend – …

Die nunmehrige Entdeckung der Thatsache, daß sich Hubertus damals auf Schloß Westerhof in Terschka’s Person nicht geirrt hatte, nahm ihn trotz Terschka’s damals so schroffer Ablehnung für ihn ein … Die Klage Terschka’s über seine eigene hülflose Lage, auch die zufälligerweise in diesen Briefen von ihm ausgesprochene Reue über seine schnöde Behandlung des „guten Franz Bosbeck“, der ihm so wohlgesinnt gewesen, alles das konnte Hubertus nicht hören, ohne an sein noch 348 in Witoborn bei einem Advocaten stehendes Geld zu denken … Auch Federigo kannte von Castellungo her den Lebenslauf Terschka’s, kannte seinen Uebertritt zu einer Confession, die an Federigo und den Waldensern der nur in jüngeren Jahren fanatisch katholische Mönch zu achten gelernt hatte, und rieth dazu, diesen Wink des Schicksals zu beachten … Wenn Hubertus doch einmal sein Vermögen dem Kloster Himmelpfort entziehen wollte – und nach seinem Tode würde Pater Maurus in Himmelpfort sich schon zu Gunsten seiner Ansprüche regen und geltend machen, daß Hubertus nur als ein auf Urlaub befindlicher Mönch seiner Provinz betrachtet werden konnte – so sollte er sich eilen, dem Erben, den er sich nun einmal gewählt und der hoffentlich besser damit verfahren würde, als Jân Picard, seine, wie man sähe, dringend ersehnte Hoffnung nicht zu entziehen – Die Partheilichkeit, die Gräfin Erdmuthe für Terschka von jeher gezeigt, hatte sich auch dem Einsiedler mitgetheilt …

Durch ihn, als Schreibkundigen, zugleich durch den wohlgesinnten Guardian des Klosters Firmiano, leitete Hubertus eine Verhandlung mit den Gerichten im fernen Witoborn ein, der zufolge Terschka die Summe, die er diesem gleich anfangs bestimmt hatte, richtig in London ausgezahlt erhielt … Es währte ein Jahr, bis diese Procedur zu Stande kam … Terschka’s Dankesbriefe hoben nicht wenig das Gefühl des alten Mannes, der sich einer guten That bewußt war und oft mit Schmerz von seinem Schicksal sprach, das ihn gerade über die, denen er Gutes erweisen wollte, zum willenlosen und wie von Gott bestimmten Richter machte …

349 Die Räthsel, die den deutschen Pilger umgaben, hatten sich für Hubertus nur theilweise gelüftet … Bald nach dem Vorfall mit jener Uhr, einem Zusammentreffen, das Federigo am wenigsten aufklären mochte, kam das Ende des treuen Sultan, der, von seiner Wunde geheilt und einen Augenblick die Freiheit nutzend, seinem Herrn wieder bis auf mehr als funfzig Meilen gefolgt war und am Ziel seiner Sehnsucht durch den Pfarrer von San-Giovanni so misverständlich sein Ende finden mußte*)

Lebhafter denn je gedachte Hubertus heute der Folgen, welche damals eine an sich so entschuldigte That des edlen Paolo Vigo nach sich zog … Er gedachte seiner Klagen damals, als sein zufälliger Ausgang aus dem Kloster, um zu terminiren, ihn nach San-Gio führte, ein Volkshaufe um den verendenden Hund stand, er ihn erkannte, ins Kloster trug, ganz so, wie zuweilen Sanct-Philippo Neri, mit dem ihn Klingsohr so oft verglichen, abgebildet wird … Paolo Vigo erfuhr die Geschichte des Hundes, war davon aufs tiefste ergriffen und besuchte den Eremiten unter den Bluteichen, gleichsam um seine rasche That zu entschuldigen … So knüpfte sich zuletzt eine Freundschaft, die auch ihn ins Strafkloster Firmiano brachte …

Hier aber zeigte sich die gute Wirkung solcher Nachbarschaft … Jähzorn, Völlerei, alle Leidenschaften, von denen das Amt des Priesters geschändet wird, fingen dort allmählich zu verschwinden an … Nicht 350 genug konnte der Guardian, ein milder gutgesinnter Mann, nach Cosenza rühmen, wie sich seine Pfleglinge gebessert hätten … Schickte man aber eben deshalb schon seit lange niemanden mehr her? … Nahm man eben deshalb niemanden mehr fort? … Es war, als wenn dies stille Waldkloster in der Welt vergessen war … Hatte Hubertus Recht gethan, so ausdrücklich die Jesuiten an die Existenz desselben zu erinnern? …

Gerade Diesem vorzugsweise nachdenkend, hörte Hubertus jetzt die Uhr des Klosters die vierte, d. i. die elfte Stunde schlagen und machte sich, von Unruhe getrieben, noch früher auf den Weg, als er anfangs beabsichtigt hatte … Ueber die Höhen wehte ein frischer Nachtwind … Noch eine halbe Stunde brauchte er, bis er am Klosterthor die Glocke zog …

Hier sollte ihn aber dann sogleich ein glücklicher Zufall begrüßen … Es war Paolo Vigo selbst, der heute den Pförtnerdienst verrichtete … Eine edle Gestalt voll ernster Würde, mager, abgezehrt, begrüßte ihn … Der Pförtner trat Hubertus mit dem frohesten Willkommen entgegen …

Hubertus sah ihn voll Erstaunen, band sich seine beim Steigen losgegangene Kuttenschnur fester und sprach:

Das muß ja dem Guardian ein Traum eingegeben haben, Euch gerade heute an die Thür zu stellen! Ihr seid noch wach? Ich bitte Euch, bleibt es ja! … Weckt unsere Schlafsäcke die Matutin, so laßt Euch nur vom Guardian auf der Stelle Urlaub geben – …

Nicht wahr? Um unsern Vater aufzusuchen –? … fiel Paolo Vigo mit lebhaftester Erregung ein … Ich 351 konnte mir doch denken, daß Ihr gerade zum zwanzigsten August wieder zurücksein würdet …

Zum zwanzigsten August –? … Verderbt mir den Willkomm nicht! entgegnete erschreckend Bruder Hubertus … Bei Sanct-Hubert! Wo hatt’ ich meinen Kalender! … Haben wir heute den heiligen Rupert und bei Witoborn die ersten Schnepfen – –! Und ich – ich – Esel –! …

Morgen ist doch Sanct-Bernhard! bestätigte Paolo Vigo. Wißt ihr das nicht –? … Ich stehe wie ein Soldat auf Schildwacht und bitte Gott, mir eine gute Ablösung zu geben … Ihr seid voll guter Anschläge, Bruder; sagt, wie fang’ ich es an, sofort zu den Bluteichen zu kommen! … Drei Nächte hatt’ ich denselben Traum und keinen guten mein’ ich … Ich hörte an meiner Zelle kratzen, wie von einem Hunde, der herein wollte … Ich sah im Geist den guten Sultan vor mir … Oeffnete ich dann, so fand ich nichts – … Dreimal das hintereinander! – Ich glaube an solche Dinge nicht – aber ich meine doch – Federigo ist krank oder es geschieht ihm sonst nichts Gutes – …

Der heilige Bernhard ist morgen –! sprach Hubertus dumpf und vor sich hinsinnend, immer besorgter und im Ton des härtesten Vorwurfs gegen sich selbst … Leb’ ich so in den Tag hinein! … Ihr träumtet vom Sultan? Und ich träume schon seit Neapel von nichts, als von Wölfen, die an den Bluteichen eine Lämmerheerde fressen … Wißt Ihr hier denn auch nicht, warum unser San-Giovanni drüben so voll Soldaten steckt? …

352 San-Giovanni? … entgegnete Paolo Vigo bestürzt …

Euer Pfarrhaus und alle Scheunen sind voll … Auch in Spezzano siehts wie im Lager aus … Ist morgen Sanct-Bernhard –! …

Glaubtet Ihr, daß ich um irgendetwas Anderes Urlaub wünschte, als um an diesem Tage – Nun Ihr wißt doch, daß ich jedesmal, wo ich an diesem Tage nicht bei den Bluteichen war, erklärte, ein Jahr aus meinem Leben verloren zu haben –! …

Hubertus hatte sich inzwischen durch die niedrig und rundbogig gewölbten Gänge zum Refectorium begeben, wo noch auf dem Speisetische die Lampe brannte … Paolo Vigo folgte ihm in den anmuthig kühlen, von kleinen gewundenen Säulen arabischen Geschmacks getragenen Raum … Ein Schrank enthielt die Vorrichtung, sich zu einem hier immer bereitstehenden Kruge voll Wein durch Drehen eines Hahns frisches Quellwasser zur Mischung zu verschaffen … Das Wasser tröpfelte hörbar von den oberen Bergen zu … Hubertus war erschöpft; Paolo füllte einen der im Schrank stehenden hölzernen Becher mit Wein und Wasser und erwartete vom so schweigsam gewordenen Sendboten nähere Aufklärungen über Verhältnisse, die beiden gleich theuer und werth waren …

Alles ringsum blieb still … Nur die Wasserleitung tröpfelte geheimnißvoll und lauschig in dem wieder geschlossenen Schrank … Düstere Schatten warf die matte Lampe durch die alterthümliche Halle …

Briefe sind ja von Cosenza gekommen? … fragte 353 Hubertus, der die Meldung der Ankunft Rosalia Mateucci’s über die andern, ihm viel wichtigeren Dinge vergessen hatte …

Briefe von Cosenza? Nein! Aber vom Sacro Officio aus Neapel! entgegnete Paolo Vigo und setzte hinzu: Leider! Sie geben dem Guardian keine Hoffnung … Spracht Ihr denn nicht den Monsignore? …

Die bange Vorstellung, die den Alten schon lange beschäftigte, es könnte einen Schlag auf Federigo und seine geheimverbundenen Anhänger gelten, trat mit quälender Gewißheit vor seine vom mühevollen Wandern ohnehin erhitzten Vorstellungen; aus fieberhaftem Blut steigen nach körperlichen Anstrengungen Wahnbilder und krankhafte Gedanken auf … Der zwanzigste August war seit zehn Jahren in den fast unzugänglichen Schluchten des Silaswaldes ein Tag, wo anfangs nur drei oder vier Männer, jetzt schon oft zwanzig bis dreißig mit ihren Familien sich versammelten … Hubertus äußerte seine entschiedensten Besorgnisse und Paolo Vigo redete sie ihm keinesweges aus … Schon berechnete Paolo, ob nicht vielleicht die Einquartierung in seinem Pfarrhause Anlaß geben könnte, den Guardian um Urlaub zu bitten – … Sinnend fuhr er fort, man müßte doch morgen in erster Frühe in San-Giovanni hören können, was die Soldaten wollen …

Was sie wollen – hm! hm! fiel Hubertus ein – Wenn ich an die lachende Miene des Monsignore denke und denke an den Golf von Neapel, der im Sonnenschein funkelt wie ein Paradies und doch den Vesuv im 354 Leibe hat, so wird mir bange wie einer Mutter um ihr Kind … Der zwanzigste August! … Mein Sohn, ich bitte Euch, mich dem Guardian nicht zu melden … Ich bin noch nicht angekommen … Hört Ihr! … Lebt jetzt wohl! In drei Stunden bin ich an Federigo’s Hütte und schicke Jeden nach Hause, der etwa heute oder morgen kommen sollte, um für die Seelen der armen Märtyrer Pascal und Negrino zu beten …

Guter Bruder! entgegnete Paolo Vigo ablehnend und erklärte auch seinerseits zu dieser Warnung bereit zu sein … Ihr muthet Euch ein Uebermaß zu … O, daß ich statt Eurer hinauffliegen könnte! … Soldaten! sagtet Ihr? … Ich sagte ja gleich, daß der aus Neapel vom Sacro Officio angekommene Brief ebenso hinterhaltig ist, wie schon lange das Benehmen des Erzbischofs von Cosenza … Und der Monsignore gab Euch in Nichts einen tröstlichen Bescheid? …

So artig war er, sprach Hubertus, wie Papa Kattrepel in meiner alten Stadt Gröningen, der jeden Armensünder, wenn er ihm den Kopf abschlug, erst um Verzeihung bat … Laßt mich doch jetzt nur sogleich gehen … Schon hör’ ich den Rumor da oben … Mitternacht muß vorüber sein … Geht! Geht! … Ja, all ihr Heiligen, daß ich es nicht vergesse! Bei Sanct-Hubert’s Bart, wo hab’ ich meine Gedanken! Gütiger Gott, mach’ auf mein Alter keinen Schwabenkopf aus mir! … Mein Sohn, laßt Euch getrost Urlaub geben nach San-Gio! … Da werdet ihr ja eine Person finden, die viel lieber hat, Euch schon morgen wie sonst in Eurem Hause oder beim alten Meister Pallantio die 355 Polenta auf den Tisch zu stellen – lieber, als den steilen Weg hieher zum Kloster erst heraufzuklettern –! …

Eine Person? Die Polenta? Wer? fragte Paolo Vigo und ließ sich von Hubertus die überraschende Begegnung mit dem keuchenden Pepe, mit Scagnarello, Rosalia und Marietta Mateucci erzählen …

Gütiger Himmel! rief Paolo Vigo in doppelter Freude – … Erst aus Liebe zu seiner seit Jahren nicht gesehenen Schwester – dann um die Gelegenheit, nun auf alle Fälle Urlaub zu bekommen …

Hubertus mußte sich jetzt verstecken, wollte er unangemeldet bleiben … Schon ertönte die Glocke, welche die sämmtlichen Bewohner des Klosters weckte und in die Kirche rief, wo sie singen mußten …

Während Paolo Vigo in größter Ueberraschung, in Spannung und Rührung stand und jedenfalls entschlossen blieb, den Guardian um die sofortige Erlaubniß zu bitten, seiner geliebten Schwester und ihrem holden, von ihm noch nie gesehenen Kinde entgegenzugehen und außerhalb des Klosters übernachten zu dürfen, schlüpfte Hubertus eine vom Refectorium in die Zellen führende enge Wendeltreppe hinauf, um wo möglich, ehe die Frate kamen, seine Zelle zu erreichen und dort sich zu verbergen … Schon hörte man einen Mönch, der heute das Amt des Weckers hatte, in einem entfernten Gange an die Zellenthüren pochen … Der Regel des heiligen Franciscus gemäß rief er alle Schläfer aus ihren süßesten Träumen …

Hubertus erreichte glücklich und unbemerkt seine dunkle Zelle … Sie war nicht breiter und nicht tiefer, 356 als zwölf Fuß, und enthielt als Bett einen Sack von Maisstroh – die Decke darüber war so grob wie seine Kutte … Von Glasfenstern war keine Rede; nur eine rohgezimmerte Holzjalousie schützte gegen die im Winter oft schneidend kalte Luft …

Hubertus warf sich auf sein Lager … Er hatte vor Uebermüdung jene Empfindung, die ihn an die Zeiten erinnerte, wo auch er sich in Java an Opium gewöhnt hatte … Traumartige Bilder traten vor die wachen Sinne … Alles schwebte um ihn in Licht und Farbe und Licht und Farbe war auch wieder wie Musik … So soll einem an Erstickung Sterbenden der Tod sein … Gestalten, die ihm wie Hexen hätten erscheinen dürfen, waren ihm jetzt freundlich und nickten ihm mit süßem Lächeln … Mit seiner noch nicht besonders geläuterten Religion nannte Hubertus das die Triumphe des Teufels, den er namentlich auch beim nächtlichen Chorsingen um zwölf Uhr Mitternacht gern in Thätigkeit wußte und oft schon hinter dem großen Missale mit seinem Hörnerkopfe als einen höhnischen Mitsänger oder am Weihwasserkessel, den verunreinigend, erblickt hatte … Er rüttelte sich wach und horchte nur, ob der Lobgesang in der Kirche bald vorüber sein würde …

Die Lampen in den Händen, schlichen die Mönche und geistlichen Züchtlinge erdfahl und schlaftaumelnd durch die Gänge … Hubertus, der auch hier schon manchen Verschlafenen – wie oft sonst Klingsohrn! – um solche Stunde auf den Armen in den Chor getragen hatte, lauschte dem öden Widerhall … Endlich sangen einige zwanzig Stimmen … In einfacher Cantilene 357 wurde ein Psalm vom Guardian verlesen und seinen Worten an bestimmten Stellen von den andern respondirt …

Als nun wieder alles nachtstill geworden war und jeder auf seiner Zelle wieder sein Lager erreicht hatte, erhob sich Hubertus von dem seinigen … Hatte Paolo Vigo Urlaub erhalten, so mußte ein andrer Pförtner für ihn eingetreten sein und jedenfalls erwartete ihn dann der Beurlaubte nirgend anderswo, als in seiner eignen Zelle …

Letztere erreichte Hubertus ungesehen, trat bei Paolo ein und fand ihn in der That bereit, das Kloster zu verlassen … Auf die freudige Botschaft, seine theure Schwester wäre in San-Giovanni, war ihm die Erlaubniß ertheilt worden, ihrem Besuch zuvorzukommen und sie, wenn ihn sein Herz dazu triebe, überraschen zu dürfen … Bleibt aber Ihr zurück! setzte Paolo Vigo bittend hinzu … Alter, Ihr seid zu erschöpft … Und nur darin steht mir bei; geht morgen früh meiner Schwester entgegen und haltet sie vom Kloster eine Weile entfernt, bis ich um die achte Stunde von den Bluteichen in San-Gio wieder zurück sein und Euch Alle bei meinem alten Meßner Pallantio begrüßen kann – …

Wie zwei Jünger, die für ihren Meister ihr Leben zu lassen bereit sind und um den Vorzug in den Beweisen ihrer Liebe streiten, so standen sie am offenen Fenster und stritten, ob es nicht gerathener wäre, Paolo Vigo überließe den Gang nach den Bluteichen, um die am Morgen dort Versammelten zu warnen, an Hubertus und ginge lieber selbst nach San-Gio zur Ueberraschung für seine Schwester …

358 Mein Sohn! bat Hubertus … An mir ist wenig gelegen … Wenn aber Euch zum zweiten Mal eine Strafe träfe, wie sie Euch schon einmal so lange Eure Freiheit gekostet hat! … Jetzt brächet ihr ja geradezu auch das Herz Eurer Schwester! … Sie versprach, am Morgen zum Kloster zu kommen … Ihr liebliches Kind wird Euch die Wange küssen … Wagt nichts Neues wieder, nachdem Ihr schon so lange gebüßt habt …

Paolo Vigo hatte jedoch den Geist empfangen, der in edlen Dingen den Menschen unwiderstehlich zum Selbstopfer treibt … Eine heilige Glut durchloderte ihn, seine Augen funkelten, wie die Sterne über den leise Flüsternden … Er ergriff die Hand des Greises und sprach:

Weiß ich doch nicht – ich ahne die letzte Stunde unseres Freundes … Krank ist er zum Tod schon seit lange und es geht das Gerücht, daß sein stilles Wirken entdeckt ist … Seit jenem letzten Brief, den Ihr aus Rom brachtet, muß eine große Veränderung mit ihm vorgegangen sein … Ich sah ihn seitdem nur einmal – und da schon wollte er Abschied nehmen für immer, wogegen meine Worte kaum aufkommen konnten … Es schien, als wenn er eine wichtige Kunde aus der Welt empfangen hatte, die ihn zur Auferstehung, zur Beendigung seiner Einsiedlerschaft und zur Rückkehr ins Leben rief … Schon aus freien Stücken schien er gehen zu wollen und nun ahn’ ich, er hätte besser gethan, dieser Regung zu folgen – … Wenn man ihn heute holte, am Tage der Versammlung, ihn in die Kerker der Inquisition würfe –! Lebt wohl, Alter –! …

359 Nicht ohne mich –! … sprach Hubertus und blieb dem Unheilverkündenden unabweislich zur Seite …

Mein Fuß ist jünger, als der Euere! bat Paolo und wollte nicht dulden, daß Hubertus weiter, als bis an die Zelle des Pförtners folgte …

Während noch beide, und mehr mit Geberden als mit Reden, die ohnehin geflüstert werden mußten, stritten, erscholl in einiger Entfernung außerhalb des Klosters ein klagender musikalischer Ton … Er kam von einer Pansflöte, wie sie hier die Hirten blasen … Aus kleinen Rohrstäben ist eine einfache Scala zusammengesetzt, die unter geübten Lippen eine in nächtlicher Einsamkeit wohllautende Wirkung hervorbringt …

Horch! rief Paolo Vigo und bedeutete Hubertus, Acht zu haben …

Die Flöte blies eine Melodie … Es waren die einfachen Töne eines Kirchenliedes …

Tanto Christo amiamo! … sprach Paolo Vigo mit Ueberraschung der Melodie nach … Es ist die Erkennungslosung der Freunde … Man ruft uns … Seht ihr, eine Gefahr ist da … O – mein Gott –! …

Auch Hubertus lauschte voll höchster Betroffenheit und räumte ein, so könnte sich nur ein Verbündeter zu erkennen geben …

Herüber von der Mauer des Klostergartens tönte die sanfte Flöte fort und fort … Sie blies das alte Waldenserlied „Tanto Christo amiamo –“ zu Ende …

Pater Cölestino! rief nun schon Paolo Vigo mit starker Stimme in eine Oeffnung, die aus dem Corridor in 360 die Zelle des Pförtners führte … Ich gehe … Bemüht Euch aber nicht … Ich öffne schon … Gelobt sei Jesu Christ! …

Amen! rief Pater Cölestino von drinnen her und ließ getrost den Beurlaubten den Riegel selbst zurückschieben … Nur langsam erhob er sich, um ihn wieder anzuziehen …

Doch auch Hubertus war inzwischen schon ungesehen entschlüpft und kaum konnte Paolo Vigo ihm folgen …

Mit raschen Schritten gingen beide dem Orte zu, wo aufs Neue unausgesetzt die Melodie der Hirtenflöte ertönte …

Endlich, an einem breitastigen, der Klostermauer sich anschmiegenden türkischen Haselnußstrauch entdeckten sie einen alten Hirten und einen Knaben … Letzterer war es, der die Flöte blies …

Der Hirt war ein wohlbekannter alter Freund … Er gehörte zu den Nachkommen des von den Waldensern hochgefeierten Negrino*) … Ein äußerlich schlichter, doch kluger und allgemein geachteter, auch wohlhabender Ziegenhirt, der alte Ambrogio Negrino aus San-Gio … Oft reiste der schlichte Mann mit seinen Heerden bis Salerno und trieb einen einträglichen Handel mit den Gerbern selbst von Palermo und Messina … Heute, als Hubertus in seinem Hause vorsprechen wollte, hatte man ihn auf der Messe zu Rossano geglaubt … Inzwischen kam er heim und hatte Veranlassung gefunden, sofort wieder dieFlinte überzuwerfen, 361 mit seinem jüngsten Sohn Matteo aufzubrechen und, wie er ankündigte, nach den Bluteichen zu eilen …

Ihr Herren! rief er den Ankommenden entgegen. Gott segn’ es, daß ihr kommt! … Ich sage euch! Es gibt eine große Gefahr für unsern Vater Federigo … Die Soldaten in San-Gio wissen von nichts, als von Morden, Brennen und Gefangennehmen … Und wen? – Das haben Offiziere im Weinrausch ausgeplaudert … Um vier Uhr brechen sie auf und umzingeln die Bluteichen – … Ueber den Aspropotamo her kommen die andern – … Wer mag ihnen verrathen haben, daß heute der zwanzigste des Monats ist! … Bleibt daheim – Herr Pfarrer, und auch ihr, guter Hubertus … Nur deshalb raubte ich euch die Nachtruhe, weil ich euch warnen wollte, falls euch der Geist getrieben hätte, heute auch an den Eichen zu erscheinen …

Nimmermehr, wir gehen mit Euch! fielen Hubertus und Paolo Vigo in banger Besorgniß ein …

Beide achteten der Bitten Ambrogio Negrino’s nicht … Sie verharrten dabei, sich ihm anschließen zu wollen – … Unwiderstehlich zöge sie ihr Verlangen, dem greisen Freunde in einer Stunde so großer Gefahr nahe zu sein … Ohne Clausur, wie sie eben waren, wollten sie die glücklicherweise ihnen zu Gebote stehende Freiheit nach dem Bedürfniß ihres Herzens benutzen …

Matteo! rief Paolo Vigo dem nach San-Gio zurückgeschickten Knaben nach; geh sogleich zu Meister Pallantio, meinem Küster, wecke die Signora, die diesen Abend bei ihm angekommen ist und sprich zu ihr: Sie sollte 362 unter keinerlei Antrieb morgen hinauf nach San-Firmiano gehen … Morgen in erster Frühe, so Gott will, um acht oder neun Uhr würd’ ich schon selbst bei ihr vorsprechen – …

Ambrogio Negrino unterbrach:

Heiliger Priester, wenn man Euch an den Bluteichen träfe – …

Wirst du ausrichten, Matteo, wiederholte Paolo Vigo, was du gehört hast? Willst du einen herzlichen Gruß an meine liebe Schwester und die kleine Marietta bestellen? …

Matteo gab jede Beruhigung und wandte sich mit diesen Aufträgen nach San-Gio zurück …

Die drei Verbundenen gestatteten sich keinen längern Aufenthalt, sondern machten sich sofort auf den mühevollen Weg, der zu den Bluteichen führte …

363 11.#

Paolo Vigo’s Wort: „Er nahm Abschied von mir wie auf ewig“ wurde nun auch von dem alten Ziegenhirten wiederholt …

Es fiel ihnen allen auf die Seele, als würden sie den Geliebten nicht wiedersehen, wenn sie sich nicht eilten, es noch einmal jetzt zu thun …

Daß sie zu dem Ende die Würfel ihres eigenen Looses warfen, kümmerte sie wenig …

Sie hofften jedoch auf ihr zeitiges Eintreffen … Wenn noch Zeit zum Ergreifen und Ausführen eines Entschlusses gelassen war, so sollte sich ihr Freund, nach Negrino’s Meinung, am sichersten über den Monte Gigante hinweg nach dem Meerbusen von Squillace begeben oder im äußersten Fall in einer in der Nähe befindlichen Höhle verbergen …

Jährlich nur einmal, am 20. August, fanden sich die letzten Trümmer der einst so zahlreich im unteren Italien ausgebreiteten Söhne des Peter Waldus zusammen … Drei Jahrhunderte waren seit jenen Schei-364terhaufen verflossen, die auch die Fortschritte der Reformation in Calabrien geendet hatten … Frâ Federigo fand davon im Silaswalde keine andern noch ersichtlichen Spuren, als die „Bluteichen“, wo einst Hunderte der Reformirten und Waldenser – wie die Schafe mit dem Messer abgestochen wurden … Zufällig begegnete ihm dort ein alter Ziegenhirt, Ambrogio Negrino, der ihm diese Dinge erläuterte und sich dann selbst als einen Nachkommen des Märtyrers Negrino zu erkennen gab … Ihm verdankte der Einsiedler die Bekanntschaft mit noch einigen andern Trümmern der alten Sekte … Gehörten sie auch alle der herrschenden Kirche an, so hatten sich doch alte Gebräuche, Erkennungszeichen, Gebete, letztere meist in provençalischer Sprache in ihren Familienkreisen erhalten – Ambrogio Negrino besaß ein altes Buch, das er selbst nicht lesen konnte – die waldensische Nobla Leyçon … Federigo übersetzte sie ihm – anfangs allein; bald brachte Negrino andere mit, die gleichfalls diesen Gruß ihrer Vorvordern aus alten Jahrhunderten aus seinem Munde vernehmen wollten …

Der Kreis von Verehrern und Freunden des Einsiedlers, der seinerseits noch unter dem besonders über ihm wachenden Schutze des Mönchs Hubertus zu San-Firmiano stand, mehrte sich wider Willen Federigo’s … Von Nah und Fern wurde sein Rath begehrt … Freilich hielten ihn die Meisten für einen Hexenmeister … Wie Paolo Vigo veranlaßt wurde, ihn zu besuchen, wurde erzählt … Aus seinen wiederholten Wanderungen in die Wildniß und den ihr folgenden Erörterungen entstanden in Paolo Vigo Zweifel, ernste, kummervolle Be-365trachtungen; er verrieth die Resultate derselben in seinem Wirkungskreise und erlitt die Strafe einer, wie wir gesehen, nicht endenden Suspension und Einsperrung in San-Firmiano …

Der Einsiedler, erschreckt von solchen Vorkommnissen, bat fort und fort seine Freunde, ihn der todesähnlichen Stille in seinem Waldthale zu überlassen … Hubertus besorgte dann und wann einen Brief, den der deutsche Sonderling nach Rom schrieb und von dorther beantwortet erhielt … Das war des Eremiten einziger Verkehr mit der Welt … Er lebte vom Honig seiner Bienen, von Früchten, die er selbst zog, von Vorräthen, die seine Freunde ihm brachten … Zuletzt war es Sitte geworden, daß alle die, welche auf dreißig Miglien in der Runde gleichsam unter des alten Ambrogio Negrino Controle standen, ihn wenigstens einmal im Jahre besuchten, am 20. August, den er nach langem Sträuben endlich als Erinnerungstag an die alte Schreckenszeit festgesetzt hatte …

Ich habe es immer gefürchtet, sprach Hubertus, die athemlose Eile des Wanderns unterbrechend, und ließ sich wiederholt erzählen, was der weltkundige, weitgereiste Hirt, ein Greis mit langen weißen Locken, sonnenverbranntem braunem Antlitz, von den Reden der Offiziere gehört hatte … Um vier Uhr, wiederholte Ambrogio Negrino in einer gewählteren Sprache, als dem hier üblichen Patois, rücken die Truppen von San-Giovanni aus, vertheilen sich in den Bergen und wollen von verschiedenen Seiten dem Thal der Bluteichen so beizukommen suchen, daß sie die ketzerische, dem Teufel 366 opfernde Versammlung mitten in ihren Greueln aufheben können …

Die Möglichkeit einer so irrthümlichen Auffassung ihrer Versammlungen war ihnen nach dem Geist ihrer Umgebungen vollkommen erklärlich … Sie verweilten nicht bei dem Ausdruck ihres Schmerzes über ein so großes Misverständniß; sie überlegten nur … Die Versammlung mußte verhindert und Frâ Federigo, wenn sein Entkommen unmöglich war, in einer Felsenspalte verborgen werden, welche Ambrogio Negrino schon lange für diesen Fall aufgefunden und jedem Uneingeweihten unzugänglich gemacht hatte …

So sehr auch die Männer eilten, sie konnten nicht hoffen, vor Anbruch des Morgens an Ort und Stelle zu sein … Auf dem kürzeren Pfade, den sie einschlugen, um an die Abhänge der oft schneebedeckten Serra del Imperatore zu kommen, begegneten sie Niemanden … So durften sie annehmen, daß die geheimverbundenen Getreuen sich längst schon auf den Weg gemacht, ja an der Hütte ihres Meisters schon die Nacht verbracht hatten …

Die Wanderer kannten sich in ihrer Theilnahme für den einsamen Bewohner des Waldes und hatten nicht nöthig, diese noch durch viel Worte kundzugeben … Sie tauschten nur ihr Urtheil über die kürzeren Wege aus, wenn die Wildniß überhaupt noch etwas bot, was einen Weg sich nennen ließ … Nur kleine ausgetrocknete Strombetten waren noch die besten dieser Wege; diese gingen verborgen unter Gestrüpp und Büschen hin …

Die Nachtluft wurde frischer … Nebel stiegen auf, 367 die den leichtbekleideten Wanderern ein frostiges Schauern verursachten … Der Hirt bot Paolo Vigo seinen langhaarigen Mantel, den dieser nicht abschlug … Zum Glück trug der Pfarrer Schuhe, nicht, wie Hubertus, Sandalen …

Hubertus hatte, als wäre ihm seine ganze Kraft ungeschwächt zurückgekehrt, sein dolchartiges Messer gezogen … An manchem Gebüsch von Steineichen, wo durch die stachlichten Blätter schwer hindurchkommen war, schnitt er die Zweige nieder und machte die Wildniß wegsam … Dann kamen zuweilen Buchenhaine, die wie zum nächtlichen Reigen der Elfen bestimmt schienen; so licht und traulich glänzten sie im abnehmenden Mondlicht und unter den allmählich erblassenden Sternen …

Eine Sorge der Verbundenen konnte sein, ob nicht auch den Lauf des Neto herauf von Strongoli oder aus Umbriatico über den Aspropotamo und Gigante her schon Corps Bewaffneter herüberkamen und das Thal der Bluteichen bereits früher eingeschlossen hatten, als es von ihnen erreicht wurde …

Schon war es vier Uhr … Schon sah man die zunehmende Helle … Immer matter wurde die Scheibe des Mondes, immer röthlicher erglänzten am blauenden Himmel die Sterne … Schon zeigte sich auf Serra del Imperatore, einem Berg, der an manchen Stellen gen Ost offen und riesig groß vor ihnen lag, die dunkelrothe Glut der aufgehenden Sonne … Die Spitze des Aspropotamo war die erste, die vom Sonnenlicht hell aufleuchtete … Aengstlich spähten sie rundum, ob nicht irgendwo am Rand des von andern Seiten zugäng-368lichen, in grünen und grauen Nebeln schwimmenden Thales eine Waffe blitzte …

Wie sie fast erwartet hatten, so geschah es auch … Als sie mit hellem Tagesanbruch endlich in der Ferne die Bluteichen sahen, entdeckten sie ein reges Gewimmel von Menschen unter den mächtigen Baumkronen … Bald erscholl auch aus der Tiefe, zu der sie niederstiegen, ein vielstimmiger Gesang … Er erklang gegen die dumpfe Litanei in San-Firmiano wie ein jubelndes Schwirren der Lerche in blauer Luft verglichen mit dem trüben Ruf der Unke … Reine helle Frauen- und Kinderstimmen schwangen sich wie geflügelte Tongeister über die Laubdächer … Sie sangen die auch ihnen wohlbekannten einfachen Hymnen, die aus alten Zeiten stammend das Lob des Höchsten priesen und die heilsame Veranstaltung der Erlösung und die Hoffnung aller Christen … Dazwischen läutete ein Glöcklein, von welchem sie wußten, daß es denen, die vielleicht noch entfernt waren, den Weg zur Hütte andeuten sollte … Alles das geschah wie im tiefsten Frieden …

Wol hätten die Wanderer sich sagen mögen: Wer wollte diese stille Andacht stören! Wer könnte hier etwas finden wollen, was vor Gott oder Menschen ein Verbrechen wäre! … Dennoch mußten sie eilen, die gefahrvolle Feier zu unterbrechen …

Nach einer kurzen Stille, welche die Wanderer durch einen die Betenden erschreckenden Zuruf aus der Ferne nicht unterbrechen mochten, begannen die Stimmen aufs neue und ließen nach einem vollen, mächtig an den Bergwänden widerhallenden Gesang jene Pausen ein-369treten, von denen die Wanderer wußten, daß sie die bis zu ihnen herauf nicht hörbare Stimme Federigo’s füllte … Federigo sprach dann die Worte vor, die zu singen waren … Alles das, erinnerungsfrisch vor ihre Seele tretend, bewegte sie um so mächtiger, als noch immer der Anblick der Hütte selbst verborgen blieb …

Endlich aber zeigten sich die Windungen von Radgleisen, die im grünen, weichen, oft morastigen, dann von den herrlichsten Farrenkräutern überwucherten Boden von kleinen Karren zurückgeblieben waren … Es mußten heute von weitweg, auch von Rossano und Conigliano die dem Ziegenhirten wohlbekannten Nachkommen der Waldenser erschienen sein … Der helle Lichtstrahl des immer höher und höher über dem Meeresspiegel heraufgestiegenen Sonnengeschirrs fiel auf die obern Ränder des Thals … Die Nebel zertheilten sich und nun hatte ihr besorgter und zugleich verklärter Blick die volle Aussicht auf die Gruppe der Menschen, die da unten versammelt waren und die sie meist kannten … Kinder lagen im Grase; andre hielten die Mütter auf ihren Armen; Männer in zottigen Schafspelzen, andere im kurzen Rock des Alpenjägers, Fischer, die vom Meer herübergekommen, in ihren rothen Mützen und ihren braunen Mänteln – alle umstanden die Hütte … Ein Haufe von nahezu achtzig Seelen, hochbetagte Greise darunter; aller Mienen mit jenem Ausdruck, den eine gutmüthige Denkart gibt … Noch verdeckten sie das Bild des Mannes, der ihnen, auf die zufällige Veranlassung seiner Begegnung mit Ambrogio Negrino, zehn Jahre lang hier nichts, als nur die Geschichte ihrer un-370glücklichen Vorfahren erzählte und nicht hindern konnte, daß sie von ihm Belehrung und Anleitung zu reinem Sinn, zur Beurtheilung des Glaubens begehrten, in welchem sie leben mußten … Federigo enthielt sich jeder Aufwiegelung ihres an die Gebräuche der herrschenden Kirche gebundenen Gewissens … Auch war die Höhe der Bildung, die im Waldenserthal bei Castellungo geherrscht hatte, hier nicht anzutreffen …

Schon wollte Negrino hinunterrufen, da hinderte ihn die jetzt hörbar werdende weiche, volle, innig zum Herzen dringende Stimme des Sprechers … Die dem Volk vollkommen verständliche, wenn auch fremdartige italienische Rede desselben fesselte sie … Was bestimmte nur die Warner, diese Feier nicht zu unterbrechen! Was gab ihnen so urplötzlich ein felsenfestes Vertrauen auf den Gott, der sich in jedem Menschenherzen, auch in dem der Verfolger, offenbaren müsse –! … Hubertus kündigte sich sonst durch scherzende Töne an, die ihn bei Jung und Alt im Gebirge bekannt machten; jetzt beschien der erste Sonnenstrahl, der sich durch den Imperatore und den Gigante stahl, die glänzende Stirn, die weißen Locken des Freundes und Lehrers, sein unter weißen Brauen aufgeschlagenes begeistertes Auge – jetzt stand er im Pilgerkleid von schwarzem rauhwollenem Tuch, mit entblößtem Halse, um den Leib einen schwarzen Seidengürtel, so hoheitsvoll und edel, daß alle drei aufhorchen und den Fuß hemmen mußten … Die Farbe des Antlitzes, die Hände, alles sah am Freunde blasser und krankhafter aus als sonst … Das von ihren Augen wieder aufgenommene theure Bild 371 eines Greises, den für seine letzten Lebenstage noch durch die Erregung seines Geistes ein jugendliches Feuer durchglühte, schloß doch in der That die Besorgniß nicht aus, daß diese Lebenstage kaum bis zum beginnenden Winter andauern konnten …

Federigo sah die Dahereilenden nicht … Sein Blick war nach innen gewandt … Schon sprach er Worte, welche die Kommenden allmählich im Zusammenhang verstehen konnten … Zu den Erweckungen der Waldenser hatten im Piemont gewisse Formen einer öffentlichen Beichte gehört … Wie die ersten Christen sich ein Gemeindeleben aus ihren Privatbeziehungen bildeten und eine Oeffentlichkeit der letzteren einführten, bei welcher nicht fehlen konnte, daß die persönlichsten Leidenschaften zur Klage und Rüge kamen, so walteten die Diaconen und „Barben“ auch bei den Waldensern des Amts der Gerechtigkeit und des Auflegens von Bußen und Strafen … Ebenso trat auch hier bei diesen Versammlungen einer nach dem andern vor und wurde entweder aus eigenem Antriebe oder durch Mahnung veranlaßt, sich zu vertheidigen, sich zu erklären, Lehre oder Versöhnung anzunehmen … Hubertus und Paolo Vigo kannten den Segen, welchen diese Verständigungen der kleinen Gemeinde unter ihren Gliedern schon seit lange hervorgebracht hatten*) – …

Unterwegs hatte Paolo Vigo seinen Begleitern, so wenig sie auch durch Gespräch ihre Schritte hemmen mochten, doch gelegentlich wiedererzählt, warum Frâ Fe-372derigo, als die Genossen Negrino’s ihn endlich zur Abhaltung mindestens Einer Versammlung im Jahre überredeten, gerade den Tag des heiligen Bernhard dazu wählte … Nicht nur, daß in der Höhe des August die wichtigsten Ernten beendet waren, Frâ Federigo hatte ihm auch das Gedächtniß des Abtes Bernhard von Clairvaux als ein festzuhaltendes Spiegelbild frommerer Zeiten dargestellt, wo einsichtsvolle freimüthige Priester noch zu heilsamen Zwecken in den Rath der Großen traten … Siebenhundert Jahre war es her und in der Blütezeit des Mittelalters, als ein hoher Ernst die Völker ergriff und Männer erstehen ließ, die in einer wilden, kriegerischen Epoche kaum von solcher Weihe und Thatkraft erwartet werden durften … Damals, als die Philosophie in Frankreich, England und Italien erblühte, die Dichtkunst sogar über das rohere Deutschland hie und da einen milden Glanz der Sitten verbreitete, die Kreuzzüge einen seltenen Aufschwung des Gemüths und der Phantasie hervorriefen, zerstörte Rom und die Herrschaft der Päpste noch nicht alle Hoffnungen der Völker und verdunkelte noch nicht alle Lichtschimmer einer besseren Aufklärung … Ein einfacher Bürger in Lyon, Pierre Vaux (Peter Waldus), las damals die Bibel in einigen Abschnitten, welche in die gewandteste und poesiefähigste Sprache damaliger Zeit, die provençalische, übersetzt waren … Ein wunderbarer Lichtglanz überfiel ihn beim Lesen des den Laien gänzlich unbekannten Buches – gerade wie die Jünger, die nach Christi Tod im Dunkeln wandelten, plötzlich an ihrer Seite einen Wanderer bemerkten, der so mächtig die Schrift auslegte … Wal-373dus las seine Entdeckungen Befreundeten vor, ließ auf seine Kosten die Bibel noch vollständiger in die Sprache seiner Landsleute übersetzen und nahm die einfachen Formen des ersten apostolischen Christenthums an … Sein Vermögen gab er seiner Gemeinde; ihre Priester, denen die Ehe unverboten blieb, wählte die Gemeinde selbst; von den Sacramenten behielt man nur Taufe und Abendmahl; letzteres hörte auf ein mystischer Act zu sein und blieb nur noch ein Opfer der Erinnerung; es war eine Reformation ohne Schulgezänk, ohne Disputation der Theologen, eine Läuterung der Lehre allein durch das Herz … Mit reißender Schnelligkeit verbreitete sich das Wirken der Waldenser … Ein ganzer Gürtel Europas von den französischen Abhängen der Pyrenäen an bis nach Süditalien fiel vom herrschenden Kirchengeiste, vom weltlichen Streit der Päpste mit dem Kaiser und von Geistlichen ab, die damals sogar die Waffen führten und oft im glänzenden Harnisch zu Roß saßen, im wildesten Kampfgewühl die zum Segnen bestimmte Hand mit Blut besudelnd … Mit einem warmen, lebendigen Eifer für die apostolische Reinheit der Lehre und des kirchlichen Lebens ging Hand in Hand die Gesittung … Gerade dieser Gürtel Europas wurde der blühendste an Gewerbfleiß, Erfindungen, in Künsten und Wissenschaften … Immer weiter und weiter schwang sich ein lichtheller Iris-Bogen über Europa … Burgund, Deutschland, Böhmen erglänzten von seinem siebenfachen Strahl … Wo der Webstuhl sauste, wo die Industrie der Städte mit dem Betrieb des Ackerbaues zu regem Austausch ihrer Erzeugnisse verkehrte, da er-374schollen auch bald die neugedichteten Lieder zum Lob des Höchsten … Ganze Städte, ganze Länderstrecken hatten schon keinen andern Gottesdienst mehr, als den der Waldenser, der Humiliaten, Armen Brüder, der selbst die Kirchen und ihre Pracht für überflüssig erklärte und jeden grünen Rasenplatz, jedes Laubdach einer Eiche für eine Gott wohlgefällige Kapelle erklärte …

Paolo Vigo schilderte die furchtbare Verfolgung, welche von Rom aus über diese Bekenner des reinen Christenthums anbrach … Die Päpste nannte er, die zum Morden aufforderten … Jene Schreckensthaten des Abtes von Citeaux und jenes Vorbildes eines Alba, des Grafen Simon von Montfort, schilderte er, wie sie mit Feuer und Schwert Männer, Weiber, Kinder vertilgten … Damals kam der Satz der römischen Kirche auf: „Ketzern ist keine Treue zu halten“; päpstliche Legaten schwuren auf die Hostie, daß, wenn die Ketzer ihnen die Mauern öffneten, sie nur allein mit einigen Priestern einziehen würden, um die bethörten Bewohner zu bekehren; geschah es aber, so warfen sie die Priesterkleider ab, zogen verborgene Schwerter, die Reisigen der fanatisirten Glaubensarmee brachen nach und kein Säugling auf dem Mutterarm entkam dem allgemeinen Blutbade … Beutegier, Habsucht schürten die Verfolgung … Simon von Montfort, Abt Arnold schlugen herrenlos gewordene Länderstrecken zu Fürstenthümern zusammen … Damals war Raimund, Graf von Toulouse, das unglückliche Oberhaupt der bedrängten evangelischen Bekenner, wie späterhin das Haupt der Hugenotten Coligny … Endlich flüchteten sich die letzten Reste 375 dieses unablässigen Mordens in die Berge, die Pyrenäen, die Alpen, die Apenninen … Jahrhundertelang erhielten sie sich dort, trotz einer sie auch hier erreichenden zweiten blutigen Verfolgung, die dann das Werk der neuen Kreuzritter wurde, der Jesuiten … Damals griffen sie in den Thälern Piemonts wieder zu den Waffen … Zu den tapfern Namen, die in älteren Tagen mit Maccabäermuth ihre heilige Sache, Haus, Herd, Weib und Kind vertheidigten, gesellten sich neue, wie Heinrich Arnaud, der in offener Schlacht mit einer kleinen Schaar Tausende zurückgeschlagen hatte, sich über die steilsten Felsen Piemonts zurückzog, ein Lager in einer Schlucht wie eine Festung erbaute, acht Monate lang, nur von Kräutern lebend, mit seiner kleinen Schaar gegen die Kanonen kämpfte, die auf sein kleines Häuflein von den Felswänden aus ein mörderisches Feuer unterhielten, bis sich Arnaud endlich mit dem Rest seiner Schaar, 350 an der Zahl, einen ruhmvollen Abzug erkämpfte … Wie dann auch in Calabrien die Waldenser hingesunken waren, hatte Federigo oft genug erzählt … Damals starb Negrino in Cosenza den Hungertod, Pascal in Rom auf dem Scheiterhaufen … Oft hatte Federigo’s rührende Stimme geklagt, daß besonders solche Thorheiten verderblich wären, die selbst in den Gemüthern der Edeldenkenden Raum gewinnen könnten … Bernhard von Clairvaux, Abt eines Klosters in Frankreich, Lehrer seines Jahrhunderts, ein Orakel der Fürsten, ein Rath ihrer Rathgeber, ein Straf- und Bußprediger der Geistlichkeit, sogar den Päpsten ein: Bis hierher und nicht weiter! gebietend; – ach! auch der, wie die heilige 376 und so edle Hildegard, sah in den Thaten und Lehren der Waldenser nur die Eingebungen des Teufels –! … Ambrogio Negrino und Hubertus waren nicht befähigt, sich zu all den Bildern und Erinnerungen aufzuschwingen, die von Paolo Vigo’s fiebernderregten Lippen kamen …

Herr, erleuchte die Weisen! verstanden jetzt auch die Ankömmlinge aus Federigo’s Rede … Mildere ihr Vertrauen auf die eigene Kraft! Wecke dem Guten und Gerechten Deine Fürsprecher im Rath der Großen! Ersticke den Durst nach Rache im Gemüth beleidigter Machthaber! …

Es schien in der That, als wollte Federigo von seinen Freunden Abschied nehmen … Mehr als sonst riß ihn heute seine Rede hin … Er berührte katholische Punkte, die er sonst vermieden hatte – er wollte Niemanden die Möglichkeit nehmen, mit seinem Pfarrer in leidlicher Verbindung zu leben …

Mit großer Wehmuth sprach er:

Der heilige Bernhard kann uns in vielem ein Vorbild sein – hochragend wie jener Berg im Norden, der mit ewigem Schnee bedeckt, seinen Namen trägt … Wisset, daß Bernhard jene Lehre, nach welcher auch die Mutter Jesu ohne Sünde empfangen sein soll, für Sünde hielt –! … Ihr fragtet mich darum, weil der Heilige Vater diese neue Lehre zu verehren befohlen hat –! Nun wohl! Eines Weibes Name ist heilig, wohl trägt Maria die Erdkugel in Händen, wenn Maria die Kraft bedeuten soll, deren ein schwaches Weib in seinem Aufschwung fähig ist … Wohl ist zu fassen möglich, wie die alte wilde grausame Zeit, die heidnische, die selbst des 377 Heilands spottete, der am Kreuze sich selbst nicht hätte helfen können, doch vor einer Mutter erschrak, vor einer Mutter sich beugte – o noch den Mörder befällt vor seiner Hinrichtung die Trauer um den Kummer, den er seiner Mutter bereitete …

Hier stockte der Redner und wollte abbrechen … Aber einige Stimmen unterbrachen ihn und deutlich vernahm man aus einem schlichten Hirtenmunde, der dazwischen sprach, die Worte:

Wo Maria dann auch ganz die Königin des Himmels werden soll, wo bleibt ihr Sohn? Wo kommt der wahre Mittler zu seiner ihm allein gebührenden Ehre? …

Im höchsten Grade gespannt horchten die Ankömmlinge und sogen die Worte ein, welche Federigo erwiderte:

Lasset das gehen –! … Seht, es war ja sogar ein anderer Heiliger – Bonaventura sein Name – ein Heiliger, der zur Zeit jenes Bernhard lebte – auch der hat den Psalm David’s genommen: „Herr, auf dich traue ich, laß mich nimmermehr zu Schanden werden!“ – und hat in jedem Seufzer des Vertrauens und der Liebe zu Gott an die Stelle Gottes – ruchlos, um es nur auszusprechen – ein Weib mit seinen menschlichen Fehlen und menschlichem Elend gesetzt: „Maria, auf dich traue ich –! Mutter Gottes, du hast mich erlöset!“ So den ganzen Psalm –! … Und dennoch danken wir auch dem heiligen Bonaventura so viel Entsiegelungen der frischesten Lebensbrunnen des christlichen Geistes – …

Nein, unterbrachen die Stimmen der Aufgeregten, er lästerte –! …

Ich beschwöre euch, rief Federigo, habt Mitleid mit 378 jenen armen Verblendeten, in deren Schoose ihr, kummervoll genug ihre Bräuche theilend, voll Bangen und voll Zagen lebt … Laßt sie die Altäre einer Frau zu Ehren mit Zierrath und mit Bändern schmücken –! Laßt sie ihr Gebet des Morgens, des Mittags und des Abends wenigstens an Etwas richten, was dem Heiland verwandt ist –! … Aber das ist wahr (nun erhob sich des Sprechers Stimme, von dem man sah, daß ihn die Gesinnungen seiner Umgebungen fortrissen), wenn Maria es ist, die uns erlöst und vor Gott vertreten soll, so konnten jene Räuber, die mit dem Giosafat eure Hütten verbrannten, eure Heerden raubten, getrost auf ihrer fühllosen Brust ihr Bildniß tragen –! …

Eine freudige Zustimmung ging mit Zornesruf durch die Reihen – …

Wehe einem Kind, fuhr Federigo, aufgeregt und ganz sich vergessend fort, das für seine Bewährung im Leben nur die Nachsicht einer Mutter hat! … Nie, nie, wenn auch heute in Spezzano die Lampen brennen werden, nie sollt ihr auf Fürsprache nur der Mutterschwäche hoffen! Denkt an die klugen Jungfrauen, die im Dunkeln ihr Oel hüteten und die Lampen nur anzündeten, wenn ihr rechter Bräutigam, der Heiland, kam! … Nein, ich sehe es, ihr glaubt nicht an die Wahrheit eines gotteslästerlichen Bildes, das sich in einer der großen und herrlichen Kirchen Milanos befindet und das einen Traum unsres heutigen heiligen Bernhard darstellen soll –! … Zwei Schiffe steuern dem Himmel zu; des einen Steuer führt der Herr; des andern Maria … Jenes bricht zusammen und seine Mannschaft sinkt in den 379 Abgrund; dieses gleitet sicher dem Hafen des Himmels zu – Maria streckt ihre hülfreiche Hand nach den Scheiternden aus und nun kommen auch sie in den Hafen der Gnade, sie, die mit Christo gingen, sie, die mit Christo verloren sein sollen, sie, nur noch erlöst durch Maria –! …

Ein Ausruf des Schreckens über solche Lehren theilte sich selbst Negrino, Hubertus und Paolo Vigo mit …

Zorn regt sich in eurer Brust? sprach Federigo – Eure Blicke sagen: Nimmermehr kann solches ein Heiliger auch nur geträumt haben! … Ihr sprecht: Du von Rom verrathener, von Rom auf das Steuer eines untergehenden Schiffes verwiesener Heiland, du, du bist allein der wahre Führer! Deine Hand streckte sich einst aus und ließ über Wellen den Verzagenden sogar hinweggehen! Der Nachen, den du, du gezimmert hast, Sohn des Zimmermanns, die Flagge, die du als Wahrzeichen aufgesteckt, sie, die dein mit dem Blut beschriebenes Kreuz trägt, sie sollte nicht die glückliche Fahrt, die Einkehr in den Hafen der Seligen gewinnen? … – Doch wohin verirren wir uns – meine Freunde –! Ihr müßt in eure Wohnungen zurück – wieder sein, was euch drei Jahrhunderte zu sein zwangen – müßt leben mit den schuldlosen Nachkommen der Mörder euerer Urväter – Vergebt ihnen im Geiste der Liebe und Hoffnung –! Versagt euern Priestern nicht die Spenden, die sie noch begehren dürfen! Auch die Spenden der Andacht nicht, die in diesen Ländern üblich! Ein Korn Goldes ist immer noch bei dem schlechten Blei verdorbener Lehre! Noch ist die Zeit nicht reif, wo 380 der Schmelztiegel Gut und Böse scheiden wird! Aber das Lamm wird bald das fünfte Siegel aufthun, von welchem ich euch schon oft gesprochen habe! Unter den Altären des Himmels werden die Seelen derer, die erwürgt wurden um des Wortes Gottes willen zu zeugen beginnen, daß es auf Erden weithin widerschalle! … Die Stunde kommt näher –! O, bald wird die Freiheit im Glauben und Denken auch für Italien anbrechen! Auch in diese Thäler wird der Lichtstrahl einer neuen Sonne dringen! Läutert euch für diesen großen Augenblick! Thut das Gute, tragt im Herzen euren reinen Sinn und eure geläuterte Hoffnung! Wenn ich – ach! heute von euch scheide – ja, Geliebte ich scheide von euch! Es ist das letzte, letzte – Mal – …

Warum mußte nur das Ohr der drei Ankömmlinge und aller in Thränen gebadeten Hörer so gebannt sein von dem allgemeinen Schluchzen, Wehklagen, von den Thränen des Redners, daß jene sich still hinter einer der Bluteichen verbargen und die Worte ihres Freundes und Lehrers nicht stören mochten –! …

Jetzt mußte Hubertus, der Schärferspähende, die erstickte Abschiedsrede Federigo’s unterbrechen, mußte auf die ihnen gegenüberliegenden waldbedeckten Berge deuten und in wilder Hast wie ein Verzückter rufen:

Besteigt den Nachen Jesu! Rettet, rettet euch! …

Und auch aus dem um den Greis zusammengedrängten Haufen mußten nun wol andere, die seinen Leib zu umfassen, seine Hände, seine Füße zu küssen nicht hindurchdringen konnten, ihr Auge auf die von Hubertus bezeichnete Stelle gerichtet und unter den Bäumen an einzelnen of-381fenen Stellen schon dieselbe Störung erblickt haben … Ihr Ruf fiel in den des Mönches ein …

Voll Entsetzen erkannten Paolo Vigo und Ambrogio Negrino, die mechanisch dem voranstürmenden Hubertus gefolgt waren, die Flinten der gefürchteten Jäger von Salerno, die in der That, unabhängig vom Corps in San-Giovanni, über den Aspropotamo und Gigante gekommen waren …

Schon stand Hubertus mitten unter den in noch wildere Aufregung gerathenden, theilweise zu den Waffen greifenden Verbündeten … Die Frauen flüchteten sich zu ihren Karren … Die Kinder drückten sich schreiend an ihre Väter, die rathschlagend zusammentraten … Hubertus hatte Federigo schnell begrüßt und seine Hand ergriffen, um ihn den Weg zu führen, den Ambrogio zum Entkommen für den sichersten hielt …

Federigo deutete gelassen auf eine andere Stelle des dichten Waldkranzes, wo die rothen Pünktchen sich mehrten, die Federbüsche an den Hüten der Jäger von Salerno … Die von San-Giovanni erwarteten Truppen hätten allerdings vor drei Stunden noch nicht eintreffen können … Dies war ein Detachement, das vom Meerbusen von Squillace gekommen …

Nun war alles auseinander gesprengt und raffte die Karren, die ausgelegten Geräthschaften, die Kinder zusammen … Die Männer standen unentschlossen, ob sie zur Flucht oder zu Widerstand schreiten sollten … Heute zum erstenmal hatte ihr stetes Drängen, daß ihr Freund und Rathgeber sie über Rom, über die Priester und die Lehre der Kirche aufklären sollte, eine Erhörung 382 gefunden – Den Greis hatte der Schmerz der Trennung fortgerissen … Vier Männer, unter ihnen Ambrogio, schwangen ihre Flinten über Federigo’s Haupt … Die Hitze des südlichen Temperaments war bei diesen Männern von ihrer religiösen Denkart nicht überwunden worden … Hatte man auch nur ein Dutzend Schußwaffen, funfzehn Alpenstäbe waren mit Eisen beschlagen; Messer, welche die Fischer und Kohlenbrenner am Gürtel trugen, waren lang und geschliffen … Hubertus wartete nur auf das Zeichen, das Federigo geben sollte … Er selbst hatte sich mit einem: Halt da! denen gegenübergestellt, die ihn nicht kennen mochten und das Erscheinen eines Mönches und eines Priesters für die Vorboten einer unentrinnbaren Gewaltthat ansahen …

Meine Freunde! rief Federigo in die wilde Bewegung … Verschlimmert die Sache nicht noch mehr, als sie schon ist! … Wir wissen, daß diese Krieger das Gebirge durchstreifen seit den blutigen Aufständen an den Meeresküsten … Wer weiß, ob sie nur uns suchen … Wo Weiber und Kinder zugegen sind, konnte nichts Uebles geschehen …

Ambrogio Negrino mußte ihm diese Voraussetzung nehmen … Er erzählte, was von ihm in San-Giovanni gehört worden … Paolo Vigo und Hubertus riethen, lieber sofort das Aeußerste anzunehmen und die Sicherheit zu suchen … Seit dem Aufstand der Bandiera war nicht vorgekommen, daß sich zu gleicher Zeit eine so große Anzahl von Soldaten in diesen Gegenden hatte erblicken lassen … Viele der Frauen hatten Soldaten im Leben nicht gesehen … Sie standen 383 starr vor Entsetzen und mehrten die Rathlosigkeit der Männer, von denen die Mehrzahl sich vertheidigen wollte …

Federigo bat alle, sich der Sorge um ihn selbst zu entschlagen und nur auf die eigene Rettung bedacht zu sein … Den Zumuthungen zur Flucht widerstand er entschieden, ordnete die Leute so, daß sie in zerstreuten Haufen sich auf die Heimkehr über solche Wege begaben, die nur ihm bekannt waren … War auch das Thal so eng, daß ein auf dem Gebirgskamm plötzlich fallender, schon als Alarmzeichen dienender Schuß ringsum in siebenfachem Echo widerhallte, so fehlten Auswege nicht und nicht alle Gebirgsspalten konnten zu gleicher Zeit besetzt sein …

Inzwischen mehrten sich die verdächtigen Zeichen und schon wurden die militärischen Commandos hörbar …

An ein Entrinnen ist nicht zu denken! sagte zu aller Schrecken der jetzt für immer dem Verderben geweihte Pfarrer von San-Giovanni … Ambrogio und Hubertus schilderten zu wiederholter Bestätigung, was sie in San-Giovanni und Spezzano gesehen hatten …

Inzwischen war von den Entschlosseneren unter den Männern ein Rückzug angeordnet worden, der vielleicht über die Serra del Imperatore möglich war … Eiligst warf man die Geräthschaften auf die Karren, gebot den Kindern Ruhe, brachte die Maulthiere und Esel in Bewegung und in einer Viertelstunde war es um Federigo’s Hütte still geworden … Nur noch Hubertus, Paolo Vigo und Ambrogio Negrino blieben zurück …

Inständigst bat sie der Greis, jenen Felsenspalt, den er kannte und für vollkommen sicher erklären mußte, 384 statt seiner aufzusuchen … Eilt euch, meine Freunde! sprach er … Kümmert euch nicht mehr um mich … Meine Stunden sind gezählt und ich habe nicht einmal eine schlimme Hoffnung für mich – ich habe sie nur für euch …

Wir sind dort alle sicher … entgegnete Ambrogio …

Ich beschwöre euch, geht allein! wiederholte Federigo … Ich suche mein Ende … Laßt, laßt mir, was beschieden ist –! … Ich versichere euch, es wacht nicht nur Gott über mich, sondern auch manche Freundesseele unter den Menschen … Soll ich euch, meine geliebten, theuern Freunde, unglücklicher machen, als ihr jetzt schon mit euerm getheilten, zaghaften Herzen seid? … Gott ist mein Zeuge, ich pflanzte nichts in euch, was nicht schon in euch war! … Ich hielt euch zurück, euch den größten Gefahren preiszugeben … Wenn ich mich dem Drängen nach Entscheidung heute fügte, so ist es billig, daß mich die Folgen allein treffen … Flieht, flieht –! … Bewahrt euer Geheimniß, lehrt diese Menschen das ihrige hüten – bald brechen neue Zeiten an! … Vielleicht vernimmt noch Euer Ohr den Sieg des Evangeliums von Rom! …

In diesem Wettstreit – die Verehrer des Greises wollten sein Schicksal theilen – mehrte sich die Unruhe ringsum … Das Thal wurde lebendiger … Von Aexten getroffen brachen hie und da die Zweige zusammen … Hier blitzten Flinten auf, dort entluden sich welche … Federigo wehrte Hubertus, der ihn auf seinen Armen forttragen wollte … Rettet nur euch! bat er wiederholt … Für mich ist gesorgt …

385 Alle starrten, als sie sahen, wie Federigo jetzt in seine Hütte trat, dort ein brennendes Licht ergriff, die Flamme an die Wände hielt, die von dürrem Moose gefugt waren, und seine Einsiedelei in Flammen steckte …

Paolo Vigo suchte das verzehrende Feuer abzuhalten von den Gedankenschätzen, die hier in Büchern und Blättern aufgehäuft lagen und aus denen er jahrelang Trost und Erhebung geschöpft hatte … Aber die Papiere und Bücher brannten schon und bald züngelte die Flamme um die ganze Hütte …

Gedanken an Rettung und Flucht verließen nun die drei Freunde gänzlich … Willenlos ließen sie den Greis gewähren … Sein Betragen war seltsam … So fast, als käme ihm dieser Ueberfall erwünscht, ja als wäre er früher oder später auf einen solchen vorbereitet gewesen …

Aus dem Brande ergriff er einige wenige Bücher, um sie zu retten und seltsamerweise noch drei Stäbe, von denen er jedem der Freunde einen einhändigte mit den Worten:

Schützt euer Leben und euere Freiheit – … Bewahrt aber, jeder von euch, wie irgend möglich, diesen Stab, den ich euch auf die Seele binde –! …

Nun vollends blieben sie wie angewurzelt stehen …

Er wiederholte seine Worte und setzte hinzu:

Sucht mit äußerster Anstrengung euch diese Stäbe zu erhalten … Wenn ihr nicht entweichen wollt, ihr Armen, so bitt’ ich nur noch dies … Es kommt ein Augenblick, wo ich oder irgendwer euch mittheilt, welche Anwendung ihr von diesen Stäben machen sollt …

Die Hütte brannte nieder … Eine Viertelstunde 386 darauf waren auf einer rauchenden Trümmerstätte alle vier die Gefangenen der Inquisition …

Fünfzehn auf der Flucht noch aufgegriffene Männer, an ihrer Spitze auf einem und demselben Karren Federigo, Hubertus, Paolo Vigo und Ambrogio Negrino, kamen am Abend desselben Tages zu Spezzano nicht nur von Reitern und Fußvolk geleitet an, sondern vom Schwarm der Bewohner des halben Gebirgs …

Das Kirchenfest von Spezzano mit all den Späßen, die mit tausend Lichtern und Lampen die Gottheit, wie die Chinesen den Neumond feiern, war im vollen Gange …

Die Ketzer von den Bluteichen! hieß es – … Und mancher staunte, darunter einem alten Bekannten zu begegnen … An der Spitze des Zugs befand sich der „Hexenmeister“, der von den Fanatikern verspottet, von den meisten mit unheimlichem Grauen betrachtet wurde … Die Mehrzahl wurde nach Cosenza abgeführt … Die vier verbundenen Freunde kamen nach Neapel …

Der Abschied, den sie alle von einander und von den Ihrigen nahmen, ließ selbst die von ihrem Pfarrer fanatisirten Bewohner von Spezzano glauben, daß die Ketzer Menschen bleiben wie andere … Das Weinen der Frauen steckte an … Die Volkshaufen konnten zuletzt von den Mönchen und Priestern, die anhetzen wollten, nicht mehr recht zu Beschimpfungen entflammt werden …

Am meisten rührte der Abschied, den Rosalia Mateucci von ihrem in San-Giovanni in solcher Lage begrüßten Bruder, dem Pfarrer Paolo Vigo, nahm … In Spezzano entriß ihm zwar eine Frau das Kind, das er segnen wollte, aber das halbe San-Giovanni, das bis Spez-387zano mitgezogen war, trat dazwischen und Scagnarello erbot sich sogar, die weinende Rosalia nach Cosenza umsonst zu fahren … Was sie an Geld bei sich trug, hatte sie dem heißgeliebten, unglücklichen Bruder aufgezwungen, den in so unwürdiger, diesseits und jenseits verlorner Erniedrigung wiederzusehen ihr das Herz brach … Paolo Vigo sprach laut über die Freude, leiden zu dürfen um des Heilands willen … Als er laut betete, senkten sich die Häupter … Niemand unterbrach seine feierlich erhobene Rede …

Paolo Vigo zog allem, was ihn treffen konnte, das Glück vor, bei Federigo zu sein … Alles hatte man ihm genommen, nur den Stab nicht, den auch die beiden andern Gefangenen trugen … Der Pfarrer von Spezzano zeigte dem Guardian von San-Firmiano, der seinen beiden Klosterangehörigen bis Spezzano gefolgt war, eine Vollmacht des Erzbischofs von Cosenza, der zufolge das Kloster die beiden Leviten nicht reclamiren durfte …

Rosalia Mateucci schwur dem hochheiligsten Erzbischof von Cosenza eine Rache – wie sie nur vom Blick einer Neapolitanerin begleitet sein konnte …

Transporte von Gefangenen waren und sind in diesem Lande an sich etwas Gewöhnliches …

Der Wagen, begleitet von sechs Schweizer-Dragonern, glitt niederwärts – der kreidigen, staubbedeckten Landstraße und – den blauen Wogen des Meeres zu – hin nach Neapel, wo Hubertus, mit Verzweiflung sich allein als den Urheber aller dieser Schrecken anklagend, nur einen einzigen Gegenstand suchte – die Rauchsäule des Vesuv …

388 12.#

Was Lucinde vor Jahren geahnt hatte, daß sie nach einer kurzen glänzenden Periode des Glücks nur zu bald wieder in Elend versinken würde, war allerdings nach dem Tode Ceccone’s für einige Zeit eingetroffen …

Aber wie sie am Tage nach dem Hochzeitsfest Olympiens berechnet hatte, sie war wenigstens die rechtmäßige Gräfin Sarzana geblieben … In ihrer Theilnahme an den Demonstrationen modischer Kirchlichkeit lag eine Versöhnung für alles, was in zweideutiger Weise ihren Ruf treffen konnte … Sie war eine Büßerin, trug nur dunkle Farben, senkte ihr ohnehin schon zur Erde sich neigendes Haupt in dem Grad, daß die jetzt fast Sechsunddreißigjährige einen gekrümmten Rücken bekommen zu haben schien und mit ihren noch immer blitzenden Feueraugen die Menschen, das Leben und die Welt von unten her um so unheimlicher betrachtete …

Jetzt, wo Friede und Ruhe wieder in Rom eingezogen war, hatte sie sogar die Mittel gefunden, eine Art „Kreis“ um sich zu ziehen … Die Sorge um einen solchen „Kreis“ ist nicht gering; sie ist mit steter Aufregung und 389 mancherlei Aerger verbunden … Sie hatte einen Donnerstag proclamirt, an dem ihr Haus allgemein und massenhaft zugänglich war, während sonst zu ihrem engern Kreise nur wenige „Intimitäten“ gehörten …

Diese Wiederherstellung war ihr in diesem Herbst und Winter nach vielen Mühen gelungen … Die „Donnerstage“ der Gräfin Sarzana waren besucht …

Die Wohnung, die sie innehatte, gehörte dem ältesten Rom des Mittelalters an und lag in der „Straße der Kaufleute“ … Hier standen alte Paläste, die den herabgekommenen Geschlechtern alter Tage gehörten; dunkle, verwitterte Steinmassen, im Erdgeschoß und Bodengelaß oft zu Waarenmagazinen benutzt, umgeben von baufälligen Nachbarhäusern … Es lag ein gewisser Nimbus um diese alterthümlichen Wohnungen und selbst im dritten Stock, den die Gräfin Sarzana bewohnte, war einer dieser Paläste leidlich „anständig“, auch wenn man im Eingang an den Fässern eines großen Kaufmannsgeschäftes vorüber mußte und die Treppen mit Wollsäcken verengt fand, die innenwärts auf die oberen Böden gewunden wurden … Darum hatten die inneren Gemächer, zumal wenn sie erleuchtet waren, doch durch Bauart und architektonische Ausschmückung ein beinahe fürstliches Aussehen … An ihren „Donnerstagen“ bedienten mehre Diener in Livree … Für gewöhnlich hatte die Gräfin nur ihrer zwei … Auch eine Equipage, eine gemiethete freilich, durfte nicht fehlen …

Es war ein Geheimniß, woher die Einnahmen dieser deutschen Dame flossen … Oft hatten ihr Bonaventura, Paula, Graf Hugo vergeblich Pensionen angeboten … 390 Ceccone’s letzter Wille verlangte, daß sie zeitlebens das kleine Palais bewohnte, in welchem ihm Graf Sarzana den Tod gegeben … Sie bezog es nicht; verwerthete aber die Vergünstigung durch Vermiethung … Als Olympia in London selbst nicht mehr mit ihren Einnahmen auskommen konnte, stellte sie die Bedingung, daß Gräfin Sarzana das Palais ihres Onkels entweder bezog oder die Nutznießung an sie, seine Erbin, abtrat … Lucinde zog letzteres vor … Nun, wo ihr jährlich tausend Scudi fehlten, traten die harten Zeiten ein … Ihre „Missionsreisen“ wurden ihr zwar bezahlt, sie wohnte in Ordenshäusern, auch hatte sie eine Hülfe, die ihr manchmal in äußersten Fällen beistand – die alte Fürstin Rucca … Nur wurde auch diese vom Herzog Pumpeo so in Anspruch genommen, daß sie Schulden hatte und dann im Gegentheil von Lucinden zu borgen kam … Lucinde nahm in solchen Fällen keinen Anstand, über die Börsen derer zu gebieten, die unter ihren Bekanntschaften reich waren … So bei Frau von Sicking, die auf ihren geistlichen Tendenzreisen oft nach Rom kam und Lucindens Protection begehrte … Treudchen Ley, deren Gatte, Piter Kattendyk, sich nicht nur in die ernste Lebensaufgabe geworfen hatte, Stadt- und Commerzienrath zu werden, sondern sich auch mit der so schmählich von ihm beleidigten Kirche und Religion auszusöhnen (Professor Guido Goldfinger hatte das Geschäft gerettet und schwang sein Scepter über die Hauptbücher mit tyrannischer Gewalt), auch Treudchen Piter Kattendyk ließ ihrer Freundin Gräfin Lucinde Sarzana eine regelmäßige, wenn auch nur kleine Pension aus-391zahlen … Goldfinger hatte diese als Tribut der Familie, desgleichen infolge letzten Willens der selig verblichenen Schwiegermutter Wally Kattendyk, anerkannt und sogar etwas vergrößert unter ausdrücklicher Nebenbedingung, daß Lucinde in der Peterskirche an einem gewissen Altar für das Haus Kattendyk und die Angehörigen desselben jährlich eine Messe lesen lassen sollte – sie erstand sie wohlfeiler, als von Deutschland aus möglich war …

Alle diese Hülfsmittel würden nicht ausgereicht haben, z. B. dem Andenken des Grafen Sarzana, trotzdem, daß er für die Sache des „Atheismus“ gefallen war, auf dem Kirchhof an Porta Pancrazio ein glänzendes Denkmal zu setzen, im eigenen Wagen zu reisen, einen alten Palazzo in der Strada dei Mercanti zu bewohnen, einen Jour fixe, regelmäßig zwei Bediente und eine Equipage zu halten – wenn nicht Lucinde noch einen Beistand gefunden hätte, welcher der frommen Convertitin seltsamerweise – aus der Türkei kam …

Gräfin Sarzana kannte Italien und wußte, daß dort Speculation nicht schändet … Sollte es allmählich herauskommen, daß sie einen Handel mit allerlei kostbaren türkischen Waaren, Shawls, Seidenstoffen, Kleinodien trieb – was that ihr das –! … Diese Dinge kamen ihr aus Kleinasien zu, wo in Brussa, an den Abhängen des Olympos, da wo einst im ambrosischen Licht die Götter Homer’s gethront, Abdallah Muschir Bei wohnte, ein vornehmer reicher Mann, Renegat, niemand anders, als der ehemalige päpstliche Sporenritter und Oberprocurator Dominicus Nück …

392 Wir kennen die Schreckensscene, als Ceccone, der ohne Lucindens Plaudereien nicht leben konnte, in einem Cabinet, dessen Thür durch Zufallen von innen sich von selbst verschloß, bei ihr verweilte, Sarzana mit blanker Klinge die Thür sprengte und nach dem Cardinal stach … Als damals Lucinde zu den „Lebendigbegrabenen“ geflohen war, ließ sich eines Tages am Sprachgitter ein Fremder melden, welcher seinen Namen nicht nennen mochte … Ueberall Mord und Verrath fürchtend, wagte sich Lucinde nicht ans Gitter, sondern ließ sich verleugnen … Dieselbe Meldung kam acht Tage später wieder … Als sie nun tiefverschleiert und wie eine Nonne am Gitter erschien und den Mann erkannte, welcher sie zu sprechen wünschte und den sie zum letzten mal gesehen als einen fast von ihrer eigenen Hand Erhängten, erbebte sie, überflog in schneller Fassung die gegenwärtige Stellung, in der sie sich befand, ihre Rücksichten, die Gesinnung, die sie zur Schau tragen sollte, wechselte nur wenige kalte Worte mit ihm und gab sich ganz den Nimbus, der ihr als Gräfin und Fromme gebührte … Bei einer dritten Meldung nahm sie den unheimlichen Besucher gar nicht an … Inzwischen blieb sie bei den alten Parzen des Klosters wohnen und sah die wahnsinnige Lucrezia Biancchi in ihren Armen sterben … Jetzt schrieb ihr Nück … Ob sie denn ganz die deutsche Heimat vergessen hätte, ob sie ihn für unwürdig hielte, dem Puppenspieler Weltgeist hinter die Coulissen zu sehen, mit einzublicken in die Gedankenmaschinerie einer großen, stolzen und die Welt verachtenden Seele, wie die ihrige – oder ob sie Furcht haben könnte – vor 393 wem? – vor was? – Vor sich selbst — doch gewiß am wenigsten! – Wol gar vor ihm –! … Er bot ihr, die in so viele Geheimnisse seines Daseins eingeweiht war, die ihn vor den schrecklichen Folgen der Rache Hammaker’s vom Hochgericht hernieder bewahrt hatte, den Mitgebrauch seines Vermögens, das er, nach einer Trennung von seiner Frau, so weit an sich gebracht hatte, als ihm sein eigen Erworbenes nicht entzogen werden konnte … Zur Ehe nehmen konnte er Lucinden nur dann, wenn beide die Religion wechselten … Auch das schlug Nück vor … Er schilderte den „schwarzen Falken“, einen Indianerhäuptling voll Tapferkeit, Großmuth, Gerechtigkeitliebe, der an nichts geglaubt hätte, als an den „großen Geist“ – … Er erläuterte die Philosophie Buddha’s mit wenig Federstrichen – … Jedenfalls schlug er nicht den verhaßten „Rückschritt“ des Protestantismus, sondern, wenn sie wolle, Islam oder Judenthum vor … Lucinde war damals so unglücklich, daß sie diese Zeilen lange mit Aufmerksamkeit betrachtete. Es war ein Brief in den Wendungen, wie sie Nück liebte – Cynismus abwechselnd mit Melancholie … Offen gestand er, daß er sich daheim nicht mehr hätte halten können; zu schlimme Gerüchte hätten ihn verfolgt; ein ruheloser, unstäter Geist irre er jetzt von Stadt zu Stadt und wiche Jedem aus, der sich, weil er wisse, daß er einen Kopf, zwei Arme und zwei Beine hätte, ein vernünftiges Wesen dünke … Rom, für dessen Macht und Herrlichkeit er sonst seine eigene Vernunft eingesetzt, erschiene ihm eine wüste Einöde … Er müsse sein altes von Hause mitge-394brachtes Rom nehmen und über die langweilige Stadt, die er hier anträfe, „überstülpen“, um hier nur auszuhalten … Nur den ihm geistesverwandten Klingsohr hätte er besucht und von diesem die Empfehlung eines ehemaligen türkischen Priesters, der Christ geworden, erhalten … Um seinerseits umgekehrt vielleicht ein Türke zu werden, lerne er von diesem die türkische Sprache … Er bot Lucinden an, sein Weib zu werden und mit ihm nach Kairo zu gehen …

Sie antwortete ihm nicht und Nück verschwand dann aus Rom … In Neapel vervollkommnete er seine Kenntnisse im Türkischen, ging nach Stambul, von da nach Brussa … Ohne ihr die ihm bewiesene Kälte nachzutragen, schrieb er Lucinden als Abdallah Muschir Bei … Die beredtesten Schilderungen zeigten ihn als leidlich glücklich; er beschrieb seine Einrichtung, den Harem seiner Frauen; – nur bedauerte er, daß er krank und alt wäre … Gerade dies von Erdbeben heimgesuchte, jedoch über alle Beschreibung schöne Brussa hätte er gewählt, weil die berühmten Schwefelquellen der Stadt „direct aus der Hölle flössen“ … Seinen Justinian könne er nun nicht mehr verwerthen und hätte auch nach so langer Advocatenpraxis ein unwiderstehliches Bedürfniß nach Ehrlichkeit … Deshalb wolle er – Kaufmann werden, wie sein Schwager Guido Goldfinger – im Orient befleißigte der Kaufmannsstand sich wirklich der Ehrlichkeit … An den berühmten Seidenwebereien Brussas betheiligte sich Abdallah Muschir Bei mit Kapitalien …

Jetzt antwortete ihm Lucinde und es vergingen seitdem nie sechs Monate, wo nicht über Stambul 395 und Venedig her ein Geschenk an kostbaren Stoffen, seidenen oder wollenen, an Teppichen und Shawls, auch an kostbaren Geschmeiden für sie ankam … Da in diesen Briefen jeder seinen Standpunkt beibehielt, so konnten sie nicht ohne Reiz zur Fortsetzung bleiben … Abdallah verharrte dabei, daß er Lucinden geliebt hätte, liebe und lieben würde in Ewigkeit … Auch noch jetzt könnte er seinen Sklavinnen nur Geschmack abgewinnen, wenn seine Phantasie sie in Lucinden verwandelte … Die Geschenke Abdallah’s zurückzuschicken oder abzulehnen war zu umständlich – Lucinde behielt sie und verkaufte sie gelegentlich, wenn sie in Noth war … Ein einziger Shawl half ihr dann auf Monate …

Ihre demnach mit türkischem Geld unterhaltenen „ultramontanen Donnerstage“ wurden von allen jenen Menschen besucht, die nach Rom ziehen, wie die Weisen des Morgenlands nach Bethlehem … Alle Nationen waren hier vertreten … Die süßlächelnden jesuitischen Abbés der Franzosen; die englischen Katakombenwallerinnen, die im feuchtmodernden Tuffgestein die anderthalbjahrtausendalten Fußtapfen der Wiseman’schen „Fabiola“ suchten; deutsche Künstler, die den Untergang des Geschmacks von den zu weltlichen Madonnen Raphael’s herleiteten und an Giotto anknüpften; Gelehrte, die alle gangbaren Geschichtsbücher umschrieben, so, daß sie immer das Gegentheil dessen, was die deutschen Kaiser erstrebten, als das Richtigere darstellten, die Päpste zu allen Zeiten Recht behalten ließen – meist fanatische, geistvolle Menschen – und Gräfin Sarzana wußte selbst Die unter ihnen zu fesseln, die nicht die Intrigue liebten 396 … Das Deutsche, mit dem sie oft begrüßt wurde, behauptete sie vergessen zu haben; schon lange sprach sie ihr Italienisch mit Feinheit und jedenfalls in jenem rauhen, tiefliegenden Ton, der am gewöhnlichen Organ der Italienerinnen den bekannten Wohllaut ihres Gesangs bezweifeln lassen könnte … Ihre Kunst, einen Abend belebt zu machen, Niemanden zu lange im Schatten stehen zu lassen, galt für musterhaft … Gelehrte Streitigkeiten duldete sie bis zu einem gewissen Grade, der jedoch bei weitem über den der Oberflächlichkeit hinausging – … Viel hockte sie unter Büchern, die ihr Klingsohr bis an seinen vor einigen Jahren erfolgten Tod zutrug – die Hektik, die Cigarre und der Orvieto untergruben ihn –; sie lernte unaufhörlich und konnte aus Bibel und Kirchenvätern eine Menge Beispiele für Behauptungen anführen, die den größten Lichtern der Sapienza und des Collegio anregend waren … Ihr Vorsprung war dabei der, daß sie alles Vergangene so nahm, wie Gegenwärtiges … Die Menschen hatten nach ihrer Auffassung zu allen Zeiten dieselben Schwächen, dieselben Bedürfnisse; die Forderungen der Natur waren sich zu allen Zeiten gleich … „Sonderbar!“ sagte sie – „Die Gelehrten sind auf diese Voraussetzung so wenig gerüstet! Für das Natürlichste, für den Gebrauch eines Nasentuches in der Hand Cicero’s, muß ihnen erst ein Citat aus einem alten Schriftsteller die beruhigende Anlehnung geben!“ …

Von Klingsohr, dem es gegangen, wie den deutschen Lanzknechten im Mittelalter, wenn sie bis zu dem altgefährlichen Capua kamen, schrieb ihr Abdallah Muschir 397 Bei: „Ist er nun zu seinem Vater und zum Kronsyndikus! O, dieses eitlen Prahlers! Er erstrebte eine Bedeutung, zu welcher ihm weniger Fleiß und Beharrlichkeit, wie er vorgab, als schöpferisch geistige Kraft fehlte! Statt letzteres offen einzugestehen, schmähte er die Trauben, die ihm zu hoch hingen! Das ganze deutsche Volk ist wie Klingsohr und gewiß fressen es auch noch einmal die Kalmücken und Tartaren!“ … Lucinde theilte diese Ansichten … Als sie die ihr von Klingsohr hinterlassene Habe desselben musterte, Brauchbares verkaufte, seine Papiere, seine angefangenen philosophischen Werke unbarmherzig ins Feuer warf, sogar seine Gedichte, in denen doch nur sie besungen war, ließ sie sich selbst von jener Brieftasche nicht rühren, die einst in Klingsohr’s und ihrem eigenen Jugendleben eine so große Rolle gespielt hatte … Nachdem sie einen Augenblick zweifelhaft gewesen, ob sie dies Angedenken an die düsteren Verwickelungen im Hause der Asselyns und Wittekinds nicht gleichfalls mit in jenes Kästchen von Ebenholz legen sollte, das ihren ganzen Lebensschatz enthielt – mit zu den noch unverkauften Gold- und Silbergeschenken Nück’s – zu all den Briefen und Blättchen, die sie von Bonaventura’s Hand besaß – zu Serlo’s Denkwürdigkeiten und zur Urkunde Leo Perl’s – verbrannte sie es – gerade an einem Tage, wo drei deutsche Pilger bei ihr vorgesprochen hatten, die zu Fuß nach Rom gewallfahrtet kamen, Stephan Lengenich, Jean Baptiste Maria Schnuphase und der Paramentensticker Calasantius Pelikan aus Wien … – Alle drei erhielten zeitig den gesandtschaftlichen Rath abzureisen – sie betranken sich täglich …

398 So gab es der Abwechselungen genug, zu denen sich dann die Reisen, der Aufenthalt in Genua, in Coni gesellte, bis die Revolutionen ausbrachen, wo sich Lucinde in Venedig und glücklicherweise durch die Hülfe hielt, die ihr aus dem Orient kam …

Jetzt war ein halbes Jahr seit „Wiederherstellung der göttlichen Ordnung“ verflossen … Wieder war die römische Saison, kurz vor dem Carneval, in aufsteigender Höhe … Wieder war ein „Donnerstag“ gewesen …

Lucinde saß, zufrieden mit der Zahl ihrer heutigen Gäste, mit der Erinnerung an ihre eigenen Einfälle und Repliken, die sie zum Besten gegeben (was mustert man nicht alles nach einem Gesellschaftsabend am Effect, den man im Leben machen soll oder will!) … Die Herzogin von Amarillas war zugegen gewesen, noch immer tief in Trauer gehüllt – im übrigen starr, versteinert, bis zum Peinlichen unbeweglich geworden … Olympia Rucca, die zur Besserung ihrer Finanzen mit ihren Schwiegerältern Frieden geschlossen hatte und sich gleichfalls noch derselben Trauer widmete, die auch nicht Ercolano, ihr Gatte, um Cäsar Montalto abgelegt hatte – Ercolano sah in Benno’s Verhältniß zu Olympien nur eine persönliche Aufopferung der Freundschaft zu Gunsten seines Friedens, zur Vereinfachung seiner Sorgen um eine „nun einmal schwer zu behandelnde“ Frau – „Es gibt solche Ehemänner –!“ sagte Lucinde … Auch Fefelotti, der wiederum allmächtige Cardinal, war dagewesen und hatte Lucinden durch eine heimlich zugeflüsterte Mittheilung erfreut … Sie hatte den Athem des 399 Mannes zwar nicht gern in ihrer Nähe, aber sie hörte doch mit Vergnügen, was er ihr heute zugezischelt … Es erfüllte sich also, daß (irgendwo in Europa) mit einem hochbetagten lutherischen Landesvater, bei dessen Hoftheater die beiden Fräulein Serlo als Tänzerinnen engagirt, dann im geheimen zu Freiinnen von *** erhoben waren, durch Vermittelung dieser Favoritinnen ein für Rom günstiges Concordat abgeschlossen werden sollte … Hatte auch Lucinde, die dies Arrangement zu Stande gebracht, gerade kein besonderes Interesse an der Summe, die man ihr zahlen wollte, wenn die Freiinnen von *** nebst ihrer alten Mutter so lange weinten und sich kasteiten und sich abhärmten und den alten Landesvater selbst beim Champagner und nachts zwölf Uhr, wenn er im Mantel verhüllt nach Hause schlich, durch ihre Gewissensbisse peinigten, bis dieser nachgab und den für ein protestantisches Land schmählichen Vertrag mit Rom abschloß*) – ihr genügte schon, sich die Curie gründlich verpflichtet zu haben und bitterlächelnd – an Serlo’s Phantasieen über die Zukunft seiner Töchter denken zu können – …

Heute war ein neuer Gast zum dritten mal dagewesen – Pater Stanislaus aus dem Al Gesú, Wenzel von Terschka … Sechs Monate hatte dieser Verlorene in Rom verweilt, ohne daß ihn jemand erblickte … Man sagte allgemein, er hätte eine qualvolle Gefangenschaft, dann eine glorreiche Umänderung seines Sinnes zu bestehen gehabt und nun wäre er nahezu ein Heiliger 400 geworden … Jedem, der etwa erstaunte, wie hier möglich gewesen, daß ein Mann erst Priester, dann als solcher weltlich beurlaubt, beauftragt, in kurzer Robe sich in die allgemeine Gesellschaft zu mischen, dann in London zum Ketzerthum übergetreten war, wieder nach Rom zurückkehrte, sein altes Priesterkleid – „re quasi bene gesta“ sagte Lucinde – wieder anzog – Dem wurde erwidert: All diese Wandelungen im Leben Wenzel von Terschka’s beruhen auf Verleumdung! Nie war er vorher ein Priester! Nie war er ein Protestant! Jetzt erst führte ihn das Bedürfniß der Heiligung über ein leichtsinniges Leben in die geschlossenen Räume eines Bußhauses! Erst jetzt ist er geistlich geworden; jetzt in den Orden des heiligen Ignaz getreten – und auch jetzt erst heißt er Pater Stanislaus … Allen denen, die etwa an der Richtigkeit dieser Darstellung zweifeln mochten, mußte dieselbe glaubhaft erscheinen, wenn sie die hohle Wange, das düster irrende Auge, den scheuen Blick, den fast verstummten Mund, eine erschreckende Vernichtung an einem Mann wiederfanden, der sonst in Gesellschaften wie Quecksilber glitt … Der dritte Donnerstag war es heute, wo der unheimlich brütende, willenlos gewordene – alte Mann bei Gräfin Sarzana saß … Mit dem Schlag der zehnten Stunde brach er jedesmal auf; er, dem sonst die Nacht gehören mußte … Punkt fünfzehn Minuten nach zehn mußte Pater Stanislaus hinter seinen düstern Mauern sein …

Lucinde urtheilte über diese Eindrücke, wie über etwas, was sich von selbst verstand auf dem Gebiet ihres Wirkens und Lebens … Sie, die ja auch in dieser 401 Weise zu den Wiedergeborenen gehörte, ließ ganz ebenso Terschka gelten … Sie begrüßte ihn ohne jeden Schein einer Kritik und gab dem Pater Stanislaus die Ehre, die seinem Stande gebührte …

Nur ein einziges nagendes Gefühl quälte Lucinden unausgesetzt … Sie, die sonst die Reue als „unnütze Selbstquälerei“ verwarf, bereute doch Eines … Es war ein Wort, das ihr einst bei ihrer ersten Bekanntschaft mit Cardinal Ceccone über den damaligen Bischof von Robillante entfallen war: „Ich besitze in meinen Händen etwas, was ihn auf ewig vernichten kann!“ … Daß ihr dies Wort hatte entschlüpfen können, war nur möglich gewesen im ersten Rausch über die ihr gewordenen neuen Erfolge – auch im Zorn nur über Bonaventura’s damalige Abreise von Wien … Bonaventura hatte sie in einer Stadt, wohin sie ihm verkleidet durch ganz Deutschland nachgereist war, zurückgelassen, ohne sich weiter um sie zu kümmern …

Oft hatte sie diese Aeußerung, die sie auch aus Furcht vor den Drohungen des Grafen Hugo that, wenn sie daran erinnert wurde, in Abrede gestellt, hatte ihren Sinn harmlos zu deuten gesucht; aber Ceccone, Olympia, die Herzogin von Amarillas hatten die Aeußerung behalten, oft wiederholt und so rückhaltlos wiederholt, daß sie Fefelotti bekannt wurde … Dieser, von Haß und Rache gegen Bonaventura seit Jahren unveränderlich erfüllt, hatte der Vorgeschichte Bonaventura’s nachgespürt, dem Verschwinden seines Vaters, dem beraubten Sarge auf dem Friedhof von Sanct-Wolfgang … 402 Nach ihrer fernern frühern Aeußerung: „Käme, was ich habe, zu Tage, so müßte der Unglückliche auf ewig in ein Kloster!“ fehlte nicht viel, daß die seit dem Tode Benno’s zu einem großen Schlage der Rache Verbundenen, Fefelotti, Olympia, die Herzogin, schon aus sich selbst heraus die volle Wahrheit trafen … Zu einer solchen Entsagung konnte nur Jemand gezwungen werden, der mit einem dem Priesterthum widersprechenden Makel behaftet war … Selbst die Besuche Terschka’s, sein lauerndes Umblicken und grübelndes Schweigen schien dem Privatgefühl Lucindens, das von ihrer öffentlich gespielten Rolle abwich, mit einer Verschwörung gegen Bonaventura – sogar mit ihrem Kästchen in Verbindung zu stehen …

Bonaventura war noch in Rom – mannichfach begnadet und höher noch gehoben, als er schon stand … Im Sommer angekommen, hatte er seine Mutter sterbend gefunden, sie aus dem Leben scheiden sehen, von seinem Stiefvater, der dann nach Deutschland zurückkehrte, Abschied genommen und eben nach Neapel reisen wollen, als er durch einen jener plötzlichen Einfälle, welche an dem inzwischen wieder auf den Stuhl Petri zurückgekehrten Statthalter Christi alle Welt kannte, zum Cardinal erhoben wurde … Quid vobis videtur? hatte es aus des heiligen Vaters Munde im Consistorium geheißen und alles blickte auf Fefelotti … Die alte Regel, zu solchen persönlichen Willensacten des Papstes zu schweigen und ihm die volle Gerechtsame seines Herzens zu lassen, Cardinäle nach eigener Gemüthsregung zu ernennen, wurde auch hier innegehalten so sehr sich 403 die Zeiten verändert und die Porporati den Charakter einer Ständekammer angenommen hatten, aus deren Majorität weltlichverpflichtete Minister kamen … Die Trauer eines Sohnes um seine Mutter war die nächste Ursache dieser Erhöhung … Ein Erzbischof mußte hierher nach Rom zu solchem Leide kommen – –! Der heilige Vater konnte ihm dafür nur den Purpur schenken …

Fefelotti schäumte vor Wuth über die ewigen „Rückfälle“ des „unverbesserlichen Schwärmers“, der die dreifache Krone trug … Er stürmte zu Lucinden, warf ihr die Veränderung ihrer Gesinnungen für den Verhaßten vor, reizte sie durch Paula’s Glück, die gleichfalls in Rom war, und verlangte von ihr geradezu – jenes Gewisse, das sie gegen die „Creatur einer ihm feindlichen Partei“, wie er Bonaventura nannte, seit Jahren in Händen hätte …

Die düstern schwarzen Augenbrauen zusammenziehend stellte Lucinde ihre ehemalige Aeußerung wiederholt in Abrede … Jetzt zumal, wo sie mit Bonaventura auf dem Fuß neuer Hoffnungen stand … Ihre Jahre schreckten sie nicht – … Sie hatte die drei verbundenen Freunde Bonaventura, den Grafen Hugo und Paula nicht aus dem Auge verloren … Sie beobachtete scharf … Sie hatte in Erfahrung gebracht, daß sich im Herzen dieser drei Verbundenen große Kämpfe vollzogen; Bonaventura sprach für die Wünsche des Grafen, der ganz nach Wien übersiedeln oder wieder in Militärdienste treten wollte … Paula stand an einem 404 Scheidewege – ob Rom, ob Wien … Ging sie nach Wien, so waren die Würfel gefallen – Diese Ehe hatte dann ihre natürliche Ordnung gefunden … Und Bonaventura –? … Lucinde war so erregt von dem Gedanken, Bonaventura wäre als Cardinal nun an Rom gebunden, müsse dann und wann von Coni herüber kommen, könne sich ihr, ihrer Macht, ihrem Einfluß nicht entziehen, daß sie Fefelotti mit Indignation von sich wies und diesen Gegenstand nie wieder zu erwähnen bat …

Auffallend war es, daß der neuernannte Cardinal, dem am Tage der Uebergabe des Purpurhutes eines der ersten Fürstenhäuser Roms die üblichen Honneurs machte – Olympia, die Herzogin von Amarillas wohnten diesen Festen nicht bei – doch noch so lange in Rom verblieb … Der Herbst war gekommen – sogar auf den Winter kehrte der jüngste der Cardinäle immer noch nicht nach seinem Erzbisthum zurück … Niemand wußte die Veranlassung dieser verzögerten Abreise … Bonaventura selbst schützte für sein Bleiben Studien über Rom vor … Sein einziger Umgang war Ambrosi und die Salem-Camphausen’sche Familie … Selbst als es mit Olympia zu den unangenehmsten gesellschaftlichen Reibungen kam, blieb dennoch Bonaventura bis in das neue Jahr hinein … Er will den Carneval sehen! hieß es … Man beruhigte sich scheinbar, nur Fefelotti umgab ihn mit Spionen …

Auch Lucinde forschte … Ganz leise hatte sie einige Fäden von einem Verkehr aufgegriffen, welchen der neue Cardinal mit Neapel, ja mit dem Silaswalde 405 unterhielt … Ende August schon hatte sie in Erfahrung gebracht, daß Frâ Hubertus und jener Einsiedler, welcher ihnen vor Jahren soviel zu schaffen gemacht, auf Befehl der Inquisition gefangen genommen worden … Noch zuckte Fefelotti, den sie deshalb befragte, die Achsel und sagte: Die Jesuiten ließen diesen Ketzer allerdings gefangennehmen, mußten ihn aber mit seinen Genossen an die Dominicaner ausliefern! Sie kennen die Eifersucht der weißen Kutten gegen die schwarzen! … Lucinde hörte, daß Bonaventura’s Verbleiben in Rom mit Geheimnissen des Sacro Officio zusammenhing; die klare Uebersicht des Thatsächlichen fehlte ihr noch … Sie durfte erbangen über ein Wiederbegegnen mit Hubertus; aber sie wollte glücklich sein, wollte hoffen – faßte alles im heitersten Sinne auf und fürchtete für nichts …

Heute saß sie in der allerlebhaftesten Spannung … Der Grund, warum sie heute noch nicht zur Ruhe gehen wollte und konnte, war kein anderer, als die noch wie im Sturm der Mädchenbrust gefühlte Spannung ihrer Ungeduld, ob die für morgen früh beim ersten Morgengrauen angesetzte endliche Abreise des Grafen – mit oder ohne Paula stattfand – …

Das gräfliche Paar lebte sehr zurückgezogen in einem der großen Hotels an Piazza d’Espagna … Der Schleier des Geheimnißvollen, welcher Bonaventura, der seinerseits bei Ambrosi wohnte, und die Freunde umgab, war selbst für Lucinden in den meisten Dingen undurchdringlich … Lucinde hatte auch für die gegenwärtige Situation nichts anderes erspähen können, als die Absicht des Grafen, in erster Morgenfrühe die längst beab-406sichtigte und immer wieder aufgeschobene Reise nach Deutschland anzutreten … In erster Morgenfrühe sollte ein Bekannter eines ihrer Bedienten von Piazza d’Espagna, wo dieser im Hotel aufwartete, die Nachricht bringen, ob Graf Hugo – mit oder ohne seine Gemahlin abgereist war …

Reiste der Graf mit Paula, so war es ihre Absicht, für ihre noch immer glühende Liebe eine neue Demonstration zu versuchen … Sie wollte beim Cardinal Ambrosi vorfahren, wollte die Urkunde Leo Perl’s, eingesiegelt, mit einem Schreiben an Bonaventura versehen, am Palast der Reliquien abgeben – sie wollte die Bitte hinzufügen, den Empfang ihr durch eine ausdrückliche Meldung an ihren Wagenschlag oder einen Gruß am Fenster beantworten zu wollen … Reiste Paula nach Wien, so hatte sie die Absicht, sich aufs neue in der Glut ihrer nur mit dem Tode ersterbenden Liebe zu zeigen, selbst mit Gefahr, den Bund, der sich gegen Bonaventura verschworen zu haben schien, zu Gegnern zu bekommen und die Protection Fefelotti’s zu verlieren … An ihre schon grauen Haare, an ihren gekrümmten Rücken, an ihre sechsunddreißig Jahre sollte sie dabei denken –? … Was ist einem Weib von Geist – ihr Spiegel! Liebesfähigkeit gibt ihr der Wille und des Willens ewige Jugend! … Da scheut sie keinen Wettkampf mit der glatten Wange des Mädchens – eine „Jungfrau“ war sie ohnehin geblieben bei allen ihren Herzensconflicten mit Oskar Binder, Klingsohr, Serlo, Nück, Ceccone, Fefelotti – Gräfin Sarzana war sie nur am Altar geworden …

407 Lucinde nahm aus ihrem Schreibbureau ihr Kästchen … Es hatte die Form einer größern Reisecassette, war von schwarzgefärbtem Holz und mit einem guten Schloß versehen … Sie schloß es auf – blätterte in Serlo’s Papieren – ließ einige Brochen von Türkisen und Diamanten am Lichte funkeln – verlor sich in Träume, überlegte den Brief, welchen sie schreiben wollte, verschloß ihr Kästchen wieder und wollte nun zur Ruhe gehen …

Als sie in ihrem Schlafcabinet begonnen hatte sich zu entkleiden, hörte sie in der Nähe ein Geräusch … Es war ein eigenthümlicher Ton, dessen Ursache sie sich nicht erklären konnte …

Sie ergriff ihr Licht …

Indem sie um sich leuchtete, fiel ihr ein, daß sie im Nebenzimmer ihr Schreibbureau offengelassen und ihr Kästchen nicht wieder eingeschlossen hatte – …

Darüber schon zitternd trat sie ins Nebenzimmer, fand hier alles still, verschloß rasch ihr Kästchen und blickte um sich … Wieder erscholl der fremdartige leise Ton, der von irgend woher draußen und dicht neben ihrem Fenster hörbar blieb … Jetzt hätte sie den Ton so erklären mögen, als bewegte der Wind einen Klingeldraht …

Da ein solcher nicht in der Nähe und die Luft still war, die Nacht eher schwül, als windbewegt, so konnte jenes Geräusch vom Winde nicht herkommen … Es dauerte fort … Sollten Diebe in der Nähe sein? … Ihren Dienstboten zu rufen, versagte ihr bei diesem Gedanken schon der Athem … Sie wohnte zwar in einer 408 lebhaften Straße, aber mit dem Gegenüber eines alten unbewohnten Palastes … Lauter Ruf hätte auch vielleicht die Diebe entwischen lassen …

Jetzt bemerkte sie, während jener leise schnurrende Ton fortdauerte, am Fenster einen Schatten, wie von einem Seil …

Ihr Auge blieb auf diesen hin- und herschwankenden Schatten starr gebannt …

Sie klingelte jetzt heftig … Im gleichen Augenblick stürzte vom Dach über ihr ein Ziegel oder sonst ein Gegenstand auf die Straße, der unten zerbrach …

Auf ihren Balcon, der vielleicht gar durch ein Seil von oben her sollte erstiegen werden, hinauszustürzen hatte sie keinen Muth … Der große weite Saal, zu welchem jener Balcon gehörte, war unheimlich; um zu den Bedienten und Mädchen zu gelangen, mußte sie ihn durchschreiten …

Sie klingelte wiederholt und bekam endlich die Hülfe ihrer Leute …

Vom Balcon aus entdeckte man in der That einen vom Plattdach herabhängenden Strick …

Die Diener, leidlich beherzte Bursche aus dem Gebirg, sprangen, ungeachtet alles Abmahnens, mit großen Küchenmessern einen Stock höher und von dort, wo sich die Waarenlager eines Tuchhändlers befanden, auf die Plattform …

Hier regte sich nichts … Man hatte nur den freien, sternenhellen Himmel und ein unabsehbares Durcheinander von Schornsteinen … Der Dieb hatte sich also bereits in eines der Nachbarhäuser geflüchtet …

409 Luigi, einer der Bedienten, fand das Seil, das mit dreifachem Knoten um einen hohen Schornstein gewunden war und das jedenfalls einen Menschen halten konnte, der sich – etwa auf diesem Wege zum Balcon hätte hinunterlassen wollen …

Ueber dem lauten Rufen und Erörtern wurde auch die nächste Nachbarschaft im zweiten und dritten Stock lebendig … Die Mägde machten sich durch das lauteste Schreien Muth …

Die Nachforschungen, jetzt von den Nachbarn unterstützt, führten zu keiner Entdeckung, welche den Strick erklären konnte … Beim Schein des von Lucinden in ihr Schlafcabinet getragenen und da erst von ihm entdeckten Lichtes hatte sich ohne Zweifel der Dieb aus dem Staube gemacht … Die Gräfin mußte warnen, die Untersuchungen auf dem Boden fortzusetzen, da die Lichter hin und her flackerten … Jetzt erst erkannte sie, in welcher feuergefährlichen Nachbarschaft sie lebte –! … Die Tuchhändler des Ghetto hatten hier ihre Vorräthe an Tuch und Wolle liegen … Das Parterre war allerdings so verfallen, daß dem Besitzer des Hauses auf anderm Wege für diese Räume keine Miethe mehr wurde …

Als es still geworden, der Strick abgeschnitten, die Schlösser und Riegel der Schränke untersucht waren und alles wieder zur Ruhe ging, warf sich die Gräfin in höchster Aufregung auf ihr Bett und ließ sich von den schreckhaftesten Bildern peinigen, die diesen Ueberfall als wirklich vollzogen ausmalten …

Und wenn er sich wiederholte –? Wenn der 410 Dieb wol gar im Hause, in den Zimmern noch versteckt wäre? …

Sie hatte sich eingeriegelt und ihr kostbares Kästchen jetzt mit in ihr Schlafcabinet genommen …

Allerdings lag es nahe, an ihre wunderlichen Handelsgeschäfte, an ihren häufigen Verkauf von Pretiosen zu denken … Ihr aber bildeten sich andere Vorstellungen … Sie dachte an die abenteuerlichsten Absichten – sie sah einen Abgesandten Fefelotti’s, der sich ihres Kästchens bemächtigen sollte … Die längst verbleichten Bilder Picard’s, Hammaker’s, Oskar Binder’s tauchten mit frischen Farben vor ihren Augen auf …

Der Morgen erst bot Beruhigung, der ermuthigende, alles belebende Sonnenschein … Rings öffneten sich die an jedem Fenster in Rom angebrachten Markisen, die sich Lucinde freuen konnte diese Nacht nicht geschlossen gehabt zu haben; denn nur so hatte sie hören können, was am Fenster vorging …

Von allen Bewohnern der Straße schien das nächtliche Ereigniß erörtert zu werden … Neugierige sammelten sich, blickten nach oben und disputirten … Noch einmal suchte man auf den Dächern die Spur des Diebes und fand noch manchen Ziegelstein losgerissen und manchen alten leeren Blumentopf zertrümmert … Aber die Oeffnung, wo der Dieb niedergestiegen und entkommen sein mußte, konnte in einer Häuserreihe, welche sich bis an Piazza Navona zog, nicht entdeckt werden …

Um sechs Uhr kam eine Botschaft, welche die Theilnahme Lucindens für jede andere Angelegenheit, selbst für den Besuch des Polizeimeisters (natürlich eines Prälaten) 411 und die Untersuchung des von ihm als corpus delicti entgegengenommenen und vielleicht auf Entdeckungen führenden Stricks zurückdrängte … Ihr Kundschafter zeigte ihr an, daß Graf Hugo nach fünf Uhr in einem leichten Reisewagen, welchen drei Pferde zogen und dem sich ein hochbepackter vierspänniger, Gepäck und Dienerschaft führend, anschloß, abgereist war … Paula war nicht zurückgeblieben … Sie folgte ihrem Gatten nach Wien …

So war denn die Entscheidung erfolgt – das jahrelang Keimende endlich zur Reife gediehen – … Neue Sterne – neue Bahnen … Paula folgte den Mahnungen ihres einst gegebenen Jaworts und zahlte die lang gestundete Schuld der Ehe … Lucinde erkannte die ganze Tragweite dieser Veränderungen; ihre Phantasie ging über sie noch hinaus … Nun galt es in Bonaventura’s Leben die freigewordene Stelle einnehmen … Und wie ergriff sie die Aufgabe, die ihr ein neues Hoffen stellte –! … Entschieden und offen wollte sie den Geliebten vor den geheimen Conspirationen der Herzogin und der Fürstin warnen, die schon seine Heimat, Castellungo, Neapel und die Verließe der Inquisition in den Kreis ihrer Forschungen gezogen zu haben schienen … Sie wollte ihm den nächtlichen Ueberfall anzeigen, den sie heute erlebt hatte und Veranlassung daraus nehmen, zunächst die Urkunde einzusiegeln und einen Augenblick zu erspähen, wo sie Bonaventura bei seinem Freunde sicher zu Hause fand … Auch sie hielt sich in seiner Nähe einen Spion, einen Priester, welchen dem fremden Kirchenfürsten seit einem halben Jahr 412 die Congregation der Bischöfe zur Verfügung gestellt hatte …

Ihre tägliche Messe hörte sie – „um es mit keinem zu verderben“ – bald hier, bald dort … Sie kleidete sich an und fuhr zunächst an einen Ort in der Nähe des Ambrosi’schen Palastes, wo ihrer an jedem Morgen jener Priester harren und ihr sagen mußte, wo sie den Freund den Tag über sehen könnte, was er beginnen, wo celebriren, wo in Gesellschaft sein würde … Der junge Abbate sprang dann an den Wagenschlag; sie lehnte ihm ihr Ohr hin und erfuhr, wo sie hoffen konnte Bonaventura zu begegnen …

Heute hörte sie zwei Nachrichten … Eine erfreuliche, die, daß beide Cardinäle dem großen Sprachenfest der Propaganda beiwohnen würden, sie also Bonaventura sehen könnte – … Dann eine erschreckende – beide Cardinäle würden einen Ausflug nach Neapel machen …

Es war Winterszeit und letztres schon glaublich … Konnte sie aber nicht folgen? … Konnte sie nicht den neuesten Ausbruch des Vesuv sehen wollen oder vom römischen Winter, der diesmal sogar Eis gebracht hatte, gleichfalls vertrieben werden? … Andrerseits sah sie mit zunehmendem Befremden die wichtige Rolle, die im Leben Bonaventura’s Neapel zu spielen anfing – …

Mit diesen wichtigen Kunden fuhr sie in die nächste Kirche – die des Al-Gesú, in der eigentlich Jeder die Messe hören mußte, wenn er zum guten Ton, namentlich zum triumphirenden der Reaction gehören wollte – …

Während sie dort, über ihre nächsten Entschlüsse 413 brütend kniete, saß Bonaventura in den düsteren Zimmern des Katakombenpalastes in der That voll tiefster Trauer …

Die Unfähigkeit des Grafen, länger seine Liebe zu beherrschen, hatte im Wettkampf dreier Herzen den Sieg davongetragen … Noch vor einigen Tagen hatte Paula vom Eintritt in ein Kloster gesprochen – … Der Tod der Präsidentin von Wittekind war unmittelbar und in der ganzen Herbigkeit eines sich nur ungern dem Gesetz der Natur bequemenden Scheidens von den Freunden miterlebt worden – … Nun erfuhr Bonaventura, daß das stille Gute Nacht! des gestrigen Abends der Höhe seines Lebens gegolten hatte … Nun konnte es nur noch abwärts gehen … Es war zwischen den Freunden so verabredet worden, daß sie sich ganz ohne Abschied trennten …

Die nächste Zerstreuung, die nächste Füllung der Lücke seines Innern bot die Reise nach Neapel …

Ambrosi kannte jede Beziehung im Leben seines Freundes … Als Bonaventura’s Mutter gestorben war, ging eine Anzeige dieser Entscheidung in den Silaswald … Bonaventura würde die Botschaft selbst überbracht haben, hätte ihn nicht noch des Präsidenten Gegenwart und tiefste Betrübniß zurückgehalten – dann, als der Präsident abreiste und nun der Vater, wenigstens für ihn, auferstehen, der Sohn ihm an die Brust sinken konnte, seine Ernennung zum Cardinal …

Federigo’s Absicht, selbst nach Rom pilgern zu wollen, hatten die Freunde nicht erfahren können … Denn die jesuitische Reaction, die mit dem Jahre 1849 über Europa hereinbrach, drang selbst bis in jenen 414 dunkeln Winkel eines calabrischen Waldes und machte den Einsiedler zum Gefangenen … Monsignore Cocle, Bevollmächtigter Fefelotti’s, hatte jene Versammlung des 20. August gesprengt und sämmtliche Ketzer des Silaswaldes festnehmen lassen …

Ambrosi mußte das Aeußerste aufbieten, Bonaventura von unüberlegten Schritten zurückzuhalten … Sofort nach Neapel zu reisen, dort an die Pforte der Inquisition zu klopfen, wie Bonaventura wollte – es war für einen Cardinal und Erzbischof unmöglich, falls nicht davon zu gleicher Zeit Vater und Sohn die größten Nachtheile haben sollten … Ambrosi kannte aber den Haß der Dominicaner gegen die Jesuiten, die Inquisition gehörte jenen; er zog den General-Inquisitor ins Vertrauen … Pater Lanfranco wirkte in der That im günstigsten Sinne nach Neapel … Bald wurde, zur Wuth der Jesuiten, der alte Negrino freigegeben, selbst Paolo Vigo sollte unter gewissen Bedingungen zu Ostern das Sacro Offizio verlassen … Von Frâ Federigo sowol wie von dem, auf Betrieb der Jesuiten, aufs heftigste von den Franciscanern reclamirten Hubertus hieß es, beide würden nach Rom geschickt werden, sobald die Acten spruchreif wären und den letzten Spruch sollte dann das heilige Officium von Rom fällen …

Alles das wurde allerdings in einem Stil verhandelt, wie er den in solchen Fällen ehemals üblichen Scheiterhaufen entsprach … Im geheimen gab aber Pater Lanfranco die Versicherung, daß schon bis zur Weihnachtszeit beide Gefangene in Rom sein würden; schon jetzt würden sie besser gehalten, als jemals andere in ähnlicher Lage …

415 Alles das geschah aus Achtung vor den Empfehlungen zweier Cardinäle und vorzugsweise den Jesuiten zum Trotz – … Eine sofortige Unterbrechung der üblichen Proceduren war nicht möglich … Federigo galt für einen Waldenser, war beschuldigt, Proselyten gemacht zu haben, Bonaventura mußte sich ergeben in Das, was zunächst nicht zu ändern war …

Ambrosi bat den Freund in Rom auszuharren … Er beschwor ihn, sein Interesse für den unglücklichen Vater nicht zu sehr zu verrathen – unfehlbar würde er ihn damit nur verderben – … Die beiden Frauen, die vor Jahren die maßlosesten Huldigungen vor dem Bischof von Robillante zur Schau getragen hatten, saßen jetzt im Palast des alten, zum schäbigsten Wucherer gesunkenen Rucca, auf Villa Tibur und Torresani, und ersannen nichts als Kränkungen für einen Priester, dessen Erhöhung sie nicht hindern konnten … Die Herzogin hatte sich dem Präsidenten mit kalter vornehmer Haltung als seine Stiefmutter vorgestellt … Obschon Erbin eines Vermögens, das Friedrich von Wittekind seinem natürlichen Bruder ausgesetzt hatte, gab sie sich doch die Miene, diese Mittel nicht zu bedürfen … Beide Frauen waren jetzt verbunden mit Fefelotti … Sie sahen Terschka bei sich, sie hatten Geheimnisse, die selbst die schlau aufmerkende, freilich immer sanft erscheinende, immer demüthig ergebene Gräfin Sarzana nicht erfuhr … Ambrosi bat, alles seiner Führung und der nächsten, sicher nicht zu entfernten Zeit zu überlassen …

Mit Ambrosi war jener Austausch der Freundes-416beichten, von welchem sie vor Jahren gesprochen hatten, wirklich erfolgt … Einer sah auf den Grund des andern … Ja – Ambrosi war ein Schüler Federigo’s und nur glücklicher, als Paolo Vigo … Ambrosi war ein Märtyrer geworden – um einst mehr zu sein, als ein Mönch … Was ist ein Dorfpfarrer, sagte er in der That, ganz nach Bonaventura’s Ahnung, der mit einem Bischof einen Streit beginnt! … Nur ein mit dem Papste Streit beginnender Bischof reformirt die Kirche! … Das war seine Losung … Die politischen Stürme unterbrachen seine Entwickelung, aber die Stunde reifte … Vor dem 20. August 18** hatte auch er dem Bruder Federigo geloben müssen, nichts zu sein, als Katholik wie die andern …

Bonaventura hatte dem Freunde offen gestanden, wer Federigo war … Mehr noch – er hatte ihm gesagt, daß ihm – die Taufe fehlte … Getauft bist du mit dem Geiste Gottes! war die Antwort des muthigen Priesters, der ihm ebenso offen gestand, er hätte sein Leben daran gegeben – einst Statthalter Christi zu werden … Sein Gebet um Kraft und Ausdauer war nichtsdestoweniger ein reines, ein aufrichtiges … Er brauchte seine Tugend nicht zu heucheln … Einmal nur strauchelte er, als Olympia von ihm gesagt hatte, seine Lippen hätten im Beichtstuhl ihren Mund berührt … Ach, er hätte sie geliebt! gestand er dem Freunde. Er hätte sein Bekenntniß darüber, als er bestraft werden sollte, nicht zurückgehalten – Aber – seltsam! selbst dieser Fanatismus, dem Geist einer Sache, nicht ihrem Buchstaben wahr sein zu wollen, hätte sich 417 ihm in Segen verwandeln müssen – für um so heiliger hätte man ihn seitdem gehalten –! … Wenn Bonaventura sagte: Die Welt erkennt noch Heilige, wenn es ihrer nur gäbe –! – so überhoben sich beide nicht – ihr Sinn war der der Läuterung, Demuth und Entsagung – …

Die Rettung der katholischen Kirche ist ein allgemeines Concil … In dessen Hände legt der Statthalter Christi seine Gewalt nieder – … Das war ihre Losung und beide liebten das Kreuz … Daß die Religion nicht Philosophie sein könne, verstand sich ihnen ebenso von selbst, wie, daß der Katholicismus nicht zum Lutherthum übergeht …

Der treuverbundene Freund hatte dem Trauernden, dessen Liebe zu Paula aufs tiefste aus den eigenen Entbehrungen seines Lebens von ihm nachgefühlt werden konnte, unausgesetzt Nachrichten vom Vater aus Neapel gebracht, hatte ihn um Mäßigung gebeten, hatte alles gethan, um die Ungeduld des Sohns von übereilten Schritten zurückzuhalten … Bis zur Weihnachtszeit wollte sich Bonaventura zufrieden geben … Aber die Roratemessen kamen, die Weihnachtskrippen, das neue Jahr brach an – die Gefangenen kamen nicht. Nun wollten sie allerdings beide selbst nach Neapel …

Den Vormittag des 6. Januar brachte Bonaventura mit geschäftlichen Briefen zu, die an sein erzbischöfliches Kapitel gerichtet werden mußten …

Er speiste allein – Ambrosi war auswärts und durch sein Amt bis über Mittag gehindert …

418 Als Ambrosi zurückkam, begleitete er den Freund zur Piazza d’Espagna, wo die Missionäre der Propaganda ihr großes Sprachenfest hielten …

Dort mußten sie Pater Lanfranco finden … Ertheilte ihnen dieser keine Beruhigung, so wollten sie am nächsten Morgen nach Neapel reisen …

Der Saal war überfüllt … Alle Welt ergreift in Rom die Gelegenheit, Würdenträger der Kirche in reicher Anzahl versammelt zu sehen … Erschienen sie hier auch nicht in ihren großen außergewöhnlichen Prachtgewändern, so trugen doch viele ihre regelmäßigen Ordenskleider … Griechen, Armenier, Kopten, Maroniten befinden sich immer in ihren eigenthümlichen Trachten … Auch für den Freund der Physiognomik gibt es schwerlich einen interessanteren Genuß, als soviel markirte Priesterköpfe zu studiren …

Bonaventura und Ambrosi kamen an, als die Feierlichkeit schon im Gange war …

Die Schüler der Propaganda, jüngere und ältere Scholaren, darunter manche bereits geweihte Kleriker, sprachen in all den Zungen, in welchen sie einst auf Missionsreisen die Botschaft des Heils zu verkündigen hofften … Wenigstens konnten Proben von einem Viertelhundert Sprachen vernommen werden …

Ein erhabener Gedanke – ergreifend seine Bedeutung – aber die Ausführung brachte Späße mit sich … Drollig erklang es dem italienischen Ohr, wenn ihm Slavisch gesprochen wurde … Ambrosi hatte Bonaventura in eine Falle gelockt … Er wollte ihn aufheitern … Als beide ankamen, lachte die Versammlung 419 grade über die Art, wie sich eine Lobpreisung des Höchsten im Polnischen ausnahm …

Bonaventura glaubte anfangs in einen Concertsaal zu treten … Bald entdeckte er die kleine Fürstin Rucca, die in elegantester Toilette neben ihrem Ercolano saß und so vertraulich mit diesem lachte, als hätte die zehnjährige Episode ihres Lebens mit Benno gar nicht stattgefunden … In einer gestickten ordenüberladenen Uniform saß Ercolano, lorgnettirte die Damen und klatschte wie im Theater mit seinen hellen Glaçeehandschuhen Beifall, wenn eine gewandte Zunge rasch über die schwierigen Passagen der fremden Idiome hinwegkam … Neben Olympien saß zur andern Seite die Herzogin von Amarillas mit schneeweißen Haaren; sie blickte mit unversöhnlichem Groll auf Bonaventura … Olympia beugte sich demuthsvoll dem Cardinal Ambrosi und verzehrte ihn noch jetzt mit süßlächelndem Gruß – eine Geberde, die ihr auch jetzt noch angenehm stand; gegen Bonaventura dagegen verwandelte sie die süßen Züge in jene ihr eigne plötzliche Kälte und verneigte nicht einmal ihr Haupt, wie dies die Herzogin doch beiden that …

Gräfin Sarzana fehlte nicht … Sie hatte in ihrer Nähe so viele, die sich mit ihr unterhielten, daß ihr Olympia schon neidische Blicke zuschoß … Der von Ambrosi den Freunden bestellte Sitz war zufällig dem der Gräfin Sarzana so nahe, daß sie mit Bonaventura einige Worte wechseln konnte … Natürlich galten diese der Abreise Paula’s … Schließlich sagte sie:

Morgen in der Frühe, um zwölf Uhr – find’ ich Sie da in Ihrer Wohnung, Eminenz? … Zu keinem 420 Besuch … Nur einen gewissen Gegenstand wollt’ ich an Ihrem Portal abgeben und eine Beruhigung über den richtigen Empfang haben … Und denken Sie sich – diese Nacht sollte – bei mir – …

Ein schallendes Gelächter machte ihre fernere Rede für Bonaventura unhörbar … Ein Neger hatte eben madagassisch gesprochen und Gurgeltöne hervorgebracht, die noch kaum der menschlichen Sprache anzugehören schienen – …

Bonaventura war über Lucindens Anblick, ihre Rede, ihr Bedauern wegen Paula’s ergriffen … Welche glänzende Toilette hatte die Gräfin gemacht –! … Sie trug ein schwersammetnes Kleid von dunkelrother Farbe … Arme und Hals waren frei … Den allzu grellen Effect milderte ein schwarzer um den Hals festzugehender Spitzenüberwurf … Um den Nacken schlang sich eine Kette von schwarzen Perlen – mit jenem goldenen Kreuze, das sie nie ablegte … Hier und da war ihr Haar schon grau; ein kleines schwarzes Spitzentuch, das an beiden Seiten mit Brillantnadeln festgehalten wurde, lag darüber … Die unter den Spitzen vorschimmernden immer noch wohlgerundeten braunen Arme trugen am Handgelenk kleine zierlich gewundene Schlangen aus schwarzer Lava …

Vorzugsweise schien Fürst Ercolano die Claque zu leiten … Eine Côterie ihm ähnlich aufgeputzter Dandies schlug auf seinen Wink die Hände zusammen, so oft eine halsbrechende Passage ohne Stocken von den Lippen der Sprecher glitt, unter denen sich Neger und Malaien befanden … Selbst das heilige Hebräisch fand keine Gnade 421 vor den Ohren dieser Zuhörer, denen die andächtiger gestimmten Fremden schon zuweilen zischen mußten … Freilich klangen einzelne Sprachen komisch genug; andere desto melodischer; z. B. Türkisch … Als türkisch gesprochen wurde, schlug Gräfin Sarzana die Augen nieder … Fürchtete sie, um Abdallah Muschir Bei beobachtet zu werden –? … Das Arabische klang schroff, rasch, „wie Rosseshufschlag“*) … Ein syrischer Priester sprach kurdisch; in sanftem Wellenschlag flossen oft die Idiome der wildesten Völker … Dunkel dagegen und trübe erklangen die Sprachen des Nordens, das Englisch der Irländer und Schotten … Einige förmliche Wettreden wurden aufgeführt, an denen mehrere Sprecher theilnahmen … Auch das Holländische wurde hörbar – Deutsch durch den rauhesten oberbairischen Dialekt, der nicht im mindesten Anklang fand und vorzugsweise von Olympien lächerlich gefunden wurde, indem sie höhnische Blicke auf Bonaventura warf …

Ein unverkennbarer Blick aus den Augen der Gräfin Sarzana sagte: Sprächest Du das Deutsche, so wär’ es Wohllaut und die Sprache der Götter! …

Die Stimmung, in welcher sich Bonaventura befand (vor ihm lagen die Fenster der von Paula heute verlassenen Wohnung; sie waren geöffnet, mit Spuren der Abreise ihrer bisherigen Bewohner) bestimmte ihn, ihrem Blick durch milden Ausdruck des seinigen zu erwidern … War es eine durch die deutsche Sprache geweckte 422 Rührung beim Gedanken an die Heimat, beim Hinblick auf alles, was sein Leben, das Leben seiner Nachbarin auf dem Boden des Vaterlandes schon durchlaufen hatte und wie sie beide das Gewand einer fremden Nationalität angezogen hatten und jetzt in der That durch ihre Lage Verbundene waren – oder welches andere Gefühl ihn ergriffen haben mochte – sein Blick blieb voll Milde und Antheil … Lucinde hätte gewünscht, die Rückgabe der Urkunde schon für heute angesagt zu haben … Sie suchte nach einer Gelegenheit, sich ihm verständlich zu machen und hatte ihn auf alle Fälle wegen Neapels zu befragen – …

Vor Bonaventura saßen mehre Mönche in schlichten Ordensgewändern …

Unter ihnen befand sich Pater Lanfranco, der General der Dominicaner …

Ambrosi blinzelte seitwärts auf Bonaventura und flüsterte ihm die Bitte, an den General keine Frage wegen Federigo’s zu richten … Neben dem General saßen zwei fremde, wie es schien, angesehene Weltpriester, denen sich anmerken ließ, daß sie zu den Affiliirten der Jesuiten gehörten … Römischkatholische Geistliche haben darin einen Blick, der sich selten täuscht …

Pater Lanfranco in seiner weißen Kutte saß mit gebeugtem Haupte, unbeweglich; am kahlen Scheitel war ersichtlich nur sein Gehör in Thätigkeit … Ein südfranzösischer Kopf, scharf ausgeprägt … Ein Schädel nicht rund, eher länglich und nach oben viereckt auslaufend, wie die getrocknete Feige … Bei einem 423 Lobgesang auf Maria in provençalischer Sprache wurde seine unbewegliche Gestalt lebendiger …

Ein italienischer Zögling trat auf und sprach malaiisch – die Abwechslung blieb die bunteste – …

Als der Redner in seinem wunderlich lautenden Vortrag stockte, sagte einer der Nebenmänner des Generals:

Im Sacro Officio sollen Ihre Brüder in Neapel einen Mönch haben, der diese Sprache besser versteht! …

Sie kommt mir vor, entgegnete Lanfranco in fremdartigem Italienisch, als balancirte ein Jongleur auf der Lippe mit geschliffenen Messern; da kann wol eins zur Erde fallen …

Bonaventura konnte nicht den Namen Neapels nennen hören ohne aufzuhorchen … Noch dachte er nicht an den Bruder Hubertus, dessen ehemaliges Leben in Java ihm bekannt sein durfte …

Nach einer Weile wurde auch ein auf dem Programm verzeichneter holländischer Vortrag gehalten, für welchen der General der Jesuiten, ein Holländer, competent gewesen wäre – er war nicht anwesend …

Diese Probe ging geläufiger …

Der General der Dominicaner sagte zu seinem Nebenmann:

Ist Ihr Malaie nicht auch mit dem Holländischen vertraut? …

Gewiß! sagten seine beiden Nebenmänner zu gleicher Zeit und einer fügte hinzu:

Jener Bruder Franciscaner, der vor Jahren den Pasqualetto erschoß …

424 Bonaventura, erkennend, daß von Hubertus die Rede war, wollte sich in die Unterhaltung einmischen, als ihn Ambrosi mit einer heimlichen Handbewegung zurückhielt …

Merkt Ihr denn nicht, mein Freund, flüsterte er ihm zu, daß es nur darauf abgesehen ist, Ihre Aufmerksamkeit zu erregen? …

In der That warfen die beiden Weltgeistlichen flüchtig schielende Blicke auf die hinter ihnen Sitzenden und trugen ihre Plaudereien so stark auf, daß Ambrosi’s Verdacht sich bestätigte …

Der General schien wie Ambrosi zu denken und schwieg …

Doch nun wurden von seinen Nebenmännern auch die Ketzer des Silaswaldes erwähnt … Frâ Federigo’s Name fiel, für beide, Bonaventura und Ambrosi, ein elektrischer Schlag …

Immer wieder unterbrach der Redeactus, das Beifallklatschen und Lachen, das Blättern in den Programmen eine Unterhaltung, die der General offenbar auf andere Gegenstände zu lenken suchte, als die waren, an denen seine Nebenmänner festhielten …

Jetzt sagte der Gesprächigste, der dem General zur Linken saß:

Eure Gnaden werden am besten die Bücher lesen können, welche bei jenem Hexenmeister im Silaswald gefunden wurden; die meisten verbrannte er in seiner Hütte … Sie sind in provençalischer Sprache geschrieben …

425 Sind die Gefangenen eingetroffen? fragte jetzt der andere …

Ich hörte bei Monsignore Cocle, fuhr der erste fort, daß Einer von ihnen kaum die Anstrengung der Reise überleben wird …

Dennoch sind sie da! sprach Lanfranco scharf und bestimmt und schnitt damit das Gespräch ab …

Die Wirkung dieser Worte, wurden sie nun in berechneter Weise so betont gesprochen oder nicht, war keine andere, als daß sich Bonaventura sofort erhob und zum Gehen Bahn machte …

Das Aufsehen dieser Entfernung, der sich auch Cardinal Ambrosi anschloß, war allgemein … Jetzt sah man recht, wie diese beiden Priestererscheinungen das Interesse der römischen Gesellschaft bildeten … Für ihren hohen Rang zwei noch so jugendliche und männlich schöne Gestalten … Der eine schlank und ernst wie die Cypresse, der andere blühend wie ein Rosenstrauch … Von manchem Maler, mancher englischen Touristin, wurden ihre Züge verstohlen aufgefangen … Beide senkten ihre Augen … Jener, um nur seiner Sinne mächtig zu bleiben und im überfüllten Saal nicht ohnmächtig zu werden; dieser mit der ihm eignen lächelnden Schüchternheit, die ihm selbst in seinem jetzigen reiferen Alter geblieben war … Der Salonwitz nannte beide Freunde die „Inséparables“, andere „Castor und Pollux“, andere „Orest und Pylades“ – natürlich mit jenen verdächtigen Nebenbeziehungen, die dem katholischen Priesterstand zur Strafe anhaften werden, solange er das Weib verschmäht …

426 Im Vorsaal wurde dem Cardinal Ambrosi von einem Dominicaner ein Brief übergeben … Er erbrach ihn rasch …

Als die beiden Freunde in ihrer alterthümlichen vergoldeten Kutsche saßen, gab Ambrosi den Brief an Bonaventura … Er enthielt die Worte:

„Die Männer von Calabrien sind angekommen … Dem Besuch des Erzbischofs von Coni bei seinem Diöcesanen, dem Einsiedler von Castellungo, steht nichts im Wege – Leider findet er den Mann, trotz aller ärztlichen Bemühungen, dem Tode nahe …“

Zum Vatican! rief Bonaventura dem Kutscher mit fieberhaft zusammenschlagenden Zähnen …

Beruhige dich –! sprach Ambrosi und zitterte doch selbst …

Wir treffen ihn sterbend –! … Wie ich geahnt! – Meine Strafe –! …

Ambrosi versuchte Hoffnungen auszusprechen … Die Stimme versagte ihm … Wie eine Mutter nach ihrer Geburtsstunde von Fieberschauern erschüttert wird, so lag Bonaventura in Ambrosi’s Armen … Selbst dem Befremden, das Ambrosi über die Reden der beiden Geistlichen aus Neapel auszudrücken versuchte, konnte sein Ohr nicht mehr achten …

Der Wagen jagte über den Corso, der Tiberbrücke zu und zum Vatican – …

Für viele der beim Sprachenfest Zurückgebliebenen hatte die Sitzung durch die Entfernung der beiden gefeierten jungen Cardinäle ihr Interesse verloren … Da sie nicht wiederkamen, so entfernten sich auch andere 427 … Sogar Olympiens Wagen und der der Herzogin rollten bald dahin … Vor ihnen hatten sich schon die beiden Weltgeistlichen entfernt … Nun ging auch der General der Dominicaner …

Lucindens scharfes Auge beobachtete wohl, wie alles das in irgend einem Zusammenhange stand, wie irgend etwas vorgefallen sein mußte, was erschütternd in das Leben ihres Heiligen griff … Was konnte es sein –! Ihr konnte etwas verloren gehen –? … Was hatte Olympia im Werk? … Auch ihr war nur ein flüchtiger Gruß von ihr zu Theil geworden – … Schon oft hatte auch Olympia nach dem Inhalt ihres Kästchens verlangt – … Schon oft hatte auch sie von den Geheimnissen der Inquisition gesprochen und ihre Thorheit verwünscht, die sie vor Jahren die Dominicaner, um Bonaventura’s willen, beleidigen ließ – …

Lucinde, hochaufgeregt, erhob sich … Daß sie am Palast der Katakomben halten und durch ihren Bedienten hinaufsagen ließ: Gräfin Sarzana erkundige sich, ob Seine Eminenz ein Uebelbefinden betroffen hätte? war in der Ordnung … Sie erfuhr, daß beide Cardinäle noch nicht zurück waren …

So konnte der Gesundheit des Freundes nichts Bedenkliches begegnet sein – …

Sie sann den Gründen seiner schnellen Entfernung vergeblich nach und verlor sich in Vorstellungen wunderlicher Art … Und wie es dem Menschen geht, daß er seine eigne Betheiligung am Schicksal andrer nur allein vor Augen hat und, sei’s im guten oder schlimmen 428 Sinne, diese übertreibt, so stand ihr auch nur ihr Geheimniß über Bonaventura’s Taufe vor Augen … Es ist entdeckt –! sagte sie sich … Sturla wußte davon … Es fehlt noch die authentische Bestätigung – die Urkunde aus meiner Hand –! … Man wollte sie schon diese Nacht stehlen – … Sie hätte ihm Leo Perl’s Brief noch heute zurückgeben mögen …

Bei alledem – welch glückliche Beziehung schien sich nun doch, ohne Paula, wiederherzustellen –! …

Die Wonnen eines liebenden weiblichen Herzens sind nicht zu ermessen … So nur allein am Fenster des Geliebten einige Minuten harren, so nur die Kunde empfangen zu dürfen, man würde die Anfrage ausrichten – er kommt – er denkt an dich – er besinnt sich auf den gewissen Gegenstand – er lächelt – er erinnert sich der beiden Abschiede, die ich von ihm nahm, jener beiden Male, wo ich vor ihm auf der Erde lag – alles das schon allein kann eine Welt des Glücks für ein wahnbethörtes, für die größten Lebenshoffnungen von kleinen Almosen zehrendes Herz werden …

Die Gräfin kam in ihre heute aus Besorgniß doppelt erhellte Wohnung gerade zur rechten Zeit, um sich mit dem Monsignore Vice-Camerlengo, dem Gouverneur von Rom, zu verständigen … Auch dieser Beamte war ein Priester … Er ertheilte den im Kirchenstaat in solchen Fällen üblichen Bescheid: Lassen Sie es auf sich beruhen, Eccellenza –! Entdeckt man die Sache, wie sie ist, so könnte es – noch schlimmer werden! …

Lucinde kannte Rom … Der hohe Prälat blieb 429 eine Weile zum Plaudern; dann war sie allein – frei – schloß sich in ihr Zimmer ein und begann den Brief, der die Urkunde begleiten sollte … Sie hauchte in diese Zeilen ihr ganzes Leben …

430 13.#

Besucht man in Rom die Peterskirche, läßt sich ihre geheimen Kammern aufschließen, die gleich fürstlichen Antichambren eingerichteten Sakristeien, und schreitet man dann über einen kleinen, der deutschen Nation uralt angehörenden Kirchhof und an Gebäuden vorüber, in denen die Wäsche des heiligen Vaters und das Leingeräth zum Kirchengebrauch im Sanct-Peter gereinigt und getrocknet wird, so findet man in einer engen menschenleeren Gasse ein unschönes Eckgebäude mit kleinen, unregelmäßigen Fenstern – ein Gebäude, das einer alten Kaserne gleicht …

Ein unförmliches Thor sieht vollends dem Eingang zu einer Festung ähnlich … Im düstern Hofe befindet sich ein Wachtposten … Man gefällt sich in Rom darin, dies Gebäude der Welt als ein solches zu zeigen, das sich gleichsam überlebt hätte … Es ist der Palast der Inquisition …

Michael Ghislieri, als Pius V. Anstifter der Bartolomäusnacht, war einst der Besitzer dieses Palastes und machte ihn den Dominicanern zum Geschenk …

431 Im vorderen Hause wohnen die Inquisitoren und ihre „Familiaren“ … Dann kommen zwei Höfe, die von einem Mittelgebäude getrennt werden … Im hintern Hause liegen die Gefängnisse des Sacro Officio …

Im achtzehnten Jahrhundert war auch in die katholische Kirche der freisinnige Geist der Zeit gedrungen – die Franzosen der Republik fanden 1797 die Gefängnisse der Inquisition leer … Ihre Folterkammern und unterirdischen Verließe konnten nicht entfernt werden; sie blieben grauenvoll genug anzusehen, wie nur ein alter Hungerthurm von Florenz oder Pisa … Die Römlinge behaupten, die Revolution von 1848 hätte das Bedürfniß gehabt, wirkliche Gefangene, „Opfer der Inquisition“, jedenfalls menschliche Gebeine, Todtenschädel, Zangen und Folterinstrumente vorzufinden und die Dictatoren der Republik hätten zu dem Ende das Arrangement getroffen, dergleichen vorfinden zu lassen … Einige Professoren der Sapienza sind noch jetzt bereit, zu erzählen, daß ein ganzer Vorrath von Gerippen, Knochen, unter andern das Skelett einer Frau, von deren Schädel noch das schönste Haar niederfloß, aus der Anatomie zu diesem Zweck wäre geliefert worden …

Als noch lebenden Gefangenen entdeckte der stürmende Volkshaufe von 1848 einen einzigen … Einen ägyptischen Erzbischof, der hier seit Jahren eingekerkert saß; widerrechtlich hatte er die erzbischöfliche Weihe empfangen, entkleidet konnte er derselben nicht mehr werden, der Duft der priesterlichen Salbung verfliegt selbst am Verbrecher nicht – so mußte der ägyptische falsche 432 Kirchenfürst sich gefallen lassen, hier im lebenslänglichen Kerker Erzbischof eines Pyramidengrabes zu sein … Die Aegypter lieben und verehren die Thiere … Der Gefängnißwärter, ein Laienbruder der Dominicaner, besaß einen Vogel … Diesem hatte der falsche Erzbischof die schönsten Weisen gelehrt, ihn täglich gefüttert – einige Jahre lang … Da brach der Volkshaufe ein, befreite ihn – der Aegypter kehrte in die Welt zurück, wußte aber nicht, was er in ihr beginnen sollte … Er hatte Sehnsucht nach seinem Vogel und bat, ihn lebenslänglich in seinen Kerker zurückzulassen*)

Die alten Verließe, in denen es einst nicht so idyllisch herging, sind noch da; sogar die Reste des Neronischen Circus, auf welchen diese ganze Umgebung des Vatican gebaut wurde … Folterkammern, und nicht aus heidnischer, sondern christlicher Zeit, eiserne Ringe an den Mauern, Inschriften an den Wänden, die von den Gefangenen herrühren, wie: „Selig sind, die um Gerechtigkeit willen leiden, denn das Himmelreich ist ihrer“ – Alles das findet sich … Auch die Stätten sind da, wo die Bekenner des geläuterten Glaubens verbrannt wurden, wie jener Luigi Pascal aus dem Silaswalde … Hier liegen noch zu Tausenden die Exemplare jener oft kaum noch aufzutreibenden Bücher, die Rom verbrennen ließ … Die Proceßacten aller Inquisitionsopfer liegen hier beisammen zu Kapiteln in der Geschichte des menschlichen Geistes, die noch geschrieben werden sollen … Und noch jetzt stehen über der Schwelle jedes Kerkers Bibel-433sprüche, die gewiß oft mit grausamem Hohn die Seele des Gefangenen verwunden mußten, wenn er sie beschritt und las: „Du wirst verflucht sein, wenn du eingehst, und verflucht, wenn du ausgehst!“ –*)

Die Verurtheilung der Bibelleser und der Verbreiter des Protestantismus durch die Inquisition fehlt allerdings auch noch jetzt keineswegs … Die Dominicaner von Florenz, die einst ihren eigenen Prior Savonarola verbrannten, thaten auch noch gegen das Madiai’sche Ehepaar**) ihre Pflicht … Aber die Folterwerkzeuge und Einrichtungen sind jetzt in Italien an die politischen Gefängnisse übergegangen … Vorführungen und Verurtheilungen im schwarzverhangenen Saale des Tribunals mit dem Wappen Pius’ V. und dem Porträt des heiligen Dominicus kommen nur noch selten vor … Die Qualificatoren und Familiaren der Inquisition sitzen dann wie beim Gericht der Vehme … Die Fenster sind verhangen – Altar und Crucifix stehen unter einem Baldachin von schwarzem Sammet – sechs Wachskerzen sind angezündet … Zur Seite erhebt sich eine schwarze Estrade, auf welche der Pater Ankläger tritt, um die Beschuldigungen vorzulesen … Beginnt ein Gericht, so öffnet ein Official der Inquisitoren die Thür und ruft: Ruhe! Ruhe! Ruhe! Es nahen die heiligen Väter! … Dann treten diese, in ihren weißen Kutten, schwarzen Mänteln und Kapuzen, feierlich ein, knieen vor dem Altar, beten, erheben sich, und ihr Führer, der Inquisitor-Commissarius, beginnt den hei-434ligen Erleuchtungsgesang: „Veni Creator spiritus“ … Dann ergreift der Vorsitzende die silberne Klingel und die Angeklagten müssen erscheinen – in braunen Kleidern, um den Hals den Strick, in der Hand eine brennende Kerze …

Auch ein aus Neapel hereingebrachter „waldensischer Geistlicher“ und ein Laienbruder des heiligen Franciscus, der eines unsteten, abenteuerlichen Lebens angeklagt war, mit ihnen ein Geistlicher, welcher trotz seiner Klausur in einem Strafkloster dennoch zu mehreren von jenem Geistlichen verführten ketzerischen Seelen hielt, endlich ein alter Hirt aus Calabrien hatten allerdings so noch im vorigen Jahr vor einem Gericht der dortigen Inquisition gestanden …

Das heilige Officium von Neapel lieferte sie auf höhere Weisung nach Rom – wohin drei von ihnen vor kurzem angekommen waren … Verschmachtet der Eine – nicht infolge der an ihm verübten Martern oder peinlicher Entbehrungen, sondern durch die Jahre … Die beiden andern gedrückt durch Kummer und Sorge um diesen ihren greisen Mitgefangenen … Negrino wurde in den Silaswald zurückgeschickt …

Einen Tag vor ihrer Abreise von Neapel standen sie alle vier vor dem dortigen Gericht zum letzten mal – … Den Bruder Federigo mußten schon da die Laienbrüder der Dominicaner tragen … Was ihnen allen zur Last gelegt wurde, hatten die Gefangenen eingestanden … Der Spruch war nicht zu hart … Die Jesuiten wollten das Verderben dieser Leute – so trotzten die Dominicaner … Das ist die innere hierar-435chische Welt … Hubertus sollte zu seinem gleichfalls in Alarm gebrachten Orden zurück in die Strafzellen auf San-Pietro in Montorio … Federigo sollte seinen Spruch in Rom empfangen … Paolo Vigo hatte geloben müssen, Italien zu verlassen … Negrino wurde auf einige Jahre excommunicirt und unter polizeiliche und kirchliche Aufsicht gestellt …

Die Oberaufsicht über die Gefängnisse der Inquisition hat nicht der General der Dominicaner allein, sondern mit ihm ein Maestro del Sacro Palazzo, gleichfalls ein Dominicaner, zu gleicher Zeit Haushofmeister des Papstes, nach unserm Sprachgebrauch Kammerherr und Oberhofmarschall … Die Aufsicht im Inquisitionspalast selbst führt ein einfacher Prälat des Officiums …

Dieser war keinesweges erstaunt, in so eiliger Hast zwei Cardinäle vorfahren zu sehen … Der General, – dieser war es, der dem Cardinal Ambrosi geschrieben – hatte bereits auch ihn instruirt … Der Erzbischof von Coni hatte ordnungsgemäß die seelsorgliche Competenz für den ehemaligen Eremiten von Castellungo … Waren vollends beide Deutsche, so konnte der Besuch ganz in der Ordnung erscheinen … Im Vatican waren Bonaventura und Ambrosi gerngesehen; der Maestro del Sacro Palazzo, Hofmarschall Pater Tommaso hatte schon seit längerer Zeit zu allen, jene Ketzer aus dem Silaswald betreffenden Wünschen Ambrosi’s seine Zustimmung gegeben …

Cardinal Ambrosi stieg zuerst aus und erklärte mit bewegter Stimme, Monsignore d’Asselyno wünsche Einlaß in die Zelle des sogenannten Frâ Federigo …

436 Der Prälat setzte der Erfüllung dieses Wunsches nichts entgegen und machte dem noch im Wagen sitzenden Cardinal d’Asselyno die Anzeige, der General und Pater Tommaso hätten bereits die entsprechenden Befehle gegeben …

Bonaventura stieg aus – … Seine Caudatarien mußten ihm aus dem Wagen helfen …

Ambrosi kannte Hubertus von ihrem Zusammenleben im Kloster San-Pietro in Montorio her … Nicht auffallen durfte es, wenn auch er wünschte, solange zu einem der Gefangenen gelassen zu werden … Hubertus war ein Mitglied des Ordens, dem er selbst angehörte …

Der Prälat erklärte, daß Hubertus und Paolo Vigo versprochen hätten, sich bis auf weiteres nach San-Pietro in Montorio zu begeben – aber der Aelteste der Gefangenen, Frâ Federigo, wäre bedenklich erkrankt und schiene seinem Ende nah … In Ambrosi’s Antlitz zuckte es schmerzlich auf – er wollte die vielleicht letzte Begegnung zwischen Vater und Sohn nicht stören … Obschon selbst von mächtigster Sehnsucht nach seinem alten Lehrer ergriffen, ließ er Bonaventura den Vortritt …

Der Prälat führte seinen hohen Besuch über den Hof eine Stiege hinauf, wo sich die Cardinäle trennen mußten … Noch geleitete Ambrosi den halb ohnmächtigen Freund bis vor die Zelle, die er bat für diesen aufzuschließen … Ueber ihr standen die grausamen Worte aus dem 109. Psalm: „Der Satan muß stehen zu deiner Rechten!“*) … Wie auch die Jesuiten alles 437 aufboten, die Dominicaner zur Ausübung ihrer alten Gerechtsame zu zwingen, doch konnte man sagen: Der Katholicismus dieser Form ist todt und das Al-Gesú kann und wird ihn nicht wieder lebendig machen …

Die Thür steht offen! sprach der Prälat … Zwei Väter sind beschäftigt, dem Unglücklichen die letzten Tröstungen zu geben … Aerzte hat er abgelehnt … Doch sind deren in der Nähe … Sie geben keine Hoffnung – …

Die letzten Tröstungen! – sprach für sich Ambrosi und setzte laut hinzu: Ueberlaßt die Vorbereitung seinem Oberhirten! … In der Stille der Einsamkeit wird die Seele des Armen seinen Mahnungen zugänglicher sein …

Der Prälat, einverstanden und verbindlich sich verbeugend, öffnete ohne Argwohn die Thür …

Zwei weißgekleidete Mönche saßen in einem dunklen Vorgemach und lasen mit lauter Stimme im Brevier … Der Prälat winkte ihnen aufzuhören und ihm zu folgen … Sie traten mit ihm hinaus …

Bonaventura’s Seele drohte den Körper zu verlassen … Bewußtlos hob er den Fuß über die Schwelle – Die Thür wurde leise hinter ihm angelehnt … Hinter dem dunklen Vorgemach folgte ein Zwischenzimmer … Es wurde durch eine Lampe erhellt, die in einem dritten Raum, in einem Alkoven stand … Noch konnte der athemlos und zitternd Stehende nicht das Lager entdecken, wo jener ihm nun endlich zugängliche – Begriff lag, der einen Augenblick nach dem Gruß der Liebe und des Erkennens vielleicht für immer aus dem Leben 438 schied … Ein Begriff –? … Wenn die Person, die ihn erfüllte, dennoch eine andre war –? …

Eine Weile verharrte Bonaventura in einer unbeweglichen Stellung … Alle Lebensströme schienen in diesem Augenblick ihm zu stocken … Eine unendliche Freude und ein unendlicher Schmerz stritten um die Herrschaft in seinem Innern …

Qui viene? … erscholl es jetzt mit einem Ton, der dem Lauschenden durch die Seele schnitt und der ihm nicht bekannt war …

Bonaventura schritt näher … Jetzt sah er, daß in einem Winkel des Alkovens ein Bett stand, auf welchem eine Gestalt in einem braunen, warmwollenen Büßerkleide lag … Er sah nur die langen weißen Haare des ihm abgewandten Hauptes … Auch eine erwärmende Decke lag auf dem ausgestreckten Körper …

Siete voi, miei cari figliuoli? … fragte die Stimme und setzte die Anwesenheit der Mönche voraus …

Die Stimme durchschnitt des Sohnes Herz … Nun war es doch wie ein Klang, den er kennen mußte – ein Klang wie die Erinnerung eines Weihnachtliedes der Jugendzeit …

Legite dunque! La vostra lettura non mi dispiace … sprach der Greis mit matter Stimme – Die Bewegung, welche die Rede unterbrach, schien von Fieberfrost zu kommen …

Bonaventura trat einen Schritt vor und fragte, mit leiser Stimme und in deutscher Sprache:

Habt Ihr es kalt, mein – Vater –? …

„Kalt“ und „caldo“ sind in beiden Sprachen 439 Gegensätze … Bonaventura sprach so leise, daß vernehmbar nur das Wort „kalt“ von seinen Lippen kam …

Caldo! Caldo! sprach der Greis mit Misverständniß und deutete mit beruhigtem Ton an, die Wärme der Decke genüge ihm …

Bonaventura sah nun vollkommen die langausgestreckte Gestalt – die sich ein wenig wandte, da der Schatten, welchen der Angekommene auf die weißgetünchte Wand fallen ließ, den Greis zu befremden und aufzuregen schien …

Caldo – nahm Bonaventura, sich jetzt ein Herz fassend, das Wort wieder auf und setzte in italienischer Sprache die verhängnißvolle, den Moment der Erkennung, wenn es sein Vater war, entscheidende Frage hinzu: Caldo come sotto una coperta di neve !

Auf dies Wort: „Warm wie unter einer Schneedecke?“ – folgte erst eine Todtenstille … Dann richtete sich der Greis auf, sank, da die Kraft nicht ausreichte, auf seine beiden Arme zurück, die sich gegen das Lager anstemmten, und richtete die mit weißen Brauen umbuschten Augen weit aufgerissen auf die im Glanz ihrer Cardinalswürde vor ihm stehende Gestalt …

Er mochte denken: Kommt ihr endlich – und bist du Ambrosi oder mein Sohn? …

Nun sah Bonaventura das von den Spuren des Alters, des Kummers und der nahenden Auflösung zerstörte Angesicht, sah Züge, die nur mühsam aus dem weißen Barte, aus dem langhinflutenden Haare zu erkennen waren – aber – es war sein Vater … Hatte ihm der Ton der Stimme schon die volle Bestätigung 440 gegeben, jetzt bedurfte es keiner weiteren Versicherung … Langsam sank Bonaventura zur Erde nieder und beugte sein Haupt vor dem Greise, der nur durch diese Zeichen der Liebe und durch die kostbaren Gewänder seinen Sohn erkannte – … Durch die lange Reihe der Jahre hatte auch dieser eine Veränderung seines Ausdrucks erfahren, die jenen Jüngling, dessen Bild der Vater im Herzen trug, nicht wiedererkennen ließ …

Bona –! hauchte der Greis … Was weckst du – mich vom – Tode –! … Ich liege – unter dem Schnee – der Alpen …

Und der Tod der Mutter – erst – durfte den Schnee schmelzen! … wehklagte Bonaventura mit thränenerstickter Stimme und mit einem wie vorwurfsvollen, doch innigzärtlichen Ton …

Der Greis legte die mageren, zitternden Finger auf das purpurrothe Sammetbaret und die Tonsur des Sohnes … Wie ein Blinder, der durch Tasten sich erfühlen muß, was sein Auge nicht erkennt … Schon war er auf sein Lager zurückgesunken, als er mit Thränen hauchte:

Der Mensch ist sich – seine eigene Welt … Was zürnst du mir –! … Dann – lange ihn betrachtend – fügte er fast scherzend und doch tief wehmüthig hinzu: Ich – kenne – dich nicht …

Mein Vater! rief Bonaventura, des Ortes, wo er sich befand, nicht mehr achtend, beugte sich über den Greis und bedeckte ihn mit seinen Küssen …

Die Thränen mehrten sich in des Greises Augen, die sich wieder schließen mußten … Leise sprach er:

441 Nur eine – kurze – Auferstehung! …

Lebe, mein Vater! … Ist denn kein Arzt hier? … O, verschmähst du alles? … Daß ich einen Heiligen Gottes nicht noch erhöht sehen soll –! …

Die rechte Hand des Greises deutete eine Weile nach oben – warnte zur Vorsicht, wobei ein unendlich liebevoller Blick der Augen ihn unterstützte – dann sank die Hand kraftlos auf die Decke …

Eine Pause trat ein, die nur vom stillen Weinen Bonaventura’s und von den liebkosenden Bewegungen seines Vaters unterbrochen wurde …

Hat dich Gott so erhöht! … sprach der Greis, die Gewänder des wiederholt Knienden berührend … Und als dieser schwieg und die Zeichen seiner Würde mit Geringschätzung betrachtete, setzte er hinzu:

Als du – Bischof in Robillante wurdest, da – mußt’ ich fliehen … Denn eines Mannes – That soll – nicht halb sein … Ich wollte nicht – mehr für die Welt – am wenigsten die Meinen – am Leben sein … Deine Mutter – wollt’ ich glücklich machen …

Sie wurde es nicht –! … sprach der Sohn …

Der Greis erwiderte nichts …

Damals schon wollt’ ich dich einem Schicksal entreißen, dem du nun doch erlegen bist –! fuhr der Sohn fort und betrachtete die elende Umgebung … Man wird dich mir herausgeben müssen … Man soll dich in einer Sänfte in meine Wohnung, in die Wohnung deines edeln Ambrosi tragen – …

Ambrosi! sprach der Vater und faltete voll Verehrung die Hände … Wo ist – er –? …

442 Ich rufe ihn – fuhr Bonaventura fort …

Der Greis tastete nach seiner Hand und sprach:

Zum – Ketzer – und mich – in das Haus – der Cardinäle? … Ich sehe – auch so – mit Freuden auf meine – Saat … Herzen fand ich, in denen sie aufgegangen … Auch in den euern … Mein Geheimniß – bleibe bedeckt – vom – Grabe …

Vater! flehte Bonaventura, wir beide sehnen uns nach dem Martyrium! … Auch Vincente ist angekommen an der Grenze seiner großen Gelübde … Nur auf der Höhe wollte er leiden, wie Jesus auf einem Berge litt … Dank, Dank deiner Lehre … Er ist heilig – nicht ich! …

Der Greis faltete, allen diesen Worten scharf aufmerkend, seine Hände und sprach:

Die Zeugen des gekreuzigten – Lammes seh’ ich – in weißen Gewändern … Sind das – die Glocken – der Peterskirche – die so läuten –? … Kann – auf Erden – Stolz wol ewig – währen? …

Mit bangem Herzen hatte sich Bonaventura erhoben und eine hölzerne Bank dem ärmlichen Bette nähergerückt … Erschüttert von dem, auch ihm aus der Seele gesprochenen Worte, daß die Peterskirche nur den Eindruck des Stolzes mache und beschämt vom Pomp seiner bunten Kleider, bat er wiederholt:

Schon die sechste Stunde ist es … Alles ist dunkel … Ich lasse eine Sänfte bringen und sie tragen dich in die Wohnung Ambrosi’s … Und das Officium gestattet es … Mehr noch, ich bekenne dich als meinen Vater …

443 Mein Sohn! wiederholte abwehrend der Greis … Unser Geheimniß decke das Grab … Schon um Wittekind’s willen … Ich habe den seligsten Tod … Schöner, als ich ihn je geträumt … Konnt’ ich nicht in meiner Wildniß – bittrer enden? … In Castellungo – … Horch, was – läuten – so – die Glocken –! …

Die Augen des Greises wandten sich wie innenwärts …

Jedes Wort ist ein ewiger Vorwurf meines Innern! nahm Bonaventura mit äußerstem Schmerz die abbrechende Rede des ohne Zweifel in Erinnerungen an Gräfin Erdmuthe und an seine Hütte bei Castellungo verlorenen Vaters auf …

Dieser betrachtete ihn und sprach liebevoll mit zurückkehrendem Bewußtsein:

Nein, mein Sohn! … Vor dem Tode – deiner Mutter dich wiederzusehen – das hätt’ ich nicht ertragen … Lieber hätt’ ich vor Schaam mir selbst den Tod gegeben – den ich nun auch – in – Jesu Namen – …

Gib uns nicht den Schmerz, daß du nicht mehr leben willst –! unterbrach Bonaventura …

Laß nur noch die beiden treuen Seelen – entgegnete der Greis, die mich so oft – erquickt, so oft dem Leben – erhalten haben, nicht ohne deinen Schutz – wenn du, hoff’ ich, noch Schutz verleihen kannst, nachdem du – einem Ketzer – deine Theilnahme bewiesen …

Einem Ketzer! Vater! … sprach Bonaventura und setzte dicht am Ohr des Greises hinzu: Ich selbst – bin ich – denn nicht – selbst – ein Ungetaufter! …

444 Der Greis wandte die Augen auf den Sohn voll Bestürzung …

Was Leo Perl einst – dem Bischof von Witoborn – bekannte – ich sollte es ja erfahren! fuhr Bonaventura fort … War es nicht dein Wunsch? … Im Sarge deines alten treuen Dieners fand sich ja – …

Mein Wunsch? unterbrach der Vater staunend und seine letzte Kraft zusammenraffend …

Bonaventura hielt inne … Die Aufmerksamkeit des Greises war zu erregt … Auch machte ihn ein oberhalb des Zimmers wie von einem Fußtritt vernehmbares Geräusch einen Moment betroffen …

Dann begann er leise eine Erzählung vom ersten Eindruck, welchen damals das Verschwinden des Vaters auf die Welt und ihn gemacht hätte, vom neuen Bund der Mutter, von des Onkels Fürsorge für ihn, von seinem eigenen Entschluß, Priester zu werden, von seiner Pfarre in Sanct-Wolfgang, einem Ort, wo dann zufällig des Onkels Max ehemaliger Diener schon seit Jahren sich niedergelassen hatte … Bonaventura erzählte, wie treu der alte Mevissen sein Geheimniß gehütet – treu, falls er gewußt, daß der Verschollene lebte … Dann schilderte Bonaventura die beim Tode Mevissen’s vorgefallenen Dinge, welche durch Hubertus dem Vater nur hatten unvollständig bekannt werden können … Eben war er an die Beraubung des Sarges angekommen, als ihm der veränderte Blick des Vaters auffiel … Bonaventura mußte sich unterbrechen und fragen:

Vater – wie ist dir –! …

445 Dieser antwortete schon nicht mehr und lag wie betäubt …

Bonaventura eilte, um nach Wasser zu suchen … Aus einem Glase, das er mit Wasser gefüllt fand, benetzte er dem Greise die Stirn …

Noch einmal schlug Friedrich von Asselyn die Augen auf … Liebevoll ließ er das Beginnen des Sohnes gewähren … Plötzlich starrten seine Augen nach einer Uhr, die an der Wand hing, und er sprach:

Laß dir – von meinen Begleitern – die ich deiner Liebe empfehle – …

Vater! … unterbrach Bonaventura, voll Entsetzen die Veränderung der Gesichtszüge, ein krampfhaftes Zucken des Kinns, ein Schütteln der Hände bemerkend …

Die – Stunde – ist – – hauchte der Sterbende mit kaum noch vernehmbarem Ton …

Bonaventura wollte die Mönche und etwaigen andern heilkundigen Beistand rufen …

Der Vater hielt noch krampfhaft seine rechte Hand fest …

Bonaventura’s Linke nahm mit seinem Taschentuch vom Mund des Sterbenden schon leichte Schaumbläschen … Zugleich vernahm er noch die Worte:

Laß dir von meinen Begleitern – laß dir von ihnen – die Pilgerstäbe geben … Dort der meine … Ich sehe ihn nicht … Ist’s ein Baum – … Er grünt – und wächst –! … Sieh die kühlen – Schatten … Die Zweige wie sie – dicht – …

Vater, dich täuscht dein Auge …

446 Bonaventura sah die Kennzeichen des Todes, deren er in kurzer Zeit so viele hatte sammeln müssen …

Ein Baum – wie die Eichen in – Castellungo … Ha! Sieh – das Feuer! … Sieh, von rosigen Wolken – alles bedeckt … Von Licht – und – Wonne des Triumphs … Sie kommen von allen Zonen und bekennen das Lob des Höchsten … Ils engendron Dio in lor – – mesêmes … – In sich Gott und – Gott – in – uns … Die – Nobla Leyçon – hörst du – der – Waldenser – Lobgesang – …

Vater! flehte Bonaventura und mühte sich, dem Sinn dieser Worte zu folgen – – Ich rufe Ambrosi – den Arzt – …

Der Sterbende beherrschte noch einmal sein unaufhaltsam ihn fortreißendes Irrereden und fuhr fort:

Die Nobla Leyçon nimm — öffne die Wanderstäbe – meiner – Führer … In ihnen – findest du – mein Leben – und deines – … Kennst – – die Nobla Leyçon? …

Ich kenne sie … hauchte Bonaventura mit stockendem Athem und die schweißbedeckte Stirn des Vaters trocknend … Er verstand, daß in den Wanderstäben der Gefangenen ihm ein letzter Gruß gesagt werden sollte …

In kurzen abgerissenen Sätzen sprach der Vater:

Sie können nicht lesen, was – die Chiffern sagen – … Der Schlüssel – ist – die Nobla Leyçon … Im – Anfang – war das Wort – und das Wort – …

447 Bonaventura’s Lebensgeister blieben in fieberhafter Spannung, während die des Vaters entschwanden …

Die Nobla Leyçon – macht die Chiffern – der Pilgerstäbe – zu Worten … O frayres entende una nobla A – und – B … Mein Alpha und – Omega – „Herr bleib – mit – Deiner – Gnade –“ …

Der Irreredende erhob die Stimme zum Singen – …

Die ersten Worte der Nobla Leyçon enthalten das Alphabet – des – Testamentes, das du mir – hinterlassen wolltest –! sprach Bonaventura dicht am Ohr des Sterbenden – …

Amen! sprach der Greis und sank zusammen …

Und wieder regte es sich in der Nähe … Und wieder war es, als huschten oberhalb schleichende Fußtritte …

Diesmal kam auch Geräusch von der Thür … Ohne Zweifel setzten die Harrenden voraus, daß die Beichte des Ketzers vorüber war … Wenn sein Seelenhirt noch länger blieb, konnte es sein, daß ihm auch aus seiner Hand die letzte Oelung und das Abendmahl ertheilt wurde …

Die Thür öffnete sich … Der General der Dominicaner trat selbst herein, die Monstranz in der Hand … Ein Assistent hinter ihm mit den Werkzeugen der letzten Oelung … Die Thür blieb offen … Draußen standen Cardinal Ambrosi, der Prälat des Hauses – Bruder Hubertus und Paolo Vigo folgten – beide freigegeben, um ihre Wanderung auf San-Pietro in Montorio anzutreten, wohin man auch Paolo Vigo zu-448nächst verwies … Schon hielten beide ihre Habe und ihre Stäbe in den Händen … Alle Dominicanermönche murmelten draußen das Confiteor …

Der Sterbende erhielt noch einmal einen Augenblick seine Geisteskraft, übersah, was geschehen sollte, übersah die Lage des Sohnes … Mit letzter Kraft der Stimme murmelte er – zuerst das lateinische Confiteor, dann begann er italienisch und ging allmählich in die deutsche Sprache über mit den Worten:

Lasset uns beten! … Ich bekenne – an der – katholischen Kirche alles, was wir ihr – schuldig sind – aus dem Geist der Liebe – und der Dankbarkeit … Wer in dieser Kirche – – geboren wurde – …

Weiter vermochte der Sterbende nicht zu reden …

Schon wollte Ambrosi von seinem Gefühl übermannt, vortreten, als ihn die laute Rede des calabrischen Priesters veranlaßte, diesem den Vortritt zu lassen …

Paolo Vigo trat vor, beugte sich am Sterbelager nieder und erhob die Stimme, um zu vollenden, was zu sprechen nicht mehr in seines Lehrers Kraft stand …

Wer in dieser Kirche geboren wurde, sprach Paolo Vigo fest und bestimmt und des Generals und der Cardinäle nicht achtend, der hat sie gelernt unter dem Bilde einer Mutter verehren … Nun wohl – ein reiferer Verstand des erwachsenen Kindes erkennt die Schwächen seiner Aeltern; doch wird ein Sohn die silberne Locke des Vaters schonen und selbst Flecken am Ruf ihrer Mutter die Tochter übersehen … Was die Kirche an heiligen Gebräuchen besitzt, seh’ ich allmählich – entkleidet seiner dunkeln, unnatürlichen Zauber – … Priester! Legt 449 die Gewänder der Ueppigkeit und des Stolzes ab! Werdet Menschen! Redet die Sprache, die euer Volk versteht, auf daß der Ruf: Sursum corda! auch wahrhaft zum Empor der Herzen wird … Laßt die Messe, wenn sie geläutert wird! Ein Zwiegespräch sei sie mit Gott – … Bilder des Gekreuzigten – tragt sie im Herzen –! Und solange die Völker der Erde nicht aus eitel Weisen bestehen, solange noch Heide und Muselman die strahlenden Ordenszeichen ihres Glaubens verehren, verehrt auch äußerlich das Kreuz … Macht es jedoch lebendiger noch in euch – … Lebendig macht alle Ströme des Heils –! … Hinweg mit Dem, was das Herz erstarrt –! … Freiheit dem Gebundenen … Sakrament sei nicht die eiserne Fessel –! … Im Tod rufe dir den Arzt der Seele – wenn ein Zeichen und ein Wort von ihm statt – deiner reden soll … Netzt sogar dem müden Wanderer, wie Magdalena dem Herrn, die Glieder … Erquickt ihn, wenn er es begehrt, durch – das Brot des Lebens! – …

Die Umstehenden erkannten aus diesen Worten der Verzückung wohl die Irrlehren, für welche Paolo Vigo versprochen hatte, Italiens Boden zu verlassen … Doch der General warf einen Blick auf die Mönche, die Paolo Vigo umringten … Sein würdiges Benehmen gebot ihnen Ruhe … Er übergab dem Erzbischof das heilige Brot, das dieser dem Sterbenden reichte …

Auch mit dem Salböl benetzte Bonaventura die Stirn und die Hände des Entschlafenden … Heiliger, als dies Oel aus geweihtem Gefäß, ließ er auf die immer mehr erstarrenden Züge des Sterbenden seine 450 Thränen rinnen, unbesorgt um die rings im Kreise ersichtliche Befremdung …

Die Ceremonie jener gewaltsamen Bekehrungen wie sie hier in diesen Räumen oft genug vorgekommen sein mochten, war vorüber – … Die überfüllten engen Räume entleerten sich … Ein Arzt hielt dem Sterbenden den Puls … Cardinal Ambrosi, der dem Sohn bisjetzt in allem den Vorrang gelassen, beugte sich über den Entschlummernden, der ihn nicht mehr erkannt hatte, und sprach:

Er ist – hinüber – …

Pater Lanfranco wußte und erzählte, daß der Erzbischof in diesem Sterbenden einen nahen Verwandten getroffen hatte …

Bonaventura wandte sich … Als der Freund die Augenlider des Sterbenden schloß, durchbrach sein Gefühl jede Rücksicht … Zu mächtig zerriß der Schmerz sein Inneres … Ueber die ausgestreckt liegende erstarrte Gestalt warf er sich und rief in italienischer Sprache, daß alle es hörten:

Lebe – wohl – mein theurer Vater –! …

Die Priester, die Mönche und Aerzte sahen bestätigt, daß der deutsche Cardinal in diesem waldensischen Prediger, der seiner Herkunft nach gleichfalls ein Deutscher war, einen nahen Verwandten – padre, einen „Freund“, einen „Gönner“ – wiedergefunden hatte … Ein Wunder war es, das ganz Rom beschäftigen mußte … Aber selbst den Heiligen Vater durfte es rühren, zu hören – Cardinal d’Asselyno hatte im Kerker der Inquisition einen ihm aus seiner Jugendzeit unendlich 451 werthen Angehörigen gefunden und ihn in seiner letzten Stunde bekehrt … So nur und nicht anders konnte seines Ruhmes neue Mehrung lauten …

General Lanfranco hatte sich zuerst entfernt …

Bonaventura war vom Freund emporgezogen worden … Hubertus und Paolo Vigo, jener in der Franciscaner-, dieser in der Büßerkutte, drückten ihre Lippen auf die Wange des Gestorbenen – auch auf Bonaventura’s beide Hände … Bedeutungsvoll gab ihm Paolo Vigo seinen Stab und sagte – er möchte sich darauf stützen …

Bonaventura ergriff den Stab … Der andere, den ebenso Hubertus trug, konnte gefunden werden, von wem er wollte – niemand hätte seinen Inhalt entziffern können … Der dritte, der Stab Federigo’s, war vielleicht in der That nicht zu finden … Niemand brauchte sich darum zu beunruhigen …

Daß die beiden Cardinäle noch länger blieben, war nicht zu rechtfertigen … Das Leben des Greises war entflohen … Hubertus hatte sich über ihn gebeugt, hatte eine Wollflocke seiner Kapuze an seinen Mund gelegt – sie bewegte sich nicht mehr …

Mit einem letzten Scheideblick ebenso sprachloser wie, wenn die Sprache auch nicht versagt hätte, unaussprechbarer Rührung rissen sich beide Cardinäle vom ärmlichen Lager los, auf welchem sie den abenteuerlichsten Schwärmer, einen Märtyrer der Ehegesetze der katholischen Kirche, als Leichnam zurückließen …

Die Bestattung mußte freilich an jener Stelle erfolgen, wo die Asche der verbrannten Märtyrer, eines Pas-452cal, eines Paleario moderte … Aber bei allem, was die Sachlage hier mit sich brachte, war doch für ein ehrenvolles Begräbniß, wenn auch innerhalb dieser Mauern, gesorgt … Schon morgen in allererster Frühe wollten die Freunde zurückkehren …

Das düstere Gebäude war jetzt von Kerzen erhellt, die die Laienbrüder der Dominicaner trugen … Schon kamen einige derselben, um die Leiche in die Todtenkammer zu bringen …

Hubertus hielt den die steinernen Stufen hinunterschwankenden Bonaventura, den er in Witoborn als Domkapitular so oft gesehen und nun den leiblichen Sohn seines geliebten Federigo nennen durfte – Ambrosi hatte ihm auf seiner Zelle sein so lange verschlossenes Auge geöffnet, auch die Gründe genannt, die ein Verschweigen des Geheimnisses und selbst noch in dieser Stunde, um des Präsidenten von Wittekind willen, dringend anriethen – … Jetzt begriff Hubertus, wie mit dem Tod der Mutter Bonaventura’s die Sehnsucht des Eremiten sich regen durfte, in die Welt zurückzukehren; begriff, wie seine Gefangennehmung im August ihm so willkommen, ja nach den Mittheilungen aus Rom, die von Ambrosi kamen, nicht unerwartet erscheinen durfte; Hubertus begriff schließlich auch die Schonung, die ihnen allen zu Theil wurde …

Ambrosi nahm den zweiten Alpenstab … Die Uhr des Verstorbenen hatte der Prälat an sich genommen – sie gehörte, den Regeln des Hauses gemäß, den Laienbrüdern …

Bonaventura stützte sich nicht auf den empfangenen 453 Stab … Er schritt voll Fassung, wenn auch tief sein Haupt zur Erde neigend, dem Ausgang zu …

Inzwischen beschäftigte die Aufmerksamkeit der mit staunender Bewunderung vor zwei für ihre fromme Opferfreudigkeit so wunderbar belohnten Cardinälen die Treppe niedersteigenden Begleitung derselben ein Lärmen draußen auf der Straße … Eine Glocke der Peterskirche läutete in unablässiger Hast … Es war die Feuerglocke des großen Doms … Andere Glocken fielen mit gleicher Eile ein … An der nahen Porta Cavallaggieri, wo die Kasernen liegen, erscholl das Blasen einer Trompete … Trommeln lärmten …

Eine Feuersbrunst! hieß es …

Ein nicht zu häufiger Vorfall im steinernen Rom …

Die erst langsam dahinschreitende Begleitung bewegte sich allmählich rascher … Bonaventura und Ambrosi blieben mit ihren nächsten Begleitern, langsamer durch die Höfe schreitend, allein zurück …

Da verschwand plötzlich auch Hubertus … Er war nicht dem Drängen nach dem Hausthor gefolgt … Es hieß, er wäre zurückgekehrt …

Seht da! Wer ist der Mann? rief plötzlich, alle erschreckend, seine Stimme von einer Galerie herab, die rings um den Hof ging … Er rief diese Worte einem Manne nach, der in gebückter Haltung an einer andern Stelle der Galerie durch eine Thür verschwand … Es war ein Mann in einem schwarzen, fast priesterlichen Oberkleid gewesen … Rasch war derselbe in eine hohe Glasthür, die auf die Galerie führte, zurückgetreten …

454 Ein einziger leidensvoller Blick, den Bonaventura vom Hofe aus in die Höhe warf, ließ in Ambrosi den Gedanken entstehen: Glaubt der Freund – daß er belauscht wurde –? …

Hubertus blieb verschwunden …

Inzwischen aber waren die Cardinäle zu sehr ergriffen, um dem Zwischenfall lange nachzudenken, und standen schon am geöffneten Schlage ihrer Kutsche … Auch die Caudatarien bestätigten eine Feuersbrunst … Zugleich hatten sie von einem soeben hier gestorbenen deutschen Verwandten des Cardinals d’Asselyno gehört und durften nichts Auffallendes darin finden, daß die Cardinäle tief erschüttert waren, herzlich von dem im Kreise einiger Dominicaner stehenden Paolo Vigo Abschied nahmen, ebenso wenig, wie, daß ihnen letztrer als Andenken an den Pilger von Loretto zwei Wanderstäbe in den Wagen nachreichte …

Hubertus war inzwischen nicht zu finden … Die bestürzten Mönche, die ihn und Paolo Vigo nach San-Pietro in Montorio escortiren sollten, suchten ihn …

Beide auf San-Pietro schon morgen zu besuchen und sie dem dortigen Guardian zu empfehlen, wurde von Ambrosi versprochen …

So stiegen die Freunde ein …

Die Menschen ringsum rannten indessen der Piazza Navona zu … Dort sollte das Feuer sein … Ueber die Tiberbrücke von der Engelsburg abschwenkend sahen beide die Rauchsäule …

Bonaventura’s Haupt lag auf den Schultern des Freundes …

455 Ambrosi ließ ihn schweigend gewähren … Worte des Trostes helfen nicht in solcher Lage … Auch ihn betrübte es, daß er nicht noch einmal Frâ Federigo umarmen und ihm sagen konnte: Sieh, bis hieher kam ich durch deinen Rath und deine Lehre! … Er hatte vorgezogen, alle Gefahren zu bewachen, alle mislichen Zeichen draußen den Dominicanern zum Guten zu deuten und dem Freund die Vorhand zu lassen … Er hatte sich in allem, was seither geschehen, kraftvoll und entschlossen gehalten …

Was sollen die Stäbe? fragte er endlich sanft, als sich der Wagen in den Straßen mühsam durch das Gewühl der Menschen Bahn machte …

Bonaventura nahm sie und betrachtete sie voll Rührung … Noch konnte er nichts erwidern …

Inzwischen hatten sie den Corso erreicht, auf dem wenigstens für Wägen Platz blieb …

Endlich in ihrer entlegenen Wohnung angelangt, schwankte Bonaventura aus dem Wagen und sank, als beide allein waren, ohnmächtig zusammen …

Lange währte es, bis sich der Unglückliche erholte …

Auf Ambrosi’s dringendes Verlangen mußte er einige Stärkung zu sich nehmen …

Dann trat ein stilles Weinen ein … Die Natur erholte sich erst, als sie ihre Rechte gefordert hatte …

Mit den ersten Worten, deren er fähig war, bat Bonaventura um ein Exemplar der „Nobla Leyçon“ …

456 14.#

Zu seinem höchsten Erstaunen erfuhr der Freund die nähere Bewandtniß, die es mit den Stäben haben sollte …

Es waren Hirtenstäbe, wie sie in Calabriens Bergen getragen werden … Die Griffe gewunden – die Spitzen von Eisen …

Griffe und Spitzen, das sah man bald, ließen sich abschrauben … Das Innere fand sich ausgehöhlt …

In beiden Stäben befand sich eine mit lateinischen Buchstaben beschriebene Rolle Papier …

Das Geschriebene war ein Durcheinander von unaussprechbaren Wortformen …

Die „Nobla Leyçon“ gab den Schlüssel … Die Buchstabenordnung war dieselbe, die bereits in dem zwischen Ambrosi und Federigo gepflogenen Briefwechsel gewaltet hatte … Beide Rollen hatten denselben Inhalt …

Schon entzifferte Ambrosi ein Wort nach dem andern und schrieb auf, was er gefunden … Er stockte … Es war deutsch – die Ausübung einer schon lange geläufigen Fertigkeit wurde gehindert …

457 Ambrosi bat den Freund, sich zu ruhen … Inzwischen, sagte er, wollte er versuchen, den Inhalt, so weit ihm möglich, mechanisch zu dechiffriren … Das Vertrauen des Freundes gehörte ihm in allem … Es konnte auch hier kein Geheimniß mehr geben, dessen Kunde sie nicht theilen wollten …

Nach wenigen Stunden schon, während die sonstige Stille der nach hinten hinaus gelegenen Wohnzimmer des alten Gebäudes anfangs noch vom Lärm der Glocken und Feuersignale gestört wurde, Bonaventura stillverzweifelnd sein Haupt stützend und zum Tod erschöpft auf einem Ruhelager sich wand und sein ganzes vergangenes und zukünftiges Leben an sich vorübergleiten ließ, unterbrochen vom Bild der letzten Liebesblicke des Vaters, kam Ambrosi in hoher Aufregung mit einer Anzahl Blätter, auf welche bereits ein großer Theil der Eröffnungen Federigo’s an seinen Sohn mechanisch niedergeschrieben war … Die deutsche Sprache kannte er zu wenig, um ganz zu verstehen, was, Buchstabe an Buchstabe gereiht, seine Blätter bedeckte …

Es war nun auch von draußen her still geworden … Schon mochte die zehnte Stunde geschlagen haben …

Bonaventura konnte leicht die Buchstaben zu Worten fügen und die Sätze durch Punkte trennen … Durch gegenseitige Unterstützung kamen die Freunde zu folgender Entzifferung:

„Mein Sohn! Das ist ein Brief, den dein Vater dir aus dem Jenseits schickt –! … Höre – richte und gedenke mein –! …

„Du erfuhrst von den Zeiten, wo ich einst beauf-458tragt war, den Uebergang Witoborns an unsere Regierung zu regeln … Du kennst die Gründe, welche mich damals den Tod wünschen ließen … Oft, oft überfielen mich Gedanken an Selbstmord –! … Sie hafteten nicht, weil Selbstmord nur denkbar ist im Zustand einer Verzweiflung, die mit dem ganzen Leben abzuschließen vermag – Das war nicht meine Lage … Wohl ging mein Blut stürmisch, wenn ich sah, wie mein Weib am besten meiner Freunde hing, dieser an ihr; dacht’ ich aber an die Mittel, mich solcher Schmach zu entziehen, so lockte mich wol die Welle des Stromes, der Blitz der tödtlichen Waffe eine Weile; bald aber erkannte ich dann wieder, wenn nur die Gesetze unserer Kirche über die Ehescheidung andre wären, daß der Anfang eines neuen Lebens voll neuer Bewährung für mich anbrechen könnte – … Ich wollte den Wunsch des geistig schon lange ehelich verbundenen Paares erfüllen und würde eine Scheidung durch Confessionswechsel möglich gemacht haben – aber in diesem Punkte würde die Mutter nicht meinem Beispiel haben folgen können – aus innerem Triebe nicht – auch ihres neuen Gatten wegen nicht, der sich kaum würde entschlossen haben, schon aus Rücksicht auf den schlimmen Ruf seines Vaters, dem Geist der Provinz ein Aergerniß zu geben … So kam ich, ohnehin von manchem Misverhältniß zu meinem Beruf getrieben, auf den Entschluß, mir den Schein des Todes zu geben – …“

Die Entzifferung ging noch bis jetzt aufs leichteste von statten …

„Ich ließ dich einem neuen Vater und die Mutter 459 einem neuen Gatten zurück, der ein reicher Mann war und für euch beide sorgen konnte … Außerdem hattest du den Onkel. Hatte zwar mein Bruder Franz schon den Adoptivsohn meines Bruders Max, den dieser aus Spanien mitgebracht, in seine väterliche Obhut genommen –“ …

Wie? unterbrach Bonaventura seine Worteintheilung und Uebersetzung des Berichtes für den aufmerkenden und in Bonaventura’s Familienverhältnissen völlig heimischen Freund; kannte selbst der Vater nicht die Herkunft Benno’s? … Er las staunend weiter:

„– so gestattete ihm doch sein gutes Herz und seine Vermögenslage, auch dich in deiner Laufbahn zu befördern, die dir ohnehin, da du Soldat werden solltest, bald die volle Selbständigkeit geben konnte … Zur Ausführung meines Vorhabens bedurfte ich Beistand … Ich konnte mich auf einen Menschen verlassen, der, seines Zeichens ein einfacher Tischler, mit meinem Bruder Max unter Napoleon in Spanien gedient hatte, ihm eine Rettung seines Lebens verdankte, aber auch ohne diesen Anlaß ein Muster von Pünktlichkeit und Verschwiegenheit gewesen wäre … Ihr alle, die ihr mich überleben werdet, vor allem auch du, Benno von Asselyn, niemand von euch wird je geahnt haben, daß mit dem schweren Amt, einen kaum geborenen Knaben aus Spanien mitzubringen, dieser alte treue Mevissen in Verbindung stand – … Selbst mir bekannte es der Brave nie, warum auf seinem Todbett Max die Weisung hinterlassen, eine Summe, die ich ihm noch schuldete, in besserer Zeit, wenn ich könnte, einem in der Nähe 460 Kochers am Fall, in Sanct-Wolfgang, wohnenden und von dort gebürtigen Tischler, einem ehemaligen Soldaten seiner Compagnie, auszuzahlen … Da die Zahlung nicht drängte, ich auch die Summe nicht sofort besaß, sprach ich zu niemand davon, am wenigsten zu unserm guten Bruder Franz … Letztrer würde die Summe gegeben, aber auch die Verwendung derselben haben erfahren wollen … Benno war schon damals zum Hüfner Hedemann in Borkenhagen bei Witoborn gegeben … Ohne Zweifel ist Benno entweder das Kind einer spanischen vornehmen Frau oder einer Nonne … Mevissen kannte das Geheimniß; er hütete es wie ein Soldat die Parole seines Wachtpostens …“

Bonaventura mußte voll Rührung ausrufen:

Guter, kindlicher Sinn des Vaters –! … Alle diese Dinge – wie waren sie so ganz anders und nur dir blieben sie verborgen! … Die Neugier seines ältesten Bruders, meines freundlichen Erziehers war seine Furcht! … Und gerade in dessen Händen lagen, selbst dem Bruder verborgen, die Fäden aller der Veranstaltungen, die für den armen geopferten Benno getroffen werden mußten –! …

Ambrosi kannte die Beziehungen und vermochte voll gesteigerten Antheils zu folgen …

„Es drängte mich, endlich jene Schuld von einigen hundert Thalern an den alten Soldaten in Sanct-Wolfgang zu berichtigen … Als ich Abschied von meinem bisherigen Dasein und meinem Namen nehmen wollte, besuchte ich deshalb den kleinen Ort, den Mevissen bewohnte … Ich fand einen räthselhaft verschlossenen Menschen; einfach und würdig sein Benehmen; obschon 461 nicht mehr jung, hatte er geheirathet, sein Weib war gestorben; ohne Kinder hielt er eine kleine Tischlerwerkstatt für die einfachen Bedürfnisse des Landlebens, die ihn ernährte … Die Summe, welche ich ihm schuldete, mochte er früher mehr bedurft haben, als jetzt; dennoch hatte er nicht gedrängt … Nach den ersten Verständigungen sah ich wohl, daß sich Mevissen jene Summe durch irgend einen wertvollen Beistand, den er dem Bruder geleistet, verdient hatte … Ich suchte den Anlaß seiner Bewährung zu erfahren und zeigte mich voll Neugier schon aus Interesse für Benno’s Vater, meinen zu früh vollendeten Bruder Max … Ich grübelte, forschte – kein anderes Wort kam von den Lippen des schlichten Mannes, als daß mein Bruder – sein bravster Chef gewesen … Angezogen von soviel Ehrlichkeit und Charakterstärke, beredete ich ihn, mich als Diener auf einer Schweizerreise, die ich machen wollte, zu begleiten … Er nahm diesen Vorschlag an und ihm verdank’ ich die Ausführung meines gewagten Unternehmens – … Den Schein zu erwecken, daß ich zu den Opfern der Lawinen des großen Sanct-Bernhard gehörte, das war die Aufgabe …“

Ambrosi seufzte … Bonaventura’s Herz klopfte voll gespannter Erwartung … Es war die noch nicht ganz enthüllte Stelle im Leben des Vaters …

„Im Canton Wallis, zu Martigny, legt’ ich alles ab, was an mich erinnern konnte. Ich hatte mir neue Kleider gekauft, die in einem Packet verborgen werden mußten, das Mevissen trug – Das meiste, was mein Koffer enthielt, hatten wir verbrannt – … Der Dunst, 462 den die verbrannten Papiere und die sengenden Kleider verbreiteten, fiel im Gasthof zu Martigny auf; so hielten wir mit unsern Zerstörungen inne … Einiges mußte auch für das Leichenhaus auf dem großen Sanct-Bernhard zurückbehalten werden … Mevissen’s Handschlag durfte mir genügen, um die Gewißheit zu haben, daß von ihm sein Geheimniß würde mit ins Grab genommen werden … Unter dem Zurückbehaltenen befand sich vielleicht eine seltsame Urkunde, von welcher ich dir reden muß – aus Gründen, die du erfahren sollst – …“

Bonaventura verstand das schmerzliche Lächeln seines Freundes … Es galt der Erinnerung an die Qualen, die sich früher, in seinem jetzt überwundenen Glauben, der unrichtig Getaufte über seine Lage bereitet hatte …

„Mein Sohn! Ich rufe dir mit der Schrift: „Wer Ohren hat, zu hören, der höre!“ – – Ich hatte in Witoborn mit dem Husarenrittmeister von Enckefuß, dem neuen Landrath des neugebildeten Kreises, die Besitzergreifung, namentlich die Archive aus einer heillosen Verwirrung zu ordnen, in welche sie während des Krieges gerathen waren, wo man die wichtigsten Acten zu Streu für die Pferde benutzt hatte … Bischof Konrad war ein wohlwollender, aufgeklärter Mann … Ich hatte sein Vertrauen gewonnen; auch er liebte, wie ich, alte Drucke, Miniaturen, kunstvolle Heiligenschreine, ohne daß er darum, wie ich, auch geistig unter den Ranken und Blüten der damals modischen Romantik und Phantastik wohnte … Auf einem Krankenlager, von welchem er nicht wieder erstehen sollte, übergibt mir der Bischof 463 einen soeben empfangenen Brief des am selben Tage zur Ruhe bestatteten Pfarrers von Borkenhagen, eines getauften Juden … Nehmen Sie das! sprach der Bischof. Es ist das Testament eines Narren! Ich soll es nach Rom schicken! Wahnsinn! Doch – da manches Geheimniß Ihrer Familie betheiligt ist – zerreißen Sie die Stilübung –! Sie ist lateinisch geschrieben – …

„Ich las den Erguß eines melancholischen Gemüthes, das, zerfallen mit sich selbst und mit der Welt, in diesem Brief das Judenthum für die vollkommenste Religion erklärte, die Lehre Jesu nur eine von Jesus nicht beabsichtigte Abweichung vom Judenthum nannte und sich in seiner letzten Stunde von einem Gaukelspiel lossagte, das er jahrelang mit Bewußtsein getrieben hätte … In dieser Ueberzeugung, hieß es in dem merkwürdigen Briefe, hätte er zwar nicht damals gehandelt, als er den Glauben gewechselt – damals hätte er Jesus und der christlichen Kirche etwas abzubitten gehabt – aber die Erinnerung an seine Verwandte, die Thränen einer verlassenen Geliebten hätten ihn bestimmen sollen, wenigstens nicht auch Priester zu werden … Er hätte es werden müssen; er hätte die Weihen annehmen müssen aus Furcht vor einem Tyrannen, dem Kronsyndikus auf Schloß Neuhof … Mishandlung, Drohung, sogar Weinen und Flehen dieses Mannes hätten ihm so lange zugesetzt, bis er Priester wurde … Jahrelang aber hätte er sein Amt mit Unlust und ohne Ueberzeugung geführt … In diesem Sinne, schrieb er, hätte er die Sakramente ertheilt, ohne die entsprechende Richtung des Willens … Getauft hätt’ er in bestimmter Voraus-464setzung daß das, was er that, eine leere Formel war … So zunächst alle Verwandte des Kronsyndikus – sogleich seinen ersten Täufling, Bonaventura von Asselyn … Seine erste Trauung, zwischen Ulrich von Hülleshoven und Monika von Ubbelohde, gleichfalls Verwandte seines Peinigers, wäre von ihm vollzogen worden, ohne den Willen und die Ueberzeugung, daß er wollte, was er that … Mit diesem bittern Hohn gegen sein Geschick, zu welchem sich die Andeutung über eine unrichtige Ehe gesellte, die einst irgendwo von ihm vorher schon hätte geschlossen werden müssen – und wie zu vermuthen war, auch diese auf Anstiften des Kronsyndikus – wollte der menschenfeindliche Mann, der ein Rabbiner, ja, wie man aus einigen Stellen seines Briefes ersah, ein Kabbalist geblieben war, aus dem Leben scheiden …“

Bonaventura erkannte jetzt die Gründe, warum Lucinde vor Jahren, damals, als sie seinen Epheu zerstörte, von Monika’s Ehe als von einer löslichen gesprochen …

„Meine Empfindungen waren damals noch so katholisch, daß ich über diese Entdeckung den größten Schmerz empfand und darüber anders dachte, als mein hochbetagter freidenkerischer Bischof, der einige Tage nach Uebergabe der Urkunde an mich gleichfalls aus dem Leben schied … Aber sollte ich meiner Familie, meinem eigenen Kinde noch einen neuen, von mir mit Entsetzen empfundenen Makel anhängen? … Ich dankte der Vorsehung für diese glückliche Wendung, die ein so wichtiges Document in meine Hand gelangen ließ … Sollte 465 ich sie zerstören? Daran verhinderte mich mein rechtgläubiges Gemüth, ja der feste Entschluß, eines Tages deine richtige Taufe nachholen zu wollen … Und in diese Schrecken und Beunruhigungen meines Gewissens mischte sich die immer mehr gesteigerte Trauer um mein unseliges Verhältniß zu deiner Mutter … Ein treuer, aufrichtiger Freund, den ich um so mehr liebte, als seine kühle und verständige Natur zu meinem eigenen Wesen die heilsamste Ergänzung bot, konnte sich einer Leidenschaft nicht entwinden, die die einzige war, welche ihn vielleicht je überkommen … Noch mehr, ich war von ihm abhängig; die Güter des Lebens, die ich nie zu verwalten wußte, verbanden uns, während alles andere uns hätte rathen müssen, uns zu trennen … Eine Lage entstand, die vor der Welt meine Ehre in einem Grade bloßstellte, der mich über mich selbst verzweifeln machte … Ich sprach nie von dem, was mich drückte, und doch erkannte ich alles, was vorging … Ich sah, daß Wittekind meinen Haushalt bestritt, meine Schulden bezahlte, die Entscheidungen in jeder Frage gab, wo meine Zustimmung kaum noch begehrt wurde … Schon gab ich mir die Miene, solche Zustimmungen von meiner Seite gar nicht mehr zu beanspruchen – ich vergebe deiner Mutter; sie folgte ihrem weiblichen Sinn, der sich an Starkes und Verwandtes halten will – unwahr ist es, daß sich nur die Gegensätze lieben – …“

Die Freundschaft der Lesenden, grade die aus dem Gefühl entsprungen war, sich verwandt zu sein, mußte diesen Ausspruch bestätigen … Bonaventura dachte an die Sterbeaugenblicke seiner Mutter, die in Einem Punkte 466 ruhigere gewesen waren, als er erwartet hatte – ihr zweiter Gatte hatte mit der Ueberzeugung von ihr Abschied nehmen dürfen, daß ihr ganzes Glück und ihre wahre Lebensbestimmung nur er gewesen … Bonaventura gedachte des Tages, wo auf Schloß Westerhof die Mutter ihm gesagt hatte, gern beuge sich ein Weib dem Worte: „Und er soll dein Herr sein!“ – wenn der Gatte es nur wäre –! …

„O mein Sohn, damals verehrte ich noch eine Kirche, die einer Form zu Liebe zwei Menschen, und wenn sie sich hassen und wenn sie sich zum Anlaß ewiger Verwilderung werden, doch aneinanderschmiedet – eine Kirche, die dem frivolsten Priesterwillen eine Macht über unser ewiges und zeitliches Wohl gibt … Aber mein Sinn sollte sich ändern … Er änderte sich in dem Grade, daß ich nicht für mich allein der Wohlthat der Erleuchtung theilhaftig werden wollte … Als du Geistlicher wurdest, als ich hörte, du hättest dich den Römlingen angeschlossen, da erfreute es mich zu vernehmen, daß Mevissen jene Urkunde damals beim Verbrennen meiner Effecten im Gasthof zur Balance zu Martigny zurückbehalten hatte … Mein braver Begleiter schrieb mir zuweilen und unter anderm meldete er: «Einiges hab’ ich nicht verbrennen mögen … Besonders auch Geschriebenes nicht … Es ist bei mir sicher wie im Grabe … Und sollte sich einst noch einmal Ihr Wille ändern oder eine andere Zeit kommen, wo Sie bereuen, was Sie gethan – dann lassen Sie in Gottes und seiner Heiligen Namen mein Grab öffnen. Was ich nicht vernichtete, finden Sie dort!» … 467 Und dies Grab ist erbrochen worden –! … Ich weiß es – ein Räuber, dessen Hand mein treuer Hubertus richtete, hat