Der neue Don-Quixote mit Holzschnitten#

Metadaten#

Herausgeber
  1. Christine Haug
  2. Ute Schneider
Fassung
1.0
Letzte Bearbeitung
07.2013

Text#

281 Der neue Don-Quixote mit Holzschnitten.#

Wenn man die Industrie und den Unternehmungsgeist des Buchhandels, wie er sich seit länger als zehen Jahren in Deutschland entwickelt hat, verfolgt, so wird man leicht gewisse Perioden unterscheiden können, wo sich die Spekulation des Kaufmanns und die Kauflust des Publikums je nach neuen Windstößen auf entgegengesetzte Richtungen und Vorlieben wandte, wo eine Manier die andre ablöste und der eingeschlummerte Besuch des Buchladens durch eine neue Idee einen neuen Impuls bekam. So hatten wir zuerst die heftweisen Uebersetzungen Franckhs und Sauerländers; dann kamen die heftweisen Wissenschaften Hoffmanns; dann die Pfennigsliteratur aus England. Wir stehen im Augenblick wieder an einer neuen Wendung des buchhändlerischen Modegeschmacks und der plötzlich neu ergriffenen Theilnahme des Publikums; das sind die Ausgaben der Classiker mit Illustrationen.

Man versteht unter dieser Art, berühmte Werke herauszugeben, eine in Frankreich und England mit beispiellosem Erfolg aufgenommene artistische Erläuterung derselben vermittelst kunstvoller Holzschnitte, welche dem gedruckten Text selbst eingefügt werden, und Ausgaben Molieres, des Gil-Blas und Andrer bereits in classische Bilderbücher verwandelt haben. Da nur Holzschnitte von künstlerischem Werthe, Zeichnungen, die mit Genialität erfunden sind, Aussicht auf einen günstigen Erfolg so kostspieliger Unternehmungen geben konnten, so wird hier der Kunst eine neue Provinz, in der sie mit Ehren "nach Brod gehen" kann, zugewandt. Die Industrie tritt hier nicht mit dem Säckel allein auf, um Geld einzustreichen; sondern sie gibt den Künsten Gelegenheit, sich in geistvollen und ihre Popularität befördernden Arbeiten zu ergehen.

Der in Stuttgart erscheinende Don-Quixote führt die 282 artistischen Illustrationen in Deutschland ein. Es ist die erste Ausgabe eines classischen Werkes, das wir in dieser Art in deutscher Sprache erhalten. Sechs Lieferungen der Ausgabe liegen vor uns. Sie versprechen, wenn das Unternehmen im Laufe eines Jahres vollendet sein wird, dem ersten komischen Romane der Welt in Deutschland, ein Resultat, welches das Ganze zu einer wahrhaften Prachtausgabe machen wird. In klein Folio, auf schönstem Velin, mit den saubersten Lettern wird diese Ausgabe des Don Quixote herausgegeben. Fast jede Seite enthält einen Holzschnitt, der mitten in den Text hineingedruckt und die Ausführung einer Zeichnung ist, für deren Originalität, kaustischen Witz und dem Stoff so angemessenen bizarren Humor einige der vorzüglichsten Zeichner aus der neuern französischen Schule garantiren. Roqueplans unübertrefflicher satyrischer Griffel ist selbst da, wo sein Name nicht genannt ist, doch in der leitenden Idee, die hinter der Arbeit eines Freundes oder Schülers steckt, sichtbar. Die spanische Grandezza, der burleske Zuschnitt des Ritters von der traurigen Gestalt, die Volksscenen, in die er mit seiner Pappendeckelrüstung hineinfährt, die Nebenfiguren, Sancho Pansa, Dulcinea und selbst die edle Rozinante; dies Alles ist von den Zeichnern der Holzschnitte so drollig aufgefaßt, daß man nicht die kleinste Vignette ansehen kann, ohne zu lachen. Die geringste Verzierung steht im Zusammenhange des Ganzen und dient als Schmuck dieses ewigen Buches, neben welches, seiner weltironischen Grundidee zufolge, nur ein Buch in der Welt noch gestellt werden kann, Reinecke Fuchs.

Als einen besonders sinnigen Zug muß man den Stuttgarter Herausgebern dieses illustrirten Don Quixote nachsagen, daß sie, um ein neues industrielles Genre in die Literatur einzuführen und es mit der Weihe der Bedeutsamkeit zu versehen, H. Heine vermocht haben, das Unternehmen einzuleiten. Noch ist die Vorrede dieses dem Cervantes so ähnlichen Geistes nicht erschienen; sie wird am Eingangsportale des Ganzen als würdiger Wappenträger und Schildhalter stehen. Heine und Cervantes führen dieselben Thiere in ihrem Wappen: die Nachtigall, das Eichhörnchen und den Fuchs.

Apparat#

Bearbeitung: Martina Lauster, Exeter#

1. Textüberlieferung#

1.1. Handschriften#
1.1.1. Übersicht#

Es sind keine handschriftlichen Überlieferungsträger bekannt.

1.2. Drucke#
J [Karl] G[utzkow]: Der neue Don-Quixote mit Holzschnitten. In: Frankfurter Telegraph. Neue Folge. Nr. 36, [2.] Juni 1837, S. 281-282. (Rasch 3.37.06.02)

2. Textdarbietung#

2.1. Edierter Text#

J. Der Text folgt in Orthographie und Interpunktion unverändert dem Erstdruck. Textsperrungen werden übernommen. Silbentrennstriche (=) werden durch - wiedergegeben. Die Seitenzählung wird mit Klammern [ ] an den betreffenden Stellen in den Text eingefügt.

Die Liste der Texteingriffe nennt die vom Herausgeber berichtigten Druckfehler sowie die Emendationen. Fehlende oder überzählige Spatien im Erstdruck wurden stillschweigend korrigiert.

Die Seiten-/Zeilenangaben im Apparat beziehen sich auf die Druckausgabe des Beitrags im Band: Schriften zum Buchhandel und zur literarischen Praxis. Hg. von Christine Haug u. Ute Schneider. Münster: Oktober Verlag, 2013. (= Gutzkows Werke und Briefe. Abt. IV: Schriften zur Literatur und zum Theater, Bd. 7.)

2.1.1. Texteingriffe#

136,29 befördernden beförde nden ausgefallene Letter

6. Kommentierung#

6.1 Globalkommentar#

Gutzkows Rezension Der neue Don-Quixote mit Holzschnitten betrifft ein Werk, das in Lieferungen bei dem Stuttgarter „Verlag der Classiker“ erschien. Dieser neue Verlag brachte genau zur selben Zeit auch Gutzkows → Zeitgenossen als Lieferungswerk heraus, allerdings nicht unter seinem Namen, sondern (da er nach dem Bundestagsbeschluss effektiv mit Berufsverbot belegt war) als angebliche Übersetzung aus dem Englischen des E. L. Bulwer. Diese Tatsache unterstreicht, wie positiv Gutzkow noch zu dieser Zeit der Neuerung buchhändlerischer Strategien durch spekulative, d. h. auf neue Lesebedürfnisse ausgerichtete, kommerziell operierende (Stuttgarter) Verlage gegenüberstand. Die vorliegende Rezension zeigt den Autor sogar höchst aufgeschlossen für das neue ästhetische und semantische Potential illustrierter Lieferungswerke; ein Urteil, das er 1834 auch dem in Leipzig erscheinenden illustrierten Pfennig-Magazin und dem National-Magazin entgegenbrachte (→ Die Pfennig-Litteratur). Im Laufe der Jahre und vor allem im Nachmärz revidierte Gutzkow seine Einschätzung von populärer Literatur mit Illustrationen sehr stark; davon zeugt besonders sein Beitrag → Illustration und Volksverdummung von 1860. Aber bereits 1836 sprach er eher abschätzig vom Pfennig-Magazin und seinen Illustrationen (→ Literarische Industrie, das erste Kapitel der Sammlung Beiträge zur Geschichte der neuesten Literatur).

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Stellenerläuterungen#