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Der Geist des Ortes. Eine Lücke unserer Literatur#

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Herausgeber
  1. Martina Lauster
Fassung
1.0
Letzte Bearbeitung
01.2010
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1 Der Geist des Ortes.#

Eine Lücke unserer Literatur.#

Wenn die Franzosen nichts von Deutschland wissen, die Engländer in der Kenntniß unserer sittlichen und gesellschaftlichen Zustände nicht weiter vorgedrungen sind, als bis zu unsern rheinischen Volkssagen und unsern Studentensitten, so sind wir jene Ungründlichkeit und diese Phantastik schon gewohnt. Unverantwortlich aber ist es, daß wir uns selber nicht kennen. Kein Volk ist mit der Fremde so vertraut, wie wir, keine Literatur erzeugt Jahr ein, Jahr aus so viele Beschreibungen, Wegweiser, Sittenschilderungen der Länder, die uns nahe und fern umgeben; mit dieser überschwänglichen Theilnahme für alles Fremde steht aber die Aufmerksamkeit, die wir uns selber widmen, in keinem Verhältniß. Wir haben in jeder Kunst und Wissenschaft eine sehr starke vaterländische Literatur, aber was uns in auffallendem Grade fehlt, sind Gesammtdarstellungen unserer gewöhnlichsten, unserer alltäglichen Zustände, Darstellungen unserer Sitten und Gewohnheiten in Stadt und Land. Reisen, durch Deutschland mit derselben Gründlichkeit gemacht, mit derselben Vollständigkeit beschrieben, wie wir solche durch Italien, durch Frankreich, Schweden und Norwegen, ja, selbst in fremde Welttheile machen und beschreiben. Woher dies? Setzt man voraus, daß wir durch unsere Zeitungen, unsere Schulbücher, durch jeweilige, oft treffende Auffassung unserer Localzustände mit dem Vaterlande in allen seinen wissenswürdigen Beziehungen bekannt sind? Wir sind es nicht, wir besitzen über Deutschland keine solche Werke, wie sie Kohl, von Hailbronner, von Raumer, die Gräfin Hahn und andere Reisetalente (das Reisen ist eine Kunst) über das Ausland geschrieben haben. Alle diese Schriftsteller haben Länder beschrieben, über welche es schon vor ihnen Berichte gab; sie dürfen sich nicht einbilden, daß es nach ihnen keine mehr geben würde; sie sahen neben dem ewig Dauernden, den Bergen, Strömen, Volkssitten, Kunstdenkmälern, auch das Flüchtige, Modische, täglich Wechselnde, und beschrieben es; sie dürfen nicht darauf rechnen, daß ihre Briefe und Skizzen über Rußland, Ungarn, Italien, Spanien, Irland länger dauern und für neu gelten werden, als höchstens zehn Jahre; und unsern deutschen Verhältnissen entschließt man sich nicht, eine ähnliche Auffassung und Bearbeitung zu widmen! Eine Reise durch das Deutschland von 1844, eine Reise, heiter und gründlich von Ort zu Ort beschrieben, ein Werk von größerm oder geringerem Umfange, könnte uns etwas willkommener sein? Mit Neugier lesen wir den Anfang italienischer Reisen, er spricht von München, den Anfang pariser Berichte, er spricht vom Rhein, den Anfang nordischer Reisen, wir lesen von Hamburg oder von Pommern und Rügen; warum nicht Werke, die sich die Aufgabe stellen, so das gesammte Deutschland in vollständiger Aneinanderreihung nach den neuesten, frischesten, wenn auch mit der Zeit vergänglichen, Eindrücken darzustellen?

An skizzirten Auffassungen von Localzuständen fehlt es nicht. Ueber Schwaben, über München, über die Hansestädte sind Einzelwerke erschienen. Oesterreich wird fast wie auf buchhändlerische Bestellung ausgebeutet und durch eine ganz eigenthümliche, durch die dortigen beschränkenden Umstände selbst veranlaßte, an sich aber unerfreuliche Literatur fortwährend geneckt und belästigt. Allein alle diese Werke füllen noch immer nicht die gerügte Lücke aus. Gerade in der einheitlichen Auffassung der verschiedenen Oertlichkeiten müßte eines solchen Buches Reiz und Nutzen liegen, in dem durchgehenden Urtheil einer einzigen, überall sich gleichbleibenden Individualität, einer Persönlichkeit, die sich nicht dem sächsischen Rautenkranz, dem münchener Mönche, dem berliner Bären, den hamburger drei Thürmen, dem bremischen Schlüssel, dem würtembergischen Hirschgeweih, nicht dem Vorurtheil eines einzelnen Terrains, sondern den Symbolen und Wappenzeichen des gesammten Vaterlandes und seinen wahren Interessen verpflichtet fühlte. Und ein solches Buch würde bei einem Volke, das sich langsam bewegt, längere Dauer haben, als man vermuthen möchte. Wer blättert nicht noch zuweilen gern in Risbeck’s „Briefen eines reisenden Franzosen“ und in Nicolai’s Reise? K. J. Weber’s Deutschland ist im Grunde noch immer die einzige, vollständigste Quelle für ein gründliches Studium unserer heimischen Sitten und Gewohnheiten, für die Physiognomik unserer Städte, für die Kenntniß des Provincialgeistes in Nord und Süd. Und doch beschrieb Weber das Deutschland von 1809 - 1817, beschrieb es nach einer Anschauung, die er auf seinen Reisen vielleicht noch früher gewonnen hatte, beschrieb es unter Voraussetzungen, die sich zum größten Theile schon heute gänzlich verändert haben, und in einem Style, in einem Tone, einer Denkungsart, die sich erst neulich, an den Memoiren des ihm geistesverwandten Ritters von Lang, als einseitig und veraltet erwiesen hat. „Das malerische und romantische Deutschland“, eine auf die Zugkraft von Stahlstichen berechnete Buchhändler-Speculation, ist gleichfalls nicht das, was es hätte werden können. An pittoresken Ortsbeschreibungen haben wir keinen Mangel, und der verhimmelnde Ton, in welchem jenes Sammelwerk zum größeren Theile geschrieben ist, war eben nicht geeignet, seinen Schilderungen das unerläßliche Zeugniß der Glaubwürdigkeit zu erwirken. Endlich hat sich nach Bulwer und Weber Beurmann mit einem „Deutschland und die Deutschen“ versucht und dabei das Ideal einer geistigen und sittlichen Statistik unseres Volkes wohl vor Augen gehabt, doch konnte bei ihm der Witz und Scharfsinn jene durchgreifende Kenntniß Deutschlands nach dem Augenschein, die ihm mit einigen Ausnahmen mangelte, nicht ersetzen.

Die Palme dieses Verdienstes ist also noch zu brechen. Es sollten uns Werke geliefert werden, die uns mit uns selbst vertrauter machen. Reisende, die mit einem poetischen Blicke für das bunte Leben gründliche Kenntnisse über die Geschichte und Politik Deutschlands verbinden, Reisende wie Raumer (der nächstens nach New-York abgehen wird, um über Nordamerica zu schreiben), wie Kohl (der sich von Irland wohl nach Spanien oder sonst einem fernen Lande wenden wird) sollten es einmal vorziehen, die Heimat zu durchstreifen, unsre Hütten und Paläste zu besuchen, den Volks- und Bürgergeist durch einen vorgehaltenen Spiegel zu wecken, das Urtheil, die Wünsche und Bedürfnisse derer zu hören, die nicht schreiben oder die im Staatswesen durch Niemanden vertreten sind. Sie sollten uns Werke liefern, die uns zeigen, wo immer noch Schilda und Schöppenstädt liegen, die es zeigen im Zufälligsten, in Dingen, welche der Einheimische da und dort kaum noch befremdlich findet und die es doch sind, oft im beleidigenden Grade, - man braucht nur z. B. in die deutschen kleinen Hoftheater zu treten und zu hören, daß man dort noch Adelsbalcon und Sperrsitze für die Edelleute hat. In solchen civilisirten Dingen sind wir in Konstantinopel heimischer als bei uns. Vaterländische Binnentouristen würden uns bald über diese Lücken hinhelfen, sie würden unsern Zuständen eine 2 größere Einheit geben, sie würden den Maßstab Berlins und Wiens auf diejenigen Oertlichkeiten anlegen, die hinter der Zeit auffallend zurückgeblieben sind; sie würden jenen Einheitsbestrebungen in die Hand arbeiten, welche recht eigentlich die Tagesordnung unsrer Wünsche und unsrer Anstrengungen sind.

Mit der Einheit würde aber auch die Mannigfaltigkeit erkannt werden, jene unveränderliche Mannigfaltigkeit des Geistes und der Sitte, die sich durch unsre Geschichte zieht und deren man, im Gedräng künstlicher Bestrebungen, nur zu oft vergißt. Keine Gemeinplätze über den Einfluß des Klimas auf den Volkscharakter! Thatsache ist, daß die Intelligenz Deutschlands unter dem Einfluß von Bedingungen steht, deren unbesiegbare Natur hartnäckig jedem Versuche, Ungleichartiges auf Ungleichartiges zu pfropfen, Trotz bietet. Und wohl uns, daß dem so ist! Wohl uns, daß die geistige Empfänglichkeit der Deutschen eine seit Jahrhunderten vorgezeichnete, eine naturwüchsig bedingte ist! Wohl uns, daß die Versuche, die man von allen Seiten macht, um uns für Fremdartiges zu gewinnen, an jenen localen Bedingungen des deutschen Gedankens scheitern müssen, die lange noch nicht genug gewürdigt sind! Der deutsche Geist hat seine Geographie, er hat seine Höhen, seine Thäler, er hat die bestimmtesten Gränzen, wie weit er sich dort aufschwingen, da verlieren, hier verdichten, dort verflüchtigen kann. Wir haben von allen Nationen den mindest durchgreifenden Gesammtcharakter. Wir haben die Eigenschaften der Phantasie, des Verstandes, des Gemüthes fast in sporadischer Vertheilung; etwas, das allgemein ist, gemischt mit unzähligen Besonderheiten. Und diese Besonderheiten sind die Bedingungen unsrer geistigen Entwickelung; sie würden die Grundlage einer uns noch fehlenden Wissenschaft, einer moralischen Statistik, sein müssen und diese moralische Statistik wieder die Grundlage unsrer Politik.

Reisen, unternommen, statt in das Innere Africa’s, in das Innere Deutschlands, in das Innere unsres Volkslebens, unsrer Volksfähigkeiten, würden uns merkwürdige Aufschlüsse über unsre einige Grundnatur und unsre Verschiedenheiten geben. Wie mannigfaltig in Deutschland selbst die Auffassung des Geistigen, z. B. der Poesie ist, empfindet Niemand mehr, als der Dramatiker. Der Dramatiker muß sich an die Massen wenden, an die gemischte Durchschnitts-Intelligenz seines Publicums. Vor ihm gilt keine künstliche Bildung, keine Verstellung über das, was wirklich erwärmt, und das, wovon man nur, wie man sagt, Schanden halber erwärmt zu sein vorgibt. Das Eintrittsgeld befreit den Zuschauer von allen Rücksichten, sein Sitz im Theater eckwärts über dem Kronenleuchter ist eine souveraine Macht, die er sich erkauft hat und ohne alle Schminke, ohne alle angelernte Künstlichkeit geltend macht. Da sehe man diese gewaltigen Verschiedenheiten der Auffassung und des Urtheils! In Wien fließen über die Leiden zweier Liebenden Thränen, alle Tücher sind in Bewegung, die Männer können ihre Rührung nicht beherrschen, der Schauspieler selbst ist hingerissen, und seine Stimme stockt. Führet dieselbe Geschichte, dieselben Leiden, mit denselben trefflichen Darstellern den Münchnern vor! Bringt sie nach Frankfurt, nach Weimar! Die Wirkung wird überall eine, wenn nicht völlig entgegengesetzte (auch dafür finden sich Beispiele täglich), doch eine anders modificirte sein. Hamburg pflegt in seinen Auffassungen mit Wien die gleichen Grundstimmungen zu haben, Frankfurt aber verlangt schon mehr die Beschäftigung des Verstandes als des Gemüths, Weimar urtheilt nach ästhetischen Einzelheiten. Leipzig, der Centralpunct der literarischen Materialien, und Dresden, beide Städte durch eine Eisenbahnfahrt von drei Stunden verbunden, und beide wie verschieden! Leipzig, fast aus Ueberdruß an dem vielen in seinen Speichern liegenden Geiste, nur ergeben dem flüchtigen, verdorben durch seine Messen, Leipzig ohne Tiefe, ohne Höhe, nur dem Augenblick ergeben und auf den Brettern der Bühne entschieden nur theilnehmend an Farcen, am Jocus oder, wie die Rohheit unserer Possendichter ihn nennt, am Jux: Dresden dagegen, dicht daneben, fein, zart, einem Mädchen von durchsichtiger Haut vergleichbar, einer Blondine, schwärmerisch, nicht bloß für solche Musik, wie sie in Leipzig die Stelle der Bildung vertrtitt, sondern für jene höhere Musik, die durch das ganze Leben klingt, harmonisch und dissonirend, idyllisch und tragisch. Kann es schlagendere Belege für die Verschiedenheit der Grundtypen unseres Volksgeistes geben?

Nicht aber soll die betrübende Seite dieser Erscheinung uns erschrecken, sondern die Thatsache, an und für sich, uns belehren. Sie soll uns zeigen, welches die ewigen und unveränderlichen Bedingungen einer organischen Entwickelung unseres Nationallebens sind. Sie soll uns den Muth, das Vertrauen auf den Genius des Vaterlandes erhalten, wenn wir täglich Dinge erleben müssen, die eher blinden Experimenten ähnlich sehen, als weiser Erkenntniß dessen, was die Nation will und was sie kann. Es ist nicht möglich, die menschliche Natur aus ihrem vorgezeichneten Geleise zu lenken. Horaz hat es schon gesagt, und jede Stunde wiederholt diese goldene Regel. Es ist nicht möglich, den Geist der Zeit und den Geist des Ortes in Bahnen zu zwängen, die seinem Wesen fremd sind. Die Mühe ist verlorene Zeit und geistige Mittel sind nutzlos vergeudet, ein einziger Tag stürzt die Arbeit langer Jahre um.

Man nehme Berlin, man nehme dies seit hundert Jahren so scharf umrissene, so eigenthümlich bedingte Terrain! Berlin hat durch den Charakter seiner Bewohner, durch die Antecedentien seiner Geschichte eine so feste Begränzung seiner geistigen Fähigkeiten, sein Betriebscapital, seine sittliche Ertragsfähigkeit ist so entschieden erweislich und so unwiderruflich erwiesen, daß man staunen müßte, auf diesen Boden Richtungen und Entwickelungen verpflanzt zu sehen, die dort nimmermehr gedeihen können. Berlin hat in der deutschen Bildungsgeschichte zwei Perioden gehabt, wo es aus der vollen Kraft seiner Grundstoffe schöpfte und im Kampf der Zeiten und Geister ein Bewußtsein geltend machte, welches rein aus seinem eigenen Innern kam. Nicht, daß diese beiden Perioden in der Geschichte des deutschen Geistes die glänzendsten, die einflußreichsten waren; nein, es waren einseitige, beschränkte sogar und beschränkende, aber sie waren eigenthümlich, sie waren frisch, naturgemäß, sie schöpften aus einer vollen Kraft und kräftigten dadurch das Allgemeine. Diese Zeiten waren die, als die Schöpfungen Friedrich’s des Großen auf ihrem Höhepuncte standen, und die, als sie zusammenstürzten. In beiden Epochen zeigte Berlin seine naturwüchsige, nicht angekünstelte Kraft, jene vorherrschende Verstandeskraft, die der Negation so lange sich überläßt, bis die Nothwendigkeit, zu handeln, das in Berlin schlummernde Organisationstalent weckte. Das ist der Grundtypus des berlinischen Cultur-Charakters, ein heiteres vielgeschäftiges Schwanken zwischen Verneinung 3 und Schöpfung, zwischen dem oft leichtfertigen Drange, nichts anerkennen und bewundern zu wollen, und der Hochachtung vor jeder wirklich entschlossenen und radical praktischen Thatkraft. Und so erlebte Berlin die erste Glanzperiode, als die Nicolai, Ramler, Engel, Mylius, Spalding, Teller, Mendelssohn u. s. w. lebten und in seinen Mauern wirkten, Geister, die nicht unsere ersten und vornehmsten sind, nicht unsere genialsten und tiefsten, wohl aber in ihrer oft beklagenswerthen Einseitigkeit wahre Feuerköpfe, wahre Organisationstalente mitten in ihrer Verneinungssucht, wahrhafte Repräsentanten jenes Beitrags, den Berlin, seinen eigenthümlichen Bedingungen nach, zum allgemeinen Culturganzen unseres Volkes zu geben bestimmt ist. Und die zweite Glanzepoche war die nach jener unglücklichen Schlacht, in welcher die Schöpfungen Friedrich’s des Großen zusammenbrachen. Mancher kluge Kopf, der damals das Rechte erkannte, mochte von oben her als Revolutionär angesehen werden; die Revolution bahnte sich aber ihren Weg, nahm die idealen Elemente jener Zeit in ihre praktische Strömung, erzwang sich die, die sich vor ihrem Eifer fürchteten, zu Bundesgenossen und befreite das Vaterland. Das gedemüthigte Berlin strömte nach der Schlacht bei Jena einen Glanz aus, der dem ganzen Deutschland, wo sich nur irgend noch eine redliche vaterländische Gesinnung und Hoffnung erhalten hatte, zum leitenden und tröstenden Morgenstern wurde. Von allen Philosophieen, die je in Berlin gelehrt worden sind, war die fichte’sche die willkommenste, denn sie war die einzige, welche die Idee zum Hebel der Thatkraft machte. Sie entnervte nicht, sie umdüsterte nicht den Sinn, sie wurde der strahlende Mittelkern jener zweiten Glanzperiode, deren Berlin sich rühmen darf. Was von der romantischen Schule damals für den Volksgeist zu brauchen war, das adoptirte Berlin und brachte es in unmittelbare Beziehung zum Leben. Ein in der Ferne stehender großer Weltweiser hätte vielleicht auch damals schon das Einseitige und auf die Länge nicht Ausreichende der damaligen Schöpfungen erkennen mögen. Ein kühler Poet, wie Göthe, ein Historiker, wie der damals in seiner Stellung mitleidwürdige Johannes von Müller, sahen vielleicht schon tiefer, schon weiter; aber das, was die allgemeine Sache gerade damals brauchte, das kam ihr von Berlin, und Berlin gab es aus seinem innersten Leben, aus der Durchschmelzung seiner eigenen Elemente, als das Gepräge seiner eigenen Münze.

Von Menschenalter zu Menschenalter, von dreißig zu dreißig Jahren regenerirt sich die Geschichte jedes Volkes. Wir sind in den Tagen einer neuen Kreißung. Der Augenblick neuer Schöpfungen ist wieder da, und es gährt und arbeitet und siedet und wallt, und es will etwas werden, das sich aber nicht bilden kann, ehe die Elemente der Bildung in jener Reinheit hergestellt sind, die ich im Voranstehenden als jene ewigen Grundgesetze deutscher Entwickelungen bezeichnet habe, als den Geist des Ortes. Das südliche und westliche Deutschland leisten, was sie aus ihrer Kraft können. Die Vorarbeiten sind da und dort mit Geist ausgeführt, und wo der redliche deutsche Sinn, der Drang nach Besserung und Vervollkommnung nicht wirken kann, da wacht er doch und hält treue Obhut. Die Vollendung aber, der Schluß sollte vom östlichen Lande kommen, und wie gern möchte Berlin seinen dritten großen Beitrag zur Geschichte des Ganzen geben!

Dies näher zu erörtern, würde zu weit führen; denn ich wollte nicht von einer Lücke der Politik, sondern von einer Lücke unserer Literatur sprechen. Die vorläufige Moral aber unserer Bemerkungen sei die an die Schriftstellerwelt gerichtete Aufforderung: Reisen durch Deutschland!

Apparat#

Bearbeitung: Martina Lauster, Exeter#

1. Textüberlieferung#

1.1. Handschriften#
1.1.1. Übersicht#

Es sind keine handschriftlichen Überlieferungsträger bekannt.

1.2. Drucke#

Gutzkows Plädoyer für eine Reiseliteratur, die zugleich eine literarische Kulturgeographie der Städte und Regionen Deutschlands wäre, wurde nach der Erstveröffentlichung 1843 in der "Kölnischen Zeitung" in keine spätere Miszellensammlung übernommen.

J Karl Gutzkow, Frankfurt am Main: Der Geist des Ortes. Eine Lücke unserer Literatur. In: Kölnische Zeitung. Nr. 353, 19. Dezember 1843, [S. 1-3]. (Rasch 3.43.12.19)

2. Textdarbietung#

2.1. Edierter Text#

J. Der Text folgt in Orthographie und Interpunktion unverändert dem Erstdruck. Textsperrungen werden übernommen. Silbentrennstriche (=) werden durch - wiedergegeben. Die Seitenzählung wird mit Klammern [ ] an den betreffenden Stellen in den Text eingefügt.

Die Liste der Texteingriffe nennt die von den Herausgebern berichtigten Druckfehler sowie die Emendationen. Fehlende oder überzählige Spatien im Erstdruck wurden stillschweigend korrigiert.

2.1.1. Texteingriffe#

4,1 Blicke Bl cke ausgefallene Letter

4,20 eine [2] größere ein [2] größere ausgefallene Letter am Seitenende

7,6 zwängen

zwänzen

9,8 Volkes. Volkes ausgefallenes Satzzeichen

9,13 Voranstehenden Voransteheuden

Kommentar#

Der wissenschaftliche Apparat wird hier zu einem späteren Zeitpunkt veröffentlicht.