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Wie kam es, daß Rousseau seine Kinder aussetzte? Beantwortet in einer novellistischen Skizze#

Metadaten#

Herausgeber
  1. Dirk Göttsche
Fassung
1.0
Letzte Bearbeitung
27.11.2022

Text#

1 Wie kam es, daß Rousseau seine Kinder aussetzte?#

Beantwortet in einer novellistischen Skizze.#

3 Der Flüchtling.#

Haltet den Dieb! rief es in den Frühstunden eines nebligen Octobertags durch eine der dichtest bevölkerten Straßen von Paris.

Polizeisoldaten waren rasch zur Hand.

Wir schreiben 1750. Die Polizei von Paris stand damals noch nicht auf der Höhe, auf welche sie später die Gisquet und Persigny gebracht haben.

Doch alarmirte ein am hellen Tage und unter so vielen Menschen ausgestoßener Hülferuf Häscher genug und die freiwillige Polizei, die zu spielen der rechtschaffene Bürger immer aufgelegt ist, schloß sich sogleich in Scharen an, die Verfolgung eines jungen Menschen zu unterstützen, der aus einem Laden am Seine-Quai eine Uhr entweder gestohlen hatte oder hatte stehlen wollen.

Paris ist jenseit der Seine, wo der Bürger, der Beamte, der Gelehrte, der Student wohnt, wo die Gerichte gehalten werden und die Märkte, des Vormittags so volk-4reich, daß ein Flüchtling bald unter der Masse verschwindet, um eine Ecke der vielen alten Quergäßchen springt, einen Weinschank erreicht und sich, wenn die Umstände nicht zu ungünstig sind, sogar hinter ein Fenster stellen und den Vorübereilenden eine Nase drehen kann.

Unser Flüchtling schien es noch besser haben zu sollen. Er fand den in Paris noch seltenern Fall eines offenstehenden Thorwegs, sprang in diesen wie er glaubte ungesehen hinein, fand einen stillen Hof, schlich sich die Treppe hinauf, hockte dort eine Weile und würde sich haben wohlgemuth wieder auf die wahrscheinlich inzwischen sicher gewordene Gasse begeben können, wenn der Thorweg plötzlich nicht wäre geschlossen worden und der Ruf: Haltet den Dieb! im Hause selbst vernehmbar ihm auf den Fersen gefolgt wäre.

Nun stieg der Bedrängte von Treppe zu Treppe, fand eine geöffnete Thür, die auf das Plattdach des Hauses führte, und entschloß sich, da der Weg seiner Flucht doch einmal entdeckt war, zu einem halsbrechenden Spaziergang zwischen den Schornsteinen und Giebeln quer über die luftigen Häuser hinweg. Ein Verfolgtwerden brauchte er da nicht mehr zu fürchten. Es kam nur darauf an, irgendwo unter sichern Umständen wieder auf die Erde zu gelangen.

Der Nebel gestattete auch hier einen Vorsprung.

Bis die Leute auf die Dächer stiegen, und das mußte 5 man, um über ihre Querfläche nur hinwegzusehen, da die Höfe und Gassen in Paris zu eng sind, um von jedem Fenster aus sogleich auf ein Dach blicken zu können, hatte der Flüchtling schon einen sichern Versteck gefunden, hinter dem ihn Niemand suchte. Er streckte sich zwischen einigen Schornsteinen platt auf die Schiefer und hörte nun auch den Lärm der Verfolger allmälig verhallen. Da nichts mehr zu ihm drang als von unten her das Rollen der Wägen und das Geschrei der Ausrufer, schlich er sich vorsichtig weiter und suchte eine Gelegenheit besserer Unterkunft. Er hoffte auf ein offenstehendes Dachfenster.

Ein solches fand er.

Es war in der Straße La Grenelle St.-Honoré und zu seiner besondern Freude das Fenster einer Wohnung, die er sehr wohl kannte und wo man ihn ganz gern aufnahm, auch wenn man wußte, daß er eben in einen heimlich aufgedrückten eleganten Laden eingetreten war und mit raschem Griffe eine Uhr hatte stehlen wollen. Hatte doch Pierre Levasseur, der Bruder einer Schwester, die hier wohnte, seine Bekanntschaft schon im Zuchthause gemacht, hatten doch Beide erst gestern so viel Pint guten Macon vieux zusammen in einer Spelunke am Palaisroyal getrunken, bis sie die Versicherungen ewiger Freundschaft mit ihren schweren Zungen nicht mehr aussprechen konnten. Hier beim alten Matthieu Levasseur, bei Mutter 6 Levasseur, bei Pierre, Fanchon, Lisette, Therese Levasseur hoffte er, um einen Rückfall in die Unarten, die ihm schon zwei Jahre Zuchthaus gekostet hatten, nicht so übel aufgenommen zu werden wie z. B. von einem der Herren Professoren, die da drüben in der Sorbonne eben den Cursus über Moral lasen.

Vorsichtig wie ein Marder und behend wie eine Katze schlich der junge Mensch seinem Ziele entgegen.

Einige Sprünge und er war an dem Staatsfenster der drei, die zur Wohnung der ihm befreundeten Familie gehörten. Eine Dachrinne schützte den Tollkühnen vor dem Ausrutschen und Hinunterstürzen auf das sechs Stock tieferliegende Straßenpflaster. Wohlgemuth schwang er sich um den Hals des vorspringenden Dachfensters, stemmte die Beine in eine Dachziegellücke und wandte sich mit behutsamer Schwenkung so weit seitwärts, um sich überzeugen zu können, ob bei seinen Freunden Jemand mehr zu Hause wäre als die jüngsten Bewohner, die kleine Madelon oder der dicke Paul, von denen die Erstere, in ihrer Wiege oft sich selbst überlassen, dann wohl stundenlang zu schreien pflegte, während der einjährige Paul das Seinige that, ihr zu secundiren.

Das Rutschen des Flüchtlings hätte man in den Stuben hören müssen und in der gewiß, zu der das Staatsfenster gehörte.

Sogar ein Blumenstock fiel von des Flüchtlings nach 7 Anhalt suchendem Fuß vom Gesimse des Staatsfensters in die Straße hinunter und konnte möglicherweise irgend Jemand auf der Straße La Grenelle St.-Honoré ein Loch in den Kopf schlagen.

Um so auffallender war die betrachtende, völlig ungestörte Ruhe, in die der Flüchtling einen hinter den zurückgezogenen weißen Vorhängen arbeitenden Schreiber versunken sah.

Es ist Theresens Liebhaber, flüsterte er vor sich hin und bald auch hörte er die kleine Madelon heftig schreien, trotzdem, daß sie nicht eingeschlossen war. Von „Theresens Liebhaber“ sah man nichts als den Rücken, der krumm gebeugt über sein Papier sich lehnte, nichts als die Fahne der Feder, die etwas bedächtig in seiner Hand auf- und niederging.

Daß der Narr nicht gut sehen kann, weiß ich, sagte der junge Mensch zu sich selbst, aber es scheint, auch am Gehör fehlt ihm etwas, wie an seinem Verstand ohnehin.

Er überlegte, ob er ans Fenster klopfen und Einlaß begehren sollte.

Der Schreiber hatte offenbar nichts um sich her vernommen als das Kritzeln seiner Feder. Er arbeitete ruhig weiter. Madelon schrie, auch Paul wurde hörbar und ein Hund bellte. Der Hund schien schon die Witterung des Flüchtlings zu haben.

Nichts von alledem störte den Schreiber, der Das, 8 was er niederschrieb, nicht einmal selbst zu erfinden, sondern nur abzuschreiben schien.

Wäre der Blumenstock nicht in die Straße hinuntergefallen, so hätte der Flüchtling wohl noch eine Weile in seiner Lage ausgeharrt, trotzdem daß es zu regnen anfing.

Die Combination aber, daß durch jenen Fall seine Fährte könnte entdeckt werden, bestimmte ihn mit der Ueberraschung, die er der Familie Levasseur zugedacht, nicht länger zu zögern, sondern ohne weiteres an die Fensterscheiben anzuklopfen und höflichst um Einlaß zu bitten. Gedacht, gethan. Kräftig pochte er an die Scheiben des Fensters und sah den Schreiber natürlich im heftigsten Schreck aufspringen. Dieser in seinem grauen Camisol, das ihm fast bis an die Kniee reichte, in Hauspantoffeln, eine Brille auf der Nase, mit unordentlich durcheinandergehendem, von aller Zopf- oder Pudermode abweichendem blonden Haar stand hinter den Scheiben sehr verdutzt. Er schien aus den Wolken gefallen über einen Besuch, der sich vom Dache ankündigte.

Herr Jean Jacques, sagte der Flüchtling, vergeben Sie die Störung! Ich wollte nur fragen, ist Pierre zu Hause?

Das Fenster wurde geöffnet.

Herr Jean Jacques drückte sein Befremden aus, wie man seinen Schwager Pierre so vom Dache aus durchs Fenster besuchen könne.

9 Ich hatte einen Krawall mit der Polizei, sagte der Flüchtling, eine kleine Bataille auf der „Insel“ – er meinte die innere Stadt – bei der einäugigen alten Martonnière, die für ein paar zerschlagene Weingläser mehr Sous haben wollte, als ich gerade in der Tasche hatte. Sie wissen doch, Herr Jean Jacques, daß ich ein guter Freund –

Aber ist’s denn möglich! rief schon eine helle weibliche Stimme dazwischen, Michel Labrousse! Bist du des Teufels?

Michel Labrousse? widerhallte es jetzt schon von mehreren Stimmen, die aus dem Inneren der Wohnung drangen, und schon war Michel Labrousse im Begriff, sich mit einem Satz ins Zimmer zu schwingen, als sich mit Blitzesschnelle auch schon wieder diese Scene veränderte.

Ein junger Mensch brach in die Thür des Zimmers, rief in bleichem Schrecken aus: Die Polizei! und im Nu ging die aufgeregte Physiognomie der vier bis fünf zurechnungsfähigen Wesen, die hier so plötzlich beisammen standen, in einen wieder dieser Mittheilung angemessenen Ausdruck über.

Zwei weibliche Wesen, ein junges und ein altes, voll Erstaunen, ein junger Mensch voll Furcht, der Schreiber wie einer andern Welt angehörend, der Flüchtling mit dem Ausrufe: Reinen Mund! zurück aufs Dach. Die Säbel der Gendarmen klapperten schon die Treppe herauf. Kräf-10tige Stimmen ließen sich drohend genug vernehmen. Es ging rasch; aber doch nicht rasch genug um sich nicht noch gegen die Gefahr waffnen zu können, wenigstens mit einer Lüge.

Die Häscher mit ihren Schleppsäbeln und dreieckigen Hüten waren eingetreten.

Es hieß, man verfolge einen Flüchtling, der an der Seine am hellen Tage eine Uhr hätte stehlen wollen; über die Dächer entflohen, wäre der Dieb unzweifelhaft die Veranlassung gewesen zum Niedersturze eines Blumenstocks aus diesem Hause; ob man nichts hier auf dem Dache beobachtet hätte?

Ein starres Schweigen und gleichgültiges Kopfschütteln war die Antwort.

Der Blumenstock ist aber der Ihrige, hieß es, die Leute im Hause bezeugen es.

Man blickte hin zum Fenster.

Ja, ist’s möglich, sagte die Jüngere der Frauen, eine stattliche Gestalt mit feurigen Augen unter dem rothgelben Kopftuche und die Arme in die hochgewölbten Hüften stemmend, ja, ach, du lieber Himmel, es ist unser schöner Goldlack; aber, meine Herren, Sie sehen ja, es regnet! Das Wetter hat uns schon oft einen unserer Blumentöpfe so mitgenommen. Fanchon! Lisette! Wie oft hab’ ich euch nicht schon gesagt, daß die Töpfe angebunden werden sollen!…

11 Und damit ließen sich noch einige jüngere Bewohnerinnen der Dachstube erblicken. Und die ältere der Frauen, die Mutter der Schwestern, fing gar erst recht zu klagen an um den schönen, von ihr aufgezogenen Goldlack, dessen Scherben einer der Sergeanten noch in der Hand hielt.

Man öffnete das Fenster, rückte die Schreibereien des Herrn Jean Jacques beiseite, und lehnte sich hinaus.

Der Regen strömte heftig.

Es war jedenfalls lästig, eine trockene Nase in diesem Augenblicke so lange ins Freie zu stecken.

Das Fenster wurde geschlossen und da die Hartnäckigkeit der Ableugnung, man hätte auch nur irgend etwas Verdächtiges auf dem Dache bemerkt, dieselbe blieb, ja sich den Kindern gegenüber, die man in die Kammer brachte, steigerte, so waren die Häscher schon im Begriff, sich unverrichteter Sache zu entfernen. Die Erkundigung jedoch, die sie schon im Hinaufsteigen in diesen fünften Stock über die Bewohner desselben eingezogen hatten, schien ihnen wenigstens der Mühe werth zu sein, noch einige Fragen an diese, sie selbst betreffend, zu richten und so wurde denn ihren geöffneten Brieftaschen noch mit Bleistift über die Bewohner von Nr. 14 Rue de Grenelle St.-Honoré fünften Stock, folgendes kurze Protokoll übergeben.

12 Der Schreiber.#

Wer ist der Miether dieser Wohnung? fragte der erste der drei Sergeanten.

Hier, Herr, hier, der alte Mann da! hieß es.

Wie heißen Sie?

Es ist Jean Baptiste Levasseur, ehemaliger Weinbauer in Grenoble, Vater hier seiner Tochter Therese.

Wer sind Sie?

Die Mutter hier meiner Tochter Therese.

Wer ist der junge Mensch da?

Herr, das ist Pierre Levasseur, der Bruder seiner Schwester Therese und das ist Fanchon, auch meine Tochter, wie die Schwarze da, die Therese, die Fanchon’s Schwester ist.

Wem gehören die kleinen Kinder da drinnen?

Das sind meine Enkel, Herr, die Kinder meiner Tochter Therese!

Ja, Herr, das sind meine Kinder! Ich bin ihre Mutter und heiße Therese Levasseur, wie Sie schon gehört haben werden, mein Herr!

13 Wer ist der Vater?

Alles schwieg.

Es war eine Pause –, die einem jener dunkeln Capitel der Weltgeschichte gleich kam, über welche die Philosophie und Kritik Folianten geschrieben haben. Die ganze sociale Verfassung Europa’s antwortete. Dies Schweigen war schmerzlich beredsam.

Wovon nähren Sie sich?

Ich nähe, Herr –

Und ich habe einen Handel mit alten Lappen und Kleidern – Herr –

Und der junge Mensch? Sie da, Herr Pierre?

Ich war in Sèvres – Ich bin ein Töpfer – Herr –

Warum arbeiten Sie nicht?

Es ist Krieg, Herr! In Sèvres gehen die Geschäfte nicht.

Wer ernährt Sie Alle? Wovon leben Sie? Wer bezahlt die Miethe?

Ich, Herr! sagte jetzt der Schreiber Jean Jacques, mit Schüchternheit hervortretend.

Sie sind der Vater dieser Kinder?

Ich bin es, ich bin der Vater! war die Antwort, die aus dem Munde eines Fürsten zu kommen schien, aber aus dem Geiste eines Bedienten.

Denn der Vortrag war ebenso befangen wie die Aussprache fein und gewählt.

14 Sie sind nicht kirchlich eingesegnet – ?

Herr Jean Jacques, wie man sah, die Verlegenheit selbst, schwieg wieder und hatte auch nicht zu reden nöthig, denn Therese Levasseur ergriff sogleich für ihn das Wort und sprach mit der ihr eigenen nachdrücklichen Geläufigkeit:

Nein, mein Herr, das sind wir freilich nicht; allein das hindert gar nicht, daß wir uns lieben!

Die Commissare der Polizei fanden solche Verhältnisse so häufig vor, daß ihnen diese Versicherung, die von dem jungen Wesen mit mehr Keckheit als Treuherzigkeit gegeben wurde, kein Lächeln abgewann. Auch der Mutter schnitten sie ihre Auseinandersetzungen ab, die darauf hinausliefen, daß sie sämmtlich ihrer Tochter hierher gefolgt wären, als diese beim Serviren in einer Garküche, wo Herr Jean Jacques sich in die Kost gegeben hätte, das Interesse des Letztern erregt, sein Herz, seine Liebe gewonnen hätte, zu ihm gezogen wäre als die Führerin eines kleinen Hausstandes, der arm aber reinlich, sauber aber kostspielig u. s. w. u. s. w. wäre.

Die Commissare wünschten von den geschwätzigen Leuten jetzt nur noch einige Details über diesen Herrn Jean Jacques selbst zu wissen.

Sie heißen? fragten sie.

Jean Jacques Rousseau.

Sind von Paris – ?

Nein, mein Herr, ich bin von Genf. Ich bin ein Schweizer.

15 Was führt Sie hierher?

Ich war Secretär der königlichen Gesandtschaft in Venedig.

Und beschäftigen sich jetzt – ?

Mit Notenschreiben.

Sehen Sie da! fügte schon wieder das lebhafte Temperament aller Familienmitglieder und das sichere Gefühl, Michel Labrousse säße zwar physisch sehr bedenklich im Regen, moralisch aber im Trocknen, in schnatterndem Durcheinander hinzu: Sehen Sie da! Das sind hier die Noten, welche die höchsten Herrschaften von ihm abschreiben lassen. So schreibt Niemand in Paris und Noten nun schon gar nicht. Und eine solche Handschrift hat in ganz Frankreich kein Kupferstecher. Und dieser Herr Jean Jacques ist ein Schweizer, aber darum doch ein so guter Franzose und ein so guter Christ wie hier jeder Andere und versteht mehr Sprachen der Welt, als worin manche Leute ihn examiniren möchten.

Diese letztere Bemerkung kam von Theresen selbst, die sich schon wieder fühlte und mit ihren hölzernen Hackenschuhen eine Musik zu treten anfing, die das Tempo der sich steigernden Ungeduld annahm und in der That die Commissare einschüchterte.

Sie gingen, begleitet von einer erst beflissenen und im Gefühl der Sicherheit höhnend stark aufgetragenen Höflichkeit, dann von schallendem Gelächter, von Spott und 16 dem nun wieder in ganzer Macht und Stärke rückkehrenden Erstaunen da draußen über Michel Labrousse auf dem Dache.

Sein Wagstück war so kühn gewesen, daß es die Veranlassung einer polizeilichen Jagd auf ihn fast vergessen ließ.

Man öffnete behutsam wieder das Fenster, spähte überall umher. Der Regen hatte aufgehört, aber Michel war, wie man sagte, „leider“ nicht mehr zu finden.

Wenn er sich nur nicht den Hals gebrochen hat, sagte Pierre, der Porzellantöpfer von Sèvres, sein Freund.

Ach was, rief Therese, der klettert jetzt aufs Luxembourg hinüber und macht da der Herzogin durch einen Schornstein die Morgenvisite! Ha, ha! Schade, daß er ein Sattler, kein Friseur ist. Jetzt könnt’ er ihr durchs Kaminloch zurufen: Frau Herzogin von Luxembourg! Soll ich Ihnen die Papilloten brennen? Ha, ha! Hier ist die Kneipzange dazu!

Alles lachte durcheinander, die jüngern Schwestern jubelten, Therese trällerte.

Die Mutter rannte in die Küche, um die Suppe zu beaufsichtigen, die vielleicht inzwischen angebrannt war, der Alte wurde auf die Straße geschickt, Holzkohlen zu kaufen, Zwiebeln vom Gemüsehändler, Wurst vom Fleischselcher, Milch für die Kinder aus irgend einem Keller.

Nur Jean Jacques legte die Brille ab, die er, da er sehr kurzsichtig war, beim Arbeiten trug.

17 Gerade an diese Herzogin von Luxembourg hatte er die Noten zu bringen, die da eben auf seinem Schreibpulte lagen.

Und auch er lachte und sagte:

Der Spitzbube kann ja zu den Papilloten meine Noten nehmen, welche die Herzogin doch ins Kamin wirft, weil sie nach meinem System geschrieben sind, das sie auslachen wird und das sie wohl nur deshalb vom Musikmeister bestellen ließ!

Diese Bemerkung veranlaßte keine andere Entgegnung als die: Nein, nein, der Michel ist ein Sattler! Und die Familie blieb nur bei seinem Muthe stehen, wie der Franzose einmal ist, wenn er an sich irgend etwas Außerordentliches zu bewundern hat, das seiner Nation im Allgemeinen und ihm im Besondern zur Ehre gereicht.

Jean Jacques zog sich an, bat Theresen um etwas Geld und versprach, zur Mittagszeit rechtzeitig einzutreffen, versprach auch, kein Kaffeehaus zu besuchen, weil er in solchen Fällen schon nicht selten ihr Mahl verschmäht hatte.

Wie er sich seines Kamisols entledigt, sich gewaschen, sein Haar, das er auch auf der Straße im natürlichen Wuchse trug, etwas geordnet, sein bestes Kleid angezogen, einen Mantel übergeworfen und sich mit dem Regenschirm versehen hatte, stieg er mit den zusammengerollten Noten die Treppen nieder.

18 Unterwegs begegnete ihm ein Bedienter, weißgepudert, in langem, bis zu den Füßen gehendem Mantel und ein schlankes Bambusrohr in der Hand mit goldenem Knopfe.

Er fragte nach Herrn Jean Jacques Rousseau.

Der bin ich!

Sie kennen Herrn Baron von Grimm?

Nein!

Herrn Diderot?

Seine Schriften, nicht ihn selbst.

Die Marquise von Epinay wünscht Sie wegen –

Der Bediente stockte und zeigte eine Karte.

Jean Jacques nahm sie und las:

„Die Marquise von Epinay wünscht die Notenschrift kennen zu lernen, die Herr Jean Jacqnes erfunden hat und von welcher die Herzogin von Luxembourg zu den Herren Grimm und Diderot gesprochen, die bereits die Ehre haben, Herrn Jean Jacques zu kennen. Morgen um zwei Uhr.“

Noch war die düstere Wolke, die auf des Notenschreibers Stirn sogleich bei Nennung der Namen Grimm und Diderot sich gelegt hatte, nicht verzogen.

Er hatte des Eindrucks gedacht, wie er kürzlich, nach Hause kommend, von einem Besuche vernommen, den der berühmte Schriftsteller Diderot in Begleitung eines Andern ihm gemacht hatte in seiner Abwesenheit.

Diderot, den plötzlich, wie man aus den Zeitungen 19 ersah, wegen seiner Schriften polizeiliche Verfolgung bedrohte, war nicht wieder gekommen. Der Schreiber konnte sagen, zu seiner Freude, denn der Gedanke, daß Diderot ihn mit Theresen, ihren Aeltern, ihren Brüdern hätte antreffen können, hatte ihn mit Schrecken erfüllt.

Nun wurde er sogar zu einer Dame gerufen, die ohne Zweifel schon die Verhältnisse kannte, in denen er lebte. Er hätte gern erwidert: Man schicke mir, was man abgeschrieben wünscht – doch drängte der Bediente zu einer bestimmten Antwort. So sagte er denn zu, daß er morgen um zwei Uhr zur Frau von Epinay kommen würde.

Er ließ den Bedienten vorangehen und trat auf die Straße, erfüllt von dem Gedanken, ob der bezeichnete Diderot sein von ihm schon preisgegebenes Notensystem wohl billigen könnte.

Die Vorfälle mit dem Besuch eines Diebes und mit dem Examen der Polizei vergaß er schon; Scenen solcher Verwilderung war er in der Lage, in die er sich einmal seit Jahren begeben hatte, gewohnt. Sie störten mehr sein Behagen, als sie sein sittliches Gefühl aufregten.

20 Frau von Epinay.#

Es lebte zu jener Zeit in Paris ein Deutscher, Namens Grimm.

Er war in Regensburg geboren, hatte eine gute Erziehung genossen, wurde Lehrer eines deutschen Grafen und kam mit diesem nach Paris. Hier verstand er, durch eine seltene Kenntniß der französischen Sprache, mancherlei Talente und ein gefälliges Benehmen, besonders aber durch seine musikalischen Fertigkeiten sich eine hervorragende Stellung zu verschaffen. Mit den berühmtesten Schriftstellern jener Zeit trat er in Verbindung und vorzugsweise war es Diderot, der ihm ein inniger Freund wurde. Durch Diderot wurde Grimm in das reiche Haus der Frau von Epinay eingeführt.

Diese Dame gehörte zu den Frauen, die damals die schöne Welt der Künstler, Gelehrten und Dichter um sich versammelten.

Es war die Mode der „Blaustrümpfe“ aus England nach Frankreich gekommen und bald eröffneten sich die sogenannten Bureaux d’esprit, jene geselligen Cirkel, die unter dem Schutze irgend einer mächtigen und lebhaft fühlenden weiblichen Persönlichkeit in der Gelehrtenrepu-21blik den Ton angaben. Nicht selten befehdete einer dieser Cirkel den andern, eine Dame beneidete der andern die Eroberungen, die sie unter den berühmten Namen des Tags gemacht hatte. Man geizte nach Auszeichnungen durch die Literatur. Man nahm Widmungen an, unterstützte die Talente und verlor sich, wie die Flamme des Geistes doch immer auch ein verzehrbares Material erfordert, mit Diesem oder Jenem der genannten Größen des Tags auch wohl in manche Verirrungen des Herzens, die jedoch von dem leichten Geiste der damaligen Sitten übersehen und ganz in der Ordnung gefunden wurden.

Herr von Epinay war ein reicher Finanzmann, der die vollkommenste Achtung der Welt verdiente. Seine Gemahlin theilte diese Achtung, ließ sich aber in der festen Stellung, die sie für sich allein der Welt gegenüber einnahm, ebenso wenig hindern als in der ziemlich vertraulichen Gunst, die sie Grimm, dem gewandten musikkundigen Fremdling, widmete, der sich natürlich Baron nannte. Baron von Grimm galt für den Günstling der Frau von Epinay. Er musicirte mit ihr, er vermittelte ihre Beziehungen zur gelehrten Welt, und während die Damen Gaussin, Houdetot, Bezenval, Tencin, Popelinière u. A. in ihren Cirkeln jede einige Namen der damaligen, der Revolution vorarbeitenden Geistesrepublik für sich protegirte, versammelten sich bei Frau von Epinay alle die Namen, die späterhin die berühmte, für die Neuzeit so Epoche machende „Encyklopädie“ herausgegeben haben.

22 Im vertraulichen Kreise unter Diderot, Marmontel, St.-Lambert, Duclos, Condillac und andern sozusagen belletristischen Philosophen hatte Grimm von den musikalischen Streitigkeiten des Tags, an denen er selbst als leidenschaftlicher Vertreter der Musik seines deutschen Landsmanns Gluck betheiligt war, Veranlassung genommen, von einer neuen Notenschrift zu sprechen, die ein wunderlicher, aber origineller Kauz schon vor einigen Jahren der Akademie vorgelegt hätte. Der berühmte Rameau hatte dies System, die Töne statt mit Noten mit Zahlen vorzuschreiben, nicht für neu erklärt und die von dem damals jungen Musiker schon herausgegebene Broschüre war in Vergessenheit gerathen. Inzwischen hatte die Herzogin von Luxembourg, die so leidenschaftlich das Piano liebte, neuerdings einem Notenschreiber, der vorläufig nur eine Partitur rasch für sich selbst notiren und dann später ausführlicher copiren sollte, von dieser Abkürzungsmethode der Notenschrift berichten lassen und auffallenderweise wäre jener Notenschreiber der Erfinder derselben selbst gewesen. Man hatte sich nun näher nach ihm erkundigt und den merkwürdigsten Lebenslauf eines Menschen erfahren, der nach einem kurzen Auffluge zu einer gewissen, schon etwas versprechenden Bedeutung plötzlich wieder in die armseligsten Verhältnisse zurückgefallen war und in der Rue Grenelle St.-Honoré wohnte. Grimm erzählte, was man ungefähr von Rousseau’s 23 Lebenslauf erfahren konnte, wenn man sich bei Musikhändlern oder dem Personal des Herrn von Montaigne erkundigte, den Rousseau als Secretär begleitet hatte, als Herr von Montaigne französischer Gesandter in Venedig war. Es ist ein Genfer, hieß es, der Sohn eines Uhrmachers daselbst; er entfloh seinem Vater, bei dem auch er die Uhrmacherei gelernt hatte, kam nach Savoyen, wurde durch zwingende äußere Umstände katholisch, ging nach Turin, mußte daselbst Bedienter werden, hielt aber in keiner Position lange aus. In Chambery wurde er Musiklehrer, wollte componiren, fiel mehrfach damit durch, kam nach Paris, wollte hier einen Anlauf zur Unsterblichkeit nehmen, schrieb über Musik, componirte eine Oper, besuchte die Akademiker, war aber, da seine Unreife ihn überall lächerlich machte, froh, eine Schreiberstelle bei Herrn von Montaigne zu finden, der ihn mit nach Italien nahm. Aus Venedig zurückgekehrt, geräth er hier in ein Verhältniß mit einer ganz gewöhnlichen Grisette; diese zieht ihre Aeltern und Geschwister nach sich und so lebt denn jetzt dieser Mann, schon hoch in den Dreißigen, in einer lärmenden und gemeinen Umgebung, schreibt Noten, besitzt eine feine Einsicht in Das, was er schreibt, und kann endlich auch seiner zierlichen Handschrift selbst wegen allgemein empfohlen werden.

So lautete Grimm’s Bericht.

Frau von Epinay hatte ganz die Frauennatur, die alles Seltsame und Unglückliche vorzugsweise liebt.

24 Sie wünschte den musikalischen Bedienten kennen zu lernen.

Daher die Einladung, die Diderot schon vor einigen Wochen auszurichten übernahm. Diderot übernahm sie, da er der Rue Grenelle St.-Honoré am nächsten wohnte.

Diderot gerieth indessen in ernste Unannehmlichkeiten wegen einer seiner neuesten Schriften. Rousseau wurde vergessen, bis Frau von Epinay selbst auf ihn zurückkam und ihm die schnelle Abschrift einer kleinen Oper übergeben wollte, die einer ihrer Freunde zum Geburtstage ihres Gemahls componirt hatte. Daher die schriftliche Einladung.

Jean Jacques machte sich am folgenden Tage auf den Weg; er trug sich wie immer; nur feinere Wäsche mußte ihm Therese diesmal den Umständen angemessen geben.

Um zwei Uhr stand er, mehr mißtrauisch als erwartungsvoll, vor einem Palais in der Rue Taitbout, wo Frau von Epinay wohnte.

Leider traf sich, daß Frau von Epinay verhindert war, Jean Jacques zu der Stunde, wo sie ihn bestellt hatte, anzunehmen. Die schöne Frau von Popelinière war leider gekommen, um sie abzuholen zum Herzog von Grammont, wo gerade der berühmte Mechaniker Vaucanson seine künstliche Ente Eier legen ließ! Es war das Ereigniß des Tags, diese eierlegende, körnerfressende und sogar sie verdauende Ente Vaucanson’s! Man mußte es 25 für ein Glück halten, in einem Cirkel wie dem des Herzogs von Grammont diese Ente bewundern zu dürfen, und man verurtheile Frau von Epinay nicht ganz! Sie hoffte beim Herzog von Grammont dem Erzbischof von Paris zu begegnen. Herr von Beaumont, der Erzbischof, war die Hauptperson, die den Spruch, der über ihren Freund Diderot bereits erfolgt war, vielleicht noch mildern und ihn dem Beichtvater und der Gnade des Königs empfehlen konnte.

Armer Jean Jacques! Das „Nebeneinander“ unserer Weltbeziehungen kennt nur Gott und ahnt allenfalls ein Dichter – – Die Dienerschaft sprach nicht von der Gefahr des muthigen Diderot, der einige Jahre auf der Festung von Vincennes sein freies Denken büßen konnte, sie sprach nur von dem für die Masse noch größern Ereigniß des Tags, Vaucanson’s künstlicher Ente. Du glaubtest dich dieser Ente geopfert und doch opferte dich Frau von Epinay nur einem Werke der Liebe, das vorläufig doch noch etwas höher stand als das Glück, dich kennen zu lernen!

Jean Jacques stieg nicht wenig verdrießlich die Stufen des glänzenden Hotels nieder, das Frau von Epinay bewohnte.

Für ihn war die Demüthigung so gut wie erwiesen.

Die Dame hatte ihn keineswegs vergessen. Sie hatte Befehl gegeben, daß der Portier ihn zum Haushofmeister 26 hinaufschickte, und dieser hatte eine große Arbeit für ihn in Bereitschaft, die handschriftliche Partitur einer Oper, die im Familienkreise einstudirt werden sollte zu Herrn von Epinay’s Namenstage, einer Oper, die ein Dilettant verfaßt hatte. Er hatte Das, was er zu finden erwarten konnte, ja sogar etwas Besseres, als er gefürchtet hatte. Er hatte gefürchtet, man wollte sich über ihn, einen, ehe er nicht einmal emporgestiegen war, schon heruntergekommenen Schöngeist lustig machen. Und doch war es ein Sonnenstrahl gewesen ungewohnter, aufgegebener Träume, der so vor ihm hinzitterte und seltsam blitzte, als er am Hotel Epinay geklingelt und der Thorweg, der in den Hof führte, aufgegangen war – – Die Erwartung war Schmerz geworden, ein Zucken des verletzten Ehrgefühls, ein Krampf des Zorns und eine Auflösung doch zuletzt nur wieder in Wehmuth. Einsam war ihm zu Muthe und mitten im Gewühl der Straßen fing er schon sein gewohntes gedankenloses Träumen wieder an.

Jean Jacques erwartete nicht mehr viel von der Welt.

Er war vom Leben schon so hin und her geworfen worden, hatte für jene Zeit so außerordentlich viel schon gesehen, kannte Italien und Deutschland, hatte die reichste Vergangenheit hinter sich, eine Vergangenheit, die sich in einen Roman des Herzens theilte und in die Geschichte einer Selbstbildung ohne alle äußere Anleitung, die nicht weniger ein Roman war.

27 Was umgab ihn jetzt?

Jetzt, wo er noch ein halbes Kind war und doch schon fast vierzig Jahre zählte? Jetzt, wo es ihm oft war, als müßte sein Leben erst neu beginnen und wo doch schon sein Haar zu ergrauen anfing? Was er erlebt hatte – an den reizenden Ufern des Genfersees, den schneebedeckten Felsenhäuptern von La-Meillerie gegenüber, im italienisch-sonnigen Thale von Chambery, in Turins prächtigen Straßen und Palästen –, das konnte ihm ja keine Zukunft wiedergeben. Er hatte zu zärtlich geliebt und war zu zärtlich geliebt worden! Götterarme schon hatten ihn emporgehoben aus gemeinen Verhältnissen, er hatte den Nektar der Poesie, das Ambrosia der Wissenschaften mit seinen Lippen gekostet; was war im Vergleich mit seiner wunderbaren überseligen Vergangenheit bei seiner ersten Liebe, seinem „Mütterchen“ Frau von Warens, nun – seine Gegenwart? Schale Wirklichkeit, unwürdige Existenz, die er ertrug, weil er sich matt, unendlich müde fühlte, er, der selbst in Venedig, selbst unter schwirrenden Masken in toller bacchanalischer Musik der reizendsten Schönheit gegenüber, die vom verschwiegenen Gondeldach an der Marmortreppe eines Palastes nur landen konnte – Zulietta hatte sie geheißen –, nur an die Vergangenheit denken und statt sie zu umarmen – weinen mußte. Der Traum der Poesie war ihm längst verflogen, die Himmelsleiter, die ihn zu den Sternen führen sollte, war ja zu 28 kurz gewesen, die letzten Sprossen fehlten, er war wieder niedergestiegen, hatte die Leiter umgestürzt und trug jetzt – die Jacke eines Schreibers! Wäre Frau von Epinay geneigt gewesen, ihm ihre Livrée anzubieten, er hätte nicht die Kraft mehr gehabt, sie auszuschlagen; er wäre wieder ein Lakai geworden, was er schon vor achtzehn Jahren einst in Turin war, in Turin, wo er seinen Glauben wechseln mußte, um nicht zu verhungern. Jean Jacques, der nie eine Kirche besuchte, der zuweilen tolle Anfälle bekam, wo er wie mit einem einzigen Ideensprunge neben die Größten seiner Zeit, selbst Voltaire, sich stellen mochte, Jean Jacques, der zuweilen einen König suchte wie Friedrich in Sanssouci und ihm gegenüber hätte treten mögen mit dem Ausrufe: Sei du Alexander, ich will dein Aristoteles sein! – er war nun schon so gewöhnt an diese sogleich wieder eintretende Erschlaffung und Muthlosigkeit, daß ihm der Zufall jede, auch die unscheinbarste Form hätte geben können, denn sein Rückblick ging auf nichts als – Verfehltes. Verfehlt! Verfehlt! Schreckliches Wort auf der Höhe des Lebens, dieses ewig nagende Erwägen Dessen, was, so wie es war, ganz anders hätte kommen sollen und können! Dies ewige: Vergebens! Vergebens! – das in Luft und Wolken, in Sternen- und Sonnenlicht, auf der Straße, bei jedem Gruße an Menschen und von Menschen ihn rührend anblickte!

Und doch war die Welt, die hinter ihm lag, nicht ge-29ring; er fühlte ihre Größe von irgend einem, ihm nur noch fehlenden Standpunkte aus, er sah, daß diese Tausende, die in Wägen, auf Rossen und noch stolzern Füßen da an ihm vorüberschwirrten, nichts, nichts von Dem besaßen, was freilich auch ihm schon nur noch auf dem Kirchhof seiner Erinnerungen schlummerte.

Aber er war fertig und abgeschlossen. Er hatte keinen Wunsch, für die Welt nicht und für sich selbst nicht; er befand sich in seiner Klause leidlich und den Lärm der Angehörigen Theresens ausgenommen, schätzte er sogar ihre Pflege, ihre Hingebung, ihre rohe Heiterkeit. Andere lebten da statt seiner. Er war ihr Mittelpunkt, er ertrug sie und sie ertrugen ihn. Er glaubte krank zu sein. Er hatte zwei Kinder, die bisweilen vergessen wurden und von ihm jedenfalls. Es mußte ja auch Hände geben, die diese Kinder speisten und tränkten. Das war seine Existenz. Sie hatte jenen Werth, der unter Umständen den Menschen wichtiger sein muß als Leibnizens Lehre von den Monaden oder des Cartesius: „Ich denke, darum bin ich!“

So glich Rousseau’s damaliger Zustand recht dem des zerstoßenen Rohrs, von dem das Evangelium spricht.

Es war aber kein Apostelwunder, sondern ganz einfach nur eine Tasse Chocolade, die plötzlich Alles in ihm ändern sollte.

30 Das Cafe des Arts.#

Therese hatte Jean Jacques auch heute wieder verboten, in ein Kaffeehaus zu treten und sich durch ein Frühstück die bessere Würdigung ihres Mittagsmahls zu verderben.

Dennoch lockte ihn das Kaffeehaus des Arts am Ende der Richelieustraße.

Die wenigen Zeitungen, die es in jener glücklichen Zeit erst gab, sah er durch die Fenster ungelesen.

Er fühlte das Bedürfniß, sich zu zerstreuen und zu erfrischen.

Jean Jacques trat ein und forderte Chocolade, die er von Venedig her liebte.

Die Partitur des Dilettanten lag neben ihm, er stützte das Haupt auf und brachte den „Mercur“, die pariser Hauptzeitung, an sein kurzsichtiges Auge…

Wer ihn so lesen sah, mußte Mühe haben, Jean Jacques unterzubringen. Es war kein Dorfschulmeister, der da abwechselnd las, abwechselnd trank; kein Pastor vom Lande, aber auch kein Advocat; kein Professor, kein Abbé. Die Gestalt war nicht groß, der Wuchs schmächtig, der Kopf nicht 31 unschön, doch ohne einen besonderen Ausdruck, nur die Augen hatten etwas Scharfes, Suchendes, dem Körper Voranleuchtendes, dabei eine gewisse Unsicherheit und Unruhe. Das Benehmen war ebenso schüchtern wie wiederum reizbar. Wer eine Analyse des Innern von dem Aeußern abzuleiten die Gabe besessen hätte, würde, ihn so von fern beobachtend, gefunden haben, daß hier eine ganz vom Augenblick beherrschte, willenlose und nur zuweilen von Principien ausgehende, dann aber darin auch heftige Natur sichtbar wurde. Entschluß und Reue, Muth und Verzagen, Glaube und Mißtrauen, Bedürfniß nach Liebe und scheinbar wieder Kälte, Cynismus im Aeußern, ohne sich darüber Rechenschaft zu geben, ja sogar sich noch einbildend, der braune Rock, den er trug, wäre noch lange nicht so fadenscheinig, wie er war, die Schnallen an den Schuhen wären geputzter, als sie blinkten, das Halstuch wäre noch lange nicht so verbraucht und zerknittert, wie es in Wirklichkeit war, und das kurz geschnittene natürliche Haar schien nicht einmal die Folge der Bequemlichkeit zu sein, sondern eine mit Bewußtsein und Princip behauptete Mode; kurz ein gelehrter Fabrikant, ein Seidenspinner aus Lyon oder richtiger noch ein calvinistischer Uhrmacher aus Genf (der vielleicht, wenn er betete, phantastische Visionen wie ein Katholik hatte, während er mit einem Lutheraner wie der kälteste Verstandesmensch über Buchstaben streiten konnte), dies war der Charakter, der 32 in Jean Jacques’ Gesichtszügen und Haltung ausgeprägt lag.

Der „Mercur“ bot des Interessanten genug.

Krieg und gelehrte Streitigkeiten.

Jean Jacques las Alles mit Aufmerksamkeit, Allem nachempfindend und doch darüber urtheilend wie über etwas ihm völlig Fremdes. Er hatte über Vielerlei Gedanken, aber seine Gedanken stammten sozusagen nicht aus Paris. Er stockte fast bei jedem Satz, hätte überall ein Fragezeichen machen mögen; aber er hatte den Muth nicht, diesen Fragezeichen eine geistige Form zu geben. Im Gegentheil, er hielt seine abweichende Ansicht für einen Mangel an Einsicht und jener nothwendigen Schule, die man eben habe müsse, um in diesem eingebildeten Paris mitreden zu dürfen. Das Theater besuchte er nicht, nicht nur weil ihm die Mittel fehlten, sondern auch deshalb, weil ihn jedes Stück reizte, ein ähnliches zu schreiben und er gegründete Ursache hatte, seinen Fähigkeiten in diesem Punkte zu mißtrauen.

Schon hatte er die Tasse geleert, schon bezahlt, schon wollte er sich erheben, als ihn auf der letzten Seite des „Mercur“ eine Preisaufgabe reizte, welche die Akademie von Dijon aufstellte.

Sie lautete:

„Ob das Wiederaufleben der Wissenschaften und Künste zur Veredlung der Sitten beigetragen hätte?“

33 Die Abhandlungen, die sich um den von der Akademie ausgeschriebenen Preis einer goldenen Medaille bewerben sollten, mußten binnen sechs Monaten mit einem Motto und dem versiegelten Namen des Verfassers versehen eingereicht werden.

Der Eindruck, den diese Frage auf Jean Jacques machte, war erst gering, steigerte sich aber bei längerm Ueberdenken und wurde zuletzt so gewaltig, daß er das Freie suchen mußte.

Er schlug den Weg über die Boulevards nach Vincennes ein, nach welcher Festung – er hatte auch das Gerücht gelesen, Diderot würde nächstens auf ein Jahr hier zur Haft sitzen müssen wegen einiger kühnen Behauptungen in einer seiner letzten Schriften – eine einsame Allee führte.

Diderot in Vincennes, ein Denker im Gefängnisse und die Frage der Akademie in Dijon: Was die Sittenreinheit den Wissenschaften, der Mensch überhaupt der sogenannten Bildung verdanke? Der Contrast war auffallend genug.

Es war ein klarer, frischer Herbsttag.

Das Laub der Lindenbäume lag am Wege und bedeckte hier und da eine Bank, die zur Ruhe einlud.

Jean Jacques blickte auf die halbentlaubten Bäume, auf die neu gepflügten Felder, auf die in grünen Wellen sich hinziehenden Pflanzungen noch nicht geernteter Gemüse und sah doch nichts von alledem.

34 Sein Auge starrte. Seine Gedanken waren in sich selbst versunken. Seine Blicke suchten nach innen einen Halt gegen die drängende Gewalt der Ahnungen. Eine Offenbarung redete mit ihm. Sie kam aus weiter Ferne, tief unten her aus seinen begrabenen Erinnerungen. Was er einst war, was er zu werden gehofft hatte und was er nun geworden, das stand in so heller Beleuchtung vor seiner Seele, daß er an den Bäumen oft sich festhalten mußte, um nicht unter dem Druck seiner Empfindungen zusammenzubrechen.

Haben die Künste und Wissenschaften der Menschheit genützt? Hatte sein dreißigjähriges Streben ihm genützt?

In zwei Hälften ging ihm sein Ich auseinander; die eine, sah er, paßte nicht mehr zur andern, eine mußte siegen und beide vereint waren der Tod, die Unbedeutendheit, die Leere, das Nichts.

War auch er nicht ein Opfer der hergebrachten Begriffe über Kunst und Wissenschaft? Sprach aus den Weisen und Schriftgelehrten seiner Zeit, zu denen ihn nichts mehr, seitdem sie ihn früher verstießen, zu ziehen vermochte, mehr als die Mode? Was sind sie denn, diese Namen des Tags, die dem Götzen des Publikums opfern? Was ist denn noch wahr und rein in dieser Welt der Lüge und des Hasses? Ist diese Civilisation mehr als eine glänzende Verführung der Unschuld und Natur? Kann es in einem Geiste, der auf den Altären der Wissenschaft und Kunst allein opfern will, einen Augenblick der Ruhe, 35 des Glücks, der Zufriedenheit oder Wahrheit geben? Reißt nicht Entdeckung zu Entdeckung, Neubegierde zu Neubegierde, der kaum gesättigte Durst zum ewig lechzenden Verlangen?

Wie anders dagegen erschien dem Träumenden die begnügte Welt des Gemüths!

Er brauchte nur zurückzudenken an seine eigene Vergangenheit, wo ihm die Quelle der Wissenschaft dicht an der wirklichen Quelle sprudelte, die von der Felswand sprang. Er brauchte nur der Schauer zu gedenken, die ihn im Anblick einer majestätischen Natur, der sanften Entzückungen, die ihn ergriffen hatten, wenn er mit seiner Pflanzentrommel auf dem Rücken auf die Höhen stieg, die sich von Vevey empordachten zur Alpenregion. Er hatte die Musik geliebt wie den einzigen reinen Accord, den im ewigen Widerstreit ihrer Zwecke die Natur uns liebevoll doch nicht versagen wollte, und nun, was war die einfache, mit Saiten bespannte Muschel Apollo’s geworden in der Hand des Menschen, der sich Künstler nennt! Die rauschenden Harmonieen der Orchester schlugen an das Ohr entweihter Menschen und Die, welche sie schufen, waren niedrige Seelen, voll Eifersucht und Rache. Wo er hinblickte sah er, was an seinem Leben genagt hatte, den Fluch, der sich an die Bildung heftet. Die Sehnsucht zur Wahrheit und zum Natürlichen hatte sich bei ihm nicht einigen können mit den Anforderungen, 36 die das wissenschaftliche und künstlerische Leben an eine Lebenskunst machte, die er nur kennen gelernt hatte, um sie zu verachten. Wehmuth erfüllte ihn, wenn er gedachte, daß er dem Bösen nur entfernt geblieben war, weil er zu träge geworden, ihm nachzugehen. Er unterließ es, die Erbärmlichkeiten dieses Lebens mitzumachen, nur weil ihm der Entschluß und die Ausführung Mühe gekostet hätte. So verwirrte das Wenige, was ihm das Studium gegeben, schon seine sittliche Kraft. Der Ehrgeiz war ihm nur erstickt durch Trägheit.

In einem Briefe an Malesherbes sagte zwölf Jahre später Jean Jacques, daß ihm auf jener Wanderung durch die Allee von Vincennes seine Brust mit Thränen benetzt gewesen war, von denen er nicht bemerkt gehabt hätte, daß er sie weinte.

Er weinte sie vor Schmerz und vor Wonne. Das Grau des Himmels, das ihm jahrelang den Muth des Lebens genommen, verklärte sich zum lichten Blau. Er sah Engel aus den Wolken zu ihm sich neigen, hörte ihre Sprache, ihren Trost, ihre Ermuthigung. Kehre den Weg, den du bisher wandeltest, um und gehe nach der entgegengesetzten Richtung! Das sprachen die Stimmen mit einer Beredtsamkeit, die ihn rührte, weil sie ihn noch begrüßten wie das Kind, das einst von einer wunderbaren Welt und Zukunft geträumt hatte und von diesem Traume angezogen das dumpfe Genf verließ und zu den südlichen 37 Bergen sich schlich, wo die Feige am Wege blüht und der Oelbaum die grünen Gelände der Berge mit sanftern Tinten übermalt. Fest stand ihm bald wie ein Evangelium, daß die Welt nicht glücklicher wäre durch Das, was sie weiß. Die Wissenschaften haben den Verstand bereichert und ließen das Herz verarmen, die Künste verfeinerten die Sitten nur durch eine geschickte Handhabung der Lüge, durch den Luxus wurden die Völker entartet und die Staaten um ihre Größe und Freiheit gebracht; die Statuen vernichteten den Glauben an die Begriffe, die sie darstellten; die Tempel wurden nicht die Wiege der Religion, sondern ihr letztes Asyl, und bald ragte der Palast des Reichen über den Tempel der Gottheit empor; die Gothen hatten Recht, die Bibliotheken Griechenlands nicht zu zerstören, denn diesen verdankten sie, daß die unterjochten Völker nimmermehr die Kraft erhielten, sich wieder aufzuraffen und durch männliche Tapferkeit das Joch der Fremden abzuschütteln; die Flüchtlinge des vor lauter Bildung und nichts als Bildung zugrunde gegangenen byzantinischen Reichs waren die Sendboten jener sogenannten Wiederherstellung der Künste und Wissenschaften in jenem Europa gewesen, das damals noch die schlechte Sitte nur als Ausnahme von der Regel brandmarkte und nur zubald jetzt an Quellen sich berauschte, die die Geister tollkühn, die Gemüther gottlos, die Herzen kalt und unbarmherzig machten. Wie Nero einst sich in Blut badete 38 und in der That ein Recht hatte, bei seinem Tode auszurufen: „Es geht ein Künstler an mir zugrunde!“ so ist die Bildung niemals und seit dem 16. Jahrhundert am wenigsten eine Bürgschaft der Sitte und der Tugend gewesen – –

So wenigstens gestalteten sich die Antworten, die Jean Jacques auf die Frage von Dijon geben wollte.

Als er an den Heimweg dachte und nun die ungeheure Einsamkeit, die ihn umfing, mit dem Gewühl der Stadt verglich, mußte ihm bange werden, Sätze zu behaupten, die so in grellstem Widerspruch zu Allem standen, was auf dem Antlitz jedes nur einigermaßen gut gekleideten Menschen stand. Jeder von ihnen würde die Frage von Dijon in dem Sinne beantwortet haben, wie sie vielleicht, wenn auch ungeschickt, gestellt war. Jeder von ihnen würde auf die goldenen Inschriften verwiesen haben, die an den öffentlichen Gebäuden prangten, auf Kirche, Universität, Schule, Verwaltung. Jean Jacques behielt seinen Gesichtspunkt und vertheidigte ihn gegen die furchtbare Gewalt gegebener Thatsächlichkeit, die in einem solchen Chaos wie Paris liegen mußte. Robe des Priesters, Uniform des Soldaten, Barett des Richters, nichts konnte ihn in dem Enthusiasmus für die gewonnene Ueberzeugung, daß dem Zeitalter die Unschuld fehle, irre machen.

Er ging an dem Hôtel der Frau von Epinay vorüber. 39 Mitleid erfüllte jetzt seine Seele, nicht mehr Haß oder Furcht. In wenig Stunden war er ein Riese an Kraft und Selbstvertrauen geworden.

Hatte er nicht eine Bestätigung dieser neuen Weltauffassung, die er gewonnen, an den Widersprüchen, in welche die Zeit, in der er lebte, mit sich selbst gerieth? Standen nicht die Menschen an allen Ecken in Gruppen zusammen? War nicht das allgemeine Gespräch, das sie sich entgegenflüsterten, die schon erfolgte Verhaftung Diderot’s und seine Abführung nach demselben Gefängnisse von Vincennes, wo Jean Jacques eben über das größere Glück der Menschheit geträumt hatte?

Diderot’s „Philosophische Gedanken“ wurden nur vom Scharfrichter verbrannt. Seine „Briefe über Blinde zum Frommen der Sehenden“ führten ihn selbst auf ein Jahr ins Gefängniß.

Jean Jacques nahm nicht Partei für Diderot und nicht gegen ihn. Er hatte Mitleid mit Allen und Haß oder Liebe für Alle.

Die Partitur irgend eines dilettantischen Stümpers unterm Arm betrat er seine Wohnung, hörte nicht die Vorwürfe, mit denen er seiner Verspätung wegen empfangen wurde, sah nicht den Wirrwarr der Familie, in der er lebte; nur die Fensternische suchte er, wo er gewohnt war zu arbeiten. Er hatte nicht Ruhe mehr; die Gedanken, die in ihm auf- und abwogten, mußte er 40 festhalten und niederschreiben. Die nächste Außenwelt gewann ihm keine Theilnahme mehr ab und nur mit einer Art dumpfen Gleichmuths nahm er die Mittheilung Theresens entgegen, daß sich in kurzer Zeit die Zahl ihrer Kinder wieder vermehren würde.

Bei solchen denkenden und überwiegend sensuellen Menschen ist es mit Dem, was auf sie Eindruck machen soll, ganz wie mit der Sonne und dem Thierkreis.

Die Sonne ist immer da, immer wärmend und erleuchtend, aber in ihrer Erdenwirkung hängt sie von dem Zeichen ab, in das sie tritt.

Das herzlichste und sanfteste Gemüth ist elf mal kalt, wenn es glüht im zwölften Zeichen. Ein Gedanke, der es ausschließlich beherrscht, erfüllt es so, daß für die Proben, wo es sich auch sonst zu bewähren hätte und in einem vom Verstande geregelten Herzen sich auch bewähren würde, immer erst die gute Stunde kommen muß.

41 Der Preisbewerber.#

Schon in einigen Wochen war die Abhandlung, die Jean Jacques niederschrieb, in sauberer Copie beendigt und wurde nach Dijon abgeschickt.

Das Motto lautete: „Decipimur specie recti“: Der Schein der Wahrheit täuscht uns; wir stehen unter dem Einflusse der Illusionen, wir glauben das Rechte getroffen zu haben und irren, irren im besten Glauben an das Gute – ein trostloses Bekenntniß, das die Geschichte als Grabschrift auf Rousseau’s ganzes Leben zu schreiben hat.

Verlieren im Laufe der Zeiten schon wissenschaftliche Entdeckungen, die anfangs Epoche machten, von ihrer blendenden Macht, treten sie gegen die Menge inzwischen gewonnener neuer Ergebnisse der Forschung weit zurück, so verblaßt noch viel mehr die Begeisterung, die Ueberzeugung und das Colorit der Empfindung.

Nur dunkel nachfühlend und mit kälterm Blute prüfend, stehen wir jetzt an den Märtyrerstätten und Scheiterhaufen der alten Zeit, staunen über die Rüstungen zu den Kreuzzügen, bemitleiden wohl gar den einseitigen Fanatismus späterer Sekten und Spaltungen.

42 Auch die Gedanken, die Rousseau damals erfaßten, sind uns jetzt abgeblaßt und unglaublich fast scheint uns die Menge von Trugschlüssen, in denen sich seine aufgeregte Seele damals gefiel.

Zu streiten, ob im 16. Jahrhundert die Wissenschaftserweckung besser unterblieben wäre, wie fruchtlos erscheint uns das jetzt! Zu preisen den Zustand der glücklichen Volksidylle, die es niemals gab, nicht einmal in Arkadien, wie thöricht! Zu glauben, daß sanfte Gefühle als eine ewige, durch Beispiel und Erziehung fortpflanzbare Tradition je in die Menschenbrust gezogen wären ohne die Unterstützung durch Das, was wir eben Kunst und Wissenschaft nennen, welch ein Wahn!

Dennoch bricht der Weltgeist die Ideen, deren er zu den Entwickelungen der Geschichte bedarf, nicht vom „Baume der Menschheit“ als reife Früchte, sondern nur als Blüten. Es sind nur Keime künftiger Früchte, deren er bedarf; sie müssen Farbe, Duft, berauschende Wirkung auf die Gemüther der Zeit haben.

Rousseau’s Träumereien würden niemals die Umgestaltung des Geistes der Zeiten gefördert haben, wenn sie in Gestalt wissenschaftlicher Untersuchungen aufgetreten wären; er gab ihnen später diese Form, er unterstützte seine Behauptungen durch Citate solcher Thatsachen, die für ihn paßten, während er die nichtpassenden wegließ; aber zu allen Zeiten war er ein Phantast, ein 43 Sophist wider Willen, er suchte Gedanken für eine Stimmung und was ihm die Philosophie versagte, gewährte ihm dann die Poesie, und wo die Poesie sich zu schwach fühlte, mußte die Philosophie eintreten und die Ausführung des Geahnten vollenden. Die Verwirrung, die dreißig Jahre in Rousseau’s Kopfe und Herzen geherrscht hatte, bekam durch sein Talent und seinen Genius einen Ausdruck, der sie wie eine Klarheit erscheinen ließ.

Von einem rechten Mittelpunkte aus wollte Archimedes die Welt in andere Bewegung bringen.

Für Rousseau war dieser Mittelpunkt nun gefunden.

Er haßte die Welt, wie sie ist, er nannte sie eine Verabredung der Lüge. Ihr gegenüber baute er die neue Welt auf, die in der That bei aller Unmöglichkeit doch noch jetzt das abstracte Ideal der Denkerbrust geblieben ist. Lehre man von der Nothwendigkeit des Bestehenden, was man will, Atlantisinseln der Dinge, wie sie sein sollten, schwimmen doch immer in unserer Ahnung.

Aenderten sich ihm durch ein Leugnen ihrer Nothwendigkeit die seit Jahrtausenden feststehenden Voraussetzungen der bestehenden Kirche und des Staats, so mußte sich ihm auch das Haus ändern und die Familie.

Dumpf hinbrütend, mit jenem Leichtsinn träger Träumerei, den die Sorge um ein mögliches Brustleiden noch mehrte, hatte der Ernährer der im Frühern geschilderten Familie sich wenig darüber Rechenschaft abgelegt, welches die geistige Luft war, die ihn umgab.

44 Ein Instinct der Vorahnung seiner künftigen Lehrsätze hatte ihn nach den Versuchen, zur feinern Welt aufzusteigen, wieder in den Schooß des Volks zurückgeführt.

Die Derbheit einer in die Stadt gewanderten Bäuerin war ihm so nahe getreten, daß nur noch das Band der priesterlichen Weihe, ohnehin schon zu spät kommend, zum ewigen Bunde fehlte.

Diese heroischen Naturen der Phantasie, die in ihren Träumen und auf dem Papiere Welten stürmen, sind schwach in der Wirklichkeit: der arme Notenschreiber wurde beherrscht von Denen, die er ernährte.

Die Familie Theresens, roh und sittenlos, drängte dem Glücke, das immerhin die Tochter und Schwester für ihre Umstände gemacht hatte, nach und dem Herrscher im Reiche der Ideen gehörte in Wirklichkeit nichts als sein Schreibtisch, ein kleines Spinett für seine eigenen Compositionsversuche und der Winkel, wo sein Bett und seine Bücher standen.

Was ihn umgab, haben wir gesehen.

Michel Labrousse, der Freund seines Schwagers Pierre, saß schon am Morgen seiner gefährlichen Flucht auf der Conciergerie. Bald auch folgte Pierre, dem neue Verbrechen zur Last fielen. Die Schwestern und Freundinnen Theresens liefen Nachts auf den Straßen. Der Vater liebte den Trunk, die Mutter verhetzte, beklatschte, verwirrte die Tochter, die für den bejahrtern 45 Vater ihrer Kinder mehr eine Empfindung des Mitleids als der Liebe hatte und dessen geistiges Uebergewicht sie nur anerkannte, wenn er es als Mittel klingender Einnahme bewährte.

In dieser Welt lebten für Jean Jacques zwei, bald drei Kinder, die ihn Vater nannten. Sie sahen ihm ähnlich, aber diese Aehnlichkeit erschreckte ihn mehr, als sie ihn rührte. Diese Kinder waren ein Tribut, den er der Natur hatte zugestehen müssen und den er mit Unwillen gab; denn diese Kinder erinnerten ihn an die Sphäre, die er heute haßte, morgen nur aus Trotz gegen die Civilisation liebte. Therese, neben ihm, der die Feder führte, mit Holzschuhen als Bäuerin stehend, schien ihm das richtige Symbol seines Lebens. Leider waren ihre Umgebungen schlecht. Aber bald auch urtheilte er von seiner nächsten eigenen Welt, was er über die gesammte urtheilte. Die Laster waren ja nur Folge der Bildung! Die Verbrechen nur Folge der Civilisation! Diese nährte die Lüge, den Raub, sie machte beide nothwendig, denn zu ungleich vertheilt sind die Lebensloose. Wer ein neues Geschlecht schaffen könnte! sagte er sich oft, wenn er den Consequenzen seiner in Dijon nun zur Prüfung vorliegenden Abhandlung nachdachte. Wer noch einmal das Paradies heraufbeschwören und die Menschheit den Weg der Natur könnte wandeln lassen! Wer den Baum der Erkenntniß noch ein Mal zu pflanzen verstünde und eine neue 46 Unterscheidung gäbe zwischen Dem, was Gut und was Böse ist!

Da sah Jean Jacques wol ein, bessere Erkenntniß machte auch jetzt noch manche Besserung der Sitte möglich. Englands politische Institutionen schienen ihm besser als die Frankreichs; in seinen kirchlichen Ueberzeugungen war er längst wieder zum Glauben seiner Väter zurückgekehrt: Schule und Haus ließ sich heben und eine neue Generation war vielleicht die Versöhnung auf die Disharmonie der Gegenwart. Wie sich das Schlechte in den Sitten ja forterbt, sah er in nächster Nähe. Sonst hatte er kein Ohr und kein Auge für die Lügen und Verbrechen um ihn her, seit seinem einsamen Spaziergange nach Vincennes schauderte ihn, wenn er die Wirkung sah, die das schlechte Beispiel Aelterer auf Jüngere hervorbringt. Wie trotzte man in seiner Nähe dem Geschick des Verbrechens! Wie verwünschte man allein den Mangel an Klugheit, der den Armen, der sich zu helfen sucht, der verfolgenden Uebermacht, die sich die Gerechtigkeit nenne, erliegen läßt! Wie lachte man, wenn eine List gelang! Wie manchen Abend würzte sich das Gespräch durch Erinnerungen an Labrousse’s Dächerflucht und das Examen der Polizei! Er ging dann in sein Zimmer, wenn der Lärm zu tobend wurde, und nicht selten sagte er nun schon: Es ist doch wenigstens gut, daß die Kinder schlafen oder daß sie noch zu dumm sind, um euch zu verstehen.

47 Der Zeitpunkt, wo sich die Entscheidung der Akademie von Dijon erwarten ließ, rückte heran.

Eine ruhige Beherrschung seiner Spannung war einem so reizbaren und zur Melancholie geneigten Charakter wie dem Verfasser der Abhandlung mit dem Motto „Decipimur specie recti“ nicht gegeben.

Gewohnt, Alles, was sich in zwei Möglichkeiten darbot, von der dunkeln zu nehmen, war er gefaßt auf ein Unterliegen seiner Mitbewerbung und wie die menschliche Natur, wenn sie der Tiefe nicht entbehrt, einmal ist, so suchte er schon jetzt dem Falle, den er voraussah, vorzubeugen. Er bedurfte dazu innerer Hülfsmittel, innerer Kräftigung.

Sich dem Widerwärtigen sogleich gefangen geben zu sollen, war zwar schwer, dafür hatte die Begeisterung zu lebendig seine Feder geführt; aber es gibt einen edlen Stolz gegen das Mißgeschick und für diesen sammelte er in der Zeit des Harrens und der Muthlosigkeit.

Er bildete sein System von der Natur weiter aus. Er verglich es mit Aller und mit seiner eigenen Lebenslage. Ein Fanatismus für die Einführung der Ueberzeugung auch in die Wirklichkeit und zunächst des heroischen Beweises wegen in die eigene Lebenssphäre erfüllte ihn mit jener ganzen Heftigkeit, die eben Menschen eigen ist, welche wohl wissen, daß ihnen die Natur die Consequenz von Hause aus nicht gegeben hat. Jean Jacques’ Furcht war die, sich auf seiner Schwäche, die er gerecht 48 genug nicht etwa Herz, sondern Trägheit und Eitelkeit nannte, nicht ertappen zu wollen und so wurde er grausam gegen sich und Andere, grausam, um nur nicht schwach zu erscheinen.

Das Leben im Hause, so wie es bisher geführt wurde, war bei solchen Gedankengängen nicht mehr zu ertragen.

Es regte sich der Muth, den Consequenzen seines Natursystems gegenüber, jedes Joch, das ihn mit falschen Rücksichtsnahmen drückte, abzuschütteln.

Theresens Anhang wurde entfernt. Er setzte die Aufregung einiger Tage daran, um sein Haus von unwürdigen Verbindungen zu säubern. Fühlend aber, daß es ihm nicht möglich sein würde, auf Lebenszeit immer die Grundsätze der sittenreinen Natur in seiner Nähe allein zu schützen, erschrak er vor der Verantwortlichkeit, die zuletzt auch noch die doch mit der Mutter und Großmutter zurückbleibenden Kinder von ihren Umgebungen fordern durften. Ein tiefes Mitleid ergriff ihn um die Zukunft dieser Kleinen, die er nicht in der Hand hatte; denn kein kirchliches Band fesselte ihn an Theresen. Die Voraussetzung, ewig mit ihr leben zu sollen, war ihm oft fürchterlich und hinter seinem Rücken dauerte der Verkehr mit den Verwandten doch fort. So sah er diese Kinder schon werden, was ihre Verwandten waren. Er sah sie schon den Onkel Pierre und Michel Labrousse bewundern, er sah sie lachen über die List des Verbrechens und geizen nach dem Ruhme, 49 die Gesetze zu betrügen. Er war bei diesem Gedankengange unglücklich genug, seine Lage mit der ganzen Civilisation vergleichen zu müssen; denn diese machte ja überall, daß die Kinder fortgingen in den Sitten der Aeltern. Die Privaterziehung erschien ihm die Pflanzschule aller Erbfehler und aller Erbvorurtheile.

Uralt ist die Sitte der Findelhäuser. Die erste christliche Kirche mußte ausdrücklich auf sie großen Werth legen, da ihr das Heil verlorner Seelen wie einer Mutter aller Menschen am Herzen lag. In Paris sollten die Findelhäuser schon seit lange dem Kindermord steuern. In jener Zeitperiode hatten die in Paris vorhandenen Anstalten dieser Art einen neuen Aufschwung und manche Verbesserung aus dem Geiste der zunehmenden Philanthropie erhalten. Auch Rousseau arbeitete sich im Geiste einen Plan für diese Anstalten aus. Er sah in ihnen die einzige Möglichkeit, der Zukunft wieder ein spartanisches Geschlecht zu geben. Sollten sich die Träume erfüllen, die in seiner nach Dijon geschickten Abhandlung lebten, so mußte die Erziehung eine öffentliche werden, der Staat mußte deren Bürgschaft übernehmen und die Gefahren der Privaterziehung hintertreiben. Der Gedanke, daß seine Kinder durch ihn, durch Therese, durch deren Familie systematisch erzogene Verbrecher werden würden, Opfer seiner eigenen geistig und moralisch haltlosen Verbindung mit seinen Umgebungen, Opfer seiner Jahre, 50 seiner Gesundheit, die ihn lange vor Theresen wegraffen mußte, das Alles erfüllte ihn mit Schaudern. Der Gedanke, er würde gut thun, sie dem großen Findelhause von Paris zu übergeben, trat ihm entgegen wie die Aufforderung – zu einer heroischen That!

Noch schwankte Jean Jacques. Vaterempfindungen, die er in seiner damaligen Stimmung Folgen eines ererbten und nur im Blute liegenden Vorurtheils nannte, sträubten sich einen Schritt zu thun, den Therese nach kurzer Ueberlegung wirklich schon gebilligt hatte, als er ihn aussprach. Da sah er denn, an welche rohe Natur er sich hatte vom Schicksal binden lassen. Kein Schrei der Mutterliebe war die Antwort gewesen, die er von ihr empfing. Sie sah nichts als die Theurung der Lebensmittel, ihres Mannes schwache Gesundheit, seinen kümmerlichen Verdienst vom Notenschreiben. Ein Rückfordern der Kinder aus dem Findelhause war ja zuletzt möglich: man erhielt eine Empfangsbescheinigung. Nur die Großmutter, wie vorauszusehen, widersprach. Aber gerade in der natürlichen Regung dieser sonst nur rohen Natur lag für Jean Jacques ein Reiz mehr, die Kinder ihr zu entziehen. In dem Fanatismus, der sich aller seiner Gedanken fieberhaft bemächtigt hatte, sah er der ihm nur rein thierischen, ihm nur rein auf das Schlechte begründeten Zärtlichkeit der Großmutter und der ganzen Welt gegenüber sein Vorhaben wie eine That an, die 51 antike Größe genannt werden konnte und nun ihm schon nothwendig war.

Seine Einnahmen wurden geringer, je weniger er Noten schrieb. Die Aufregung seiner Ideen verkürzte seine Zeit, die Spannung auf die Entscheidung in Dijon machte ihn träge, er war in jenem ohnmächtigen Zustande, wo wir eine Erklärung, die uns das Schicksal geben soll, nur erst noch abwarten wollen, um dann auf Leben und Tod einen Entschluß für unsere Zukunft zu fassen. In dieser Stimmung wurde oft die Musik seine Trösterin. Er begann wieder an seine alten Compositionen zu denken und seiner Sehnsucht nach Unschuld und Natur entsprach es, daß er schon jetzt den Text der Melodieen seines „Dorfwahrsager“ fast vollendete.…

Da saß er eines Abends träumend am Klavier, spielte eben die Melodie zu seinem „Dans ma cabane obscure Toujours soucis nouveaux…“, als es die Treppe heraufstürmte.

Ein in einen Mantel gehüllter Elegant trat ein und rief:

Sind Sie Rousseau? Jean Jacques Rousseau? Sie haben in Dijon den Preis gewonnen!

Jean Jacques erhob sich und blickte den Boten an.

Es war Grimm – der „Baron“ Grimm – aus dem Mantel zog er eine Nummer des „Merkur“ und zeigte den Bericht der Akademie. Der Zettel mit dem Motto 52 „Decipimur specie recti“ war entsiegelt worden und hatte Rousseau’s Namen und Wohnort angegeben. Soeben war schon in ganz Paris und vorzugsweise bei Frau von Epinay die Debatte nur über den gekrönten Autor, in dem sich Grimm des Notenschreibers und Componisten erinnerte. Es bliebe, sagte sein neuer „Cornac“, sein Führer, dem Wunder des Tags, Jean Jacques nichts übrig, als unverzüglich mit ihm in die Welt, in sein Jahrhundert einzutreten und vorläufig gleich mit ihm zu gehen und seinen Triumph unter Männern und Frauen zu genießen, welche die ganze Bedeutung desselben jetzt schon zu ahnen und zu würdigen wüßten.

Vierzehn Denkschriften waren der Akademie eingereicht worden; zwei davon erhielten eine rühmliche Erwähnung und gaben achtbare Verfasser zu erkennen. Um wieviel größer das Verdienst eines völlig Unbekannten, der unter allen den Sieg davontrug!

Jean Jacques stand, als er das Alles hörte und selbst las, wie schwindelnd. Die reinste Freude durchströmte seine Nerven, er zitterte, die Erfahrung war zu groß und drückend. Ein fast schon vierzigjähriges Leben war zu dunkel gewesen, um diesen blendenden Lichtstrahl noch ertragen zu können.

Grimm beglückwünschte ihn mit Aufrichtigkeit. Hatte er nicht die nächste Eroberung des nun weltberühmten Mannes gemacht? Konnte er ihn nicht einführen in die 53 Gesellschaften von Paris und zunächst in die, welche mit Spannung seiner Rückkehr harrte, bei Frau von Epinay?

Kommen Sie! Kommen Sie! rief er, Frau von Epinay vergeht vor Sehnsucht.

Und Therese und die Mutter unterstützten Grimm’s Aufforderung.

Jean Jacques war keines Willens mächtig. Während Grimm voll Neugier und sein Vergnügen über die wunderbare Lage, in der er den gekrönten Autor antraf, wenig verbergend mit den Frauen plauderte und ihnen die äußern Vortheile dieses Siegs, die ihnen natürlich über die innern gingen, den Werth einer goldenen Medaille und die Leichtigkeit sie in Silber zu verwandeln, auseinandersetzte, kleidete sich Rousseau an und folgte Grimm zu Frau von Epinay.

54 Scheine, was du bist!#

Die Gesellschaft machte aus Jean Jacques anfangs einen neuen Menschen.

Die Bewunderung hob ihn von Stufe zu Stufe.

Sein bisheriges Leben diente nur dazu, ihm eine durch die Originalität desselben noch erhöhtere Stellung zu geben. Er wurde das Wunder des Tags.

Seine Preisschrift erschien, diese merkwürdige Schrift, in der ein Philosoph der Tonne, ein zweiter Diogenes, gewagt hatte, den Einfluß der Wissenschaften und Künste verderblich zu finden. Was in Rousseau still gelebt hatte oder durch den Reiz der Antithese wach geworden war, das hatten jetzt plötzlich Alle empfunden. Er wurde der Apostel eines neuen Evangeliums, ein Prophet der Natur, nach der sich längst Alle gesehnt hatten.

Und wer die Ansichten, die er lehrte, bestritt, mußte der Art, wie er sie vortrug, Gerechtigkeit widerfahren lassen. Sein Styl wie wohlgebildet, natürlich und dabei voller Feinheiten! Wie sanft, wie kunstlos der Strom seiner Rede! Keine verschlungenen Perioden, keine schul-55mäßigen Nachahmungen gewohnter Muster. Diese Preisschrift war wie aus dem Herzen geschrieben, wie eine Epistel an die ganze Welt, vertraulich und ernst, schmucklos und voll naiver Größe, ein Erguß der Ueberzeugung, der uns jetzt in seinem Inhalte wie eine Spitzfindigkeit, ja wie ein Scherz erscheinen könnte, damals aber gab ihm der Ernst, in dem er gemeint war, Schwung bis zur Erhabenheit.

Von diesem Augenblicke an gehörte Rousseau sich selbst nicht mehr an. Seine Schrift wurde angegriffen wie auch die Entscheidung der Akademie. Dreizehn durchgefallene Concurrenten rächten sich. Die Polemik älterer Literaturperioden ist mit der Gegenwart kaum zu vergleichen. Wir haben auch noch jetzt eine Kritik, die nicht widerlegen, nur vernichten will, aber wir haben nicht mehr so oft jene unreinen Ergüsse des persönlichen Neides und der verletzten Eitelkeit wie in alten Zeiten, wo Rival den Rivalen bekämpfte. Ihr versteckt schon unter glattern Formen euern Neid und eure Eitelkeit, ihr findet schon immer Freunde, die den Namen zu jener Bosheit hergeben, die aus euch selbst fließt, aber damals schrieb der durchgefallene Concurrent gegen den Sieger, wie hundert Jahre früher Mayret, der vorgestern eine „Sophonisbe“ hatte aufführen lassen, gegen Corneille schrieb, der gestern mit dem „Cid“ debütirte. Diese Professoren, Abbés, Notare, welche die französische Literaturgeschichte so merk-56würdig reich an Broschüren und Pamphleten gemacht haben, setzten auch Rousseau mit einer Bitterkeit zu, die ihn zeitlebens nicht mehr zur Ruhe kommen ließ und das Uebelste war, daß man die Polemik gegen ihn nur mit Hinweisung auf Verbannung, Scharfrichter und Gefängniß führte.

Was nun so viele Jahre sich aufgesammelt hatte an Gedanken, Stimmungen, Erfahrungen und Selbstbelehrungen, das Alles ging bei dem neuen Schriftsteller und spät erwachten Dichter in Blättern und Blüthen auf.

Er schrieb über die Gesetze der Staaten und die Gesetze des Geschmacks, er schrieb über Religion und über Musik, er dichtete und componirte.

Sein „Dorfwahrsager“ wurde in Paris und Versailles aufgeführt, die Prinzessinnen wie die Bürgermädchen trällerten seine einfach rührenden Arien.

Dazu kamen die Ansprüche der Gesellschaft und die Gunstbezeugungen der Frauen.

Wie die Buckligen, wenn sie Geist haben, von den Frauen gern gesehen werden, weil sie der Welt ungefährlich erscheinen, wie kindliche und unbeholfene Naturen ihren nachhelfenden Frauensinn mehr anregen als die sichern Manieren der gemachten Matadore, so wurde auch dem schon alternden Rousseau, der wie ein Kind oft noch Thränen weinen konnte, der sich ungeschickt geberdete, ja nicht freizusprechen sein dürfte, daß er sich in dieser Son-57derlingsart mit einem gewissen Bewußtsein gab, die Gunst der Frauen in reichem Maße zu Theil. Man beglückte ihn wohl nicht mit einer so entschiedenen Hingebung, wie sie Grimm, Diderot und St.-Lambert fanden, aber man machte ihn zum Freunde, zum Vertrauten, zum Rathgeber, zum Vermittler; man plauderte gern eine Stunde mit ihm im verschwiegenen Boudoir, man ließ sich gern von ihm die Hand küssen, gestattete ihm in seiner Sentimentalität so komisch zu sein wie er wollte, und noch mehr, man ging weiter, man düpirte ihn. Man machte ihn glauben, daß er geliebt würde, man machte ihn zum Deckmantel fremder Verhältnisse, worüber er sich nicht wenig gegen Frau von Epinay erzürnte und mit Grimm brach, den er beschuldigte, ihn Herrn von Epinay gegenüber zu seinen Zwecken mißbraucht zu haben. Zum Glück war Frau von Epinay, wie er nun gesehen hatte, sehr häßlich. Nur die schöne junge Frau Latour de Franqueville war die Einzige, die von Mitleid mit dem bei allem Ruhme doch um das Glück seines Lebens so tief betrogenen Manne sich zu wirklich mitempfindender Herzlichkeit hinreißen ließ und ihm auf Augenblicke sogar kleine Zärtlichkeiten gestattete, von denen Rousseau eingestanden hat, daß sie ihn im Schatten der Büsche von Ermenonville bis zum Wahnsinn verwirren konnten.

Rousseau besaß Kraft, den Schmeicheleien der Großen gegenüber seine Principien nicht aufzuopfern.

58 Weil seine Seele fühlte, was die Welt von ihm erwarten durfte, zersplitterte er sich nicht in dem Leben der Lüge und Frivolität. Bald aber merkte er, daß die Routine ihm der übeln Streiche denn doch zu viele spielte. Dieser französirte Deutsche Grimm war es besonders, den er zu hassen anfing, als er merkte, daß solche Führer und Gönner nicht ertragen können, wenn man über sie hinauswächst. Wie er sich erst darauf ertappte, daß man an seinen Manieren Anstoß nahm, daß man nicht immer aufrichtig für ihn Partei ergriff, daß man in der vornehmen Sphäre sehr launisch und wetterwendisch ist, trotz aller scheinbaren Hingebung, zog er sich immer mehr in sich zurück und wurde von einem krankhaften Mistrauen befallen, das ihn zeitlebens nicht mehr verließ.

Wo konnte er nach den vielen Täuschungen, die ihn von einer der Frau von Epinay gehörenden und ihm eingeräumt gewesenen Landwohnung, der Eremitage nach Ermenonville, von da nach der Schweiz, England und wieder zurück nach Paris und Montmorency führten, die einzige Erholung, die einzige sichere Ruhe finden als in der nächsten kleinen Welt seiner Häuslichkeit, die, so niedrig sie stand, ihm doch allein gehörte? Jetzt kamen die Augenblicke, wo er die Sehnsucht empfand, Kinder zu haben.

Er hatte sie nicht mehr!

Als er an jenem glücklichen Abend von Frau von Epinay, wo man ihn, den Sieger von Dijon, auf Händen 59 getragen hatte, heimkehrte, klopfte er an seine Thür. Sie war verschlossen. Er hörte das zweitältere Kind, ein Mädchen von nun schon einem Jahre weinen. Die Mutter schlief oder fehlte. Er ging zum Hausmann, weckte diesen und erfuhr, daß Therese, angeregt von der glücklichen Nachricht, die der Fremde ins Haus gebracht, mit der Mutter und den übrigen Angehörigen in einen Musiksaal gegangen war, von dem sie noch nicht wieder heim war. Sie selbst tanzte nicht; sie hatte ihr dreimonatliches Kind mit sich, aber sie sah die Andern, ihre Verwandten und Freunde tanzen und ließ es sich mit ihren beiden Alten, die gern schmausten, an einem gedeckten Tische wohl sein. Der Hausmann gab ihm den Schlüssel. Oben fand er das älteste Kind schlafend, das zweite weinend und im Bette entblößt. Indem kam die Mutter mit dem dritten zurück. Er kannte sie in solchen Augenblicken. Von Vorwürfen wollte sie nicht begrüßt werden. Am nächsten Morgen stand sein Entschluß fest. Eine Erziehung war hier nicht möglich. Jetzt zog ihn die Welt, jetzt wollte sein Geschick ihn auf andere Höhen verpflanzen, für diese Kinder fehlte die Sorge, die er allein hätte vertreten können und zu vertreten nicht in der Lage war. Er kannte sich darauf, er wußte, wie schwer er schon an sich selber trug. Dies Haus konnte nicht mehr seine Welt sein, es war nur noch ein Asyl für seine Ermüdung, eine Pflege für seine körperlichen Bedürfnisse; was sonst um 60 ihn lebte, konnte er hier nicht mehr hüten. Noch war die Uebergabe der Kinder ins Findelhaus nicht vollzogen, aber nun mußte sie kommen; die Woge der Gunst des Augenblicks trug ihn immer höher und höher. Als seine Abhandlung wirklich erschienen war, als er sie zu vertheidigen hatte, als andere Partei nahmen für oder wider, gehörte er sich selbst nicht mehr an. Viele riethen ihm, sich von Theresen jetzt zu trennen, aber eine Sorge für seine leiblichen Bedürfnisse mußte es für ihn doch geben. Er blieb bei ihr, die Kinder aber trug man auf sein Verlangen, nach geringem Widerstande, in die bezeichnend genug sogenannte „Höllenstraße“ – ins Findelhaus.

Zwei dunkle Linden stehen vor dem einsamen Hause.

Von Außen Alles still, nichts läßt ahnen, wie es drinnen in den Sälen wimmelnd lebt und hülflos klagt. Barmherzige Schwestern pflegen die Kleinen. Diese Schwestern ringen muthig mit dem Todesengel, der seine kalte Hand über alle diese Flämmchen ausstreckt, die kaum aufflackernd meist schon erlöschen. So manches in köstliche Spitzen eingewickelt gewesene Kind, in Tüchern aus denen das Wappen geschnitten war, um den Ursprung unkenntlich zu machen, liegt neben dem Neugeborenen, das wärmer noch in Lumpen eingehüllt gewesen. Korb an Korb, Wiege an Wiege. Nur Nummern nennen den Namen und den Tag der Uebergabe an der ernstblickenden Pforte, neben welcher eine Oeffnung, die in die Mauer geht, eine Doppelmuschel 61 birgt, von der die eine Hälfte das Kind empfängt, die andere, wenn man geklingelt hat und das Kind hineingenommen ist, sich wendend eine Nummer von Blech herausgibt, die Empfangsbescheinigung für ein Leben, an das sich oft tausend Schmerzen, meist der Leichtsinn knüpft. Madelon, Paul und Emil wurden so in kurzen Zwischenräumen nacheinander vom Herzen der Mutter, vom Auge des Vaters, während der Schlaf sie gefangen hielt, hinweggegeben.

Dem Vater, der in der Ferne stand, die Klingel hörte und das Rollen des sich drehenden Mechanismus, der die Kinder hinwegnahm, ihm war es, als hätte er eine Handlung begangen, würdig eines Spartaners. Er hatte seine Kinder dem Vaterland geweiht! Das Vaterland wurde ihr Erzieher, wie alle Erziehung eine öffentliche werden sollte.…

Therese weinte, die Großmutter weinte, der Vater verwies auf die metallenen Marken, gegen deren Vorzeigung sie einst die Kinder wieder zurückerhalten konnten.

Es ist ein eigener Zustand des Menschen, wenn er abstracten Principien leben will. Ideen, die man sich selbst gefunden hat oder die man mit Bewunderung von Andern entlehnte, können uns dann beherrschen wie kein Befehl eines Despoten. Der Wahn macht uns mit allen unsern Empfindungen zu Sklaven von Verhältnissen, die nicht im mindesten unserer Natur angemessen sind. Wir, 62 die wir gegen die kleinste Zumuthung aus einer fremden Ideenwelt sogar aus Unbequemlichkeit schon uns sträuben, sind Tyrannen gegen unser eigenes Behagen, wenn wir mit unserer Entsagung glauben etwas beweisen zu müssen. Rousseau erschien sich groß in seinem Entschluß! Er opferte so manche kleine Freude, die ihm die Kinder doch schon gewährt hatten; er opferte alle seinem Gemüth nicht fremden Traditionen, die im Besitz von Kindern einen Ersatz für das Glück sehen. Er wollte es anders halten. Er wollte die Ueberzeugung behaupten, daß diese Kinder ihm nur infolge einer zufälligen Laune der Natur wurden und daß es seine Pflicht war, sie der Gefahr zu entreißen, bei den Familienbanden, in die sie einst gerathen würden, Verbrecher zu werden wie Pierre und Michel Labrousse. Dieß Gefühl gab ihm Kraft und löschte jede Anwandlung von Reue, die er die Macht der Gewöhnung nannte, die Nachwirkung eines anerzogenen Vorurtheils. Wer seine Natur noch tiefer erkennt, muß ihn bemitleiden. Sein Verstand erfand sich eine Entschuldigung für Das, was seiner Indolenz bequemer war. Der ringende Mensch, der verdrießliche, der unglückliche Mensch, der sein ganzes Leben auf Eine Karte setzte, hier die Karte des Ruhms, glaubt sich von Vielem dispensirt, was bei andern strenger genommen wird, und milde Naturen haben in ihrer Beurtheilung der Größe immer auch für diese Verirrung eine gewisse Nachsicht gehabt.

63 Es war eine ziemliche Reihe von Jahren, daß Rousseau in der Mode war und im Grunde ließ ihm die öffentliche Aufmerksamkeit bis an sein Ende keine Ruhe.

Nach den ersten Triumphen, die er feierte und deren süßen Rückwirkungen auf sein Gemüth er sich ganz hingab, trat bald jene Krisis ein, die ihm zeitlebens den Ruf des Sonderlings verschaffte. Er hatte Täuschungen erlebt, er sah die Schwierigkeiten seiner großen Stellung der Welt gegenüber, er fühlte auch die Nothwendigkeit, seine Lehre vom Glück des Naturzustandes in Einklang mit seinem eigenen Leben zu bringen.

So zog er sich immer mehr in sich zurück, lehnte Hingebung und Freundschaft ab, deren Quellen er fast immer für trübe hielt, und wurde jener halbbewußte, halb unbewußte Sonderling, der uns selbst da, wo wir ihn nach dem Scheine des Menschenhassers künstlich haschen sehen, eben um dieser Tragikomödie willen Mitleid einflößt.

Eine Bizarrerie verdrängte die andere und das Unglück wollte, daß sich zu den Anfällen von Mißtrauen und Grausamkeit, die er sich gegen die aufrichtigsten Absichten erlaubte, immer auch Gründe vorfanden, die sich, wenn auch nicht aus der Gegend her, wo er verletzte, doch aus solchen herleiten ließ, wo er wirklich irgendwie verletzt wurde.

Der Gesinnung gegenüber, die er bald gegen die ganze Welt annahm, wurde ihm sein Haus von immer größerer 64 und größerer Wichtigkeit. Er mußte einen Herd haben, auf dem das Feuer eines kleinen Mahls von Rüben oder Bohnen brannte, bei dem man ihn überraschte, um ganz Paris davon erzählen zu können; er mußte, sein System und sein Cynismus verlangten es, eine Dachkammer bewohnen, wo man ihn antraf, gleichsam wie die Bürger Roms den Cincinnatus hinterm Pfluge.

Und diese kleine letzte nothwendige Zuflucht seines halb wirklich kranken, halb krank sich stellenden Wesens wurde ihm unausgesetzt verdorben durch Theresens Anhang und durch sie selbst. Immer noch hatte er das oberflächliche Wesen vertröstet auf Tage des Glücks, oft hatte er die blechernen Marken genommen und ihr in rosigen Farben, die ihm von Herzen kamen und ihn selbst rührten, die Hoffnung ausgemalt, einst würde sie dafür ihre Kinder wieder zurückgewinnen und mit ihnen würden sie in seine geliebte Schweiz ziehen, fern von der Lüge und Bosheit der Pariser. Aber auch Therese war die Lüge. Michel Labrousse, der einst über die Dächer entfloh, war aus dem Gefängnisse zurückgekehrt und gewandt wie er war, ein gelernter Sattler, kam er in die Hände eines Bereiters, der Pferde zuritt. In prächtiger Uniform zeigte er sich in Ermenonville, dem kleinen Landhause des Herzogs von Luxembourg, das Rousseau bewohnte, auch als er schon mit Grimm’s Freunden gebrochen hatte und Frau von Franqueville und die Marschallin von Luxem-65bourg, die in der Nähe dieses ländlichen Aufenthalts selbst ihre Sommervillegiaturen machten, seine nachsichtigen und duldsamen Gönnerinnen geworden waren. Therese zeigte sich gegen Labrousse scheinbar harmlos, nahm den stattlichen Jockey auf wie einen alten Freund ihrer Familie, bald aber trat ihre Hinneigung offen zu Tage. Labrousse kam öfter, alle vierzehn Tage war er anfangs da, dann jeden Sonntag und wohl durchschaute der schon alternde und kränkelnde Mann Theresens Betrug.

Es gefror ihm sein Inneres.

Eifersuchtsscenen waren seiner nicht würdig, sie würden Paris, das Alles und Jedes über ihn erfuhr, belustigt haben.

Als aber der Zufall ihn einst Zeuge der treulosen Umarmungen Labrousse’s und Theresens in den dichten Schatten des Parks, wo sie sich sicher glaubten, werden ließ, unterdrückte er jede Aufwallung des Zorns. Es war in einem wirklichen Mitleid um das Loos, das einst seine Kinder finden würden, wenn er stürbe und sie zurückkämen an eine solche Mutter, daß er die Marken nahm, sie eine Weile betrachtete, zögerte und zögerte, bis er sich endlich überwand und sie von sich schleudernd in den Teich von Ermenonville warf.

66 Die stillen Genien.#

Nach den Begriffen, die wir in der Regelmäßigkeit des Verlaufs unserer Lebensbedingungen unmittelbar in unserm Herzen heimisch finden, sind die Steine bald zur Hand, die auch auf Rousseau geworfen worden sind.

Wir lieben ein edles Mädchen, das uns gleich steht, wir gewinnen ihre Hand und die Ehe schlingt ein Band um uns, das bald in seine Kreise auch Kinder aufnimmt. Wir lieben diese Kinder, sie sind das Unterpfand unsers Glücks, sie fesseln uns an das Leben und wir leben zuletzt nur noch für sie.

Gegen die Heiligkeit dieser Empfindungen hat sich Rousseau vergangen, aber es ist unwahr, wenn man seine Handlungsweise, seine Kinder dem Findelhause zu übergeben, ausschließlich die Folge herzlosen Leichtsinns nennt.

In späteren Jahren fühlte er die Unmöglichkeit, sich vor der Welt vollkommen zu rechtfertigen.

Die Feinde, die bis in seine nächste Nähe drangen – wie er ewig glaubte unter der Maske der Freundschaft –, drangen auch sehr bald in seine geheimsten Lebensbe-67ziehungen und seine beiden Frauen, Therese und ihre Mutter, hatten ihn wegen der Preisgabe ihrer Kinder oft genug verrathen. Er vernichtete, in dem Zorn und Haß auf diese bösartige pariser Welt, die Marken auch schon deßhalb, um das Gaukelspiel abzuwenden, das man veranstaltete, ihm eines Tags seine Kinder wieder zurückzubringen.

Grimm lud Mutter und Tochter zu sich und horchte Details über Rousseau’s Leben aus, die er an deutsche Fürsten und die Kaiserin von Rußland als „literarische Correspondenz“ schrieb. Ueber Rousseau den Cyniker, den Naturmenschen, den ehemaligen Bedienten und noch jetzt bei allem Ruhme unerschütterlichen Notenschreiber – er schlug die Pension einer Pompadour aus und ernährte sich nur von Notenschreiben –, konnte man der Wunderlichkeiten nicht genug hören. Man forschte nach Rousseau’s Kindern, aber man fand sie nicht mehr; die Marken waren vernichtet.

Düstergrollend sah Rousseau alle diese geheimen Eingriffe in sein Leben und immer maßloser wurde seine Sehnsucht nach Einsamkeit. Selbst in den Wintertagen blieb er im Park von Ermenonville, blieb unter Sturm, der die entlaubten Bäume schüttelte, im Schnee, der rings auf ihren Zweigen gespenstisch leuchtete. Während Therese dann schlief am Spinnrad, Rousseau, ein Blatt Papier vor sich, an der „Neuen Heloise“ dichtete und die Lampe 68 düster brannte, sah er dann wohl im Geist geheimnißvolle Schatten um sich her schweben, Gestalten, die dies stille Haus im Walde so gern verwandelt hätten in einen Tempel der Häuslichkeit. Die lichten Engel nahmen die Züge seiner Kinder an. Zwei von ihnen hatten Flügel; diese waren wohl todt – das Dritte, ein Knabe, den man Emil getauft hatte, trug noch keine Flügel; er lebte wohl noch. Schwere Seufzer entrangen sich der Brust des Armen, der mit Hülfe der Künste und Wissenschaften die Welt glauben machen wollte, daß Künste und Wissenschaften sie um den Frieden und die Reinheit ihrer Sitten gebracht hätten! Damals mochte ihm schon eine Ahnung kommen, daß die wahre Philosophie nicht die Familie aus der Gesellschaft herleitet, sondern die Gesellschaft aus der Familie.

Rousseau hat es nie gesagt, daß sein „Emil“, mit dem er die Erziehungsmethode des Jahrhunderts revolutionirte und der Vorgänger Pestalozzi’s, der geistige Vater aller Kinder des 18. und l9. Jahrhunderts wurde, eine Sühne war für Das, was er an seinen eigenen Kindern verbrach.

Nie konnte er sich ganz von der Vorstellung trennen, daß seine Kinder unter Theresens Leitung verloren gewesen wären, immer erklärte er sich für zu schwach, als daß er bei der großen Lebensaufgabe, die ihn drückte, ihr Schutz und Berather geworden wäre.

69 Allein die Genien seiner eigenen Kinder waren es, die ihm die Feder in die Hand drückten und ihm zuflüsterten: Schildere der Welt das Glück der Elternliebe!

Die Wehmuth war seine Muse, als er den Müttern zurief: Nährt eure Kinder an den Quellen des Wachsthums und der Gesundheit, welche die Natur aus eurer eigenen Brust geleitet wissen will!

Die Wehmuth war seine Muse, als er Jeden, der ein Kind in die Welt gesetzt hatte, auch verantwortlich machte für dessen Bildung und Fortentwicklung.

Er stellt ein Modell auf, das er Emil nennt. Er läßt Emil erzogen werden auf die Gefahr hin, einst Alles zu verlieren und allein dazustehen im Leben, nur bezogen auf sich selbst, abhängig von sich selbst, ja in Kerker und Banden noch frei zu sein, sein eigener Herr und Meister.

Rousseau sah voraus, daß Europa nicht bleiben würde, was es damals war. Er verkündigte das Zeitalter der Revolutionen. Die Menschen dann vorzubereiten auf die Umwälzungen, sie im Sturm der zusammenbrechenden alten Bedingungen des Daseins, der Stände, ihrer Unterschiede, nichts sein und bleiben zu lassen als Menschen, fähig zu allem Guten und Großen, das war nach ihm das Ziel, das die Erziehung nicht ernst genug ins Auge fassen konnte. Er wollte Arme erziehen, um Könige zu werden, Könige erziehen, um mit Würde von ihren Thronen zu steigen.

70 Das Parlement von Paris verurtheilte den „Emil“ zur schimpflichsten Vernichtung durch Henkers Hand.

Der Verfasser entzog sich nur durch eine schleunige Flucht dem Schicksal, selbst verhaftet zu werden.

So hatte sich die Zeit überlebt, daß die Gesetze und die Anwalte ihres Buchstabens denselben Autor verfolgten, den Fürsten und Fürstinnen beschützten. Der Herzog von Luxembourg gab Wagen und Pferde für eine Flucht seines Nachbars, deren Notwendigkeit Malesherbes in seiner Eigenschaft als Chef des obersten Gerichtshofs von Paris ihnen vorher angedeutet hatte.

Und das Opfer, das Rousseau den Manen seiner Kinder brachte, die er nie wieder sah, stieg mit wohlgefälligem Duft zur Vorsehung empor.

Seine tiefste, geheimste, bitterste Reue wurde das Evangelium einer neuen Erziehungsmethode sowohl für die Mütter, die ihre Kinder wieder selbst nährten, wie für die Väter und Erzieher, die damals mit einem durch Rousseau über ganz Europa sich verbreitenden Enthusiasmus ein Geschlecht der Erde zu geben gelobten, besser, stärker, als ihr eigenes war.

Therese blieb auf den Reisen nach der Schweiz, nach England und, als bessere Zeiten kamen, nach Frankreich zurück, Rousseau’s Begleiterin. Am Abend seiner Tage gab er ihrem Bunde noch die Weihe der Kirche. Er war ihr den Dank schuldig, – daß Gewohnheit, Alter und 71 Mangel sie an ihn fesselten. Er lobt sie in seinen „Bekenntnissen.“ Er rühmt ihr Sorgfalt und Liebe nach. Sie hatte kein ganz verdorbenes Herz, aber ihre Empfindungsweise war roh und bedurfte der Regelung erst durch guten Rath. Man kann sich des Gedankens nicht erwehren, daß Rousseau sie in den am Abend seines Lebens geschriebenen und hie und da schon verbreiteten „Bekenntnissen“ nur deßhalb rühmte, weil er fürchtete, von ihr verlassen und dann ganz einsam zu sterben. Wenn der Mensch dem Grabe sich nähert, denkt er mehr, als er davon spricht, an die Bereitung seines letzten Lagers.

Diese „Bekenntnisse“ existiren nur im Manuscripte, sie wurden von ihm Denen vorgelesen, die ihm in der Schweiz, in England, später noch einmal in Paris wohlwollten oder hinter Wohlwollen ihre Neugier versteckten. Therese war zugegen, wenn er las, sie hörte, was er Rühmendes von ihr geschrieben. Er rühmte sie, damit er sie ermunterte, des Ruhmes werth zu sein!

Armer Jean Jacques! Du kranktest an dir selbst! Die Umstände drängten dir Gedanken auf, die du annahmst und predigtest, während tausend Stimmen oft in dir das Gegentheil riefen!

So trotztest du wider dich selbst und zwangst dich, während deine Lippen Freiheitshymnen sangen, wie oft – dein eigener Tyrann zu sein!

72 Die Furcht vor der Inconsequenz zwang dir Consequenz ab und so mißtrauisch warst du gegen dich und die Welt, daß du selbst der sich Dir von selbst nähernden Stunde des Todes nicht trautest!

In der Schweiz, gehetzt, verfolgt von den Genfern und Franzosen, auf der Insel Biel, wo dir nur eine Hütte noch gehörte, die rings die Welle eines kleinen Sees bespülte, an dessen Ufern die Häscher lauerten, dort hättest du jenes Gift nehmen sollen, das du in der glücklichen Freistatt nahmst, die Dir Prinz Conti in Montmorency gewährt hatte!

Wie war dieser Selbstmord möglich? Doch wohl nur aus Furcht, aus selbstquälerischer Hypochondrie, aus Angst, so sterben zu sollen, wie man gemeiniglich stirbt. Rousseau tödtete sich selbst, um freier zu sein als sein Schicksal. Er wollte sterben – wollte es, um nicht zu müssen.

Wie sich Rousseau in seinen letzten Lebenstagen oft nach der Liebe eines Kindes gesehnt hat, beweist seine Freude, als er einst in der Schweiz einem jungen Manne begegnete, in dessen Zügen er eine Aehnlichkeit mit seinen vor zwanzig Jahren ausgesetzten Kindern entdeckte.

Wie schmerzt es die Dichtung, zu erwiesene Wahrheit nicht entstellen zu dürfen!

Zu glücklich hätt’ es uns gemacht, ausmalen zu dürfen, daß ein Jüngling schon lange die Fußtapfen des Greises 73 suchte, ihm folgte, sich ihm näherte, seine Dienste suchte, ihn führte, ihn stützte, ihn Vater nannte, nichts für sich zum Zeugniß gebend, als daß er in einem Findelhause gefunden war, Emil hieß und nichts von seinen Aeltern wußte – die Erfindung tritt beschämt zur Seite, verdrängt von der erwieseneren Thatsache, daß die Wittwe Rousseau’s noch Michel Labrousse, den Dächerflüchtling, heirathete.

Wenn jener Jüngling in der Schweiz nicht Rousseau’s echter Emil, sondern nur dessen Sühnengel war, so bescheidet sich die Erfindung mit der Versöhnung, die irdische Formen für Das nicht bedarf, was nichtsdestoweniger in einem unsichtbaren Reiche wirklich und bewiesen ist.

Apparat#

Bearbeitung: Dirk Göttsche, Nottingham unter Mitarbeit von Joanna Neilly, Oxford; Apparat: Wolfgang Rasch, Berlin#

1. Textüberlieferung#

1.1. Handschriften#
1.1.1. Übersicht#

Es sind keine handschriftlichen Überlieferungsträger bekannt.

1.2. Drucke#

Die zuerst fortsetzungsweise Ende 1854 in seinem Familienblatt veröffentlichte Erzählung stellte Gutzkow drei Jahre später an die Spitze des dritten Teils seiner Sammlung Die kleine Narrenwelt. Dieser Band enthält heterogene Beiträge, die in den Jahren zuvor in Gutzkows „Unterhaltungen“ erschienen waren, einen biographischen Essay, ein literaturkritisches Märchen und eine Vielzahl kleinerer Aufsätze zu politischen, sozialen und ästhetischen Fragen. Für die Buchausgabe 1857 revidierte Gutzkow den Text nur unwesentlich. Die im Journaldruck verwendete aufzählende Kapitelbezeichnung Erstes Capitel, Zweites Capitel usw. ließ er in der Buchausgabe weg, die Absatzgestaltung modifizierte er stark und den Text unterteilte er in wesentlich mehr kürzere Absätze.

Die Buchausgabe von 1857 war Grundlage für die Aufnahme der Erzählung 1874 in den dritten Teil der Kleinen Romane und Erzählungen (Band 4 der Gesammelten Werke). Dafür änderte Gutzkow den Titel, ließ den Untertitel weg, brachte als Titelzusatz das Erscheinungs- bzw. Entstehungsjahr der Arbeit, reduzierte die Anzahl der Absätze und nahm stellenweise kleinere stilistische Revisionen am Text vor (Umformulierungen, Wortersetzungen, Streichungen, Änderungen der Wortstellung). Vereinzelt fügte er kurze Passagen hinzu. So etwa, um den historischen Kontext der beiden erwähnten französischen Amtsträger Gisquet und Persigny (S. 367,6) zu präzisieren (A2 fügt S. 105 nach den Namen hinzu: in Louis Philipp’s und Napoleon’s III. Tagen) oder um ein Bild etwas plastischer auszuführen (so folgt auf die Jacke eines Schreibers! (S. 384,11) in A2 (S. 120) der Hinweis mit den Ueberschlägen gegen Tintenbeschmutzung!). Der auktorialen Anmerkung Das „Nebeneinander“ unserer Weltbeziehungen kennt nur Gott und ahnt allenfalls ein Dichter – – (S. 382,18-19) folgt in A2 ein Zusatz mit autobiographischem Bezug: allenfalls ein Dichter, den man, wie den Schreiber dieser Zeilen, um seine Aufstellung eines Romans des „Nebeneinander“ verhöhnt hat . – – – (S. 118) Die Überschrift des sechsten Abschnitts Scheine, was du bist! (S. 402,1) lautet in A2 Scheine auch, was Du bist! (S. 136.)

Die Seiten-/Zeilenangaben im Apparat beziehen sich auf die Druckausgabe des Beitrags im Band: Kleine erzählerische Schriften. Band 2. Hg. von Dirk Göttsche unter Mitarbeit von Joanna Neilly. Münster: Oktober Verlag, 2021. (= Gutzkows Werke und Briefe. Abt. I: Erzählerische Werke, Bd. 9.)

Die Sigle ›Rasch‹ im Apparat verweist auf Wolfgang Rasch: Bibliographie Karl Gutzkow. (1829-1880.) 2 Bde. Bielefeld: Aisthesis Verl., 1998. Eine bibliographische Kennziffer mit dem Zusatz N am Ende bezieht sich auf die → Nachträge zur Bibliographie.

J Wie kam es, daß Rousseau seine Kinder aussetzte? Beantwortet durch eine novellistische Skizze vom Herausgeber. In: Unterhaltungen am häuslichen Herd. Leipzig. Bd. 3, Nr. 11, [9. Dezember] 1854, S. 161-170; Nr. 12, [16. Dezember] 1854, S. 177-185; Nr. 13, [23. Dezember] 1854, S. 192-199. (Rasch 3.54.12.09.1)
E Wie kam es, daß Rousseau seine Kinder aussetzte? Beantwortet in einer novellistischen Skizze. In: Karl Gutzkow: Die kleine Narrenwelt. Dritter Theil. Frankfurt/M.: Literarische Anstalt, 1857. S. 1-73. (Rasch 2.33.3.1)
A2 Jean Jacques. (1854.) In: Karl Gutzkow: Kleine Romane und Erzählungen. Dritter Theil. (Gesammelte Werke. Erste vollständige Gesammt-Ausgabe. Erste Serie. Bd. 4.) Jena: Costenoble, [1874]. S. 103-148. (Rasch 1.5.4.4)

2. Textdarbietung#

2.1. Edierter Text#

E. Der Text folgt in Orthographie und Interpunktion unverändert dem Erstdruck. Textsperrungen werden übernommen. Silbentrennstriche (=) werden durch - wiedergegeben. Die Seitenzählung wird mit Klammern [ ] an den betreffenden Stellen in den Text eingefügt.

Die Liste der Texteingriffe nennt die von den Herausgebern berichtigten Druckfehler sowie die Emendationen. Fehlende oder überzählige Spatien im Erstdruck wurden stillschweigend korrigiert.

2.1.1. Texteingriffe#

387,27-28 eine Preisaufgabe einePreisaufgabe

388,2 werden. werden,

393,8 das daß

395,24 Mutter Muter

414,22 Vater Bater

Errata#

Zur Buchausgabe (GWB I, Bd. 9) ist folgende Textkorrektur zu vermerken:

377,14 Jacqnes lies: Jacques

Kommentar#

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