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Korrespondenz-Nachrichten. Berlin, November. Ein Beitrag zu Kants Metaphysik der Sitten

Auszug

Berlin ist eine viel zu junge Hauptstadt, als daß sich ihre Physiognomie nicht noch mannigfach ausprägen und ändern sollte. Man irrt sich, wenn man hierin schon überall feste Typen entdeckt haben will. Berlin hat verhältnißmäßig gegen jede andere Hauptstadt eines größern Reichs weniger Begünstigungen in den Ereignissen gefunden, seine Entwickelung geschah langsam, und jede kriegerische Chance sezt es noch heute allen Zufällen weit mehr aus, als Wien, Petersburg, Paris und London. Friedrichs des Großen Vater ging in Folge seines Ersparungssystems absichtlich darauf aus, seiner Hauptstadt jeden großstädtischen Charakter zu nehmen; er wußte, wie viel Summen seinen Vater die Eitelkeit gekostet hatte, aus seinen Umgebungen eine Kopie des französischen glanzvollen und verschwenderischen Hofes zu machen. Auch Friedrichs II. Regierung war nicht dazu gemacht, Berlin einen besondern Glanz zu verleihen. Den Plünderungen der feindlichen Heere ausgesezt, konnte die Hauptstadt nicht zu jener ruhigen, genießenden Wohlhabenheit gelangen, welche immer die breite Unterlage für jedes großstädtische, charakteristische Gepräge bildet. Der Frieden brachte nur dem Lieblingsaufenthalte des Königs, Potsdam, Früchte und Vortheile.

Wenn es wahr ist, daß in den Bewohnern unserer Hauptstadt sich eine gewisse traditionelle Eigenthümlichkeit erhalten hat, so wird man, wenn man von ihr die rechte Vorstellung besizt, die Mitte des vorigen Jahrhunderts als die Zeit annehmen müssen, in welcher die Elemente derselben zum ersten Male zusammenstießen. Welche kann ich meinen? – Berlin ist eine sehr bürgerliche Stadt; selbst die grenzenlose Masse von Staatsbeamten, die von den niedersten bis zu den höchsten Stufen jezt in der Residenz wohnen, haben ihr diesen Charakter nicht nehmen können. Der bei uns dominirende Bürger ist aber kein Großbürger, sondern ein Philister, ein Kleinstädter, welcher auf dem schönsten Platze Europas, im ehemaligen Lustgarten, stehen kann und niemals seine Vorstadt, seinen sogenannten Kietz, vergessen wird. Friedrich der Große beschäftigte durch die Lieferungen für seine Heere eine große Anzahl Bürger, man gab ihnen Vorschüsse, wenn sie arm waren, lieferte den Posamentirern Wolle, kurz, es waren weniger großartige Unternehmer, welche in Befriedigung der militärischen Bedürfnisse ihre Rechnung fanden, als eine zahlreiche Menge kleiner Arbeiter, welche theils in die Stadt gezogen waren, um sie zu bevölkern, theils sie nicht verlassen wollten, weil sie anderswo nicht das Privilegium der Kantonsfreiheit fanden. Nichtsdestoweniger hat diese bedeutende Anzahl von Handwerkern, diese ganze Kleinbürgerschaft, seit dem siebenjährigen Kriege bis auf die unglücklichen Zeiten von 1807 und 1808 immer sehr gute Ueberschläge gemacht, sie wurde reich; denn in jeder Zeit hat man, wie es in Berlin heißt, „etwas geschafft.“