Scheidemantel, Rosalie Auguste#

Metadaten#

Autor
  1. Kerstin Meixner
  2. Lukas Werner
Fassung
1.0
Letzte Bearbeitung
12.2008

Text#

Scheidemantel, Rosalie #

Rosalie Auguste Scheidemantel (geb. 20. August 1815 in Berlin, gest. 25. September 1871 in Berlin), zu Beginn der 1830er Jahre Verlobte Karl Gutzkows.

→ Bilder und Materialien: Bilder. Bildnisse und Dokumente aus Gutzkows persönlichem Umkreis.  

Allgemeines#

Rosalie Scheidemantel kam am 20. August 1815 als zweite Tochter von Christian August Scheidemantel (1781-1865) und Sophia Friedrika Scheidemantel (1783-1865), geb. Lehmann, in Berlin zur Welt. Sie verstarb am 25. September 1871 ebenda.

Gutzkows Werben um Rosalie Scheidemantel begann um 1830; es schloss sich eine mehrjährige Liebesbeziehung an, die 1832 durch ein Liebesgeständnis Scheidemantels und möglicherweise eine anschließende Verlobung gefestigt wurde. Nachdem es bereits im Winter 1832/1833 zu einem Zerwürfnis zwischen Gutzkow und Scheidemantel gekommen war, folgte im Frühjahr 1834 - unter anderem als Folge von Gutzkows Schleiermacher-Nekrolog - eine tiefgehende und nachhaltige Krise. Zu gleicher Zeit, zwischen 1833 und 1835, standen Charlotte Birch-Pfeiffer und Karl Gutzkow in einem sowohl quasi-amourösen als auch innig-freundschaftlichen Verhältnis. Ursprünglich sollte Charlotte Birch-Pfeiffer bereits 1834 zwischen Gutzkow und Scheidemantel vermitteln. In diesem Zusammenhang entstand der Plan, Rosalie Scheidemantel während des Spätsommers 1834 aus Berlin entführen zu lassen; zur Umsetzung kam es aber nie. Aus der Perspektive Gutzkows schien - trotz der Differenzen - noch Anfang 1835 eine Verständigung mit der Familie Scheidemantel und eine Versöhnung mit Rosalie Scheidemantel selbst möglich gewesen zu sein, doch richtete er sich zugleich in seiner Vorrede zu Schleiermachers "Vertrauten Briefen über die Lucinde" gegen bürgerliche Ehekonventionen. Im März 1835 folgte der letztlich fruchtlose Vermittlungsversuch Birch-Pfeiffers. Weiteres bleibt offen: Als Gutzkow Ende der dreißiger Jahre nochmals die Familie Scheidemantel besuchte, war er bereits mit Amalie Klönne verheiratet.

Das Verhältnis Gutzkow - Scheidemantel#

Zu Beginn der Beziehung zwischen Scheidemantel und Gutzkow, die er in seinen "Rückblicken" als "eine sechszehnjährige Brünette von mehr kleinem als mittlerm Wuchse, mächtigen schwarzbewimperten blauen Augen, blendend weißen Zähnen, keine Schönheit an sich, aber anziehend in allem, was in und an ihr mit geistigem und leiblichem Auge gesehen, mit dem Ohr gehört werden konnte" (GWB VII, Bd. 2, S. 24,7-11), beschreibt, war Gutzkow Student der Theologie an der Berliner Universität, an der er sich zum Sommersemester 1829 immatrikuliert hatte. Diese Berufsperspektive dürfte bei der Familie Scheidemantel in doppelter Hinsicht Anklang gefunden haben: zum einen vor dem Hintergrund der starken religiösen Ausrichtung Sophia Scheidemantels (vgl. Houben: Gutzkow-Funde, S. 348) und zum anderen mit Blick auf eine "gesicherte bürgerliche Existenz" (Proelß: Das junge Deutschland, S. 374), die eine Stelle als Prediger implizierte. Aber bereits Ende 1830 änderte Gutzkow seine Berufspläne und fasste, so nimmt Houben an, gerade "mit Rücksicht auf eine Braut [Rosalie Scheidemantel][...] wenigstens die sichere Laufbahn eines Oberlehrers ins Auge" (Gutzkow-Funde, S. 17). Indem er im Sommer 1832 seine Staatsarbeiten in Berlin einreichte, konkretisierte er dieses Vorhaben.

Im Grunde jedoch stellten diese Bemühungen bereits einen Kompromiss dar, denn - wie Gutzkow in den "Rückblicken" ex post behauptet - schon 1831 "hatte der Schriftsteller das Ei durchbrochen und führte die Feder gegen Dinge, gegen welche sich damals, ein Jahr nach der Julirevolution, im Zeitalter der Einkerkerungen, Amtsentsetzungen, Verbannungen, überhaupt schreiben ließ" (GWB VII, Bd. 2, S. 45, 1-5). Ob 1833 die Idee, Oberlehrer zu werden, noch kurzzeitig aktuell war, wie es Gutzkow suggeriert, ist fragwürdig (vgl. GWB VII, Bd. 2, S. 13,26-28, sowie Peter Hasubeks Nachwort in der Druckausgabe der "Rückblicke", GWB VII, Bd. 2, S. 420).

Der Beginn der 30er Jahre wurde generell geprägt von Gutzkows Entscheidungsfindung: Auf der einen Seite stand jene "gesicherte bürgerliche Existenz", die an eine Laufbahn als Prediger oder Oberlehrer gebunden war, und auf der anderen Seite das "schriftstellerische Vagabondenleben" (Gutzkow an Birch-Pfeiffer, 17. Oktober 1833. In: Rasch: Affäre, S. 108). Bis zu ihrem Ende verblieb die Beziehung zwischen Gutzkow und Rosalie Scheidemantel im Spannungsfeld dieser beiden Optionen. Gutzkow forderte von Scheidemantel bis zuletzt, Berlin zu verlassen und ihm zu folgen - es war diese Entscheidung, die aus seiner Perspektive zu der "Probe eines liebenden Herzens" (GWB VII, Bd. 2, S. 25,6) wurde.

Im Herbst 1831 verließ Gutzkow Berlin, vordergründig gab ihm die in der Stadt herrschende Cholera den Anlass für die Abreise, doch zugleich betont er, dass "[d]er Abschied in der Kochstraße [...] nicht wegen der Cholera vollzogen wurde. Er würde auch unter minder düstern Umständen stattgefunden haben. Der Drang der Opposition gegen den absoluten Beamtenstaat hatte mir jeden Eindruck, den mir noch Berlin gewährte, verleidet." (GWB VII, Bd. 2, S. 44,31-45,1) Nachdem er Berlin verlassen hatte, glaubte er eine Erleichterung feststellen zu können (vgl. GWB VII, Bd. 2, S. 49). Als er aber im Frühling 1832 wiederkehrte, machte er erneut jene Erfahrungen, die ihn schon im Herbst 1831 Berlin den Rücken kehren ließen: "Jede Begegnung mit einem Offizier, mit einem Beamten, ja mit einem alten Schul- und Universitätsfreunde hinterließ schmerzliche Stimmungen. Die Welt, in der ich die Eltern und die endlich sich zum Jawort überwindende Geliebte wiederfand, alles gehörte dem banalen System an" (GWB VII, Bd. 2, S. 85,2-7). Gutzkow konnte auf lange Sicht hin nicht an dem, wie er urteilte, "monotonen Schauplatz des 'patriarchalischen Despotismus', Berlin" (GWB VII, Bd. 2, S. 81,1-2) bleiben, die Stadt war ihm 'unerträglich' geworden; Rosalie Scheidemantel hingegen war an Berlin gebunden, denn ihre Mutter war entschlossen, so Gutzkow, "ihr Kind nie einem Manne zu geben [...], der nicht seinen Wohnsitz in Berlin aufschlug." (GWB VII, Bd. 2, S. 91,34-92,2)

Nach "zweijährigem 'Minnewerben'" (GWB VII, Bd. 2, S. 24,17) um Scheidemantel hatte Gutzkow 1832 ihre Liebes-'Erklärung' erhalten, in den "Rückblicken" lässt er sie sagen: "'Ich kann nicht mehr' - 'mich beherrschen'" (S. 24,18). Im Anschluss daran wurde, so Gutzkows Darstellung, "bereits von einer künftigen Wohnung bei einem Oberlehrergehalt von 600 Thalern geträumt" (S. 24,21-22). Zugleich steht dieser 'Traum' jedoch im Widerspruch zu seiner "Opposition gegen den absoluten Beamtenstaat" (S. 44,33-34).

Wann und ob die eigentliche Verlobung stattfand, bleibt unklar: Bei dem Ereignis von 1832, das überwiegend als Verlobung gedeutet wird, scheint es sich vielmehr um eine Liebes-'Erklärung' zu handeln. Die Ereignisse des Jahres 1832 beschreibend spricht Gutzkow von der "sich zum Jawort überwindende[n] Geliebte[n]" (GWB VII, Bd. 2, S. 85,5-6); erstmals belegt ist die Formulierung Braut in einem Brief an Charlotte Birch-Pfeiffer vom 13. Januar 1834 (Rasch, Affäre, S. 112). Wenn Gutzkow aber rückblickend und in einem ganz allgemeinen Sinne von Rosalie Scheidemantel spricht, bezeichnet er sie als die ihm "halb und halb [...] verlobt Gewesene" (GWB VII, Bd. 2, S. 24,25), so dass der Status der Beziehung Gutzkow-Scheidemantel letztlich undefiniert bleiben muss.

Im Herbst 1832 verließ Gutzkow erneut Berlin, um mit Wolfgang Menzel an dessen "Literatur-Blatt" zu arbeiten; er schrieb sich deshalb als Student zum Wintersemester 1832/1833 an der juristischen Fakultät der Universität Heidelberg ein. Der Ambivalenz seines Handelns in Bezug auf Rosalie Scheidemantel war er sich bewusst: "ich verließ Berlin gerne, so sehr mich die endlich erfolgte Erklärung in dem früher geschilderten Verhältnisse zu Rosalie Scheidemantel hätte zum Bleiben überreden sollen." (GWB VII, Bd. 2, S. 87,26-28) Als Reaktion auf Gutzkows Ortswechsel blieben die Briefe Scheidemantels aus. Erst im September 1833 sollte Gutzkow, nachdem er im Sommer 1833 von Heidelberg nach München gewechselt war, nach Berlin zurückkehren.

In München lernte Gutzkow Charlotte Birch-Pfeiffer kennen; die sich an das Treffen anschließende Art Briefwechsel ist ihm "neu". (Gutzkow an Birch-Pfeiffer, 17. Oktober 1833. In: Rasch, Affäre, S. 108) Birch-Pfeiffer ist für ihn das Paradebeispiel für eine "entschiedene[ ], entschlußreife[ ], imponirende[ ] Frau" (ebenda). Mit eben diesem Charakter scheint Birch-Pfeiffer für Gutzkow ein Gegenbild zur 'zögernden' Rosalie Scheidemantel gewesen zu sein. Die Beziehung zwischen Gutzkow und Birch-Pfeiffer wurde in den folgenden Wochen intensiver und intimer, bereits einen Monat später schrieb er an sie in einem Ton, der über ein rein freundschaftliches Verhältnis hinausgeht: "Warum sollten wir in den Geständnissen der wechselseitigen Empfindungen [...] zurückhaltend seyn, u. uns einen Zauber versagen, der uns beide in eine süße, schwelgerische Wollust einwiegt?" (Gutzkow an Birch-Pfeiffer, 12. November 1833. In: Rasch, Affäre, S. 110).

Gutzkow erkannte den schmalen Grat, der zwischen der Begeisterung für Charlotte Birch-Pfeiffer auf der einen Seite und der Gewissheit um seine Beziehung zu Rosalie Scheidemantel auf der anderen Seite lag; nichtsdestotrotz schien er nach einem dritten Weg zu suchen - so schrieb er an Charlotte Birch-Pfeiffer: "Sie haben einen Mann; ich eine Braut. Sie wollen jenen, ich diese nicht aufgeben. Diese Thatsachen sind sehr erwiesen; allein woran sollten sie uns hindern? Daß Sie mir sagen, ich sei Ihrer Seele verwandter als Birch? Daß ich Ihnen (offen gesagt) das Gleiche zugestehe in Rücksicht meines Mädchens? Daß wir uns versprechen, uns zu umarmen u zärtliche Briefe zu schreiben? [...] Was zwischen uns beiden festgestellt ist, das wollen wir freilich Andern nicht aufdringen, aber wir wollen es uns selbst dadurch auch nicht stören. Niemand wird nach Dingen fragen, in die wir ihn nicht einweihen." (Gutzkow an Birch-Pfeiffer, 13. Januar 1834. In: Rasch, Affäre, S. 112) Ob die emotionale Bindung Gutzkows an Birch-Pfeiffer zwischenzeitlich so stark war, dass es zu einer kurzfristigen Distanzierung von Rosalie und der Familie Scheidemantel kam, kann nur aufgrund eines Briefes Christian August Scheidemantels vermutet werden. Mitte Februar 1834 schrieb dieser an Gutzkow, der die Zeit zwischen Neujahr und Karneval in Leipzig verbrachte, und beklagte Gutzkows "langes Stillschweigen". Scheidemantel beendet den kurzen Brief mit einem Wunsch, der implizit zu fragen versucht, ob es unausgesprochene Differenzen gäbe: "Wir wünschen nur, daß Ihr Stillschweigen darin seinen Grund haben möge, daß Sie viel zu thun gehabt." (Ch. A. Scheidemantel an Gutzkow, 17. Februar 1834)

Die Briefe Rosalie Scheidemantels, von denen insgesamt sechs überliefert sind, entstanden in genau jener Zeit, als sich Gutzkow in Leipzig aufhielt. Neben der Einsicht in das emotionale Verhältnis zwischen Scheidemantel und Gutzkow, die die Briefe geben, wird in ihnen Scheidemantels Alltag skizziert. Des Weiteren informieren sie über Übersetzungsarbeiten, die sie für Gutzkow übernommen hat (vgl. R. Scheidemantel an Gutzkow, 22. Januar 1833), über den Briefwechsel zwischen August Scheidemantel und Gutzkow und über die Beziehung zwischen der Familie Gutzkow und den Scheidemantels (vgl. R. Scheidemantel an Gutzkow, 4. Februar 1833). Das Gros der Briefe ist kurz vor dem Tod Schleichermachers entstanden und somit vor dem Eklat, den Gutzkows Stellungnahmen zu Schleiermacher ausgelöst haben.

Nachdem Schleiermacher am 12. Februar verstorben war, erschien am 23. Februar 1834 in der Augsburger "Allgemeinen Zeitung" Gutzkows provokativer Schleichermacher-Nekrolog, der als eine Gegendarstellung zum einseitigen Schleiermacher-Bild der Zeit angelegt war; die gleiche Intention verfolgte er wenig später mit dem Entschluss, Schleiermachers "Vertraute Briefe über die Lucinde" herauszugeben und mit einem kritischen Vorwort zu versehen.

Noch am Todestag Schleiermachers hatte Rosalie Scheidemantel an Gutzkow geschrieben: "Wenn er [Schleiermacher] stürbe, so könnt ich nicht mehr in die Kirche gehen, denn ich kann nun einmal Niemand anders predigen hören, und was würde aus der Welt werden, wenn alle großen Männer daraus gehen, sein Geist kann nicht übertragen werden" (R. Scheidemantel an Gutzkow, 12. Februar 1834). Umso mehr muss Scheidemantel und ihre Familie der kritisch-provokative Ton Gutzkows getroffen haben; zudem wurde Gutzkow damit in den Augen der Öffentlichkeit zum "Gottesleugner" (GWB VII, Bd. 2, S. 25,2), was ihn gesellschaftlich (besonders in Berlin) disqualifizierte. Mitte April berichtete Gutzkow Charlotte Birch-Pfeiffer von seiner zerbrechenden Beziehung: "Es stürmt alles auf mich ein. Meine bräutlichen Verhältnisse lösen sich auf; die Eltern benehmen sich zu abgeschmackt: das Mädchen ist liebenswürdig, sie liebt mich, sie kömmt um, dß ich nicht nachgeben will; u ich gebe nicht nach." (Gutzkow an Birch-Pfeiffer, 15. April 1834. In: Rasch, Affäre, S. 117) Aber nicht nur die Scheidemantels distanzierten sich, auch Gutzkow nahm Abstand: zum einen verließ er Berlin und zum anderen kam es im Spätsommer und Herbst 1834 erneut zu einer längeren Pause im Briefwechsel mit Rosalie. Im Mai reiste Gutzkow nach Hamburg, wo er den Sommer verbrachte, im September dann nach Stuttgart.

Bereits im Sommer beschäftigte Gutzkow der Plan, Scheidemantel aus Berlin entführen zu lassen - so äußerte er Birch-Pfeiffer gegenüber: "Was ich möchte? Meine Rosalie bei Nacht u Nebel entführen, zu Ihnen nach München bringen, u sie solange in Ihrem Hause u Ihrem Schooße lassen, bis ich guten Humor bekomme, u dem Arzt, dem Tode, u der Frühreife ein Schnippchen schlage u heirathe." (Gutzkow an Birch-Pfeiffer, 7. Juli 1834. In: Rasch, Affäre, S. 120) Im August bekräftigte er nochmals diese Idee (vgl. Gutzkow an Birch-Pfeiffer, 9. August 1834. In: Rasch, Affäre, S. 121). An die Stelle dieses Plans, der unverwirklicht blieb, trat der Vorschlag, Birch-Pfeiffer solle Rosalie dazu ermutigen, sich für Gutzkow mit allen Konsequenzen zu entscheiden. So äußerte Gutzkow gegenüber Birch-Pfeiffer den Wunsch: "Ich wünschte wohl, Sie kämen mit ihr [Rosalie] zusammen [...]. Ach, wenn Sie sie nur recht in das Feuer der Liebe nähmen u die Gluth recht schürten, daß das zimperliche Ding Muth bekäme u von der Wollust so geplagt würde, wie ich, der ich ihr Alles aufspare, was ich in jeder Stadt hinter einer Hausthür absetzen könnte. Herrlich, wenn Sie ihr sagen wollten, was Liebe ist, u. wie man mich lieben müße, mich, mich, der ich voller Launen bin, aber wahnsinnig im Lieben!" (Gutzkow an Birch-Pfeiffer, 24. November 1834. In: Rasch, Affäre, S. 123-124)

Noch Anfang 1835 schien aus der Perspektive Gutzkows eine Hochzeit möglich zu sein, denn Charlotte Birch-Pfeiffer berichtete er, dass August Scheidemantel geschrieben habe und dass "[v]ielleicht [...] sich nun bald Hochzeiten [arrangiren]" (Gutzkow an Birch-Pfeiffer, Ende Februar 1835. In: Rasch, Affäre, S. 129). Zu gleicher Zeit gab Gutzkow Schleiermachers "Vertraute Briefe über die Lucinde" heraus. In seinem offensiven Vorwort, das er als "Rakete in die erstickende Luft der protestantischen Theologie und Prüderie" wirft (Vorrede. In: Schleiermacher: Vertraute Briefe, S. XI-XII), richtet er sich an zwei Stellen direkt an Rosalie Scheidemantel. Seine Abschlussbemerkung, in der er sich mit der Anrede: "Auch zur Ehe bedarf ich" der Vikare "nicht: nicht wahr, Rosalie?" (Vorrede, S. XXXVII) gegen die institutionalisierte Form der Ehe wendet und somit gegen die Konventionen und Moralvorstellungen der Zeit verstößt, muss den Unwillen der Scheidemantels erneut hervorgerufen und die bestehenden Differenzen verschärft haben. Besonders das in epigrammatischer Form verfasste Ende der "Vorrede", das die Phantasie einer unehelichen, nur durch Liebe legitimierten Elternschaft beschwört und Rosalie damit öffentlich in ein zweideutiges Licht stellt, dürfte als höchste Provokation aufgefasst worden sein. Der Vermittlungsversuch Charlotte Birch-Pfeiffers, der im März 1835 stattgefunden hat (vgl. Rasch, Affäre, S. 99), blieb erfolglos (vgl. GWB VII, Bd. 2, S. 25). Der weitere Verlauf der Beziehung zwischen Gutzkow und Scheidemantel bleibt unklar.

Am 15. Juli 1836 heiratete Gutzkow Amalie Klönne (1817-1848), so dass er Ende der dreißiger Jahre, bei seinem wahrscheinlich letzten Besuch der Familie Scheidemantel, ihnen bereits als Ehemann gegenüberstand. In den "Rückblicken" betont Gutzkow, dass Rosalie "alle Bewerbungen, die sie reichlich empfing, abgelehnt" habe (GWB VII, Bd. 2, S. 36,4-5) und "unvermählt gestorben" sei (S. 24,26-27). Tatsächlich verstarb Rosalie Scheidemantel ledig am 25. September 1871 in Berlin; jedoch nicht am "Tempelhofer Ufer", wie Gutzkow behauptet (GWB VII, Bd. 2, S. 26,26), sondern am Schöneberger Ufer.

Die Beziehung scheiterte, so Gutzkows Einschätzung in den "Rückblicken", "[d]enn die innigste Liebe hatte hier die gehorsamste Tochter nicht bewegen können, dem Gebote einer Mutter, die mich heute in ihre Arme schloß, morgen mir mit dem Messer drohte und schrie 'Er oder Ich!' entsagend Folge zu leisten. Der 'ahnungsvolle Engel' hatte sich bewahrt vor dem Schicksal, die Bahnen eines irrewandelnden Kometen zu theilen. [...] Mit dieser schlechtbestandenen Probe eines liebenden Herzens gingen mir unermeßliche Schätze des Lebens zu Grunde." (GWB VII, Bd. 2, S. 24,30-25,6) Zugleich gesteht er dieser Beziehung und ihrem Scheitern ein besonderes Gewicht im Zusammenhang mit seinem Schaffen zu, "[w]eil dieser Bund Tage, Wochen, Monate der Verzweiflung heraufbeschwor, weil er eine Richtung meines Schaffens bedingte" (GWB VII, Bd. 2, S. 24,28-30).

Briefe #

Rosalie Scheidemantels Briefe an Karl Gutzkow liegen im Heinrich-Heine-Institut, Düsseldorf (HHI.AUT.84.G.506.3.1-6).

Christian August Scheidemantels Brief an Karl Gutzkow liegt in der Universitätsbibliothek Johann Christian Senckenberg, Frankfurt am Main (Nachlass Gutzkow A 2 I).

Quellen #

Karl Gutzkow: Rückblicke auf mein Leben. Hg. von Peter Hasubek. Münster: Oktober-Verlag, 2006. (Gutzkows Werke und Briefe. Hg. vom Editionsprojekt Karl Gutzkow. [Abteilung VII.] Autobiographische Schriften. Bd. 2.) = GWB VII, Bd. 2.

Nachlass #

Evangelisches Landeskirchliches Archiv, Berlin.

Heinrich-Heine-Institut, Düsseldorf.

Universitätsbibliothek Johann Christian Senckenberg, Frankfurt am Main.

Forschungsliteratur (Auswahl) #

Heinrich Hubert Houben: Gutzkow-Funde. Beiträge zur Litteratur- und Kulturgeschichte des neunzehnten Jahrhunderts. Reprograph. Druck der Ausgabe Berlin 1901. Hildesheim: Gerstenberg, 1978.

Johannes Proelß: Das junge Deutschland. Ein Buch deutscher Geistesgeschichte. Stuttgart: Cotta, 1892.

Wolfgang Rasch: Karl Gutzkow und Charlotte Birch-Pfeiffer. Eine Affäre in Briefen. In: Immermann-Jahrbuch. Bern, Berlin, Frankfurt/M. Bd. 8, 2007, S. 97-129.

Zitat- und Belegstellen

(Kerstin Meixner und Lukas Werner, Wuppertal)*

* Wir danken Herrn Jens Weder (Berlin) für die genauen Angaben zu Geburts- und Sterbedaten von August, Sophia und Rosalie Scheidemantel.