Wir stellen die Gutzkow Gesamtausgabe zur Zeit auf neue technische Beine. Es kann an einzelnen Stellen noch zu kleinen Problemen kommen.

Die Furcht vor der Preßfreiheit#

Metadaten#

Herausgeber
  1. Christine Haug
  2. Ute Schneider
Fassung
1.0
Letzte Bearbeitung
08.2020

Text#

149 Die Furcht vor der Preßfreiheit.#

Seit einigen Wochen bringt die Berliner Vossische Zeitung fast täglich einen kurzen leitenden Artikel. Ist auch der fast unausgesetzte Gegenstand, Presse und Censur, etwas einseitig, so verdienen diese Aufsätze doch die allgemeinste Theilnahme und den Dank jedes Vaterlandsfreundes. Diese Artikel sind trefflich geschrieben. Ihre Bedeutung nimmt bei den außerhalb Berlins so um sich greifenden Reaktionen zu. Sie setzen einen, anderwärts unterbrochenen Kampf, mit Takt, Würde und einem in dieser Gattung von Publizistik noch seltenen Talente fort.

Kürzlich sagte einer dieser Artikel ungefähr Folgendes:

„Ihr fürchtet die Preßfreiheit, weil sie Eure Familiengeheimnisse aufdecken, Eure Weiber, Eure Töchter an die Wand malen wird. Ihr fürchtet, daß die Entfesselung der Presse die Ehre und den guten Ruf der Individuen untergräbt.“

Zur Beseitigung dieser Furcht citirt die Vossische Zeitung Frankreich und England, wo man an diese Entheiligung entweder gewöhnt ist und aus ihr sich deßhalb nichts mehr macht, oder wo sie, und dieser letzte Grund ist richtiger, überhaupt nicht stattfindet.

Indessen ist dieser Einwand gegen die Preßfreiheit wohl werth, gründlicher beleuchtet zu werden. Die Vossische Zeitung darf nicht abstreiten, daß es ein großer Unterschied ist, die Preßfreiheit schildern, wie sie bei einem Volke, das mit ihr aufwuchs, sich äußert, und sie so schildern, wie sie bei einem Volke, das auch ohne sie eine überwuchernde Literatur besitzt, sich äußern würde.

In England ist die Preßfreiheit etwas Historisches geworden. Der ganze sittliche Zustand der Nation ist seit Jahren durch sie bedingt und beide ergänzen sich. Frankreich erhielt die Preßfreiheit in einem Augenblick, als mit seiner ganzen Geschichte eine Wiedergeburt vor sich ging. Der Übergang aus einer republikanischen Ultrapresse oder der despotisirten Presse in die gesetzlich beschränkte Preßfreiheit ist leichter, als der aus einem Mittelzustande, wie der unsrige ist. Frankreich bekam mit seiner Preßfreiheit die Charte. Die Nation erhielt einen Stoff für ihre Preßfreiheit. Sie hatte nicht nöthig, die Familien und die Personen anzutasten. Man stellte ihr den König, die Minister, die Kammern, die innere und äußere Politik, das Budget, die Gerichtsverwaltung, den öffentlichen Unterricht, das Heer hin: die Presse bekam im Nu mit ihrer Freiheit auch einen großen neuen Stoff. Auf diesen Stoff durfte sie sich werfen und die Familie, die persönliche Ehre blieben unangetastet.

In Deutschland sind die Bedingungen ganz verschieden. Die Gestaltung der Preßfreiheit in unsern Gauen müßte eine weise vorberechnete Maaßregel werden. Sie müßte als bloßes Requisit des Naturrechtes, wie sie von allen Seiten einzig und allein begehrt wird, Modificationen erleiden, die wir im blinden Eifer für eine Prinzipienfrage nicht vergessen dürfen. Das Citat der englischen und französischen Preßfreiheit beweist für Deutschland nicht Alles. Die Vossische Zeitung hat dadurch die Furcht vor einem Chaos endloser persönlicher Injurien, vor einem Gewebe der heillosesten Niederträchtigkeiten keinesweges beseitigt.

Das höhere Nationalleben Frankreichs und Englands 150 wird von zwei großen Hauptstädten absorbirt. Alles, was in’s Publikum, was in die Zeit eingreifen will, lebt in London und Paris oder muß sich wenigstens dieser Riesenorgane bedienen, um gehört zu werden. In London und Paris giebt es keine Kleinstädterei. Kein Journal würde sich entschließen, ein Pasquill auf eine Privatperson abzudrucken. Wer kennt die Person? Was nützt diese Bagatelle meinem Blatt? Die Redaktion wird sagen: Schreiben Sie gegen Robert Peel, gegen Guizot – Ihr Pasquill nützt mir nichts, weil es nicht verstanden wird.

In Deutschland ist Alles Kleinstädterei. Jedes Städtchen hat sein Blättchen. Entlegene Städte geben die Hauptzeitungen heraus. Wer kann für jede Infamie, die man in der Augsburger Zeitung über sich zu lesen bekäme, nach Augsburg reisen, um Revange zu nehmen? Vierzehn Tage lang läuft eine Lüge durch alle deutschen Zeitungen, ehe man am fünfzehnten die Berichtigung liest. Ja die großen Blätter kleiner Städte könnten den besten Willen haben, sie wenden ein Pasquill zehnmal herum und drucken es endlich ab, weil sie die Beziehung nicht verstehen, den Doppelsinn einer harmlos scheinenden Notiz nicht deuten können. Da, wo alle Organe der Presse zusammengerückt beieinander wohnen, bildet sich ein Gemeingeist, ein esprit de corps, der nur günstig für den öffentlichen Anstand wirken kann. In Paris hüthet sich wohl ein Literat, gegen den andern so infam zu schreiben, wie dies in Deutschland geschieht. Eine Hand streckt sich leichter vom Boulevard du Temple bis zum Arc de Triomphe aus, als von Berlin nach Stuttgart, von Frankfurt nach Wien.

Es gäbe kein größeres Unglück für Deutschland, als die Preßfreiheit ohne erweiterten Bewegungsraum, ohne politische Reform, ohne Verfassung und Verantwortlichkeit der Minister. Eine Preßfreiheit, hineingeschleudert in das Deutschland, wie es ist, brächte die traurigsten Erscheinungen hervor. Die Gerichte würden die anhängig gemachten Injurienprozesse nicht alle schlichten können. Die ersten unglücklichen Heloten dieser autochthonischen Preßfreiheit wären die Schriftsteller selbst und die Künstler. Wie würden diese Strauchdiebe in Deutschland, die sich oft Literaten nennen, aus dem Busch springen! La bourse ou la vie! für jeden Korb, für jede nicht erhaltene Balleinladung, für jeden treffenden Witz würden die Getroffenen sich in den scheußlichen kleinen Schmutzblättern rächen, an denen Deutschland überfluthet und die Frankreich und England nicht kennt. Ist denn diese Misère, die sich in Deutschland Schriftsteller nennt, der Preßfreiheit würdig? Diese entlaufenen Schulknaben, diese wegelagernden Theaterrezensenten, diese humoristischen Fratzenschneider und Hanswürste, alle diese literarischen Galgenvögel, die den Fuß eines Edelmanns küssen, der auf ihr Journal abonnirt, sollten preßfrei werden? Von dem Gewissen irgend eines dieser boshaften Creaturen sollt’ es abhängen, ob heute ein Wesen noch unbescholten ist, morgen aber auf seine Person alle Finger gerichtet sind? Erst diese literarischen Cloaken rein- und fortgespühlt, und dann kann man in Deutschland an Preßfreiheit denken.

Unser im Durchschnitt jämmerlicher Journalismus ist nicht eine Folge der Censur, sondern der mangelnden öffentlichen Freiheit, des mangelnden Nationallebens im großen Styl. Gebildet ist die Nation, sie will lesen und so wird mehr produzirt, als Kraft zur Produktion und innere Nothwendigkeit vorhanden ist. Achthundert Buchhändler und Verleger thun das Ihre, diesen falschen Produktionstrieb anzuspornen. Wie ist das alles so verschieden von Frankreich und England! Wie würdig alles dort, wie unwürdig hier! Wie schwer oft für große Künstler, von einem Londoner Blatt nur berücksichtigt zu werden! Man kann dreimal dem Morning Chronicle eine Loge im ersten Rang anbieten, ehe diese Zeitung einen ihrer Redakteure schickt, von der Loge Gebrauch zu machen. Der Künstler liest über sich ein Referat und erfährt nie, wer es geschrieben hat. Das ist drüben Alles in einem Styl organisirt, von dem man bei uns keine Ahnung hat.

Wird gegenwärtig ein allgemeines deutsches Preßgesetz berathen, ist die Grundlage desselben die Censur oder die Preßfreiheit – man weiß nicht mehr, was man von den hundert sich widersprechenden Gerüchten glauben soll. Schlimm genug, daß uns unsere Regierungen über die wichtigsten Zeit- und Lebensfragen im Unklaren lassen. Sollte man den Versuch machen, uns die Preßfreiheit ohne neue politische Institutionen zu geben, ohne das, was in Frankreich und England der Docht dieser Flamme ist, dann möchte diese provisorische Einzelfreiheit wenigstens folgende Augenmerke nicht verlieren:

Man trachte darnach, den Journalismus zu vereinfachen. Man befördere die Entwickelung großer Zeitungsinstitute und dulde kleinere nur dann, wenn sie durch anerkannte Redaktions- oder Verlagsfirmen garantirt sind. Insertionen und belletristische Lokalblätter von der Censur zu befreien, möchte bei dem tiefgesunkenen Zustand unserer Belletristik und der Gefahr für Haus und Familie unmöglich seyn.

151 Die nähere praktische Ausführung dieser Grundsätze würde hier zu weit führen. Es lebe die Preßfreiheit, aber sie tödte uns nicht!

Apparat#

Bearbeitung: Christine Haug, München; Ute Schneider, Mainz#

1. Textüberlieferung#

1.1. Handschriften#
1.1.1. Übersicht#

Es sind keine handschriftlichen Überlieferungsträger bekannt.

1.2. Drucke#

Gutzkows Beitrag Die Furcht vor der Preßfreiheit im „Telegraph für Deutschland“ vom 3. März 1843 veranlasste den Autor - im Respons auf heftige Kritik - zu weiteren Erklärungen und Äußerungen: → Nothwendiger Nachtrag zu dem in Nr. 38 enthaltenen Aufsatze: Die Furcht vor der Preßfreiheit, → An die löbliche Redaktion der Zeitung für die elegante Welt und eine → Notiz gegen den Leipziger Literaturpöbel. Diese Folgeartikel lösten wiederum publizistische Reaktionen aus; siehe Rezeptionsgeschichte.

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J K[arl] Gutzkow: Die Furcht vor der Preßfreiheit. In: Telegraph für Deutschland. Hamburg. Nr. 38, [3.] März 1843, S. 149–151. (Rasch 3.43.03.03)

2. Textdarbietung#

2.1. Edierter Text#

J. Der Text folgt in Orthographie und Interpunktion unverändert dem Erstdruck. Textsperrungen werden übernommen. Silbentrennstriche (=) werden durch - wiedergegeben. Die Seitenzählung wird mit Klammern [ ] an den betreffenden Stellen in den Text eingefügt. Fehlende oder überzählige Spatien im Erstdruck wurden stillschweigend korrigiert.

Die Seiten-/Zeilenangaben im Apparat beziehen sich auf die Druckausgabe des Beitrags im Band: Schriften zum Buchhandel und zur literarischen Praxis. Hg. von Christine Haug u. Ute Schneider. Münster: Oktober Verlag, 2013. (= Gutzkows Werke und Briefe. Abt. IV: Schriften zur Literatur und zum Theater, Bd. 7.)

5. Rezeptionsgeschichte#

5.1. Dokumente zur Rezeptionsgeschichte#

[Anon.:] Karl Gutzkow gegen Preßfreiheit! In: Der Komet. Leipzig. Nr. 54, 15. März 1843, S. 216. (Rasch 9/2.43.03.15.1)

[Heinrich Laube:] Gutzkow hat sich gegen sofortige Bewilligung von Preßfreiheit in Deutschland ausgesprochen. [Notiz.] In: Zeitung für die elegante Welt. Leipzig. Nr. 11, 15. März 1843, S. 262. (Rasch 9/2.43.03.15.2)

[Anon.:] Gutzkow und die Preßfreiheit. In: Der Pilot. Altona. Nr. 46, 21. März 1843, S. 184. (Rasch 9/2.43.03.21)

[Anon.:] Gutzkow gibt nun im „Telegraph“ einen „nothwendigen Nachtrag“ zu seinem Artikel gegen die Preßfreiheit ... In: Der Komet. Leipzig. Nr. 59, 22. März 1843, S. 236. (Rasch 9/2.43.03.22.1)

[Anon.; Friedrich Wilhelm Held?] Tagesgeschichte. Man hat es erlebt ... [Gutzkow schreibt gegen Pressefreiheit.] In: Leipziger Locomotive. Nr. 12, 22. März 1843, S. 92-93. (Rasch 9/2.43.03.22.2)

[Anon. Notiz:] Gutzkow über Preßfreiheit. In: Der Gesellschafter. Berlin. 49. Blatt, 25. März 1843, S. 240. (Rasch 9/2.43.03.25)

[Heinrich Laube:] Politische Literatur. [Darin: Gutzkow über Pressefreiheit.] In: Zeitung für die elegante Welt. Leipzig. Nr. 14, 5. April 1843, S. 340-341. (Rasch 9/2.43.04.05)

R[obert] B[lum]: Gutzkow, der Held des jungen Deutschland ... [Gutzkow schreibt gegen Pressefreiheit.] In: Sächsische Vaterlandsblätter. Leipzig. Nr. 56, 8. April 1843, S. 258. (Rasch 9/2.43.04.08.2)

J. K.: Die Furcht vor der Preßfreiheit. In: Allgemeine Preßzeitung. Leipzig. Nr. 16, 22. April 1843, Sp. 485-494. (Rasch 9/2.43.04.22)

J. K.: Notwendiger Nachtrag zu dem in No. 16 enthaltenen Aufsatze: die Furcht vor der Preßfreiheit. In: Allgemeine Preßzeitung. Leipzig. Nr. 17, 29. April 1843, Sp. 525-526. (Rasch 9/2.43.04.29)

[Anon.:] Gutzkow rechtfertigt sich in der „Zeitung für die elegante Welt“ nochmals ... In: Der Komet. Leipzig. Nr. 88, 2. Mai 1843, S. 352. (Rasch 9/2.43.05.02)

Heinrich Laube, Leipzig, den 27. April 1843: Erwiderung an Herrn Dr. K. Gutzkow. In: Zeitung für die elegante Welt. Leipzig. Nr. 18, 3. Mai 1843, S. 446-447. (Rasch 9/2.43.05.03.1)

[Anon.; Friedrich Wilhelm Held?:] Tagesgeschichte. Herr Baron von Gutzkow will sich ... In: Leipziger Locomotive. Nr. 19, 10. Mai 1843, S. 149. (Rasch 9/2.43.05.10)

[Anon.:] Laube hat [...] auf das erwähnte Gutzkowsche Schreiben treffend geantwortet. Indessen fährt Gutzkow fort ... In: Der Komet. Leipzig. [Beiblatt:] Telescop. Nr. 19, 12. Mai 1843, S. 76. (Rasch 9/2.43.05.12)

[Anon.:] Notizen. Gutzkows Artikel [...] ist nun auch ... In: Der Komet. leipzig. [Beiblatt:] Literaturblatt. Nr. 20, 20. Mai 1843, S. 80. (Rasch 9/2.43.05.20)

Kommentierung#

Der wissenschaftliche Apparat wird hier zu einem späteren Zeitpunkt veröffentlicht.

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